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Evolution

Jahrgangsstufe 8 U.Dötsch, 2020

Ein lebendes Fossil wird entdeckt

Zwei Tage vor Weihnachten 1938, ein gutes halbes Jahr vor Beginn Der Quastenflosser ist fast vergessen, da kommt am Weihnachtstag
des Zweiten Weltkrieges, legt eines Morgens am Kai des Hafens von 1952 ein Telegramm von einem Hafen der Komoreninsel zwischen
East London an der Ostküste Südafrikas ein Fischdampfer an, der Madagaskar und dem afrikanischen Festland, aufgegeben von einem
einige kapitale Haifische an Deck liegen hat. Solch ein Fang ist an der Kapitän Hunt: „Habe Fisch gefangen, wie Sie ihn suchen. Liegt hier
südafrikanischen Ostküste keine Sensation und es ist reiner Zufall, zum Abholen bereit!“
dass Miss Majorie Courtney-Latimer sich die Fische eingehend Die Distanz zu den Komoren beträgt 3200 Kilometer. Smith wendet
betrachtet. Sie tut es von Berufs wegen, denn wer beim Städtischen sich an den südafrikanischen Ministerpräsidenten, um ein Flugzeug
Museum den Posten einer Direktorin bekleidet, ist eigentlich immer zu bekommen. Als Smith damit auf den Komoren ankommt, ist zwar
auf der Jagd nach neuen Exemplaren aller Tierarten für die der Fisch schon über eine Woche tot, aber der Kapitän hat ihn
Sammlungen. konservieren lassen.
Plötzlich stutzt sie. Unter den Haien liegt ein mächtiger Fisch, wie sie Doch noch hat man keinen lebenden Urzeitfisch, bis Mitte November
noch keinen gesehen hat. Er ist durch den Transport stark 1954 Professor Millot auf dem Forschungsschiff „Calypso“ gegen zwei
beschädigt. Natürlich längst tot, die Flossen teilweise abgerissen, Uhr früh geweckt wird. Als der Pariser Gelehrte schlaftrunken an
aber man kann deutlich die blauen, großen Schuppen erkennen. Die Deck stolpert, windet man eben den Netzsack an Bord. In den
Dame vom Museum interessiert sich mehr für die eigenartig dicken, Maschen erkennt man einen etwa hundert Pfund schweren Fisch, der
quastenförmigen Flossen. Als die den Fisch kaufen will, wird er vom kräftig mit dem Schwanz um sich schlägt. Auf den ersten Blick
Kapitän nach Pfunden berechnet. 114 englische Pfund, das ergibt erkennt Millot, was die Stunde schlägt: „Wir haben den ersten
eine hübsche Summe. lebenden Urzeitfisch gefangen!“
Im Museum angekommen, beginnt die Direktorin alle Bücher zu Auf der Calypso ist man auf solch einen Glücksfall vorbereitet. Es gibt
wälzen, die sich mit Fischen beschäftigen. Ihr Fund ist darin weder an Bord ein altes Walfängerboot, das stets mit Meerwasser gefüllt
verzeichnet noch abgebildet. Während das geheimnisvolle Tier ist. Hier hinein setzt man den lebenden Fisch, der in etwa 250 m
bereits in der Konservierungsflüssigkeit liegt, zeichnet Courtney- Wassertiefe gefangen worden ist. Der Höhenunterschied scheint ihm
Latimer seine Umrisse und schickt das primitive Bild an den keine Schwierigkeiten zu machen. Bei anbrechendem Tageslicht wird
südafrikanischen Forscher Smith. Dieser Mann hat schon manche er unruhig und bleibt in den dunkelsten Bereichen des Bootes. Am
Entdeckung unbekannter Fischarten gemacht, doch als er die Nachmittag verendet das Tier. Todesursache, so stellt der Professor
Zeichnung aus East London bekommt, muss er sich rasch setzen. Vor fest, ist nicht der veränderte Druck, sondern die übergroße
60 Millionen Jahren hat es solche Fische auf unserer Erde gegeben. Lichtempfindlichkeit.
Ebenso lang müssten sie ausgestorben sein. „Sie haben einen Inzwischen haben Wissenschaftler über 70 der Urzeitfische gefangen.
Quastenflosser gefunden“, schreibt Professor Smith an die Direktorin Mehrere Tiere konnten lebend beobachtet und gefilmt werden. Sie
in East London. „Er ist der Vorfahr aller Landwirbeltiere. Seine scheinen im Wasser zu laufen; so mutet die Koordination der Brust-
Flossen haben ein Skelett, das dem der Landwirbeltiere beinahe und Bauchflossenbewegungen an. Das Skelett dieser Flossen beweist,
gleicht.“ dass si e die Vorläufer der Extremitäten aller Landwirbeltiere sind:
Gewiss ist ein toter Fisch unter solchen Umständen eine Sensation. „Latimeria“, benannt nach der Entdeckerin, ist ein echtes
Warum sollte es aber nicht möglich sein, ein lebendes Exemplar zu Brückentier, ein Bindeglied zwischen Fischen und Amphibien.
bekommen? Der Professor verfasst ein Flugblatt in allen möglichen (nach H. Steen)
Sprachen, um die Fischer auf die Möglichkeit aufmerksam zu
machen, sich 400 Dollar zu verdienen. Eben ist das Blatt gedruckt, da
ist er Zweite Weltkrieg da. Niemand kümmert sich mehr um
eigenartige Fische.

Quelle: 0095.info

Quelle:tri5megi5to5.blogspot.com