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3/6/2020 "La Vérité": Oje, Familie!

| ZEIT ONLINE

"La Vérité"

Oje, Familie!
Der Film "La Vérité" von Hirokazu Koreeda erzählt von der Schönheit
erfundener Wahrheiten.

Eine Rezension von Hanns Zischler


4. März 2020, 16:53 Uhr / Editiert am 5. März 2020, 20:59 Uhr / DIE ZEIT Nr. 11/2020, 5. März
2020 / 5 Kommentare

AUS DER ZEIT NR. 11/2020

Lästernd, launisch, großartig: Catherine Deneuve (rechts) spielt die Diva


(mit Juliette Binoche als Tochter). © Laurent Champoussin/ 2019
PROKINO Filmverleih GmbH

Was ist das Geheimnis einer Familie? Erfährt man es, annäherungsweise,
wenn man Familiengeheimnisse ergründet? Kann es innerhalb von
Familien Wahlfamilien geben? Und entstehen die wahrhaftigsten
Bindungen nicht jenseits der sogenannten Blutsbande?

Diese Fragen beschäftigen den japanischen Regisseur Hirokazu Koreeda


von jeher. In seinem Film Like Father, Like Son
[https://www.zeit.de/2014/40/like-father-like-son-film-japan] (2013)
tauschen zwei Familien ihre als Säuglinge im Krankenhaus
verwechselten Kinder aus. Plötzlich finden sich die achtjährigen Jungen
in einer fremden Umgebung wieder. Was, so fragt Koreeda sich und uns,
bedeutet die leibliche Abstammung neben der spirituellen Elternschaft
und der Kindesliebe? In Unsere kleine Schwester

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[https://www.zeit.de/2015/52/japanischer-film-kino-naomi-kawase-
hirokazu-koreeda] (2015) erhalten drei von ihrer Mutter verlassene
Schwestern nach dem Tod des Vaters eine ebenso kunstvoll wie
konflikthaltig austarierte Familie aufrecht. Das Gebilde gerät ins Wanken
und sortiert sich unerwartet neu, als eine jüngere Halbschwester den
Reigen erweitert. Das Blut spricht – ein für Japaner unumstößliches
Gesetz. Doch hier versteht jeder diese Sprache anders.

In Shoplifters [https://www.zeit.de/2018/53/shoplifters-hirokazu-kore-
eda-film] (2018) wiederum bilden Tagediebe und Trickbetrüger eine
Gemeinschaft der besonderen Art: Keines der Mitglieder ist mit dem
anderen verwandt, aber alle halten in der schieren Not mit
Überlebenswitz zusammen, wie nur Familien es vermögen. Man
simuliert Blutsbande, um in einer konventionellen Gesellschaft der
Vereinsamung zu entkommen. Mit liebevollem Blick verfolgt Koreeda die
Entstehung einer anderen, subversiven Form des Sozialen.
Seelenverwandtschaft statt Verwandtschaft.

Was Hirokazu Koreedas Filme und Familien verbindet, ist das


gemeinsame Essen. Die Familie erlebt sich bei diesem Regisseur im
unentwegt zelebrierten Mahl. Hier beschenken sich die
(Wahl-)Verwandten weit über die bloße Subsistenz hinaus mit
raffinierten Speisen. Sie belohnen und feiern sich – im Licht eines
ständig sich erneuernden Rituals.

Die Alltag und Familie umfassende Küche ist auch in La Vérité, Koreedas
erstem außerhalb von Japan gedrehtem Film, ein wesentliches Element.
"Lauwarm" sei der Ingwertee, moniert gleich zu Beginn die von
Catherine Deneuve gespielte Schauspielerin Fabienne, während sie mit
genüsslich-zickigen Gegenfragen einen Interviewer aus dem Konzept
bringt. Später wird sie die Klage wiederholen. Beim Essen, das hier stets
von Weinströmen begleitet ist, werden in diesem Film Wahrheiten
angedeutet, ausgesprochen, entfesselt, abgeschossen. Über allem
schwebt die Frage: Ist die wahrhaftige Darstellung und Selbstdarstellung
nicht die authentischste aller möglichen Wahrheiten?

Ein Science-Fiction-Film soll es werden, in dem Fabienne an der Seite


einer jungen Kollegin vor der Kamera steht. Der absurde Plot: Um ihre
tödliche Krankheit zu überlisten, lebt eine Mutter im Weltall, wo sie
nicht altert – im Gegensatz zu ihrer Tochter, gespielt von der gealterten
Fabienne. Der Grund, weshalb sich die Diva nicht so recht auf den Film
einlassen will, ist so alt wie die Wahrheit des Kinos selbst: die
Konfrontation des ewig strahlenden Bildes vermeintlicher
Unsterblichkeit mit der eigenen Vergänglichkeit.

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La Vérité - leben und lügen lassen I O zieller HD-Trailer…


HD-Trailer…

La Vérité beginnt mit einem Bild idyllischer Schönheit. Wir blicken aus
einem Garten mit herbstlichen Bäumen durch eine Blätterlücke auf ein
entrücktes Paris. In Fabiennes Villa sind wir in der Stadt und auch
wieder nicht. Nach dieser Einstimmung gerät der heitere Auftakt, der
Besuch ihrer Tochter, der Drehbuchautorin Lumir (Juliette Binoche),
rasch in eine Schieflage. Eigentlich sollen die gerade erschienenen
Memoiren der Mutter mit dem monströs bescheidenen Titel Die Wahrheit
gefeiert werden. Gemeinsam mit ihrem Mann Hank (Ethan Hawke) und
ihrer Tochter Charlotte ist Lumir eigens aus New York angereist, doch
schon nach der ersten Lektüre werden die unerträglichen
Beschönigungen, Selbstbeweihräucherungen, Erfindungen und
Auslassungen in dem Buch das einzige Thema. Wenn die Tochter ihre
Mutter mit den gefälschten Erinnerungen konfrontiert, zieht diese sich
ebenso trotzig wie schlagfertig – ganz Schauspielerin – auf ihr
subjektives Recht zurück: Ihre eigenen Erfindungen könne man ihr doch
wohl nicht streitig machen!

Schließlich wird die Tochter der Mutter


vorwerfen, ihre frühe Karriere auf den Tod der
engsten Freundin und Rivalin aufgebaut zu
haben – eine Volte, die diskret auf das
Verhältnis Deneuves zu ihrer früh verstorbenen
Dieser Artikel stammt aus der Schwester, der Schauspielerin Françoise
ZEIT Nr. 11/2020. Hier
können Sie die gesamte
Dorléac, anspielt. Welche Fiktion verbindet
Ausgabe lesen. sich hier mit welcher – erfundenen – Wahrheit?
[https://premium.zeit.de/abo/ Am Set wiederum erlebt die Tochter eine
diezeit/2020/11]
andere Mutter: die scheiternde Schauspielerin.

Was an Verwicklungen und familiären Verwerfungen, an ebenso


abgründigen wie offensichtlichen Widerspiegelungen des Films im Film

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nur angedeutet ist, wird von Koreeda mit großer Leichtigkeit zu einem
Tableau entwickelt. Oder auch zu einer sich fein verzweigenden
Erkundung. Der japanische Regisseur untersucht die Mischung aus
Lächerlichkeit und Erhabenheit, die den Schauspielerberuf seit je prägt.
Etwa wenn Ethan Hawke mit traurigem Witz den alkoholgefährdeten B-
Serien-Schauspieler gibt. Oder wenn seine kleine Tochter Charlotte am
Filmset ihrer Großmutter einen verwöhnten Kinderstar aussticht, indem
sie der Gleichaltrigen sagt, sie spiele "in Hollywood". Oder auch wenn
Catherine Deneuves Figur der alternden Diva sich für keine Lästerei,
Kolleginneneifersucht und launische Selbstkritik zu schade ist.
Manchmal kann es einem geradezu schwindeln im Strudel von Wahrheit
und Schein, Wahrhaftigkeit und Spiel: Beängstigend glaubwürdig – und
zugleich komisch – gelingt es Catherine Deneuve, Fabiennes Mangel an
mütterlicher Einfühlung darzustellen.

Es bleibt das Geheimnis des Regisseurs, wie er mit großartigen


Schauspielerinnen und Schauspielern, mit einer diskret betrachtenden
Kamera sowie mit fließend inszenierten, improvisiert wirkenden Szenen
etwas Wunderbares erzeugt: das über allem schwebende Moment des
Unwägbaren und der Überraschung.

Hirokazu Koreedas Filmfamilie, die ihre Geheimnisse preisgibt,


verschleudert und auf kathartische Weise auf den Esstisch legt, erinnert
an ein Diktum von Karl Kraus: "Das Wort 'Familienbande' hat einen
Beigeschmack von Wahrheit."

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