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Schulden und ihre Bewältigung

Forschungscluster
‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten
und soziale Netzwerke‘

Schulden und
ihre Bewältigung
Individuelle Belastungen und
gesellschaftliche Herausforderungen
ISBN 978-3-658-02552-6 ISBN 978-3-658-02553-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-02553-3

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort ................................................................................................................. 7

Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer


Facetten der Validierung eines Instruments zur Messung der
Einstellung zu Geld............................................................................................... 9

Daniela Barry/Klaus Breuer


Umgang mit und Einstellung zu Geld von verschuldeten und
nicht-verschuldeten jungen Erwachsenen ........................................................... 29

Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe


Bewältigung von Schuld(en) und Armut? „Grade die Vorurteile sind halt
schon sehr sehr schmerzlich“. Diskursive Bilder als Gegenstand
multidimensionaler Bewältigung ........................................................................ 53

Curt Wolfgang Hergenröder


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich ................. 75

Carsten Homann
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der
Restschuldbefreiung ......................................................................................... 127

Sonja Justine Kokott


Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers?...... 141

Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock


Private Schulden im Spiegel der Postmoderne –
eine heuristische Betrachtung ........................................................................... 155

Anna Katharina Schönen


Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike als Möglichkeit der
Schuldenbewältigung städtischer Eliten ........................................................... 201
6 Inhaltsverzeichnis

Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster


Fehlinformationen zu Zuzahlungen bei Leistungen der Gesetzlichen
Krankenkassen am Beispiel der Zahnvorsorge – Aspekte der Bewältigung
ungleicher Gesundheitschancen bei Armut und Schulden ................................ 225

Autorenverzeichnis ........................................................................................... 239


Vorwort

Private Überschuldung ist in einer Welt moderner Kommunikationsmedien,


vielfältiger Kreditmöglichkeiten und zunehmender sozialer Ungleichheit zu
einem etablierten Phänomen erstarkt. Sie gründet auf komplexen Bedingungsge-
fügen und ist eingebettet in vielfältige Wechselbeziehungen zwischen strukturel-
len Ursachen und individuellen Faktoren. Finanzielle Notlagen sind in ihren
Merkmalsausprägungen sehr unterschiedlich. Die Herausforderung für die Ent-
wicklung hilfreicher Reaktionen, wie etwa rechtlicher Beistand, soziale Hilfeleis-
tungen oder psychologische Stabilisierungsmaßnahmen, besteht entsprechend in
der Berücksichtigung dieses mehrdimensionalen Wirkungsfeldes sowie der je-
weils spezifischen Lebenssituation der betroffenen Schuldnerinnen und Schuld-
ner.
Diesem umfassenden Forschungsfeld privater Überschuldung widmet sich
der an den Universitäten Mainz und Trier etablierte Forschungscluster „Gesell-
schaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ des Landes Rheinland-Pfalz
gemeinsam mit einem Forschungsprojekt an der Universität Saarbrücken sowie
dem Interdisziplinären Arbeitskreis „Armut und Schulden“ der Universität
Mainz. Der Forscherverbund vereint in einer interdisziplinären Zusammenarbeit
historische, juristische, kriminologische, sozialmedizinische, erziehungswissen-
schaftliche und wirtschaftspädagogische Studien, um die mannigfaltigen Facet-
ten von Zahlungsunfähigkeit zu erfassen.
Das Konzept des Netzwerks stand im Mittelpunkt des ersten Symposiums
„Gläubiger, Schuldner, Arme – Netzwerke und die Rolle des Vertrauens“ vom
15. Mai 2009. Der hierzu erschienene Tagungsband1 vereint den Blick der unter-
schiedlichen Wissenschaften auf die Bedeutung des persönlichen Unterstüt-
zungsnetzwerks für zahlungsunfähige Schuldnerinnen und Schuldner und betont
die Relevanz der Erhaltung und Ausdehnung hilfreicher Netzwerkstrukturen und
Netzwerkbeziehungen im sozialen Umfeld der betroffenen Personen.
Das zweite Symposium „Krisen und Schulden“ vom 16. Juli 2010 beschäf-
tigte sich mit der gesellschaftspolitischen Dimension der Schuldenproblematik.

1
Exzellenzcluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“: Gläubiger,
Schuldner, Arme – Netzwerke und die Rolle des Vertrauens, C.W. Hergenröder (Hrsg.), Wies-
baden 2010.
8 Vorwort

Die Bedeutungsunterschiede von finanziellen Krisen wurden im Hinblick auf die


in Interaktion stehenden Akteure in Schuldverhältnissen (Gläubiger und Schuld-
ner) herausgearbeitet. Das unterschiedliche Verständnis des Begriffs „Krise“ in
den beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen fand im dazugehörigen Tagungs-
band2 besondere Beachtung und wurde in Bezug auf die Effekte von Schulden
und ökonomischen Krisen auf gesellschaftliche Systeme und Strategien zu deren
Bewältigung erörtert.
Die mannigfaltigen Dimensionen gesellschaftlicher Zugehörigkeit fokus-
sierte das dritte Symposium „Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden? – Per-
spektiven interdisziplinären Wissenstransfers“ vom 10. Juni 2011. Im ange-
schlossenen Tagungsband3 wurde der Bedeutungsgehalt von Teilhabe begrifflich
präzisiert und sein mehrdimensionaler Inhalt in Bezug auf Gefährdungslagen von
Überschuldung betroffener Personen untersucht, um die Teilhabechancen der in
eine finanzielle Notlage geratenen Schuldner und Schuldnerinnen am gesell-
schaftlichen Leben und den Einrichtungen der Gemeinschaft zu fokussieren
sowie Unterstützungsbedarf aufzuzeigen.
Das vierte Symposium „Schulden und ihre Bewältigung – Individuelle Be-
lastungen und gesellschaftliche Herausforderungen“ vom 28. Juni 2012 war auf
die Strategien zur Linderung bzw. Überwindung privater Überschuldung gerich-
tet. Es war mit dem Ziel verbunden, individuelle Überschuldungsursachen und
gesellschaftliche Zusammenhänge aufeinander zu beziehen, um Konzepte zu
entwerfen, die betroffene Schuldnerinnen und Schuldnern bei der Bewältigung
ihrer prekären Lebenssituation unterstützen. Die nachfolgenden Beiträge stellen
sich dieser Herausforderung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.

2
Exzellenzcluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“: Krisen und
Schulden – Historische Analysen und gegenwärtige Herausforderungen, C.W. Hergenröder
(Hrsg.), Wiesbaden 2011.
3
Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“: Gesellschaftli-
che Teilhabe trotz Schulden? – Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, C.W.
Hergenröder (Hrsg.), Wiesbaden 2012.
Facetten der Validierung eines Instruments zur
Messung der Einstellung zu Geld
Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

1 Sinn und Zweck eines Instruments zur Messung der Einstellung zu


Geld

In der internationalen Diskussion wird „financial literacy“ zu den Fähigkeiten


des 21. Jahrhunderts gerechnet, die unsere Jugend beherrschen sollte (Trilling &
Fadell 2009). Der Befähigung liegt nach Vitt (2000: xii) das folgende
Verständnis zu Grunde: „Personal financial literacy is the ability to read, ana-
lyze, manage, and communicate about the personal financial conditions that
affect material well-being. It includes the ability to discern financial choices,
discuss money and financial issues without (or despite) discomfort, plan for the
future, and respond competently to life events that affect everyday financial
decisions, including events in the general economy.” Ohne an dieser Stelle in die
Diskussion um Definitionen von Financial Literacy eintreten zu können, scheint
die Position von Vitt im gegebenen Zusammenhang hilfreich. Sie versteht die
Befähigung als Basis für die Interaktion des Individuums mit seiner monetären
Umwelt. Sie knüpft an die Basiskompetenzen an und schließt deren Nutzung in
der Domäne des individuellen Wirtschaftens ein. Dabei muss der Bezug auf
spezifische inhaltliche Kenntnisse, oder Erklärungsmuster aus der finanziellen
Domäne angenommen werden. Analog zu Winther (2009: 252) kann man domä-
nenverbundene Kompetenzen (Literalität) und domänenspezifische Kompeten-
zen im Sinne von Verstehen und Handeln annehmen. Die Definition umfasst
darüber hinaus zumindest implizit den Bezug auf affektive Komponenten zu
finanziellen Sachverhalten ( … ‚discuss money and financial issues without (or
despite) discomfort‘… ) und eröffnet so die Option zum Anknüpfen an den Be-
reich der Einstellung zu Geld. Schaut man sich die Curricula allgemeinbildender
wie auch beruflicher Schulen in Deutschland an, so stellt man fest, dass eine
systematische Förderung dieser Fähigkeiten im schulischen Kontext bisher nur
vereinzelt zu finden ist (Bender 2012: 4). Die Position „Über Geld spricht man
nicht“ scheint nicht nur im gesellschaftlichen Austausch, sondern auch in unse-
rem Bildungssystem tief verankert zu sein. Auch im deutschsprachigen For-
schungsbereich findet das Thema erst seit wenigen Jahren eine steigende Auf-

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_1,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
10 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

merksamkeit. Das resultiert nicht zuletzt aus der gesellschaftspolitischen Brisanz


des Anstiegs von privater Ver- und Überschuldung, die persönliche Extremsitua-
tionen und gesellschaftliche Kosten nach sich ziehen. Über die deskriptiven
Daten zu den sozialen Gegebenheiten hinaus liegen kaum empirisch fundierte
Befunde zum Bereich des persönlichen Wirtschaftens vor. Ein möglicher Grund
hierfür liegt in der nicht eindeutigen Zuordnung des Gebietes zu einer wissen-
schaftlichen Disziplin. Daraus ergibt sich nicht zuletzt, dass die Auseinanderset-
zung mit dem Thema tendenziell nur einen eher geringen Stellenwert für die
wissenschaftliche Profilierung bietet, wobei gerade die Interdisziplinarität dieses
Themas einen interessanten Forschungsansatz bietet.
Dass persönliches Wirtschaften nicht bei allen jungen Erwachsenen
erfolgreich verläuft, zeigen aktuelle Studien der Jugendver- und überschuldung:
der Anteil der Privatinsolvenzen bei jungen Menschen zwischen 18 und 25
Jahren hat sich gegenüber 2009 im ersten Halbjahr 2011 um 51,3 Prozent
vergrößert (Bürgel Wirtschaftsinformationen 2011: 2). Nach Angaben des
Bankenverbandes (2012: 58) sind 2012 ca. 8 Prozent der jungen Erwachsenen
zwischen 18 und 24 Jahren überschuldet. Dabei handelt es sich jedoch nur um
„öffentlich bekannte“ Überschuldungen. Weitläufig bekannt ist das Problem der
Ver- und Überschuldung durch Kredite im privaten sozialen Umfeld. Vor allem
Jugendliche leihen sich häufig Geld bei Verwandten oder Freunden, weshalb die
Zahl der Überschuldeten inoffiziell höher geschätzt wird. Langfristige Kon-
sequenzen von Überschuldung sind nicht selten Armut, soziale Deprivation
sowie psychische und physische Krankheiten, was wiederum den Ausstieg aus
der Armut erschwert und individuelle Verwirklichungschancen in der Gesell-
schaft hemmt (vgl. Bender 2009: 68; Münster, Münster & Letzel, 2010, S. 117-
125). Die aktuellen Statistiken und die langfristigen Folgen deuten daher auf
Handlungsbedarf in diesem Bereich hin. Dies betrifft sowohl die schulische
Bildung, die den Bereich des privaten Wirtschaftens in das Curriculum imple-
mentieren, als auch die empirische Forschung, welche die Frage nach individu-
ellen Voraussetzungen des kompetenten Umgangs mit Geld beantworten sollte.
Bisherige Untersuchungen zur Erfassung der Befähigung zum Umgang mit
Geld gründen häufig in Auftragsforschung von wirtschaftlichen Interessen-
gruppen (insbesondere Banken und Bankenverbände) und gelegentlich von
staatlichen Institutionen (z.B. Nationalbanken) (Aprea 2012: 2). Die genutzten
Instrumente sind selten empirisch validiert bzw. liegen keine veröffentlichten
Informationen zu ihren Gütemerkmalen vor. Bezieht man sich jedoch auf die
Forderungen, welche aus solchen Studien in Hinblick auf die Förderung finan-
zieller Bildung hervorgehen, so verweisen diese durchweg auf die Vermittlung
von finanziellem Fachwissen, das in den bisherigen empirischen Befunden auch
als einer der zentralen Faktoren zur Bewältigung der Problematik dargestellt
wird (z. B. Schufa Holding AG 2008: 38). Nur selten werden nicht kognitive
Faktoren einbezogen, wie beispielsweise in der Studie „Kunden-Motive 2009“
Zur Messung der Einstellung zu Geld 11

der Comdirect Bank AG, zu der leider auch keine Gütemerkmale berichtet
werden. Solche Untersuchungen lassen jedoch greifbar werden, dass neben
kognitiven Faktoren auch emotionale und motivationale Faktoren den Umgang
mit Geld beeinflussen. Dieser Ansatz zeigt sich ebenfalls in einer wissenschaft-
lichen Studie von Bender (2012), welche den Einfluss von wahrgenommener
finanzieller Unterstützung, ökonomischem Wissen und dem Selbstkonzept finan-
zieller Handlungskompetenz auf die Selbstregulation im Umgang mit Geld un-
tersucht hat. Diese Orientierungen werden durch den erweiterten Kompetenz-
begriff nach Weinert (2001: 51-59) gestützt. Demnach umfasst Kompetenz auch
emotionale, kognitive und volitionale Fähigkeiten zur Bewältigung komplexer
Anforderungen. Als Handlungskompetenz wird nicht nur das Wissen zu einer
Thematik und dessen Transferierbarkeit angesehen, sondern es sind auch
motivationale, volitionale und soziale Aspekte eingeschlossenen (Weinert 2002:
28). Das bedeutet, dass auch kompetentes wirtschaftliches Handeln nicht alleine
auf kognitiven Fähigkeiten basiert.
Ein in der Literatur allgemein als nützlich zur Erklärung und Voraussage
und potentiell auch zur Kontrolle von Verhalten angesehenes Konzept ist das
Konstrukt der Einstellung (Benesch, Krech & Crutchfield, 1992, S. 33 – 34). Im
Rahmen des Projektes wird die Einstellung zu Geld als handlungsaktivierend
und -regulierender Faktor angesehen, für welchen angenommen wird, dass er das
private Geldhandeln beeinflusst.

2 Der deutsche Fragebogen zur Einstellung zu Geld

Der Bedeutsamkeit der Einstellung zu Geld steht, vor allem im deutschsprachi-


gen Raum, ein Defizit in der theoretischen und empirischen Durchdringung ge-
genüber. Gründe hierfür liegen womöglich sowohl in der nicht etablierten Zu-
ordnung des Gebietes zwischen der Psychologie und den Wirtschaftswissen-
schaften, als auch im Tabu, das mit dem Thema Geld heute noch in vielen Berei-
chen verbunden ist (Lehmann & Schwarz 2011: 23-24). Bislang fand man in der
deutschen Literatur kein adäquates Instrument, welches das Konstrukt der Ein-
stellung zu Geld erfasst. Basierend auf den internationalen Fragebögen von
Yamauchi und Templer (Money Attitude Scale, 1982), Furnham (Money Belief
and Behaviour Scale, 1984) und Tang (Money Ethic Scale) wurde im Rahmen
einer Studie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein Fragebogen in
deutscher Sprache entwickelt (vgl. Barry & Breuer 2012) und validiert. Das
latente Konstrukt der Einstellung zu Geld wird darin durch 28 Items abgebildet,
welche auf 5 Faktoren laden (s. Tabelle 1).
12 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

Tabelle 1: Zuordnung der Items zu den entsprechenden Faktoren


(incl. Faktorladung)
Zuordnung der Items zu den Faktoren
Ansehen/ x7 Ich verhalte mich so, als wäre Geld das ultimative Symbol für
Macht Erfolg.
x8 Ich habe das Gefühl, dass Geld das Einzige ist, worauf ich wirklich
zählen kann.
x11 Ich glaube fest daran, dass Geld all meine Probleme lösen kann.
x13 Geld ist das Wichtigste (Ziel) in meinem Leben.
x17 Ich nutze Geld, um andere zu beeinflussen, etwas für mich zu tun.
x21 Obwohl ich den Erfolg von Menschen anhand ihrer Taten beurtei-
len sollte, bin ich mehr beeinflusst durch den Betrag an Geld, den
sie haben.
x24 Leute, die ich kenne, sagen mir, dass ich zu viel Wert darauf lege,
wie viel Geld eine Person hat, und es als Symbol ihres Erfolges
betrachte.
x26 Geld hilft dir, deine Kompetenzen und Fähigkeiten auszudrücken.
Finanzielle x3 Ich teile mein Geld sehr gut ein.
Planung x6 Ich gehe mit meinem Geld sehr sorgfältig um.
x16 Ich behalte den Überblick über mein Geld.
x20 Ich lege regelmäßig Geld für die Zukunft zur Seite.
x23 Ich bin stolz auf meine Fähigkeit, Geld zu sparen.
x25 Ich betreibe finanzielle Planung für die Zukunft.
x27 Ich habe Geld zur Verfügung, falls es zu einer weiteren wirtschaft-
lichen Krise kommt.
Qualität x1 Ich kaufe Spitzenprodukte.
durch x2 Ich gebe mehr aus, um das Allerbeste zu bekommen.
Geld x10 Ich kaufe die teuersten verfügbaren Produkte.
x12 Ich kaufe Markenprodukte.
x22 Ich bezahle mehr für etwas, weil ich weiß, dass ich es muss, um
das Beste zu bekommen.
Bedeutsam- x4 Geld ist wichtig.
keit von Geld x9 Geld ist ein wichtiger Faktor im Leben von uns allen.
x14 Geld ist wertvoll.
x18 Geld hat für mich einen sehr hohen Wert.
Geiz x5 Ich diskutiere oder beschwere mich über die Kosten der Sachen, die
ich kaufe.
x15 Nachdem ich etwas gekauft habe, frage ich mich, ob ich dasselbe
woanders günstiger bekommen hätte.
x19 Wenn ich etwas kaufe, beschwere ich mich über den gezahlten
Preis.
x28 Ich fühle mich gezwungen, über die Kosten von nahezu allem, was
ich kaufe, zu diskutieren oder zu feilschen.

Quelle: eigene Darstellung


Zur Messung der Einstellung zu Geld 13

Die erklärte Gesamtvarianz über die 28 Items beträgt 56,23 Prozent. Cronbachs Į
liegt bei 0,83, was im ersten Angang auf eine hinreichende Validität der Gesamt-
skala hindeutet (Brosius 2008: 808). Zur weiterführenden Konstruktvalidierung
des entstandenen Instruments ist eine vertiefende Erprobung durchgeführt wor-
den. Die zugehörige Vorgehensweise und die Ergebnisse stehen im Mittelpunkt
dieses Berichts.

3 Beschreibung der Stichprobe

Zur Konstruktvalidierung des entwickelten Instruments wurde in einem Ober-


zentrum in Hessen eine Befragung an zwei Berufsschulen (eine kaufmännische
und eine gewerblich-technische Berufsschule), einem allgemeinbildenden sowie
einem Wirtschaftsgymnasium durchgeführt1. Die unterschiedlichen Schulformen
sind ausgewählt worden, um ein möglichst heterogenes Schülerbild im Alter von
18-25 Jahren zu erreichen. Tabelle 2 zeigt die Aufteilung der Befragten zu den
vier Schulformen.

Tabelle 2: Verteilung der Befragten zu den verschiedenen Schultypen


Schule

Häufigkeit Prozent Gültige Kumulierte


Prozente Prozente
Allgemeinbildendes
43 15,8 15,8 15,8
Gymnasium
Wirtschaftsgymnasium 54 19,9 19,9 35,7

Berufsschule 175 64,3 64,3 100,0

Gesamt 272 100,0 100,0

Quelle: eigene Darstellung

Die Aufteilung der Auszubildenden nach den Ausbildungsberufen geht aus Ab-
bildung 1 hervor.

1 „Zur konfirmatorischen Hypothesenprüfung mittels CFA [wie im Folgenden beschrieben]


sollte nicht derselbe Datensatz eingesetzt werden, an dem exploratorisch die Hypothesen
generiert worden waren, damit sich zufällige Charakteristika der ersten Stichprobe nicht
gleichermaßen auf beide Analysen auswirken können, was zu systematischen Fehlinter-
pretationen führen könnte“ (Moosbrugger und Schermelleh-Engel 2012: 338).
14 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

Von den befragten Berufsschülern befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung
9,7 Prozent im 1. Ausbildungsjahr, 62,3 Prozent im 2. und 28,0 Prozent im 3.
Ausbildungsjahr. Die Schüler des allgemeinbildenden Gymnasiums sowie des
Wirtschaftsgymnasiums befanden sich überwiegend in der 12. (43,3 Prozent)
und 13. (52,6 Prozent) Klasse.

Abbildung 1: Verteilung der Befragten Auszubildenden zu den verschiedenen


Ausbildungsberufen
Quelle: eigene Darstellung

Insgesamt gingen 272 nutzbare Fragebögen aus der Befragung hervor2. An der
Befragung nahmen 139 Schüler/ Auszubildende und 133 Schülerinnen/weibliche
Auszubildende teil. 82 Prozent der Befragten waren zwischen 18 und 20 Jahre
alt, so dass das Durchschnittsalter bei knapp über 19 Jahren lag. Die Altersvertei-
lung ist in Abbildung 2 dargestellt.

2 Es wurden insgesamt 414 Probanden befragt. Fragebögen von Schülern über 25 Jahre, ohne
Altersangabe oder erkennbar systematisch ausgefüllte Fragebögen wurden aussortiert.
Zur Messung der Einstellung zu Geld 15

Abbildung 2: Altersverteilung der Probanden


Quelle: eigene Darstellung

4 Konfirmatorische Faktorenanalyse als Methode zur Untersuchung der


(Konstrukt-)Validität

Nach Hildebrandt und Temme (2006: 7) wird unter Konstruktvalidität die Eigen-
schaft eines Messmodells verstanden, „erstens alle Eigenschaften und deren
positive oder negative Ausprägungen eines Konstrukts abzubilden, zweitens nur
die Merkmale zu erfassen, die eine Bedeutung für das Konstrukt haben, und
drittens die Relation zu anderen Konstrukten widerzuspiegeln.“ Für die (Kon-
strukt-)Validierung des deutschsprachigen Fragebogens zur Erfassung der Ein-
stellung zu Geld wird in Anlehnung an Moosbrugger und Schermelleh-Engel
(2012: 326, 338) die konfirmatorische Faktorenanalyse (CFA) als Untersu-
chungsmethode festgesetzt. Als Voraussetzung für diese Analyse müssen ver-
schiedene Festlegungen getroffen werden (Kapitel 4.1). Hierzu gehören die Mo-
dellspezifikation und Modellidentifikation sowie die Bestimmung des Verfah-
rens zur Parameterschätzung (Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 335).
Nachdem dieses Fundament gelegt ist, können Ergebnisse ausgewertet (Kapitel
4.2) und Schlussfolgerungen in Hinblick auf die Validität des Fragebogens gezo-
gen werden (Kapitel 4.3) (Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 335). In
Anlehnung an Hildebrandt und Temme (2006: 7-8) werden zur Bestimmung der
Validität einerseits der Modellfit und die Größe der Faktorladungen und anderer-
16 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

seits die Beziehung zwischen den latenten Variablen und die Größe der Fehler-
varianzen herangezogen3.

4.1 Theoretische Grundlage zur Bestimmung der Validität mittels


konfirmatorischer Faktorenanalyse

Im ersten Schritt der CFA – der Spezifikation eines Messmodells – werden alle
Hypothesen in Gleichungen umgesetzt und als Pfaddiagramme dargestellt
(Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 337). In Anlehnung an Christ und
Schlüter (2012: 45), Geiser (2011: 65) sowie Moosbrugger und Schermelleh-
Engel (2012: 337) werden für die vorliegende Untersuchung zwei miteinander
konkurrierende Modelle spezifiziert. Dieses Vorgehen erlaubt einerseits einen
Modellvergleich mittels eines Ȥ2-Differenztests und andererseits eine Evaluation
des jeweiligen Modells anhand ausgewählter Gütekriterien (vgl. Christ & Schlü-
ter 2012: 45; Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 335). Das erste Modell
stellt die von Barry und Breuer (2012) vorgeschlagene Konzeptualisierung der
Einstellung zu Geld über die fünf Dimensionen4 dar und kann somit als ein Fünf-
Faktormodell aufgefasst werden. Für dieses Modell gelten folgende Hypothesen:

Hypothese 1: Die Variablen x7, x8, x11, x13, x17, x21, x24, x26 sind Messungen des
latenten Konstrukts „ Ansehen/Macht“.
Hypothese 2: Die Variablen x3, x6, x16, x20, x23, x25, x27 sind Messungen des
latenten Konstrukts „Finanzielle Planung“.
Hypothese 3: Die Variablen x1, x2, x10, x12, x22 sind Messungen des latenten
Konstrukts „Qualität durch Geld“.
Hypothese 4: Die Variablen x4, x9, x14, x18 sind Messungen des latenten
Konstrukts „Bedeutsamkeit von Geld“.
Hypothese 5: Die Variablen x5, x15, x19, x28 sind Messungen des latenten
Konstrukts „Geiz“.
Hypothese 6: Alle latenten Variablen korrelieren miteinander.

Überträgt man diese Hypothesen in Messmodellgleichungen, so ergibt sich hier-


zu die folgende Matrixschreibweise: x = ȁxȟ + į, wobei x der Vektor der mani-
festen Variablen, ȁx die Ladungsmatrix der manifesten Variablen und į der

3 Über die Untersuchung der Faktorladungen und der Korrelationen zwischen den Faktoren
erfolgt die Beurteilung der Diskriminanzvalidität (Hildebrandt & Temme 2006: 8).
4 Gemeint sind „Ansehen/Macht“, „Finanzielle Planung“, „Qualität durch Geld“,
„Bedeutsamkeit von Geld“ und „Geiz“.
Zur Messung der Einstellung zu Geld 17

Vektor der Fehlerterme ist (Hildebrandt & Temme 2006: 7). Aus der Abbildung
3 kann das Pfaddiagramm des Fünf-Faktormodells entnommen werden.

Abbildung 3: Pfaddiagramm des Fünf-Faktormodells


Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Schiebe 2012:19

Beim zweiten Modell wird angenommen, dass alle 28 Einstellungsitems Indika-


toren eines einzigen Konstrukts sind. Dieses Modell weist zwar dieselbe
faktorielle Struktur auf wie das Fünf-Faktormodell, allerdings werden hier alle
Korrelationen zwischen den Faktoren auf Eins fixiert, so dass dieses Modell
äquivalent zu einem Modell mit nur einem Faktor ist (Moosbrugger &
Schermelleh-Engel 2012: 338). Würde dieses alternative Modell auf die Daten5
passen, so sollte davon ausgegangen werden, dass keine Unterscheidung zwi-
schen den fünf Faktoren möglich ist und somit keine diskriminante Validität
vorliegt (Geiser 2011: 66). Folgerichtig wäre dann eine weitere Untersuchung
des Fünf-Faktormodells nicht mehr notwendig.
Im zweiten Schritt der CFA müssen beide Modelle identifiziert werden, da-
mit die Schätzung der Parameter gewährleistet ist (Moosbrugger & Schermelleh-
Engel 2012: 336). Zur Modellidentifikation werden die Varianzen der latenten

5 Mit einer CFA wird im Allgemeinen überprüft, ob eine hinreichende Übereinstimmung


zwischen den empirischen Daten und dem theoretischen Modell besteht (Moosbrugger &
Schermelleh-Engel 2012: 334).
18 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

Variablen in beiden Modellen auf Eins fixiert6, so dass diese Variablen in


standardisierter Form vorliegen (Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 226).
Daraus ergibt sich, dass im Fünf-Faktormodell 28 Faktorladungen, 28 Fehler-
varianzen und zehn Korrelationen zwischen den latenten Variablen, also 66
Parameter geschätzt werden und im Ein-Faktormodell 56 Parameter (28
Faktorladungen und 28 Fehlervarianzen) (Schiebe 2012: 24). Als empirische
Informationen liegen 28 Varianzen und 368 Kovarianzen vor, so dass das Fünf-
Faktormodell 340 (28 + 368 - 66 = 340) Freiheitsgrade (df) und das Ein-
Faktormodell 350 (28 + 368 – 56 = 350) Freiheitsgrade (df) aufweist. Gemäß der
Identifikationsbedingung, bei der ein Modell erst dann als identifiziert gilt, wenn
die Anzahl der empirischen Daten größer ist als die Anzahl der zu schätzenden
Parameter, können die vorliegenden Modelle als identifiziert betrachtet werden
(vgl. Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 336; Schiebe 2012: 24).
Zur Schätzung der Parameter wird der Maximum-Likelihood-Robust-
Schätzer7 (MLR-Schätzer) herangezogen, da sich dieser Parameterschätzer zur
Anwendung sowohl bei intervallskalierten als auch bei unvollständigen Daten
eignet, die gleichzeitig nicht-normalverteilt sind (vgl. Muthén & Muthén 1998-
2010: 531-533; Christ & Schlüter 2012: 47).

4.2 Validitätsevaluierung unter verschiedenen Gesichtspunkten

Wie bereits erwähnt, ist für den Validitätsnachweis sowohl der Modellfit als
auch die Größe der Faktorladungen, die Beziehung zwischen den Faktoren sowie
die Größe der Fehlerterme maßgeblich (Hildebrandt & Temme 2006: 7-8). Fol-
gerichtig wird der Nachweis der Validität unter Berücksichtigung dieser vier
Aspekte erbracht. Die Beurteilung des Modellfits, also der Anpassungsgüte
beider Modelle, erfolgt unter Bezugnahme auf den Ȥ2-Wert, wobei die MLR-Ȥ2-
Teststatistik der Yuan-Bentler T2* Teststatistik entspricht (vgl. Moosbrugger &
Schermelleh-Engel 2012: 337; Muthén & Muthén 1998-2010: 533). Da der Ȥ2-
Wert sowohl in Abhängigkeit vom Stichprobenumfang8, als auch bei mangeln-
dem Modellfit größer wird, werden zusätzliche Gütemaße zur Beurteilung der
Modellgüte berücksichtigt (Moosbrugger & Schermelleh-Engel 2012: 337). In

6 Die Korrelationen zwischen den latenten Variablen im Ein-Faktormodell sind noch immer auf
Eins festgesetzt.
7 Da dieses Verfahren im Softwarepaket MPlus implementiert ist, wird im Folgenden auf die
MPlus-Version 6.12 zurückgegriffen (Muthén & Muthén 1998-2010).
8 An dieser Stelle ist anzumerken, dass mit einem Stichprobenumfang von 272 der für die
Anwendung einer Faktorenanalyse benötigte Stichprobenumfang von 330 (bei höchstens 66 zu
schätzenden Parametern) nicht erbracht wurde, wenn davon auszugehen ist, dass mindestens
100 und gleichzeitig fünfmal mehr Personen untersucht, als Variablen geschätzt werden sollen
(vgl. Nachtigall & Wirtz 2006: 202; Schiebe 2012: 24-25 ).
Zur Messung der Einstellung zu Geld 19

Anlehnung an Geiser (2011: 68) sowie Moosbrugger und Schermelleh-Engel


(2012: 337) werden die Maße RMSEA (Root Mean Square Error of Approxima-
tion), CFI (Comparative Fit) und SRMR (Standardized-Root-Mean-Residual)
betrachtet. Der RMSEA ist ein Maß für den approximativen Datenfit und wird
nicht durch die Stichprobengröße beeinflusst. Der SRMS-Koeffizient ist ein
standardisiertes Maß zur Gesamtbewertung der Residuen. Der CFI gehört der
Gruppe der „Incremental Fit Indices“ an und vergleicht den Fit des Zielmodells
mit dem Fit des Unabhängigkeitsmodells. Bei diesem Baseline-Modell wird die
völlige Unabhängigkeit aller Variablen angenommen, was eine sehr restriktive
Annahme darstellt (Geiser 2010: 60-61). Aus Tabelle 3 lassen sich die Anforde-
rungen an die Fit-Maße entnehmen:

Tabelle 3: Beurteilung von ausgewählten Fit-Maßen


Guter Fit Akzeptabler Fit Inakzeptabler Fit
Ȥ2/df-Wert 0,000 – 2,00 2,01 – 3,00
RMSEA 0,000 – 0,050 0,051 – 0,080 • 0,10
CFI 0,970 – 1,000 0,900 – 0,969
SRMR 0,000 – 0,050 0,051 – 0,100

Quelle: vgl. Moosbrugger & Schermelleh- Engel 2007: 319; Backhaus, Erichson
& Weiber 2011: 144 f.; Geiser 2011: 60 -61; Weiber & Mühlhaus 2010: 170

Die Ergebnisse der Fit-Statistiken zu beiden Modellen sind in Tabelle 4 aufge-


führt. Es zeigt sich, dass beide Modelle einen signifikanten Ȥ2-Wert aufweisen.
Nach diesem Kriterium müssten beide Modelle verworfen werden. In der Litera-
tur (vgl. Weiber & Mühlhaus 2010: 161; Bühner 2011: 424-425) wird jedoch
häufig darauf hingewiesen, dass bei größeren Stichproben schon kleinste Abwei-
chungen zwischen den verglichenen Kovarianzmatrizen zu einem signifikanten
Ȥ2-Wert führen können. Deshalb sollten, wie zuvor erwähnt, weitere Fit-Werte
zur Beurteilung des Modells herangezogen werden. Der RMSEA sowie der
SRMR liegen für das Fünf-Faktormodell in akzeptablen Bereichen und deuten
daher auf ein annehmbares Modell hin. Der CFI hingegen liegt außerhalb der
akzeptablen Anpassung und legt eine Ablehnung des Modells nahe. Eine mögli-
che Erklärung dafür könnte die Nicht-Erfüllung der multivariaten Normalvertei-
lungsannahme sein9 (Backhaus, Erichson & Weiber 2011: 140). Betrachtet man

9 Die statistische Überprüfung der Passung von Modell und Daten setzt voraus, dass die Daten
multivariat normalverteilt sind. Diese Annahme kann bei der vorliegenden Befragung nicht
erfüllt werden, weshalb für die Berechnungen auf den MLR-Schätzer zurückgegriffen wurde.
Dieser ist laut Muthén und Muthén (1998-2010: 533) robust gegen die Verletzung der
Normalverteilungsannahme.
20 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

die Formel für den CFI (siehe Bentler 2006: 361), so basiert der CFI auf dem Ȥ2-
Wert. Dieser wiederum ist stark durch die Annahme der multivariaten Normal-
verteilung beeinflusst. Insgesamt kann der Modellfit für das Fünf-Faktormodell,
trotz der Abweichung des CFI-Wertes vom akzeptablen Bereich, als zufrieden-
stellend eingestuft werden. Für den Modellvergleich wird sowohl der Ȥ2-Dif-
ferenztest10 als auch das informationstheoretisches Maß AIC (Akaike`s Informa-
tion Criterion) als Entscheidungskriterium festgesetzt, nach dem das Modell mit
dem kleinsten AIC-Wert ausgewählt werden soll (Geiser 2011: 61).

Tabelle 4: Überblick über die Fit-Indizes und statistische Tests zur


Beurteilung der Modellpassung des Ein- und Fünf-Faktormodells
Ein-Faktormodell Fünf-Faktormodell
Ȥ2-Wert 1883,427 822,602
(df, p) (df = 350, p = 0,0000) (df = 340, p = 0,0000)
Ȥ2/df-Wert 5,381 2,419
RMSEA 0,127 (p = 0,000) 0,072 (p = 0,000)
CFI 0,397 0,810
SRMR 0,138 0,080
AIC 25926,467 24735,475

Quelle: eigene Darstellung

Weiterhin zeigt sich, dass der Unterschied zwischen beiden Modellen signifikant
(Ȥ2-Differenz = 821,71111; df-Differenz = 10, p < 0,000) ist, was sich daraus
schließen lässt, dass der Modellfit des Fünf-Faktormodells signifikant besser ist
als der Modellfit des Ein-Faktormodells. Gemäß dem AIC-Wert als Entschei-
dungskriterium ist das Fünf-Faktormodell (AIC-Wert = 24735,475) ebenfalls
dem Ein-Faktormodell (AIC-Wert = 25926,467) vorzuziehen. Dementsprechend
erscheint es notwendig, zwischen den Dimensionen „Ansehen/Macht“, „Finanzi-
elle Planung“, „Qualität durch Geld“, „Bedeutsamkeit von Geld“ und „Geiz“ zu
unterscheiden. Ob die 28 Indikatorvariablen tatsächlich fünf voneinander ab-
grenzbare Dimensionen messen, wird anhand der Größe der Faktorladungen und
der Beziehung zwischen den latenten Variablen beurteilt. In der angewandten

10 Auf der Grundlage der mit der MLR-Methode berechneten Ȥ2-Statistik darf dieser Ȥ2-Wert
nicht für den Ȥ2-Differenztest verwendet werden (Christ & Schlüter 2012: 47). Es muss
zunächst eine von Satorra und Bentler entwickelte Korrektur vorgenommen werden (Christ &
Schlüter 2012: 47). Dieser korrigierte Ȥ2-Differenzwert ist dann angenähert Ȥ2-verteilt (Christ
& Schlüter 2012:48).
11 Bei einem Korrekturfaktor von 1,134 für das Ein-Faktormodell und 1,124 für das Fünf-
Faktormodell.
Zur Messung der Einstellung zu Geld 21

Forschung werden (standardisierte) Ladungen bereits ab 0,312 als markant und


Korrelationen, die kleiner 0,8 sind, als akzeptabel betrachtet (Brown 2006: 30-
32). In der Tabelle 5 sind die standardisierten Faktorladungen des Ein- und des
Fünf-Faktormodells aufgeführt. Bei Betrachtung der Tabelle fällt auf, dass einige
standardisierte Faktorladungen des Ein-Faktormodells besonders klein oder gar
negativ sind. Negative Faktorladungen bestehen nicht die Plausibilitätsprüfung13
zur sachlogischen Beurteilung eines Messmodells (Backhaus, Erichson & Wei-
ber 2011: 138-140). Aufgrund der negativen sowie der größtenteils sehr kleinen
Faktorladungen findet das Ein-Faktormodell keine empirische Begründung.
Deshalb kann ausgeschlossen werden, dass alle 28 Indikatorvariablen Messun-
gen eines einzigen Konstrukts sind.

Tabelle 5: Standardisierte Faktorladungen des Ein- und Fünf-Faktormodells


Ein-Faktormodell Fünf-Faktormodell
Faktor- P- Faktor- P-
ladung S. E. Wert Faktor ladung S. E. Wert
x7 0,680 0,053 0,000 x7 0,697 0,041 0,000
x8 0,537 0,058 0,000 x8 0,576 0,052 0,000
x11 0,697 0,051 0,000 x11 0,724 0,042 0,000
x13 0,607 0,048 0,000 Ansehen/ x13 0,634 0,046 0,000
x17 0,616 0,054 0,000 Macht x17 0,617 0,056 0,000
x21 0,655 0,042 0,000 x21 0,663 0,042 0,000
x24 0,573 0,065 0,000 x24 0,614 0,055 0,000
x26 0,617 0,058 0,000 x26 0,635 0,057 0,000

x3 -0,371 0,106 0,000 x3 0,730 0,039 0,000


x6 -0,317 0,100 0,002 x6 0,666 0,056 0,000
x16 -0,301 0,110 0,006 x16 0,725 0,045 0,000
Finanzielle
x20 -0,277 0,104 0,080 x20 0,597 0,053 0,000
Planung
x23 -0,511 0,108 0,000 x23 0,803 0,035 0,000
x25 -0,298 0,118 0,011 x25 0,764 0,042 0,000
x27 -0,398 0,107 0,000 x27 0,756 0,048 0,000

x1 0,307 0,071 0,000 x1 0,628 0,060 0,000


x2 0,302 0,072 0,000 x2 0,618 0,065 0,000
Qualität
x10 0,397 0,066 0,000 x10 0,612 0,056 0,000
durch Geld
x12 0,543 0,070 0,000 x12 0,576 0,066 0,000
x22 0,500 0,061 0,000 x22 0,722 0,045 0,000

12 Allerdings werden (standardisierte) Faktorladungen, die größer als 0,7 sind als ideal, und die
größer als 0,5 sind als akzeptabel betrachtet (vgl. Hildebrandt & Temme 2006: 8; Backhaus,
Erichson & Weiber 2011: 140).
13 Gemäß der Plausibilitätsprüfung zur sachlogischen Beurteilung eines Messmodells müssen die
Vorzeichen der Faktorladungen positiv sein (Backhaus, Erichson & Weiber 2011: 138-140).
22 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

Fortsetzung von Tabelle 5


x4 0,145 0,076 0,054 x4 0,449 0,073 0,000
Bedeut-
x9 0,320 0,082 0,000 x9 0,735 0,052 0,000
samkeit
x14 0,444 0,079 0,000 x14 0,851 0,045 0,000
von Geld
x18 0,671 0,052 0,000 x18 0,744 0,081 0,000

x5 -0,229 0,075 0,002 x5 0,535 0,058 0,000


x15 -0,286 0,071 0,000 x15 0,768 0,060 0,000
Geiz
x19 -0,161 0,078 0,040 x19 0,780 0,053 0,000
x28 -0,073 0,075 0,328 x28 0,355 0,076 0,000

Quelle: eigene Darstellung

Anders als beim Ein-Faktormodell liegen alle (standardisierten) Faktorladungen


des Fünf-Faktormodells in einem akzeptablen Bereich (0,355 – 0,851). Des Wei-
teren zeigt sich, dass alle Ladungen signifikant von Null verschieden sind und
die Standardfehler14 (0,035 – 0,081) relativ gering sind, was für eine sehr zuver-
lässige Parameterschätzung spricht.

Tabelle 6: Faktorkorrelationen (standardisierte Kovarianzen)


Ansehen/ Finanzielle Qualität Bedeutsam- Geiz
Macht Planung durch keit von Geld
Geld
Ansehen/ -0,344** 0,592** 0,578** -0,224**
Macht (0,068) (0,069) (0,092) (0,086)
Finanzielle -0,344** -0,160* -0,051* 0,251**
Planung (0,068) (0,083) (0,090) (0,083)
Qualität 0,592** -0,160* 0,247** -0,232**
durch Geld (0,069) (0,083) (0,088) (0,084)
Bedeutsam- 0,578** -0,051* 0,247** -0,017*
keit von Geld (0,092) (0,090) (0,088) (0,094)
Geiz -0,224** 0,251** -0,232** -0,017*
(0,086) (0,083) (0,084) (0,094)
* p > 0,05 ** p < 0,05
Quelle: eigene Darstellung

In Tabelle 6 sind alle frei geschätzten Faktorkorrelationen aufgeführt. Bei Be-


trachtung dieser Korrelationen fällt auf, dass zwei Korrelationen –zwischen den
Faktoren „Ansehen/Macht“ und „Qualität durch Geld“ sowie zwischen den Fak-

14 Da der Standardfehler im Allgemein zum Ausdruck bringt, mit welcher Streuung bei den jeweili-
gen Parameterschätzungen zu rechnen ist, wäre ein sehr großer Standardfehler ein Indiz für eine
nicht sehr zuverlässige Parameterschätzung (Backhaus, Erichson & Weiber 2011: 139).
Zur Messung der Einstellung zu Geld 23

toren „Ansehen/Macht“ und „Bedeutsamkeit von Geld“ – mit Werten 0,578


sowie 0,592 am höchsten sind, allerdings sich noch immer unterhalb des Richt-
wertes von 0,8 befinden. Die restlichen Faktorkorrelationen sind betragsmäßig
gering, was dafür spricht, dass die Faktoren weitestgehend unkorreliert sind.
Obwohl die Faktoren teilweise recht hoch korrelieren, zeigt sich anhand der
Fitstatistiken (siehe Tabelle 4), dass eine Ein-Faktorlösung (Annahme perfekt
korrelierter Faktoren) die Daten nicht zufriedenstellend abbilden kann (Geiser
2010: 70). Für die Zuverlässigkeit der geschätzten Korrelationen sprechen die
sehr geringen Standardfehler (S.E.) (0,068 – 0,094). Es lässt sich ebenfalls aus
dieser Tabelle entnehmen, dass nicht alle Faktorkorrelationen signifikant von
Null verschieden sind.15

In Abbildung 4 sind die Korrelationen der Faktoren graphisch dargestellt16.

Abbildung 4: Darstellung der Korrelationen der Faktoren


Quelle: Modifizierte Darstellung in Anlehnung an Barry & Breuer 2012: 18

15 Diese Nichtsignifikanz lässt sich mit der fehlenden Normalverteilung sowie der zu kleinen
Stichprobe begründen, denn Backhaus, Erichson und Weiber (2011: 140) beanstanden, dass die
p-Werte nur bei normalverteilten Parameterschätzungen und großen Stichproben korrekt
berechnet werden können.
16 Die Stärke der Pfeile verdeutlicht die Stärke der Korrelation. Gestrichelte Pfeile zeigen nicht
signifikante Korrelationen an (Signifikanzniveau: 5 Prozent).
24 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

Des Weiteren werden sowohl die Residualvarianz als auch der Varianzanteil
einer manifesten Variablen (R²-Wert), der über den jeweiligen Faktor erklärt
wird, betrachtet. R²-Werte von über 0,5 sprechen für eine akzeptable Eignung
der verwendeten Indikatorvariablen, da mehr als 50 Prozent der Varianz der
Ausgangsdaten über die Faktoren erklärt werden können (Backhaus, Erichson &
Weiber 2011: 159). Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Berech-
nungsweise17 der Residualvarianzen, ist eine Residualvarianz kleiner als 0,5
anzustreben. Ein Teil der manifesten Variablen weisen R2-Werte auf, die unter
0,5 liegen, was auf teilweise geringe Reliabilitäten der beobachteten Variablen
hindeutet. Dies mag jedoch z.T. auch durch hohe spezifische Varianzanteile
erklärbar sein (vgl. Geiser 2010: 65).

4.3 Schlussfolgerung für die Validität des Fragebogens

Ziel der vorliegenden Studie ist die Untersuchung der Konstruktvalidität des
Fragebogens zur Einstellung zu Geld. In Anlehnung an Hildebrandt und Temme
(2006: 7-8) erfolgt der Validitätsnachweis über die Untersuchung des Modellfits,
der Größe der Faktorladungen, der Beziehung zwischen den Faktoren sowie der
Größe der Fehlerterme.
Wie die Fit-Maße in Kapitel 3.2 verdeutlichen, weist das Ein-Faktormodell
keinen akzeptablen Modellfit auf, wohingegen das Fünf-Faktormodell einen
überwiegend zufriedenstellenden Modellfit zeigt. Weiterhin ist der Ȥ2-Differen-
ztest signifikant, was bedeutet, dass das Modell mit fünf-faktorieller Struktur
signifikant besser zu den Daten passt als das Modell mit einem gemeinsamen
Faktor. Demgemäß ist die Idee der einfaktoriellen Struktur zu verwerfen. Die
Faktoren stellen zweifellos unterscheidbare Dimensionen dar, welchen jedoch
ein gemeinsames latentes Konstrukt zugrunde liegt. Weiterhin zeigen die
Ergebnisse der konfirmatorischen Faktorenanalyse, dass alle Faktorladungen
signifikant größer als 0,3 sind. Folglich darf angenommen werden, dass die
Indikatorvariablen Messungen des jeweiligen Konstrukts sind. Die Ergebnisse
der Faktorkorrelationen (s. Tabelle 6) zeigen auf, dass alle Korrelationen kleiner
0,8 sind. Allerdings fallen nicht alle Faktorkorrelationen signifikant aus. Vor
dem Hintergrund der fehlenden Normalverteilung und der zu kleinen Stichprobe
sind diese Ergebnisse jedoch nicht überraschend. Kritisch zu betrachten sind in
diesem Zusammenhang die Residualvarianzen, welche auf teilweise geringe
Reliabilitäten der beobachteten Variablen hindeuten.

17 Die Residualvarianz ist die Differenz zwischen eins und R², wobei der R²-Wert der quadrierten
standardisierten Faktorladung entspricht (vgl. Backhaus, Erichson & Weiber 2011: 129-130;
Geiser 2011: 64).
Zur Messung der Einstellung zu Geld 25

Insgesamt kann jedoch die Konstruktvalidität des Fragebogens als hin-


reichend angenommen werden.

5 Zusammenfassung und Ausblick

Trotz der in manchen Bereichen nicht komplett zufriedenstellenden Validität –


v.a. in Bezug auf den etwas zu niedrigen CFI-Wert sowie die z.T. geringen R2-
Werte – wird das entwickelte Modell beibehalten. Hierfür sprechen eine Reihe
von Faktoren: Ein Teil der Fit-Indizes (v.a. der RMSEA, der SRMR und der
Ȥ2/df-Wert) zeigen einen akzeptablen Modell-Fit. Der Vergleich des Ein-
Faktormodells mit dem Fünf-Faktormodell bestätigt die Annahme, dass es sich
bei der Einstellung zu Geld nicht um ein ein-dimensionales Konstrukt handelt,
sondern dass das latente Konstrukt durch mehrere Dimensionen repräsentiert
wird.
Kritisch zu betrachten ist für die durchgeführten Analysen die etwas kleine
Stichprobe im Verhältnis zur Anzahl der zu schätzenden Parametern. Wird das
Modell auf Basis dieser Stichprobe überarbeitet bzw. modifiziert, läuft man
Gefahr, dass stichprobenspezifische Charakteristika das Modell beeinflussen.
Außerdem sollten Modellspezifikationen – welche meistens durch Item-Elimi-
nierung vorgenommen werden – nicht ohne weitergehende inhaltliche Überle-
gungen vorgenommen werden. Hierdurch können statistisch „valide“ Testergeb-
nisse entstehen, welche womöglich inhaltlich invalide sind (Hildebrandt &
Temme 2006: 8).
In weiterführenden Studien bleibt zu untersuchen, ob sich die Dimensionen
dazu eignen, signifikante Unterschiede zwischen unterschiedlichen Teilgruppen
abzubilden. Hierzu wird eine Erhebung durchgeführt, bei der die Ausprägung der
Dimensionen der Einstellung zu Geld zwischen überschuldeten jungen
Erwachsenen und nicht verschuldeten jungen Erwachsenen verglichen wird.
Diesem Vergleich liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Ausprägung der
Einstellung zu Geld bei den überschuldeten Jugendlichen, infolge der vertieften
Auseinandersetzung mit dem Thema Geld im Rahmen eines Verfahrens der
Privat-Insolvenz, signifikant von der Einstellung zu Geld nicht verschuldeter
junger Erwachsener unterscheidet. Anhand dieses Vergleiches lässt sich
feststellen, ob das Instrument in der Lage ist, solche Unterschiede abzubilden.
Dieses Vorgehen folgt der klassischen Position von Messick (1995: 742): „ (…),
validity is broadly defined as nothing less than an evaluative summary of both
the evidence for and the actual – as well as potential – consequences of score
interpretation and use (…).” Unter dem Gesichtspunkt der ökologischen
Validität kann die Basis der empirischen Belege das Instrument zur Abbildung
der Einstellung zu Geld noch einmal ausgeweitet werden. Danach besteht die
Intention das Instrument in einer größer angelegten Vergleichsstudie einzu-
26 Daniela Barry/Viktoria Schiebe/Klaus Breuer

setzen. Hierbei ist die Befragung von ca. 2000 jungen Erwachsenen in definier-
ten Teilgruppen angedacht. Auf Basis dieser Stichprobe kann u. a. möglichen
Problemen des Instruments noch einmal nachgegangen und das Fünf-Faktor-
modell spezifiziert werden. Darüber hinaus ist vorgesehen, übergreifenden
Zusammenhängen, wie dem persönlichen Umgang mit Geld nachzugehen.

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Umgang mit und Einstellung zu Geld von
verschuldeten und nicht-verschuldeten jungen
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Daniela Barry/Klaus Breuer

1 Ziel und Durchführung der Studie

Die empirische Erhellung von Wirklichkeitsbereichen setzt voraus, dass der


Bezug auf Konzepte möglich ist, denen Erklärungswert in dem zu durchdringen-
den Bereich zugesprochen werden kann. Zur wirtschaftlichen Situation von Per-
sonen gehört dazu etwa das Konzept der Überschuldung. Personen gelten dann
als überschuldet, „(…) wenn Einkommen und Vermögen des Schuldners nicht
ausreichen, um laufende Verbindlichkeiten zu decken“ (Bender, 2012, S. 37; vgl.
Schufa Holding AG, 2007, S. 26; Verband der Vereine Creditreform e.V., 2012,
S. 3). Solche juristisch definierten Konzepte sind (mehr oder weniger) eindeutig
nachvollziehbar. Die angeführte Definition hilft nicht zuletzt, die wirtschaftliche
Situation von Personen in Hinblick auf ihre finanzielle Handlungsfähigkeit zu
beleuchten. Im gegebenen Zusammenhang wird eine ökonomische Perspektive
bezogen und zur Einschätzung der Zahlungsfähigkeit von Personen genutzt. Die
‚objektive‘ Information aus wirtschaftlichen Zusammenhängen wird u. a. aufbe-
reitet, um die Überschuldungslage von Privatpersonen im Wirtschaftsleben in
aggregierter Form darzustellen (Verband der Vereine Creditreform e.V., 2012).
Aus der Verknüpfung mit den personenbezogenen Daten in Kaufverträgen, deren
Weitergabe Verbraucher regelmäßig zustimmen, und deren Verknüpfung mit
sozial-statistischen Daten kann ein differenzierteres Bild der wirtschaftlichen
Bedingungen von regionalen und von sozialen Gruppierungen entwickelt wer-
den. Das ist vergleichsweise einfach, wenn es durchaus auch Diskussionen und
Auffassungen zu dem Konzept geben kann. Wenn nicht nur verfügbare Daten
aufbereitet, sondern Informationen zu den persönlichen Handlungs- und Lernvo-
raussetzungen von Individuen beim Umgang mit Geld gewonnen werden sollen,
dann kommen weitere Variablen in den Blick. Das gilt zum Beispiel für das
Wissen zu einem Gegenstandsbereich. Das ‚ökonomische Wissen‘ (vgl. etwa
Beck & Krumm, 1998; Sczesny & Lüdecke-Plümer, 1998) ist weniger eindeutig
definiert als die Verschuldungssituation einer Person. Zum einen bestehen unter-
schiedliche Auffassungen zum Konstrukt ‚Wissen‘. In einer engen Sicht wird

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_2,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
30 Daniela Barry/Klaus Breuer

dazu das Wissen über Fakten (Wissen-Was) gerechnet. In einer weiteren Sicht
tritt das Wissen über Vorgehensweisen (Wissen-Wie) hinzu. Noch breiter ange-
legt ist die Vorstellung auch strategisches Wissen (Wissen-Wann und Wozu)
einzubeziehen (Tennyson & Breuer, 1997, S. 115). Eine weitergehende Position
beziehen etwa Anderson & Krathwohl (2001), indem sie Ebenen des Wissens
(Faktenwissen, Konzeptuelles Wissen und Prozedurales Wissen) mit Stufen des
Kognitiven Prozesses (Erinnern, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Bewerten
und Entwickeln) über eine Matrix verknüpfen. Bender (2012, S. 130) hat diese
Orientierung auf die finanzielle Domäne bezogen. Noch einmal komplexer wird
diese Thematik wenn alternative Repräsentationsformen von Wissen in den
Blick genommen werden. Ein solcher Zugang besteht in der Abbildung von
Semantischen Netzwerken. Dabei beleuchtet man die Strukturiertheit von per-
sönlichen Wissensbeständen. Zum Thema Schulden hat Bender (2011) einen
solchen Ansatz vorgestellt. Neben der Diskussion um die Struktur von Wissen
treten unterschiedliche Auffassungen zu den ‚Inhalten‘ der Domäne Wirtschaft
auf. Dabei stellt sich die Frage, welche Erklärungsmuster der Wirtschaftlichen
bzw. Ökonomischen Bildung zuzurechnen sind? Gehören dazu die Konzepte der
Wirtschaftswissenschaften als Bezugsdisziplinen, die wissenschaftsbezogene
Perspektive (Förster, Happ & Troitschanskaia, 2012) oder sind es Erklärungs-
muster für wirtschaftliches Handeln aus dem Alltag, die Perspektive der wirt-
schaftenden Individuen (OECD, 2012)? Je nach Orientierung entsteht ein unter-
schiedlicher Kanon von jeweils einheimischen Elementen des Wissens und da-
rauf ausgerichtete ‚Wissenstests‘. Sie führen logischerweise auch zu unterschied-
lichen Testergebnissen bei Individuen. Ein Test in der wissenschaftsbezogenen
Orientierung kann Lernprozesse von Individuen in alltagsbezogenen Zusammen-
hängen ggf. nicht gültig abbilden (Breuer, 2012). Greifbar wird, dass auch das
vermeintlich alltägliche Konzept Wissen einen theoretischen Erklärungsansatz, i.
e. ein Konstrukt darstellt und dass Informationen zur Ausprägung von Wissen
bei Individuen aus verschiedenen Studien nicht unmittelbar vergleichbar sind.
Fragt man nach weiteren Einflussgrößen auf wirtschaftliches Handeln, dann
gelangen Merkmale in den Blick, die noch abstrakter definiert sind. So findet
sich in der öffentlichen Diskussion zum Beispiel das Erklärungsmuster der Kauf-
sucht bzw. Oniomanie (Schenk, 2007). Dieses Konzept bezieht sich auf die wirt-
schaftenden Subjekte jedoch nur in eindimensionaler Form. Individuen können
als mehr oder weniger kaufsüchtig diagnostiziert werden. Das führt zu keiner
umfassenderen Charakterisierung von Personen. Dass wirtschaftliches Handeln
nicht zweckrational erfolgt, steht außer Frage. Der Mensch handelt nicht als
‚homo oeconomicus‘ (Kahneman, 2012). Eine offene Frage hierzu lautet: Wel-
che psychologischen Konzepte liefern bedeutsame Aussagen für das wirtschaftli-
che Handeln von Personen? Bei der Sichtung der internationalen Literatur sind
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 31

wir in dieser Hinsicht auf das Konstrukt der ‚Einstellung zu Geld‘ gestoßen und
haben dazu einerseits mehrere einschlägige Studien ermitteln können (Barry &
Breuer, 2012) sowie andererseits feststellen müssen, dass kein entsprechendes
Instrument im deutschen Sprachgebiet vorliegt. Das hat uns zu der Zielvorstel-
lung geführt, auf der Basis der internationalen Grundlagen ein Verfahren zu
entwickeln, dass primär in deutscher und wenn möglich auch parallel in engli-
scher Sprache vorliegen sollte. Das ist natürlich nicht nur eine Frage der wissen-
schaftlichen Übersetzung (vgl. Harkness, 2003, S. 43; Barry & Breuer, 2012),
sondern einer erneuten Validierung für den vorgesehenen Anwendungs-
zusammenhang. In unserem Fall betrifft das insbesondere die Zielgruppe der
deutschsprachigen jungen Erwachsenen, weil diese Individuen zum einen mit der
Aufgabe konfrontiert sind, ein persönliches Geldmanagement zu entwickeln und
zum anderen bekannt ist, dass eine zunehmende Anzahl von jungen Erwachse-
nen an dieser Aufgabe scheitern (vgl. Bankenverband, 2012; Bürgel Wirtschafts-
informationen, 2011; Verband der Vereine Creditreform e.V., 2012). Damit
korrespondiert zunächst die Frage, welche Orientierungen mit dem Konzept der
Einstellung verbunden sind und welche spezifischen Dimensionen in diesem
Rahmen abgebildet werden sollen. Mangels verfügbarer theoretischer Vorarbei-
ten sind wir der Auffassung gefolgt, dass die nomologische Begründung eines
deutschen Instruments, d. h. die Modellierung des Gegenstandsbereiches der
Einstellung zu Geld, sich auf die Orientierungen in den international vorliegen-
den Skalen stützen kann. Eine persönliche Einstellung zu Geld dürfte eine Facet-
te der Orientierung aller Individuen in entwickelten Ökonomien ausmachen.
Entsprechend sind die Items der drei bekannten, verbreiteten und in der For-
schung angewandten Skalen zusammen gefasst und in der Anlehnung an die
Vorgehensweise von Lim & Teo (1997) zu einer verdichteten Skala in deutscher
Sprache gebündelt worden (Barry & Breuer, 2012). Die zugehörigen Daten aus
der Validierungsstudie sind faktorenanalytisch analysiert worden und haben eine
Struktur der Einstellung zu Geld aus fünf Faktoren ergeben (vgl. Abbildung 1).
Diese Struktur kann auch zu den parallelen Items in englischer Sprache in hinrei-
chendem Ausmaß wieder gefunden werden.
32 Daniela Barry/Klaus Breuer

Faktor 1
Ansehen/
Macht
19,59%

Faktor 2
Finanzielle Faktor 3
Planung Qualität durch
13,65% Geld
Einstellung 9,05%
zu Geld

Faktor 4
Bedeutsamkeit Faktor 5
von Geld Geiz
8,25% 5,68%

Abbildung 1: Dimensionen der Einstellung zu Geld (nach Barry & Breuer,


2012, S.18)1

Die erklärte Gesamtvarianz der 28 extrahierten Items von 56,23 Prozent mit
einer inneren Konsistenz von α = 0.83 ist als zunächst hinreichende Absicherung
der formal empirischen Validität des Instrumentes interpretiert worden. Im Sinne
der Position von Messick (1995), der die Gültigkeit von Verfahren auf das Insge-
samt der vorliegenden empirischen Informationen zurückführt, ist im Weiteren
eine Validierung des aufgedeckten Konstrukts über eine konfirmatorische Vor-
gehensweise erfolgt. Auf der Grundlage eines zusätzlichen Datensatzes mit N =
272 befragten jungen Erwachsenen ist die ursprüngliche ermittelte Struktur mit
den fünf dargestellten Dimensionen in hinreichendem Ausmaß bestätigt worden
(Barry, Schiebe und Breuer, 2013; in diesem Band). Nachdem eine hinreichende

1 Für eine inhaltlich ausführliche Darstellung der Faktoren sowie eine Darstellung des Instru-
ments siehe Barry und Breuer (2012)
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 33

formal-statistischen Absicherung gegeben ist, stellt sich im Weiteren die Frage,


ob das Instrument auch inhaltlich bedeutsame Aussagen zur angezielten Ziel-
gruppe liefern kann, d.h. ob es im Sinne der Erhellung des Wirklichkeitsberei-
ches nützlich sein kann.
Als empirische Basis für die Frage nach der Nützlichkeit (der ökologischen
Validität) der entwickelten Skalen zur Einstellung zu Geld ist eine dritte Erhe-
bung bei jungen Erwachsenen an den Schuldnerberatungsstellen im Land Rhein-
land-Pfalz durchgeführt worden. Das ist durch die aktive Unterstützung der For-
schungs- und Dokumentationsstelle für Verbraucherinsolvenz und Schuldnerbe-
ratung - Schuldnerfachberatungszentrum (SFZ) an der JGU Mainz möglich ge-
worden. Dieser Zugang kann als ein Beleg für die Potentiale der interdisziplinä-
ren Zusammenarbeit im Forschungscluster betrachtet werden. Die anerkannten
allgemeinen Schuldnerberatungsstellen2 im Land RLP sind auf der Basis einer
Adressenliste vom SFZ für den Zeitraum des Monats Juni 2012 gebeten worden,
allen jungen Erwachsenen, die in diesem Monat einen Beratungstermin wahrge-
nommen haben, den Erhebungsbogen vorzulegen und um die Bearbeitung zu
bitten. Zum Zeitpunkt der Anfrage waren die Beratungsgespräche für den Monat
Juni bereits alle terminiert, so dass kein Einfluss auf die Zusammensetzung der
Stichprobe mehr möglich war. Über diesen Zugang können wir davon ausgehen,
dass wir für den Monat Juni alle junge Erwachsenen erreichen konnten, die in
RLP aktiv eine Beratung zum Thema Verschuldung gesucht und wahrgenommen
haben. Der Rücklauf umfasst insgesamt 68 bearbeitete Fragebögen, aus denen 63
auswertbare Datensätze3 hervorgegangen sind. Festzustellen war, dass nicht nur
ver- oder überschuldete Personen die Schuldnerberatungsstellen aufsuchen, son-
dern auch Personen, deren finanzielle Situation (noch?) nicht bzw. nicht mehr
problematisch erscheint. Bender (2012, S. 37) spricht in diesem Zusammenhang
z.B. von subjektiver Überschuldung. Im Sinne eines quasi-experimentellen Ext-
remgruppendesigns wurde der Analyse ein zweiter Datensatz aus einer Erhebung
bei jungen Erwachsenen in der Sekundarstufe II in einem Mittelzentrum im Land
Hessen zu Grunde gelegt. Er setzt sich aus Schülern und Auszubildenden in all-
gemein- und berufsbildenden Schulen der Sekundarstufe II zusammen. Aus der
Studie von Bender (2012, S. 114-116) und auch anderen Quellen ist bekannt,
dass auch ein Anteil von Auszubildenden und Schülern bereits finanzielle Ver-
pflichtungen eingegangen ist bzw. Schulden hat. Die heterogene Zusammenset-
zung der Vergleichsgruppe wurde gezielt gewählt, um der Varianz der Bildungs-
hintergründe der jungen Erwachsenen in den Schuldnerberatungsstellen mög-

2 Ausgenommen sind damit die Schuldnerberatungen in der Suchtkrankenhilfe sowie die in der
Glücksspielsuchtberatung wegen ihrer besonderen Klientel.
3 Fünf Fragebögen waren entweder nicht vollständig bearbeitet worden, wiesen ein offensichtli-
ches Antwortmuster auf oder lagen nach der Altersangabe außerhalb unserer Zielgruppe.
34 Daniela Barry/Klaus Breuer

lichst weit zu entsprechen. Zur weiteren Auswertung der Daten wurde die Ge-
samtstichprobe in vier Teilgruppen aufgeteilt: Die erste Gruppe bilden junge
Erwachsene in den Schuldnerberatungsstellen, die angegeben haben, verschuldet
zu sein. Die zweite Gruppe umfasst ebenso Befragte aus den Schuldner-
beratungsstellen, welche jedoch angaben, keine Schulden zu haben. Die dritte
Gruppe beinhaltet Schüler und Auszubildende in der Sekundarstufe II, welche
bei der Befragung angegeben haben, verschuldet zu sein. In der letzten Gruppe
befinden sich demzufolge die Schüler und Auszubildenden, die angegeben ha-
ben, nicht verschuldet zu sein.
Damit ergibt sich in Hinblick auf die Analyse der Nützlichkeit des Instru-
ments zur Einstellung zu Geld die spezifische Teilfrage, ob das Instrument plau-
sible (statistisch signifikante) Unterschiede in der Einstellung zu Geld bei den
vier definierten Teilgruppen abbilden kann. Die Mitglieder in den Teilgruppen
unterscheiden sich in dem Ausmaß, in dem die jungen Erwachsenen ihren Um-
gang mit Geld als Problem erfahren mussten. Das könnte sich in der Ausprägung
der Facetten der Einstellung zu Geld niederschlagen. Umgekehrt könnte die
Ausprägung der Einstellung zu Geld dazu beigetragen haben, dass subjektiv
wahrgenommene oder auch objektiv gegebene Verschuldungssituationen einge-
treten sind. Zusätzlich sind über den Fragebogen Informationen zur Finanzlage
von jungen Erwachsenen erhoben worden, um sie mit den vorliegenden Befun-
den aus anderen Erhebungen in Beziehung setzen zu können und um insbesonde-
re den Erklärungswert des Bezugs auf die Gruppe der 18- bis 25-jährigen jungen
Erwachsenen erhellen zu können. Darüber hinaus kann so die Annahme beleuch-
tet werden, dass die Befragten in den vier Teilgruppen unterschiedliche Erfah-
rungen im Umgang mit Geld sammeln konnten, die sich, wie zuvor gesagt, in der
Ausprägung der Dimensionen zur Einstellung niederschlagen konnten oder,
wegen der fehlenden Kausalität in den statistischen Zusammenhängen, mit den
vorliegenden Ausprägungen der Einstellungen einhergehen können.
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 35

2 Charakteristika der Stichprobe

2.1 Zusammensetzung

Die Merkmale der Teilnehmer an dieser Studie setzen sich nach der Zugehörig-
keit zu den vier Teilgruppen laut Tabelle 1 zusammen.

Tabelle 1: Altersstruktur und Geschlechterverteilung der Teilgruppen

Mittle- N Standard- Geschlecht


Gruppe res Alter abwei- männ- weib-
chung lich lich
Verschuldete aus Schuldnerberatung 22,72 25 1,792 8 17
Nicht-Verschuldete aus Schuldnerbe-
21,34 38 2,507 10 28
ratung
Verschuldete aus Schulen 20,14 36 2,219 29 7
Nicht-Verschuldete aus Schulen 19,20 228 1,430 105 123
Insgesamt 19,82 327 2,025 152 175

Ablesbar ist, dass alle vier Teilgruppen in nicht sehr großem aber hinreichendem
Umfang vertreten sind, wobei die Teilgruppe der Nicht-Verschuldeten aus den
Schulen natürlich den größten Umfang aufweist. In allen vier Teilgruppen finden
sich sowohl Frauen als auch Männer. Das mittlere Alter in den beiden Gruppen
der Verschuldeten ist den Nicht-Verschuldeten gegenüber leicht erhöht. Das ist
plausibel, weil man den Status der Volljährigkeit, also das Alter von 18 Jahren,
eher nicht mit vertraglich begründeten Schulden erreichen kann (Verband der
Vereine Creditreform e.V., 2012, S. 21). Damit erscheinen grundlegenden Vo-
raussetzungen für eine weitere Analyse gegeben. Die jeweils erreichten höchsten
Schulabschlüsse bilden einen ersten Indikator für das vorliegende Niveau der
Basiskompetenzen. Lesekompetenz und mathematische (Teil-)Kompetenz stellen
natürlich notwendige Voraussetzungen für ökonomische Kompetenz dar. In den
Teilgruppen aus den Schuldnerberatungen bzw. dem Status ‚Verschuldet‘ in den
Schulen ist die Berufsreife relativ häufiger vertreten als bei Nicht-Verschuldeten
in Schulen. Dort liegt notwendigerweise in der Mehrheit das Niveau der Fach-
oberschulreife vor. Auch in dieser Perspektive erscheinen die Angaben der Teil-
nehmer an der Gesamtstichprobe schlüssig.
36 Daniela Barry/Klaus Breuer

60
Kein Abschluss

50 Berufsreife

40 Fachoberschulreife

Fachhochschulreife
30
Hochschulreife,
20 Abitur

10

0
Verschuldete aus Nicht-Verschuldete Verschuldete aus Nicht-Verschuldete
Schuldnerberatung aus Schulen aus Schulen
Schuldnerberatung

Abbildung 2: Prozentuale Verteilung der jeweils höchsten Schulabschlüsse in


den Teilgruppen

2.2 Sparverhalten

Das Thema Sparen wurde sowohl mit einer Skala zur Selbsteinschätzung des
Sparverhaltens erfasst, als auch mit konkreten Fragen zur aktuellen Sparsituation
der Probanden. Zur ihrer Bereitschaft zum Sparen haben die Befragten auf einer
von Bender (2012, S. 258) übernommenen Skala Stellung genommen. Die Pro-
banden mussten sich entscheiden, welche der folgenden fünf Optionen am ehes-
ten auf ihr persönliches Sparverhalten zutrifft4:

ƒ Ich will nicht sparen, sondern das Leben jetzt genießen.


ƒ Ich spare nicht, da kein finanzieller Spielraum vorhanden ist.
ƒ Ich lege etwas zum Sparen zur Seite, wenn etwas übrig bleibt.
ƒ Ich lege jeden Monat etwas zurück; die Höhe bestimme ich je nach der
finanziellen Situation.
ƒ Ich lege regelmäßig einen festen Betrag an, etwa auf einem Sparbuch, ei-
nem Sparvertrag, in Aktien oder einer Lebensversicherung etc.

4 Die Skala wurde von Bender der Mannheimer SAVE Studie entnommen (siehe Börsch-Supan
et al., 2009).
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 37

Abbildung 3 stellt die Ergebnisse der Selbstauskünfte dar.

50
will nicht sparen
kein Spielraum
sparen, wenn was übrig bleibt
40
lege jeden Monat etwas zurück
lege regelmäßig festen Betrag zurück

30

20

10

0
Verschuldete aus Nicht-Verschuldete Verschuldete aus Nicht-Verschuldete
Schuldnerberatung aus Schulen aus Schulen
Schuldnerberatung

Abbildung 3: Prozentuale Verteilung der Einschätzung zum Sparverhalten in


den Teilgruppen

Die Angaben in Abbildung 3 lassen erkennen, dass die verschuldeten jungen


Erwachsenen aus den Schuldnerberatungsstellen überwiegend angeben, zum
Sparen keinen Spielraum zu haben. Diese Angabe ist konsistent zu ihrer Lebens-
situation. Auffällig ist auch, dass die Verschuldeten tendenziell eher dazu neigen,
nicht zu sparen, sondern angeben, lieber das Leben genießen zu wollen. Im Licht
dieser Auskunft ergibt sich die Verschuldung aus einer Orientierung in der Le-
bensführung. Zwischen der Gruppe der Nicht-Verschuldeten aus den Schulen
und den anderen drei Teilgruppen bestehen signifikante Unterschiede in der
Einschätzung zum Sparverhalten.5 Der Anteil der Schüler und Auszubildenden,
die nicht sparen wollen oder keinen Spielraum haben, ist bei den jungen Erwach-
senen in den drei anderen Gruppen signifikant höher. Diese Einschätzung wird

5 Getestet gegen eine Irrtumswahrscheinlichkeit von α = 5% mit Hilfe einer einfaktoriellen


ANOVA.
38 Daniela Barry/Klaus Breuer

auch durch die in Abbildung 4 dargestellten Ergebnisse zu dem absoluten Spar-


vermögen der Probanden bestätigt. Hier zeigt sich, dass ca. 4/5 der nicht-ver-
schuldeten Schüler und Auszubildenden Sparanlagen wie Sparbücher, Festgeld-
konten, Tagesgeldkonten oder Sparverträge besitzen. Bei den Verschuldeten aus
den Schuldnerberatungsstellen liegt der Anteil gerade bei 4 Prozent. Die Vertei-
lung dieser Angaben ist erwartungskonform. Bei sonstigen Sparformen wurde
vereinzelt angegeben, dass die jungen Erwachsenen zu Hause eine Schwarzgeld-
kasse hätten bzw. ein Sparschwein. Auffällig ist dabei, dass es sich dabei verein-
zelt um bis zu 3.000 Euro handelt.

90%
Verschuldete aus Schuldnerberatung
80%
Nicht-Verschuldete aus Schuldnerberatung
70% Verschuldete aus Schulen
60% Nicht-Verschuldete aus Schulen
50%
40%
30%
20%
10%
0%
Sparanlagen Bausparverträge Festverzinsliche Aktien- & Sonstige
Wertpapiere Immobilienfonds Sparformen

Abbildung 4: Prozentuale Verteilung der Sparformen bei den Teilruppen6

Auch die Angaben zur Höhe des persönlichen Sparvermögens fallen erwartungs-
konform aus. Allenfalls einzelne Angaben scheinen erklärungsbedürftig bzw.
können als Ausreißer angesehen werden. Personen aus den Schuldnerberatungs-
stellen geben kaum verfügbares Sparvermögen an. Befragte aus den Schulen
berichten über mehr und deutlich höhere Sparvermögen. Überraschend erschei-
nen bei den nicht-verschuldeten Schülern und Auszubildenden die angegebenen,
verhältnismäßig hohen Sparbeträge, wenn man bedenkt, dass Schüler meist noch
kein regelmäßiges eigenes Einkommen besitzen und das Gehalt von Auszubil-
denden häufig gerade reicht, um die Kosten der Lebenshaltung zu decken.

6 Mehrfachnennungen pro Person waren möglich.


Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 39

Die Befragten aus dem Feld der Schuldnerberatungen geben eine deutlich
niedrigere Ausprägung von Sparvermögen an, als die aus den Schulen. Dabei gilt
dieselbe Tendenz für Verschuldete gegenüber Nicht-Verschuldeten. Auch in
dieser Hinsicht erscheinen die Angaben strukturell stimmig.

Tabelle 2: Häufigkeitsverteilung der Höhe des Sparvermögens (in €)


1.000- 5.000-
1-499 500-999 > 10.000
4.999 10.000
Verschuldete aus
1 0 0 1 0
Schuldnerberatung
Nicht-Verschuldete
aus Schuldnerbera- 3 0 4 0 2
tung
Verschuldete aus
4 1 2 1 0
Schulen
Nicht-Verschuldete
16 11 37 16 5
aus Schulen

2.3 Art und Höhe der Verschuldung

Nach den Befunden bei Lange (2004, S. 149) waren 2002 ungefähr 18 Prozent
der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren verschuldet, wobei die Schulden
zwischen 1,- Euro und 35.000,- Euro schwankten. Er stellte fest, dass die Ju-
gendlichen in erster Linie bei ihren Eltern Schulden machen, gefolgt von Freun-
den und Kreditinstituten (Lange, 2004, S. 153). Auch aktuellere Umfragen, wie
beispielsweise die Jugendstudie 2009 vom Bundesverband Deutsche Banken
(2009, S. 17), bestätigen diese Zahlen. Die Angaben aus unserer Erhebung lassen
eine andere Tendenz erkennen. Kredite in der Familie bzw. bei Freunden stehen
bei den Befragten erst an dritter und vierter Stelle (siehe Abbildung 5). Davor
liegen Kredite zu Anschaffungen (Konsumkredite) und Dispositionskredite
durch das Überziehen eines Girokontos. Während erste in der zur Zeit gegebenen
Phase der ‚0%-Finanzierungen‘ sehr günstig sein können und ‚nur‘ den verfüg-
baren finanziellen Spielraum während der Tilgungsphase einschränken, sind die
zweiten sehr kostenträchtig und führen ggf. in die Zinseszins-Spirale. Diese kann
leicht in einer Überschuldung enden. Demgegenüber sind Familien- und Freun-
deskredite wahrscheinlich zur Verzinsung und Tilgung weniger festgelegt.
40 Daniela Barry/Klaus Breuer

80%
70% Verschuldete aus Schuldnerberatung
60%
Verschuldete aus Schulen
50%
40%
30%
20%
10%
0%

Abbildung 5: Prozentuale Verteilung der Kreditarten bei den Verschuldeten


aus den Schuldnerberatungen und den Verschuldeten aus den
Schulen7

Die Diskrepanz zwischen den Angaben bei Lange und der Jugendstudie zu unse-
ren Daten entsteht ohne Frage aus den unterschiedlichen Altersspannen, die den
Erhebungen zu Grunde liegen. Nach Meinung der Autoren ist die Orientierung
am Konzept der ‚jungen Menschen‘ nach dem SGB VIII beim Umgang mit Geld
weniger hilfreich. Jugendliche unter 18 Jahre haben per Gesetz nicht die Mög-
lichkeit sich formal zu verschulden, da sie im Rahmen des Taschengeld-
Paragraphen allenfalls eingeschränkt Verträge schließen und auch ihr Konto
nicht überziehen können. Ihnen bleibt in der Regel nur die Möglichkeit, sich bei
Eltern, Verwandten oder Freunden Geld zu leihen. Volljährige junge Erwachsene
hingegen können sich im Rahmen ihrer vollen Geschäftsfähigkeit verschulden
und befinden sich meist in einer anderen Lebenslage, als Minderjährige. Die
jungen Erwachsenen befinden sich durchweg im Übergang von der allgemein-
bildenden Schule zur weiterführenden Bildung (Berufsschule, Universität usw.)
und treten vielfach in eine selbstbestimmte Lebensführung ein. Dies bietet den
jungen Erwachsenen, vor allem im Vergleich zu den minderjährigen Jugendli-
chen, weitergehende finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch Risiken
(Verband der Vereine Creditreform e.V., 2012). Aus diesem Grund werden in
unseren Arbeiten junge Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahre in den Blick
genommen. Die Wahl von anderen Altersspannen kann, wie immer sie auch

7 Mehrfachnennungen pro Person waren möglich.


Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 41

motiviert sein mag, zu statistischen Artefakten und darüber hinaus zum Herun-
terspielen von Gefährdungspotentialen führen.
Die Höhe der angegeben Schulden (vgl. Tabelle 3) schwankt bei den von
uns Befragten zwischen 30,- und 65.000,- Euro, wobei Kredite über 10.000,-
Euro nur sehr vereinzelt vorkommen und dann meist auf Hypotheken zurückzu-
führen sind. Bei sonstigen Krediten wurde von einer Person Schulden bei Gläu-
bigern aufgeführt.

Tabelle 3: Verteilung der Kredite8

Dispositions- Konsum- Fami- Freundes- Bauspar- Hypo- Sonstige

kredit kredit lien- kredit darlehen theken Kredite

kredit

N Gültig 20 20 9 8 2 2 1

Mittelwert 466,00 3654,00 1157,78 1281,25 90,00 40000,00 8000,00

Median 275,00 2250,00 970,00 450,00 90,00 40000,00 8000,00


a a a a a
Modus 100,00 500,00 2000,00 50,00 60,00 15000,00 8000,00

Standard-
499,69 3503,98 978,48 1883,37 42,43 35355,34
abweichung

Minimum 50,00 30,00 50,00 50,00 60,00 15000,00 8000,00

Maximum 2000,00 10000,00 3000,00 5500,00 120,00 65000,00 8000,00


a. Mehrere Modi vorhanden. Der kleinste Wert wird angezeigt.

In diesem Zusammenhang ist auch zu bedenken, dass Kredite vulgo Schulden


nicht per se problematisch sein müssen. Kredite können der Finanzierung von
langfristigen Verbrauchsgütern und darüber sogar dem Erzielen von Einkünften
dienen. Der PKW, der die Mobilität sichert, um einer Beschäftigung an einem
anderen Ort nachgehen zu können, bildet dafür ein Beispiel. Eine Hypothek dient
in der Regel dem Erwerb von Wohneigentum. Dabei stehen Zinsen und Tilgung
einem nicht mehr zu entrichtenden Mietzins bzw. dem Mietertrag gegenüber.
Genau gesehen muss also nicht nur nach der absoluten Höhe der Schulden, son-
dern nach deren wirtschaftlichem Zweck gefragt werden. Das sollte in zukünfti-
gen Erhebungen bedacht werden.

8 Zu den Bildungskrediten wurden keine Angaben gemacht, weshalb diese Schuldenart in dieser
Darstellung fehlt.
42 Daniela Barry/Klaus Breuer

Ebenfalls berücksichtigt werden sollte die wachsende Varianz der finanziel-


len Handlungsspielräume von jungen Erwachsenen in der Folge der Weitergabe
von Vermögensbestandteilen in unserer Gesellschaft. Das Phänomen der Genera-
tion der Erben setzt sich bis zu den jungen Erwachsenen fort und zieht eine sich
öffnende Schere der finanziellen Handlungsspielräume nach sich. Gleichzeitig
erhält die Forderung nach der Vertiefung finanzieller Bildung einen erhöhten
Stellenwert, weil eben ein höherer Gestaltungsrahmen und eine entsprechend
höhere Verantwortung bei jungen Erwachsenen zu beobachten sind.

3 Unterschiede in der Einstellung zu Geld

Das zentrale Ziel dieser Untersuchung ist auf die Frage gerichtet, ob das entwi-
ckelte und statistisch formal validierte Instrument zur Abbildung der Einstellung
zu Geld nutzbar ist, inhaltlich bedeutsame Aussagen zur Unterscheidung von
Teilgruppen mit unterschiedlichen Erfahrungen beim Umgang mit Geld treffen
zu können. So ist das quasi-experimentelle Design der Studie angelegt. Es wur-
den, wie beschrieben, junge Erwachsenen zu ihrer Einstellung zu Geld befragt,
deren finanzielle Lebenssituationen in definierter Form unterschiedlich sind. Die
Informationen zu den Charakteristika der Teilnehmer unterstreichen, dass eine
solche heterogene Zusammensetzung der Gesamtstichprobe vorliegt.
Das Konstrukt der Einstellung wird in der Literatur allgemein als nützlich
zur Erklärung und Voraussage und potentiell auch zur Kontrolle von Verhalten
angesehen (Benesch, Krech & Crutchfield, 1992, S. 33 – 34). Bezogen auf die
Einstellung zu Geld gehen wir davon aus, dass diese handlungsaktivierend und
-regulierend ist und somit einen unterschiedlichen Umgang mit Geld nach sich
ziehen kann.
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 43

7 Faktor 1
"Ansehen/
6 Macht"
Faktor 2
"Finanzielle
5 Planung"
Faktor 3
4 "Qualität
durch Geld"
Faktor 4
3 "Bedeutsamk
eit von Geld"
2 Faktor 5
"Geiz"
1
Verschuldete aus Nicht-Verschuldete Verschuldete aus Nicht-Verschuldete
Schuldnerberatung aus Schulen aus Schulen
Schuldnerberatung

Abbildung 6: Graphische Darstellung der Verteilung der Faktor-Mittelwerte in


den Gruppen

Abbildung 6 gibt einen Überblick zu den Mittelwerten der fünf Faktoren in den
vier Teilgruppen. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass unterschiedliche
Ausprägungen zu den Dimensionen der Einstellung zu Geld in den Teilgruppen
vorliegen. Die statistische Signifikanz diese Gruppenunterschiede, wurde mit
Hilfe einer multivariaten Varianzanalyse untersucht.9 So kann der Einfluss der
Gruppe auf die Kombination der Faktoren gezeigt werden. Dieses Vorgehen ist
üblich, wenn die abhängigen Variablen, in diesem Fall die fünf Faktoren, in
einem theoretischen Zusammenhang stehen. Dass solche Abhängigkeiten beste-
hen, wird in Abbildung 1 deutlich.
Teilergebnisse der multivariaten Varianzanalyse sind in Tabelle 4 darge-
stellt. Es wird deutlich, dass es bei allen Faktoren signifikante Unterschiede
zwischen mindestens zwei Gruppen gibt. Dieses Ergebnis bestätigt somit, dass
mit Hilfe aller Faktoren signifikante Gruppenunterschiede ermittelt werden kön-
nen. Nicht ablesbar ist in dieser Tabelle, welche Gruppen sich in Bezug auf die
einzelnen Faktoren unterscheiden. Hierzu wurde ein post-hoc-Mehrfachvergleich
gerechnet10.

9 Bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von α = 5 Prozent.


10 Es wurde der Games-Howell-Vergleich gerechnet, da die Varianz-Gleichheit nur bedingt
angenommen werden kann. Diese Varianz-Inhomogenität ist hauptsächlich auf die unterschied-
lichen Gruppegrößen zurückzuführen. Nachdem die Stichproben künstlich angeglichen wur-
44 Daniela Barry/Klaus Breuer

Tabelle 4: Ergebnisse der multivariaten Varianzanalyse11


Abhängige Mittel der Partielles
Quelle Variable df Quadrate F Sig. Eta-Quadrat

Gruppe Faktor1 3 9,830 7,867 ,000 ,068

Faktor2 3 18,356 12,443 ,000 ,104

Faktor3 3 7,288 5,193 ,002 ,046

Faktor4 3 6,064 5,544 ,001 ,049

Faktor5 3 4,453 3,449 ,017 ,031

Die Ergebnisse des Vergleichs sind zusammengefasst in Tabelle 5 dargestellt.


Die Tabelle zeigt, in Bezug auf welche Faktoren sich die einzelnen Gruppen
signifikant voneinander unterscheiden.

den, d.h. es wurden zufällig Fälle bei den Nicht-Verschuldeten in der Schule herausgeworfen,
konnte annähernde Varianzhomogenität nachgewiesen werden.
11 Hier werden nur die relevanten Teile des SPSS-Outputs der multivarianten Varianzanalyse
dargestellt.
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 45

Tabelle 5: Tabellarische Darstellung der Ergebnisse des


post-hoc-Mehrgruppenvergleichs

Nicht-
Verschuldete
Verschuldete Nicht-
aus Schuld- Verschuldete
aus Schuld- Verschuldete
ner- aus Schulen
ner- aus Schulen
beratung
beratung

Verschuldete aus
Finanzielle
Schuldnerbera-
Planung
tung

Qualität durch
Geld Finanzielle
Nicht-
Planung
Verschuldete aus
Bedeutsamkeit
Schuldnerbera-
von Geld Qualität durch
tung
Geld
Geiz

Faktor 3
Verschuldete aus Anse-
Faktor 4
Schulen hen/Macht
Faktor 5

Nicht-
Faktor 2
Verschuldete aus Faktor 2 Faktor 1
Faktor 3
Schulen

Inhaltlich interessant ist vor allem das Ergebnis, dass sich die Gruppe der Ver-
schuldeten aus den Schuldnerberatungsstellen in Bezug auf ihre Einstellung zur
finanziellen Planung (Faktor 2) signifikant von den Nicht-Verschuldeten aus den
Schulen unterscheiden. In Abbildung 6 stellt sich der Mittelwert für die Ver-
schuldeten aus der Schuldnerberatung (3,65) um 1 Skalenwert niedriger als der
für die Nicht-Verschuldeten aus Schulen (4,65) dar. Das korrespondiert mit der
in Abbildung 3 dargestellten Auskunft, dass die Verschuldeten in den Schuld-
nerberatungsstellen im Vergleich weniger sparen möchten beziehungsweise
weniger Spielraum zum Sparen haben, womit die finanzielle Zukunftsplanung
schwieriger zu gestalten ist.
Die Nicht-Verschuldeten aus den Schuldnerberatungsstellen unterscheiden
sich von den Nicht-Verschuldeten aus den Schulen in Bezug auf ihre finanzielle
Planung (Faktor 2) sowie ihrer Einschätzung der Qualität, die man sich mit Geld
kaufen kann (Faktor 3). Dies könnte auch ein Hinweis darauf sein, weshalb diese
46 Daniela Barry/Klaus Breuer

jungen Erwachsenen die Schuldnerberatungsstellen aufsuchen, obwohl keine


akute Ver- oder Überschuldung vorliegt.
Die verschuldeten Schüler und Auszubildenden in den Schulen unterschei-
den sich von ihren nicht-verschuldeten Mitschülern signifikant in Bezug auf ihre
Machtvorstellung (Leidenschaft) im Hinblick auf Geld (Faktor 1). Sie sehen
Geld eher als Symbol für Erfolg und Macht an, verwenden Geld eher um andere
zu beeinflussen oder sehen es als Lösung für ihre Probleme an.
Die Gruppe der Verschuldeten aus den Schulen unterscheidet sich signifi-
kant von der Gruppe der Nicht-Verschuldeten aus den Schuldnerberatungsstellen
in Bezug auf die Faktoren 3, 4 und 5. Sie unterscheiden sich somit zur Einschät-
zung der Wichtigkeit der Qualität, welche man sich mit Geld kaufen kann (Fak-
tor 3), durch die Bedeutsamkeit, welche Geld für die jungen Erwachsenen hat
(Faktor 4) und durch ihre Bereitschaft über die Kosten oder den Preis von Din-
gen zu verhandeln oder zu diskutieren (Faktor 5).
Die Vielfalt der signifikanten und von der Sache her nachvollziehbaren Un-
terschiede in der Ausprägung der Dimensionen der Einstellung zu Geld erscheint
bemerkenswert. Das entwickelte Instrument erscheint sensibel für die Abbildung
von Unterschieden in der Einstellung zu Geld die mit unterschiedlichen finanzi-
ellen Lebenslagen einhergehen.

4 Zusammenfassung und Ausblick

Ziel dieser Studie ist die weitergehende Betrachtung der entwickelten Skala zum
Konstrukt ‚Einstellung zu Geld‘. Dafür kann, nach den durchgeführten Validie-
rungsstudien, nun das Vorliegen eines nomologisch und formal-empirisch vali-
den Instruments angenommen werden. Zu diesem Instrument können auch Facet-
ten der ökologischen Validität, bzw. seine Nützlichkeit aufgezeigt werden. Durch
den Vergleich der Gruppen von verschuldeten und nicht-verschuldeten jungen
Erwachsenen aus der Schuldnerberatung und der Sekundarstufe II konnte aufge-
zeigt werden, dass das Instrument in der Lage ist, statistisch signifikante und
sachlich plausible Unterschiede in den Einstellungen auf allen fünf Faktoren
abzubilden. Zusätzlich konnte durch die Studie ein Einblick in die finanziellen
Gegebenheiten der 18-25-jährigen jungen Erwachsenen gewonnen werden. So
konnte gezeigt werden, dass die meisten jungen Erwachsenen ohne größere
Probleme mit den Mitteln umgehen können, die ihnen zur Verfügung stehen,
bzw. dass ein Teil der jungen Erwachsenen über ein beachtliches Volumen an
Erspartem verfügt (vgl. Tabelle 2). Auf der anderen Seite wurde auch ersichtlich,
dass dies nicht allen erfolgreich gelingt (vgl. Abbildung 3), was auf weiteren
Handlungsbedarf in diesem Bereich hindeutet. Vor Augen führen kann man sich
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 47

in diesem Zusammenhang, dass es nicht nur um das Vermeiden von persönlichen


finanziellen Problemen geht, sondern insbesondere um die Befähigung von Indi-
viduen für den erfolgreichen Umgang mit ihren finanziellen Ressourcen, im
Sinne eines mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Erfolgs (OECD 2012). Auf
persönliche finanzielle Erfolge gehen in einer Gesellschaft Impulse für das Wirt-
schaftssystem zurück.
In einer breiter angelegten quasi-experimentellen Studie sollen unter Einbe-
zug des Instrumentes nun Ausprägungen der Einstellung zu Geld bei jungen
Erwachsenen erforscht werden. Zentrale Aspekte der quasi-experimentellen
Variation bilden die Dimensionen ‚Affinität zu ökonomischen Zusammenhängen
(ökonomische Inklination)‘ und die ‚Entwicklung des individuellen Geldmana-
gements über die Zeit‘ in Hinblick auf die Einstellung zu Geld bei jungen Er-
wachsenen. Die erste Dimension wird über eine wirtschaftsbezogene Ausbildung
bzw. ein wirtschaftswissenschaftliches Studium versus einer technischen Ausbil-
dung bzw. einem ingenieurwissenschaftlichen Studium (beide ohne wirtschafts-
bezogene Elemente) abgebildet. Die zweite Dimension wird über die zeitliche
Erstreckung der Erfahrungen (im Querschnitt) im persönlichen Geldmanage-
ment, d. h. zum Beginn der Ausbildung bzw. des Studiums zum Bachelor versus,
bzw. mindestens zwei Jahre später, vor dem Abschluss der Ausbildung bzw. des
Studiums zum Bachelor operationalisiert. Über die Ausprägung der Einstellung
zu Geld werden in dieser Studie auch das ökonomische Wissen, die Muster bei
der Nutzung von finanziellen Ressourcen sowie die Erfahrungen im Umgang mit
finanziellen Ressourcen erhoben. Das sollte eine Basis für eine differenzierte
Analyse der finanziellen Lebenssituationen von jungen Erwachsenen mit den
einhergehenden Einstellungen bieten.
Die Erhebung stützt sich auf Instrumentarien, die in der Forschungsgruppe
zur ökonomischen Bildung am Lehrstuhl Wirtschaftspädagogik entwickelt, er-
probt und validiert worden sind. Diese Instrumentarien und ihre bisherige Nut-
zung sind aus Tabelle 6 ersichtlich.
48
Tabelle 6: Instrumente und Teilstudien in der Projektgruppe Financial Literacy am Lehrstuhl Wirtschaftspädagogik
Forschung zur finanziellen Beschreibung der Stichproben
Bildung durchgeführt vom
Lehrstuhl für Verschuldete Auszubildende im 1. Studenten der Schüler an Verschuldete Auszubildende im 1. und 3.
Wirtschaftspädagogik an der junge Erwachsene und 3. Lehrjahr mit Anglistik und Gymnasien und junge Lehrjahr mit folgender
JGU Mainz (Alter: 19-25) & folgender der Wirtschaft Wirtschafts- Erwachsene Ausbildungsrichtung:
nicht verschuldete Ausbildungsrichtung: (deutsche und gymnasien, (Alter: 17-25) Bänker, Industriekaufleute
junge Erwachsene Bänker, Industrie- englische Auszubildende im und Mechatroniker;
(Alter: 16-21) kaufleute und Fragebögen) kaufmännischen Bachelor Studenten der
Mechatroniker und gewerblich- Finanzwirtschaft und
technischen Mechatronik im ersten und
Bereich letzten Studiumsjahr
(Alter: 15-25) (Alter: 17-25)
N = 61 N = 651 N = 639 N = 414 N = 61 N ~ 2.000
Selbstregulation im
X1 X2
Umgang mit Geld
Ökonomisches Wissen X1 X2 X6
Wahrgenommene
finanzielle X2
Unterstützung
Selbstkonzept
finanzielle X2
Handlungskompetenz

Konstrukt
Einstellung zu Geld X3 X4 X5 X6
Gewohnheiten im 5
X X X X6
Umgang mit Geld
Erfahrungen im Umgang
X X6
mit Geld

1 Bender, N. & Breuer, K. (2011). Junge Menschen und frühe Schulden. Finanzielle Handlungskompetenz im Fokus wirtschaftspädagogischer Forschung. In C.W.
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2 Bender, N. (2012). Geldmanagement von jungen Erwachsenen. Frankfurt: Peter Lang.
3 Barry, D. & Breuer, K. (2012). Die Einstellung zu Geld bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Entwicklung eines Instruments in deutscher Sprache. In
Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“, Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden. Wiesbaden: Springer VS. 9-25.
4 Barry, D., Schiebe, V. & Breuer, K. (in diesem Band). Facetten der Validierung eines Instruments zur Messung der Einstellung zu Geld.
5 Vorliegender Bericht
6 Barry, D. (im Vollzug)
Daniela Barry/Klaus Breuer
Umgang mit und Einstellung zu Geld von jungen Erwachsenen 49

Der vorliegende Bericht schließt insbesondere das Projekt ab, das durch die Zeile
zum Konstrukt der ‚Einstellung zu Geld‘ und die vorletzte Spalte der Tabelle zur
Studie Barry & Breuer (vorliegend) mit N = 327 markiert ist. Die weiterführende
Studie von Barry (im Vollzug) mit N ~ 2000 ist in Arbeit. Der Bericht wird als
Qualifikationsarbeit der Erstautorin vorgelegt. Dabei rückt die Einstellung zu
Geld bei jungen Erwachsenen in Deutschland erstmals in differenzierter, umfas-
sender Form in den Blickpunkt.
Aus Tabelle 6 sind weitere Potentiale einer strukturierten Forschung zur fi-
nanziellen Bildung greifbar. Zum Beispiel ist das ökonomische Wissen sowohl
bei Bender (2012) als auch bei Barry (im Vollzug) erhoben worden. Bender hat
dabei einen quasi-experimentellen Ansatz im Querschnitt gewählt. Nachdem die
Erhebung von Barry zu einem Teil an denselben Schulen durchgeführt worden
ist, sind dabei auch dieselben Schüler zwei Jahre später noch einmal befragt
worden. Auf der Basis dieser Daten werden wir die Entwicklung des individuel-
len Wissens nicht nur im Querschnitt (vgl. Bender, 2012, S. 122 ff.; Breuer
2012) sondern im Längsschnitt analysieren können. Das verspricht eine interes-
sante Erkenntnis zu einem bisher nicht analysierten Aspekt finanzieller Bildung.
Weitere Analysen werden sich anschließen.
Eine zusätzliche Perspektive ergibt sich aus der Einbindung der Arbeits-
gruppe in ein internationales Forschungsnetzwerk, das zu dem Thema Financial
Literacy von der World Education Research Association (WERA) eingerichtet
worden ist. Darin hat der Zweitautor, zusammen mit einem indischen Kollegen
die Federführung.

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Bewältigung von Schuld(en) und Armut? „Grade die
Vorurteile sind halt schon sehr sehr schmerzlich“.
Diskursive Bilder als Gegenstand multidimensionaler
Bewältigung
Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

1 Einleitung

Wenn es im öffentlichen Diskurs um Schulden von Privatpersonen geht, ist da-


mit zumeist Überschuldung gemeint, d.h. die Situation, dass die Ausgaben die
monatlichen Einnahmen übersteigen. Es muss also zwischen Verschuldung und
Überschuldung unterschieden werden. Während die Tatsache der Existenz von
Schulden im Allgemeinen den vom Kreditsystem und den Banken mit geschaf-
fenen und damit gewünschten Normalfall darstellt – dies gilt insbesondere für
den Kauf kostspieliger Güter wie Autos und Immobilien, aber auch für (Kom-
munikations-)Medien, die immer öfter auf Raten erworben werden (können) –,
stellt Überschuldung ein sozial unerwünschtes Phänomen dar. Schulden möchte
man eigentlich nicht haben, und wenn man sie hat, dann ist es zumeist wün-
schenswert, sie schnell wieder loszuwerden, insbesondere wenn der zu tilgende
Betrag die monatlichen Einnahmen regelmäßig übersteigt. Zumindest stellt dies
eine Prämisse dar, die in Form von Alltagswissen vorausgesetzt werden kann,
wenn sich z.B. im Populärfernsehen wie der Sendung „Raus aus den Schulden“
Hilfesuchende an Peter Zwegat, einen staatlich anerkannten Schuldnerberater,
wenden. Diese Sendung selektiv als Beispiel für den öffentlichen Diskurs um die
Thematik private Schulden und private Schuldner herausgreifend, wird bereits
anhand des Titels deutlich, dass es als selbstverständlich vorausgesetzt werden
kann und so innerhalb der Sendung nicht mehr thematisiert werden muss, dass
die Existenz von Privatschulden – sofern sie nicht z.B. als steuerliches Instru-
mentarium eingesetzt werden – etwas zu Vermeidendes und nur für einen vorü-
bergehenden Zeitraum Akzeptiertes darstellen. Von Bedeutung ist zudem, wie
Peter Zwegat in seinen wöchentlich ausgestrahlten Sendungen den SchuldnerIn-
nen und ZuschauerInnen zu vermitteln sucht, dass es darauf ankäme, ‚dass die
Ausgaben die Einnahmen nicht dauerhaft überschreiten‘. Denn damit würden sie
nicht nur langfristig weitere Schulden anhäufen, sondern es sich oftmals unmög-

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_3,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
54 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

lich machen, existenziell notwendige Rechnungen (wie Strom, Wasser, Heizung,


Miete) zu zahlen. Auf diese Weise könnten sie von der – im öffentlichen Diskurs
oft so benannten – ,Schuldenfalle‘ in die ,Armutsfalle‘ geraten. Somit geht es
auch hier nicht um Schulden im Allgemeinen, sondern um die Form der Über-
schuldung, die als Problem mit vielfältigen weiteren Belastungen auf Seiten der
Überschuldeten einhergeht und durch die Hilfe des Schuldnerberaters vermieden
oder überwunden werden soll.
Auf der Internetseite „Pro-Schuldnerberatung“ wird die Arbeit des Schuld-
nerberaters folgendermaßen beschrieben: „Mit großem Einsatz arbeitet Peter
Zwegat als staatlich anerkannter Schuldenberater gegen die dauernd zunehmende
Verschuldung privater Haushalte. Herr Zwegat ist auch ausgebildeter Pädagoge
und arbeitet gegen fehlenden Antrieb, Faulheit, Lust- und Arbeitslosigkeit. Herr
Zwegat arbeitet oft gegen allzu große Naivität und allzu große Dummheiten von
hilfesuchenden Personen. Der bekannte Schuldenberater konnte bisher fast je-
dem Schuldner helfen: Raus aus den Schulden und aus der Armut“ (WWW-
Dokument 1).
Darstellungsformen von SchuldnerInnen und von Armut betroffenen Perso-
nen, von denen die erwähnte Sendung sowie die zitierte Deutung des darin ge-
zeigten Arbeitsfeldes von Herrn Zwegat durch die Internetplattform „Pro-
Schuldnerberatung“ lediglich ein empirisches Exempel darstellt, tragen dazu bei,
Vorstellungen und Bilder von Menschen, die Schulden haben, zu formieren, sie
zu prägen, sie lebendig und plastisch zu machen, sie zu verkörpern, ihnen ein
Gesicht und einen Namen zu geben und nicht zuletzt eine Lebens- (und auch
Schuld-) Geschichte. In dem hier vorliegenden Beitrag wird die Frage weiter
verfolgt, welche Bedeutung solche und andere konstruierte, der Öffentlichkeit
zugängliche Bilder für die von Schulden und/oder Armut betroffenen AkteurIn-
nen selbst spielen, ob und in welcher Form sie sich mit ihnen überhaupt konfron-
tiert fühlen und sich mit ihnen auseinandersetzen. In den Sozialwissenschaften
besteht weitestgehend Konsens darüber, dass Schulden und damit oftmals ein-
hergehend oder diesen vorausgehend Armut als multidimensional betrachtet
werden müssen (vgl. Bender/Hollstein/Huber/Schweppe 2011). Weniger behan-
delt wurde jedoch bisher die Frage, wie (auch stereotype) Bilder von Schuldne-
rInnen und von Armut Betroffenen an diese herangetragen werden und wie mit
diesen im Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Schulden- bzw. Ar-
mutssituation und dem Versuch, sie und die mit den Problematiken einhergehen-
den Belastungen zu bewältigen, agiert wird. Welche im öffentlichen Raum kur-
sierenden Bilder und Wissens- bzw. Vorstellungsformationen von Armutsbetrof-
fenen und SchuldnerInnen und Schuldzuschreibungen in Bezug auf ihre Situati-
on sich hierbei zeigen und welche Bedeutung dieser gesellschaftlichen Wahr-
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 55

nehmung in Bewältigungsprozessen der betroffenen Personen zukommt, sind die


in diesem Beitrag fokussierten Themen.

2 Armut und Schulden. Eine Frage der gesellschaftlichen


Wahrnehmung!? Theoretische und methodologische Annäherungen

Wird auf das Thema der privaten Überschuldung Bezug genommen, dominiert in
einigen TV- Sendungen die Darstellung der Unfähigkeit des Umgangs mit Geld
im Allgemeinen sowie der fehlenden Ressourcen und Kompetenzen zur Bewälti-
gung ihrer Schuldensituation im Besonderen als typische Zuschreibungen an die
betroffenen SchuldnerInnen. Auch in der Sendung „Raus aus den Schulden“
werden teils implizit, zuweilen jedoch auch offensiv und explizit Schuldzu-
schreibungen geäußert, die keinen Zweifel daran lassen, dass SchuldnerInnen
auch durch ihren unbedachten Umgang mit Geld die Schuld an ihrer (Schulden-)
Misere tragen. Dies ist nicht zuletzt durch das Format der Sendung selbst be-
gründet. 1 Nicht selten werden die SchuldnerInnen daher als unmündig, unwis-
send, unfähig und ungebildet dargestellt (vgl. beispielsweise die am 31. Oktober
und am 7. November 2012 ausgestrahlten Sendungen über Familie Zschepplin).2
Andererseits wird von den RedakteurInnen der Sendung sowie Herrn Zwegat
selbst in der Sendung zuweilen auch aufgezeigt, welch vielfältige Gründe und
komplexe Prozesse über viele Jahre hinweg dazu führen können, die Menschen
in „die Schuldenfalle“ zu treiben. In diesen Darstellungen spielen insbesondere
Schicksalsschläge eine bedeutsame Rolle. Indem somit die Aufarbeitung der
,Geschichte der aktuellen Schuldensituation‘ einen zentralen Bestandteil einer
jeden Episode darstellt, wird es für die ZuschauerInnen jeweils schnell deutlich,
wer und insbesondere ob die verschuldete Person selbst (durch unbedachtes
Handeln, Unwissenheit oder Sonstiges), ihr/e (Ex-)PartnerIn, die Geburt eines
oder mehrerer Kinder, eine Scheidung, Arbeitslosigkeit, Betrug, eine Abhängig-
keit (wie Spiel-, Alkohol- oder Drogensucht) oder Sonstiges die Schuldensituati-
on verschuldet hat. Die Frage nach der Schuld, deren Thematisierungen oder
Schuldzuschreibungen bezüglich der misslichen Lage, in der sich die Schuldne-

1 In diesem Zusammenhang sollte auch das Genre bzw. seine Funktionsweise berücksichtigt
werden. Da die Betrachtung der Sendung im vorliegenden Beitrag allerdings vornehmlich dem
Versuch dient, beispielhaft zu zeigen, dass und wie im öffentlichen Diskurs über SchuldnerIn-
nen gesprochen, wie mit ihnen umgegangen wird, mit welchen Vorstellungen ihnen begegnet
wird und wie in diesem Prozess Bilder von SchuldnerInnen produziert werden, wird hier eine
gattungsanalytische Bearbeitung bewusst nicht weiter verfolgt.
2 Das Gleiche zeigt sich auch im öffentlichen Diskurs über Jugendverschuldung, der häufig als
Finanzkompetenzdiskurs geführt wird und in vielfältigen Programmen bzw. Maßnahmen sei-
nen Ausdruck findet (z.B. „Finanzführerschein“).
56 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

rInnen befinden, stellen demnach ein zumeist explizit behandeltes Thema der
Sendung „Raus aus den Schulden“ dar. Insgesamt werden Schulden somit als
individuell bedingtes Problem konnotiert – sei es durch die immer wieder pro-
klamierte mangelnde Finanzkompetenz, sei es durch folgenreiche Schicksals-
schläge.
In diesem Kontext ist auch die Thematisierung von Armut zu sehen, die in
der eingangs zitierten Zielvorstellung der Pro-Schuldnerberatungsplattform
„Raus aus den Schulden und aus der Armut“ in einen interpendenten Zusam-
menhang gestellt wird und in der Sendung zum einen implizit in Form der The-
matisierung von Verzichten erfolgt, die von den SchuldnerInnen seit Jahren
bewältigt werden (müssen) und zum anderen zuweilen auch in der Darstellung
der nicht vorhandenen Bereitschaft, die in Anbetracht der Schuldensituation
notwendigen Verzichte zu üben, stattfindet. Belastungen, Existenzängste und
Zukunftssorgen werden von den SchuldnerInnen in Gesprächen mit Herrn
Zwegat geäußert und wenn dies in Anbetracht fehlender Anerkennung der Über-
schuldungssituation nicht erfolgt, so wird dies von Herrn Zwegat aufgegriffen,
der in diesen Fällen ein ,Wachrütteln‘ und Maßnahmen zur Verantwortungs-
übernahme der Überschuldeten einzuleiten versucht.
Damit werden in Bezug auf die Entstehung und Bewältigung von Armut
und Schulden insbesondere zwei Erklärungsmuster bedient, die jeweils eng mit
den Kategorien der Selbst- und Fremdverschuldung in Zusammenhang stehen.
Ist die Frage nach der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Armut und Schul-
den demnach zunächst eine Schuldfrage?
Die Auseinandersetzung mit und die Wirksamkeit solcher Vorstellungen
zeigen sich beispielsweise, wenn verschuldete Menschen offenkundig auch
sprachlich bemüht sind, sich von der persönlichen Ursachenverschuldung und
damit der Trägerschaft der an dieses Kriterium gebundenen „normalen Schul-
den“ zu distanzieren. So schilderte z.B. ein 26 Jahre alter Mann, der verschuldet
ist:

„Schulden hab ich momentan ja wegen meinem Auto Leasing ja (?) aber das sind
eigentlich keine Schulden im Sinne das sind halt einfach jetzt Finanzierungen […]
und die andere Sache war BAföG – Amt […] als Schüler normalerweise bezahlt
man net zurück was man kriegt vom BAföG also anders als Student jo aber die
Schulleiterin hat ein Fehler gemacht und sie hat mir dann am Ende Schulden verur-
sacht […] aber ich sag immer noch es war net meine Schuld wie auch immer also
Schulden normale Schulden jetzt sag mal so die ich selbst verursacht hab hab ich net
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 57

[…] ich mach auch langsam Raten zahlen weil ich will auch leben und alles andere
3
machen mehrere Sachen kaufen wie auch immer ganz normale Personen“.

Unterschiedliche Normalitätsverständnisse werden in diesem Auszug deutlich:

1.) Wie eingangs angesprochen, gibt es Formen der Verschuldung, die als Fi-
nanzierungen gezielt eingegangen werden und – sofern sie kalkuliert abge-
tragen werden – gesellschaftlich akzeptiert und von den Kreditgebern er-
wünscht sind. Das Beispiel des Auto-Leasings verdeutlicht entsprechend die
mögliche Wahrnehmung dieser weit verbreiteten Kreditaufnahmen als „das
sind eigentlich keine Schulden“.
2.) Davon zu trennen sind Schulden, deren Tilgung zum Problem wird, sowie
Fälle der nicht geplanten Schuldenanhäufung, bei der die Frage der eigenen
oder fremden Verschuldung relevant wird, auch wenn die Raten beglichen
werden und das Geld für Zwecke wie Bildung in Anspruch genommen
wird.
3.) Verschuldete Personen unterscheiden sich von „normalen Personen“, insbe-
sondere wenn die Schuldenbelastung finanzielle Einschnitte nach sich zieht,
und die Führung eines „ganz normalen“ Lebens nicht mehr möglich ist.

Auf diese Normalitätsvorstellungen wirken offenkundig unterschiedliche Kate-


gorien von Schulden, von Verschuldung und von Schuldnern ein, die hier mit
den implizierten Gegensatzbildern Schulden vs. Finanzierungen; Selbst- vs.
Fremdverschuldung und „normale Personen“ vs. von Armut betroffene Schuld-
ner aufgezeigt werden.
Im vorliegenden Zusammenhang soll der Fokus auf diese im öffentlichen
Raum zirkulierenden Bilder und stereotypen Wissenskomplexe über von Armut
und Schulden Betroffene gelegt und thematisiert werden, in welchen Kontexten
sie mit belastenden Vorurteilen und Vorstellungen konfrontiert werden. Im öf-
fentlichen Diskurs wird die Tatsache, dass es sich hierbei um soziale Probleme
handelt, nicht mehr ausgehandelt, sondern vorausgesetzt. Die Exklusionsprozes-
se, die mit materiellen Einschränkungen einhergehen, wurden bereits unter ande-
rem differenziert nach verschiedenen Personengruppen betrachtet (vgl. etwa
WWW-Dokumente 2; Deutschmann 2006, S. 225). Zu betonen ist dabei, dass
diese zu bewältigenden Exklusionsprozesse sowie existenzbedrohlichen Situati-
onen selbst als schwere Belastungen aufgefasst werden müssen.

3 Es handelt sich hierbei um den Auszug eines Interviews, das im Rahmen einer qualitativen
Studie zur Bewältigung von Armut und Schulden unter Bedingungen der Migration erhoben
wurde. Für weitere Informationen zu dieser Studie siehe die nächste Seite.
58 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

Die in diesem Beitrag verwendeten empirischen Daten stammen aus einem


Forschungsprojekt, das jene Belastungen untersucht und den Fokus hierbei auf
die Bewältigung von Armut und Schulden unter Bedingungen der Migration
richtet.4 Die im Rahmen des Projektes erhobenen Interviews wurden mit betrof-
fenen MigrantInnen geführt, und die Exploration ihrer Lebenswelten und ihrer
Normalitätsvorstellungen wurde mithilfe eines offenen und eines leitfadenge-
stützten Teils vorgenommen, in dem auch nach Umgangsweisen und Bewälti-
gungsstrategien von armuts- und schuldenbelasteten Lebenssituationen gefragt
wurde. Im Verlauf der Untersuchung wurde deutlich, welch große Rolle stereo-
type Vorstellungen spielen, die in Bezug auf verschiedene Kategorien wirksam
werden können. So wiesen die Untersuchungen darauf hin, dass einerseits nor-
mativ geprägte Bilder in Bezug auf ,SchuldnerInnen‘, jedoch auch in Bezug auf
,Arme‘ und ,MigrantInnen‘ existieren und in verschiedener Weise relevant ge-
macht werden. Dass die Angehörigkeit und die Identifizierung derselben zu
solchen Kategorien als grundlegend dafür erachtet werden können, ob und wel-
che Stereotypisierungen, Diskriminierungen und Zuschreibungen von Vorurtei-
len vorgenommen werden, stellt eine empirische Beobachtung dar und zugleich
eine Tatsache, die von der Ethnomethodologie anerkannt und aufgearbeitet wur-
de.
Die in der Situation als kleinster zu untersuchender sozialer Einheit anset-
zende Ethnomethodologie beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie in konkre-
ten Situationen und deren Interaktionen durch AlltagsteilnehmerInnen Sinn und
soziale Ordnung produziert wird.5 Insbesondere das auf Harvey Sacks zurückge-
hende Konzept der ,membership categorization‘, das in dem breiteren Rahmen
der Ethnomethodologie zu verorten ist, widmet sich der Untersuchung der prak-
tischen Produktion sozialer Ordnung durch Praktiken, innerhalb derer Mitglied-
schaften zu bestimmten Kategorien (re)produziert, vergegenwärtigt und markiert
werden. Kategorien, mit denen sich AlltagsteilnehmerInnen ihr Handeln gegen-

4 Im Forschungsprojekt wird ein relativer Armutsbegriff zugrunde gelegt, der nicht nur die
monetäre Dimension eines soziokulturellen Existenzminimums, sondern auch nicht-
ökonomische und immaterielle Dimensionen berücksichtigt, um Unterversorgungen und be-
schränkte Handlungsspielräume in verschiedenen Lebensbereichen und die Multidimen-
sionalität und Heterogenität von Armut in den Blick zu nehmen (vgl. Hollstein/Huber/
Schweppe 2010).
5 Hierunter wird beispielsweise bereits eine so alltägliche Situation wie ein Besuch einer Bäcke-
rei verstanden. Es wird hier in der Regel sowohl durch die hinter der Theke stehende Person,
die in etwa „Was darf es denn sein?“ fragt als auch durch die vor der Theke sich befindliche
Person, die hierauf eine passende Antwort gibt, soziale Ordnung reproduziert. Harold
Garfinkel zeigte in seinen Krisenexperimenten, dass soziale Ordnung von einer außerordentli-
chen Brüchigkeit gekennzeichnet ist und schon eine einzige der sozialen Situation nicht ange-
messene Frage oder Aussage die anderen AlltagsteilnehmerInnen vollständig verunsichern
kann (vgl. Garfinkel 1967).
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 59

seitig verstehbar machen, sind z.B. Frau oder Mann, können aber auch Sozialhil-
feempfänger, Bettler, Manager oder Kind sein. Bedeutsam ist, dass mit solchen
Kategorien immer auch bestimmte Verhaltensweisen („category-bound
activities“) verknüpft sind, die kompetente AlltagsteilnehmerInnen von den der
Kategorie Angehörigen erwarten (können) (vgl. Hester 1992, S. 157).
Dies ist der Fall und funktioniert, weil AlltagsteilnehmerInnen über typen-
spezifische Vorstellungen und Erwartungen an verschiedenste soziale Akteure
verfügen. So gehen wir beispielsweise davon aus, dass ein Hochschullehrer eher
in der Universität in einem Buch lesend anzutreffen ist als mit einem Hund auf
einer Decke auf der Straße einer Großstadt: dies würde dagegen eine Situation
bzw. eine Aktivität darstellen, die eher von jemandem zu erwarten ist, den wir
vielleicht als ,Obdachlose‘ kategorisieren würden. Es sind demnach vielfältige
Vorstellungen mit bestimmten Kategorien verbunden, denen Personen als zuge-
hörig zugeschrieben werden. Als ,membership categories‘ können Klassifikatio-
nen sozialer Typen verstanden werden, mithilfe derer Personen beschrieben und
als Angehörige einer bestimmten Kategorie identifiziert werden können. Die mit
den Kategorien stets auch verknüpften „category-bound activities“ werden typi-
scherweise von jenen Personen ausgeführt, die als gewissen Kategorien angehö-
rend identifiziert werden (vgl. auch Hester 1992, S. 157). Durch solche Bilder
werden also Wissen und (auch stereotype) Vorstellungen über Angehörige spezi-
fischer Gruppen konstruiert, diese jedoch auch in sie eingepasst.
Im Folgenden werden die im öffentlichen Raum kursierenden Bilder von
SchuldnerInnen und von Armut betroffenen Personen und deren Konfrontation
mit den AkteurInnen selbst betrachtet. An einem empirischen Fall wird die
Multidimensionalität von Armut und Schulden aufgezeigt und dabei – mit einem
Fokus auf die Akteurin – dargestellt, wie mit der Konfrontation der Bilder bzw.
Kategorien umgegangen wird und welche Rolle dies im Prozess der Bewältigung
von Armut und Schulden bzw. den damit verbundenen Belastungen spielt.

3 Armut und Schulden als Stigma – „Man kommt sich halt schon vor wie
so’n Mensch zweiter zweiter dritter vierter Klasse“

Im Folgenden betrachten wir Ausschnitte aus der Interviewtranskription der


Studierenden Franzi, die ihren Lebensunterhalt aktuell mit 590 Euro BAföG
bestreitet und in einer Wohngemeinschaft lebt. Bevor sie anfing zu studieren und
BAföG zu beziehen, war sie in ihrer Herkunftsfamilie von Arbeitslosengeld II
bzw. der einst sog. Sozialhilfe abhängig. Im Interview berichtet sie sowohl von
ihren heutigen Erfahrungen als auch davon, wie sie die finanziell knappen Mittel
als Kind erlebte.
60 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

Abhängigkeit von staatlicher finanzieller Unterstützung und Schulden

Aus ihrer Erzählung wird der Zusammenhang zwischen behördlichen Strukturen


und Abläufen sowie individuellen Lebenssituationen und der Bereitschaft zur
Aufnahme von Schulden bzw. den Sorgen deutlich, die damit verbunden sein
können:

„beim Sozialamt, war’s bei uns oft so, dass sie Anträge erst Monate später haben
durchkommen lassen und dann gesagt haben ja wir zahlen aber nur für die letzten
zwei Monate nach, das heißt, wenn man sich vielleicht in dem Zeitraum Geld gelie-
hen hatte, war man halt aufgeschmissen weil dann war wieder die Frage wie zurück-
zahlen (..) und das, führt dann eben auch dazu dass man eigentlich wenn man so fi-
nanzielle Probleme hat auch gar nich mehr irgend jemanden fragen möchte kannst
du mir was leihen weil man weiß (betont) eben nie kann ich es zurückzahlen oder
wann kann ich es zurückzahlen wie lange dauert das wo wo muss ich das abzwa-
cken, geht das, ja das is halt so ne Sache“.

Franzi beschreibt hier die als belastend erlebte Abhängigkeit der langsamen
bürokratischen Abläufe des Sozialamtes, die „oft“ dazu führten, dass nach der
regelmäßig erforderlichen Antragsstellung wochenlang keine Gelder ausgezahlt
wurden und es daher für die Familie notwendig wurde, sich zur Überbrückung
privat Geld zu leihen. Diese bürokratisch veranlasste Notwendigkeit zur Schul-
denaufnahme ging zugleich mit der Ungewissheit und der Entwicklung von
Sorgen einher, ob man das für die Zeit des finanziellen Engpasses geliehene
Geld werde zurückzahlen können. Diese Unsicherheit hängt einerseits eng damit
zusammen, dass die Verfügbarkeit über finanzielle Mittel stets und andauernd
beschränkt ist und spätere Rückzahlungen mit zukünftigen Einbußen verbunden
sind. Andererseits thematisiert Franzi auch die Gefahr, dass eigentlich zustehen-
de Geldbeträge verloren gehen können, wenn der Antrag erst Monate später
bearbeitet wird, da Beiträge ggf. nur für die letzten zwei Monate erstattet wer-
den. Franzi resümiert daher, „dass man eigentlich wenn man so finanzielle Prob-
leme hat auch gar nich mehr irgendjemanden fragen möchte kannst du mir was
leihen“. Dennoch führt die finanzielle Lebenssituation und speziell die beschrie-
bene Praxis der Ämter dazu, dass sie dies nicht immer wie gewünscht umgehen
kann. Auch aktuell kommt sie mit Zahlungen in Verzug und muss sich Geld
leihen, da Gelder von den zuständigen Behörden verspätet ausgezahlt werden:

„dadurch, dass ich jetz auch schon wieder (betont) darauf warte, dass mal wieder der
BAföG-Antrag angeschmissen wird weil ich nen Folgeantrag stellen musste, der is
jetz seit 2 Monaten liegt der schon da, ich war da jetz auch dort und hab gefragt is
der angekommen oh mein Gott ich hab kein Geld mehr ich hab meine ganzen Re-
serven aufgebraucht (..) und der war noch nich mal aufgeklappt gewesen (..) also (..)
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 61

den hatte noch nie jemand vor der Nase quasi gehabt, und dann […] kommt das
Geld frühestens Ende nächsten Monats (..) und dann steh ich jetz halt schon wieder
hier und bin darauf angewiesen, dass mein Mitbewohner mich eben nicht (betont)
rausschmeißt weil ich grad mal die Miete einen Monat im Rückstand bin und bin auf
Freunde angewiesen, die vielleicht n bisschen Geld übrig haben, das sie mir leihen
können“.

Der zitierte Ausschnitt verweist auf Franzis Erleben, in einer permanenten finan-
ziellen Abhängigkeit zu leben und dabei nach wie vor insbesondere der Zügig-
keit des Verwaltens auf den jeweiligen Ämtern ausgeliefert zu sein. Sind ihre
Reserven aufgebraucht und hat das BAföG-Amt ausstehende Beiträge (noch)
nicht gezahlt, so ist sie „auf Freunde angewiesen, die vielleicht ‫ތ‬n bisschen Geld
übrig haben“, um es ihr zu leihen. Auch hier – in Bezug auf diese informelle
Hilfe durch ihre Freunde – wiegt Franzi sich in Ungewissheit: Ob die Freunde zu
verleihendes Geld „übrig haben“ oder nicht, ist für sie nicht vorhersehbar. Zu-
gleich ist die Situation des privaten Geldleihens aufgrund der schleppenden be-
hördlichen Abläufe von ihr nicht erwünscht. Es zeigen sich hierin Franzis Be-
dürfnisse, geliehenes Geld wieder zurückzuzahlen und im besten Falle auch zu
wissen, wann sie dazu fähig sein würde.
Während Franzi damit die erfahrene Kontinuität bezüglich der Auszahlung
formeller finanzieller Unterstützung (in Form von BAföG und Sozialhilfe), der
erforderlichen informellen Geldleihe und der Schwierigkeit einer zeitnahen
Rückzahlung aufzeigt, nennt sie in ihrer folgenden Erzählung eine zusätzliche
Problematik, die mit dem Erhalt von BAföG verbunden ist:

„BAföG is ja auch gedeckelt, mehr als 10.000 muss man auf gar keinen Fall zurück-
zahlen, mit dem Zurückzahlen muss man erst anfangen fünf Jahre nachdem das Stu-
dium abgeschlossen ist und bla bla bla das ist alles ganz gut gemacht im Gegensatz
zu den privaten Bildungskrediten wo man teilweise echt seine Zukunft verpfändet es
ist halt da wenigstens nicht so aber nichts desto trotz kommt man nachher ausm Stu-
dium raus und hat Schulden am Hals und Leute, die kein Geld haben, die machen
auch nicht gerne Schulden. Also mir geht’s jedenfalls so, ich mach nicht gerne
Schulden und der Gedanke, dass ich danach gleich Schulden am Hals hab dann viel-
leicht noch keinen Job kriege das is ne absolute Katastrophe weil wovon soll ich das
abstottern? […] Und das beeinflusst alles, wie man mit Geld umgeht, das man hat,
wie man mit Geld haushaltet, das man noch nicht hat, wie man das einplant und na-
türlich auch was man was man mit seiner mit seiner Freizeit macht, was man isst,
wie man sich kleidet, was fürn Berufsweg man einschlägt und so weiter, es geht
wirklich in alle Bereiche und dabei isses nur (betont) Geld.“

Anhand der Darstellung Franzis zeigt sich die starke Belastung, die mit der Per-
spektive, nach dem Studium „Schulden am Hals“ zu haben und diese ab einem
62 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

bestimmten Zeitpunkt abtragen zu müssen, einhergeht. Die Belastung gründet


insbesondere in ihrer Unsicherheit darüber, wie ihre zukünftige berufliche Situa-
tion/Erwerbstätigkeit zum Datum der beginnenden Tilgungsfrist aussieht. Damit
zeigt sich auch hier die Bedeutsamkeit der Dimension Zeit für die Bewältigung
von Schulden. Es wirkt sich entsprechend besonders belastend aus, wenn keine
Perspektive darüber besteht, die Schuldenlast fristgemäß begleichen zu können.
Diese Unsicherheit und die beschriebene Angst vor der „Katastrophe“, das Dar-
lehen vielleicht nicht „abstottern“ zu können, beschreibt Franzi in ihrem umfas-
senden Einfluss auf ihre aktuelle Lebenssituation, ihre beruflichen Ziele und vor
allem den Umgang mit dem verfügbaren Geld.

Haushalten und Sparen als biographisch entwickelte persönliche


Kompetenzen

In ihrer Erzählung verdeutlicht Franzi das stetige Bestreben, ihre Ausgaben (für
Essen, Kleidung, Freizeitaktivitäten uvm.) möglichst gering zu halten und zu
sparen. Hierbei greift sie auf entwickelnde Praktiken des ,Haushaltens‘ zurück,
die sie aufgrund der finanziellen Einschränkungszwänge bereits früh in ihrer
Herkunftsfamilie erfuhr und von ihrer Mutter erlernte:

„Damals „hatten wir eigentlich die meiste Zeit über nur sehr wenig Geld trotzdem
hat meine Mutter immer (betont) geguckt dass ich nicht zu kurz komme hat ihr gan-
zes Geld in mich (betont) eigentlich investiert was sie irgendwie erübrigen konnte
hat Geld abgezwackt, und hat halt sehr gut gehaushaltet das macht sie jetzt mit mei-
nem Bruder genauso der is ja jetz grade mal acht Jahre alt, und es war eigentlich
immer klar, dass wir nicht viel Geld hatten, und, das beeinflusst dann natürlich auch
die Entscheidungen okay was mache ich (..) geht (betont) das jetz wirklich (betont)“.

Franzi verdeutlicht hier die stete Achtsamkeit ihrer Mutter darauf, dass sie und
ihr Bruder auf möglichst wenig verzichten müssen und sie nicht „zu kurz kom-
men“. Die Formulierung des „zu kurz Kommens“ verweist auf normative Vor-
stellungen, die in Bezug auf die Bewertung von und Möglichkeiten der Teilhabe
am sozialen Leben bestehen. Es zeigen sich hierin normative Vorstellungen
darüber, was Kindern in Deutschland materiell zusteht oder was sie bekommen
sollten. Indem die Mutter ihren Kindern zuliebe Verzicht übt, wird deutlich, dass
sie versucht, sich in ihrem Handeln diesen normativen Vorstellungen anzunähern
bzw. ihnen weitestgehend zu entsprechen und damit vielleicht auch einem nega-
tiv besetzten Bild einer ,armen Mutter‘ zu entkommen, deren Kinder in unange-
nehmer Weise von materiellen Einschränkungen und evtl. auch Diskriminierun-
gen betroffen sind. Es zeigt sich somit, dass Differenzen zu bestehen scheinen,
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 63

wer offenbar nicht zu kurz kommen darf und entsprechend Unterstützung erfah-
ren sollte, um eine Mangellage zu vermeiden: die Kinder, auch auf Kosten der
Eltern. Zweifelsohne hängt diese Verantwortung der Eltern ihren Kindern ge-
genüber auch damit zusammen, was Eltern in unserer Gesellschaft heute anneh-
men, Kindern gegenüber materiell leisten und geben zu müssen, um ,gute Eltern‘
zu sein. An dieser Stelle wird deutlich, dass es nicht nur eine Kategorie ,Eltern‘,
sondern hierin noch Subgruppen zu geben scheint wie z. B. ,gute‘ und ,schlech-
te‘ Eltern und bestimmte ,membership category-bound activities‘ gezeigt werden
müssen, um der einen oder anderen Kategorie als zugehörig betrachtet zu wer-
den. Ebenfalls beachtenswert wäre die Untersuchung, in welcher Situation Kin-
der sich befinden müssen bzw. welche ,activities‘ sie zeigen müssen, um als
,arme Kinder‘ kategorisiert zu werden 6 . Ausgehend von diesen Überlegungen
stellen sich folgende Fragen: Sind von Schulden und/oder Armut betroffene
Familien besonderen Belastungen ausgesetzt, die mit der öffentlichen Wahrneh-
mung in Zusammenhang stehen? Spiegeln etwa Ängste oder Vorwürfe, den
Kindern nicht genug ,bieten zu können‘, solche negativen Zuschreibungen wider,
welche z.B. die Elternrolle in Frage stellen? Gibt es solche im öffentlichen Raum
kursierenden, normativen Bilder und wie kommen diese zum Ausdruck, wie
entfalten sie ihre Wirkung und wie reagieren die Betroffenen auf diese?
„Nicht zu kurz kommen“ zu wollen zeigt die Bezugnahme auf soziale Ver-
gleichskategorien des Erwünschten bzw. ,Normalen‘, in denen solche Vorstel-
lungen indiziert sein können. An welchen Vorstellungen sich dabei in dem hier
skizzierten Fall konkret orientiert wird, geht aus den empirischen Daten nicht
hervor. Jedoch werden die Versuche, damit umzugehen, evident. So erzählt
Franzi davon, dass ihre Mutter „sehr gut gehaushaltet“ habe. Es handelt sich
demnach um eine Strategie, die sich vordergründig auf die Bewältigung der
individuellen finanziell prekären Situation richtet und nicht auf die Veränderung
der Ansprüche der Außenwelt. Dabei werden die Bedürfnisse der Kinder in den
Vordergrund gestellt, um zumindest ihnen materielle Teilhabe zu ermöglichen.
Die nicht nur entlastende Auswirkung dieser Strategie auf die Kinder zeigt
sich daran, dass Franzi sich trotz oder gerade wegen der Ermöglichungsversuche
ihrer Mutter, die ihr und ihrem Bruder das Gefühl nehmen sollen, sich einge-
schränkt zu fühlen, selbst die Frage stellt: „geht das jetz wirklich?“. Eine Form
der Internalisierung des mütterlichen Sparverhaltens wird hier deutlich; obgleich
die Mutter dieses vornehmlich in Bezug auf ihre eigene Person einsetzt, um die
Kinder möglichst wenig von den Einsparungen spüren zu lassen. Es zeigt sich
hier eine Form der Verantwortungsübernahme Franzis ihrer Mutter bzw. ihrer

6 Hiermit sind nicht etwa bestimmte Definitionen von Armut gemeint, sondern vielmehr die
praktischen Produktionen des Verständnisses der AlltagsteilnehmerInnen und die Frage, wann
sie (oder auch die öffentlichen Medien) Kinder als arm identifizieren.
64 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

gesamten Familie gegenüber, die gerade deshalb stattfindet, weil sie weiß, dass
ihre Mutter die jeweiligen Entscheidungen für eine besondere Aktivität, die fi-
nanziell entschädigt werden muss, nicht in ablehnender Weise für sie treffen
wird. Da Franzi jedoch die finanziellen Möglichkeiten der Familie nicht durch
eigene Aktivitäten weiter reduzieren möchte, bindet sie sich in ein verantwor-
tungs- und in Bezug auf andere Familienmitglieder rücksichtsvolles Manage-
ment des Haushaltseinkommens ein.
Im Folgenden erzählt sie eine Anekdote, durch die diese Rücksichtnahme
verdeutlicht wird:

„wenn dann die Mutter gesagt hat: ja das kriegen wir schon hin, die eigene persönli-
che Entscheidung okay will ich jetzt, dass sie sich da wieder irgendwas wegspart nur
damit ich das haben kann, wollt ich dann irgendwann nicht. Das ging dann soweit,
dass wenn wir am Monatsende dann wirklich kaum noch Geld hatten und das, was
weiß ich dann war zum Beispiel nur noch eine Tafel Schokolade da dann hab ich sie
dann übriggelassen für meine Mama und meine Mama hat sie dann liegengelassen
für mich und dann hat (lachen) die dann keiner von uns beiden gegessen weil wir sie
für den anderen aufheben wollten“.

Die Schokolade, die als etwas Besonderes zum Monatsende übrig war, wird hier
zum Symbol für Rücksichtnahme und den wechselseitigen Versuch, der Anderen
etwas Gutes zu tun. Diesen symbolischen Charakter gewinnt die Schokolade
aufgrund der Tatsache, dass sie in der vorliegenden Situation etwas Besonderes,
etwas Außergewöhnliches ist und für die damalige Situation als Luxusartikel
verstanden werden kann. Wie ihre Mutter möchte auch Franzi nicht, dass diese
zu ihren Gunsten verzichtet. Franzi verhielt sich also gegenüber ihrer Mutter
gerade deshalb so rücksichtsvoll und nahm die Schokolade nicht für sich, weil
diese sie für sie vorgesehen hatte. Damit wird deutlich, dass Franzi durch ihre
Mutter, die die knappen finanziellen Mittel in sparender Manier zusammen hielt
und stets versuchte, sie ihren Kindern angedeihen zu lassen, einen Habitus7 be-
sonderer Rücksichtnahme erlernen konnte (vgl. zu „Entwicklungsmöglichkeiten
durch die Erfahrung prekärer finanzieller Lagen innerhalb familiärer Verstri-
ckungen“ ausführlich auch Bender/Hollstein/Huber/Schweppe 2011, S. 90 ff.).
Dass dieser einen dauerhaften, konsistenten Charakter annahm, von dem im
weiteren biographischen Verlauf auch Andere profitieren konnten, verdeutlicht
Franzi auch an folgender Stelle, die sich auf einen Mitbewohner ihrer Wohnge-
meinschaft bezieht:

7 Der Habitus „formt sich im Zuge der Verinnerlichung der äußeren gesellschaftlichen (materiel-
len und kulturellen) Bedingungen des Daseins. Diese Bedingungen sind, zumindest in moder-
nen, differenzierten Gesellschaften, ungleich, nämlich klassenspezifisch verteilt“ (Schwingel
2003, S. 60).
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 65

„man färbt da schon son bisschen auch auf andere Leute ab grade ich jetz mit mei-
nem Mitbewohner, der n bisschen lax mit Geld umgeht der immer sehr schnell pleite
is aber, ich hab ihm so n bisschen (lachen) das Haushalten nähergebracht, und ja
[…] die meisten anderen Leute die sparen nich unbedingt für schlechte Zeiten son-
dern mehr weil sie irgendwas Teureres haben wollen und das is bei mir eben nich so
weil was teureres haben wollen das fällt sowieso schon mal flach […] wenn man
nich viel Geld übrig hat muss man halt Hierarchien darin errichten, Miete muss sein
Essen muss sein, Bücher für die Uni müssen sein weil man sonst nicht lernen kann,
ja und der ganze Rest, muss man gucken wie man’s hinbiegt was einem grade am
wichtigsten is oder, was am teuersten kommt quasi, zum Beispiel ja auch die, Quar-
talsgebühr wenn man wenn man zum Arzt geht, da muss man das dann so legen,
dass man quasi nur 2 Quartale im Jahr bezahlt, also nur 20 Euro statt 40 Euro“.

Unter Bezugnahme auf die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten, die sie


und ihr Mitbewohner zur Verfügung haben, verdeutlicht Franzi, dass er aufgrund
der größeren finanziellen Ressourcen „lax“ mit diesen umgehe, weniger als sie
darauf achte, wofür er wie viel Geld wann ausgibt und daher in der Vergangen-
heit „immer sehr schnell pleite“ gewesen sei. Dies steht im Kontrast zu ihrer
eigenen Umgangsweise mit Geld. Der oben angeführte Transkriptionsausschnitt
gibt Aufschluss darüber, welche Praktiken des „Haushaltens“ Franzi entwickelte.
Diese können zum einen mit ,Priorisierung der aktuell dringendsten Bedarfe‘ und
zum anderen mit ,Sparen‘ bezeichnet werden. Die dritte Strategie Franzis besteht
darin, sich ,Geld von Freunden zu leihen‘, die jedoch häufig kaum Geld übrig
haben, obwohl sie viel mehr zur Verfügung haben, was innerhalb ihrer Erzäh-
lung verdeutlicht, wie erfolgreich ihre Strategien in Relation zum Umgang ihrer
FreundInnen mit Geld sind. Auf dieser Vergleichsfolie deutet Franzi die von ihr
und ihrer Mutter selbst als finanzielle Mangellage betrachtete Lebenssituation als
eine, die den Nährboden für den Erwerb besonders trag- und zukunftsfähiger
(weil sparsamer) Umgangsstrategien mit monetären Mitteln bildet. Diese Per-
spektive auf eine Lebenssituation, die durch die geringen finanziellen Mittel
einem finanziellen Kompetenzerwerb und damit der persönlichen Entwicklung
zuträglich war, zeichnet ein Gegenbild zur erfahrenen öffentlichen Wahrneh-
mung von SozialhilfebezieherInnen, das Franzi im Weiteren näher beschreibt.
66 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

Die Konfrontation mit öffentlichen Bildern

Erstmals Bezug auf öffentliche Bilder, mit denen sie sich konfrontiert fühlte,
nimmt Franzi in dem folgenden Ausschnitt, der zeigt, von welch prekärer Situa-
tion die Familie betroffen war und wie sie darauf reagierte:

„mir is mein Bett kaputt gegangen der Rahmen ist gebrochen der war auch schon
aus zweiter Hand wie die meisten meiner Möbel, und dann fiel mir auch noch die
Deckenlampe das war so n Kronleuchter fiel mir direkt vor die Füße und hätt mich
halb erschlagen das war in der selben Woche das heißt ich (lachen) hatte kein Bett
mehr und keine Lampe (lachen), und meine Mutter so Oh mein Gott wir haben kein
Geld, und ich ja gut dann stellen wir halt nen Antrag und meine Mutter so nach län-
gerem hin und her ja hm ok stellen wir nen Antrag, den haben wir dann gestellt und
natürlich haben die uns nicht (betont) geglaubt, dass zwei Sachen in derselben Wo-
che kaputt gegangen sind, das heißt irgendwann klingelte es an der Tür, ich ging al-
so hin mach so auf steht da so n älterer Herr ja guten Tag wer sind sie denn(?) ja ich
komm vom Sozialamt sie haben da so nen Antrag gestellt auf Möbelförderung und
jetzt wollte ich das überprüfen ob sie das wirklich brauchen das Geld und ich so jaha
(lachen) dann kommen sie mal rein und der kommt in mein Zimmer (lachen) Bett
kaputt Matratze liegt daneben keine Lampe mehr an der Decke (lachen) alles im Ei-
mer und er so ähh ja ok machen sie sich keine Sorgen der Antrag ist auf jeden Fall
durch. Das sind halt so Sachen, ja, da kommt man so n bisschen ins Grübeln, weil es
is eigentlich ja schon Geld das einem theoretisch zusteht, aber man will erstens mal
nich den normalen Leuten auf der Tasche liegen wenn man n normales Gerechtig-
keitsverständnis hat, und sich halt wirklich denkt, ja das ist halt wirklich für die Be-
dürftigen und ich bin (betont) zwar bedürftig aber, man is ja mit eigenen Vorurteilen
konfrontiert zum Beispiel Dank Florida-Rolf et cetera pp des wird dann in den Me-
dien schön breitgetreten, das war ja dieser Sozialhilfeempfänger der in Florida ge-
wohnt hat“.

Insbesondere der Verweis auf „Florida Rolf“ verdeutlicht die Macht medialer
Diskurse, die starken Einfluss auf die Bewältigung der prekären Situation neh-
men und Bilder prägen, die kognitiv abgerufen werden und das eigene (auch
Deutungs-)Handeln beeinflussen können. Die Gedanken, die Franzi in Folge der
Überprüfung des gestellten Antrages für ein neues Bett entwickelt und mit dem
Teilsatz „wenn man ´n normales Gerechtigkeitsverständnis hat“ normalisiert,
repräsentieren, dass sie die Konfrontation mit Vorurteilen scheut, die durch mas-
senmediale Diskurse produziert bzw. angeheizt werden. Man käme „ins Grü-
beln“, obwohl man bedürftig sei und das Geld der „normalen Leute“ einem ge-
setzlich zustehe. Dennoch bringt sie eine Ablehnungshaltung gegenüber der
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 67

Annahme des Geldes zum Ausdruck, das durch z.B. „Florida-Rolf8“ bzw. viel-
mehr das über die ihn berichtenden Medien konstruierte Bild eines Sozialhilfe-
empfängers, der es sich auf Kosten der Arbeit der „normalen Leute“ gut gehen
ließ, ein schönes und faules Leben machte, versinnbildlicht wurde. Der von
Franzi als „Florida-Rolf“ genannte Sozialhilfeempfänger erhielt diese Bezeich-
nung im massenmedialen Diskurs. Indem sie hier auf jemanden rekurriert, der
sich auf Kosten des Staates ein luxuriöses Leben leistete, verdeutlicht sie, dass
sie sich von diesem negativ konstruierten Bild eines den Staat ausnutzenden
Sozialhilfeempfängers abgrenzen will. Zugleich scheint sie sich durch die Tatsa-
che belastet zu fühlen, dass sie sich mit Vorurteilen konfrontiert sieht, die ihr –
durch massenmediale Darstellungen diskursiv aufbereitet – an die Hand gegeben
werden. Dies wird zudem dadurch deutlich, dass Franzi zwar einerseits nicht in
eine Kategorie mit „Florida-Rolf“– einem ,Sozialschmarotzer‘, so die Logik des
Diskurses – geworfen werden will, dass sie sich aber andererseits auch nicht zur
Gruppe der „normalen Leute“ zählen kann. In gewisser Weise erfolgt hier eine
Selbstexklusion, Franzi gehört ihrer eigenen Deutung nach aufgrund ihrer Be-
dürftigkeit und der Tatsache, sich nicht selbst eine neue Lampe bzw. ein neues
Bett kaufen zu können, in eine andere Gruppe von Personen. Die Kategorie der-
jenigen, die Hilfe vom Staat annehmen, wird einerseits unterteilt in Bedürftige,
die tatsächlich dringend finanzieller Unterstützung bedürfen. Andererseits wer-
den solche Unterstützungsnehmende thematisiert, die auf Kosten des arbeitenden
Teils der Bevölkerung leben und sich darauf ausruhen. So zumindest tritt die
Logik des durch Franzi hindurch sprechenden Diskurses auf. Auch interessant ist
die Tatsache, dass Franzi hier von „eigenen Vorurteilen“ spricht. Freilich sind es
nicht subjektiv entwickelte Vorurteile, die sie hier nennt. Vielmehr sind es gera-
de solche, die im öffentlichen Raum kursieren und die sie an der hier vorliegen-
den Stelle des Interviews selbst relevant macht, da sie in der Sorge lebt, mit
solchen unangenehmen und undifferenzierten Vorurteilen konfrontiert zu wer-
den. (Präventiv) konfrontiert sie sich selbst damit, setzt sich reflexiv mit ihnen
auseinander und vollzieht in diesem kognitiven Disput wie nebenbei den
Schluss, dass sie selbst nicht zu den „normalen Leuten“ gehöre, wenn sie nicht –
wie die normalen Leute es ihrer Ansicht nach offenbar tun können – für sich
selbst und ihre Bedürfnisse Sorge tragen kann.
Nachdem Franzi im folgenden Interviewverlauf weitere negative Vorurteile
nennt, erzählt sie ein weiteres, das sie besonders traf und das im Folgenden auf-
geführt wird. Anhand dieses Beispiels wird zudem deutlich, dass es nicht nur
abstrakte Bilder, unbekannte Personen sein können, die durch die Medien zu

8 Über den als „Florida Rolf“ Popularität erlangten „Sozialschnorrer“ (WWW-Dokument 3), der
etwa 1.900 Euro pro Monat vom deutschen Staat bezog und sich damit sein Leben in Florida
finanzierte, wurde 2003 durch die Massenmedien (zuerst die Bildzeitung) berichtet.
68 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

einem in weiteren Deutungen als Stereotyp funktionsfähig werdenden Typ stili-


siert werden. Franzi wurde auch privat, in sozialen Alltagsinteraktionen mit
schmerzhaften Vorurteilen konfrontiert:

„die meisten denken (betont) auch nicht unbedingt, dass ich aus so nem Hintergrund
komme mein eigener Exfreund hat damals zu mir gesagt ja ich hätte ja niemals (be-
tont) gedacht, dass du (betont) ein Sozialhilfeempfänger bist, dass du aus solchen
Verhältnissen kommst und da überlegt man sich dann ja ok Dankeschön (betont) das
hat gesessen“,

und resümiert im Folgenden:

„grade die Vorurteile sind halt schon sehr, sehr schmerzlich, weil man kommt sich
halt schon vor wie so’ n Mensch zweiter zweiter dritter vierter Klasse beliebig nach
unten erweiterbar, weil auch die Leute auf dem Sozialamt nicht unbedingt freundlich
mit einem umspringen“.

Franzi nennt hier zwei Konfrontationspunkte mit Vorurteilen: Während der erste
ihr Exfreund war, eine signifikante Person für sie, was sie besonders traf und
anhand der Aussage „das hat gesessen“ und der Bezeichnung „mein eigener
Exfreund“ (Hervorh. d. Autorinnen) verdeutlicht wird, handelt es sich bei dem
zweiten um eine staatliche Institution. Dort wird Franzi nicht als Individuum,
sondern vielmehr als eine von vielen betrachtet, die aufgrund ihrer finanziellen
Situation und ihres Anliegens, an diese spezielle Institution geraten. Die dort
arbeitenden Angestellten – so Franzis Empfinden – scheinen sie aus ihrer Sicht
nicht angemessen und nicht respektvoll bzw. würdig, „nicht unbedingt freund-
lich“ zu behandeln, wodurch sie sich als „Mensch zweiter zweiter dritter“ oder
gar „vierter Klasse“ fühlt. Wenn Franzis Ex-Freund sich dagegen wundert, dass
man Franzi weder ansähe noch anmerke, dass sie „aus solchen Verhältnissen“
komme, und dies ihr gegenüber auch auf diese Weise zum Ausdruck bringt, wird
explizit, dass er nur aufgrund einer Normalitätsvorstellung typischer Sozialhilfe-
empfänger oder armer Menschen überhaupt die Differenz zwischen ersteren und
Franzi herstellen und erkennen kann. Dem Freund dienen hier demnach Bilder,
die im öffentlichen Diskurs über SozialhilfeempfängerInnen konstruiert werden,
als Normalitätsfolie, vor der Franzi sich in (seiner Wahrnehmung) in einem
zweiten Schritt abhebt. Dass auch Franzi selbst diese Vorurteile kennt, mit ihnen
auf verschiedene Weise – massenmedial vermittelt, im face to face Kontakt mit
dem eigenen Freund sowie bei einem Behördengang – konfrontiert wird, zeigt,
dass im Zuge der Bewältigungsarbeit der prekären finanziellen Situation das
Ankämpfen gegen diese (abwertenden, stereotypen) Bilder und Vorurteile auch
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 69

anspruchsvolle Darstellungsarbeit der eigenen Person vor sich selbst und Ande-
ren anfällt.

Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, BAföG – „die gesellschaftliche Wertung is ne


ganz andere“

Anhand dieser Erläuterungen über die Angewiesenheit auf das Sozialamt zeigt
sich, dass die geleistete staatliche Unterstützung gleichermaßen stigmatisierend
wie hilfreich ist. Nicht zuletzt im und durch das Aufsuchen solcher Ämter bzw.
die Tatsache, dass von ihnen finanzielle Unterstützung bezogen wird oder viel-
mehr bezogen werden muss, finden Kategorisierungen von Menschen in Grup-
pen wie z.B. ,die Armen‘, ‚die SozialhilfeempfängerInnen‘, ,die Arbeitslosen-
geldbeziehenden‘ etc. statt. Auf diese Kategorien rekurriert auch Franzi immer
wieder. Über ihre Lebenssituation mit dem Bezug von BAföG erzählt sie:

„meiner Meinung nach isses im Prinzip nich viel anders als Sozialhilfe oder jetzt
eben Arbeitslosengeld II nur die Gesellschaftliche Wertung is ne ganz andere, wenn
man irgendwo erzählt hat, ja hm ich bin BAföG-Empfänger, ja dann hat’s immer
geheißen ja hm du studierst und so weiter ja macht’s Spaß(?) hm, dann kam das
gleich aufs Studium, wenn man sagt, ich bin Sozialhilfeempfänger (betont) dann
hat’s immer gleich geheißen ah ja, mhm, dass war so ne etwas, merkwürdige Reak-
tion wie gesagt viele haben dann auch gesagt ja das hätt’ ich von dir (betont) nie ge-
dacht und so weiter weil damit eben auch immer dieses Klischee verbunden is nich
gebildet zu sein, dass is beim BAföG-Empfänger ja nich so man geht ja davon aus
okay wenn er’s immerhin auf die Uni (betont) geschafft hat kann der so blöd nich
sein, der muss irgend (betont) ne Bildung haben und vor allen Dingen Abitur, und,
ja wenn man halt Sozialhilfeempfänger is dann heißt es immer okay (betont), wie is
es dazu gekommen (..) und dann, denken sich halt die meisten okay wer kriegt Sozi-
alhilfe irgendwelches arbeitsloses Pack, und äh, irgendwelche Realschul-Kiddies die
keine die keine Lehre bekommen haben also die richtig hochintelligent sein müssen
(lachen) und so weiter und so fort da hängen einige Klischees dran und je nachdem
mit wem man sich darüber unterhält können da schon mal sehr verletzende Kom-
mentare kommen, so dass man dazu übergeht es gar nich mehr zu sagen (..) also
wenn jemand fragt, ja was macht deine Mutter, ja im Moment is sie arbeitslos man
sagt dann lieber sie is arbeitslos (betont) als das man sagt sie kriegt Sozialhilfe (be-
tont), weil arbeitslos das kann ja jedem (betont) passieren aber Sozialhilfe das is ja
nur was für so Pack (..) und das is eben sehr problematisch, und das is wenigstens
im Moment noch so’n positiver Punkt dass es beim BAföG-Amt halt gar nich so is“.

Es zeigt sich insgesamt, dass die diskursiven Repräsentationen sich auf das sub-
jektive Empfinden Franzis und deren Umgang damit auswirken und bestimmte
70 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

Bilder wie das von Florida-Rolf ihr Unwohlsein mit der finanziellen Förderung
durch den Staat prägen. Franzi leidet dabei zugleich unter der konkreten und
direkten Konfrontation mit Vorurteilen, die durch unterschiedliche Interaktions-
partner verkörpert an sie herangetragen werden. „Arbeitsloses Pack“, Menschen,
die nicht gebildet und intelligent seien, sind jene Zuschreibungen, die sie als
Assoziationen mit dem Bezug von Sozialhilfe erlebt. Die verletzenden Kommen-
tare und die oftmals fehlenden Perspektiven, diese Bilder zu korrigieren, führen
dazu, dass Franzi diese Situation in ihrer Herkunftsfamilie zunehmend verbirgt.
Um die erfahrenen Abwertungen zu vermeiden, bedient sie sich einer anderen
Kategorie, die sie als weniger klischee- und schambesetzt erlebt: die der vorü-
bergehenden Arbeitslosigkeit. Ihre Erklärung, „weil arbeitslos das kann ja jedem
(betont) passieren“, verdeutlicht, dass hier unterschiedliche Vorstellungen exis-
tieren, die nicht derart eng auf ein bestimmtes negatives Bild von Arbeitslosen-
geld I-BezieherInnen begrenzt sind. Da Arbeitslosigkeit jeden treffen könne, ist
die von Franzi erfahrene Kategorisierung folglich nicht durch gleichsam verlet-
zende Pauschalisierungen, wie ‚selbst schuld, dumm oder faul zu sein‘, gekenn-
zeichnet. Durch den Rückgriff auf diese Kategorie und die inzwischen mögliche
Selbstbeschreibung als „BAföG-Empfängerin“ schafft Franzi sich entlastenden
Freiraum. Zwar sind die Einkommenssituation und die erfahrene Bürokratie
„nicht viel anders“ beim Bezug von BAföG, aber „die gesellschaftliche Wertung
ist ne ganz andere“. Indem die unmittelbare Verknüpfung mit Bildung und Stu-
dium mit konträren Zuschreibungen assoziiert ist, generiert die Inanspruchnahme
dieser staatlichen Unterstützungsform nicht zu einem zentralen psychosozialen
Bewältigungsgegenstand und weist in diesem Zusammenhang auch auf die un-
terschiedliche öffentliche Wertung von Verschuldung zurück, die mit dem Erhalt
von BAföG zwangsläufig einhergeht. Es zeigt sich demnach, dass in Abhängig-
keit von den Zugehörigkeitskategorien, die Betroffene einzunehmen vermögen,
sowohl der Bezug von staatlicher finanzieller Unterstützung als auch Schulden
als mehr oder weniger belastend erlebt werden, weil die gesellschaftliche Wahr-
nehmung in Abhängigkeit von eingenommenen oder zugeschriebenen Katego-
rien und damit verbundenen Wertvorstellungen, variiert. Auch Schulden sind
somit nicht gleich Schulden, sondern diskursiv vermittelt.

Fazit: Die Bewältigung von Armut und Schulden und das Problem der
Doppelmoral gesellschaftlicher Wahrnehmung

Anhand der empirischen Daten wird deutlich, dass sowohl die Belastungen als
auch die Bewältigung von Situationen, nicht über genügend finanzielle Mittel zu
verfügen (sei es beispielsweise als EmpfängerIn von Sozialhilfe II bzw. Arbeits-
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 71

losengeld oder aufgrund einer Ver- und Überschuldungssituation), vor dem Hin-
tergrund bestehender gesellschaftlicher Bilder gesehen werden müssen. Entspre-
chend dominant erfolgte im Fall Franzi die Erläuterungen der eigenen Lebens-
weise in Abgrenzung, also in Differenz zu Erfahrungen, Lebenslagen oder Dar-
stellungen von Lebensweisen anderer Gruppen oder Personen. In diesen jeweili-
gen Bezugnahmen oder Abgrenzungen innerhalb ihrer Erzählung (wie z.B. Flo-
rida-Rolf, Ex-Freund oder MitarbeiterInnen des Sozialamtes, Mutter oder Bruder
und Mitbewohner oder weitere FreundInnen) zeigten sich die jeweiligen Deu-
tungen Franzis, die in zentraler Weise durch im öffentlichen Raum kursierende
Bilder beeinflusst sind, ebenso wie die Normalitätsvorstellungen der genannten
Interaktionspartner. Die Versuche Franzis, den negativen Deutungen ihrer finan-
ziellen Mangellage zu entgehen, stets gut zu haushalten und zudem die finanziel-
le Lebenssituation diesbezüglich als Ressource zu betrachten, die die Basis eines
außerordentlichen Kompetenzerwerbs im Umgang mit Geld bilde, kann als eine
Bewältigungsstrategie gesehen werden, mit der sie sowohl das Leiden unter der
Konfrontation mit Vorurteilen abmildern kann, als auch die Belastung, nur we-
nig Geld zur Verfügung zu haben und sich somit auch weniger als Andere leisten
zu können. Es zeigen sich hier Selbst- und Umdeutungen als Bewältigungsstra-
tegien und somit bedeutsame Ressourcen der Akteurin, die in einem besonderen
Umgang mit der finanziellen Mangellage und der den Bewältigungsprozess er-
schwerende Relevanzmachung negativer, stereotyper Bilder bzw. Vorurteile im
öffentlichen Raum begründet sind.
Der Rückbezug auf das theoretische Konzept der Membership cate-
gorization erscheint in diesem Zusammenhang aufschlussreich. 9 So zeigt die
Einnahme einer solchen Perspektive die mitunter auch konfligierenden Bilder
und Erwartungen auf, die im Sinne einer Doppelmoral in der Gesellschaft beste-
hen und mit denen wir uns oft auseinanderzusetzen haben: einerseits in der Kon-
sumgesellschaft teilhaben und das heißt auch mithalten können zu müssen –
,koste es, was es wolle‘ – und andererseits aber so haushalten zu können, dass
die Ausgaben nicht die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel übersteigen.
Die soziale Widersprüchlichkeit von Konsumdruck und Sparsamkeit wird dabei

9 Ergänzend könnte in diesem Zusammenhang die Vorurteilsforschung betrachtet werden, die


sich mit dem Einfluss von negativen Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen auseinander-
setzt und dessen Bedeutung für die Wahrnehmung, das Denken und Verhalten der jeweiligen
AkteurInnen analysiert (vgl. Bohner 2002, S. 267). Mit der Bezugnahme auf diese Perspektive
könnten u.a. folgende weiterführende Fragen in den Blick genommen werden: Welche Funkti-
onen erfüllen bestimmte Einstellungen in Bezug auf spezifische soziale Gruppen? Durch wel-
che Prozesse und Faktoren werden negative Einstellungen einer Person bestimmt? Wie können
sich Einstellungen ändern und welche Konsequenzen ziehen diese nach sich? Die Untersu-
chung dieser Fragen bietet damit interessante Anknüpfungspunkte an das Konzept der Mem-
bership categorization.
72 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

nicht nur unter Bedingungen knapper finanzieller Ressourcen zur individuellen


Bewältigungsaufgabe. Insbesondere jene, die nicht mit vielen finanziellen Mit-
teln ausgestattet sind, geraten jedoch in die Konfliktsituation, Strategien zu ent-
wickeln, welche es ihnen ermöglichen, „das ‚eigentliche‘ Leben zu leben“
(Thomas 2010, S. 106). Dahinter verbirgt sich für Thomas unter anderem, die
weltläufige „Entfaltung von Bedürfnissen, Geschmack und Lebensstil“ (Thomas
2010, S. 106). Die Spannung, die sich zwischen dem Wunsch, „den gesamten
Monat über für eine gesicherte Lebensführung für alles Notwendige zu sorgen“
(ebd.), sich gleichzeitig jedoch nicht ausschließlich zu beschränken, sondern
auch Geld zu investieren, um am „eigentlichen Leben“ zu partizipieren, muss
von den AkteurInnen selbst austariert werden. Nicht immer können wie von
Franzi Strategien gefunden werden, die die Bedeutsamkeit materieller Aspekte
gesellschaftlicher Teilhabe zugunsten eines sparsamen Haushaltens zu relativie-
ren helfen. Vor dem Hintergrund dieser Doppelmoral gesellschaftlicher Wahr-
nehmung, mit der AkteurInnen auf verschiedene Weise konfrontiert sind, kann
damit auch das vermehrt auftretende Phänomen der Verschuldung von Jugendli-
chen betrachtet werden: Wenn Verschuldungen zum Zwecke des symbolisch
besetzten Konsums eingegangen werden und zu Überschuldungen werden kön-
nen, die dann wiederum die Existenz bedrohen, so sollte überlegt werden, ob
,Existenzsicherung‘ in unserer Gesellschaft nicht vielleicht mehr bedeutet als
dies auf den ersten Blick erscheint. Wie beispielsweise auch Zwegat darauf be-
steht, dass es das wichtigste sei, dass Strom-, Wasser- und Mietzahlungen geleis-
tet werden können, ist dies Bestandteil der im öffentlichen Raum zirkulierenden
Diskurse. Diese richten im Sinne einer Doppelmoral schier unerfüllbare Ansprü-
che und Anforderungen an AkteurInnen, die mit knappen finanziellen Mitteln
auskommen müssen. So formuliert auch Thomas in Bezug auf die Gruppe der
Jugendlichen: „Existenzsicherung bedeutet in der Wohlstandsgesellschaft damit
sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdbewertung die Sicherung von
Respektabilität. Durch Adaption eines zeitgemäßen Ausdrucksstils und einer
anerkannten Lebensform, die in der Waren- und Konsumgesellschaft notgedrun-
gen Geld kosten, versuchen sie der Stigmatisierung zu entkommen“ (Thomas
2010, S. 105). Zuschreibungen zu spezifischen Kategorien und die damit ver-
bundenen Stereotypen und Vorurteile sowie Stigmatisierungen wurden im Rah-
men des Beitrags durch das Konzept der Membership Categorization zu fassen
gesucht. Diese Perspektive ermöglicht es zudem, den Einfluss unterschiedlicher
Konstellationen kategorialer Zuschreibungen im Hinblick auf die Anforderungen
oder das Potential der Bewältigung zu betrachten. So scheint es Kategorien zu
geben, deren Angehörigen ein so hohes Prestige zukommt, dass auch die zusätz-
liche Angehörigkeit zur Kategorie der Schuldner dem Ansehen nicht schaden
muss. Ein verschuldeter Hochschulprofessor kann beispielsweise eine ganz ande-
Bewältigung von Schuld(en) und Armut? 73

re Wirkung auf Andere erzielen als ein verschuldeter Alkoholiker oder Sozialhil-
feempfänger. Insbesondere in Bezug auf die Frage nach der Schuldzuschreibung
scheint es hier – meist implizit bleibende – Annahmen zu geben, die eine bedeut-
same Rolle dabei spielen, mit welchen Diskriminierungen und Vorurteilen ein-
zelne Personen konfrontiert werden. Das Konzept der Membership Categoriza-
tion könnte im Rahmen der Untersuchung von Menschen, die von Armut und
Schulden betroffen sind, dazu dienen, die vielfältigen Zuschreibungen, von de-
nen sie betroffen sind und die häufig als zusätzliche starke Belastungen identifi-
ziert werden müssen, dezidiert in den Blick zu nehmen. Da Menschen niemals
nur einer einzigen Kategorie angehören, sondern insgesamt unermesslich vielen,
die je nach Kontext zu verschiedenen Zeitpunkten einzeln oder in einer Pluralität
relevant gemacht werden können, kann im Rahmen der Untersuchung der Kon-
frontation mit Vorurteilen und des Umgangs der AkteurInnen auch eruiert wer-
den, wie im öffentlichen Raum zirkulierende Diskurse Probleme konstruieren.
Mit der diskursiv vermittelten ,Schuldfrage‘ im Kontext von Armut und Schul-
den sind Konstruktionen individueller Problematiken verbunden, in der Gesell-
schaftsstrukturen ausgeblendet bleiben. Gleichzeitig ist das genannte Problem
der ,Doppelmoral‘ eines, mit dem von Schulden und Armut betroffene Menschen
in Deutschland auf vielfältige Weise konfrontiert werden, das kreative Um-
gangsweisen erforderlich macht und damit als relevanter Handlungskontext
multidimensionaler Bewältigung zu berücksichtigen ist.

Literatur

Bender, Désirée/Hollstein, Tina/Huber, Lena/Schweppe, Cornelia (2011): Krisen und


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Springer-Verlag, S. 265-315.
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74 Désirée Bender/Tina Hollstein/Lena Huber/Cornelia Schweppe

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www.pro-schuldnerberatung.de/?a=1&t=0&y=3001&r=0&n=146&i=&c=25
&v=page&o=&s= (abgerufen am 16.11.2012).
WWW-Dokument 2: Armut, Armutsrisiko und soziale Exklusion von Kindern und Jugendli-
chen: http://www.mfi.public.lu/publications/RapportNationalSituationJeunesse/Chapi-
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WWW-Dokument 3: Wikipedia Online Dokument http://de.wikipedia.org/wiki/Florida-
Rolf (abgerufen am: 13.11.2012).
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung –
ein Rechtsvergleich
Curt Wolfgang Hergenröder

I Die Entschuldung zahlungsunfähiger Personen als ewiger


Reformprozess

Zum 1.1.1999 trat die Insolvenzordnung in Kraft, anders als die aus dem Jahre
1877 datierende Konkursordnung ermöglicht sie zahlungsunfähigen Personen,
ihre Schulden dauerhaft loszuwerden. Ungeachtet der dafür im Einzelnen ins
Felde zu führenden rechtspolitischen Gründe1 handelte es sich letztendlich um
die Reaktion des Gesetzgebers auf einen unhaltbar gewordenen Zustand in der
Gesellschaft: die Überschuldung weiter Kreise der deutschen Bevölkerung.2 Wer
freilich meint, Schuldenbewältigung durch Restschuldbefreiung sei eine völlige
Neuerung der deutschen Rechtsordnung, irrt: Frühere deutsche Rechte kannten
bereits der Restschuldbefreiung vergleichbare Institute, exemplarisch sei hier nur
Art. 107 der Hamburger Fallitenordnung vom 31.8.1753 genannt. Diese ging auf
das römische Recht zurück, das dem Schuldner nach der „cessio bonorum“, also
der Abtretung der Güter Schuldturm und Infamie ersparte. Die Schuldenbereini-
gung existiert freilich schon seit frühester Zeit als Motiv und gesellschaftliche
Aufgabe im jüdisch-christlichen Kulturkreis3. Die Entwicklungslinie der deut-
schen Entschuldungsgesetzgebung in jüngerer Zeit beginnt mit der Geschäftshil-
fe aus dem Jahre 1914 und findet ihre Fortsetzung in den Vergleichsordnungen
der Jahre 1927 und 1935. Für den Bereich der Landwirtschaft findet sich in der

1 Zu den Gründen Hergenröder, in Hadding/Hopt/Schimanski (Hrsg.), Verbraucherschutz im


Kreditgeschäft, Compliance in der Kreditwirtschaft, 2008, 39, 52 ff.
2 Private Überschuldung in Zahlen und Fakten bei Hergenröder/Kokott, in: Forschungscluster
„Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ (Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe
trotz Schulden, Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, 2012, 65, 68 ff.
3 Anlauf, Vorgänger der Restschuldbefreiung nach heutigem Insolvenzrecht, 2006, 3, der auf
folgendes Zitat aus 3. Mose 25, Verse 8-10 verweist: „Und Du sollst zählen sieben Sabbatjah-
re, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre ausma-
che. Da sollst Du die Posaune blasen lassen durch euer ganzes Land am zehnten Tage des sie-
benten Monats, am Versöhnungstag. Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine
Freilassung ausrufen, für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für Euch sein. Da soll
ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen“.

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_4,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
76 Curt Wolfgang Hergenröder

Weimarer Zeit eine Entschuldungsgesetzgebung, die bis in die NS-Zeit reicht.4


Zu nennen ist schließlich auch das Vertragshilfegesetz aus dem Jahre 1952.
Während in den genannten Gesetzen des 20. Jahrhunderts anfänglich nur die
Rahmenbedingungen der Schuldentilgung geregelt wurden, also dem Schuldner
die Rückzahlung erleichtert wurde, ging der Gesetzgeber später dazu über, finan-
zielle Hilfe zur privatautonomen wenn auch staatlich-moderierten Entschuldung
zu gewähren, um schließlich die hoheitliche Entlastung der Bürger von ihren
Schulden sicherzustellen.5 Den vorläufigen Schlusspunkt dieser Entwicklung
markierte die Insolvenzordnung.
Indes sind Verbraucherinsolvenzverfahren und Restschuldbefreiung seit
ihrer Einführung im Jahre 1999 nicht zur Ruhe gekommen. Dies belegt schon die
Tatsache, dass weniger als zwei Jahre nach Inkrafttreten der Insolvenzordnung
eine erste legislative Korrektur erfolgen musste. Ganz in der Tradition der alten
Konkursordnung hatte die Insolvenzordnung keine Prozesskostenhilfe vorgese-
hen, auch sonst litt das gesetzliche Modell der Entschuldung zahlungsunfähiger
Personen an einigen Kinderkrankheiten.6 Die deshalb gebotene Reform des Jah-
res 2001 mit ihrer Entlastung des zahlungsunfähigen Schuldners von den Kosten
der Verbraucherinsolvenz war ein durchschlagender Erfolg, die Verfahrenszah-
len explodierten förmlich.7 Die damit verbundene Belastung der Justizhaushalte
nahm freilich so zu, dass erneut Reformüberlegungen aufkamen.8 Handlungsbe-
darf wurde auch unter insolvenzrechtlichen Gesichtspunkten geltend gemacht9:
Es bedürfe des legislativen Tätigwerdens, um eine Verbraucherinsolvenz sinn-
voller und effizienter abwickeln zu können als dies bislang der Fall sei. Freilich
war man sich in der Fachöffentlichkeit keineswegs einig, wie denn nun das op-

4 Dazu grundlegend Anlauf (Fn. 3), 143 ff., 203 ff.


5 So das Fazit bei Anlauf (Fn. 3), 391.
6 Dazu Hergenröder, DZWIR 2001, 397.
7 Lediglich 3.357 Verfahren waren 1999 eröffnet worden, im darauf folgenden Jahr betrug die
entsprechende Zahl 10.479. Im Jahre 2001 waren 13.277 Verfahren (+ 26,7 %) rechtshängig, in
den Folgejahren nahmen die Fallzahlen drastisch zu: 21.441 im Jahre 2002 (+ 61,5 %), 33.609
im Jahre 2003 (+ 56,8 %), 49.123 im Jahre 2004 (+ 46,2 %), 68.898 im Jahre 2005 (+ 40,3 %),
92.310 im Jahre 2006 (+ 40,2 %). Im Jahre 2007 wurde mit 105.238 Verfahren erstmals eine
sechsstellige Zahl erreicht. Nach dem vorübergehenden Rückgang auf 98.140 Verfahren im
Jahr 2008 waren es 2009 schon wieder 101.102 Verfahren, im Jahre 2010 nahmen die Ver-
braucherinsolvenzen auf weitere 108.798 Verfahren zu. Für das Jahr 2011 sind 101.069 Ver-
fahren zu verzeichnen. Hinzu kommen die Verfahren ehemaliger Selbständiger, nämlich im Jahre
2009 5.440 Verfahren, im Jahre 2010 5.445 Verfahren und im Jahre 2011 5.251 Verfahren, vgl.
Statistisches Bundesamt, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Ein-
kommenKonsumLebensbedingungen/VermoegenSchulden/Tabellen/VerbraucherInsolvenzen.
html.
8 Siehe schon Hergenröder, DZWIR 2006, 265, 267 f.
9 Vgl. den Aufruf deutscher Insolvenzrichter und -rechtspfleger zur Wiederherstellung der
Funktionsfähigkeit der Insolvenzgerichte und der Insolvenzordnung, ZinsO 2002, 1176.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 77

timale Entschuldungsverfahren auszusehen habe.10 Für die Jahre 2004 bis 2007
sind drei Referentenentwürfe11 zur Novellierung des Rechts der Verbraucherent-
schuldung zu vermerken, hinzu kommt ein Alternativentwurf.12 Unter dem
22.8.2007 brachte dann die Bundesregierung einen Gesetzentwurf in den Deut-
schen Bundestag ein.13 Auch dieser Vorstoß wurde äußerst kontrovers diskutiert,
die Einschätzungen im Schrifttum gingen weit auseinander.14 Erfolg war auch
diesem Vorstoß des Gesetzgebers nicht beschieden, zu einer entsprechenden
Änderung der Insolvenzordnung kam es seinerzeit nicht. Ein nächster Versuch
wurde mit dem Regierungsentwurf eines Gesetzes zur Verkürzung des Rest-
schuldbefreiungsverfahrens und zur Stärkung der Gläubigerrechte vom
12.7.2012 unternommen15, zu dem der Bundesrat am 12.9.2012 Stellung bezogen

10 Siehe Ahrens, ZVI 2005, 1; Förster, ZinsO 2002, 17; Grote, ZInsO 2006, 119; ders., FS
Kirchhof, 2003, 149; Grote/Pape, ZinsO 2004, 993; Hergenröder, FS Konzen, 2006, 287;
Heyer, ZInsO 2005, 1009; ders., Restschuldbefreiung im Insolvenzverfahren, 2004, 24 f.;
ders., ZinsO 2003, 201; Hofmeister, ZVI 2003, 12; Hofmeister/Jäger, ZVI 2005, 180; Jäger,
ZVI 2003, 55; ders., ZVI 2005, 15; Klaas, ZinsO 2003, 577; Kohte, Ziel und Wirkung gesetz-
licher Änderungen der InsO und ZPO auf überschuldete und von Überschuldung bedrohte
Haushalte, 2004; ders., ZVI 2005, 9; Mäusezahl, ZVI 2003, 49; Pape, ZVI 2005, 842; Pluta,
ZVI 2005, 20; Springeneer, Reform der Verbraucherinsolvenz: Die Suche nach einer sozialver-
träglichen Funktionsbestimmung, 2005; Schmerbach, ZinsO 2005, 77; Stephan, ZVI 2003,
145; ders., NZI 2006, 671; Wiedemann, ZVI 2004, 645; Wimmer, in: Smid (Hrsg.), Neue Fra-
gen des deutschen und internationalen Insolvenzrechts, 2006, 21 ff.
11 Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der Insolvenzordnung, des Kreditwesengesetzes und
anderer Gesetze vom 16.9.2004, abgedruckt ZVI 2004, Beil. 3 zu Heft 9; Entwurf eines Geset-
zes zur Entschuldung völlig mittelloser Personen und zur Änderung des Verbraucherinsolvenz-
verfahrens vom 2.3.2006, abgedruckt ZVI 2006, Beil. 1 zu Heft 3; dazu Hergenröder, DZWIR
2006, 265; ders., DZWIR 2006, 441; Entwurf eines Gesetzes zur Entschuldung mittelloser Per-
sonen, zur Stärkung der Gläubigerrechte sowie zur Regelung der Insolvenzfestigkeit von Lizen-
zen vom 23.1.2007, BR-Drucks. 600/07, abgedr. ZVI 2007, Beil. 1 zu Heft 1; dazu
Hergenröder, DZWIR 2009, 221.
12 Grote/Heyer, ZVI 2006, 528.
13 Entwurf eines Gesetzes zur Entschuldung mittelloser Personen, zur Stärkung der Gläubiger-
rechte sowie zur Regelung der Insolvenzfestigkeit von Lizenzen vom 22.8.2007, BT-Drucks.
16/7416; abgedr. ZVI 2007, Beil. 2 zu Heft 8. Dazu Hergenröder, DZWIR 2009, 309.
14 Zur seinerzeitigen Diskussion Ahrens, NZI 2007, 193; ders., ZRP 2007, 84; ders., NZI 2008,
86; Büttner, ZVI 2007, 116; Dick, ZVI 2007, 128; Ehricke, ZVI 2008, 193; Frind, ZInsO 2007,
473; Hergenröder, DZWIR 2009, 221; Mroß, DGVZ 2007, 54; Pape, ZVI 2007, 239; Schmer-
bach, NZI 2007, 198, 200; Springeneer, ZVI 2008, 106; Stephan, ZVI 2008, 141; ders., ZVI
2007, 441; Winter, ZVI 2008, 200.
15 Vorgesehen ist u.a. eine Umgestaltung des Einigungsversuchs, vgl. Begründung RegE S. 28 f.
Weiter sollen die Vorschriften über das vereinfachte Verbraucherinsolvenzverfahren grundle-
gend angepasst werden, dazu Begründung RegE S. 30 f.
78 Curt Wolfgang Hergenröder

hat.16 Auch dieser Entwurf wurde im Schrifttum mit unterschiedlicher Resonanz


aufgenommen.17
Angesichts dieser rechtspolitischen Auseinandersetzung erscheint es gebo-
ten zu fragen, wie unsere europäischen Nachbarn mit ihren zahlungsunfähigen
Schuldnern umgehen. Zwischen den betreffenden Rechts- und Gesellschaftsord-
nungen bestehen freilich gravierende Unterschiede. So verfährt eine ganze Reihe
von europäischen Staaten nach dem System, wie es dem deutschen Recht über
ein Jahrhundert unter der alten Konkursordnung eigen war: Die Insolvenz dient
der alleinigen Befriedigung der Gläubiger. Keine Restschuldbefreiung in diesem
Sinne kennen u.a. Bosnien, Bulgarien, Kroatien, Italien, Lettland, Litauen, Por-
tugal, Slowenien, Spanien, die Türkei und Ungarn. Die Schuldner bleiben auf
Dauer den Forderungen ausgesetzt. Andere Länder wiederum ermöglichen zah-
lungsunfähigen Personen den Weg aus der finanziellen Krise durch Schuldbe-
freiung. Nachdem eine einheitliche Regelung auf der Ebene der Europäischen
Union fehlt, sind Konzeption und Ausgestaltung der betreffenden nationalen
Verfahren keine inhaltlichen oder formalen Grenzen gesetzt.18 Eine unionsrecht-
liche Einheitslösung würde aber zumindest einen Grundkonsens im Hinblick auf
den Umgang mit zahlungsunfähigen Personen voraussetzen. Im Folgenden sollen
daher der Zugang zur Privatinsolvenz, ein etwa vorgeschaltetes Einigungsverfah-
ren sowie das Entschuldungsverfahren selbst rechtsvergleichend beleuchtet wer-
den.

II Zugang zum Verfahren

1 §§ 304 Abs. 1 S. 1 InsO

Die §§ 304 ff. InsO enthalten Sonderregeln für zahlungsunfähige natürliche


Personen. § 304 Abs. 1 S. 1 InsO spricht vom „Schuldner als natürliche Person,

16 BR-Drs. 467/12; BT-Drs. 17/11268. Regierungsentwurf und Stellungnahme sind abrufbar


unter http://www.privatinsolvenztag.de/; Hergenröder/Homann, Die Reform der Verbraucher-
entschuldung. Der nächste untaugliche Versuch, ZVI 2013, 91.
17 Siehe nur Beck, ZVI 2012, 223; Harder, NZI 2012, 113; Frind, ZinsO 2012, 475; ders., ZinsO
2012, 1455; Haselmayer, RPflBl 2012, 30; Henning, AnwBl 2012, 532; Heyer, ZVI 2012, 321;
Hingerl, ZVI 2012, 258; Jäger, ZVI 2012, 177; Lechner, VuR 2012, 213;
Laroche/Pruskowski/Schöttler/Siebert/Vallender, ZIP 2012, 558; Lissner, ZVI 2012, 93; ders.,
ZinsO 2012, 681; Pape/Grote, AnwBl 2012, 507; Schmidberger, RPfleger 2012, 297; Schmer-
bach, NZI 2012, 161; ders., NZI 2012, 689; Stephan, ZVI 2012, 85; Vallender, KSzW 2012,
260.
18 Anderes gilt für die Anerkennung der Restschuldbefreiung nach der EuInsVO, dazu
Hergenröder, DZWIR 2009, 309, 312 ff.; Tkatchenko, Anerkennung der Restschuldbefreiung
nach der EuInsVO, 2009, 57 ff.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 79

die keine selbständige wirtschaftliche Tätigkeit ausübt oder ausgeübt hat“.


Schuldenbereinigungsplanverfahren (§§ 305 ff. InsO) sowie insbesondere das
vereinfachte Insolvenzverfahren (§§ 311 ff. InsO) sollen also einer ganz be-
stimmten Personengruppe vorbehalten bleiben: den Verbrauchern.19 Restschuld-
befreiung nach §§ 287 ff. InsO erlangen können demgegenüber gem. § 286 InsO
alle natürlichen Personen, also nicht nur die in § 304 Abs. 1 S. 1 InsO genannten
Schuldner. Liegt ein Eröffnungsgrund nach §§ 16 ff. InsO, also Zahlungsunfä-
higkeit gem. § 17 InsO oder drohende Zahlungsunfähigkeit nach § 18 InsO vor,
so wird bei Deckung der Kosten oder deren Stundung nach § 4 a InsO das Ver-
fahren vom Insolvenzgericht eröffnet, vgl. § 26 Abs. 1 S. 1, 2 InsO. Antragsbe-
fugt sind Schuldner und Gläubiger, § 13 Abs. 1 S. 2 InsO. In den europäischen
Staaten finden sich hinsichtlich dieses Verfahrenszugangs durchaus unterschied-
liche Modelle.

2 Vereinigtes Königreich und Irland

a) Die Vorschriften des Insolvency Act (IA) in der Fassung des Enterprise Act
2002 in England und Wales erfassen sowohl Unternehmenskonkurse als auch
Privatinsolvenzverfahren.20 Schuldbefreiung („discharge“) vermögen Kaufleute
wie Nichtkauflaute sowie Gesellschafter von Personenhandelsgesellschaften
erlangen, sect. 281 (7) IA. Der Insolvenzantrag kann von einem Gläubiger (vgl.
sect. 267 IA) oder dem Schuldner selbst (vgl. sect. 272 IA) gestellt werden. Ge-
richtlich festgestellt wird die Insolvenz einer natürlichen Person, wenn diese
nicht in der Lage ist, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen.21

b) In Schottland wird der Konkurs einer natürlichen Person als „sequestration“


bezeichnet. Eine natürliche Person gilt dort als insolvent, wenn sie zahlungsun-
fähig ist bzw. nicht alle fälligen Forderungen begleichen kann.22 Antragsberech-
tigt sind nach schottischem Recht der Schuldner selbst, seine Gläubiger oder ein
bestellter Treuhänder. Der Schuldner muss dabei nachweisen können, dass er
offenkundig zahlungsunfähig ist.23

19 Eingehend Hergenröder, FS Stürner, 2013, 323, 335 ff.; vgl. auch Frankfurter Kommentar zur
InsO/Kohte, 6. Aufl., 2011, § 304 Rn. 6.
20 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 340; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem
Insolvency Act 1986, 2012, 50: one proceeding fits all.
21 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_eng_de.htm. Eingehend Renger,
Wege zur Restschuldbefreiung nach dem Insolvency Act 1986, 2012, 58 ff.
22 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 344.
23 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_sco_de.htm.
80 Curt Wolfgang Hergenröder

c) Die Privatinsolvenz (bankruptcy) in Nordirland ist in der Insolvency Order


(Northern Ireland) 1989 und den Insolvency Rules (Northern Ireland) 1991
geregelt. Inhaltlich geht es um die Verwertung und Aufteilung der Vermögens-
werte einer natürlichen Person und um die Schließung eines eventuell vorhande-
nen Geschäftsbetriebes.24 Antragsberechtigt sind der Schuldner und jeder seiner
Gläubiger. Voraussetzung für die Verfahrenseröffnung ist, dass der Schuldner
nicht über ausreichende Vermögenswerte verfügt, um alle Forderungen zu be-
gleichen oder er die fälligen Forderungen nicht erfüllen kann.25

d) Das im Bankruptcy Act von 1988 kodifizierte irische Insolvenzrecht bezieht


sich dagegen ausschließlich auf natürliche Personen. Damit ein Insolvenzverfah-
ren eröffnet werden kann, darf der Schuldner nicht über ausreichende Vermö-
genswerte verfügen, um alle Forderungen zu begleichen oder er muss außerstan-
de sein, die fälligen Verbindlichkeiten zu erfüllen. Das Insolvenzverfahren wird
auf Antrag des Schuldners bei Gericht eingeleitet. Darüber hinaus muss ein In-
solvenzgrund im Sinne des sect. 7 (1) Bankruptcy Act 1988 vorliegen.

3 Benelux-Staaten

a) Ein Blick auf die benachbarten Benelux-Staaten zeigt, dass auch dort das
Problem der Verbraucherüberschuldung gravierend ist. Die Verbraucherinsol-
venz in Belgien wird als kollektive Schuldenregelung („collectieve schuldenrege-
ling“) bezeichnet. Die Vorschriften der kollektiven Schuldenregelung, die in den
Art. 1675/2 bis 1675/19 des belgischen Gerichtsgesetzbuches (GGB) verankert
sind, erfassen natürliche Personen, Angehörige der freien Berufe, ehemalige
Kaufleute und Landwirte. Der Schuldner muss nicht in Belgien domiziliert sein,
sofern das Zentrum seiner Hauptinteressen (center of main interests – COMI26),
d.h. Arbeit, Schule, Familie, in Belgien belegen sind.27 Voraussetzung für eine
kollektive Schuldenregelung ist die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners und die
Einreichung eines Antrages auf Schuldenregulierung beim zuständigen Gericht.
Nach dem Wortlaut des Art. 1675/2 Abs.1 GGB liegt Zahlungsunfähigkeit vor,
wenn der Schuldner dauerhaft außerstande ist, seine fälligen oder fällig werden-
den Schulden zu begleichen. Darüber hinaus wird die Möglichkeit der Teilnahme
an einer kollektiven Schuldenregelung zwingend versagt, sofern ein Fall organi-
sierter Insolvenz vorliegt, Art. 1675/2 Abs. 1 GGB. Ein Fall von organisierter

24 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 344.


25 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 345.
26 Dazu Hergenröder, DZWIR 2009, 309, 314 ff.
27 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 178.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 81

Insolvenz ist gegeben, wenn der Schuldner bewusst Teile seines Vermögens,
Einkünfte oder Erbschaften verschweigt oder zumutbare Arbeit ablehnt, um so
die Pfändungsfreigrenze nicht zu überschreiten.28

b) In Luxemburg existiert ebenfalls ein Verfahren der kollektiven Schuldenrege-


lung („règlement collectif de dettes“), welches ausschließlich auf natürliche
Personen Anwendung findet, die weder Kaufleute sind noch die Insolvenz vor-
sätzlich herbeigeführt haben.29 Die Rechtsgrundlage für die kollektive Schulden-
regelung bildet das Gesetz über vorbeugende Maßnahmen gegen Überschuldung
und zur Einführung eines Verfahrens der kollektiven Schuldenregelung vom
8.12.2000, geändert durch Gesetz vom 21.12.2001 (Loi du Surendettement). Ziel
dieses Verfahrens ist es, eine finanzielle Sanierung des Antragstellers durch
Aufstellung eines Schuldentilgungsplans zu ermöglichen. Das Verbraucherinsol-
venzverfahren wird ausschließlich auf Antrag des Schuldners eröffnet. Voraus-
setzung für einen Antrag ist neben dem Wohnsitz in Luxemburg das Vorliegen
einer Insolvenz, d.h. die Passiva des Schuldners müssen dessen Aktiva überstei-
gen.30

c) Die Konkursordnung (Faillissementswet [Fw]) der Niederlande kennt drei


verschiedene Arten gerichtlicher Insolvenzverfahren: den Konkurs, den aus-
schließlich auf juristische Personen anwendbaren Vergleich und die Schuldensa-
nierung.31 Voraussetzung für die Eröffnung eines Schuldensanierungsverfahrens
ist, dass der Schuldner zunächst erfolglos eine einverständliche Schuldenregulie-
rung mit seinen Gläubigern versucht hat. Dabei steht das Schuldensanierungsver-
fahren nur redlichen Privatpersonen offen. Eine Schuldensanierung wird in Er-
wägung gezogen, sofern der Schuldner entweder seine Zahlungen bereits einge-
stellt hat oder Anlass zu der Annahme besteht, dass er nicht mehr in der Lage
sein wird, die fälligen Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Das Ziel des Schul-
densanierungsverfahrens ist die Restschuldbefreiung.32 Für die Durchführung
eines Sanierungsverfahrens muss der Schuldner nachweisen, dass es sich um
untilgbare Verbindlichkeiten handelt, keine Aussicht auf Rückzahlung besteht
und ihm in den letzten fünf Jahren vor Antragstellung keine Schulden durch
Betrug, Straftat oder unverantwortliches Verhalten entstanden sind. Alternativ
zum Sanierungsverfahren besteht für den Schuldner die Möglichkeit, ein Kon-

28 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 178.


29 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_lux_de.htm.
30 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 183.
31 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_net_de.htm.
32 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 184.
82 Curt Wolfgang Hergenröder

kursverfahren durchzuführen.33 Ziel des Konkursverfahrens ist die vollständige


Verwertung des Schuldnervermögens. Im Unterschied zur Schuldensanierung
leben die unbefriedigten Forderungen nach Abwicklung des Konkurses wieder
auf, Art. 195 Fw. Voraussetzung für die Eröffnung eines Konkursverfahrens ist
gem. Art. 1 Konkursordnung (Fw) das Vorliegen eines Konkurses. Dieser ist
gegeben, wenn eine Privatperson ihre Zahlungen eingestellt hat. Keine Rolle
spielt es dabei, ob der Schuldner zahlungsunfähig oder nur zahlungsunwillig
ist.34

4 Skandinavien

a) Das finnische Verbraucherinsolvenzrecht ist in dem Gesetz über die Schulden-


regelungen (VJL) für Privatpersonen geregelt. Die Verbraucherinsolvenz nach
finnischem Recht hat zwei Ziele: zum einen die wirtschaftliche Gesundung des
Schuldners und zum anderen die gleichmäßige Befriedigung der Gläubiger. Um
diese Ziele zu erreichen, wird das schuldnerische Vermögen verwertet und an-
schließend eine gerichtlich überwachte Verteilung der erzielten Erlöse an die
Gläubiger vorgenommen.35 Das Verfahren findet sowohl auf natürliche Personen
als auch auf Privatpersonen Anwendung, die wirtschaftlich aktiv waren, § 2 VJL.
Voraussetzung für die Verfahrenseröffnung ist, dass der Schuldner zahlungsun-
fähig ist und seinen Wohnsitz in Finnland begründet hat. Von Zahlungsunfähig-
keit ist gem. § 9, 10 VJL auszugehen, wenn der Schuldner dauerhaft nicht in der
Lage sein wird, seine fälligen Verbindlichkeiten zu begleichen. Darüber hinaus
muss der Schuldner redlich sein, d.h. die Verschuldung darf nicht durch Strafta-
ten oder durch offensichtlichen Leichtsinn verursacht worden sein (§§ 10, 11
VJL).36

b) Die schwedische Schuldensanierung (skuldsanering) beruht auf der Grundlage


des Schuldensanierungsgesetzes (Skuldsaneringslagen - SksanL). Die Vorschrif-
ten finden ausschließlich auf natürliche Personen Anwendung, die kein Gewerbe
betreiben. Gewerbetreibende sind grundsätzlich von der Schuldensanierung
ausgeschlossen. Ausnahmsweise können auch sie ein Verbraucherinsolvenzver-
fahren durchführen. Dies ist der Fall, sofern das betriebene Gewerbe einen ge-
ringen Umfang und eine einfache Beschaffenheit aufweist, § 4 SksanL. Die Vor-
schriften finden schließlich keine Anwendung, wenn dem Schuldner bereits

33 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_net_de.htm.
34 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 186.
35 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 414.
36 Schönen, ZVI 2010, 229, 235.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 83

zuvor eine Restschuldbefreiung erteilt worden ist, § 5 SksanL.37 Zuständig für


das Verfahren ist die Vollstreckungsbehörde am Wohnsitz des Schuldners. In
formeller Hinsicht setzt das Schuldensanierungsverfahren voraus, dass der
Schuldner seinen Wohnsitz in Schweden begründet hat.38 Die Verfahrenseröff-
nung erfolgt nur auf Antrag des Schuldners, weitere Voraussetzung ist seine
Zahlungsunfähigkeit. Daneben muss absehbar sein, dass der Schuldner auch
zukünftig seine Verbindlichkeiten nicht wird begleichen können. Die Entschei-
dung über die Erteilung der Restschuldbefreiung erfolgt im Rahmen einer An-
gemessenheitsprüfung. Als Kriterien sind die persönlichen und wirtschaftlichen
Verhältnisse des Schuldners, sein Alter sowie die Gründe, die zur finanziellen
Destabilisierung geführt haben, zu berücksichtigen, § 4 Abs.3 SksanL. Zu beach-
ten ist, dass dem Antragsteller die Restschuldbefreiung versagt wird, sofern ein
Ehepartner oder ein anderes Haushaltsmitglied über ausreichende finanzielle
Mittel verfügt. Grund für diese Regelung ist, dass es als anstößig angesehen
wird, wenn ein Schuldner eine Befreiung von seinen Schulden erlangt, gleichzei-
tig aber auf Kosten einer anderen Person in angemessenen Verhältnissen leben
kann.39

c) Die Grundlage der Verbraucherinsolvenz in Norwegen bildet das Lov om


frivillig og tvungen gjeldsordning for privatpersoner – gjeldsordningsloven
(LOV). Die Aufgabe des norwegischen Verbraucherinsolvenzrechts besteht gem.
§ 1-1 LOV darin, finanziell gescheiterten Privatpersonen die Wiedereingliede-
rung in das Wirtschaftssystem zu ermöglichen. Voraussetzung für ein Sanie-
rungsverfahren ist die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners. Zahlungsunfähigkeit
liegt vor, wenn der Schuldner nicht mehr in der Lage sein wird, seine Verbind-
lichkeiten in angemessener Zeit zu erfüllen. Die Schuldenregelung findet nur auf
natürliche Personen Anwendung, die nicht unternehmerisch tätig sind.40 Aus-
nahmsweise kann auch ein Unternehmer die Schuldensanierung durchführen,
sofern er seine Geschäftstätigkeit bereits eingestellt hat oder die Höhe der Schul-
den aus der unternehmerischen Tätigkeit als unbedeutend einzustufen ist, § 1-2
LOV. Das Verfahren kann nur durch den Schuldner selbst beantragt werden. Die
Gläubiger sind nicht antragsbefugt.

37 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 416. Zum Verfahren eingehend auch Lindenberg,
Insolvenzverfahren im deutsch-schwedischen Rechtsverkehr, 2007, 275 ff.
38 Das Erfordernis eines schwedischen Wohnsitzes zur Eröffnung des behördlichen Entschul-
dungsverfahrens stellt eine Beschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Art. 45 AEUV
dar, vgl. EuGH v. 8.11.2012 (Radziejewski), C-461/11, EuZW 2013, 72.
39 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 416.
40 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 417.
84 Curt Wolfgang Hergenröder

d) Die gesetzliche Grundlage für einen Schuldenerlass (gaeldsanering) in Dä-


nemark bildet das Konkursgesetz (konkurslov), welches spezielle Regelungen
über die Entschuldung natürlicher Personen enthält. Das Bestreben des Gesetz-
gebers ist es, hoffnungslos überschuldeten Personen einen Ausweg aus ihrer
finanziellen Notsituation und damit verbunden einen Neustart zu ermöglichen.
Voraussetzung für ein Schuldensanierungsverfahren ist, dass der Betroffene
nachweislich nicht dazu in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen.
Darüber hinaus muss eine positive Prognose über die finanzielle Situation des
Schuldners bestehen, d.h. der Schuldenerlass muss eine dauerhafte Verbesserung
für den Schuldner in Aussicht stellen. Die Schuldensanierung findet allerdings
nur statt, wenn der Schuldner ohne Verschulden in finanzielle Nöte geraten ist.
Ein Entschuldungsverfahren ist regelmäßig zu versagen, wenn die Finanzlage
des Schuldners unklar ist oder diesem aufgrund leichtsinnigen Handelns im Um-
gang mit Geld ein Mitverschulden an der Situation angekreidet werden kann.
Gleiches gilt, wenn der Schuldner nach einer bereits erfolgten Schuldensanie-
rung erneut Verbindlichkeiten aufgebaut hat. Soweit die Schulden im Zusam-
menhang mit der Begehung einer Straftat entstanden sind, kommt eine Entschul-
dung von vornherein nicht in Betracht.41

5 Österreich

Das Schuldenregulierungsverfahren in Österreich findet in personeller Hinsicht


nur auf natürliche Personen Anwendung, die keiner selbständigen unternehmeri-
schen Tätigkeit nachgehen. Die relevanten Vorschriften finden sich seit dem
Inkrafttreten des Insolvenzrechtsänderungsgesetz am 1.7.2010 im Wesentlichen
in den §§ 181 bis 216 Insolvenzordnung (IO). Voraussetzung für die Eröffnung
des Schuldenregulierungsverfahrens ist die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners
und die Deckung der Verfahrenskosten, § 66 Abs. 1 IO, § 71 Abs. 1 IO.42 Zah-
lungsunfähigkeit liegt vor, wenn der Schuldner nach vollständiger Verwertung
seines Vermögens nicht in der Lage sein wird, seine Schulden innerhalb von
sieben Jahren zu begleichen, § 66 Abs.1 IO. Ist der Schuldner zahlungsunfähig,
ist er verpflichtet, ohne schuldhaftes Zögern innerhalb von 60 Tagen nach Ein-
tritt der Zahlungsunfähigkeit mündlich oder schriftlich die Eröffnung des Schul-
denregulierungsverfahrens zu beantragen, § 69 Abs.2, 3 IO.43

41 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 419.


42 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_aus_de.htm.
43 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 2.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 85

6 Schweiz

In der Schweiz wird die Insolvenz einer natürlichen Person als Privatkonkurs
bezeichnet. Die Regelungen hierzu finden sich im Bundesgesetz über Schuldbe-
treibung und Konkurs (SchKG). Sachlich zuständig für den Antrag einer Privat-
person ist der Konkursrichter. Zwingende Voraussetzung für die Verfahrenser-
öffnung ist gem. Art. 191 Abs. 2 SchKG, dass der Schuldner keine außergericht-
liche Einigung mit seinen Gläubigern, die sog. einvernehmliche Schuldenberei-
nigung nach Art. 333 SchKG, erzielen konnte.44

7 Tschechien

Am 1.1.2008 ist in der Tschechischen Republik eine Neuregelung des Insolvenz-


rechts in Kraft getreten. Durch diese Gesetzesnovelle wurde erstmalig auch ein
Entschuldungsverfahren für natürliche Personen, die keine Unternehmer sind,
eingeführt.45 Die Regelungen über das Entschuldungsverfahren privater Personen
finden sich in den §§ 389 bis 418 Insolvenzgesetz (IG). Die sachliche und örtli-
che Zuständigkeit des Insolvenzgerichts ist den Vorschriften der tschechischen
Zivilprozessordnung zu entnehmen. Zuständig ist in der Regel das Kreisgericht
am Sitz des Schuldners. Antragsberechtigt sind nach tschechischem Recht der
Schuldner oder ein Gläubiger. Der Schuldner ist dazu verpflichtet, dem Gericht
eine Aufstellung seines Vermögens der vergangenen drei Jahre und eine Über-
sicht seines zu erwartenden Einkommens der nächsten fünf Jahre vorzulegen, §
391 Abs. 1 IG. Anderenfalls wird über den Antrag nicht entschieden. Darüber
hinaus muss der Schuldner sein vorhandenes Vermögen sowie seine Verbind-
lichkeiten in einer Gesamtübersicht zusammenstellen.46 Voraussetzung für den
Antrag ist weiterhin, dass der Schuldner zahlungsunfähig ist. Von Zahlungsunfä-
higkeit ist auszugehen, sofern der Schuldner einem wesentlichen Teil seiner
finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, die ausstehenden Zahlun-
gen länger als drei Monate überfällig sind und/oder bereits erfolglos die
Zwangsvollstreckung gegen ihn versucht worden ist. Gibt das Gericht dem An-
trag auf Entschuldung statt, wird das Verfahren eröffnet. Voraussetzung für die
Genehmigung des Antrags auf Entschuldung ist, dass die ungesicherten Gläubi-
ger mindestens 30 % ihrer Forderungen erfüllt bekommen. Etwas anderes gilt
nur, sofern dem Schuldner eine anderweitige Vereinbarung mit diesen Gläubi-

44 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 5.


45 Schönen, ZVI 2010, 81, 91.
46 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 8.
86 Curt Wolfgang Hergenröder

gern gelingt, § 395 Abs. 1 b IG.47 Darüber hinaus soll die Entschuldung nur ei-
nem redlichen Schuldner gewährt werden.

8 Frankreich

Nach in ganz Frankreich geltendem Recht kann ein Verbraucher gem. Artt. L
330-1 ff. Code de la Consommation (CdC) Restschuldbefreiung erreichen.48
Voraussetzung für die Einleitung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens ist, dass
der Schuldner im Zeitpunkt der Antragstellung den Mittelpunkt seiner haupt-
sächlichen Interessen in Frankreich hat und überschuldet ist. Unter Überschul-
dung ist die offensichtliche Unmöglichkeit für den redlichen Schuldner, für seine
nicht beruflich verursachten Schulden einzustehen, zu verstehen.49 Das französi-
sche Recht lässt eine Entschuldung nicht zu, wenn die Situation der Überschul-
dung absichtlich herbeigeführt wurde. Das gerichtliche Verfahren kann grund-
sätzlich nur von einer staatlichen Kommission (commission d`examen des situa-
tions de surendettement des particuliers) und nicht vom Schuldner selbst bean-
tragt werden. Der Schuldner hat nur ein subsidiäres Antragsrecht, wenn die
Kommission nicht innerhalb einer Frist von neun Monaten nach Eingang des
Antrags entscheidet, wie es weitergehen soll, Art. L 332-5 CdC.50
In dem Gebiet Elsass-Lothringen stehen den Verbrauchern nach dem dort
geltenden regionalen Recht (droit local Alsacien-Mosellan) zusätzliche spezial-
gesetzlich geregelte Insolvenzverfahren mit der Möglichkeit einer Restschuldbe-
freiung zur Verfügung. In Elsass-Lothringen finden die im übrigen Gebiet Frank-
reichs nur für Kaufleute geltenden Vorschriften der Art. L 620-1 ff. Code de
Commerce gem. Art. L 670-1 Code de Commerce (C.Comm) auch auf Verbrau-
cher Anwendung (faillite civile). Voraussetzung für eine Verfahrenseröffnung
ist, dass der Schuldner eine natürliche Person ist und seinen Wohnsitz i.S.d. Art.
102 ff. Code civil in einem der drei ostfranzösischen Departements Bas-Rhin,
Haut-Rhin oder Moselle bezogen hat.51 Das Gericht überprüft diese Vorausset-
zung von Amts wegen. Weitere Voraussetzung ist die Redlichkeit des Schuld-
ners („bonne foi“) und dessen dauerhafte Überschuldung.52 Bei den zugrunde-

47 Schönen, ZVI 2010, 81, 92.


48 Hierzu näher Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540. Zu Entwicklung der Gesetzgebung in Frank-
reich Köhler, Entschuldung und Rehabilitierung vermögensloser Personen im Verbraucherin-
solvenzverfahren – ein Vergleich der Verfahrensreformen in Frankreich und Deutschland,
2003, 89 ff.; ders., ZVI 2003, 626, 644.
49 Hölzle, ZVI 2007, 1, 4.
50 Schönen, ZVI 2009, 229, 237.
51 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 541.
52 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 543.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 87

liegenden Schulden kann es sich sowohl um Verbindlichkeiten beruflichen Ur-


sprungs, ziviler oder kaufmännischer Natur oder aber auch um Verbindlichkeiten
ohne beruflichen Bezug handeln.

9 Polen

Seit dem 31.3.2009 hat auch das benachbarte Polen ein Verbraucherinsolvenz-
verfahren eingeführt. Die Vorschriften über das Verbraucherinsolvenzverfahren
sind in den eingefügten Art. 491(1) – 491(12) des Insolvenz- und Sanierungs-
rechtsgesetzes (InsSG) geregelt. Das polnische Verbraucherinsolvenzverfahren
steht natürlichen Personen offen, die keiner wirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen
(Art. 491 InsSG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 InsSG). Die Verfahrenseröffnung kann nur
der Schuldner beantragen (Art. 491 Abs. 2 InsSG).53 Voraussetzung für ein Ver-
braucherinsolvenzverfahren ist die unverschuldete Zahlungsunfähigkeit des
Schuldners, d.h. die Zahlungsunfähigkeit muss durch außergewöhnliche oder
vom Schuldner unabhängige Umstände eingetreten sein.

10 Griechenland

Die Vorschriften des griechischen Schuldenregulierungs- bzw. Schuldenbereini-


gungsverfahrens finden Anwendung auf alle überschuldeten natürlichen Perso-
nen, die kein Kaufmann i.S.d Art. 2 Abs.1 InsO (Griechenland) sind. Eine natür-
liche Person gilt als überschuldet, wenn sie gegenwärtig oder in absehbarer Zu-
kunft nicht mehr in der Lage ist, ihre fälligen Zahlungsverpflichtungen aus eige-
ner Kraft vollständig zu erfüllen.54 Der Antrag auf Eröffnung eines gerichtlichen
Schuldenregulierungsverfahrens kann nur vom Schuldner selbst gestellt werden.
Den Gläubigern steht mithin kein Antragsrecht zu. Zuständig für die Eröffnung
des Verfahrens ist das Amtsgericht, in dessen Bezirk der Schuldner seinen all-
gemeinen Gerichtsstand (Wohnsitz) hat.

11 Fazit

Nach alledem ist festzustellen, dass Verbraucherinsolvenz und Restschuldbefrei-


ung überwiegend nichtselbständigen, natürlichen Personen zugutekommen sol-

53 Schmidt, ZInsO 2009, 1243, 1244.


54 Kourouvani, ZVI 2010, 96, 96.
88 Curt Wolfgang Hergenröder

len. Teilweise werden auch Gewerbetreibende mit einbezogen. Auch die weite-
ren Verfahrensvoraussetzungen sind durchaus unterschiedlich, nationale Eigen-
heiten spielen beim Verfahrenszugang eine große Rolle. Dies beginnt schon bei
der Antragsbefugnis, setzt sich über die Mindestdeckungsquote fort und endet
bei einem dem deutschen Recht so nicht bekannten Institut, nämlich der Not-
wendigkeit, dass dem Schuldner im Hinblick auf die Verbindlichkeiten kein
Vertretenmüssen im Sinne einer Vorwerfbarkeit der Zahlungsunfähigkeit zur
Last zu legen ist.

III Einigungsverfahren

1 §§ 305 Abs. 1 Nr. 1, 307 ff. InsO

Gem. § 305 Abs. 1 Nr. 1 InsO muss der Schuldner eine außergerichtliche Eini-
gung mit den Gläubigern über die Schuldenbereinigung auf der Grundlage eines
Plans innerhalb der letzten sechs Monate vor dem Eröffnungsantrag erfolglos
versucht haben; dem Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist eine
entsprechende Bescheinigung beizulegen oder eine solche ist nachzureichen. Es
muss mit allen Gläubigern verhandelt werden, erklärt sich auch nur ein Gläubi-
ger mit dem Plan nicht einverstanden, so ist der außergerichtliche Einigungsver-
such misslungen. Jedenfalls für die Bescheinigung des außergerichtlich geschei-
terten Einigungsversuchs bedarf der Schuldner gem. § 305 Abs. 1 Nr. 1 InsO
einer „geeigneten Person oder Stelle“. Dies ist im kostengünstigsten Falle ein
Schuldnerberater, in Betracht kommen aber auch Steuerberater, Rechtsanwälte
und Notare.55 Sind dagegen alle Gläubiger mit dem Schuldenbereinigungsplan
einverstanden, richten sich die Rechtsverhältnisse der Beteiligten ausschließlich
nach materiellem Recht; insbesondere ist der Schuldenbereinigungsplan per se
kein Vollstreckungstitel. Nach Erfüllung der insoweit vereinbarten Tilgung der
Verbindlichkeiten wird der Schuldner frei. Für ein Verbraucherinsolvenzverfah-
ren besteht kein Anlass mehr. Kommt hingegen kein Schuldenbereinigungsplan
zustande, was schon bei der fehlenden Zustimmung auch nur eines Gläubigers
der Fall ist, geht es in die zweite Stufe des Verfahrens. Die Voraussetzung für
das gerichtliche Schuldenbereinigungsverfahren ist gegeben, binnen sechs Mo-
naten hat der Schuldner den Antrag auf Verfahrenseröffnung zu stellen.
Schon mit dem Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens muss der
Schuldner neben Vermögens-, Gläubiger- und Forderungsverzeichnissen einen
Schuldenbereinigungsplan vorlegen, § 305 Abs. 1 Nr. 3 und 4 InsO. Jener dient

55 Dazu näher Hergenröder, ZVI 2007, 448.


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 89

als Grundlage des nunmehr folgenden gerichtlichen Güteversuchs. Das Insol-


venzgericht ist nun nochmals um eine Einigung zwischen Schuldner und Gläubi-
ger(n) bemüht, der Antrag auf Eröffnung des Verfahrens ruht, wobei das Gesetz
für diesen neuerlichen Güteversuch drei Monate vorsieht, § 306 Abs. 1 InsO.
Äußert sich ein Gläubiger nicht, so fingiert § 307 Abs. 2 InsO dessen Einver-
ständnis mit dem Schuldenbereinigungsplan. Erhebt kein Gläubiger Einwendun-
gen, so gilt der Schuldenbereinigungsplan als angenommen, § 308 Abs. 1 S. 1
InsO. Unter den Voraussetzungen des § 309 Abs. 1 InsO ersetzt darüber hinaus
das Insolvenzgericht die erforderliche Zustimmung ablehnender Gläubiger. Un-
erlässlich ist allerdings, dass mehr als die Hälfte der benannten Gläubiger dem
Plan zugestimmt hat und die Summe der Ansprüche dieser Gläubiger mehr als
die Hälfte der Ansprüche der benannten Gläubiger ausmacht. Kommt der Plan
solchermaßen zustande, so stellt das Insolvenzgericht dies durch Beschluss fest,
gem. § 308 Abs. 1 S. 2 InsO hat er die Wirkung eines gerichtlichen Vergleichs.
Das Insolvenzverfahren ist damit beendet, § 308 Abs. 2 InsO fingiert die Rück-
nahme der Anträge auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens und auf Erteilung von
Restschuldbefreiung. Der Schuldner ist seine Verbindlichkeiten los, wenn er die
im Schuldenbereinigungsplan genannten Auflagen erfüllt hat. Eine Ausnahme ist
allerdings zu machen: Gläubiger, deren Forderungen vom Schuldner nicht im
Verzeichnis aufgeführt und die auch nicht bei der Planerrichtung berücksichtigt
worden sind, können nach § 308 Abs. 3 InsO unbeschränkt weiter gegen den
Schuldner vorgehen; ihre Forderungen erlöschen nicht. Scheitert die Einigung im
gerichtlichen Schuldenbereinigungsverfahren, so wird das bislang ruhende In-
solvenzverfahren gem. §§ 311, 27 InsO von Amts wegen durch Beschluss wieder
aufgenommen.

2 Vereinigtes Königreich und Irland

a) Um ein Insolvenzverfahren abwenden zu können, stellt das englische System


verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. So wird das Privatinsolvenzverfah-
ren in ein gerichtliches Schuldbefreiungsverfahren und ein außergerichtliches
Masseverwertungsverfahren gegliedert. In Abweichung zu den kontinentaleuro-
päischen Modellen besteht im englischen und walisischen Recht für den Schuld-
ner die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Verfahren zu wählen. Er soll da-
durch Gelegenheit erhalten, sich gütlich mit seinen Gläubigern zu einigen.56
Dazu stehen ihm das deed of arrangement und das individual voluntary arran-

56 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 340. Eingehend Renger, Wege zur Restschuldbefreiung
nach dem Insolvency Act 1986, 2012, 29 ff.
90 Curt Wolfgang Hergenröder

gement zur Verfügung. Zudem gibt es noch die Möglichkeit, ein Zahlungsplan-
verfahren (county court administration order) durchzuführen. Das so genannte
deed of arrangement bietet die Option, die Insolvenz mittels eines Vergleichs
zwischen Schuldner und zustimmenden Gläubigern abzuwenden. Der Nachteil
an dieser Verfahrensform ist jedoch, dass der Vergleich durch das Gericht nicht
überprüft wird und dass ein Insolvenzantrag von nicht zustimmenden Gläubigern
nicht gesperrt wird. Das individual voluntary arrangement kommt nur für Insol-
venzen mit einer Schuldensumme bis maximal 20.000 £ in Betracht. Darüber
hinaus muss der Schuldner für die Tilgung der Verbindlichkeiten ein Restver-
mögen von wenigstens 2.000 £ zur Verfügung haben. Die Gläubigerbefriedigung
findet dann mittels eines dreijährigen Zahlungsplans statt, nach dessen Erfüllung
die Restschuldbefreiung eintritt.57 Der Schuldner hat die Wahl zwischen zwei
Formen des individual voluntary arrangement (composition und scheme of ar-
rangement). Bei der composition handelt es sich um eine rechtsverbindliche
Vereinbarung zwischen den Gläubigern und dem Schuldner, in welcher sich der
Schuldner zur Zahlung eines bestimmten Betrages verpflichtet und die Gläubiger
daraufhin auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Dem Schuldner verblei-
ben in der Regel sowohl seine Verwaltungs- als auch die Verfügungsrechte er-
halten. Beim scheme of arrangement verpflichtet sich der Schuldner, sein Ver-
mögen auf eine Art Treuhänder (supervisor) zu übertragen, um einen der Befrie-
digung der Gläubiger dienenden trust zu schaffen. Daneben bietet das britische
Recht mit der county court administration order (CCAO) ein dreijähriges Zah-
lungsplanverfahren mit anschließender Restschuldbefreiung für Kleininsolven-
zen an. Die CCAO kommt allerdings nur dann in Betracht, sofern die Höhe der
Schulden 5.000 £ nicht übersteigt und der Schuldner noch über ein Einkommen
verfügt, welches ihm erlaubt, die Schulden oder wenigstens einen wesentlichen
Teil davon zurückzuzahlen. Eine CCAO führt allerdings nicht zu einer vollstän-
digen Liquidation. Eine solche findet nur statt, sofern sie das Gericht für sinnvoll
hält. Die Besonderheit der CCAO liegt vor allem in der Entfaltung ihrer vollstre-
ckungshindernden Wirkung.58

b) Auch nach schottischem Recht kann der Schuldner formelle oder informelle
Vereinbarungen, bspw. einen Vergleich, mit den Gläubigern treffen, um eine
Verbraucherinsolvenz abzuwenden.59

57 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 340. Näher Renger, Wege zur Restschuldbefreiung
nach dem Insolvency Act 1986, 2012, 38 ff.
58 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 341. Vgl. zum Ganzen Renger, Wege zur Restschuld-
befreiung nach dem Insolvency Act 1986, 2012, 29 ff.
59 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_sco_de.htm.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 91

c) Ebenso besteht in Nordirland für den Schuldner die Möglichkeit, ein Insol-
venzverfahren im Vorfeld abzuwenden. Dies geschieht durch einen außergericht-
lichen Vergleich, der wie im englischen und walisischen Recht als individual
voluntary arrangement (IVA), bezeichnet wird.60

d) Das irische Recht sieht ebenfalls Möglichkeiten für den Schuldner vor, eine
Insolvenz bereits im Vorfeld abzuwenden. Der Schuldner hat die Möglichkeit,
bei Gericht Insolvenzverschonung, d.h. Nichteinleitung des Verfahrens, zu bean-
tragen, um seinen Gläubigern einen Gesamtvergleich anzubieten. Nehmen drei
Fünftel der Gläubiger den Vergleichsvorschlag an und wird dieser vom Gericht
genehmigt, wird die Vereinbarung für die Gläubiger bindend. Neben dem Ver-
gleichsantrag ermöglicht der bankruptcy summons eine weitere Option, das In-
solvenzverfahren bereits im Vorfeld abzuwenden. Mittels eines gerichtlichen
Mahnbescheides mit Insolvenzandrohung wird der Schuldner aufgefordert, alle
geschuldeten Beiträge binnen 14 Tagen an die Gläubiger zu zahlen.61 Kommt der
Schuldner dieser Aufforderung nicht nach, liegt gem. sect. 7 (1) (g) Bankruptcy
Act eine Insolvenzhandlung und somit ein Insolvenzgrund vor.

3 Benelux-Staaten

a) Auch in Belgien hat der Schuldner die Möglichkeit, sich im Vorfeld einer
Insolvenz gütlich mit seinen Gläubigern zu verständigen, Art. 1675/3 GGB. Dazu
schlägt er seinen Gläubigern vor, im Wege der kollektiven Schuldenregelung
unter Aufsicht eines Richters einen gütlichen Schuldenregelungsplan zu verein-
baren, Art. 1675/3 Abs.1 GGB. Voraussetzung für die Durchführung des Verfah-
rens ist eine ausführliche Unterrichtung des Gerichts über die Besitztümer und
Einkünfte des Schuldners gem. Art. 1675/4 § 2, 7 GGB. Der Schuldner ist ver-
pflichtet, alle Aktiva und Passiva seines Vermögens genau aufzulisten. Der Rich-
ter entscheidet innerhalb von acht Tagen über die Zulässigkeit des vorgelegten
Antrags auf Schuldenregulierung. Sofern der Richter das Ersuchen des Schuld-
ners für zulässig hält, ergeht eine Annahmeentscheidung, in welcher gleichzeitig
ein Schuldenvermittler bestimmt wird, Art. 1675/6 § 2 GGB. Der Schuldenver-
mittler muss dem Schuldner gegenüber unabhängig und unparteiisch sein. Mit
der Annahmeentscheidung wird dem Schuldenvermittler das Recht übertragen,
Informationen beim Schuldner, den Gläubigern, Banken, Notaren oder Gerichts-
vollziehern anzufordern. Die Aufgabe des Schuldenvermittlers besteht darin,

60 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 344.


61 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 345.
92 Curt Wolfgang Hergenröder

eine Einigung zwischen dem Schuldner und seinen Gläubigern herbeizuführen


und eine Rückzahlung der Schulden zu gewährleisten.62 Um die erforderliche
Zustimmung der Gläubiger zu erlangen, hat der Schuldenvermittler sechs Mona-
te Zeit. Aber auch der Schuldner kann dazu angehalten werden, Zugeständnisse
zu machen. Beispielsweise kann er dazu veranlasst werden, sich eine billigere
Wohnung zu suchen oder Beträge aus dem pfändungsfreien Einkommen zur
Tilgung der Schulden zur Verfügung zu stellen. Die weitere Aufgabe des Schul-
denvermittlers besteht darin, den ausgehandelten Plan durchzuführen. Bei Zu-
stimmung der Gläubiger wird der Rückzahlungsplan des Schuldenvermittlers
dem Richter zur Genehmigung übermittelt. Der Richter kann die Genehmigung
des Plans verweigern, wenn der Einigungsvorschlag sich auf die gesamte Le-
bensdauer der überschuldeten Person erstreckt.

b) Im luxemburgischen Recht werden nach Antragstellung des Schuldners zwei


Phasen unterschieden, die außergerichtliche und die gerichtliche Umschuldungs-
phase. Die außergerichtliche Phase wird durch eine Antragstellung des Schuld-
ners beim Schuldnerinformations- und –beratungsdienst („Service d’information
et de conseil en matière surendettement – SIC“) eingeleitet. Die Antragstellung
des Schuldners bewirkt die Aussetzung der Vollstreckungsverfahren über das
Vermögen des Schuldners. Ausgenommen hiervon sind lediglich Vollstre-
ckungsverfahren im Zusammenhang mit Unterhaltsverpflichtungen, vgl. Art. 3
Abs. 3 Loi du Surendettement.63 Der SIC führt die Ermittlungen über die Ver-
schuldung des Antragstellers durch und erarbeitet zusammen mit dem Schuldner
und dessen Gläubigern einen Sanierungsplan. Dieser Plan wird anschließend
einer Vermittlungskommission vorgelegt, die ihrerseits dem Schuldner und sei-
nen Gläubigern einen Sanierungsplan vorschlägt. Der von der Vermittlungs-
kommission ausgearbeitete Vorschlag umfasst ein Maßnahmenpaket, das entwe-
der eine einfache Stundung, eine zeitliche Verteilung der Schuldentilgung oder
einen nur teilweisen bzw. vollständigen Schuldenerlass umfassen kann. Sofern
im außergerichtlichen Verfahren keine Einigung erzielt werden kann, beginnt die
gerichtliche Phase.64

c) Vor der Eröffnung eines Schuldensanierungsverfahrens in den Niederlanden


muss der Schuldner erfolglos eine „Zwangsschuldenregelung“, d.h. eine einver-
ständliche Schuldenregelung mit den Gläubigern versucht haben. Für die Dauer
des außergerichtlichen Einigungsversuchs werden alle Forderungen gestundet.
Verweigern einige Gläubiger die Mitwirkung, besteht die Möglichkeit, das Ge-

62 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 181.


63 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 183.
64 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_lux_de.htm
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 93

richt um die Anordnung der Schuldenreglung zu ersuchen. Bei einer Ablehnung


durch das Gericht kann der Schuldner einen Antrag auf Durchführung des Sanie-
rungsverfahrens stellen.65

4 Skandinavien

a) Vor der Durchführung eines gerichtlichen Schuldenregulierungsverfahrens


nach finnischem Recht muss der Schuldner zunächst eine gütliche Einigung mit
seinen Gläubigern versuchen. Unterstützung hierbei kann er bei den Schuldner-
beratungsstellen finden. Kommt eine außergerichtliche gütliche Einigung nicht
zustande, kann der Schuldner die Durchführung eines Schuldenregulierungsver-
fahrens beantragen.66

b) Die Schuldensanierung in Schweden kann auf zwei Arten ablaufen. Entweder


als freiwilliges Verfahren, das von der Vollstreckungsbehörde verordnet wird
oder alternativ als zwingend vom Gericht angeordnetes Verfahren. Der freiwilli-
gen Schuldensanierung geht ein Einigungsversuch des Schuldners mit seinen
Gläubigern voraus. Gem. § 4 Abs. 3 SksanL ist ein Antrag auf Restschuldbefrei-
ung nur statthaft, sofern der Schuldner erfolglos versucht hat, seine finanziellen
Schwierigkeiten durch Vereinbarungen mit seinen Gläubigern selbst zu regeln.67
Beim Scheitern eines Einigungsversuchs beschließt die Vollstreckungsbehörde
die Eröffnung des Restschuldbefreiungsverfahrens. Die Einleitung des Verfah-
rens wird im Verkündungsblatt, dem Post-och Inrikes Tidningar bekannt gege-
ben. Mit der Veröffentlichung wird den Gläubigern aufgegeben, innerhalb einer
Frist von einem Monat ihre Forderungen in Schriftform anzumelden, § 14 Abs. 1
SksanL. Der Einleitungsbeschluss bewirkt, dass Vollstreckungsmaßnahmen auf
der Grundlage aller hiervon umfassten Forderungen untersagt sind, § 25
SksanL.68 Nachdem die finanzielle Lage des Schuldners analysiert wurde, erar-
beiten die Vollstreckungsbehörde und der Schuldner gemeinsam einen Sanie-
rungsvorschlag. Dieser Vorschlag enthält eine Forderungsaufstellung, Angaben
über die Forderungsverteilung und einen Tilgungsplan, der auf eine Laufzeit von
fünf Jahren ausgerichtet ist. Verwertet werden kann das gesamte pfändbare Ver-
mögen sowie alle sonstigen Einkünfte des Schuldners, § 8 Abs. 2 S.1, Abs. 4

65 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 184.


66 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_fin_de.htm.
67 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 416. Zum Folgenden schon Lindenberg, Insolvenzver-
fahren im deutsch-schwedischen Rechtsverkehr, 2007, 278.
68 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 417; Lindenberg, Insolvenzverfahren im deutsch-
schwedischen Rechtsverkehr, 2007, 279.
94 Curt Wolfgang Hergenröder

SksanL. Sobald der Sanierungsvorschlag an die Gläubiger bekanntgegeben wur-


de, sind diese zur Stellungnahme aufgefordert, § 19 S.1 SksanL. Unterbleibt die
Äußerung eines Gläubigers, wird dessen Zustimmung fingiert, § 20 Abs. 2
SksanL. Sofern alle Gläubiger den Sanierungsvorschlag gebilligt haben und
dieser die notwendigen gesetzlichen Anforderungen erfüllt, erlässt die Vollstre-
ckungsbehörde den Sanierungsbeschluss. Wenn sich ein Gläubiger dem Til-
gungsplan widersetzt, gilt die freiwillige Schuldensanierung als gescheitert.
Daraufhin wird das Verfahren an das Amtsgericht abgegeben und nach den Re-
gelungen über die zwingende Schuldensanierung weitergeführt, § 21 SksanL.

c) Eine Restschuldbefreiung kann in Norwegen auf zwei Wegen erreicht werden:


zum einen durch eine freiwillige oder durch eine obligatorische Schuldenrege-
lung. Die freiwillige Schuldensanierung des norwegischen Rechts ist in den §§ 4
ff. LOV geregelt. Zuständig für die Sanierung ist die Zwangsvollstreckungsbe-
hörde am Wohnsitz des Schuldners. Bei der Antragstellung kann der Schuldner
Unterstützung durch die Vollstreckungsbehörde (namsfogden) bekommen. Diese
trägt auch Sorge dafür, dass der Schuldner dem Antrag alle notwendigen Unter-
lagen (Gehaltsbescheinigungen, Versicherungspolicen, Mietvertrag, Gläubiger-
aufstellung) beifügt.69 Anschließend prüft die Vollstreckungsbehörde den Antrag
des Schuldners. Die Vollstreckungsbehörde gibt dem Antrag statt, soweit der
Schuldner seine Mitwirkungspflichten erfüllt und keine Versagungsgründe vor-
liegen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, prüft die Vollstreckungsbehörde den
Antrag und trifft eine Einschätzung über die Vermögensverhältnisse des Schuld-
ners. Die Antragstellung des Schuldners wird im norwegischen Lysningsblad
bekannt gemacht. Dabei werden die Gläubiger aufgefordert, ihre Forderungen
innerhalb von drei Wochen anzumelden. Ab dem Zeitpunkt der Bekanntma-
chung des Antrags ist die Zwangsvollstreckung in das Vermögen des Schuldners
untersagt. Nachdem die Gläubiger ihre Forderungen innerhalb der Frist ange-
meldet haben, fordert die Vollstreckungsbehörde den Schuldner auf, einen Eini-
gungsvorschlag mit seinen Gläubigern zu entwickeln und diesen der Vollstre-
ckungsbehörde vorzulegen. In der Folge hat der Schuldner vier Monate Zeit, um
sich mit den Gläubigern über eine freiwillige Schuldenregelung zu einigen und
einen Zahlungsplan aufzustellen. Ziel des Zahlungsplans ist es, eine möglichst
gleichmäßige Gläubigerbefriedigung zu erreichen und das gesamte Vermögen
des Schuldners zu verwerten. Um eine möglichst umfassende Gläubigerbefriedi-
gung zu gewährleisten, ist der Schuldner grundsätzlich verpflichtet, sein ganzes
Vermögen einschließlich seines Kraftfahrzeugs oder einer Immobilie zu versil-
bern. Ausnahmen hiervon sind aber zulässig. Der Zahlungsplan ist auf eine Dau-

69 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 418.


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 95

er von fünf Jahren ausgerichtet.70 Von der Schuldensanierung ausgenommen sind


Unterhaltsverpflichtungen, Steuerschulden und auf Delikt beruhende Verbind-
lichkeiten. Der ausgearbeitete Einigungsvorschlag über die Schuldensanierung
wird schriftlich niedergelegt und den Gläubigern zur Stellungnahme übersandt.
Diese haben ab der Zustellung drei Wochen Zeit, um sich zum Sanierungsvor-
schlag zu äußern. Die freiwillige Schuldenregelung ist erfolgreich, sofern sich
der Schuldner und seine Gläubiger einvernehmlich über den Plan geeinigt haben.
Lehnt ein Gläubiger den Vorschlag ab, muss er dies gegenüber der Vollstre-
ckungsbehörde schriftlich begründen. Daraufhin hat der Schuldner die Möglich-
keit den Plan zu ändern und an die Gläubigerwünsche anzupassen. Widerspricht
ein Gläubiger dem Sanierungsplan endgültig, kann er damit das Zustandekom-
men der freiwilligen Schuldenregelung verhindern. Dem Schuldner bleibt dann
nur noch eine zwangsweise Schuldentilgung durch das Gericht.

5 Österreich

Das österreichische Recht kennt im Rahmen der Verbraucherinsolvenz ein drei-


gestuftes Verfahren, um eine Entschuldung herbeizuführen. Zunächst ist der
Schuldner verpflichtet einen außergerichtlichen Einigungsversuch zu unterneh-
men. Erst wenn dessen Scheitern feststeht, wird die erste der insgesamt drei
möglichen Verfahrensvarianten eingeleitet. Diese gliedern sich in einen Sanie-
rungsplan (§§ 140 ff. IO), einen Zahlungsplan (§§ 193 ff. IO) und das Abschöp-
fungsverfahren (§§ 199 ff. IO). Die österreichische Privatinsolvenz beginnt wie
in Deutschland mit einem außergerichtlichen Einigungsversuch, vgl. § 183 Abs.
2 IO. Zwingend vorausgesetzt wird dieser Einigungsversuch aber nur für solche
Schuldner, die nicht über kostendeckendes Vermögen verfügen. Der Sinn und
Zweck des außergerichtlichen Ausgleichs besteht darin, die Gerichte zu entlasten
und eine Schuldenregulierung ohne Einbeziehung der Gerichte zu erreichen.71
Hierzu muss der Schuldner selbst oder mit Hilfe eines Anwalts oder Schuldner-
beraters mit all seinen Gläubigern Kontakt aufnehmen und versuchen, mit diesen
eine Vereinbarung über die Tilgung der aufgelaufenen Verbindlichkeiten zu
erreichen. Ein Einigungsversuch ist erfolgreich, wenn die Gläubiger den Vor-
schlag des Schuldners annehmen. Sobald auch nur ein Gläubiger den Einigungs-
versuch ablehnt, gilt dieser als gescheitert und es beginnt das eigentliche Schul-
denregulierungsverfahren.

70 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 418.


71 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 2.
96 Curt Wolfgang Hergenröder

6 Schweiz

Um ein Privatkonkursverfahren in der Schweiz anstreben zu können, muss der


Schuldner vorab ein außergerichtliches Schuldenbereinigungsverfahren versu-
chen, die sog. einvernehmliche Schuldenbereinigung nach Art. 333 SchKG.
Gem. Art. 333 Abs. 1 SchKG ist der Schuldner zunächst berechtigt, die Durch-
führung einer einvernehmlichen privaten Schuldenregelung beim zuständigen
Nachlassrichter zu beantragen. Dem Nachlassrichter gegenüber ist der Schuldner
zur Offenlegung seiner Schulden sowie Einkommens- und Vermögensverhältnis-
se verpflichtet, Art. 333 Abs. 2 SchKG. Sofern die Möglichkeit besteht, eine
gütliche Einigung mit den Gläubigern herbeizuführen, gewährt der Richter dem
Schuldner nach Deckung der Verfahrenskosten eine Stundung seiner Verbind-
lichkeiten für einen Zeitraum von maximal drei Monaten und bestellt einen
Sachwalter. Die Aufgabe des Sachwalters besteht darin, den Schuldner beim
Erstellen eines Bereinigungsvorschlags zu unterstützen und entsprechende Ver-
handlungen mit den Gläubigern zu führen. Das Schuldenbereinigungsverfahren
ist erfolgreich, sofern eine gütliche Einigung mit den Gläubigern gelingt. Deutet
sich jedoch das Scheitern des Einigungsversuchs an, kann der Richter die Stun-
dung vorab widerrufen, Art. 334 Abs. 2 SchKG. Vom Scheitern des Schuldenbe-
reinigungsverfahrens ist auszugehen, wenn der Schuldner aufgrund der ihm zur
Verfügung stehenden Mittel nicht in der Lage ist, seinen Gläubigern ein akzep-
tables Angebot zu unterbreiten. Eine Schuldenbereinigung kommt nur zustande,
wenn der Vorschlag des Schuldners von allen Gläubigern angenommen wird,
Art. 333 Abs. 1 SchKG. Lehnen die Gläubiger einen ernsthaften Vorschlag ab,
hat ein Schuldensanierungsverfahren ebenfalls keine Aussicht auf Erfolg.72
In einem nächsten Schritt besteht für den Schuldner die Möglichkeit, auf
Antrag einen Nachlassvertrag gem. Art. 293 ff. SchKG zu erwirken. Dieser hat
Aussicht auf Erfolg, sofern sich nur eine Minderheit der Gläubiger als
unkooperativ erweist. Die mangelnde Zustimmung der Gläubiger wird dann
durch einen bestätigenden Bescheid des Nachlassgerichts ersetzt, Art. 310
SchKG. Nach Antragstellung durch den Schuldner kann der Richter eine Nach-
lassstundung für einen Zeitraum von zwei Monaten anordnen. In dieser Zeit
prüft ein provisorischer Sachwalter die Vermögensverhältnisse des Schuldners.
Stellt sich bei der Prüfung heraus, dass ein Zustandekommen des Nachlassver-
trages möglich ist, gewährt der Richter dem Schuldner eine Stundung von weite-
ren vier bis sechs Monaten und ernennt zugleich einen oder mehrere Sachwalter.
Auf Antrag des Sachwalters kann die Stundung sogar auf 24 Monate verlängert

72 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 6.


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 97

werden, Art. 295 Abs. 4 SchKG.73 Der Sachwalter erarbeitet einen Nachlassver-
trag und legt diesen im Rahmen einer Versammlung den Gläubigern zur Ent-
scheidung vor, Art. 302 Abs.3 SchKG. Damit der Nachlassvertrag realisiert wer-
den kann, muss die Mehrheit der Gläubiger, die zugleich mindestens zwei Drittel
des Gesamtbetrages der nicht privilegierten Forderungen repräsentieren, oder ein
Viertel der Gläubiger, die aber mindestens drei Viertel der Gesamtschuldsumme
vertreten müssen, zustimmen, Art. 305 Abs. 1 SchKG. Wird der Nachlassvertrag
durch das Gericht bestätigt, wird dieser für alle Gläubiger verbindlich, unabhän-
gig davon, ob sie dem Vertrag zugestimmt haben oder nicht, Art. 310 SchKG.74

7 Tschechien

Das tschechische Verbraucherinsolvenzrecht weist starke Bezüge zum deutschen


Verbraucherinsolvenzrecht auf. Das Entschuldungsverfahren gliedert sich dabei
in drei Phasen: den Antrag auf Entschuldung, der zusammen mit dem Insolvenz-
antrag gestellt werden kann, die Genehmigung der Entschuldung und die Ent-
scheidung des Gerichts über den Entschuldungsplan. Das Verfahren wird eröff-
net, sobald die oben genannten Voraussetzungen vorliegen. Das Gericht ent-
scheidet anschließend über den Vermögensverfall. Im Folgenden müssen alle
Forderungen im Insolvenzverfahren innerhalb eines genau festgelegten Zeit-
raums angemeldet und auf einem Formblatt beim zuständigen Insolvenzgericht
eingereicht werden. Forderungen, die nicht fristgerecht geltend gemacht wurden,
können nicht mehr berücksichtigt werden, § 173 IG. Die Verfahrenseröffnung
bewirkt für den Schuldner, dass Gläubiger ihre Forderungen nur noch durch
Anmeldung im Insolvenzverfahren geltend machen können. Eine klageweise
Durchsetzung ist ab der Eröffnung ausgeschlossen. Auch vor Zwangsvollstre-
ckungsmaßnahmen ist der Schuldner geschützt, da diese zwar angeordnet, aber
nicht mehr durchgeführt werden können.75

73 Schönen, ZVI 2010, 81, 87.


74 Schönen, ZVI 2010, 81, 87, 88.
75 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 9.
98 Curt Wolfgang Hergenröder

8 Frankreich

Auch das französische Verbraucherinsolvenzrecht gliedert sich in ein außerge-


richtliches und in ein gerichtliches Verfahren.76 Das außergerichtliche Verfahren
vor der staatlichen Kommission wird auf Antrag des Schuldners eingeleitet, Art.
L 331-3 CdC. Die Kommission führt zunächst eine Bestandsaufnahme der
Schulden durch, um die Überschuldung des Antragstellers festzustellen. An-
schließend kommt der Kommission eine vermittelnde Funktion zu. Sie hat die
Aufgabe, zwischen dem Schuldner und seinen Hauptgläubigern zu vermitteln
und möglichst eine Einigung über einen Schuldenbereinigungsplan herbeizufüh-
ren.77 Dazu hat die Kommission die Möglichkeit, bei Gericht die Aussetzung
etwaiger Zwangsvollstreckungsmaßnahmen gegen den Schuldner mit Ausnahme
derer wegen Unterhaltsforderungen zu beantragen. Die Laufzeit des Plans darf
grundsätzlich eine Dauer von zehn Jahren nicht überschreiten. Sofern der
Schlichtungsversuch scheitert, kann die Kommission dem Gericht auf Antrag des
Schuldners eine Empfehlung aussprechen. Voraussetzung für die Empfehlung
von Maßnahmen zur Schuldenreduzierung ist, dass das Einkommen oder das
verwertbare Vermögen des Schuldners derartige Maßnahmen zulassen. Dem
Gericht obliegt dann die Aufgabe, die von der Kommission empfohlenen Maß-
nahmen zu überprüfen und für vollstreckbar zu erklären, Art. L 332-1 CdC. So-
weit die gegenwärtige finanzielle Lage des Schuldners die Umsetzung von Maß-
nahmen zur Schuldentilgung nicht zulässt, kann die Kommission entweder eine
Stundung der Schulden bis zu einem Zeitraum von zwei Jahren (Moratorium)
oder einen teilweisen Schuldenerlass empfehlen, Art. L331-7-1 CdC. Während
des Moratoriums sind keine Zinszahlungen zu leisten und es fallen nur Zinsen in
Höhe des gesetzlichen Zinssatzes für das Kapital an. Am Ende des Moratoriums
erfolgt eine erneute Überprüfung der finanziellen Situation des Schuldners.
Stellt sich erst nach dem zweijährigen Moratorium heraus, dass der Schuldner
imstande sein wird, einen Sanierungsplan zu erfüllen, kann sich die gesamte
Verfahrensdauer auf zwölf Jahre ausdehnen.78

76 Eingehend Köhler, Entschuldung und Rehabilitierung vermögensloser Personen im Verbrau-


cherinsolvenzverfahren – ein Vergleich der Verfahrensreformen in Frankreich und Deutsch-
land, 2003, 145 ff.
77 Schönen, ZVI 2009, 229, 236.
78 Schönen, ZVI 2009, 229, 237.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 99

9 Griechenland

Das griechische Recht sieht zwei Wege zur Schuldenregulierung bzw. -befreiung
vor: zum einen das außergerichtliche Verfahren auf der Grundlage eines Schul-
denregulierungsplans und zum anderen das gerichtliche Schuldenregulierungs-
verfahren auf der Grundlage eines Schuldenregulierungsplans oder mittels eines
Verbraucherinsolvenzverfahrens. Scheitert die Schuldenbereinigung, ist damit
die nächste Phase des Verfahrens eröffnet. Ein gerichtlich geleitetes Verfahren
findet damit nur statt, wenn eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern
scheitert. Der Schuldner muss also zunächst selbst bzw. mit Hilfestellung kundi-
ger Personen oder Stellen mit seinen Gläubigern verhandeln. Ziel der Verhand-
lungen ist es, gemeinsam einen konkreten und angemessenen Schuldenregulie-
rungsplan auszuarbeiten.79 Für den außergerichtlichen Plan zur Schuldenregulie-
rung gelten keine gesetzlichen Vorgaben, so dass der Schuldner und seine Gläu-
biger alle denkbaren Regulierungsmöglichkeiten frei verhandeln und vereinbaren
können.

10 Fazit

Allen untersuchten Rechtsordnungen ist gemein, dass dem gerichtlichen Verfah-


ren der Versuch der außergerichtlichen Einigung vorgeschaltet ist. Das deutsche
Modell findet sich also insoweit in den ausländischen Privatinsolvenzrechten
durchaus wieder. Allerdings bestehen auch in Bezug auf den Einigungsversuch
viele Unterschiede zwischen den einzelnen Rechtsordnungen. Hervorzuheben ist
insbesondere die in Norwegen und Schweden besehende Besonderheit der Zu-
ständigkeit der Zwangsvollstreckungsbehörde.

IV Entschuldungsverfahren

1 §§ 311 ff., 286 ff. InsO

a) Erst wenn der außergerichtliche und der gerichtliche Einigungsversuch ge-


scheitert sind, kommt es zum vereinfachten Verbraucherinsolvenzverfahren nach
§§ 311 ff. InsO.80 Liegt ein Eröffnungsgrund nach §§ 16 ff. InsO, also Zahlungs-
unfähigkeit gem. § 17 InsO oder drohende Zahlungsunfähigkeit nach § 18 InsO,

79 Kourouvani, ZVI 2010, 96.


80 Näher Hergenröder, in: in Hadding/Hopt/Schimanski (Hrsg.), Verbraucherschutz im Kreditge-
schäft, Compliance in der Kreditwirtschaft, 2008, 39, 55 ff.
100 Curt Wolfgang Hergenröder

vor, so wird bei Deckung der Kosten oder deren Stundung nach § 4 a InsO das
Verfahren vom Insolvenzgericht eröffnet, vgl. § 26 Abs. 1 S. 1, 2 InsO. Es be-
stimmt den schon genannten Treuhänder81 und einen Termin zur Prüfung der
beim Treuhänder anzumeldenden Forderungen. Mit Verfahrenseröffnung geht
die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis auf den Treuhänder über, §§ 304, 80,
313 InsO. Soweit pfändbares Vermögen des Schuldners vorhanden ist und vom
vereinfachten Verteilungsverfahren abgesehen wird, wird es verwertet und der
Erlös an die Gläubiger nach Quoten ausgeschüttet. Mit Verwertung der Insol-
venzmasse bzw. Zahlung des Betrags nach § 314 InsO ist das Verbraucherinsol-
venzverfahren beendet, §§ 196, 197, 200 InsO.
Hat der Schuldner die Restschuldbefreiung entsprechend §§ 305 Abs. 1 Nr.
2, 287 InsO beantragt, prüft das Insolvenzgericht insbesondere, ob der Schuldner
überhaupt berechtigt ist, eine Restschuldbefreiung zu erfahren, für welche Forde-
rungen eine Restschuldbefreiung erfolgen kann, es wird die Höhe der einzelnen
Forderungen festlegen, eventuelle Rangfolgen bestimmen, strittige Forderungen
mit Schuldnern und Gläubigern erörtern und einen Treuhänder bestimmen. So-
weit die Voraussetzungen in der Person des Schuldners gegeben sind, also insbe-
sondere keine Versagungsgründe vorliegen, wird die Restschuldbefreiung ange-
kündigt, § 291 Abs. 1 InsO. Der Schuldner muss freilich gem. § 287 Abs. 2 S. 1
InsO seine pfändbaren Bezüge für die Zeit von sechs Jahren nach Ablauf des
Insolvenzverfahrens an den Treuhänder abtreten. Versagungsgründe finden sich
in § 290 InsO. Wird die Restschuldbefreiung angekündigt, gehen die pfändbaren
Bezüge des Schuldners auf den Treuhänder über.

b) Voraussetzung für die endgültige Restschuldbefreiung des Schuldners ist,


dass sich der Schuldner nach Abschluss des Insolvenzverfahrens in der sechsjäh-
rigen Wohlverhaltensperiode (§ 287 Abs. 2 S. 1 InsO) gesetzeskonform verhält.
Die diesbezüglichen Obliegenheiten nennt § 295 InsO: Danach hat der Schuldner
eine angemessene Erwerbstätigkeit auszuüben, im Fall von Arbeitslosigkeit darf
keine zumutbare Tätigkeit abgelehnt werden. Erbschaften sind zur Hälfte dem
Treuhänder zu übergeben. Neben bestimmten Auskunfts- und Berichtspflichten
gegenüber Insolvenzgericht und Treuhänder darf der Schuldner insbesondere
Zahlungen nur an den Treuhänder leisten, jede Bevorzugung eines Insolvenz-
gläubigers ist untersagt. Werden die genannten Obliegenheiten schuldhaft ver-
letzt und wird dadurch die Befriedigung der Insolvenzgläubiger beeinträchtigt,
kann dies zur Versagung der Restschuldbefreiung führen.
Hat der Schuldner die drei Stufen außergerichtlicher Einigungsversuch,
gerichtlicher Einigungsversuch und vereinfachtes Verbraucherinsolvenzverfah-

81 Zu diesem eingehend Hergenröder, ZVI 2005, 521.


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 101

rens überwunden und dann noch die sechsjährige Wohlverhaltensperiode durch-


gestanden, erteilt das Insolvenzgericht die Restschuldbefreiung, wenn keine
Versagungsgründe vorliegen, § 300 InsO. Die Restschuldbefreiung hebt die
Nachhaftung des Schuldners auf. Gewisse Forderungen wie etwa solche aus
einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung werden allerdings von der
Erteilung der Restschuldbefreiung nicht berührt, § 302 InsO. Bei vorsätzlicher
Verletzung von Obliegenheiten des Schuldners und damit einhergehender erheb-
licher Beeinträchtigung der Befriedigung der Insolvenzgläubiger kann nach §
303 InsO binnen eines Jahres allerdings der Widerruf der Restschuldbefreiung
beantragt werden.

2 Vereinigtes Königreich und Irland

a) Die Schuldenregulierung im förmlichen Insolvenzverfahren englischen Rechts


(„bankruptcy“) setzt einen Eröffnungsantrag voraus. Sobald der Schuldner einen
solchen gestellt hat, ist er zur Zusammenarbeit und zur Auskunftserteilung ge-
genüber dem Treuhänder verpflichtet und die Verfügungsgewalt über die vor-
handene Insolvenzmasse geht automatisch auf den Treuhänder über. Das Verfah-
ren endet nach dem Enterprise Act 2002 mit der automatic discharge gem. sect.
279 (1) (a) IA. Die automatic discharge erlangt der Schuldner ohne sein Zutun,
d.h. er muss keinen Antrag auf Restschuldbefreiung stellen.82 Die Entschuldung
in Form der automatic discharge tritt allein durch Zeitablauf nach Insolvenzer-
öffnung ein, ohne dass zusätzliche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, sect.
279 (1) (b), (2) (b) IA. Seit 2002 kann eine Restschuldbefreiung frühestens nach
12 Monaten erteilt werden. Ausnahmsweise ist eine Unterschreitung dieser Frist
möglich, sofern der official receiver die Unbedenklichkeit erklärt, sect. 279 (2)
IA. Die Frist kann vom Gericht bis zu einer Dauer von höchstens 36 Monaten
verlängert werden oder es kann dem Gemeinschuldner bestimmte Auflagen ertei-
len, welche zur Erlangung der Restschuldbefreiung erfüllt werden müssen, sect.
279 (3) IA. Von der Restschuldbefreiung nicht erfasst werden Forderungen we-
gen Betrugs oder Untreue, wegen Geldstrafen, bestimmte Buß- und Ordnungs-
gelder, Schadensersatzansprüche wegen Personenverletzung und bestimmte
familienrechtliche Ansprüche.83

82 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 342; näher Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach
dem Insolvency Act 1986, 2012, 103 ff.
83 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 343; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem
Insolvency Act 1986, 2012, 112 ff.
102 Curt Wolfgang Hergenröder

b) Der Ablauf des schottischen Verbraucherinsolvenzverfahrens richtet sich


danach, welcher der Beteiligten den Antrag gestellt hat. Wird der Antrag durch
den Schuldner selbst gestellt, bestellt das Gericht einen Treuhänder. Der Treu-
händer übernimmt die Verfügungsgewalt über das gesamte Vermögen des
Schuldners und verwertet es. Der Schuldner ist dabei verpflichtet, mit dem Treu-
händer zusammen zu arbeiten und alle Vermögenswerte offen zu legen. Die
Gläubiger melden ihre Forderungen beim Treuhänder an. Dabei darf die Forde-
rung nur auf den Betrag lauten, der zum Zeitpunkt der Insolvenz fällig ist. Die
Gläubiger sind nicht befugt, zur Realisierung ihrer Ansprüche direkt gegen den
Schuldner vorzugehen. Vielmehr müssen sie sich an den Treuhänder wenden und
die Forderungen diesem gegenüber geltend machen. Das Verfahren endet mit der
Restschuldbefreiung, die der Schuldner automatisch ein Jahr nach Verfahrens-
öffnung erlangt. Eine Verkürzung dieser Frist wie im Recht von England und
Wales ist hingegen im schottischen Recht nicht möglich.

c) Der Antrag auf Durchführung eines Insolvenzverfahrens in Nordirland muss


beim High Court gestellt werden. Das Gericht bestellt nach Erlass eines Insol-
venzfeststellungsbeschlusses für den Schuldner einen Treuhänder, der Anwei-
sungen des High Court entgegen nimmt. Auch im nordirischen Recht ist der
Schuldner zur Zusammenarbeit mit dem Treuhänder verpflichtet. Mit der Ver-
fahrenseröffnung geht die Verfügungsbefugnis über die Insolvenzmasse auf den
Treuhänder über. Das Verbraucherinsolvenzverfahren endet nach zwölf Monaten
mit der automatischen Restschuldbefreiung (discharge). Die Frist von zwölf
Monaten kann in Ausnahmesituationen verkürzt werden, wenn der Treuhänder
seine Tätigkeit im jeweiligen Insolvenzverfahren bereits früher beendet und die
Akten mit einem diesbezüglichen Vermerk an das Gericht übergibt.84 Von der
discharge ausgenommen sind Schulden, welche aus betrügerischen Handlungen
stammen. Eine unmittelbare Restschuldbefreiung vor Ablauf von zwölf Mona-
ten ist dann möglich, wenn das Gericht die bankruptcy order widerruft. Ein sol-
cher Widerruf kommt in Betracht, wenn der Schuldner alle Verbindlichkeiten
sowie alle in Zusammenhang mit dem Insolvenzverfahren entstandenen Kosten
beglichen hat. Im Falle der Unredlichkeit des Schuldners vor oder während des
Insolvenzverfahrens kann der Treuhänder das Gericht um die Erteilung von
Auflagen anrufen. Dies hat für den Schuldner die Konsequenz, dass er nicht
automatisch die Restschuldbefreiung erlangt, sondern für einen Zeitraum von
zwei bis fünfzehn Jahren den Beschränkungen der Insolvenz unterliegt.

84 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2007, 337, 345.


Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 103

d) Das Insolvenzverfahren in Irland wird auf Antrag des Schuldners bei Gericht
eingeleitet. Der Antrag erfolgt aufgrund einer eidesstattlichen Erklärung des
Schuldners und muss innerhalb von drei Monaten nach Vorliegen einen Insol-
venzgrundes i.S.v. sect. 7 (1) Bankruptcy Act gestellt werden.85 Darüber hinaus
müssen sich die offenen Forderungen des Schuldners mindestens auf einen Be-
trag von 2.000 € belaufen. Das Gericht stellt die Zahlungsunfähigkeit des
Schuldners fest und eröffnet das Insolvenzverfahren. Mit der Eröffnung des
Verfahrens gehen alle Vermögenswerte des Schuldners in die Verwaltung eines
amtlichen Insolvenz- oder Zwangsverwalters über, sect. 44 (1) Bankruptcy Act.
Der Schuldner ist zur Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse verpflichtet
und muss dem Insolvenzverwalter das gesamte in seiner Obhut bzw. Verfü-
gungsmacht befindliche Vermögen einschließlich aller mit der Insolvenzmasse
verbundenen Bücher und Unterlagen aushändigen. Sect. 85 Bankruptcy Act re-
gelt die Voraussetzungen, welche zum Ende des Verbraucherinsolvenzverfahrens
und zur Restschuldbefreiung führen können. Das Insolvenzverfahren ist aufzu-
heben und die Restschuld zu erlassen, wenn ein Aufhebungsgrund gem. sect. 85
Bankruptcy Act vorliegt. Das Insolvenzverfahren ist beispielsweise aufzuheben,
wenn der Schuldner sämtliche Verbindlichkeiten nebst Kosten und Zinsen be-
zahlt hat (vgl. sect. 85 Abs. 3 lit. a (i) Bankruptcy Act).86

3 Benelux-Staaten

a) Das Entschuldungsverfahren in Belgien nimmt seinen Lauf, wenn die Gläubi-


ger den Rückzahlungsplan des Schuldenvermittlers nicht annehmen. Die ent-
sprechende negative Entscheidung der Gläubigerseite ist ebenfalls dem Gericht
mitzuteilen. Dieses kann daraufhin einen gerichtlichen Tilgungsplan auferlegen.
Eine Verpflichtung dazu besteht allerdings nicht. Der gerichtliche Schuldentil-
gungsplan wird auf eine maximale Dauer von fünf Jahren festgelegt, Art.
1675/12 § 2 GGB. Eine Verlängerung der Planlaufzeit ist nur möglich, sofern
durch die Fristverlängerung das Grundeigentum des Schuldners geschützt wer-
den soll. Ansonsten ist eine Verlängerung des Plans ausgeschlossen. Wenn der
Schuldner den Plan nicht einhält, kann dieser aufgehoben werden. Im Falle einer
Annullierung des gerichtlichen Schuldentilgungsplan dürfen die Gläubiger nun-
mehr Möbel und Einkünfte des Schuldners pfänden, Art. 1675/15 § 1 er al. 1
GGB. Nach Ablauf einer minimalen Laufzeit von drei Jahren und einer maxima-
len Planlaufzeit von fünf Jahren wird die Schuld erlassen, sofern der Schuldner

85 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_ire_de.htm.
86 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_ire_de.htm.
104 Curt Wolfgang Hergenröder

den Plan eingehalten hat. Stellt der Schuldenvermittler jedoch fest, dass der güt-
liche Einigungsversuch gescheitert ist, aber auch ein gerichtlicher Tilgungsplan
mangels Einkommens des Schuldners nicht erfolgreich sein wird, teilt er dies
dem Richter mit und strebt eine komplette Entschuldung an. Ausgenommen vom
Schuldenerlass sind allerdings Schulden für zukünftige Unterhaltszahlungen,
Wiedergutmachung und Entschädigung für körperliche Verletzungen sowie
Schulden, die auf einen einfachen oder betrügerischen Bankrott zurückzuführen
sind.87

b) Die Eröffnung des gerichtlichen Verfahrens in Luxemburg wird durch den


Schuldner, die Gläubiger oder den SIC beantragt und durch einen Friedensrichter
am Wohnsitz des Schuldners beschlossen (Art. 7 ff. Loi du Surendettement). Die
Parteien werden daraufhin vor den Friedensrichter geladen und können dazu
aufgefordert werden, sämtliche Unterlagen vorzulegen, um die Ermittlung des
vorhandenen Vermögens zu ermöglichen. Auf Grundlage der ihm vorgelegten
Unterlagen legt der Richter einen Sanierungsplan fest.88 Der Sanierungsplan wird
durch Urteil erlassen und ist auf eine Dauer von maximal sieben Jahren festge-
legt (Art. 14 Abs. 5 Loi du Surendettement).89 Der Plan umfasst verschiedene
Maßnahmen, mit deren Hilfe der Schuldner die ihm vom Richter auferlegten
Verpflichtungen erfüllen kann. Als Beispiel seien die Stundung der Rückzahlun-
gen oder die Herabsetzung des Zinssatzes genannt. Bei Bedarf kann der Richter
dem Schuldner einen Beistand zuweisen und die Häufigkeit der Kontrollen fest-
legen. Stellt der Richter im Rahmen der Kontrollen fest, dass der Schuldner den
Plan nicht einhält oder weitere Gründe für das Scheitern des Plans vorliegen,
kann der Friedensrichter den Plan für hinfällig erklären.90

c) Ziel des niederländischen Sanierungsverfahrens ist die Restschuldbefreiung.


Die soziale Wiedereingliederung des Schuldners soll einen Neustart in ein schul-
denfreies Leben ermöglichen. Mit dem Antrag auf Eröffnung eines Sanierungs-
verfahrens kann der Schuldner zugleich vorläufige Unterstützungsleistungen
beantragen. Die Entscheidung über die vorläufigen Unterstützungsleistungen
ergeht vor der Zulassung zum Sanierungsverfahren, damit dem Schuldner nicht
die Energieversorgung eingestellt bzw. sein Mietvertrag gekündigt wird oder er
die Mitgliedschaft in seiner Krankenkasse verliert.91 Im Falle des Scheiterns
einer außergerichtlichen Einigung kann der Schuldner beim Landgericht die

87 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 181.


88 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 183.
89 Schönen, ZVI 2010, 81, 82.
90 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_lux_de.htm.
91 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 184.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 105

Eröffnung des gerichtlichen Schuldensanierungsverfahrens beantragen. Der


Gläubiger ist nicht berechtigt, einen Antrag zu stellen. Der durch das Gericht
festgesetzte Sanierungsplan wird auf eine Dauer von drei Jahren festgelegt. In
außergewöhnlichen Fällen kann der Sanierungszeitraum um zwei Jahre verlän-
gert werden. Unmittelbar nach der Antragstellung werden dem Schuldner ein
Verwalter und ein Aufsichtsrichter zugewiesen. Der Schuldensanierungsplan legt
dem Schuldner verschiedene Verpflichtungen auf, die er während der Laufzeit
erfüllen muss. Beispielsweise ist der Schuldner dazu verpflichtet, im Rahmen
seiner gesundheitlichen Möglichkeiten aktiv einen Beruf auszuüben oder sich um
eine neue Arbeitsstelle zu bemühen. Durch die Eröffnung des Schuldensanie-
rungsverfahrens verliert der Schuldner das Recht, über sein Vermögen zu verfü-
gen und dieses zu verwalten. Das Vermögen untersteht ab diesem Zeitpunkt der
Verwaltung eines Sachwalters/Treuhänders („bewindvoerder“). Die Gläubiger
sind nicht dazu verpflichtet, ihre Forderungen beim Sachwalter anzumelden. Um
aber eine angemessene Berücksichtigung bei der Verteilung der Masse zu erlan-
gen, ist es zu empfehlen, die Forderungen bei Gericht anzumelden.
Erlangt der Schuldner nach Abschluss der Schuldensanierung einen Schul-
denerlass, so dass er ohne Verbindlichkeiten einen wirtschaftlichen Neuanfang
beginnen kann, gilt dieser gegenüber allen Gläubigern unabhängig davon, ob sie
ihre Forderungen angemeldet haben oder nicht. Zu beachten ist jedoch, dass die
Schuldensanierung ihre Wirkung nur auf Forderungen entfaltet, die zum Zeit-
punkt des Gerichtsbeschlusses bestehen, mit welchem der Schuldner zur Schul-
densanierung zugelassen wird, Art. 299 Fw. Forderungen, die nach diesem Zeit-
punkt entstehen, sind neue Schulden, welche nicht Gegenstand des Schuldener-
lasses sein können. Die Schuldensanierung kann mit unterschiedlichen Ergebnis-
sen beendet werden. Grundsätzlich ist es in jedem Stadium des Verfahrens mög-
lich, dieses durch eine gütliche Einigung zu beenden. Gelingt es dem Schuldner
während des laufenden Verfahrens, genug Mittel anzusparen um seine Gläubiger
vollständig zu befriedigen, endet zu diesem Zeitpunkt das Verfahren unabhängig
davon, ob die dreijährige Laufzeit bereits verstrichen ist oder nicht. Erfüllt der
Schuldner seine Sanierungsverpflichtungen ordnungsgemäß, erlässt das Gericht
ein Endurteil, in welchem es den Schuldenerlass zugunsten des Schuldners aus-
spricht.92 Die verbleibenden Restschulden werden in Naturalobligationen umge-
wandelt, so dass die Gläubiger diese nicht mehr einklagen oder vollstrecken
können, vgl. Art. 385 Fw. Kommt der Schuldner seinen auferlegten Sanierungs-
verpflichtungen nicht nach, kann die Schuldensanierung einstweilig beendet
werden, ohne dass ein Schuldenerlass ausgesprochen wird. Eine Beendigung ist
vorzunehmen, wenn der Schuldner es beispielsweise zulässt, dass während der

92 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 185.


106 Curt Wolfgang Hergenröder

Laufzeit seiner Schuldensanierung im Übermaß neue Schulden entstehen, oder


wenn er seine Gläubiger zu benachteiligen versucht.
Wurde die Schuldensanierung durch diese Gründe einstweilig beendet,
befindet sich der Schuldner fortan im Rechtszustand des Konkurses, Art. 350
Fw. Die Tatsache, dass ein Sanierungsverfahren durchgeführt worden ist, wird
beim Amt für Kreditregistrierung (Bureau Krediet Registratie [BKR]) in Tiel
und dem Zentralen Insolvenzregister (Centraal Insolventie Register [CIR]) beim
Amt für Rechtspflege in Den Haag registriert.93 Der Konkurs setzt kein außerge-
richtliches oder gerichtliches Vorverfahren voraus und kann durch den Schuldner
selbst oder seitens der Gläubiger beantragt werden. Der Antrag eines Gläubigers
muss allerdings über einen Anwalt erfolgen. Sachlich und örtlich zuständig ist
das Landgericht am Wohnsitz des Schuldners. Bei Vorliegen der Voraussetzun-
gen wird der Konkurs durch einen Gerichtsbeschluss eröffnet. Der Urkundsbe-
amte der Gerichtskanzlei veröffentlicht anschließend Namen und Anschrift des
Konkursschuldners sowie die Angaben über den zuständigen Konkursrichter,
Konkursverwalter und den Prüfungstermin im Staatsanzeiger und einer überregi-
onalen Tageszeitung. Der Konkursverwalter ist für die Liquidation und die Ver-
waltung der Konkursmasse verantwortlich. Der Schuldner verliert mit der An-
tragstellung sein Recht, über die Masse zu verfügen. Auf Verlangen des Kon-
kursverwalters hat der Schuldner alle zur Masse gehörenden Vermögensgegen-
stände an ihn herauszugeben. Ziel des Konkursverfahrens ist es, die Rechte der
Gläubiger bestmöglich sichern zu können. Aus diesem Grund besteht für den
Konkursverwalter die Möglichkeit, gläubigerbenachteiligende Rechtsgeschäfte
nachträglich rückgängig zu machen. Die Dauer eines Konkursverfahrens ist im
Gesetz nicht genau bestimmt. Ein Konkurs endet im Regelfall innerhalb von 18
Monaten durch Einstellung mangels Masse, durch Vergleich oder durch Vertei-
lung der Masse an die Gläubiger.94 Das Konkursverfahren führt im Gegensatz
zum Sanierungsverfahren nicht zu einer Restschuldbefreiung. Die nach der Ab-
wicklung des Konkurses nicht befriedigten Forderungen gegen den Schuldner
leben wieder auf. Die Gläubiger können somit mittels Klage oder Zwangsvoll-
streckung gegen diesen wieder vorgehen, vgl. Art. 195 Fw. Dies ist möglich,
sobald das endgültige Verteilungsverzeichnis verbindlich wird, d.h. ein Gläubi-
ger keine Einwendungen mehr erheben kann.95

93 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_net_de.htm.
94 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_net_de.htm
95 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 187.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 107

4 Skandinavien

a) Die gerichtliche Entschuldungsphase nach finnischem Recht beginnt mit dem


Antrag auf Durchführung eines Schuldenregulierungsverfahrens. Zuständig für
die Entscheidung über die Einleitung eines solchen Verfahrens ist das Gericht
am Wohnsitz des Schuldners. Um die Durchführung des Verfahrens zu kontrol-
lieren, wird das Gericht im Regelfall einen Schuldenverwalter zur Unterstützung
des Schuldners bestellen. Die Kosten hierfür werden von der Staatskasse über-
nommen. Nur in einfach gelagerten Fällen oder bei Sachverhalten von geringem
Umfang kann sich das Gericht gegen einen Verwalter aussprechen. Die Aufgabe
des Schuldenverwalters besteht darin, die Gläubiger über das Schuldenregulie-
rungsverfahren zu informieren, einen Zahlungsplan für den Schuldner zu erarbei-
ten und die Verwertung des vorhandenen Vermögens durchzuführen.96 Der Zah-
lungsplan orientiert sich an der tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Schuldners
und ist auf eine Dauer von fünf Jahren angelegt. Sofern sich das Gericht gegen
die Einsetzung eines Schuldenverwalters entscheidet, muss der Schuldner selbst
einen Sanierungsplan ausarbeiten. Der Schuldner ist verpflichtet, gegenüber dem
Gericht und den Gläubigern alle notwendigen Informationen offen zu legen,
vollumfänglich über seine Schulden zu informieren und an der ordnungsgemä-
ßen Durchführung der Schuldenregelung mitzuwirken. Die staatlichen Finanz-
und Schuldnerberatungsstellen wirken dabei unterstützend mit. Das Gesetz sieht
keine Mindestbefriedigungsquoten vor, so dass auch die Erstellung eines „Null-
plans“ möglich ist.97 Nach Fertigstellung des Plans durch den Verwalter bzw.
den Schuldner selbst erhalten die Gläubiger die Möglichkeit, zum Sanierungs-
plan Stellung zu nehmen. Bei der Umsetzung des Plans wird alles über den
Grundbedarf hinausgehende Vermögen des Schuldners verwertet. Seine Immobi-
lie bleibt dem Schuldner unter bestimmten Voraussetzungen erhalten, sofern er
sowohl an die grundpfandrechtlich gesicherten als auch an die sonstigen Gläubi-
ger Zahlungen leistet.98 Wird die Immobilie nicht verwertet, ist das Gericht be-
rechtigt, die Planlaufzeit auf eine Gesamtdauer von maximal zehn Jahren zu
erhöhen. Während des Schuldenregulierungsverfahrens gilt ein einstweiliges
Zahlungs-, Inkasso- und Vollstreckungsverbot. Das Verbot umfasst alle vor
Einleitung des Verfahrens entstandenen Schulden einschließlich Pfandschulden.
Nach Ablauf der Planlaufzeit endet das Verfahren entweder durch Restschuldbe-
freiung oder durch eine gerichtliche Aufhebung des Plans. Soweit der Schuldner
die im Sanierungsplan festgelegten Pflichten erfüllt, wird ihm nach Ablauf der
Planlaufzeit Restschuldbefreiung erteilt. Verletzt der Schuldner jedoch ohne

96 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 415.


97 Schönen, ZVI 2010, 229, 235.
98 http://www.ec.europa.eu/civiljustice/bankruptcy/bankruptcy_fin_de.htm.
108 Curt Wolfgang Hergenröder

nachvollziehbaren Grund seinen Zahlungsplan oder seine Mitwirkungspflicht,


kann der Plan durch Gerichtsbeschluss aufgehoben werden und alle ursprüngli-
chen Schuldbedingungen erhalten erneut Gültigkeit.

b) Nach Scheitern der freiwilligen Schuldensanierung wird nach schwedischem


Recht das zwingende Schuldensanierungsverfahren durchgeführt, § 22 SksanL,
wobei ein entgegenstehender Wille der Gläubiger unbeachtlich ist. Das Amtsge-
richt lädt hierzu sowohl den betroffenen Schuldner als auch alle Gläubiger ein
und prüft die Schuldensanierung.99 Der Ablauf des Verfahrens ist mit der freiwil-
ligen Schuldensanierung nahezu identisch, §§ 22, 23 SksanL, wobei die Gläubi-
ger in diesem Fall kein Veto einlegen können. Von der Schuldensanierung sind
alle Forderungen erfasst, die entstanden waren, bevor die Vollstreckungsbehörde
die Einleitung des Sanierungsverfahrens beschlossen hatte, § 6 Abs. 1 S.1
SksanL. Von der Restschuldbefreiung ausgeschlossen sind jedoch Unterhaltsan-
sprüche sowie Forderungen, die durch Pfand- oder Zurückbehaltungsrechte gesi-
chert sind, streitige Forderungen sowie zukünftige Forderungen. Das Sanie-
rungsverfahren endet in der Regel mit Ablauf der Planlaufzeit. Ab diesem Zeit-
punkt wird dem Schuldner Restschuldbefreiung erteilt. Falls der Schuldner un-
redlich gewesen ist, wissentlich falsche Angaben bei der Planerstellung gemacht
oder er einen Gläubiger begünstigt hat, kann der Beschluss auf Ersuchen eines
Gläubigers geändert oder zurückgenommen werden, § 24 SksanL. Sofern der
Schuldner gegen den Zahlungsplan verstößt, wird die Restschuldbefreiung eben-
falls aufgehoben.100

c) Im Rahmen der zwangsweisen Schuldenregelung in Norwegen wird der Sanie-


rungsplan einer genauen Prüfung durch das Gericht unterzogen. Hält das Gericht
den Plan für angemessen und durchführbar, gibt es diesem durch Urteil statt. Die
Planlaufzeit beträgt in der Regel fünf Jahre. Diese kann aber unter Umständen
verlängert werden, sofern der Schuldner berechtigt ist, sein Wohnungseigentum
zu behalten und dieses nicht zur Befriedigung der Gläubiger herangezogen wer-
den muss. Die maximale Planlaufzeit darf eine Zeitspanne von zehn Jahren nicht
übersteigen, vgl. § 5-2 LOV.101 Falls das Gericht Zweifel an der Durchführung
des Plans haben sollte, lädt es den Schuldner zur mündlichen Verhandlung vor
und kann diesem eine Möglichkeit zur Nachbesserung einräumen, § 5-1 LOV.
Bessert der Schuldner den Plan nach, wird das Gericht erneut über diesen ent-

99 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 417; Lindenberg, Insolvenzverfahren im deutsch-


schwedischen Rechtsverkehr, 2007, 280.
100 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 417. Zu den Wirkungen der Restschuldbefreiung ferner
Lindenberg, Insolvenzverfahren im deutsch-schwedischen Rechtsverkehr, 2007, 280 f.
101 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 419.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 109

scheiden. Sind die vorgenommenen Planänderungen des Schuldners nicht ausrei-


chend, lehnt das Gericht die zwangsweise Schuldensanierung ab und das Sanie-
rungsverfahren gilt als gescheitert. Die Schuldenregelung endet, sobald der
Schuldner seinen Zahlungsplan erfüllt hat.

d) Das Schuldensanierungsverfahren in Dänemark ist ein Antragsverfahren und


kann nur durch den Schuldner selbst eingeleitet werden. Der Schuldner ist ver-
pflichtet, das entsprechende Antragsformular sorgfältig und wahrheitsgemäß
auszufüllen und zusammen mit den Einkommensnachweisen der letzten drei
Monate und den Abschlüssen der vergangenen drei Jahre bei Gericht einzurei-
chen. Zuständig ist das Insolvenzgericht am Wohnsitz des Schuldners. Falls der
Schuldner in Kopenhagen lebt, ergibt sich für ihn eine besondere Zuständigkeit
des See- und Handelsgerichts.102 Nach Eingang des Antrags bei Gericht lädt
dieses den Schuldner zu einer persönlichen Besprechung vor. Auch wenn der
Schuldner alle Voraussetzungen erfüllt, ist es dennoch möglich, dass sich das
Gericht gegen die Durchführung eines Sanierungsverfahrens aussprechen wird.
Ein Schuldenerlass ist zu versagen, wenn das Gericht bei seiner Prüfung fest-
stellt, dass die finanziellen Verhältnisse des Schuldners unklar sind oder dieser
die Finanzprobleme schuldhaft herbeigeführt hat. Wird zu Gunsten des Schuld-
ners ein Sanierungsverfahren eröffnet, bestellt das Gericht regelmäßig zu dessen
Unterstützung einen Rechtsanwalt. Dieser übernimmt die weitere Überwachung
und Durchführung des Verfahrens und nimmt auch Kontakt zu den Gläubigern
auf. Die Eröffnung des Schuldensanierungsverfahrens wird sodann im Regie-
rungsblatt bekannt gemacht.103 Die Gläubiger werden aufgefordert, ihre Forde-
rungen innerhalb von vier Wochen anzumelden, denn das Gericht berücksichtigt
nur ihm bekannte Gläubiger. In Abhängigkeit von der Leistungsfähigkeit des
Schuldners wird ein Rückzahlungsplan in der festgesetzten Schuldhöhe erstellt,
welchen der Schuldner innerhalb von fünf Jahren zu erfüllen verpflichtet ist. Um
den Plan umsetzen zu können, muss der Schuldner sein Vermögen und sein
pfändbares Einkommen zur Verfügung stellen. Die Schuldensanierung endet mit
Ablauf der vereinbarten Laufzeit. Hat der Schuldner zwischenzeitlich den Plan
entsprechend der Vorgaben erfüllt, wird er von seinen Verbindlichkeiten be-
freit.104 In Dänemark besteht seitens der Gläubiger die Möglichkeit, das Sanie-
rungsverfahren nachträglich durch gerichtliche Entscheidung aufheben zu lassen.
Falls der Schuldner während des Verfahrens falsche Angaben gemacht oder
relevante Sachverhalte bei der Antragstellung verschwiegen hat und ein Gläubi-
ger Kenntnis davon erlangt hat, kann dieser einen schriftlichen Aufhebungsan-

102 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 419.


103 http://www.logv.dk/gaeldssanering.htm.
104 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 420.
110 Curt Wolfgang Hergenröder

trag an das Gericht stellen. Wird das Sanierungsverfahren des Schuldners nach
gerichtlicher Prüfung aufgehoben, leben die ursprünglichen Schulden abzüglich
der bereits geleisteten Beträge wieder auf.

5 Österreich

a) Im Falle des Scheiterns des außergerichtlichen Einigungsversuchs in Öster-


reich kann der Schuldner auf drei Arten versuchen, Restschuldbefreiung zu er-
langen: durch einen Sanierungsplan, durch ein Zahlungsplanverfahren oder
durch ein Abschöpfungsverfahren mit Restschuldbefreiung. Alle drei Möglich-
keiten setzen voraus, dass über das Vermögen des Schuldners ein Schuldenregu-
lierungsverfahren eröffnet wird. Soweit der Schuldner über kostendeckendes
Vermögen verfügt, kann er ohne weitere Voraussetzungen einen Antrag bei
Gericht stellen (vgl. § 183 IO), anderenfalls werden die Kosten zunächst von der
Staatskasse übernommen, § 184 IO. Weitere Voraussetzung für die Durchfüh-
rung eines Schuldenregulierungsverfahrens ist, dass der Schuldner eine stabile
Lebenssituation nachweisen kann und in der Lage ist, die Kosten für seine Miete
und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Verfahren wird normalerweise
durch den Rechtspfleger geleitet. Sind beim Schuldner aber Aktiva von mehr als
50.000 € vorhanden, fällt es in die Zuständigkeit des Richters.105 Liegen alle
Voraussetzungen vor, eröffnet das zuständige Bezirksgericht das Verfahren
durch Beschluss. Zugleich werden die Gläubiger aufgefordert, ihre Forderungen
gegen den Schuldner geltend zu machen. Das Gericht kann einen Insolvenzver-
walter bestellen, wenn die Vermögenssituation des Schuldners unübersichtlich
ist, kein Vermögensverzeichnis vorgelegt wurde oder die Gefahr einer Gläubi-
gerbenachteiligung besteht, § 186 Abs. 2 IO. Die Eröffnung des gerichtlichen
Schuldenregulierungsverfahrens wird von Amts wegen im Internet veröffent-
licht, gegebenenfalls auch in Tageszeitungen oder anderen Medien. Darüber
hinaus werden die Gläubiger, der Arbeitgeber des Schuldners und die kontofüh-
rende Bank direkt durch das Gericht über die Eröffnung informiert.106 Mit Be-
ginn des Sanierungsverfahrens werden alle streitigen Forderungen geprüft (§ 188
IO) und vorläufig auch alle gerichtlichen Verfahren und die Zinsverrechnungen
gestoppt. Für die Dauer des Verfahrens werden auch die laufenden Exekutionen
(Zwangsvollstreckungen) eingestellt. Ausgenommen davon sind vertragliche
Pfandrechte, Unterhaltsexekutionen und Leistungen der bezugszahlenden Stel-
le.107 Für die Dauer des gerichtlichen Verfahrens (ca. vier Monate) verliert der

105 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_eroeffnung.php.
106 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_eroeffnung.php.
107 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 3.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 111

Schuldner die Berechtigung, ohne Zustimmung des Insolvenzverwalters über


sein Vermögen zu verfügen. Dies gilt jedoch nicht für Geschäfte des täglichen
Lebens, welche der Schuldner weiterhin eigenständig tätigen darf.108 Nach Ab-
lauf von etwa ein bis zwei Monaten seit der Verfahrenseröffnung veranlasst das
Gericht gem. § 145 IO einen Gerichtstermin (Tagsatzung). Im Rahmen des Ter-
mins prüft das Gericht die angemeldeten Gläubigerforderungen auf ihre Richtig-
keit und lässt über einen vorgelegten Zahlungsplan oder einen Sanierungsplan
abstimmen. Nimmt der Schuldner diesen Termin nicht wahr bzw. erscheint er
nicht bei Gericht, gilt sein Antrag als zurückgenommen.109

b) Die erste Möglichkeit, eine Schuldenregulierung herbeizuführen, ist der Sa-


nierungsplan gem. §§ 140 ff. IO. Ziel des Sanierungsplans ist die Erlangung der
Restschuldbefreiung. Sobald der Schuldner die Sanierungsplanquote erfüllt, wird
er dadurch von seinen Verbindlichkeiten befreit, § 156 IO. Mangels gesetzlicher
Anordnung findet im Rahmen des Sanierungsplans keine Vermögensverwertung
statt, so dass der Schuldner sowohl sein bewegliches als auch sein unbewegli-
ches Vermögen behalten kann. Für die Durchführung des Sanierungsplans ist es
erforderlich, dass der Schuldner ein fest vorgeschriebenes Zahlungsgebot leisten
kann. Die Mindestquote beträgt dabei 20%, die innerhalb eines Zeitraums von
maximal fünf Jahren zu leisten ist.110 Zur Annahme des Sanierungsplans ist es
erforderlich, dass die Mehrheit der Gläubiger den entsprechenden Regelungen
zustimmt. Wurde der Plan hingegen nicht von der erforderlichen Mehrheit der
Gläubiger angenommen, gilt er als gescheitert.

c) Mit Zustimmung der Gläubiger kann anschließend ein Zahlungsplanverfahren


angestrebt werden, §§ 193 ff. IO.111 Der Zahlungsplan ist in weiten Teilen ver-
gleichbar mit dem Sanierungsplan, wobei der Zahlungsplan zwingend eine Ver-
wertung des schuldnerischen Vermögens erforderlich macht. Zusätzlich muss der
Schuldner den Gläubigern, abhängig von seiner persönlichen Einkommenssitua-
tion, in einem Zeitraum von fünf Jahren eine Rückzahlungsquote anbieten. In der
Regel ist das die Summe, die dem pfändbaren Einkommen des Schuldners in
diesem Zeitraum entspricht, § 194 Abs.1 IO. Ist nichts pfändbar, ist der Schuld-
ner berechtigt, freiwillige Leistungen aus dem Existenzminimum zu leisten.112
Der Vorteil des Planverfahrens liegt darin, dass keine Mindestbefriedigungsquo-
te vorausgesetzt wird, so dass hierdurch eine flexiblere Anpassung an die Ver-

108 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_eroeffnung.php.
109 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_eroeffnung.php.
110 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_zwangsag.php.
111 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 4.
112 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_zapl.php.
112 Curt Wolfgang Hergenröder

mögensentwicklung des Schuldners ermöglicht wird, vgl. § 198 IO. Ein Zah-
lungsplanverfahren ist jedoch unzulässig, wenn in den letzten zehn Jahren ein
Abschöpfungsverfahren eingeleitet worden war. Darüber hinaus muss der
Schuldner in der Lage sein, die Verfahrenskosten in einer vom Gericht bestimm-
ten Frist (maximal drei Jahre) zu begleichen. Der Zahlungsplan kommt nur mit
Zustimmung der Gläubigermehrheit zustande. Lehnen die Gläubiger den Zah-
lungsplan ab, kann der Schuldner das Verfahren auf Antrag fortsetzen, wenn die
Begleichung der Verfahrenskosten garantiert ist und innerhalb einer Frist von
zwei Jahren von einer Verbesserung der Vermögenslage des Schuldners ausge-
gangen werden kann. Innerhalb dieser zwei Jahre ist dann ein geänderter oder
neuer Zahlungsplan vorzulegen.113

d) Wird der Änderungsvorschlag von den Gläubigern abgelehnt, kann der


Schuldner ein Abschöpfungsverfahren beantragen. Im Abschöpfungsverfahren
wird die Hälfte der bisherigen Laufdauer des Zahlungsplans angerechnet. Im
Rahmen des Abschöpfungsverfahrens mit Restschuldbefreiung gem. §§ 199 ff.
IO verpflichtet sich der Schuldner, für die Dauer von sieben Jahren ein auf das
Existenzminimum begrenztes Leben zu führen und den pfändbaren Teil seines
Einkommens an einen vom Gericht bestellten Treuhänder abzutreten, § 199 Abs.
2 IO.114 Während des Abschöpfungsverfahrens ist der Schuldner verpflichtet,
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen oder im Falle von Arbeitslosigkeit sich um
eine Arbeitsstelle zu bemühen, § 210 Abs.1 Nr. 1 IO. Nach Ablauf von drei Jah-
ren besteht für den Schuldner erstmalig die Möglichkeit, Restschuldbefreiung zu
erlangen. Hat der Schuldner bereits die Hälfte aller Gläubigerforderungen ein-
schließlich aller Verfahrens-, Masse- und Treuhänderkosten beglichen, wird er
bei Einhaltung seiner Mitwirkungspflichten auch gegen den Willen der Gläubi-
ger von seinen restlichen Schulden befreit, § 213 Abs.1 Nr. 1 IO.115 Anderenfalls
tritt Restschuldbefreiung ein, wenn der Schuldner nach Ablauf der sieben Jahre
eine Mindestbefriedigungsquote von 10% erreicht hat, § 213 Abs.1 Nr. 2 IO.
Wurde diese Quote nur knapp oder aufgrund der Verfahrenskosten unterschrit-
ten, kann das Gericht eine Restschuldbefreiung aus Billigkeitsgründen erteilen, §
213 Abs. 2 IO. Liegt kein Billigkeitsgrund vor, kann das Gericht das Abschöp-
fungsverfahren um maximal drei Jahre verlängern, § 213 Abs. 3 IO.116 Wurde die
Quote von 10 % auch nach zehn Jahren nicht erreicht, endet das Verfahren ohne
Erlangung der Restschuldbefreiung. Alle bis dahin nicht beglichenen Forderun-
gen bleiben bestehen, die Zinsen werden nachverrechnet und die Gläubiger sind

113 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 4.


114 Schönen, ZVI 2012, 81, 84.
115 http://www.privatkonkurs.at/content/pk_abschoepf.php.
116 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 5.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 113

ab dann wieder berechtigt, Vollstreckungsmaßnahmen gegen den Schuldner


einzuleiten.

6 Schweiz

Im Falle des Scheiterns eines außergerichtlichen Schuldenbereinigungsverfah-


rens nach schweizerischem Recht besteht für natürliche Personen die Möglich-
keit, einen Antrag auf Durchführung eines Privatkonkursverfahrens zu stellen,
Art. 191 SchKG. Eine Verfahrenseinleitung ist dem Schuldner aber nur dann zu
empfehlen, wenn er in der Lage ist, die Verfahrenskosten zu begleichen.117 Die
Verfahrenskosten sind abhängig davon, in welchem Kanton der Schuldner lebt.
Können die Verfahrenskosten nicht gedeckt werden, verfügt der Konkursrichter
die Einstellung des Verfahrens, Art. 231 SchKG. Der richterliche Beschluss wird
öffentlich bekannt gemacht. Voraussetzung für die Zulassung zum Verfahren ist,
dass der Antragsteller redlich ist. Um die Redlichkeit feststellen zu können, ist
der Schuldner verpflichtet, seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse
offenzulegen. Dadurch soll garantiert werden, dass der Schuldner tatsächlich
einen Neuanfang anstrebt und nicht nur versucht, sich seiner finanziellen Ver-
pflichtungen zu entziehen.118 Sobald der Richter die Konkurseröffnung bewilligt
hat, wird dies öffentlich bekannt gemacht, Art. 232 SchKG. Die Verfahrenseröff-
nung bewirkt zu Gunsten des Schuldners, dass bereits vollzogene Pfändungen
ihre Wirkung verlieren und die Forderungen nicht mehr verzinst werden müssen.
Darüber hinaus verliert der Schuldner das Recht, über sein Vermögen zu verfü-
gen. Das Vermögen des Schuldners wird durch das Konkursamt an dessen
Wohnsitz inventarisiert, verwertet und anschließend an die Gläubiger verteilt,
vgl. Art. 221 SchKG. Der Schuldner ist zur Mithilfe bei der Inventarisierung
verpflichtet, er muss sein gesamtes Vermögen offenlegen und durch Unterschrift
die Vollständigkeit und Richtigkeit des Inventars bestätigen, Art. 228 SchKG.
Die unpfändbaren Gegenstände werden durch das Konkursamt gesondert aufge-
führt, Art. 224 SchKG. Nach der Verteilung des Vermögens legt die Konkurs-
verwaltung dem Konkursgericht ihren Schlussbericht vor. Gelangt das Gericht
zur Ansicht, dass das Verfahren vollständig durchgeführt ist, so erklärt es dieses
für geschlossen, Art. 268 SchKG. Der Abschluss des Konkursverfahrens wird
öffentlich bekannt gemacht, Art. 268 Abs. 4 SchKG. Sofern die Summe des ver-
werteten Vermögens nicht ausreicht, um die Verbindlichkeiten des Schuldners
zu tilgen, erhalten die Gläubiger für ihre ungedeckt gebliebenen Forderungen

117 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 6.


118 http://www.schuldeninfo.ch/tl_files/_documents/stichwoerter/privatkonkurs.pdf.
114 Curt Wolfgang Hergenröder

einen sog. Verlustschein. Der im Verlustschein verbriefte Anspruch verjährt


innerhalb einer Frist von 20 Jahren.119
Eine Restschuldbefreiung kann somit nicht erlangt werden. Erlangt der
Schuldner nach der Verfahrensbeendigung neues Vermögen, wird dieses durch
das Konkursamt verwertet und der Erlös an die Gläubiger ausgekehrt, Art. 269
SchKG. Die ausgehändigten Verlustscheine ermöglichen es den Gläubigern nach
Beendigung des Verfahrens, die Zwangsvollstreckung zu betreiben. Zu Gunsten
des Schuldners greift hierbei aber gem. Art. 265 ff. SchKG ein erweiterter Voll-
streckungsschutz. Eine Vollstreckung gegen den Schuldner ist demnach nur
möglich, wenn dieser zwischenzeitlich neues Vermögen erlangt hat, welches den
notwendigen Lebensunterhalt übersteigt.120 Der Schuldner kann sich allerdings
gegen die Zwangsvollstreckung zur Wehr setzen. Gem. Art. 74 ff. SchKG muss
dieser einen Rechtsvorschlag erheben und damit die Beitreibung zum Stillstand
bringen, bis eine gerichtliche Verhandlung durchgeführt worden ist, Art. 78 Abs.
1 SchKG. Dieser Rechtsvorschlag ist mit einem Widerspruch im deutschen Zivil-
recht vergleichbar. Um sich dauerhaft der Vollstreckung durch die Gläubiger zu
entziehen, muss der Schuldner das Ziel verfolgen, kleine Vermögenssummen
anzusparen und damit sukzessive die Verlustscheine von den Gläubigern zurück-
zukaufen.121

7 Tschechien

Die Entschuldung nach tschechischem Recht kann auf zwei verschiedenen We-
gen erreicht werden. Gem. § 398 IG findet entweder eine einmalige Verwertung
des schuldnerischen Vermögens statt oder der Schuldner tilgt seine Verbindlich-
keiten mittels eines Zahlungsplans. In der ersten Variante wird das Vermögen
des Schuldners bis auf den notwendigen Bedarf verwertet, wobei das Arbeitsein-
kommen in diesem Fall unangetastet bleibt. Die einmalige Verwertung kann vom
Schuldner allerdings nur dann gewählt werden, wenn er mindestens 30 % der
Schulden tilgen kann.122 Ist der Schuldner in der Lage, diese Anforderungen zu
erfüllen, wird er durch Gerichtsbeschluss von allen noch bestehenden Verbind-
lichkeiten befreit. Ist der Schuldner nicht imstande die erforderliche Quote zu
erfüllen, kann er sich alternativ mittels eines gerichtlich genehmigten Abzah-
lungsplans seiner Verbindlichkeiten entledigen. Im Rahmen des Plans wird zwi-
schen gesicherten und nicht gesicherten Gläubigern differenziert. Gegenüber

119 Schönen, ZVI 2010, 81, 88.


120 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 7.
121 http://www.schuldeninfo.ch/tl_files/_documents/stichwoerter/privatkonkurs.pdf.
122 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2012, 1, 9.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 115

nicht gesicherten Gläubigern ist der Schuldner verpflichtet, diesen innerhalb von
fünf Jahren monatlich die Summe aus seinen Einkünften zu zahlen, die sie im
Wege der Zwangsvollstreckung erhalten könnten. Die gesicherten Gläubiger
hingegen werden aus dem Verwertungserlös der Sicherheiten befriedigt, § 398
Abs.3 S. 3 IG. Hat der Schuldner die Zustimmung aller Gläubiger zum Zah-
lungsplan erlangt und diesen vollständig erfüllt, wird dem Schuldner nach Ab-
lauf von fünf Jahren durch gerichtlichen Beschluss Restschuldbefreiung erteilt, §
406 Abs.2 IG. Auf diesem Weg wird dem Schuldner ein wirtschaftlicher Neube-
ginn ermöglicht. Während der Planlaufzeit hat der Schuldner die ihm auferlegten
Pflichten zu erfüllen Sobald er gegen diese Verpflichtungen verstößt, kann die
Restschuldbefreiung auch während der andauernden Planlaufzeit aufgehoben
werden.123 Das Gericht ist zur Versagung der Restschuldbefreiung verpflichtet,
wenn unredliche Absichten des Schuldners vermutet werden oder sich der
Schuldner unkooperativ während des Verfahrens verhalten hat, § 395 Abs. 2 IG.
Darüber hinaus kann das Gericht die Restschuldbefreiung innerhalb von drei
Jahren ab Eintritt der Rechtskraft widerrufen, sofern sich herausstellt, dass diese
aufgrund von betrügerischen Handlungen des Schuldners erlangt wurde oder
einzelne Gläubiger bevorzugt wurden.

8 Frankreich

a) Steht nach dem Ablauf des französischen Moratoriums fest, dass der Schuld-
ner hoffnungslos überschuldet ist und Maßnahmen zur Rückführung seiner
Schulden nicht ausführbar sind, ruft die Kommission mit dem Einverständnis des
Schuldners das Vollstreckungsgericht an, um ein gerichtliches Entschuldungs-
verfahren zu beantragen (sog. rétablissement personnel), Art. L 331-3 Abs. 10
CdC.124 Die Anrufung des Gerichts bewirkt, dass bis zur Eröffnung des gerichtli-
chen Verfahrens alle Zwangsvollstreckungsmaßnahmen gegen den Schuldner
unterbrochen sind, Art. L 331-3-1 CdC. Nach der Eröffnung des Verfahrens
verkündet der Richter die gerichtliche Liquidation des persönlichen Vermögens
des Schuldners. Ausgenommen sind bewegliche Sachen, die für das tägliche
Leben oder die berufliche Tätigkeit des Schuldners notwendig sind. Für die
Verwertung und Verteilung des Vermögens ernennt der Richter einen Liquida-
tor, welcher zwölf Monate Zeit hat, um entsprechende Maßnahmen einzuleiten.
Sofern nicht alle Gläubiger befriedigt werden können, wird das Verfahren man-

123 Braun, ZInsO 2008, 355, 359.


124 Köhler, Entschuldung und Rehabilitierung vermögensloser Personen im Verbraucherinsol-
venzverfahren – ein Vergleich der Verfahrensreformen in Frankreich und Deutschland, 2003,
164 ff.; Schönen, ZVI 2009, 229, 237.
116 Curt Wolfgang Hergenröder

gels Masse beendet.125 Die Beendigung des Verfahrens führt zum Erlöschen aller
nicht gewerblichen Forderungen der Gläubiger. Ausgenommen sind die auf der
Zahlung eines Mitschuldners oder Bürgen beruhenden Schulden, Art. L 332-9
Abs. CdC, sowie Unterhaltsverbindlichkeiten und Entschädigungen, die durch
Strafurteil festgesetzt wurden, Art. L 333-1 CdC. Die Löschung der verbliebe-
nen Schulden erfolgt dabei bereits mit der Beendigung des Insolvenzverfahrens,
ohne dass der Schuldner eine Wohlverhaltensperiode wie nach deutschem Recht
durchlaufen muss. Stellt die Kommission schon im Rahmen der erstmaligen
Prüfung, ob ein außergerichtlicher Sanierungsplan in Betracht kommt, fest, dass
der Schuldner hoffnungslos überschuldet ist und ein Sanierungsplan keine Aus-
sicht auf Erfolg hat, kann sie unmittelbar einen Antrag bei Gericht auf Eröffnung
der procédure de rétablissement personnel stellen, Art. L 330-1 Abs. 3 CdC
i.V.m. Art. L 331-3 Abs. 10 CdC.126 Zu beachten ist zudem, dass Personen, die
das Verfahren des rétablissement personnel durchlaufen haben, acht Jahre lang
in einem staatlichen Schuldenregister geführt werden, Art. L 332-11 CdC.

b) In dem Gebiet Elsass-Lothringen hat ein Verbraucher nach dem dort gelten-
den regionalen Recht die Wahl zwischen drei verschiedenen Verfahren. Der
Schuldner muss bereits bei seinem Antrag angeben, ob er die Eröffnung des
Privatinsolvenzverfahrens in Form eines präventiven Sanierungsverfahrens (sau-
vegarde, Art. L620-1 ff. C.Comm), eines Fortführungsverfahrens (redressement
judiciaire, Art. L631-1 ff. C.Comm) oder eines Liquidationsverfahrens (liquidati-
on judiciaire, Art. L640-1 ff. C.Comm) wünscht.127
Bei der Eröffnung einer faillite civile in Form der sauvegarde oder des
redressement judiciare wird im Eröffnungsurteil eine auf längstens sechs Monate
beschränkte Beobachtungsphase festgelegt, welche auf insgesamt höchstens
zwölf Monate verlängerbar ist. Des Weiteren ernennt das Gericht in dieser Phase
einen Insolvenzverwalter. Die Feststellung der Verbindlichkeiten des Schuldners
obliegt dem ebenfalls vom Gericht zu bestimmenden Gläubigervertreter, welcher
nach französischem Recht ein zusätzlich zum Insolvenzverwalter vorgesehenes
Verfahrensorgan darstellt.128 Die Aufgabe des Insolvenzverwalters besteht darin,
einen Vorschlag für einen Sanierungsplan auszuarbeiten. Der Planentwurf wird
sodann dem Gericht vorgelegt. Das Gericht berät darüber mit dem Gesamt-
schuldner, dem Staatsanwalt und dem Gläubigervertreter. Nach dem Ablauf der
Beobachtungsphase entscheidet das Insolvenzgericht verbindlich über den Sanie-
rungsplan, Art. L 626-1 C.Comm i.V.m. Art. L 626-9 C.Comm. Zugleich be-

125 Schönen, ZVI 2009, 229, 237.


126 Schönen, ZVI 2009, 229, 237.
127 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 544.
128 Schönen, ZVI 2009, 229, 238.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 117

stimmt das Gericht die Laufzeit des Plans, die maximal zehn Jahre betragen darf,
Art. L 626-12 C.Comm. Mit der Genehmigung des Plans durch das Gericht be-
ginnt die zweite Phase des Insolvenzverfahrens, d.h. die Durchführung des Plans.
Der Sanierungsplan hat den Charakter eines ausgehandelten Zwangsvergleichs
und kann eine Restschuldbefreiung zur Folge haben.
Ein Liquidationsverfahren (liquidation judiciaire) wird eröffnet, sofern eine
Schuldensanierung offensichtlich unmöglich ist. Dies kann entweder unmittelbar
nach dem Insolvenzantrag der Fall sein oder sich erst im Verlauf des Rettungs-
oder Sanierungsverfahrens herausstellen, wenn der Schuldner seine Verpflich-
tungen nicht erfüllen kann. Zudem wird ein Liquidator bestellt, Art. L 641-1 II
C.Comm. Einen Gläubigervertreter gibt es im Liquidationsverfahren dagegen
nicht, Art. L 641-4 Abs. 3 C.Comm. Sofern sich im Vermögen des Schuldners
keine Immobilien befinden und das Jahreseinkommen 750.000 € nicht übersteigt,
kommt ein vereinfachtes Liquidationsverfahren in Betracht, vgl. Art. L 644-1 ff.
C.Comm.129 In diesem Fall wird im Eröffnungsurteil bereits festgelegt, dass das
Verfahren binnen eines Jahres nach Eröffnung abgeschlossen sein muss. Diese
Frist kann nur für drei Monate verlängert werden. Die Dauer eines regulären
Liquidationsverfahrens ist hingegen nicht begrenzt. Der gerichtlich bestellte
Liquidator erhält die uneingeschränkte Verfügungsbefugnis über das Vermögen
des Schuldners und verwertet dieses. Ausgenommen davon sind unpfändbare
Gegenstände und ein unpfändbarer Betrag in Höhe des Existenzminimums.130
Nach Abschluss der Verwertung beschließt das Gericht die Beendigung des
Liquidationsverfahrens entweder wegen Begleichung aller Verbindlichkeiten
oder mangels hinreichender Masse, wenn die Erträge aus der Verwertung des
vorhandenen Vermögens nicht ausreichen, Art. L 643-9 Abs.2 C.Comm. Das
Gericht kann die Beendigung von Amts wegen aussprechen oder aber auf Antrag
der Staatsanwaltschaft, des Liquidators oder des Schuldners, Art. L 643-9 Abs. 3
C.Comm. Den Gläubigern steht ein Antragsrecht erst nach Ablauf von zwei Jah-
ren nach der Eröffnung des Verfahrens zu, Art. L 643-9 Abs. 3 C.Comm. Das
Schlussurteil über die Beendigung des Liquidationsverfahrens bewirkt, dass die
Gläubiger Forderungen, die vor dem Eröffnungsurteil entstanden sind, aufgrund
eines Vollstreckungsverbots nicht mehr beitreiben können, Art. L 643-11 C.
Comm.131 Ausgenommen von der Restschuldbefreiung sind Forderungen, die aus
einer strafrechtlichen Verurteilung des Schuldners herrühren, höchstpersönliche
Forderungen und Rückgriffsansprüche von Bürgen und Mitschuldnern, vgl. Art.
L 643-11 I, II C.Comm. Darüber hinaus kann das Gericht durch Beschluss dem
Schuldner zusätzlich eine bis zu zwei Jahre dauernde Wohlverhaltensperiode

129 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 544.


130 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 545.
131 Delzant/Schütze, ZInsO 2008, 540, 546.
118 Curt Wolfgang Hergenröder

auferlegen (Art.L 670-4 C.Comm).132 Während dieser Phase obliegen dem


Schuldner Zahlungsverpflichtungen, die sich an seinen finanziellen Möglichkei-
ten orientieren. Kommt der Schuldner den auferlegten Zahlungspflichten nicht
nach, kann das Gericht auf Antrag des Insolvenzverwalters den Vollstreckungs-
schutz aufheben, so dass Individualklagen wieder möglich sind (Art. L 670-5
C.Comm.).

9 Polen

Nach polnischem Recht kann der Schuldner mit gerichtlicher Erlaubnis die In-
solvenzmasse unter der Aufsicht eines zu bestellendenden Insolvenzverwalters
selbst abwickeln (Art. 491 Abs. 5 InsSG). Während des Insolvenzverfahrens ist
der Schuldner zur Mitwirkung verpflichtet. Er hat sein ganzes Vermögen anzu-
geben und die erforderlichen Unterlagen zu übergeben. Nach den polnischen
Vorschriften werden auch die zur Insolvenzmasse gehörenden Immobilien des
Schuldners verwertet. Falls der Schuldner die Immobilie selbst bewohnt, wird
ihm aus dem Verkaufserlös ein Betrag i.H.v. zwölf Durchschnittsmonatsmieten
überlassen (Art. 491 Abs. 1 InsSG).133 Die Überlassung des Betrags erfolgt, da-
mit der Schuldner für den Zeitraum von einem Jahr in der Lage ist, sich einen
geeigneten Wohnraum anzumieten. Gegebenenfalls kann gem. Art. 491 Abs. 3
InsSG eine Anzahlung durch den Richter bewilligt werden. Nach der Verwertung
der Insolvenzmasse ist ein endgültiger Aufteilungsplan zu erstellen. Das Gericht
hat darüber hinaus auf Antrag des Schuldners einen Rückzahlungsplan zur Be-
friedigung der Gläubiger festzustellen. Das Gericht entscheidet über die Festle-
gung des Zahlungsplans nach einer Gläubigerversammlung, hinsichtlich welcher
alle Gläubiger zu benachrichtigen sind (Art. 491 Abs. 2 InsSG). An den vorgeleg-
ten Aufteilungsplan des Schuldners ist das Gericht jedoch nicht gebunden (Art.
491 Abs. 3 InsSG). Die Laufzeit des Plans erstreckt sich grundsätzlich auf einen
Zeitraum von maximal fünf Jahren, kann aber gegebenenfalls um bis zu zwei
Jahre verlängert werden (vgl. Art. 491 Abs. 1 InsSG).134 Sobald der Gerichtsbe-
schluss in Rechtskraft erwächst, erlischt kraft Gesetzes die Bestallung des Insol-
venzverwalters (Art. 491 InsSG). Die Aufsicht über die Planerfüllung obliegt
dem Gericht, wobei der Schuldner verpflichtet ist, diesem jährlich einen Bericht
über die Realisierung des Zahlungsplans vorzulegen. Kommt der Schuldner
seinen Verpflichtungen aus dem Zahlungsplan nicht nach, kann das Gericht auf
Antrag der Gläubiger in einer weiteren Gläubigerversammlung den Zahlungs-

132 Schönen, ZVI 2009, 229, 239.


133 Schmidt, ZInsO 2009, 1243, 1244.
134 Schönen, ZVI 2010, 81, 86.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 119

plan für nichtig erklären und das Insolvenzverfahren einstellen (Art. 491 Abs. 1
InsSG). Eine Einstellung des Verfahrens erfolgt auch dann, wenn der Schuldner
Einkünfte oder Vermögen verheimlicht hat oder eine gläubigerbenachteiligende
Handlung des Schuldners rechtskräftig festgestellt wurde (Art. 491 Abs. 2
InsSG).135 Hat der Schuldner hingegen den Zahlungsplan ordnungsgemäß erfüllt,
beschließt das Gericht nach Ablauf der Planlaufzeit den Erlass der restlichen
Schulden und beendet das Insolvenzverfahren (Art. 491 Abs. 1 InsSG). Von der
Restschuldbefreiung sind allerdings nur diejenigen Forderungen umfasst, die im
Zahlungsplan erfasst sind. Das Gericht hat den Gläubiger, den Titel sowie den
Betrag bzgl. der erlassenen Schulden zu benennen (Art. 491 Abs. 2 InsSG). Aus-
genommen von der Restschuldbefreiung sind Verbindlichkeiten aus Dauer-
schuldverhältnissen sowie Verpflichtungen, die der Schuldner nach Eröffnung
des Insolvenzverfahrens begründet hat (Art. 491 Abs. 3 InsSG).136 Das polnische
Verbraucherinsolvenzverfahren kann maximal fünf bis sieben Jahre dauern und
darf alle 10 Jahre beantragt werden.

10 Griechenland

Sofern der außergerichtliche Einigungsversuch trotz ernsthafter Bemühungen


erfolglos bleibt, darf sich auch der griechische Schuldner an das Gericht wenden,
um ein gerichtliches Schuldenregulierungsverfahren zu beantragen. Das gericht-
liche Schuldenregulierungsverfahren gliedert sich dabei in zwei Stufen: zum
einen in das gerichtliche Verfahren über den Schuldenregulierungsplan und zum
anderen in das gerichtliche Verfahren mittels Verbraucherinsolvenzverfahrens.137
Der Eröffnungsantrag des Schuldners führt zunächst nicht zu einer Entscheidung
über die Eröffnung des Verfahrens. Der Antrag führt nur zu einer Art gerichtli-
chem Vermittlungsverfahren. In diesem Verfahrensstadium haben der Schuldner
und seine Gläubiger eine letzte Gelegenheit, sich auf der Grundlage des vom
Schuldner vorgelegten Schuldenregulierungsplans zu einigen. Die Einigungspha-
se darf jedoch einen Zeitraum von sechs Monaten ab Antragstellung nicht über-
schreiten.138 Über die Annahme des Schuldenregulierungsplans müssen die
Gläubiger entscheiden. Er gilt als angenommen, wenn ihm alle Gläubiger zu-
stimmen. Sobald der Plan angenommen wurde, stellt das Gericht die Annahme
durch Beschluss fest. Der Antrag auf Eröffnung des Verfahrens gilt damit als
zurückgenommen. Bei einer Nichtannahme des schuldnerischen Regulierungs-

135 Schmidt, ZInsO 2009, 1243, 1245.


136 Schmidt, ZInsO 2009, 1243, 1245.
137 Kourouvani, ZVI 2010, 96, 96.
138 Kourouvani, ZVI 2010, 96, 97.
120 Curt Wolfgang Hergenröder

plans kommt es zur gerichtlichen Schuldenregulierung im Wege eines Verbrau-


cherinsolvenzverfahrens. Das Insolvenzgericht prüft von Amts wegen, ob die
Voraussetzungen für eine Schuldenregulierung bzw. -befreiung vorliegen. So-
weit das Insolvenzgericht feststellt, dass das vorhandene Vermögen sowie das
Einkommen des Schuldners endgültig nicht ausreichen, um dessen Verbindlich-
keiten vollständig zu erfüllen, spricht es die Restschuldbefreiung unter Bedin-
gungen aus. Das Gericht ordnet an, dass der Schuldner eine bestimmte Mindest-
quote der gegen ihn gerichteten Forderungen im Rahmen eines vierjährigen
Zahlungsplans begleichen muss. Zu beachten ist, dass die Mindestquote nicht
niedriger als 10% der Gesamtsumme sein darf.139 In dieser Phase des Verfahrens
muss der Schuldner monatlich einen bestimmten Anteil seines Einkommens
direkt an die Gläubiger abtreten. Die Höhe des abzutretenden Einkommensan-
teils hängt dabei von den Einkommensverhältnissen und der allgemeinen Le-
benssituation des Schuldners ab. Ist der Schuldner nur vorübergehend nicht in
der Lage, seine finanziellen Verpflichtungen ordnungsgemäß zu erfüllen, kann
ihm das Insolvenzgericht eine Ratenstundung gestatten, ohne ihn aber gleichzei-
tig von seinen Schulden zu befreien. Im Folgenden wird die Kreditratenzahlung
für einen bestimmtem Zeitraum (bis zu zwei Jahre) ausgesetzt. Der finanziell
entlastete Schuldner muss in dieser Phase nur die anfallenden Zinsen begleichen.

11 Fazit

Deutlich wird, dass die Erteilung der Restschuldbefreiung in den Staaten Euro-
pas von vielerlei nationalen Besonderheiten geprägt ist. Angesichts der Tatsache,
dass die betreffenden Rechtsordnungen, die auf diese Art und Weise Schulden-
bewältigung treiben, ihren Bürgern gegebenenfalls den Totalverlust von Forde-
rungen zumuten, vermag dies nicht zu überraschen. Bei allen Modifikationen im
Detail sind aber auch in Bezug auf die Entschuldung gewisse Gemeinsamkeiten
unverkennbar. Nach einem Gesamtvollstreckungsverfahren winkt dem Schuldner
nach Verwertung seiner Habe und Abtretung seiner Einkünfte für eine bestimmte
Zeit die Restschuldbefreiung. Anderes gilt nur in der Schweiz, wo das Insolvenz-
recht von einer völlig anderen Konzeption beherrscht wird. Gravierend sind
freilich die Unterschiede in Bezug auf den Zeitraum, innerhalb welchem der
Schuldner sich seiner Verbindlichkeiten entledigen kann. Hierin liegt auch die
Hauptursache für den Restschuldbefreiungstourismus nach England bzw. Elsass-
Lothringen.140

139 Kourouvani, ZVI 2010, 96, 97.


140 Hierzu Geroldinger, JAP 2006/2007, 167; Hergenröder, DZWIR 2009, 309; Hölzle, ZVI 2007,
1; Knof, ZinsO 2005, 1017; Koch, FS Jayme, 2004, 437.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 121

V Chancen und Hemmnisse einer europäischen Einheitslösung

1 Generalkonsens beim Verfahrensablauf

Lässt man das Gesagte revue passieren, so wird deutlich, dass es denjenigen
Staaten der Europäischen Union, welche schon ein Entschuldungsverfahren für
ihre zahlungsunfähigen Bürger vorhalten, jedenfalls im Grundsatz möglich sein
müsste, einen entsprechenden Rechtsetzungsakt der Europäischen Union zu
akzeptieren. Dieser könnte sich in der Sache an dem ja doch weithin bestehenden
Generalkonsens beim Ablauf des Verfahrens orientieren: Außergerichtlicher
Einigungsversuch, Insolvenzverfahren, Restschuldbefreiung. Aus rechtspoliti-
scher Sicht liegt es im Übrigen nahe, auch bestimmte singuläre Elemente einzel-
staatlicher Rechtsordnungen für eine unionsweite Lösung aufzugreifen. Dies gilt
etwa für die im norwegischen Recht bestehende Besonderheit, dass der Schuld-
ner den Antrag auf Durchführung der freiwilligen Schuldenregelung nicht nur
für sich selbst, sondern auch gemeinsam mit einer anderen in seinem Haushalt
lebenden Person stellen kann. Die Vorteile dieser Regelung liegen darin, dass in
einem einzigen Verfahren die Entschuldung des ganzen Haushalts erreicht wer-
den kann.141 Demgegenüber zeichnet sich das deutsche Recht bekanntlich da-
durch aus, dass für jedes Familienmitglied ein eigenständiges Verbraucherinsol-
venzverfahren durchgeführt werden muss. Hier erscheint die norwegische Lö-
sung in jeder Hinsicht als vorteilhafter. Zu überlegen wäre auch, ob für den klas-
sischen Verbraucher und die gescheiterten Selbständigen ein einheitlicher Zu-
gang zum Verfahren geschaffen werden kann, wie er das englische Recht aus-
zeichnet. Freilich setzt die Übernahme bestimmter nationaler Besonderheiten
eine nicht unerhebliche Kompromissbereitschaft der anderen Staaten voraus.

2 Sanierungsfonds auf europäischer Ebene als Alternative

Betrachtet man die Verschuldung in Europa unter einem globalen Aspekt, bietet
sich überdies eine Anleihe beim luxemburgischen Recht an: Dort wurde ein
staatlicher Sanierungsfonds eingerichtet, um dem Schuldner den Weg aus seiner
finanziellen Krise zu erleichtern. Während beider Phasen des Sanierungsverfah-
rens besteht die Möglichkeit, dem Schuldner durch den Sanierungsfonds einen
Konsolidierungskredit zu gewähren. Die maximal erhältliche Darlehenssumme
berechnet sich unter Zugrundelegung der durchschnittlichen Lebenshaltungskos-

141 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2010, 413, 418.


122 Curt Wolfgang Hergenröder

ten und beträgt seit dem 1. März 2009 höchstens 12.186,49 €.142 Auf Antrag der
Vermittlungskommission bzw. des Friedensrichters und in Rücksprache mit dem
Service d’information et de conseil en matière surendettement – SIC kann dieser
Fonds für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Darüber hinaus besteht die
Möglichkeit, dass mittels des Fonds ein verbleibender Restkredit in eine nicht
rückzahlbare finanzielle Hilfe umgewandelt werden kann. Sofern mangels ver-
wertbaren Vermögens eine Rückzahlung der Schuld aussichtslos erscheint, kann
nach einer Frist von sieben Jahren die verbleibende Schuld vollständig durch den
Fonds übernommen werden.143 Dies gilt nicht für Steuer-, Bank- und Unterhalts-
schulden. Eine Schuldübernahme durch den Sanierungsfonds kann jedoch nur
alle zehn Jahre erfolgen (Art. 26 Abs. 4 Loi du Surendettement).
Ein Blick auf die deutsche Rechtstradition lehrt, dass auch der deutsche
Gesetzgeber in der Vergangenheit Not leidenden Kreditnehmern mit Umschul-
dungsfonds geholfen hat. Als Beispiel mag hier die Ostpreußenhilfe sowie die
Osthilfe der Weimarer Zeit dienen.144 Derlei Fonds bezweckten nicht die Ent-
schuldung, sondern sollten dem Schuldner die Tilgung seiner Verbindlichkeiten
durch Gewährung günstiger – im besten Falle zinsloser – Darlehen ermöglichen.
Aktuell existierende kirchliche Stiftungen, welche die Entschuldung zahlungsun-
fähiger Personen erleichtern sollen, weisen in die richtige Richtung. Auch finan-
zielle Überlegungen lassen sich ins Feld führen: Die Kosten eines masselosen
Verbraucherinsolvenzverfahrens, welches die Justiz gegenwärtig sechs Jahre
bzw. unter Hinzurechnung der Nachstundungsphase noch weitaus länger be-
schäftigt, belaufen sich nach dem RegE InsO 2007 durchschnittlich auf 2.300
€.145 Man sollte zumindest erwägen, ob nicht die Umschuldung über sog. „Feu-
erwehrfonds“146 jedenfalls bei Schulden unterhalb einer bestimmten Grenze
einen einfacheren Weg als ein Verbraucherinsolvenzverfahren darstellt.147
Sicherlich wird man sich zunächst über die Finanzierbarkeit eines entspre-
chenden Fonds-Modells auf Unionsebene Gedanken machen müssen. Über-
denkenswert ist die Schaffung einer entsprechenden Einrichtung auf EU-Ebene
aber allemal. Wenn die Union überschuldeten Staaten finanzielle Hilfen in

142 Schönen, ZVI 2010, 81, 82.


143 Hergenröder/Alsmann, ZVI 2009, 177, 184.
144 Anlauf, Vorgänger der Restschuldbefreiung nach heutigem Insolvenzrecht, 2006, 73 ff.
145 Entwurf eines Gesetzes zur Entschuldung mittelloser Personen, zur Stärkung der Gläubiger-
rechte sowie zur Regelung der Insolvenzfestigkeit von Lizenzen vom 22.8.2007, S. 44 f.
Abgedr. in ZVI 2007, Beil. 1 zu Heft 1; dazu Hergenröder, DZWIR 2009, 221.
146 Siehe auch schon Korczak/Roller, Überschuldung in Deutschland zwischen 1988 und 1999,
Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
2000, 210.
147 Vgl. Hergenröder, in Hadding/Hopt/Schimanski (Hrsg.), Verbraucherschutz im Kreditgeschäft,
Compliance in der Kreditwirtschaft, 2008, 39, 97 f.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 123

schwindelerregender Höhe zukommen lässt, darf die Unterstützung von zah-


lungsunfähigen Privatpersonen kein Tabuthema sein.

3 Voraussetzungen einer gegenseitigen Anerkennung der


Restschuldbefreiung

Gesehen werden muss, dass eine unionsweite Lösung vor dem Hintergrund der
Anerkennung einer erteilten Restschuldbefreiung in den Mitgliedstaaten der
Europäischen Union einzelne Länder zu Änderungen ihres Rechts zwingen wür-
de. Entschuldung kann in Norwegen sowie in Schweden auch in einem behördli-
chen Verfahren erreicht werden, es bedarf also keiner Entscheidung eines Ge-
richts. Und anders als im deutschen Recht, für welches § 80 Abs. 1 InsO dem
Insolvenzverwalter bzw. Treuhänder die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis
über das massezugehörige Vermögen des Schuldners überträgt, ändert sich etwa
im schwedischen Entschuldungsverfahren an der Rechtsstellung des Schuldners
nichts.148 Der EuGH149 wies deshalb darauf hin, dass wegen des fehlenden Ver-
mögensbeschlags gegen den Schuldner nicht von einem Insolvenzverfahren im
Sinne des Art. 1 der VO Nr. 1346/2000 (EuInsVO)150 gesprochen werden kann.
Nach Art. 1 EuInsVO gilt die Verordnung aber (nur) für Gesamtverfahren, wel-
che die Insolvenz des Schuldners voraussetzen und den vollständigen oder teil-
weisen Vermögensbeschlag gegen den Schuldner sowie die Bestellung eines
Verwalters zur Folge haben. Erfasst werden neben den eigentlichen Insolvenz-
verfahren auch die meisten der im Binnenmarkt bekannten Sanierungs- sowie
Reorganisationsverfahren.151 Art. 2 lit. a) EuInsVO i.V.m. Anhang A der Ver-
ordnung ist zu entnehmen, welche mitgliedstaatlichen Verfahren in concreto dem
Rechtsakt unterfallen. Für Deutschland zählen hierzu Konkurs- und Vergleichs-
verfahren sowie Gesamtvollstreckungs- und Insolvenzverfahren. Auch die Rest-
schuldbefreiung (§§ 286 ff. InsO) fällt unter den Regelungsbereich der
EuInsVO.152 Schuldenbereinigungen, welche außerhalb eines Insolvenzverfah-
rens erfolgen, werden demgegenüber als nicht insolvenztypische Folge von der
EuInsVO nicht erfasst.153 Nachdem in Schweden die Restschuldbefreiung ein
eigenständiges Rechtsinstitut ist, welches kein Insolvenzverfahren voraussetzt,

148 Bogdan, ZEuP 1995, 617; Lindenberg, Insolvenzverfahren im deutsch-schwedischen Rechts-


verkehr, 2007, 275
149 EuGH v. 8.11.2012 (Radziejewski), C-461/11, EuZW 2013, 72.
150 Verordnung (EG) des Rates über Insolvenzverfahren (Nr. 1346/2000) vom 29.5.2000 (ABl EG
Nr. L 160 vom 30.6.2000, 1).
151 Leible/Staudinger, KTS 2000, 533, 540.
152 Siehe auch Ehricke/Ries, JuS 2003, 313, 314; Hergenröder, ZVI 2005, 233, 235.
153 Vallender, ZInsO 2009, 616, 617.
124 Curt Wolfgang Hergenröder

ist das Verfahren auch nicht im Anhang A der EuInsVO aufgeführt. Letzteres ist
aber Voraussetzung für die Eröffnung des Anwendungsbereichs der Insolvenz-
verordnung und damit die Anerkennung der Restschuldbefreiung in den anderen
EU-Staaten.154 Ohne ein solche ist aber jede europäische Einheitslösung zum
Scheitern verurteilt.

4 Notwendigkeit eines Konsenses über die Entschuldung schlechthin

Nicht übersehen werden darf, dass einer europäischen Einheitslösung neben


konzeptionellen Unterschieden insbesondere ein – allerdings gravierendes –
Hindernis entgegensteht: ob überhaupt und innerhalb welcher Zeitspanne ein
Schuldner seine Verbindlichkeiten durch Restschuldbefreiung loswerden kann!
Dies gilt umso mehr, als manche Staaten ganz bewusst auf die Möglichkeit einer
Entschuldung ihrer Bürger im Privatinsolvenzverfahren verzichten. Dahinter
steht die Befürchtung, ansonsten das leichtsinnige Eingehen von Verbindlichkei-
ten zu fördern. Wieder andere Rechtsordnungen sehen für die Restschuldbefrei-
ung lange Zeiträume vor. Auch im deutschen Recht, welches auf den ersten
Blick nach sechs Jahren Befreiung von den Verbindlichkeiten verspricht, kann
sich bei Stundung der Verfahrenskosten die Restschuldbefreiung weitaus länger
hinziehen, vgl. § 4 b Abs. 1 S. 1, Abs. 2 InsO. Nachdem in Frankreich und Groß-
britannien die Entschuldung im günstigsten Fall ein knappes Jahr dauert, dürfte
die Herstellung eines Konsenses hier sehr schwierig sein, erscheinen die entspre-
chenden rechtspolitischen Konzeptionen doch als miteinander unvereinbar.
Schließlich darf nicht verkannt werden, dass manche Rechtsordnungen den Ent-
stehungsgrund der Verbindlichkeiten als für die Entschuldung maßgeblich anse-
hen. Im deutschen Recht spielt dieser nur insoweit eine Rolle, als bestimmte
Forderungen von der Restschuldbefreiung ausgenommen sind (§ 302 InsO). Der
„leichtsinnige“ Umgang mit Geld steht aber einer Schuldbefreiung nicht entge-
gen.
Will man Restschuldbefreiungstourismus indes dauerhaft vermeiden, wird
man um eine unionsweite Einheitslösung in den genannten Punkten nicht her-
umkommen. Nicht zuletzt muss auch Einigkeit darüber erzielt werden, ob es sich
bei der Restschuldbefreiung um einen Anspruch des Individuums oder um eine

154 Zur den Voraussetzungen der Anerkennung der Restschuldbefreiung nach der EuInsVO vgl.
Hergenröder, DZWIR 2009, 309, 318 ff.; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem
Insolvency Act 1986, 2012, 182 ff.; Tkatchenko, Anerkennung der Restschuldbefreiung nach
der EuInsVO, 2009, 17 ff. Zu den Anerkennungsvoraussetzungen US-amerikanischer Verfah-
ren Hergenröder/Gotzen, DZWIR 2009, 273.
Schuldenbewältigung durch Schuldbefreiung – ein Rechtsvergleich 125

„Rechtswohltat“ der Gesellschaft handelt.155 Die inhaltliche Ausgestaltung einer


europäischen Einheitslösung hängt ganz maßgeblich davon ab, welches Schuld-
nerbild insoweit als maßgeblich angesehen wird. Eines wäre freilich gewiss:
Angesichts verbindlicher europäischer Vorgaben würde die deutsche rechtspoli-
tische Endlosdiskussion schnell zum Erliegen kommen.

155 Zum Schuldnerbild des deutschen Rechts Hergenröder, DZWIR 2006, 265, 274 f.
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von
der Restschuldbefreiung
Carsten Homann*

Das Insolvenzverfahren muss sich aus der Masse heraus selbst finanzieren, so
könnte man die Regelung der § 26 Absatz 1 S. 1 der Insolvenzordnung (InsO)
zusammenfassen. Problematisch ist dies in den Verfahren natürlicher Personen,
in denen im Grunde keine Masse vorhanden ist und auch keine Aussicht auf
deren Schaffung besteht (sog. masselosen Verfahren). Da die InsO die Durch-
führung eines Insolvenzverfahrens für die Erlangung der Restschuldbefreiung
voraussetzt, hatte dieses Problem zunächst fatale Auswirkungen: Nach dem
Inkrafttreten der InsO im Jahre 1999 waren mittellose Schuldner mangels einer
Insolvenzkostenhilfe weitgehend von der Restschuldbefreiung ausgeschlossen.
Erst Ende 2001 besserte der Gesetzgeber nach und führte für natürliche Perso-
nen die Stundung der Verfahrenskosten ein (§§ 4a bis 4d InsO), mit der die Er-
öffnung des Insolvenzverfahrens und damit der Zugang zum Restschuldbe-
freiungsverfahren nun sichergestellt werden konnte. Bis heute zeigen aber
Rechtsprechung und Literatur die fehlende Anerkennung der Kostenstundung
auf, vielfach wird um die Einsetzung von Steuermitteln zur Finanzierung der
Entschuldung privater Personen gestritten. Ein vor dem Hintergrund der Rest-
schuldbefreiung problematisches Unternehmen.

I Die Gesetzgebung zur Kostenstundung

Blickt man auf die in Überschrift und Einleitung beschriebene Verbindung von
Verfahrenskostenstundung und Restschuldbefreiung, so ist man sicherlich ver-
wundert. Wie konnte eine Verbraucherentschuldung installiert werden, ohne die
Deckung der Verfahrenskosten sicherzustellen, die rechtspraktisch eine conditio
sine qua non1 darstellt? Wieso dauerte es dann zwei Jahre bis der Gesetzgeber
eine Lösung präsentierte? Zusammengenommen könnte man auch fragen, wie
ernst es der Ur-Gesetzgeber der InsO mit der Restschuldbefreiung nahm? Umso

1 Eckhardt in: Jaeger, Insolvenzordnung, Band 1, 2004, § 4a, Rn. 2 (zitiert: Jaeger/Bearbeiter).

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_5,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
128 Carsten Homann

mehr überraschend ist, dass schon im Vorfeld des Inkrafttretens der Insolvenz-
ordnung lebhaft über diese Frage diskutiert worden war.2 Hier nahm die in der
Zivilprozessordnung (ZPO) geregelte und bewährte Prozesskostenhilfe als Fi-
nanzierungshilfe breiten Raum ein. Letztlich kam es dazu, dass sich der Gesetz-
geber um eine Entscheidung in der Frage, ob die Prozesskostenhilfe zur Lösung
des Problems geeignet sei, „einigermaßen schmählich herumdrückte“3. Dies
setzte sich in der Praxis der Insolvenzgerichte4 fort. Der BGH formulierte im
Rahmen eines obiter dictums, dass „der Gesetzgeber von einer Bereitstellung der
zur Verfahrensdurchführung notwendigen Kosten aus öffentlichen Mitteln be-
wusst abgesehen“ habe.5 Viele Gerichte folgten dieser Auffassung und lehnten
die Anwendung der Prozesskostenhilfe ab; andere bewilligten sie dementgegen.
Mithin war es dem Zufall des Wohnsitzes geschuldet, ob ein Schuldner die
Chance auf Restschuldbefreiung hatte oder nicht. Allgemein blieb festzuhalten,
dass die Restschuldbefreiung unerreichbar ist, wenn das dafür unerlässliche
Insolvenzverfahren mangels Masse nicht eröffnet wird (§ 26 InsO). Der Gesetz-
geber sah sein Versäumnis dann zwei Jahre nach dem Inkrafttreten der Rest-
schuldbefreiung ein und installierte mit Wirkung zum 01.12.2001 eine besondere
Insolvenzkostenhilfe6, eben die Kostenstundung nach den §§ 4a bis 4d InsO.7
Mit den Regelungen zur Kostenstundung sollte verhindert werden, dass die Er-
öffnung des Verfahrens mangels Masse abgelehnt wird und dem Schuldner so
die Möglichkeit zu einem wirtschaftlichen Neuanfang versagt bleibt.8 Damit
bekamen auch Schuldner ohne verwertbares Einkommen oder Vermögen eine
reelle Chance auf Restschuldbefreiung.9 Und so begann die Erfolgsgeschichte
der Restschuldbefreiung erst richtig. Die Statistiken der Verbraucherinsolvenz
zeigen mit ungefähr 100.000 neu eröffneten Verfahren jährlich, dass stetig Be-

2 Graf-Schlicker, Festschrift Uhlenbruck (2000), 573.


3 Jaeger/Eckhardt (a.a.O. Fn. 1), § 4a, Rn. 5.
4 Siehe BT-Drs. 14/5680, S. 12; Rechtsprechungsübersichten bei König, NJW 2000, 2487 und
Pape, ZInsO 1999, 602.
5 BGHZ 144, 78, 85 f.
6 Gesetz zur Änderung der Insolvenzordnung und anderer Gesetze vom 26.10.2001, BGBl. I,
S. 2710.
7 Diese folgt dem österreichischen Beispiel nach den §§ 183, 184 der österreichischen Konkurs-
ordnung.
8 BT-Drs. 14/5680, S. 11.
9 Zur verfassungsrechtlichen Relevanz siehe Ahrens in: Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, Fachan-
waltskommentar zur InsO, 2012, § 4a, Rn. 3 (zitiert: AGR/Bearbeiter).
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 129

darf an dieser Entschuldungsmöglichkeit besteht10; die Kostenstundungsquote


liegt in Verbraucherinsolvenzverfahren zwischen 80 und 90 %11.

II Die Normierung in der Insolvenzordnung

1 Überblick

In die Insolvenzordnung wurden mehrere Vorschriften zur Regelung der Kosten-


stundung neu aufgenommen. Den Kern enthält § 26 Abs.1 S. 2 InsO: Werden
dem Schuldner die Kosten gestundet, unterbleibt die Abweisung mangels Masse.
Einzelne Vorgaben zur Kostenstundung enthalten dann die §§ 4a bis 4d InsO.
Dabei enthält § 4a InsO Voraussetzungen (Absatz 1) und Rechtsfolgen (Absatz
3). § 4b InsO betrifft die Rückzahlung der gestundeten Kosten des Insolvenz-
und Restschuldbefreiungsverfahrens nach Erteilung der Restschuldbefreiung.
Eine Regelung zur Rückzahlung in der Wohlverhaltensperiode wurde in § 292
Abs. 1 S. 2 InsO aufgenommen. Die Vorschrift des § 4c InsO zählt dann Tatbe-
stände auf, bei den die bewilligte Stundung aufgehoben werden kann. Abschlie-
ßend regelt § 4d InsO die Rechtsmittel bei Ablehnung, Aufhebung und Bewilli-
gung der Kostenstundung für die Beteiligten. Der Vollständigkeit halber erwähnt
werden soll noch die bei bewilligter Kostenstundung bestehende Möglichkeit der
Beiordnung eines Rechtsanwalts (§ 4a Abs. 2 InsO), sofern diese dem Gericht
trotz dessen Fürsorgepflicht12 aufgrund der Schwierigkeit der Sach- und Rechts-
lage erforderlich erscheint.13

10 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebens-
bedingungen/Vermoegen Schulden/VermoegenSchulden.html, 10.01.2012.
11 So ältere Schätzungen von Schmerbach, ZInsO 2004, 697; Jäger, ZVI 2005, 15, 17; Zypries,
ZVI 2005, 157, 158; erhebliche Veränderungen sind aber nicht zu erwarten.
12 Siehe hierzu und zu den Pflichten im Verhältnis Gericht – Parteien Vollkommer in: Zöller,
ZPO, 29. Auflage 2012, Einleitung, Rn. 57a.
13 Hierzu grundlegend BGH ZVI 2003, 225 und ZVI 2003, 226.
130 Carsten Homann

2 Voraussetzungen der Kostenstundung

2.1 Voraussetzungen

2.1.1 Formelle Voraussetzungen

Entsprechend den Voraussetzungen des Restschuldbefreiungsantrages ist der


Antrag auf Kostenstundung nur bei natürlichen Personen zulässig (§ 4a Abs. 1
S. 1 Hs. 1 InsO). Die Stundung der Verfahrenskosten setzt eine entsprechende
Antragstellung des Schuldners voraus (§ 4a Abs. 1 S. 1 Hs. 2 InsO), eine Bewil-
ligung aufgrund eines Gläubigerantrags oder gar von Amts wegen kommt nicht
in Betracht. Die Insolvenzordnung statuiert dabei ein sog. Junktim14: In den § 4a
Abs. 1 S. 1, § 287 Abs. 1 InsO ist eine Verbindung von schuldnerischem

ƒ Insolvenz-,
ƒ Restschuldbefreiungs- und
ƒ Kostenstundungsantrag

vorgesehen. Für den Insolvenz- und Restschuldbefreiungsantrag hat er die amtli-


chen Antragsvordrucke zu nutzen (§ 13 Abs. 3 S. 1 InsO i.V.m der VO zur Ein-
führung von Vordrucken für das Verbraucherinsolvenzverfahren und das Rest-
schuldbefreiungsverfahren (InsVV) vom 17.02.200215). Der Kostenstundungsan-
trag kann hingegen formlos, insbesondere auch zu Protokoll der Geschäftsstelle
gestellt werden (§ 4 InsO i.V.m. § 129a ZPO) gestellt werden. Nichtamtliche
Vordrucke braucht er nicht zu nutzen.16 Bei fehlenden Angaben im Antrag hat
das Gericht die Mängel konkret zu bezeichnen und dem Schuldner eine ange-
messene Frist für deren Behebung zu setzen.17 Maßgeblich sind dabei nur Tatsa-
chen, die für die Entscheidung relevant sind; Fragen nach anderen muss der
Schuldner hingegen nicht beantworten18.

14 Eine wegen innerer Zusammengehörigkeit notwendige Verknüpfung zweier oder mehrerer


vertraglicher Abmachungen, Gesetzesvorlagen o.௎Ä., die nur zusammen beschlossen werden
oder Gültigkeit haben können, vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Junktim; 17.01.2013
15 BGBl. I, S. 703.
16 BGH ZVI 2003, 405
17 BGH ZVI 2003, 405; ZVI 2004, 745
18 BGH ZVI 2005, 120; ZVI 2008, 515; ZInsO 2011, 931
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 131

2.1.2 Mangelndes Vermögen des Schuldners

Nach § 4a Abs. 1 S. 1 Hs. 3 und 4 InsO ist die Kostenstundung dann zu gewäh-
ren, wenn das Vermögen des Schuldners voraussichtlich nicht ausreicht, um die
Verfahrenskosten zu decken. Zu ermitteln sind die voraussichtlichen Kosten des
Verfahrens, denen das Vermögen des Schuldners gegenüberzustellen ist. Dabei
entspricht der Begriff des „Vermögens“ dem der nach Eröffnung bestehenden
Insolvenzmasse (§§ 35, 36 InsO). Unpfändbare Gegenstände des Schuldners19
sowie unpfändbare Teile seines Einkommens20 dürfen also nicht angerechnet
werden. Der Schuldner ist auch nicht zur Bildung von Rücklagen verpflichtet,
um die Deckung der Verfahrenskosten zu gewährleisten.21 Die Verfahrenskos-
tenstundung ist nur dann ausgeschlossen, wenn der Schuldner die in dem maß-
gebenden Verfahrensabschnitt anfallenden Kosten in einer Einmalzahlung auf-
bringen kann; auf Ratenzahlung kann in diesem Verfahrensstadium nicht verwie-
sen werden.22 Auch ist die Anforderung eines Kostenvorschusses vom Schuldner
unzulässig.23 Bestehen nach dem Inhalt des Stundungsantrags objektiv keine
Zweifel, dass der Antragsteller nicht in der Lage ist, die anfallenden Kosten zu
decken, hat das Insolvenzgericht die Kostenstundung zu bewilligen und nicht
nach den Gründen der fehlenden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu suchen.24
Von dem Grundsatz der Verfahrenskostendeckung durch das Vermögen werden
bedeutende Ausnahmen gemacht, die deutlich machen, dass die Kostenstundung
zur Verfahrenskostendeckung die ultima ratio darstellt. So wird dem Schuldner
die Kostenstundung nicht bewilligt, wenn ein Dritter freiwillig die Kosten vor-
schießt25; erfolgt dies darlehensweise, ist der Rückzahlungsanspruch des Dritten
von der Restschuldbefreiung ausgenommen (§ 302 Nr. 3 InsO). Praktisch bedeu-
tender ist freilich der Ausnahmefall des Kostenvorschussanspruchs gegen den
finanziell leistungsfähigen Ehegatten gemäß § 1360a Abs. 4 BGB.26 Dieser Vor-

19 BGH ZVI 2004, 745, 746; LG Berlin ZInsO 2002, 680, 682; anders für pfändbare Ansprüche,
vgl. LG Koblenz ZVI 2005, 37: Pflichtteilsanspruch des Schuldners; LG Frankenthal ZInsO
2010, 532: private Rentenversicherung.
20 AG Dresden ZVI 2002, 119, 120; LG Münster NZI 2002, 446, 446; LG Krefeld ZInsO 2002,
940, 940
21 BGH ZVI 2006, 511
22 BGH ZVI 2004, 58; NJW-Spezial 2012, 53
23 BGH ZVI 2006, 285
24 BGH ZVI 2005, 120
25 Ganter in: Münchner Kommentar zur InsO, 2. Auflage 2007, § 4a, Rn. 13 (zitiert:
MünchKomm-InsO/Bearbeiter).
26 BGH ZVI 2003, 405; AG Koblenz FamRZ 2007, 571; FamRZ 2003, 1486; NZI 2003, 509;
gleiches wird man für Lebenspartner anzunehmen haben, § 1360a Abs. 4 S. 1 BGB i.V.m. § 5
S. 2 LPartG.
132 Carsten Homann

schussanspruch besteht auch bei getrennt lebenden Ehegatten (da § 1361 Abs. 4
S. 4 BGB auf § 1360a Abs. 4 BGB verweist). Er ist Ausdruck der ehelichen
Gemeinschaft, die die Verpflichtung zur Minimierung der finanziellen Lasten
des anderen beinhaltet, soweit dies ohne Verletzung eigener Interessen möglich
ist.27 Der Anspruchsdurchsetzung gegen den leistungsfähigen Ehegatten ist dann
unbillig, wenn die Insolvenz im Wesentlichen auf vorehelichen Schulden oder
solchen Verbindlichkeiten beruht, die weder zum Aufbau oder zur Erhaltung
einer wirtschaftlichen Existenz der Eheleute eingegangen wurden, noch aus
sonstigen Gründen mit der gemeinsamen Lebensführung in Zusammenhang
stehen.28 Dies macht es, wiederum als Ausnahme des o.g. Grundsatzes, nötig,
dass ein verheirateter Schuldner, der Stundung beantragt hat, Auskunft darüber
geben muss, woraus die Verbindlichkeiten entstanden sind, die zur Insolvenz
geführt haben. Gleiches gilt für Einkünfte und Vermögen des Ehegatten. Folge-
richtig ist es dann, dem Stundungsantrag eines Schuldners den Erfolg zu verwei-
gern, wenn der Ehepartner die Zahlung verweigert, der Schuldner aber die
Durchsetzung des Anspruchs durch einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen
(§§ 644, 621 Abs. 1 Nr. 5 ZPO) nicht betrieben hat.29 Dabei ist es dem Schuldner
zumutbar, die Bescheidung dieses Antrags abzuwarten, bevor er Kostenstundung
beantragt. Bleibt der ordnungsgemäß beim Familiengericht gestellte und voll-
ständig begründete Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung erfolglos,
kann der Anspruch als uneinbringlich behandelt und bei der Entscheidung über
die Stundung der Verfahrenskosten einstweilen unberücksichtigt bleiben. Eine
Stundung der Verfahrenskosten im Insolvenzverfahren gemäß § 4a InsO kommt
zuletzt nicht in Frage, wenn der Schuldner die „falsche“ Steuerklasse gewählt
hat. Zum einen wird die Bewilligung von Kostenstundung abgelehnt, wenn der
Schuldner durch einen Wechsel der Lohnsteuerklasse von Klasse V in Klasse IV
ausreichend pfändungsfreies Einkommen erlangen kann.30 Grundsätzlich ist der
Schuldner verpflichtet, seine Steuerklasse so zu wählen, dass sein pfändbares
Einkommen nicht zum Nachteil der Gläubiger und der Staatskasse auf null redu-
ziert wird.31 Es ist ihm dann auch zuzumuten, in die Steuerklasse IV zu wech-
seln, um sein liquides Einkommen zu erhöhen, wenn er ohne sachlichen Grund
die Steuerklasse V wählt, wodurch sein nicht insolventer Ehegatte die Steuer-
klasse III erhält.

27 LG Düsseldorf ZVI 2002, 321 unter Verweis auf BGH NJW 1983, 1545.
28 BGH ZVI 2003, 405; LG Koblenz FamRZ 2009, 1086.
29 BGH ZVI 2007, 187.
30 AG Kaiserslautern, ZVI 2002, 378.
31 BGH ZVI 2009, 13
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 133

2.1.3 Erfolgsaussicht des Restschuldbefreiungsantrages:

Die Kostenstundung ist nach § 4a Abs. 1 S. 4 InsO ausgeschlossen32, wenn der


Schuldner einen der Versagungsgründe des § 290 Abs. 1 Nr. 1 oder 3 InsO im
Insolvenzantrag dargetan hat (vgl. § 4a Abs. 1 S. 3 InsO) oder das Gericht über
staatliche Register Kenntnis davon erlangt. In diesem Fall besteht nach Ansicht
des Gesetzgebers keine Aussicht auf Erfolg des Restschuldbefreiungsantrages.
Darüber hinaus erhält der Schuldner nach hM keine Kostenstundung, wenn die
Erfolgsaussicht aufgrund anderer Gründe nicht gegeben ist: Zunächst ist der
Kostenstundungsantrag unzulässig, wenn der Schuldners keinen eigenen oder
zulässigen Eröffnungs- und Restschuldbefreiungsantrag gestellt hat.33 Weiter hat
der BGH Leitlinien zur Auslegung des § 4a Abs. 1 S. 3 und 4 InsO aufgestellt34,
die deutlich über die gesetzliche Regelung hinausgehen. Danach ist die Verfah-
renskostenstundung auch dann ausgeschlossen, wenn ein anderer der in § 290
Abs. 1 InsO genannten Versagungsgründe, obwohl dieser nicht in § 4a Abs. 1
S. 4 InsO genannt ist, zweifelsfrei gegeben ist. Dabei liegt die Betonung darauf,
dass die Versagungsgründe des § 290 Abs. 1 InsO zweifelsfrei feststehen müs-
sen.35 Der BGH gesteht allen Versagungsgründen damit eine Vorwirkung zu,
ohne dass es auf einen Gläubigerantrag ankäme.36 Diese höchstrichterliche Ein-
schränkung hat sich in der Praxis durchgesetzt. Auch in der Literatur hat sie nur
wenig Kritik erfahren.37 Die Bewilligung der Kostenstundung kann nach Ansicht
der Rechtsprechung auch dann nicht zu erfolgen, wenn bereits im Eröffnungsver-
fahren sicher ist, dass sämtliche Verbindlichkeiten aufgrund ihres Attributs der
Forderung aus vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung gemäß § 302 InsO
nicht von der Restschuldbefreiung erfasst werden.38 Darüberhinausgehend soll

32 Eines Versagungsantrages eines Gläubigers bedarf es nicht, Wenzel in: Kübler/Prütting/Bork,


InsO, Loseblattkommentar, Stand: 51. EL 2012, § 4a, Rn. 34 (zitiert: KPB/Bearbeiter).
33 Zum letzten BGH ZVI 2005, 124; ZVI 2006, 511.
34 Siehe Homann, ZVI 2013, ???; ZVI 2012, 295 und ZVI 2009, 431.
35 BGH ZVI 2005, 124; ZVI 2006, 511; ZInsO 2011, 931; nur dann kann der Rechtsprechung
zugestimmt werden, so auch AGR/Ahrens (a.a.O. Fn. 9), § 4a, Rn. 50.
36 AGR/Ahrens (a.a.O. Fn. 9), § 4a, Rn. 51.
37 AGR/Ahrens (a.a.O. Fn. 9), § 4a, Rn. 49 ff.; Kexel in: Graf-Schlicker, 3. Auflage 2012, § 4a,
Rn. 17(zitiert: Graf-Schlicker/Bearbeiter); Kohte in: Wimmer, Frankfurter Kommentar zur In-
solvenzordnung, 6. Auflage 2010, § 4a, Rn. 23 (zitiert: Wimmer/Bearbeiter); a.A. Mock in:
Uhlenbruck, 13. Auflage 2010, § 4a, Rn. 31 (zitiert: Uhlenbruck/Bearbeiter); Nies in: A.
Schmidt, Hamburger Kommentar zu InsO, 4. Auflage 2012, § 4a, Rn. 15 (zitiert: HambKomm-
InsO/Bearbeiter); MünchKomm-InsO/Ganter (a.a.O. Fn. 25), § 4a, Rn. 16; Becker in: Ner-
lich/Römermann, InsO, Loseblattkommentar, Stand: 24. EL 2012, § 4a Rn. 34 (zitiert: NR-
Bearbeiter).
38 AG Marburg ZVI 2002, 275; AG Düsseldorf NZI 2006, 415; AG Göttingen ZVI 2008, 339.
134 Carsten Homann

die Stundung aber auch dann schon versagt werden, wenn diese vorsatzdelikti-
schen Forderungen den weitaus größten Teil (ca. 75-95%39) der schuldnerischen
Verbindlichkeiten ausmachen.40

2.2 Rechtsfolgen

Liegen die Voraussetzungen für eine Stundung der Verfahrenskosten vor, so hat
das Gericht diese zu bewilligen. Es hat dabei keinen Ermessensspielraum.41 Die
Stundung erfolgt gemäß § 4a Abs. 3 S. 2 InsO für jeden Verfahrensabschnitt
(Eröffnungsverfahren, Schuldenbereinigungsplanverfahren, eröffnetes Insol-
venzverfahren, Restschuldbefreiungsverfahren) gesondert.42 Eine auf einen Teil
der jeweiligen Verfahrenskosten beschränkte Bewilligung der Stundung scheidet
generell aus.43 Folge ist, dass die Staatskasse die Kosten des Verfahrens (Ge-
richtskosten, Vergütung des Treuhänders) nicht gegenüber dem Schuldner gel-
tend macht.44 Über den Stundungsantrag des Schuldners ist durch Beschluss zu
entscheiden; eine konkludente Zurückweisung des Antrags ist nicht statthaft.45
Mit dem Antrag auf Gewährung der Kostenstundung tritt deren Wirkung schon
einstweilen ein, bis über den Antrag entschieden ist (§ 4a Abs. 3 S. 3 InsO).

3 Rückzahlung oder weitere Stundung der Verfahrenskosten

Da die Kostenforderung der Staatskasse lediglich gestundet und damit vom


Schuldner erfüllbar ist, erfolgt die Rückzahlung zunächst durch die vorrangige
Berichtigung durch Leistung aus der Masse (§ 53 InsO) und später dann aus den
Abtretungserträgen (§ 292 Abs. 1 S. 2 2. Hs. InsO). Interessant wird es dann
nach Erteilung der Restschuldbefreiung. Kosten, die dann noch nicht beglichen
sind, müssten eigentlich mit Erteilung der Restschuldbefreiung getilgt werden
(§ 23 GKG). Ist der Schuldner dazu nicht in der Lage, so kann die Stundung
weiter verlängert werden (§ 4b InsO). Entsprechend der Vorschriften über die
Prozesskostenhilfe sind dabei Monatsraten festgesetzt, die über einen Zeitraum

39 LG Düsseldorf NZI 2008, 253; AG Siegen, NZI 2003, 43; Wimmer/Kohte (a.a.O. Fn. 38),
§ 4a, Rn. 24.
40 BGH ZVI 2005, 124; LG Düsseldorf NZI 2008, 253.
41 Wimmer/Kohte (a.a.O. Fn. 38), § 4a, Rn. 26.
42 BGH ZVI 2006, 285
43 So der BGH ZVI 2006, 285
44 BT-Drs.14/5680, S. 21.
45 BGH ZVI 2007, 615
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 135

von maximal 48 Monaten zu tragen sind (§ 4b Abs. 1 S. 2 InsO i.V.m. § 115


Abs. 2 ZPO). Werden Null-Raten festgesetzt, so ist der Schuldner nach Ablauf
der vier Jahre leistungsfrei (§ 4b Abs. 2 S. 4 InsO). Das Gericht kann die Ent-
scheidung über die Stundung an sich und über die Raten jederzeit ändern, wenn
sich die aktuellen persönlichen oder wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich
geändert haben (§ 4b Abs. 2 S. 1 InsO); entsprechende Änderungen hat der
Schuldner dem Gericht ohne schuldhaftes Zögern anzuzeigen (§ 4b Abs. 2 S. 2
InsO). Gewöhnlich stellt sich in der Praxis kein Problem in der Umsetzung des
geltenden Rechts. In diesen Fällen wird die Stundung der Verfahrenskosten auf-
grund des Abschlussberichtes des Treuhänders auf Nachfrage beim Schuldner
verlängert oder aber dem Schuldner wird automatisch der übliche PKH-Bogen
zur Erfassung der wirtschaftlichen Verhältnisse übersandt, so dass ein Antrag
gestellt werden kann.46

III Irrwege der Praxis

Man mag sich angesichts der vorstehend nachgezeichneten Grundsätze zur Ver-
fahrenskostenstundung fragen, ob ein Verfahren, welches als Massenverfahren
durchgeführt wird, es den Insolvenzgerichten überhaupt erlaubt, sich mit einzel-
nen Fällen intensiv zu befassen. Die veröffentlichte Rechtsprechung zeigt, dass
manche Gerichte nicht davor gefeit sind, Irrwege zu beschreiten, die offenbar nur
ein Ziel kennen: Es dem Schuldner so schwer zu machen, keine Restschuldbe-
freiung zu bekommen. Dabei stellt die Verfahrenskostenstundung ein Vehikel
dar, so die Erfolgsaussichten der Restschuldbefreiung von Einfluss sein sollen.
Darüber hinaus sind auch systeminterne Lösungen gesucht, die gleichsam unter
der Prämisse stehen, dass Steuergelder nicht für vermeintlich absehbar erfolglose
Restschuldbefreiungsverfahren verausgabt werden. Überhaupt ist die staatliche
Zwischen- oder Komplettfinanzierung der Entschuldungsverfahren keineswegs
allgemein anerkannt.

46 Homann, ZVI 2009, 431.


136 Carsten Homann

1 Voraussetzungen der Kostenstundung

1.1 Mindestverschuldung

Immer wieder, gerade vor dem Hintergrund der staatlichen Verfahrensfinanzie-


rung im Masseverfahren der Restschuldbefreiung wird der Ruf nach einer Min-
destverschuldungsgrenze laut. Übersteigen die zu stundenden Kosten des Ver-
fahrens die Verbindlichkeiten sei der Kostenstundungsantrag als unzulässig
zurückzuweisen.47 Dem widerspricht aber klar das zentrale Anliegen des Gesetz-
gebers, der mit dem Gesetz zur Änderung der Insolvenzordnung vom 26.10.2001
die Kostenstundung gerade eingeführt hat, um den Zugang mittelloser Schuldner
zu garantieren.48 Ein Hinweis darauf, dass der Gesetzgeber die Kostenstundung
ausgeschlossen sehen wollte, wenn die Verfahrenskosten höher als die Verschul-
dung sind, findet sich weder im Wortlaut des Gesetzes noch in den Materialien.
Im Übrigen ließe sich diese Voraussetzung, ohne dass dies einer strafrechtlichen
Bewertung unterzogen wurde, vergleichsweise einfach herstellen. Dies zeigt, wie
unsinnig eine solche Voraussetzung wäre.

1.2 Beachtung der Erwerbsobliegenheit vor Stundung der Kosten

Wird die Kostenstundung bewilligt, obliegt es dem Schuldner ab diesem Zeit-


punkt eine angemessene Erwerbstätigkeit auszuüben oder, falls er keine solche
hat, sich darum zu bemühen; tut er dies nicht, so lässt die Vorschrift des § 4c
Nr. 4 InsO die Aufhebung der erfolgten Stundung zu. Dementgegen statuiert sie
aber keine Voraussetzung zur Gewährung der Kostenstundung. Die Erwerbsob-
liegenheit im Rahmen der Kostenstundung besteht also gerade nicht vor der
Entscheidung über die Stundung der Kosten.49 Im Übrigen sind die richterrecht-
lichen Vorgaben zu § 295 Abs. 1 Nr. 1 InsO zu beachten. So darf dem Schuldner
die Stundung der Verfahrenskosten auch dann nicht entzogen werden, wenn er
aufgrund seiner Ausbildung, seiner Fähigkeiten, einer früheren Erwerbstätigkeit,
seines Lebensalters oder seines Gesundheitszustands nicht in der Lage ist, eine
Tätigkeit zu finden, mit der er einen Verdienst erzielt, der zu pfändbaren Ein-

47 AG Dresden ZVI 2005, 384; dem zustimmend HambKomm-InsO/Nies (a.a.O. Fn. 38), § 4a,
Rn. 3 f.; MünchKomm-InsO/Ganter (a.a.O. Fn. 25), Vor §§ 4a bis 4d, Rn. 5; Frind, ZInsO
2003, 343 und ZInsO 2007, 1097.
48 LG Dresden ZVI 2005, 553.
49 BGH ZVI 2005, 124; ZVI 2011, 92; LG Koblenz ZVI 2008, 473.
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 137

künften führt.50 Auch darf er auf bloß theoretische, tatsächlich aber unrealistische
Möglichkeiten, einen angemessenen Arbeitsplatz zu erlangen, nicht verwiesen
werden.51

1.3 Kostenstundung bei unklarer Erfolgsaussicht

Die Ablehnung der Kostenstundung bei unklarer Erfolgsaussicht kennt einige


Fallgruppen. Immer wieder besonders im Fokus stehen dabei die zweifelsfrei
vorliegenden Versagungsgründe (s.o. 2.1.3). Das größte Problem dieser Recht-
sprechung ist, dass sie nicht gegen eine „methodisch und sachlich verfehlte Um-
setzung“52 abgesichert wurde. Denn Instanzgerichte gehen immer wieder über
das hinaus, was der BGH vorgegeben hat und lehnen die Kostenstundung wegen
allgemeiner Unredlichkeit oder knüpfen nur zum Teil an den gesetzlichen Versa-
gungstatbeständen an. Gerade vor dem Hintergrund, dass weiterhin unklar ist, in
welchem Umfang gestundete Kosten in die Länderhaushalte zurückfließen, ist
diese extensive Anwendung durch die Insolvenzgericht sehr problematisch. In
freier Anwendung der Rechtsprechung erfolgt dabei aber keine ordnungsgemäße
Subsumtion sondern vielmehr eine – ebenso freie – Bewertung der allgemeinen
Redlichkeit des Schuldners. Verwiesen wird dabei immer wieder auf die Finanz-
not öffentlicher Kassen, die es nicht erlauben würde, einem unredlichen Schuld-
ner, der ohnehin keine Restschuldbefreiung erhalten würde, noch die Finanzie-
rung des Verfahrens zu ermöglichen. Beispielhaft können hier Entscheidungen
des AG Montabaur und des LG Koblenz angeführt werden.53 Das AG Montabaur
hatte die Stundung der Verfahrenskosten abgelehnt, da es den Versagungsgrund
des § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO als zweifelsfrei gegeben ansah. Der Kläger hatte
Leistungen nach dem SGB II entgegengenommen, dann einen Umzug dem Amt
eventuell mündlich, aber keinesfalls schriftlich mitgeteilt. Für eine Versagung
fehlte es jedenfalls tatbestandsmäßig an der Schriftlichkeit der gemachten Anga-
ben i.S.d. § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO. Das LG Koblenz hat die Entscheidung aus
diesem Grund aufgehoben. Amts- und Landgericht sahen aber übereinstimmend
allgemein das Verhalten des Schuldners als unredlich an. Das juristisch gewon-
nene Ergebnis sei unbefriedigend, da der Unrechtsgehalt im vorliegenden Fall
dem des gesetzlichen Versagungstatbestandes entspräche. Im Folgenden ergeht
sich insbesondere das Landgericht in Prognosen, Behauptungen und Wertungen,

50 BGH ZVI 2011, 92.


51 BGH ZInsO 2010, 1153.
52 Wimmer/Kohte (a.a.O. Fn. 38), § 4a, Rn. 23.
53 Demnächst in ZVI 2013.
138 Carsten Homann

die im besten Fall als unmaßgeblich zu bezeichnen sind. Gerade vor dem Hinter-
grund der Restschuldbefreiung, die ja mittels der Kostenstundung erreicht wer-
den soll, ein unwürdiges Beispiel insolvenzrechtlicher Rechtsprechung.

2 Kostenstundung nach erteilter Restschuldbefreiung

Entgegen der oben unter II. 3. erfolgten Darstellung hat sich bei einigen Insol-
venzgerichten die Praxis eingebürgert, dass der Vorgang mit Erteilung der RSB
umgehend an die Gerichtskasse abgegeben wird, ohne dass eine Entscheidung
nach § 4 b InsO getroffen wird. Eine nachträgliche Antragstellung wird dann mit
Hinweis auf die Abgabe an die Gerichtskasse negativ beschieden. Die Gerichts-
kasse hält sich dann für den Stundungsantrag unzuständig. Zurück bleibt ein
restschuldbefreiter Schuldner, der wieder Schulden hat. Ist mit der Restschuldbe-
freiung nicht unbedingt eine wirtschaftliche Erholung des schuldnerischen Ver-
mögens verbunden, verwischt die Aufforderung zur Zahlung der Gerichtskosten
den Erfolg der Restschuldbefreiung. Vorgehensweisen dieser oder ähnlicher Art
begegnen daher großen Bedenken. Zunächst würden sachlich notwendige, stan-
dardisierte Nachfragen der Gerichte beim Schuldner Probleme grundsätzlich
ersparen. Vermutlich wird in vielen Fällen auch der vom Schuldner zu Anfang
seines Verfahrens gestellte Kostenstundungsantrag für alle Verfahrensteile, was
es in der Praxis durchaus üblich ist, übergangen. Die Abwehr nachträglicher
Anträge überschreitet dann aber die Grenze rechtlicher Zulässigkeit. Rechtlich
sind in diesen Fällen zwei Probleme zu diskutieren: eine eventuelle Antrags-
pflicht und die damit verbundene Antragsfrist. In der Literatur setzt die überwie-
gende Zahl einen Antrag des Schuldners voraus.54 Gerade im Zusammenhang
mit der ursprünglichen Antragspflicht nach § 4a Abs. 1 S. 1 InsO erscheint dies
richtig. Es wäre fragwürdig, wenn der Schuldner die weitere Stundung ungefragt
bewilligt bekäme, sich selbst aber schon um eine Lösung über Dritte gekümmert
hätte, die ihm eine sofortige Zahlung ermöglichen würde. In jedem Fall wird
man eine Hinweispflicht des Insolvenzgerichts aufgrund der gerichtlichen Für-
sorgepflicht im Hinblick auf die Antragspflicht annehmen können.55 Denn das
Gericht hat aufgrund des Schlussberichts des Treuhänders klare Belege, ob der
Schuldner die gestundeten Beträge zurückzahlen kann oder nicht. Verabsäumt
der Schuldner die Antragstellung, fragt sich, ob dies auch nachträglich möglich

54 NR/Becker (a.a.O. Fn. 38), § 4 b Rn. 5; Jaeger/Eckhardt (a.a.O. Fn. 1), § 4 b Rn. 23; Hamb
Komm/Nies (a.a.O. Fn. 38), § 4 b Rn. 3; MünchKomm-InsO/Ganter (a.a.O. Fn. 25), § 4 b
Rn. 7: "regelmäßig"; unklar KPB/Prütting/Wenzel (a.a.O. Fn. 33), § 4 b Rn. 2.
55 Jaeger/Eckhardt (Fn. 1), § 4 b Rn. 23.
Deckung der Verfahrenskosten und Ausschluss von der Restschuldbefreiung 139

ist. Zwar wird die vorzeitige Beantragung der Verlängerung der Stundungswir-
kung regelmäßig zweckmäßiger sein. Allerdings finden sich im Gesetz keine
besonderen Voraussetzungen, insbesondere besteht keine Fristbindung.56 Zu-
ständig für die Entscheidung nach § 4 b InsO ist nach allgemeiner Meinung das
Insolvenzgericht, die Gerichtskasse entscheidet über Zahlungserleichterungen
und Niederschlagung.

IV Fazit

Die Vorschriften zur Kostenstundung sind elf Jahre nach ihrer Einführung von
der Rechtsprechung praxisgerecht ausgestaltet und, wo nötig, hinreichend präzi-
siert worden. Dies ist insbesondere Aufgabe des BGH, der die Praxis maßgeblich
beeinflusst hat. Er ist dabei nicht der Tendenz einiger Amtsgerichte gefolgt, dies
es dem Schuldner über das geltende Recht hinaus möglichst schwer machen.
Vielfach lässt sich diesen Auswüchsen unter Bezugnahme auf die Recht-
sprechung des BGH begegnen. Problematisch wird es dann, wenn die Beschwer-
deinstanzen sich nicht an die Spielregeln halten. Die Rückzahlung der gestunde-
ten Verfahrenskosten aber auch die weitere Stundung nach Erteilung der Rest-
schuldbefreiung stellt sich rechtlich als nicht sonderlich problematisch dar.
Gleichwohl ergeben sich in der Praxis Schwierigkeiten. Umgehen ließen sich
diese, wenn standardmäßig mit einem Antrag die Verfahrenskostenstundung bis
nach Erteilung der Restschuldbefreiung gestellt würde. Erfolgt dies nicht, so hat
das Insolvenzgericht den Schuldner nach Erteilung der RSB über die Verlänge-
rungsmöglichkeit informieren und dieser kann die Verlängerung dann beantra-
gen. Alle vorstehend aufgeführten Schwierigkeiten in der Umsetzung der Kos-
tenstundung erhalten vor dem Grund der Notwendigkeit einer Insolvenzkosten-
hilfe für die Erreichung der Restschuldbefreiung eine übergeordnete Bedeutung,
die sich nicht in einer fragwürdigen Anwendung geltenden Rechts erschöpft.

56 LG Trier ZVI 2010, 381.


Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort
des Gesetzgebers?
Sonja Justine Kokott

1 Notwendigkeit eines gesetzlichen Entschuldungsverfahrens

„Pacta sunt servanda“ bedeutet wörtlich „Verträge sind einzuhalten“; mit dieser
lateinischen Wendung wird das Prinzip der Vertragstreue im privaten Recht
ausgedrückt. Vertragliche Vereinbarungen sind einzuhalten und zu erfüllen. Die
Bedeutung dieses Rechtsgrundsatzes für unsere Rechts- und Wirtschaftsordnung
liegt auf der Hand. In § 241 Absatz 1 Satz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches
heißt es demgemäß: „Kraft des Schuldverhältnisses ist der Gläubiger berechtigt,
von dem Schuldner eine Leistung zu fordern.“ Der Schuldner ist nicht nur ein
Haftender, sondern ein zur Erfüllung Verpflichteter. Ausnahmen hiervon sind im
Bürgerlichen Gesetzbuch grundsätzlich nicht vorgesehen. Mit der Einführung
eines neuartigen Verfahrenstypus, dem Privatinsolvenzverfahren im Jahre 1999
steht dem Prinzip der unbeschränkten Vermögenshaftung folgende legislative
Entscheidung entgegen: „Gemäß § 1 Satz 2 InsO wird dem redlichen Schuldner
Gelegenheit gegeben, sich von seinen restlichen Verbindlichkeiten zu befreien.“
Privaten mittellosen redlichen Schuldnern wird seitdem vom deutschen Gesetz-
geber die Möglichkeit eröffnet, sich mit der Durchführung eines Insolvenzver-
fahrens auch gegen den Willen der Gläubiger nach einer mindestens sechsjähri-
gen Wohlverhaltensphase von den restlichen Verbindlichkeiten zu befreien.1
Auf der moralischen Ebene mag diese Tatsache zunächst ernüchtern. Be-
trachtet man die gesetzgeberische Entscheidung jedoch von einer gesellschafts-
politischen, volkswirtschaftlichen und zugleich sozialen Plattform aus, führen
empirische Fakten und sinnhafte Argumente schnell zu einer Entmoralisierung
der Thematik. Wurde doch das individuelle Leistungsvermögen der betroffenen
Personen in den meisten Fällen nicht durch eigenes schuldhaftes Verhalten
übermäßig strapaziert, sondern unvorhergesehene kritische Lebensereignisse wie
Arbeitslosigkeit, das Scheitern einer Partnerschaft oder eine Krankheit2 gaben

1 Umfassend zur gesetzgeberischen Motivation BT-Drucksache 12/7302 sowie BT-Drucksache


14/5680.
2 Zur Etablierung der Überschuldungsursache „Krankheit“ unter die wichtigsten Überschul-
dungsgründe umfassend Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzurufen unter:

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_6,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
142 Sonja Justine Kokott

hierfür den Ausschlag. Dauerhafte unwirtschaftliche Haushaltsführung und fehl-


geschlagene Kleinselbständigkeiten reihen sich als weitere Überschuldungsursa-
chen in die Liste.3 Jedoch selbst bei individuellen Fehlern der Schuldner gehen
moderne biographische Risiken die Gesellschaft an. Beim Abrutschen in die
Überschuldung tragen Schuldner oft das Risiko unserer konsumorientierten, auf
ständiges Wachstum konzentrierten Industrie- und Wohlstandsgesellschaft. Die-
ser Gesellschaft kommt es zugute, wenn ein Schuldner nach der Beendigung
einer lebenslangen Haftung entlang der Verjährungsfristen den neuen Start nutzt,
als produktiver Marktteilnehmer am Erwerbsleben teilnimmt und in die Systeme
der sozialen Sicherung einzahlt. Personen- und Kapitalgesellschaften wird die
Möglichkeit einer Entschuldung gewährt, für Privatpersonen sollte diesbezüglich
nichts anderes gelten. Diesen Umstand hat auch das Bundesverfassungsgericht
gewürdigt.4 Nicht zu vernachlässigen ist zudem die volkswirtschaftliche Sinnlo-
sigkeit, tausende überschuldete Privathaushalte am Rande des Existenzmini-
mums in einer für diese ausweglosen Situation zu belassen und hierdurch das
Ausweichen insolventer Schuldner in die sogenannte Schattenwirtschaft zu för-
dern.5 Die Bemühungen um eine Reinklusion der Betroffenen in die Gesellschaft
in Zeiten einer wachsenden Einkommenspolarisierung hat letztendlich ein star-
kes soziales Anliegen zum Inhalt. Es handelt sich angesichts der hohen Zahlen6

http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=4581, S. 15 f; zur Wechselbeziehung


von Krankheit und Schulden ausführlich Kokott ZVI 2012, 249 ff.
3 Siehe zu den Hauptauslösern anstatt vieler Quellen die aktuelle Überschuldungsstatistik des
Statistischen Bundesamtes: Statistik zur Überschuldung privater Personen 2012, im Internet
abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKon-
sumLebensbedingungen/VermoegenSchulden/HauptausloeserPrivateUeberschuldung.html.
4 BVerfGE 92, 263, 271: „Der Gläubiger hat zwar weiterhin einen Anspruch auf Zahlung,
jedoch ist die Forderung ohne wirtschaftlichen Wert, weil eine gelöschte Gesellschaft regel-
mäßig kein Vermögen mehr hat, auf das zugegriffen werden kann. Bei einer natürlichen Person
liegt es kaum anders. Dass diese nach Abschluss des Gesamtvollstreckungsverfahrens zu Ver-
mögen gelangt ist, ist wenig wahrscheinlich.“; siehe ebenfalls BVerfG ZInsO 2006, 317, 319.
5 Smid, Grundzüge des neuen Insolvenzrechts, S. 355.
6 Die Zahlen sind oft beschrieben worden; vgl. etwa schon Korczak, Überschuldung in Deutsch-
land zwischen 1988 und 1999, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend, Bd. 198, S. 105 f.; ders., Überschuldungsexpertise für den 2. Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung, 2004, im Internet zu finden unter: http://www.
bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung2/Pdf-Anlagen/materialien-zur-familienpolitik-nr.-19-
2004,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf; Zimmermann, Ermittlung der Anzahl überschulde-
ter Privathaushalte in Deutschland, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend (Hrsg.): Materialien zur Familienpolitik – Lebenslagen von Familien und Kindern –
Überschuldung privater Haushalte, Expertisen zur Erarbeitung des dritten Armuts- und
Reichtumsberichts der Bundesregierung, Nr. 22/2008, Berlin 2008. Zur aktuellsten Überschul-
dungsstatistik des Statistischen Bundesamtes siehe Statistisches Bundesamt, Statistik zur Über-
schuldung privater Personen 2012, im Internet abrufbar unter: https://www.destatis.de/
DE/Publikationen/Thematisch/EinkommenKonsumLebensbedingungen/Ueberschuldung/Uebe
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 143

an betroffenen Personen und Haushalten um eine sozialstaatlich gebotene Reak-


tion des deutschen Gesetzgebers auf eine mittlerweile unhaltbare Situation.7 Die
Gewährleistung eines Existenzminimums und die Verfügbarkeit über die eigene
Arbeitskraft sind Elemente der in Art. 1 GG garantierten Menschenwürde und
der in Art. 2 GG gewährleisteten Handlungsfreiheit.8 Das Bundesverfassungsge-
richt hat bisher keine konkrete Sachentscheidung zur Frage der Verfassungsmä-
ßigkeit der Restschuldbefreiung getroffen; aus einer sehr intensiven literarischen
Auseinandersetzung mit einigen abgelehnten Richtervorlagen zur Normenkontrolle
ist jedoch die Bejahung der Verfassungskonformität deutlich herauszulesen.9
Insgesamt ist festzuhalten, dass mit einer dauerhaften wirtschaftlichen Aus-
grenzung einer hohen Zahl von überschuldeten Personen weder den Gläubigern
noch der Gesellschaft gedient ist. Ein durch die Möglichkeit der Entschuldung
motivierter und durch soziale Hilfestellungen unterstützter Schuldner wird sich
aller Voraussicht nach bemühen, innerhalb der sechsjährigen Wohlverhaltens-
phase seinen Beitrag zur Befriedigung seiner Gläubiger zu leisten. Von einem in
finanzieller Ausweglosigkeit verharrenden Schuldner, der notwendige Unterstüt-

rschuldung5691101117004.pdf?__blob=publicationFile. Weitere Datenbestände wissen-


schaftsbasierter Sozialberichtserstattung existieren beim Verband der Vereine Creditreform
(SchuldnerAtlas Deutschland), der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung Schufa
(Kredit-Kompass) sowie beim Institut für Finanzdienstleistungen (iff - Überschuldungsreport).
Vgl. hierzu SchuldnerAtlas 2012, im Internet zu finden unter: http://www.creditreform.de/
Deutsch/Creditreform/Presse/Archiv/SchuldnerAtlas_Deutschland/2012/ Analyse_Schuldner
Atlas_Deutschland_2012.pdf; SCHUFA Kredit-Kompass 2012, im Internet zu finden unter:
http://www.schufa-kredit-kompass.de/media/teamwebservices/downloads/schufa_kredit-
kompass_2012.pdf; Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzurufen unter:
http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=4581.
7 Hinzuweisen sei ebenfalls auf die wachsende strukturelle Überschuldung, die unabhängig von
jeder konjunkturellen Entwicklung ist; vgl. zum veränderungsresistenten Schuldnersockel
SchuldnerAtlas 2012, im Internet zu finden unter: http://www.creditreform.de/
Deutsch/Creditreform/Presse/Archiv/SchuldnerAtlas_Deutschland/2012/Analyse_SchuldnerAt
las_Deutschland_2012.pdf, S. 47 f.
8 Die Erwerbsobliegenheit und die Freiheit des Schuldners, sich selbständig wirtschaftlich zu
betätigen, werden insbesondere in §§ 295 Absatz 1 Nr. 1, Absatz 2 InsO und in §§ 4c Nr. 4, 35
Absatz 2 Satz 2 InsO aufgegriffen. Vgl. hierzu MünchKomm-InsO/Ehricke, 2. Auflage 2008, §
295 RdNr. 105.
9 Erste Vorlage AG München NZI 2002, 676; verworfen durch BVerfG NZI 2003, 162. Zweite
Vorlage AG München ZVI 2003, 546; verworfen durch BVerfG NJW 2004, 1233. Dritte Vor-
lage AG München NZI 2004, 456; verworfen durch BVerfG Beschl. v. 07.07.2004 – 1 BvL
3/04. Vierte Vorlage AG München Beschl. v. 06.07.2005 – 1506 IN 2348/03; verworfen durch
BVerfG ZInsO 2006, 317. Einen kurzen Überblick über die Verfassungsdiskussion gibt Gott-
wald/Ahrens, Insolvenzrechts-Handbuch, 4. Auflage 2010, § 76 RdNr. 8 ff.
144 Sonja Justine Kokott

zungsleistungen nicht abrufen kann und sich vielleicht sogar auf staatliche Un-
terstützung verlassen muss, wird man nichts erwarten können.10

2 Umriss der aktuellen rechtlichen Regelungen des


Verbraucherinsolvenzverfahrens

Die Möglichkeit der Entschuldung für natürliche überschuldete Personen ist das
Kernstück der wesentlichen Erweiterungen des neuen, am 01.01.1999 in Kraft
getretenen Insolvenzrechts.11 Dem privaten Schuldner wird gemäß §§ 286 ff.
InsO die Möglichkeit eröffnet, sich mit der Durchführung eines Insolvenzverfah-
rens nach einer mindestens sechsjährigen Wohlverhaltensphase von den restli-
chen Verbindlichkeiten zu befreien. Klar herauszustellen ist, dass es beider Ele-
mente bedarf. Ein bloß isoliertes Restschuldbefreiungsverfahren sieht die Insol-
venzordnung nicht vor. Ein ohne anschließendes Restschuldbefreiungsverfahren
durchgeführtes Insolvenzverfahren hilft dem Schuldner nicht weiter, denn ohne
diesen Entschuldungsakt können die Gläubiger ihre nicht erfüllten Forderungen
nach der Beendigung des rechtlichen Verfahrens weiterhin geltend machen. Die
insolvenzrechtliche Entschuldung erfolgt unabhängig von der Zustimmung eines
betroffenen Gläubigers, die Restschuldbefreiung ist als einseitiges Recht des
Schuldners ausgestattet, welches dieser gegen den Willen sämtlicher Gläubiger
durchsetzen kann.
Das rechtliche Konzept ist an zwei wichtige Voraussetzungen geknüpft. Nur
ausschließlich einem redlichen Schuldner12 ist der gesetzliche Weg zu einer
Restschuldbefreiung geebnet. Zudem muss dieser aktiv an der Befriedigung
seiner Gläubiger mitwirken, indem er sein pfändbares Vermögen zur Verfügung
stellt und durch die Erfüllung von Erwerbsobliegenheiten künftiges Kapital ga-
rantiert und somit seine Würdigkeit unter Beweis stellt. Das erste Stadium dieses
Prozesses besteht in der Pflicht derjenigen Person, die ihren Zahlungsverpflich-

10 Ausführlich zu dieser Diskussion Gold, Verbraucherinsolvenz- und Restschuldbefreiungsver-


fahren versus pacta sunt servanda, Hamburg 2006.
11 Zur Diskussion um die Einordnung der Restschuldbefreiung als insolvenzverfahrensrechtliches
Ziel vgl. Gottwald/Ahrens, Insolvenzrechts-Handbuch, 4. Auflage 2010, § 76 RdNr. 20 ff.
12 Einen ständigen Diskussionspunkt bilden die Versagungsgründe, denn redlich ist nur derjenige
Schuldner, dem die Restschuldbefreiung nicht versagt wird. Als mögliche Gründe für eine Ver-
sagung (neben gläubigerschädigenden Verstößen gegen die Obliegenheiten gemäß § 296 InsO)
nennt § 290 InsO Insolvenzstraftaten, vorsätzliche oder grob fahrlässige Falschangaben zu den
wirtschaftlichen Verhältnissen, Handlungen, die Gläubigerinteressen beeinträchtigen oder die
Staatskassen belasten sowie vorsätzliche oder grob fahrlässige Verletzungen bestimmter Mit-
wirkungspflichten im Verfahren. Siehe hierzu Gottwald/Ahrens, Insolvenzrechts-Handbuch, 4
Auflage 2010, § 76 RdNr. 35 ff. Ausführlich zu den Zukunftsperspektiven eines Bauplans für
das Privatinsolvenzverfahren Ahrens ZZP 122 (2009), 133, 154 f.
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 145

tungen nicht mehr nachkommen kann, eine außergerichtliche Einigung mit den
Gläubigern zu versuchen. Ein Scheitern ist durch eine geeignete Stelle13 – wie
beispielsweise die Schuldnerberatung – zu bescheinigen. Zu Beginn des gericht-
lichen Verfahrens soll mithilfe eines Schuldenbereinigungsplans eine Einigung
erzielt werden. Wenn auch dieser Versuch scheitert, darf ein Insolvenzantrag
gestellt werden.14
Eine aktuelle Kritik am geltenden Entschuldungsmodell der Insolvenzord-
nung konzentriert sich auf den Umstand, dass der Schuldner selbst bei völliger
Vermögenslosigkeit ein kompliziertes und umfangreiches Prozedere durchlaufen
muss, um seiner Verschuldungssituation ein Ende zu setzen. Die Gläubiger sind
gehalten, im vereinfachten Verfahren an einem Schuldenbereinigungsplan mit-
zuwirken, ohne in irgendeiner Weise einen Vorteil erwarten zu dürfen. Sie müs-
sen selbst für den Fall, dass der Schuldner in der Wohlverhaltensphase Zahlun-
gen leistet, als Gläubiger hinter den Fiskus zurücktreten, um schließlich mit der
Erteilung der Restschuldbefreiung ihre Rechte gänzlich zu verlieren. Auch die
Justiz investiert in fragwürdiger Weise in das masselose Verfahren. Die Insol-
venzgerichte bearbeiten im Angesicht der zu Beginn feststehenden Erfolglosig-
keit jedes einzelne Verbraucherinsolvenzverfahren, welches umfangreiche zeitli-
che Ressourcen in Anspruch nimmt.15 Allein ein masseloses Verfahren beschäf-
tigt die Justiz über die Dauer von 10 Jahren: sechs Jahre Wohlverhaltensphase
und vier Jahre Nachstundung im Falle der Vermögenslosigkeit des Schuldners.16
Da das gesetzliche Konzept im Ergebnis auf eine Einstandspflicht des Staates
hinausläuft17, besteht mittlerweile ein nahezu einhelliger Konsens, dass das bis-
herige Entschuldungsmodell für völlig mittellose Personen zu aufwändig ist,
weil in dessen Ablauf zwingend ein weitgehend sinnentleertes Insolvenzverfah-

13 Zu den vom Gesetzgeber vorgesehenen Regelbeispielen geeigneter Personen und Stellen vgl.
Hergenröder ZVI 2007, 448 ff.
14 Ausführlich zu den rechtlichen Besonderheiten des Verbraucherinsolvenzverfahrens
Hergenröder DZWIR 2001, 397, 401 ff.; ders. DZWIR 2006, 265 ff.; ders. DZWIR 2006, 441
ff.; vgl. auch die Kritik am zweistufigen Verfahren bei Ahrens ZZP 122 (2009), 133 ff. Zu den
aktuellen Reformgedanken des Verbraucherinsolvenzrechts siehe Grote/Pape ZInsO 2012,
1913 ff.; Harder NZI 2012, 113 ff.; Jäger ZVI 2012, 177 ff.; Lissner ZVI 2012, 93 ff.
15 Ausführlich zu der Einstandspflicht des Staates bei Masselosigkeit Hergenröder DZWIR 2006,
265, 266 ff.; ders. Festschrift für Horst Konzen (2006), S. 287, 291 ff.
16 Bayerisches Staatsministerium der Justiz (Hrsg.), Überlegungen zur Reform der Verbraucher-
entschuldung (2004), im Internet abrufbar unter http://www2.justizbayern.de, S. 7 ff.
17 Die Gesamtkosten aller Verbraucherinsolvenzverfahren wurden nur für das Jahr 2004 auf 147
369 Millionen Euro geschätzt. Zu den Rückflüssen aus Kostenstundungen aller Einzelpersonen
Kollbach ZVI 2005, 453, 455 ff.; ausführlich Hergenröder, Festschrift für Horst Konzen
(2006), S. 287, 291 ff.
146 Sonja Justine Kokott

ren vorgeschaltet ist.18 Für mittellose Schuldner sollte eine effektivere und dau-
erhafte Möglichkeit der Entschuldung außerhalb des Insolvenzrechts bestehen,
da sich für die Gläubiger insoweit keine Veränderungen ergeben.19

3 Erfolg des geltenden Rechts?

a. Konzeptioneller Erfolg

Bei allen Reformansätzen und Verbesserungsmodellen der letzten Jahre belegt


der drastische Anstieg der Verbraucherinsolvenzverfahren zahlenmäßig den
konzeptionellen Erfolg des geltenden Rechts. Von der Zielsetzung der Insol-
venzordnung gemäß § 1 Satz 2 InsO, dem redlichen Schuldner Gelegenheit zu
geben, sich von seinen restlichen Verbindlichkeiten zu befreien, wird stetig Ge-
brauch gemacht. Insbesondere durch die im Jahre 2001 eingeführte Möglichkeit
einer Stundung der Verfahrenskosten20 gemäß §§ 4a ff. InsO ist der Zugang zur
gesetzlichen Schuldbefreiung auch mittellosen Personen erleichtert worden.21

18 Zu den vorgeschlagenen Modellen zur Neustrukturierung des Entschuldungsverfahrens Förster


ZInsO 2002, 17 ff.; Hofmeister ZVI 2003, 12 ff.; Hofmeister/Jäger ZVI 2005, 180 ff.; Jäger
ZVI 2003, 55 ff.; Klaas ZInsO 2003, 577 ff.; Kohte, Ziel und Wirkung gesetzlicher Änderun-
gen der InsO und ZPO auf überschuldete und von Überschuldung bedrohte Haushalte (2004);
Mäusezahl ZVI 2003, 49 ff.; Springeneer, Reform der Verbraucherinsolvenz: Die Suche nach
einer sozialverträglichen Funktionsbestimmung; (2005); Stephan ZVI 2003, 145 ff.; Wimmer,
Die Entschuldung völlig mittelloser Personen, in: Stefan Smid (Hrsg.), Neue Fragen des deut-
schen und internationalen Insolvenzrechts (2006), S. 21 ff.; eine Synopse zur Änderung der In-
solvenzordnung nebst den einschlägigen Gesetzesentwürfen und Materialien findet sich bei
Stefan Smid (Hrsg.), Große Insolvenzrechtsreform 2006 – Synopsen – Gesetzesmaterialien –
Stellungnahmen – Kritik (2006). Siehe auch Hergenröder DZWIR 2006, 265, 268 ff. mit zahl-
reichen Nachweisen zur Reformdiskussion.
19 So schon statt vieler Beule, Festschrift für Uhlenbruch, 2000, S. 539, 562 ff.
20 BGBl. I 2710. Hierzu Hergenröder DZWIR 2001, 397, 407 ff. Seit Dezember 2001 können
private Schuldner somit ihre Verfahrenskosten durch die Staatskasse stunden lassen. Vorher
musste ein Schuldner in der Lage sein, zumindest die Verfahrenskosten aufzubringen, damit
die Verfahrenseröffnung als Voraussetzung für die Restschuldbefreiung stattfinden konnte.
Vgl. zur Verfahrenskostenstundung etwa Hergenröder DZWIR 2004, 73 ff.; Pape ZVI 2002,
225 ff.; Vallender MDR 2002, 181 ff.
21 Die Änderung der Insolvenzordnung führte zu einem regelrechten Andrang bei den Gerichten.
Diese Möglichkeit führte im Jahre 2002 zu einem Anstieg der Verbraucherinsolvenzen um 60
% auf 21 400. In folgenden Jahren lagen die Zuwachsraten bei Verbraucherinsolvenzen bei ca.
40 %, bis sie im Jahre 2007 auf 9 % sanken. Es kann angenommen werden, dass dieser Rück-
gang mit der Tatsache im Zusammenhang steht, dass Verfahren bereits seit längerem verschul-
deter Personen von den Gerichten endgültig abgewickelt worden sind. Vgl. die Erhebungen des
Statistischen Bundesamtes, abrufbar unter http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/
Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/UnternehmenGewerbeInsolvenzen/Insolvenzen/
Aktuell,templateId=renderPrint.psml.
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 147

Vorher konnten viele Schuldner die Kosten für eine Eröffnung des Verbraucher-
insolvenzverfahrens in der Größenordnung von 2000 Euro nicht aufbringen. Der
Verfahrensanstieg führte im technischen Sinne zu einer Verbesserung der Daten-
lage, da auch die völlig mittellosen Schuldner erfassbar wurden und sich ein
realistisches Bild formen durfte.22 Über 80 Prozent aller Insolvenzverfahren
betreffen inzwischen das Vermögen natürlicher Personen, es sind die persönli-
chen Insolvenzen, die mittlerweile die insolvenzrechtlichen Massenverfahren
ausmachen.23 Aus den Schuldnerberatungsstellen wird berichtet, dass gemäß
Zahlen aus dem Jahre 2011 in vier von fünf Beratungsfällen am Ende die Eröff-
nung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens stand.24 70 Prozent der beratenen
Schuldner gaben nach dem Abschluss der Verbraucherinsolvenz an, finanziell
besser gestellt zu sein.25 Schuldnerberatung und Verbraucherinsolvenz zeigen
eine positive Wirkung. Insgesamt kann im Sinne der Zielsetzungen der Insol-
venzordnung davon ausgegangen werden, dass die höhere Anzahl der Verfahren
eine ernsthaftere Bekämpfung des Problems der Privatinsolvenz aufzeigt.26 Die
Anzahl der eröffneten Verbraucherinsolvenzverfahren kann ein Indiz dafür sein,
in welchem Maße die gesetzlichen Regelungen greifen und die anvisierte Ziel-
gruppe erreichen. Trotz dieser positiven Entwicklung profitieren nur circa 30
Prozent der überschuldeten Privatpersonen von den gesetzlichen Entschuldungs-
regelungen.27 Das liegt an vielerlei Faktoren.

b. Überschuldung als multifaktorielles Problem

Zunächst sei vermerkt, dass die Forschung zur Überschuldung sich primär an
ökonomischen Faktoren orientiert. Im Verbraucherinsolvenzverfahren geht es in
erster Linie darum, den Insolventen zu entschulden und ökonomisch wieder

22 Verbraucherinsolvenzen wurden seitdem in den wenigsten Fällen mangels Masse abgewiesen.


Vgl. Angele, Wirtschaft und Statistik 2008, 302, 305.
23 Vgl. hierzu die Insolvenzstatistiken des Statistischen Bundesamtes wie etwa für die Jahre 2010
bis 2012 im Internet bereitgestellt unter folgendem Link: https://www.destatis.de/
DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/UnternehmenHandwerk/Insolvenzen/Tabellen/Unt
ernehmenSchuldner.html.
24 Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzurufen unter: http://www.iff-ueber-
schuldungsreport.de/media.php?id=4581, S. 65 f.
25 Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzurufen unter: http://www.iff-ueber-
schuldungsreport.de/media.php?id=4581, S. 65 mit weiteren Nachweisen.
26 So schon Lechner/Backert, Dynamik des Verbraucherinsolvenzverfahrens – Regionale Dispari-
täten und aktivierende Wirkungen, Expertise des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend, Materialien zur Familienpolitik Nr. 21/2005, S. 1, 11 f.
27 Durchaus realitätsnahe Überlegungen im Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzuru-
fen unter: http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=4581, S. 66.
148 Sonja Justine Kokott

handlungsfähig zu machen. Das zentrale Ziel der Restschuldbefreiung ist darauf


gerichtet, dem Schuldner die Möglichkeit zu geben, sich wirtschaftlich zu erho-
len und eine neue Existenz aufzubauen. Von dieser formalen und juristischen
Reintegration des Verbraucherinsolvenzverfahrens wird – wie bereits erörtert –
profitiert. Untersuchungen belegen jedoch, dass eine soziale Reintegration in
vielen Fällen nicht erreicht werden kann.28 Die staatlichen Bemühungen um eine
erfolgreiche Bekämpfung der Überschuldung stoßen an ihre Grenzen, wenn
Gesetzesentwürfe eine ausreichende empirische Basis vermissen lassen und
Erkenntnisse aus der praktischen Arbeit nicht aufgegriffen werden. Für eine auf
die Zahlungsunfähigkeit konzentrierte Lebensberatung mangelt es demenspre-
chend auch an Datenbeständen. Es sind bisher nur spärliche Informationen29 über
Personen oder Haushalte vorhanden, die ohne oder mittels eines Verbraucherin-
solvenzverfahrens versuchten, ihre persönliche Verschuldungssituation zu über-
winden. In einer neueren Studie30 wird klar, dass selbst nach der Eröffnung des
Verfahrens mindestens noch die Hälfte der Betroffenen auf weitere Hilfestellun-
gen angewiesen wäre. Nach der Eröffnung des Verbraucherinsolvenzverfahrens
jedoch ist keine weitere Hilfestellung für den Betroffenen im Rahmen der
Schuldnerberatung vorgesehen. Ohne eine kompetente Unterstützung ist für
diesen Teil der betroffenen Schuldner die Gefahr sehr groß, abermals in eine
Überschuldungssituation zu geraten.31 Insgesamt ist eine psychische und soziale

28 Vgl. etwa die Materialien zur Familienpolitik: Lebenslagen von Familien und Kindern – Über-
schuldung privater Haushalte; Expertisen zur Erarbeitung des dritten Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung, Nr. 22/2008, S. 33 ff.; abrufbar unter http://www.
bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Internetredaktion/Pdf-Anlagen/armutsbericht-
materialien,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf.
29 Die ersten regionalen Untersuchungen zur rechtlichen und sozialen Wirksamkeit des Verbrau-
cherinsolvenzverfahrens sind zu finden in den Expertisen zur Erarbeitung des dritten Armuts-
und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Menschen in der Verbraucherinsolvenz – Rechtli-
che und soziale Wirksamkeit des Verbraucherinsolvenzverfahrens einschließlich Darstellung
der Haushaltsstrukturdaten des untersuchten Personenkreises, im Internet abrufbar unter
http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Internetredaktion/Pdf-
Anlagen/armutsbericht-materialien,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf., S. 33 ff. Aktueller
Lechner, Eine zweite Chance für alle gescheiterten Schuldner?, Längsschnittstudie zur Evalua-
tion des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Auftrag der SCHUFA, 2010, im Internet abrufbar
unter http://www.schufa-verbraucherbeirat.de/media/themenundprojekte/downloads/wir-
kungsstudie_verbraucherinsolvenzverfahren_final.pdf.
30 Lechner, Eine zweite Chance für alle gescheiterten Schuldner?, Längsschnittstudie zur Evalua-
tion des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Auftrag der SCHUFA, 2010, im Internet abrufbar
unter http://www.schufa-verbraucherbeirat.de/media/themenundprojekte/downloads/wir-
kungsstudie_verbraucherinsolvenzverfahren_final.pdf.
31 Lechner, Eine zweite Chance für alle gescheiterten Schuldner?, Längsschnittstudie zur Evalua-
tion des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Auftrag der SCHUFA, 2010, im Internet abrufbar
unter http://www.schufa-verbraucherbeirat.de/media/themenundprojekte/downloads/wir-
kungsstudie_verbraucherinsolvenzverfahren_final.pdf.
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 149

Betreuung des von Insolvenz betroffenen Personenkreises durch qualifizierte


Fachkräfte überwiegend nicht vorgesehen.32 Hier gilt es, die Schuldnerbera-
tungsstellen zu stärken und personell ausreichend auszustatten.33 Schuldnerbera-
tungsstellen sind kompetente Anlaufpunkte für mittellose Ratsuchende und be-
währen sich als wertvolle Partner sowohl in der Phase drohender Zahlungsunfä-
higkeit sowie in der Verhandlung mit Gläubigern als auch in der Vorbereitung
und während der Durchführung des Insolvenzverfahrens. Betrachtet man sich
beispielsweise die hohen Anforderungen an die Verhandlungskompetenz und an
die Rechtskenntnisse im Bereinigungsverfahren der Verbraucherinsolvenz, wird
deutlich, welche Bedeutung die sachkundige Begleitung für einen Insolvenz-
schuldner einnehmen kann. Eine Investition in ein funktionsfähiges Netz an
Schuldnerberatungsstellen, die jeder von Zahlungsschwierigkeiten betroffenen
Person in angemessener Zeit eine fachkundige Begleitung gewährleistet, ist ein
wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer wirkungsvollen Bekämpfung des derzei-
tigen Verschuldungsproblems. Kostenmäßig ist es allemal vernünftiger, mit
fachlicher Hilfe auf eine erste gütliche Einigung mit den Gläubigern hinzuarbei-
ten als insbesondere mittellose Schuldner das gesamte Verfahren auf Kosten der
Gemeinschaft durchführen zu lassen.
Überschuldung stellt eben nicht nur ein rein finanzielles Problem dar, son-
dern erfasst alle Lebensbereiche der von einer Zahlungsenge betroffenen Person.
Die wirtschaftliche Destabilisierung geht regelmäßig mit einer psycho-sozialen
Belastung einher.34 Finanzieller Stress führt zu physischen und psychischen
Schädigungen, zerstört soziale Beziehungen und hat negative Auswirkungen auf
das soziale Umfeld des Betroffenen. Überschuldung bedeutet vielfach einen
individuellen Verlust gesellschaftlicher Einbindung und Teilhabe. Die Bedeu-
tung der psycho-sozialen Bedingungen35 tritt neben die ökonomische Zwangsla-

32 Reifner/Springeneer, Die private Überschuldung im internationalen Vergleich – Trends, Prob-


leme, Lösungsansätze, in: Schuldenkompass der Schufa (2004), S. 194.
33 Zu Selbstverständnis und Arbeitsweise der Schuldnerberatungsstellen Hergenröder ZVI 2003,
577, 578 ff.; ders. ZVI 2007, 448 ff.; eingehend Ebli, Pädagogisierung, Entpolitisierung und
Verwaltung eines gesellschaftlichen Problems. Die Institutionalisierung des Arbeitsfeldes
„Schuldnerberatung“ (2003), S. 141 ff.
34 Umfassende Befunde in den Materialien zur Familienpolitik: Lebenslagen von Familien und
Kindern – Überschuldung privater Haushalte; Expertisen zur Erarbeitung des dritten Armuts-
und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Nr. 22/2008, S. 129 ff.; abrufbar unter
http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Internetredaktion/Pdf-
Anlagen/armutsbericht-materialien,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf.
35 Die psycho-soziale Dimension einer Verschuldungssituation lässt sich anhand von vier Ele-
menten erfassen. Lebensqualität wird mit Blick auf die emotionale Situation des Betroffenen,
seine soziale Integration, die körperliche Verfassung und Lebenseinstellung kategorisiert. Vgl.
Kuhlemann/Walbrühl, Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend; erörtert in den Materialien zur Familienpolitik: Lebenslagen von Familien
150 Sonja Justine Kokott

ge. Dies wird auch in folgender Definition deutlich, die von der Bundesregierung
selbst in ihrem ersten Armuts- und Reichtumsbericht verwendet worden war:

„Überschuldung ist die Nichterfüllung von Zahlungsverpflichtungen, die zu einer


ökonomischen und psycho-sozialen Destabilisierung von Schuldnern führt. Über-
schuldung bedeutet daher nicht allein, dass nach Abzug der fixen Lebenshaltungs-
kosten der verbleibende Rest des monatlichen Einkommens für zu zahlende Raten
nicht mehr ausreicht, sondern birgt massive soziale und psychische Konsequenzen
36
in sich.“

c. Krankheit und Überschuldung

Als wichtiger Faktor ist die gesundheitliche Verfassung überschuldeter Personen


zu beachten. Überschuldung und Gesundheit stehen in einer engen Wechselbe-
ziehung.37 Krankheit und Sucht fallen in den Untersuchungen seit jeher als ver-
änderungsresistente Faktoren auf. Aussagekräftig können diesen Umstand die
Schuldnerberatungsstellen38 belegen, die durch ihren direkten Kontakt mit über-
schuldeten Personen über empirisch wertvolle Informationen verfügen.39 Die
auffällige Bedeutungszunahme des Faktors Gesundheit als eine der Ursachen für
den Weg in die Überschuldung in den relevanten Untersuchungen der letzten

und Kindern – Überschuldung privater Haushalte; Expertisen zur Erarbeitung des dritten Ar-
muts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Nr. 22/2008; abrufbar unter http://
www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Internetredaktion/Pdf-
Anlagen/armutsbericht-materialien,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf. Aktuell siehe Lech-
ner, Eine zweite Chance für alle gescheiterten Schuldner?, Längsschnittstudie zur Evaluation
des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Auftrag der SCHUFA, 2010, S. 21 ff., im Internet ab-
rufbar unter http://www.schufa-verbraucherbeirat.de/media/themenundprojekte/downloads/
wirkungsstudie_verbraucherinsolvenzverfahren_final.pdf.
36 Korczak/Pfefferkorn, Überschuldungssituation und Schuldnerberatung in der Bundesrepublik
Deutschland, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie und Senioren, Band 3 (1992),
S. XXI.
37 Ausführlich zur Wechselbeziehung von Krankheit und Schulden Kokott ZVI 2012, 249 ff.
38 Die Schuldnerberatungsstellen dienen den betroffenen Schuldnern als psychosoziale Auffang-
stationen, bewähren sich als wichtige Partner in der Verhandlung mit Gläubigern in der Vorbe-
reitung und während der Durchführung des Insolvenzverfahrens und können aus ihrem anony-
misierten statistischen Datenpool hinreichend zuverlässige Aussagen zu den Ursachen und dem
Ausmaß privater Überschuldung, der Zusammensetzung des überschuldeten Personenkreises
und Angaben zu den Gläubigern tätigen.
39 Zum Selbstverständnis und zur Arbeitsweise der Schuldnerberatungsstellen Hergenröder ZVI
2003, 577, 578 ff.; ders. ZVI 2007, 448 ff.. Eingehend Ebli, Pädagogisierung, Entpolitisierung
und Verwaltung eines gesellschaftlichen Problems. Die Institutionalisierung des Arbeitsfeldes
„Schuldnerberatung“, 2003, S. 141 ff.; Homann, Praxis und Recht der Schuldnerberatung,
2009, Rn. 25 ff., 85 ff., 116 ff.
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 151

Jahre springt ins Auge.40 Der Bedeutungsgrad dieses Themenfeldes wurde durch
eine Studie des sozialmedizinischen Teilprojekts des Forschungsclusters „Ge-
sellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ des Landes Rheinland-
Pfalz gewahr. Das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz initiierte die sozialmedizinische Studie „Armut,
Schulden und Gesundheit“.41 Die Ergebnisse der ASG-Studie belegen die hohe
Krankheitsrate und eine erhöhte Prävalenz physischer und psychischer Erkran-
kungen bei überschuldeten Personen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
Sowohl der Mechanismus „Krankheit führt zur Überschuldung“ als auch der
spiegelbildliche Tatbestand „Überschuldung macht krank“ spiegeln die Schul-
denrealität wider. Die finanzielle Belastungssituation erschwert für die Mehrheit
der Betroffenen den Zugang zu einer vergleichbar gleichwertigen Teilhabe an
Leistungen des Gesundheits- und Vorsorgesystems. Es besteht eine hohe Gefahr,
den Umgang mit der eigenen Gesundheit in Bezug auf Ernährungs- und Bewe-
gungsgewohnheiten zu verschlechtern. Solche Ergebnisse der Studie belegen die
Dringlichkeit sozialmedizinischer und psychosozialer Betreuung aller mit einer

40 Siehe statt vieler zur Etablierung der Überschuldungsursache „Krankheit“ unter die wichtigsten
Überschuldungsgründe den Iff - Überschuldungsreport 2012, im Internet abzurufen unter:
http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=4581, S. 15 f; In Bezug auf psychische
Erkrankungen wie Depression oder Burnout geht diese Entwicklung Hand in Hand mit den
Beobachtungen der gesetzlichen Krankenkassen, die bei der jährlichen Aufstellung des Fehl-
zeitenreports feststellen, dass sich seit den 90er Jahren die Anzahl der Krankschreibungen auf-
grund psychischer Erkrankungen fast verdoppelt hat und inzwischen nach Angaben der Bun-
despsychotherapeutenkammer knapp 11 Prozent aller Fehltage auf psychische Störungen zu-
rückgehen. Vgl. etwa die Pressemitteilung der Bundespsychotherapeutenkammer zur Woche
der seelischen Gesundheit 2010, im Internet abrufbar unter: http://www.bptk.de/
uploads/media/20101001_pm_bptk_psychische_krankheiten_zahlen_fakten.pdf; umfassend die
Studie der Bundespsychotherapeutenkammer zu psychischen Belastungen in der modernen Ar-
beitswelt, im Internet zu finden unter: http://www.bptk.de/uploads/media/
20100518_psychische_erkrankungen_in_der_arbeitswelt.pdf.
41 Zum Verlauf und den Ergebnissen der Studie siehe etwa Münster/Rüger/Ochsmann/
Alsmann/Letzel, Überschuldung und Gesundheit – Sozialmedizinische Erkenntnisse für die
Versorgungsforschung, in: ArbeitsmedizinSozialmedizinUmweltmedizin 2007, 628 ff.; Müns-
ter/Letzel, Überschuldung, Gesundheit und soziale Netzwerke. Expertisen zur Erarbeitung des
dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, in: Bundesministerium für Fami-
lie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrgs.), Materialien zur Familienpolitik: Lebenslagen von
Familien und Kindern. Überschuldung privater Haushalte Nr. 22/2008, 55 ff.; dies., Sozialme-
dizinische Relevanz der überschuldeten Privathaushalte in Deutschland, in: ZVI-Sonderheft
2009, 50 ff.; dies., Auswirkungen von Überschuldung auf die Gesundheit, in: Bundesverband
der Wohlfahrtsverbände (Hrsg.), Schuldenreport 2009, S. 62 ff.; Münster/Rüger/Ochsmann/
Alsmann/Letzel, Überschuldung und Zuzahlung im deutschen Gesundheitssystem – Benachtei-
ligung bei Ausgabenarmut, in: Gesundheitswesen 2009, 67 ff.; im Internet ist der Bericht zu
finden unter: http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Kategorien/Forschungsnetz/for-
schungsberichte,did=111808.html. Münster/Letzel, Sozialmedizinische Relevanz der über-
schuldeten Privathaushalte in Deutschland, ZVI Sonderheft 2009, 50 ff.
152 Sonja Justine Kokott

Überschuldungssituation konfrontierten Menschen.42 Es lässt sich ableiten, dass


mit der finanziellen Krise einer Privatperson nicht nur die ökonomische Prob-
lemlage zu assoziieren ist, sondern dass gerade der gesundheitliche Aspekt eine
wichtige Rolle einnimmt. Hält man sich das durch die benannten Studien aufge-
zeigte Ausmaß der gesundheitlichen Beeinträchtigungen überschuldeter Perso-
nen vor Augen, wird deutlich, dass Verbraucherinsolvenz und Restschuldbefrei-
ung als legislative Reaktion auf die Überschuldung der Privathaushalte nicht
ausreichen können, um dem multifaktoriellen Charakter der Zahlungsunfähigkeit
gerecht zu werden.43 Die rechtliche Analyse monetärer Faktoren ist lediglich ein
Teilaspekt zur Überwindung der individuellen Überschuldungskrise. Die sozial-
politisch erwünschte Reintegration der Betroffenen in das gesellschaftliche Le-
ben und die Wiedererlangung der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit wird nicht
gelingen, wenn der Schuldner zwar der legislativen Konzeption zufolge das
notwendige Maß an Selbstdisziplin, Eigenverantwortung und Eigeninitiative
aufbringt, um die sechsjährige Wohlverhaltensperiode redlich hinter sich zu
bringen, jedoch infolge der langjährigen Überschuldungsbiographie aufgrund der
gesundheitlichen Folgeschäden trotz Restschuldbefreiung nicht mehr am Er-
werbsleben teilzuhaben vermag.44 Gemäß den Erkenntnissen aus der quantitati-
ven Studie „Armut, Schulden und Gesundheit“ (ASG-Studie) und aufbauend auf
den Erfahrungen der Schuldnerberatungsstellen darf eine zielgerichtet aktivie-
rende Sozialpolitik den gesundheitlichen Aspekt nicht unterschätzen. Es bedarf
eines Angebots an gesundheitlichen Unterstützungsleistungen, um Teilhabe-
chancen überschuldeter Personen an Leistungen des Gesundheitssystems zu
gewährleisten.45

42 Vgl. zu den Zusammenhängen von Armut, psychischer Erkrankung und Überschuldung aus
betreuungsrechtlicher Sicht Herzog, Betreuungsrechtliche Praxis 2008, 7 ff.
43 Zu den vielfältigen Aspekten der Überschuldung Hergenröder/Kokott, ZVI-Sonderheft 2009,
27 ff.
44 Zu gesundheitlichen Aspekten in der Wohlverhaltensphase Lechner, Eine Chance für alle ge-
scheiterten Schuldner?, Längsschnittstudie zur Evaluation des Verbraucherinsolvenzverfahrens,
im Internet abrufbar unter: http://www.schufa-verbraucherbeirat.de/media/themenundprojekte/
downloads/wirkungsstudie_verbraucherinsolvenzverfahren_final.pdf, S. 52, 62, 74.
45 Vgl. insoweit die Handlungsempfehlungen aus der ASG-Studie: Multimodaler Stresspräventi-
onskurs „Wir gehn’s an – Stressfaktor Schulden“, Einzelheiten bei Zier/Bellwinkel/Faryn-
Wewel/Letzel/Münster, Zielgruppenorientierte Präventionsangebote am Standort Schuldner-
und Insolvenzberatung als neuer Weg der Stärkung gesundheitlicher Teilhabe überschuldeter
Menschen, in: Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“
(Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden? Perspektiven interdisziplinären Wissens-
transfers, Wiesbaden 2012, S. 201 ff.; umfassend hierzu Hergenröder/Kokott, Private Über-
schuldung und Teilhabe am staatlichen Gesundheitssystem, in: Forschungscluster „Gesell-
schaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ (Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe trotz
Schulden? Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, Wiesbaden 2012, S. 65 ff.; Kokott,
Private Überschuldung und Krankheitsprävention, in: Forschungscluster „Gesellschaftliche
Privatinsolvenzverfahren – eine ausreichende Antwort des Gesetzgebers? 153

Fazit

Die Zahlen aus der Praxis zeigen, dass das deutsche Entschuldungsmodell sich
konzeptionell erfolgreich etabliert hat und wissenschaftlich anerkannt ist. An den
rechtlichen Regelungen besteht nach wie vor Verbesserungsbedarf. Die Reform-
überlegungen in diesem Themenfeld werden weitergehen, die stetige Reformdis-
kussion zeigt, dass die Art und Weise der Entschuldung nach wie vor rechtspoli-
tisch äußerst umstritten ist.
Um das insolvenzrechtliche Ziel zu erreichen, dem Schuldner eine Rück-
fahrkarte in die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu verschaffen, bedarf es
der umfangreichen Berücksichtigung des multifaktoriellen Charakters einer
Überschuldungssituation. Keinesfalls reicht es aus, dem Umstand der Zahlungs-
unfähigkeit nur in einem juristisch-administrativen Sinne zu begegnen und ledig-
lich ein institutionell geregeltes Verfahren anzubieten. Es sind vielerlei Aspekte
zu beachten, um den sozialpolitischen Erwartungshorizont des Verbraucherin-
solvenzverfahrens zu erfüllen, dem redlichen Schuldner den Weg zurück zur
ökonomischen Anteilnahme zu weisen und ihn zu einer handlungsfähigen Teil-
habe am Erwerbsleben zu motivieren. Eine aktivierende Sozialpolitik wird nicht
umhinkommen, überschuldeten Personen eine ganzheitliche Beratung in allen
Phasen der Überschuldung zur Verfügung zu stellen oder wichtige Entschul-
dungshilfen wie etwa Angebote im Bereich gesundheitlicher Maßnahmen anzu-
bieten.

Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ (Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden?


Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, Wiesbaden 2012, S. 103 ff.; Hergenröder,
Zuzahlungen als Hemmschuh gesundheitlicher Teilhabe, in: Forschungscluster „Gesellschaftli-
che Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ (Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schul-
den? Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, Wiesbaden 2012, S. 81 ff.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne –
eine heuristische Betrachtung
Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

1 Indikatoren der privaten Ver- und Überschuldung in Deutschland

Die private Verschuldung ist ein fester Bestandteil des wirtschaftlichen Handelns
und ein unentbehrliches Instrument des Wirtschaftskreislaufs moderner und
funktionsfähiger Volkswirtschaften.1 Ratenkäufe oder Kreditfinanzierungen sind
wichtige Handlungsoptionen zur Anschaffung von Konsumgütern. Längerfristige
Kreditfinanzierungen einzugehen ist also durchaus gesellschaftlich erwünscht
und normal. Als problematisch werden eingegangene Zahlungsverpflichtungen
allerdings dann wahrgenommen, wenn die Gegenfinanzierung nachhaltig in
Schwierigkeiten gerät und die Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden
(können). Allerdings ist selbst in dieser Situation sorgfältig zwischen vorüberge-
henden und nachhaltigen Zahlungsschwierigkeit zu differenzieren. In den Sozi-
alwissenschaften wird deutlich zwischen Verschuldung und Überschuldung
unterschieden.2 Unter dem Begriff Verschuldung werden alle offenen Verbind-
lichkeiten zusammengefasst, die letztlich ein vertragskonformes Verhalten der
Beteiligten erwarten lassen.3 Der Schuldner verfügt in dieser Situation über aus-

1 Eine größere private Verschuldung ohne soziale Beziehungen für (nahezu) jeden Bürger wird
überhaupt erst möglich, wenn bestimmte gesellschaftliche und institutionelle Voraussetzungen
gegeben sind. Zu denken wäre beispielsweise an eine längere Periode ohne nationale Katastro-
phen und Krieg, eine stabile Währung, entsprechende Anbieter von Krediten für Privatperso-
nen, die Verfügbarkeit entsprechender Konsumgüter usw. Eine breitere private Verschuldung
erscheint demnach gesellschaftlich als eine höchst voraussetzungsvolle Sache und dürfte in
diesem Umfang in der deutschen Geschichte erst einige Zeit nach Gründung der Bundesrepub-
lik vorzufinden zu sein (vgl. bspw. Schlieker 2011; Graband 2010).
2 Vgl. zu den Definitionen auch Korczak (2001: 23 u. 40).
3 Rechtlich kann eine zu verantwortende Verschuldung bekanntlich erst nach Vollendung des 18.
Lebensjahres eintreten, weil diese an die Geschäftsfähigkeit des Bürgers gekoppelt ist (zu den
Ausnahmen vgl. die Paragraphen 104, 106 Bürgerliches Gesetzbuch). Kinder unter sieben Jah-
ren sind in Deutschland rechtlich gesehen geschäftsunfähig und Minderjährige zwischen dem
7. und 18. Lebensjahr nur beschränkt geschäftsfähig. Verträge, bei denen zunächst eine Leis-
tung von Seiten des Anbieters erbracht wird und die im Anschluss beglichen werden muss, er-
fordern die Zustimmung der gesetzlichen Vertreter. Werden die Verbindlichkeiten nicht be-

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_7,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
156 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

reichende Mittel, um die Verbindlichkeiten abzutragen. Dies kann durchaus in


Form von Ratenzahlungen erfolgen und sich über einen längeren Zeitraum er-
strecken. Von einer Überschuldungssituation ist zu sprechen, wenn das vorhan-
dene Einkommen und Vermögen (längerfristig) nicht mehr ausreicht, um die
Kosten der Lebensführung und die bestehenden Zahlungsverpflichtungen zu
decken und eine Änderung dieser Lage nicht absehbar ist. Juristisch wird diese
Situationsbeschreibung für natürliche Personen als Zahlungsunfähigkeit be-
zeichnet (§§ 16, 17 Insolvenzordnung) und ist relevant für die Möglichkeit, ein
Privatinsolvenzverfahren zu eröffnen. Das Phänomen der Überschuldung ist
längst in der öffentlichen Diskussion als „soziales Problem“4 präsent und entfal-
tet Wirkung.5
Wer sich auf die Suche nach empirischen Fakten zum Thema Ver- und
Überschuldung macht, wird kaum unabhängige Studien zu Tage fördern, sondern
recht schnell zu den Darstellungen von Wirtschaftsauskunfteien oder anderen
Interessensverbänden gelangen. Deren Datenbestände sind allerdings teilweise
unvollständig oder mit Fehlern behaftet (Korczak/Wilken 2009: 25). Weitere
Datenquellen zur privaten Schuldensituation in Deutschland sind der jährlich
erscheinende Überschuldungsreport des Hamburger Vereins Institut für Finanz-
dienstleistungen (iff) und die Angaben der Statistischen Ämter. Sie beziehen ihre
Angaben von Teilen der staatlich anerkannten Schuldnerberatungsstellen.
Im Folgenden soll in einem ersten Überblick eine empirische Bestandsauf-
nahme anhand der veröffentlichten Indikatoren privater Schulden in Deutschland
erarbeitet werden. Die einzelnen Indikatoren der Berichte sind zwar nicht direkt
miteinander vergleichbar, etwa infolge von unterschiedlichen Erhebungseinhei-
ten (Personen, Haushalte), orientieren sich aber zumindest an einem gemeinsa-
men Bezugsjahr. Ausgewählt wurde das Jahr 2011, für das nahezu alle Anbieter
ihre Daten veröffentlicht haben. Neuere Angaben werden, wo es möglich ist, in
Klammern ergänzt. Die Darstellung wird anhand einer denkbaren Eskalationslei-
ter bei Problemen mit Zahlungsverpflichtungen veranschaulicht. So werden

dient, müssen die Vertragspartner, also die gesetzlichen Vertreter oder Bürgen dafür aufkom-
men. Die Schulden gehen folglich nicht zu Lasten des jungen Menschen (Reifner 2006: 7).
4 In der Soziologie differenziert man hierbei zwischen dem Konstruktionsprozess solcher
„sozialer Probleme“ – also etwa Fragen nach gesellschaftlichen, kulturellen und politischen
Bedingungen der Institutionalisierung von Problemdiskursen – und deren späterer
„Behandlung“ und damit einhergehender Reproduktion in entsprechenden Institutionen und
Organisationen (Groenemeyer 2007: 6ff).
5 Vgl. in diesem Zusammenhang etwa die jahrelange politische Diskussion um die Ausge-
staltung des Pfändungsschutzkontos oder des Girokontos für jedermann (Homann 2012) oder
die anhaltende Diskussion um die Reform des Privatinsolvenzrechts, siehe zuletzt den Gesetz-
entwurf der Bundesregierung (BT-Drs. 17/11268 2012) für ein „Gesetz zur Verkürzung des
Restschuldbefreiungsverfahrens und zur Stärkung der Gläubigerrechte“ vom 31.10.2012.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 157

zunächst die Anzahl der Kreditausfälle als Indikator für Zahlungsprobleme, und
danach vorliegende Angaben zur Überschuldung privater Personen sowie ferner
die Zahl der Privatinsolvenzen untersucht.
Angaben zur Anzahl von Kreditausfällen, das heißt offenen Ratenkrediten,
die auch nach Mahnung weder bestritten noch bezahlt wurden, können dem
jährlich bereitgestellten Kredit-Kompass der SCHUFA entnommen werden.6 Für
das Jahr 2011 registrierte die SCHUFA (2012a: 14) laut Bericht 17,2 Millionen
laufende Kredite und damit in etwa so viele wie für das Jahr 2010. Von den
Krediten seien auf der einen Seite 97,5 Prozent ohne Auffälligkeiten bedient, und
auf der anderen Seite 2,5 Prozent auch nach einem Mahnungseingang nicht ver-
tragsgerecht zurückgezahlt worden (ebd.: 16). Die höchsten Ausfallquoten gäbe
es aktuell für die Altersgruppe der unter 35-Jährigen mit Werten zwischen 3,2
bis 3,6 Prozent (ebd.: 17).
Eine Zahl zum Umfang der überschuldeten Personen stellt die Unterneh-
mensgruppe Creditreform bereit, die als Wirtschaftsauskunftei und gleichzeitig
[sic] als Inkasso-Dienstleister agiert. Die Unternehmensgruppe berechnet in
ihrem jährlich erscheinenden Schuldner-Atlas sogenannte Schuldnerquoten, für
die die Anzahl der Personen mit Negativmerkmalen in Beziehung zu allen Per-
sonen ab 18 Jahren in der Bundesrepublik gesetzt werden.7 Die Zielgröße zur
Verhältnisbildung und Darstellung auf geographischer Ebene wird jeweils vari-
iert. So ist es möglich, die Informationen von der Bundesebene, über die Länder
und Kreise bis hin zu Straßenabschnitten darzustellen (Creditreform 2011: 3 u.
8ff.).8 Als Negativmerkmale werden beispielsweise die Abgabe einer eidesstatt-
lichen Versicherung, Haftbefehle zur Abgabe einer eidesstattlichen Versiche-
rung, Verbraucherinsolvenzverfahren, unstrittige Inkassofälle oder nachhaltige
Zahlungsstörungen (mindestens zwei Mahnungen von mehreren Gläubigern)
gewertet (ebd.: 3). Für den Stichtag 1. Oktober 2011 weist der Schuldner-Atlas
auf Bundesebene eine Schuldnerquote von 9,38 Prozent aus (ebd.: 4). Diese
Quote ergebe sich aus ca. 6,4 Millionen Bürgern über 18 Jahren im Verhältnis zu
ca. 68,3 Millionen volljährigen Einwohnern. Umgerechnet ergebe sich daraus

6 Die SCHUFA erhält ihre Daten zum Zahlungsverhalten bei Raten-, Waren- und Dienstleis-
tungskrediten von kooperierenden Banken und Unternehmen (Handel, Telekommunikationsun-
ternehmen etc.) (SCHUFA 2011: 56). Zusätzlich werden Daten aus öffentlichen Verzeichnis-
sen, wie etwa den Schuldnerregistern der Amtsgerichte eingepflegt (ebd.). Der Datenbestand
umfasse 2010 und 2011 ca. 66,2 Millionen Menschen und pro Person zumeist folgende Anga-
ben: Name, Geburtstag, Anschrift und kreditrelevante Angaben wie Informationen über lau-
fende Kredite, Kredithöhen und Zahlungsausfälle (SCHUFA 2011: 67; SCHUFA 2012a: 24).
7 „Die Daten basieren auf negativen Zahlungserfahrungen der Poolteilnehmer CEG Creditreform
Consumer GmbH, einem Tochterunternehmen von Creditreform“ (Creditreform 2011: 3).
8 Im Schuldner-Atlas wird die Aufschlüsselung bis auf Kreisebene veröffentlicht.
158 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

eine Zahl von 3,12 Millionen betroffenen Haushalten in Deutschland.9 Auch der
ebenfalls jährlich erscheinende Überschuldungsreport des Instituts für Finanz-
dienstleistungen (iff) greift diese Zahl auf und berichtet ergänzend von durch-
schnittlich 27.260 Euro, die jeder überschuldete Haushalt abzuzahlen habe
(Knobloch et al. 2012: 27).10 Der dort ebenfalls berichtete Median liegt bei
13.983 Euro, das heißt die Hälfte aller Haushalte hatte Verbindlichkeiten unter-
halb dieser Summe zu begleichen, während die andere Hälfte sich mit höheren
Schulden auseinandersetzen musste (ebd.).
Für vier von fünf Personen, die in ihrer Situation eine Schuldnerberatungs-
stelle zur ausführlichen Beratung aufgesucht haben, mündet diese in der Eröff-
nung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens, nach dessen Abschluss und einer
erfolgten Restschuldbefreiung ein finanzieller Neuanfang möglich ist (ebd.: 65).
Nachdem mit der Einführung des Verbraucherinsolvenzverfahrens im Jahr 1999
eine stetige Fallzahlerhöhung verbunden war, „die bis zum Jahr 2007 andauerte,
ist in den letzten Jahren eine Sättigung bei etwa 100.000 Eröffnungen pro Jahr
auszumachen“, wobei die seither zu beobachtenden Schwankungen mit großer
Wahrscheinlichkeit auf konjunkturellen Einflüssen beruhen dürften (ebd.: 24).
Das Statistische Bundesamt (2012a: 13; 2011: 13) berichtet für das Jahr 2010
von 106.290 und für das Jahr 2011 von 101.069 eröffneten Verbraucherinsol-
venzverfahren.
Insgesamt erscheint der damit verbundene Weg einer Wiederherstellung der
ökonomischen Handlungsfähigkeit für den sogenannten redlichen Schuldner aus
ökonomischer und sozialpolitischer Perspektive erwünscht: „Das sozialpolitische
Ziel des Verbraucherinsolvenzverfahrens besteht darin, dem Schuldner einen
Weg zurück zur ökonomischen Teilhabe zu bahnen und ihn zu motivieren, wie-
der am Erwerbsleben teilzunehmen und in die Systeme sozialer Sicherung einzu-
zahlen“ (Hergenröder/Kokott 2009: 30). Gelingt eine Entschuldung nicht, sind
weitere negative Folgen für den Einzelnen mehr oder weniger unvermeidlich und
sie sind mehrfach beschrieben worden.11 Sie reichen von gesundheitlichen Prob-
lemen (etwa Sucht oder psychische Erkrankungen) über weiteren sozialen Ab-
stieg (etwa Obdachlosigkeit) bis hin zu dauerhafter sozialer Exklusion (etwa

9 Greift man diese Zahl auf, lässt sich unter Hinzuziehung der Gesamtzahl von 40,439 Millionen
bundesdeutschen Haushalten (Statistische Ämter 2012) eine Überschuldungsquote von ca. 7,72
% auf Haushaltsebene errechnen.
10 Das iff nutzt für seinen Report u.a. die Daten von acht Schuldnerberatungsstellen, von denen
sich vier in den alten und vier in den neuen Bundesländern befinden (Knobloch et al. 2012:
69). „Der Anteil von 80 Prozent der untersuchten Fälle in den alten Bundesländern und 20 Pro-
zent in den neuen spiegelt in etwa die Bevölkerungsverteilung wider“ (ebd.). Für die Analysen
stehen mehrere tausend Fälle zur Verfügung.
11 Vgl. aus dem Forschungskontext der Universität Mainz etwa die einschlägigen Beiträge von
Münster und Letzel (2008), Hergenröder und Kokott (2012) und Rau (2012).
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 159

durch Inhaftierung), die aber auch jeweils mit erheblichen Kosten für die Gesell-
schaft verbunden sind.
Angesichts der vorgestellten Zahlen und ihres Umfangs12 – es sind eben
nicht nur einige wenige Bürger13, die sich mit einer Überschuldungssituation
auseinanderzusetzen haben – soll nun zunächst aus einer Makroperspektive ge-
fragt werden, ob sich die Effekte der gesellschaftlichen Veränderung, die unter
dem Begriff der Postmoderne diskutiert werden, auch auf die Bedingungen und
Zusammenhänge privater Verschuldung auswirken und welche Richtung sie
haben.

2 Merkmale der Postmoderne und ihre Effekte auf die private


Ver- und Überschuldung

Die Soziologie hat sich von Anfang an mit zeitdiagnostischen Analysen der
unterschiedlichen Strukturen, Organisationsformen und Entwicklungen von
Gesellschaften befasst. Vor allem epochalen Veränderungen, wie etwa dem
Übergang von der ständischen zur modernen Gesellschaft, verdankt im 19. Jahr-
hundert die neue Wissenschaft von der Gesellschaft geradezu ihre Entstehung.14
Aber auch in der Zwischen- und Nachkriegszeit ist eine reichhaltige zeitdiagnos-
tische Literatur publiziert worden (vgl. Kruse 1990). Die Bemühungen, die cha-
rakteristischen Merkmale unserer postmodernen Zeit – und dies oftmals verglei-
chend zu vorherigen Zeitperioden – zu erfassen, sind vergleichbar zahlreich.15
Zwar herrscht keine Einigkeit darüber, in welchem Stadium sich die gesellschaft-
liche Entwicklung genau befindet – sollte man eher noch, etwa in Analogie zu
„Spätkapitalismus“, von einer späten Form der Moderne oder vielmehr doch
schon von der Postmoderne als einer neuen Epoche sprechen – aber die damit
verbundenen Phänomene werden stets ähnlich beschrieben: „Die Gesamtheit des
gegenwärtigen soziokulturellen Prozesses läuft auf eine zunehmende Differen-
zierung und Pluralisierung von weltanschaulichen Orientierungen, Wertesyste-
men, Einstellungen, Lebensstilen, Verhaltensweisen und Formen sozialer Bezie-
hungen hinaus, verbunden mit einer Zunahme von Orientierungsschwierigkeiten,

12 Knobloch et al. (2012: 65) weisen anhand eines vereinfachenden Rechenvergleichs zwischen
den (wenngleich nicht verifizierbaren) Zahlen der Creditreform Unternehmensgruppe und den
Angaben des Statistischen Bundesamts zurecht darauf hin, dass eine sehr große Gruppe – die
Autoren schätzen ca. vier Millionen überschuldete Personen – nicht in der Schuldnerberatung
oder im Insolvenzsystem in Erscheinung treten würden.
13 Zur besseren Lesbarkeit wird im weiteren Verlauf des Beitrags auf die sprachliche Unterschei-
dung der Geschlechter verzichtet.
14 Vgl. dazu umfassend die „Klassiker der Soziologie“ von Kaesler (2012; 2007).
15 Vgl. u. a. Prisching 2003.
160 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

Gegensätzen, Widersprüchen und Konflikten, aber auch von Möglichkeiten


autonom-individueller Lebensgestaltung“ (Hillmann 1994: 683). Man wird zu
Recht einwenden, dass dies alles schon Merkmale der Moderne waren und dass
gerade diese schon bei den Klassikern der Soziologie ausgearbeitet waren. In der
Gegenwart sind von diesen Entwicklungen aber nicht nur einzelne Gruppen in
der Gesellschaft, wie etwa die Literaten und Künstler16 der sogenannten „frei-
schwebenden Intelligenz“17 betroffen, sondern breite Bevölkerungsschichten
werden von den, ganz im Sinne einer Generalisierung oder Demokratisierung,
grundsätzlich schon vorher bestehenden Chancen und Risiken der Moderne er-
fasst (vgl. Bock 2012). Insgesamt lässt sich als wesentliches Merkmal der Post-
moderne feststellen, dass ganz generell die Kontinuität biographischer Verläufe
weiter herabgesetzt worden ist.
Das Zitat von Hillmann (s. o.) benennt aber nicht nur die thematischen
Schwerpunkte, bezüglich derer sich in der Postmoderne Veränderungen abzeich-
nen, sondern auch ihre ambivalente Bewertung und Wahrnehmung im gesell-
schaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs. Das zeitdiagnostische Denken der
Soziologie war und ist regelmäßig weltanschaulich eingefärbt. Das Neue wurde
teils als Fortschritt und als eine begrüßenswerte Überwindung alter Strukturen
aufgefasst, häufiger aber als Verlust oder Verfall bekannter und bewährter Insti-
tutionen und Lebensformen. So ist es auch heute. Chiffren wie Spaßgesellschaft,
Freizeitgesellschaft, Konsumgesellschaft, Risikogesellschaft u. ä. sind tendenzi-
ell eher negativ konnotiert, weil sie in zwar unterschiedlicher Akzentuierung,
aber einheitlicher Richtung, eine Verschlechterung der Verhältnisse suggerieren.
Ganz wird man diese weltanschaulichen Konnotationen nicht vermeiden können
– sie sind ja gerade Anlass, sich mit den entsprechenden Phänomenen zu befas-
sen, und die Überschuldung ist eines davon – gleichwohl soll hier zunächst ein-
mal ein möglichst nüchterner Blick auf die verfügbaren Daten geworfen werden.

2.1 Partnerschaftliche und familiäre Formen des Zusammenlebens

2.1.1 Empirische Befunde

Als wesentliche Veränderungen von Ehe und Familie gelten die steigenden
Scheidungszahlen, der Rückgang von Eheschließungszahlen und der dramatische
Geburtenrückgang seit Mitte der sechziger Jahre (Peuckert 2012: 11). Die Zahl

16 Diese Gruppen stellten früher eine Ausnahme dar, weil für die weit überwiegende Mehrzahl
der Menschen das Leben weiterhin durch familiäre, konfessionelle, örtliche und berufsständi-
sche Bindungen vorgeformt, geführt und kontrolliert wurde.
17 Vgl. ausführlich zu diesem Begriff Mannheim (1995, zuerst erschienen 1929).
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 161

der Eheschließungen lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts (2012b)


und jeweils bezogen auf das Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland im
Jahr 2011 bei 377.816, die Zahl der Ehescheidungen bei 187.640. Im Jahre 1970
betrugen diese Zahlen 575.233 Eheschließungen und 103.927 Scheidungen.
Umgerechnet heißt das: Während auf 10 Eheschließungen im Jahre 1970 nur 1,8
Scheidungen kamen, waren es im Jahr 2011 fast 5,5 Scheidungen. Zudem ist die
Zahl der Eheschließungen von 1970 bis 2011 um über ein Drittel zurückgegan-
gen.18
Trotz dieser Veränderungen dominiert bei den Familienformen mit Kindern
das klassische Bild der Kernfamilie, bestehend aus Mutter, Vater und Kind(ern)
nach wie vor (ebd.: 154). Es zeigt sich jedoch daneben ein zunehmend weites
Spektrum alternativer Familienkonstellationen (vgl. König 1996). Neben nicht-
ehelichen Lebensgemeinschaften und Patchworkfamilien existieren auch Regen-
bogenfamilien, Zweitfamilien und eine große Zahl Alleinerziehender.19 Hinzu
kommt die Zunahme nicht-familiarer Haushalte von kinderlosen Ehepaaren,
Einpersonenhaushalten, aber oftmals auch von nichtehelichen oder gleichge-
schlechtlich nichtehelichen Lebensgemeinschaften und Wohngemeinschaften
(ebd.). Nach den Angaben des Mikrozensus über die Lebensform von Familien
mit minderjährigen Kindern lag im Jahr 2011 die Zahl der Ehepaare mit minder-
jährigen Kindern bei 71,2 Prozent, die der Lebensgemeinschaften bei 9,2 Prozent
und die der Alleinerziehenden bei 19,7 Prozent. Fünf Jahre zuvor lag der relative
Anteil von Ehepaaren mit minderjährigen Kindern fast 10 Prozent höher (81,4
Prozent), während die Zahl der Lebensgemeinschaften etwa der Hälfte von 2011
entsprach (4,8 Prozent) und die Lebensform der Alleinerziehenden nur 13,8
Prozent ausmachte (Stat. Bundesamt 2012c).
Während das traditionelle Modell der bürgerlichen Kleinfamilie, so wie es
lange Zeit als klassische Familienform galt, eine ideelle Einheit zwischen Ehe,
Hausgemeinschaft, Elternschaft und Verwandtschaft darstellte (vgl. Lü-
scher/Pajung-Bilger 1998), lässt sich in der Postmoderne eine „Pluralisierung
familiarer Lebensformen“ (Beck-Gernsheim 1998) erkennen. Diese Lebensfor-
men bilden eine fast nicht mehr zu kategorisierende Gemengelage. Ob sich die
Pluralisierung als solche auf eine rein zahlenmäßige Zunahme unterschiedlicher
Familienkonstellationen oder vielmehr auf eine Dominanzverschiebung zwi-

18 Dass diese Effekte nicht allein demografischen Entwicklungen geschuldet sind, zeigt sich
beispielsweise in den Detailanalysen von Peuckert (2012: 29-76 u. 301-344).
19 In der Literatur lassen sich hier vielfältige Bezeichnungen der unterschiedlichen familiären
Lebensformen finden. Bei Maierhofer et. al. (2001) findet sich eine grobe Zusammenfassung
der gängigen Bezeichnungen.
162 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

schen den einzelnen Familienformen bezieht, wird innerhalb der Familiensozio-


logie unterschiedlich bewertet.20

2.1.2 Effekte

Schaut man zunächst auf die steuerlichen und (versicherungs-)rechtlichen Be-


günstigungen für verheiratete heterosexuelle Paare, so ergeben sich durchaus
ökonomische Vorteile gegenüber den anderen Formen des Zusammen- oder
Alleinlebens.21 Drei Beispiele dafür sind das Ehegattensplitting, das Erbrecht
und die Krankenversicherung. So können Eheleute unter bestimmten Vorausset-
zungen nennenswerte ökonomische Vorteile bei einer gemeinsamen steuerlichen
Veranlagung zur Einkommenssteuer in Anspruch nehmen, im Erbfall von höhe-
ren steuerlichen Freibeträgen profitieren und sich über die Familienversiche-
rungsoption beitragsfrei kranken- und pflegeversichern lassen. Andere Formen
des Zusammenlebens, auch mit Kindern, können von derartigen Regelungen
nicht profitieren und sind in dieser Hinsicht wesentlich teurer.
Zieht man die Angaben des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) heran,
zeigt sich ferner, dass Paare einem Überschuldungsrisiko weit unterdurchschnitt-
lich ausgesetzt sind. Paare mit Kindern sind in der Überschuldungsstatistik um
den Faktor 0,8 unterhalb ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung vertreten, Paare
ohne Kinder um den Faktor 0,4 unterrepräsentiert (Knobloch et al. 2012: 47f.).
Bei dieser Form des Zusammenlebens „kumulieren die Vorteile der Arbeitstei-
lung und des gemeinsamen Wirtschaftens von mehreren Erwachsenen“, während
für Paare ohne Kinder auch noch die Belastungen und Kosten der Sorge für Kin-
der entfallen (ebd.).
Mit erheblichen Kosten sind Trennungen oder Scheidungen verbunden,
wobei die Scheidungsrate, wie gezeigt, in den letzten Jahrzehnten tendenziell
angestiegen ist. Neben den mit einem Verfahren verknüpften Kosten und evtl.
neu entstandenen Unterhaltsverpflichtungen muss häufig der gemeinsam erwor-
bene Besitz aufgeteilt werden, was etwa bei einem unter Zeitdruck erfolgenden
Verkauf von Immobilien regelmäßig zu nicht marktgerechten Erlösen führt.
Insofern die Geschiedenen nicht an anderer Stelle von vorhandenen Wohnstruk-
turen profitieren, etwa bei einem neuen Partner oder anderen Familienangehöri-
gen einziehen können, kommen weitere Kosten für die neue Haushaltsgründung

20 Während nach Beck und Beck-Gernsheim ein Prozess der Vervielfältigung von Familien-
formen im Vordergrund steht, sieht Nave-Herz die spezifische Veränderung der Postmodernen
eher im Rahmen der Dominanz verortet (vgl. Maihofer et al. 2001: 12).
21 In Teilen wurden die bestehenden Unterschiede für die eingetragenen gleichgeschlechtlichen
Lebenspartnerschaften in den letzten Jahren abgemildert oder aufgehoben.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 163

hinzu. Dass die Kostenspirale sich in dieser Situation bis zu einer Überschul-
dungssituation potenzieren kann, zeigt ein Blick auf die statistischen Zahlen.
Ausdifferenziert nach den Hauptauslösern22 der Überschuldung dokumentierten
die Schuldnerberater für die 70.870 beratenen Personen23 des Jahres 2010 als
dritthäufigsten Auslöser Trennung, Scheidung oder Tod des Partners mit 14,1
Prozent (Stat. Bundesamt 2012d: 7). Schaut man sich die betroffene Gruppe
nochmal separat mit Blick auf die Auslöser der Überschuldung an, war das be-
schriebene Lebensereignis mit Abstand der häufigste Auslöser und nimmt den
ersten Platz ein.24 Die Zusammensetzung der Schulden kann neben den oben
genannten Kosten zur Bewältigung der Trennung oder Scheidung noch weitere
Altschulden aus der gelösten Partnerschaft enthalten, wie Knobloch et al. (2012:
30) nach ihren Detailanalysen festhalten. Während diese (Alt)Schulden als Paar
noch zu tragen gewesen seien, erscheinen sie nach der Trennung oder Scheidung
nicht mehr handhabbar (ebd.).
Besonders belastend wird eine Auflösung der Partnerschaft, wenn Kinder
mit zu versorgen sind. Alleinerziehende waren 2011 in der Schuldnerberatung
ca. 2,5fach gegenüber ihrem Anteil in der Bevölkerung überrepräsentiert (ebd.:
3). Bei den beratenen alleinerziehenden Frauen mit einem Kind war der Grund
Trennung, Scheidung, Tod des Partners der zweitwichtigste Auslöser nach Ar-
beitslosigkeit, bei zwei oder mehr Kindern war eines dieser Lebensereignisse mit
deutlichem Abstand der wichtigste Auslöser (Stat. Bundesamt 2012d: 7). Bei

22 An welcher Stelle die benannten Auslöser innerhalb des Überschuldungsprozesses angesiedelt


sein sollen, kann aus der Darstellung nicht exakt erschlossen werden. Eine begrifflich einheitli-
che Strukturierung stellen Knobloch et al. (2012: 15) vor, die ausgehend von dem Oberbegriff
des Überschuldungsgrundes zwischen den Unterkategorien Überschuldungsursachen und
Überschuldungsauslöser differenzieren. Während „Überschuldungsgrund“ alle Faktoren um-
fasst, „die kausal und zurechenbar für die Genese und den Verlauf der Überschuldungsbiogra-
fie sind“, können Auslöser als Ereignisse begriffen werden, die Auswirkungen auf die Liquidi-
tät des Haushalts haben und den Überschuldungsprozess konkret anstoßen. „Demgegenüber
sind Überschuldungsursachen alle übrigen Faktoren mit negativem Einfluss auf die finanzielle
Krise“ (ebd.).
Die oben beschriebene Unklarheit weist nun auf zwei Schwierigkeiten hin, nämlich zum einen
auf die Frage, ob es letztlich möglich ist, die Prozesse kausal und valide analytisch aufzulösen,
und zum anderen auf die uneinheitliche Verwendung solcher kausalen Zuordnungskategorien.
Für eine genauere Analyse von Verkettungen in Überschuldungsprozessen könnte ein qualita-
tiver Forschungszugang aufschlussreich sein (vgl. auch Abschnitt 3.3.), für die begriffliche
Verwendung bietet es sich an, der vorgestellten Differenzierung zu folgen.
23 Von den ca. 1.000 Schuldnerberatungsstellen nahmen ca. 226 auf freiwilliger Basis an der
Erhebung teil. Einbezogen wurden alle Personen, die sich mit der Verwendung ihrer Daten für
die Statistik einverstanden erklärten.
24 Bei den Geschiedenen waren es 28 Prozent gegenüber 23,9 Prozent, bei denen die Berater
einen Verlust des Arbeitsplatzes als Hauptauslöser angaben. Für noch verheiratete, aber ge-
trennt Lebende betrug der Wert 35,6 Prozent gegenüber 19,7 Prozent mit Arbeitslosigkeit und
für Verwitwete 35,1 Prozent gegenüber 11,9 Prozent.
164 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

alleinerziehenden Männern war die Positionierung des Auslösers Trennung,


Scheidung, Tod des Partners an erster Stelle bereits ab einem zu versorgenden
Kind gegeben (ebd.). Um die Produktivität des Haushalts zu stabilisieren, ist der
verbliebene Elternteil vielfach gezwungen, eine berufliche Tätigkeit fortzusetzen
oder aufzunehmen, was wiederum Kosten für die Betreuung des Kindes oder der
Kinder verursacht.
Für Familien mit drei oder mehr Kindern weist der Überschuldungsreport
2012 generell eine hohe Überschuldungsgefährdung aus (Knobloch et. al 2012:
46). Darüber hinaus gäbe es eine steigende Zahl von Haushalten mit Kindern,
deren Lebensmittelpunkt außerhalb dieses Haushalts liegt, weil die Kinder bei
dem anderen Elternteil leben würden, was auf eine steigende Trennungsquote in
den überschuldeten Familien hinweise (ebd.).
Die Erörterung der sich verändernden Formen des Zusammenlebens unter
dem Gesichtspunkt möglicher ökonomischer Risiken ergibt also tendenziell eine
Zunahme.

2.2 Aufenthaltsbereich

2.2.1 Empirische Befunde

Veränderungen im Aufenthaltsbereich lassen sich in erster Linie durch das


Merkmal einer verstärkten Mobilität charakterisieren. Mobilität als Anforderung
und Möglichkeit spielt sowohl im Arbeitsbereich als auch im Freizeitbereich
eine große Rolle. Zum einen beziehen sich diese Veränderungen auf die verstärk-
te geographische Mobilität, deren Grundlagen in der sogenannten „Low-Tech-
Zeit“ liegen. Durch die technische Errungenschaften und Entwicklungen, wie z.
B. einer verstärkten Autoindustrie, städtischer Verkehrsbetriebe, Ausbau von
Verkehrswegen und Flügen kommt es bereits seit längerem zu einer nachhaltigen
Steigerung der geographischen Mobilität (Veith 2001: 308). Verbunden mit einer
neuen Erschwinglichkeit für jedermann wurde so etwa der Urlaub im Ausland
von einem Privileg für Wenige zur Normalerscheinung. So zeigt sich bei einem
Vergleich der Anzahl von Reisenden im Flugverkehr ab 1970 ein überdeutlicher
Anstieg auf nahezu allen Flugrouten, der je nach Reiseziel allenfalls vorüberge-
hend von Krisenereignissen in den Zielländern ausgebremst wird, um danach
wieder anzuziehen (vgl. Stat. Bundesamt 2004: Tabelle 4.3).25

25 Für Österreich dokumentiert Karazman-Morawetz (1995: 414) einen ähnlichen Trend und
berichtet von einem Anstieg des Anteils der Flugreisen an den Auslandsreisen von 10 Prozent
im Jahr 1981 auf 21 Prozent im Jahr 1990.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 165

Betrachtet man aktuelle Zahlen, so zeigt sich, dass sich im Aufenthaltsbe-


reich auch strukturelle Veränderungen in der Art des Wohnens nachweisen las-
sen, die das Risiko einer Ver- und Überschuldung nicht unwesentlich erhöhen.
So ist z. B. die Gesamtzahl der Haushalte in Deutschland bei gleichzeitig sin-
kender Bevölkerungszahl allein im Zeitraum von 1991 bis 2009 um rund sechs
Millionen angestiegen, was in erster Linie der Zunahme von Einpersonenhaus-
halten (um 35 Prozent) geschuldet war.
Die Gründe, warum Menschen ihre Wohnung oder ihr Haus verlassen, sind
vielfältig. Grob unterschieden werden können kurzfristige Ortswechsel (u. a.
Arbeit, Freizeit, Einkauf, Reisen) und längerfristige (Stand-)Ortswechsel, wie sie
in Fällen von Umzügen oder Auslandsaufenthalten vorliegen. Bei den kurzfristi-
gen Ortswechseln dominieren an erster Stelle Einkäufe, Erledigungen und Frei-
zeit. Diese Bereiche machen insgesamt zwei Drittel aller Wege aus. Im Gegen-
satz dazu verlieren Arbeitswege und dienstliche Wege relativ an Bedeutung,
wobei für letztere der PKW nach wie vor dominiert (MID 2010: 17). Betrachtet
man die längerfristigen Ortswechsel, so spiegelt sich auch hier die gestiegene
Mobilität wider. Laut Angaben der „Deutschen Umzugsstatistik“ wechseln jähr-
lich in Deutschland 4,8 Millionen Haushalte (das entspräche fast 8,5 Millionen
Personen) ihren Wohnraum. Die überwiegende Mehrheit (43 Prozent) dieser
Personen gehöre der Altersgruppe von 20 bis 40 Jahren an (vgl. Umzugsstatistik
2012).
Es zeigt sich also, dass für viele Menschen heutzutage aus beruflichen oder
privaten Gründen die Notwendigkeit von Ortswechseln gegeben ist, sei es nur
für kurze Zeit oder auf Dauer. Unabhängig davon, ob in der mobilen Gesellschaft
der Postmoderne mit der steigenden Mobilität individuelle Freiheitsgrade zu-
nehmen, oder ob Entscheidungszwänge und damit auch Restriktionen in den
Vordergrund treten, kann man sagen, dass Mobilität zum neuen Imperativ ge-
worden ist (vgl. Schneider et al. 2002: 17).

2.2.2 Effekte

Einpersonenhaushalte unterliegen im statistischen Vergleich zu Haushaltsformen


mit mehr Personen in der Regel größeren Kosten. Große Haushalte können ihre
Alltags- und Lebensökonomie erheblich wirtschaftlicher gestalten, da die Le-
benshaltungskosten pro Person mit zunehmender Haushaltgröße abnehmen (vgl.
Piorkowsky/Bürkin 2011: 16f.). Unterschiede ergeben sich hier vor allem bezüg-
lich der prozentual verteilten Kosten für Wohnfläche, Strom- und Energiekosten,
aber auch im Bereich der Lebensmittel. So zeigt allein ein Vergleich der Strom-
kosten unterschiedlicher Haushaltsgrößen starke Differenzen. Während z. B. die
166 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

jährlichen Stromkosten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2011 für einen Einper-


sonenhaushalt durchschnittlich bei ca. 540 Euro lagen, so betrugen sie für Zwei-
personenhaushalte im Schnitt etwa 780 Euro, also mit 390 Euro ca. 150 Euro
weniger für die einzelnen Bewohner. Bei einem Sechs-Personenhaushalt betra-
gen die Stromkosten mit 263,17 Euro pro Person für den Einzelnen dagegen fast
nur noch die Hälfte eines Ein-Personenhaushaltes (EnergieAgentur NRW
2011).26
Die Kosten für Wohnungsmieten, Energie und die Wohnungsinstandhaltung
sind in den letzten Jahren auch insgesamt erheblich gestiegen: „2008 wendeten
die privaten Haushalte im Bundesdurchschnitt 731 Euro im Monat für Wohnen,
Energie und Wohnungsinstandhaltung auf. Das waren knapp 5% mehr als im
Jahr 2003“ (Stat. Bundesamt 2010: 26). Bedeutend werden diese Veränderungen
vor allem für die Gruppe der Alleinlebenden, da diese mit durchschnittlich 35
Prozent der Lebenskosten den vergleichsweise größten Ausgabenanteil fürs
Wohnen einsetzen (ebd.). Eine Betrachtung des Überschuldungsreports zeigt für
den Zeitraum von 2007 bis 2012 insoweit passend einen Anstieg von sechs Pro-
zentpunkten bei den beratenen Alleinlebenden (Knobloch et al. 2012: 46.). Aktu-
ell würden gemäß der Stichprobe des Reports mehr als die Hälfte (55 Prozent)
der beratenen überschuldeten Bürger in Einpersonenhaushalten leben; die Grup-
pe ist demnach gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung – im Jahr 2010 ca.
40,2 Prozent – überrepräsentiert (ebd.).
Die Kosten für Mobilität stiegen laut Angaben des Statistischen Bundesam-
tes allein in den fünf Jahren zwischen 2003 und 2008 ebenfalls um 7,5 Prozent,
was jedoch vorrangig durch höhere Kraftstoffpreise begründet wird. Im Gegen-
satz dazu seien die Aufwendungen für den Kauf von Personenkraftwagen in
diesem Zeitraum um mehr als 10 Prozent zurückgegangen (Stat. Bundesamt
2010: 26).27 Die Anteile der Verkehrsausgaben an den gesamten Konsumausga-
ben unterscheiden sich allerdings je nach Haushaltstyp. Gerade kinderlose Paare
geben prozentual gesehen mit 15 Prozent ihrer Ausgaben den zweitgrößten Teil
ihres Geldes dafür aus, während die Verkehrsausgaben bei den anderen Haus-
haltstypen den drittgrößten Anteil bilden (Stat. Bundesamt 2010: 26).

26 Berechnungsgrundlage: Strompreis 24ct/kWh.


27 Dies mag allerdings einer Vielzahl unterschiedlicher Gründe geschuldet sein. Zu denken wäre
hier neben realen Veränderungen z. B. durch die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 auch an eine
statistische Verzerrung aufgrund der mangelnden Erfassung (und entsprechenden Berücksich-
tigung) von Leasing und Ratenverträgen, bzw. weiterer die Statistik beeinflussende Faktoren.
So ist denkbar, dass ein Großteil der Bevölkerung mit der Anschaffung eines neuen PKWs bis
zur tatsächlichen Umsetzung der Abwrack- bzw. Verschrottungsprämie im Jahr 2009 wartete.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 167

Dass bei Umzügen erhebliche Kosten (Renovierung der alten Wohnung,


Kosten für die Umzugsfirma, Einrichtung der neuen Wohnung) anfallen, versteht
sich von selbst.
Für individuelle Ver- und Überschuldungsrisiken ist die gesteigerte Mobilität
gleich auf zwei Ebenen bedeutsam. Zum einen sind die Mobilitätskosten an sich
gestiegen, zum anderen ergibt sich durch die erhöhte Mobilität aber auch das
Problem eines erhöhten Planungsrisikos. Gerade die Möglichkeiten des langfris-
tigen rationalen Wirtschaftens (etwa Anschaffung einer Immobilie zur Altersvor-
sorge) fallen weg, sofern Umzüge nur bedingt einschätzbar sind.
Zudem schlägt sich die Mobilität auch auf der Ebene der sozialen Bezie-
hungen nieder. Diese seien heute „stärker durch Ab- als durch Anwesenheit
charakterisiert und werden zunehmend ohne face-to-face Kontakt aufrechterhal-
ten. Auf der Ebene der Lebensform entstehen neue Gestaltungsmodi der Regulie-
rung von Nähe und Distanz, von An- und Abwesenheit“ (Schneider et al. 2002:
18). Die für die Postmoderne üblichen Brüche in der sozialen Einbindung kön-
nen zwar durch die neuen Kommunikationsformen wie Mobiltelefon und Inter-
net bis zu einem gewissen Grade eingedämmt werden, aber auch dies ist durch-
weg mit einem erhöhten Kostenaufwand verbunden.
Aufgefangen werden können solche Kosten wohl in erster Linie durch ein
hohes Sozialkapital. Gerade Menschen, die über stabile soziale Netzwerke ver-
fügen, können auf allen Ebenen davon profitieren und Kosten einsparen. So
bietet z. B. die Mitfahrgelegenheit eine Möglichkeit, die Verkehrskosten zu re-
duzieren, Empfehlungen von Bekannten ersparen die Maklergebühren am neuen
Heimatort, Wohnen bei Freunden spart Hotelkosten usw. Jedoch darf dabei nicht
vergessen werden, dass gerade die Pflege der sozialen Beziehungen und Netz-
werke bei erhöhter Mobilität eine Herausforderung darstellt, die ebenfalls mit
Aufwand, darunter auch finanziellen Belastungen verbunden ist.

2.3 Leistungsbereich

2.3.1 Empirische Befunde

Die Erwerbstätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland erreichte im Jahr 2012


(Stand Juli 2012) ihren höchsten Stand seit der Wiedervereinigung und hat auch
in der Sparte der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung stark zugenom-
men.28 Jedoch zeigt ein Blick auf die Art der Beschäftigungsverhältnisse, dass

28 Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass der Anteil der sozialversicherungspflichtigen


Beschäftigten zwar insgesamt mit 69,1 Prozent (Stand 2011) den größten Teil der
168 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

dieser Anstieg vor allem Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen geschuldet ist.


Während im Jahr 1992 die sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigen
einen prozentualen Anteil von 12 Prozent der sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigung ausmachten, liegt ihr Anteil inzwischen bei 20 Prozent (Stand
2011).
Der Anteil der geringfügig entlohnt Beschäftigten, deren Anteil 11,9 Pro-
zent aller Erwerbstätigen ausmacht, ist zwar in den letzten Jahren leicht rückläu-
fig. Jedoch werden hier auch nur solche Personen erfasst, die ausschließlich eine
geringfügige Entlohnung für ihre Tätigkeiten erhalten. Daneben üben aber auch
aus der Gruppe der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten weitere 8,8
Prozent zusätzlich einen solchen Nebenjob aus, um ihre Lebenshaltungskosten
decken zu können.
Die Zahl der Selbstständigen ist im Laufe der Zeit ebenfalls gestiegen.
Während im Jahresdurchschnitt 2011 ganze 11 Prozent aller Erwerbstätigen eine
selbstständige Tätigkeit ausübten, waren es 1992 durchschnittlich nur 9,5 Pro-
zent.
Um den Wandel des Arbeitsmarktes näher erfassen zu können, müssen
neben den generellen statistischen Veränderungen auch die das Individuum be-
treffenden sozialstrukturellen Bedingungen berücksichtigt werden. Die Erwerbs-
arbeit stellt in der Regel nach wie vor die Garantie dar, die anfallenden Kosten
des Lebens und des Alters ausgleichen zu können. Betrachtet man unter diesem
Aspekt die unterschiedlichen Formen der Erwerbsarbeit, so gibt es neben der
Zunahme von Teilzeit-Beschäftigungsverhältnissen auch eine Zunahme der Be-
schäftigungsformen der Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit und der befristeten
Beschäftigungsverhältnisse. Allen Formen ist gemeinsam, dass hier in der Regel
arbeitsrechtliche Standards nur reduziert gelten oder die an das Normalarbeits-
verhältnis gebundenen sozialen Sicherungssysteme nicht hinreichend greifen
(vgl. Trischler/Kistler 2010). Es lässt sich somit als wesentliches Merkmal des
modernen Arbeitsmarktes ein Wandel weg von dem klassischen Normalarbeits-
verhältnis (unbefristete Festanstellung) hin zu sogenannten atypischen Beschäf-
tigungsformen nachweisen. Keller und Seifert (2006: 235f.) beschreiben diesen
Prozess als Umschichtung, welche ungeachtet der mehr oder minder stagnieren-
den Gesamtbeschäftigung stattfindet.
Demnach umfassen atypische Beschäftigungsformen bereits im Jahr 2004
gut ein Drittel aller abhängig Beschäftigen, wobei der Anteil der Frauen darunter
bei knapp 54 Prozent gelegen habe (ebd.).29 Darüber, ob atypische Beschäfti-
gungsverhältnisse auch immer prekären Beschäftigungsverhältnissen entspre-

Erwerbstätigen darstellt, der Anteil aber im langfristigen Vergleich stark rückläufig ist. So lag
er beispielsweise im Jahr 1992 noch bei 76,8 Prozent (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2012: 2)
29 Die Daten wurden anhand des Sozioökonomischen Panels berechnet.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 169

chen, wird heftig gestritten.30 Während atypische Beschäftigungsverhältnisse


häufig in einer rein formal negativen Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis
definiert werden (vgl. Keller/Seifert 2006), wird bei der Bewertung prekärer
Arbeitsverhältnisse auf gesonderte Kategorien31 abgestellt. Je nach Forschungs-
interesse und Definition wird u. a. auf das Einkommen, den Grad der Arbeits-
platzsicherheit, den Schutz durch individualrechtliche (Arbeitsvertrag) oder
kollektivrechtliche Regelungen (Tarifverträge), die Flexibilität der Arbeitszeitge-
staltung, den Zugang zu sozialen Sicherungssystemen und zum Teil auch auf
subjektive und psychologische Faktoren Bezug genommen (vgl. Brinkmann et
al. 2006).
Ob atypische bzw. prekäre Arbeitsverhältnisse, wie sie zunehmend üblich
geworden sind, sich negativ oder positiv auf das Leben eines Individuums aus-
wirken, ist ebenfalls umstritten und lässt sich nicht pauschal beantworten.32 Zur
Einschätzung dieser Frage müssten mitunter fallspezifische Kriterien wie z. B.
die freiwillige Wahl einer bestimmten Beschäftigungsform oder die Zeitdauer
des (prekären) Arbeitsverhältnisses Berücksichtigung finden (vgl. Breh-
mer/Seifert 2008). Die allgemeinen Entwicklungstendenzen spiegeln sich auch in
den Debatten über die aktuelle Arbeitslage des Menschen wider. Während in
früheren Perioden, so z. B. im Taylorismus und Fordismus, die Ausbeutung des
Arbeitnehmers diskutiert wurde, der mittels einer wissenschaftlichen Betriebs-
führung und ohne jegliche Kontroll- und Entscheidungsfunktion hinsichtlich des
(technischen) Arbeitsablaufs in seiner Leistungseffizienz gesteigert werden sollte
(Müller-Jentsch 1997: 249f.), rückt heute die verstärkte Eigenverantwortung in
den Fokus der Aufmerksamkeit. Begriffe wie der des Arbeitskraftunternehmers
und des Selbstmanagements weisen auf die individuell zurechenbaren Leistungs-
anforderungen aktueller Beschäftigungsformen hin.33

30 Dies zeigt sich vor allem in den aktuellen Studien zu dieser Thematik, so z. B. wenn Keller und
Seifert sich ausdrücklich von der oftmals verwendeten Bezeichnung der Prekarisierung, so wie
sie u. a. von Dörre (2005) benutzt wird, distanzieren (vgl. Kellert/Seifert 2006: 236).
31 Schon Ende der 1980er Jahre nannte Rodgers (1989) folgende vier Merkmale von Beschäfti-
gungsverhältnissen die auf Prekarität hindeuten würden: Der Grad der Arbeitsplatzsicherheit,
die eigenen inhaltlichen Gestaltungsspielräume in der Arbeit, das Vorhandensein arbeitsrecht-
licher Schutzbestimmungen und die Chancen zur Existenzsicherung durch Arbeit.
32 So können atypische Arbeitsverhältnisse für den Einzelnen auch mit Chancen verbunden sein,
zu denken sei hier u. a. an eine Funktion als Brücke aus der Arbeitslosigkeit zurück in ein
Normalarbeitsverhältnis (vgl. Schank et al. 2008: 7).
33 Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses wird zunehmend häufiger zumindest auf die
Ambivalenzen der Veränderungen hingewiesen, die mit der Postmoderne einhergehen. Als
klassisches Werk, das sich thematisch bereits frühzeitig mit den Veränderungen der
Postmoderne und den Folgen für den Einzelnen beschäftigt hat, gilt das bereits 1983
erschienene Buch „Jenseits von Stand und Klasse?“ des Soziologen Ulrich Beck. Seine darin
enthaltene Theorie gesellschaftlicher Individualisierung beschreibt einen Individualisierungs-
170 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

2.3.2 Effekte

Zieht man die statistischen Befunde zur Überschuldung heran und analysiert sie
hinsichtlich der Arbeitsplatzsituation der betroffenen Menschen, zeigt sich seit
Jahren, dass der Verlust des Arbeitsplatzes und somit des Erwerbseinkommens
mit Abstand der häufigste (Prozess)Auslöser für eine eingetretene Überschul-
dungssituation gewesen ist.34 Knobloch et al. (2012: 21) sehen zusätzlich den
Zusammenhang, dass die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt mit zeitlicher
Verzögerung zu Effekten bei der Überschuldetensituation führen. Demnach kam
es also zuletzt zu einer Verbesserung. Zwar seien die Werte für 2011 aufgrund
der guten Konjunktur (des Jahres 2010) gegenüber den beiden Vorjahren rück-
läufig – Arbeitslosigkeit wurde also weniger häufig als Auslöser von den Bera-
tern und Schuldnern benannt – dennoch steht sie, gerade für Menschen unter 50
Jahren, weiterhin an erster Stelle (ebd.: 16ff.).
In prekären Arbeitsverhältnissen ist dabei ein auf Dauer angelegtes wirt-
schaftliches Handeln erschwert. Zum einen gibt es immer mehr Tätigkeiten aus
dem Bereich der geringfügigen Beschäftigung, die letzten Endes schlecht bezahlt
sind, zum anderen erhöht sich aber der zeitliche Aufwand, der für die Arbeit an
sich aufgebracht wird. Zwar ist das Budget der den Menschen zur Verfügung
stehenden Freizeit statistisch in den letzten Jahren erheblich angewachsen, dies
mag aber in erster Linie für die „Realarbeitszeit“ an der Arbeitsstätte selbst gel-
ten. Zeitverbrauchende Faktoren wie Arbeitswege und zusätzliche Mobilitäts-

schub, „in dessen Verlauf – auf dem Hintergrund eines relativ hohen materiellen
Lebensstandards und weit vorangetriebener sozialer Sicherungen – durch die Erweiterung von
Bildungschancen, durch Mobilitätsprozesse, Ausdehnung von Konkurrenzbeziehungen,
Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen, Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit und vielem
anderen mehr die Menschen in einem historischen Kontinuitätsbruch aus traditionellen
Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und auf sich selbst und ihr individuelles
´(Arbeitsmarkt)Schicksal´ mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen werden“
(Beck 1983: 41).
34 Anhand des Auslösers Arbeitslosigkeit lassen sich beispielhaft die Schwierigkeiten der
empirischen Erfassung und Analyse nachvollziehen. Häufig sind es mehrere Gründe (vgl.
Rau/Bender 2010: 495; Münster/Letzel 2008: 84f.), die beratene Personen in eine
Überschuldungssituation gebracht haben. Für die Falldokumentation besteht nun die
Schwierigkeit, Abläufe im Nachhinein zu rekonstruieren und richtig einzuordnen. Mantseris
(2010: 10 u. 22) benennt mehrere Beispiele solcher Verflechtungen. Am Beispiel eines
Arbeitsplatzverlustes verdeutlicht, wäre die kausale Reihenfolge deutlich zu identifizieren,
wenn der wegfallende Beitrag zum Haushaltseinkommen mit direkt nachfolgenden finanziellen
Problemen einhergeht. Ist der Arbeitsplatzverlust jedoch der letzte Faktor in einer Kette, weil
der Haushalt bereits zuvor in finanzieller Schieflage war, ist die Zuordnung weniger eindeutig.
Ebenfalls ließe sich fragen, ob ein absehbarer Verlust des Arbeitsplatzes (befristete Anstellung)
ähnlich gelagert ist wie der unabsehbare und plötzliche Verlust oder ähnlich wie ein Verlust
infolge untragbaren Verhaltens.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 171

und Erreichbarkeitsanforderungen können neben zeitlichem Aufwand auch wei-


tere Kosten verursachen. Sowohl die Erreichbarkeit über das Mobiltelefon als
auch ein Internetzugang im privaten Bereich wird von vielen Arbeitgebern heut-
zutage als selbstverständlich erachtet. Gerade prekäre, und hier vor allem zeitlich
befristete Arbeitsplätze setzen Arbeitnehmer unter Druck, diese zur vollsten
Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber zu erfüllen, um die eigenen Chancen auf eine
Verlängerung oder eine Festanstellung zu erhöhen. Häufiger werden gesetzliche
Regelungen wie Urlaubsansprüche oder die Vergütung und Erstattung aller Kos-
ten daher gar nicht voll in Anspruch genommen. Hinzu kommt ein hohes Maß an
Überstunden, das nur selten in Lohn umgesetzt werden kann, sondern oftmals,
wenn überhaupt, so lediglich in Form von Zusatzurlaub vergütet wird. Gerade
die geforderte Flexibilität in der Arbeitswelt erschwert es bei geringem Ein-
kommen, einen Zweitjob anzunehmen. Problematisch ist dies vor allem dann,
wenn das Einkommen der Erwerbsarbeit für die Lebenshaltungskosten kaum
noch ausreicht. Wirft man einen Blick auf die Quellen, aus denen die Menschen
überwiegend ihren Lebensunterhalt beziehen, so lassen sich auch hier zumindest
geringfügige zeitliche Veränderungen aufzeigen. So haben im Zeitraum von
1991 bis 2009 laut statistischem Bundesamt die Erwerbstätigkeit und die Unter-
stützung durch Angehörige als Finanzquelle insgesamt an Bedeutung verloren,
während Sozialleistungen (Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe) sowie Ren-
tenzahlungen und sonstige Einkünfte in immer mehr Haushalten den Lebensun-
terhalt maßgeblich sichern (vgl. Piorkowsky/Bürkin 2011: 25). Wenn bereits das
durch Erwerbstätigkeit erworbene Geld allein für die Deckung des täglichen
Lebensunterhalts nicht mehr ausreicht, so ist vor allem an Rücklagen für Krisen
und Alter nicht mehr zu denken.
Ein weiterer Nachteil, der oftmals mit prekären Arbeitsverhältnissen in
enger Verbindung steht, ist, dass die betroffenen Arbeitnehmer nicht nur bei
ihrer finanziellen Planung benachteiligt sind, sondern zudem auch nicht ohne
Weiteres einen Bankkredit erhalten, da sie in der Regel keine Sicherheiten wie z.
B. einen unbefristeten Arbeitsvertrag vorweisen können. Sofern dann jedoch
individuelle Anschaffungen nötig werden, für die höhere Summen anfallen,
greift ein Teil der Betroffenen auf unseriöse, sogenannte „Schufa-freie“ Kredite
zurück, die sich regelmäßig eines Instrumentariums bedienen, das als unseriös
bis rechtswidrig einzustufen ist (SCHUFA 2007: 5).35 Damit laufen sie allerdings
Gefahr, in eine Kostenfalle zu geraten, die ihre finanzielle Situation noch erheb-
lich erschwert, da diese Kreditformen in der Regel nicht nur mit erhöhten Ge-
bühren, sondern auch häufig mit weiteren versteckten Kosten verbunden sind.
Um in ihrer finanziellen Not die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kredit-

35 Auch die Nachfolgestudie hält ähnlich Erkenntnisse bereit (vgl. SCHUFA 2012b).
172 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

vermittlung zu erhöhen, schließen z. B. einige Kreditanwärter sogenannte Kom-


bikredite36 ab oder gehen weitere finanzielle Verpflichtungen im Rahmen von
Auskunftskosten, Vorab- bzw. Schnellbearbeitungsgebühren etc. ein. Die unseri-
ösen Kreditunternehmen machen sich zudem oft die Zukunftsangst der Klienten
zunutze.
Sogenannte zusätzliche Kreditratenausfallversicherungen sollen erhöhte
Kosten bei einem unerwarteten Schicksalsschlag wie einem Unfall oder plötzli-
chem Arbeitsplatzverlust mildern, sind in der Praxis allerdings meist sinnlos und
offensichtlich vor allem dem Provisionsinteresse geschuldet (Maltry 2007: 28).
Zudem werden unvorsichtige Betroffene auch oftmals Opfer der Schein-
Kreditvermittlung und erhalten statt der gewünschten Finanzierung eine kosten-
pflichtige Finanzsanierung (ebd.: 33). Nach den Ergebnissen der „Schufa-frei“-
Studie aus dem Jahr 2012 zeigt sich im Zeitvergleich, dass im Zeitraum von
2007 bis 2012 die Anzahl der Firmen, die solche Finanzierungsangebote als
Alternative zu einem Kredit anbieten, erheblich gestiegen ist (SCHUFA 2012b:
5).
Die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen spielen jedoch nicht nur
innerhalb eines einzelnen Beschäftigungsverhältnisses eine relevante Rolle,
sondern spiegeln sich auch in den gesamten Erwerbsbiographien der Menschen
wider. Mobil sein als Imperativ der Postmoderne wird mit weit mehr verbunden
als mit einem reinen „Beweglich sein“ im Sinne eines sich räumlich und sozial
nicht durchweg am gleichen Ort aufzuhalten. Bereits seit Mitte der 1920er steht
der Begriff „mobil“ als Synonym für geistige Beweglichkeit, Engagement, Dy-
namik und Einsatzbereitschaft, also für Aspekte, die gerade in der Arbeitswelt
gefordert werden. Umgekehrt hat Immobilität eine negative Konnotation im
Sinne von unflexibel, unzeitgemäß, träge und beruflich mäßig engagiert (Schnei-
der et al. 2002: 19). Hinsichtlich der Erwerbsbiographien der Menschen bedeutet
das, dass regelmäßige Berufswechsel im Wettbewerb um beruflichen Erfolg
normal werden. „Nach einer von Emnid 1999 im Auftrag von Immobilien-Scout
24 durchgeführten Studie bei Personalberatern und Headhuntern wird ein Be-
rufsanfänger heute im Schnitt sechsmal, in manchen Branchen sogar achtmal den
Job wechseln“ (ebd.: 21). Der Mobilitätsdruck, der dementsprechend auf den
Menschen lastet, färbt auch auf alle Bereiche des privaten Lebens ab. Gerade die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird erheblich schwieriger und langfristige
Planungen werden auch hinsichtlich der Einschätzung von anfallenden Kosten
kaum mehr abschätzbar.

36 Diese Darlehensform steht im Verbund mit weiteren Finanzdienstleistungen wie Versicherun-


gen, Spareinlagen oder sonstigen Anlageprodukten und somit auch mit zusätzlichen Kosten
(SCHUFA 2007: 12).
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 173

Insgesamt zeigt sich, dass das traditionelle Arbeitsverhältnis fortschreitend


durch diskontinuierliche Erwerbsbiographien abgelöst wird. Letzte sind mit
hohen Anforderungen an Flexibilität und Mobilität verbunden (vgl. ebd.).

2.4 Freizeitbereich

2.4.1 Empirische Befunde

Freizeit bedeutet nicht einfach die Abwesenheit von Verpflichtungen oder Auf-
gaben. Freizeit im Sinne einer frei verfügbaren und gestaltbaren Zeit ist folglich
nur ein Teil der Zeit, die der Mensch nicht im Leistungsbereich verbringt. Opa-
schowski (2008: 32ff.) unterscheidet für die Zeit nach 1945 vier Phasen der Frei-
zeitentwicklung: Demnach habe Freizeit bis in die 50er Jahre hinein infolge einer
Sechs-Tage und 48-Stunden-Woche ausschließlich der Erholung vom Leistungs-
bereich gedient. In den darauffolgenden Jahren bis in die 70er Jahre hinein sei
mit der sukzessiven Einführung der Fünf-Tage-Woche und zwei freien Tagen
auch eine Veränderung des Freizeitverhaltens erfolgt. Für viele habe sich der
Schwerpunkt weg von Ruhe und Erholung hin zu außerhäuslichen Unterneh-
mungen und dem Konsum von Wohlstandsgütern verlagert. In der dritten Phase
ab den 1990er Jahren hätten die Menschen schließlich erstmals in der Geschichte
der Neuzeit durchschnittlich mehr Stunden an Freizeit zu Verfügung gehabt, als
sie für den Lebenserwerb einsetzen mussten. Auch vor dem Hintergrund einer
sich verändernden Arbeitswelt und verändernder Werte würden sich die Kontu-
ren von Arbeitswelt und Freizeit seitdem weniger deutlich abzeichnen: „Viele
Freizeitaktivitäten bekamen zusehends Arbeitscharakter und freizeitorientierte
Ansprüche wurden an die Arbeitswelt herangetragen“ (Opaschowski 2008: 33).
Diese Entwicklung setze sich zu Beginn des neuen Jahrtausends fort. Geprägt
werde diese Phase sowohl für den Leistungsbereich als auch im Freizeitbereich
durch den Begriff Leistung, der beide Bereiche und ihre Tätigkeiten durchziehe.
Den Menschen werde in diesem Zusammenhang bewusst, welchen Wert Zeit
habe und sie würden deshalb ein anderes Verhältnis zu Zeit entwickeln. „Zeit ist
Leben und nicht mehr nur Geld. Genauso wichtig wie das Gelddenken wird das
Zeitdenken. Gerade weil die Erwerbsarbeit als zentrale Lebensäußerung des
Menschen an Bedeutung verliert, werden arbeitsähnliche Erwartungen an die
übrige Lebenszeit gestellt“ (Opaschowski 2008: 34).
Neben einer Erweiterung des Freizeitbudgets ist die Postmoderne durch
eine Erweiterung der Freizeitmöglichkeiten gekennzeichnet. Das Leben in der
(sogenannten) Wohlstandsgesellschaft ist geprägt durch eine allgemeine Explo-
sion der Angebote in allen Bereichen und einer Expansion der Konsummöglich-
174 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

keiten (Konsumpotentiale). Es gibt kaum etwas, das als Mangelware gilt bzw.
das man heutzutage nicht mit Geld auf dem Markt erwerben könnte. Gerade
diejenigen Angebote, deren Gebrauchswert ausschließlich in ihrem Erlebniswert
bestehen, wie es z. B. bei Kino, Illustrierten und Musikkonserven der Fall ist,
haben an Vielzahl und Bedeutung zugenommen (Schulze 1995: 56). Zu diesem
vorhandenen Erlebnismarkt kommt eine durch erhöhte Kaufkraft und steigende
Zeitreserven möglich gewordene und gewachsene Nachfragekapazität auf Seiten
der Gesellschaft (ebd.: 57; Ambrosius/Hubbard 1986: 70).

2.4.2 Effekte

Opaschowskis (1990: 86) Vorschlägen folgend kann hinsichtlich der Verfügbar-


keit von Freizeit anhand der Dimensionen Fremd- und Selbstbestimmung zwi-
schen Determinationszeit, Obligationszeit und Dispositionszeit unterschieden
werden. Mit dem Begriff Determinationszeit wird fremdbestimmte Zeit um-
schrieben, also Zeit, die etwa am Arbeitsplatz oder auf dem Krankenbett ver-
bracht wird. Obligationszeit umschreibt zweckgebundene Tätigkeiten, wie essen,
schlafen oder zur Hygiene, während sich hinter dem Begriff der Dispositionszeit
die frei verfügbare Zeit für Hobbys u. ä. Dinge verbirgt. Als Kennzeichen der
Postmoderne wurde für die Freizeit eine Steigerung des verfügbaren Zeitbudgets
herausgestellt. Allerdings steht die gewonnene Zeit nicht ausnahmslos der Dis-
positionszeit zur Verfügung, sondern weckt die Nachfrage des sozialen Umfel-
des. Opaschowski (2008: 34) geht deshalb tendenziell von einer Zunahme der
Obligationszeit aus, die „das Bewusstsein von der eigenen Zeitnot auch in Zu-
kunft wachhalten“ wird. Neben den oben genannten Beispielen füllt sich die
Obligationszeit etwa mit Haushalts- oder Reparaturarbeiten, Einkäufen und Kon-
sumentscheidungen, Behördengängen, Erledigungen und Besorgungen, familiä-
ren und sozialen Verpflichtungen sowie gemeinnützigen Tätigkeiten.
Aber nicht nur das Freizeitbudget in seiner Zusammensetzung aus Obligati-
ons- und Dispositionszeit konnte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
nennenswert erweitert werden, gleichzeitig konnten sich viele Bürger an steigen-
den Einkommen erfreuen und damit über ökonomisches Kapital verfügen, wel-
ches nicht unmittelbar für die Existenzsicherung re-investiert werden musste.
Auf der Angebotsseite ist eine sich entwickelnde Vielfalt zur Gestaltung von
Dispositionszeit zu konstatieren, die zu einem nicht unerheblichen Teil auf die
massive Expansion der Konsummöglichkeiten zurückzuführen sein dürfte. Ne-
ben einer ausgedehnten Fülle des Güterangebots existiert inzwischen zusätzlich
eine breite Palette von Dienstleistungsangeboten zur Unterhaltung und zur Ver-
mittlung von Erlebnissen. Dass diese Weite der Möglichkeiten den einzelnen
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 175

Menschen durchaus überfordern kann, erscheint plausibel, zumal sich gerade für
den Freizeitbereich vielmehr (auch kurzfristige und kurzweilige) Gestaltungsop-
tionen eröffnen als in anderen Bereichen. Um den Gefühlen „das Eigentliche“ zu
verpassen, „zu wenig“ abzubekommen oder sich für „das Falsche“ entschieden
zu haben nicht zu erliegen, braucht es angesichts einer medialen Dauerbewer-
bung mit Angeboten einiger Widerstandskraft (und die Wahl der richtigen Be-
zugsgruppe). Das soziologische Konzept der relativen Deprivation im Sinne
einer subjektiven Deprivation dürfte an dieser Stelle als ein Mechanismus in
Frage kommen, die Herkunft beschriebenen Gefühle besser zu verstehen. Unter
relativer Deprivation ist die Wahrnehmung zu verstehen, dass der Proband selbst
weniger habe, als das, was er eigentlich verdiene, oder weniger als andere Men-
schen in einer (vermeintlich) ähnlichen Situation haben (Aronson/Wilson/Akert
2004: 451). Als Beispiel kann man sich einen Probanden vorstellen, der als An-
gestellter im Einzelhandel arbeitet und sich hinsichtlich der Ausstattung mit
Smartphones mit den leitenden Angestellten oder der Mehrzahl seiner Kunden
aus dem Bankgewerbe vergleicht. Differenzen zu diesen Bezugsgruppen beste-
hen vielleicht nicht nur auf der Gehaltsebene, sondern evtl. auch unter Kosten-
Nutzen-Aspekten oder dem Umfang der Notwendigkeit, ein Smartphone zu
nutzen. Während die Vergleichsgruppe die Geräte zur Ausübung des Berufs
nutzen kann und muss, bringt dies unserem Probanden für seinen Leistungsbe-
reich keinen Vorteil usw. Er hat also eine Bezugsgruppe ausgewählt, die als
Referenz für diesen Vergleich ungeeignet ist.
Offenkundig wird zur Nutzung und der Teilhabe an vielen (Freizeit-)Ange-
boten ökonomisches Kapital benötigt. Die Höhe der notwendigen Investition
variiert hierbei in Abhängigkeit von der Häufigkeit der Nutzung und der Exklu-
sivität der Angebote. Eine Bereitschaft, die teilweise mit erheblichen Kosten
verbundene Aktivitäten auch zu finanzieren, lässt u. a. ein Blick auf die Entwick-
lung des Konsumentenkredits plausibel erscheinen. So berichtet Graband (2010:
128) als Beispiel, dass die Finanzierung eines (Auslands-)Urlaubs mittels Klein-
kredit ab den 70er Jahren nichts Ungewöhnliches gewesen sei. Bis in die Ge-
genwart hinein sind die Ausgaben für Reisen ein wichtiger Bestandteil der Frei-
zeitausgaben und nahmen im Jahr 2008 durchschnittlich fast ein Viertel der
Haushaltsausgaben in diesem Bereich ein (Stat. Bundesamt/WZB 2011: 350). In
welchem Ausmaß gegenwärtig Reisen mit einem Kredit vorfinanziert werden, ist
den Verfassern nicht bekannt und dürften allenfalls die Reiseanbieter wissen.37
Ein weiterer Aspekt der Herausforderung angesichts der vielen Möglichkeiten
lautet, dass sich in der Dispositionszeit besonders erfolgreich die Relevanz-

37 Eine kurze Onlinerecherche ergab zahlreiche Anbieter für derartige Kredite, aber keine belast-
baren Hinweise zum Umfang der Nutzung.
176 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

bezüge eines Menschen bedienen lassen. Als Relevanzbezüge sind die Grundin-
tentionen des Menschen zu verstehen, die für ihn in seinem alltäglichen Leben
besonders bedeutsam sind (Bock 2007: 143). Sie werden nach personellen, sach-
lichen und örtlichen Bezügen unterschieden. Relevanzbezüge werden gut sicht-
bar bei Zeiteinteilungsanalysen oder den Fragen danach, welchen Aktivitäten
oder Kontaktpersonen im Zweifel Vorrang eingeräumt wird, wofür Geld ausge-
geben oder gespart wird usw. Eine Beispielfrage aus der Zeitbudgetanalyse
könnte hierzu lauten, ob der Proband versucht, sich mehr Dispositionszeit auf
Kosten von Obligations- oder gar Determinationszeit zu verschaffen, um seinen
Relevanzbezug zu bedienen. Sofern Relevanzbezüge im Freizeitbereich bedient
werden können – ob das möglich ist, hängt jeweils von der konkreten Ausprä-
gung des Bezugs ab – lädt dies angesichts der Vielzahl von Optionen geradezu
ein, sich (finanziell und zeitlich) über seinen Möglichkeiten zu bewegen.
In diesem Zusammenhang könnte ferner die Unterscheidung zwischen ei-
nem demonstrativen und kompensatorischen Konsum analytisch erhellend sein.
Beide Konsumausprägungen stellen nicht auf den Selbstwert bzw. Nutzen des
erworbenen Gutes ab, sondern nehmen eine Mittlerfunktion zu anderen Zwecken
ein. So geht es beim demonstrativen Konsum um eine über den Konsum stattfin-
dende Identitätsbeschreibung. Der Erwerb von Statussymbolen soll die eigene
Position gegenüber Dritten, zumeist der gewählten Bezugsgruppe dokumentieren
(Korczak 2010: 5). Während der demonstrative Konsum nach außen gewendet
ist, soll der kompensatorische Konsum bei der Bewältigung innerer Differenzen
helfen. Kompensatorischer Konsum findet statt, um sich einen kurzfristigen
Ausgleich von Defiziten im Selbstwertbild oder zwischen eigenem Anspruch
und wahrgenommener Wirklichkeit zu verschaffen (ebd.). Ein in ökonomischer
Hinsicht weniger risikobehaftetes finanzielles Gebaren würde unter Berücksich-
tigung der vorhandenen finanziellen Ressourcen versuchen, möglichst rational zu
entscheiden. Eine Vermittlung zwischen Wünschen und Bedürfnissen sowie
Notwendigkeiten erscheint hierbei hilfreich, aber auch unerlässlich.
Schaut man sich die ausgewiesenen Überschuldungsgründe des iff-Über-
schuldungsreports für das Jahr 2011 an, findet sich ein unangepasstes Konsum-
verhalten38 bei den Kategorien des vermeidbaren Verhaltens mit 10,8 Prozent auf
dem ersten Platz (Knobloch et al. 2012: 15f.).39 Zu bedenken ist, dass sich eine
Überschuldungssituation wie zu Beginn des Kapitels skizziert als Prozess entwi-

38 Das Statistische Bundesamt weist diese Kategorie in seiner Statistik zur Überschuldung priva-
ter Personen nicht aus, ein Vergleich mit weiteren amtlichen Zahlen ist nicht möglich.
39 Auch kriminologisch ist der Punkt interessant, da der Report mit Verweis auf Piorkowsky eine
Verzerrung durch ungeplante und nicht intendierte Bestellungen und Nutzungen von Dienst-
leistungen durch Dritte auf fremde Kosten als Verzerrungsfaktor in Erwägung zieht (Knobloch
et al. 2012: 17).
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 177

ckelt und oftmals mehrere Jahre bis zum Besuch einer Beratungsstelle vergehen.
Auch spielen meist mehrere Ursachen und Auslöser ineinander, darunter Kom-
binationen aus nicht oder kaum zu beeinflussenden Lebensereignissen, vermeid-
barem Verhalten und anderen Ursachen.
Hinweise, dass diese Vermittlung gelingen kann, lassen sich dem aktuellen
Datenreport (Stat. Bundesamt/WZB 2011: 351) entnehmen. Die berichteten
Ausgaben privater Haushalte für Freizeit, Unterhaltung und Kultur am jeweili-
gen Haushaltsnettoeinkommen steigen mit zunehmendem Einkommen und zwar
nicht nur absolut sondern auch relativ. Während der relative Anteil der Freizeit-
ausgaben für Haushalte mit einem Haushaltsnetto von monatlich unter 900 Euro
bei 8,1 Prozent liegt, nehmen die Freizeitausgaben für Haushalte mit einem Ein-
kommen von 3.600 bis unter 5.000 Euro 11,7 Prozent ein. Der durchschnittlich
geringere Ausgabenanteil bei Haushalten mit niedrigeren Einkommen weist
darauf hin, dass das Freizeitbudget im Gegensatz zu bestimmten Fixkosten eines
Haushalts sehr variabel gehandhabt werden kann (ebd.).
Für den Freizeitbereich ergibt sich nach Betrachtung der erörterten Punkte
für die Postmoderne ein deutliches Mehr an Möglichkeiten und Anreizen, insbe-
sondere die verfügbare Dispositionszeit durch den Konsum auszufüllen. In Be-
zug auf das Risiko einer Überschuldung oder die Verwirklichung von riskantem
Konsumverhalten gibt es gegenwärtig – bis auf die genannten Indikatoren – für
die Bundesrepublik keine näheren Studien, die diesen Zusammenhang näher
untersucht haben und den Verfassern bekannt sind.

2.5 Selbstgewählte Kontakte

2.5.1 Empirische Befunde

Unter selbstgewählten Kontakten sind Kontakte zu verstehen, die freiwillig an-


gebahnt oder als soziale Beziehung ausgebaut werden, also zu Bekannten oder
Freunden usw. Sie sind abzugrenzen von den schicksalhaften Kontakten, „in die
ein Mensch hineingeboren wird und an die er – zumindest bis zu einem gewissen
Alter – in fast jeder Hinsicht gebunden ist“ (Bock 2007: 133). Im Verlauf des
Lebens können schicksalhafte Kontakte als eine Form der selbstgewählten Kon-
takte fortbestehen, da ein Mensch sich selbst überlegen kann, ob er die Verbin-
dungen etwa zu seiner Herkunftsfamilie aufrecht erhält oder nicht. Selbstgewähl-
te Kontakte sind aber auch abzugrenzen von Kontakten, die ausschließlich infol-
ge einer verpflichtenden Vergemeinschaftung etwa im Leistungsbereich bestehen
und keine weitere Beziehungsdimension als das zeitweilige (erzwungene) Mitei-
nander aufweisen.
178 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

Die Epoche der „High-Tech-Systeme“ hat zu einer Multiplikation der Be-


ziehungen und Beziehungsmöglichkeiten geführt. Während die Post und Tele-
kommunikation, Fernsehen und Rundfunk die Grundlage für die umfassende
mediale Ansprechbarkeit und Empfangsbereitschaft des modernen Menschen
schafften (vgl. Veith 2001: 307), tut sich hier inzwischen für Jedermann mit
Mobiltelefonen, dem Internet, dem Chat und den modernen Kommunikations-
plattformen der Social Online Networks eine ganz neue Dimension auf. Diese
neuerrungenen Formen kommunikativer Mobilität verändern in der Folge auch
die Kontaktmöglichkeiten des Einzelnen. „Anders als seine modernen Vorgänger
steht der postmoderne Mensch zumindest potentiell stets im Schnittfeld medialer
Kommunikationsereignisse. Überall begegnen ihm Menschen, Massen und Ge-
sichter. Seine sozialen Kontakte jedoch verlaufen diskontinuierlich. Unterbre-
chungen werden kommunikationstechnisch oder durch Phantasie und Projektion
kompensiert“ (ebd.: 308). Die Wahlmöglichkeit bzw. der Wahlzwang, wie er
bereits bezüglich des Übermaßes an Freizeitaktivitäten beschrieben wurde, zeigt
sich in der Postmoderne auch bei privaten Kontakten. Bindungen an einen be-
stimmten Partner werden, wie die an eine bestimmte Tätigkeit zunehmend kondi-
tional, da sie nicht mehr vorbestimmt sind. „Sie werden unter bestimmten Be-
dingungen eingegangen und werden, wenn diese nicht mehr gegeben sind, auch
wieder gelöst“ (Kohli 1994: 233). Beziehungen können sich in großer Ge-
schwindigkeit entwickeln (vgl. Veith 2001: 308).
Kohli verweist darauf, dass diese neue Form des Selbstbezugs jedoch nicht
einfach mit Hedonismus gleichgesetzt werden dürfe. Er sei „auch als eine neue
Form der Suche nach einem letzten Grund für die Orientierung in der Welt zu
verstehen – der Suche nach einem transzendentalen Haltepunkt“ (Kohli 1994:
234). Mit dieser Entwicklung sei zudem „eine neue Art der Kontinuitätsorientie-
rung verbunden. Nicht mehr stabile Zugehörigkeit verbürgt Kontinuität, sondern
die immer wieder neue Ausrichtung auf biographische Verläufe und Ziele“
(ebd.).

2.5.2 Effekte

Über die gesamte Lebensspanne hinweg unterhalten Menschen eine unterschied-


liche Anzahl von Kontakten. Während zu Beginn und zum Ende des Lebens
tendenziell eher eine kleinere Anzahl vorhanden ist, vervielfachen sich die Kon-
takte in der Rush-Hour des Lebens. Interessant ist in diesem Zusammenhang die
sogenannte „Social Brain Hypothesis“ von Dunbar (1998), der zufolge ein
Mensch aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten des Gehirns maximal ca. 150
Kontakte unterhalten kann, zu denen er Informationen über Namen, ihre Eigen-
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 179

schaften und Beziehungen vorzuhalten vermag. Einer maximal möglichen Netz-


werkgröße erscheinen demnach Grenzen gesetzt, sofern die Kontakte eine be-
stimmte Intensität einnehmen und verschiedene Beziehungsdimensionen umfas-
sen. Gleichwohl vergrößern sich unter Rückgriff auf technische Hilfsmittel und
die Nutzung virtueller Gemeinschaften die Möglichkeiten, selbstgewählte Kon-
takte (effizient) zu pflegen und auszuweiten. Um die nötige individuelle Kom-
munikationsinfrastruktur aus Telefon- und Internetzugang sowie den zugehöri-
gen technischen Geräten vorzuhalten, bedarf es auf der einen Seite der Investiti-
on, auf der anderen Seite sind die Kosten aufgrund des Wettbewerbs eher über-
schaubar, sofern der Kunde finanziell rational agiert oder nicht an einen unseriö-
sen Anbieter gerät.
Um Kontakte anzubahnen und unterhalten zu können, ist es notwendig,
bestimmte Investitionen zu tätigen. Neben monetären Ressourcen (etwa für Ein-
ladungen) dürfte dies in aller erster Linie Lebenszeit sein, die es einzusetzen gilt.
Erst dieser Einsatz ermöglicht das Entstehen von Sozialkapital, welches wiede-
rum bei Bedarf in andere Kapitalarten oder Vorteile umgewandelt werden
kann.40 Als Beispiel wäre vorstellbar, dass Person A jemanden, nennen wir sie
Person B, über gemeinsame Aktivitäten in einem Verein kennenlernt und dieses
Sozialkapital zu einem späteren Zeitpunkt nutzen kann, um sich privat Geld,
vielleicht sogar in Form eines zinslosen Darlehens von B zu leihen. Aus den
Potenzialen des Sozialkapitals wird hier ökonomisches Kapital, das Person A
konkret zur Verfügung steht.
Zu fragen wäre nun, unabhängig vom geschilderten Beispiel, ob sich weite-
re Tendenzen aus den berichteten Zeichen der Postmoderne im Hinblick auf die
finanziellen Risiken und Chancen ableiten lassen. In Abschnitt 2.5.1. wurde
diesbezüglich als Kennzeichen eine einfachere Kontaktaufnahme beschrieben,
die zu großen Teilen auf erweiterten technischen Möglichkeiten beruht (s. o.).
Ebenso wurde thematisiert, dass die Pflege von Kontakten potenziell effizienter
möglich ist, die Kontakte aber auch unverbindlicher erscheinen.
Als eine Frage könnte untersucht werden, ob sich diese Veränderungen bei
den selbstgewählten Kontakten direkt auf die Bereitschaft auswirken, privat Geld
von anderen Privatpersonen (etwa Freunden) zu leihen oder eigenes Geld an
Privatpersonen weiterzugeben. So ließe sich ein hypothetischer Zusammenhang
formulieren, nachdem mehr Kontakte eben auch potenziell mehr Ansprechpart-

40 Sozialkapital kann an dieser Stelle mit Bourdieu (1983: 190) definiert werden als „die Gesamt-
heit der aktuellen und potentiellen [sic] Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Net-
zes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen, gegenseitigen Kennens oder
Anerkennens verbunden sind“. Als weitere Kapitalarten hervorzuheben sind das ökonomische
Kapital (vgl. Esser 2000: 213), das Humankapital (vgl. Becker 1964: 1f.) und das kulturelle
Kapital (Bourdieu 1983: 186-190).
180 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

ner als Kreditgeber oder -nehmer seien und Kreditwünsche folglich häufiger als
zu einem früheren Referenzpunkt auftreten müssten. Umgekehrt ließe sich mut-
maßen, dass der Verleih von Geld ein besonderes Vertrauen benötige, welches
den Kreis potenzieller Kreditgeber oder -nehmer unabhängig von den Trends bis
heute überschaubar halte usw. Allerdings gibt es zu diesen ganzen Fragen keine
belastbaren Studien, die den Verfassern bekannt sind und solch einen
(Zeit)Vergleich ermöglichen.41 Einige Anhaltspunkte zur generellen Bereitschaft
sich privat Geld zu borgen, finden sich in den Studien zum Thema Schulden
junger Menschen.42 Die Befunde weisen hier alle in eine ähnliche Richtung (vgl.
Bankenverband 2009: 5; Gabanyi et al. 2007: 69-73; Lange und Fries 2006:
69ff.). Demnach besteht von Seiten der jungen Menschen durchaus die Bereit-
schaft sich Geld zu leihen. Als Geldgeber kommen für alle unter 18-Jährigen im
Grunde ohnehin ausschließlich Privatpersonen in Frage (vgl. Fußnote 3). Auf
Seiten der Geldgeber, die zumeist aus dem sozialen Nahraum stammen, also
Familienangehörige, Freunde und Bekannte sind, existiert ebenfalls eine Be-
reitschaft Geld zu verleihen, wobei die überschaubare Höhe sich positiv auf die
Bereitwilligkeit auswirken dürfte. Es sind fast durchweg eher kleine Geldbe-
träge bis ca. 50 Euro, die vornehmlich für Lebensmittel/Fast Food, zum Fei-
ern/Weggehen oder für Kleidung und in geringerem Umfang für Tabak, Tele-
fon oder Software ausgegeben und sobald wie möglich zurückgezahlt werden.
Eine vertiefende Analyse ist jedoch auch mit diesen Anhaltspunkten nicht
möglich.
Einen mittelbaren Effekt der aufgezeigten Tendenzen auf die finanziellen
Verhältnisse könnte schließlich der Transfer von Informationen über die Netz-
werke der Menschen haben. Als Beispiel kann der Leistungsbereich herangezo-
gen werden, für den – klassischerweise mit Granovetter (1973) und den entspre-
chenden Nachfolgestudien – zu fragen wäre, ob sich Effekte des Sozialkapitals
auf bei der Suche nach einem Arbeitsplatz finden lassen und ggf. welche Intensi-
tät und Richtung die Effekte haben. Hierbei könnte man schauen, ob die Suche
über Netzwerke hinsichtlich des Einkommens, aber auch Faktoren wie der Ar-
beitszufriedenheit oder dem empfundenen Prestige gegenüber anderen Suchstra-
tegien Unterschiede mit sich bringt. Eine Übersicht zum Verhältnis von Sozial-

41 Für die Vermittlung von Krediten zwischen Privatperson, die sich nicht persönlich kennen, gibt
es neben den offensichtlich betrügerischen Angeboten mittlerweile mehrere privatwirtschaftli-
che Unternehmen, die eine solche Vermittlung über ihre Internetplattformen anbieten. Einer
dieser Anbieter hat eine Auftragsstudie durchführen lassen, wofür sich Menschen in Deutsch-
land privat Geld leihen. Da die freie Recherche – von einigen ausgewählten Presseinformatio-
nen einmal abgesehen – keinen Bericht (mit Angaben zu den Methoden etc.) ergab, wurde auf
die Wiedergabe der Einzelbefunde verzichtet.
42 Eine Übersicht zum Thema Schulden junger Menschen ermöglicht ein Beitrag von Rau (2011)
in der Zeitschrift „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik“.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 181

kapital und Arbeitsmarkt präsentiert etwa Runia (2002), der Sozialkapital nach
einer Sichtung der Literatur „als intervenierende, aber nicht durchschlagende
Variable in Arbeitsmarktprozessen“ charakterisiert, da dessen Wirkung erst im
Zusammenspiel mit anderen Faktoren entstehe (ebd.: 30). Die vorgestellten Zu-
sammenhänge gestalten sich jedoch komplex und sind teilweise von bestimmten
Voraussetzungen abhängig.43 Sie lassen keine einheitliche Bestimmung einer
Effektrichtung auf die hier interessierenden finanziellen Verhältnisse erkennen.
Betrachtet man den untersuchten Bereich der selbstgewählten Kontakte in
der Gesamtschau, lässt sich angesichts dessen, was im Rahmen des verfügbaren
Analyseumfangs möglich war, keine Tendenz erkennen. Eine Erklärung hierfür
könnte sein, dass sich aus den dargestellten Befunden kaum unmittelbare Kenn-
zahlen oder Effekte ableiten lassen, sondern eher mittelbare Auswirkungen auf
die finanziellen Verhältnisse zu erwarten sind, deren Vertiefung eines größeren
Analyserahmens bedarf.

2.6 Wertorientierung

2.6.1 Empirische Befunde

Ein weiteres wesentliches Strukturmerkmal der Postmoderne ist der extreme


weltanschauliche Pluralismus. Neben einer Vielzahl medial vermittelter Moden
und Lebensstile wird auch ein grundsätzlicher Wertewandel offensichtlich, der
ausnahmslos alle Bereiche des Lebens erfasst. Die Verschiebung von materialis-
tischen zu postmaterialistischen Werten wird teils als kontinuierlicher Wertever-
fall, teils auch nur als Werteverschiebung oder Wertekonflikt bewertet. So diag-
nostiziert u. a. Noelle-Neumann44 seit 1968 aufgrund der Bedeutungsverluste
von Kirche und Religion, von Autoritätsverlusten, von abnehmendem Gemein-
sinn und von einem sinkenden politischen Engagement, einen kontinuierlichen
Werteverfall, während Inglehart seit den 1970er Jahren im Rahmen seiner
Postmaterialismusthese lediglich eine verstärkte Zuwendung zu postmateriellen
Werten45 beschreibt. Letztere, auch postmaterialistische Werte genannt, bezeich-
nen einen Komplex von Werten und Einstellungen, die vorrangig nichtmaterielle
Ziele beinhalten und mit der Aufwertung der Lebensqualität und einer kosmopo-

43 Zu beachten ist auch, dass die bei Runia (2002) aufgeführten Studien nicht alle an Populatio-
nen aus der Bundesrepublik durchgeführt wurden. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse wäre
jeweils gesondert zu prüfen.
44 Vgl. dazu ihre sogenannte Werteverfallstheorie.
45 Weg von Vermögen und Eigentum hin zu Werten der Selbstverwirklichung und Kommu-
nikation.
182 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

litischen Orientierung verbunden seien. Auch Beck beschreibt einen solchen


„Wertekonflikt“, den er unter dem Schlagwort des „altruistischen Individualis-
mus“ fasst. Dabei sieht er einen Wertewandel von materiellen zu immateriellen
Werten (wie u. a. Zeit, Mitgefühl, Spaß, Ruhe und Abenteuerlust) am Werk, der
im Widerspruch zur Ansicht einer kaputten „Egogesellschaft“ stünde, und ledig-
lich eine neue Wertorientierung ermögliche. „Was als Werteverfall verteufelt
wird, erzeugt Wertorientierung für die zweite Moderne“ (Beck 1997: 17). Neben
dieser neuen Werteorientierung ist aber auch von der Zunahme einer allgemeinen
hedonistischen und materialistischen Orientierung die Rede (vgl. Hermann
2003). Der Wertewandel, der zuvor allein eindimensional bewertet wurde, wird
seit den 1990er Jahren hinsichtlich aller Dimensionen betrachtet. So „konstatiert
Helmut Klages einen generellen Megatrend in Form einer Gewichtsverlagerung
von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten, wobei er die
Existenz unterschiedlicher Wertdimensionen und Wertkombinationen wie auch
die Möglichkeit konstruktiver und destruktiver Wertesynthesen unterstreicht“
(Hepp 2001: 32). Mit anderen Worten: Es schwinden die Pflichtwerte zugunsten
der Werte der hedonistisch-materialistischen und der idealistischen Selbstentfal-
tung. Das bedeutet, dass Selbstverwirklichung nicht ausschließlich in einer mate-
rialistischen, sondern auch in einer postmaterialistischen Form nach wie vor
vorhanden ist.

2.6.2 Effekte

Unabhängig von den vorhandenen Ambivalenzen bei der Frage, welche Werte
heute in der Gesellschaft im Vordergrund stehen und in welchem Ausmaß sich
frühere Werte verschoben haben, kann grundsätzlich festgehalten werden, dass
zur heutigen Zeit ein Übermaß an Waren und Dienstleistungen existiert, die
käuflich erworben werden können. Der postmoderne Mensch unterliegt, sofern
man die Begrenzung durch finanzielle Möglichkeiten einmal ausblendet, in allen
Bereichen der Qual der Wahl. Für die Bewertung der Auswirkungen des Werte-
wandels auf die finanzielle Situation von Personen muss daher vor allem der
Gegenwert der finanziellen Ausgaben näher beleuchtet werden. Da Einkünfte
und Umsätze von vielfältigen Faktoren abhängig sind, sollen diese ausgeblendet
und stattdessen ein gesellschaftsübergreifender Wert in den Vordergrund gerückt
werden: Der Wert der Sparsamkeit.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 183

Der Umgang der Deutschen mit ihrem Geld scheint schon immer ein be-
sonderer.46 So verweist Petersen bei seiner Untersuchung über die Einstellung zu
Krediten in der Wirtschaftskrise bereits in seiner Einleitung darauf, dass die
Benimmregel „über Geld spricht man nicht“, bei wissenschaftlichen Untersu-
chungen zu der Thematik Geld vor allem in Deutschland nach wie vor zum Aus-
druck käme (vgl. Petersen 2009: 87). Zudem verweist er darauf, dass zur Beant-
wortung der Frage, ob und in welchem Maße in einer Gesellschaft gespart wer-
de, neben volkswirtschaftlichen Fragen auch die kulturelle Prägung einer Gesell-
schaft, ihre Wertorientierung und die kollektiven historischen Erfahrungen (wie
z. B. die mit früheren Wirtschaftskrisen) von Bedeutung wären.47
Betrachtet man die Allensbacher Erhebungen zur Einstellung zum Sparen in
Deutschland im Zeitvergleich von 1959 bis 2009, so lässt sich hier kein Rück-
gang der Bedeutung des Sparens nachweisen. Im Gegenteil, der Stellenwert der
Sparsamkeit nahm in den Jahren von 2000 bis 2009 sogar wieder zu. Während z.
B. im Jahr 2000 nur 59 Prozent der Befragten die Meinung teilten, dass Spar-
samkeit zu einem guten Charakter unbedingt dazugehöre, waren es neun Jahre
später sogar 64 Prozent. (ebd.: 89). Petersen formuliert dazu wie folgt: „Etwas
zugespitzt kann man sagen: Während Sparsamkeit in den früheren Jahren der
Bundesrepublik Deutschland vor allem als Wert, als Persönlichkeitseigenschaft
geschätzt wurde, das Sparen selbst aber mit etwas größerem Misstrauen betrach-
tet wurde als heute, ist dieses Misstrauen inzwischen wesentlich geringer gewor-
den. Sparsamkeit wird heute weniger um ihrer selbst willen geschätzt, sondern
weil sie als vernünftig angesehen wird“ (ebd.: 95).
Interessant für die Bewertung des Einflusses der Werteorientierung auf das
finanzielle Gebaren der Menschen sind auch Petersens Auswertungen – ebenfalls
auf der Grundlage der Daten des Allensbacher Archivs – zur Einschätzung von
Kreditaufnahmen. Hier stellt er fest, dass die Grundhaltung der Deutschen ge-
genüber Krediten, seien es Bankkredite, Hypotheken oder Ratenzahlung, von
einer spürbaren Zurückhaltung geprägt sei. Die größte Gruppe innerhalb derer,

46 Innerhalb des Forschungsclusters der Universitäten Trier und Mainz forscht aktuell u.a. das
Teilprojekt I.10 „Die Entwicklung mentaler Modelle zu Kreditbeziehungen in Netzwerken“ zu
diesem Thema. Abgeschlossen wurde hier bereits eine Arbeit zum Thema „Selbstreguliertes
Geldmanagement bei jungen Erwachsenen“ (Bender 2012), während die (noch laufende) Un-
tersuchung von Barry und Breuer (2012) die Einstellung zu Geld bei Jugendlichen und jungen
Erwachsenen erforscht.
47 Aus lerntheoretischer Sicht wäre es unter dem Stichwort Lernen am Modell interessant zu
fragen, ob und inwieweit sich das gegenüber den Bürgern präsentierte staatliche Handeln und
Gebaren in Hinblick auf seine finanziellen Verhältnisse auf die Einstellung und das Verhalten
der Bürger auswirkt? So konnte etwa der Dachverband der Schweizer Wirtschaft
„economiesuisse“ auf der Basis von OECD-Daten einen Zusammenhang zwischen der
Ausgabendisziplin auf staatlicher Seite und der Sparquote der privaten Haushalte aufzeigen
(vgl. Petersen 2009: 88).
184 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

die der Meinung waren, man solle Kredite möglichst vermeiden, waren zu 54
Prozent Personen mit geringerem Einkommen (ebd.: 96ff.). Bei einer differenzie-
renden Betrachtung unter Berücksichtigung der Einkommenslage der Befragten
zeigte sich zudem, dass bei der Gruppe mit geringerer Bildung und niedrigerem
Einkommen erst dann die Berührungsängste bezüglich eines Kredits spürbar
geringer werden, wenn die eigene Lebenssituation einen solchen unvermeidlich
erscheinen lässt, während Menschen mit hohem Einkommen eher Kredite für
große Investitionen wie z. B. einen Hauskauf aufnehmen und dieses Vorgehen
als notwendig und sinnvoll akzeptieren. Die Akzeptanz von Krediten hängt dem-
nach deutlich von der persönlichen Lebenssituation ab (ebd.: 118). Es gilt jedoch
zu beachten, dass diese Einschätzung sich lediglich auf Kredite von Institutionen
wie Banken oder Ladenketten bezieht und damit keine pauschale Wertorientie-
rung hinsichtlich der Einstellung zu geliehenem Geld widerspiegelt. Berücksich-
tigt man die Ergebnisse zu weiteren potentiellen Geldquellen wie Familienange-
hörige, Verwandte oder Freunde, so zeigt die Studie nämlich auch, dass 43 Pro-
zent der Befragten sich mit einer Bitte um finanzielle Unterstützung zunächst an
diese wenden würden (ebd.: 103). Private Kredite innerhalb des eigenen sozialen
Netzwerkes spielen vor allem bei Jugendlichen eine große Rolle, da diese zu-
nächst ihr unmittelbares privates Umfeld als Gläubiger in Anspruch nehmen (s.
o. Abschnitt 2.5.2.). Betrachtet man die Gruppe der Jugendlichen genauer, so
lassen sich in einem Vergleich zur Gesamtbevölkerung hinsichtlich der Werte-
orientierung nur geringfügige Unterschiede erkennen. Insgesamt zeigt sich bei
der zeitlichen Entwicklung, dass der postmoderne Stil des „Anything goes“ der
hedonistischen Generation ab Mitte der 1990er Jahre durch eine gesteigerte
„Ernsthaftigkeit“ der pragmatischen Generation abgelöst wird (Gensicke 2009:
583). Gensicke spricht in diesem Zusammenhang von einem stabilen jugendli-
chen Wertesystem mit Tendenzen zum „Konsumismus“, dem er in erster Linie
eine integrierende Funktion zuschreibt. „Der ‚Konsumismus‘ besetzt offensicht-
lich inzwischen eine bei vielen Jugendlichen vorhandene Leerstelle der übergrei-
fenden gesellschaftlichen und damit auch mentalen Integration“ (ebd.: 591).
Hinsichtlich des hohen Anspruchsniveaus von jugendlichen Männern bildungs-
ferner und schichtniedriger sozialer Herkunft, verweist Gensicke (2009: 592f.)
mit Anlehnung an Köcher (2008) auf eine Tendenz zur kulturellen Verflachung,
die er mitunter durch einen starken Einfluss der Medien auf diese potentielle
Kundengruppe begründet. Mit der Frage, welch hohe Relevanz Medien bereits
auf Kinder ausüben können, beschäftigt sich auch Feil (2003) unter dem
Schlagwort „Kommerzialisierung der Kindheit“. Sie verweist dabei zum einen
auf die zunehmend autonome Konsumentenrolle der Kinder verbunden mit ihrer
zunehmend steigenden direkten und indirekten Kaufkraft sowie auf eine starke
Monetarisierung des Kinderalltags. Gleichermaßen verweist sie allerdings auch
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 185

auf ein Forschungsdesiderat zu diesem Thema: „Es wurde lange Zeit versäumt,
Belege für den augenscheinlichen Prozess der Kommerzialisierung der Kindheit
und die sinnfällige Marktintegration zu erheben“ (Feil 2004: 45). Zudem werde
die Frage außen vor gelassen: „ob nicht im Kindesalter nach wie vor sowohl der
Lebensstandard ihrer Eltern, folglich die soziale und ökonomische Abhängigkeit
von der Familie eine bedeutendere Rolle spielt als die anonyme Kontrolle durch
den Markt“ (ebd.). Betrachtet man zusammenfassend den Bereich des Werte-
wandels, so lässt sich hier nicht ohne weiteres ein erhöhtes Verschuldungsrisiko
in der Postmoderne ausmachen. Auch wenn innerhalb der Medien und in All-
tagsdebatten durchaus kulturpessimistische Zukunftsszenarien prognostiziert
werden, die Diskussionen um Wertewandel und Werteverfall kaum zu einem
Ende kommen, und zeitdiagnostische Bezeichnungen wie die Spaßgesellschaft,
Erlebnisgesellschaft, Überfluss- oder Konsumgesellschaft in aller Munde sind,
so lässt sich zumindest anhand aktueller wissenschaftlichen Studien zur gesell-
schaftlichen Wertorientierung diese Entwicklung nicht bestätigen.

2.7 Zusammenfassende Übersicht

Die bisher erarbeiteten Ergebnisse des zweiten Kapitels werden an dieser Stelle
nochmals zusammenfassend in einer Übersicht dargestellt.
186 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

empirische oder erwartbare Zusammenhänge,


Modernisierungsfolgen und
Lebensbereich Effekte auf finanzielle Verhältnisse theoretische Mechanismen
Indikatoren der Postmoderne
und Überschuldungsrisiken und Hypothesen
• tendenziell weniger Ehe- • verheiratete heterosexuelle Paare Ö verheiratete heterosexuel-
Partnerschaftliche schließungen und mehr Schei- können gegenüber anderen For- le Paare profitieren auf
und familiäre dungen men des Zusammenlebens öko- der Grundlage der gesetz-
Formen des nomische Vorteile nutzen lichen und verwaltungs-
• Erosion der bio-sozialen
Zusammenlebens rechtlichen Regelungen
Einheit der Familie • Paare haben ein unterdurch-
schnittliches Überschuldungsrisi- Ö in bestimmten Lebensla-
• vielfältige Erziehungskonstel- gen kumulieren die Risi-
ko
lationen ken der Überschuldung,
• Alleinerziehende und Familien hierbei kann es zu Ketten-
• bei Haushalten Zunahme
mit mehreren Kindern weisen reaktionen kommen (vgl.
kinderloser Paare
tendenziell ein erhöhtes Über- auch Abschnitt 3.2.)
• Zunahme von Einpersonen- schuldungsrisiko auf
haushalten
• erhöhte Scheidungszahlen, aber
auch Trennungen bringen Kosten
mit sich (u. a. Unterhaltsver-
pflichtungen)
• Zunahme von Einpersonen- • Lebenshaltungskosten v.a. für Ö erhöhtes Planungsrisiko
Aufenthaltsbereich haushalten, tendenziell kleine- Alleinlebende relativ hoch erschwert längerfristiges
re Haushalte wirtschaftliches Planen
• Alleinlebende haben erhöhtes
• vermehrte Zahl an Ortswech- Verschuldungsrisiko Ö Entwicklung neuer
seln Gestaltungsmodi sozialer
• effektivere Nutzung der Ressour- Beziehungen
• erhöhte Mobilitätsanforderung cen pro Person bei Mehrperso-
(Mobilität als Imperativ) nenhaushalten Ö erhöhte Bedeutung des
Sozialkapitals
• vermehrte Fernbeziehungen • stärkere Mobilitätsfolgekosten
• tendenziell allgemein (aber auch
durch Zweitunterkünfte) höhere
Haushalts- und Nebenkosten
• kostensintensivere Pflege sozialer
Beziehungen
• Anteil von Arbeitnehmern in • Einkommen aus (Haupt)Erwerb Ö Kosten für den Aufbau
Leistungsbereich Normalarbeitsverhältnissen reicht für Lebenshaltungskosten des Humankapitals stei-
sinkt tendenziell nicht mehr aus gen (Bildungskredit,
Darlehen)
• Anteil von Teilzeitbeschäftig- • Menschen sind zunehmend auf
ten und atypisch Beschäftigten Zweiterwerb oder Sozialtransfers Ö Wirkungsgrad des
steigt angewiesen Humankapitals hinsicht-
lich der Umwandlung in
• prekäre Beschäftigungsver- • Entwicklungen auf dem Arbeits- ökon. Kapital hat abge-
hältnisse werden häufiger markt spiegeln sich (zeitlich nommen (Bildungsex-
verzögert ) in der statistischen pansionseffekt, Lage am
• strukturelle Arbeitslosigkeit
Überschuldetensituation wider Arbeitsmarkt)
• diskontinuierliche Erwerbsbi-
• Kreditanwärter (insb. mit Ö Spezialisierung des
ographien nehmen zu
schlechtem Bonitätsscore) greifen Humankapitals verengt
• individuell zurechenbare teils auf sog. „Schufa-freie“ teilweise die Einsatzmög-
Leistungsanforderungen ge- Kredite zurück, die weitere Kos- lichkeiten
winnen an Bedeutung tenfallen darstellen können
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 187

empirische oder erwartbare Zusammenhänge,


Modernisierungsfolgen und
Lebensbereich Effekte auf finanzielle Verhältnisse theoretische Mechanismen
Indikatoren der Postmoderne
und Überschuldungsrisiken und Hypothesen
• im statistischen Durchschnitt • Angebote treffen auf gewachsene Ö ohne Einsatz von Kapital
Erweiterung des verfügbaren Kaufkraft und somit gewachsene keine Nutzung von Frei-
Freizeitbereich zeitangeboten
Freizeitbudgets (im Verhält- Nachfragekapazität
nis zur eingesetzten Zeit für • durch Ausweitung des Kreditange- Ö relativen Deprivation im
den Einkommenserwerb) bots werden Hobbys finanzierbar, Sinne einer subjektiven
• freie Zeit entspricht nicht die man sich sonst nicht leisten Deprivation
ausschließlich Dispositions- könnte Ö im Freizeitbereich lassen
zeit, weite Teile der Freizeit • Vielfalt der Möglichkeiten kann sich die Relevanzbezüge
sind Obligationszeit einzelne Menschen überfordern eines Menschen besonders
• Freizeitaktivitäten bekom- • Ausgaben privater Haushalte für erfolgreich bedienen
men teilweise Arbeitscharak- Freizeit, Unterhaltung und Kultur Ö demonstrativer Konsum
ter, Leistungsdenken ist auch am jeweiligen Haushaltsnettoein- zur Identitätsbeschreibung
im Freizeitbereich anzutref- kommen steigen mit zunehmendem Ö kompensatorischer
fen Einkommen (absolute Summe und Konsum bei der Bewälti-
• deutliche Expansion der relative Anteile) gung innerer Differenzen
Freizeitmöglichkeiten und
des Güterangebots
• Multiplikation der Bezie- • individuelle technische Kommuni- Ö Umwandlung von Sozial-
hungsmöglichkeiten und kationsinfrastruktur notwendig, kapital in andere Kapitalar-
selbstgewählte ten
Beziehungen aber Kosten handhabbar
Kontakte Ö soziale Netzwerke und
• Beziehungen können sich in • Transfer von Informationen kann
großer Geschwindigkeit indirekt aber auch direkt ökonomi- soziales Kapital
entwickeln sche Vorteile ermöglichen (getting
• zahlreiche soziale Kontakte a job)
verlaufen eher diskontinuier-
lich
• neue (digitalisierte) Formen
kommunikativer Mobilität
• schicksalhafte Kontakte
können als selbstgewählte
Kontakte fortgeführt werden
oder eben nicht (größere
Wahlfreiheit als früher)
• weltanschaulicher Pluralis- • hedonistische Grundhaltung Ö Bedeutungsverlust kollek-
mus • Konsum wird gefordert und tiver identitätsstiftender
Wertorientierung Institutionen
• Verschiebung von materia- gefördert
listischen zu postmaterialisti- • Aufwertung der (gefühlten) Ö Erfordernis zur individuel-
schen Werten Lebensqualität len Orientierung
• Verlagerung von Pflicht- und • kosmopolitische Orientierung Ö mehrdimensionaler
Akzeptanzwerten hin zu • Menschen erkennen erhöhte Wertewandel
Selbstentfaltungswerten Verschuldungsrisiken Ö Sparsamkeit weniger
• stärkere Zurückhaltung bei Persönlichkeitseigenschaft
Krediten, v.a. bei geringem Ein- als wirtschaftlich rational
kommen, erhöhte Bedeutung des Ö Akzeptanz von Krediten ist
Sparens abhängig von persönlicher
Lebenssituation
• erste Ansprechpartner für Kredite
Ö Verteilung von Wertorien-
sind vielfach die Familie oder der
tierung ist gesamtgesell-
Freundeskreis
schaftlich (Jugendliche
eingeschlossen) ähnlich
188 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

3 Interpretationsversuche

3.1 Radikalisierung der modernen Grundbefindlichkeit

Die postmoderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch mehr
und mehr einer ambivalenten Lebenssituation unterworfen ist.48 Neu gewonnene
Freiheiten in allen Bereichen führen gleichermaßen zu einer Inflation von neuen
Informations- und Entscheidungszwängen.
So werden z. B. ursprünglich schicksalhaft hingenommene Umstände über-
haupt erst durch die Möglichkeit ihrer Veränderung als revidierbar angesehen
und damit als Felder, zu denen man sich stellen kann und deshalb auch Position
beziehen muss. Dies gilt für alle Lebensbereiche gleichermaßen und erfasst sogar
den menschlichen Körper. Während früher ein als nicht vollkommen wahrge-
nommener Körper (mehr oder minder) hingenommen wurde bzw. werden muss-
te, eröffnen allein die Möglichkeiten der heutigen Schönheitschirurgie, densel-
ben Körper überhaupt als Problem wahrnehmen zu können. Ähnliches gilt für
die – in medialer Dauerpräsenz vorgehaltenen – Maßstäbe der Perfektion bezüg-
lich modischer Kleidung, gutem Essen, schöner Urlaube, gesunder Lebensfüh-
rung, gelungener Sexualität und Partnerschaft, geratener Kinder usw. Jeweils
könnte man die Botschaft eben auch so verstehen: Wenn Sie dies oder jenes tun,
kaufen, benutzen, einnehmen, vermeiden, könnte alles besser sein, also kümmern
Sie sich. Ansatzweise scheint diese Getriebenheit des postmodernen Menschen
in den Ausführungen Opaschowskis darüber auf, dass inzwischen das ganze
Leben unter Leistungsdruck gerate, insbesondere – paradoxerweise – auch die
Freizeit (s. o. Abschnitt 2.4.).
Diese Grundbefindlichkeit wird noch in verschiedener Weise radikalisiert,
die in den makrosoziologischen Daten (die im Übrigen gerade in der Postmoder-
ne schnell veralten) zwar anklingt, aber wegen ihres eher sozialpsychologischen
Gehalts dort nicht voll zur Geltung kommen:

a) Das Wissen darum, dass bestimmte Aspekte von der Gesellschaft oder der
Politik als problematisch erachtet werden, verstärkt die Wahrscheinlichkeit für
das Individuum, sie als Problem zu sehen, bzw. sensibilisiert zumindest dafür,
sie zum Problem werden zu lassen. Als Maßstab für die Selbstwahrnehmung
stellt die Umwelt stets eine wichtige Bezugsgröße dar. Exemplarisch lässt sich
hier unter anderem auf das Gesundheitswesen verweisen. Das Wissen um eine
Zunahme von (Gesellschafts)Krankheiten wie Burn-Out, Posttraumatischen

48 Beck und Beck-Gernsheim (1994) sprechen in diesem Zusammenhang von „riskanten Frei-
heiten“.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 189

Belastungsstörungen, ADHS und diversen psychosozialen Krankheitsbildern


mag auch als Grundlage für eine zumindest verstärkte Sensibilisierung und
Selbstkategorisierung dienen. Auch diesem Mechanismus ist das Individuum
mehr oder weniger ausgeliefert, weil die entsprechenden „Probleme“ in den
Medien unausgesetzt und bisweilen mit zu besorgter Miene thematisiert werden.

b) Ein zweiter Aspekt ist der sich verflüchtigende Gratifikationswert all des-
sen, wofür man sich in seiner Wahlfreiheit jeweils entscheidet und was gerade
die gegenwärtige Situation ausmacht. Man braucht kein Marxist zu sein, um zu
erkennen, dass der postmoderne Konsum geradezu darauf angelegt ist, nicht satt
zu machen, sondern hungrig, um nicht zu sagen gierig. Wofür auch immer man
sich im Kleinen (etwa auf einer Speisekarte) oder Großen (etwa ein Auto oder
einen Partner) entscheidet, postwendend ist es vorstellbar, dass das Bessere,
Andere, Neuere teils real (der Teller auf dem Nebentisch, vor der Tür parkt das
neue Modell) teils virtuell (der wirklich perfekte Partner wird erst durch
„matching“ gefunden) vorgeführt wird. Die Verflüchtigung des Gratifikations-
werts gilt aber auch von der anderen Seite her. Auch wenn man sich an einem
Ort wohlfühlt oder eine Arbeit und einen Partner hat, die einem an sich zusagen,
steht dies immer unter dem Vorbehalt, dass das Unternehmen insolvent oder
übernommen wird, dass der Mensch versetzt werde und sich völlig neu orientie-
ren muss, dass die Partnerschaft verflacht und versandet. Ein entsprechendes
„Mitbewusstsein“ begleitet potentiell alle Lebensbezüge und bekommt Nahrung
durch die Fälle aus dem Bekanntenkreis oder den Medien, die Entsprechendes
berichten. So führt z. B. die postmoderne Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses dazu, dass junge Wissenschaftler sich häufiger gar nicht mehr in
Ruhe für die Sache (ihr sogenanntes „Projekt“) engagieren können, weil sie
einerseits faktisch ihre Zeit mit Vor-, Zwischen- und Endberichten sowie Präsen-
tationen und andererseits mit dem Ausarbeiten von neuen Anträgen verbringen
müssen. Hinzu tritt eine Unsicherheit hinsichtlich zukünftiger Beschäftigungs-
möglichkeiten und -chancen, ein Phänomen, das für die „Generation Praktikum“
und letztlich für fast alle o. g. prekären Arbeitsverhältnisse gilt. Diese Verunsi-
cherungen können zu einer latenten, aber auch manifesten Entwertung der jetzt
gegenwärtigen Lebenssituation führen. Die Botschaft, dass es für das Alter oh-
nehin nicht reichen wird, ist ein dazu passender Verstärker.

c) Ein dritter zentraler Aspekt ist der Umstand, dass in der Postmoderne häufig
das individualisierte Individuum selbst für seine Lage verantwortlich gemacht
wird. Die Brutalität und Härte, mit der die Menschen im Krieg und danach durch
Schicksalsschläge getroffen wurden, lässt sich kaum unterschätzen, und doch
war klar, dass dies Schicksalsschläge waren, für die das Individuum jedenfalls
190 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

nicht unmittelbar verantwortlich war. Man musste also vieles ertragen, aber war
kein „Versager“ und Hilfe (etwa Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum oder
der sogenannte Lastenausgleich) konnte erhobenen Hauptes angenommen bzw.
auf der anderen Seite auch als gerecht akzeptiert werden. Man stelle sich heute
einen Lastenausgleich oder einen Solidaritätszuschlag für überschuldete Perso-
nen anstelle der Privatinsolvenz vor? Heute steht das Individuum in der morali-
schen Pflicht, sich für die gesellschaftlichen Anforderungen „fit“ zu machen und
zu halten, etwa durch gesunde Lebensführung, lebenslanges Lernen oder örtliche
und geistige Mobilität. Von dieser Anforderung machen gerade auch die Kom-
pensationsmechanismen keine Ausnahme, die es ja in der Postmoderne und
manche erst seitdem gibt. So ist der Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik, der
mit der Chiffre des „aktivierenden Sozialstaats“49 erfasst werden kann, ein un-
trügliches Zeichen für den gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es ohne
eigene Leistung und Anstrengung nichts gibt und Leistungskürzungen verhält-
nismäßig schnell eintreten können. Entsprechend ist das Insolvenzverfahren zwar
im Vergleich zur sofortigen gesellschaftlichen Exklusion ein milderes Mittel,
aber es verlangt über viele Jahre Verzicht und Wohlverhalten und ist insofern ein
regelrechtes Purgatorium, durch das der Schuldner bei Strafe der ewigen Ver-
dammnis, nämlich der dauerhaften und endgültigen Exklusion, gehen muss,
bevor er wieder in die Gesellschaft aufgenommen wird.50 Natürlich gibt es eine
Vielzahl an staatlichen Anlaufstellen für alle nur denkbaren Probleme (Drogen-
berater, Paartherapeut, Bewährungshelfer, Sozialarbeiter) sowie vielfältige Zu-
gänge zu privaten Anbietern von Lebenshilfe, aber die staatlichen Angebote
setzen in der Regel den Kotau von Bekenntnis und Wohlverhalten voraus, und
private Angebote sind gerade wieder teuer oder erfordern Bereitschaften und
Fähigkeiten (s. u.), von denen nicht allgemein ausgegangen werden darf (Selbst-
hilfegruppen, Onlineforen).

3.2 Kettenreaktionen, Folgeeffekte und Verdichtungen

Die oben berichteten Befunde zu einzelnen Aspekten der Postmoderne und ihren
Effekten auf die Ver- und Überschuldung ergaben kein einheitliches Bild. Wäh-
rend sich in den familiären und partnerschaftlichen Beziehungen, der örtlichen
Mobilität und des Wohnens, den Bedingungen der Arbeitswelt und im Freizeit-

49 Eine umfassende Darstellung zum Begriff eines aktivierenden Sozialstaats findet sich online
auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung (vgl. Oschmiansky 2010).
50 Selbst noch im Straf- und Maßregelvollzug kommt man nicht ohne Bekenntnis der eigenen
Schlechtigkeit und Gestörtheit (sog. „compliance“ oder „Chancenvollzug“) in den Genuss re-
sozialisierender oder therapeutischer Maßnahmen.
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 191

verhalten deutliche und auch offensichtliche finanzielle Belastungen durch die


postmodernen Lebensverhältnisse abzeichnen, ist dies bezüglich der selbstge-
wählten Kontakte und der Wertorientierung nicht oder weniger eindeutig der
Fall. Dies verwundert freilich nicht, wenn man die ständig in der Literatur und
auch hier vorausgesetzte Ambivalenz von Chancen und Risiken der Postmoderne
bedenkt. So sind es einerseits durchaus nicht nur vereinzelte Menschen, die in
die Überschuldung geraten, sondern quantitativ durchaus nennenswerte Zahlen,
andererseits meistern offenbar die meisten Menschen die Herausforderungen der
Postmoderne ohne sich zu überschulden.51
Dieser Befund bekommt eine stärkere Aussagekraft, wenn man den Um-
stand bedenkt, dass es Lebenslagen gibt, in denen typischerweise die Risiken der
Überschuldung kumulieren, zumal wenn man den Prozess- und Verlaufscharak-
ter (Knobloch et al. 2012: 11) des meist langen Weges (ebd.: 68) in die Über-
schuldung hinein und aus der Überschuldung hinaus in Rechnung stellt. Betrach-
tet man etwa die Befunde der beiden Bereiche Familienform und Arbeitsmarkt
zusammen, so wird offensichtlich, dass es dabei zu einer Vielfalt von Kettenre-
aktionen und Folgeeffekten kommt. Beck (1986: 202) nennt in diesem Zusam-
menhang den Begriff der „Spagatfamilie“ und beschreibt damit Elternpaare, die
aufgrund der vom Arbeitsmarkt geforderten Mobilitätsanforderungen an ver-
schiedenen Wohnorten leben. Aber auch Alleinerziehende mit Kindern, Fernbe-
ziehungen, Wochenendbeziehungen und Pendler lassen sich hier anführen.
Es gibt aber auch Folgeeffekte der Arbeitsverhältnisse auf den Kontaktbe-
reich und die Chancen, soziales Kapital zu bilden. So verweist etwa Dörre (2006:
7) darauf, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Lebensverhältnisse zu
einem Empfinden sozialer Unsicherheit der Menschen beitragen, welches gerade
aufgrund der immer noch hohen Sicherheitsstandards unserer Gesellschaft zu
massiven gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen führt. Er beschreibt einen
Bedeutungswandel der Erwerbsarbeit und sieht deren zentrale Funktion als Bin-
demittel der Gesellschaft verloren gehen. „Prekäre Beschäftigungsverhältnisse
bedeuten nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel, vielfach bewirken sie
Anerkennungsdefizite und eine Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Net-

51 Insoweit lässt sich durchaus selbstkritisch anmerken, dass der erarbeitete Blick evtl. zu einsei-
tig in Richtung der Risiken für die finanziellen Verhältnisse ausgefallen sein könnte. Positiv
gewendet bleibt also genug Raum für weitere Überlegungen, um etwa die Chancen und geeig-
nete Kompetenzen der Bewältigung näher zu untersuchen. Weiterhin könnte es interessant
sein, auch die Einkommensseite näher zu beleuchten und zwar zum einen unter dem Aspekt
der Zusammensetzung – immer mehr Menschen beziehen ihr Einkommen wieder aus mehr
Quellen als dem Erwerbseinkommen, bspw. aus Kapitaleinkommen oder Sozialtransfers (vgl.
zu diesen Income-Mixes etwa Vobruba 2007: 147-162) – und zum anderen könnte es auf-
schlussreich sein, mögliche Einkommenssteigerungen quantitativ ins Verhältnis zu gestiegenen
oder gefallenen Lebenshaltungskosten zu setzen.
192 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

zen, die eigentlich dringend benötigt würden, um den Alltag einigermaßen zu


bewältigen“ (ebd.: 8). Hier zeichnen sich Interdependenzen ab, die sich natürlich
auch zu ernsthaften Risiken der Überschuldung verdichten können, wobei zu-
sätzlich auch z. B. Krankheit und/oder eine Sucht zur Eskalation beitragen kön-
nen. Im Rahmen solcher Verdichtungsprozesse kommt also auch Umständen
eine erhebliche Bedeutung zu, für die sich auf der Makroebene kein genereller
Effekt auf die Überschuldung nachweisen lässt. Ob das Streben nach Selbstver-
wirklichung eher materiell oder ideell ausgerichtet ist, mag dann sogar ein für die
gesamte Biographie richtungweisender Unterschied werden. Dass die ideelle
Selbstverwirklichung immer einen protektiven Effekt hat, ist freilich auch wieder
ungewiss, weil man damit leicht oberlehrerhaft wirkt und seinen Mitmenschen
am Arbeitsplatz, zu Hause und in der Freizeit gewaltig auf die Nerven fallen
kann, mit negativen Folgen für das ökonomische und soziale Kapital. Wächst
sich ein derartiges Streben zu einem Relevanzbezug aus (vgl. Abschnitt 2.4.2.),
kann auch schnell der Überblick über die verfügbaren Finanzen verloren gehen
und so können sogar Protest(haltungen) und Spenden die eigenen finanziellen
Möglichkeiten übersteigen.
Selbstverständlich können die Kettenreaktionen und Folgeeffekte auch in
die andere Richtung gehen. Erfolge – warum nicht in einem atypischen/prekären
Beschäftigungsverhältnis – können die Selbstwirksamkeitserwartung steigern
und auf diesem Wege helfen, den „Marktwert“ zu verbessern. Bildlich gespro-
chen werden Kontakte leichter, Alkohol wird maßvoll getrunken, weil er
schmeckt und nicht zur Affektregulation, vorgesetzte Hausmannskost oder der
Urlaub im Schwarzwald lösen kein Entsetzen bei der Partnerin oder dem Partner
aus, die Mode vom Vorjahr und das „alte Modell“ erfüllen ihren Zweck, das
permanente (mediale) Rauschen der stets möglichen Alternativen wird leiser,
weil die aktuelle Lebenslage wenn nicht als perfekt, so doch in ihrem Wert gese-
hen und deshalb als befriedigend empfunden wird. Das mögliche Bessere ist
nicht mehr der Feind des Guten.

3.3 Die Postmoderne ist „selektiv“

Was in Becks These der Individualisierung angedacht war und von vielen Sozio-
logen aufgegriffen wurde, ist eine Zunahme von erkennbaren, allgemeinen
„Überforderungsindikatoren“ in allen Lebensbereichen als gesellschaftliche
Besonderheit der Postmoderne. Die individuellen Anforderungen, das eigene
Leben mit all seinen Schwierigkeiten, Herausforderungen und auftauchenden
Problemen zur eigenen Zufriedenheit und für sich individuell erfolgreich zu
meistern, sind gewachsen, bzw. werden zumindest aus subjektiver Sicht als be-
Private Schulden im Spiegel der Postmoderne – eine heuristische Betrachtung 193

sonders hoch – geradezu in Form eines postmodernen Tinitus – empfunden. Wie


eine anspruchsvolle Abfahrt im alpinen Wintersport oder ein extremer Pass im
Radsport ist die Postmoderne selektiv in dem Sinn, als sie a) ziemlich gnadenlos
die Erfolge und Misserfolge des Lebens an den Tag bringt und b) diese Differenz
dem Individuum häufig moralisch zurechnet. So ist es auch bei der Überschul-
dung. Die Menschen haben nun einmal unterschiedliche Kompetenzen, mit den
gestellten Anforderungen zu Recht zu kommen oder die vorhandenen Chancen
zu nutzen und deshalb gibt es diese riesige Spannweite in den Lebensverläufen.
Offensichtliche Bedeutung haben das Vermögen der Eltern und der Bildungs-
grad, ebenso die körperliche und psychische Belastbarkeit, es geht aber auch um
andere Bereitschaften und Fähigkeiten. So kann man sich, wenn man es denn
organisiert bekommt, mit Billigflügen, einem Interrail-Ticket, Mitfahrgelegen-
heiten, Wohnungstausch, selbst hergerichtetem Lunchpaket, sprich mit wenig
Geld die Welt erschließen, zumal wenn man Fremdsprachen kann und sympa-
thisch und verbindlich fragen gelernt hat. Natürlich ist es auch möglich, sich
durch „Sparsamkeit“ die Möglichkeiten eines postmaterialistischen Lebensent-
wurfs zu sichern, sich bewusst gegen den Trend zu stellen, nur bedarf es auch
dafür einer Reihe von Kompetenzen, die ebenfalls ungleich verteilt sind: Wil-
lensstärke, Lebensplanung, Selbstwert, geistige Unabhängigkeit, Aufbau und
Pflege von Kontakten und Netzwerken mit Gleichgesinnten.
Von irgendeiner Zwangsläufigkeit kann bei alledem nicht die Rede sein.
Zwar sind positive und negative Kettenreaktionen wahrscheinlich, aber auch
Wendepunkte sind meistens möglich, und sei es ein erfolgreiches Insolvenzver-
fahren oder die Bewältigung einer Inhaftierung. Man kann auch einfach Glück
haben. Umgekehrt schützen Erfolg und große Vermögen nicht unbedingt vor der
Pleite. Bei alldem muss immer wieder betont werden, in welch großem Maß
gerade in der Postmoderne schicksalhafte life-events interferieren, weshalb eine
moralisierende Betrachtung zynisch ist, von den unterschiedlichen Lebenschan-
cen einmal abgesehen, in die das Individuum schon hineingeboren wird. Freilich
ist dann auch gleich wieder auf die differentiellen Potentiale hinzuweisen,
Schicksalsschläge zu bewältigen, die mit dem Begriff der Resilienz gemeint
sind.
Die Vielfalt der biographischen Verläufe kann mit den hier vorgelegten
empirischen Befunden nicht weiter aufgelöst werden. Dafür wären vergleichende
Einzelfallstudien notwendig. So bleibt es dabei, dass es – wie auch immer die
Verläufe im Einzelnen aussehen mögen – eine große Zahl überschuldeter Men-
schen gibt und die Zusammenhänge mit den Lebensverhältnissen in der Postmo-
derne teils offensichtlich, teils mindestens plausibel sind. Demgegenüber war es
früher leichter möglich, in gesellschaftlichen Nischen unterzukommen, etwa in
Berufen, die heute angesichts der globalen Konkurrenz nicht mehr produktiv
194 Matthias Rau/Anika Hoffmann/Michael Bock

genug sind, in Kirchen, Vereinen, Dörfern oder städtischen Nachbarschaften, in


denen man ohne den ständigen Entscheidungszwang gewissermaßen unauffällig
mitlaufen konnte. Im Übrigen ist die Überschuldung natürlich nicht der einzige
Indikator der Überforderung. Teils in Kettenreaktionen mit ihr, teils aber auch
ohne sie gibt es andere Ausweich- oder Ausstiegsalternativen, von denen stell-
vertretend genannt, Obdachlosigkeit, Kriminalität, chronische (psychische)
Krankheit bis hin zum Suizid auftreten. Die Klientel der Schuldnerberatung und
die Menschen, die ein Insolvenzverfahren durchlaufen, repräsentieren insofern
nur das Hellfeld der Überschuldung. Von ihrem Dunkelfeld wissen wir wenig.

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Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike als
Möglichkeit der Schuldenbewältigung städtischer
Eliten
Anna Katharina Schönen

1 Die spätantike Gesellschaft

Die Verhältnisse der spätantiken Gesellschaft entsprechen weitgehend denen, die


in den Jahrhunderten zuvor zustande gekommen waren. Die Städte behielten ihre
zentralen Bedeutungen in wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und
auch in kultureller Hinsicht. Durch die Reformen der Kaiser Diokletian und
Konstantin des Großen wurden einige Bereiche grundlegend reformiert. Die
Maßnahmen betrafen nicht nur das Herrschaftssystem, sondern auch das Hee-
reswesen, die Reichsverwaltung, die Grenzverteidigung, die Wirtschaft sowie
das Sozialgefüge und mit der Anerkennung des Christentums auch die geistige
Führung der Römer.1
Die Gliederung der spätrömischen Gesellschaft war, wie schon in Republik
und Kaiserzeit, eine zweigeteilte: Bestehend aus den Standespersonen
(honestiores) an der Spitze der Gesellschaft und der großen Masse der einfachen
Leute (humiliores) darunter.2 Der spätantike Autor Ammianus Marcellinus unter-
teilte die spätantike Gesellschaft in den Reichsadel an der Spitze der Gesell-
schaft, darunter befanden sich der Stadtadel und schließlich das Volk.3 In eine
moderne Definition übertragen, könnte man von Oberschicht, Mittelschicht und
Unterschicht sprechen. Die Trennlinie zwischen Ober- und Unterschicht verlief
demnach mitten durch die städtische Bevölkerung.4 Die Schicht der städtischen
Ratsmitglieder (Kurialen) war durch gewaltige soziale Unterschiede sowohl nach
unten als auch nach oben hin abgegrenzt. Deshalb kann von einem Mittelstand in
unserem heutigen Sinne nicht die Rede sein. Und dennoch war die spätrömische

1 Vgl. Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte, Stuttgart4 2011, S.273.


2 Vgl. Herrmann-Otto, E.: Die Gesellschaftsstruktur der Spätantike, in: Alexander Demandt,
Josef Engemann (Hrsg.): Konstantin der Große. Imperator Caesar Flavius Constantinus, Mainz
2007, S.183. Vgl. ebenso: Alföldy: Sozialgeschichte, S.283.
3 Vgl. Ammianus Marcellinus: res gestae 14.7.1.
4 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.185.

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_8,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
202 Anna Katharina Schönen

Gesellschaft anders, als jene der Kaiserzeit mit den wenigen Privilegierten an der
Spitze der Gesellschaft und der großen Masse darunter.5
Die Zweiteilung der Gesellschaft war bereits in der römischen Republik
verwurzelt, jedoch haben sich im Laufe der Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 283 n.
Chr.) Veränderungen innerhalb der einzelnen Gruppen und gesellschaftlichen
Schichtungen ergeben. So fanden in der Spätantike teilweise Umschichtungen
statt, die sich bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. abzuzeichnen begannen. Die in
der Kaiserzeit noch voneinander abgrenzbaren Stände (Senatoren-, Ritter- und
Dekurionenstand) haben sich teilweise aufgelöst und wurden durch ein Rang-
klassensystem ersetzt.6
In der Spätantike standen der bzw. die Kaiser – als Alleinherrscher oder als
Kollegium – und das Kaiserhaus an der Spitze der Gesellschaft. Sie werden als
nobilissimi (Hochadlige) bezeichnet. Unterhalb der obersten Rangklasse folgten
die patricii, die teilweise dem Kaiserhaus selbst oder als enge Freunde und Ver-
traute des Kaisers dem Senatorenstand angehörten. Der Senatorenstand der Spät-
antike umfasste den Großteil der Oberschicht.7 Durch die faktische Auflösung
des alten Ritterstandes wurden die oberen Ritterränge in den Senatorenstand
aufgenommen. Auch trat nun, in der Spätantike, neben den Geburtsadel der
Dienstadel. So wurde es durch einen Erlass Kaiser Konstantins möglich, dass
Personen, die gebürtig nicht aus einer der senatorischen Familien stammten,
auch ehrenhalber in den Senat aufgenommen werden konnten. Dies gelang durch
die Verleihung senatorischer Rangtitel und galt als höchste Ehrung für Offiziere
und Verwaltungsbeamte.8 Die Aufnahme erfolgte entweder durch den Einstieg in
die senatorische Ämterlaufbahn mit der Übernahme der Prätur oder durch die
adlectio (Aufnahme) nach großem Verdienst.9 Kaiser Konstantin gelang es auf
diese Weise, die Stellen der höchsten staatlichen Funktionäre in Einklang mit
dem höchsten sozialen Rang zu bringen. Zivilverwaltung und Militär waren
hingegen in der Spätantike gänzlich voneinander getrennt. Häufig waren die
Inhaber der höchsten militärischen Ränge Berufsoffiziere, meist sogar von niede-

5 Vgl. bezüglich einer Dreiteilung der Gesellschaft Anm. 3. Auch in den Gesetzen sind die
städtischen Eliten weder als zur Oberschicht noch zur Unterschicht gehörig zu fassen. Sie
werden stets zwischen diesen beiden Gruppen gelistet. Vgl. hierzu CT 13.5.5 (326) und CT
9.31.1 (409).
6 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstrukturen der Spätantike, S.183. Zur graphischen
Darstellung in Form einer stilisierten Birne vgl. ebd. S.183-184. Vgl. ebenso: Demandt, A: Die
Spätantike: Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284-565 n. Chr., München2
2007, S.325ff.
7 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstrukturen der Spätantike, S.183.
8 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.285. Noch unter Kaiser Diokletian wurden die höchsten
Ehrungen für Offiziere und Verwaltungsbeamte außerhalb des Senatorenstandes vergeben.
9 Vgl. ebd., S.287. Vgl. ebenso Herrmann-Otto: Gesellschaftsstrukturen der Spätantike, S.183.
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 203

rer Herkunft, die in den Genuss der begehrten senatorischen Ränge gelangen
konnten. Die Angehörigen des Senatsadels waren gänzlich vom Militärdienst
ausgeschlossen. Neue Machtstellungen ergaben sich für die Senatoren am kaiser-
lichen Hof. Interessant ist, dass die Zahl der Senatoren unter Kaiser Konstantin
verdreifacht wurde und homines novi – sogenannte neue Männer – ebenfalls in
den Senat aufrückten. Die Unterschiede innerhalb der einzelnen senatorischen
Ranggruppen waren demnach beträchtlich sowohl im Hinblick auf ihr Vermögen
als auch bezüglich des Ranges.10 Jedoch galten für alle Senatoren gleichermaßen
die Privilegien der Befreiung von Lasten und Steuern.11 Die Senatoren der Spät-
antike waren wohl zumeist Großgrundbesitzer, deren Ländereien über das ganze
Imperium verstreut waren. Die einzelnen Besitzungen werden sich hinsichtlich
Größe, Funktion, Region, Ertrag und Einnahmen beträchtlich unterschieden ha-
ben.12 Die senatorische Schicht umfasste im 4. Jahrhundert ca. 4000 Personen.13
Die niederen Angehörigen des ehemaligen Ritterstandes bildeten unterhalb
des Senatorenstandes zusammen mit den officiales – den zivilen und militäri-
schen Verwaltungsbeamten – die Rangklasse der perfectissimi. Die niederen
ritterlichen Ränge der ducenarii, centenarii und egregii verloren seit Konstantins
Bestreben, die Rangklassen mit den Positionen im zivilen, staatlichen und militä-
rischen Bereich in Einklang zu bringen, mehr und mehr an Bedeutung.14
Unterhalb dieser Reichsaristokratie befand sich der Stadtadel, ebenfalls in
verschiedene Ränge gegliedert. An seiner Spitze standen die sacerdotales, als
heidnische Priester, später dann auch christliche Priester, die episcopi. Darunter
befanden sich die principales, als Oberschicht der städtischen Ratsmitglieder,
gefolgt von den gewöhnlichen Kurialen.15
Vermögen in Geld oder Landbesitz waren unabdingbare Voraussetzung für
das Bekleiden eines Amtes, da auch die Ämter der Spätantike Ehrenämter waren.
Diäten oder Aufwandsentschädigungen für Beamte kannte die Spätantike nicht.
Die finanziellen, aber auch die körperlichen Belastungen waren demnach für die
Ratsmitglieder, zumindest für einige von ihnen, äußert groß. Teilweise sogar so

10 Vgl. CT 16.5.52 (412). Vgl. ebenso: Alföldy: Sozialgeschichte, S.282.


11 Die Senatoren waren zu einer jährlichen Grundbesitzsteuer – der collatio glebalis –, zu
Abgaben bei besonderen Anlässen – dem aurum oblaticium –, sowie zur Veranstaltung von
Spielen verpflichtet. Vgl. hierzu: Alföldy: Sozialgeschichte, S.287 sowie weiterführend: Gera,
G.; Giglio, S.: La tassazinone di senatori nel tardo imperio romano, Rom 1984 sowie Giglio,
S.: Il tardo imperio d`Occidente e il suo senato. Privilegi fiscali, patrocinio, giurisdizione
penale, Napoli 1990.
12 Kaiser Konstantin veranlassten diese Vermögensunterschiede zur Einteilung der Senatoren in
drei Klassen je nach ihrem Grundbesitz. Später wurde unter Theodosius I. noch eine vierte
hinzugefügt. Vgl. hierzu Alföldy: Sozialgeschichte, S.288-289.
13 Vgl. ebd., S.287.
14 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.185.
15 Vgl. ebd.
204 Anna Katharina Schönen

groß, dass viele von ihnen von Verschuldung und Verarmung betroffen waren.
Die Besitzunterschiede innerhalb der Mitglieder einer Kurie, aber auch zwischen
den Kurien verschiedener Städte waren immens. Den reicheren Kurialen, die
zumeist auch größere Ländereien außerhalb der Städte ihr Eigen nennen konnten,
gelang es, sich auf verschiedene Weisen, den städtischen Belastungen zu entzie-
hen.

„Ihre ärmeren Standesgenossen werden fortschreitend durch Zwangserblichkeit an


den Kurialenstand gebunden, der nun keine Ehre mehr darstellt, sondern dem man
sich mit allen Mitteln zu entziehen sucht.“16

Die Bindung an den Stand bzw. den Beruf betraf in der Spätantike jedoch nicht
nur die Kurialen, sondern auch andere Gruppen. So waren Handwerker, Händler
und Kaufleute in erblichen Korporationen organisiert, um die Versorgung der
Städte zu gewährleisten. Sie genossen zwar steuerliche Privilegien, mussten aber
ebenfalls bestimmte Leistungen erbringen, so beispielsweise die Abgabe bestimm-
ter Mengen an Getreide, Öl, Brot und auch für deren Transport Sorge tragen.17
Während sich die honestiores aus einer, dem Rang nach tief gestaffelten
Gruppe zusammensetzten, bildeten die humiliores eine relativ homogene
Schicht. Ihrem Leben waren Produktions- und Abgabeverpflichtungen, Berufs-
zwang, soziale Abhängigkeiten, Armut und niederes Ansehen gemein.18 Inner-
halb der städtischen plebs standen neben den Freien, auch Freigelassene sowie
städtische und private Sklaven. Die Herren hatten gegenüber ihren Sklaven eine
Fürsorgepflicht zu erfüllen, aufgrund derer es vielen, ausgenommen sind hier die
Strafsklaven, häufig besser ergangen sein wird, als vielen freien römischen Bür-
gern, die kein familiäres Auffangnetz besaßen und somit ein Leben in Armut am
Rande der Gesellschaft und am Existenzminimum fristen mussten. Unter ande-
rem zählten Witwen und Waisen, Alte und Kranke und vor allem Bettler zu den
Ärmsten der Armen. Da es keine staatlichen Fürsorgesysteme gab, waren die
gesellschaftlich Ausgestoßenen auf die Almosen der Kirche und auf deren karita-
tive Maßnahmen angewiesen. Bereits im vierten Jahrhundert wurden christlich
soziale Einrichtungen wie Armen-, Kranken-, und Fremdenhäuser gegründet.19
Für den römischen Staat galt Armut als selbstverschuldet und kriminalitätsnah

16 Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.185.


17 Vgl. ebd.
18 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.283. Die plebs rustica war zu Abgaben an Agrargütern –
annona – und zur Zahlung der Kopfsteuer – capitatio – verpflichtet. Die städtische
Bevölkerung, hier die Handwerker, waren alle fünf Jahre zur Abgabe der Vermögenssteuer –
collatio lustralis – verpflichtet, aber auch zu Arbeitsleistungen. Vgl. hierzu: Alföldy:
Sozialgeschichte, S.300.
19 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.186.
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 205

und gehörte zum alltäglichen Leben in der Stadt und auf dem Land dazu, ohne
dass sie Mitleid bei den Zeitgenossen erweckte.
Auch auf dem Land fassen wir eine ausdifferenzierte Schichtung der Bevöl-
kerung. Die spätantike Gesellschaft war ebenfalls, wie zuvor schon jene in Re-
publik und Kaiserzeit, agrarisch geprägt. Die Oberschicht erfüllte ihre Verpflich-
tung gegenüber dem Staat und der Bevölkerung durch die Bewirtschaftung gro-
ßer Landgüter. Der Großteil der ländlichen Bevölkerung war von den Groß-
grundbesitzern abhängig. Daneben gab es zwar auch noch freie Kleinbauern,
Handwerker und Händler, jedoch wurde deren Zahl immer geringer. Die großen
Landgüter wurden von sogenannten Kolonen bewirtschaftet, die – als ehemals
freie Pächter – nun durch immer mehr Gesetze an ihr Land gebunden wurden.
Dem Großgrundbesitzer gegenüber waren sie zu Abgabeleistungen verpflichtet,
unterstanden jedoch auch seinem Schutz. Neben den bereits erwähnten Kolonen
waren auch Lohn- und Saisonarbeiter vorhanden. Unterhalb dieser Gruppen
standen die Sklaven, die in großer Zahl auf den kirchlichen, kaiserlichen und
privaten Landgütern eingesetzt wurden.20 Die ländliche Bevölkerung sah sich vor
eine regelrechte Doppelbelastung gestellt, zum einen hatte sie staatliche Abgaben
zu leisten, zum anderen die für ihre Gutsherren. Jedoch existierte in der Spätanti-
ke kein großes soziales Stadt-Land-Gefälle, da auch die städtische Bevölkerung
unter den drückenden Abgabenlasten litt.21 Die Sklaverei hatte bereits früher ihre
Bedeutung als wirtschaftliche und soziale Institution verloren. Abgeschafft wur-
de sie in der Spätantike jedoch nicht.22
Die Arbeitsbedingen müssen im Allgemeinen als schlecht angesehen wer-
den. Präventive oder akute Maßnahmen gegen Armut finden sich lediglich im
Christentum, nicht jedoch im staatlichen Bereich.

„Fortschreitende Bodenbindung, Berufs- und Standesbindung sowie ein ausgepräg-


tes Rangklassensystem lassen die spätantike Gesellschaft als Kastensystem, den
spätantiken Staat als Zwangsstaat erscheinen. Dieses Bild, […], entspricht nicht der
Realität. Die spätantike Gesellschaft ist die mobilste Gesellschaft, die es je im römi-
schen Reich gegeben hat.“23

Dies zeigt nicht zuletzt die Situation der Kurialen. Es gab zahlreiche Möglichkei-
ten den Belastungen zu entkommen, bzw. sie zu umgehen. So beispielsweise
durch eine Flucht ins Militär, in den Klerus, aber auch indem sich die Kurialen

20 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.186. Vgl. ebenso: Alföldy:


Sozialgeschichte, S.304.
21 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.300-301.
22 Vgl. ebd., S.297-298.
23 Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.187.
206 Anna Katharina Schönen

dem Schutz eines Gutsherren unterstellten. Aufstiegsmöglichkeiten (upward


mobility), durch persönliche Leistungen oder Bildung, in höhere Ämter und
Würden wurden von staatlicher Seite her sogar offiziell gefördert. Auf der ande-
ren Seite konnte es passieren, dass Personen aufgrund von Verschuldung in die
absolute Armut abrutschten (downward mobility). Meist blieb dann nur der
Selbstverkauf oder der Verkauf der eignen Kinder in die Sklaverei, die Flucht in
ein Kloster, ins Militär, auf eines der großen Landgüter oder sogar über die
Grenzen des Imperiums hinaus.24
Besitz und Macht wurden die vorherrschenden Kategorien für soziales An-
sehen; die Zugehörigkeit zu einem geschlossenen Stand hingegen verlor mehr
und mehr an Bedeutung. Ethnische und regionale Herkunft waren in der Spätan-
tike kein Ausschlusskriterium mehr für soziales Ansehen, Macht und Einfluss
oder bestimmte Rangtitel und Ränge. Auch spielte die persönliche Rechtsstel-
lung nur noch eine untergeordnete Rolle, so dass der Unterschied zwischen Frei-
en und Sklaven zwar noch eine theoretische Bedeutung besaß, jedoch keine
praktische mehr, da Arbeits- und Abgabenzwang sowie Berufserblichkeit neue
Formen der Unfreiheit verkörperten.25 Die Anforderungen an den Staat für die
Sicherung des Imperiums wuchsen auf der einen Seite, während die Mittel zur
Bewältigung immer weniger wurden.

2 Die allgemeine Entwicklung des Kurialenstandes in der Spätantike

Auch die spätantiken Städte waren frei in ihrer Selbstverwaltung. Jede Stadt
besaß eine Volksversammlung, Magistrate und analog zum Senat eine Kurie. Die
Bekleidung eines Amtes und alle damit verbundenen Kosten hatte der Amtsträ-
ger aus seinem Besitz zu finanzieren. Der curia, dem Stadtrat, konnten demnach
zwangsläufig nur solche Bürger angehören, die über Besitz an Land und oder
über ein bestimmtes Vermögen an Geld verfügten, da es sich bei den städtischen
Ämtern, wie bereits erwähnt, um Ehrenämter handelte.26 Hinsichtlich eines Min-
destvermögens der Amtsinhaber scheint es keine einheitliche gesetzliche Rege-
lung gegeben zu haben27, da die einzelnen Städte bezüglich ihrer Größe und

24 Vgl. Herrmann-Otto: Gesellschaftsstruktur der Spätantike, S.187.


25 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.283.
26 Vgl. Nov. Val. 3: In den Novellen des Kaisers Valentinian I. finden wir den Betrag von 300
Soldi für das Jahr 439. Ein Reskript aus dem Jahre 342 gibt 25 iugera als Mindestgröße des zu
besitzenden Landes an. Vgl. hierzu CT 12.1.33 (342). Aus trajanischer Zeit ist uns ein
Mindestzensus von 100 000 Sesterzen, wohl für eine größere Stadt, überliefert. In kleineren
Städten war ein solch hoher Mindestzensus wohl kaum möglich.
27 Vgl. hierzu : Horstkotte, H.: Domanialpacht und Ratsmitgliedschaft nach CT 12.1.33 v.J.342,
in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Bd. 75, 1988, S.247-253. Vgl. ebenso: Hahn, I.:
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 207

Funktion zu unterschiedlich waren. Der Eintritt in die Kurie und der damit ver-
bundene soziale Aufstieg muss auch im 4. Jahrhundert noch, trotz der immensen
finanziellen Belastung – zumindest für einige Personen – erstrebenswert gewe-
sen sein. Alle Kurialen besaßen strafrechtliche Privilegien und verfügten über
Ansehen und Macht gegenüber den Bürgern ihrer Städte.28 Auch gelang es den
wohlhabenderen Kurialen nicht zuletzt durch die Möglichkeit in ihren Gemein-
den die Steuern einzutreiben29, ihren finanziellen Besitz vor den Zugriffen des
Fiskus zu schützen und die Lasten auf ihre weniger wohlhabenden Amtskollegen
abzuwälzen.30 Auch die Korruption innerhalb der Ämterhierarchie stellte eine
willkommene Möglichkeit dar, den städtischen Aufgaben zu entgehen und sich
je nach Position zusätzlich zu bereichern.31
Die zu leistenden munera (Abgabeleistungen) lassen sich in städtische und
staatliche unterteilen und waren sowohl mit finanziellem Aufwand verbunden als
auch breit gefächert.32 Vorstellbar ist, dass die ungünstigen wirtschaftlichen und
sozialen Voraussetzungen gerade bei der steuerzahlenden Bevölkerung zu Ver-
schuldung und Verarmung führten, so dass es für die Kurialen nicht einfach war,
teilweise sogar unmöglich, den Bürgern die fälligen Steuern abzuringen.
Der immense staatliche Machtapparat (zivil und militärisch) war aber, um
funktionsfähig zu bleiben, auf die Finanzkraft der städtischen Eliten angewiesen.
Und so mussten die Kurialen, da die finanziellen Ansprüche des Staates stets
vorrangig waren, mit ihrem Vermögen für nicht eingetriebene Steuern haften.
Die Ausgaben in diesem Bereich werden zwar von Kurie zu Kurie unterschied-
lich gewesen sein, jedoch muss davon ausgegangen werden, dass die finanziellen
Belastungen beträchtlich waren.

Immunität und Korruption der Curialen in der Spätantike, in: W. Schuller (Hrsg.): Korruption im
Altertum, München 1982, S.180. Vgl. weiterhin: Lehmann, H.: Grenzen der Mehrfachbesteuerung
in der Spätantike. Zur Auslegung von CT 12.1.33, in: Historia 33, H. 3, 1984, S.378-384.
28 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.293.
29 Hier vorwiegend die Kopf- und Bodensteuer. Vgl. Horstkotte, H.: Die >Steuerhaftung< im
spätrömischen >Zwangsstaat<, (Athenäums Altertumswissenschaften, Bd. 185), Frankfurt am
Main2 1988 sowie Alföldy: Sozialgeschichte, S.295. Die Kurialen mussten bei Versäumnissen
mit Strafen und persönlicher Haftung gerade stehen.
30 Vgl. Bleicken, J.: Verfassungs- und Sozialgeschichte des römischen Kaiserreiches, 2 Bde,
Paderborn 1978, S.179.
31 Vgl. Hahn, I.: Immunität, S.180-181.
32 Vgl. hierzu weiterführend: Eck, W.: Sacrae Litterae, Chiron 7, 1977, S.365-383 und
Langhammer, W.: Die rechtliche und soziale Stellung der Magistratus municipales und der
Decuriones in der Übergangsphase der Städte von sich selbstverwaltenden Gemeinden zu
Vollzugsorganen des spätantiken Zwangsstaates (2. - 4. Jahrhundert der römischen Kaiserzeit),
Wiesbaden 1973 sowie Tinnefeld, F.: Die frühbyzantinische Gesellschaft, (Kritische
Informationen 67), München 1977, S.101-107.
208 Anna Katharina Schönen

Das Tätigkeitsfeld und die Ausgaben aus den Taschen der Kurialen umfass-
ten jedoch noch weitaus mehr. Sie hatten mit ihrem Vermögen dafür zu sorgen,
dass die Staatspost aufrecht erhalten blieb, sich die Straßen und öffentlichen
Gebäude in einem einwandfreiem Zustand befanden, Rekruten angeworben wur-
den, aber auch, dass das Heer mit Nahrung und Kleidung versorgt wurde. Des
Weiteren waren sie in ihrer Gemeinde für Sicherheit und Ordnung sowie für die
Finanzen zuständig, was bedeutete, dass sie auch hier für Schulden mit ihrem
eigenen Vermögen hafteten. Hinzu kamen Ausgaben für die Lebensmittelversor-
gung der städtischen Bürger sowie für Spiele und Gesandtschaften.33 Die Ausga-
ben der Kurien für den Staat und die eigene Stadt konnten immens hoch sein.
Häufig sogar zu hoch oder zumindest so hoch, dass viele von Verarmung und
Verschuldung betroffen waren.
Der einzige Ausweg aus dieser beklemmenden Situation wurde in der
Flucht aus den spätantiken Kurien gesucht. Ein Problem, das auch an den Kai-
sern der Spätantike nicht vorüberging. Waren doch die Städte als kleinste Ver-
waltungseinheit des Reiches wichtiger Baustein zur Herrschaftssicherung. Die
zahlreichen spätantiken Gesetze – im Codex Theodosianus sind es etwa 200 –
bezeugen, dass es Finanzprobleme in den spätantiken Kurien gab. Sie bezeugen
aber auch die Versuche der spätantiken Kaiser, der Situation Herr zu werden. Die
Gesetze zielten darauf ab, die Mitglieder in den Kurien und darüber hinaus deren
Besitz für selbige zu erhalten.
Doch wem kamen diese Maßnahmen letztlich zu Gute? Sollten sie ver-
schuldete oder verarmte Kurialen wieder solvent und damit zahlungsfähig ma-
chen? Waren die Maßnahmen tatsächliche Hilfsmaßnahmen? Oder steckte doch
nur kaiserliches beziehungsweise politisch-finanzielles Machtkalkül auf Kosten
der städtischen Eliten dahinter?
Die kaiserliche Verwaltung hatte ein großes Interesse an der reibungslosen
Erfüllung der kurialen Pflichten. Nur auf diese Weise waren die Ansprüche des
Fiskus auf Dauer zu garantieren.34 Die Ansprüche bezogen sich sowohl auf das
Vermögen, als auch auf die Arbeitskraft der Kurialen an sich. Da diese Leistun-
gen nicht zwangsläufig an eine Person gebunden waren, konnten die Pflichten
auch durch einen Stellvertreter erfüllt werden.35 Ausgenommen von den städti-

33 Vgl. Ausbüttel, F. M.: Die Verwaltung der Städte und Provinzen im spätantiken Italien,
Frankfurt am Main 1988, S.11 und Langhammer: Magistratus, S.237-262 sowie Alföldy:
Sozialgeschichte, S.295. Vgl. auch Schubert, W.: Die rechtliche Sonderstellung der
Dekurionen (Kurialen) in der Kaisergesetzgebung des 4.-6. Jahrhunderts, in: Zeitschrift der
Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, romanistische Abteilung 86, 1969, S.288-289.Vgl.
ebenso Tinnefeld: Gesellschaft, S.103-104. Vgl. zur persönlichen Haftung der Dekurionen bei
Schulden: Horstkotte: Steuerhaftung.
34 Vgl. Tinnefeld: Gesellschaft, S.164-165.
35 Vgl. Schubert: Die rechtliche Sonderstellung der Dekurionen, S.290.
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 209

schen Verpflichtungen waren diejenigen Personen, die Immunitätsprivilegien


besaßen.36 Selbstverständlich war es erstrebenswert, in den Genuss solcher Privi-
legien, auf welche Weise auch immer, zu gelangen.
Die Verpflichtung in ihren Gemeinden die Steuern einzutreiben, ließ die
Kurialen in den Augen ihrer Zeitgenossen als Tyrannen37 erscheinen – jedoch
wurden sie gerade dadurch auch zu Opfern des spätantiken Staates. Denn die
Pflichten waren aus zahlreichen Gründen keineswegs immer zu erfüllen, gerade,
wenn die wirtschaftliche Situation der Spätantike in Betracht gezogen wird.

„Von einer Selbstverwaltung der Städte im Stil der frühen Kaiserzeit, mit dem eifri-
gen Wettbewerb der vermögenden Bürger um die Bekleidung der kommunalen Äm-
ter, konnte unter derartigen Umständen kaum noch die Rede sein.“38

Was der Staat an Geld, Waren und Rekruten benötigte, ging per Meldung vom
Präfekten an die Provinzen und wurde anschließend vom Statthalter auf die Städ-
te umgelagert. Die Forderung landete in der jeweiligen Kurie, die dann dafür
verantwortlich war, dass die Lieferung vollständig und pünktlich erfolgte.39 Hier
wird sowohl der finanzielle Aufwand, den ein Kuriale in der Spätantike zu leis-
ten hatte, als auch die Arbeitskraft seiner eigenen Person, die für die Leistungen
gebraucht wurde, deutlich.
Noch in der Kaiserzeit war der Aufstieg von Söhnen aus Kurialenfamilien
in die Kurie gerne gesehen und freiwillig. Dies änderte sich in der Spätantike.
Eine zwangsweise Verpflichtung zum Beitritt für Dekurionensöhne ist seit Kai-
ser Diokletian belegbar. Neben der Tradition, die städtischen Räte möglichst
elitär zu halten, wird hier wohl auch der Faktor eine große Rolle gespielt haben,
dass in solchen Familien bereits das nötige Vermögen zur Finanzierung der städ-
tischen Lasten vorhanden war.40 So konnte eine reibungslose Weiterführung
städtischer Selbstverwaltung und Finanzierung gewährleistet werden.
Es ist davon auszugehen, dass die Ämter für viele Kurialen, auch wenn es
Unterschiede innerhalb der einzelnen Kurien gab, munera (Pflichten) und keine
honores (Ehren) darstellten.41 Außer Zweifel steht, dass die spätantiken Regle-

36 Wie es unter Kaiser Konstantin etwa die Kleriker besaßen. Vgl. hierzu: Eusebius: h.e. 10.7.2.
Vgl. weiterführend: Herrmann-Otto, E.: Konstantin der Große. Darmstadt2 2009.
37 Vgl. Salvianus: De gub. Dei 5.18.
38 Alföldy: Sozialgeschichte, S.295.
39 Vgl. Neesen, L.: Die Entwicklung der Leistungen und Ämter (munera et honores) im
römischen Kaiserreich des zweiten bis vierten Jahrhunderts, in: Historia, Bd. 30, H. 2, 1981,
S.203-205.
40 Vgl. Ausbüttel: Verwaltung der Städte, S.11.
41 Vgl. zur Entwicklung der munera und honores: Neesen: Entwicklung der Leistungen, S.203-
235.
210 Anna Katharina Schönen

mentierungen bei Versäumnis der Abgaben erheblich strenger waren, als noch in
der Kaiserzeit. Die Gesetzgebung Kaiser Konstantins rückte die Kurialen
schließlich, durch eine zwar gesetzlich nicht festgelegte, aber faktisch vorhande-
ne Zwangserblichkeit in die Nähe von Unfreien.42 Auch die antiken Quellen
sprechen von wirtschaftlicher und sozialer Not der Kurialen.43 Ausmaß und Art
der Dienstleistungen, aber auch der Vermögensbesitz einzelner Kurialen, werden
sich je nach Lage und Größe der Stadt unterschieden haben. Provinzmetropolen
hatten wohl mehr Abgaben zu leisten als kleine Landstädte, Hafenstädte hatten
andere Aufgaben als Städte in den Alpen. Die Angaben über die Belastungen
lassen sich also nur schwer in eine Relation zum tatsächlichen Vermögen der
Kurialen bringen.
Sowohl die literarischen Quellen als auch die Verordnungen der Kaiser,
weisen auf das Problem verlassener Kurien oder solcher mit nur wenigen Mit-
gliedern hin. Auch wenn den literarischen Quellen Übertreibung zugunsten der
Argumentation unterstellt wird, so zeigen die Vergleiche mit anderen Quellen-
gattungen doch den wahren Kern der Situation: Die Plätze in den spätantiken
Kurien waren nicht nur, nicht mehr erstrebenswert geworden, es fehlte darüber
hinaus an finanzkräftigem Nachschub, welcher mit normalen Mitteln längst nicht
mehr zu rekrutieren war. Und diejenigen, die bereits ein kuriales Amt bekleide-
ten, waren nur schwer zu halten. Die Gründe hierfür müssen, wie bereits oben
erläutert, in den hohen Belastungen und dem Zwang gesucht werden, den der
Staat auf die Mitglieder der Kurien ausübte.44 Der griechische Redner Libanios
berichtet, dass um 380 n. Chr. in der Kurie des syrischen Antiochia, wo es einst
600 und mehr Kurialen gegeben hatte, nicht einmal mehr 60 Mitglieder gab.45
Basilios, einer der drei kappadokischen Kirchenväter, berichtet davon, dass in
den kappadokischen Städten, die Kurialenzahlen so gering waren, dass einst
sogar ein vierjähriges Kind, als Erbe eines Vermögens, in die Liste der Kurie
eingetragen wurde.46 Unter Kaiser Valentinian I. waren die Kurien schließlich ab
dem dritten Ratsmitglied arbeitsfähig.47
Die Kurialenschicht der Städte war also teilweise so weit ausgedünnt, dass
nicht einmal mehr jede Stadt drei Kurialen aufzuweisen hatte.

42 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.294.


43 Vgl. Laktanz: Per. 7. Vgl. Zosimos: Hist. II.38.
44 Vgl. Liebeschuetz, J.H.W.G: Decline and Fall of the Roman City, Oxford 2001, S.32. Vgl.
auch Alföldy: Sozialgeschichte, S.297 sowie Schubert: Die rechtliche Sonderstellung der
Dekurionen, S.288ff. Vgl. ebenso: Tinnefeld: Gesellschaft, S.105-106.
45 Vgl. Libanios: Or. 48.4.
46 Vgl. Basilios: Ep. 84.2.
47 Vgl. Nov. Val. 13.10.
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 211

„Nach dem Vorbild eines so heilsamen Selbstbewußtseins handelte auch der Präfekt
Florentius, als er gehört hatte, der Kaiser habe in einer verzeihlichen Angelegenheit
voller Zorn befohlen, ebenfalls aus den Ständen vieler Städte je drei Ratsherren hin-
richten zu lassen. Dabei bemerkte er: Und was geschieht, wenn eine Stadt nicht so
viele Ratsherren hat? Im Übrigen muß man es dabei belassen, daß man die Leute
erst umbringen kann, wenn man sie hat.“ 48

Die Gründe hierfür liegen ganz klar in dem Versuch vieler Kurialen, sich den
Lasten auf unterschiedliche Arten und Weisen zu entziehen. Damit wurde das
Problem allerdings nicht gelöst, sondern verschlimmert: Denn jene wenigen, die
in den Kurien zurückblieben, übernahmen die Haftung für den Ausfall der Flüch-
tigen. Jedoch ist an dieser Stelle anzumerken, dass es sich nicht um einen Nie-
dergang des Kurialenstandes an sich handelte, sondern dass hier viel eher eine
Differenzierung innerhalb der Kurialenschicht vorlag. Der mittlere Landbesitzer
schwand mehr und mehr aus den Kurien und übrig blieben die reichen Groß-
grundbesitzer auf der einen und die niederen, ärmlichen Kurialen auf der anderen
Seite. Und die reichen Mitglieder der Kurie wussten – wie bereits erläutert – ihre
Machtstellung auf Kosten der anderen Ratsmitglieder auszunutzen.49 Es stellt
sich daher die Frage, ob es dem Staat überhaupt möglich war, zu der Einsicht zu
gelangen, dass ein stärkerer Zwang auf die Kurialen nur zu erhöhter Verschul-
dung führte, und dass dies letztendlich weder der städtischen Selbstverwaltung
noch dem Funktionieren des Staates dienlich war.
Neben der zwangsweisen Einschreibung von Söhnen und Enkeln existierten
weitere Methoden, die Mitgliederzahlen der geschrumpften Kurien wieder aufzu-
füllen. So mussten alle vermögenden Personen, sollten sie als Fremde Grund und
Boden besitzen oder sich als incolae vorübergehend in dem städtischen Einzugs-
gebiet aufhalten, in die kurialen Listen eingetragen werden.50 So berichtet
Ammianus Marcellinus:

„Auch jenes Gesetz war unerträglich, welches zu Unrecht gestattete, in die Gemein-
schaften der städtischen Stände Nichteinheimische oder solche Personen aufzuneh-
men, die von diesen Vereinigungen durch Privilegien oder durch ihre Geburt weit
geschieden waren.“51

48 Ammianus Marcellinus: 27,7,7: “cuius salutarem fiduciam praefectus imitatus Florentius, cum
in re quadam uenia digna audisset eum percitum ira iussisse itidem ternos per ordines urbium
interfici plurimarum, “et quid agitur”, ait “si oppidum aliquod curiales non habuerit tantos?
inter reliqua id quoque suspendi debet, ut, cum habuerit, occidantur.”
49 Vgl. Tinnefeld: Gesellschaft, S.106.
50 Vgl. CT 12.1.5 (317) sowie Alföldy: Sozialgeschichte, S.295.
51 Ammianus Marcellinus: 25.4.21: „illud quoque itidem parum ferendum, quod municipalium
ordinum coetibus patiebatur iniuste quosdam annecti uel peregrinos uel ab his consortiis
priuilegiis aut origine longe discretos.“ Auch konnten in dem Falle einer „leeren“ Kurie, Per-
212 Anna Katharina Schönen

Und an anderer Stelle:

„Als er [Julian] von dort [Ankyra] aus weiterziehen wollte, belästigte ihn eine Men-
ge Menschen. Teils forderten sie die Rückgabe von Gütern, die ihnen mit Gewalt
entrissen worden waren, teils beklagten sie sich, weil sie zu Unrecht dem Stande der
Ratsherren zugeteilt worden waren[…].“52

Die spätantiken Autoren wissen, wie gezeigt wurde, um den Fakt, dass nicht
selten Personen in die städtischen Kurien aufgenommen wurden, die angesichts
verschiedenster Voraussetzungen, seien sie nun Freie oder Privilegierte, eigent-
lich von den Lasten befreit gewesen wären. Da hier aber wohl noch ungenutztes
finanzielles Potential vorhanden war, war es nur selbstverständlich, auch solche
Personen in die Kurien einzuziehen. So hatte auch Kaiser Konstantin bereits per
Erlass festgelegt, dass nur jene kirchlichen Diener privilegiert und somit von den
kurialen Lasten zu befreien sind, die dem wahren Glauben53 angehörten. Alle
anderen waren rigoros in die Kurien einzuziehen.54 Ein sehr bezeichnendes Bei-
spiel finden wir in den Briefen des Basilios. Im Jahre 375 n. Chr. griff der
vicarius der Diözese von Pontus – Demosthenes – der selbst die arianischen
Christen begünstigte, zu einer Maßnahme gegen die Kleriker des Basilios, die in
diesem Zusammenhang für sich selbst spricht. Er ließ sie – gemeint sind seine
Gegner – in die Kurialenlisten der Städte eintragen.55 Auch für die Provinz
Nordafrika sind Zwangseinweisungen in die Kurien aufgrund religiöser Streitig-
keiten belegt. Kaiser Konstantin der Große musste im Zuge des Donatistenstreits
die Steuer- und Abgabenbefreiung der Katholiken immer wieder gesetzlich be-
stätigen, da ihnen selbige von den Donatisten streitig gemacht wurden.56 Bereits
im Jahre 313 n. Chr. erging eine reichsweite Anordnung, Kleriker von allen
öffentlich-rechtlichen Dienstleistungen zu befreien.57 „Die mehrmalige Wieder-

sonen ex causa berufen werden, also Männer unter 25 oder über 55 Jahren. Aufgrund ihres Al-
ters wären diese von den kurialen Pflichten befreit gewesen.
52 Ammianus Marcellinus: 22.9.12: „eumque exinde progredientem ulterius mulitudine
inquietabat, pars uiolenter erepta reddi sibi poscentium, alii querentes consortiis se curialium
addictors iniuste […]“.
53 Gemeint ist hier das Christentum.
54 Vgl. Eusebius: h.e. 10.7. Vgl. weiterhin Horstkotte, H.: Vom Honoratiorenzirkel zur
Strafanstalt? Rekrutierungsvorschriften für die spätrömische Kurie, in: Zeitschrift für
Papyrologie und Epigraphik, Bd. 125, 1999, S.246-247 sowie CT 16.2.1 (313[?]) und 16.2.7
(330).
55 Vgl. Basilios: Ep. 237.2 dazu Alföldy: Sozialgeschichte, S.295 mit weiterführender Literatur.
Alföldy sieht diese Maßnahme als unvorstellbar und gegen die orthodoxen Christen gerichtet.
Zur gegenteiligen Ansicht vgl. Horstkotte: Honoratiorenzirkel, S.247.
56 Vgl. Herrmann-Otto, E.: Konstantin, S.91.
57 Vgl. Eusebius: h.e. 10.7.2.
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 213

holung dieses Privilegs, das auch heidnische Priester und jüdische Synagogen-
vorsteher besaßen, zeigt, dass es nicht uneingeschränkt akzeptiert wurde.“58
Kaiser Konstantin ging hart gegen die Maßnahmen, Kleriker trotz ihrer Befrei-
ung aufgrund von Immunitätsprivilegien in die städtischen Räte einzuziehen,
vor. Denjenigen, die eines solchen Vergehens schuldig waren, drohte er öffentli-
che Prügelstrafen an und schloss alle häretischen Gruppierungen von den Immu-
nitätsprivilegien aus.59
Aber halfen solche Maßnahmen wirklich, die Kurien aufzufüllen und somit
den Druck auf die wenigen Mitglieder zu verbessern und dadurch deren Finanz-
kraft zu stärken? Wenn dem so wäre, stellt sich die Frage, warum die städtischen
Ämter in der Spätantike von zahlreichen Personen als Strafe und nicht wie einst
als Privileg empfunden wurden oder sie teilweise sogar als Strafmaßnahme ver-
hängt wurden.60
Auch vor dem Einzug von Deserteuren in spätantiken Kurien schreckten die
Kaiser nicht zurück:

„Wir befehlen, daß militärtaugliche Veteranensöhne – von denen, wie Du [sc. Statt-
halter] vorträgst, eine Reihe sich gegen den Soldatendienst sträubt und einige so fei-
ge sind, daß sie durch körperliche Versehrung dem Soldatendienst ausweichen wol-
len – dann, wenn sie wegen abgeschnittener Finger als wehruntauglich befunden
werden, ohne Wenn und Aber an die kurialen Pflichten und Aufgaben gebunden
werden.“61

All dies zeigt auf eindrückliche Weise das Bemühen der Kaiser, die Kurien mit
allen Mitteln und sämtlichen zur Verfügung stehenden Personen aufzufüllen.
Neben den Zwangsrekrutierungen wurde auch die Bewegungsfreiheit der Kuria-
len eingeschränkt. Ihre Stadt durften sie beispielsweise nur mit Genehmigung

58 Herrmann-Otto: Konstantin, S.164. In Nordafrika waren es die Donatisten, die den


katholischen Klerikern die Befreiung von den städtischen Aufgaben streitig machen wollten,
aber auch in anderen Teilen des Reiches war dieses Vorgehen durch andere Interessensgruppen
(beispielsweise Hetäriker oder Bürger) keine Seltenheit, da diese die Mehrfachbelastung
fürchteten und ihr so zu entgehen versuchten Vgl. hierzu ebenfalls: Herrmann-Otto:
Konstantin, S.164.
59 Vgl. ebd. Vgl. zu den Gesetzen: CT 16.27.2 (330), CT 16.5.1 (326).
60 Vgl. zur Ansicht der Strafmaßnahmen: Horstkotte: Honoratiorenzirkel.
61 CT 7.22.1 (319): „Veteranorum liberos aptos militiae, quorum quidam ut desides recusant
militarium munerum functionem, quidam adeo ignavi sunt, ut cum dispendio corporis militiae
velint necessitatem evadere, iubemus, si ad militiam inutiles resectis digitis iudicentur,
curialibus sine aliqua ambiguitate muneribus atque obsequiis adgregari.“ Übersetzung nach
Horstkotte: Honoratiorenzirkel, S.244. Auch hier handelt es sich laut Horstkotte nicht um eine
Strafmaßnahme, die Kurie wird lediglich zum Ersatzdienst. Ein späteres Gesetz lässt den Söh-
nen dieser Soldaten die Wahl, entweder den Beruf des Vaters zu ergreifen oder den Pflichten
der Kurie nachzukommen. Vgl. CT 7.22.2 (326).
214 Anna Katharina Schönen

des Staathalters verlassen, auch wenn es sich um eine staatliche Angelegenheit


handelte. Darüber hinaus war es ihnen verboten, sich außerhalb der Städte auf
ihren Gütern niederzulassen. War ein Ratsmitglied länger als fünf Jahre abwe-
send, so wurde der Besitz umgehend von der Kurie eingezogen.62 Eine weitere
Einschränkung betraf die freie Berufswahl. So durften Kurialen keinen Beruf
ausüben, der eine Gefährdung ihrer Amtspflicht mit sich brachte. Durch die
Erblichkeit des kurialen Sitzes waren auch die Nachkommen in ihrer Berufswahl
eingeschränkt. Als Erben war es ihnen nicht gestattet einen Beruf zu ergreifen,
infolge dessen sie ihre Heimatstadt verlassen mussten, von ihren Pflichten befreit
würden oder der einen zu großen Aufwand ihrer Arbeitskraft oder ihrer Finanzen
mit sich brächte.63 Auch hier lässt sich wieder das Interesse der Gesetzgeber
erkennen, die Kurialen ihren Städten mitsamt ihrer Finanzkraft zu erhalten. Die
zahlreichen Gesetze, die dies verboten, bezeugen, dass nicht wenige Kurialen
von diesen Praktiken Gebrauch zu machen versuchten. Berufe, die Kurialen gar
nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen ergreifen durften, bezogen sich
auf den staatlichen Verwaltungsdienst, das Militär sowie kirchliche Ämter. Aber
auch der Eintritt in die erblich gewordenen Handwerkerkorporationen war den
Mitgliedern der Kurie verboten.64
Wären die ökonomischen Zusammenhänge erkannt worden, hätten in die-
sem Falle nicht andere Maßnahmen zur Anwendung kommen müssen, anstelle
von Zwang und erblicher Bindung an die städtischen Räte? Beispielsweise kai-
serliche Hilfsmaßnahmen für verarmte oder verschuldete Kurialen?
Und tatsächlich existiert ein kaiserlicher Erlass, welcher festlegte:

„Wenn es jetzt aber einen [Kurialen] gibt, der von einem solchen Unglück getroffen
wurde, dass er unterstützt werden muss, dann ist desselben Name zu unserer Kennt-
nis zu nennen, damit er für eine gewisse Zeit von den städtischen Verpflichtungen
beurlaubt werden kann.“65

In Fällen wirtschaftlicher Verschuldung und Verarmung bestand also generell für


die Mitglieder der Kurie, wenn auch nur über einen kurzen Zeitraum hinweg, die
Möglichkeit, sich von den Pflichten freistellen zu lassen. Aber kann hier bereits
von einer kaiserlichen Hilfsmaßnahme gesprochen werden? Sicher könnte dies in
dem einen oder anderen Fall, dem Betroffenen sogar geholfen haben, sich –
wirtschaftlich betrachtet – zu erholen. Von einer langfristigen Lösung kann aber
aufgrund der bereits dargestellten Situation in den städtischen Räten nicht die

62 Vgl. Alföldy: Sozialgeschichte, S.295.


63 Vgl. Schubert: Die rechtliche Sonderstellung der Dekurionen, S.292.
64 Vgl. ebd.
65 CT 12.3.1 (386).
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 215

Rede sein. Auch wurde zuvor in eben diesem Gesetz66 erklärt, dass kein Richter
das Recht hat, Kurialen von ihren Lasten zu befreien oder aus der Kurie zu ent-
lassen. Das heißt, wer sich in der Zeit der Freistellung nicht finanziell erholen
konnte, hatte genau wie zuvor seine Abgaben zu leisten. Die Frage, ob es sich
um eine Hilfsmaßnahme handelte, ist also klar zu verneinen. Das kaiserliche
Interesse war rein auf die Finanzkraft der Kurialen ausgerichtet und somit müs-
sen alle Maßnahmen als kurzfristige Lösungen betrachtet werden. Zu fragen ist
nun, welche Möglichkeiten den Kurialen blieben, um Verarmung und Verschul-
dung dauerhaft zu entgehen?

3 Die Flucht aus den spätantiken Kurien als Möglichkeit des


Schuldenentzugs

Da die städtischen Ämter Ehrenämter waren, war jedes Mitglied der Kurie darauf
bedacht, die Verwaltungstätigkeiten so weit wie möglich zu minimieren oder
sich ihnen ganz zu entziehen. Durch das staatliche System der Vergabe von Eh-
rentiteln und Privilegien wurden die Bestrebungen, sich der Kurie zu entziehen,
zumindest indirekt gefördert. Immunität von Dienstleistungen und damit Befrei-
ung von den städtischen Lasten, war mit dem Dienst im Heer, in der Reichsver-
waltung, mit bestimmten Dienstleistungen für den Staat sowie mit Rang- und
Ehrentiteln verbunden.67 Mit zunehmendem Ausbau der Verwaltung und des
Heereswesens, wie wir es in der Spätantike fassen können, nahm natürlich auch
der Kreis der Personen, die Anspruch auf Immunität hatten, zu. Somit ergab sich
für den Staat ein regelrechtes Dilemma: Einerseits mussten Titel und Ehrenränge
verliehen werden, um herausragende Personen für ihre Verdienste zu ehren,
anderseits erwuchsen daraus Nachteile für die städtische Verwaltung. Die privi-
legierten Personen gingen der Kurie schlichtweg verloren. Vor allem für die
reicheren Kurialen war das Erlangen von Titeln und Ehrenrängen eine attraktive
Möglichkeit, sich nicht nur von einer drohenden Verschuldung bei Verbleib in
der Kurie zu befreien, sondern daraus auch noch Vorteile für die eigene soziale
Stellung zu ziehen. In den antiken Quellen ist die Abwanderung reicher Kurialen
in den Senat oder höhere Beamtenstellen zu fassen. Die weniger begüterten Ku-
rialen versuchten dagegen in den unteren Verwaltungsbüros, dem Klerus sowie
dem Militär unterzukommen oder suchten Zuflucht auf den Gütern der Groß-
grundbesitzer.68 Zum einen bestand also die Möglichkeit der Flucht nach oben,

66 Vgl. CT 12.3.1 (386).


67 Vgl. Tinnefeld: Gesellschaft, S.164-165.
68 Vgl. Schubert: Die rechtliche Sonderstellung der Dekurionen, S.288. Schubert führt die
Situation der Kurialen nicht nur auf die erdrückenden Lasten zurück, sondern auch auf den
216 Anna Katharina Schönen

in höhere soziale und wirtschaftliche Ränge, zum anderen die, der Flucht nach
unten, in eine niedere gesellschaftliche Schicht und Stellung.
Während noch im zweiten Jahrhundert die Zugehörigkeit zum ordo
decurionum wegen der zahlreichen Vorzüge begehrt war, stellte sich die Situati-
on der städtischen Eliten seit den Reformen der Kaiser Diokletian und Konstan-
tin etwas anders dar. In der Spätantike war die Attraktivität der Mitgliedschaft im
Stadtrat durch Zwänge, körperlichen Züchtigungen und Korruption auf ein Mi-
nimum geschrumpft. Die Verpflichtung für Söhne, der Kurie beizutreten, in der
Vaterstadt zu verbleiben und das Verbot einen Beruf zu erlernen, welcher die
Tätigkeiten für die Kurie gefährdete, machten aus dem einstigen Wettbewerb um
das städtische Amt und dem daraus resultierenden Prestige eine unangenehme
Rechtspflicht. Dem Einzelnen wurde die Möglichkeit zur persönlichen Profilie-
rung um das Amt genommen und somit wohl auch ein Großteil der Motivation,
die Amtspflichten zu erfüllen.69
Betrachten wir nun zunächst die Flucht nach oben. Anzumerken ist, dass es
zumindest im 4. Jahrhundert noch Aufstiegsmöglichkeiten über rein kommunale
Ämter hinaus gab, und dass auch die Zwangsbindung an die Kurie diese Mög-
lichkeit nicht zwangsläufig verschlechtert hatte.70 So konnten die Ratsmitglieder
in einen Ritterrang aufsteigen. Diese gehobenen Ränge durften seit Kaiser Kon-
stantin allerdings nur jene Kurialen erlangen, die bereits allen Pflichten gegen-
über der Kurie nachgekommen waren.71 Wurde ein solcher Rang anlässlich eines
besonderen Verdienstes, beispielsweise der Teilnahme an einer Provinzialge-
sandtschaft verliehen und geschah dies noch vor der völligen Erfüllung der
Amtspflichten, so blieb der Rang erhalten, die zu leistenden munera blieben
ebenfalls bestehen.72 Ritterränge konnten von den städtischen Ratsmitgliedern
also durchaus erworben werden und dies sogar vorzeitig. Die Rangprädikate
wurden darüber hinaus nicht wieder aberkannt. Wichtig ist hier, dass auch die
Ansprüche der Kurie bestehen blieben.
Eine weitere Möglichkeit des Aufstieges boten die senatorischen Rangprä-
dikate oder sogar die Mitgliedschaft im Senat.73 Der Aufnahmeakt für jene, die

Rückgang der politischen Bedeutung der Städte. Jedoch erkennt er die Unentbehrlichkeit des
Dekurionenstandes für den Staat an. Vgl. auch Tinnefeld: Gesellschaft, S.164-166.
69 Vgl. Horstkotte, H.: Die überkommunalen Ränge im Dekurionenrat der späten Kaiserzeit, in:
Klio, Bd. 83, H. 1, 2001, S.152.
70 Vgl. ebd., S.154.
71 Vgl. CT 12.1.5 (317). Vgl. auch Tinnefeld: Gesellschaft, S.167. In den Gesetzen wird
allerdings nicht exakt beschrieben, was genau ein Kuriale zu leisten hatte, damit seine
Verpflichtungen gegenüber der Kurie als erfüllt gelten konnten.
72 Vgl. CT 6.38.1 (313-337), CT 12.1.4 (317), CT 12.1.25 (338).
73 Vgl. Tinnefeld: Gesellschaft, S.165. Vgl. weiterführend: Chastagnol, A.: L`Album municipal
de Timgad, Bonn 1978. Das Dekurionenalbum von Timgad weißt beispielsweise Vulcacius
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 217

keinen senatorischen Geburtsstatus besaßen, lief über den praefectus urbi als
Vertretung des Kaisers im Senat.74 Unter Kaiser Konstantin hatten auch in diesen
Fällen die Rechte der Kurie uneingeschränkten Vorrang. Waren die Kurialen und
deren männliche Nachkommen unter Kaiser Diokletian noch durch die Ranger-
höhung von ihren kurialen Lasten befreit, so sollte unter Kaiser Konstantin die
Rangerhöhung nicht mehr vor Entzug der Pflichten schützen.75 Die Ansprüche
des Fiskus hatten also bereits im 4. Jahrhundert absoluten Vorrang. Ein Aufstieg
aus der Kurie in den Senat setzte die vorherige Erfüllung der Pflichten voraus
oder zumindest das Stellen von Ersatzmännern. Unter Kaiser Valens wurden
Senatsmitglieder, die keine Ersatzmänner stellen konnten, an ihre jeweiligen
Kurien zurückgesandt. Ausgenommen waren nur jene, die bereits elf Jahre Mit-
glied im Senat waren oder dort eine besondere Stellung innehatten. 76 Bezüglich
der Nachkommenschaft von Senatoren, die ehemalige Kurialen waren, ist die
spätantike Gesetzeslage unscharf. Unter Kaiser Valentinian I. waren die nach
dem Aufstieg geborenen Söhne wohl für die senatorische Laufbahn vorgesehen.
Kaiser Theodosius I. verfügte in einem ersten Erlass, dass alle Söhne der Auf-
steiger in die kuriale Laufbahn einzugliedern seien. Ein späterer Erlass revidiert
diese Entscheidung teilweise und so war es einem von drei männlichen Nach-
kommen gestattet, die senatorische Laufbahn zu ergreifen.77
Die höheren Rangprädikate konnten darüber hinaus auch ohne eine vorheri-
ge Ämterlaufbahn erworben werden. So verfügte Kaiser Theodosius II., dass
Nachkommen aus Dekurionenfamilien, deren Väter das Rangprädikat der illust-
res geführt hatten, sowohl an die Lasten des Senates als auch der Kurie gebun-
den waren; dies galt ebenso für die Ränge der spectabiles.78 Der Aufstieg des
Vaters entband seine Nachkommen also nicht generell von den kommunalen
Lasten. Seit Kaiser Konstantin musste zumeist ein männlicher Erbe das kuriale
Amt weiterführen. Unten den Kaisern der Severerdynastie war es hingegen noch
üblich, alle männlichen Nachkommen nach einer Rangerhöhung des Vaters von
den kurialen Pflichten zu befreien.79 Die Auszeichnung mit Rangprädikaten
brachte aber für die Träger definitiv Privilegien mit sich. Die Gesetzgeber unter-
schieden jedoch zwischen den Rängen von Amtswegen und solchen, die nur als

Rufinus eindeutig als Mitglied des Senates aus, während die anderen dort aufgelisteten
Senatsmitglieder wohl nur verbriefte Rangtitel besaßen.
74 Vgl. Horstkotte: Die überkommunalen Ränge, S.155.
75 Vgl. unter Kaiser Diokletian: Symmachus: Or.7 und unter Kaiser Konstantin: CT 12.1.14
(326[353]).
76 Vgl. CT 12.1.74.1-3 (371).
77 Vgl. Horstkotte: Die überkommunalen Ränge, S.156.
78 Vgl. ebd. Vgl. ebenso: CT 12.1.187 (436).
79 Vgl. Horstkotte: Die überkommunalen Ränge, S.156.
218 Anna Katharina Schönen

besondere Ehrung verliehen wurden. Letztere entbanden ihre Träger nicht von
den städtischen Pflichten.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es Kurialen möglich war,
höhere gesellschaftliche Ränge zu erlangen, allerdings nur unter bestimmten
Voraussetzungen. Auch der Stand der Kurialen nahm demnach an der spätanti-
ken Differenzierung der Ranghierarchie teil, da es ihnen möglich war, senatori-
sche und ritterliche, aber auch Hof- und Provinzialverwaltungsränge zu erlangen.
So wurden die lokalen Eliten über die Verleihung von Titeln mit den provinzia-
len und imperialen Eliten verbunden.80
Zahlreiche ärmere Kurialen hingegen haben den Versuch unternommen, in
dem großen Apparat der Zivilverwaltung unterzukommen. War es ihnen dort
gelungen, eine höhere Position zu erreichen oder auch in niederen Positionen 20
Jahre lang unentdeckt zu bleiben, waren sie von ihren städtischen Verpflichtun-
gen entbunden. Auch eine Stellung in der höfischen Verwaltung konnte nach 30
Jahren unentdeckten Wirkens eine Rücksendung an die eigene Kurie verhin-
dern.81 Der Eintritt ins Militär – schon von Kaiser Diokletian als eine arglistige
Umgehung der Pflicht – als fraus civilium munerum82 bezeichnet, stellte aber für
viele Kurialen eine Verlockung und oftmals die einzige Möglichkeit dar, um
ihren städtischen Pflichten entkommen zu können.83

„Jene aus dem Dekurionengeschlecht oder jene, die für die Kurie nominiert sind, wenn
das bewiesen ist, sind sie ihrer Stadt und ihrer Kurie zurückzugeben. Der Beschluss
geht an alle, die es vorhaben und die ein militärisches Amt innehaben[…].“84

Denn auch hier konnten die Ratsmitglieder meist nach 10 Jahren Dienstzeit im
Heer verbleiben, ohne eine Zwangsrückführung in den Stadtrat fürchten zu müs-
sen. Natürlich waren diese Praktiken den Kurialen verboten und den Gesetzge-
bern durchaus bekannt. Durch die Rücksendung der Betroffenen versuchten die
Kaiser der Kurialenflucht Einhalt zu gebieten und so die geschröpften Kurien
wieder aufzufüllen.85 Wer als Ausweg aus der Kurie den Weg in den Klerus

80 Vgl. Horstkotte: Die überkommunalen Ränge, S.160.


81 Vgl. CT 12.1.13 (326), CT 12.1.52 (362), CT 12.1.11 (325).
82 Vgl. CJ 12.33.2.
83 Vgl. CT 12.1.10 (325). Den Dekurionensöhnen war aufgrund ihrer Bindung an die Kurie der
Militärdienst untersagt, ebenso jede andere Tätigkeit, die sie von ihren Verpflichtungen
entband. Sollte ein solcher Fall vorliegen, waren die betreffenden Personen an ihre Kurie
zurückzugeben.
84 CT 12.1.10 (325): “[…] utrum ex genere decurionum sit vel ante nominatus ad curiam, ut, si
quid tale probetur, curiae suae et civitati reddatur. Quam formam circa omnes, qui iam dudum
probati in militaribus officiis agunt [….]”.
85 Vgl. CT 12.1.22 (336): “Cum decuriones decurionumque filii deque his geniti ad diversas
militias confugiant, iubemus eos in quibuscumque officiis militantes exemptos militia restitui
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 219

wählte, musste sein Vermögen der Kurie abtreten. Jedoch ließ sich auch hier
Immunität durch 10 Jahre unentdeckten Kirchendienst erreichen. So blieb dem
Flüchtigen zusätzlich das eigene Vermögen erhalten.
Die Bestimmungen über die Zeiträume, wie lange ein Kuriale in der Ver-
waltung, im Hofdienst, im Kirchendienst oder im Militär gedient haben musste,
um von seinen Pflichten entbunden zu werden, schwankten über die Jahre und
unter den einzelnen Kaisern.86 Die Entscheidung, ob eine Strafe für ein solches
Vergehen erfolgte und wenn ja, in welchem Ausmaß, oblag dem Ermessen des
jeweils amtierenden Kaisers. Die Entscheidung darüber wurde von der Stellung
und der Leistung, die die Kurialen bereits erbracht hatten und noch erbringen
konnten, beeinflusst. Auch hier ging es also nicht primär darum, die verarmten
Kurialen wieder solvent zu machen, sondern einzig und allein um den Vorrang
des Staates und dessen Funktionsfähigkeit. Hatte der Kuriale beispielsweise im
Hofdienst oder im Militär so viel geleistet, dass er unabkömmlich geworden war,
wurde er natürlich nicht an die Kurie zurückgesandt.
Denjenigen, die nicht in höhere Ämter und Würden aufsteigen konnten,
blieb nur die Flucht nach unten, in niedere gesellschaftliche Schichten. Konstan-
tin der Große bestimmte, dass diejenigen Kurialen, die unter dem Schutz eines
Großgrundbesitzers Zuflucht suchten, indem sie eine Verbindung mit dessen
Sklavin eingingen, auf eine Insel zu verbannen seien.87 Ihre mobilen und städti-
schen Besitztümer waren zu konfiszieren und die Ländereien an die Kurie zu
geben, sofern keine Familienangehörigen vorhanden waren, die die kurialen
Pflichten übernehmen konnten.88

curiae exceptis his, qui in palatii nostri iam habentur officiis.” / „Wenn Dekurionen oder
Dekurionensöhne oder deren Nachgeborene in den Heeresdienst flüchten, sind sie der Kurie
zurückzugeben, welches Amt sie auch immer ausüben, ausgenommen von diesem Beschluss
sind jene, die ein Amt in der Hofverwaltung innehaben.“ Hervorzuheben ist hier, dass
Konstantin I. lediglich diejenigen von der Rücksendung an die heimische Kurie befreit, die in
der Hofverwaltung tätig waren, da sie hier wohl einen wesentlich größeren Nutzen erbringen
konnten oder diesen bereits erbracht hatten.
86 Vgl. CT 12.1.37 (344), CT 12.1.38 (346).
87 Vgl. CT 12.1.6 (319): “[…] Praecipimus itaque, ne decuriones in gremia potentissimarum
domorum libidine ducente confugiant. Si enim decurio clam actoribus atque procuratoribus
nescientibus alienae fuerit servae coniunctus, et mulierem in metallum trudi per sententiam
iudices iubemus et ipsum decurionem in insulam deportari, bonis eius mobilius et urbanis
mancipiis confiscandis, praediis vero et rusticis mancipiis civitati, […]” / “[…] Wir bestimmen
deshalb, dass es Dekurionen verboten ist, sich durch Flucht in Patronage zu begeben. Wenn
sich ein Dekurion mit der Sklavin eines anderen Mannes eine Verbindung eingeht, ist die Frau
per Gesetz in die Minen zu geben und der Dekurion auf eine Insel zu deportieren, seine mobi-
len und städtischen Besitztümer sind zu konfiszieren, seine wirklichen Ländereien und ländli-
chen Besitztümer sind an die Kurie zu geben,[…]“.
88 Vgl. Herrmann-Otto, E.: Sklaven und Frauen unter Konstantin, in: A. Demandt, J. Engemann
(Hrsg.): Konstantin der Große. Geschichte – Archäologie – Rezeption. Internationales Kollo-
220 Anna Katharina Schönen

Die Maßnahme klingt erst einmal sehr hart, aber es ist zweierlei zu beden-
ken: Die Kinder aus einer solchen Verbindung folgten in ihrem Status der Mut-
ter, sie waren also von Geburt an Sklaven und so blieben auch die männlichen
Nachkommen von den kurialen Pflichten ausgeschlossen. Auch der Kuriale
selbst war mit seiner Arbeitskraft und seinem Vermögen für die Kurie verloren.
Indem nun das Vermögen des Flüchtigen konfisziert und dessen Ländereien in
den Besitz der Kurie übergingen, blieb der Kurie aber immerhin noch ein finan-
zieller Vorteil erhalten. Der Möglichkeit, aus einer personenrechtlichen Degra-
dierung einen finanziellen Vorteil zu erhalten, wurde schon früh ein Riegel vor-
geschoben. So legte Kaiser Diokletian fest, dass Infamie, also die Herabsetzung
der bürgerlichen Ehre durch schändliches Tun, zwar den Betreffenden von Äm-
tern und Würden ausschloss, nicht aber von den städtischen Leistungen – denn
aus Strafe sollten nicht noch finanzielle Vorteile erwachsen.89
Zu einer Lösung des Kurialenproblems trug dies jedoch genauso wenig bei,
wie der Versuch, den Verkauf kurialer Güter an die Prüfung durch den
Provinzialgouverneur zu binden. Da der Sitz in der Kurie an das Vermögen ge-
bunden war, bedeutete dies im Umkehrschluss, wer kein Vermögen in Form von
Gütern oder Geldern besaß, konnte die kurialen Pflichten nicht mehr erfüllen.
Die Konsequenz aus dieser Schlussfolgerung war, dass die Kurialen dazu über-
gingen, ihre Güter entweder zu verkaufen oder sogar zu verschenken.90 Von
diesen Praktiken weiß auch Ammianus Marcellinus zu berichten:

„Aber es war bitter und tadelnswert, daß unter seiner Regierung jemand, den die
Ratsherren für ihren Stand in Anspruch nahmen, selbst wenn er durch Privilegien,
viele Dienstjahre und die Sicherheit einer völlig anderen Abstammung geschützt
war, nur mit Mühe das ihm billigerweise zustehende Recht behaupten konnte. Ja, es
kam so weit, daß sich viele in ihrer Furcht vor den Belästigungen durch heimliche
Schenkung freikauften.“91

quium vom 10.-15. Oktober 2005 an der Universität Trier zur Landesausstellung Rheinland-
Pfalz 2007, (Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 32), Trier 2007, S.90: Auch
der Gutsbesitzer, der die Flucht gedeckt hatte, musste eine Strafe zahlen. Diese umfasste die
Teilkonfiskation seines Besitzes. Vgl. zum Strafmaß für Kurialen unter Kaiser Julian: CT
12.1.50.2 (362): Kurialen, die in ein potentium domus geflohen waren, mussten eine Geldstrafe
je nach Höhe ihres Vermögens zahlen.
89 Vgl. CJ 10.59.1. Vgl. ebenso: Horstkotte: Honoratiorenzirkel, S.246.
90 Vgl. Tinnefeld: Gesellschaft, S.166-167. Hier wird vor allem auf die Möglichkeit verwiesen,
sich durch Scheinverkauf des eigenen Besitzes und der Übernahme der Verwaltung auf
Fiskalland rechtlich betrachtet in den Status eines Kolonen zu begeben.
91 Ammianus Marcellinus: 22.9.12: “[…], quod aegre sub eo a curialibus quisquam appetitus,
licet priuilegiis et stipendiorum numero et originis penitus alienae firmitudine communitus, ius
obtinebat aequissimum, adeo ut plerique territi emercarentur molestias pretiis clandestinis.”
Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 221

Auch die Gesetze bezeugen, dass den Kurialen generell die Möglichkeit offen
stand, ihren Besitz zu veräußern;92 dies sowohl durch Verkauf als auch unent-
geltlich. Diejenigen, die nicht persönlich dem Rat verpflichtet waren, hatten
neben den Steuern noch eine Sondersteuer an die Kurie zu entrichten, wenn sie
unentgeltlich kurialen Besitz erwarben. So war die Möglichkeit gegeben, dass
das Gut entweder im Besitz der Kurie verblieb oder, falls es von einem Nicht-
Dekurion erworben wurde, wenigstens steuerliche Vorteile für den Fiskus er-
brachte.93 Es ist davon auszugehen, dass die Erträge der Güter die laufenden
Kosten gedeckt haben müssen, da ansonsten wohl niemand das kuriale Gut über-
nommen hätte.94 Seit dem 4. Jahrhundert waren die Verkaufswilligen dazu ver-
pflichtet, dem Provinzialgouverneur ihre Gründe darzulegen und sich eine Ge-
nehmigung für den Verkauf einzuholen.95 Dies sollte Betrügereien und Täu-
schungsmanövern vorbeugen und den Kurialen die Möglichkeit nehmen, sich
durch den Verkauf oder die Schenkung der Güter ihrer Pflichten zu entziehen.
Zusätzlich werden wohl Verschuldung und Krankheit die Gründe gewesen sein,
die die Kurialen in eine ausweglose Lage und damit zum Verkauf ihrer Güter
bewogen hatten.96
Die Folgen liegen auf der Hand: Die Kurialenschicht wurde aufgrund der
hohen Lasten und der damit einhergehenden Verschuldung immer weiter ausge-
dünnt. Kommunale und staatliche Forderungen stiegen auf der einen Seite, auf
der anderen Seite wussten sich viele Kurialen durch den Erwerb von Privilegien
oder durch Flucht zu entziehen. Die noch übrig geblieben Kurialen wurden dem-
nach noch stärker zur Verantwortung gezogen und das veranlasste wiederum
viele, sich ihren Aufgaben zu entziehen. Diese Missstände bewogen die Kaiser,
wie gezeigt wurde, zu zahlreichen Gegenmaßnahmen. Dazu zählten Zwangsrek-
rutierungen, kurzfristige Befreiungen von Abgaben oder einfach nur der Ver-
such, den Verkauf von kurialen Ländereien zu erschweren. Fakt ist jedoch, dass
diese ihre gewünschte Wirkung verfehlten. Rund 200 Gesetze im Codex
Theodosianus gelten dem Kurialenproblem und bezeugen, dass es nicht zu lösen
war. Der spätantike Staat hat die ökonomischen Zusammenhänge schlichtweg
nicht erkannt. Die Maßnahmen halfen weder den insolventen Kurialen, sich

92 Vgl. CJ 10.3.1.3-4.
93 Vgl. CT 12.1.149 (149).
94 Vgl. CT 12.1.5 (317), CT 12.1.65 (365).
95 Vgl. CT 12.3.1 (386).
96 Vgl. ebd.: “Si quis decurionum vel rustica praedia vel urbana vel quaelibet mancipia venditor
necessitate coactus addicit, interpellet iudicem conpetentem omnesque causas singillatim
quibus stranguilatur exponat […]” / „Wenn ein Dekurion der Notwendigkeit untersteht seine
Ländereien, städtische oder ländliche oder Güter, welcher Art auch immer, zu veräußern, so
muss er dies einer zuständigen Behörde melden und alle einzelnen Gründe erklären, die ihn
dazu veranlassen […]“.
222 Anna Katharina Schönen

wirtschaftlich zu erholen, noch gelang es den Kaisern dadurch, dauerhaft die


Finanzkraft der Städte zu stärken. Wenn die Anordnungen doch einmal Linde-
rung brachten, dann nur kurzfristig. Denn noch unter Kaiser Justinian I. (527-565
n. Chr.) hören wir Klagen über die Flucht aus den Kurien. 97

Literaturverzeichnis

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Zosimos: Neue Geschichte. Übersetzt und eingeleitet von Otto Veh, durchgesehen und
erläutert von Stefan Rebenich, Stuttgart 1990.

97 Vgl. Nov. 38.


Die Flucht aus den Kurien in der Spätantike 223

Sekundärliteratur:

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224 Anna Katharina Schönen

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Fehlinformationen zu Zuzahlungen bei Leistungen
der Gesetzlichen Krankenkassen am Beispiel der
Zahnvorsorge – Aspekte der Bewältigung ungleicher
Gesundheitschancen bei Armut und Schulden 1

Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

1 Soziale Ungleichheit und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen

Zur Bewältigung von Schulden, insbesondere von Überschuldung, sind physi-


sche und psychische Gesundheit wichtige Faktoren. Das Abtragen von Schulden
oder auch die Einleitung eines Insolvenzverfahrens mit möglicher Restschuldbe-
freiung gelingt am besten bei voller Handlungskapazität. Die wichtige Ressource
Gesundheit ist jedoch nicht gleich verteilt.
Dass sozioökonomische Unterschiede sowohl mit der Lebenserwartung als
auch mit Krankheitsrisiken zusammenhängen ist leicht verständlich, wenn man
sich beispielsweise Gesundheitsversorgung, Ernährung und Wohnbedingungen
in verschiedenen Erdteilen anschaut (bspw. Commission on Social Determinants
of Health 2008, Marmot 2005, Marmot und Wilkinson 2006). Aber auch inner-
halb der einzelnen Industriestaaten gibt es enorme Unterschiede in den Gesund-
heitserwartungen, die mit dem sozialen Status variieren (bspw. Klein und Unger
2001, Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2009, Mackenbach 2005).
Neben Bildung und beruflicher Stellung spielen das Einkommen bzw. die zur
Verfügung stehenden finanziellen Mittel eine zentrale Rolle für ungleich verteil-
te Gesundheitschancen (Hradil 2006; Mielck 2005). Für Deutschland haben
Lampert und Kroll (2006) einen Zusammenhang zwischen Einkommen und
Lebenserwartung aufgezeigt: Männer aus der untersten Einkommensgruppe (bis
zu 60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens) scheinen eine um mehr als
zehn Jahre kürzere Lebenserwartung zu haben, als Männer der höchsten Ein-
kommensgruppe (mehr als 150% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens).
Für Frauen zeigt sich die gleiche Richtung des Zusammenhangs, er ist jedoch
weniger stark ausgeprägt.2 Drastische sozioökonomische Unterschiede sind in

1 Teile dieses Artikels werden Bestandteil der Dissertationsschrift der Erstautorin sein.
2 Einen ähnlichen Zusammenhang zeigt auch eine ältere Studie von Voges und Schmidt (1996)
und Reil-Held (2000).

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3_9,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
226 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

Deutschland auch im Bereich der Morbidität insbesondere in Bezug auf Herz-


Kreislauferkrankungen belegt (Lampert und Kroll 2010, Lampert et al. 2005,
Mielck 2005). Bei überschuldeten Privatpersonen sind nicht nur die finanziellen
Mittel eingeschränkt, auch die soziale Vernetzung ist oft schlecht (Rüger et al.
2010). In der Studie „Armut, Schulden und Gesundheit“ (ASG-Studie) am Insti-
tut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz
wurden Belege für eine desolate Gesundheitssituation überschuldeter Menschen
in Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern gefunden (Münster et al.
2007, 2009, Münster und Letzel 2008, Ochsmann et al. 2009).
Zum internationalen Phänomen der sozialgesundheitlichen Ungleichheit
wurde bereits eine Vielzahl an Erklärungsmodellen entwickelt und wichtige
Einflussfaktoren wurden identifiziert. Das von Mielck (2005) entwickelte Modell
hinsichtlich der Wirkrichtung ‚soziale Ungleichheit bedingt gesundheitliche
Ungleichheit‘ berücksichtigt vier Hauptfaktoren: Den vermehrten Alltagsbelas-
tungen sozial und ökonomisch schlechter gestellte Personen wie schlechtem
Wohnraum, körperlich belastenden Arbeiten und Ausgrenzungserfahrungen ste-
hen oft auch verminderte Ressourcen zur Bewältigung gegenüber, im Sinne von
Wissen, Erholung, Selbstwirksamkeitserwartung und sozialer Unterstützung.
Dieses Ungleichgewicht kann zu Disstress (negativer Stress) und dieser wiede-
rum zu negativen Gesundheitsfolgen führen. Ein weiterer Faktor zur Erklärung
der gesundheitlichen Ungleichheit ist das individuelle Verhalten. Es ist vielfältig
belegt, dass sozioökonomisch benachteiligte Personen häufiger zu riskanten
gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen wie Tabak- und Alkoholkonsum oder
ungesunder Ernährung neigen (Lampert und Kroll 2010, Lampert et al. 2005,
Mielck 2005, Münster et al. 2009, Zier et al. 2011). Hinzu kommen in Mielcks
Modell noch Unterschiede in der Gesundheitsversorgung, die etwa durch Unter-
schiede in der Versicherung, finanzielle Hürden oder auch Kommunikations-
probleme mit dem Arzt entstehen können.
Die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen ist ein wichtiger Aspekt
des Gesundheitsverhaltens und der Gesundheitsversorgung zugleich, da sie zent-
raler Bestandteil der individuellen Möglichkeiten zur Förderung und Wiederher-
stellung der eigenen Gesundheit ist. Die Entscheidung des Patienten über die
Inanspruchnahme medizinischer Hilfe beeinflusst den Gesundheitszustand bzw.
Krankheitsverläufe maßgeblich. Insbesondere von Ausgabenarmut betroffene
Personen weisen eine geringe Inanspruchnahme von zuzahlungspflichtigen me-
dizinischen Leistungen auf (Münster et al. 2010a, Lostao et al. 2007). Auch
präventive Leistungen, die von Zuzahlungen befreit sind, werden von Menschen
in niedrigeren sozialen Schichten seltener in Anspruch genommen (Lampert et
al. 2005). Darunter fallen beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimp-
fungen und Gesundheitsförderangebote der Gesetzlichen Krankenkassen.
Fehlinformationen zu Zuzahlungen am Beispiel der Zahnvorsorge 227

Zur Erklärung der zugrunde liegenden Entscheidungsprozesse wird häufig


das Modell zur Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen von Andersen
(1995) herangezogen. Dort werden drei Gruppen von Einflussgrößen auf die
Inanspruchnahme medizinischer Leistungen unterschieden: der wahrgenommene
und objektive Bedarf, disponierende Faktoren wie sozioökonomische Faktoren,
Krankheitsverständnis, Gesundheitswissen, und erleichternde Ressourcen, zu
denen etwa die Krankenversicherung, Versorgungsdichte und Zugang zählen.
Ein Erklärungsfaktor der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, der
sich gesellschaftlich und politisch beeinflussen lässt, ist das Wissen über medizi-
nische Leistungen und deren Kosten. Im deutschen Gesundheitssystem sind
bereits seit den 90er Jahren vermehrt finanzielle Eigenbeteiligungen der Versi-
cherten der Gesetzlichen Krankenkassen vorgesehen (Busse und Riesberg 2005:
219ff; Graf von der Schulenburg 2005). Insbesondere seit dem Inkrafttreten des
Modernisierungsgesetztes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-
Modernisierungsgesetz) am 1. Januar 2004 spielen Zuzahlungen für die Inan-
spruchnahme medizinischer Leistungen eine wichtige Rolle. Mit dem Gesetz
wurde nicht nur die zum 1. Januar 2013 wieder abgeschaffte Praxisgebühr von
10 € beim ersten Arztbesuch im Quartal fällig, sondern auch weiterhin bestehen-
de Zuzahlungen beispielsweise bei Medikamenten, Zahnersatz, Hilfs- und Heil-
mitteln. Um möglichen Ausgrenzungen aus dem Gesundheitssystem zu begeg-
nen, sind einige präventive Leistungen von Zuzahlungen befreit. Zudem wurden
Härtefallregelungen zur Zuzahlungsbefreiung und zur Unterstützung bei Kosten
durch Zahnersatz eingerichtet.3
Zur Bekanntheit dieser Regelungen existieren für Deutschland keine reprä-
sentativen Erhebungen. Eine Befragung von Versicherten der Allgemeinen Orts-
krankenkasse deutet jedoch auf erhebliche Informationslücken hin (Eller et al.
2002). Auch anhand von qualitativen Experteninterviews mit Schuldnerberatern
konnte exemplarisch aufgezeigt werden, dass weder Mitarbeiter der Schuldner-
und Insolvenzberatungsstellen, noch ihre Klienten ausreichend über diese Härte-
fallregelungen informiert sind (Münster et al. 2010b). Auch nicht realisierte
Teilhabemöglichkeiten im Präventionsbereich könnten auf mangelnde Informa-
tion zurückzuführen sein. Möglich ist, dass die Zuzahlungsfreiheit gewisser
Präventionsangebote nicht bekannt ist. Es könnte also passieren, dass insbeson-
dere Personen in finanzieller Knappheit Leistungen nicht in Anspruch nehmen,
aus der unbegründeten Angst heraus, dass ihnen Kosten entstehen würden. Fehl-
informationen über Leistungen und ihre Kosten können daher insbesondere bei
einkommensarmen Personen zur verminderten Inanspruchnahme von Gesund-

3 Ebenso wurde eine Härtefallreglung für die aktuell jedoch von keiner Gesetzlichen Kranken-
kasse erhobenen Zusatzbeiträge entwickelt.
228 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

heitsleistungen und damit zur verminderten Realisierung von Gesundheitschan-


cen führen.

2 Beispiel Zahnvorsorge

Im Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) – Gesetzliche Krankenversiche-


rung – ist geregelt, welche Präventionsleistungen wie Schutzimpfungen und
Vorsorgeuntersuchungen die Leistungen der Gesetzlichen Krankenkassen um-
fassen müssen (u.a. § 20d, § 22 und § 25). Diese Leistungen werden also grund-
sätzlich durch die Gesetzliche Krankenversicherung getragen. Zusätzlich regelte
§ 28 Abs. 4 SGB V bis zum seinem Wegfall die Ausnahme vieler Präventions-
leistungen von der bis zum 31.12.2012 erhobenen Praxisgebühr.4 Auch für die
zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung galt diese Regelung zur Ausnahme von der
Praxisgebühr: Im Bundesmantelvertrag – Zahnärzte (aktuellste Fassung: Kassen-
zahnärztliche Bundesvereinigung 2012a) und im Ersatzkassenvertrag – Zahnärz-
te (Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung 2012b)5 ist seit dem 01.01.2004
geregelt, dass die zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung für Erwachsene zwei Mal
im Kalenderjahr von der Praxisgebühr befreit ist, wenn zwischen den Vorsorge-
untersuchungen jeweils vier Monate liegen und zu diesem Termin keine weiteren
Leistungen des Zahnarztes in Anspruch genommen werden. Im Rahmen dieser
Untersuchung darf zudem ein Mal im Jahr ein Röntgenbild aufgenommen und
Zahnstein entfernt werden, ohne dass die Praxisgebühr erhoben werden darf.
Bei Recherchen zu Vorsorgeleistungen im Gesundheitssystem wurden an ei-
nigen Stellen unterschiedliche Informationen zu Kassenleistungen gefunden. So
waren beispielsweise nicht auf allen Webseiten von Gesetzlichen Krankenversi-
cherungen inhaltsgleiche Informationen bezüglich der Anzahl der von der Pra-
xisgebühr ausgenommen Zahnvorsorgeuntersuchen für Erwachsene bereitgestellt
worden. Auf einzelnen Seiten wurde übereinstimmend angeben, dass dies nur
einmal im Jahr der Fall sei, was der Vertragsregelung wiederspricht und daher
als falsch angesehen werden kann. Diese Information hängt möglicherweise mit
der Regelung zu den Festzuschüssen beim Zahnersatz (§ 55 SGB V) zusammen,
die höhere Zuschüsse für Versicherte vorsieht, die über 5 bzw. 10 Jahre regelmä-
ßig einmal im Jahr an der zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung teilgenommen
haben. Das heißt, für die Erlangung des höchstmöglichen Zuschusses ist es nötig,
einmal jährlich zur Zahnvorsorge zu gehen, von der Zuzahlung befreit ist diese

4 § 28 Abs. 4 des SGB V, der die Erhebung der sog. Praxisgebühr regelt, wurde zum 1. Januar
2013 aufgehoben.
5 Die Regelung zur Fälligkeit der Praxisgebühr trat laut beiden Verträgen bereits zum 1.Januar
2004 in Kraft.
Fehlinformationen zu Zuzahlungen am Beispiel der Zahnvorsorge 229

laut Bundesmantelvertrag jedoch zwei Mal jährlich. Diese Information wurde


nicht auf allen Webseiten korrekt angegeben.
Vor dem Hintergrund, dass die Verbreitung von fehlerhaften Informationen
zu Gesundheitsleistungen gerade in Bezug auf Behandlungskosten zur vermin-
derten Inanspruchnahme und damit zur verminderten Realisierung von Gesund-
heitschancen führen kann, wurde am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umwelt-
medizin der Universitätsmedizin Mainz eine Untersuchung zur Richtigkeit von
Auskünften der Gesetzlichen Krankenkassen durchgeführt. Als Zweig der Sozi-
alversicherung und Träger der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Ge-
setzlichen Krankenkassen eine wichtige Informationsquelle zu Gesundheitsan-
geboten und deren Kosten. Um die Problematik beispielhaft abzubilden, wurden
Gesetzliche Krankenkassen systematisch zur Zuzahlungsregelung bei der zahn-
ärztlichen Vorsorgeuntersuchung für Erwachsene befragt.

3 Methodik der Befragung von Gesetzlichen Krankenkassen

Um die Informationspraxis bezüglich einer etwaigen finanziellen Eigenbeteili-


gung bei der oben beschriebenen zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung inner-
halb der Gesetzlichen Krankenversicherungen zu untersuchen, wurden eine tele-
fonische Befragung, sowie eine schriftliche Befragung per E-Mail bei einer
Stichprobe von 20 Gesetzlichen Krankenkassen durchgeführt.
Aus der Gesamtheit aller Gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland
(n=139)6 wurden durch Satzungsüberprüfung diejenigen ermittelt, die für alle
Berufsgruppen geöffnet sind (n=139) und deren Geschäftsgebiet Rheinland-Pfalz
einschließt (n=78). Um ein repräsentatives Bild für die Mehrzahl der Versicher-
ten7 zu erhalten und gleichzeitig mögliche strukturelle Unterschiede berücksich-
tigen zu können, wurden die 15 Gesetzlichen Krankenkassen mit den meisten
und die fünf Gesetzlichen Krankenkassen mit den wenigsten Versicherten aus-
gewählt und in die Befragung einbezogen (Bundesministerium für Gesundheit
2009). In dieser Stichprobe waren abgesehen von den Landwirtschaftlichen
Krankenkassen alle Kassenarten der Gesetzlichen Krankenversicherung (Allge-
meine Ortskassen, Betriebskrankenkassen, Ersatzkassen, Innungskrankenkassen)
enthalten.

6 Stand: 3.12.2009 (GKV Spitzenverband 2009).


7 Die Zahl der Versicherten umfasst zusätzlich zu den freiwilligen und pflichtversicherten Mit-
gliedern der jeweiligen Krankenkasse auch deren über die beitragslose Familienversicherung
abgesicherte Angehörige.
230 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

3.1 Telefonische Befragung

Im ersten Schritt der Erhebung wurden zwischen Dezember 2009 und März 2010
die Servicetelefone aller 20 eingeschlossenen Gesetzlichen Krankenkassen kon-
taktiert, die auf den Internetseiten der jeweiligen Krankenkasse angeben waren.
Am Telefon wurde eine alltägliche Beratungssituation simuliert. Dabei wurde
nach der (damaligen) jährlichen Anzahl der zuzahlungsbefreiten Zahnvorsorge-
untersuchungen für Erwachsene gefragt. Diejenigen Krankenkassen mit einer
Niederlassung in der Region Mainz (n=7, davon eine kleine Krankenkasse) wur-
den zusätzlich telefonisch in diesen Niederlassungen kontaktiert.
Bei der telefonischen Befragung wurde allen Gesprächspartnern die folgen-
de Frage gestellt: „Wie oft kann ich im Jahr als Erwachsener kostenlos zur Vor-
sorgeuntersuchung beim Zahnarzt gehen?“ In Abhängigkeit von der Richtigkeit
der Antwort des Gesprächspartners wurde das Gespräch fortgesetzt (siehe sche-
matische Darstellung in Abbildung 1). Erfolgte daraufhin die richtige Antwort
(a), wurde noch einmal nachgefragt, ob in diesem Fall auch keine Praxisgebühr
bezahlt werden müsse. Erfolgte eine falsche Auskunft (b), wurde der Gesprächs-
partner mit der richtigen Aussage und ihrer Quelle konfrontiert: „Ich habe aber
gelesen, dass man zwei Mal im Jahr kostenlos zur Vorsorge gehen kann. Das
steht im Bundesmantelvertrag für Zahnärzte.“
Fehlinformationen zu Zuzahlungen am Beispiel der Zahnvorsorge 231

Frage: Wie oft im Jahr ist die


zahnärztliche
Vorsorgeuntersuchung
kostenlos?

2 x pro Jahr Antwort 1 x pro Jahr

Hinweis auf
Bundesmantelvertrag für
Zahnärzte §8a:
2 Vorsorgeuntersuchungen pro
Jahr kostenlos

2 x pro Jahr evtl. Korrektur 1 x pro Jahr

Abbildung 1: Schematischer Gesprächsablauf der telefonischen Befragung


Gesetzlicher Krankenkassen bzgl. der Zahnvorsorge

Auf diese Weise wurden insgesamt 26 Kontakte hergestellt. Bewertet werden nur
Aussagen, die innerhalb dieses Gesprächs getroffen wurden. Rückrufe oder er-
neute Anrufe fanden nicht statt.

3.2 Befragung per E-Mail

Zwischen Januar und März 2010 wurden zusätzlich 19 der in der Stichprobe
enthaltenen Krankenkassen schriftlich – je nach Möglichkeit per E-Mail oder
Kontaktformular – kontaktiert. Zu einer Krankenkasse war auf diesem Weg ohne
Versicherungsnummer kein Kontakt möglich. In den verschickten Nachrichten
wurde die Identität des Absenders als Mitarbeiter des Instituts für Arbeits-, Sozi-
al- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz offengelegt. Sie enthiel-
ten u. a. die Frage „Wie oft im Jahr wird die zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung
für Erwachsene von Ihrer Krankenkasse finanziert und ist damit für die Versi-
cherten zuzahlungsfrei?“
232 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

4 Auskünfte der Gesetzlichen Krankenkassen

Zusammenfassend sind alle Antworten der kontaktierten Gesetzlichen Kranken-


kassen in Tabelle 1 abgebildet.

4.1 Ergebnisse der telefonischen Befragung

Von allen 20 eingeschlossenen Gesetzlichen Krankenkassen wurden Servicetele-


fone erreicht. In einem Fall wurde die Auskunft verweigert, da der Anrufer nicht
bei dieser Krankenkasse versichert war und auch Wechselwilligen diese Aus-
kunft nicht erteilt wird.
Sieben Servicestellen (darunter zwei kleine Krankenkassen) gaben auf An-
hieb die korrekte Auskunft, dass zwei Vorsorgeuntersuchungen pro Kalenderjahr
kostenlos – also von Zuzahlungen befreit – seien. In zwölf Fällen (darunter drei
kleine Krankenkassen) wurde übereinstimmend die Auskunft erteilt, dass für
Erwachsene lediglich eine einzige Untersuchung pro Kalenderjahr zuzahlungs-
frei sei. Nach Nennung der korrekten vertraglichen Grundlage durch den Anrufer
berichtigten vier der betroffenen Servicestellen (darunter zwei kleine Kranken-
kassen) ihre Auskunft dahingehend, dass zwei Vorsorgeuntersuchungen im Jahr
von Zuzahlungen befreit seien, während drei Servicestellen auf der zuvor gege-
benen Antwort beharrten. In fünf der Gespräche (darunter eine kleine Kranken-
kasse) reagierte der Gesprächspartner unsicher und verwies auf andere An-
sprechpartner oder bot einen Rückruf an.
Alle sieben regionalen Geschäftsstellen in der Region Mainz konnten er-
reicht werden. In zwei Gesprächen wurde auf Anhieb die Auskunft erteilt, dass
zwei Vorsorgeuntersuchungen pro Kalenderjahr zuzahlungsbefreit seien, wäh-
rend in den fünf anderen Gesprächen (darunter eine kleine Krankenkasse) die
Auskunft erteilt wurde, dass nur eine Vorsorgeuntersuchung im Kalenderjahr
kostenlos sei. Nach Nennung der korrekten Regelung berichtigten zwei Ge-
schäftsstellen (darunter eine kleine Krankenkasse) ihre Auskunft dahingehend,
dass zwei Vorsorgeuntersuchungen kostenlos seien, zwei Geschäftsstellen blie-
ben bei der zuvor gegebenen Auskunft und ein Gesprächspartner reagierte verun-
sichert.

4.2 Ergebnisse der Befragung per E-Mail

Von den 19 schriftlich kontaktieren Gesetzlichen Krankenkassen gingen von


acht eine schriftliche Antwort auf unsere Frage ein. Davon beinhalteten die Ant-
Fehlinformationen zu Zuzahlungen am Beispiel der Zahnvorsorge 233

worten von fünf Krankenkassen die Aussage, dass die Vorsorgeuntersuchung


zwei Mal jährlich von Zuzahlungen befreit sei. Eine weitere Antwort beinhaltete,
dass lediglich die Abrechnung durch die Zahnärzte auf zwei Vorsorgeuntersu-
chungen pro Jahr begrenzt sei, dem Versicherten selbst bei Zahnarztwechsel
jedoch keine Obergrenze gesetzt sei. Zwei Antworten enthielten die Auskunft,
dass die Vorsorgeuntersuchung einmal im Jahr kostenlos sei.
Von zwei Krankenkassen wurde keine Reaktion erhalten, während von sie-
ben Krankenkassen (darunter alle 5 der eingeschlossenen kleinen Krankenkas-
sen) Standardantworten ohne inhaltlichen Bezug auf die Anfrage eingingen. Vier
Krankenkassen haben das Institut auf die Anfrage hin telefonisch kontaktiert,
von zweien dieser Kassen ging trotz Bitte keine schriftliche Antwort ein (davon
eine kleine Krankenkasse).

4.3 Kohärenz der Ergebnisse in den verschiedenen Befragungen

Von fünf Gesetzlichen Krankenkassen haben wir über alle drei Kontaktversuche
Auskunft bekommen. Keine dieser Krankenkassen hat über alle drei Kontakte
hinweg eine inhaltsgleiche Antwort gegeben. Acht Krankenkassen gaben über
zwei der Anfragewege Auskunft. Von diesen Kassen gab eine auf Anhieb bei
beiden Kontakten die inhaltsgleiche Auskunft, dass die Vorsorgeuntersuchung
(mindestens) zwei Mal pro Jahr von Zuzahlungen befreit sei. Bezieht man sich
auf die Auskunft nach der Nennung der gesetzlichen Reglung trifft diese Aussa-
ge auf zwei weitere Krankenkassen zu, während die anderen drei Krankenkassen
keine inhaltsgleichen Auskünfte über die verschiedenen Kontakte hinweg gaben.
Zu acht der ausgewählten Gesetzlichen Krankenkassen wurde nur auf einem
Weg der Kontakt hergestellt, zu einer Krankenkasse war keine Kontaktaufnahme
möglich.
234 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

Tabelle 1: Antworten der 20 befragten Gesetzlichen Krankenkassen


darauf, wie häufig im Jahr die Teilnahme an der
Zahnvorsorgeuntersuchung für erwachsene Versicherte
kostenlos ist, für verschiedene Kontaktwege
Kranken- Auskunft am Service- Auskunft der Ge- Schriftliche
kasse telefon schäftsstelle Auskunft
Erstaus- Korrek- Erstaus- Korrek-
kunft tur nach kunft tur nach
Hinweis Hinweis
1 2x - 2x - 1x
2 (klein) 2x - 1x 2x -
3 2x - 1x Unsicher -
4 2x - 1x - 1x
5 2x - - - 2x
6 2x - - - -
7 (klein) 2x - - - -
8 1x 2x - - Unbegrenzt
9 1x 2x - - -
10 (klein) 1x 2x - - -
11 (klein) 1x 2x - - -
12 1x Unsicher 1x 2x 2x
13 1x Unsicher 1x - 2x
14 1x Unsicher - - 2x
15 1x Unsicher - - -
16 (klein) 1x Unsicher - - -
17 1x - 2x - 2x
18 1x - - - 2x
19 1x - - - -
20 - - - - -
Fehlinformationen zu Zuzahlungen am Beispiel der Zahnvorsorge 235

4 Diskussion

Die Gesetzliche Krankenversicherung und ihre Krankenkassen haben spätestens


seit dem Jahre 2000 mit der Wiedereinführung des Präventionsgedankens in § 20
SGB V einen sozialkompensatorischen Auftrag und sind wichtige gesundheits-
politische Akteure in der Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von
Gesundheitschancen.
Am Beispiel der Zahnvorsorge wird die Herausgabe von systematisch feh-
lerhaften Informationen zu Leistungskosten durch Gesetzliche Krankenkassen
deutlich. Den Versicherten können hierdurch Nachteile für die Inanspruchnahme
von kostenlosen Präventionsleistungen entstehen, was die gesundheitliche Chan-
cenungleichheit verstärken kann.
Am überregionalen Servicetelefon wie auch am Telefon in der Geschäfts-
stelle gaben ca. 1/3 der befragten Krankenkassen auf Anhieb die als korrekt zu
bewertende Auskunft, dass zwei Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt pro
Kalenderjahr von der Praxisgebühr befreit sind. Knapp 2/3 der Kassen nannten
zuerst fälschlicherweise nur eine zuzahlungsbefreite Vorsorgeuntersuchung.
Dass einige Gesprächspartner ihre vorherige falsche Antwort nach der Nennung
der vertraglichen Regelung korrigierten, deutet darauf hin, dass Versicherte, die
bereits gut informiert sind, eine höhere Chance haben die korrekte Auskunft zu
erhalten bzw. bestätigt zu bekommen.
Die Variation der inhaltlichen Richtigkeit der telefonischen Auskünfte wirkt
nicht systematisch – es scheint prinzipiell keine Rolle zu spielen, ob Versicherte
sich in ihrer Geschäftsstelle erkundigen oder am Servicetelefon. Ebenso scheint
die Größe der Krankenkasse nicht per se einen Einfluss auf die Qualität der Aus-
künfte zu haben. Die Ursachen und Hintergründe für fehlerhafte Auskünfte und
die teilweise sofortige Korrektur falscher Auskünfte bei Nennung rechtlicher
Grundlage bleiben bei dieser ersten Untersuchung unklar.
Die Reaktionen auf die schriftliche Anfrage im Namen des Instituts per E-
Mail oder Kontaktformular fiel insgesamt verhalten aus: Von 19 kontaktierten
Krankenkassen beantwortete nur knapp die Hälfte die Anfrage. Der Anteil der
fehlerhaften Auskünfte war hier jedoch wesentlich geringer. Ob dies jedoch
Zufall ist oder auf die schriftliche Form, oder jedoch den Absender zurückzufüh-
ren ist, bleibt unklar.
Es ist zu prüfen, ob die Verbreitung von Fehlinformationen auf den Bereich
der vertraglich eindeutig geregelten Zuzahlungsbefreiung der zahnärztlichen
Vorsorgeuntersuchung beschränkt ist, oder ob es sich um ein generelles System-
problem handelt. Insbesondere bei komplexeren Problemstellungen, wie etwa
der Befreiung von Zuzahlungen, ist das Fehlerpotential in der Informationswei-
tergabe hoch. Zudem sind die Versicherten gerade dann auf fehlerfreie Hilfe und
236 Ulrike Zier/Carsten Homann/Stephan Letzel/Eva Münster

Bearbeitung angewiesen. Weitergehend ist zu beachten, dass die meisten Leis-


tungsfälle in der Krankenversicherung naturgemäß dann eintreten, wenn die
Versicherten erkrankt und dadurch in ihrer Handlungskompetenz eingeschränkt
sind. Fraglich ist, inwieweit erkrankte Personen in der Lage und willens sind,
sich unabhängig von ihrer Krankenkasse zu informieren bzw. sich gegen beharr-
liche Fehlauskünfte durchzusetzen.
Betrachtet man die Ergebnisse vor dem Hintergrund sozialgesundheitlicher
Ungleichheit, ist anzunehmen, dass der Bedarf an Informationen über Gesund-
heitsleistungen bei Personen mit niedrigerer Bildung erhöht ist und damit auch
deren Abhängigkeit von Informationen und Kooperation ihrer Krankenversiche-
rung. Sollte es sich also bei der Reglung der zuzahlungsbefreiten Zahnvorsorge
nicht um eine (inzwischen hinfällige) Ausnahmeerscheinung in Bezug auf Fehl-
informationen handeln, wäre davon auszugehen, dass die Gesundheitschancen
von gesetzlich Versicherten generell, insbesondere aber die von bildungsschwa-
chen und wahrscheinlich auch die von erkrankten Versicherten, durch ein gene-
relles Systemproblem gemindert werden. Insbesondere überschuldete Menschen,
die sich in einer vieldimensionalen Krisensituation befinden, wären eine Risiko-
gruppe, denn es ist davon auszugehen, dass sie ihre ohnehin knappen finanziellen
und sozialen Ressourcen oftmals vollständig auf die Überwindung der finanziel-
len Krise konzentrieren. Gerade für diese Personengruppe mit einer erhöhten
Krankheitsprävalenz sind jedoch Erhalt und Förderung der Gesundheit wichtig,
um handlungsfähig zu bleiben.
Hinsichtlich der Ursachen, des Umfangs und Folgen der aufgezeigten Fehl-
informationen sowie möglicher Systemprobleme besteht dringend weiterer For-
schungsbedarf. Sollte das Problem tatsächlich bestätigt werden, sollten auch die
Reaktion der Versicherten und deren weitere mögliche Ansprechpartner sowie
Lösungsmöglichkeiten untersucht werden.

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heim und Co GmbH, Mainz, 2011: 819-820.
Autorenverzeichnis

Barry, Daniela, Dipl. Hdl., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachbereich


Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bender, Désirée, Dipl. Päd., Dipl.-Soz., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut


für Erziehungswissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bock, Michael, Univ.-Prof. Dr. Dr., Fachbereich Rechts- und Wirtschafts-


wissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Breuer, Klaus, Univ.-Prof. Dr., Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissen-


schaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Hergenröder, Curt Wolfgang, Univ.-Prof. Dr., Fachbereich Rechts- und Wirt-


schaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Hoffmann, Anika, Dipl. Soz., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachbereich


Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Hollstein, Tina, Dipl. Päd., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für


Erziehungswissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Homann, Carsten, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Rechts-


und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Huber, Lena, Dipl. Päd., Stipendiatin im DFG-Graduiertenkolleg 1474


„Transnationale Soziale Unterstützung“, Institut für Erziehungswissenschaft,
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Kokott, Sonja Justine, Dr. LL.M., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fach-


bereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität
Mainz

Forschungscluster ‚Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke‘,


Schulden und ihre Bewältigung, DOI 10.1007/978-3-658-02553-3,
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
240 Autorenverzeichnis

Letzel, Stephan, Univ.-Prof. Dr. med. Dipl. Ing., Institut für Arbeits-, Sozial-
und Umweltmedizin, Universitätsmedizin, Johannes Gutenberg-Universität
Mainz

Münster, Eva, Prof. Dr., MPH, Juniorprofessorin für Sozialmedizin/Public


Health, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsmedizin,
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Rau, Matthias, Dipl.-Soz., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Rechts-


und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Schiebe, Viktoria, Dipl. Hdl., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachbereich


Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Schönen, Anna Katharina, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Alte


Geschichte, Universität Trier

Schweppe, Cornelia, Univ.-Prof. Dr., Institut für Erziehungswissenschaft,


Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Zier, Ulrike, Dipl.-Soz., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Arbeits-,


Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsmedizin, Johannes Gutenberg-Univer-
sität Mainz