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Kurzkommentar zur Cannabis-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts

BVerfGE,Beschluss des Zweiten Senats vom 09.04.1994


Richter Mahrenholz,Böckenförde,Klein,Graßhof,Kruls,Kirchhof,Winter,Sommer

2 BvL 43,51,63,64,70,80/92,2 BvR 2031/92


Verfahren I zur verfassungsrechtl. Prüfung der Regelungen insb. §31a BtMG,BVerGE 90,145

Grundlage des Verfahrens stellte eine Verfassungsbeschwerde u.a. seitens


des Landgerichts Lübeck aus dessen Sicht die Cannabis-Prohibition bzgl.
Schädlichkeit in Relation zum legalen Alkohol den Gleichheitsgrundsatz
verletzte.

I) Zur Relation der Cannabisprohibition räumte der Zweite Senat der Legislative
einen "Beurteilungsspielraum" ein,der vom BvG nur in "begrenztem Umfang überprüft"
werden könne. Gleichzeitig folgte das BvG allerdings der Forderung nach
Straffreiheit bei Besitz geringer Mengen Cannabis("[...] Verfolgung der in §31a BtMG
bezeichneten Straftaten grundsätzlich abzusehen haben[...]"),wenn die "geringe Menge" zum
Eigenbedarf bestimmt und eine Gefährdung von Dritten("Fremdgefährdung") durch die in
§31a BtMG beschriebene strafbare Handlung auszuschließen ist. Desweiteren forderte das
BvG die Bundesländer zur einheitlichen Regelung der Definition von "geringen Mengen" oder
"Mindermengen" auf.

ad I) Zur Relationsfrage bleibt mEn in Zweifel zu ziehen,ob der Legislative ein


freibestimmter,praktisch willkürlicher Beurteilungsspielraum zu zustehen ist,zudem ohne,dass
intersubjektive und rationale Begründungen zur innerhalb
dieses Spielraums festgesetzten Definitionsobergrenze öffentlich und nachvollziehbar
dargelegt werden. Nach heutigen Erkenntnissen wie wissenschaftlich anerkannten Studien(im
Folgenden Bezugnahme auf "Development of a rational scale to assess the harm of drugs of
potential misuse",publ. in "Lancet"(369,Nr. 9566,24.04.2007,S. 1047-1053) von D. Nutt,ex-
Federal Drug Commissioner(UK),L.A. King,W. Saulsbury,C. Blakemore) ist die
Schlussfolgerung zu ziehen,da die zwei meistverbreitetsten legalen Drogen,Alkohol und
Tabak,geordnet nach Schädlichkeit auf Rang 5(Score 5,54 - vgl. Listenplatz 1,Heroin,Score
8,32) beziehungsweise auf Rang 9(Score 4,86) beide vor Cannabis(Rang 11,Score 4,00)
platziert sind,dass in der Frage bzgl. der Relation einer Cannabis-Prohibition zur Legalität der
Drogen Alkohol und Tabak eindeutig selbige nicht gegeben ist und somit die im
"Beurteilungsspielraum" der Legislative festgesetzten Beschlüsse konträr zu wissenschaftlich
anerkannten Forschungsergebnissen stehen und somit nicht nur ausschließlich weder
intersubjektive und rationale Argumentation seitens der Legislative erbracht wird,sondern
mEn die derzeitigen Rechtfertigungen der Prohibition sich sogar konträr zur Evidenz
wissenschaftlicher Erkenntnisse stellen,was jegliche Begründung der derzeitigen
Bestimmungen nichtig macht. Desweiteren haben die Bundesländer bis heute(14.12.2010)
keine einheitliche Definition des Begriffs der "geringen Menge" oder "Mindermenge"
festgelegt womit sie das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes missachten.
II) Die Begründung der Rechtmäßigkeit der Cannabis-Prohibition konträr zu den Grundrechen
wird aus dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit abgeleitet. Die Handlungsfreiheit darf
demzufolge also theoretisch in bestimmten Fällen eingeschränkt werden(BVerfGE
75,80,108.137). Die lt. GG unverletzliche Freiheit der Person darf nur aus "gewichtigen
Gründen" beschnitten werden; im Normalfall lediglich bei Erforderlichkeit für den Schutz
Dritter und/oder der Allgemeinheit als solchem. Die Legitimität der Prohibition wird in c) aa)
z.T. auch wie folgt begründet: "[...]ungeachtet einer geringeren Gesundheitsgefahr der
Droge[...]" geht es um die Protektion "elementarer Gemeinschaftswerte". Die Legislative hält
sich "[...]im Rahmen einer grundgesetzlichen Wertordnung,wenn er ihre Erhaltung als
besonders dringlich ansieht[...]" woraus sinngemäß die Nötigkeit eines "[...]mit der
Strafandrohung verbundene sozialethische Unwerturteil[...]" abzuleiten sein soll. Vgl. d) sei
ein "umfassendes und undifferenziertes strafbewehrtes Umgangsverbot" zur Protektion des
sozialen Zusammenlebens vor "schwerwiegenden sozialschädlichen Wirkungen"
"[...]geeignet und auch erforderlich[...]". Der Umgang mit Cannabis wird also als in
"besonderer Weise sozialschädlich" und "für das geordnete Zusammenleben der Menschen
unerträglich" eingestuft,id est sei die Verhinderung des Umgangs daher "besonders
dringlich"(s.a. BVerfGE 88,203,257 folgend).

ad II) Die Ableitung einer Legitimität der Prohibition von Cannabis aus szsg. sozialethisch
motivierten Gründen trotz "geringerer Schädlichkeit" ist meiner Auffassung nach eindeutig zu
negieren. Eine grundrechtseinschränkende Bestimmung erfordert meiner Rechtsauffassung
nach eine intersubjektive und rationale Begründung wie eine nachgewiesene direkte
Gefährdung dritter Personen durch das Verhalten eines Cannabiskonsumenten. Die
Unerträglichkeit für das geordnete Zusammenleben ist mEn nicht rational und ebenfalls selbst
auch nicht "gefühlsmäßig" nachzuvollziehen. Die Beschneidung der Grundrechte folgt
demzufolge aus der persönlichen "Befindlichkeit" einer Meinungsmehrheit; schlussfolgernd ist
die Prohibition nach meiner Beurteilung rational unbegründete Willkür. Weitergehend bleibt
die Frage zu stellen,weshalb bei herrschender "Gleichheit aller Menschen" mehrheitlich
platzierte Personengruppen innerhalb einer Gesellschaft Tätigkeiten von Dritten ohne
ausreichende Gefährdung der Allgemeinheit,ohne ausreichend starke Beeinträchtigung der
Allgemeinheit sowie teils ohne Wissen über die Materie und bei Absenz jeglichem rationalen
Relationsbezug zu legalen Rauschmitteln,(auch im Grundsatz) ausschließlich aufgrund einer
subjektiven Sozialethik durch den Gesetzgeber überhaupt einschränken darf sowie mit
welchem Recht diese Ethik als bindend erklärt wird; selbst,wenn ihre Missachtung Dritte im
Regelfall nicht beeinträchtigt,id est faktisch also eine "Meinungshoheit" beansprucht und
ausgeübt wird,obwohl ihre Legitimität in rationaler Hinsicht dringend zu hinterfragen ist -
weitergehend sogar die Ausübung eines "Schutzes" eines Individuums vor "sich selbst" mit
eminenter Wichtigkeit zu überprüfen ist; in jedem Fall sollte eine auf intersubjektiven Fakten
aufbauende Argumentation an Stelle der bisherigen,eher volatil und schwammig aufgebauten
Begründung vorhanden sein.

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