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Joachim

Fernau
Halleluja
Die Geschichte der USA
Joachim Fernau wurde am 11. September 1909 in Bromberg geboren, ging in
Hirschberg (Riesengebirge) zur Schule und studierte nach dem Abitur in
Berlin. Hier schrieb er als Journalist für Ullstein, bis er 1939 zur
Wehrmacht eingezogen wurde. Seit 1952 lebt er als freier Schriftsteller in
München und in der Toscana. Fernau, der temperamentvolle
Konservative, hat über zwanzig Bücher geschrieben - die meisten haben
über 200 000, manche über eine Million Auflage. Es sind vor allem seine
Werke zur Geschichte und Zeitgeschichte, die stets heftiges Für und
Wider auslösen und für ebenso viel Jubel bei den Lesern wie für Ärgernis
bei den Kritikernsorgen.
Fernau über sich: »Man nennt mich (richtiger: schimpft mich) konservativ.
Das stimmt, wenn man darunter einen Mann versteht, dem das Bewahren
des Vernünftigen und Guten im Geistigen ebenso wie im Alltäglichen
wichtiger ist als das Ändern um des Änderns und das Verwerfen um des
>Fortschritts< willen und der nicht um jeden Preis >in< sein will, wie man
heute zu sagen pflegt. In allen Büchern habe ich mich bemüht, wahrhaftig
und unabhängig im Denken zu sein...«

Außer dem vorliegenden Band sind von Joachim Fernau als


Goldmann-Taschenbücher erschienen:

Rosen für Apoll. Die Geschichte der Griechen (3679)


»Deutschland, Deutschland über alles...«
Von Anfang bis Ende (3681)
Sprechen wir über Preußen.
Die Geschichte der armen Leute (6498)
Disteln für Hagen. Bestandsaufnahme der deutschen Seele (3680)
»Guten Abend, Herr Fernau«.
Ich sprach mit Aristides, Friedrich Nietzsche, Xanthippe,
dem Müller von Sanssouci, Andreas Hofer, Agnes Bernauer,
Kaiser Heinrich IV, Campanella, Rudolf Steiner (8517)
Wie es euch gefällt. Eine lächelnde Stilkunde (6640)
Ernst & Schabernack. Besinnliches und Aggressives (6722)
Sappho. Ein griechischer Sommernachtstraum (9088)
War es schön in Marienbad. Goethes letzte Liebe (6703)
Joachim

Fernau
Halleluja
Die Geschichte der USA

GOLDMANN VERLAG
Ungekürzte Ausgabe

Der Goldmann Verlag


ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann

Made in Germany • 13. Auflage • 7/89


Genehmigte Taschenbuchausgabe
© 1977 by F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München/Berlin
Umschlagentwurf: Atelier Adolf & Angelika Bachmann, München
Umschlagfoto: Manfred Schmatz und Adolf Bachmann, München
Druck: Eisnerdruck, Berlin
Gescanned von Shango, für meinen Gacki, meinen Lebensmenschen
Verlagsnummer: 3849
Herstellung: Gisela Ernst/AS
ISBN 3-442-03849-9
I. Moses 6,
Vers 5-7
I

Als wir - meine Frau und ich -1945 in einem kleinen


Mansardenzimmer lebten, dessen Wände zwei Monate im
Jahr mit einer Eiskruste überzogen waren, überbrachte uns
freundlicherweise ein alliierter Soldat einen Brief aus
Amerika, Antwort einer alten Freundin. Der Brief bestand nur
aus einer Zeile; sie lautete: »Ich verabscheue alle Deutschen.
« Jahre später zeigte ich diesen Brief meinem alten Verleger
Walter Kahnert und fragte ihn, ob ich den Spieß auch
umdrehen dürfte. Er sah mich ernst an und sagte: »Nein. Die
Amerikaner sind im Grunde ihres Herzens gute Menschen.
Sie haben uns, als wir hungerten, Care-Pakete geschickt.
Vergessen Sie das niemals!« In Rom fragte ich einmal eine
freundliche Anarchistin, warum sie sich Abend für Abend die
Ohren mit der Musik der Amerikaner volldudele und ein
Hemd mit der Aufschrift »Wrigley« trage. Sie antwortete:
»Der Amerikanismus ist des Teufels, aber das amerikanische
Volk ist gut.«
Unmittelbar nach Kriegsende (das Beispiel gehört also
eigentlich an den Anfang) lebte ich in Süddeutschland
unangemeldet und incognito. Eines Tages erhielt ich ein
Schreiben unter meinem vollen Namen vom amerikanischen
C./.C. Man forderte mich auf, zwei Tage später in der
Dienststelle zu erscheinen. Unterschrieben war der Brief von
einem Leutnant. Wohlgemerkt, es kam kein Jeep, der mich
einfach abholte. Man gab mir zwei Tage Zeit zu erscheinen,
das heißt, zwei Tage Zeit zu verschwinden, ich begriff es
sofort. Bis auf den heutigen Tag zerbreche ich mir den Kopf,
warum dieser Leutnant das tat. Es gibt nur eine Erklärung:
Dieser Amerikaner war ein guter Mensch.
Wieder also. Sind die Amerikaner gut? Ich muß es glauben.
Es ist angenehm, so etwas im voraus zu wissen. Und mit
solcher Gewißheit wollen wir nun mit der Geschichte dieses
guten Volkes beginnen.

Daß Amerika nach Amerigo Vespucci heißt, weiß


jedermann. Wer aber, so fragt man sich, hat dem
unschuldigen Erdteil diesen Namen angehängt? Denn
Vespucci hat weder die Neue Welt entdeckt, noch
Nordamerika jemals gesehen. Er war überhaupt ein
rechtes Lügenmaul; aber von der Namensgebung hat er
keine Ahnung gehabt. Wer also ist der Schuldige?
Nun, wer wird es wohl sein? Wir haben allen Grund, uns
an die Brust zu schlagen, denn es war ein Deutscher. Im
Jahre 1507 brachte der Geograph Waldseemüller die erste
Karte von der »Neuen Welt« heraus und erkühnte sich,
dem Kontinent auch gleich einen Namen zu geben; vom
Norden sprach man wenig, der Süden war weit besser
bekannt, und die Weisheit hatte man aus den Schriften
des Herrn Vespucci. So kam Waldseemüller zu dem
Geniestreich nach dem dubiosen Florentiner einen ganzen
Erdteil zu benennen.
Den Namen haben wir also. Und wenn wir ihn fortan im
Munde führen, so wollen wir uns einigen, an
Nordamerika, besser noch, nur an die USA zu denken.
Daß es die Vereinigten Staaten von Amerika gibt,
verdanken wir (abgesehen vom dritten biblischen
Schöpfungstag natürlich) vor allem den Briten. Hätten sie
nicht die Idee gehabt, die Indianer auszurotten, so würde
Nordamerika ein ganz anderes Schicksal erfahren haben.
Es hätte das Schicksal Afrikas gehabt. Das heißt: Es wäre
jetzt so weit, daß die Weißen das Land räumten und
zwanzig oder dreißig Indianerstaaten ihre Befreiung vom
Joch der Kolonialherren feierten. Die neuen
Staatspräsidenten würden statt Lumumba und Mobutu
»Wiehernder Mustang« und »Listige Schlange« heißen
und ihre First Ladies »Heller Morgen« und »Fleißige
Finger«, und in Bonn wäre für sie, wenn sie ihr
Entwicklungsgeld abholten, eine Ehrenkompanie
angetreten.
Haben wir uns das eigentlich schon einmal klargemacht?
Daran ist nicht das geringste komisch. Die Briten und
Franzosen, auch ein wenig die Spanier - vor allem aber
wie gesagt die Briten mit ihrer Weitsicht bewahrten uns
davor; es kam anders.
Daß es anders als mit Afrika kam, dafür sehe ich weit und
breit nur einen einzigen Grund, so banal er auch klingen
mag: Nordamerika hatte im Gegensatz zu Afrika keine
Malaria und keine Tsetsefliegen. Diese Erkenntnis ist
profund, denn in Afrika hat es den Briten keineswegs an
gutem Willen zur Vernichtung gefehlt, sie sind lediglich
an den beiden offenbar von Gott gewollten
außerparlamentarischen Oppositionen gescheitert.
Nun darf man aber nicht glauben, die Ausrottung der
Indianer sei auch ohne diese beiden Plagen kein sehr
schweres Stück Arbeit gewesen. Im Gegenteil. Vor allem
anfangs kam so manches dazwischen, in erster Linie die
Friedlichkeit der Indianer.
Als Kolumbus (er war etwa der hundertste oder
zweihundertste Europäer, der nach den Normannen
amerikanischen Boden betrat), als Kolumbus 1492 die
Neue Welt entdeckte, kamen ihm und später den ersten
Siedlern die Eingeborenen freundlich entgegen. Es
stimmt traurig, daß unsere heutige Zeit so weit, weit
entfernt ist von der Gläubigkeit und dem Vertrauen der
»Wilden«. Die Vorstellung einer Landung fremder
Wesen erweckt in uns heute die Vision des Untergangs
der Menschheit und läßt uns sofort zur Maschinenpistole
greifen. Was für ein fürchterliches Gift in unseren
Gehirnen, daß außer uns Erdbewohnern nur böse Wesen
existieren können. Wo sind wir hingekommen!
Die Indianer waren unbesorgt. Sie waren freundlich und
mehr neugierig als ängstlich. Daß sie die Fremden für
weiße Götter gehalten haben, ist wenig wahrscheinlich,
denn sie sahen sie hinter dem Busch ihre Notdurft
verrichten, was Manitu gewiß nicht nötig hatte, sie sahen
sie von Zahnschmerzen geplagt, und sie sahen, daß sie
Hunger hatten. Lauter sehr menschliche Dinge, die sie
gut kannten. Ich betone nicht ohne Grund den Hunger. Er
brachte den ersten Stein ins Rollen.
Die frühesten Siedlungen bestanden aus wenigen
Dutzend Spaniern. Es waren kühne Männer. Wenn ihr
Schiff ohne sie wieder heimsegelte, werden sie das
Gefühl gehabt haben, auf dem Mond abgesetzt worden zu
sein. Da standen sie nun, ein. Häufchen Verlorener,
neben sich Tonnen und Ballen mit Lebensmitteln,
Decken, Zelten, Äxten, Sägen, Flinten, Pulver hörnern,
Schnapskrügen und Rosenkränzen. Es war Sommer. Die
Erde, auf der sie standen (das spätere Florida), brütete,
die Luft war feucht, landeinwärts lagen weite Sümpfe. In
den ersten einsamen Nächten lernten sie das Gruseln.
Doch nicht lange; denn sie bekamen Gesellschaft.
Indianer tauchten auf. Es waren gedrungene, kräftige
Gestalten im Lendenschurz, eine bunte Decke über die
Schulter geschlagen, Federbüsche im blauschwarzen
Haar, bartlose, knochige Gesichter, ihre lehmfarbene
Haut rot angestrichen, sie sahen aus wie Rothäute.
Sie besuchten das Lager ohne Scheu, brachten den
Weißen Früchte und Maismehl, schenkten ihnen ein
Kanu, rauchten ihnen ein Pfeifchen vor und zeigten ihnen
die Kräuter gegen Sumpffieber.
Es vergingen Monate. Bald trugen auch die Weißen nur
noch wenig mehr als einen Lendenschurz. Abgefahren
waren sie in »spanischer Mode«, mit Barett,
Glockenmantel, hochgeschlossenem Wambs,
gepolsterten Schultern, kürbisförmigen Hosen mit
herausgearbeitetem Latzbeutel, langen gestrickten
Strümpfen und Halbstiefeln. Angekommen waren sie
schon weniger schön, und jetzt war von der so berühmten
spanischen Mode nichts mehr übrig. Sie sahen aus, wie
man aussieht, wenn man tagaus, tagein rodet, gräbt,
hackt, sägt. Es waren recht abgerissene Gestalten, die alle
Augenblicke an den Strand liefen, um den Horizont nach
einem Segel abzusuchen. Sie brauchten neue Kleidung,
Geräte, Pulver, Kugeln, Nahrungsmittel. Die nächsten
Schiffe brachten es. Aber zugleich brachten sie neue
Siedler; die Misere verdoppelte sich. Zwar verdoppelte
sich auch die Zahl der Hände, aber die Jahreszeiten, Ernte
und Saat, beeilten sich um keinen Deut. Jedes Schiff
schüttete neue Menschen ans Ufer, Gott mochte wissen,
warum eigentlich. Was wollten sie nur? Sie hatten zu
Hause keine größere Not gelitten, der König brauchte
kein Land, es gab nichts zu holen, Nordamerika war hart.
Was wollten sie nur? Die Frage hat sich damals niemand
gestellt, und wir stellen sie für uns heute ja auch nicht,
wenn wir zum Mond fahren. Warum fliegen wir auf den
Mond? Wir reden von Erkenntnissen und Fortschritt,
während wir im gleichen Atemzug die für das Leben der
Menschheit tödlichste Sünde, die totale Vergiftung der
Erde, gelassen auf uns nehmen. Wir reden von
Wissenschaft, von Eroberung des Weltalls und von
kühnem Forschergeist, der uns »befreien« wird - wovon?
Lauter Flausen und dummes Gequatsche. Die einzig
richtige Antwort ist die von Schopenhauer: Der Mensch
ist vollkommen verstrickt in seinen Willen.
So ist es. Manchmal kann man ein Nahziel erkennen. Ein
Fernziel nie. Wissen Sie eines?
Der spanische König wollte also. Die Admirale wollten,
die Schiffsbauer wollten, die Priester wollten, die
Schnapsbrenner wollten, die Matrosen wollten. Es
begann ein regelrechter Pendelverkehr. Die Schiffe waren
unförmige Kästen, hilflos in jedem Sturm, Zweimaster
mit weit ausladenden Rahen und ungeschlachten Segeln,
das Heck wie ein vierstöckiges Wohnhaus mit Fenstern
und Gardinen hoch aufgetürmt, Karavellen von hundert
oder hundertfünfzig Tonnen, Monstren, wie sie kein
vernünftiges seefahrendes Volk im Altertum sich hätte
einfallen lassen. Man kann sie auf vielen Bildern des 16.
Jahrhunderts studieren. Als 1539 die Spanier ein ganzes
Regiment landen wollten und dafür zum erstenmal eine
Flotte geschlossen in Marsch setzten, muß sie ausgesehen
haben wie eine Elefantenherde, die über das Wasser kam.
Während dies im Süden geschah, knabberten zwei andere
Nationen den Kontinent im Norden an. Im höchsten
Norden, in Labrador und um den St. Lorenzstrom die
Franzosen, und an der mittleren Küste die Engländer.
Jeder hätte es dem anderen gern vermasselt, aber es ging
nicht, die Entfernungen waren zu groß. England verschob
dieses Vorhaben auf später.
Die Verhältnisse im Norden glichen denen im Süden
überhaupt nicht. Die warme Jahreszeit war kurz, der
Winter lang und streng. Der Schnee lag dann meterhoch,
und die Stürme waren eisig. Es gab keinen Ackerbau; die
Indianer im Norden waren Jäger, unruhige Geister,
Waldläufer; sie schienen auch kriegerischer. Sie lebten in
zahllosen Sippenverbänden und Stämmen, die mit
merkwürdig komplizierten Verwandtschaftskontrakten
und Familienverträgen zusammenhingen und ebensooft
verfeindet waren. Sie hatten hohe, mitunter etwas
unverständliche Ehrbegriffe; es war nicht ganz einfach,
sich durchzumanövrieren. Allen gemeinsam war ihre
Entschlossenheit, nicht zu arbeiten. An
Lebensmittelunterstützung war nicht zu denken; diese
Indianer lebten von der Jagd in riesigen Wäldern, und die
Weißen also auch. Sie hatten es einfacher als die Wilden,
sie knallten mit ihren Musketen in der Gegend herum,
während die Rothäute sich nach einem Hirschen die
Lunge aus dem Leibe rennen mußten. Ursprünglich
hatten diese Weißen einmal eine »Aufgabe« gestellt
bekommen, sie sollten die Nordwestpassage zum Stillen
Ozean finden. Die Passage gab es nicht, und nun blieb als
ihre einzige Aufgabe, dort zu leben und zu sterben.
Letzteres erfüllten sie in reichem Maße. Indes - nach Art
des perpetuum mobile - karrten die Schiffe immer neue
Menschen heran. In einem Sommer allein (1578)
überquerten hundertfünfzig französische Karavellen den
Ozean. Die Männer konnten gar nicht so schnell sterben,
wie die Siedlungen wuchsen. Was sollte erreicht werden?
Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Entschuldigen Sie,
daß ich immer wieder die Frage nach dem Sinn stelle, es
liegt daran, daß mein Gehirn noch nicht aus dem
Supermarkt stammt. Der französische König pflegte zu
antworten, daß er die reichen Fischgründe vor dem
Lorenzstrom ausnutzen wollte. Gewiß, gewiß. In dieser
Zeit, im 16. Jahrhundert, trat eine verhängnisvolle Wende
ein: Die Indianer, denen man Schritt für Schritt in der
Umgebung der Siedlungen die Jagdgründe
kahlzuschießen begann, lernten die Weißen hassen. Das
besiegelte später ihren Untergang, während sie sich sonst
sehr leicht als Schuhputzer oder Liftboys in unsere Zeit
hinübergerettet haben würden. Aber nein; anstatt die
verlorengegangenen Gebiete liberal sausen zu lassen,
anstatt realistisch zu denken und zu entspannen, taten sie
das, was den Mächtigen der Welt gegenüber tödlich ist:
Sie glaubten an ihr Recht! Stellen Sie sich das mal vor!
Alle drei, Spanien ebenso wie England und Frankreich,
waren schuld an dieser Wende.
Daß der Weiße Mann nicht nur zu einem kurzen Besuch
gekommen war, sollten sie alsbald merken. Denn in den
Jahren 1539/40 unternahmen im Süden die Spanier zwei
Expeditionen ins Innere des Landes; die eine hatte
überhaupt kein Ziel, die andere ein kindisches. Die eine
dauerte vier Jahre und endete an einem Hindernis, das
man aus völliger Erschöpfung nicht mehr überwinden
konnte, es war der Mississippi. Man hätte auch nicht
gewußt, wozu man ihn überwinden sollte. Die Truppe
war dezimiert, war am Verhungern und dauernd bedroht
von den Indianern, nachdem sie ihnen die Ernten geraubt
und die Dörfer niedergebrannt hatten. Es wurde eine
Anabasis. Mit einem Indianer-Reich, mit einem
empfindlichen Machtzentrum wie in Peru oder Mexiko
wäre man spielend fertig geworden. Hier aber stieß man
ins Leere.
Die andere Expedition brach von Mexiko auf und drang,
jenseits des Mississippi, nach Norden vor. Dem Zug
voran ritt Herr Coronado in goldblitzender Rüstung (das
Gold war den Azteken gestohlen). Seine Briefe sind uns
erhalten und offenbaren einen tüchtigen General mit
Gehirnerweichung. Er wollte die »Sieben goldenen
Städte der Indianer« entdecken. Die Städte gab es nur in
der Phantasie eines roten Witzboldes, aber die Spanier,
beraten vom frommen Padres, waren gläubig, und Gott
hatte ihnen in Mexiko und Peru schon zweimal geholfen.
Auch Herrn Coronados Weg war von verwüsteten
Feldern, toten Indianern, Frauen und Kindern gesäumt.
Nicht alle Toten hatten Widerstand geleistet, Coronado
war oft ganz einfach zornig gewesen. Die Don Quixoterie
endete in Kansas. Irgendwo mußte er ja umkehren. Die
Indianer des Südens waren geheilt. Weiter nördlich liefen
die Dinge anders. Delikater, denn hier handelte es sich
um ein so versiertes Volk wie die Briten. Ein Gentleman
tötet nur, wenn es nicht anders geht, und hier ging es
anders. Die Interessensphären Frankreichs und Englands
stießen hart aneinander. Im englischen Küstenstrich (etwa
bis hinauf nach Boston) lebten die Irokesen, im
Territorium der Franzosen (um den Lorenzstrom) die
Huronen, verwandte Indianerstämme, traditionell in
Eifersüchteleien und Streitigkeiten verwickelt. Es
bedurfte nun nur einer geringfügigen Ermunterung der
Irokesen (die sehr gefürchtet waren), um sich über die
Huronen herzumachen. Sie machten sich her. Die
»Wuschelköpfe« (französisch: les hures) baten die
Franzosen um Hilfe. Der Gouverneur, bereit, den
Engländern einen Warnschuß vor den Bug zu setzen,
sagte zu und zog blank. Die Irokesen wurden böse
geschlagen. Das freute England, es argumentierte
genauso richtig, wie im Berlin der zwanziger Jahre
einmal ein Gewerkschaftsführer bekannte: »Jeder
verlorene Streik ist ein Sieg, denn er heizt den Haß an.«
Die Briten brauchten jetzt nur noch den Irokesen den
Rücken im eigenen Gebiet freizumachen, indem sie die
feindlichen Nachbarn Delawaren und Mohikaner
ausrotteten. Das taten sie.
Damit war der permanente Krieg zwischen den
(notgedrungen) englandfreundlichen Irokesen und den
(notgedrungen) frankreichfreundlichen Huronen geboren,
eine diplomatische Glanzleistung, die alle Erwartungen
erfüllte.
Die Verluste der Weißen waren zum Glück minimal.
Britisches Blut ist tapfer, wir wissen es, aber es ist auch
sehr wertvoll. Was nun das damalige französische
betrifft, so war es weniger wertvoll. Die Mehrzahl der
Männer waren nämlich Verbrecher. Graf Roberval hatte
sie zu Hunderten in den Pariser Gefängnissen und
Kerkern zusammengekehrt, nach Amerika verfrachtet
und dort losgelassen. Immerhin, als Weiße standen sie
denn doch noch hoch über den Wilden.
Der blutige Urwaldkrieg wurde nun ein Dauerzustand. Er
entfachte bei den Rothäuten Mordinstinkte, die sie vorher
nicht gekannt hatten. Pioniere, die später ins Innere des
Landes vordrangen, bestätigten, daß die Indianer, die
noch nicht mit Weißen in Berührung gekommen waren,
sich weder tückisch noch grausam zeigten. Sie kannten
auch das Skalpieren nicht. Gelernt haben sie es von den
Holländern und den englischen Calvinisten, die den
Irokesen eine Prämie für jeden getöteten »Feind«
aussetzten, wofür der Skalp als Beweis dienen sollte,
etwa so, wie manche Dorfschulzen früher einen Groschen
für jede erschlagene Kreuzotter zahlten. Es waren nicht
alles »Kreuzottern«-Skalpe, die die Irokesen brachten.
Die Briten machten keinen Unterschied, ob Mann oder
Frau oder Kind. Dadurch erreichten die frommen
Puritaner auch eine Art Buchführung über die Verluste
des Feindes, das war das Neuartige daran. Denn das
Skalpieren selbst hatten sie nicht erfunden; es wird uns
schon aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. berichtet. Im Alten
Testament (2. Makkabäer-Buch 7/7) heißt es nämlich:
»Als der erste [der sieben jüdischen Brüder, die man
zusammen mit ihrer Mutter zwingen wollte,
Schweinefleisch zu essen] auf diese Art gestorben war,
führten sie [die Folterknechte des Königs von Syrien] den
zweiten zur Marter. Sie rissen ihm die Kopfhaut samt den
Haaren ab und fragten ihn: Willst du essen, bevor dein
Körper gliedweise gemartert wird?«
II

Elende Zeiten, elende Schinderei, im Norden wie im


Süden. Jedoch, als es den Spaniern zum erstenmal gelang,
ein Pferd, eine Muttersau und einen Sack Weizen über
den Ozean zu bringen, machte das Leben für die Siedler
einen gewaltigen Sprung.
Es war nicht einfach gewesen; jedenfalls schwieriger, als
das Hündchen Laika in den Weltraum zu schießen. Viele
Versuche scheiterten; Schiffe gingen unter, Stürme
schüttelten sie wochenlang so durch, daß die Pferde
getötet, die Schweine und Schafe notgeschlachtet werden
mußten. Das Getreide wurde muffig und verdarb. Wann
die erste Fracht glücklich landete, ist unbekannt,
zumindest mir; aber aufregend genug muß es gewesen
sein. Alles, was diese Arche Noah brachte, war in Amerika
unbekannt. Die Indianer hatten noch nie ein Pferd
gesehen,, noch nie einen Esel, nie ein Schwein oder Schaf. Sie
kannten auch Weizen, Roggen und Hafer nicht. Für die
Siedler bedeutete das alles einen so großen Umschwung,
als wäre die Heimat zu ihnen gekommen. Briten und
Franzosen machten es den Spaniern bald nach. Auch Frauen
kamen an, jener Teil der Menschheit, der zur
Komplettierung der Männer so unerläßlich und überdies
auch vergnüglich ist. Man hatte sie begreiflicherweise
schmerzlich entbehrt. Ein Indianermädchen zu ergattern,
war schwierig. Vorgekommen ist es. Das berühmteste
Beispiel ist die schöne Häuptlingstochter Pocahontas, die
den abenteuerlichen Seehelden John Smith vom
Marterpfahl rettete und heiratete. (Eine Urenkelin von
Pocahontas wurde im zwanzigsten Jahrhundert die Frau
von Woodrow Wilson und damit First Lady der USA.)
Fast war nun alles wie zu Hause. Im spanisch-
katholischen Süden waren auch die frommen Priester in
Scharen da, ja sogar hohe Herren der Inquisition. Auf
Bildern einer Handschrift von Champlain und in einem
Bericht de Brys aus dem Jahre 1599 sieht man sie in bunten
Kürbishosen, in tailliertem Wambs, sogenannten
Erbsenschoten-Schnitt, und hohem Faltenhut neben einem
Scheiterhaufen stehen, auf dem gerade unbelehrbare
Indianer gebraten werden, ad majorem Dei gloriam. Die
vielen Menschen im Süden warfen nun aber ein ernstes
Problem auf. Ein einzelner Mann kann sich ganz gut
durchbringen, auch zwei, auch zehn, denn man kann -
nehmen wir einmal als Grundlage ein Feld oder einen
Gemüsegarten - ein Stück bewirtschaftetes Land ohne große
Schwierigkeiten auf das Zehnfache vergrößern. Wenn
man aber, um tausend Menschen zu ernähren, das Feld auf
das Tausendfache ausweiten soll, so muß man in den
Urwald oder in den Sumpf oder in die Prärie vorstoßen.
Das ist der wunde Punkt. Die Multiplikation hat ihre
Grenzen. Irgendwo an einer Ecke steht dann auch ein
Indianer, der Halt sagt. Auch bleiben jetzt zu viele Hände
müßig: die Kinder, die Frauen, die Soldaten, die Priester.
So ist das eben leider bei einer feudalistischen
Gesellschaftsordnung (jedermann arbeitet, mit Ausnahme
der Privilegierten).
Damals kannte man das kommunistische Prinzip noch
nicht (jedermann arbeitet, mit Ausnahme der Privilegierten).
In diesem Dilemma fand ein Spanier um die Mitte des
sechzehnten Jahrhunderts einen genialen Ausweg, der
sich vierhundert Jahre später allerdings als ein fürchterliches
Trojanisches Pferd erwies. An »später« dachte in jenen
alten Jahrhunderten natürlich niemand. Das tun Völker erst,
wenn sie alt geworden sind und schon keuchend auf dem
Rücken liegen.
Der Mann, der jenen Ausweg fand, hieß Las Casas und
ist in die Geschichte als ein wahrer Nothelfer eingegangen,
würdig, unter die heiligen vierzehn Nothelfer der Kirche
eingereiht zu werden, um so mehr, als auch er ein
Gottesmann war. Zunächst war er Jurist, was ihn
qualifizierte, Recht und Unrecht zu erkennen, ganz so wie
unsere heutigen Richter. Dann trat er, seine hohe Berufung
ahnend, in den Dominikaner-Orden ein, dem bekanntlich
die Tötung der irrgläubigen und verhexten Menschen
oblag. Er brachte es bis zum Bischof, was ihn
qualifizierte, nun auch genau zu wissen, was gottgefällig
war und was nicht; wiederum ganz genau wie unsere
heutigen Oberhirten. Daß es ihn in die Neue Welt zog,
lag ihm im Blut: schon sein Vater, seines Zeichens
Händler, hatte Columbus begleitet, ohne umzukommen.
Dieser vielseitige Las Casas ging zunächst nach Cuba,
was damals noch identisch mit »Amerika« war. Dort sah
er das gleiche Dilemma, das auf dem Festland herrschte,
nicht ganz so schlimm, denn auf Cuba war es schon
gelungen, die Eingeborenen zur Zwangsarbeit zu pressen.
Das tat Las Casas in der Seele weh. Laßt, rief (und
schrieb) er, die Indianer in Ruhe; sie haben eine rote
Haut, aber eine weiße Weste und dieselbe
Menschenwürde wie alle Ebenbilder Gottes.
Und hier nun kam ihm jener rettende Gedanke, der ihn
unsterblich machte: Er erinnerte sich, auf welche Weise
er schon zehn Jahre zuvor auf seiner heimatlichen Farm das
Arbeiterproblem gelöst hatte, nämlich mit Negersklaven,
und er beschloß, auch das amerikanische Dilemma so zu
lösen. Und zwar in großem Stil.
Der Papst gab seinen Segen und freute sich herzlich über
die befreiten Indianer. Auch die spanische Regierung war
sehr einverstanden, denn ihrem gesunden Instinkt entging
nicht, welche Möglichkeiten für das Aufblühen von
Handel und Wandel darin steckten.
Es klappte auch anfangs vorzüglich. An der
Elfenbeinküste hatte man bereits Erfahrung: Man überfiel
die Negerdörfer, brannte sie nieder, tötete das unnütze
Gerumpel an Kindern, alten Weibern und Greisen, nahm
den gesunden Rest, stopfte ihn in den Bauch der
wartenden Schiffe zwischen Tonnen, Kisten und Vieh
und segelte ab nach Amerika. Es brachte ganz schöne
Preise. Was dem Scharfsinn Spaniens allerdings entging,
war, daß es über kurz oder lang mit England
zusammenrumpeln mußte, das in puncto christlicher
Seefahrt noch nie Spaß verstanden hat. England, von
Grund aus eine friedliche Nation, die nicht zufällig das
fair play erfunden hat, erwartete, im Handel und Wandel
nicht brutal beiseite gestoßen zu werden. Die Königin der
Meere war Spanien schon lange nicht mehr, seit Howard
und Drake in der berühmten Seeschlacht von Gravelines
die spanische Armada vernichtet hatten. Törichterweise
beteiligte sich Spanien dann auch noch an dem
dreißigjährigen Gemetzel um Deutschland, kurzum, es
blutete sich auf dem Kontinent aus, während England
schon weit über Europa hinausdachte. Die Dinge standen
für die Briten also bestens, das Ende des Zweikampfs um
die christliche Seefahrt war abzusehen. Der Friede wurde
unvermeidbar. Er nannte sich Friede von Utrecht. Spanien
gestand England das absolute Primat im Sklavenhandel zu.
James Thomson, Theologe und Dichter, verfaßte, Gott
dankend, Englands seitdem berühmtes Nationallied »Rule,
Britannia, rule the waves«, »Beherrsche die Meere,
Britannien!«
III

Inzwischen war man ins 18. Jahrhundert umgestiegen.


Die Zahl achtzehn erweckt optisch leicht einen falschen
Eindruck. Sie wirkt so nahe dem Neunzehnhundert und
.Sagen wir also besser: Inzwischen war man in das
Säkulum umgestiegen, dessen Jahre sich zum erstenmal
mit einer Siebzehn schrieben. Man war wohlgemut wie
selten umgestiegen. Die Luft roch, meinten viele, nach
Neuzeit.
Nun ist zwar immer »Neuzeit«, eigentlich jeden Morgen,
auf alle Fälle aber, wenn die nächste Generation es sich
einbildet. Aber diesmal kam: tatsächlich aus Europa ein
Signal, und ein einzelner Mann hatte es gegeben: Der
Engländer John Locke. Er verkündete die »Aufklärung«.
Ein herrliches Wort! Es wurde alsbald von jedermann
verstanden, nachdem man es auf die gefällige Formel
vereinfacht hatte, daß der »gesunde Menschenverstand«
jedes Menschen das Beste und Vertrauenswürdigste sei,
was Gott fabriziert hat, Locke hatte gemeint, man müsse
mit den alten Vorstellungen von »ewigen sittlichen
Wahrheiten« brechen, man müsse auf die kritische
Erkenntnis jedes Menschen bauen und den Staat der
Volkssouveränität unterstellen. Man müsse die
Naturwissenschaften auf den Thron erheben; vor allem
aber müsse die Freiheit des Individuums verkündet und
verwirklicht werden.
(Wir heute, die wir seit einiger Zeit in der
Verwirklichung dieser Thesen leben und uns zu
bekreuzigen beginnen, können uns schwer vorstellen, wie
- unter Gebildeten - diese Fanfare wirkte!
leb sagte: unter Gebildeten. Damit hat es sich auch. Die
Staatsmänner des alten Europa kümmerten sich um
diesen »Pinscher«, wie ein deutscher Bundeskanzler
einmal die Dichter und Denker so treffend bezeichnet hat,
nicht, sondern wurstelten politisch weiter wie bisher.
Hingegen konnte man ausgerechnet dort, wo man es am
wenigsten erwartet hätte, tatsächlich Ansätze einer stark
veränderten Geisteshaltung erkennen: bei den englischen
Kolonisten in Amerika. Das Pionierleben war dafür
günstig; es öffnete die Augen für Persönlichkeiten (die in
Old England verkümmerten) und für Individualisten (die
in England eingeebnet wurden), für die Schärfung der
Sinne auf der untersten Ebene des Überlebens, und es
öffnete die Augen dafür, wie wenig »ewige sittliche
Wahrheiten« hier in der Wildnis galten. Der geistige
Nährboden für dieses Selbstvertrauen war schon
vorbereitet durch die berühmten »Pilgrimsväter«. Die
Pilgrimsväter waren jene Schiffsladung Menschen, die
vor Generationen aus England gekommen waren, das drei
Kreuze hinter ihnen machte. Sie hatten sich in der alten
Heimat nicht mehr wohlgefühlt, was verständlich ist,
denn ihr arrogantes Auserwählten-Bewußtsein und ihr
puritanischer Glaubenseifer müssen unerträglich gewesen
sein. Kaum in Amerika gelandet und mit »Halleluja« in
die Knie gesunken, infizierten sie die ganze Luft mit ihrer
verheuchelten Rechtschaffenheit und der Überzeugung,
Gott zahle mit Erfolg und klingender Münze aus. Sie
wirkten wie die Hefe in einem Teig: er gärt.
Es war der Fanatismus der Pilgrimsväter, der später den
Kampf gegen die französischen Siedler erst richtig in
Schwung brachte, denn bei ihnen gesellte sich zu allem
anderen noch der Religionshaß gegen die Katholiken
hinzu. Rätselhaft, wie die Pilgrimsväter es fertig gebracht
haben, für sich und ihre Abkömmlinge einen nicht
totzukriegenden Ruhm zu schaffen. Damals müssen sie
eine wahre Pest gewesen sein.
Zählen Sie alle diese Dinge zusammen, so haben Sie als
Summe das, worüber man sich heute so oft den Kopf
zerbricht: die Wurzeln des Amerikanismus. Man fing
auch schon an, sich »Amerikaner« zu nennen. Nicht, weil
England weit, weit weg war. Die Franzosen waren
genauso weit von ihrem Vaterland entfernt und fühlten
sich dennoch nie anders als Franzosen. Auch nicht etwa
deshalb, weil man in reichem Maße in Verwaltung und
Rechtsprechung Selbständigkeit vom Mutterland erhalten
hatte, - nein, sondern weil man sehr instinktsicher fühlte,
daß man ein anderer Menschenschlag zu werden begann.
Äußerlich hatten sich in der ganzen Welt die Menschen
sehr verändert. Keine Kürbishosen, keine
Erbsenschotenwambse mehr, nicht einmal mehr eine
Allonge-Perücke, man hätte sich zu Tode geschämt.
Nein, man ging jetzt in Halbschuhen, hellen Strümpfen,
enger Kniehose, Weste, langem farbigem Jackett, man
trug einen Zopf im Rücken und darauf einen Dreispitz -
ein Bild, das uns zeitlich schon vertraut anmutet und das
man sich leicht vorstellen kann. So ging der junge »Alte
Fritz«, in dessen Zeit wir nun stehen.
So sahen nun auch die Siedler in Amerika aus, von der
Hudson-Bai bis Florida. Sofern man Militär war, ging
man in Schaftstiefeln statt Halbschuhen, den Frack in
vorgeschriebener Farbe: die Briten in Rot, die Franzosen
in Blau.
Wie die Menschen hatten sich auch die einst
bescheidenen »Siedlungen« gewandelt. Ein ganzes
Jahrhundert war vergangen, auch wenn die Jahre dort
drüben zäher zu verstreichen schienen als im
vulkanischen Europa. Boston zum Beispiel, der kräftigste
britische Säugling, war nun schon so eine Art Husum
oder winziges Danzig. Die Häuser um den großen
Rathausplatz waren zwei- und dreistöckig, schmale
Handtücher, wie man sie heute noch im alten London der
Squares findet; die hohen Fenster in viele kleine Scheiben
geteilt, denn Glas war rar und teuer. Vor den Haustüren
standen Säulen, das Rathaus (richtiger eigentlich:
Regierungsgebäude) hatte einen steinernen Balkon und
eine kleine Freitreppe. Auf einem Gemälde aus jener Zeit
kann man nicht erkennen, ob der Platz gepflastert war,
aussehen tut er nicht so. Aber es tummelt sich allerhand
darauf. Eine dreispännige .Diligence (mit Herren und
Damen besetzt), Wagen, Karren und Reiter; ein
Straßenhändler sitzt vor einem Haus, ein Stubenmädchen
geht einkaufen, eine Dame macht mit ihrem Kind einen
Spaziergang, und ein Hausknecht führt einen Hund aus.
Alle sehen aus wie im gleichen Augenblick die Leute in
Brighton oder Lübeck oder Potsdam. An Columbus denkt
niemand mehr; die ganz Alten erzählen vielleicht noch
abends am Kamin: »Früher, mein Junge, standen hier nur
niedrige Holzhäuser und oft konnte man, wenn der Wind
von Norden kam, das Gewehrfeuer der Franzosen hören,
mitunter sogar das Kriegsgeschrei der Indianer. Es war
nicht, wie ihr wohl glaubt, >schon immer so wie heute<,
es waren schwere Zeiten, my boy, damned schwer.« Sie
sind immer noch sehr schwer, draußen. Hier in Boston ist
Etappe. Man stolziert, wie auf dem Gemälde, im
pastellfarbenen Frack herum, treibt Handel, arbeitet in
Kontoren, schmiedet, zimmert, schneidert, kutschiert,
gießt Kugeln, macht Flinten, gräbt Gärten um, pflügt
Felder in der Peripherie; die Hauptarbeit verrichten
»weiße Sklaven« , Männer, die sich in den Londoner
Elendsvierteln für ein Handgeld von zehn englischen
Pfund als Leibeigene auf Zeit verkauften. Vielleicht ist
der Hausknecht auf unserem Bild ein weißer Sklave, oder
der Kutscher der Dillgence. In fünf Jahren wird er frei
sein, frei und ohne Sorgen, ohne Slums und ohne den
Makel des Paria. Gods own country! Es läßt sich nicht
beweisen, aber ich bin sicher, daß die Engländer drüben
alle schon die Ahnung hatten, die Neue Welt werde
einmal eine Macht werden. Es kann gar nicht anders
gewesen sein. (Und das alles mit dem Zopf im Rücken,
wir wollen den Anblick nicht vergessen.) Dabei hatten
die »Amerikaner« noch nicht den blassesten Schimmer,
auf welchem Riesenkontinent sie saßen. Wenn man
damals mit einem Hubschrauber die Küste von Norden
bis Süden hätte abfliegen können, so würde man gesehen
haben, wie schmal die Borte war, die den unendlichen
grünen Teppich säumte. Um den Lorenzstrom gab es das
bescheidene Quebec und das ebenso bescheidene
Montreal, hier und da einige französische Forts und
Pelzjäger-Stationen, wenig Leben, wenig Bewegung,
wenige blaue Röcke, sogar die Indianer waren wenige.
Stunden weiter Südlich endlich Boston mit allem, was zu
einem richtigen Städtchen gehört, mit richtigem Hafen,
mit richtigem kleinen Menschengewimmel, mit richtigem
Lärm, rauchenden Schornsteinen und mit Ausfallstraßen,
die sich nach Westen hin bald in der Wildnis verloren.
Dort lagen als kleine Fleckchen die vorgeschobenen Forts
und noch weiter im Innern als kaum erkennbare Punkte
die Gehöfte der Farmer, der »Hinterwäldler«. Nach
langem Flug hätte man dann die ganz akzeptable
Handelsstation Neu-Amsterdam oder, wie sie jetzt ja
hieß, New York gesichtet, bald darauf Philadelphia und
Baltimore (ein Dorf, wo man noch in Schaftstiefeln mit
Reusen im Hafenbecken fischte), Jamestown (neben
dessen Ruinen später Richmond entstand) und
schließlich, nach einer Pause von endlosem Nichts, tief
im Süden Gharleston. Was waren sie alle? Nicht mehr
und nicht deutlicher als kleine »Webfehler« in dem
großen grünen Teppich. Die Zweihundert- oder
Dreihunderttausend, die in diesem britischen Gebiet
lebten - Sandkörner über Zweitausend Kilometer
gestreut. Und immer das typische Bild: Kleckse an der
Küste entlang, dazwischen Hunderte von Meilen ohne
eine Menschenseele: das Bild änderte sich über Florida
mit einem Schlage. Man War in Spanien. Alles erinnerte
daran. Weite Kulturen, legende Felder, blühende Gärten,
Herden. Unterstützt vom reichen spanischen Mexiko
stießen die Plantagen, Hazienden und Vieh-Ranches
schon tief in das Innere vor.
Man mußte bereits tagelang reiten, um an ihre Grenzen
zu kommen. Und von dort war es dann nicht einmal sehr
weit bis zum Mississippi, wo wieder Spanier und
Franzosen säßen. Und von da konnte man schon fast den
Brüdern, di von Mexiko aus in Südkalifornien gelandet
waren, di Hand reichen. Na ja, eine ziemlich lange Hand
müßte es sein; die Enkel würden sie haben. Die Enkel
würden auch die letzten Indianer bändigen, so oder so.
Das Leben war schön. Es war auch einfach zu leben; die
Winter waren so milde wie in Boston der Frühling. Jeder
Spanier ein Caballero, zumindest ein kleiner. Die Arbeit
verrichteten die schwarzen, lebenslänglichen Sklaven.
Die Schiffe karrten jährlich mehr als vier-, fünftausend
Neger heran.
Die Burschen waren ganz gut zu haben. Ein bißchen
traurig vielleicht und still, aber sonst brav. Vor allem
gehorsam. Sie wohnten in Reihenhütten, ganz ungestört
unter sich. Sie heirateten sogar und bekamen Kinder, wie
ja auch Vögel im Käfig heiraten und Kinder kriegen. Sie
singen sogar.
Was sangen die Neger, wenn sie in der Dämmerung vor
den Hütten saßen und in den Himmel blickten? Kein«
Ahnung. Unverständliche, seltsame Lieder, monoton und
klagend.
Die Missionare hörten das nicht gern und lehrten sie die
schönen christlichen Gesänge. Es ist vorgekommen, dass
manche Sklaven sich weigerten, an den guten
katholischer Gott zu glauben. Aus Dummheit natürlich
oder aus Bockbeinigkeit. Wenn dann einer nach dem
anderen sich in seiner Gorillagröße aufreckte und vor
Wut und Haß die Zähne fletschte, dann mußte man
durchgreifen. Solche Leute mußten, allein schon um der
Ehre Gottes Willen, schwer, schwer bestraft werden, auch
mit dem Tode, obwohl das einen erheblichen Geldverlust
bedeutete. Aber, wie gesagt, dazu war man selten
gezwungen. Gewöhnlich wurden die Sklaven sogar
besonders eifrige Beter. So richtig christlich fröhlich
allerdings nie.
Es waren für alle, wie man sieht, schöne Zeiten, im
Norden härter, im Süden leicht. Aber leider, es blieb nicht
so. Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es
dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Wir wollen nicht
kleinlich sein und einen Sprung von zwei Generationen
machen. Natürlich haben wir vieles unterschlagen,
Übergriffe, zerstörte Siedlungen, Brandschatzungen und
zu jeder Stunde des Tages und der Nacht den Todesschrei
eines Indianers; langweilig, zwar nicht für die
Betroffenen, wohl aber für die, die es des Morgens am
Frühstückstisch bei Cornflakes und Spiegeleiern hörten.
Leid tut mir nur, daß ich einen Mann wie Robert de la
Salle verschwiegen habe, der als Pelzhändler in Canada
begann, dann mit einer winzigen Schar (zwei Dutzend)
Franzosen bei Schnee und Eis loszog, den halben
Kontinent bis zum Mississippi durchquerte und in
Louisiana die Fahne Frankreichs hißte. Wissen Sie,
warum der Mann so einzi-gartig war? Weil er nicht töten
konnte. Natürlich hatte er Glück, daß er im Innern des
Landes auf keinen Weißen Stieß. Die Indianer, denen er
auf dem langen Marsch begegnete, wurden alle seine
Brüder. Er hatte ein Zaubermittel: Seine kleine Schar war
immer nahe am Sterben. Da sind solche wilden Völker ja
komisch, sie mögen das nicht. Freilich ist es nicht das
schöne christliche Erbarmen, sondern wahrscheinlich
einfach Trotz. Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen zu
erwähnen: Er wurde später von weißen Söldnern
erschlagen.
Nun wollen wir aber mal diesen Kauz lassen und uns in
das Jahr 1756 begeben. In diesem denkwürdigen Jahr
begann Friedrich der Große, Amerika zu erobern. Er
wußte es nur nicht. Es dauerte eine Weile, bis es ihm
aufging, und das geht manchen Historikern heute noch
so. Wir müssen einen Sprung nach Europa machen,
jedoch nicht nach Potsdam, vielmehr in die Boudoirs von
Kaiserin Maria Theresia in Wien (sie war damals vierzig
Jahre alt), von Kaiserin Elisabeth von Rußland (damals
sieben-undvierzig Jahre alt) und von Madame Pompadour
in Versailles (damals fünfunddreißig Jahre alt). Dort
herrschte ein eifriges Gehen und Kommen von
Diplomaten, Liebhabern, Günstlingen und Unterröcken,
Russen in Paris, Engländer in Paris, Österreicher in
Petersburg, Franzosen in Wien. Behalten Sie vor allem
die »Engländer in Paris« im Gedächtnis. Einziges
Gesprächsthema, sogar im Bett, war der kleine
spitznasige König in Sanssouci. (Ich möchte noch mal
eine Komödie »Die Eroberung Amerikas« schreiben, die
nur in Boudoirs spielt.) Friedrich der Große hatte, wie Sie
sich erinnern werden, die beiden Schlesischen Kriege
gewonnen und damit seinen legitimen Anspruch auf die
einst österreichische Provinz durchgesetzt, ein Faktum,
das Maria Theresia um keinen Preis hinzunehmen
gedachte. Sie rüstete fieberhaft, und als der preußische
König die Versicherung verlangte, daß die
Kriegsvorbereitungen nicht gegen ihn gerichtet seien
(vollkommen albernes Verlangen natürlich), da machte
die Kaiserin etwas, wofür wir ihr an dieser Stelle ein paar
Sekunden staunenden Gedenkens widmen wollen: Sie log
nicht. Stellen Sie sich das vor! Eine Regierung, die nicht
lügt! Begreifen Sie's, wenn Sie können. Friedrich der
Große las die Antwort und beschloß, Österreich
zuvorzukommen. Er wußte, daß die Pompadour und
Elisabeth ihn aus dem Bauch und noch tieferen Regionen
haßten, ihn ganz persönlich, weil sein Mundwerk einmal
böse mit ihm durchgegangen war: das alte Leiden der
Hohenzollern. Aber daß Ludwig XV., traditionell
Erzfeind Österreichs und Friedrichs Verbündeter in den
Schlesischen Kriegen, losschlagen würde, konnte er nicht
glauben.
Jedoch: Er schlug. (»Engländer in Versailles«! Sie rieten
dazu.) Und damit war der Dreifrontenkrieg da. Schöne
Bescherung, wir kennen es. Doch siehe da, wenn die Not
am größten, ist England, so es ihm paßt, am nächsten.
Kaum hatte es Frankreich in den Krieg getrieben, warf es
jetzt das Steuer um hundertachtzig Grad herum. William
Pitt, zur Zeit mächtigster Mann in London, bot Friedrich
eine fast unbegrenzte Hilfe an. Verstehen Sie mich recht:
Geld, nicht etwa Soldaten. Er hatte, zwar auch Soldaten,
aber während die Franzosen in Europa bluteten, schickte
England seine Regimenter nach - -
- an diesem Punkte durchschaute auch Friedrich n.
endlich das Spiel und begriff, daß es gar nicht um
Preußen oder Habsburg oder Schlesien ging, sondern um
etwas viel Gigantischeres, um die Verteilung ganzer
Kontinente. In sechstausend und in zwanzigtausend
Kilometern Entfernung, in Nordamerika und in Indien,
bereitete England einen Weltkrieg vor, den ersten wahren
weltweiten Eroberungskrieg der modernen Geschichte.
Es ging um Besitz, der hundertmal so reich war wie
Europa, um Land, das zehntausendmal so groß war wie
Schlesien, es ging um ein ganz großes Spiel.
Weder Wien noch Potsdam noch Petersburg waren drin
in diesem Spiel. Es war ein Waffengang, den nur die
beiden Stärksten unter sich ausmachen konnten, und die
Stärksten waren Frankreich und England. Eine
Sternstunde. Sie müssen nicht an die Toten, an Leid und
Elend denken; das ist laienhaft, habe ich mir sagen
lassen. Denken Sie größer! Stellen Sie sich vor, Sie seien
Staatsmann, Sie stünden am Grünen Tisch und schauten
auf die Weltkarte. Sie dürfen natürlich nicht durch die
Landkarte hindurchschauen, weil Sie da schreckliche
Dinge erblicken könnten. Nein, einfach daran denken,
daß Ihr Land die halbe Welt besitzen könnte und Ihr Volk
damit für lange Zeit gesichert und sorglos und reich und
glücklich werden würde.
So dachte Pitt. Dazu war nötig, daß Friedrich der Große
siegte; aber nicht zu viel und nicht zu schnell. Im Mai
1758, gerade als in Paris die Hiobsbotschaft eintraf, daß
der Herzog von Braunschweig, Friedrichs General im
Westen die Franzosen zurückgeworfen hatte und schon
jenseits des Rheins stand, landeten neununddreißig
englische Linienschiffe und Fregatten mit zehntausend
frischen Soldaten an der französischen Küste Canadas in
Halifax. Die Zehntausend setzten sich sofort nach Norden
in Marsch, in Richtung der Schlüsselfeste Louisbourg,
stürmten sie, nahmen die gesamte Besatzung von über
fünftausend Franzosen gefangen und schickten sie
sozusagen postwendend mit den Schiffen nach England.
Gleichzeitig mobilisierte Virginia, tausend Kilometer
südlicher, seine Miliz; sie überquerte die Allegheny-
Berge und stieß gegen Fort Duquesne vor, Frankreichs
wichtigsten Stützpunkt im Rücken von New York und
Philadelphia. Das hatte eine reguläre Truppe unter einem
General vor einigen Jahren schon einmal versucht und
schlimm büßen müssen. Diesmal aber lief alles
wunderbar. Nach schweren Kämpfen mußte sich das Fort
ergeben. Es ist die heutige Zweimillionenstadt Pittsburg.
Der Mann, dem der Gouverneur die Bürgerregimenter
anvertraut hatte, der Mann, der siegte, war ein
sechsundzwanzigjähriger ehemaliger Landmesser und
Bodenspekulant mit Namen George Washington. Er hatte
die Devise mitbekommen: »kill and destroy«, und er hielt
sich daran.
Damit, meine Damen und Herren, betritt Amerikas
Legendär-Gestalt, der Vater des Vaterlandes, die Bühne.
Betrachten Sie ihn: Er ist noch sehr jung, in seinem
Gesicht fällt hier noch nichts weiter auf als eine lange
hängende fleischige Nase, eine kurze Oberlippe und ein
vorgeschobenes Kinn. Auch über den Augen deuten sich
schon die hängenden Lider an. Er trägt das Haar in einem
kleinen Zopf gedreht, der Hals ist mit der modischen
Binde umwickelt, die in ein kleines Jabot ausläuft. Der
Waffenrock zeigt auf den Schultern die Kommandeurs-
Epauletten mit Raupen. So hat ihn Peale gezeichnet. Der
Gesichtsausdruck ist unbeschwert und etwas zynisch.
Zwanzig Jahre später malte ihn C. Stuart. Washington hat
dann den Waffenrock abgelegt, er trägt einen
hochseriösen, altväterlichen schwarzen Rock und auf
dem Kopf die zopflose lockige Perücke in Weiß. Der
Mund ist der, den die amerikanischen Bankiers heute
haben, die Lider sind noch hängender; die Augen blicken
kalt, das Gesicht ist immer noch rosig.
Wenn Sie ihn deutlich vor sich sehen, kann er von der
Bühne wieder abtreten.
In der Tat, da das Finale des (ebenfalls siebenjährigen)
amerikanischen Krieges sich im Norden abspielte, konnte
General Washington nach Hause gehen, was er auch tat.
Er wusch sich die Hände, hängte den Sinnspruch »kill
and destroy« ab und den alten wieder auf: »Eine feste
Burg ist unser Gott«, denn er war ein frommer Mann. Die
Entscheidung konnte nur in Canada fallen, das noch fest
in französischer Hand war.
Das Land wehrte sich verzweifelt. Nach dem Verlust der
fünftausend Mann in Louisbourg besaß es noch dreitau-
sendzweihundert Soldaten. Montcalm, übrigens einer der
bedeutendsten französischen Generäle, rief den
Landsturm auf. Siebentausend kamen. Also zehntausend
Mann für die ganze Länge der Front. Fünfzigtausend
hatten die Engländer.
Es wurde ernst. Zuerst fiel Fön Niagara (fünfhundert
Soldaten verloren), dann ergab sich die Festung
Ticonderoga (tausend Soldaten verloren). Der
Lorenzstrom, im Vergleich zu den Waldwegen die reinste
Autobahn, war nun frei bis Quebec. Die Engländer
segelten mit fünftausend Mann heran.
Montcalm hätte kapitulieren können, dann wäre er im
heutigen Sinne ein vernünftiger Mann gewesen. Aber er
war im heutigen Sinne ein Idiot, er nahm den Kampf an.
Ebensolche Idioten waren die Bürger Quebecs; Tausende
griffen zu den Waffen und waren bereit zu sterben.
Wofür? Es bestand die geringe Chance, die ganz geringe
Chance, durch einen Sieg den ganzen Krieg zu gewinnen.
Na ja, so kann man sagen. Es verschiebt aber nur die
Frage nach dem Sinn. »Den Krieg gewinnen« - für wen,
warum? Was spielte sich in den Köpfen dieser
altmodischen Menschen ab? Das Leben, hat Schiller
geschrieben, ist der Güter höchstes nicht. Na, na!
Sondern? Man hat uns vor nicht langer Zeit einmal
gesagt: Wenn wir den Krieg verlieren, lohnt es sich nicht
mehr zu leben. Wir Überlebenden müssen es doch nun
wissen: lohnt es sich? Ich frage Sie: Lohnt es sich?
Wieviel Koteletts mit Bratkartoffeln haben wir seitdem
gegessen, wieviele Weinchen getrunken, wieviele Filme
gesehen, wie oft geliebt? Lohnt es sich, ich frage Sie?
Dieser Schiller mit seinen Sentenzen! Die Franzosen
verloren die Schlacht um Quebec; die meisten fielen,
auch Montcalm. Wieviel hätte er noch erleben können,
wieviel Entrecotes verputzen! Wieviel Borscht und
Sonnenblumenkerne hätten die Verteidiger von
Leningrad noch essen können. Aber auch sie sagten:
»Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes
aber ist die Schuld.«
Inzwischen waren die Engländer nicht in Quebec
stehengeblieben. Das nächste Ziel, Stadt und Festung
Montreal, lag nur dreihundert Kilometer stromaufwärts,
ein Katzensprung. Auch Montreal fiel. Der Krieg war
nicht beendet, aber entschieden. Die überlebenden
französischen Soldaten (es gab noch einige) kehrten nach
Europa zurück. Canada war englisch.
Wir stehen im Jahre 1760. Friedrich der Große hat die
Schlacht von Kunersdorf verloren, die Russen besetzen
Berlin. Wären Englands Pläne in diesem Moment erfüllt
gewesen, so würde der Alte Fritz den Siebenjährigen
Krieg verloren haben. Es wäre kein Bismarck und kein
Reich gekommen, die Geschichte Europas hätte einen
anderen Weg genommen, welchen, das weiß der liebe
Gott.*
Pitts Ziele jedoch waren mit der Eroberung Canadas noch
nicht erreicht. Es schien ihm ein Aufwaschen, gleich im
Süden weiterzumachen. England erklärte Spanien den
Krieg. Die Briten segelten jetzt einfach (»rule the
waves«) in Richtung Florida, ließen es jedoch
überraschend liegen und wandten sich den Antillen-
Inseln zu. Sie eroberten Martinique und Cubas Hauptstadt
Havanna. Sie liegt bekanntlich Florida direkt gegenüber.
Spanien bekam es mit der Angst. Es wollte wenigstens
eines von beiden retten und bot zum Tausch gegen Cuba
Florida an. Sehen Sie, so einfach geht das.
Jetzt sind wir im Jahre 1762. Englands Ziele waren
erreicht, es stellte mit gleichem Datum die
Hilfszahlungen an Preußen ein. Der Preußenkönig war
ihm wurscht. Da der Alte Fritz Gehirn hatte, wußte er das
frühzeitig und brachte es fertig, den Wettlauf mit dem
Termin zu gewinnen. Zarin Elisabeth war gestorben,
Rußland schloß kriegsmüde Frieden, Friedrich gewann
die letzte Schlacht, Maria Theresia schloß Frieden,
Madame Pompadour schloß Frieden, alle Welt schloß
Frieden, denn England genehmigte ihn jetzt. Im »Frieden
von Paris« 1763 verlor Spanien an England Florida,
Frankreich an England Canada, Louisiana und alle
indischen Besitzungen. Das britische Imperium war da!
Es stand auf festen Säulen, und die festeste, so glaubte
London, die treueste, die hilfreichste war Amerika. Es gab
ein böses Erwachen.

*Eben höre ich, wie er mir antwortet: »Den von 1945.«


IV

In den Jahren des siebenjährigen amerikanischen Krieges


Englands gegen Frankreich spielt Coopers berühmtes
Buch »Lederstrumpf«. Kinder lesen es heute, geschrieben
ist es für Erwachsene. »Indianer« war damals kein
romantisches Thema, es war das Wort für »Kriegsbericht«.
Auch in England las man auf der ersten Seite der Zeitungen
fast täglich das Wort »Indianer«. Man verschlang die
Nachrichten aus Amerika, aber es streikte die Phantasie.
Coopers Idee, einen romanhaften Erlebnisbericht
nachzuliefern, war also reines Mannah. Endlich konnte man
sich den Urwald vorstellen; sah man das Leben in den
einsamen Forts, hörte man das Kriegsgeschrei der Wilden,
sah ihre gräßlich bemalten Gesichter, die sausenden
Tomahawks, die blutigen Skalpe an ihrem Gürtel. Man sah
die katzenhaften Gestalten anschleichen, Kühnheit oder
Mord (je nachdem, ob es Irokesen oder Huronen waren),
und man fühlte das Grauen der dunklen Nächte am
glimmenden Lagerfeuer. Tatsächlich enthält der
»Lederstrumpf« viele wirklich schöne Beschreibungen. Es
gibt einige, die auch ich nicht vergessen habe,
Schilderungen von Flußfahrten, von Waldseen und
Schlittenpartien an einem Wintermorgen.
Durch den »Lederstrumpf« war nun auch die letzte Miss im
schottischen Hochland im Bilde, und alle
Droschkenkutscher in Limerick wußten, daß eine
Bärentatze noch besser schmeckte als eine Rehkeule. Was
sie so ganz nebenbei auch noch erfuhren, war, daß die
Franzosen einen dubiosen Charakter hatten; daß sie Verrat
an allen Ecken und Enden übten; daß sie - mit einem Wort -
keine Gentlemen waren wie die Engländer. Und ihre
Verbündeten, die Huronen, waren überhaupt das Allerletzte,
feige, hinterhältig, wortbrüchig, blutdürstig und grausam.
Wie Giftschlangen pflegten sie von den Bäumen der
Flußufer auf harmlose englische Boote zu fallen, sie
steckten Blockhütten in Brand, in die sich englische Ladies
geflüchtet hatten, sie raubten die beiden süßen Mädchen
Cora und Corinne, die weiter nichts gewollt hatten, als in
einem Fort ihren Pappi zu besuchen, lauter Dinge, die
zum Himmel schrien. Aber England hatte die Welt davon
befreit.
Das Buch erschien erst lange nach den Ereignissen, aber
die ältesten Kriegsveteranen bekamen es noch zu lesen und
waren ziemlich erstaunt: Sie hatten die Franzosen ganz
anders in Erinnerung. Auch die Erfahrungen mit den
Indianern waren sehr verschieden von denen des Konsuls
Dr. Fennimore Cooper. Sie erinnerten sich der Huronen
(es gab nur noch wenige) als tapfer und aufrichtig, wenn
auch oft grausam, der Irokesen dagegen als hinterhältig
und verräterisch. Wenn man ehrlich war, mußte man
gestehen, daß Cooper log, was ja eigentlich ganz
unenglisch ist.

Nun, nach dem Kriege, im Frühjahr 1763, lag wirklich


eine sonntägliche friedliche Atmosphäre über Amerika,
und alle Siedler, Soldaten, Städter, Waldläufer hätten
gesagt, daß die Indianer ganz umgängliche Leute geworden
seien. Und ausgerechnet jetzt irrten sie sich, denn
inzwischen hatten die Indianer ein bißchen nachgedacht.
Sie verstanden vieles nicht beim weißen Mann; was sie
aber vor allem anderen nicht verstanden, das war seine
Habsucht, seine Unersättlichkeit. Sie sahen, daß die
Engländer mit Mühe die Küste besiedeln konnten, daß ihnen
»hands« fehlten, Material fehlte, Lebensmittel fehlten, und
daß sie dennoch immer tiefer ins Land vorstießen, rodend,
brennend, holzend, jagend, ausrottend, wie von einem
bösen Dämon getrieben. Den Trappern folgten die
Ranchers, den Ranchers die Tramps (Gesindel, das man in
die Wildnis statt in Gefängnisse schickte), den Tramps die
Soldaten.
Wo sollte das hinführen? Wo würde das enden? Von
Osten kamen sie, von Norden, von Süden, sie kamen stets
mit Feuerwaffen, stets drohten sie, stets logen sie; wenn es
nicht eilte, kamen sie mit Schnaps. Es waren die
Häuptlinge, die an die Zukunft dachten; die, obwohl sie
von den Möglichkeiten der Weißen wenig wußten, klar
sahen; Häuptlinge, die zu erkennen imstande waren, was zu
verkraften und was nicht mehr zu verkraften war. Sie
konnten sehr wohl unterscheiden, was die Substanz anfraß
und das Wesen des roten Volkes zerstörte. Sie ahnten, daß
dies tödlicher sein würde als hundert verlorene Kämpfe.
Wir dürfen diese roten Männer getrost bewundern.
Der erste in der Geschichte des Verzweiflungskampfes der
Indianer war Pontiac, Häuptling der Ottawa-Indianer.* Er
war damals dreiundvierzig oder vierundvierzig Jahre alt;
wie er aussah, wissen wir nicht. Wahrscheinlich war er
auch äußerlich eine imponierende Gestalt. Alte Bilder zeigen
die Prärie-Indianer, seit langem schon zu Pferde, in
Lederkleidung, mit Fransen oder Skalpen besetzt, mit
Federn im Haarknoten, während die gezähmten
Waldindianer in der Nähe der britischen Siedlungen sehr
viel Ähnlichkeit mit den heutigen »Hippies« hatten.

*Ich weiß nicht, ob die Automarke nach ihm benannt ist: es


würde passen wie die Faust aufs Auge.
Pontiac mochte die Engländer nicht. Im soeben beendeten
britisch-französischen Kriege hatte er gegen sie
gekämpft. Sie erinnerten sich noch mit Schrecken an
seinen Vormarsch gegen New York.
Die Reden, die er jetzt schwang, waren beunruhigend. Sie
kamen sehr bald zu den langen Ohren der Briten, die
daraufhin beschlossen, sich mit ihm »ins Benehmen« zu
setzen. Zu diesem Zweck schickten sie einen Mann zu ihm,
den ungeeignetsten, der sich denken ließ; er hatte unter
den Rothäuten einen großen Ruf, allerdings keinen sehr
feinen. Es war ein gewisser Major Rogers, der sich rühmen
konnte, schon einen ganzen Indianerstamm ausgerottet zu
haben. Die beiden trafen sich in Detroit, das zu dieser
Zeit schon ein kleines Städtchen war, befestigt und von
Fort Pontchartrain geschützt. Rogers machte dem
Häuptling einiges klar, er nannte ihm die Zahl der
englischen Truppen, die Zahl der Gewehre, die Zahl der
Kanönchen, die Zahl der Forts und die Zahl der Schiffe, die
England schicken konnte. Pontiac fragte, ob es wahr sei, daß
die Franzosen fortgegangen seien. Rogers nickte. Pontiac
hätte ihm liebend gern das Messer in die Brust gerannt, und
Rogers hätte den Roten gern abgeknallt. Beide taten es
nicht: der eine, weil seine Mission lautete, Frieden zu stiften,
der andere, weil er hoffte, den Herrn Major später zu
erwischen. (Er irrte sich.)
Sie trennten sich mit Pontiacs Versprechen, sich bei den
Stämmen für Frieden einzusetzen, und mit Rogers
Versicherung, daß die Briten nur die allerbesten Gefühle
für die Rothäute hätten.
Selbstverständlich logen beide. Als der große Aufstand der
Rothäute begann, war Pontiac erwiesenermaßen der
Organisator und Stratege.
Er wollte die Weißen nicht ins Meer zurückwerfen, er
war kein Phantast. Er wollte sie über die Alleghenies
treiben; das Gebirge sollte für alle Zeiten die Grenze
bleiben; Pontiac vollbrachte eine enorme Leistung. Alle
Stämme des riesigen Hinterlandes standen auf -
furchterregende Scharen.
Es sah böse aus.* In wenigen Sommermonaten des Jahres
1763 fielen von der Seenplatte im Norden bis Carolina im
Süden neun Forts in die Hände der Roten, Hunderte von
Lagern, Siedlungen und befestigten Plätzen.
Alles floh.
Als der Herbst kam, gab es westlich der Alleghenies nur noch
zwei Punkte auf der Landkarte, die englisch waren: Fort Pitt
(Pittsburg) und Detroit. Und an diesen beiden Punkten
entschied sich das Schicksal des ersten großen
Indianeraufstandes. Fort Pitt wurde von einem in Eilmärschen
herangeführten Regiment entsetzt, und der Handstreich auf
Detroit mißlang - eine Indianerin hatte ihn verraten!
Pontiac erkannte das Menetekel und bat um Frieden. Die
Engländer, die immer den Hut vor einem großen Gegner
ziehen, gewährten ihn. Anschließend ließen sie Pontiac
durch einen gedungenen Mörder umbringen.

Machen wir Kassensturz.


England hatte gesiegt und hundertvierzig Millionen Pfund
Staatsschulden. An Steuern brachten alle Bürger der britischen
Insel drei Millionen Pfund auf. In siebenundvierzig
Jahren würde der Staat den Schuldenramsch hinter sich
haben. Sie kennen doch den Begriff »Staatsschulden«?

*Es ist doch hoffentlich in Ihrem Sinne, wenn ich es aus der Sicht
der Engländer und nicht der Wilden sehe. General Amherst
schlug vor, Wolldecken mit Pocken-Erregern zu verseuchen und an
die Indianer zu verschenken.
Natürlich kennen Sie ihn, Sie leben ja mittendrin. Der Staat
nimmt in finanzieller Bedrängnis bei seinen Bürgern
Kredite auf. »Kredite« klingt vornehm und seriös; von Mann
zu Mann würde man es »anpumpen« nennen. Solche Pump-
Versuche des Staates, oft mit vagem Rückzahlungstermin,
gelingen natürlich nur, wenn, wie der Brockhaus es ausdrückt,
das Volk »die objektbezogenen Gesichtspunkte einsieht,
d.h. in Hinblick auf bestimmte Eigenschaften der zu
finanzierenden Vorhaben, zum Beispiel ihrer Rentabilität.«
Dies ist der Punkt, den ich herausarbeiten wollte, oder,
wie unsere wortgewandten Volkstribunen sagen würden:
Mit der Transparentmachung dieses Problems, das im
Raum steht, habe ich Prioritäten gesetzt, um das Folgende
voll und ganz in den Griff zu bekommen. »Das
Folgende« war für die britische Regierung eine höchst
heikle Geschichte: Amerika sollte sich nun rentieren!
Indien bot da keine Schwierigkeiten; in Indien wohnten
Inder, man plünderte sie einfach aus. Wer aber, den man
ausplündern konnte, wohnte in Amerika? London, das die
Siedlungen in Amerika offiziell als Militärkolonien
betrachtete, beschloß, dort Steuern einzuführen; nichts
Aufregendes, zunächst nur eine Stempelsteuer, wie sie sie
auch in England gab.
Der Effekt war der einer Bombe.
England fiel aus allen Wolken. Es waren doch Penny-
Beträge, um die es ging, Groschenbeträge für den einzelnen!
Aber es ging eben nicht um die Groschen, es ging den
Kolonisten um das Prinzip. Sie waren empört. Sie waren
der Meinung, das Londoner Parlament habe nicht das
geringste Recht, in ihre vom König verbriefte
Selbstverwaltung einzugreifen. Sie riefen London ins
Gedächtnis, daß sie keine vom englischen Militär eroberte
Kolonie seien wie Canada oder Florida. Die britischen
Soldaten hätten sie lediglich beschützt. Statt ihrer hätte
man sich auch ein Amulett umhängen können. Sie riefen
London auch ins Gedächtnis, daß das Parlament nur über
counties beschließen könne, die durch Abgeordnete
vertreten seien.
Amerika war nie vertreten. Sie riefen London in
Erinnerung, daß die amerikanischen counties eigene
Parlamente hätten, an die eigentlich sogar der englische
König gebunden sei. (In England fiel man fast in
Ohnmacht). Denn, so erinnerten sie London, seit der
Revolution von 1688 stelle die britische Verfassung den
König unter das Parlament, also auch unter ihres.
Saftige Argumente, finden Sie nicht auch? Es ist klar, daß
nicht der Mann auf der Straße sie gefunden hatte. Und
wenn wir ein bißchen suchen, entdecken wir auch sofort
einige merkwürdige Gestalten, die sich der Situation
bemächtigten: Vertreter jenes Berufes, der heute zur
höchsten Blüte gelangt ist, die Demagogen. Der führende
Kopf hieß Samuel Adams. Er war, wie fast alle
Demagogen, Sprößling aus reichem Hause und wandte
sich, wie alle Demagogen, sofort mit sicherem Instinkt an
das beste Sprungbrett, das Demagogen haben, an die
Habenichtse, die nichts besaßen außer viel Zeit. Man kann
sich an sie wenden, das darf man, wenn die Sache sie
angeht. Doch diese Leute hatten noch nie einen Stempel
gebraucht und wußten gar nicht, wie so was aussah.
Adams hielt flammende Reden (reden können sie alle),
streute auch etwas von dem Geld aus, das sein Vater mit
seinen Schiffen verdient hatte, und schuf sich unter den
Arbeitsscheuen, die die Städte nicht mehr wie früher
loswerden konnten, und dem Hafenproletariat eine Truppe,
die sich den tönenden Namen »Söhne der Freiheit« gab.
Der Name verrät, daß Adams eine Morgenluft witterte, die
gar nichts mehr mit der albernen Steuer zu tun hatte. Die
»Freiheitssöhne« bedrohten und nötigten alle Bürger, die für
Verständigung mit England waren. Sie drangen nachts in
die Wohnungen, sie teerten und federten, sie schlugen die
Steuereinnehmer und demolierten die Lager der Kaufleute.
Selbstverständlich taten das die Freiheitssöhne vermummt.
Auch Jugendliche, die mal zu Hause Indianer spielen
wollten, machten begeistert mit. Adams siegte. Die
Steuerbeamten schlössen ihre Büros und die Kaufleute
kamen unter dem Druck der Straße überein, keine
englischen Waren mehr einzuführen. Es war ein Schlag,
der England hart traf, und es dauerte nicht lange, da hob es
die Steuerverfügung auf. Adams war ein Held. War er
nicht wirklich einer? Man kann ihn nämlich auch anders
sehen, als ich es getan habe in meiner Abneigung gegen alle
Demagogen und heimlichen Gewalttäter. Wahr ist, daß er ein
anderes Instrument als die Habenichtse gar nicht gehabt
hätte. Die Arbeiter waren uninteressiert, die Bürger satt,
die Stadtväter ängstlich. Wahr ist auch, daß er selbst aus
dem Aufruhr nichts erntete. Wahr ist, daß ihm als einem der
ersten ein »Staat« Amerika vorschwebte. Zumindest
behauptete er es später. War er ein Idealist? Ich kann es
nicht glauben. Er hat genug geredet, um den wahren Samuel
Adams erkennen zu lassen. Er hat jede Übertragung von
Machtbefugnissen an irgend jemand (der nicht mit ihm
identisch war) abgelehnt. Er war skrupellos und
neurasthenisch. Das sind die Zutaten, aus denen Unholde
gemacht werden.*
Es gibt aber auch eine andere Type von Unholden. Old
England war damals voll von ihnen. Es war der unerträglich
dünkelhafte, weltfremde, in manchen Exemplaren geradezu
verblödete Adel. Bernard Shaw hat den jungen Napoleon

*Wenn Sie unbedingt etwas Bewunderung loswerden wollen, so


empfehle ich Ihnen James Otis, den Theoretiker der damaligen
Freiheitsbewegung. Näheres in allen modernen Enzyklopädien.
über so einen vernagelten Aristokraten einmal sagen
lassen: Es hat keinen Zweck, man kann ihn nur vor eine
Kanone binden und in die Luft schießen. Wahr! Man
kann durch sie ebenso wie durch ihre Antipoden zur
Weißglut gebracht werden. Aber schließlich: durch
welchen Vernagelten nicht.
Zwei Jahre nach dem Versuch mit der Stempelsteuer
unternahm ein neuer englischer Schatzkanzler, Lord
natürlich, einen zweiten Vorstoß. Er belegte die
amerikanischen Kolonien mit einer Importsteuer für Tee,
Papier, Glas und Farben.
Die Empörung über die Stempelsteuer war ein milder
Wind gewesen im Vergleich zu dem Sturm, der sich nun
erhob. In Boston legte Adams wieder los, in New York
führte John Scott die Radikalen an, im Süden Christopher
Gadsden.
Man verprügelte die Konservativen, teerte, demolierte,
legte Feuer, trug über Nacht ganze Lagerhäuser ab.
Natürlich zahlte man nicht nur keine Steuer, man bezahlte
englische Waren überhaupt nicht mehr. Noch vor wenigen
Jahren hatte England anderthalb Millionen Pfund durch
Exporte nach Amerika eingenommen. Jetzt schuldeten die
Kaufleute von Virginia allein schon über zwei Millionen,
die sie nicht zu bezahlen gedachten. Kein Zweifel,
Amerika entglitt der Londoner Regierung. Auch der
Sklavenimport stockte. Das waren noch Zeiten gewesen, als
die Herren der Welt Amerika jährlich fünfzehn-tausend
Neger verkaufen konnten! Den Lords zitterten die Knie.
Auch den Besonneneren in Amerika zitterten sie. Wenn
man sich in diese hochabsolutistische Zeit zurückversetzt,
ahnt man, wie groß der Schrecken vor einer offenen
Empörung gegen die Krone gewesen sein muß. Und eben
deshalb glaube ich auch nicht an die bona fide der
Aufpeitscher. Sich weigern oder mordbrennen sind zwei sehr
verschiedene Dinge. Importe boykottieren und Gläubiger
verlachen sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Überzeugen und Terrorisieren sind zwei sehr
verschiedene Dinge. Wenn Adams und Genossen die
Wahl gehabt hätten, auch mit Überzeugen zum Ziel zu
kommen, sie würden ganz sicher die Gewalt gewählt
haben. Sie wollten die Menschen radikalisieren.
Was waren sie? Beantworten Sie sich die Frage selbst.
An einem Märztag 1770 passierte in Boston folgendes:
Einige Rowdies griffen den englischen Wachtposten vor
dem Zollhaus an. Der Soldat zog den Säbel und verletzte
einen der Angreifer am Arm. Als habe man auf dieses Signal
gewartet, rottete sich im Handumdrehen eine tobende
Menge zusammen und schleuderte einen Hagel von Steinen
auf den Posten. Der Mann schrie um Hilfe, Soldaten
rannten herbei und bildeten eine Kette vor dem Zollhaus.
Die Masse — inzwischen war es eine geworden — sah
rot und griff einen Soldaten an, der fiel zu Boden, es löste
sich ein Schuß aus seinem Gewehr (andere Version: er
schoß absichtlich), die Masse geriet außer sich und ging auf
die Soldaten los. Die legten die Gewehre an und feuerten.
Fünf Angreifer wurden getötet (darunter auch ein
Neger!). Die Soldaten wurden vom eigenen Kommandeur
zur Rechenschaft gezogen.
Kennen Sie die Musik? Vertraute Melodie, nicht wahr?
Die Zeitungen - Boston besaß schon seit 1704 eine - heulten
vor Freude über diesen Knüller auf, und die Druckereien
schütteten Tausende von Flugblättern aus. Es existieren
noch einige davon. Das verbreitetste brachte auch eine
Zeichnung, die den großen Platz zeigt, auf dem aber nun
nicht mehr Kutschen fahren, Stubenmädchen einkaufen
und Gemüsehändler am Rinnstein sitzen, sondern vor einem
Haus mit dem Schild »Butchers Hall« (Butcher heißt
Fleischer, es kann aber auch Mörder bedeuten) steht eine
Kette von Soldaten und schießt unter furchterregendem
Pulverdampf in die sittsam und ruhig verharrende Menge.
Ein Silberschmied war der Künstler. Das Blatt trägt die
Überschrift »Das blutige Massaker von Boston«, ein
Schlagwort, das bald in den entlegendsten Waldsiedlungen
ankam und in die Geschichtsschreibung eingegangen ist.
Ich weiß nicht, ob die Jugend in Amerika heute noch
etwas bei dem Wort »Massacre of Boston« empfindet.
Damals, und noch bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein
genügte die Erwähnung, um die Volkswut gegen England
zum Sieden zu bringen. Aber die Zeit heilt, nicht wahr?
Die britische Garnison war mit einem Schlage in einer
heiklen Lage. Sie wagte kaum noch, sich zu rühren. In
dem heißen Topf rührte auch nicht sie, sondern abermals
die Regierung in London. Wieder ein Anlaß, so banal wie
nur denkbar. Es ging noch einmal um Tee. »Tee« klingt
nobel und für die Angelsachsen lebenswichtig, aber
schließlich ist es nur ein Gesöff, ohne das man nicht gleich
stirbt, auch wenn die Engländer das fürchten. Seit der
Einführung der Teesteuer hatte sich ein blühender
Schmuggel mit Tee entwickelt. König der Schmuggler war -
wie könnte es anders sein - ein »Radikaler«, ein
»Freiheitssohn«. Der Herr hieß John Hancock und war -
wie könnte es ebenfalls anders sein - Sprößling eines Reeders
und Erbe von rund vierhunderttausend Goldtalern. Diesem
Mann wollte England das Handwerk legen. Dafür hatte es
diesmal etwas ganz Listiges ausgeheckt. Es beschloß, den
Tee unter Umgehung der Umschlagplätze direkt an den
Einzelhandel zu liefern und so zu verbilligen, daß er unter
den Schwarzhandelspreis sank. Man hat nie erfahren, ob er
sank. Denn als die ersten Tee-Schiffe landeten, erlitten sie
alle möglichen Schicksale, nur leider nicht das ihnen
zugedachte. Die »Söhne der Freiheit« traten wieder auf den
Plan! Zunächst wurden die Hafenarbeiter unter Druck
gesetzt: Die Fracht blieb ungelöscht. In Charleston
verrottete sie, ehe man das Schiff umkehren ließ. In New
York und Philadelphia dagegen schickte man die Schiffe
sofort nach Hause. Für Boston hatten sich Adams und
Hancock etwas Originelles einfallen lassen. »Söhne der
Freiheit«, als Indianer verkleidet und bemalt, enterten drei
Schiffe und warfen dreihundert Kisten Tee ins Meer,
London war nicht nur empört, es war zutiefst verletzt.
Suchten die Kolonien denn wirklich die offene
Auseinandersetzung? Man kann verstehen, daß eine
Nation, die so sensibel in punkto Recht und Unrecht ist,
enttäuscht, sehr enttäuscht war über die zurückgestoßene
Hand. Das Londoner Parlament beschloß, jetzt nicht mehr
mit der sanften Kunst des Jiu-Jitsu zu antworten, sondern
mit einem Faustschlag. Am 1. Juni 1774 legten sich englische
Kriegsschiffe vor den Hafen von Boston und sperrten ihn.
Boston lebte vom Meer; die Stadtväter waren nun doch
erschrocken und sahen schwarz. Arbeitslosigkeit drohte,
Hunger drohte, Bankrotts drohten. Die Briten auf ihren
Fregatten lehnten an der Reling, tranken Tee und sahen
gelassen zu.
Eigentlich müßten sie dort immer noch stehen und Tee
trinken, denn Boston kapitulierte nie. Das gesamte Land
sprang für die Stadt ein und ernährte sie! Zum erstenmal
trat eine Solidarität aller amerikanischen counties zutage!
England war gezwungen, den nächsten Schritt zu tun. Es
legte vier Regimenter in den Unruheherd Boston. Der
Kommandierende General hatte Anweisung, Privathäuser
als Quartiere zu beschlagnahmen und Lager zu errichten,
wo es ihm paßte. Das »Parlament« von Massachusetts
wurde aufgelöst - es etablierte sich unter dem Namen
»Provinzialkongreß« sofort neu und berief zu seinem
Präsidenten das Rote Tuch für England, John Hancock,
den Schmugglerkönig.
Hancock, zunächst machtlos gegen die britische
Einquartierung, verlegte die Arbeit in den Untergrund.
Überall wurden »Sicherheitskomitees« ins Leben gerufen,
Waffenverstecke angelegt, ein Minutenplan für die Stunde
X ausgearbeitet. Die Männer nannten sich sogar Minute-
Men. Das Gewehr lag griffbereit.
Es gab noch eine andere Tretmine, die England gelegt hatte.
Es hatte aufgrund des Pariser Friedens die Grenze
zwischen »seinem« Canada und den Küstenkolonien weit
nach Süden und Osten verlegt, so weit, daß die Alleghenies
dicht im Rücken der Städte jetzt die Grenze bildeten. Das
klingt harmlos, aber es bedeutete, daß die vielen Siedler, die
schon jenseits des Gebirgszuges auf Farmen und kleinen
Dörfern lebten, plötzlich unter englischer Verwaltung
standen. Es bedeutete auch, daß ohne die Erlaubnis
Londons kein »Amerikaner« mehr die Alleghenies
überschreiten und sich häuslich niederlassen konnte. Die
britische Regierung hatte sich dabei ausnahmsweise etwas
sehr Ehrenwertes gedacht: Sie wollte die Indianer vor
Überflutung schützen; die Kolonien sollten sich mit dem
Küstenstreifen (immerhin etliche hundert Kilometer tief)
begnügen. Aber das war zu diesem Zeitpunkt schon nicht
mehr möglich. Es gab bereits weiße Familien, denen
Ländereien von der Größe Preußens gehörten. In North
Carolina residierte ein Mann, der - für ein Butterbrot -
von den Cherokesen das gesamte Stammesgebiet, das heutige
Kentucky, aufgekauft hatte. Thomas Jefferson,
Rechtsanwalt in Virginia und späterer dritter Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika, galt nur als
»begütert«, er besaß siebeneinhalb Millionen
Quadratmeter. Ich fürchte, es kommt bald der Augenblick,
wo Sie mich fragen werden, warum ich in diesem schier
endlosen Kleinkram wühle, während ich frühere
Jahrhunderte im Zeitraffer durcheilt habe. Ach, der liebe
Kleinkram in der Weltgeschichte, aus dem so oft der
Großkram entsteht! Sie werden es sofort begreifen, wenn ich
Ihnen sage, was nun geschah. Im September jenes Jahres
(1774) trafen sich die Repräsentanten aller Kolonien (außer
Georgia) auf einem Kongreß in Philadelphia, dem ersten
in der Geschichte Nordamerikas. Es kamen die vom hohen
Norden, die aus dem Mittelosten, aus dem Süden, aus
Florida, es kamen die Männer aus zwölf counties zusammen,
Reeder aus Boston, Großgrundherren aus der Mitte,
Sklaven-Haziendaeros aus dem Süden, Männer, die sich
gegenseitig sonst nicht mit dem Hinterteil angesehen
hätten, und dazwischen die führenden »Söhne der
Freiheit«. Jener »schier endlose Kleinkram« war es, der im
Begriff stand, sie zusammenzuschweißen. Seit Anbeginn
der Welt, meine Freunde, sind noch niemals Nationen oder
Reiche anders entstanden als durch Druck und Not. Noch
niemals in der Geschichte haben etwa Verhandlungen,
Geschwätz, »Bestrebungen« oder einfache Vernunft
Gegensätze vergessen lassen, fremdes Blut vergessen
lassen, fremde Art und fremde Ideologie. Es war immer
der Krieg oder die Not oder die Angst, die die Menschen
zwang, zusammenzuwachsen zu einer Einheit. Das
Schicksal schmiedet nicht anders als wir: mit Feuer und
gewaltigen Schlägen, und nicht mit frommen Wünschen.
Wann werden die Menschen das je begreifen? Die Söhne
der Freiheit haben damals behauptet, in ihrer Mitte sei die
Einigung Amerikas geboren worden. Das ist nicht wahr.
England hat die Vereinigten Staaten geschaffen: Sein
Unverstand, sein Imperialismus, seine Drohungen waren
es. Wer von Ihnen, meine Herren, wünscht schnell mal fix ein
Vereintes Europa?
Der Kongreß von Philadelphia erließ zwar zunächst nur,
wie es sich für einen Kongreß gehört, eine Deklaration, er
war aber mehr: er war ein Rütli-Schwur. Der Winter ging
vorüber. Im Frühjahr 1775 mehrten sich die Anzeichen
militärischer Vorbereitungen der »Amerikaner«. Der
englische Kommandierende General in Boston entsandte
ein Bataillon von achthundert Mann, um in Concord
(sechzig oder siebzig Kilometer entfernt) das geheime
Waffenlager auszuheben, über das so viel gemunkelt
wurde. Die Operation war so geheim gehalten, daß die
Stadt sie erst in der Nacht des Abmarsches bemerkte.
Minute-Man Nr. 1 (es war der Silberschmied Paul Revere,
der das Flugblatt vom »Massacre« gezeichnet und
gedruckt hatte) warf sich aufs Pferd und jagte den Soldaten
voraus, um Alarm zu schlagen.
Auf halbem Wege schon stießen die Soldaten auf eine
Schar bewaffneter Dörfler, die aber beim Anblick eines
ganzen Bataillons sofort in den Hinterhalt zurückwichen.
Und aus dem Hinterhalt fiel der erste Schuß. Der
berühmte »erste Schuß«, der in der Geschichte so oft schon
Kriege und Revolutionen ausgelöst hat. Ein Schuß ging am
18. März 1848 in Berlin los und gebar die
Barrikadenkämpfe. Ein Schuß ging am 28. Juni 1914 in
Sarajewo los und gebar den Weltkrieg.
Der Schuß bei Concord gebar zunächst vor allem eine
Heidenangst. Der englische Offizier, der das Bataillon
befehligte, war jung und unerfahren und erlebte zum
erstenmal einen Kampf ä la Indianer: Seine Männer fielen
um, ohne daß man den Feind zu sehen bekam. Auf dem
Rückmarsch wurden sie pausenlos beschossen. Sie
ballerten aufs Geratewohl zurück, sei es auch nur, um sich in
der Dunkelheit Mut zu machen. Ohne eine Patrone
kehrten die Soldaten nach Boston zurück. Es waren noch
fünfhundert.
War der Krieg ausgebrochen? Verwirrt versuchte man sich
klarzumachen, was eigentlich geschehen war. War es
Auflehnung, war es Bürgerkrieg, Inselbriten gegen
Amerika-Briten? Sah so der Anfang eines Krieges aus? In
Philadelphia trat eiligst ein neuer Kongreß zusammen. Die
Besonnenen hatten schlaflose Nächte verbracht,
hundertmal alles durchdacht und gegeneinander
abgewogen. Sie kamen nicht lange zu Wort, die Radikalen
schrien sie nieder*, titulierten sich jetzt »Patrioten«, was
bedeutete, daß alle Andersdenkenden keine waren, und
erzwangen drei Beschlüsse, von denen einer immer ein
saftigerer Hochverrat war als der andere: Die
bewaffneten Aufständischen wurden zur »American
Continental Army« ernannt, also zur eigenen Armee; die
dreizehn Kolonien wurden aufgefordert, autonome
Regierungen zu bilden; und schließlich krönte man den
Hochverrat, indem man mit Frankreich Verhandlungen
über ein Bündnis aufnahm.
König George III. gab den Befehl, die Rebellion mit
Waffengewalt niederzuschlagen. Es war so weit.

* Ich weiß nicht, ob schon einmal untersucht worden ist, wieweit


diese Szenerie das Vorbild für die ja nur fünfzehn Jahre später
sich in Paris abspielenden Konventtaktiken zwischen Girondisten
und der Bergpartei war.
V

Briten gegen Briten.


Der König hielt es für unmöglich. Ganz England hielt es
für unmöglich.
Es ist merkwürdig, daß gerade Politiker, die doch sonst
alles so leicht schlucken, sich das nicht vorstellen
können. Briten gegen Briten, Deutsche gegen Deutsche,
Söhne gegen Väter - glauben wir es immer noch nicht?
Weil sie gemeinsamen Blutes sind? Gemeinsamen
Staates, gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Eltern? Es
sind starke Bande, kein Zweifel, und um so stärker, je
weniger im Gehirn ist. Ein Italiener in Amerika bleibt
auch noch in seinem Enkelkind Italiener, und es weint,
wenn es >O sole mio< hört. Aber Völker, die in Ideen
leben, gerade starke Völker, die ihren Instinkten
mißtrauen, die mehr Furcht vor Lachen und Weinen als
vor dem Denken haben, Völker, die einen Arminius und
Hagen von Tronje, einen König Arthur und Archibald
Douglas haben, sind gefährdeter, sie fühlen ihr Blut
nicht so stark. In ihren Adern fließen Wille und Ideen.
Ihnen sind sie treu wie niemandem sonst - bis sie sie
wechseln. Im Bruderkrieg schießen sie nicht auf Blut,
sie schießen auf die andere Idee.
Als 1775 der amerikanische Unabhängigkeitskrieg
ausbrach, standen sich bereits nicht mehr Briten und
Briten gegenüber, sondern Briten und Amerikaner. Auf
der einen Seite Menschen eines absolutistischen
Zeitalters mit einem geheiligten König, mit einer
gottgegebenen Ordnung, mit einer alttestamentarischen
Hierarchie, mit einer Entpersönlichung ohnegleichen,
mit einer stummen Masse von Untertanen. Auf der
anderen Seite lauter Einzelgänger und Individualisten,
einst nach Amerika verschlagen ohne Ordnung, ohne
Oberhaupt, ohne Staat, ohne Schutz, hart geworden,
selbstbewußt und gewohnt, alles persönlich und direkt zu
erledigen. Sie waren in einer Lage, die der frühen
Schweiz ähnelte. Sie konnten noch auf dem Marktplatz
zusammenkommen und mit Handheben abstimmen oder
der »Regierung« ihre Meinung zurufen.* Sie wußten
damals nicht, wie man das nennen könnte, aber wir wissen
es: Es war die sagenumwobene Demokratie, die es heute
auf der Welt nicht mehr gibt. Sie verachteten die
Untertanen-Demut und konnten sich eine Rückkehr, eine
Umkehr nicht vorstellen. Sie drohte ja auch in Wahrheit
gar nicht, aber allein die Erinnerung an die Unfreiheit
ließ die Zornesader schwellen. Es war ihr Land, ihr
Leben, ihre Freiheit, die in Gefahr waren - zu den
Waffen! Zu den Waffen!
Erleichtert wurde ihr Gewissen, als sie sahen, daß die
ersten Soldaten, die England herüberschickte, fast alle
bloß dämliche Deutsche waren, jene armen Teufel, die
von ihren skrupellosen Landesfürsten gegen »Subsidien«,
gegen Judasgeld, vermietet worden waren.
Erinnern Sie sich der Szene zwischen der Maitresse
Lady Milford und dem Kammerdiener des deutschen
Duodezfürsten in, Schillers »Kabale und Liebe«?
Nein? Wenn Sie erlauben, holen wir es nach, denn mir
ist es lieber, Sie hören die bösen Worte aus seinem,
statt aus meinem Munde, Schiller war zur Zeit der
Ereignisse siebzehn Jahre alt.

* Es gab überhaupt nur fünf Städte, die mehr als


zwanzigtausend Einwohner hatten: Boston, Philadelphia, New
York, Baltimore und Charleston.
Kammerdiener:
Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen
sich Mylady zu Gnaden und schicken
Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit, Sie
kommen soeben erst aus Venedig.
Lady hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken
zurück:
Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese
Steine?
Kammerdiener mit finsterem Gesicht:
Sie kosten ihn keinen Heller.
Lady:
Was? Bist du rasend? Nichts? - Und du
wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du
mich durchbohren wolltest - nichts kosten
ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?
Kammerdiener:
Gestern sind siebentausend Landskinder
nach Amerika fort - die zahlen alles.
Lady, nach einer Pause:
Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?
Kammerdiener, mit schrecklicher Stimme:
Edelsteine, wie diese da - ich hab auch ein
paar Söhne drunter.
Lady, seine Hand fassend:
Doch keinen gezwungenen?
Kammerdiener lacht fürchterlich:
O Gott! - nein - lauter Freiwillige! Es
traten wohl so etliche vorlaute Bursch vor
die Front heraus und fragten den
Obersten, wie teuer der Fürst das Joch
Menschen verkaufe? - Aber unser
gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter
auf dem Paradenplatz aufmarschieren und
die Maulaffen niederschießen. Wir
hörten die Büchsen knallen, sahen ihr
Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die
ganze Armee schrie: Juchhe! nach
Amerika! -
Lady fallt mit Entsetzen in den Sofa:
Gott! Gott! - Und ich hörte nichts? Und
ich merkte nichts?
Kammerdiener:
Ja, gnädige Frau - warum mußtet Ihr denn
mit unserem Herrn gerad auf die
Bärenhatz reiten, als man den Lärmen
zum Aufbruch schlug? - Die Herrlichkeit
hättet Ihr doch nicht versäumen sollen,
wie uns die gellenden Trommeln
verkündigten, es ist Zeit, und heulende
Waisen dort einen lebendtgen Vater
verfolgten, und hier eine wütende Mutter
lief, ihr saugendes Kind an
Bajonetten zu spießen, und wie man
Bräutigam und Braut mit Säbelhieben
auseinanderriß, und wir Graubarte
verzweiflungsvoll dastanden und den
Burschen auch zuletzt die Krücken noch
nachwarfen in die neue Welt. - O, und
mitunter das polternde Wirbelschlagen,
damit der Allwissende uns nicht sollte
beten hören -
Lady steht auf, heftig bewegt:
Weg mit diesen Steinen - sie blitzen Höl-
lenflarnmen in mein Herz, Mäßige dich,
armer, alter Mann. Sie werde n
wiederkommen. Sie werden ihr Vaterland
wiedersehen.
Kammerdiener, warm und voll:
Das weiß der Himmel! Das werden sie! -
Noch am Stadttor drehten sie sich um und
schrien: »Gott mit euch, Weib und Kinder!
- Es leb unser Landesvater! -Am Jüngsten
Gericht sind wir wieder da!« -

Das alles wußten die Amerikaner nicht. Wissen ist


bekanntlich Macht, aber Nichtwissen erleichtert oft das
Leben. Der zweite Teil des Satzes ist der berühmte
»american way of life«.

Das britische Korps* landete im Juni 1776. Es landete


nicht wie erwartet in Boston, um die aufsässige Stadt zu
bestrafen und wieder zu besetzen. (Sie hatte eben nach
einem blutigen Scharmützel die Engländer hinausgejagt
und bis nach Canada getrieben). Auch Philadelphia, der
Treffpunkt der Kongresse, wäre als erstes Ziel denkbar
gewesen. Die Briten landeten jedoch überraschend in
Long Island und marschierten sofort auf New York los.
Die Kolonien hatten in Eile Freiwillige
zusammengekratzt und nach New York geworfen.
Befehlshaber: George Washington.
Da ist er nun wieder, einst Oberst, jetzt General, der
Mann mit der Sieger-Aureole.
Man hatte ihn ungern gerufen, und ungern war er
gekommen. Ungern gerufen, weil sich die Freiwilligen,
vor allem die Squatters (Hinterwäldler) mit einem
»Kommandierenden« absolut nicht abfinden wollten.
Aber wie immer in der Welt sahen sich die Autorität zu
beugen oder ein Sauhaufen zu bleiben. Es hatte im

* Davon siebentausend Deutsche, vor allem Hessen. Später kamen


noch zwanzigtausend hinzu! Sie wurden direkt nach Amerika
verschifft, das Betreten Englands war ihnen verboten.
Kongreß der ganzen Überredungskunst John Adams
bedurft, um ihn zu berufen. Und ebenso ungern war
Washington dem Ruf gefolgt. Siegte England, so würde
er als Hochverräter gehenkt werden, 4as ist kein
angenehmer Aspekt, war jedoch nicht der Grund. Der
Grund war, daß er Revolutionäre haßte. Er , war ein
altenglischer Tory. Er fühlte englisch (nämlich
überhaupt nicht), dachte englisch (nämlich berechnend)
und lebte englisch (nämlich innerlich und äußerlich wie ein
Lord). Er war schon wohlhabend, als er mit
siebenundzwanzig Jahren eine noch reichere Witwe
heiratete; jetzt bewohnte er Mount Vernon, ein feudales
Landschlößchen inmitten eines riesigen Besitzes, auf dem
ein Heer von Arbeitern schuftete, darunter fünfzig
Negersklaven, deren armseliges Dasein ihn, wie er sich
einmal ausdrückte, durchaus bewegte. Wenn das der Fall
war, hat man es ihm jedenfalls nicht angemerkt. Man hat
ihm nie etwas angemerkt, er konnte sich beherrschen. Er
war humorlos, total unmusisch, hochfahrend und
verletzend. Die Fälle, in denen er jemand dankend die
Hand gab, sind an fünf Fingern abzuzählen, und daß er
später, als Präsident einem Volksvertreter je einen Stuhl
angeboten hätte, ist nicht vorgekommen.
Er muß, obwohl die Biographen ihn seit zweihundert
Jahren reinzuwaschen versuchen, ein rechtes Ekel
gewesen sein.
Und wie so viel Öfter bei Ekeln als bei rumorigen
Volksfreunden: integer.
Nun fehlt noch die Antwort, warum er die Berufung
annahm. Man vermutet drei Gründe, alle menschlich,
aber ziemlich kleinkariert. Erstens nahm er hiermit
etwas an, was seiner Überheblichkeit zustand. Sodann
rächte er sich dafür, daß die britische Armee ihn einst als
Offiziersanwärter abgelehnt hatte. Und schließlich war
die amerikanische Unabhängigkeit, genauer gesagt, die
Niederlage Englands, der einzige Weg, seine jenseits der
Alleghenies im britischen Sektor liegenden gewaltigen
Ländereien zurückzuerhalten.
Sehr wohl war ihm nicht, als er den wilden Haufen sah,
mit dem er siegen sollte. Die Amerikaner hatten zu
dieser Zeit etwa dreihundert tausend Waffenfähige* im
Alter zwischen sechzehn und sechzig Jahren, alles
Männer und Burschen, die mit dem Gewehr
aufgewachsen waren, die Jungen zum Teil schon
städtisches Proletariat und nicht mehr so gestählt wie die
vorige Generation, aber dafür angeheizt von
Umsturzideen und Partisanenträumen, Die Älteren alle
energiegeladen und furchtlos, vor allem die Farmer und
die Waldläufer, unter denen sich mancher als
Scharfschütze einen Ruhm geschaffen hatte, der von
Canada bis Florida reichte.
Dreihunderttausend also - würden sie kommen?
Wenigstens hunderttausend? Fünfzigtausend? Würden
sie kommen? Von Norden, von Süden? Von weit her,
zu Pferde, zu Wagen, zu Fuß? Aus den Städten, aus den
Wäldern? Wir werden bald sehen, daß die ganze
Berechnung falsch war.
Die britische Operation ging zu schnell. Vor New York
konnte Washington gerade achttausend Mann
zusammenraffen, zu wenig, um sich auf ein Abenteuer
einzulassen. Er gab die Stadt auf und zog sich zurück.
Ein bißchen hohnlachte er noch, weil die Engländer die

* Die Zahl stammt von Benjamin Franklin, der als


Bevollmächtigter der Kolonien eine warnende Rede vor dem
Londoner Unterhaus hielt. Derselbe Franklin, der den Blitzableiter
erfunden hat.
Zurückflutenden nicht verfolgten. Auch manche
Historiker lächeln über den harmlosen General Lord
Howe und seine Methoden »von anno dazumal«. Aber
so sehr harmlos war Howe nicht. Er ließ Washington
laufen, ging auf das beherrschende Fort am Hudson los,
nahm es und entschädigte sich mit
zweitausendsechshundert Gefangenen. Blitzkrieg,
Blitzsieg, Blitzirrtum.
Lord Howe hätte sich nun gern an den Verhandlungstisch
gesetzt. Der Tisch war da, Washington aber nicht. Der
Lord wartete vergeblich. Wer weiß, wie lange er so
dagesessen hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre. Für
ihn schien der Krieg beendet.
Aber ein Krieg ist nie beendet, wenn nach einem Sieg
unerklärliche Stille herrscht. Das sicherste Zeichen, daß ein
Krieg zu Ende ist, besteht darin, daß der Plebs des
besiegten Volkes auf die Straße rennt, mit
Taschentüchern winkt und den verschwitzten Siegern die
letzte, vom Munde abgesparte Flasche Bier darreicht.
Dann dürfen auch getrost noch hunderttausend Soldaten in
unversehrten Forts stehen.
Lord Howe hatte, da sich nichts rührte, die Vorstellung, er
müsse nun damit beginnen, das Land zu besetzen. Er teilte
also seine Truppen und tröpfelte sie in die schon
vorsorglichen Winterquartiere, die einen hierhin, die
anderen dorthin. Er war zufrieden und London war es
auch. Man konnte an den Urlaub denken, an Brighton oder
das schottische Grampian und seine Forellen. In diesem
Augenblick ging unerwartet eine Bombe hoch: Ein
turbulenter Kongreß in Philadelphia nahm mit den
Stimmen von zwölf Kolonien die Erklärung der
Loslösung von England an!
Es war der 4. Juli 1776. Die Vereinigten Staaten von Amerika
waren geboren! Der Donnerschlag dröhnte bis nach Europa
hinüber, aber er schreckte nicht viele auf. Dem alten
Fritzen war Amerika Wurst, Maria Theresia bereitete
sich auf den Bayrischen Erbfolgekrieg vor, Zarin
Katharina II. hatte gerade den Krieg mit der Türkei und
den Kosakenauf-stand hinter sich - nur in Paris und
Madrid spitzte man die Ohren, Man wartete auf weitere
Nachrichten. Vereinigte Staaten? Was war das?

Ja, was war das?


Wenn schon das Wort »Staat« für diese »zwei Dutzend
Städtchen« komisch in europäischen Ohren klang, so
standen die Zeitgenossen damals vor dem Wort
»Vereinigte« gänzlich ratlos. Die Kolonien hätten sich zu
einem Staat vereinigen können, natürlich, doch das taten
sie ja nicht, sie blieben ein Dutzend und bildeten - was,
zum Teufel, bildeten sie? Es war ohne Beispiel.
Vereinigte Königreiche kannte man. Das war leicht zu
verstehen. Es war ein König, der sich andere Länder
unter den Nagel gerissen oder erheiratet hatte. Hier aber
hatte niemand gerissen und niemand geheiratet. Wenn
man dieses Modell ins Europäische übersetzte, so hatte
man sich vorzustellen, daß England, Frankreich, Preußen
und wer weiß, wer sonst noch, sich »vereinigten«. Das
war grotesk, das war Utopie. So lagen die Dinge in
Amerika natürlich nicht. Ein Mensch, der noch alle fünf
Sinne beieinander hat, begreift, daß in der Welt etwas
zusammenfindet, was seiner Natur nach zusammen
gehört.
Aber zu was? Das war immer noch ziemlich unklar. In
der Tat, es war auch den Vätern der USA noch ein
bißchen unklar. Sich für unabhängig zu erklären, ist einfach.
Solche Erklärung aber zu einem Fundament, einer Art
Verfassung zu machen, ist schwer.
Die Formulierung ist lange Zeit im stillen Kämmerlein
gebrütet worden. Es war wirklich ein Kämmerlein. Im
Frühsommer 76 saßen fünf Männer in einem kleinen Zimmer
in Philadelphia beisammen, schwitzten und grübelten vor
sich hin oder stritten erbittert gegeneinander, mit
Ausnahme von Thomas Jefferson, dem jedes Gekreisch
zuwider war. Er hatte kaum die ersten zwei Sätze
formuliert:
»Wenn es im Laufe der geschichtlichen Ereignisse für ein
Volk notwenig wird, die politischen Bande zu lösen, die
es mit einem anderen verknüpfen, und unter den
Mächten der Erde die gesonderte und gleichwertige
Stellung einzunehmen, zu der die Gesetze der Natur und
des Schöpfers es berechtigen, so erfordert eine
geziemende Achtung vor der Meinung der Welt, daß es
die Gründe angibt, die notwendig zu der Trennung
führten.
Wir halten es für eine einleuchtende Wahrheit, daß alle
Menschen gleich und unabhängig geboren sind . . .«
- da sprangen John Adams* und Thomas Paine auf und
verlangten die Streichung des Wortes »unabhängig«, der
eine, weil er es für eine damned Lüge, der andere, weil
er es für einen Widerspruch zur Unterordnung unter den
Volkswillen hielt. Man kann, rief er, nicht ein staatliches
Zusammenleben mit der Verneinung des Staatswillens
beginnen. Alle redeten. In dem Zimmer herrschte der
schönste Krach. Noch nie war diesen fünf Männern so
klargeworden, wie viel sie voneinander trennte. Ein
fortschrittsgläubiger Parsifal wollte in das Dokument die

* Nicht zu verwechseln mit Samuel Adams, dem Wind- und


Feuerkopf aus Boston, dessen man sich mit Mühe und Not seit
einiger Zeit entledigt hatte.
Verurteilung der Sklaverei aufgenommen sehen, worauf
der Südstaatler explodierte. Der Passus wurde
gestrichen. Statt dessen kam ein poetischer, janusköpfiger
Satz hinein: »Zu den unveräußerlichen Rechten aller
Menschen gehören das Recht auf Leben und Freiheit,
sowie das Streben nach Glück.«
Flott ging es bei der Anklage des englischen Königs:
»Die Geschichte dieses Königs ist eine Kette von
Anmaßungen, die alle darauf abzielen, eine unbegrenzte
Tyrannei über die Staaten aufzurichten. . . Er hat unsere
Meere geplündert, unsere Küsten verheert, unsere Städte
niedergebrannt, unsere Landsleute getötet. Er landet jetzt
große Heere fremder Söldner, die das Werk der
Zerstörung vollenden sollen.« Als die Stube endlich so
verqualmt war (in Virginia wuchs der beste Tabak), daß es
sogar den berühmten Stechfliegen des Delaware zu viel
wurde, war das Werk vollendet. Stellen Sie sich vor:
eine Staatengründung ohne Sekretärin und
Schreibmaschine!
Über das, was nun zu tun war, sagte es leider nichts aus,
denn man wußte es selbst nicht. Man wußte nur eines:
Man war frei von England und hatte sein Schicksal
ganz in die eigene Hand genommen. Die Macht sollte
niemals mehr »von Gottes Gnaden« sein, wie unter den
Königen, sondern von Volkes Gnaden.
Als die fünf Männer* dem Kongreß meldeten, sie seien bereit,
schritt man zur feierlichen Ratifizierung. Das
Kongreßgebäude war ein simples langgestrecktes Haus,
zweistöckig, und lag an einem dörflich anmutenden,
kopfsteingepflasterten Platz. Auch die Linden fehlten
nicht. Dorthin »strömten« also die fünfundachtzig Vertreter

*Neben Jefferson, John Adams, Livingston und Sherman auch


die ehrwürdige Gestalt des siebzigjährigen Benjamin Franklin
der Kolonien zusammen. Der Saal, in dem die Zeremonie
stattfand, war ebenfalls bescheiden. Ein kahler Raum, in
dem man heute höchstens Zivilprozesse bis zu eintausend
Mark verhandeln würde, die Fenster mit Stoff gerahmt,
zwei hohe Türen mit klassischer Steineinfassung, und
dazwischen als Wandgemälde die Apotheose aller
Kriegervereine: Trommel und gekreuzte Fahnen. Etwas
erhöht an einem plüschgedeckten Tisch der Präsident des
Kongresses, davor »die Fünf« stehend, dahinter sitzend die
Abgeordneten, noch mit kleiner Perücke und in
Kniehosen, aber nicht mehr fritzisch wirkend; es liegt
deutlich ein neuer Hauch von bürgerlicher Einfachheit und
Demokratie darüber. John Trumbull hat die Szene zehn Jahre
später gemalt (er wird also wohl schon ein bißchen in
Richtung »Stille Einfalt, edle Größe« gemogelt haben). Es
ging durchaus nicht ohne Auseinandersetzungen und
Nörgeleien zu. Man kritzelte auch noch in dem Konzept
herum. Endlich war es soweit; feierlich wurden die
Unterschriften vollzogen (New York, noch besetzt und
auch immer noch verdächtig englandfreundlich, enthielt
sich für den Moment); feierlich gingen alle nach Hause.
Sollte Ihnen, verehrter Leser, inzwischen aufgefallen sein,
daß das neue Staatsgebilde weder ein Oberhaupt noch eine
Regierung hatte, so gratuliere ich Ihnen; damals fiel es
nicht vielen auf. Es hatte sich ja im Alltag nichts geändert.
Man ging wieder den Geschäften nach oder hängte sich
aufs neue das Gewehr über, denn der Krieg mußte ja wohl
erst noch entschieden werden.
Dieser Meinung war auch London. Es fühlte sich von der
Unabhängigkeitserklärung tief gekränkt, aber daß das
Dokument einstweilen nur ein Fetzen Papier war, das
glaubten alle. Man mußte jetzt energisch durchgreifen.
Vor allem die britischen Händler (unfeine Bezeichnung
natürlich, man nennt sich allenthalben Kaufmannschaft,
heute »Wirtschaft«), die Händler begannen, über ihre
Verluste zu schreien und verlangten erbarmungslose
Kriegsführung. Da das für jede Regierung, die ihr
Glaubensbekenntnis auf der Registrierkasse tippt,
Befehl ist, beschloß das Londoner Parlament, jetzt Ernst
zu machen, vor allen Dingen aber schlau zu sein. Im
nächsten Jahr (es war inzwischen Winter geworden)
sollte General Bourgoyne mit sechstausend Mann
erstklassiger Soldaten von Canada südwärts in das
Hudsontal vorstoßen, also über die Berge steigen und
George Washington in den Rücken fallen; eine
glänzende Idee, wenn man einmal großzügig davon
abzieht, daß der Marsch über fast tausend Kilometer
durch unwirtliches »Partisanen«gebiet ging und daß
Truppen gelegentlich essen müssen. Nun, man würde ja
sehen. Vielleicht brauchen Hessen wirklich nicht viel zu
essen.
Wie gesagt, es war Winter geworden, niemand erwartete
noch große Dinge. In Trenton zum Beispiel, wo vierzehn-
hundert Hessen im Quartier lagen, war es direkt
gemütlich. Die Verpflegung war gut, die Pfeife rauchte,
der Kamin ebenfalls. Es war die Nacht vor Heiligabend,
draußen tobte ein Schneesturm, ein Wetter, bei dem
man nicht einmal den sprichwörtlichen Hund vor die Tür
gejagt hätte, geschweige denn Vorposten.
Das erwies sich als kleiner Fehler. Es waren nämlich
durchaus Leute unterwegs, einige wenige Tausend unter
Führung von Washington. Sie setzten bei diesem
Hundewetter über den vereisten Delaware, am Bug in
napoleonischer Haltung und Zeus trotzend der
Generalisssimus, wie man ihn auf dem Gemälde von
Leutze im Bremer Museum bewundern kann. Sie
pirschten sich an Trenton heran, überfielen es und
»nahmen tausend Hessen gefangen«. Vom Rest hört man
nichts.
Die warmen Kamine und weihnachtlichen Mistelzweige
lockten Washington nicht, er trieb seine Männer gleich
wieder in die Kälte hinaus, überrumpelte noch drei andere
britische Abteilungen »und vernichtete sie«, Danach
verschanzte er sich vor New York.

Viele Männer waren ihm nicht geblieben. Das lag nicht


etwa an den Verlusten, es lag daran, daß die wackeren
Kämpen nach Hause zu gehen pflegten, sobald für ihr
Gebiet die unmittelbare Gefahr beseitigt war. Sie fanden
das in Ordnung; sie waren freiwillig gekommen und
gedachten, auch wieder zu gehen, wenn es ihnen paßte.
Hierin hatte auch der Fehler in Benjamin Franklins
Berechnung gelegen, als er dreihunderttausend
Wehrfähige erwartete. Gewiß, die meisten von ihnen
(außer den nicht so wenigen England-Loyalen) waren
entschlossen, die Unabhängigkeit zu verteidigen. Aber
sie hatten eine kuriose Vorstellung von Unabhängigkeit,
sie meinten damit die ihrer Familie, ihrer Farm, ihres
Dorfes, ihres Städtchens. Die englischen Truppen waren
für sie so eine Art Indianer, die man von Haus und Hof
abwehren mußte. Wohin abwehren?
Die Frage erinnert lebhaft an die schwäbische Anekdote,
in der ein Gemeindediener durch das Dorf geht und die
Bekanntmachung ausklingelt: »Auf oberamtlichen Befehl
lauft a wütender Hund rum; wer ihn sieht, soll ihn nüber-
jagen ins Bad'sche, darmits kei Unheil gibt.« Sehr weit
entfernt davon war die Einstellung der Freiwilligen
nicht, und sie waren gerade dabei, den ganzen Krempel
hinzuschmeißen, als der nächste Kongreß
Kriegsdienstverpflichtungen beschloß und die
Befehlshaber von Truppen zu Strafen ermächtigte.
Washington hatte keinen anderen Ausweg gewußt, er
fand die Schrullen und den Eigensinn der alten
Kämpen alles andere als komisch. Am gefährlichsten
waren in seinen Augen die kleinen Siege, die die
Bevölkerung beruhigten und den Krieg nicht
entschieden.
De facto klappte nichts. Die Eingezogenen mußten nun
offiziell Löhnung erhalten, aber der Kongreß hatte kein
Geld. Steuern zu erheben, wagte er nicht, das Wort
Steuern war ein rotes Tuch. Man konfiszierte Krongüter
und Besitzungen von rückgewanderten Royalisten, man
konfiszierte sogar Häuser von Leuten, die kein anderes
Verbrechen begangen hatten, als gegen die
Unabhängigkeit zu sein, mit einem Wort, man benahm
sich durchaus modern, so, wie sich neue Herren zu
benehmen pflegen, die nicht mehr aus noch ein wissen.
Man benahm sich im Namen des Volkes.
Und als alles nicht ausreichte, begann man, Papiergeld zu
drucken, im ganzen so an die vierhundert Millionen
Dollar. Der »Dollar« war die neue amerikanische
Währung; auch auf sie waren ihre Väter sehr stolz. Leider
war sie ungedeckt, und das freute sie weniger. Es kam
der Tag, an dem (wörtlich) die Friseure damit ihre
Barbierstuben tapezierten.
Es mußte was geschehen. Ach Gott, ja, es mußte an allen
Ecken und Enden etwas geschehen. Man sandte Benjamin
Franklin, den bewährten Botschafter und »Blitzableiter«,
nach Paris.
Der brave alte Herr, immer freundlich, immer schlicht im
kaffeebraunen langen Rock inmitten der s über
glitzernden Hofgesellschaft schaffte es. Wir werden
gleich sehen, was er schaffen sollte.
Inzwischen ging drüben der Krieg weiter. Die
sechstausend Soldaten unter Bourgoyne waren wirklich
von Canada losgezogen und befanden sich auf dem
Wege ins Hudsontal. Es war elend heiß, solange sie über
Berge und Geröll zogen, und es war duster und
unheimlich, wenn es durch die Wälder ging. Mit ein
Paar Stiefeln und leerem Magen wird alles doppelt
unerfreulich. Nach einigen hundert Kilometern riß die
Nachschubverbindung ab. Bourgoyne schickte Trupps
aus, um Lebensmittel zu besorgen - die Trupps kehrten
nicht zurück. Am oberen Hudson angelangt, dezimiert
und halb verhungert, machte das Regiment Halt.
Von dort bis New York, wohin Bourgoyne eigentlich
wollte, sind es auch für den besten Marschierer noch
einige hundert Kilometer.
Man horte läuten, Lord Howe habe sich in Bewegung
gesetzt. Das hatte er. Aber nicht, wie es nahe gelegen
hätte, Bourgoyne entgegen, sondern per Schiff in
Richtung Delaware-Mündung. Er plante einen
Entlastungsangriff auf Philadelphia.
Nun - man kann entlasten. Unzweifelhaft ist das
bisweilen eine gute Idee. Aber dazu ist Voraussetzung,
daß den Amerikanern der Verlust von Philadelphia ein
schwerer Schlag bedeutet hätte. Lord Howe schwebte so
etwas Patriotisches vor wie England ist gleich London,
Frankreich ist gleich Paris, Preußen ist gleich Potsdam,
Amerika gleich Philadelphia.
Doch den Amerikanern war der Kongreßschuppen
ziemlich schnuppe. Man zog einfach um. Howe schlug
General Washington, der sich ihm entgegenstellte, und
nahm die Stadt. Er hatte also »entlastet«. Ging es jetzt
leichter mit Bourgoyne und seiner Truppe? Wie sollte
es denn! Er stand immer noch Gewehr bei nacktem Fuß
und leerem Magen. Natürlich ahnte er, daß mit jedem
Tag, den er den Amerikanern Zeit ließ, die Zahl der
Freiheitskämpfer wachsen würde. Aber daß die
Amerikaner schon die vierfache Übermacht hatten, das
wußte er leider nicht. Zu spät beschloß er, im offenen
Gefecht die Wende herbeizuführen. Es gelang ihm zwar,
doch leider negativ. Er verlor die Schlacht, kapitulierte
und ging mit dem gesamten Regiment in
Gefangenschaft. Bis Saratoga war er gekommen.
General Gates, einst britischer Offizier, war der Sieger
von Saratoga. In diesem Moment war George Washington
fast vergessen; Gates war der neue Heros. Ein schöner
Sieg. Nicht übel, wirklich. Von weitem sah er noch
schöner aus als von nahem. Paris zum Beispiel war
entzückt! Ja, diese Amerikaner, dieses urwüchsige Volk!
Die französische dekadente Gesellschaft war gerade
mitten im Jean-Jacques Rousseau-Fieber. Benjamin
Franklin lenkte das Entzücken in die richtigen Bahnen,
nämlich in die finanziellen. Es ging Frankreich selbst
nicht gut, aber der Gedanke, das »schlichte
Hirtenvölkchen in Amerika in seiner tugendhaften
Armut (Armut ist laut Rousseau immer tugendhaft) zu
unterstützen«, war ebenso schön wie der Gedanke, den
Engländern eins auszuwischen. So also kamen zunächst
einmal die Finanzen des Kongresses einigermaßen wieder
in Ordnung. Amerika schrie aber nicht nur nach Geld, es
schrie auch nach militärischer Hilfe.
General Washington war nach der Niederlage bei
Philadelphia in eine böse Lage geraten. Er hatte sich
nicht ins Innere Pennsylvanias zurückgezogen, um nicht
das ganze reiche, fruchtbare Land offen preiszugeben,
sondern sich in Valley Forge, kurz hinter Philadelphia,
verschanzt. Sein Lager befand sich einigermaßen sicher
im Zusammenfluß-Delta zweier Flüsse. Lord Howe
griff ihn nicht an, entweder aus Dummheit oder aus
Klugheit, der Effekt war derselbe: Der Winter kam und
Washington saß in der Falle. Er war abgeschnitten.
Seine dreitausend Mann froren jämmerlich und hungerten
noch jämmerlicher. Der Kongreß schickte keine Hilfe.
Washington war nicht mehr up to date. General Gates, der
neue Heros, intrigierte heimlich, andere intrigierten offen.
Im Februar gingen Wolkenbrüche nieder, die das ganze
Tal in einen Sumpf verwandelten. Die Soldaten bekamen
Fieber, Typhus, Vergiftungen und starben wie die
Fliegen. Es gab die ersten Deserteure.
Washington selbst gönnte sich nicht mehr als jedem
einfachen Mann. Seine Leute verehrten ihn. Am 6.
Februar 1778 schlössen Frankreich und Amerika
offiziell ein Bündnis. Französische Truppen landeten,
ohne daß England es verhindern konnte, und stießen
auch bis Valley Forge vor. Der Durchhaltegeneral war
gerettet und wieder ein Held. So ist das.
Unter denen, die den Dreispitz ziehend, ihm die Hand
reichten, war auch ein siebenundvierzig jähriger Mann aus
Deutschland, der bald eine Schicksalsfigur der Vereinigten
Staaten werden sollte. Amerika benannte vier Städte nach
ihm und feiert bis heute seinen Gedenktag.
VI

Der Mann hieß Friedrich Wilhelm von Steuben. Wenn


man im Lexikon nachschlägt, findet man folgende
knappen Zeilen:
»Steuben, Friedr. Wilh. von, geb. 1730 in Magdeburg,
gest. 1794 in Steuben (Oneida County), trat 1747 ins
preußische Heer, wurde 1764 unter undurchsichtigen
Umständen als Hauptmann verabschiedet, ging als
Hofmarschall des Fürsten von Hohenzollern nach
Hechingen, wurde 1775 badischer Oberst und wanderte
1777 nach Nordamerika aus, wo er rasch das Vertrauen
Washingtons gewann. Er stieg zum Generalmajor und
Generalinspekteur auf. Er übertrug seine preußische
Generalstabserfahrung auf die amerikanische
Revolutionsarmee für die taktische und operative
Kriegsführung gegen die englischen Truppen - der Sieg der
Amerikaner geht zum großen Teil auf ihn zurück.«
Ich kenne nur ein einziges Porträt von Steuben. Es zeigt
ein schmales langes Gesicht, viel eher wienerisch als
preußisch.
So ähnlich sah Joseph II., der Sohn Maria Theresias aus,
und so ähnlich werden sich beide wohl auch im Geiste
gewesen sein: Jünger der Aufklärung. Steuben ist auf dem
Bilde auch nicht in Uniform, er trägt einen einfachen
Rock mit Schillerkragen, und auf dem Kopf einen
bäuerlichen Jägerhut (Kulturhistorisch interessant. Im 17.
Jahrhundert galt er noch als feudaler Jagdhut. Auf Velasquez'
Bildern tragen ihn König Philipp und sein Bruder Don
Fernando. Hundertfünfzig Jahre lang war er dann
Bauernmütze, bis ihn die deutschen Landjunker Ende des 18.
Jahrhunderts wieder zum Ritterguts-Symbol machten. Hitlers
Reichsarbeitsdienst griff erneut auf ihn zurück.)
Wenn Sie mich fragen: Er hat mit dem Alten Fritzen Krach
bekommen. Wenn der König etwas nicht vertragen konnte,
dann waren es Phantastereien. Sie begleiteten Steuben (wie
so oft hochbegabte Menschen) ein Leben lang. Als er durch
Vermittlung Frankreichs nach Amerika ging, ließ er sich
noch schnell zum General umdichten. Er hat die
Geisteshaltung der Amerikaner richtig eingeschätzt.
Steuben wurde ein wahres Geschenk des Himmels. Er
machte aus dem Andreas-Hofer-ähnlichen Soldatenhaufen
ein fast preußisches Heer. Die »Vereinigten Staaten« hatten
es bitter nötig, ihren führenden Köpfen war klar, daß der
Ernst des Krieges jetzt erst beginnen würde. Er begann.
Frankreich erklärte England offiziell den Krieg. Spanien
und Holland - Morgenluft, witternd - schlössen sich an.
Mitteleuropa, Skandinavien und Rußland verbündeten
sich zu einer »neutralen Allianz« gegen England. Wenn es
den Briten auch nicht an den Kragen gehen würde - eine
ganz schöne Ansammlung von Feinden. London
antwortete mit der Entsendung einer Elitetruppe unter
General Clinton. Sie landete nicht an einem der
Brennpunkte im Norden, sondern in Georgia. Die Front
sollte von Süden aufgerollt werden. Clinton nahm
Georgia und Carolina. In Charleston erwischte er einen
amerikanischen »General« mit fünftausend Mann. Das sind
eine Menge Leute; wohin mit ihnen? Fast zur gleichen
Zeit überrumpelte der im Norden operierende Lord
Cornwallis den Liebling der Amerikaner, Gates, mit seinen
Truppen. Der Gefangenenklotz am Bein wuchs. Man war
alles andere als glücklich. Sobald die Briten weiterzogen,
ging hinter ihnen das Leben weiter, als wäre nichts
geschehen; die amerikanische Selbstverwaltung setzte
wieder ein, neue Partisanengruppen bildeten sich - alles
schien umsonst.
Im August 1780 stand Clinton schon nahe vor den Toren
Richmonds. Er hoffte, sich mit Cornwallis vereinen zu
können, aber Cornwallis fummelte so lange herum, bis er
von inzwischen eingetroffenen französischen Truppen an
die Küste abgedrängt wurde. Er verschanzte sich in
Yorktown und wollte in Ruhe die Unterstützung der
britischen Flotte abwarten.
Um es kurz zu machen: Fünftausend Mann, die
Frankreich schleunigst herübergeworfen hatte (unter
Rochambeau und Lafayette) sowie einige tausend von
Steuben gedrillte Nordstaatler unter George Washington
schlössen Yorktown ein und zwangen Cornwallis mit
siebentausend Mann zur Kapitulation. Das war ein sehr
fetter Brocken! Nun gab es noch Clinton. Das stimmt, aber
wie sah er aus, mit seiner angeschlagenen Truppe und
fünftausend Gefangenen am Halse! Er tat das klügste, was
er tun konnte: nichts. Es gab auch nichts mehr zu tun: mit
der Kapitulation Cornwallis' war die Entscheidung
eigentlich gefallen, der Krieg war praktisch aus. Verloren
hatte ihn das Parlament in London. Man schickt nicht.
Man schickt nicht eine Handvoll Regimenter los, ein Land
von zweitausend Kilometer Länge, voller feindlicher
Bevölkerung und mit französischen Gardetruppen zur
Seite, zu erobern. Denn erobert hätte es werden müssen.
König George III. wollte es immer noch nicht glauben.
Notabene war er nicht ganz klar im Kopf. Über diesen
konfusen Kopf hinweg rief London seine Generäle und
Soldaten zurück. Einige Forts im Innern des Landes hielten
weiter aus, aber die Küste war sauber. Es dauerte noch
einmal ein Jahr, ehe George III. in einer feierlichen
Thronrede die »Vereinigten Staaten von Amerika« als
unabhängig und souverän anerkannte. Das geschah am 5.
Dezember 1782.
Eine lange Leidenszeit für die Amerikaner war vorüber.
Sie müßte eigentlich ein paar Bücher statt ein paar Seiten
füllen. Aber welche Leidenszeit müßte das nicht und wird
mit noch weniger Zeilen abgetan?

Nun waren sie also frei und souverän; das war schön,
aber auch alles. Was hatten sie? Eine Urkunde und einen
Kongreß. Die Urkunde war ein Papier und der Kongreß
eine Null. Er konnte alles mögliche beschließen, keiner
der Staaten brauchte sich daran zu halten, man war ja
souverän. Von Zeit zu Zeit hielten die Kongreßmitglieder
ihr Tabakskollegium ab, rauchten ihr Pfeifchen und
palaverten über das, was man alles tun würde, wenn man
könnte. Und dann gingen sie wieder nach Hause. Jedoch
etwas gab es, was man in schöner Einigkeit als erstes tun
konnte, das, was neue Herren nach Revolutionen stets tun:
verfolgen. Man verfolgte die englandtreuen Amerikaner,
als wären sie Abschaum. Es genügte, daß jemand einmal
»God save the King« gesungen hatte. Hunderttausend
(Eine enorme Zahl. Die Gesamtbevölkerung der dreizehn
Staaten betrug damals nur vier Millionen) flohen, nach
Canada, nach Westindien, nach England. Die Sieger
lachten hinter ihnen drein, was sie nicht hätten tun sollen,
denn die Flüchtlinge waren es, die Canada wie eine
Überschwemmung anglisierten, aber den Anschluß an die
Vereinigten Staaten ebenso haßten, wie die eingesessenen
Franzosen.
Was die schnelle Rache manchmal sät! Wem sage ich
das! Ohne die Verfolgung der Loyalisten würden die
USA heute bis zum Nordpol reichen. Ohne die
Überschwemmung durch die Loyalisten
(sechzigtausend!) wäre Canada französisch geworden.
Mit einem französischen, reichen Canada hätte Frankreich
vielleicht den Bankrott abwehren können. Ohne den
Bankrott wäre die Französische Revolution vielleicht
nicht gekommen. Ohne die Revolution ganz sicher kein
Napoleon. Ohne Napoleon ein anderes Europa.
Nun ja, wer fragt noch danach, heute, da die Abnabelung
von der Geschichte als chic gilt! Die Amerikaner fanden
die Entwicklung damals prima.
Die kulturtragende Schicht war zwar so gut wie weg, aber
Holzhacker, Tabakspflanzer und Kolonialwarenhändler
sterben nicht an fehlender Kultur. Sie hielten sich an
handfesten Dingen schadlos. Man teilte die verlassenen
Ländereien und Häuser untereinander auf. Die Emigranten
hatten zum großen Teil alten, reichen Familien angehört.
In Virginia wurde der riesige Besitz von Lord Fairfax
konfisziert, New York enteignete neunundfünfzig
Plantagen, einige bis zu dreihunderttausend
Quadratmeilen groß. Auf dem »Gut« eines Sir John
Johnson hatten zehntausend Neusiedler Platz. Der Besitz
Granvilles in North Carolina umfaßte eine Million Morgen,
Stadthäuser, Fabriken, Maschinen, Geräte - den Siegern
lachte das Herz im Leibe. Neureiche schössen wie Pilze aus
der Erde. Schon der Krieg hatte viele reich gemacht:
Blockadebrecher, Schmuggler, Heereslieferanten. Sie alle
drängten nach oben an die Futterkrippe und in die
Schlüsselstellungen. Aber leider sah es trotz allen
Lachens nicht gut aus. An allen Ecken und Enden fehlte
hartes Geld. Papierlappen gab es tonnenweise; jeder Staat
druckte, was die Maschinen hergaben. Die Steuern waren
höher als je zuvor. Aber was zurücklief in die Kasse, war
wieder Papier. Ein Zentner von dem Plunder hätte Europa
nicht einmal gegen ein Pfund Salz getauscht. Die inneren
und äußeren Schulden der Konföderierten betrugen
vierzehn Milliarden Dollar! Nein, das sah nicht gut aus.
Schlimmer, es sah aus wie eine kolossale Pleite. England
gab die Forts im Innern des Landes nicht heraus, solange
die USA nicht die Emigranten entschädigten, wie es der
Friedensvertrag vorsah. Spanien benutzte die Ratlosigkeit,
die Mississippi-Gebiete wieder an sich zu bringen, und
afrikanische Seeräuber erschienen vor den Küsten,
überfielen unter freundlichem Lächeln der Briten
amerikanische Schiffe und führten die Besatzungen in die
Sklaverei.
So begann Amerika seine Freiheit. Gebildete Amerikaner
dachten schon an eine Militärdiktatur, indem sie sich aus
der Schulzeit vage an Camillus und Cincinnatus, jene
wackeren Männer erinnerten, die aus dem Sauhaufen
Rom wieder einen ehrenwerten Staat gemacht hatten, oder
an Gaius Julius Cäsar; an den schon mit weniger
Begeisterung. Aber so dachten vielleicht einhundert;
dreimillionenneunhunderttausendneunhundert dachten mit
Grausen an jeden Zwang. Es ist Tatsache, daß sie am
liebsten überhaupt keinen Staat gehabt hätten. Wozu war
er eigentlich nütze? Straßen besorgten die Städte, Häuser
bauten die Bürger, gefegt wurde vor jeder Tür,
Kanalisation gab es keine, Beleuchtung lieferte der Mond,
Elektrizität war noch nicht entdeckt, Gaslicht noch nicht
erfunden, Eisenbahnen existierten nicht, die Schiffe
gehörten den Reedern, Militär war überflüssig, Mörder
bekamen keine möblierten Zimmer mit Vollpension,
sondern wurden gehenkt, den Büttel bezahlten die
Bürger, Richter konnte noch jeder sein, der seinen Grips
beieinander hatte und ein Ehrenmann war. Wo war der
»Staat«, wenn die Indianer eine Siedlung überfielen? Wo
war der Staat, wenn ein Stadtteil abbrannte? Wo war der
Staat, wenn die Ernte verhagelte oder das Vieh starb?
Wer war eigentlich dieser gottverdammte Staat?
Wissen Sie eine Antwort, die man einem Robinson
Crusoe geben kann?
Die Pioniere und Siedler, die Dörfler und Farmer waren
wirklich überzeugt, daß die Erfindung »Staat« ein großer
Schwindel war.
Darf ich Sie, meine Freunde, einmal beiseite nehmen und
in einem Eckchen, wo uns niemand hört, fragen, was Sie
davon halten? Ich persönlich denke seit meinem
neunundzwanzigsten Lebensjahr über das Wesen des
Staates nach. Damals hing ich der Theorie der
»erweiterten Familie« an, der sogenannten Patriarchat-
Theorie. Es leuchtete mir ein, daß sich ein Staat bildet,
wenn sich das Prinzip des Familienlebens zu einer großen
Gemeinschaft, sozusagen einer Genossenschaft unzähliger
Familien ausdehnt. Ich dachte da (als Humanist gleich an
die Quelle gehend) an Hellas und konnte mir Athen sehr gut
als Zusammenschluß von Familien, als
Interessengemeinschaft vorstellen. Bei einigem
Nachdenken jedoch kamen mir Zweifel, ob die »Polis«,
der Stadtstaat, wie die Gräzisten ihn nennen, wirklich ein
Staat gewesen ist. Eine souveräne Gemeinde ist sicher noch
kein Staat. San Marino, falls Ihnen das von Ihren
Urlaubsfahrten an die Adria ein Begriff ist, nennt sich
gewiß zu Unrecht Staat. Vielleicht, so bohrte ich weiter,
hatten die altgriechischen Stadtstaaten viel eher den
Charakter von Enklaven?
Dieser Gedanke gefiel mir außerordentlich. Mich störte
auch nicht, daß Enklaven, wie das Wort ja besagt,
eingeschlossen sein müssen. Athen war in nichts
eingeschlossen, Theben war in nichts eingeschlossen, sehr
richtig. Sie waren nicht, sie hatten sich eingeschlossen
zwischen lauter ihresgleichen. Sie lebten wie in einer
Enklave. Viele von ihnen hatten die gleichen Gesetze und
Sitten, viele die gleichen Lebensbedingungen, viele waren
versippt, alle des gleichen Blutes und des gleichen
Glaubens; sie hatten diesen und jenen Bund geschlossen,
aber etwas haben sie wie die Pest vermieden: sich zu
einem Staat, einem griechischen Staat zu vereinen. Ich
glaube, sie hielten ihn wie die frühen Amerikaner für
Schwindel. Alexander »der Große« bewies es ihnen dann
auch.
Staat ist also ganz sicher einst kein Vorstellungszwang
gewesen. Wie sind wir mit unserem Denken da nur
hineingerutscht?
Menschen, die sich den Luxus leisten, auch heute noch
nachzudenken, sind alle zu der Erkenntnis gekommen,
daß »Staat« keine Form ist, die die Natur verlangt, sondern
eine »Erfindung«, etwas Künstliches, was vielleicht einmal
»Bündnisaufgaben« hatte (Recht, Fürsorge, Schutz), aber
längst ein selbstherrlicher, allmächtiger Homunkulus
geworden ist. Carl Burckhardt hat den Staat »ein schönes,
aber unheimliches, dem Einzelnen innerlich fremdes
Ungeheuer« genannt. Meinecke sprach ihm einen
höheren übergeordneten Sinn völlig ab. Es gibt nichts,
was nicht die kleine Gemeinschaft lösen könnte und in
Wahrheit auch löst und trägt. Nichts - außer dem Krieg.
Solange ich zurückdenken kann, ist auch für mich »der
Staat« immer ein fremdes Ungeheuer gewesen. Politik,
Hunger, Politik, Krieg, Inflation, Vertreibung, Politik,
Krieg, Verrohung, Verarmung, verlorene Jahre, gestohlene
Jugend — »der Staat« hat mich nie gekannt, nie angesehen;
ich habe ihn nur kennengelernt, wenn er wie ein von der
Sauftour heimkehrender Vater mich entdeckte und
prügelte. Ich erschrecke Sie, meine Dame? Jetzt schon? Sie
sind wütend, mein Herr, zornbebend? Reißen Sie sich
zusammen, befreien Sie sich von der Illusion, daß irgend
jemand auf der Welt allein durch den Staat in Frieden und
Glück leben kann. Fallen Sie nicht auf die Lüge herein, daß
Vaterland gleich Staat sei. Darf ich jetzt weitersprechen?
Nach dem Kriege las ich Rousseau und Locke. Ich erfuhr,
daß sie den Staat einen »Vertrag« nannten und die
Entstehung eines Staates auf »freiwillige, vertragsmäßige
Unterwerfung des Bürgers unter eine Staatsgewalt«
zurückführten. Und hier gingen mir die Augen auf. Hat
der moderne Mensch wirklich den Wunsch, sich zu
»unterwerfen« für ein bißchen Schutz, ein bißchen
einheitliches Recht und ein bißchen breiter fundierte
Wohlfahrt? Ja? Dann ist das Ducken, das Kriechen in
einen Staat die Bankrotterklärung des Menschen als
soziales Individuum.
Ist es das? Wahrhaftig, ich glaube es heute. Der Staat als
Institution hat die Welt erobert. Die Erdoberfläche ist mit
»Staat« wie mit Flechten überzogen. Wo ist noch kein
Staat? Niemand kann mehr in keinem Staat leben oder leben
wollen*. Er kann staatenlos sein, das heißt ohne die Rechte
eines Staatsbürgers, aber wo er auch hingeht, so weit ihn
die Füße tragen, überall ist Staat. Mit welchem göttlichen
Recht? Als der Staat sich ein Territorium zulegte und sich
damit identifizierte, und als er seine Macht
verselbständigte, hatte er seine Unschuld verloren. Ich
weiß, im heutigen Leben (vier Milliarden Menschen) geht es
nicht mehr ohne Staat und nicht mehr ohne Loyalität zum
Staat, aber das ändert nichts daran, daß wir erbärmliche
Wichte sind.
Das aber wollten die Amerikaner von 1783 nicht sein.
Auch 1785, als die Regelung eines Strom-
Schiffahrtsrechts aktuell war, winkten sie ab. Sie regelten
ohne. Wer drängte denn nun eigentlich auf eine
Gesamtstaatsgewalt? Die Offiziere drängten; sie hatten
(durch Steuben) inzwischen preußischen Geist inhaliert.
Ferner drängten die Verwaltungsleute, die mit
zwischenstaatlichen Dingen zu arbeiten hatten. Dann
drängten einige redlich besorgte Männer, die dem Wettlauf
der einzelnen »Staaten«* ins Innere des Kontinents ein
Ende bereiten wollten. Denn seit dem Abzug der
Engländer versuchte jeder der Dreizehn, Land an sich zu
reißen, um »groß« zu werden. Vor allem aber drängten
die Politiker. Zwei der treibenden Kräfte waren George
Washington (der in Mount Vernon die Daumen drehte)
und der ehrgeizige Alexander Hamilton, junger
Rechtsanwalt in New York. Der »Fortschritt« ließ sich
nicht mehr aufhalten. Im Mai 1787 versammelten sich in
Philadelphia unter dem Vorsitz des alten Washington
fünfundfünfzig Delegierte mit dem Auftrag, für die
Vereinigten Staaten von Amerika eine Verfassung zu
erarbeiten, die sie zu einer Nation zusammenschweißen
konnte. Die fünfundfünfzig Delegierten waren prächtige,
handfeste Leute; weder die alten revolutionären Quängler
waren darunter, noch mörderische Utopisten vom Typ
Robespierre, die es sehr wohl gab.
Brave Männer also, die Hälfte wie üblich Advokaten;
leider waren sie nicht vom Volk gewählt, sondern von den
Regierungen einfach »ernannt«. Und das ist nicht viel.
»Diese Versammlung - um es von vornherein deutlich zu
sagen - überschritt ihre Vollmachten gewaltig« (Richter),
»sobald sie wie bei einer Papstwahl hinter verschlossenen
Türen verschwunden war, bemächtigte sie sich einer
Autorität, die vorher überhaupt nicht gegeben war.
Es war, wenn man will, ein Staatsstreich.«** Die
fünfundfünfzig Herren erarbeiteten nämlich nicht, wie
vorgesehen, einen Text auf der Grundlage der

*Noch waren die »Staaten« kaum mehr als autonome


Provinzen, sie nannten sich halt so.
** Merke: Staaten werden immer »gestreicht«. Ich kenne
keinen, den das Volk direkt instituiert hätte.
Konföderation, sondern setzten sie einfach außer Kraft,
schufen eine Verfassung auf völlig neuer Basis (zum
Glück!), genehmigten sie auch gleich und unterschrieben
sie. So wurde sie den dreizehn Unionsstaaten zur
Ratifizierung zugestellt. In diesen turbulenten Sitzungen
spielte Washington »Bodennebel«, das heißt, er saß da und
schwieg sich aus. Freilich, er war von Natur wortkarg,
aber hier war es mehr: Überheblichkeit, die ihm
unversehens das Air des Olympischen gab.
Aber ganz so überrumpelnd schnell, wie man es sich
gedacht hatte, ging es nicht. Es dauerte noch eine Weile, bis
alle so hypnotisiert oder so ermüdet waren, daß sie Ja
und. Amen sagten.
Am 4. März 1789 wurde auf einem feierlichen Kongreß die
Verfassung proklamiert - die dreizehn »Staaten« waren ein
echter Staat geworden.
Am gleichen Tage noch brachen die Kongreßmitglieder
zum erstenmal die neue Verfassung. Sie nahmen dem Volk
die lästige Bürde der Wahl eines Staatsoberhauptes ab
und ernannten aus eigener .schöner
Machtvollkommenheit kurzerhand selbst den ersten
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: George
Washington. Was geschah nach diesem
Verfassungsbruch? Wie üblich nichts. Dem einen Teil der
Amerikaner war es egal, der andere Teil legte die Hände
an die Hosennaht. Wie hatten die Pilgrimsväter einst
geschworen? »Wir wollen rechte Gesetze erlassen,
Einrichtungen und Ämter schaffen. Wir versprechen dabei
schuldige Unterwerfung und Gehorsam.« Das ist immer
erfreulich und vereinfacht vieles.

Unschuldig wie ein neugeborenes Kind traten die USA


ins Leben. Sie waren in so einzigartiger Lage wie nach
dem Zweiten Weltkrieg die DDR. Die Deutschen der
DDR haben bekanntlich nie das geringste mit Hitler zu tun
gehabt, sie haben keinem Juden je etwas angetan, sie waren
nicht in Stalingrad, von Coventry haben sie nie etwas
gehört, sie waren nicht in Patras, nicht in Tobruk, die DDR
war da noch gar nicht geboren; sie ist an nichts schuld
und niemandes Rechtsnachfolger.
In dieser Lage waren die Amerikaner. Wer hatte die Indianer-
Massaker auf dem Gewissen? Die Briten. Wer hatte die
Schlachten geschlagen? Briten gegen Briten. Wer hatte
die Hunderttausende von Sklaven herangeschleppt? Die
Briten. Das alles war passiert, ehe es die Vereinigten Staaten
von Amerika gegeben hatte. Das Banner der USA war
ohne Flecken, wenn man von dem kleinen
Verfassungsbruch absieht.
Mit dieser Verfassung müßten wir uns nun eigentlich
eingehend beschäftigen, aber ich gestehe Ihnen, daß ich keine
Lust habe. Ich würde es lieber kurz machen. Wenn man
Verfassungen so gründlich durchkaut, wie es
Staatsrechtlern Freude macht, geht spätestens nach zehn
Minuten das Sandmännchen um. Und das hat die
amerikanische Verfassung nicht verdient. Sie ist nämlich gut.
Wie brav sie ist, sieht man daran, daß sie bis heute gehalten
hat. An der Spitze der USA steht für jeweils vier Jahre der
Präsident, der zugleich Regierungschef ist. Er beruft seinen
Stellvertreter, seine Minister (secretaries of state), die
Bundesrichter, Diplomaten und Leiter der Bundesämter. Er
ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Einen Krieg zu
erklären ist jedoch nur der Kongreß befugt. Der Kongreß,
das heißt die Gesamtheit der Volksvertretung, setzt sich aus
zwei Häusern zusammen, dem Senat und dem
Repräsentantenhaus. Sie haben keine Ähnlichkeit mit dem
englischen Ober- und Unterhaus, sondern sind aus der
Notwendigkeit entstanden, zunächst einmal alle dreizehn
ursprünglichen Staaten gleichmäßig und ohne Ansehen
ihrer Größe zu berücksichtigen: durch je zwei Senatoren.
Das Repräsentantenhaus schuf den Ausgleich für die
volkreichen Gebiete: Die Zahl der Abgeordneten wurde
entsprechend der Bevölkerungszahl vergeben. Alle Vertreter
werden vom Volk gewählt, die Senatoren alle sechs Jahre,
die Repräsentanten alle zwei Jahre.
Die Befugnisse von Senat und Repräsentantenhaus sind
sorgfältig aufgeteilt, so daß das Machtverhältnis Senat -
Repräsentantenhaus - Präsident möglichst ausbalanciert
ist. Auch gegen den höchsten Beamten, den Präsidenten,
kann vorgegangen werden. Der Weg - im Falle schwerster
Pflichtverletzung oder Eidbruch - ist dann: Das
Repräsentantenhaus klagt an, der Senat richtet. Hüter der
Verfassung ist das Oberste Bundesgericht. Es gibt eine
Einrichtung, die uns Europäer leicht verwirrt: Die Wahl
des Präsidenten durch die sogenannten »Wahlmänner«.
Sie ist aus der Not geboren. Bei den riesigen
Entfernungen in den USA, wo Maine von Georgia so
weit entfernt ist wie Bonn von Moskau, schien es
vernünftig, nicht einzeln die Ergebnisse jedes
Wahlbezirkes in die Hauptstadt einzusenden, sondern in
jedem Staat Vertrauensmänner in allgemeiner und
unmittelbarer Wahl zu bestimmen, die dann nach
Washington auf die Reise geschickt wurden. Jedem der
Staaten stehen so viele Wahlmänner zu, wie er Senatoren
und Repräsentanten im Kongreß hat.
Heute, im Zeitalter des Funks und des Computers, ist das
Prinzip natürlich überholt. Aber da der Stolz der
Amerikaner auf jede Tradition im umgekehrten Verhältnis zu
deren Reichtum steht, halten sie an diesem Zopf fest.
Leider ist es nicht nur ein schmückender Zopf, sondern
das gefährlich schwache Glied in der Verfassung. Die
Wahlmänner sind nicht in allen Staaten der USA gesetzlich
verpflichtet, ihre Stimme dem Kandidaten zu geben, für
den sie beauftragt wurden. Überdies ist der letzte Wahlgang
geheim. Es kann also passieren, daß durch Manipulation oder
Charakterschwäche von Wahlmännern ein nicht gemeinter
Kandidat siegt. Ist es vorgekommen? Sie fragen mich
zuviel.
Wozu überhaupt das ganze Theater, wenn es alle
naselang geschieht, daß beim Tode eines Präsidenten
nicht ein neuer gewählt wird, sondern sein Stellvertreter ins
Weiße Haus einzieht. Auf der einen Seite der dubiose
»historische« Aufwand, auf der anderen Seite das Prinzip
der »Adoptivkaiser«.
War die Verfassung vielleicht doch nicht so gut? War
Fultons erstes Dampfschiff vielleicht doch nicht so gut?
Das ist die Antwort.
Je nun, den Amerikanern gefiel Fultons Dampfboot damals
großartig und die Geburt ihres Monsterstaates nicht minder.
Nanu?, ihnen gefiel es, daß ihre dreizehn Regierungen
noch eine übergeordnete huckepack aufgeladen bekamen?
»Vor Tische las man's anders«, würde Schiller sagen.
Das stimmt. Aber mit vollendeten Tatsachen zu leben,
wandelt die Menschen, vor allem die nächste Generation.
Was den Amerikanern jetzt ausgesprochen Spaß machte,
war die Tatsache, daß jeder durch den Stimmzettel »seines
Glückes Schmied« war; mit einem .Wort, daß jeder
einzelne mitregierte - und das ohne jede Mühe. Ganz
einfach so: indem er ein Kreuz machte. Die Wahltage
wurden zu Volksfesten. Ein altes Bild zeigt so einen
Freudentag: Die Häuser haben das Sternenbanner geflaggt,
an den Wänden kleben Plakate, Würstel- und Brezelbuden
sind aufgeschlagen, singende Gruppen ziehen umher, einer
Kutsche entsteigen Herrschaften und schließen sich der
Prozession von Zylinderhüten an, die die Stufen zum
Rathaus, zum Wahllokal, hinaufstreben. Es ist auch
ärmeres Volk ohne Zylinder da, viel Kinder und viel
Hunde. Pastellfarben sind verpönt, bürgerliches
Allerweltsbraun ist bevorzugt. Alle Gesichter sind vergnügt
und werden sehr gewichtig, sobald es an die Wahlurne geht.
Verständlich - man ging j a zum Regieren!
Wenn die Amerikaner nach Europa blickten, das alte
Europa mit seinen albernen Gottesgnaden-Königreichen, so
schwoll ihnen die Brust. Das arme, geknechtete Europa!
Amerika war die neue Zeit. Amerika besaß etwas, was
sonst niemand besaß: die Demokratie, die
Volksherrschaft. Hier war nun jeder wirklich seines
Glückes Schmied. Wirklich?

Es gibt zum Lobe und zur Verteidigung der Demokratie


drei landläufige Antworten, die je nach dem Intelligenzgrad
wie aus der Pistole geschossen kommen. Da ist zuerst die
Antwort, die der französische Gelehrte und Philosoph des
17. Jahrhunderts, Descartes, anbietet: »Der gesunde
Menschenverstand ist diejenige Sache in der Welt, die am
besten verteilt ist.«
Er glaubte also, daß jeder Mensch in den grundsätzlichen
Lebensfragen ein gewisses Maß an gesundem, gutem
Urteil hat.
Dem widerspricht der Augenschein an allen Ecken und
Enden. Die Welt, die ja aus nichts anderem als aus lauter
Descartesschen Menschenkindern besteht, befindet sich
zum überwiegenden Teil in völliger Unordnung, vom
Staat bis zur Familie herunter.
Descartes gibt zu, daß er einschränkend nur diejenigen
meint, die unverbildet sind und ein gesundes Empfinden
haben. Damit hebt er aber seine allgemeine Behauptung
leider auf und macht sie wertlos. Denn daß Menschen mit
gesundem Urteil ein gesundes Urteil haben, ist keine
großartige Erkenntnis.
Der große Philosoph des alten Griechenland, Aristoteles,
hat dagegen in seiner Schrift »Politik« gesagt: Da es für die
Demokratie wesentlich ist, daß völlige
Gleichberechtigung herrscht, und da es hierbei allein auf
die Zahl, die Quantität, und nicht mehr auf die Qualität
ankommt, ist die Folge, daß die Beschränkten und
Unwissenden mehr Stimmen zusammenbringen als die
Kritischen und Erfahrenen. Heute kommt noch die
ungeheure Macht der Massenmedien hinzu, die durch
Manipulieren von Nachrichten, ja, allein schon durch
geschicktes Präsentieren von »photogenen« Gesichtern die
Masse des Volkes dirigieren können. Das gefundene
Fressen für sie sind die Denkfaulen und die rührend
Gutgläubigen. In der Demokratie Italien, hochgeachtetes
Mitglied der demokratischen europäischen Gemeinschaft, ist
auf vielen staatlichen Formularen heute noch, 1977, die
Rubrik fest eingedruckt: Analphabeten müssen ihr
Kreuzzeichen von zwei Zeugen bestätigen lassen! Die
zweite Antwort, die möglich und sehr beliebt ist,
vermeidet, die Mehrzahl der Menschen für klug und
uneigennützig zu halten; sie argumentiert so: »Jeder ist
dort, wo der Wille des Volkes strikt verwirklicht wird,
wenigstens seines eigenen Glückes Schmied. Das Recht,
seines Glückes Schmied zu sein, hat jeder Mensch.« Diese
Antwort hat auf den flüchtigen Hörer noch nie ihre Wirkung
verfehlt. In Wahrheit ist sie jämmerlich. Da ist zunächst
die Behauptung, daß ein strikt verwirklichter Volkswille
jedem die Befriedigung gebe, seines Glückes Schmied zu
sein. Daran stimmt nichts. Wenn der Wille von 51%
Bürgern durchdringt, ist es für die übrigen 49% ein sehr
schwacher Trost, daß sie auch mitstimmen durften. Sie
waren anderer, eventuell gänzlich entgegengesetzter
Meinung. Ihr Wille, wie das Glück zu schmieden sei,
wurde also nicht verwirklicht. Da man im Leben nicht
zwei entgegengesetzte Meinungen gleichzeitig durchsetzen
kann, steht die Demokratie wie jede andere
Regierungsform vor der Notwendigkeit, den Willen eines
großen Teils des Volkes einfach zu ignorieren. Nun wollen
wir uns den zweiten Teil der Antwort ansehen. Da wurde
behauptet, jeder habe das Recht, seines Glückes Schmied
zu sein.
Es ist klar, daß das nie zu verwirklichen ist. Keineswegs
schmiedet jeder nur für sich selbst wie in einem Ein-
Mann-Staat zu Neandertalers Zeiten; er schmiedet
automatisch am Glück, vor allem am Unglück, aller
anderen mit. Wenn erwiesen ist, daß einer ein sehr
schlechter, geradezu selbstmörderischer Schmied ist,
dann wäre es nicht nur unmoralisch, es wäre auch
geradezu gesellschaftsfeindlich, ihm das Recht zum
Schmieden zuzugestehen.
Die Antwort ist nicht mehr als eine flache Redensart. Die
dritte nun ist die weitaus vorsichtigste: »Alle Bedenken
gegen Quantität über Qualität mögen zutreffen, aber zwei
Vorteile der Demokratie lassen sich nicht leugnen:
nämlich, daß bei keiner anderen Regierungsform eine
Opposition sich so furchtlos melden kann, und ferner, daß
das Volk als Ganzes weniger leichtfertig mit
Menschenleben umspringt und weniger besessen handelt, als
es einzelne Machthaber oder Gruppen tun.« Ich glaube,
den ersten Teil der Antwort können wir vom Tisch fegen,
seit uns »Demokratien« vorgeführt haben, wie sie
furchtlose Opponenten an die Wand stellen oder ins
Irrenhaus stecken.
Aber der zweite Teil, der, den Sie wahrscheinlich
benicken, ist weitaus interessanter.
Im Jahre 399 vor unserer Zeitrechnung, als Athen
»Demokratie« war, wurde einer seiner größten Söhne vor
ein Volksgericht gestellt und der Verderbung der Jugend
angeklagt: Sokrates.
Ah - werden Sie sagen, ich erinnere mich. Ja, Sie erinnern
sich natürlich. Eines Morgens im Frühjahr jenes Jahres
strömten die Athener zusammen, um das Urteil zu fällen.
Jedermann wußte, daß die Anklage in dieser Form nicht
stimmte, aber das Volk hatte Sokrates' spöttische
Moralpredigten und Wortverdrehungen einfach satt und
war wütend.
Sokrates hielt - schon im Bewußtsein, daß es vergeblich
sein würde - eine Verteidigungsrede, die zu dem
Liebenswertesten gehört, was uns die Weltliteratur überliefert
hat. Jedoch, das Volk wollte nicht. Mit dreißig Stimmen
Mehrheit von fünfhundertundeins verurteilte es Sokrates
zum Tode. Die »Opposition« wollte ihn retten. Es war in
der Stadt ein offenes Geheimnis, daß die Gefängnistüren
nachts offenstanden. Aber Sokrates war ein konsequenter
Demokrat, er blieb und trank den Giftbecher. Das ist eine
sehr lehrreiche Geschichte. Keiner der geistig führenden
Männer Athens hätte dieses Urteil gefällt. Keiner von ihnen
wäre so intolerant, keiner so von Leidenschaften verhetzt
gewesen. Jedoch: Quantität ging vor Qualität.
Wir wollen uns ganz besonders im klaren sein über einen
tragischen Zug: Das Offenlassen der Gefängnistüren nach
dem Urteilsspruch. Das hatte nichts mehr mit
Oppositionsrecht zu tun, sondern war dem Buchstaben und
dem demokratischen Geist nach ein Vergehen an der
Demokratie. Denn die Mehrheit in einer Demokratie macht
mit ihrem Beschluß nicht einen »Vorschlag«, sondern ein
Diktat.
Den Unsinnigkeiten und Schandtaten von
Alleinherrschern steht eine ebenso lange Kette von
Unsinnigkeiten und Schandtaten der Volksmassen
gegenüber. Vierhundert Jahre nach Sokrates schlug das
Volk der Juden Jesus Christus ans Kreuz. Der römische
Prokurator Pontius Pilatus war gewillt gewesen, ihn zu
retten. Vergeblich. Das Volk zog den Raubmörder
Barabbas vor. Achtzehnhundert Jahre nach Christus war
die Menge um keinen Deut zuverlässiger. Die
Französische Revolution von 1793, die in der
Geschichtsschreibung als glorreicher Beginn der modernen
Volksbefreiung gefeiert wird, ist im einzelnen ein furchtbares
Beispiel rasender Leidenschaften der verhetzten Massen. Die
Revolution hat sich nicht nur an den Quälgeistern und
Blutsaugern, dem König und dem verkommenen Adel,
gerächt, sondern lief blind Amok. Die wenigsten
Menschen wissen heute noch, daß von den vielen
Zehntausenden von Ermordeten nur jeder zehnte ein
Adliger oder »Volksfeind« war. Die anderen Opfer, die
unter der Guillotine starben, waren einfache Bürger,
kleine Leute, Bauern, Volk. Soll ich die Beispiele
fortsetzen? Die Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag
ist voll von Dokumenten über das totale Versagen des
Volksempfindens.
VII

Am 30. April 1789 trat George Washington sein Amt als


erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an.
Man hatte als vorläufigen Sitz New York gewählt, bis
Philadelphia wieder bezugsfähig sein würde. Washington,
vom Süden kommend, überquerte die Bay in einer Barke;
sie war mit rotem Samt ausgeschlagen, der als lange
Schleppe noch auf dem Wasser nachschleifte. Es sah
alles ein bißchen nach Lohengrin und Bayreuth aus. Auch
die Stadt New York sah nicht imposanter als Bayreuth aus.
Unter freiem Himmel leistete er vor einer großen Menge
den Eid. Er dankte Gott, sonst niemandem, und er reichte
auch keinem die Hand.
Nun konnte das Regieren also losgehen. Aber bis zum
Ende des Jahres tat sich überhaupt nichts. Das entbehrt
nicht der Komik. Neun Monate Untätigkeit einer frisch
eingesetzten Regierung können nur zwei Gründe haben:
Entweder ist sie hilflos (wie etwa heute in Italien), und das
Volk lebt auf eigene Faust so gut es geht; oder sie hält
vergeblich nach Arbeit Ausschau wie ein neu
niedergelassener Arzt nach Patienten.
Fast traf das zweite zu. Es galt nirgends einzugreifen. Die
größeren Städte verwalteten sich selbst zu aller Zufriedenheit,
die Dörfer und Siedlungen kamen gut zu Rande, die
Farmen hatten keine Scherereien. Der Alltag sah aus wie
immer. Die Schuster kloppten auf den Schuhen herum, die
Schneider nähten braune und schwarze Bratenröcke, die
Leutnants hämmerten den Soldaten preußischen Drill und
Steubensche Taktik ein, die Kontoristen saßen auf ihren
hohen Schemeln und kritzelten, noch bei Öllämpchen-
Licht, die Geschäftsbücher voll, die Ärzte hatten zu tun,
die Kerzenzieher waren in Ordnung, die Schauerleute hat- ten
nicht zu klagen, die Lehrer verhauten weiter die faulen
Schüler, die Mütter verheimlichten wie eh und je, daß das
zweite Kindlein nicht vom Herrn Gemahl war. Es
herrschte auch Friede. Wie hätte ein neugeborenes, un-
schuldiges Land auch etwas so Böses wie Krieg im Sinne
führen können? Da war zum Beispiel früher mal, zur Zeit
der Briten, die Indianerfrage gewesen. Die gab es gar
nicht mehr vor lauter Friedensliebe. Der Kongreß beschloß
und verkündete: »Jeder Indianerstamm, der den Interessen
der Vereinigten Staaten freundlich gegenübersteht* soll
die Möglichkeit haben, sich diesem Bund anzuschließen,
einen Staat zu bilden und seine Vertreter in den Kongreß zu
schicken.«
Das ist doch nun wirklich nobel.
Eine Angelegenheit gab es allerdings, die die Sonne
etwas verdunkelte, eine disaströse Angelegenheit, und
ausgerechnet sie war die einzige, die Washington sich
selbst auf den Schreibtisch legte: die Schulden. Sie betrugen
vierzehn Milliarden Dollar.
Genaugenommen ging diese beängstigende Schuldenflut
Washington nichts an, sie war Sache der einzelnen Staaten.
Sie und nicht die Bundesregierung hatten sie gemacht.
Man kann sich vorstellen, wie die amerikanischen Bürger
aus allen Wolken fielen, als Washington erklärte, die
Bundesregierung werde die gesamten internationalen
Verpflichtungen übernehmen und für jeden Cent
geradestehen.
Die Situation war absolut verrückt. Bund und Staaten
waren doch identisch! Und eine Regierung im Sinne
eines Kabinetts gab es in der Verfassung überhaupt nicht.
Washington konnte sich Sachbearbeiter nehmen, so viel
er wollte, er war und blieb eine Ein-Mann-Regierung. Wer
übernahm nun die Schulden? Washington persönlich?
Hundert Dinge hätte der Präsident an sich reißen können;
um die Schulden mußte er doch einen weiten Bogen
machen! Die Amerikaner hielten den Atem an und
warteten auf den Knall, mit dem die Seifenblase platzen
würde. Washington berief als erstes vier Männer zu
seinen »Staatssekretären«, und übertrug ihnen die einzelnen
Ressorts. Thomas Jefferson, der Verfasser der
Unabhängigkeitserklärung, übernahm die Außenpolitik. Für
das Heer und das Kriegswesen wurde »General« Knox
verantwortlich, der einstige Buchhändler aus Boston;
seine rechte Hand: Steuben. Randolph, ein vornehmer
Herr aus Virginia, übernahm die Justiz und das Amt des
Generalstaatsanwalts. Nun fehlte noch der Schatz-
Sekretär, der statt eines Schatzes den Schuldenberg
vorfinden würde. Washington erinnerte sich jenes
dynamischen Rechtsanwalts aus New York der schon beim
Verfassungskongreß Un- mögliches möglich gemacht
hatte, Alexander Hamiltons. Hamilton nahm die Berufung
ohne Zögern an. Er war zu diesem Zeitpunkt ganze
zweiunddreißig Jahre alt; vielleicht lag's daran.
Er krempelte die Ärmel hoch und legte los. Zunächst er-
hob er Steuern, die an den Bund abzuführen waren.
Washington sah, daß sie maßvoll waren und die kleinen
Leute nicht betrafen, und unterschrieb.
Das war ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es war ein
wichtiger Versuchsballon für die Macht des Bundes. Dann
kam der entscheidende Schachzug: Hamilton überredete
eine Reihe von finanzstarken (sehr starken) Männern, unter
der Hoheit des Bundes eine Bank zu gründen, die er
Staatsbank nannte. Sie sollte das alleinige Recht haben,
eine neue Währung herauszugeben, die in allen dreizehn
Staaten gesetzlich gültiges Zahlungsmittel und von der
Bank garantiert werden sollte. Hamilton war entschlossen,
va banque zu spielen, den gesamten im Umlauf
befindlichen alten Papierplunder einzuziehen und auf
Heller und Pfennig mit dem neuen garantierten Dollar zu
bezahlen. Den finanzstarken (sehr starken) Herren trat
zwar der Angstschweiß auf die Stirn, aber, je nun, sie
unterschrie- ben. Washington setzte seinen Namen unter
das Gesetz- Amerika hatte die Inflation beendet und eine
neue Währung.
Der Prüfstein ist immer das Ausland: Wie reagierte es?
Frankreich war mitten in den Revolutionswirren, sein
Notgeld war nicht die Druckkosten wert; es hätte jeden
Dollar blind genommen. England, in der Zwangslage, sich im
Überseehandel mit den Vereinigten Staaten zu
arrangieren, zeigte Vertrauen und nahm es - natürlich
hielt es mit der anderen Hand Hamilton sofort die
Schuldscheine unter die Nase.»
Es traf ihn nicht unerwartet. Der nächste Schachzug war
schon in vollem Gange. Er bestand darin, daß die
Bundesregierung herrenloses Land zum Staatsland erklärte
und zu Schleuderpreisen verkloppte. Die Folgen
überblickte Hamilton durchaus, er nahm sie in Kauf, und
die Schreie der Empörung über die Spekulanten und
Währungsgewinnler ließen ihn kalt. Es eilte; er mußte
Parforce reiten!
In Massachusetts allein wurden neun Millionen Morgen
losgeschlagen. Herr Minister Knox sicherte sich
anderthalb davon und zahlte einundzwanzig Cents pro
Morgen. Vier Millionen kaufte der gutsituierte Herr
Macomb im Bereich von New York für je acht Cents. Ein
Sir William Pultenay und einige holländische Banken
legten ihr gutes, hartes Geld in fünfzehn Millionen Morgen
an. Auch Hamilton selbst beteiligte sich ein bißchen am
Ontariosee. Ein Strom von Gold, Silber und Devisen floß in
die Staatsbank.
Hamiltons Rechnung war aufgegangen. Merken Sie sich:
In den Vereinigten Staaten muß immer die Rechnung
stimmen; die Moral kommt später und von selbst. Eine
böse Bemerkung. Ich werde Ihnen auch sagen, warum ich
sie so wichtig nehme und hingeschrieben habe: Hamilton
hatte damals bewußt den Gedanken, das Geldwesen zum
Fundament der Vereinigten Staaten und der Macht der
Zentralregierung zu machen. Das war der Hebel, der ihm
zur Verfügung stand, und er setzte ihn an, er war ihm
adäquat, er war seines Geistes. »Vom Geld her in Gang
setzen«, das ist seitdem tief verwurzelt im amerikanischen
Menschen, es ist der Stern von Bethlehem, der ihnen einst
erschien und an den zu glauben sie bis heute verdammt sind.
Das Bankkonto ist der Adelsbrief Amerikas geworden.
Ein schäbiger, aber ein beweiskräftiger für einen
Calvinisten, denn Gott ist mit den Reichen. Ist er wirklich
so schäbig? Haben diese Männer nicht den Staat gerettet?
Haben sie nicht das Land als Dank und Ausweis dafür
bekommen? Hat nicht auch Otto von Wittelsbach für
Barbarossa dasselbe getan? Hat nicht auch er als Dank und
Ausweis dafür das Land Bayern bekommen? Sollte das eine
wie das andere keinen Schuß Pulver wert sein? Sie fragen
mich?
Der eine hat mit seinem Leben den König gerettet, ohne
auf Dank zu warten; aus Treue. Der andere hat die
Finanzen des Landes mit seinen Kröten saniert. Wer diesen
Unterschied nicht begreift, ist eine Krämerseele. Ein Mann,
der seine Stimme gegen diese zynische Etablierung eines
Staates erhob, war Thomas Jefferson. Er erhob die Stimme
leise, wie es seine Art war, aber schneidend. Eine schillernde
Gestalt! Im Augenblick war er noch als Botschafter seines
Landes in Paris, ein teuer aber salopp gekleideter Herr,
ehemals, wie Sie sich erinnern werden, Advokat, äußerst
gebildeter Herr aus Virginia; um von seinem Äußeren zu
reden: groß, schmal, rothaarig, sommersprossig, mit
leichter Aufwärtsnase und zu kurzer Oberlippe; um von
seinem Geistigen zu sprechen: idealistisch bis zur
Schwärmerei, zugleich zielstrebig, ja sogar intrigierend,
in der Theorie ein Bruder der Masse, in der Praxis ein
reicher Aristokrat. Träge und arbeitswütig zu- gleich. Er
schrieb gut (Über die Phonetik des Altgriechischen und
über amerikanische Vorgeschichte), er musizierte gut, er
war ein ausgesprochen begabter Architekt, einige der
schönsten Landschlößchen Virginiens sind von ihm
entworfen. Ein pedantischer Tagebuchführer und zugleich
ein Bohemien. Er benutzte in seinem Hause die erste
Vierundzwanzig- Stunden-Uhr, den ersten Bürodrehsessel,
das erste funktionelle Bett. Verliebt in die
Menschenwürde und die Duldsamkeit, begeistert für
»Liberte, egalite, fraternite«, blind für die Scheußlichkeiten
der Französischen Revolution. Ein begnadeter Mann, ein
unheilvoller Mann. Ein kluger Kopf. Ein Dummkopf.
Wenn Sie können, machen Sie sich daraus ein Bild.
Schwer ist es nicht. In kleinerem Maßstab ist die Welt
auch heute noch voll davon. Jefferson haßte Hamilton.
Hamilton seinerseits gähnte, wenn Jefferson seine
Gesänge anzustimmen begann. Der große alte Mann
Washington saß dabei und hörte stumm zu. Wie die drei
so dasaßen, ahnten sie nicht, daß sie die Urheber der
politischen Parteien Amerikas werden würden, Hamilton
und Washington der heutigen republikanischen, Jefferson
der demokratischen;
Jefferson kämpfte im »Kabinett« und wühlte im Volk
gegen Hamiltons Ideen, gegen dessen
Zentralisierungsbestrebungen, gegen dessen Sichstützen
auf die Ober- schicht, gegen dessen Entmachten der
Einzelstaaten und der Städte. Er schwärmte von
Frankreich.
Ein Agent Robespierres, der französische Gesandte »Bürger
Genet« klopfte dem Bürger Jefferson anerkennend auf die
Schulter, gründete Debattierklubs nach Pariser Muster,
begann, Freikorps für Frankreich zusammenzustellen und
heuerte Schiffe an. Kurzum, er benahm sich ungeniert.
Washington mußte ihn wohl oder übel einmal empfangen. Er
tat es, nachdem er vorher im Audienzsaal die Porträts
Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes aufhängen ließ. Wenig
später schmiß er ihn aus dem Land (Leider nur theoretisch.
Ein Haftbefehl Robespierres kam ihm zuvor. Daraufhin begab
sich Genet Groteskerweise als politisch Verfolgter in den
Schutz der USA, wo er als wohlhabender Herr sein Leben
beschloß.) Jefferson, Läppischerweise tief gekränkt,
demissionierte. Er widmete nun sein vorläufiges
Rentnerdasein den Diskutierklubs und den Herren
Journalisten, die, sechstau- send Kilometer von der
Guillotine entfernt, ihm entzückt lauschten. Die
»öffentliche Meinung« begann sich be- merkbar zu
machen.
Auch hierin also war Jefferson in aller Unschuld der
erste, der die Macht der Presse roch, lange bevor Paul
Julius Reuter das Nachrichtenbüro erfand. In was, um
Himmels willen, ließ sich Amerika da ein? Politik in des
Wortes suspekter demagogischer Bedeutung hatte es
bisher nie gegeben.
Richtig. Aber nun, meine Herren, ist »der Staat« da!
Faust hat sich dem Pudel verschrieben, dessen Kern wir
seit Goethe kennen.

1793 wurde George Washington zum zweitenmal zum


Präsidenten gewählt. Er war nun über sechzig. Körperlich
gealtert, geistig resignierter.
Das französische Problem war keineswegs nur eine
Bagatelle. Es bestand immer noch der Bündnispakt!
Jefferson hatte die Ansicht vertreten, daß die Pariser
Revolutionäre die legitimen Rechtsnachfolger der
Monarchie seien; Hamilton und Washington lehnten
diese Auslegung ab, Washington, weil ihm alle
Anarchisten verächtlich waren, Hamilton, weil er mit
England, das gegen Robespierre kämpfte, ins reine
kommen wollte. Da waren ja immer noch die englisch
besetzten Forts im Hinterland, und da waren die noch
ungeklärten lebenswichtigen Handelsfragen. Was bot
Robespierre? Nichts. Was bot England? Handel. Eine
leichte Entscheidung. Im Sommer 1794 schickte
Washington seinen Vertrauten John Jay nach London, der
auch tatsächlich mit einem Vertrag nach Hause kam. Die
Fort-Besatzungen zogen ab, aber von »freier Schiffahrt,
freiem Seehandel« war nicht die Rede. In London hatte man
noch alle fünf Sinne beieinander; man gedachte nicht, das
unterentwickelte Land Amerika so zu unterstützen, daß es in
Bälde zu einer ebenbürtigen Macht werden konnte, man
gedachte nicht, ihm die dicken Handelspfründe und damit
den Geldsack zu überreichen.
Das war, auf kurze Formel gebracht, der Jay-Vertrag. Der
großen Mehrheit der Amerikaner, den Siedlern, Farmern*,
Jägern, Pionieren, Handwerkern und Arbeitern war der
Vertrag mitsamt Herrn Jay egal. Aber die Städte (Um
diese Zeit lebten in Ortschaften mit über achttausend
Einwohnern nur drei Prozent der Amerikaner. Diese drei
Prozent konnten hundertmal so viel Lärm machen wie die
anderen.) und fast alle großen Städte waren Hafen - die
Städte mit ihren Unternehmern, Importeuren, Exporteuren,
Fabrikanten und Reedern und den Tausenden, die mit dem
internationalen Handel verfilzt waren, wandten sich von
Washington und Hamilton ab. Die Forts interessierten
plötzlich nicht mehr, Washington war ein Trottel.
Vergessen war der Befreiungskampf, vergessen Trenton,
Saratoga, Yorktown, vergessen die Not der Inflation,
vergessen die Bank der United States. Hamilton war
schlimmer als ein Esel; er war ein Verräter.
Hamilton trat ab; und Washington wagte nicht, sich zum
drittenmal zur Wahl zu stellen. Er wollte sich und
Amerika die Schande der Niederlage ersparen. Sollte es
wirklich so kommen? Es kam so. Sic transit gloria. Oder,
wie wir Deutschen zu sagen pflegen: Der Dank des
Vaterlandes ist dir gewiß. Gewöhnlich trifft es ja die
Kleinen, hier nun traf es einen Großen, und die haben den
Vorteil, daß es ihnen schnuppe sein kann. Washington war
es schnuppe. Er trat sang- und klanglos ab.
Was hinterließ er? Außer ein paar guten Ratschlägen eine
gähnende Leere. Der einfache Bürger konnte sich gar nicht
vorstellen, daß es den Alten nicht mehr gab. War
Washington nicht Amerika? War er nicht der Vater des
Vaterlandes? Stand die Welt kopf ?
Blödsinn.
»Dieser Mann«, schrieb eine Zeitung, und es war
pikanterweise die seines Schwiegersohnes, »dieser Mann war
die Quelle allen Mißgeschicks unseres Landes. Wenn es
jemals Augenblicke gab, sich zu freuen, dann jetzt.«
1976, anläßlich der Zweihundertjahrfeier zur
Unabhängigkeit, ehrte der amerikanische Kongreß
Washington, indem er ihn zum Sechssterne-General
ernannte. Wahrhaftig, sie wagten es! Ein Haufen von
zivilen Ignoranten und gescheiterten Militärs hatten die
Güte, Washington zu befördern. Fast ist mir der
Presselümmel lieber, der jenen Zeitungsnachruf schrieb.
Aber das verstehen Sie sicher nicht.

*
Man könnte den neuen Präsidenten mit einem neuen Kapitel
beginnen, aber ich glaube, es lohnt sich nicht. Aus der
Wahl ging John Adams hervor, den schon Washington zu
seinem Stellvertreter ernannt hatte. Keine große Leistung
also, keine neuen Ambitionen, keine Wagnisse.
Es ist jener John Adams, der seit Beginn »dabei«
gewesen war, sozusagen alter Kämpfer, einst Schüler von
Otis wie sein Bostoner Verwandter Samuel Adams, aber
nicht so verrückt, im Gegenteil ein inzwischen ruhig und
besonnen gewordener älterer Herr. Auch er war Bostoner,
vermögend natürlich und nicht ungebildet. Ein
zeitgenössisches Porträt zeigt ihn, das weiße Haar in
Locken gelegt, mit schmaler Nase und zu kurzer
Oberlippe. Sie können ja schließlich nicht alle von Natur
eine zu kurze Oberlippe gehabt haben; der Verdacht liegt
also nahe, daß ab sechzig die Zähne rar wurden. Aber sonst
schien es ihm gutzugehen, er hat Hängebacken, und um
seinen kleinen Mund spielt ein leicht ironischer Zug.
John Adams war von Haus aus Jurist. Sie alle damals, die
eine Rolle spielten, waren keine Männer hinter dem
Mond. Adams war Gesandter in London gewesen und
wird dort in der Gesellschaft gewiß eine gute Figur
gemacht haben. Er war einst auch mutig gewesen. Er war
es, der Washington als Truppenführer herangeholt hatte,
er war es, der die im »Massacre of Boston« angeklagten
britischen Soldaten vor Gericht zu verteidigen gewagt
hatte, na, und so weiter, was ein anständiger Mann so tut,
der keine Angst hat.
Sie werden sich fragen, warum ich John Adams so
eingehend beschreibe. Offen gestanden, weil es sonst nur
wenig zu berichten gibt. In den Geschichtsbüchern
werden Sie zwar des langen und breiten über einen
kleinen französisch-amerikanischen Krieg unter John
Adams lesen können; ich empfehle Ihnen jedoch, es
bleibenzulassen. Dieser »Krieg« ging aus wie das
Hornberger Schießen. Kurz gesagt: Frankreich hatte den
einstigen Bündnisvertrag zer- rissen und erklärte alle
amerikanischen Schiffe, die es er- wischte, als Konterbande.
Adams entsandte, um eine Versöhnung herbeizuführen,
eine Abordnung nach Paris, die erst nach fünfmonatiger
Wartezeit von Herrn Talleyrand empfangen wurde.
Talleyrand hörte sich ihr Palaver an und teilte ihr dann
mit, mit welcher Summe er bestochen zu werden
wünschte. Die Amerikaner kehrten empört heim und
berichteten dem Präsidenten und dem Kongreß. Die
Reaktion war überraschend: Man erklärte Frankreich den
Krieg! Wer sollte ihn führen, das war die Frage .angesichts
der Tatsache, daß drüben gerade ein gewisser
Revolutionsgeneral Bonaparte seinen Siegeszug durch
Südeuropa angetreten hatte? Da half nur eine alte
Requisite: Washington.
Man pilgerte nach Mount Vernon! Washington schien der
einzige zu sein, dem auffiel, daß zwischen den USA und
Frankreich sechstausend Kilometer Wasser lagen. Erfand,
daß ein maßvoller Kaperkrieg das einzige war, was einen
bescheidenen Sinn hatte. Das sah man (erleichtert) ein,
bat ihn jedoch, seine alte Generalsuniform noch einmal
anzuziehen als Symbol für alle Amerikaner. Er zog sie an.
Und irgendwann zog er sie wieder aus, denn der »Krieg«
schlief endgültig ein, als für Napoleon England der Feind
Nummer eins wurde. Das war's mit dem John Adams-
Krieg. Zum Schluß tat John Adams noch etwas, abermals
etwas recht Harmloses, das jedoch für alle Zeiten in die
Ge- schichte einging: Er verlegte den Sitz des Präsidenten
und der Bundesregierung von Philadelphia in ein kleines
Nest. Dieses Nest war kein Dorf, es war sozusagen eine Stadt
im Rohbau, also etwas besonders Scheußliches. George
Washington hatte einst seine Liebe an diese Walhalla-
Stätte gehängt, ihm hatte etwas von Ruhmeshalle, von
Pantheon und römischer Klassik vorgeschwebt. Er hatte
auch Geld hineingesteckt und vor Jahren schon den
Grundstein zu dem »Capitol« gelegt. Inzwischen waren
einige Pracht- bauten fertig geworden und der Kongreß
beschloß mit diesem Umzug zwei Fliegen mit einer Klappe
zu schlagen: einen sichtbaren neuen Anfang zu machen und
zugleich ein Zugeständnis an den Süden, dem, wie heute
den Bayern, die »Saupreußen« mit dem Nordstaatler
Adams und dem nordstaatlerischen Philadelphia langsam
reichten.
Sie nannten dieses einstweilen noch etwas Potemkinsche
Dorf nach seinem Gründer: Washington. Inzwischen ist
daraus der Nabel der Welt geworden. Damit
verabschiedete sich (wie er irrig annahm, einstweilen)
John Adams, der zeitlebens geglaubt hat, ein besserer
Präsident gewesen zu sein als George Washington. Nun
können wir mit gutem Gewissen ein neues Kapitel
beginnen, denn Amerika begann es auch. Jefferson kam!
VIII

Zum erstenmal erlebten die Amerikaner eine


Präsidentenwahl mit dem ganzen Hader, den Lügen, den
Propagandaparolen, der ideologischen Verteufelung und
Verhetzung, die unausweichlich sind, wenn Parteien in
der Institution »Staat« das Machtinstrument sehen, das
sie in die Hand bekommen müssen. Da es das Wesen
einer Ideologie ist, sich nicht am Leben auszurichten, ist
der Staat das einzige Instrument, mit Hilfe dessen man
das Leben nach der Ideologie ausrichten kann.
Der Wahlradau ging nicht so sehr von den »Föderalisten«
(nicht nach heutigem Sprachgebrauch Gegner der
Bundesmacht, sondern gerade umgekehrt Anhänger) aus,
als vielmehr von der Gegenseite, die von Jefferson zu
einer regelrechten Partei organisiert worden war. Ihren
extremen Flügel vertrat ein Mann namens Aaron Burr.
Die Ansichten über Burr gingen damals schon
auseinander, sie reichten von »skrupellos« bis zu
»Schurke«. Bezeichnend, daß sich trotz der Kandidatur
von Jefferson auch Burr aufstellen ließ.
Im ersten Wahlgang schied John Adams aus. Übrig
blieben Jefferson und Burr. Nach sage und schreibe
fünfunddreißig Wahlgängen siegte endlich Jefferson. Er
verdankte den Sieg dem Einfluß seines »Feindes«
Hamilton.
1801 trat Jefferson sein Amt an. Natürlich geschah es auf
typisch volksbeglückende Weise: Er benutzte nicht die
Staatskutsche, sondern marschierte zu Fuß durch die
dörflichen Straßen zum Capitol. Nachdem er noch ein
paar andere Mätzchen praktiziert hatte, wurde er ganz
normal - zur großen Enttäuschung seiner Parteigänger
und zum Staunen aller, die erwartet hatten, daß die
Marseillaise die neue Nationalhymne werden würde.
Nachdem er sich, seiner Kultur entsprechend, im Weißen
Haus aufs beste eingerichtet hatte, ging er an die Arbeit.
Zu seiner Überraschung stellte er fest, daß man ohne
Macht nicht regieren kann, worauf er erst einmal sein
Hauptprinzip »Entmachtung des Bundes« über Bord warf
und ihm postwendend auch gleich ein anderes Ideal
hinterherschmiß, das er einst gegen Washington und
Hamilton bis aufs Blut verteidigt hatte, nämlich seine
Überzeugung, daß der Bund nur so viel Handlungsfreiheit
habe, wie sie die Verfassung ausdrücklich nenne.
Washington hatte es anders gelesen: Die
Bundesregierung habe alle Rechte, die ihr durch den Text
der Verfassung nicht ausdrücklich genommen seien.
Es trat ein Ereignis von ursprünglich geringer Bedeutung
ein, für das er die neu interpretierte Handlungsfreiheit
schleunigst in Anspruch nahm. Er erfuhr, daß Spanien
seine Besitzungen am Mississippi und in Westflorida
unter dem Druck Napoleons in einem Geheim vertrag an
Frankreich abgetreten habe. Franzosen im Süden und
Westen, und Franzosen vielleicht bald in Canada - das
krempelte auch die heißeste Liebe zur Marseillaise in
Jefferson um.
Sollte die Welt vielleicht doch nicht so schön und der
Mensch doch nicht so gut sein?
Hier nun wurde endlich aus dem Saulus ein Paulus: aus
dem Jefferson beinahe ein Hamilton. Sein erster Gedanke
war klassisch amerikanisch: das muß mit Geld
hinzukriegen sein.
Rückblickend und in Kenntnis Napoleons ein verrückter
Gedanke!
Jefferson trug die Sache (immer schön mit leiser Stimme,
mit vielen Abschweifungen und geistreichen Sentenzen)
dem Kongreß vor. Was er wollte, war nichts weiter, als
bei Napoleon mal in aller Unschuld anzufragen. Das
erlaubte man ihm.
Es reiste ein Mann hinüber, der später selbst Präsident
werden sollte, James Monroe. Jefferson gedachte, fünfzig
Millionen Francs lockermachen zu können und schärfte
Monroe ein, notfalls vierzig Millionen allein für die
Hafenstadt New Orleans zu bieten. Diese Stadt war
imstande, den ganzen Südwesthandel Amerikas
lahmzulegen.
Monroe, der sicherlich tage- und nächtelang seine Rede
repetiert hatte, denn er war kein Mann, der sich auf dem
Parkett leicht zurechtfand, trat also vor den gefürchteten
Ersten Konsul Bonaparte. Alles war sehr vergoldet, sehr
plüschig, sehr löwig, sehr zackig, sehr einschüchternd.
Seinem Ruf entsprechend schien Napoleon bereits genau
informiert, auf dem bureau plat lag die Landkarte der
Vereinigten Staaten.
Die Audienz war kurz. Monroe holte gerade tief Luft, da
war praktisch schon alles vorbei, Napoleon holte seine
Pranke aus dem Westenausschnitt, legte sie auf die
Landkarte und sagte: Einzelheiten interessieren mich
nicht, alles oder nichts, sechzig Millionen Francs, au
revoir. Napoleon stelzte hinaus. Monroe blieb vor Glück
sprachlos.
Ein Adjutant führte ihn zur Tür, wie man einen
verdatterten Vater hinausbegleitet, der soeben die
Nachricht über die Geburt von Drillingen erhalten hat.
Jefferson war begeistert. Jetzt mußte also das Geld
irgendwo her. Er wußte, daß er mit dem Kongreß nicht
rechnen konnte. Man kann Kaufleuten, Anwälten,
Plantageherren nicht klarmachen, warum sie fünfzehn
Millionen gute Dollar für Wüsten und Wildnisse zahlen
sollten, die für sie im Monde lagen. Er mußte also, den
Kongreß vor die vollendete Tatsache stellen. Aber wie?
Und hier nun tat Jefferson etwas Außerordentliches. Er
brach die Verfassung, er unterschrieb den Staatsvertrag,
ohne ermächtigt zu sein.
Der nächste Schachzug, der seinen Stuhl retten mußte,
war ebenso gerissen wie simpel. Ehe die Öffentlichkeit
erfuhr, was der Präsident getan hatte, legte Jefferson in
Eile dem Senat als zuständigem Gremium den Vertrag
unter der schlichten Bezeichnung eines einfachen
Handelsabkommens vor. Er habe doch bloß etwas
gekauft, nicht wahr? Und das darf ein Präsident, nicht
wahr?
Immer schön mit leiser Stimme und vielen
Abschweifungen paukte er das »Handelsabkommen«
durch. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Was war eigentlich los?


Wenn Sie einmal den Atlas aufschlagen, so wird Ihnen
schlagartig klar werden, was geschehen war. USA – das
bedeutete bisher einen Küstenstreifen von einigen
hundert Kilometern Breite von Boston bis Florida. Ein
Netz von Capillar-Äderchen bildeten die Farmer und
Settler, die nach Westen eingesickert waren. Der riesige
Kontinent war im atlantischen Osten nicht mehr als
angekratzt. Faktisch bedeckten die Vereinigten Staaten
eine Fläche wie Frankreich. Napoleon verzehnfachte das
französische Imperium um den Preis von
hunderttausenden von Toten
und um den Preis der völligen Verarmung Europas.
Jefferson verzehnfachte die Vereinigten Staaten
ebenfalls: ohne einen Toten. Napoleons Reich brach
zusammen. Jeffersons Reich hielt. Es reichte nun
anerkannt vom Atlantik bis fast zu den Rocky Mountains,
vom Golf von Mexiko bis zu den Quellen des Mississippi
am Oberen See. Aus dem ungehorsamen Sohn Englands
mit seinem Streifchen Küste war ein Koloß von fast zwei
Millionen Quadratkilometern geworden.
Aber ein leerer Koloß. Ja, noch ein leerer Koloß; doch in
hundert Jahren würde er gefüllt und das Arkadien der
weißen Menschen sein. Jefferson hatte schon immer von
diesem Arkadien geträumt. Vorher würde man sich noch
mit den Indianern auseinandersetzen müssen. In
melancholischen Stunden ahnte er, wie dieses
Auseinandersetzen nur aussehen konnte. Nun - es würde
ihn nicht mehr treffen. Er war jetzt über sechzig Jahre alt;
sollten es andere tun.
Als Jefferson 1805 zum zweitenmal gewählt wurde, hatte
sein Schatzsekretär Gallatin die ganze Schuld von
fünfzehn Millionen Dollar bereits abgetragen. Durch
New Orleans blühte der Handel mit Mexiko auf, durch
Spekulationsverkäufe und Zölle schwoll die Kasse an –
lauter Maßnahmen, die Jefferson an Hamilton so
verabscheut hatte. Gallatin erlebte seinen größten
Triumph, als er seinem Präsidenten berichten konnte, daß
die Bundeseinnahmen fast doppelt so hoch waren wie die
Ausgaben.
»Der Herr der Zukunft ist, wer sich wandeln kann«, nicht
wahr? (Stefan George)
Hatte er sich eigentlich gewandelt? Nicht freiwillig und
nicht durch eigenes Reifen. Gewiß nicht. Es sieht eher so
aus, als habe er Präsident und Privatperson säuberlich
getrennt. Der private Jefferson war noch der alte
linientreue Genösse. Es gibt einen typischen Fall: Als der
Linksaußen Aaron Burr, von Hamilton als
Gesetzesbrecher entlarvt, diesen zum Duell forderte und
erschoß (das war »Mord« in den USA), flüchtete er zu
seinem »alten Freund« Jefferson, und der »alte Freund«
hielt die Hand über ihn. Und als Burr, politisch verfemt,
im mexikanischen Hoheitsgebiet ein eigenes Reich
errichten wollte und vom Bundesgericht des Hochverrats
angeklagt wurde, sorgte der »alte Freund« für einen
Freispruch.
Hatte Jefferson sich gewandelt? Das Leben hat ihm die
Flausen ausgetrieben, das war's. In Frankreich wäre aus
ihm ein Mittelding zwischen Graf Mirabeau und Danton
geworden; vor zwanzig Jahren hatte er einmal gesagt,
jede Generation sollte ihre Revolution erleben.
Er konnte dem Schicksal dankbar sein, daß er keine
Revolution zu erleben brauchte; jede hätte ihn innerlich
zerbrochen, denn er war darin ein Kind, das bei der
Zerstörung seiner Puppe bitterlich weint.
So, wie nun alles gekommen war, konnte er mit sich und
der Welt in Frieden sein Amt 1809 in die Hände des
nächsten legen.
War er ein großer Mann?
Weiß der Teufel, wie das Schicksal es fertiggebracht hat:
Ja, er war ein großer Mann. Und er wäre in den Gehirnen
der Heldensammler ein noch viel größerer, er wäre ein
Napoleon, wenn er damals statt mit fünfzehn Millionen
Dollar mit hunderttausend Gefallenen bezahlt hätte.
Sie glauben es nicht?
Ich glaube es.

Der nächste Präsident sah ganz so aus, als würde er eine


Verschnaufpause werden, in der wir uns einmal im Alltag
der Amerikaner ein bißchen in Ruhe umsehen könnten.
James Madison, zu dessen Unsterblichkeit am meisten
der Madison Square Garden mit Jack Dempsey, Max
Schmeling und Cassius Clay beigetragen hat, war
achtundfünfzig Jahre alt, als er vierter Präsident der
Vereinigten Staaten von Amerika wurde. Wieder ein
Virginier, so daß man beinahe schon wie bei Kaisern »ein
Bourbone« oder »ein Hohenstaufe« von »einem
Virginier« sprechen kann.
Als junger Mann war er bei der
Unabhängigkeitsbewegung dabeigewesen, dann bei der
Verfassungsgebung Virginias und schließlich als
Staatssekretär unter Jefferson, ein offenbar kluger Mann,
sonst wäre seine Laufbahn nicht zu erklären, denn
Ellbogen hatte er nicht. Er war klein, unscheinbar und
schüchtern. Nach landläufiger Vorstellung hatte er den
Kopf eines Gelehrten, nämlich einen großen Schädel mit
breiter, hoher Stirn, schmalem Kinn, im ganzen
empfindsame Züge. Der richtige Mann, um vom Kongreß
überspielt zu werden.
Der Kongreß war es auch, der ihn 1812, nach drei
ruhigen Jährchen, in ein lächerliches Abenteuer stürzte,
das die Vereinigten Staaten den halben Kontinent hätte
kosten können. Also, aus unserer Pause wird leider
nichts. Wie es begann, ist heute fast unverständlich.
England beschränkte immer noch den Überseehandel,
zugegeben, aber die USA waren bisher nicht daran
gestorben. Der Kontinent war im Norden, in Canada,
noch englisch, zugegeben, aber sich das wegzuwünschen,
waren nicht nur Träume, sondern auch sehr kriegerische
Träume. Die Wahrheit ist, daß die USA sich an die
berauschenden Erfolge Napoleons auf die peinlichste
Weise anhängen wollten. Zu diesem Zeitpunkt gehörte
dem Usurpator bereits das ganze europäische Festland,
und er war auf dem Marsch nach Moskau. Sein nächstes
Ziel würde dann wohl England sein. Da mußte man sich à
la italiana rechtzeitig an seine Rockschöße hängen.
Madison wurde eine lange Liste angeblich von England
gekaperter Schiffe vorgelegt, die gefälscht war, so sicher
wie das Amen in der Kirche. Ein Teil der Abgeordneten
lachte ganz offen. Madison lachte nicht, ihm war
unheimlich zu Mute. Er konnte nichts gegen die »war
hawks«, die Kriegsfalken ausrichten, von denen der
Kongreß voll war.
Um einem eventuellen Irrtum vorzubeugen, muß ich
hinzufügen, daß die »war hawks« nicht Rechte, sondern
Linke waren. Die Demokraten, wie sie sich jetzt nannten,
beherrschten das Repräsentantenhaus.
Unglaublich, aber wahr: Amerika erklärte England den
Krieg!
Jefferson war überzeugt gewesen, daß es nie wieder
Krieg geben würde, das stehende Heer betrug nur einige
tausend Mann. Im selben Moment, als Napoleon in
Rußland besiegt und seine Armee vernichtet war, fühlte
England sich frei und warf seine Truppen nach Amerika
hinüber.
Es hätte eine Katastrophe werden können. Während
einige amerikanische Regimenter eine ihrer dümmlichen
Invasionen nach Canada versuchten, landeten die Briten
in der Potomac-Bucht, stürmten auf Washington los und
brannten es nieder. Die »war hawks« sind, wie ich Ihnen
versichern kann, nicht mitverkohlt.
Gut hielt sich die amerikanische Kriegsflotte. Sie bestand
nur aus wenigen Schiffen, aber sie schlug sich (sogar vor
Englands Toren) tapfer. Aus jener Zeit scheint die Liebe
und der Stolz der Amerikaner auf ihre Marine
herzurühren. Episoden!
Der Ausgang des Abenteuers wäre übel gewesen, wenn
nicht das Schicksal beschlossen hätte, dem lächerlichen
Anfang des Krieges ein ebenso lächerliches Ende
daranzusetzen. Der Zar, ausgerechnet der Zar, überredete
auf dem Wiener Kongreß England, mit den USA Frieden
zu schließen, nach einem Motto, das nach Siegen über
Diktatoren sich mehr und mehr Beliebtheit erfreut:
»Friede! Friede! Der Bösewicht ist weg, und wir übrigen
sind gut und die Welt ist schön.«

Am Heiligabend 1814 wurde in Gent der Friede


geschlossen. Selbstverständlich nannte er sich »Ewiger
Friede«. Das haben Frieden so an sich.
Die nächsten Jahre brachte das amerikanische
Löwenbaby damit zu, seine Wunden zu lecken und
Washington wieder aufzubauen.
1817 übergab Madison nach zweimaliger Amtszeit seinen
Stuhl einem alten Bekannten von uns, James Monroe. Er
regierte - der letzte der virginischen Linie - bis 1825.
Später nannte man diese Zeit »The era of good feeling« -
die glücklichen Jahre.
*
Das waren die Jahre, als Beethoven seine Neunte
Sinfonie komponierte, als Goethe die Marienbader Elegie
erlebte, als Caspar David Friedrich den »Mondaufgang
über dem Meer« malte, als Champollion das Geheimnis
der Hieroglyphen entzifferte, als in Köln der erste
Karnevalsumzug stattfand, als durch Berlin der erste
Pferdeomnibus fuhr und die »Linden« zum erstenmal im
Gaslicht erstrahlten. Das hört sich auch nach »good
feeling« an, nicht wahr? Es waren überall glückliche
Jahre - na ja, sagen wir: ziemlich glückliche.
Wie kommt das?
Es kommt, wenn nichts weltgeschichtlich Heroisches
geschieht. Das sind jene Atempausen, in denen die
Nemesis ein Nickerchen macht. Auch Völker müssen
sich einmal die Hausjoppe anziehen und unter die
Leselampe setzen, während auf dem Kachelofen die
Bratäpfel schmoren. Ein bißchen ist es vielleicht
hausbacken und spießig, aber nur ein bißchen, und davor
braucht man keine Angst zu haben. Nur Schwächlinge
wollen dauernd Helden sein.
Renan nannte diese Jahre auch für Frankreich die
glücklichsten. Es ist der »siebente Tag«, der Sonntag, an
dem alles geschlossen ist. Im Atemholen, hat Goethe
einmal gesagt, sind zweierlei Gnaden: die Luft einziehen,
sich ihrer entladen; jenes bedrängt, dieses erfrischt; so
wunderbar ist das Leben gemischt.
Das Furchtbare ist, daß die Amerikaner, solange sie
existieren, immer nur inhaliert haben.
Im alten Europa begann damals die Windstille der
Biedermeierzeit. Die Uhren rasten nicht mehr, die Zeit
flog nicht mehr. Lange, lange hatten die Linden nicht
mehr so schön geblüht. Es genügte, wenn man des
Morgens die Fensterflügel aufstieß, den Himmel mit den
ziehenden Wolken zu sehen, damit die Brust sich vor
Freude spannte. War es so? Auch bei den Armen?
Offenbar; denn gerade diese Szene hat Moritz von
Schwind in einer ärmlichen Dachkammer gesehen und
gemalt. Und Eichendorffs »Taugenichts« ist arm wie eine
Kirchenmaus.
Man entdeckte die kleinen Freuden wieder, die
Pelargonien auf dem Fensterbrett, die lange Tabakspfeife,
den Sonntagskuchen, den Mond über den Dächern, die
Rehe am dunklen Waldrand. Man fühlte wieder, daß der
Höhenflug eine Sache des Gemütes und nicht der Fäuste
ist. Man war äußerlich bescheiden, aber im Herzen
glühend.
Ist das »Glück« ? Das ist ganz gewiß jenes Glück, das
Gott gemeint hat. Er hat seinerzeit das Schwert nicht
Adam gegeben, sondern seinen Erzengeln. Gloire kommt
aus dem
Lärm, Glanz aus der Stille. Auch das wirklich bewußte
Leben. Je älter ich werde, desto sicherer weiß ich, daß
man nur in den wenigen Stunden, in denen man von der
Freude zu leben wie von einem Blitz getroffen wird,
wirklich lebt. Wie viele sind das? Ich glaube, daß ein
Rotkehlchen länger lebt als wir. Ach, Sie werden mich
wohl nicht verstanden haben: Sie werden an Ibiza und an
die Elferwette denken. Lassen wir's.
Für Amerika, das immer ruhelos war, bedeutete »good
feeling« etwas anderes. Es hatte ein »Ferien vom Staat«-
Gefühl und konnte nun wieder ungestört Pläne
schmieden. Alle Amerikaner dachten Tag und Nacht an
die Zukunft, an eine ferne, auf die bei uns im alten
Europa kein Glücklicher einen Gedanken verschwendet
hätte. Alle Amerikaner standen unter dem Starkstrom der
Erwartung.
New York war nun schon eine große Stadt; keine
anheimelnde, aber eine reputierliche und, man sah es ihr
an, selbstgerechte. Vom Hudsonfluß aus konnte man
sehen, wie lang es sich hinzog, wie groß es schon war. Es
füllte schon fast die Manhattan-Insel bis zum Harlem-
River. Im Hafen lagen die Atlantik-Segler, die den
Reichtum brachten, aber auch von Norden aus dem
Binnenland kamen Schiffe an, Lastkähne voll Salz, Korn,
Kohle und Holz, denn soeben war der Erie-Kanal fertig
geworden, der die großen Seen mit dem Hudson verband.
Ein schmaler Kanal, doch ein stolzes Werk. Treidelpferde
zogen die Schiffe zwischen Feldern und Wäldern und
durch Schleusen über sechshundert Kilometer.
Boston wirkte da direkt etwas zurückgeblieben. Das
kommt davon, wenn man zu konservativ ist. Das ist
falsch! Immer an der Spitze des Fortschritts sein!
Auch mit Philadelphia und Richmond war es noch nicht
weit her. Und Washington sah mehr wie ein
Ausstellungsgelände aus als eine gewachsene Stadt.
Natürlich, die Prachtbauten und Parks im
Regierungsviertel waren eine Reise wert. Das Capitol
konnte sich mit der St. Pauls Cathedral von London
messen. Eine Sitzung im Repräsentantenhaus zu erleben,
war unvergeßlich, wenn auch die hartgesottenen
Hinterwäldler nie ganz den Verdacht loswurden, daß die
Burschen im Grunde alle Tagediebe waren. Aber das
Schauspiel war schon überwältigend: Der Saal mit der
gewaltigen Kuppeldecke und die Reihen der
Marmorsäulen hatten wohl nur noch im Pantheon des
antiken Rom ihresgleichen.
So sah es in den Städten an der Küste aus. Vor kurzem
konnte man noch sagen: »Der Rest ist Schweigen«. Auch
das stimmte längst nicht mehr. In den kleinen Städtchen
landeinwärts lebte es sich gut. Hier saßen auch die
Ärmeren fast alle auf ihrem eigenen Fleck Erde und in
ihrem eigenen Häuschen, und hier faßten auch die
Neueinwanderer schnell Fuß. Man fühlte sich gesichert
und stark. Pioniere hatten diese Hunderte von
bescheidenen Orten gegründet, und als Pionier fühlte man
sich immer noch.
Man war gottesfürchtig und achtete sehr auf sein
Ansehen. Man besaß ein Drugstore oder eine Bäckerei
oder ein Tuchgeschäft oder eine Pferdeausspannung oder
ein boardinghouse, oder man war sogar Advokat und
Arzt, oder man arbeitete im Dienste der Gemeinde, man
war Stadtschreiber oder Sheriff, und die Söhne von
diesem und jenem, dessen Sinn nach Hohem stand,
studierten vielleicht in Harvard oder Yale. Beide gab es
schon. Mister Harvard und Mister Yale hatten sie einst
als eine Art Fachschulen gestiftet, aber jetzt waren es
Universitäten, die für das Land die Wissenschaftler und
Gelehrten schon in eigener Produktion auswarfen. Wenn
die Söhne in den Ferien nach Hause kamen (die Wege
waren leider in miserablem Zustand und die Reise
dauerte tagelang), dann sah das Städtchen in ihnen
neidlos die künftigen großen Männer, vorausgesetzt
allerdings, sie achteten darauf, das Studentische
abzustreifen und sich als einer der ihren zu geben. Sie
zogen die alte Kluft an, griffen mal schnell zu Nagel und
Hammer oder halfen die Pferde anspannen. Und sonntags
gab es in schöner Gleichheit mit allen anderen Häusern
Truthahnbraten. Man saß in der geschonten guten Stube,
auf dem Tisch statt der so fortschrittlichen Plastikdecken
noch das blütenweiße Leinen. Und zum Abschluß des
köstlichen Mahls gab es Plumpudding, jenes Monstrum
zwischen Paste und Kuchen, wie es Präsident Monroe,
der Glückliche, jeden Tag essen durfte.
Auch hier also sieht das »good feeling« idyllisch aus. Es
täuscht, es scheint uns nur so. In Wahrheit waren alle
diese Menschen voll von Tatendurst; auch hier tänzelten
alle nur auf der Stelle wie Rennpferde, die nicht zu lange
im Stall stehen dürfen.

Im Norden blieben diese kleinen Orte noch eine Weile so.


Im Mittelteil und im Süden trat eines Tages eine
Umwälzung ein. Eine schöne oder eine häßliche? Wir
werden es gleich sehen. Ein Startschuß fiel.
Der Starter war ein junger Mann namens Eli Whitney. Er
besuchte nach einem Studium in Yale (da haben wir's)
eine freundliche ältere Bekannte auf ihrer
Baumwollplantage in Georgia. Whitney sollte, zu seinem
Leidwesen, Lehrer werden; lieber wäre er Tischler
geworden. Basteln und Tischlern war seine Leidenschaft.
Dort bei der alten Dame hörte er von der Mühsal der
Baumwollaufbereitung. Das Schlimme war das
Entkernen, es ruinierte die Finger; ein Sklave schaffte,
wenn er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang
arbeitete, ein Pfund Baumwolle. Es lag an der
einheimischen harten Pflanzensorte. Eli grübelte ein paar
Nächte darüber nach, dann ging er in die Werkstatt der
Farm und begann zu basteln. Das hatten schon andere vor
ihm getan, leider erfolglos. Als Eli Whitney aus dem
Schuppen herauskam, hatte er die Baumwoll-
Entkernungsmaschine erfunden. Erbrachte das erste
Exemplar, einen nicht besonders großen, simplen
Holzkasten mit Kurbel, gleich unter dem Arm mit.
Anschließend führte er ihn vor. Er leistete etwa so viel
wie ein Dutzend Arbeiter in der gleichen Zeit.
Man hat nicht gehört, daß Whitney reich wurde. Das
wurden andere, viele, und sehr, sehr reich. Der Gewinn
lag jetzt in schwindelnder Höhe.
Die Maschine arbeitete bald so schnell, daß die Pflücker
kaum nachkamen. Die Farmer begannen, Land
hinzuzukaufen, denn Baumwolle erschöpft den Boden
schnell; bald hatten die Plantagen den Gürtel der kleinen
Städte ereicht und okkupiert. Das Leben krempelte sich
um. In den Ortschaften wurden Magazine angelegt,
Maschinen
aufgestellt; Neger zogen ein, die einheimischen jungen
Männer wechselten die Berufe, gutes schnelles Geld
lockte, Geschäfte vergrößerten sich, neue schössen aus
der Erde. Aus den Pflanzern wurden Großunternehmer.
Vor kurzem hatte die Baumwollausfuhr noch
zweitausend Zentner betragen. Jetzt betrug sie
dreihunderttausend. Hören Sie, wie die Kasse klingelt?
Aus den Dörfern wurden Städtchen, aus den Städtchen
Städte, und aus dem weiten Vorland der alten Staaten
wurden neue, selbständige Mitglieder des Bundes (Die
Verfassung sah vor, daß mindestens sechzigtausend freie
Menschen ein Gebiet bewohnten, das ein Staat werden
wollte). Es entstand Kentucky, es entstanden Tennessee,
Alabama, Ohio, Illinois, Louisiana, Indiana und
Mississippi. Alle fünf oder zehn Jahre prangte ein neuer
Stern im Sternenbanner. Es ging mit Riesenschritten
vorwärts, es war aufregend, very good feeling. Die alten
Leute, die, die das alles erkämpft hatten, wurden ein
bißchen überrollt. Aber wo werden sie das nicht?

Alles drängte jetzt nach Westen; die Unternehmer


schoben automatisch die Welle der Pioniere und Siedler
vor sich her. Es gab sehr viele Leute, die sich in den alten
Orten nicht mehr wohlfühlten. Sie vermißten das, um
dessentwillen sie einst gekommen waren: Die Weite, die
Ellbogenfreiheit, das einfache Leben, in dem man sich
ebenso einfach zurechtfinden konnte. Sie beschlossen,
Haus und Hof zu Geld zu machen und aufs neue
aufzubrechen.
Auch für die Scharen von europäischen Einwanderern,
die jährlich zu Tausenden hereinströmten, war der Zug
nach Westen die beste Lösung. Sie waren vorher schon
arm gewesen, hatten die Überfahrt (ein Bombengeschäft
für die Reeder) mit den letzten Talern aus dem
Sparschwein bezahlt und waren nun noch ärmer. Unter
Monroe kamen besonders Hessen, Pfälzer und Badener,
die nach den Napoleonischen Kriegen schlimme
Hungerjahre durchlitten hatten, in das Land, in dem
angeblich Milch und Honig floß. Emerson, Dichter und
Unitarier-Prediger, schrieb über sie: »Die Deutschen sind
für Amerika nur dazu da, um den Boden zu düngen. Sie
kommen herüber, bestellen Land und legen sich dann hin,
um selbst ein Stückchen grünen Rasens zu werden. Das
ist ihre Kulturaufgabe für Amerika.«
(Stellen Sie sich einen ähnlichen Ausspruch aus dem
Munde Bismarcks vor!)
Sie verstanden oft kein Wort Englisch. New York konnte
leicht mutlos machen, jedoch ein paar hundert Kilometer
weiter kehrte die Zuversicht zurück, man war in
Pennsylvania, wo man wieder die ersten deutschen Laute
hörte (Von 1808 bis 1839 waren, mit einer Ausnahme,
dort alle Gouverneure gebürtige Deutsche), zum
erstenmal wieder deutsche Aufschriften, Zeitungen und
Plakate sah. Das war, als wäre man erwartet worden, das
gab ein gutes Gefühl. Sie waren auch wirklich erwartet
worden. An den Mauern klebte ein Anschlag, der uns
erhalten ist, in deutscher Sprache:
»Für westliche Einwanderer!
Jowa Land,
im Thale des Des Meines Flusses.
(es folgt eine Kartenskizze)
Eine Million Acker.
Zu verkaufen gegen Credit von der
Des Moines Navigation Compagnie.«
Deutsche, Iren, Holländer und natürlich Amerikaner
machten sich auf, den Kontinent zu durchdringen. Ein
endloser Zug von Reitern und Planwagen wälzte sich gen
Westen; fast alle nahmen die neuerbaute Nationalstraße
vom Potomac nach Wheeling am Ohio. Dann begann der
Weg ins Ungewisse.
Zehn Jahre vorher wäre es noch für viele der Weg in den
Tod gewesen. Sie wären direkt in die Pfeile und
Tomahawks der Indianer gerannt. Es waren die Jahre des
Tecumseh-Aufstandes. Nun war alles vorüber, der große
Treck ging nicht mehr auf Leben und Tod.
Ich fürchte, daß der Name Tecumseh keine Erinnerung in
Ihnen weckt? Das ist schade. Dieser gewaltige rote Mann
hätte der Washington des indianischen Volkes werden
können - er war zu spät geboren.
Die Indianer hatten den Kampf gegen die Weißen, die
ihnen das Land und das Wild wegnahmen, nie mehr
aufgegeben seit Pontiac. Aber nie vorher und nie mehr
später standen die Roten so einmütig auf wie unter dem
sagenumwobenen Tecumseh. Er war der Kriegshäuptling
der Shawnee aus South Carolina. Der Weidegründe
beraubt, der Büffelherden beraubt, vertrieben waren die
Shawnee nordwestwärts gewandert, immer weiter
gehetzt, immer in Sorge um die Nahrung, immer auf der
Flucht vor den Gewehren der Weißen. Jetzt, unter
Tecumseh, waren sie am oberen Ohio angelangt. Tausend
Kilometer zurück lag ihre alte Heimat.
Es genügte nicht. Die Weißen kamen nach. Sie konnten
das Land zwar gar nicht füllen, aber sie wollten es haben.
Wem gehörte es? Später hat der Oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten einmal das Urteil gesprochen, daß
ein Indianer durch Abstammung und von Geburt
fremdrassig ist und grundsätzlich kein Staatsangehöriger
der USA sein kann.
Die Siedler zogen mit der »KaufUrkunde« in der Tasche
hinter den Shawnee her. Der Gouverneur des
Indianerterritoriums, der berüchtigte William Harrison,
hatte auf eigene Rechnung riesige Ländereien von den
Indianern gekauft (bitte stören Sie sich nicht daran, daß
die Indianer angeblich keine Besitzrechte hatten), er tat
das auf einfache Weise, er lud Stammesälteste ein,
machte sie betrunken und ließ sie für eine Flasche
Schnaps den Kaufvertrag für, ' nun sagen wir, zehn
Quadratkilometer Land unterzeichnen. Die Alten
verfielen in Lethargie, sie wünschten, sie wären tot, ihre
müden Körper unter dem Rasen der Prärie und des
Waldes, ihre gequälten Seelen bei dem guten, traurigen
Manitu. Die Jungen tranken. Der weiße »Pedlar«, der
Hausierer mit seinem Planwagen und seinem
abgetriebenen Klepper streifte durch die Indianerdörfer,
unter den Ballen von Baumwolldecken und Tabak
heimlich die Whisky-Fässer. So war die Lage, als
Tecumseh sich entschloß, den Kampf aufzunehmen.
Was für ein Entschluß war das? Das Gewehr zu nehmen,
seine Krieger Pfeil und Bogen ergreifen zu lassen?
Aufzubrechen? Wohin? Gegen wen?
Tecumseh besaß nur ein paar hundert Krieger. Spartakus
hatte weniger besessen. Nein, Tecumseh kannte
Spartakus nicht, er kannte nichts und niemanden, der ihm
die Hoffnungslosigkeit abnehmen konnte. Die Stämme
waren untereinander in Zwistigkeiten verwickelt, die
Zwietracht war die Saat des weißen Mannes.
Zu viele Feinde, zu viele -
Tecumseh hätte schon die Einigung der Stämme nicht
geschafft ohne seinen Bruder, der eine geradezu
hypnotische Redegabe besessen haben soll. Leider ein
Charakterschwächling in roter Haut, ein Kleinmütiger,
ein Größenwahnsinniger, ein Rechner, ein Phantast - der
Segen und der Untergang Tecumsehs.
Wie lang der Weg war von der ersten Rede bis zum
Laden der ersten Kugel, wer kann das nachfühlen? Ein
Weg voller Kreuzstationen.
Hörten die Weißen schon das Knistern? Sie mußten es
hören, denn die Pedlars wurden zum erstenmal verjagt,
die Pelzhandelsstationen verödeten, kein Indianer kam
mehr mit Fellen, jeder Handel hörte auf.
Die Amerikaner wurden nervös. Auch »Registrierkassen
haben Nerven. Es genügte. Gouverneur Harrison erschien
eines Tages plötzlich vor dem Dorf der Shawnee und
überfiel es. Die Brüder Tecumseh waren nicht unter den
Toten.
Als Harrison Erfolgsmeldung nach Washington machte,
nannte man ihn den »Helden von Tippecanoe«. Das Maß
war voll. Tecumseh rief die Krieger der Nachbarstämme
zusammen. Es werden tausend oder zweitausend gewesen
sein.
Während sein Bruder, der »Prophet«, mit Engelszungen
redete und die Krieger beschwor, einig zu sein und an ein
glückliches Ende zu glauben, befielen Tecumseh wieder
Zweifel. Er fürchtete nicht den Tod, er fürchtete, Fehler
zu machen, die das Ende bedeuten würden. Er rang sich
dazu durch, sich den kanadischen Engländern zu
offenbaren. Er bat um Hilfe, er beschwor sie. Die Briten
sagten tatsächlich zu. Die beiden Verbündeten vereinten
sich am Ufer des Ontario-Sees. Die Spione meldeten es
dem Gouverneur.
Gouverneur »General« Harrison rückte mit starkem Heer
vor. Tecumseh nahm die Schlacht an. Es sah gut aus. Und
dann kam das Verhängnis. Der »Prophet«, der eine
Abteilung führte, setzte sich in blindwütigem Haß gegen
die Weißen über einen Befehl seines Bruders hinweg,
griff zu früh an und verriet dadurch die ganze Strategie
der Umklammerung. Gott war mit den Amerikanern.
Unter den Toten lag auch Tecumseh. Irgendein
Verrückter nannte später eine Stadt in Nebraska nach
ihm.
So war das damals gewesen. Seitdem herrschte
Friedhofsruhe. Die großen Trecks brauchten nicht mehr
viel zu fürchten. Wirklich: Glückliche Jahre.
Wenn die Amerikaner unter das Soll und Haben dieser
Zeit die »Buchhalternase« (So nannte man bis vor
kurzem noch das große Z-Zeichen, das den leeren Teil
der Seite abschloß, um zu verhindern, daß noch etwas
nachgetragen wurde) setzten, ging die Rechnung
zufriedenstellend auf. Auch ganz Florida gehörte nun
ihnen.
Monroe hatte die spanische Enklave beinahe gütlich von
Spanien für fünf Millionen Dollar gekauft. Ehe James
Monroe sich 1825 verabschiedete, verfaßte er noch eine
Proklamation. Er hätte sie eigentlich als Rede vor dem
Kongreß halten sollen, aber er war noch nie ein Freund
von Auftritten gewesen. Er schrieb sie also nieder; sie
zeigt eine kleine, exakte Schrift, eine Zeile wie die
andere, sehr sauber. Nur bei den energischen Abstrichen
des y ist fast jedesmal die Tinte zu winzigen Pünktchen
abgespritzt. Diese Proklamation, die später unter dem
Namen »Monroe-Doktrin« berühmt wurde, galt den
Amerikanern bis zum zwanzigsten Jahrhundert als Stein
der Weisen. Danach galt sie als Blödsinn.
Sie besagt in kurzen Worten, die Vereinigten Staaten von
Amerika mögen es sich zum Grundsatz machen, keiner
fremden Nation eine Einmischung in ihre
Angelegenheiten zu gestatten und sich auch selbst
niemals in die Angelegenheiten einer anderen Nation
einzumischen.
Damit nahm Monroe seinen Hut und ging. Mit ihm die
»glücklichen Jahre«.
Sein Nachfolger, von dem alle wußten, daß er nur eine
Interimsfigur war, wurde Quincy Adams, ein inzwischen
auch schon in die Jahre gekommener Sohn des zweiten
Präsidenten.
Leben in die Bude brachte erst wieder der nächste. Wenn
Sie ihn kennengelernt haben, werden Sie meinen
saloppen Ausdruck verstehen und milde finden.
IX

Mit großer Mehrheit und unter dem Jubel der


Hinterwäldler wurde 1829 Andrew Jackson zum
Präsidenten gewählt. Mit ihm zog zum erstenmal ein
»einfacher Mann aus dem Volke«, ein Mann mit dem
»Blockhütten-Geruch«, ins Weiße Haus. Wenn Sie den
Verdacht haben, ich möchte ihn am liebsten einen
Proleten nennen, so haben Sie recht. Alle, die seines
Geistes waren, nannten ihn »Old Hickory«. Sie sahen in
ihm also vor allem den knorrigen Kerl; was sie offenbar
für besonders geeignet zu einem Präsidenten hielten. Er
hatte noch einen zweiten Beinamen: »Indianer-Töter«.
Seine Eltern waren aus Irland eingewandert. Mit fünfzehn
Jahren wurde Jackson Waise. Er schlug sich in Tennessee,
das damals einen finsteren Ruf hatte, mit großem Mut
durchs Leben, nahm mit sechzehn Jahren eine Lehrerstelle
an (er selbst war halber Analphabet), drei Jahre später trat
er in ein Anwaltsbüro als irgendwas ein und nannte sich
Jurist, mit einundzwanzig wählten ihn die Polypheme von
Tennessee zum Staatsanwalt. Bald zog er in den Kongreß
ein, sprang von dort zum Gouverneur über, wurde auch
»General«, und kehrte als Old Hickory und Indianertöter
hochbeliebt heim. Zu Hause angekommen, widmete er
sich hauptsächlich drei Beschäftigungen: Er betrieb ein
Drugstore mit Tabak und Pökelfleisch als Spezialität;
ferner betrieb er einen ausgedehnten Handel mit
Sklaven; und drittens betrieb er - und dies am
intensivsten - den Rufmord an Präsident Quincy Adams.
Er hatte schon vier Jahre zuvor Präsident werden wollen;
warum auch nicht. Adams und die »bornierten Eierköpfe«
aus dem Norden hatten ihm das vermasselt. Jetzt konnte
der knorrige Old Hickory sich rächen, indem er über die
dankbaren demokratischen Gazetten verbreiten ließ,
Adams sei, als er Gesandter in Moskau war,
professioneller Zuhälter gewesen, er sei außerdem ein
Verschwender und werfe Steuergelder für seine
Spielleidenschaft hinaus (Adams hatte auf eigene Kosten
ein Billard in seiner Wohnung aufstellen lassen) - na, und
was man eben so alles erfinden kann, Sie wissen schon.
Nun war es soweit - er war Präsident des Landes der
unbegrenzten Möglichkeiten.
Zu Fuß, wie einst Jefferson, begab er sich zum Capitol.
Der kleine Unterschied bestand darin, daß Jefferson als
einsamer Johnny Walker dahergekommen war, während
Jackson die Spitze eines langen Zuges von Fans bildete.
Es herrschte schlechtes Wetter, er und das Capitol
wurden gleichermaßen schmutzig, aber was ficht das
einen Old Hickory an!
Anschließend an seine Vereidigung gab er ein großes
Gelage für alle Kumpels, man raufte sich an den Büfetts,
betrank sich anschließend mit Punsch, zertepperte das
Porzellan und bepflasterte die Teppiche mit Kautabak.
Wollen Sie wissen, wie Jackson aussah? Wie Old Wabble
in Karl May's »Surehand«, lang, dünn, etwas verkrampft
forsch (in seinem Körper steckten immer noch mehrere
Kugeln), wallendes graues Haar à la Franz Liszt. Das
Gesicht - ja, was für ein Gesicht war das? Auf einem
Gemälde, das mir vorliegt, sieht er aus wie ein Reverend
der High Church; auf einer Fotografie (!) tritt ein anderer
Jackson zutage; die Züge sind hier deutlich geistlos, im
ganzen primitiv; sie verraten (nicht etwa der zahnlose
Mund, sondern die Augen) die Anlage zur Bösartigkeit.
Eigentlich sieht er aus wie ein verbitterter, von allen
Gesellen gefürchteter Handwerks-Innungsmeister. Ich
glaube nicht, daß Sie mir widersprechen würden, wenn Sie
das Foto lange ansähen. Jackson gilt als Erfinder des
sogenannten Beutesystems. Das Wort sollte ausdrücken
und drückt auch plastisch aus, daß der Staatsapparat mit
allen Posten eine Beute des jeweiligen Präsidenten und
seiner Parteigänger wurde. Quincy Adams hatte Fachleute
in alle Schlüsselstellungen berufen oder die alten Beamten
belassen. Andrew Jackson warf sofort jeden hinaus, der
nicht zuvor für ihn gewesen war. Er machte tabula rasa.
So knorrig war Old Hickory. Er hat auch einmal sein
halbes Kabinett entlassen, weil die Herren die Frau
Gemahlin seines Kriegssekretärs gesellschaftlich schnitten.
Die Dame war die schlecht beleumundete Tochter eines
Kneipiers. Verwunderlich übrigens; demnach müssen einige
Staatssekretäre Old Hickorys doch noch höher gestanden
haben als ein Destillenwirt.
In den acht Jahren seiner Präsidentschaft hat Jackson
ununterbrochen im Topf gerührt und Unruhe gestiftet. Er
ging sogar einmal mit Militär gegen South Carolina vor,
das sich vom Bund lösen wollte, weil es durch unsinnige
Bundesgesetze in ernste Schwierigkeiten geraten war.
Vernünftige Politiker sorgten dafür, daß der jähzornige,
vielleicht auch schon etwas senile Jackson sich noch
rechtzeitig beruhigte. Wozu die ewige Verunsicherung
und Unruhe? Falls Sie sich diese Frage stellen, muß ich
Sie ernstlich ermahnen. Es ist ein Ideologe am Werk,
und ich sagte Ihnen bereits, daß Ideologen sich nie am
Leben, auch nicht an einem paradiesischen, ausrichten,
sondern stets das Leben an der Ideologie. Drum werden
sie niemals fertig, bevor wir als Ruinen oder als
Ameisenstaat enden. Old Hickory hatte viele Ideen, alle
waren sehr idealistisch, sehr edel. Zum Beispiel haßte er
die Macht des Geldes, was zu verstehen ist. Leider hielt
er das Unabänderliche und das Abänderliche nicht
auseinander. Er ging also frohen Mutes daran, »die
Macht des Geldes« zu zerschlagen. Und er wollte den
wilden Spekulanten den Hals umdrehen (dies natürlich
nicht wörtlich, sie waren ja keine Indianer).
Sein erstes Opfer war die Bundesbank. Sie war zwar eine
halb private Gründung, aber ihre außerordentlichen
Privilegien hatte sie vom Bund erhalten, und zwar nicht
für alle Ewigkeit. Der Bundesstatus mußte periodisch
erneuert werden. Die Bundesbank war eine Macht. So
war sie gedacht. Sie garantierte die harte Währung, sie
war ein Pfeiler, auf dem die USA ruhten. Die Bank ging
allerdings auch oft selbstherrlich mit ihrer Macht um, sie
vergab »Kredite«, die manchmal einer Begünstigung
gleichkamen. So war es nicht gedacht gewesen, es hatte
allerdings auch nie jemandem weh getan. Diese
Willkürakte der Bank waren natürlich nicht der wahre
Grund für Jacksons Eingreifen. Der wahre Grund war, er
wollte das Symbol treffen, das Goldene Kalb stürzen.
Bei der Prolongierung des Bundesstatus der Bank legte er
sein Veto ein und verbot alle künftigen Zahlungen in die
Kasse der Bundesbank. Die Gelder flössen jetzt in die
Banken der einzelnen Staaten.
Das Goldene Kalb blökte und wackelte. Der Dollar fiel.
Der Überseehandel kam ins Stocken, der ganze Osten
erschrak. Das Proletariat in den Städten, von seiner
Presse liebevoll über die bösen Banken aufgeklärt, und
die Siedler im Westen jubelten. War er nicht ein großer
Mann, unser Old Hickory, ein wahrer Vater der Armen?
Vater holte zum zweiten Schlag aus, und der traf die
Vereinigten Staaten nun wirklich ins Mark. Er brachte ein
Gesetz durch, daß alle öffentlichen Verkäufe und alle
Kredite nur noch auf Hartgeldbasis erfolgen durften. Jetzt
ging es also den spekulierenden Banken an den Kragen.
Die Wirkung war grandios. Nur Narren wissen nicht, daß
die Wirtschaft von indirekten Krediten, von Stundungen,
von Garantien, vom Gutsagen lebt und nicht von
Ruckzuck-Geschäften. 1836 waren sechshundert Banken
zusammengekracht, neun Zehntel aller Fabriken bankrott,
Zehntausende von Arbeitern arbeitslos. Firmen, die einen
Wert von einer Million Dollar gehabt hatten, konnte man
nun für zwanzigtausend bar in fünf Minuten kaufen. Wer?
Wer hatte für einen »öffentlichen Kauf« zwanzigtausend
harte Dollars in der Truhe? Die lebensgefährliche
Wirtschaftskrise dauerte sieben Jahre. Ja, was Old
Hickory machte, machte er ganz, der alte Haudegen.
Sagte ich schon, daß er auch Bigamist war? Er wurde
achtundsiebzig Jahre alt, mit mehreren Beinbrüchen, mit
Kugeln im Leib, mit Verkalkung, mit Rheumatismus und
offener Tuberkulose. Was dem lieben Gott manchmal
gefällt! Da kann man nur staunen.

Ich muß Ihnen gestehen, daß mein Bedarf an


»bedeutenden« Präsidenten wieder für eine Weile gedeckt
ist. Die Geschichte tut mir den Gefallen; die nächsten sind
ohne große Bedeutung. Wir können sie da liegenlassen,
wo sie liegen: in der Vergessenheit.
Das heißt natürlich nicht, daß nichts los war! Das gibt es
nicht bei der amerikanischen Mentalität. Bloß keine
Ruhe, bloß kein Stillstand! Bewegung, Taten! Unruhe ist
das Leben, Geld ist der Gutschein für Glück! Man sollte
meinen, daß wenigstens die Hinterwäldler davon frei
waren. Aber nein. Es gab viele Siedler, die das eben im
Schweiße ihres Angesichts erbaute Farmhaus verkauften,
um das Geld zu nehmen und weiterzuziehen. Ohne Träne,
ohne Adieu! Vorwärts und immer was Neues! 1848
wurde im Sacramentofluß Gold gefunden. Der
Goldrausch kam wie ein Fieber über Amerika. In fünf
Jahren wurde Gold für achtzig Millionen Dollar geschürft.
Welch Segen Gottes! Gold vermag ja alles, alles! 1846
kauften die USA von England Oregon, das Gebiet an der
kanadischen Grenze hoch im Nordwesten. Damit
erreichten sie (»endlich«) den Stillen Ozean. 1848 kam
nach einem vom Zaun gebrochenen Krieg mit Mexiko
Texas zur Union. Damit Mexiko nicht weinte und auch
Gott zufrieden war, zahlten die Vereinigten Staaten
fünfzehn Millionen Dollar. Gold stillt Blut besser als
Hansaplast.
Gleich sprangen noch andere Gebiete in das Boot USA, in
das Boot der Erfolgreichen, in das Glücksboot: die
ursprünglich spanisch kolonisierten California, Neu
Mexiko, Arizona, dann Nevada, Utah und einige
Landstriche von Colorado und Wyoming. Alle freiwillig.
Die Vereinigten Staaten reichten nun von einem Ozean
zum anderen. Jeder Amerikaner, auch wenn er nichts
damit anzufangen wußte, wuchs innerlich um zehn
Zentimeter. Es war die Geburtsstunde des amerikanischen
Größenwahns — eine Erscheinung, die man in der
Geschichte gerade da findet, wo man sie am wenigsten
erwartet: in den demokratisch revolutionären Nachwehen.
Nach der Französischen Revolution von 1792 war der
chauvinistische Wahn Frankreichs auffallend deutlich.
1854 verfaßte Amerika an die Adresse Europas eine
Erklärung, in der es hieß, die USA benötigten für ihre
Sicherheit Cuba, und sie hätten das göttliche Recht, Cuba
den Spaniern zu nehmen, so oder so. Gerade den
Demokraten war es aus der Seele gesprochen. In
Euphorie erhoben sie einen Gleichgesinnten, James
Buchanan aus Pennsylvania, 1857 zum Präsidenten. Aber
Herr Buchanan mußte einstweilen auf das göttliche Recht,
Cuba zu überfallen, noch verzichten. Es gab nämlich
außer den USA noch einige andere Staaten auf der Welt,
und die hatten das nicht gern. Auf die Unterjochung
nichtamerikanischer Länder mußten die Ungeduldigen
noch vierzig Jahre warten. Nicht in Cuba explodierte die
Bombe, sondern in den Vereinigten Staaten selbst. Den
Schwefelgeruch der Zündschnur konnte man schon
riechen. Als Buchanan 1861 abtrat, wurde ein
Republikaner* Präsident der USA: Abraham Lincoln.

Bilder von Lincoln, Fotografien, Zeichnungen, Gemälde,


haben Sie sicher zu Hunderten gesehen. Er ist neben dem
schon kyffhäusernen Washington der geliebteste
Präsident der Amerikaner. Er hat, obwohl er alles andere
als ein guter Redner war, wundervoll Sprüche zu
kloppen verstanden. Daß er außerdem den grausamsten
aller Bürgerkriege geführt hat, ist vergessen. Ich bin ja
ungern ein Spielverderber, aber ich werde nicht
umhinkommen, viel davon zu sprechen. Später. Lincoln
war jung, als er gewählt wurde: einundfünfzig Jahre alt.
Er war »armer Leute Kind« - nun ich schon die Platitüde
benutzt habe, kann ich sie auch ungeniert
vervollständigen: armer, aber ehrlicher Leute Kind. Sein
Vater war Farmer in Kentucky, ein Bauer also, der sich
von einem Tag zum anderen durchbrachte. Später ging
es ihm besser. Logisch.
Ein guter, wenn auch bitterer Anfang für Abraham

* Sieben Jahre zuvor war in Michigan endlich eine Gegenpartei


zu den Demokraten zustande gekommen. Sie nannte sich
republikanisch, - so hatten sich in ihren Anfängen die
Demokraten genannt.
Lincoln. Er wurde Landarbeiter, dann Tagelöhner,
Holzfäller, wozu er sicher nicht geeignet war. Dann
gelang ihm der Sprung zum Verkäufer und Commis,
leider machte der Laden gleich pleite. Der Schleudersitz,
wie die Piloten zu sagen pflegen - warf ihn auf den Stuhl
eines Posthalters. Dort (wen, der die Post kennt, wundert
es), hatte er viel Zeit, sich an Büchern weiterzubilden.
Er wurde ein Selfmademan, aber kein hemdsärmeliger
wie Old Hickory. Er war sehr fleißig. Bald reichte es,
um eine Universität zu besuchen. In einer Biographie
heißt es: »Er wurde Rechtsanwalt wie Jackson«. Diesen
Satz hätte Lincoln sich - mild lächelnd - verbeten. Kann
sein, daß er auch grob geworden wäre, das wußte man
bei ihm anfangs nie. Später legte er sich eine dickere
Haut zu. Die muß man als Präsident ja haben. Seit 1836
genoß er als Rechtsanwalt in Springfield schon einen
guten Ruf. 1847 kam er als Abgeordneter ins
Repräsentantenhaus. 1856 trat er der Republikanischen
Partei bei. 1858 hielt er in Charleston eine Rede zu
einem Thema, das in den Vereinigten Staaten allmählich
zum Gespräch der Straße geworden war: zur
Negerfrage. Um diese Zeit hatten die USA
dreiundzwanzig Millionen Einwohner, davon über drei
Millionen Negersklaven. »Ich bin nicht«, sagte Lincoln,
»und war nie für die Verwirklichung, in welcher Form
auch immer, der politischen und sozialen Gleichheit
zwischen der weißen und der schwarzen Rasse. Ich bin
nicht und war auch nie dafür, den Schwarzen das
Stimmrecht zu geben oder das Recht, einer Jury
anzugehören; auch nicht, daß man ihnen gestattet,
öffentliche Ämter zu bekleiden oder sich mit Weißen zu
verheiraten. Ich möchte dem noch hinzufügen, daß es
einen physischen Unterschied zwischen der weißen und
der schwarzen Rasse gibt, der sie meiner Meinung nach
immer daran hindern wird, auf der Grundlage einer
sozialen und politischen Gleichheit miteinander zu
leben.« An der Rede fällt dreierlei auf. Erstens, daß sie
schwunglos, fast pedantisch ist. Tatsächlich war Lincoln
ein glanzloser Redner. Er nahm mehr durch seine zur
Schau getragene Aufrichtigkeit gefangen, als durch die
Fähigkeit zu begeistern. Zweitens fällt auf, daß er Rassist
war. Und drittens, daß er zur Befreiung der Neger nichts
sagte, weder dafür noch dagegen. Was wollte er also?
Seine Partei wünschte offiziell die Aufhebung der
Sklaverei; er also wohl auch. Wollte er die befreiten
Sklaven wie Fische aufs Trockene schmeißen? Eine
sphinxische Rede. Jedermann las heraus, was er herauslesen
wollte.
Um zu verstehen, warum die Sklavenfrage plötzlich so
brennend geworden war, muß man etwas zurückgreifen.
Sie schwelte seit 1820. Durch die Erfindung Eli Whitney's
Sie erinnern sich - hatten sich die Baumwollfelder wie eine
Flechte nach Westen und Norden über das Land gelegt. Mit
ihnen die Negerarbeiter. Damals hatten die Nordstaaten im
Kongreß durchgesetzt, daß der Ausbreitung der Sklaven
eine Grenze gesetzt wurde. Im »Missouri-Kompromiß«
wurde festgelegt, daß der Breitengrad 36,6, der die
Südgrenze des Staates Missouri bildete, die Schranke nach
Norden sein sollte.
Es ging um handfeste wirtschaftliche Sorgen der
Nordstaaten, es ging darum, den Bombengeschäften, die
der Süden mit der Baumwolle machte, ein Stop
entgegenzusetzen. Denn auch der Norden arbeitete in
Baumwolle, aber in importierter, die zwar besser aber
teurer war. Der Süden drohte die neue Finanzmacht* zu
werden. Das war der springende Punkt. Würde der Norden
zum Äußersten schreiten? Und was war das Äußerste?
»Drohte« - ein Wort, das es zwischen Brüdern nicht
geben dürfte. Ich erinnere mich, was Oswald Spengler
einmal gesagt hat: »Das Leben ist Kampf unter Pflanzen,
Tieren und Menschen, ob er sich bei den Menschen
zwischen Einzelnen, Klassen der Gesellschaft, Völkern
und Staaten, ob er sich nun in wirtschaftlichen, sozialen,
politischen oder militärischen Formen abspielt. Es ist ein
Kampf um die Macht, seinen Willen, Vorteil oder seine
Meinung vom Nützlichen oder Gerechten durchzusetzen,
und wenn andere Mittel versagen, wird man immer
wieder zum Letzten greifen, zur Gewalt. . .« Und dann
spricht Spengler ein prophetisches Wort - ». . . und wenn
die Welt ein Einheitsstaat wäre, würde man die Kriege
Aufstände nennen.«
Amerika war ein Einheitsstaat. Kann ein Staat mit sich
Krieg führen? Das ist nicht möglich. Aber er kann einen
»Aufstand« niederschlagen. Schließlich hat auch Kain Abel
erschlagen. Kansas und Nebraska, neue Territorien mit
Agrarstruktur, die von nur wenig Weißen bewohnt waren,
verlangten das Recht, über Sklaven- oder Nicht-Sklaven
selbst zu entscheiden, auch wenn sie damit den Missouri-
Kompromiß mißachteten. Der Norden setzte seine
Propaganda-Maschinerie in Gang. Frau Harriet Beecher-
Stowes, rührend weichherzige und ebenso rührend
umorientierte Pastorsgattin, schrieb »Onkel Toms Hütte«,
einen Neger-Roman, der seinen Siegeszug um die halbe
Welt antrat. Plötzlich sah man »die armen Sklaven« nur
noch gepeitscht, in Ketten oder von Hunden zerrissen.

* In Louisiana, wo das Zuckerrohr üppig gedieh, war es


inzwischen gelungen, durch Einkochen von Zuckerrohr-
Sirupweißen Kristallzucker zu gewinnen. Der weiße Zucker
trat seinen Siegeszug an und wurde die zweite Trumpfkarte des
Südens.
Das Schicksal begann hörbar mit dem count down. Kurz
vor seiner Wahl zum Präsidenten war auch Lincoln schon
umgeschwenkt. Er hielt eine Rede, die später berühmt
wurde: »Ein Haus, das in sich selbst geteilt ist« (ich füge
gleich immer den Kommentar, der sich einem
unweigerlich aufdrängt, hinzu) »kann nicht stehen.« (Die
USA bestanden von Anfang an aus vielen Teilen und
hielten sich bisher vorzüglich.) »Ich glaube, daß unser
Regierungssystem, halb für, halb gegen die Sklaverei,
nicht von Dauer sein kann.« (Warum nicht? Bisher war es
von Dauer gewesen.) »Ich erwarte nicht, daß die Union
der Staaten sich auflöst, ich erwarte nicht, daß das Haus
einstürzen wird.« (Sondern?) »Sondern ich erwarte, daß es
aufhören wird, geteilt zu sein.« (Und wie?) »Es wird total
das eine oder das andere sein.« Wovon spricht der Mann
eigentlich? Ich errate nicht, welchen Kommentar hinter
seinen letzten Satz Sie geschrieben hätten: ich lese daraus
eine reine Kriegsdrohung. Auch dem Süden war es klar.
Es war ihm mehr als klar, daß es nicht um eine plötzlich
erwachte Moral ging. Die Neger sollten frei sein, sie
sollten abwandern können, sie sollten rebellisch werden.
Sie sollten Sand im Getriebe werden, sie sollten den
Baumwollherren an die Kehle. Das war die »Moral«. Die
Reaktion kam schnell und schlug wie ein Blitz ein: South
Carolina erklärte seinen Austritt aus den USA! Totenstille.
Der Norden rührte sich nicht. Das war noch vor Lincolns
Wahl. Wenn der Süden gehofft hatte, seine Präsidentschaft
zu verhindern, so irrte er. Lincoln wurde gewählt.
Die Antwort der Südstaaten folgte auf dem Fuße: Weitere
sechs verließen die Union, Florida, Georgia, Alabama,
Mississippi, Louisiana und Texas. Eine Katastrophe bahnte
sich an. Stellen Sie sich vor, alle deutschen Länder südlich
des Mains verließen die Bundesrepublik! Die Südstaaten
waren in echtem Revolutionsfieber, wie es sich Jefferson
für jede Generation gewünscht hatte. Sie gründeten die
»Konföderierten Staaten von Amerika« und wählten
einen eigenen Präsidenten. Aller Augen richteten sich auf
Lincoln, auf den ewig ironisch scheinenden, eckigen
Lincoln. Äußerlich ruhig, wie meistens, trat er vor den
Kongreß und sprach die denkwürdigen Worte (nicht
berühmt geworden, weil etwas peinlich): »Ich
beabsichtige nicht, mich direkt oder indirekt in die
Einrichtung der Sklaverei, wo sie bereits besteht,
einzumischen.« Man glaubt, nicht recht zu hören. Was war
das? Eine Schlaftablette?
Natürlich. Pfeif auf die Neger - sieben Staaten waren
abtrünnig geworden! Das war jetzt das Problem. »Ich
beabsichtige nicht. . .«, das war das einzige, was er im
Moment verabreichen konnte. Was hätte er sonst sagen
können? Ich weiß es nicht, und er wußte es offenbar auch
nicht, weil es eine Telefonverbindung zwischen
Washington und der Wallstreet in New York noch nicht
gab. Er wartete noch auf den Postboten. Glauben Sie bitte
nicht, daß das ein Scherz ist. Nehmen Sie nicht die Schale,
aber nehmen Sie den Kern wörtlich. Hier, unter Lincoln,
haben wir wahrscheinlich den Zeitpunkt zu suchen, an
dem die Industrie und die Hochfinanz des Nordens die
wahre Macht im Staate übernahm. Virginia richtete die
Gretchen-Frage nach Washington: Es erklärte sich bereit,
in der Forderung nach Freilassung der Sklaven
nachzugeben, wenn Lincoln die prinzipielle
Selbständigkeit der einzelnen Staaten garantiere. Lincoln
antwortete: Nein. Der Postbote war also inzwischen
angekommen. Dieses »Nein« hätte Lincoln liebend gern
vertuscht, aber der ganze Süden erfuhr es natürlich sofort.
Die Wirkung war verheerend: Virginia, North Carolina,
Arkansas und Tennessee traten zu den Konföderierten
über. Der Kladderadatsch war da. Vor einem Jahr noch
wäre das unvorstellbar für jeden Amerikaner gewesen.
Die Konföderierten bewiesen sogleich, daß man sehr
wohl in einem zweigeteilten Hause leben konnte. Sie
schickten die Bundesbeamten und das Bundesmilitär nach
Hause und waren nun zufrieden unter sich. Unter sich, mit
Ausnahme der Forts Sumter und Pickens, die die
Bundesbesatzung nicht räumte. Das war ärgerlich und ein
Schönheitsfehler, jedoch konnte man warten, bis die
Herren Offiziere Hunger hatten. Lincoln machte Fort
Sumter sofort zum Präzedenzfall. Er schickte
Proviantschiffe los. Sumter (im Hafen von Charleston
gelegen) war schon im Begriff, sich zu ergeben, als es das
Corned beef ansegeln sah. Es lehnte jetzt ab.
Die Regierung von South Carolina forderte den
Kommandanten zum letztenmal auf, vergeblich. Im
Morgengrauen des 12. April 1861 begannen die Kanonen der
Festlandbatterien zu sprechen.
Der erste Schuß, der berüchtigte »erste Schuß« aller
Kriege, war gefallen.
Vierundzwanzig Stunden später kapitulierte Sumter.*
Lincoln sah rot. Abermals vierundzwanzig Stunden
später machte er mobil.
Alea jacta. Der Rubikon war überschritten, der
Bürgerkrieg begann.

* Das Sternenbanner wurde unter Ehrenbezeigung und


Ehrenschüssen niedergeholt. Es wäre gut, wenn Sie dies im
Gedächtnis behielten. Es spielt noch die Rolle einer »Emser
Depesche«.
X

Es wird Sie vermutlich nicht reizen, über die


staatsrechtliche Seite dieses Krieges nachzudenken. Mich
auch nicht, aber es wird sich nicht umgehen lassen.
Erlauben Sie mir daher, Ihnen das Häkeln abzunehmen.
Wer in einer kriegerischen Auseinandersetzung den ersten
Schuß abgegeben hat, ist hauptsächlich für die
Journalisten interessant, zur Beurteilung der Rechtslage
sehr selten. Man kann in einen Zugzwang geraten, man
kann absichtlich in die Lage hineinmanövriert werden. So
war es im Falle von Fort Sumter nicht. Jedenfalls nicht
offensichtlich. Lincoln war der Ansicht, daß die
Entsendung von Verpflegungsschiffen keinen feindseligen
Akt bedeutete. Hätte Charleston die Schiffe passieren
lassen, und zwar bis in alle Ewigkeit, so wäre Fort Sumter
zweifellos in dem Moment in Zugzwang des ersten
Schusses geraten, wenn sich vor seinen Augen
konföderierte Kriegsschiffe zum Auslaufen angeschickt
hätten. Anders ist es nicht denkbar, sonst wäre das Halten
von Sumter zu einer reinen Farce geworden.
Der Kommandant des Forts, Major Anderson, konnte
nicht freiwillig kapitulieren, ohne vor ein Kriegsgericht
gestellt zu werden. Betrachtete er South Carolina als
Mitglied der USA, so waren die Caroliner Rebellen.
Betrachtete er sie als ausgeschieden aus der Union, so
hatten sie ihm nichts zu befehlen. Sumter war Boden des
Bundesheeres. Das Gouvernement von South Carolina
argumentierte, der Bund sei etwas Abstraktes und besitze
überhaupt keinen Quadratmeter Erde. Er habe sich zu
entfernen, sobald er sich auf Terrain befinde, dessen
Hoheit in keiner Verbindung mehr mit der Union stehe. In
diesem Dilemma gibt es keine Klarsicht, wenn man sich
nur mit den Folgeerscheinungen der fundamentalen Frage
beschäftigt, statt mit dem Fundament selbst. Und die
fundamentale Frage ist: Waren die Vereinigten Staaten von
Amerika ein Bundesstaat oder ein Staatenbund?
Wenn sie ein Staatenbund waren, so ist die Antwort
leicht: Der Austritt der Südstaaten (also auch die
Argumentation um Fort Sumter) war staatsrechtlich
möglich und zu respektieren. Dann war Lincoln ein
Angreifer und Imperialist. Wenn die USA aber ein
Bundesstaat waren, wird die Antwort schwieriger und
greift vom Formaljuristischen ins Ethische über. Denn das
Wort »Bundesstaat« betont, daß der Bund selbst den
Status eines Staates hat, während die Bezeichnung
»Staatenbund« das nicht tut. Daß man sich aus einer
Verbindung von Staaten lösen kann, ist klar. Aber kann
man auch aus einem Bund ausscheren, der selbst ein
völkerrechtlich anerkannter Staat, ein Großstaat ist?
Dessen Teilnehmer nur Gliedstaaten sind? Dies war
Lincolns Ansicht: Nein. Nie?
Lincolns Antwort: Jedenfalls nicht so. Ich wiederhole: Nie?
Lincolns Antwort: Die Frage ist nicht aktuell. Und damit
hört die Debatte auf. Es wird eine Frage der Ethik.
Lincoln hat einmal angedeutet, daß ein Austritt aus dem
Bund (er sagte »Bund«, nicht »Staat«!) nur im
Einverständnis mit allen anderen Gliedstaaten möglich
sei, so wie auch der Eintritt nur auf diese Weise
erfolgen konnte. Hier irrt Lincoln: eine
Initialbedingung gebiert nicht zugleich dieselbe
Finalbedingung. Auch eine Ehe kann bei Verschulden
eines Partners gegen dessen Einverständnis gelöst
werden.
Die Frage - und hier sprechen Ethik und Anstand mit -
ist: war die Ehe den Südstaaten, zum Beispiel South
Carolina, noch zuzumuten? Offen zutage war längst
getreten, daß Industrie und Hochfinanz des Nordens
den »König Baumwolle« abwürgen wollten. Von Tag zu
Tag waren neue Gesetze zu erwarten, die die Lage des
Südens weiter verschlechterten. Das war keine
Vermutung, das war Gewißheit. Wie weit darf ein
Ehemann gehen? Wie weit könnte er, mit der
Gewißheit der Unlösbarkeit der Ehe im Hintergrund,
erpressen? Die Antwort der Wallstreet: Niemand wird
erpreßt, wir wollen die armen Negersklaven befreien.
Bravo! Da wären wir also wieder. Mit dieser Lüge,
Schicksal, nimm deinen Lauf!

Als es kein Zurück mehr gab, hat Lincoln zu einem


englischen Journalisten gesagt: »Mein höchstes Ziel in
diesem Kampf ist die Rettung der Union, nicht der Schutz
oder die Vernichtung der Sklaverei. Wenn ich die Einheit
retten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien,
würde ich es tun.« Erschütterndes Geständnis, und zu spät.
Ja, leider, sagen die amerikanischen Historiker, aber jetzt
sei er zum großen Staatsmann gewachsen. Tatsächlich?
Dann waren also die Abolitionisten* Dummköpfe? Sie
wollten lieber den Süden abstoßen, als Zehn- oder
Hunderttausende von Toten auf ihr Gewissen laden.
Nein, sie waren keine Dummköpfe, sie waren nur
vollständig unwissend darüber, welche Ziele die
Wallstreet im Auge hatte.

*Eine starke Bewegung im Norden, die für die totale Bereinigung


der Sklavenfrage durch die Trennung von den Südstaaten war.
Und Lincoln scheint es - obwohl ich es kaum fassen kann
- auch gewesen zu sein. Er klammerte sich an etwas, das
sehr, sehr große Ähnlichkeit mit einer »Reichsidee«, mit
dem alten Traum der Weltgeschichte hat. Dachte er nicht
an Blut und Elend, die er heraufbeschwor? Ich weiß nicht,
wie es in den Köpfen solcher Großveranstalter aussieht.
Am 20. April 1861 hingen an den Wänden des ganzen
Nordens der Vereinigten Staaten Plakate, die die
armseligen Menschen aller Zeiten so gut kennen.
»Volunteers wanted!
An attack upon Washington anticipated!!
The country to the rescue!. . .«
»Freiwillige vor! Ein Angriff auf Washington erwartet!
Zur Rettung des Vaterlandes! Nun ist es Zeit, sich
anwerben zu lassen. Patriotismus und Liebe zur Heimat
verlangen eine bereitwillige Antwort von jedem
waffenfähigen Mann in dieser Stunde der Prüfung, nicht
nur die Existenz der Regierung zu erhalten, sondern auch
die Ehre der Fahne zu verteidigen, die so brutal durch die
Verräterhände von den Mauern von Fort Sumter gerissen
wurde.« Fünfundzwanzigtausend eilten, die
Beschmutzung der Fahne von Fort Sumter zu rächen.
Überwältigend war die Zahl nicht. Neunzehn Millionen
Weiße zählte der Norden, fünf Millionen der Süden.
Vierhunderttausend Neger lebten (zum Teil noch
Sklaven) im Norden, dreieinhalb Millionen im Süden.
Das stehende Heer des Nordens war klein. Man preßte
hunderttausend Neger zum Kriegsdienst. Auch die reguläre
Truppe des Südens war zahlenmäßig gering. Sie besaß
jedoch hervorragende Offiziere.
Es zahlte sich jetzt aus, daß die feudalen Pflanzer ihre
Söhne fast alle erst West Point durchlaufen ließen, ehe sie
die väterlichen Güter übernahmen. Die Militärakademie
West Point (bei New York) galt seit zwei Generationen
als das »Oxford« der Offiziere. Chef war der damals
vierundfünfzigjährige Oberst Robert Edward Lee.
Natürlich ein Virginier. An dem Tage, an dem das
Mauerplakat aufrief, zu den Fahnen zu eilen, tat auch er
es. Er schrieb an das Kriegsministerium in Washington
einen Brief, der zwei Zeilen lang war. Er lautete: »Sir, ich
habe die Ehre, Ihnen mein Ausscheiden aus meinem Amt
als Oberst des I. Kav. Reg. anzuzeigen.«
Er packte seine Koffer und »eilte zur Fahne« - aber zur
anderen. »Jedes Volk« hatte der wandlungsreiche Lincoln
(Ironie des Schicksals) dreizehn Jahre zuvor selbst gesagt,
»wo auch immer, hat das Recht, sich zu erheben und die
bestehende Regierung abzuschütteln, um eine neue zu
bilden, die ihm besser geeignet scheint.« Lee erhob sich
aus Liebe zu seinem engeren Vaterland und dessen
Wohl, nicht um des Sklavenstreits willen. Er gab seine
eigenen Neger im gleichen Atemzug frei. Er sollte als
Oberbefehlshaber des Südens der bedeutendste General
des Krieges werden, der bedeutendste, der humanste,
der kultivierteste.
Zum Oberbefehlshaber des Nordens avancierte der
fünfundsiebzigjährige General Scott. Sie können den
Namen gleich wieder vergessen.
Im ersten Gefecht des Sezessionskrieges (wie die
Amerikaner verschämt ihren Bürgerkrieg nennen)
standen sich zwei Milizdivisionen gegenüber; die des
Nordens zählte etwa dreißigtausend Mann, die des
Südens weniger. Die Konföderierten standen auf
südlichem Boden, die ändern auf Unionserde.
Allerdings muß man hinzufügen, wo, um die Nervosität
der Nordtruppen zu verstehen: nämlich am Potomac,
und der fließt bekanntlich durch Washington. Von der
Spitze des Capitols hätte man mit einem
Scherenfernrohr die Konföderierten sehen können. So
etwas macht leicht kopflos. Man überschritt also den
Fluß und griff die Südstaatler an.
Beide Seiten schlugen sich mit vaterländischer
Begeisterung und kriegerischer Unerfahrenheit (Lee war
noch nicht zur Stelle). Die Nordstaatler erlitten
erhebliche Verluste und mußten sich zurückziehen,
richtiger gesagt: fliehen, und ihre Niederlage wäre
katastrophal gewesen, wenn der Kommandierende des
Südens nachgesetzt hätte. Darauf warf Lincoln den
armen Trottel Scott hinaus und berief ein frisches Blut,
den vierunddreißigjährigen McClellan.
McClellan erbat sich zunächst Zeit, um das Heer auf
Vordermann zu bringen. Darüber verging der Winter. Im
Süden arbeitete Lee an derselben Aufgabe. Es war ein
Wettlauf mit dem Kalender. Es war auch ein Wettlauf
McClellans mit der Unzufriedenheit Lincolns. Es wurde
Frühling (62), und als der junge General immer noch an
den Truppen herumbastelte, verlor der Präsident (oder
New York) die Geduld und befahl den Angriff auf
Richmond. Die beiden Hauptstädte Washington
(Norden) und Richmond (Süden) lagen sich ja fast Auge
in Auge gegenüber. Er gab McClellan hunderttausend
Mann und ließ ihn auf Richmond los.
Während der Süden noch keinen Fuß auf das Gebiet der
Union gesetzt hatte, fielen die Nordstaaten also nun zum
zweitenmal in das Territorium der Konföderierten ein.
Das Ziel war genau das, das umgekehrt ein Jahr zuvor
Lincoln als Aufputschmittel mißbraucht hatte: Die
Hauptstadt sollte zur Ruine werden. Es wurde nichts
daraus: Lee war inzwischen angekommen. Er operierte
mit seinen geringen Mitteln brillant. Auch McClellan
war natürlich kein Neuling, aber er war - was Lincoln
schon gerochen hatte - ein Zauderer. So kam es, daß
nicht er, sondern Lee plötzlich angriff. Er warf, als die
Lawine ins Rollen geriet, alles, was er hatte, nach vorn,
doch es reichte nicht zum großen Schlage aus. Fünfzig-
auch nur zwanzigtausend Mann mehr, und der Krieg wäre
vielleicht beendet gewesen. McClellan rettete seine Armee
»über den Fluß und in die Wälder«.
Man stand wieder dort, wo man vor einem Jahr begonnen
hatte. Die Verluste dieser »Sieben-Tage-Schlacht« waren
schwer; für den Norden beschämend (es kam zu ernsten
Unruhen in New York), für den Süden unersetzlich. Und
das ist schlimmer.
In diesen Wochen trafen aus dem fernen Westen
Nachrichten ein, die dazu angetan waren, die Lage der
Konföderierten noch düsterer zu sehen: Unionstruppen
waren über den Ohio nach Süden in Richtung New
Orleans vorgestoßen und hatten zwei Forts mit fünf
zehntausend Südstaatlern kassiert. Es war der Handstreich
eines Mannes gewesen, der entgegen der Strategie seines
Generals gehandelt hatte. Der Mann hieß Ulysses Grant,
ein unbekannter junger Offizier, der unter dem
Kanonendonner gerade seinen vierzigsten Geburtstag
feierte. Beklemmende Nachrichten!
New Orleans, das den Handel des Nordens blockieren
sollte, lag ungeschützt da. Der Mississippi wimmelte von
Kanonenbooten und Soldaten der Union. Kanonenboote -
so etwas hatte es bis dahin nie gegeben! Der Norden hatte
sogar Boote sehen lassen, die unter Wasser tauchen
konnten. Die schlimmste Hiobsbotschaft aber war wieder
die Zahl der Toten: elf tausend. Man fühlte, wie man langsam
verblutete. Der einzige, der bei dem Zweifrontenkrieg nicht
die Nerven verlor, war Lee. Er war überzeugt, daß der
Krieg im Osten entschieden würde. Er fand den
Vormarsch der Nordarmee am Mississippi ziemlich
unnütz. Ein Beinbruch war höchstens der Eindruck, den
das alles auf die Ignoranten an den europäischen Höfen
machen mußte. Das war es, was Lee Sorge machte. Er
hoffte von Tag zu Tag darauf, daß England und
Frankreich sich offen auf seine Seite schlagen würden.
Die Blockade, die Lincoln vor die gesamte Südküste gelegt
hatte, mußte die Textilindustrie Europas über kurz oder lang
in Schwierigkeiten bringen. Tatsächlich stand die
baumwollverarbeitende europäische Industrie im Sommer
62 nahe am Bankrott. Lee drängte die Diplomaten. Die
Diplomaten drängten Napoleon in., Napoleon m. drängte
England. Lord Palmerston, der Premier, sagte nein.
Warum ?
Der edle Lord war sechsundsiebzig Jahre alt und, wie viele
verknöcherte Greise, starrköpfig und vor allem
erbarmungslos. Ihm gefiel es, daß Amerika sich
zerfleischte. Ihm gefiel es, daß die Baumwollzucht in den
USA zusammenkrachte. Er dachte weiter als die
Fabrikanten, er dachte an die indische Baumwolle und an
Ägypten, das sich ebenfalls auf die Gewinnung von
Baumwolle verstand und in nächster Zukunft dringend
einer Befreiung durch Großbritannien bedurfte.
Selbstverständlich sagte Lord Palmerston das nicht. Es
wäre shocking gewesen. Er sagte vielmehr, daß er
Sklavenhaltung empörend fände. Gegen die Kinderarbeit
in der Tiefe der englischen Kohlengruben hatte er nichts, sie
waren ja frei und konnten es bleiben lassen.
Mit der Zeit wurde klar, daß Europa nicht helfen würde.
Was nun? Lee wurde der Mühe des Nachdenkens
enthoben - der Norden griff an.
Den Massen der großen Städte dauerte die ganze
Geschichte überhaupt schon zu lange. Warum war der
Gegner nicht bereits ausgeknockt? Der Norden hatte das
doppelt so große Menschenreservoir (wobei der jeweils
Ungeduldige sich selbst natürlich nicht mitrechnete),
der Norden kontrollierte mit seinen Schiffen den
Atlantik, der Norden besaß die Rüstungsindustrie. Gold
Spring bei New York konnte allein schon dreitausend
Kanonen und anderthalb Millionen Kugeln gießen.
Vielleicht sollte man doch den Lincoln rausschmeißen?
Das gibt es nicht! Man schmeißt immer den nächst
Niedrigeren hinaus. Lincoln ernannte statt McClellan
einen frischen Besen. Der neue Besen führte seine
Truppen schnurstracks, wie befohlen, auf Richmond zu,
das nun endlich fallen sollte.
Lee ließ ihn marschieren. Dann griff er ihn im Rücken an
und brachte ihm eine schwere Niederlage bei. Es geschah
Ende August 62 bei Bull Run. Noch heute hört man
diesen Namen im Norden nicht gern.
Lincoln war empört. Er entließ den neuen Besen und rief
McClellan zurück. Diese damned Untergebenen, sie
machen immer alles falsch!
Es gelang der Geduld McClellans, die Truppen zum
Stehen zu bringen. Das war aber zunächst alles.
Inzwischen brach Lee über den Potomac, um Washington
und Philadelphia in den Rücken zu kommen. Wenn er die
kleine Armee an sich vorbeiziehen sah, diese
überanstrengten, müden, schlecht bewaffneten Männer,
dann wurde ihm flau im Magen. Schade, daß er nicht einen
der senilen Generäle vor sich hatte. Aber wenigstens ein
Gutes hatte McClellan: Er war ein Zauderer, er würde die
Umklammerung zu spät erkennen. Er bemerkte sie
tatsächlich sehr spät. Lee war inzwischen durch Maryland
marschiert, hatte im weiten Bogen Washington umgangen
und stieß bereits, ohne auf Washington einen Blick zu
verschwenden, auf Harrisburg zu. Harrisburg am
Susquehanna war die lebenswichtige Eisenbahnbrücke der
neuen Pacific-Bahn. Der halbe Weg nach New York!
Noch hundert Kilometer bis Harrisburg - da wachte
McClellan auf. Er warf seine Truppen nach vorn.
Zugleich schrie er nach Ersatz. Und dann tat er etwas,
was er noch nie getan hatte: Er griff Lee an! Lee war
nicht unvorbereitet, aber doch überrascht. Die Schlacht
kam zu früh. Vier, fünf Tage zu früh. Nun - es war nicht
zu ändern. Der Kampf wogte hin und her.
Aus Washington traf Verstärkung ein. Immer mehr
Kompanien rückten an. Für jeden Gefallenen standen
zwei neue Männer da. Für jeden gefallenen Südstaatler
niemand.
Am Abend des 17. September war der Traum von
Harrisburg ausgeträumt. Lee gab den Befehl zum
Rückzug. Es gab keinen Sieger, aber es gab einen Besiegten:
Lee. Auch wenn er gewonnen hätte, es wäre ein Pyrrhussieg
gewesen. Das Schicksal Hannibals zeichnete sich ab.
Eisen war stärker als Blut geworden, Geld stärker als die
Fahne. Fünfzig Jahre später ging Amerika mit dieser
Devise auf Tournee. Der einzige, der geahnt hat, daß das
einmal eintreten würde, ist Bismarck gewesen.

Der Norden bildete sich nicht ein, das Ende des Krieges
abzusehen. »Hannibal« stand immer noch ante portas.
Auch war Lincoln nicht sicher, ob Europa nicht doch
noch einschreiten würde.
Hier nun - nach langen Gewissenskämpfen, wie die
Historiker hellseherisch versichern - griff er zu einem
wirkungsvollen Schachzug. Wenige Tage nach der
unentschiedenen Schlacht vor Harrisburg erließ er eine
Botschaft mit Gesetzeskraft, die zum i. Januar 1863 die
Aufhebung der Sklaverei in den Südstaaten verkündete.
Er hoffe, die Proklamation würde zwei Wirkungen
haben. Die eine trat ein, die andere blieb aus. Nicht
verrechnet hatte er sich darin, daß die europäischen
Mächte sich nun nicht mehr gegen einen so humanen und
christlichen Norden stellen konnten. Verrechnet hatte er
sich in der Hoffnung, die Sklaven im Süden würden sich
erheben, die Arbeit niederlegen und sich von ihren
Herren lossagen. Nichts dergleichen geschah, obwohl im
ganzen Süden nur noch Frauen und alte Männer zu
Hause waren, die »die Knute« nun wirklich nicht
schwingen konnten. Es wurde nicht geschwungen und es
wurde nicht losgesagt; es ist historisch, daß die Neger
treu blieben. Freiheit war für sie ein Gut, dessen
Wertlosigkeit sie für sich erkannten. Ein Kanarienvogel
blickt vielleicht sehnsüchtig zwischen den Gitterstäben
seines Käfigs den Schwalben nach, aber er ahnt auch,
daß er unter den Schnabelhieben der Krähen und den
Krallen der Katzen sterben müßte. An dieser Stelle wäre
mir beinahe etwas entgangen, was auch Sie, meine Leser,
wahrscheinlich übersehen haben, nämlich das Wörtchen
»Südstaaten« in Lincolns Proklamation. Welch ein
Zynismus, daß sich die Befreiung der Neger nicht auf die
Sklaven der unionstreuen Staaten bezog, und das waren
nicht wenige: Kentucky, Maryland, Delaware, Missouri.
Diese Sklaven, die zu befreien Lincoln die Macht gehabt
hätte, hat er »in Ketten«, wie es doch immer hieß,
gelassen; sie wurden vom Land geholt und an die
Hochöfen und in die Munitionsfabriken geschickt und
durften, als Soldaten gepreßt, für ihre Herren den
Heldentod sterben. Konnte Abraham Lincoln ruhig
schlafen? Konnte Robert Kennedy ruhig schlafen, als er
nach Südafrika fuhr und dort in flammenden Reden die
Gleichberechtigung der Neger forderte, während in den
Vereinigten Staaten die Neger für ihre Rechte schon zu
blutigen Krawallen greifen mußten?
Es waren viel »wichtigere« Dinge als die banale
Negerfrage, die Lincoln den Schlaf raubten: Wahlen in
den nördlichen Staaten hatten in beängstigendem Maße
das Absinken der Republikaner gezeigt. Lincolns Thron
wankte. Ein Sieg mußte her!
McClellan erhielt den Befehl, Richmond anzugreifen.
Der General glaubte, nicht recht zu hören. Er erklärte
dem Präsidenten, der so flott befahl, die Lage und die
Moral der Truppe. Er zeigte ihm die abgerissenen
Regimenter. Diese damned Untergebenen! Lincoln warf
also McClellan wieder einmal hinaus und berief General
Burnside. Der Herr war unter den vielen unfähigen
Generälen, die Lincolns Scharfsinn aussuchte, der unfähigste.
Burnside war überzeugt, daß ein Präsident immer recht
hat. Er zog also los, und zwar schnurstracks und auf der
Luftlinie sozusagen, denn es eilte ja. Lee fing ihn bei
Fredericksburg ab. Es wurde eine Einbahn-Schlacht. Als
siebentausend Soldaten der Unionsarmee gefallen waren,
kehrte General Burnside zum Rapport nach Washington
zurück. Lincoln feuerte ihn und ersetzte ihn durch einen
neuen Ignoranten, General Hooker. General Hooker
nahm die Witterung seines Vorgängers auf und folgte
dessen Fußstapfen in Richtung Richmond. Er hatte nichts
hinzugelernt. Die Konföderierten überfielen den
Spaziergänger bei Chancellorsville und brachten ihm eine
schwere Niederlage bei. Dann stieß Lee nach Norden vor.
Lincoln jagte Hooker davon und berief einen General
(es muß von Schreibstuben-Generälen gewimmelt
haben) namens Meade. Er sollte nicht das vermaledeite
Richmond einnehmen, sondern erst einmal die
Bevölkerung beruhigen, indem er Lee suchte. Weiß der
Himmel, wo der stand! (Rommel hat im Zweiten Weltkrieg
die Taktik der verschleiernden Bewegung wiederholt).
Meade suchte zufällig in der richtigen Himmelsrichtung.
Eine Kavalleriestreife stieß bei Gettysburg auf Lee's
Soldaten, die gerade dabei waren, ein Militärdepot
auseinanderzunehmen und sich neue Stiefel und
Unterhosen an zuprobieren. Das Geballer ging los, die
Hauptmasse beider Seiten eilte heran, Meade erschien, Lee
erschien - die Schlacht war nicht mehr zu vermeiden.
Wieder nur wenige Kilometer vor Harrisburg! Es lag so
greifbar nahe wie Paris in der Marneschlacht 1914! In der
Ferne rollten die Versorgungszüge der Pacific-Bahn über
die Brücke, die das so heiß ersehnte Ziel gewesen war -
wieder mißglückt, wieder zu spät. Das abgerissene Heer
unter der Kreuzflagge des Südens auf offenem Felde gegen
die Geschütze und die modernsten Repetiergewehre des
Nordens!
Es flössen Ströme von Blut - drei Tage lang. Am vierten
gab Meade die Angriffe auf und überließ dem Gegner das
Schlachtfeld. Fast sah Lee wie der Sieger aus, aber der
Löwe trug die tödliche Wunde in sich. Am Ende war
Gettysburg doch das »Marnewunder« für Lincoln
geworden. Kein Zweifel, die Schicksalsstunde für den
Süden hatte geschlagen. Lee befahl den Rückzug über
den Potomac. Hatte der Süden Fehler gemacht? War schon
Fort Sumter ein Fehler gewesen?
Im März 1864 ernannte Lincoln abermals einen neuen
Oberbefehlshaber. Er holte sich nun den Mann, an dem
das Glück zu kleben schien, der am Mississippi die Forts
der Konföderierten aufgerollt hatte: Ulysses Grant. Er
wurde Lincolns Marschall Foch, mit dessen starrer,
verschlossener Physiognomie er auch Ähnlichkeit hat. Seine
Premiere an der Ostküste war zunächst ein Desaster: In einer
Schlacht bei Gold Harbor Anfang Juni wurde sein Heer
um ein Haar von Lee vernichtet.
Hier endlich entschloß sich Grant zur Strategie Fochs:
zum Stellungskrieg. Hundert Kilometer südöstlich von
Richmond, also fast mit verkehrten Fronten, lagen sich
Lee und Grant ein halbes Jahr lang gegenüber. Grant
hatte nichts weiter zu tun, als seinen unerschöpflichen
Vorrat an Kanonenkugeln Tag und Nacht
hinüberzuballern und frische Truppen in Empfang zu
nehmen. Es ließ sich aushaken. Grant hatte schließlich
hundertfünfzehntausend Mann, Lee
vierundfünfzigtausend. Militärisch war der Krieg
entschieden. Lee machte es seiner Regierung klar, aber
der konföderierte Kongreß lehnte eine Kapitulation ab.
Und damit begann der letzte Akt der Tragödie. Lincoln,
zum zweitenmal zum Präsidenten gewählt, ließ Sherman
von der Leine.
XI

Im amerikanischen Sinne ist Sherman zweifellos einer


der smartesten Burschen, die die USA hervorgebracht
haben. Erst im Zweiten Weltkrieg sind einige
hinzugekommen, die sich mit ihm messen können.
William Sherman, der mit zweitem Vornamen
sinnigerweise Tecumseh hieß, war knapp über Vierzig,
als er zur Erfüllung seines Lebens berufen wurde. Sein
Werdegang ist der amerikanischste, der sich denken läßt.
Er ging zunächst zum Militär und wurde mit zwanzig
Jahren Leutnant, und zwar bei der Artillerie. Er machte
den sogenannten »Mexikanischen Krieg« mit, setzte sich
dann nach Kalifornien ab und »gründete 1853 in San
Francisco ein Bankhaus«, wie es in Meyers Lexikon
heißt. Sofern ich mich nicht verrechne, war der
Bankhausbesitzer also damals dreiunddreißig Jahre alt -
bis dahin bereits, wie Sie sehen, eine der schönsten und
heute bewundertsten Karrieren eines Amerikaners. Im
Bürgerkrieg wurde er mit Freuden wieder in die Armee
aufgenommen, und zwar als Oberst - vergleichsweise
wenig, wenn man an so manche US-Journalisten denkt,
die 1944 aus dem Nichts kühn gleich in den Majorsrang
sprangen, oder wenn man sich der jungen Damen
erinnert, die uns als hohe Offiziere erstarren ließen.
Sherman legte einen kurzen Zwischenspurt ein und war
ein Jahr später schon General. Das Lexikon versichert,
daß er als »der tüchtigste Feldherr der Union im
Bürgerkrieg« gilt. Er hinterließ zwei Bände Memoiren,
worin er sich bescheinigt, wie tüchtig und daneben auch
noch gut er war. Lincoln stellte ihm die Aufgabe, in die
südlichsten Gebiete der Konföderierten einzubrechen
und dann nach Norden durchzustoßen. Grant sollte
inzwischen Lee bei Richmond festnageln.
Man könnte auf den naheliegenden Gedanken kommen,
der Süden sollte, mit allem, was drin war, in die Zange
genommen werden. Doch außer friedlichen Ortschaften
und Zivilbevölkerung war nichts drin. Also sollte es
wohl keine Beißzange, sondern eine Flachzange werden
- falls Sie diesen Unterschied kennen.
Sherman hatte die ganz präzise Order: Kill and destroy,
die Parole des jungen Washington im
Unabhängigkeitskrieg. Sie war wörtlich gemeint, und der
»tüchtigste Feldherr der Union« nahm sie auch wörtlich.
Er begann einen mörderischen Verwüstungszug durch
die unschuldigen Städte und Dörfer, der später unter
dem Namen »Anakonda« eine erbärmliche Berühmtheit
erlangte. Wo die Heeresschlange erschien, ließ sie in
einer Breite von hundert Kilometern alles in Schutt und
Asche zurück. Es wurde vernichtet, was man fand,
Häuser, Fabriken, Maschinen, Farmen, Tiere,
Pflanzungen, Getreide, Baumwolle, Zuckerrohr, Straßen
und Brücken. Wenn die Anakonda, die Riesenschlange,
abgezogen war, brannte das Land, und die Viehherden
verfaulten auf den Weiden. Zum erstenmal in der
modernen Geschichte praktizierte Amerika den totalen
Vernichtungswillen.
Ganz gescheite Historiker erklären es mit der
Notwendigkeit, dem Feind die Versorgungsquellen zu
nehmen. Freilich, freilich.
»Das Plündern von Privathäusern«, schreibt eine blinde
Henne von Historiker, »war streng verboten, ist jedoch
vorgekommen...« Man möchte solche
Geschichtsschreibung nicht für möglich halten. Sherman
berichtet in seinen Memoiren: »Ehe wir South Carolina
verließen, hatten sich meine Soldaten schon derart daran
gewöhnt, alles auf der Marschroute zu zerstören, daß das
Haus, in dem sich mein Hauptquartier befand, oft schon
brannte, ehe ich es verlassen hatte.« Und sein unterstellter
General Sheridan meldete nach Washington: »Ich habe
zweitausend Scheunen voll Getreide und siebzig Mühlen
verbrennen und dreitausend Schafe abschlachten können.
In einem Gebiet von fünf Meilen ließ ich sämtliche
Häuser niederbrennen.«
Moltke, der es ja von Europa aus mit ansah, hatte recht
(obwohl er ein Deutscher ist), wenn er sagte: Das sind
keine Soldaten mehr, das ist eine Bande von entfesselten
Marodeuren. Ich habe mir früher nie erklären können,
wie es zur »Anakonda« kommen konnte. Sie war
unnötig, der Krieg war ja praktisch entschieden. Ich
glaube, seit 1945 weiß ich es: Die »Anakonda« war ihr
erstes Hiroshima. Am 9. April 1865 hißte General Lee
die weiße Fahne. In dem kleinen Dorf Appomattox
unterzeichnete er vor Grant die bedingungslose
Kapitulation. Richmond war niedergebrannt. Die
Schlachtfelder bedeckten eine halbe Million Tote.
Beispielhaft war die Versöhnlichkeit der Sieger. Sie ließen
Lee nicht hängen und stellten auch keine
Kriegsverbrecherlisten auf.
Herr Professor Felix Salomon schließt seine Geschichte
des Sezessionskrieges mit den zu Herzen gehenden
Worten: »Das Werk, für das Lincoln sich eingesetzt hatte,
war vollbracht, die Reinheit der Union (Reinheit, kein
Druckfehler), wie er sie sich wünschte, war gesichert.«
Ich muß noch viel lernen (Dieser Satz eignet sich gut zum
Zitieren in negativen Kritiken des Buches, ich empfehle ihn.).

*
Was wäre geschehen, wenn der Süden gewonnen hätte?
Die ganze Welt wäre einen anderen Weg gegangen? Es
hätte geteilte Vereinigte Staaten von Amerika gegeben
(was die Welt nicht als Unglück ansieht, wie wir aus
unserem eigenen Schicksal wissen)? Glauben Sie das?
Ich will Ihnen sagen, was ich glaube: Spätestens 1914
hätten sich beide Teile wieder vereint. Die Toten sind ganz
sicher unnütz geopfert worden. An weniger als fünf
Fingern läßt sich abzählen, wann einmal in der Geschichte
die Gefallenen einen Sinn hatten, und noch seltener,
wann sie einmal den Überlebenden einen Aufschwung der
Seele gegeben haben, der Kraft für hundert Jahre verlieh.
Hellas hat lange von den Toten der Thermopylen gelebt.
- Lincoln war guten Mutes. Die Toten waren feierlicher
Reden wert, selbstverständlich; bevölkerungspolitisch
konnte man unbesorgt sein, denn in den letzten vier
Jahren allein waren achthunderttausend Menschen aus
Europa in die Nordstaaten eingewandert, hauptsächlich
in den Westen. Kansas zum Beispiel wuchs von
hunderttausend auf drei-hundertfünfzigtausend
Einwohner. Die Zahl der geschlachteten Schweine
verdoppelte sich, die Schafswolle stieg auf das Dreifache.
In Pennsylvania war Petroleum, in Colorado Gold
gefunden worden. Das alles war sehr, sehr
zufriedenstellend.
Daß der Süden verwüstet war, war zwar beabsichtigt und
wäre für die Sieger durchaus zu verschmerzen gewesen,
wenn es nicht ein ganz ekliges Problem aufgeworfen
hätte: Wohin mit den befreiten Millionen von Negern?
Man wußte nur zu gut, wie der Süden die Sklaven-
Befreiung über kurz oder lang gelöst hätte. Im Leben der
Neger hätte sich wenig geändert, sie wären freie
Landarbeiter geworden. Nun gab es die reichen Farmen
und blühenden Felder nicht mehr. Die einstigen Sklaven
standen vor den vernichteten Plantagen und fühlten sich
nichts als unglücklich. Sie nahmen ihr Weib an die Hand,
schnallten sich das Baby auf den Rücken und wanderten
nach Norden, zu ihren Befreiern. Die wenigen, die
bleiben konnten, begannen wieder zu ackern.
Hier hätte Washington die letzte Möglichkeit gehabt, das
Dynamit aus der Welt zu schaffen, indem es den
Schwarzen ein eigenes Territorium, sagen wir einen Teil
Alabamas, gab. Heute, rückblickend, wissen wir, daß es
möglich gewesen wäre. Statt dessen stieß man sie, die
schwimmen nicht gelernt hatten, in das reißende
Wasser, in den Wildbach des amerikanischen
Lebenskampfes. Sie sanken; sie sanken tiefer, als sie je
vorher gestanden hatten, sie wurden verachtete Parias,
vor denen man sich im Norden die Nase zuhielt. Es gibt
ein altes amerikanisches Sprichwort: Im Süden sagt man
»Du bist nicht meinesgleichen, aber setze dich ruhig zu
mir«, im Norden sagt man »Du bist meinesgleichen, aber
bleibe mir vom Leibe«. Die Tragödie der schwarzen
Rasse nahm ihren Fortgang, sie wurde hundert Jahre
später zum Zündstoff in der ganzen Welt. Heute sieht es
Unheimlicherweise fast so aus, als hätte sie sich zur
Tragödie der weißen Rasse umgekehrt. Beginnen wir
nicht schon die Peitsche in der Hand der Farbigen zu
spüren? Unsinn, sagen Sie? Weil der Mercedes vor der
Tür und der Pomery auf dem Tisch stehen? Gott segne
Sie, Madame! Gott mit Ihnen, mein Herr.

Am 9. April 1865, wie Sie sich erinnern werden, endete


der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation des
Südens. Am 14. April, fünf Tage später, befand sich
Lincoln schon in der Stimmung, sich das Lustspiel »Our
American Cousin« im Theater von Washington
anzusehen. Warum auch nicht, nicht wahr? Es war
übrigens Karfreitag. Seine Loge war mit Fahnen und
einem Bild George Washingtons festlich geschmückt.
Das Parkett, voll von Würdenträgern und Mengen von
überlebenden Generälen, starrte zu Lincoln hinauf wie
»Kinder zu ihrem Vater« .
Auf der Bühne war gerade eine Szene zu Ende gegangen.
Der Vorhang fiel.
Sekunden später brach einer der Schauspieler, John
Booth, in die Präsidentenloge ein, zog eine Pistole, schrie,
dramatisch vorgebildet wie er war: Sic semper tyrannis,
und jagte Lincoln eine Kugel in den Kopf. Dann sprang er
auf die Bühne und verschwand in den Kulissen, ehe
überhaupt jemand erfaßt hatte, was geschehen war. Das
Ganze hatte fünfzehn Sekunden gedauert.* Lincoln war
nicht tot. Man trug ihn über die Straße in eine
Privatwohnung, um ihn zunächst provisorisch zu betten,
und rief Ärzte herbei. Sie konnten nichts tun, die Kugel
saß hinter dem linken Ohr im Kopf. Der sehnige Körper
des Sterbenden wehrte sich verzweifelt gegen den Tod.
Das Herz arbeitete regelmäßig, als ginge die
mörderische Kugel es nichts an. Erst um sieben Uhr
morgens war Abraham Lincoln tot. »Nach dem
Frühstück«, schreibt sein Freund und Minister Welles,
»ging ich zum Regierungsgebäude, und alles schien
trübe.« Na ja, jeder Mensch muß schließlich mal
frühstücken.

* Der Mörder aus den Südstaaten - heute würde man, sofern er


ideologisch richtig läge (aber er lag nicht), sagen: Der Patriot
und Partisan wurde auf der Flucht erschossen. Er war der
Bruder des damals berühmten Schauspielers Edwin Booth.
XII

In einer Fernsehsendung der BBC wurden über Lincoln


einmal die Worte ausgesprochen: »Was Lincolns
Nachruhm unauslöschlich gemacht hat für alle Zeit, das
ist die Tatsache, daß er ermordet wurde. Dadurch wurde
er >kanonisiert<. Alle ermordeten Präsidenten umgibt ein
Heiligenschein.«
Goldene Erkenntnis. Mit einem Hauch von Zynismus.
Ich erinnere mich, daß 1944, nach dem mißlungenen
Attentat auf Hitler, auch kluge und überzeugte
Nationalsozialisten sagten: »Schade, daß er nicht tot ist!
Dann würde die Historie ewig im Zweifel sein, ob er
nicht doch noch ein Augustus geworden wäre.«
Ja, das trifft genau auch auf Lincoln zu. Er hatte
Amerika wieder einigen, er hatte den Süden wieder
aufbauen wollen, er hatte allen die Hand reichen und die
Neger zu Bauern machen wollen. Das alles hätte er mit
Leichtigkeit getan. Nun aber war er tot und aller
Pflichten ledig. Und so kommt es, daß Lincolns Bild
heute alle anderen überstrahlt, beinahe sogar das George
Washingtons. Er ist wirklich »kanonisiert«, und würde
man den Amerikanern das Bild zerstören, so wären sie
wütender als die Franzosen, wenn man ihnen sagt, Karl
der Große sei ein Germane gewesen. Das Unglück
Amerikas war, daß Lincolns offizieller Stellvertreter jetzt
automatisch Präsident wurde. Der Mann hieß Andrew
Johnson, war einst von Beruf Dorfschneider gewesen
und hatte Lesen und Schreiben erst von seiner Frau
Gemahlin, der jetzigen First Lady, gelernt. Ich weiß,
dieses Pedigrée läßt die Augen jedes braven
Sozialisten aufleuchten, und tatsächlich hat ein
Präsidentenamt noch ganz andere Leute verkraftet. Aber
Johnson war darüber hinaus zu allem Unglück auch
noch zum Verzweifeln instinktlos. Mit einem Mut, wie
man ihn den Schneidern nachsagt (ich denke nur an
Herrn Kreidein), machte er sich alle zu Feinden,
angefangen von seiner eigenen Republikanischen Partei
und seinen Ministern bis hinauf zur Hochfinanz. Ein
erstaunlicher Mann.
Was da nach dem glorreichen Sieg auf ihn zukam, war
auch durchaus dazu angetan, Magenkrämpfe zu
verursachen. Die Neger, die mit Sack und Pack nach
Norden wanderten, waren noch das wenigste. Ein Teil
von ihnen wurde von den Fabriken geschluckt (auf einem
zeitgenössischen Foto sieht Pittsburg aus wie heute
Dortmund, wenn »Hoesch abbläst«); der andere, größere
Teil bildete jetzt Slums. Man hätte sie am liebsten mit
der Peitsche wieder fortgejagt.
Die Neger, die im Süden geblieben waren, standen ratlos
vor ihrem Schicksal. Ihre Herren waren verarmt, und sie
mit ihnen. Hunger ging um, Epidemien griffen um
sich; die Farbigen starben wie die Fliegen. Der
amerikanische Historiker Flemming hat die Toten des
Jahres 1865 auf zweihunderttausend geschätzt. Als
Sklaven hatten sie gelebt. Als Freie starben sie. Kein
großer Trost
Im April 1866 beschloß der Kongreß, durch einen
Zusatzartikel zur Verfassung den Negern auch das
Bürgerrecht zu verleihen. Die weißen Südstaatler, über
Trümmer und zerstörte Straßen unverzagt wieder zu
ihren lädierten Regierungsgebäuden stampfend und
beratend, verweigerten die verfassungsmäßig
notwendige Zustimmung. Ihnen schwante Böses für die
Zukunft.
Wie ich überall lese, waren es die Generäle, die das
Bürgerrecht der Farbigen um jeden Preis durchbringen
wollten. Mir ist offen gestanden unklar, wieso gerade
die Militärs plötzlich die Heilsbotschaft in sich
entdeckten. Dachten sie an morgen, wollten sie die
Schwarzen als nunmehr »Bürger« unter ihren
Einziehungsbefehl kriegen? Sie machten mit Hilfe des
Kongresses kurzen Prozeß: Die Südstaaten wurden aus
den Vereinigten Staaten von Amerika ausgestoßen und
ihre »Regierungen« (es gab sowieso nichts zu regieren)
abgesetzt. An ihre Stelle traten diktatorische
Militärregierungen unter Nord-Generälen. Sie stutzen?
Ich auch. Aber nicht über Worte wie »diktatorisch«,
»abgesetzt« und »Militärregierungen«. Was soll man da
groß stutzen. Stutzen muß man über die Tatsache, daß der
Norden hier bestätigte, was der Süden immer behauptet
hatte: daß die USA ein Staatenbund seien, den man
jederzeit verlassen könne. Mit der Ausstoßung, also
Entlassung der Südstaaten aus der Union, schuf der
Norden haargenau den Status, um den die Konföderierten
vor Kriegsausbruch gebeten hatten. Wenn die moralische
Situation des Nordens vorher schon miserabel war, so
wurde sie nun, 1867, abscheulich. Fast ist das Wort zu
schwach für das, was geschah. Die Generäle schlössen
zunächst einmal mit einem Federstrich einige
hunderttausend Weiße, die »belastet« waren (na,
endlich!), vom Wahlrecht aus. Die Neger wurden
selbstredend alle wahlfähig. Bei der ersten durchgeführten
Wahl eines Parlaments schritten sechshunderttausend
Weiße und siebenhunderttausend Schwarze zur Urne. In
einigen Südstaaten sah das Verhältnis noch schlimmer
aus. Keineswegs waren alle Neger so lieb wie in »Onkel
Toms Hütte«. Wie in jeder Rasse gab es Choleriker,
Melancholiker, Fanatiker, Gewalttäter und geborene
Agitatoren. Und alle, zumindest die meisten, hatten eines
gemeinsam: Sie waren Analphabeten, gänzlich
unorientiert und ohne jeden Vorausblick. Sie, und zwar
die dubiosesten unter ihnen, führten nun das große Wort.
Blitzschnell lernten sie, die Struktur der Ordnung, die
Pyramide der Gesellschaft auf den Kopf zu stellen.
Ein New Yorker, der in South Carolina eine Sitzung des
neuen Repräsentantenhauses besuchte, berichtete, daß er
sich die Augen wischen mußte, weil er glaubte, nicht recht
zu sehen: Der Portier war schwarz und frech, der Sekretär
war schwarz und frech, der Speaker war schwarz, der
Geistliche war schwarz, einhundertein Abgeordnete
waren schwarz, und in einer Ecke saßen dreiundzwanzig
Weiße. Es wurde gebrüllt und Radau gemacht »wie auf
einem Seeräuberschiff«. So also sah die Welt jetzt aus.
Lebte Frau Beecher-Stowe noch? Sehr gut sogar. Der
Kongreß in Washington bewilligte Mittel und schickte
Leute, die die sogenannten Freilassungsbüros einrichten,
das Geld verteilen, Boden erwerben und an die Neger
vergeben sollten. Boden aufzukaufen war leicht:
Die Farmer wurden mit enormen Steuern belegt, die sie
nicht aufbringen konnten, ohne Land abzustoßen. So
einfach geht das. Und wenn es gar nicht anders ging,
beschlagnahmte der General.
Für die schwarzen Neubürger, die sich entschlossen,
kleine Schrebergärtner und Hühnerhalter zu werden, war
also notdürftig gesorgt. Versorgt waren auch die wenigen
Glücklichen, die auf den noch funktionierenden Farmen
weiter arbeiten konnten. Aber es fehlte überall an Geld, an
Saatgut, an Geräten, an Maschinen. Die Hilfsgelder
flössen in die falschen Taschen. In den Büros, die die
Fonds verwalteten, sammelten sich Scharen von
Betrügern aus dem Norden, politisch blütenweiß,
Gelichter, das sich in den rechtlosen Staaten äußerst
wohl fühlte. »Carpetbaggers«, Taschenfüller, war ein
geflügeltes Wort. »Though this be madness, yet there is
method in it.« Shakespeare, wenn ich mich nicht irre.
Wahnwitzige Zustände, die man schweigend duldete. War
es der Versuch des Nordens, in einem »eroberten
Feindland« eine Revolution sich selbst garkochen zu
lassen? Ich glaube nicht, daß man in Washington so
gewagte Ideen hatte. Ich glaube auch nicht (was manche
Historiker schreiben), daß der Kongreß, von extremen
Republikanern beherrscht, die Neger als Republikaner
gewinnen wollte, indem er sie gegen die demokratischen
früheren Herren aufstachelte und die Republikanische
Partei zur Befreierin stempelte. Wie kompliziert!
Die Amerikaner sind nicht kompliziert. Sie vereinfachen
gern. Die Besiegten sind böse, und alle, die von diesen
bösen Besiegten niedergehalten wurden, sind gut. War es
nicht auch 1945 überall so, wohin sie kamen? Ihr Bild von
der Welt ist schwarz-weiß, da wird nicht lange gefackelt.
Sie lieben es auch, zu »delegieren«. Sie richten gern
»Stellen« ein, Büros, Fonds, Organisationen, die ihnen die
Verantwortung abnehmen; sie sind sie los. Und sie
wollen partout nicht glauben, daß es sich wie mit einem
schlechten Wechsel verhält: Er läuft zum Aussteller
zurück. Auch in der Geschichte. Die Nation hatte doch
gewiß keine Schuld, daß ihr guter Wille von den
»Delegierten« mißbraucht wurde? Daß das Geld in den
Taschen derer »mit der politisch weißen Weste«
verschwand? Daß der Gouverneur von Louisiana von
seinem Achttausend-Dollar-Gehalt in einem einzigen
Jahr hunderttausend Dollar »sparte«? Daß sich
Negerbanden bildeten, die raubten und mordeten? Daß
kein Richter eingriff, als sie einen Geistlichen, der gegen
den Norden sprach, von der Kanzel zerrten und schlugen?
So sah es aus. Im Staate Mississippi waren für die Weißen
die Steuern auf das Vierzehnfache, in Louisiana auf das
Zehnfache erhöht worden. Es gab ehemalige Großfarmer,
die sich in der wartenden Schlange anstellten, um
Nahrungsmittel und Unterstützung zu empfangen - wenn
sie sie empfingen.
In dieser Situation griffen die Weißen zur Selbsthilfe. Sie
gründeten einen Geheimbund zum Schutz gegen die
schwarzen Banden und gegen die »carpetbaggers«: den
Ku-Klux-Klan. Der Name hat in der Welt einen bösen
Klang bekommen. Ku-Klux-Klan, das wurde zum
Synonym für Rassenhaß, für Lynchjustiz.
Die Onkel-Toms-Hüttler begannen sofort, ihre
Propagandamaschine in Bewegung zu setzen. Sie hatten
Erfolg; heute noch spuckt Amerika vor den Ku-Klux-
Klanern aus. Auch Karl May, der Kronzeuge für das
superdeutsche Herz, hat ihnen in »Winnetou II« ein
Schandmal gesetzt. Der Ku-Klux-Klan löste sich 1877
auf, als die letzten Besatzungstruppen und mit ihnen
schleunigst auch die carpetbaggers den Süden verließen.
Johnson hat diese ganze Entwicklung der Dinge nie
gewollt. Er fühlte sich als Testamentsvollstrecker
Lincolns, nicht Shermans. Er mag beschränkt gewesen
sein, aber er war niemals böse. Der Kongreß war es, der
ihm, Schritt für Schritt, die Hände band. Als er einen der
Extremisten unter seinen Ministern feuern wollte, erließ
der Kongreß in Eile ein Gesetz, das dem Präsidenten die
Macht absprach, seine Beamten zu entlassen. Johnson
ignorierte es. Er war im Recht, das Gesetz war
verfassungswidrig. Der entlassene Minister schämte
sich nicht, sich in seinem Amtszimmer zu verschanzen,
und das Repräsentantenhaus setzte dem trostlosen
Schauspiel die Krone auf, indem es beschloß, beim Senat
die Klage auf Absetzung des Präsidenten einzureichen.
Ganz Amerika hielt den Atem an. Es war das erste
Impeachment seiner Geschichte. Mit einer einzigen
Stimme Mehrheit wurde Johnson freigesprochen. Der
Senator, der die entscheidende Stimme abgegeben hatte,
wurde gesellschaftlich verfemt und finanziell
systematisch ruiniert. »Das Impeachment war«,
schrieben später, zu spät, amerikanische Historiker,
»eines der widerwärtigsten und übelsten Ereignisse in
der Geschichte der USA.«
Johnsons Macht war gebrochen, er war am Ende nur noch
ein mittelmäßiger Verwaltungsbeamter der
Republikanischen Berg-Partei. 1869 trat er ab. 1875
starb er.
Na, war es nun so schön gewesen, Präsident zu sein? Hatte
es sich gelohnt, Lesen und Schreiben zu lernen?

Machen wir uns eigentlich klar, von welcher Zeit wir


sprechen? Haftet nicht - vor unserem geistigen Auge -
allem noch die Eierschale der Pionierzeit an? War es
nicht erst gestern, daß Indianer durch die Wälder von
Pennsylvania schlichen? Daß die fünf bezopften Weisen
in dem verqualmten Zimmer saßen und die
Unabhängigkeitserklärung ausbrüteten? Daß Jefferson
das Geschäftchen mit Napoleon machte? Rauchen
tatsächlich die Schlote und Hochöfen über Pittsburg,
und rast der Pacific Express quer durch Amerika? Ging
Johnson so angezogen wie Bismarck? Ist es wirklich
wahr, daß man schon im Schlafwagen reiste und im
Speisewagen frühstückte? Ist es wahr, daß es Salons gab,
die auch in Paris Furore gemacht hätten, mit sechzehn
Meter breiten Landschaftstapeten in einem Feuerwerk
von Farben aus tausend Druckstöcken? Die berühmte
Firma Jean Zuber aus dem Elsaß bekam von ihrem
Juniorchef einen Eilbrief, in dem es hieß: »Cher Papa, ich
sehe es kommen, daß wir unsere große Panorama-Tapete
>L'Amerique du Nord< ganz rasch nochmals herstellen
müssen, von der wir für das Frühjahr nichts mehr vorrätig
haben.« War es die Zeit, als Remington die ersten
Schreibmaschinen baute und in Chicago das erste
Fließband lief? Ja, diese Zeit war es. Aber Europa sah das
Bild nicht scharf, es hielt das Fernglas verkehrt herum.
Amerika war weit, weit weg, war »im Kommen«
(Komplementärwort für »noch zurück«), war das »Land
der unbegrenzten Möglichkeiten« (Komplementärwort
zu »Land ohne Standesordnung und Kultur«), war eine
Ansichtspostkarte mit bunten Medaillonfotos von Buffalo
Bill, den Niagarafällen und dem Capitol.
Wenn man an »drüben« dachte, so hatte man das Gefühl,
Rothschild brauchte nur hinüberzugehen, um ganz
Amerika aufkaufen zu können, Moltke, um alle
miteinander zu besiegen, und Bismarck, um dort Kaiser
zu werden. Ich habe mir eingebildet, von solcher Sicht aus
der Proszeniumsloge der Weltgeschichte in weitem Maße
frei zu sein. Mein Herz ist doch sonst ein recht guter
Theodolit. Aber mir wurde doch ganz anders, als ich auf
die Namen stieß, die in jener Epoche die Herren
Amerikas zu werden sich anschickten. J. D. Rockefeller
gründete gerade sein Ölimperium, er wurde in den
nächsten Jahren der reichste Mann der Welt (Verdi
schrieb die »Aida«). Andrew Carnegie war hier schon der
Beherrscher der Stahlindustrie, vielfacher Milliardär.
(Wagner komponierte den »Tannhäuser«). Cornelius
Vanderbilt hielt die Schiffahrt in der Faust, er und E. H.
Harriman besaßen die größten Eisenbahnlinien. (Manet
malte die »Olympia«). John Pierpont Morgan erbte die
Bank seines Vaters und machte sie zur beherrschenden
des ganzen Kontinents und hätte jederzeit einen doppelt
so hohen Scheck wie der deutsche Kaiser ausschreiben
können. (Tolstoj dichtete »Krieg und Frieden«). Meyer
Guggenheim beutete die Erzgruben, Blei und Silber, aus
und wurde unvorstellbar reich. (Menzel malte das
»Balkonzimmer«). Und ein Armour legte den
Grundstein zur Methode der Massenabfütterung der
Menschheit mit Konservenfleisch. (Schopenhauer schrieb
»Die Welt als Wille und Vorstellung«). Was für Namen!
Ich meine natürlich nicht die in Klammern! Jeder von
ihnen strahlt heute über den ganzen Erdball. Jeder von
ihnen ein Gessler-Hut für Milliarden bewundernder
Menschen. Wenn ich nicht eine Klage ihrer
Nachkommen fürchten müßte, die ich bei der heutigen
Justiz nicht überleben könnte, würde ich Ihnen sagen,
daß diese Männer, alle, wie sie da stehen, eine Bande
von Haifischen, ein Rudel erbarmungsloser Hyänen
waren, die sich nur auf diese Weise und als
rücksichtslose Börsenjobber von Söhnen ärmster
Einwanderer zu Beherrschern des Lebens heraufarbeiten
konnten. Also: Sie waren alle sehr ehrbar und untadelig;
sie sind lediglich wagemutig in »Marktlücken«
gestoßen. Kennen Sie dieses verfluchte Wort aus der
Haifisch-Sprache?

Nicht wahr, ich brauche nicht zu wiederholen, daß die


Wallstreet den Krieg geführt, gesiegt und den Süden
zerstört hat? In den Augen New Yorks war Johnson ein
bedauerlicher Irrtum gewesen, ein kleines Malheurchen.
Nun war er weg, und der nächste kam. Folgerichtig ein
General: Grant. Wie schön, daß er nebenher auch mal
Geschäftsmann gewesen war.
Der damalige deutsche Gesandte in Washington, Kurd
von Schlözer, schrieb über die Regierungsjahre Grants
nach Hause: »Unter einer Republik dachte ich mir als
Schüler, wenn uns die Tugenden des antiken
Republikaners vorgetragen wurden, doch etwas anderes
als das, was man hier erlebt. Schwindel über Schwindel;
in der Regierung Bestechung, Betrügereien, Diebstahl
von seiten der höchsten Beamten. Die Parteimaschine
arbeitet mit Hochdruck; das Wohl des Landes steht im
Hintergrund. L'Union c'est la république tempérée par la
corruption.«* Grant war nicht korrupt; er wird als
gutgläubig geschildert, was Säufer ja oft sind. Aber
schon sein Vizepräsident Schuyler Colfax war in lauter
Skandale verwickelt. Es kam zu vielen Prozessen.
Cornelius Vanderbilt, dessen Standbild heute feierlich
vor der Central Station steht, verhinderte einmal sogar
eine Untersuchung des höchsten Gremiums, des
Kongresses, indem er alle führenden Männer bestach.
Schlözer hatte recht. Es war so weit, daß die Regierung des
Regierens überhoben war. (»Wir haben nicht mehr eine
Regierung durch und für das Volk, sondern eine
Regierung durch Unternehmen für Unternehmen.« US-
Außenminister Hay). Die Wallstreet hatte ganz offen
die USA übernommen. Amerika führte damals der
Alten Welt eine ganz neue Oligarchie vor, den
Kapitalismus. Denn Kapitalismus in des Wortes wahrer
Bedeutung ist nicht, wie man Schwachköpfen einpaukt,
die Ansammlung von Reichtum bei wenigen oder die

* Der amerikanische Gelehrte Noah Webster sah die Sache


etwas anders an: »Die Prinzipien der Alten Welt für das zarte
Amerika zu adoptieren, wäre dasselbe, wie die Runzeln der
Altersschwäche auf die Blüte der Jugend zu meißeln und das Korn
der Dekadenz in einen kräftigen Körper zu pflanzen.«
Ausnutzung der Armen durch die Reichen oder die
Trennung von Unternehmen und Arbeit. Das sind
verwaschene Ideen, die aus dem Bauch kommen. Es gibt
nur eine gültige Definition von Kapitalismus:
Kapitalismus ist keine Wirtschafts- oder
Gesellschaftsstruktur, Kapitalismus ist die Übernahme
der Regierung durch die Hochfinanz.
Er ist zugleich immer das Ende der reinen Politik.

Superreiche und Bettelarme hat es stets gegeben. Das kann


an der Charakterschwäche der Menschheit liegen, an
mangelndem Rechtsempfinden, eventuell auch an zu
rapidem Gefalle der Intelligenz. Den Reichen
»Kapitalismus« vorzuwerfen, ist der landläufige Irrtum.
Reichtum, der in Form von Brillanten im Safe liegt, ist
harmlos, wenn auch vielleicht verächtlich. Ist aber der
Superreichtum im Sozialprodukt verankert, das heißt, ist
das Volk in die Zwangslage manövriert worden, für den
Superreichtum in einem Circulus vitiosus zu arbeiten, so
ist das Stadium erreicht, in dem der Superreichtum aus
Selbsterhaltungstrieb die Staatssouveränität selbst
verkörpern und das Regieren übernehmen muß, um die
Politik mit seinen Interessen gleichzuschalten. Dann
werden Kabinette zu Schattenkabinetten und die
Wirtschaftspolitik zur alleinigen Politik. Im
Kapitalismus ist das Geld nicht mehr Gutschein, sondern
Schuldschein der Masse an den Superreichtum. Die (auf
der Straße nicht kursierende) Währung des Superreichen
dagegen ist die Aktie.
Es wird Sie nun nicht mehr verwundern, daß die beiden
amerikanischen Parteien in Wahrheit kein Gesicht und
nur Scheinprogramme hatten.
Grant blieb wenig Spielraum. Was er Anständiges tat, war
die stufenweise Rehabilitierung des Südens, die
Normalisierung des Lebens in den geplagten Staaten, die
Wiederaufnahme in die Union und die Abberufung der
Besatzungstruppen.
Eine Woge von Soldaten, verwöhnten, faulenzenden
Soldaten, traf im Norden ein. Neues Problem: Wohin mit
ihnen? Der Kongreß wußte es: Sie bekamen den Befehl,
das Indianerproblem endlich biologisch zu lösen, weil
man nun auch das letzte Fleckchen Erde »brauchte«.
Theodore Roosevelt hat später einmal das grausame
Wort gesprochen: »Den Indianern ihre Jagdgründe zu
lassen, hätte bedeutet, unseren Kontinent zottigen Wilden
zur Verfügung zu stellen; es blieb nur die Alternative, sie
auszumerzen.« Teddy Roosevelt erhielt 1906 den
Friedensnobelpreis. Ach ja, die Indianer sind ja auch
noch da, wenn auch nicht mehr sehr zahlreich. Wie geht
es ihnen denn? Gut. Sie haben bald ausgelitten. Seufzen
Sie nicht, meine Freunde, ich spreche zum letztenmal
über sie. Wenn Sie ein Lineal nehmen, es auf der
Landkarte senkrecht auf die Atlantikküste Amerikas
legen und es dann nach links, nach Westen, bis fast zu
den Rocky Mountains., schieben - noch besser, wenn
Sie das Lineal vorher an der Unterseite rot wie Blut
eingefärbt haben - dann wissen Sie, was mit den
Indianern seither geschehen war und wo sie jetzt leben.
Die Indianer haben schon keine Erinnerung mehr an den
Osten, der ihre Heimat gewesen war, keine Erinnerung
mehr an die Weißen, die einst demütig um Nahrung
bittend zu ihnen gekommen waren.
Nur in Sagen und Gesängen leben die alten Zeiten noch.
Es sind traurige Lieder, die an den Singsang der ersten
Sklaven erinnern, sie erzählen von großen Wäldern, den
Quellen und dunklen Flüssen, vom Wild in Überfluß,
von den wandernden Büffeln, unter deren Hufen der
Boden dröhnte.
Als die Wallstreet beschlossen hatte, den Kontinent mit
Eisenschienen zu »erschließen«, als sie Zehntausende von
Quadratkilometern Land an sich riß, gleichgültig, wem es
gehört hatte, da war das Todesurteil über die letzten
Büffelherden gefällt. Man lockte die Siedler an, die den
Schutz der Schienenstränge bilden konnten, man trieb
mit Waffengewalt die Indianer weiter, immer weiter
zurück bis in die steinigen toten Plains. Die Büffel, die ihr
Alles gewesen waren, ihre Nahrung, ihre Kleidung,
zogen nicht mit, sie verbluteten in den Prärien.
Dreieinhalbmillionen schössen die Weißen mit ihren
Repetiergewehren zusammen. Was sie brauchen
konnten, nahmen sie mit, verkauften die Häute in den
Osten, der Rest verfaulte. Bald hörte man keinen Laut
mehr auf den Prärien außer dem Heulen der fetten
Coyoten.
Der »Große Vater« in Washington gab den Resten der
Rothäute »Indianer-Territorien«. Das war nett von ihm.
General Carleton, Chef im Gebiet der Komantschen
und Navajos, versicherte dem Präsidenten, das Reservat
sei für die Indianer ein Paradies.
Die Wahrheit war, daß sie am Verhungern waren und
ernährt werden mußten. »Die Vertreibung eines ganzen
Volkes«, schrieb derselbe Carleton (Ich zitiere hier und an
späterer Stelle Dee Browns erschütternden Indianerbericht
»Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses«.), »aus
dem Land seiner Vorfahren ist nicht nur ein interessantes,
sondern auch ein ergreifendes Schauspiel. Viele Jahre
haben sie tapfer gegen uns gekämpft, um schließlich doch
dem unaufhaltsamen Fortschritt unserer Rasse zu
weichen. Sie warfen die Waffen fort und ergaben sich
als tapfere Männer, die unsere Bewunderung und
unseren Respekt verdienen, im Vertrauen auf unseren
Großmut und in der Überzeugung, daß wir ein zu
redliches Volk sind, um dieses Vertrauen mit
Schlechtigkeit zu vergelten . . . Diese sechstausend
Münder müssen essen und diese sechstausend Körper
bekleidet werden. Wenn man bedenkt, welch herrliches
Land voller Weiden und Bodenschätze sie uns überlassen
haben, so ist der Umstand, daß wir im Moment für sie
sorgen müssen, völlig unbedeutend.« »Manuelito«, der
Häuptling der Navajos, flüchtete mit einem Teil seines
Stammes aus dem mörderischen Ghetto, in dem sogar
das Wasser modrig und nicht zu trinken war. Als ihn das
Militär zu hetzen begann, verkroch er sich mit den
Seinen im Gebirge. Sie wollten frei sein, ernährten sich
von Wurzeln und Beeren und kapitulierten erst, als
durch Hunger und Kälte ihre Schar auf dreiundzwanzig
zusammengeschrumpft, zusammengestorben war.
Great Warrior Chief war Sherman. Von ihm, dem
Höchstkommandierenden, stammt das Wort: »Je mehr
ich diese Roten kennenlerne, desto mehr komme ich zu der
Überzeugung, daß sie alle umgebracht werden müssen.«
Ein Erlaß von 1862 gegen die Apachen, die ihr Ghetto
verlassen wollten, lautete wörtlich: »Alle Krieger der
Apachen sind zu töten, wo immer sie angetroffen
werden.« An den Häuserwänden in Denver klebten
Aufrufe: »Veterans! Men wanted! A premium for scalps!«
Was, um alles in der Welt, war in die Amerikaner gefahren?
Es war wie ein Fieber, das umging. Am erbittersten wütete
man gegen die Sioux, auch sie am Verhungern. Man trieb
sie vor sich her wie eine Herde jagdbares Wild, gegen alle
Vernunft, gegen alle Menschlichkeit und ohne Grund. Man
erschoß ihre Frauen und Kinder beim banalsten Anlaß,
man hängte die Häuptlinge und stellte die abgeschnittenen
Köpfe in den Städten aus. Der Mann, der den Häuptling
»Little Crow« tötete, erhielt eine Geldprämie. Der
»berühmte« Pfadfinder Buffalo Bill zeigte den eine Zeitlang
gefangengehaltenen großen Sioux-Häuptling »Sitting Bull«
für Geld in einem Circus. Was wollten die Weißen? Was
war es nur, was sie trieb? Kommt es immer so, wenn man
die Menschen losläßt und sie keinen Richter mehr zu
fürchten haben? Dann kehren sie auch noch die schlimmste
Seite heraus, die der menschliche Geist hervorgebracht hat,
den Hohn. Man verfolgte die Sioux bis nach Canada,
überschritt die Grenze, schleppte sie zurück und hängte sie.
Man hängte auch »aus Versehen«, man hängte auch welche,
die Weiße gerettet hatten.
In dieser letzten großen Not erstanden den Indianern noch
einmal Führer, deren Namen unvergessen sind wie einst
Tecumseh. Fast alle starben einen elenden Tod: »Sitting
Bull«, den ein Verräter für einen Judaslohn erschoß, »Big
Snake«, den man bei einer »friedlichen Unterhandlung«
mit Gewehrkolben erschlug, »Big Foot«, der bei einem
sinnlosen Gemetzel seiner unbewaffneten Krieger, Frauen
und Kinder verwundet im Schnee liegengelassen wurde
und erfror, »Little Wolf«, den man in einem Fort
gefangenhielt und durch Whisky ruinierte, »Chief
Joseph«, der in einem Konzentrationslager starb,
»Captain Jack«, Häuptling des friedlichsten aller Stämme,
den man hängte. In vier Schlachten erhielten die Indianer
den Todesstoß. 1864 wurden die Cheyennes
zusammengeschlagen. 1876 überfiel der Abenteurer-
General Güster bei Little Bighorn ein Meeting der Sioux
und befreundeter Stämme. Die Schlacht wurde für
Amerika ein Volkstrauertag, denn sie ging aus, wie
Schlachten für Amerikaner nicht auszugehen haben:
Güsters Reiterei wurde im Mann-gegen-Mann-Kampf
aufgerieben; ein einziger, der Trommler, entkam. Güster
selbst gab sich, wie man heute weiß, aus Angst selbst
den Tod. 1877 wurden die Nez-Perce-Indianer, die am
Ende nichts mehr besaßen als ein paar Fetzen am Leibe,
auf der Flucht nach Canada vernichtet, und 1890 fand die
Schlacht am »Wounded Knee« statt, die darin bestand,
daß die berüchtigten 7. Dragoner das Lager der Minne-
conjou-Sioux überfielen. Die Indianer ergaben sich ohne
Gegenwehr und ließen sich entwaffnen. Aus einem der
berühmten »bedauerlichen Mißverständnisse« mähte
man dann mit Gewehren und Kanonen Männer, Frauen
und Kinder nieder. Hierbei starb »Big Foot«. Dee
Brown berichtet, daß man - es war der vierte
Weihnachtstag - die schwerverwundeten überlebenden,
vier Krieger und siebenundvierzig Frauen und Kinder, in
einer Kirche auf den Boden bettete. Ȇber den Altar, mit
Tannenzweigen geschmückt, war ein Tuch gespannt, auf
dem die Worte standen: >Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen.<«

Sag mir, singt Marlene Dietrich, die Bewunderin


Amerikas, sag mir, wo die Männer sind, wo sind sie
geblieben? Ja, Frau Dietrich, wo? Aber die meinten Sie ja
wohl nicht. Wo sind sie geblieben? Es gab Verzweifelte,
sie waren Helden und sind daher tot. Es gab Naive, die
(historisch) die Lokomotiven mit einem Lasso einfangen
wollten; sie sind auch tot. Und es gab Schlaue; sie haben
überlebt. Auf einer Fotografie aus dem Jahre 1903 kann
man den fast achtzigjährigen, ehemals gefürchteten
Apachenhäuptling »Geromino« sehen; er trägt einen
Zylinderhut und sitzt am Steuer eines Autos.
Sieht das nicht so aus, als ob die Indianer wie die Neger
überlebt haben würden, wenn sie gleich die Stiefel der
Mächtigen geleckt und bekannt hätten, daß sie Ungeziefer
sind? Dürfen wir heute aus dieser Erkenntnis die frohe
Hoffnung schöpfen, auch zu überleben?
*

Vor diesem Kapitel hatte ich große Scheu. Ich habe Tage
gebraucht, um mich zu überwinden und es in Angriff zu
nehmen. Es steht Ihnen, meine Freunde und Feinde, frei,
darüber zu lächeln.
Vor zwei Stellen in diesem Buch hatte ich Angst; die eine ist
der Schluß, die andere habe ich nun also hinter mich gebracht.
Ich kann nicht einmal sagen, was mich so lahmte. Ich
berichte doch von längst vergangenen Dingen, von
Dingen, die sich in der Geschichte der Menschen so viele
Male wiederholt haben und immer wiederholen. Vom
Sterben, vom Töten, vom Demütigen und
Verkommenlassen. Doch es sind, glaube ich, nicht die
Leidenden, die diesmal meinem Herzen zusetzen, sondern
die Triumphierenden, deren Jüngstes Gericht noch aussteht.
Ich kann mir zur Not Pizarro und Cortez erklären, aber
nicht jene Menschen, die ohne Grund, ohne Haß, ja nicht
einmal mit dem Hauch eines Wahns ein Volk von der Erde
vertilgten. Inkas und Azteken sind überfallen worden wie
von einer Naturkatastrophe, wie von einem
Vulkanausbruch. Die Indianer aber wurden von Gehirnen
ausgelöscht, die schon einer mutierten Menschenrasse
angehörten. Ich weiß, was in Hellas an Furchterregendem
geschah, in Rom, im Mittelalter, in der Inquisition, in der
Französischen Revolution, in den Lagern der Engländer,
der Russen, der Deutschen, in China, in Spanien, in
Abessinien - ich weiß, daß die Menschen mißlungene
Geschöpfe des Universums sind, daß der Geist der
Widersacher der Seele ist, daß wir erbärmliche Töter und
Vernichter sind, schlimmer als ein Raubtier. Aber
endgültig unheimlich wird der Mensch erst dann, wenn er
die Taten ohne Wahn, ohne Rausch, ohne Fahne, ohne
Glauben, sogar ohne Haß begeht. Nicht einmal Haß haben
sie gefühlt, gar nichts. Sie haben mit der stummen Frage
Gottes Auge in Auge gelebt, ohne daß ihr Atem auch nur
einmal stockte; ohne überhaupt zu verstehen, was Gott
meinte. Keine anderen Völker haben sich Millionen
geraubte Neger gekauft und versklavt und in zwei
Jahrhunderten eine Million Indianer abgeschlachtet. Wenn
es doch wenigstens im Wahn gewesen wäre!
Walt Whitman, one of the greatest poets of America,
jubelte: »Unsere Vereinigten Staaten sind wie das
vollkommenste Gedicht.«
XIII

Damals erstand den Amerikanern der Philosoph, den sie


brauchten. Sie brauchten keinen Aristoteles, keinen
Spinosa, keinen Goethe, keinen Hegel, keinen Kant,
keinen Schopenhauer, keinen Tocqueville; sie brauchten
einen Philosophen, der ihnen bestätigte, daß der neue
Mensch -und die Amerikaner merkten bei Betrachtung
der übrigen Welt, daß sie wirklich eine neue Art im Sinne
der Darwinschen und Haeckelschen Deszendenz-Theorie
waren - ich sagte: der ihren bestätigte, daß der neue
Mensch eine von Gott und Calvin verbesserte
Konstruktion war, der sich keine Gedanken zu machen
brauchte. Der Philosoph hieß William James. Er
begründete den sogenannten Pragmatismus in der
Lebensphilosophie. Der Pragmatismus von James lehrt,
daß nicht das Denken oder die Ethik für die Frage nach der
Wahrheit oder dem Wahrheitswert entscheidend sind,
sondern allein die Tat, die Handlung (Pragma) und ihr
Erfolg. Diese Philosophie lehnt alle Maßstäbe der
überkommenen Moralbegriffe oder Bezüge auf Seelisches
ab und beruft sich auf den Individualismus des Menschen,
»der sich selbst seine Erfahrungen organisiert«.
Nun hatten sie es also von einem gelernten Professor
schwarz auf weiß, und es gab auch den gebildeten Kreisen
das unbegrenzte Selbstvertrauen, das der Mann auf der
Straße schon lange hatte. Sie konnten nun alle guten Mutes
loslegen mit der amerikanischen Tüchtigkeit und abends
nach kurzem Dankgebet, oder auch ohne, sich die
Bettdecke ans Kinn ziehen und pennen. So ist es bis heute
geblieben. Seitdem ist »Erfolg« für sie gleich »Glück«.
Erfolg ersetzt ihnen alles. Das Glücksgefühl des
Abendlandes ist ihnen nicht mehr verständlich. Wie Sie
bemerkt haben werden, ist die schillerndste Blüte an dem
Jamesschen Pragmatismus die »Freiheit«. Denn die
Lossage von der alten Ethik, die Lossage von der
idealistischen Gesellschaftsverpflichtung, die Lossage von
den Kategorien des Denkens (Kant: Quantität, Qualität,
Relation, Modalität), die Lossage vom seelischen
Bereich- das alles ist ja nur die bunte Verpackung für das
Wort »frei«. Los besagt ja nichts Geringeres als frei
werden. James war es, der leugnete, daß »los« auch
Verlust bedeuten kann. Für ihn nie. Und das ist ein
krankhafter Zug. Man kann, um ein drastisches Beispiel
zu geben, auch Geld los werden, also vom Gelde frei
werden. Verstehen Sie, daß ich das Wort »frei«
schillernd nannte? Das Wort hat nicht, wie die Ideologen
lehren, a priori einen Heiligenschein. Es kommt einem
der schwere Verdacht, daß der Mensch durchaus nicht
immer von allem »frei« sein will, sondern nur von
Dingen, die ihm nicht in den Kram passen. Daraus ergibt
sich eine Erkenntnis, die von allen Hirnlosen mit
großem Bedauern vernommen werden wird, nämlich die
Erkenntnis, daß das Wort »Freiheit« zwar etwas aussagt,
aber verschweigt, wovon. Es ist ein Wort wie »Wetter«.
Gefällt Ihnen Wetter? Das kommt darauf an, nicht
wahr? Eben.
Die Benutzung des Wortes Freiheit geschieht fast immer
in Form einer Parole, einer Fanfare. Sie hat eine
gefährliche Faszination. Es sind meistens Verführer, die
sie benutzen, und Dummköpfe, die sie inhalieren.
William James war natürlich kein Dummkopf, er
schluckte die Pille ja auch nicht, sondern er drehte sie.
Für den neuen Menschentyp, den Amerika repräsentierte,
war das Wort Freiheit Opium. Natürlich, der Amerikaner
hätte durchaus sagen können, worin er zum Beispiel freier
war als ein Preuße, aber dies oder ähnliches war es nicht,
womit er den Begriff Freiheit füllte; nein, »Freiheit«
wurde für den Amerikaner die Geliebte, auch wenn sie ihn
fortgesetzt betrog und zum lächerlichen »Professor
Unrat« machte.
1886 stellten die Amerikaner dieser Hure zu Ehren vor der
Hafeneinfahrt von New York eine Riesenstatue auf, die
ihnen Frankreich geschenkt hatte und die, da die
Franzosen Scherzbolde sind, innen hohl ist.

So ausgerüstet, spuckte Amerika in die Hände und


sagte, jetzt wollen wir mal zeigen, was eine Harke ist.
Damals entstand der Mythos von dem armen Jungen vom
Lande, der in die große fremde Stadt kam, als
Tellerwäscher und Schuhputzer begann und als
Millionär endete. Dann holte er sein altes Mütterchen
im Cadillac zu sich und zeigte ihm den Rinnstein, worin
er die erste kalte Nacht verbracht hatte. Der Mythos
wurde von der einen Seite eifrig gepflegt und von der
anderen Seite eifrig geglaubt, er verkörperte sozusagen -
und das war das einmalig Schöne, Amerikanische - die
Gleichheit der Chancen; er war eigentlich direkt religiös.
Europa hatte die Märchen von Dornröschen und Hans im
Glück, Amerika hatte das Märchen vom Tellerwäscher.
Wenn die Herzen vertrocknen, wenn die Seele nicht mehr
in ein Märchenland fliegen will, dann sind die Rosen, die
Burg, die böse Patin mit der vergifteten Nadel, der
tausendjährige Schlaf und der Prinz machtlos geworden.
Die taubgewordenen Herzen, die vom amerikanischen
Pragmatismus ganz besetzten Herzen, mögen die Worte
noch wahrnehmen, aber Dornröschen und Hans im
Glück sind unwirklich und damit unbrauchbar für das
Leben. Wie sagen wir heute: Sie lehren nichts, da nicht
gesellschaftsbezogen!
Der Tellerwäscher ist das Märchen, das verheißt! Ich
möchte nicht wissen, wie viele Mütter in den Slums ihre
kleinen Kinder mit diesem Märchen in den Schlaf
gesungen haben. Ich sage das ohne Ironie. Für viele, für
Millionen, wurde das Märchen schon fast Wirklichkeit,
wenn sie sich tausend Dollar erspart hatten. Tausend
Dollar! Sie lebten weiter im Hinterhof und schufteten;
das Geld mußte, wie Rockefeller und Vanderbilt es mit
den ersten Tausendern getan hatten, »angelegt« werden.
Auch der Gemüsehändler träumte und schuftete, der
Schmied, der Buchhalter; Scheinchen auf Scheinchen
wurde auf die Bank getragen, es wurden fünftausend oder
vielleicht schon zehntausend - bald war es so weit,
»einzusteigen«. Herrlich, wie alles blühte und gedieh!
Eines Tages, am 20. September 1873, war der Traum
ausgeträumt. Ein Börsenkrach, so groß wie der von 1929,
hatte sich die »Freiheit« genommen, alles zu verschlingen.
Was war passiert? Gewackelt hatten die Finanzen schon
oft, ohne daß das Volk viel gemerkt hätte. Jedesmal war
der Grund leicht zu erkennen gewesen: mal
Fehlspekulationen der Landwirtschaft, mal falsche
Zollpolitik, mal Krieg. Was war es diesmal?
Am 17. September krachte aus heiterem Himmel eine der
angesehensten Banken Philadelphias, Cooke & Co. Drei
Tage später schloß die New Yorker Börse die Tore. Es
bedeutete für alle Geldinstitute nichts Geringeres, als
Farbe zu bekennen. Sechstausend bekannten, daß sie
bankrott waren. Wenig später stieg die Zahl schon auf
achttausend. Die gesamte Wirtschaft schien
zusammenzukrachen. Die Industrie legte eine Reihe von
Hochöfen still, stellte den Eisenbahnbau ein, stoppte alle
Aufträge und nahm keine Schuldabtragungen mehr an.
Die kleinen Unternehmer zogen die Gitter herunter.
Arbeiter und Angestellte wurden in Massen arbeitslos
und fluteten ratlos und verängstigt die Straßen auf und
ab, auf Nachrichten wartend. Ich will Ihnen von den
Hintergründen berichten, soweit sie zu rekonstruieren
sind.
Der Sezessionskrieg hatte viel Geld gekostet. Der Staat
war seinen Zahlungsverpflichtungen an die Lieferanten
des Kriegsmaterials, an die Industrie, an die
Verpflegungswirtschaft und an die Soldaten mit
Papiergeld nachgekommen, das natürlich nicht gedeckt
war. Es waren Dollarnoten, die wegen ihrer Farbe unter
dem Namen »Greenbacks« berüchtigt wurden.
Vielleicht sollte ich statt »berüchtigt« besser »populär«
sagen, denn noch ahnte das Volk nichts Böses. Bei
Kriegsende, 1865, waren vierhundert Millionen davon
im Umlauf. Der kleine Bürger, der Angestellte, der kleine
Händler, der Arbeiter, der Sparer wartete auf die
Einlösung in klingende Münze.
Lange konnte die Lage nicht mehr verborgen bleiben,
als die Banken die Greenbacks schließlich nur noch zum
halben Nennwert notierten.
1871, also zwei Jahre vor dem Zusammenbruch, hatte das
Oberste Bundesgericht eine Entscheidung gefällt, die
wenigstens einen Teil des Problems lösen sollte. Es
verfügte, daß alte, noch auf Goldrechnung basierende
Schulden nicht mit Papiergeld bezahlt werden dürften.
Eine logische Entscheidung. Aber jetzt kommt etwas
Unheimliches. Präsident Grant lancierte bei der
Neubesetzung von zwei Bundesrichterstellen Männer, die
ihm willfährig waren und den Spruch wieder umstießen.
Der Bund erhielt nun die Ermächtigung, weiter
Papiergeld zu drucken und als vollwertiges
Zahlungsmittel auszugeben. Welcher Hai hatte Grant an
der Leine? Lassen wir diese Frage zunächst beiseite.
Anfang 1873 beschloß der Kongreß, eine Staatsanleihe
von dreihundert Millionen Dollar auszugeben. Cooke
bemühte sich darum, die Zuteilung zu bekommen. John
Pierpont Morgan »sorgte dafür«, daß das Bankhaus in
Philadelphia diesmal nur die Hälfte erhielt, Morgan die
andere. Morgan haßte Jay Cooke. Er jagte ihm also
verständlicherweise die Hälfte der Obligationen ab,
verständlicherweise nur, falls die Übernahme ein
Geschäft war. War sie es? Ja, wenn der Absatz klappte.
Cooke warb, um an die kleinen Zeichner
heranzukommen, mehrere tausend Vertreter an und
steckte viel Geld in die Werbung. Jay Cooke wuchsen die
Kosten über den Kopf, er konnte nicht, wie Morgan,
durchhalten, er machte bankrott. Aus diesem
Zusammenbruch, der sogar den Rockefellers,
Vanderbilts und Carnegies einen Moment lang den Atem
nahm, ging John Pierpont Morgan doppelt so stark und
doppelt so reich hervor. Der lange Atem hatte gesiegt. In
schöner Chancengleichheit - allerdings wie die Halme
einer frisch gemähten Wiese - konnten nun die
Hinterbliebenen alle wieder von vorn anfangen und
abends das Märchen vom Tellerwäscher träumen.

Die Amtszeit Grants ging zu Ende. Er, der als


Beauftragter des Volkes begonnen und als Beauftragter
der Hochfinanz seine Laufbahn schloß, ließ sich im
Alter noch in Geschäfte ein, wurde betrogen und endete
mit fünfzehn Millionen Dollar Schulden. Ein trauriges
Ende. Und unverzeihlich für ein amerikanisches Idol.
Erfolglos sein bedeutet nach dem amerikanischen
Katechismus wertlos sein. Wer fällt, fällt tief.
Neuer Präsident der Vereinigten Staaten wurde 1877 der
fünfundfünfzigjährige Ex-Gouverneur von Ohio,
Rutherford Hayes. Zwei Eigenschaften hielten sich bei
ihm die Waage: Anständigkeit und Belanglosigkeit.
Natürlich war auch Mister Hayes mal General gewesen.
Es muß ungeheure Mengen von Feldherren gegeben
haben.
Das erklärt vielleicht, warum seit jener Zeit ein General in
Amerika weit unter dem Einkäufer von Woolworth oder
Revlon steht.
Der Republikaner Hayes wurde nicht eigentlich gewählt,
er wurde auf den Präsidentenstuhl gehoben. Die
Hochfinanz wünschte eine Marionette und erreichte,
als sein demokratischer Gegner gesiegt hatte, die
Annullierung von Tausenden von demokratischen
Stimmen aus den Südstaaten, so daß nun plötzlich ganz
andere Wahlmänner anmarschierten. Die skandalöse
Manipulation kam vor den Kongreß, der als alleinigen
Ringrichter einen Mister Bradley einsetzte. Mister
Bradley legte den Finger an die Nase und das Ohr an
den Telegraphen und erklärte Hayes zum Präsidenten.
Guten Glaubens, gewählt zu sein, wenn auch nicht
besonders guten Mutes, zog Hayes ins Weiße Haus ein.
Er hatte offenbar keine Ahnung, wozu er benutzt
werden sollte, sonst hätte er nicht sofort etwas getan,
was der Hochfinanz ganz und gar nicht gefiel und
Hayes bedeutendste Tat bleiben sollte: Er berief Carl
Schurz zum Innenminister.
Carl Schurz war ein Deutscher. Das ist nicht gerade eine
Empfehlung, doch man kann es hingehen lassen;
Steuben war ja auch einer gewesen.
Während Steuben aber nie ganz das Air eines Cagliostro
ablegen konnte, machte Schurz einen strengen Eindruck.
Während Steuben immer so aussah, als würde er gleich das
Jagdhorn vom Gürtel haken und zum Frühstück blasen,
erweckte Carl Schurz mit dem dunklen Vollbart und
dem Kneifer auf der Nase die Vorstellung eines
Mathematiklehrers, Realschule, Oberstufe, der sich
gleich die Finger von der Kreide abputzen würde. Wir
wissen, daß der leichtfertige Anschein bei Steuben
täuschte, und ebenso täuschte auch der äußere Eindruck
von Schurz. Er hatte ein Leben hinter sich, das alles
andere als schulmeisterlich war. Er stammte aus Liblar
bei Köln, studierte in Bonn, schloß sich 1848 als
Neunzehnjähriger der demokratischen Bewegung an,
beteiligte sich mit seinem Freund Kinkel am badischen
Aufstand 1849, floh in die Schweiz, kehrte im nächsten
Jahre heimlich nach Deutschland zurück und begann,
seinen verhafteten Freund zu suchen. Als er hörte, daß
Kinkel in der Spandauer Festung saß, schlich er sich nach
Berlin, erkundete beharrlich die Möglichkeiten, in das
Gefängnis zu gelangen, befreite tatsächlich den Freund
und ging mit ihm, ohne daß man ihn erwischte, nach
Amerika. Er fing als kleiner Farmer an, sattelte dann zum
Advokaten um, stieß als Gegner der Sklaverei zur
Republikanischen Partei und machte rasch Karriere.
Lincoln lernte ihn kennen und schätzen. Im
Sezessionskrieg befehligte er eine Miliz-Division (schon
wieder ein General!), bekam bei Bull Run von Lee eins
auf die Nase (was Steuben nicht passiert wäre), kehrte
nach Kriegsende ins Privatleben zurück und wurde als
hervorragender Redner in politischen Kreisen sehr
populär. Als Innenminister trat er für Versöhnung mit
dem Süden ein, bekämpfte die Ämter-Korruption und
geißelte die kriminelle Indianer-Politik. Als er mit
Ablauf der Amtszeit Hayes flog (denn selbstverständlich
flog er noch zur selben Stunde), führte er seinen Kampf
für Demokratie und Sauberkeit als Journalist weiter, bis er
sich 1906 von dieser Erde verabschiedete. Die
Amerikaner nannten einen Ort nach ihm »Schurz«. Falls
Sie auch zufällig General sind und eine
Generalstabskarte von Amerika besitzen, können Sie mit
dem Vergrößerungsglas diesen Flecken am Walker-
River in Nevada entdecken. Nach alldem kann man sich
vorstellen, wie unbeliebt sich Schurz sehr schnell machte.
Seine versöhnliche Südpolitik fiel nicht ins Gewicht, weil
die Zeit sowieso dazu reif war. Seine Einstellung zu den
Indianern interessierte die Hochfinanz wenig, weil sich das
Indianerproblem bereits so gut wie erledigt hatte. Aber
seine Säuberung in den hohen Ämtern wurde als äußerst
unverschämt empfunden. Schurz führte Prüfungen ein,
siebte die Kandidaten nach Fachkenntnissen und
Unbescholtenheit und brachte jede Verfehlung
unnachgiebig vor den Richter. Als besonders stinkendes
Nest erwies sich die New Yorker Zollbehörde. Als er da
hineinstach, fiel die ganze Republikanische Partei von ihm
ab, und Hayes mußte im letzten Amtsjahr praktisch
gegen alle, gegen den gesamten Kongreß regieren. Sonst
ist aus dieser Zeit nichts Besonderes zu vermelden. Als
die Neuwahl näherrückte, entblödete sich die Hochfinanz
nicht, lieber den alten Grant (der damals noch nicht
bankrott war) noch einmal aufzustellen als Hayes wieder
zu nominieren. Was waren das für herrliche Zeiten unter
Grant gewesen! Ach, man durfte gar nicht daran denken.
Oh, alte Burschenherrlichkeit! Als Vanderbilt für jeden
Kilometer Schienenstrang rechts und links zehn Meilen
Land geschenkt bekam! Als Philip Armour bei seinen
Fleischlieferungen an die Armee in drei Monaten eine
Million Dollar verdiente, wobei aus den Tonnen schon
die Maden krochen. Als Jay Gould noch sein
Gaunergeschäft mit Gold ungestört in Szene setzen
konnte - herrliche Erinnerungen. Aber leider nur
Erinnerungen, denn Grant fiel schon bei der Vorwahl
durch.
Die Hochfinanz einigte sich daraufhin auf einen Mann,
von dem man annehmen konnte, daß er Befehle
entgegenzunehmen gewohnt war: auf James Garfield. Er
war (entschuldigen Sie, ich kann's nicht ändern) General
gewesen. Er war aber nicht nur General gewesen, sondern
auch Tagelöhner, Kutscher und Lehrer. In diesem Sinne
ein volkstümlicher Mann.
James Abraham Garfield wurde 1881 der
Jubiläumspräsident, der zwanzigste Präsident der USA.
Er war gering dotiert, aber brav. Abermals hatte sich die
Hochfinanz verspekuliert.
Garfield war entschlossen, den ihm von Hayes und Schurz
hinterlassenen Besen zu ergreifen und ebenfalls zu fegen.
Zuerst ganz bescheiden, natürlich.
Er fegte vier Monate lang. Am 2. Juli kam ein Mann
namens Guiteau und schoß ihn tot. Aus Rache, weil ihm
ein Posten verweigert worden war.
Eine traurige Geschichte. Ein trauriger Tod. Ihm haftet so
gar nichts von geschichtlicher Tragik an wie bei Lincoln;
es ging nicht um Vaterland, nicht um Krieg und Frieden,
nicht um eine Idee, nicht einmal um eine fixe. Das War
schon ein übler Streich vom Schicksal. Ehe Garfield
starb (er war, wie Lincoln, nicht gleich tot, die Kerle
schössen auch noch schlecht), sprach er noch ein paar
Worte. Sie werden sie nie erraten. Er fragte: »Werde ich
einen Platz in der Geschichte einnehmen?«
Was für Geschöpfe sind doch die Menschen! In der
zwanzigbändigen neuen Enzyklopädie von Brockhaus,
in der sogar ich mit sieben prallen Zeilen stehe, ist er
überhaupt nicht erwähnt.
Garfield war tot, eine Wahl war nicht nötig, die
Wallstreet brauchte sich nicht zu bemühen. Den
Vizepräsidenten, der jetzt aufrückte, empfand die
Hochfinanz als sehr genehm, ehester Arthur, der neue
Präsident, einundfünfzig Jahre alt, stammte aus New
York. Er war Rechtsanwalt. Nicht nur das; ich beeile
mich, hinzuzufügen, daß er auch General war. 1878
hatte Hayes ihn wegen Amtsmißbrauchs aus seiner
hohen Stellung im Zollwesen hinausgeworfen. Als
»Verfolgter« der Säuberungen genoß er das volle
Vertrauen der Hochfinanz. Auch er enttäuschte es
bitter. Weiß der Teufel, was in diese Würstchen von
Präsidenten fuhr! Ausgerechnet Arthur war es, der
Hayes und Schurz, die ihn einst gefeuert hatten,
seligsprechen sollte!
Er drückte mit List und Tücke ein Gesetz durch, das
Zwölftausend Bundesdienststellen unter die direkte
Kontrolle eines unabhängigen Fachausschusses stellte. Die
leitenden Beamten mußten jetzt Examina bestehen. So
weit war es mit der Freiheit gekommen! Chester Arthur
hatte für die Hochfinanz aber auch seine akzeptablen
Seiten. Zum Beispiel hat er - soll ich Ihnen mal was
sagen: Hier ödet mich die amerikanische Geschichte.
Ich hoffe sehr, daß es Ihnen auch so geht. Diese
Präsidenten machen mich gähnen, und ihre Gesetze
kommen mir vor wie Bekanntmachungen vom
Hausverwalter betreffend des Teppichklopfens in der
Schweiz. Wo ist der große politische Zug, wo ist das
Tempo, wo ist der Wind geblieben, der dem Europäer
den Hut vom Kopf riß, wenn er in New York landete?
»Er drückte ein Gesetz durch . . .« Herr Arthur, Sie öden
mich.
XIV

Es sind die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. So


nahe schon unserem Leben! Damit Sie erschrecken, wie
nahe: Churchill, Franklin Roosevelt, Hitler und Stalin
sind schon geboren.
Das alte Europa leuchtet. Die Champs Elysées sehen aus
wie heute; das Foyer der Großen Oper erstrahlt abends in
elektrischem Licht, bei Durand-Ruel drängen sich die
Pariser, um die Bilder von Degas, Sisley und Turner zu
sehen; auf den Boulevards wogt es auf und ab,
Droschken, Zeitungsjungen, die kleinen Midinetten, die
Cafe-Hocker und Bummler; man spricht über Zolas
»Germinal« und Maupassants »Bel ami«.
»Unter den Linden« in Berlin zieht die Wache auf; der
greise deutsche Kaiser blickt aus dem Fenster des Palais
und grüßt mit der Hand. Schusterjungen laufen neben der
Musik her; auf dem Balkon des Cafes »Kranzler« erheben
sich engtaillierte Leutnants, um zuzuschauen; die bärtigen
Professoren, die zur nahen Universität stelzen, bleiben
stehen und legen das Kinn patriotisch an das Plastron; die
Sonne über den jungen, blühenden Bäumen lacht; die
Studenten auch.
Gleich um die Ecke, in den Museen am grünen Lustgarten,
ziehen Gruppen, heiliggestimmt und klopfenden
Herzens, durch die Säle und betrachten die Werke
Griechenlands, Roms, Ägyptens, die man entdeckt und
ausgegraben hat. Aus der Oper hört man Bruchstücke
von Musik, man probt Wagners letzte Schöpfung, den
»Parsifal«; in den Programmkästen der Singakademie ist
Richard Strauss’ »Don Juan« angekündigt.
Schöne Jahre. Man kann sie so leicht vor sich sehen. Es
sind Jahre (Ich weiß, ich weiß. Sparen Sie bitte Ihren Atem.
Alles hat eine Rückseite!) - ganz voll gehorsamer Andacht
und kindlichem Augenaufschlag, voll Genie und
zugleich Albernheit, voll Missa solemnis und
Pulswärmer; die Luft voll Kunst, voll Horchen und voll
von dem schönen »Hang zum Höheren«, der zwar noch
nicht die erste Stufe der Himmelstreppe ist, wohl aber
die Fußmatte. Ist das Leuchten?
Jawohl. Auch wenn es wenig ist. Denn es ist noch die Zeit,
»wo der Mensch den Pfeil seiner Sehnsucht über den
Menschen hinausschießt und die Sehne seines Bogens
noch nicht verlernt hat, zu schwirren«. (Nietzsche) Man
sieht Europa ganz deutlich vor sich - mit der Nelke im
Knopfloch, mit dem Eton-Zylinder, mit dem Monokel,
mit dem Diplom für treue Dienste. Ich kann auch
Amerika sehen. Ich sehe das riesige Land, die großen
Wälder mit den Baumriesen, die endlosen Prärien, die
wogenden Baumwollplantagen und Kornfelder, so groß
wie ganz Preußen, die gigantischen Canions, die
rotglühenden Berge, den majestätischen Mississippi und
die reißenden Wasserfälle des Niagara, die grünen Eilande
von New England. Ein Wunderland. Ich sehe die
stampfenden Maschinen, die Ameisenarbeiter in den
stählernen Fabrikhallen, die qualmenden Schornsteine,
die Städte, konstruiert und in Windeseile gewachsen, in
denen es von Menschen wimmelt. Aber, sosehr ich auch
meine Augen anstrenge, ich sehe keinen Einzelnen; ich
sehe nur Masse. Sie scheinen nur Bevölkerung zu sein.
Sie bevölkern. Sie rennen nicht mehr nach Westen, sie
rennen nur noch im Kreise, sie haben es geschafft, sie
sind überall. Sie sausen im Pullmanwagen von einem
Ozean zum anderen, um zu kaufen und zu verkaufen, sie
strömen in Massen in die Fabriken der Städte, sitzen in
Reihen zu Hunderten wie einst die Sklaven an
Nähmaschinen und trampeln. Die ersten Wolkenkratzer
steigen in den diesigen Himmel, in den Waben nisten
Büros, Kontore, Büros, Kontore, Büros. Überall hin
spielen die Drähte. Es gibt ein Bild vom New Yorker
Broadway zur Bürozeit, aus dem Jahre 1889: Es sind
nicht viele Menschen zu sehen, fast nur Männer: sie eilen.
Sie sitzen nicht im Cafe, sie stehen nicht beieinander, sie
sprechen gewiß nicht über Germinal und Bel Ami, sie
eilen. Pferde-Straßenbahnen rumpeln auf dem leeren
Pflaster dahin. Das Fremdartigste an dem Bild ist dies:
Über den Köpfen spannt sich kreuz und quer ein enges
Netz von Telefon- und Telegraphendrähten. Und so, wie
in der Zirkuskuppel die Artisten über dem Netz arbeiten,
so sieht man die Menschen hier unter ihm. Das eine
schützt vor der Erde, das andere schützt offenbar vor dem
Himmel. Das Netz auf dem Broadway ist so dicht, daß es
jede Handbreit Himmel hundertfach durchschneidet. An
einem einzigen der vielen hölzernen Masten kann man
zweihundert Drähte erkennen.
Gegen Abend entläßt die Arbeit ihre Menschen. Sie
kehren in ihre Unterkünfte zurück. Auf Bildern sieht
man schon die traurigen Canions der Millionen Neger
und des ersten Bodensatzes von zehn Millionen
heimatloser Einwanderer. Sie dürfen nicht zurückblicken,
sie haben ja abgeschworen. Sie haben die Vergangenheit
eingetauscht gegen irgendeine Zukunft. Sie erzählen sich
das Märchen vom Tellerwäscher. Sie klammern sich an
das Neue. Dies hier ist das Neue, der Hinterhof, die
Feuerleitern, die Straßen ohne Namen nur mit toten
Zahlen, die Riesenstädte mit ihren monotonen Würfeln,
die Masse Mensch. Tocqueville ist durch diese
amerikanischen Großstädte gewandert: »Ich lasse
meinen Blick über diese unzählige Menge aus gleichen
Einzelnen schweifen. Diese Leute mögen physisch frei
sein, psychisch sind sie versklavt. Das Schauspiel dieser
Verwandlung zur Gleichheit macht mich traurig und zu
Eis.«
Auch die Mächtigen, die immer unsichtbarer gewordenen
Mächtigen, sind von der »Arbeit« heimgekehrt in ihre
Landhäuser. Sie machen sich fertig für die
»Metropolitan«, die neue Oper, die sie sich als
Visitenkarte geleistet haben, und sitzen im »goldenen
Hufeisen« des ersten Ranges. Oder sie sind zu Hause,
unter sich. Sie sprechen von morgen und übermorgen.
Nach dem Dinner trägt man eine gewaltige Pastete auf,
aus der mit einem Tusch des engagierten Orchesters eine
Balletteuse springt. Oder der schwarze Diener (frei) stellt
eine Silberschüssel voll Erbsen auf, aus der die Damen
mit kleinen Löffelchen die Rubine und Smaragde
herauszufischen versuchen, die der Herr des Hauses
ihnen als Gutenachtgruß zugedacht hat.
War es so? Ich lese es.
Ich lese auch, daß es in New York schon viertausend
registrierte Verbrecher und jeden Tag drei Morde gab.
Ich lese auch Tom Sawayer und Huckleberry Finn. Da
leben sie in kleinen Städtchen beinahe wie in Stade und
Göttingen; die Kinder spielen in der Stube mit
Zinnsoldaten oder werfen sich das Gewehr über und
schießen am Fluß die wilden Kaninchen. In den Küchen
wird gekocht, und in den Schlafzimmern wird geliebt.
Am Old man river, am Mississippi, ziehen die Neger nach
des Tages Last in ihre Quartiere und machen sie für ein
paar Stunden wieder zum Kral. Sie tanzen zuckend,
singen, trommeln und trompeten. Die Zeitungen nennen
es zum erstenmal »Jazz«. Verlassenheit. Einsamkeit.
Zweitausend Kilometer höher, im Norden, auf einem
geliehenen Fleck Erde in den Rocky Mountains, hocken
die elenden Gestalten der letzten Indianer um ein Feuer
und erheben ihren »Nachtgesang« - die Erinnerung an
Wovoka, den roten Messias, und den Geistertanz. Im
Saloon der nahen Western-Stadt singen die Jungen den
Yankee Doodle »A Yankee boy is trim and tall . . .« und
pfeifen auf ehester Arthur oder wie immer der Mann
heißen mag.

1885 stellten zum erstenmal seit dem Bürgerkrieg


überraschend wieder die Demokraten den Präsidenten:
Grover Cleveland. Der Gemeinte war ein anderer
gewesen, der Republikaner Gillespie Blaine, den die
Lexika gern einen »Staatsmann« nennen, während er
tatsächlich nichts weiter als ein bornierter, geschwätziger
Berufspolitiker war, gänzlich skrupellos und daher ein
vorzügliches Werkzeug der Hochfinanz.
Er unterlag aus zwei Gründen: Erstens quatschte er sich
selbst tot, und zweitens quatschte ihn ein protestantischer
Geistlicher, der damals sehr populär war, mit seinen
frommen Lobreden tot. Alle Katholiken wählten
daraufhin Cleveland.
Cleveland hatte es nie zum General gebracht, aber er
erfüllte wenigstens die Ersatzbedingung, er war
Rechtsanwalt gewesen, ehe er in die Politik ging. Warum
ging er überhaupt in die Politik? Ich vermute, daß er kein
Perry Mason und sein Wartezimmer nie überfüllt war. Er
wurde zunächst Sheriff, dann ein vernünftiger
Bürgermeister (in Buffalo) und ein fleißiger,
unnachgiebiger Gouverneur von New York. Falls ihm
einstmals als Sheriff und Bürgermeister das Machtgefüge
der Hochfinanz noch als Buch mit sieben Siegeln
erschienen war - als Gouverneur bestimmt nicht mehr.
In New York hat er den Diktatoren schon Auge in Auge
gegenübergesessen. Oderint dum metuant - nein, beides
traf nicht zu; sie haßten ihn nicht, und sie fürchteten ihn
nicht. Sie fürchteten überhaupt niemanden mehr. Er war
ihnen nur lästig.
Cleveland stand mit seinen achtundvierzig Jahren in der
Fülle des Lebens. Auch nach Kilogramm gemessen. Er
war ein sogenannter stattlicher Herr. Stattlichkeit
entsprach jetzt, auch in Europa, dem Zeitgeist (Zeitgeist
zu besitzen, ist überhaupt sehr beliebt: Es ist der einzige
Geist, der nicht weh tut). Ein Hering wie Joseph Kainz
hatte nichts zu bestellen gegen Matkowsky,
Oberbürgermeister Lueger galt als schönster Mann
Wiens, und der spätere Reichskanzler von Bülow war
überhaupt einsame Spitze. Über ihren Leibern spannten
sich die Jacketts, und an der Weste schaukelte die
goldene Uhrkette.
So sah Cleveland aus. Vorbei die Ära der rauhen Typen,
überhaupt der unverwechselbaren Gestalten; die
Ikonographie wurde von dem soliden, Vertrauen
erweckenden Aussehen John Pierpont Morgans bestimmt.
Cleveland riß als Präsident nicht gerade Bäume aus,
erreichte jedoch sehr Beachtliches. Er sicherte den letzten
Indianern ihren letzten kümmerlichen Lebensraum. Er
verhinderte ein hinterhältiges, unter der Maske der
patriotischen Dankbarkeit eingebrachtes Gesetz, allen
Invaliden eine kräftige Pension zu verschaffen,
unbesehen ob Kriegsversehrten oder privaten
Raufbolden, die sich die Nase abgeschossen hatten; das
Budget wäre in die Milliarden gegangen. Er wünschte
eine Senkung der Zölle, um die Wirtschaft, dieses
Schoßkind, zu zwingen, sich selbst international
auszubalancieren. Das war schon etwas, was der
Schwerindustrie übel roch. Als Cleveland furchtlos nun
auch noch den ganzen stinkenden Komplex der
Gaunereien mit dem Staatsland aufrollte und von den
Eisenbahngesellschaften die Rückgabe von Millionen
acres »geschenkten« Landes durchsetzte, wurde es
bitterernst.
Wer hätte das von diesem jovialen Mann vermutet, und
wie konnte man ahnen, daß alle Bestechungsversuche im
Kongreß zu spät kamen! Millionen von acres, das ging
den Vanderbilt, Gould und Harriman an den Nerv. Der
Verlust war zu groß, das Exempel zu gefährlich. Das
Volk wußte überhaupt schon viel zu viel von diesen
Dingen (J. P. Morgan: »Öffentlichkeit? Ich schulde der
Öffentlichkeit überhaupt nichts!«) - Cleveland mußte
verschwinden. Die Neuwahlen standen vor der Tür. Was
tat das dankbare Volk 1888? Fragen Sie im Ernst?

Der neue Präsident, Benjamin Harrison (Enkel des von


mir unterschlagenen Präsidenten William Harrison), war
wieder Republikaner. Mit erstklassigem Fragebogen:
Virginia-Familie, Rechtsanwalt, General. Diesmal hatten
sich die Morgans und Vanderbilts vorgesehen, er war
wirklich unbedeutend, also kein Reinfall. Staatssekretär
wurde Blaine, jener verschwätzte James Gillespie Blaine.
Noch sicherer ging es nicht. Harrisons Taten sind
folgende: Erhöhung der Zölle zugunsten der Industrie,
Vergabe von öffentlichen Arbeiten an die Industrie,
Invalidenpensionen, Umbesetzung der Beamtenposten
nach Parteigesichtspunkten, Neuvergebung von
dreißigtausend Postmeisterstellen an Republikaner,
Unterstützung der Industrie bei Ausweitung und
Neugründung. Budget für 1890: eine Milliarde Dollar.
Dazu kam noch etwas ganz Wunderbares, wunderbar,
weil es auf lange Sicht die Dividenden und den Rauch der
Schornsteine gen Himmel steigen ließ. Schon vor Jahren
hatte »die Öffentlichkeit« entdeckt, daß Amerika seit
Gedenken keine Flotte besaß; das heißt, es besaß etwas,
was sich auf dem Papier so nannte, aber es waren
Klapperkisten. Hier bot sich also für die Industrie »ein
weites Feld«, wie Fontäne zu sagen pflegte, ein Feld, das
sich unter Harrison bestens beackern ließ.
Man ackerte fleißig, und eine prächtige Flottenparade
zeigte alsbald dem Volk, wo die öffentlichen Gelder
geblieben waren. Sie schwammen dahin. Und dann
geschah es - es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, genau
wie der nüchterne Cleveland vorausgesehen hatte. Die
Kredite waren erschöpft, die Wirtschaft blieb mit einem
Ruck mitten in den Spekulationen stecken. Ich höre Sie
erschreckt rufen: Himmel, es wird doch nicht schon
wieder eine Wirtschaftskrise kommen! Leider, mein
Herr, leider, und ich kann nichts dafür. Sie sind kein
Wirtschaftler, und es langweilt Sie? Mich auch. Aber wir
müssen hindurch, da hilft nichts. Zünden Sie sich eine
neue Zigarre an, John Pierpont Morgan tat's auch. Ja, es
ist erstaunlich, wie oft ein so blühender Kontinent, ein so
mächtiger Staat, eine so reiche Nation von Krisen
geschüttelt wurde. Es gibt, wenn ich mich nicht irre, ein
Märchen von einem Baum, der geschüttelt wird und
goldene Äpfel abwirft. Gibt es nicht so ein Märchen?
Jedenfalls so müssen Sie sich die Krise, von der der
Mammutbaum Amerika geschüttelt wurde, vorstellen.
Unter dem Baum stand ein kleines Grüppchen von
Männern und hielt die Schürzen auf.
Der Anfang war ganz verständlich. Zwei vorausgegangene
Jahre waren für die Landwirtschaft verhängnisvoll
gewesen. Sommerliche Dürre hatte die Felder
vertrocknen lassen, und in den beiden folgenden Wintern
mit ungewöhnlich tiefem Schnee und eisigen Stürmen
kamen Tausende von Rinderherden um. Die Farmer
brachten die fälligen Abtragungen oder Kreditzinsen nicht
mehr auf; die ländlichen Banken brauchten das Geld aber
dringend, um ihren eigenen Verpflichtungen gegenüber
den Großbanken nachzukommen. Sie gerieten in
Schwierigkeiten. Sobald das durchsickerte, stürmten die
Einleger die Kassen - der Bankrott war da.
Hundertundachtundfünfzig Banken krachten und rissen
fünfzehntausend Kleinbetriebe mit. Bisher ist alles klar.
Es geht mit rechten Dingen zu, wenn es auch bodenlos
ist, daß die Großbanken keinen Finger rührten. Nun
schob sich die Misere wie ein Gletscher ostwärts und
erreichte die Wirtschaft an der Atlantikküste. Wenn
bisher die Güterzüge mit Getreide und Vieh Tag und
Nacht durch das Land gerollt waren, so fuhren die
Waggons jetzt halbleer, und an den Lokomotiven hingen
nicht mehr dreißig Wagen, sondern zehn. Die
Eisenbahngesellschaften schränkten den Verkehr
drastisch ein, die ersten Arbeiter und Angestellten
flogen auf die Straße. Auch alle Unternehmer, die in der
Spekulation steckten, entließen oder machten zu. Die
Sparer griffen auf ihre Notgroschen zurück oder hoben
aus Angst ihr Geld ab. Größere Banken begannen zu
wackeln. Wie gelähmt sah Präsident Harrison der
sausenden Talfahrt zu. Er ersehnte das Ende seiner
Amtszeit. Sie war 1893 da, als die Zahl der Arbeitslosen
gerade die vier Millionen überschritt.
Das verängstigte Volk rief nach Cleveland und wählte ihn
zum zweitenmal zum Präsidenten. Der Hochfinanz war es
egal, denn der große Coup war nicht mehr zu bremsen.
Das Feld, auf dem er gelandet werden sollte, waren die
Eisenbahnen. Sie waren schon seit ihrem Entstehen ein
ganz finsteres Kapitel. Soll ich Ihnen einmal sagen,
wie die Transkontinentalstrecke zwischen Atlantik und
Stillem Ozean entstanden ist? Es ist ein
Kriminalroman. Der Bau war ein Staatsprojekt
gewesen, aber die Regierung wollte sich nicht die Last
aufbürden, selbst Bauherr zu sein, son dern stellte
Kredite und Land zur Verfügung. Wie die Hyänen
stürzten sich die Unternehmer auf dieses herrli che
Projekt. Man gründete zwei Gesellschaften: Die
»Central Pacific« sollte den Bau von Kalifornien aus nach
Osten treiben, die »Union Pacific« sollte vom Atlantik
nach Westen vorstoßen. Die Regierung gab den beiden
Gesellschaften, die sich blitzartig gebildet hatten, zwanzig
Millionen acres Land und eine Garantie von
fünfzehntausend bis fünfzigtausend Dollar für jede
fertiggestellte Bahnmeile. An eigenem Kapital sollte die
»Central« zehn Millionen, die »Union« hundert
Millionen Dollar besitzen.
Sie besaßen es nicht. Sie dachten auch gar nicht daran,
selbst Kapital aufzubringen. Schwindelfrei, wie sie waren,
gaben sie ihrerseits Aktien und Schuldverschreibungen aus
- in verständlichem Deutsch heißt das, sie verpfändeten
etwas nicht Existierendes, das der Staat jedoch, solange er
von der Nichtexistenz nichts wußte, garantierte.
Verstehen Sie? Nein? Das macht nichts. Die Wallstreet
verstand es. Ferner verschafften die Gesellschaften sich
Geld für den Beginn der Arbeiten, indem sie die Städte,
die auf eine Berührung mit der Bahnlinie hofften,
regelrecht zu Abgaben erpreßten; sie konnten die
Strecken ja führen, wie sie wollten. Sie gründeten auch
eigene Baufirmen, die ihnen zur Vorlage in Washington
doppelt hohe Rechnungen stellten. Es lief alles bestens.
Eines Tages war die Atlantik-Pazifik-Strecke geboren
und mit ihr die ersten Eisenbahnkrösusse. Der Krimi ist
aber noch nicht beendet. Plötzlich tauchte ein ganz großer
Hai auf, der aus anderem Gewässer kam - wörtlich, er
kam aus der Schiffahrt und war wohlbekannt:
Vanderbilt. Er tauchte genau in dem Augenblick auf, als
vier Eisenbahngesellschaften Bankrott machten, und
damit sind wir also wieder zur gegenwärtigen Krise
zurückgekehrt.
Daß die große »Union« in den Strudel hineingezogen
wurde, lag natürlich nicht daran, daß die Waggons leer
fuhren; so etwas war zu verkraften. Sie war mutwillig
ruiniert worden. Der Hauptaktionär, Jay Gould, hatte sie
bis auf den letzten flüssigen Pfennig ausgeplündert, er
hatte sich achtunddreißig Prozent Dividende gezahlt und
die Bilanzen frisiert. Dann stieg er aus und ließ sie sitzen.
Jay Gould besaß, zusammen mit zwei Partnern, noch die
große Erie-Bahn, ebenfalls ein Unternehmen mit
undurchsichtigen Machenschaften. Zunächst schaltete
Gould seinen Partner Drew, einen ehemaligen
Viehgroßhändler, aus; dann wurde sein zweiter
Kompagnon, der zwielichtige Fisk, ermordet - ja, und
nun, wo er Alleinherrscher war, kam Vanderbilt, der viel
stärkere Hai. Ehe der Kampf entschieden war, starb
Gould und vermehrte mit seinen Hunderten von
verworrenen Geschäften, Konten, verwässerten Aktien
und faulen Obligationen das Tohuwabohu vollends. Es
herrschte ein unbeschreiblicher Wirrwarr. Die Aktien
stürzten ins Bodenlose, die Schuldverschreibungen
waren ein Fetzen Papier, mit dem man sich die Zigarette
anzünden konnte. Und wann kamen die »Retter«? Es
war ja substantiell gar nichts passiert: Die Züge fuhren
immer noch, die Schienen lagen, die Millionen Morgen
Land waren ja nicht verschwunden. Die Retter kamen.
Aber selbstverständlich erst, als keine Gefahr mehr
bestand, für die Verpflichtun gen der bankrotten
Gesellschaften geradestehen zu müssen. Erst als der
kleine Mann alles verloren und keinen Anspruch mehr
hatte.
Jetzt war es soweit. J. P. Morgan »reorganisierte« die
Erie- und einige andere Bahnen. Harriman (mit den ganz
großen Banken an der Schulter) »opferte sich« für den
größten Fisch, die Union Pacific. Vanderbilt sanierte die
Bahnen im Osten. Auch Rockefeller war mit von der
Partie. Ja, sie waren wie Stehaufmännchen alle wieder
da. So eine Wirtschaftskrise ist die reinste Katharsis
für die Hochfinanz.
Wo, schrien die Bürger, sind unsere Millionen geblieben?
In den traurigen Bankrotten, liebe Leute! Wir alle haben
sie Gleicherweise getragen; sie haben niemanden
verschont - so ist das Leben!

War Amerika immer noch das reiche, das schöne, das freie
Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Aber ja! Es war nur kurz erschrocken gewesen. Auf diesen
Schreck, so fanden die Mächtigen der USA, sollte das Volk
sich nun mal einen genehmigen, wie die Schnapsler zu
sagen pflegen. Ein schöner Anlaß bot sich 1893: Vor
vierhundert Jahren war Amerika entdeckt worden! Ich habe
zwar bisher geglaubt, dieses Ereignis sei 1492 passiert -
aber bitte sehr.
Man feierte heftig und freute sich, daß es Amerika gab.
Europa schlug den goldenen Mittelweg ein, es feierte nicht
mit, legte aber auch keinen Volkstrauertag ein. In Chicago
inszenierte die Industrie eine pompöse Weltausstellung in
Form eines riesigen Volksspektakels. Merkwürdig - auch
die erste Messe auf amerikanischem Boden, die 1876 in
Philadelphia stattgefunden hatte, lag kurz nach einer
schweren Wirtschaftskrise. Sollte mein Bild von den
Schnapslern mehr als nur ein Scherz sein? Chicago wollte
den Amerikanern, vor allem aber der alten Tante Europa
zeigen, wie herrlich weit es die Neue Welt gebracht hatte,
auch ohne tausend Jahre auf dem Buckel zu haben. Jung
und alt machte sich auf die Socken, kam, sah und war,
nachdem man vorher durch alle Belustigungen geschleust
worden war, überwältigt. Diese Fülle von Erfindungen und
Errungenschaften! Man staunte vor den zehn Meter hohen
Dampfmaschinen, man stand vor den Turbinen, man ließ
den Telegrafen spielen, man durfte telefonieren, man hörte
Edisons Trichter-Grammophon krächzen, man trat zu
Mergenthalers Setzmaschine und sah zu, wie eine Buchseite
entstand, vor aller Augen arbeitete Hermann Holleriths
Lochkartenapparat, mit dem die USA erst kürzlich eine
Volkszählung durchgeführt hatten, es ratterten Maschinen,
auf denen man wie gedruckt schreiben konnte, man erlebte
zum erstenmal elektrische Schweißung und
Sandstrahlgebläse, man bekam eine Bremse vorgeführt, die
durch Luftdruck funktionierte, man sah den ersten
»gerollten Film« von einem gewissen George Eastman, der
noch als schüchterner Mann dane benstand, aber der
Begründer eines der größten Trusts der Welt werden sollte.
Es war, um den Hut in die Luft zu werfen vor Vergnügen
und Stolz.
Ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen die Europäer nach
Hause fuhren. Ich weiß nicht, ob sie ein Menetekel sahen,
wahrscheinlich nicht; vielleicht hatten sie
Minderwertigkeitsgefühle?
Es gab in Wahrheit keinen Grund. Das Telefon hatte nicht
Bell erfunden, sondern Philipp Reis; fünfzehn Jahre, bevor
Edison seine erste Glühlampe aufleuchten ließ, brannte in
der Werkstatt des Mechanikers Heinrich Goebel bereits
elektrisches Licht; ein halbes Jahrhundert, ehe die
Amerikaner die Schreibmaschine konstruierten, klapperte
schon eine im Hause von Mr. Mill in England. Der
Schreibtelegraf, den Morse der erstaunten Welt vorführte,
existierte längst, Gaus und Weber waren die Erfinder der
Telegrafie; der Trommelrevolver wurde schon im
Dreißigjährigen Kriege benutzt, ehe Colt ihn sich
patentieren ließ. Die Niederdruckdampfmaschine, die
Fulton in sein Boot einbaute, erfand der Engländer Watt,
und ein »Dampfer« fuhr schon 1775 auf der Seine. Der
Erfinder war Perrier.
Nein, das war es nicht, was bedrücken konnte. Die Wiege
der großen geistigen Schöpfungen lag im alten Kulturland
Europa. Der Schöpfungsakt fand fast immer fernab dem
amerikanischen Trubel statt und ebenso fast immer
unbeachtet. Europa gebar die Gedanken, legte das faustisch
Geschaffene achtlos beiseite und wandte sich neuen
Gedanken zu.
Das war stets der Augenblick, in dem Amerika kam, es an
sich nahm, es sich holte, es kaufte oder lieh oder raubte. Mit
dem ganzen Instinkt eines Verbrauchers begann es, sein
Talent und seine unerschöpflichen Mittel zur Auswertung
einzusetzen. Im Sinne Amerikas bekam die geistige
Schöpfung erst jetzt Leben. Was war sie vorher gewesen?
Nichts. Eine Sache ist nur das, was sie in Dollars wert ist.
(Das bewundernswerteste Gemälde in einem Museum ist
das, für das man den höchsten Preis bezahlt hat.) Was
Europa damals in Chicago erschrecken mußte, war
Amerikas beängstigende Fähigkeit, eine blasse Idee zum
»Lebensmittel« zu machen, die Fähigkeit, etwas in
gigantischem Maße auszunutzen. Niemand sah die
Dampfwalze auf sich zukommen. Daguerre, Diesel,
Roentgen, Curie, Planck, Hahn - sie alle sollten einmal nur
noch die tolpatschigen Zubringer für das clevere Amerika
werden. In Chicago 1893 war es zum erstenmal deutlich zu
erkennen.

Ihr seid mir doch nicht mehr böse, fragte John Pierpont
Morgan die Amerikaner und bewies gleich, wie nett er war,
indem er dem Staat unter die Arme griff und, ohne lang
hinzuschauen, Anleihen in Bausch und Bogen übernahm.
Er hatte nur eine winzige Bedingung daran geknüpft: auf
das Gold des Schatzamtes seine Hand legen zu können.
Er war zu diesem Zeitpunkt praktisch die Staatsbank.
Nicht nur ihr Gouverneur, sondern ihr persönlicher
Eigentümer. Dem Volk war es egal, denn es wußte nicht,
was Meyer Amschel Rothschild wußte und einmal
ausgesprochen hat: »Wenn wir die Währung eines Volkes
herausgeben und kontrollieren können, kümmert es uns
nicht, wer dessen Gesetze macht.« Es ging den einfachen
Mann ja auch wirklich nichts an; das Geld rollte wieder,
die Arbeit lief wieder, die Straßenbahn fuhr, die Milch
stand morgens vor der Tür, und das Jahr 96 brachte eine
Rekordernte, an der alle schön profitierten. Man war
gesund, es herrschte Friede, man konnte neue Pläne machen
- das war die Wirklichkeit, das zählte. Vorwärts! Präsident
Cleveland quälte sich mit den Problemen hinter den
Kulissen ab. Senat und Abgeordnetenhaus stritten und
keiften über das alte Gold-Silber-Problem der Währung.
Cleveland war müde, er fühlte sich krank. Gegen Ende
seiner Amtszeit mußte er sich einer schweren Operation
unterziehen. Er ertrug alles schweigend, die meisten
wußten nicht, wie krank er war.
Als die Wahlen herankamen, stellte seine Partei ihn in die
Ecke. Weil er so vieles recht gemacht hatte, hatte er es so
vielen nicht recht gemacht. Gibt es das? Das gibt es nicht
nur, das ist der Lauf der Welt.
1897 zog als neuer Präsident der Vereinigten Staaten wieder
ein Republikaner ins Weiße Haus ein: der
vierundfünfzigjährige William McKinley.
XV

McKinley soll ein kurzer, stämmiger Mann gewesen sein


mit dem Kopf eines Mimen, sozusagen der Typ des
Advokaten, der vor Gericht Eindruck macht. Er war
natürlich auch Rechtsanwalt. Und er stammte aus Ohio.
Ohio hat viele Prominente geliefert, es scheint das Land
der hellen und ehrgeizigen Leute gewesen zu sein,
Amerikas Sachsen. Sogar Rex Stout läßt seinen
unübertroffenen Archie Goodwin aus Ohio sein.
McKinley war »helle« und ehrgeizig. Er hatte die Wahl,
richtiger gesagt, er hatte die Hochfinanz mit zwei
Argumenten gewonnen, er war für die Währung auf
Gold- statt Silberbasis, und er war, im Gegensatz zum
besonnenen und müden Cleveland, für ein militärisches
Eingreifen auf Cuba, wo gerade blutige Aufstände der
Eingeborenen gegen die Spanier tobten. Lauter schöne
Aspekte. Nun ging Cuba die Amerikaner eigentlich
nichts an. Aber - so lese ich bei mehreren Historikern -
ein Volk muß, »wenn es sich nicht untreu werden will, die
Straße weitergehen, die es beschritten hat«. In diesem
Falle heißt das: Amerika mußte Pionier bleiben und
seine Segnungen in andere Länder bringen. Das sei - so
höre ich - weder ein kriegerischer Instinkt noch
Kolonisation. Nun wissen Sie es. McKinley bot sich erst
einmal als Vermittler zwischen Spanien und den
Cubanern an, aber Madrid lehnte die Einmischung ab.
Jetzt war guter Rat teuer. Und zwar kostete er ein Schiff
und zweihundertsechzig Tote. Das amerikanische
Kriegsschiff »Maine« flog eines Tages im Hafen von
Havanna in die Luft und mit ihm die ganze Besatzung.
Amerika war empört über dieses »Attentat« - der
Kongreß beschloß den Krieg.
Wir wollen rekapitulieren. Im Hafen von Havanna, das
bekanntlich die Hauptstadt des unter spanischer Hoheit
stehenden Cubas ist, liegt ein amerikanisches Schiff. Nicht
ein beliebiges Schiffchen, sondern ein Kriegsschiff. Es
fliegt aus ungeklärten Gründen in die Luft. Ein Schiff kann
aus drei Ursachen in die Luft fliegen; es kann durch ein
Geschoß oder eine Mine explodieren (das war die von der
amerikanischen Presse verbreitete Version), es kann sich
die eigene Munition durch einen Zufall entzünden (das
vermutete man, als der Krieg und die Erregung vorüber
waren), und das Schiff kann absichtlich in die Luft gejagt
worden sein, um, ohne Rücksicht auf die Toten, den
Kriegsgrund zu schaffen. (Und das glaube nach dem 7.
Mai 1915 ich). Sind Sie empört? Über? Über meinen
Verdacht?
Dann tut es mir leid, Sie in Ihrem Mittagsschlaf gestört
zu haben.
Die Befriedung Cubas ging rasch vor sich. Wie angenehm,
daß Benjamin Harrison mit einer modernen Flotte
vorgesorgt hatte. Jetzt zeigte sich noch deutlicher als
damals beim Manöver, wie gewinnbringend das Geld
angelegt war. Die Spanier hatten nichts
entgegenzusetzen. Die befreiten Cubaner allerdings auch
nicht. Madrid beschloß, Cuba aufzugeben und sich mit
allen Truppen und Schiffen abzusetzen.
Das hätte ihnen so gepaßt! Der amerikanische Admiral
machte einen gehörigen Strich durch diese Rechnung, er
schoß die auslaufende spanische Flotte samt ihrer
vollgepfropften Ladung Soldaten zusammen. Spanien,
der alte, böse Löwe, unterließ es, die Zähne zu zeigen aus
dem einfachen Grunde, weil er keine mehr hatte. Überall in
seinem zusammengeraubten Kolonialreich ging es los;
Amerika konnte sich, geradezu wie auf einer Speisekarte,
das nächste Gericht aussuchen, auf das es Appetit hatte.
Man war begeistert. Verwechseln Sie das bitte nicht mit
Kriegsbegeisterung, wie es bei uns der Fall gewesen
wäre. Amerikaner sind von Grund auf friedlich. Nein, es
war einfach Freude. Die Freude hat ja so viele Gesichter.
Es war sogar Platz für die Freude der Rüstungsindustrie.
Als Fischgericht sozusagen kamen die Philippinen dran,
wo ebenfalls ein Aufstand gegen die spanischen
»Unterdrücker« ausbrach.
Die Philippinen liegen ziemlich weit weg von den USA,
aber für ein schnelles Schiff ist das kein Problem. Die
Flotte rauschte ab. In der Bucht von Manila stieß sie auf
die spanischen Kriegsschiffe, griff sie sofort an und
versenkte sie. Das Land zu befrieden - beinahe hätte ich
»erobern« gesagt - war bedeutend schwieriger. Ach, die
Eingeborenen sind ja so uneinsichtig, für sie war Weißer
Mann Weißer Mann und der eine so lästig wie der andere.
Wie kränkend für Amerika! Da mußte man schon
manchmal energisch durchgreifen. Im August 1898 bat
Madrid, nachdem es noch Puerto Rico und Guam
draufgelegt hatte, um Frieden. Es bat nicht vergebens.
In einem Aufwaschen schufen die Vereinigten Staaten
auch noch auf Hawaii Ordnung. Die Inseln, schöne,
reiche Inseln, wurden von Königen regiert, im
Augenblick gerade von einer Dame namens Liliukalani.
Gegen sie empörten sich rein zufällig ebenfalls die
Untertanen. Da nicht ganz klar war, wer von den beiden
Seiten die Unterstützung der Amerikaner verdiente,
entschieden sie sich dafür, gegen beide vorzugehen und
Hawaii zu annektieren. Nicht etwa, daß sie Hawaii zur
Kolonie gemacht hätten (McKinley: »Nach
amerikanischer Moralauffassung käme es einer
verbrecherischen Aggression gleich«), nein, sie nahmen
Hawaii sozusagen an Kindes Statt liebevoll in ihr Haus
auf und gaben ihm einen Stern im Sternenbanner. In
puncto Philippinen und Puerto Rico waren die
Verhältnisse leider stärker als die amerikanische
Moralauffassung; sie mußten in dem Schwebezustand
eines »Besitzes« bleiben. *
Waren das schöne Jahre gewesen? Das waren verdammt
schöne Jahre gewesen!
Man besaß jetzt schon allerhand in der weiten Welt, und
das war verdammt richtig so.
Als die Wahl für 1901 herankam, hatte der demokratische
Kandidat Bryan mit seinem verdammten Geschwätz von
Imperialismus keine Chance gegen McKinley. Mark
Twain schrieb damals, die USA sollten statt der Sterne
jetzt Totenköpfe in die Flagge setzen. So was schreibt man
nicht! Das ist einfach nicht fair.
McKinley brauchte aus dem Weißen Haus nicht
auszuziehen, er wurde zum zweitenmal gewählt. In der
Wirtschaft herrschte Hochkonjunktur, es gab Arbeit in
Hülle und Fülle, mehr Arbeit als Hände. Die
Schwerindustrie lief auf Hochtouren, um die Lücken, die
die »Engagements« erfreulicherweise in Munition und
Waffen gerissen hatten, aufzufüllen. Die Ernten waren
gut, die Exporte stiegen, die Goldfunde in Alaska (das
man 1867 für sieben Millionen Dollar von Rußland
gekauft hatte) stiegen ins Märchenhafte - ja, ja, es war
wirklich God's own country.

* Cuba erhielt 1902 die Selbständigkeit, nachdem es den USA


garantiert hatte, »zum Schütze der Freiheit« jederzeit
militärisch eingreifen zu können. Für die Philippinen gestand
man Spanien sogar eine Entschädigung von zwanzig Millionen
Dollar zu. Das war nobel.
Am 14. September 1901 schoß ein eingewanderter Pole
den Präsidenten William McKinley bei der Eröffnung
einer Ausstellung in Buffalo nieder. Die Verwundung
war tödlich.
Der Mörder hieß Leon Czolgosz. Sein Motiv hat man nie
herausgefunden. In manchen Berichten heißt es, er sei
Anarchist, in anderen, er sei geistesgestört gewesen. Das
dürfte ein Pleonasmus sein.
Das Betonenswerte ist wahrscheinlich etwas ganz
anderes: daß er ein Einwanderer war. Darin steckt nicht
das Motiv, sicher aber das auslösende Moment.
Ich glaube, wir müssen die Einwanderung des Jahrzehnts
von 1890 bis 1900 mit neuen Augen sehen; sie hatte eine
ganz andere Voraussetzung als alle früheren. Ich möchte
es Ihnen in einem einzigen Satz sagen, obwohl mir klar
ist, daß ich Sie erschrecken werde: Ich halte diese
Einwanderung, die in seltsamem Stil vor sich ging, für
eine zweite Welle von Sklaven-Import.
Bevor ich mich genauer mit diesem Komplex befaßte,
hätte auch ich nicht im Traum daran gedacht, einen
solchen Ausdruck zu benutzen. Ich meine ihn jedoch
ernst und bitter. Es gibt keine andere Parallele als die zu
jenen weißen »Sklaven auf Zeit«, die sich Amerika im
18. Jahrhundert aus England als »White trash« kommen
ließ.* Die weißen Einwanderer früherer Jahrzehnte
waren, sofern sie nicht white trash darstellten, alles
irgendwie Pioniere gewesen. Sie waren, sozial aus ihrem
Vaterland herausgedrückt oder verlockt, innerlich bereits
als Heimatlose gekommen: Unglückliche, Flüchtige,

* White trash: »Weißer Müll«, »Weißer Abfall«, ein recht


ungewöhnlicher Ausdruck für die, die einmal die Vorfahren
von Millionen Amerikanern werden sollten.
politisch Verfolgte, religiös Verfolgte, Bedrückte,
Rebellen, Empörer, Phantasten, Sektierer, Abenteurer.
Der Lieferant war Mitteleuropa mit seinen bedrückenden
Feudalstaaten. Hier, noch über die Mitte des
Jahrhunderts hinaus, müssen Sie auch das Bild der
endlosen Trecks nach dem »Wilden Westen« sehen, die
Planwagen, die Ochsengespanne, die über die Prärie
zogen, begleitet von rauhen Männern mit dem Gewehr
schußbereit vor sich im Sattel, Frauen und Kinder auf
den wenigen ärmlichen Habseligkeiten thronend. Die
Räder der Karren knirschten in Spuren, die schon
Hunderte vor ihnen ausgemahlen hatten. Am Horizont
damals noch die wilden Büffelherden; Indianer hinter
Felsen und Büschen. Sie waren Pioniere, im heldischsten
Sinn, ohne die der Kontinent nicht erschlossen worden
wäre; deren europäische Begriffe, inklusive der Ethik,
bald flötengingen.
Von diesen Einwanderern spreche ich nicht. Danach ließ
der Schub stark nach; die Krisen, von denen Amerika
geschüttelt wurde, schreckten ab, und in Europa lebte es
sich jetzt auch besser.
Aber nun war die Krise vorbei, nun explodierten die
USA wirtschaftlich. Die gigantisch gewordene Industrie
brauchte Hände! Es war nicht mehr der Westen, es war der
Osten, dem nun die Einwanderer fehlten. Das war die
völlig andere Situation.
Es gab Hände in den Slums, aber sie waren nicht mehr
willig. Gewerkschaften rumorten und schürten, Streiks
brachen aus, Bundestruppen mußten Werke schützen,
Kavallerie Transporte begleiten. Man brauchte nicht nur
willige Hände, man brauchte willenlose Hände; wie einst
im Mai. Schade, daß man 1890 und nicht 1690 schrieb.
Jedoch dramaturgisch vollzog sich der Gang der
Handlung nach altem Muster.
Man schickte Werber nach Europa! In den zehn Jahren
von 1890 bis 1900 holten sie acht Millionen
Neueinwanderer für die Industrie heran.
Der Erfinder dieser Methode war Mr. Villards, ein
Eisenbahnkönig, gewesen. Er hatte dringend Menschen
zur Besiedlung und zum Schutz seiner Bahnstrecke
gebraucht. Der Schwärm seiner Agenten war nicht mehr in
die klassischen Auswandererländer Europas gegangen,
sondern in die (nennen wir es einmal aus amerikanischer
Sicht so) zurückgebliebenen, nach Rußland, Polen,
Italien, Norwegen. Mit bunten Bildern und blühender
Phantasie bewaffnet, hatten sie die Einwanderer in die
fast unbewohnbaren mörderischen Öden gelockt.
Villards Methode machte nun Schule. Die Werber
arbeiteten gut, sie stiegen in den Arme-Leute-Vierteln
treppauf, treppab, bis nach Neapel und Sizilien hinunter
und bis tief nach Rußland hinein. Sie redeten mit
glühenden Zungen, sie streckten die zehn Dollar für die
Überfahrt im »Zwischendeck«, das heißt auf dem blanken
Schiffsboden, vor, und gaben auch, sobald die Fracht an
Bord war, die fünfundzwanzig Dollar, die jeder
Einwanderer vorzuweisen hatte; er mußte sie laut Gesetz
vorzeigen, sein Eigentum brauchten sie nicht zu sein.
Vor allem arme Russen und Ostjuden ließen sich fangen.
Die Werber brachten es fertig, in Rußland ganze
Eisenbahnzüge (Viehwagen natürlich)
zusammenzustellen. Niemand hatte einen Vertrag in der
Tasche, im Gegenteil, man schärfte den Einwanderern
ein, bei der Kontrollprozedur stets jede Verpflichtung zu
leugnen, weil das Gesetz verlangte, daß die Einwanderer
»frei« zu sein hatten. Armseliges Gesetz. Es wollte
verhindern, daß sich die Einwanderer im voraus zu
vielleicht verzweifelten Bedingungen fesseln ließen. Es
schlug ins Gegenteil um. Sobald »die Ware« gelandet
war, geriet sie in die Finger von »Komitees«, die die
Betreuung übernahmen, sie mit guter Provision in die
Fabriken weiterschleuste oder- auf eigene Faust als
Streikbrecher vermietete. Die Betreuungsagenturen
kamen alsbald auf die Idee, ihre Macht auch politisch
auszunutzen. Die Einwanderer wurden ja
wahlberechtigte amerikanische Bürger, sobald sie den
Einwanderungsschein besaßen, die flüchtige Prüfung
ihrer Kenntnis der Verfassung bestanden und den Eid
abgelegt hatten. Die Komitees erpreßten von den armen
Teufeln nun Wahlstimmen für ihre Bosse -erpressen ist
ein nicht ganz gerechtes Urteil, denn die verschüchterten
und hilflosen Einwanderer versprachen meistens freiwillig
den zu wählen, der sie auch tatsächlich in hundert
widrigen Fällen unterstützte. Um diese Zeit waren von
fünfundzwanzigtausend Stahlarbeitern im Pittsburger
Distrikt bereits fünfzehntausend Eingewanderte. Die
Kinder landeten meistens in den Webereien. Wir haben
rührende Fotografien, die die Zehnjährigen in den
Maschinensälen zeigen. Es gab zwei Millionen Kinder,
die in der Industrie arbeiteten. Sie sehen, Amerika gab
auch dem Kleinsten Arbeit und Brot. Es ließ sich also
alles ganz ausgezeichnet an. Die Lösung war
konkurrenzlos. Diese Menschen arbeiteten zwölf
Stunden am Tag und erhielten zwischen sechs und zwölf
Cents pro Stunde. Wenn man es sich recht überlegte, hatte
einstmals ein Negersklave mit Kaufpreis und Unterhalt
fast ebensoviel gekostet.
Sie waren die Ärmsten der Armen. Aber sie standen in
Brot und Lohn. Und sie hatten Zukunft. Dafür mußten sie
Amerika dankbar sein, das ist wohl klar. Man konnte nur
hoffen, daß dieser paradiesische Zustand anhalten würde
und daß sie nie dazulernen möchten. Aber das kann man
leider nicht verhindern, nicht wahr? Es gibt immer wieder
törichte Altruisten, die für solcher Leute Kinder Schulen
einrichten, Lehrstellen beschaffen, Geld sammeln. Schon
die Bibel lehrt, daß ein Paradies nicht beständig ist. Und
die Bibel hat doch recht?

Ich kenne das Leben des Leon Czolgosz, der McKinley


erschoß, nicht. Er gehörte zu den weißen Sklaven auf Zeit;
vielleicht brannte ganz einfach seine Sicherung durch. Der
Schuß machte den Weg frei für den Vizepräsidenten. Er
wurde eine der interessantesten Gestalten in der
amerikanischen Geschichte: Teddy Roosevelt.
XVI

Äußerlich setzte er den Typ Clevelands fort, er war


füllig, groß, hatte ein rundliches Gesicht mit einem
Schnauzbart und trug eine Drahtbrille. Wenn er breit
lachte, und vor den Fotografen lacht er gern, hat man
den Eindruck, daß er nicht wie andere Menschen
zweiunddreißig, sondern fünfhundert Zähne besaß.
Lauter kleine Fischschuppen, und alle echt. Er war
überhaupt sehr echt. Da er nie heuchelte, braucht man
über sein Wesen keine Rätsel zu lösen, es liegt deutlich
vor einem, aber es ist nicht mit einem Wort zu
umschreiben. Teddy Roosevelt war mit neununddreißig
Jahren als Unterstaatssekretär immer noch ein
ausgesprochen phantastischer Pulverkopf, der viel
Pennälerhaftes und Studentisches an sich hatte. Das
»Räuber und Gendarm«-Spielen begleitete eigentlich
sein ganzes Leben. Zur Zeit der »Bostoner Tea Party«
von 1773 wäre er nicht aufgefallen, jetzt tat er es. Die
Roosevelts, sicherlich alle miteinander verwandt, kamen
aus den Niederlanden. Ihr Stammvater, sofern es nur
einer war, landete also in Neu-Amsterdam. Aus Neu-
Amsterdam wurde New York, die Roosevelts blieben.
Teddys Familie war gut betucht, wenn auch nicht
superreich. Immerhin war alles da, um aus dem Kind
einen verhätschelten, dünnen Prinzen zu machen. Dem
Prinzchen ging eines Tages von selbst ein Licht auf, daß
sein Leben auf recht zerbrechlichen Beinen stand, und er
beschloß, body building zu treiben. Er brauchte sich
dazu nicht zu überwinden, sein Temperament neigte eher
dazu, ein Old Shatterhand als ein Muttersöhnchen zu
sein. Er wurde groß, fast herkulisch, was ihm bei seiner
Neigung zur Exzentrik sehr zustatten kam. Auf der
elterlichen Ranch in Dakota konnte er sich austoben.
Die nächste Station bildete Harvard, die feine. Natürlich
Jura. Ihm selbst war es schnuppe, womit man ihn fütterte,
er schriftstellerte zunächst einmal, und zwar in Historie.
Schriftsteller-Kollege Roosevelt war damals Ende
Zwanzig.
Dann schob die Familie ihn vorsichtig in den öffentlichen
Dienst. 1895 war er bereits Polizeipräsident von New
York, zwei Jahre später Unterstaatssekretär unter
McKinley, der ihn da kennen- und schätzenlernte.
Theodore Roosevelt war Republikaner, was bei seinem
Charakter gar nichts garantierte. Aber eines war er gewiß:
kriegerisch - körperlich wie geistig. Selbstverständlich
begeisterte er sich, als der Konflikt mit Spanien vom
Zaun gebrochen wurde, sofort dafür, Cuba, die
Philippinen und was sich sonst noch so bot, zu kassieren.
Er ließ sich von seinem Amt beurlauben, stellte ein
Freiwilligenregiment auf die Beine und setzte sich als
»Oberst« an die Spitze. Er nannte seinen Haufen (wie
könnte es bei Teddy ohne Namen abgehen!) die »Rauh-
Reiter«. Das klingt wunderschön, geheimnisvoller noch
als unser »das ist Lützows wilde, verwegene Jagd.« Im
Gegensatz zu Theodor Körner kam er gesund heim.
Amerika sprach noch lange von dieser romantischen
Freischar.
Gedanken über Recht und Unrecht sind dem Juristen
Roosevelt nicht gekommen. Für ihn waren die
Amerikaner ein auserwähltes Volk, das einfach unfähig
war, unrecht zu tun. Wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt
ein leider wenig tröstliches Sprichwort. Theodore
Roosevelt war immer für schneidiges Hobeln. Seine
strotzende Männlichkeit (er starb dennoch schon mit
einundsechzig Jahren) bewies er wie später Hemingway
als Großwildjäger in allen Kontinenten. Und wie andere,
weniger strotzende Menschen einen Cezanne oder einen
Bouguereau an der Wand haben, so waren die Wände
seines Hauses mit Eberköpfen und Elefantenzähnen
vollgepflastert. Als McKinley ihn zum Stellvertreter
machte, waren die Republikaner nicht weniger zufrieden
als die Demokraten; auf diese Weise war der
unberechenbare und damit unbequeme Mann von der
aktiven Politik weg. Zum Schrecken fast aller und zur
Freude sehr weniger bestieg er nun 1901 den Thron. Er
war mit dreiundvierzig Jahren der jüngste Präsident, den
die USA bisher hatten. Roosevelt haßte nicht das
Großkapital, aber er haßte den Kapitalismus, wie wir ihn
als Regierungsmacht definiert haben. Er kannte aus
eigener Erfahrung während seiner Zeit als
Polizeipräsident, wie hemmungslos die Hochfinanz ihre
absolute Macht ausübte. Sie dirigierte Wahlen, sie
beherrschte Präsidenten, sie drückte durch, wer die
Ministerien übernehmen sollte, sie erpreßte die Politik, sie
hob und senkte autoritär die Preise, hob oder senkte die
Kaufkraft des Geldes, ließ verhungern oder ließ reich
werden. Ein Redner, der ihr nicht paßte, erhielt nicht
einmal mehr einen Saal für eine Versammlung; die Presse
gehörte zum größten Teil ihr, die Redakteure gehörten ihr
und die wichtigsten Abgeordneten. Alle Welt kannte
oder ahnte zumindest dieses Gemälde, nahm es als
»modernen Staat« und zuckte nur zusammen, wenn sich
die Faust seinem eigenen Nacken näherte. Teddy war in
den ersten Jahren vorsichtig, leitete aber bereits
Untersuchungen gegen ungesetzliche Trustbildungen ein.
Der Generalbundesanwalt Knox war sein Mann. Auf
Roosevelts Geheiß begann er systematisch die Munition
für eine Anklage zu sammeln. Er mußte sehr viel
Munition haben, sonst würde es wieder wie so oft ein
Hornberger Schießen werden. Es eilte nicht; Teddy
wollte 1905 noch einmal gewählt werden, dann sollte es
losgehen.
Inzwischen entflammte sich seine Phantasie an einem
großen außenpolitischen Projekt, dem Bau des Panama-
Kanals. Es war einmal ein französisches Projekt
gewesen. Frankreich hatte zweihundertsechzig Millionen
Dollar zum Fenster hinausgeworfen, als - der Kanal war
erst zu einem Drittel fertig - die französische Gesellschaft
Bankrott machte. Skandalprozesse hatten damals ganz
Paris erschüttert, Politiker waren gestürzt, auch
Frankreichs Stolz, Lesseps, war in dem
Bestechungssumpf verschwunden, und alle waren froh,
als man 1888 die ganze Akte stillschweigend zu Grabe
getragen hatte. Roosevelt fand das Projekt hinreißend. Er
hatte selbst erlebt, wie höllisch der Weg der
amerikanischen Flotte um Kap Horn zu den Philippinen
und Hawaii gewesen war, und er war entschlossen, den
Kongreß herumzukriegen. Es gelang ihm. Genauer
gesagt: Die Hochfinanz erwärmte sich für die Idee und
nickte.
1902 übernahm Amerika gegen eine Abfindung von
vierzig Millionen Dollar alle Rechte der französischen
Gesellschaft. Jedoch, man hatte die Rechnung ohne den
Wirt gemacht; der Wirt war Kolumbien. Zwei kleine
Paragraphchen hatte Teddy, der Harvard-Jurist,
übersehen: Frankreich war nicht berechtigt gewesen, die
Rechte weiterzugeben. Und der Vertrag lief überdies in
einem Jahr aus.
Na gut, Teddy Roosevelt hatte geschlafen, aber wie
konnte John Pierpont Morgan das übersehen? In der
Wallstreet wurde seit langem nicht mehr so geflucht.
Hier zeigte sich der Präsident nun als wahrer Rauh-Reiter.
Er sattelte im Geiste sein Streitroß, und die Wallstreet
schnallte ihm noch Sporen an, damit die Sache Schwung
bekam. Er beschloß, das Gebiet dem »Zwerg« Kolumbien
vollständig zu entreißen. Nun ist »entreißen« für so gute
Menschen wie die Amerikaner ein Ding der
Unmöglichkeit. Befreien, ja, oder befrieden, das ist etwas
anderes; das ist geradezu eine amerikanische Mission.
Der Geniestreich Teddy Roosevelts bestand nun darin,
das Kanalgebiet reif für eine Befreiung zu machen. Sie
sehen, welch moderner Geist er war. Er entfachte in der
Provinz Panama eine »Revolution«, entsandte zu ihrer
Unterstützung ein paar dicke Brummer der Flotte und ließ
die Unabhängigkeit der Provinz ausrufen. Schon zwei
Wochen später anerkannte man die »Republik Panama«
und kaufte ihr für zehn Millionen Dollar die Zone von
fünfzehnhundert Quadratkilometern als amerikanisches
Hoheitsgebiet ab. Mir scheint, Sie haben ein paar böse
Worte auf der Zunge?
Nicht doch! Das steht uns nicht zu. Quod licet Jovi, non
licet bovi.
1905 wurde Theodore Roosevelt wiedergewählt. In
seiner zweiten Amtsperiode konnte er sich nun auf
seine innenpolitischen Pläne stürzen. Ach ja, ehe ich es
vergesse: In der Republik Santo Domingo herrschten
Inflation und Hunger. Die Vereinigten Staaten waren so
freundlich, sie hilfreich zu befrieden. Teddy scheute
wirklich keine Mühe, auch die unwürdigsten Länder
glücklich zu machen. Leider gab es in Südamerika immer
noch einige Bockbeinige, die ihr Glück nicht einsehen
wollten, sondern behaupteten, die USA schicke sich an,
der größte Raubvogel der Erde zu werden. So sind die
Menschen. Nun aber zu Roosevelts Fehdehandschuh
gegen das Kapital. Es ist viel darüber geschrieben
worden. Sein erster Schlag war, nach zweijährigem
Prozeß, die Entflechtung der Northern Security
Company. Dann kamen ein Lebensmitteltrust, ein
Tabak- und ein Chemietrust an die Reihe. Weitere
folgten.
Die Zeitungen hatten Schlagzeilen, die sehr schön
klangen, und die kleinen Leute freuten sich. Er war
schon ein guter Mann, dieser Roosevelt!
Die Prozesse hatten leider mehr theoretischen als
praktischen Wert. Die meisten Trusts gründeten sich an
anderem Ort und unter anderem Namen neu. Ja, sogar das
war überflüssig, denn, ob entflochten oder nicht,
Morgan, Rockefeller und wenige andere hielten die
Aktien fest in der Hand. Und Aktien sind ja kein Trust.
Holding war unangreifbar, das war das Neue. Holding
war ein Panzerschrank, gefüllt mit Aktien. Ich möchte es
Ihnen an einem drastischen Beispiel deutlich machen:
Ein Mann besitzt tausend Häuser, ein Gesetz verpflichtet
ihn, die Hälfte davon abzustoßen. Wen das Gesetz nicht
erfaßt, ist der Mann mit dem Panzerschrank, der auf
jedem der Häuser einundfünfzig Prozent Hypotheken
hat - und behält. So einfach ist das; nur würde es kein
Finanzexperte so formulieren. Auch der Chemiker sagt
nicht »Wasser«, sondern H2O, damit Sie's nicht so
schnell verstehen. Eigentlich hat Teddy Roosevelt nur
dazu beigetragen, die Unverwundbarkeit des Holding zu
beweisen. Aber er war zufrieden, denn eines hatte er
tatsächlich erreicht: daß der Staat die Kontrolle der
Preise auf den lebensnotwendigen Sektoren in die Hand
bekam. Und er hat einmal bei einem Kohlenstreik hart
durchgegriffen, indem er nicht die Bergarbeiter zur
Unterwerfung, sondern die Grubenherren zur
Lohnerhöhung zwang. So ein doller Kerl war er! Wenn
er auch nicht die Welt aus den Angeln hob, so hatte er die
Welt zumindest Mores gelehrt. Als zwei so alte,
ehrwürdige Reiche wie Rußland und Japan den
berühmten »Tshushima«-Krieg führten, übernahm der
Nouveau Riche Amerika die Schlichterrolle. Die USA
waren in den Kreis der Weltmächte vorgestoßen. Das
Wahljahr 1908 nahte. In der Wallstreet war man sich
einig, daß Teddy Roosevelt ein bißchen zu populär und
ein bißchen zu selbständig geworden war. Man fand, er
sollte in Pension gehen. Weisungsgemäß stellte die Partei
ihn nicht mehr auf, obwohl eine dritte Amtsperiode
damals noch nicht verboten war.
Teddys Popularität genügte jedoch, einen Mann seiner
Gunst auf den Präsidentenstuhl zu heben; er mochte ihn,
er hatte ihn jahrelang als Staatssekretär für die
Verteidigung um sich gehabt: William Taft. Wieder ein
Cleveland-Typ, ebenso massig, nur behäbiger. Laßt dicke
Männer um mich sein, sagte mit Shakespeare die
Hochfinanz und akzeptierte ihn. Er erweckte Vertrauen,
so, wie Fürst Bülow Vertrauen erweckte, obwohl nicht
viel dahintersteckte.
Im großen und ganzen machte er seine Sache recht brav; er
löste auf dem Papier noch wacker ein paar Trusts auf,
setzte die Direktwahl der Senatoren durch und führte die
progressive Einkommensteuer ein, die es bisher nicht
gegeben hatte. Sonst jedoch zerschlug er kein Porzellan
und eroberte auch nichts. Die vier Jahre strichen friedlich
dahin. Taft gedachte, noch einmal zu kandidieren, weil es
so schön glattgegangen war.
Da geschah etwas höchst Merkwürdiges. Teddy Roosevelt
kam im Galopp aus Afrika und vom Kaisermanöver
Wilhelms II. angebraust, gründete in Eile eine dritte
Partei, die er »Progressive Party« nannte, und
präsentierte sich als Kandidat. Er beschimpfte alle, Taft
eingeschlossen, und führte sich wieder mal als Rauh-
Reiter auf. Ehrlich gesagt, ich glaube doch, er hatte einen
Klaps. Was er perfekt erreichte, war die Spaltung der
Konservativen. Lachender Dritter: der demokratische
Kandidat. Er hieß Woodrow Wilson und lachte natürlich
nicht, denn er war Universitätsprofessor. Zum ersten und
seitdem letzten Male zog also ein Vertreter jener Gattung
Mensch ins Weiße Haus, die die Amerikaner Egghead
zu titulieren pflegen, Eierkopp; auch highbrow, was
soviel heißt wie Intelligenzbestie.
Wilson war in Wirklichkeit weder das eine noch das
andere, sein akademischer Grad täuschte, wie so oft.
Wilson hat Theodore Roosevelt einmal einen »Wirrkopf«
genannt; wie umgekehrt Roosevelt Wilson bezeichnet hat,
möchte ich nicht wissen.

Wilson war das krasse Gegenstück. Er war groß und dürr.


Ein Stubenhocker mit langem, glattrasiertem Gesicht,
bebrillt und ausdruckslos. Er sieht auf den Fotos stets aus
wie ein Oberlehrer bei einer Klassenaufnahme.
Zweifellos war er eitel. Seine Familie stammte aus
Virginia. Traditionsgemäß neigte er zu den Demokraten.
Erst 1910, also kurz vor seiner Wahl, begann er sich mit
Politik zu beschäftigen. Tatsächlich hatte er auf den
meisten Gebieten keinen Schimmer. Aber als
systematischer Denker würde er das schon hinkriegen.
Sein neuer Staatssekretär und Freund Bryan besaß
außenpolitisch ebenfalls keine Erfahrung, sie vertrauten
sich gegenseitig. Gott wird helfen; Wilson war strenger
Calvinist aus Pfarrershaus. Ich frage mich heute, warum
er eigentlich gewählt wurde. In der kurzen Zeit als
Gouverneur von New Jersey (nachdem er Princeton
verärgert verlassen hatte) konnte er nicht populär
geworden sein. Mehr geholfen haben ihm in
maßgeblichen Kreisen wohl seine rechts- und
staatswissenschaftlichen Bücher, aus denen man
herauslesen konnte, daß er im englischen Sinne liberal
dachte, daß er die Wirtschaft für eine Säule der Welt, das
amerikanische Volk für prachtvoll, den einfachen Mann
für moralisch und jede Bevormundung durch den Staat
für falsch hielt. Unerschütterlich (erschütternd
unerschütterlich) war seine Überzeugung, der Mensch sei
in Wahrheit ein verhinderter Engel und bedarf nur
Wilsons Ideen, um vollkommen zu werden. Amerika hat
viele Käuze gehabt - er war einer der gefährlichsten, weil
er seine Glaubenssätze mit der unbelehrbaren
Hartnäckigkeit von Professoren durchzusetzen versuchte.
Ich höre immer, er sei aber besten Willens und reinen
Herzens gewesen. Ich pfeife auf reine, beste Herzen, die
so labil und weltfremd sind, daß sie ein Spielball robuster
Schufte werden. Und das wurde er. Es war - je nachdem,
wie man es sieht - eine schwere oder eine leichte
Aufgabe, die er vorfand. Eine leichte, weil er, wie
mancher Präsident vor ihm und mancher nach ihm, hätte
weiterwursteln können, denn das Leben lief unter der
Leitung der Hochfinanz wie geschmiert. Eine schwere,
wenn er wirklich vorhatte, den Staat zu lenken. Er war
wie jemand, der bisher nur Moped gefahren und nun an
das Steuer eines Fünftonners gesetzt worden war.
Amerika lief, um es stilgerecht auszudrücken, auf
siebentausend Umdrehungen. Es war schon halb
automatisiert, die Elektrifizierung marschierte,
Autoschlangen schoben sich auf den Straßen, unter den
Hochhäusern New Yorks sauste eine Untergrundbahn,
Flugzeuge brummten hoch in der Luft, Warenhäuser
drängten sich in den Hauptstraßen der Städte, schon
mußten die Parks und Grünanlagen die Rolle der Lungen
übernehmen, Dunstglocken lagen über den
Industriezentren, die Wallstreet wuchs immer höher und
wurde immer düsterer. Der Puls New Yorks, Bostons,
Philadelphias, Chicagos, Detroits, San Franciscos pochte
so laut, daß man ihn auch in Europa dröhnend in den
Ohren hatte. John Pierpont Morgan lieh Großbritannien
fünfzig Millionen Dollar mit der linken Hand,
sichtbarstes Zeichen der Macht Amerikas. Die Industrie,
vor allem sie, wucherte - und hier lag der Punkt für die
Verwundbarkeit des Riesen. Präsident Professor Wilson
machte sich Sorgen. Selbstverständlich war ihm
schleierhaft, wie der komplizierte Apparat funktionierte
und wie man versorgen müßte. Die Hochfinanz hätte es
ihm sagen können, aber sie sparte sich die Mühe. Denn
während der Professor noch an den Nägeln kaute, spürte
sie bereits deutlich ein warmes Lüftchen. Wenn man
anfangs noch im Zweifel sein konnte, so bekam man im
Sommer 1912 die Gewißheit, als beim Abschiedsbankett
der französischen Manöver der russische Großfürst
Nikolaj Nikolajewitsch als Ehrengast unter dem
Beifallsklatschen der Generäle den Trinkspruch
ausbrachte: »Auf unsere künftigen Siege - Auf
Wiedersehen in Berlin, messieurs!« Ein Geschenk des
Himmels! Auch Wilson hatte natürlich die Nachrichten
aus Europa studiert, nur las er den Text anders. Was
braute sich um Gottes Willen da zusammen? Wurde der
alte Kontinent denn nie vernünftig? Warum im
zwanzigsten Jahrhundert noch diese kannibalischen
Gelüste, diese Angst voreinander, dieses
Revanchegeschrei Frankreichs, dieses ermüdende
Säbelgerassel Deutschlands, dieses Knurren Rußlands?
Die Welt konnte doch so schön sein (sofern man nicht
gerade in Pittsburg wohnte). Hatten die USA nicht die
Macht, einen drohenden Krieg zu verhindern, ja einfach
zu verbieten?
Bei diesem Gedanken fuhr der Wallstreet der Schreck in
die Glieder. Der Präsident mußte sofort in Arbeit
genommen werden.
Zunächst wurde ihm klargemacht, daß es Deutschland
war, das zum Kriege drängte. Die Entente wünschte den
Frieden. Das sah Wilson ein. Er sah auch ein, daß der
sicherste Weg zur Erhaltung des Friedens die kräftige
Unterstützung der Westmächte war. Vom Geschäft wurde
nicht gesprochen, das hätte Wilson erschreckt. Im
Gegenteil, man sprach von Opfern, die der amerikanische
Staat bringen müßte. Das klang gut. Wilson liebte den
Frieden aufrichtig. Was sich da in Europa
zusammenbraute, rüttelte an den Grundfesten seines
Glaubens an die Menschheit. Nun gut, dann mußte
Amerika eben Opfer bringen. England und Frankreich
sollten wissen, daß sie sich darauf verlassen könnten.
Eine Flut von Rüstungsaufträgen lief ein. Die
amerikanische Schwerindustrie stellte sich auf Waffen
um. 1913 gingen bereits siebzig Prozent des gesamten
Exports als Rüstungslieferungen nach Frankreich und
England. Der Wert steigerte sich von achthundert
Millionen innerhalb der nächsten zwei Jahre auf drei
Milliarden Dollar. Noch nie hatten die Schornsteine so
lustig geraucht. Und wie beruhigend, daß für den
gigantischen Pump, den England und Frankreich
machten, Washington einstand. Der Präsident hatte nun
Muße, seiner Lieblingsidee nachzugehen. Es war die alte
Frage: Zentralbank oder nicht? Hatte Old Hickory
Jackson einst recht getan, als er die Bundesbank auflöste?
Wilson fand, Amerika brauchte wieder eine Zentralbank.
Nun kann man angesichts des Jahres 1913 über die
Dringlichkeit dieses Vorhabens geteilter Meinung sein;
Wilson fand es hochaktuell, er hatte mal
volkswirtschaftliche Vorlesungen gehalten. Inzwischen
rollten Kanone auf Kanone und Granate auf Granate nach
Europa.
Dann ging Wilson daran, die Zölle zu senken. Er fand
auch das hochaktuell. Man schrieb inzwischen 1914. Als
er noch an diesen Kinkerlitzchen bosselte, fiel der Schuß
in Sarajewo. Am 28. Juni wurden der österreichische
Thronfolger und seine Gemahlin von einem serbischen
Nationalisten oder gedungenen Mörder erschossen. Die
Dinge rollten nun blitzschnell ab. Wien rüstete eine
Strafexpedition, Rußland stellte sich aus Berechnung
hinter Serbien und verfügte noch im Juli die
Generalmobilmachung. Der englische Außenminister
Grey bekräftigte seine Treue zur Allianz, Kaiser Wilhelm
versuchte zu schlichten, Wien lehnte im Vertrauen auf
das Bündnis mit Deutschland ab, alle rannten kopflos zu
den Waffen. Nikolaj Nikolajewitsch und Poincaré hatten
ihr Ziel erreicht, der Weltkrieg war da, und Deutschland
war der Tor, der ihn offiziell erklärt hatte.
Es ist historisch, daß Wilson, als der Krieg vier Jahre
später zu Ende war, nachts an seinem Schreibtisch saß
und weinte. Hat er in jener Nacht vom 2. August 1914
auch eine Träne vergossen? Ich glaube nicht. Zu dieser
Zeit wußte er noch gar nicht, was ein Weltkrieg ist. Wir
übrigens auch nicht. Unsere letzte Erinnerung waren
Kürassiere und Dragoner, Biwaks, der Trompeter von
Mars-la-Tour und wehende Fahnen über Pickelhelmen.
Jetzt aber hatte Amerika die Ausstattung in die Hand
genommen, und unter den Lieferungen waren keine
Trompeten.
Es galt nun, sich mit diesem abscheulichen Krieg zu
befassen. Die Zeitungen, die Berichte der Botschafter, die
Notizen des Außenministeriums stapelten sich jeden
Morgen zu Bergen auf dem Tisch des Präsidenten. Die
Russen sprachen ganz offen davon, die Donaumonarchie
zu zerstückeln, um ans Mittelmeer zu kommen, die
Pariser Zeitungen schrieben, der Rhein müsse
Frankreichs Grenze werden, die Briten wollten - Wilson
stützte den Kopf in die Hände, er schmerzte ihn, und
dann liefen ihm die Gedanken davon. Es geschah jetzt
oft, wenn er angestrengt nachdachte. Er versuchte, sich
zu konzentrieren. Alles, was er las, war böse. Jeder wollte
etwas, der eine dies, der andere das. Aber sicher war, daß
dieser schreckliche deutsche Kaiser die Weltherrschaft
wollte. Wilson nahm sich noch einmal die Akte vor, die
ihm der amerikanische Gesandte in Konstantinopel,
Morgenthau, geschickt hatte. Er berichtete »aus sicherer
Quelle«, daß bereits am 5. Juli, also im »tiefsten
Frieden«, in Potsdam ein geheimer Kronrat von
deutschen und österreichischen Diplomaten, Generälen
und Rüstungsindustriellen unter Vorsitz von Wilhelm II.
definitiv den Krieg beschlossen habe. (Diese von der
Entente zum Beweis der deutschen Kriegsschuld ausgenutzte
Meldung war (inzwischen erwiesen) eine bewußte Lüge. Es
gab eine Potsdamer Konferenz, sie beriet die politische Lage,
nichts weiter. Anschließend trat der Kaiser sogar eine
Nordlandreise an. Dieser Morgenthau ist übrigens körperlich
nicht identisch mit dem Henry Morgenthau von 1945).
Auch der sozialdemokratische deutsche
Reichstagsabgeordnete Cohn habe es »bestätigt«. Wilson
seufzte. Er wollte Friedens-, nicht Scharfrichter sein. So
trat er vor das Volk und verkündete die Neutralität der
USA.
Ja, war der Mann denn wahnsinnig geworden? Ein
neutrales Amerika, das die Lieferungen für die Alliierten
einzustellen hatte, mußte an den Rand des Ruins
kommen! Das ganze Land produzierte bereits für den
Krieg! Wenn der Präsident das nicht sah - die Hochfinanz
sah es. Es gab nur die Alternative: entgegen dem
Völkerrecht weiter zu liefern oder in den Krieg
einzutreten. Eine nüchterne Überlegung. Aber Wilson
war nicht nüchtern. Also mußte er es werden. Dazu
würde eine Roßkur nötig sein. Während man in der
Wallstreet noch beriet, trat ein Ereignis ein (Februar
1915), das schnellstes Handeln erforderte: Die Deutschen
setzten ihre Unterseebootflotte ein und ließen kein
amerikanisches Transportschiff mehr durch.
Die Kriegspartei (nennen wir die mächtige Gruppe von
Politik und Hochfinanz einmal so) entschloß sich, den
Präsidenten mit einem verzweifelten Mittel zu belehren.
Ein riskanter Plan, aber solide, denn vorsichtshalber war
auch der Erste Lord der britischen Admiralität, Mr.
Winston Churchill, verständigt. Die Gelegenheit war da.
Als der britische Passagierdampfer »Lusitania« mit
tausend Reisenden (darunter hundertachtundzwanzig
Amerikanern) an Bord von New York auslief, hatte man
ihn mit Kanonen gespickt und bis unter die Kabinen voll
Munition gepfropft. Sobald das Schiff auf hoher See war,
ließ man dem deutschen Geheimdienst die Nachricht von
dem Waffentransport »verraten«.
Es klappte. Ein deutsches U-Boot torpedierte am 7. Mai
1915 das Schiff in den englischen Gewässern. Die
Lusitania flog mit allen Opfern in die Luft. Der
ahnungslose Wilson war entsetzt. Er war es auch noch,
als ihm eine Note aus Berlin die Augen öffnete. Ja,
öffnete sie ihm die Augen? Konnte er den Hunnen
überhaupt noch ein Wort glauben? Schnitten sie nicht den
belgischen Kindern die Hände ab? Hatten sie in
Frankreich nicht Gift in die Brunnen geschüttet? Er
antwortete der deutschen Heeresleitung, er würde einen
Wiederholungsfall als »unfreundlichen Akt« betrachten.
Man wird nicht schlau aus diesem Mann. Auch das
amerikanische Volk ahnte die Wahrheit über die
»Lusitania« nicht. Es war hin- und hergerissen zwischen
Empörung und Furcht, in den Krieg verwickelt zu
werden. Es glaubte sich noch im tiefen Frieden und war
Wilson dankbar. So wurde Professor Wilson 1916 zum
zweitenmal zum Präsidenten gewählt.
In Deutschland glaubte der Reichstag die Amerikaner
ebenfalls noch im tiefsten Frieden und forderte die
Einstellung des U-Bootkrieges. Die Admirale sahen klar
und forderten die Verstärkung. Sie setzten sich durch. Im
März 1916 versenkten deutsche U-Boote abermals einen
Passagierdampfer, den sie irrtümlich für ein Kriegsschiff
gehalten hatten: die französische »Sussex«. Wieder
waren Amerikaner an Bord gewesen. Wilson hieb mit
der asthenischen, mageren Faust auf den Tisch: Schluß
jetzt! Die Industrie atmete auf, aber zu früh.
Der Präsident ließ nur ein Ultimatum los, Deutschland
dürfe künftig kein Passagierschiff mehr ohne
Untersuchung angreifen.
Denn - das war die neueste Erkenntnis Wilsons - man
mußte scharf trennen zwischen einem Volk und seinen
verderbten Machthabern. Vielleicht hatten die Deutschen
doch keine Kinderhände abgeschnitten? Er wollte so gern
daran glauben. Das deutsche Volk konnte so vielleicht
einigermaßen gut bleiben und mußte lediglich von seiner
Führung befreit werden. Befreier - Kreuzritter - Erlöser -
selbstlos - es ist die amerikanische Autosuggestion, die
sich durch die ganze Geschichte der USA zieht. Worauf
wartete Wilson noch?
Die Hochfinanz wünschte kurzen Prozeß zu machen. Auf
den Kriegsschauplätzen standen die Dinge nicht gut. Die
Soldaten waren müde, die Toten gingen in die Millionen.
Die Somme-Schlacht hatte nichts gebracht, Rußland stand
vor dem Zusammenbruch. Man hatte nun schon
fünfunddreißig Milliarden in die Rüstung der Alliierten
gesteckt, was stellte Wilson sich eigentlich vor, war er
blind? J. P. Morgan jr. (die Kredite und
Schuldverschreibungen liefen über sein Haus) beschloß
die Kriegserklärung. Der Kongreß war reif gemacht. Am
6. April 1917 trat Amerika an die Seite seiner Freunde,
um seine Milliarden zu retten. Der Krieg war zum
Weltkrieg geworden.

In Gottes Namen also!


Die Industrie drehte den Hahn voll auf. Kriegs- und
Handelsschiffe liefen nun im Konvoi aus und karrten über
den Ozean, was die Fabriken hergaben. Im September
warfen die Vereinigten Staaten die erste halbe Million
frischer Truppen an die Westfront. Sie waren wunderbar
ausgerüstet, wunderbar genährt und wunderbar
ahnungslos.
Natürlich kamen sie mit eigenem Oberbefehlshaber. Der
General hieß John Pershing und genoß das
uneingeschränkte Vertrauen Wilsons, denn er war ein
erprobter Militär. Er hatte, wie es offiziell heißt, »an
Indianerkämpfen teilgenommen« (1860 geboren!), dann an
den Eingeborenenkämpfen auf den Philippinen, und
schließlich hatte er die Truppen befehligt, die den
mexikanischen Bandenführer Sancho Pansa - pardon, ich
meine Pancho Villa - erfolglos bekriegt hatten. Der
geborene Feldherr also. Nach dem Kriege kletterte er die
Leiter noch eine Sprosse höher und wurde Bankdirektor.
Das ist der Ritterschlag der Wallstreet.
Brillant verstanden die Amerikaner, zunächst nur ihre
Feuerwalze einzusetzen. Südlich von Verdun bei Saint
Mihiel erfochten die Kanonen und Panzer einen schönen
Sieg gegen die bereits im Rückzug begriffenen deutschen
Truppen. Er wurde sehr gefeiert.
Dann verlangte die alliierte Heeresleitung endlich den
massierten Menscheneinsatz. Pershing war bester
Stimmung. Eine Million Mann, unterstützt von
achthundert Flugzeugen und dreihundert Tanks, griffen
im Argonnerwald an. Innerhalb von wenigen Tagen waren
hundert-zwanzigtausend Amerikaner gefallen. Weitere
Leiden blieben ihnen erspart. Den Franzosen und
Engländern war ein Zentner Corned beef lieber als alle
Generäle Amerikas.
Es ging auf den Herbst 1918 zu. Das Ende war abzusehen.
Granaten, Panzer und Butter sollten den Krieg zu Ende
führen. So geschah es dann auch. Es konnte sich nur noch
um Wochen handeln, und die Hölle war vorüber. Am 3.
Oktober 1918 bat Reichskanzler Max von Baden den
amerikanischen Präsidenten, den Frieden auf der Basis
jener Bedingungen zu vermitteln, die Wilson im
September in einer Kongreßrede der Welt verkündet
hatte. Es sind die berühmten »vierzehn Punkte«, in denen
er einen Frieden verlangte, der keinen Unterworfenen
und keinen Triumphator kennen sollte; nur eines
verlangte er: die Abdankung des deutschen Kaisers.
Diese Bedingung erfüllten die Deutschen von selbst; am
9. November stürzte eine Revolution das
Hohenzollernhaus. Wilson klammerte sich mit aller
Macht an diesen Frieden der Aussöhnung. Die Völker
waren doch gut! Er war der einzige, der in diesem
Augenblick noch an die »vierzehn Punkte« glaubte.
England und Frankreich hatten in Geheimverträgen
bereits die totale Ausbeutung und Erniedrigung
Deutschlands beschlossen. Bei der Kapitulation, die ganz
offen »bedingungslos« genannt wurde, wischte man die
Ideen des alten Narren in Washington mit einer
Handbewegung vom Tisch. Marschall Foch packte seine
pralle Aktentasche aus, und siehe da, es war nichts
vergessen: von Landabtretungen und
Gebietszerstückelungen über generationenlange
Reparationszahlungen und dem Ausschluß aus der
Gemeinschaft der Völker bis zu den lächerlichsten
Dingen. Wer noch einen Wunsch hatte, brauchte ihm nur
ein Zettelchen zuzustecken, und es kam in den Versailler
Vertrag.
Das amerikanische Volk hatte volles Verständnis. Die
Propagandamaschine hatte gut gearbeitet. Es kam bei den
Amerikanern noch ein anderer Instinkt auf: die politische
Fahrerflucht. Der Mann auf der Straße wünschte, sich mit
dem überfahrenen Deutschland nicht mehr zu
beschäftigen. Ein Amerikaner sagte mir einmal in den
dreißiger Jahren: »Was wollen Sie! Wir haben uns doch
nach 1918 nicht mehr um Sie gekümmert, sondern Sie
machen lassen, was Sie wollten!« Wie wahr! Siehe Lucas
10, Vers 30 bis 32.* Die USA hätten den Frieden
diktieren können, aber sie begingen Fahrerflucht.
Mit dem armen Wilson fühlte niemand Mitleid. Er ist eine
fast tragische Figur. Die Erbitterung, die die Deutschen
gegen ihn empfanden, war unberechtigt und zeugt von
unserer kindlichen Gläubigkeit an den Weihnachtsmann.
1919 erhielt der Weihnachtsmann den Friedensnobelpreis.
1920 wurde der »Friedenspräsident« abgewählt, »weil er
sich vom Kriege nicht trennen konnte« und die USA ‚

* »Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und
fiel unter die Räuber, die zogen ihn aus, schlugen ihn und
gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber, daß
ein Priester dieselbe Straße hinabzog, und da er ihn sah, ließ er ihn
liegen. Derselbigen gleichen auch ein Levit, da er kam zu der Stätte,
und sah ihn, ging er vorüber.«
nicht mit dem ganzen europäischen Kram in Ruhe lassen
wollte. Quae mutatio rerum! Wirklich? Kennen Sie die
Welt immer noch nicht?
XVII

Man war nun wieder unter sich.


Zweierlei hatte sich erwiesen, und das war so erfreulich,
daß sich auch der kleinste Mann die Hände reiben konnte:
Die USA waren die mächtigste Nation der Erde. »Wir
möchten bescheiden darauf hinweisen, daß wir der Gipfel
sind. Vor uns ist niemand, nur weiterer Fortschritt; und
auf unseren Spuren folgt die übrige Welt - sofern sie
begreift, was gut für sie ist« (Aus einer Publicity-
Schrift). Und sie waren die moralischste Nation der Welt,
denn sie hatten diese Welt wieder in Ordnung gebracht;
Opfer genug hatte es gekostet, Gott weiß es. Nun sollten
sich die anderen aber mal zusammenreißen und auch gut
werden. Dieser Satz klingt kindlich? Dieser Satz klingt
amerikanisch.
Die Politiker der USA sind niemals große Leuchten
gewesen, aber solch blinde Hennen wie nach dem Ersten
Weltkrieg waren sie selten. Sie brüteten drei für die
Welt fürchterliche Kuckuckseier aus, ohne es auch nur zu
ahnen. Das scheint ihr Schicksal nach jedem Krieg zu
sein. Das erste Kuckucksei war das Abladen der
französischen und englischen Rüstungsschulden auf
Deutschland, auf ein Deutschland, das inzwischen
demontiert, der Kolonien beraubt, zerstückelt und besetzt
war und das sichtbar völlig außerstande sein würde, das
Versailler Diktat zu erfüllen. Die Reparationssumme war
irrsinnig, und zwar absichtlich. Die amerikanische
Hochfinanz wußte in unseren Taschen sehr wohl
Bescheid, der Betrag war so astronomisch hoch angesetzt,
damit er nicht abgetragen werden sollte. Ein Beweis
dafür ist auch die Klausel, daß die Schuld weder in
Lieferungen noch in Mark, sondern in Golddollar zu
bezahlen war, wovon in Deutschland nicht so viele
existierten wie das Schwarze unter dem Nagel. Nein,
das Aufbringevermögen Deutschlands sollte nicht die
Schulden abtragen, sondern mit Mühe und Not für die
Zinsen reichen, die Zinsen jener gigantischen Summe, die
sich nie verringern würde. Das Perpetuum mobile schien
erfunden.
Die Saat zu einer Empörung, zu einem verzweifelten
Aufbäumen Deutschlands war gelegt. John Pierpont
Morgan sah es nicht, oder es war ihm egal. Der
»Völkerbund«, auch eine von Wilsons grandiosen Ideen,
erreichte wenigstens im Lauf der Jahre, in denen über
Deutschland die apokalyptischen Geißeln der Inflation,
Arbeitslosigkeit, Hungersnot und Selbstmordepidemien
hinweggegangen waren, daß die Zahlungen Schritt für
Schritt gesenkt wurden. Wir wollen dem Debattierklub in
Genf nicht zu viel Verdienst zuschreiben; er würde
nichts erreicht haben, wenn die USA nicht inzwischen
eingesehen hätten, daß ein lebendes Deutschland immer
noch zahlungskräftiger ist als ein totes.
Das zweite, von den Amerikanern völlig verkannte und
bagatellisierte Fazit des Krieges war die Geburt des ersten
kommunistischen Staates der Welt. Die deutsche
Heeresleitung hatte 1917 in der Not Lenin aus der
Schweiz herausgeholt und als Verkäsungsbakterie in
das zaristische Rußland geschleust. Ihre Rechnung, eine
bolschewistische Revolution würde unsere Ostfront
entlasten, ging auf. Es ging aber noch etwas anderes auf:
eine rote Sonne von riesigem Ausmaß. Amerika, für das es
eine Kleinigkeit gewesen wäre, 1918 das
bolschewistische Regime wieder verschwinden zu
lassen, begriff nicht, was passiert war. Kommunismus
schien ihnen nach ihrer Erfahrung Unzufriedenheit mit
der Arbeitszeit und Forderung nach Lohnerhöhung.
Der Kommunismus war aber schon damals etwas ganz
anderes. Er hatte bereits die Stufe des Sozialismus hinter
sich gelassen und die Form eines fanatischen
Bekenntnisses, die Form einer schwärmerischen
Menschheits-Erlösung, angenommen. Wer sah es? Das
dritte Kuckucksei legten sie in das eigene Nest, aber es
hatte fürchterliche Auswirkungen für die ganze Welt: die
Prohibition.
Es war noch Woodrow Wilson, dieser Unglückswurm,
der das Alkoholverbot in der Verfassung verankerte. Er
ist nicht schuld - wann war er je schuld? Die Idee war
aus dem Volk gekommen, aus
puritanischschwärmerischen Kreisen und aus den
Frauenvereinigungen. Die einen werkelten immer noch
am idealen amerikanischen Menschen als Gottes
Ebenbild, das natürlich nicht ständig betrunken sein
konnte; die anderen, die Frauen, waren teils
Blaustrümpfe, teils wirklich verzweifelt über die
Männer, die mit der Flasche täglich so oft verkehrten wie
mit ihnen im Monat.
Nun gibt es in der Welt keine tatkräftigeren und kürzer
entschlossenen Menschen als die Amerikaner, wenn's um
die Moral geht. Wären sie damals im Paradies zuständig
gewesen, so hätten sie das Verspeisen von Äpfeln nicht
verboten, sondern einfach alle Apfelbäume umgehauen
und damit den Teufel zu einem schwunghaften
Schwarzimport von Äpfeln eingeladen.
Genau das geschah 1919 - ein Jahr, das man rückblickend
zur Hölle wünschen möchte, denn es gebar in Amerika
eine neue Geißel unseres Jahrhunderts: das organisierte
Verbrechen. Es wurde eine Wirtschaftsmacht. Die Idee,
die da geboren wurde, war gültig für alle Zeiten wie eine
mathematische Formel. Viren und Bazillen sterben ab,
wenn man ihnen den Nährboden entzieht; der aus der
Prohibition geborene neue Verbrechenstyp steigt auf
anderen Boden um. Von nun an sollte Amerika, und bald
die ganze Welt, mit dieser Geißel leben.* Es ließ sich
harmlos an. Man schmuggelte ein bißchen, man panschte
als Apotheker ein bißchen, man verlegte das
Geburtstagsfestchen auf ein Schiffchen unter fremder
Flagge. So ging das, bis sich eine Gruppe von Männern,
die von Haus aus ein besonderes Talent für
verbrecherische Verschwörung mitbrachte, der Sache
annahm: die sizilianischen Einwanderer. Geschult in der
schon seit hundert Jahren bestehenden Mafia, wußten sie,
wie man so etwas organisiert. Sie sammelten - was nicht
schwer war -ehemalige Mafiosi um sich, schweißten sie zu
»gangs« zusammen, versorgten sich mit schweren
Waffen, verteilten systematisch die Aufgaben und gingen
an die Arbeit. Die Bosse sorgten für Verbindungen mit
der Justiz, mit der Polizei, mit dem Zoll, und den Rest
besorgte der Terror. Unter dem Schutz der Bestechung
und dem Schutz der Maschinenpistolen begann nun der
Alkoholschmuggel in großem Stile. Wenn Amerika
bisher noch keine Säufernation gewesen wäre, jetzt, mit
dem Reiz des Verbotenen, wurde sie es. Abends, in
einer der dreißigtausend New Yorker Flüsterkneipen
hockend oder zu Hause vor der Zeitung sitzend und den
Fusel saufend, verfolgten die Amerikaner mit größtem
Interesse und leichtem Gruseln die Kriege der
rivalisierenden Banden und die Straßenschlachten, die
bald zum täglichen Brot wurden. Die Justiz veränderte

* »Das organisierte Verbrechen ist fester Bestandteil des


american way of life« (Der Anthropologe Frank Janni).
sich von Grund auf. Wenn sie nicht bestochen war, war
sie terrorisiert. Es ging Schritt für Schritt bergab, sie
verriet ihre Würde und die Humanitas und stellte sich
auf die Stufe eines Komplizen. Ihre Hilflosigkeit
verdiente langsam Verachtung.
So kläglich die Rolle war, so strahlend erstanden auf
der Seite des Verbrechens die Killer, die
Unüberwindlichen, die Superbosse, die »berühmt«
wurden. Es dauerte nicht lange, dann empfand das
gelangweilte Großstadtvolk die »ganz Großen« als
Heldenersatz. Namen wie Bugs Moran, Lucky Luciano,
der spätere Heroinkönig, und AI Capone traten
ebenbürtig neben Vanderbilt. AI Capone! Was für ein
Mann! Nicht nur, daß sein Trust ebenso fest gefügt war:
seine Macht war größer. Er hätte jederzeit am hellen
Tage einen x-beliebigen Menschen niederschießen
können, ohne daß viel davon gekommen wäre. Das
konnte Vanderbilt nicht.
Als die Verbrechersyndikate fest wie ein Betonblock standen,
begannen sie, auch die ergiebigsten anderen Arten von
Kriminalität in die Hand zu bekommen. Sie unterwarfen sich
die Tausende von Einzelgängern und organisierten den
Kinderraub, den Autodiebstahl, die illegalen Rennwetten,
die Spielhöllen, die Prostitution, den »Schutz« der kleinen
Geschäftsleute, den Einwandererschmuggel sowie auch
systematisch den Mord-Service. Das Wort »die
amerikanische Unterwelt« wurde ein Begriff. Bald sah man
auch in Europa deutlich die ersten Metastasen.
Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, lebte es sich in diesen
»goldenen zwanziger Jahren« herrlich in Amerika, Der
neue Präsident Warren Harding (wieder einer der bekannt
tüchtigen Ohio-Männer) brauchte nicht zu verheimlichen,
daß er ein gehorsamer Diener des Geldes war; die
Bevölkerung war es auch.
»Es ist eine Lust, zu leben«, konnte jetzt Hutton, wie
einst Hütten, sagen. Aus den Zehn-Cents-Drugstores
wurden Warenhausketten, wie sie Europa sich nicht
träumen ließ; aus Zapfstellen wurden Benzinstationen. Der
Maurer mit seinen zwei Gesellen wuchs sich zum Baulöwen
mit Lastwagen, Kränen, Baggern und hundert
Angestellten aus. Zehn Millionen Amerikaner besaßen
schon ein eigenes Haus. Täglich verließen über
fünftausend Autos das Fließband der Ford-Werke. In allen
Räumen plärrten die Radioapparate. Caruso sang in der
»Met« und bekam zehntausend Dollar für einen Abend.
Der Klinkenputzer, der mit Zeitschriften oder
Staubsaugern treffauf treppab lief, und der Schuhputzer,
der in der Halle der Bürohäuser saß, verdienten gut. Sogar
Klosettmann war ein höchst begehrter »Job«. So verstand
Amerika zum Beispiel die menschliche Tragik in dem
alten Emil-Jannings-Film »Der letzte Mann« (eben der
Klosettwärter) überhaupt nicht. Es hielt Deutschland für
arrogant, ja, eigentlich für unverschämt in seinem
Naserümpfen über einen Job.*
Ja, es war wirklich arrogant nach einem verlorenen
Kriege, mit seinen Schulden, mit den Straßen voller
Kriegskrüppel und mit einer Inflation, die
Hunderttausende bettelarm werden ließ und jährlich
Tausende in den Selbstmord trieb. Amerika sah das
apokalyptische Schauspiel zwar nur von weitem, aber es
erbitterte eher, als daß es rührte. Das also war
übriggeblieben von der erträumten Weltherrschaft des

* »Job« ist nicht »Beruf«, »Job« steht höher als Beruf.


Jemand, der auf seinen Beruf angewiesen ist, Zahnarzt,
Landmesser, Schornsteinfeger, hat noch nicht bewiesen, daß er tüchtig
in allen Lebenslagen ist. Nur das alberne Europa dachte anders, weiß der
Himmel, warum.
Kaisers, der nun in Doorn Holz hackte, statt einen Job zu
übernehmen!
Die Amerikaner fingen an, Ferientrips in den alten
Kontinent zu unternehmen. Es gab ein gönnerhaftes
Gefühl: Der ehrbare, reiche Onkel besucht seine armen
Verwandten. Auch der Einkäufer von Woolworth und
der Versicherungsvertreter aus dem Mittelwesten wollten
sich dieses Europa einmal ansehen. Sie konnten es sich
leisten.
Sie brauchten sich nur einen Dollar als Monokel ins Auge
zu klemmen und galten als König. Beim ersten tiefen
Bückling eines »Herrn von« oder »Monsieur de . . .«
verschwand ihre Befangenheit. Sie verstauten ihre
Minderwertigkeitskomplexe schleunigst wieder in den
Überseekoffer. Sie nahmen nicht »ein Zimmer«, sondern
sie »stiegen ab«, in Paris im Claridge, in Berlin im Adlon,
in Wien im Sacher. Und ihr Taxifahrer war ein russischer
Fürst im Exil. Beautiful! Abends gingen sie ins »Folies
Bergeres«, tranken, hörten die heimatlichen Klänge des
Jazz und sahen sich, kaugummikauend, die schönen, fast
nackten Frauen auf der Bühne an. Die blauhaarige Mrs.
Versicherungsvertreter besuchte inzwischen die
Modenschau der Haute couture, um anschließend mit
geschwollenen Füßen ins Himmelbett zu steigen,
während der Gemahl noch einen Sprung ins und im
»One two two« machte und die Damen mit seiner
finanziellen Potenz begeisterte. Was war eigentlich
dieses alte Europa? Ein Drittel Museum, ein Drittel
Elendsviertel, ein Drittel Schweinerei, isn't it?
It is.
Amerika war rein und sauber. Die Sittenwächter achteten
darauf, daß Hollywood keinen entblößten Busen zeigte
und kein Filmkuß länger als eine bestimmte Anzahl von
Sekunden dauerte. Alle Stars waren zu süßen
Porzellanpuppen geschminkt, sie trugen viel Seelenleben
und hatten geradezu überirdische Kräfte, die Männer zu
veredeln. So überschwemmte der anbetungswürdige
Frauentyp aus der verklärten Pionierzeit auch Europa.
Das ländliche Amerika betrachtete die erbaulichen Stars
mit Andacht und hielt sie für das typische Amerika. In
einem Sinne waren sie es. Ihr Privatleben hütete man
ängstlich. Und das war notwendig. Denn hinter den
Kulissen sah es anders aus. In einer puritanischen
Überfluß-Gesellschaft toben sich die gehobenen Stände
der Großstädte in ihren vier Wänden aus. Die »parties«
blühten jetzt, man soff buchstäblich bis zum Umfallen
den geschmuggelten, mit Blut und Dollars bezahlten
Alkohol, man nahm Opium, man starb an Morphium,
man legte sich reihum in die Betten, Voyeur war schick,
Homo war schick, Lesbos war das Allerschickste. Brach
der Tag an, ging die Sonne auf, so war es obligatorisch,
daß der ganze Spuk verflogen sein mußte.
Die Heuchelei wurde zur zweiten Natur. Präsident
Harding, der biedere, honorige Mann, hatte zwei
Geliebte und ein uneheliches Kind. Niemand durfte es
erfahren. 1925 veröffentlichte Theodore Dreiser seinen
berühmt gewordenen Roman »Amerikanische Tragödie«.
Er schildert, wie ein Mann aus Angst vor Verfemung
seine junge Geliebte, die ein Kind erwartet, ertränkt.
Dreiser wollte seinen Landsleuten die Augen öffnen.
Wem? Die einen wußten es nur zu gut, die anderen, jene
Millionen, die keinen Schimmer von der Nachtseite des
Lebens hatten, hielten es für eine Ausnahme. Sie waren
bereits völlig verspießt und lebten von vorfabrizierten
Vorstellungen und Automatismen. Sinclair Lewis hat sie
in seinem »Babbitt« beschrieben. Der Name wurde ein
Begriff für den gutmütigen, ahnungslosen,
leidenschaftslosen, ewig strebsamen »glücklichen«
Amerikaner. Die Babbitts bezogen ihre Lebensansichten
aus Hollywood und der »Times«.
Freilich hatte die »Times« auch weniger schöne Dinge zu
berichten. Politische und Wirtschaftsskandale blühten.
Minister flogen. Streiks waren an der Tagesordnung. Der
Bürgermeister von Seattle erhielt eine Bombe in die
Wohnung geschickt. Das Haus des Generalstaatsanwalts
wurde in die Luft gesprengt. Es stimmte auch, daß man
nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr durch den
Centralpark gehen konnte, ohne sein Leben zu
gefährden. Aber man braucht ja auch nicht, nicht wahr?
In unserer Zeit hat der Münchner Polizeipräsident einmal
sehr richtig gesagt: Man muß lernen, mit dem
Verbrechen zu leben. Im Süden der Staaten lebte der Ku-
Klux-Klan wieder auf. In Livermore band man einen des
Mordes beschuldigten Schwarzen auf der Theaterbühne
an einen Pfahl und ließ ihn von den Zuschauern
erschießen. Die Herrschaften auf den teuren
Parkettplätzen hatten sechs Schüsse, die auf den Rängen
nur einen. Man lynchte Juden und Neger. Die Neger
wehrten sich. In allen Großstädten herrschte zwischen
Schwarzen und Weißen ein permanent schwelender
Bürgerkrieg. Es gab Viertel, in die sich kein Weißer mehr
wagen durfte. In Chicago endete eine wochenlange
Schlacht mit einem halben Hundert Toten und einem
halben Tausend Verletzten. Der Anlaß war der Mord an
einem Schwarzen gewesen: Der junge Neger hatte im
See gebadet, war zu weit hinausgeschwommen und hatte
sich mit letzter Kraft an einen Balken geklammert, der
langsam dem Ufer zutrieb - leider an das für Weiße
reservierte. Er wurde mit Steinen bombardiert und ging
unter. Man sollte solche Sachen nicht unnütz breittreten -
gebot nicht die Heilige Schrift, Sünden einfach zu
vergeben? In Wahrheit war die Welt in Ordnung, nicht
wahr? Es ging vorwärts, Wohlstand und Handel
wuchsen.
Die Herren des großen Geldes streckten ihre »hilfreiche
Hand« nach Südamerika aus, wo noch viel Armut
herrschte, und taten manches Gute, indem sie die
Kupferminen übernahmen. Sie zerschnitten auch
endlich die unfaire Wirtschaftsverbindung England-
Japan und stiegen ihrerseits in das Geschäft mit China
ein. Das nannten sie »eine Tür aufstoßen«.
Offene Türen stieß man auch im wracken Europa auf, das
geradezu dankbar für jeden Aufstoßer war. Ford ging
nach Köln, um den armen Deutschen Autos zu bauen,
General Motors kaufte sich bei Opel ein. Alle waren
zufrieden, Morgan, Rockefeller, Harding, Samuel
Goldwyn, Louis Mayer, AI Capone und Mister Babbitt.

Als Harding 1923 unerwartet starb, wurde sein Schützling


Calvin Coolidge dreißigster Präsident. Coolidge, einst ein
unauffälliger Rechtsanwalt aus Massachusetts, war ein
redlicher und kluger Mann. Äußerlich ähnelte er seinem
Vorgänger nicht. Er war mager; tiefe Falten und Wellen
durchzogen sein Gesicht, etwa wie das, was man heute
»Knautschleder« nennt. Mir gefiel er, ich war damals ein
Kind, und sein Kopf war das erste Porträt, das zu zeichnen
mir gelang. Deshalb.
Er war keineswegs das Idealbild für das Volk. Er strahlte
weder die vertrauenweckende Behäbigkeit Hardings aus
noch die leicht irre Dynamik Teddy Roosevelts, noch den
Blockhüttengeruch Old Hickory Jacksons. Er roch nach
nichts; nicht einmal nach Geld. Er hielt, was sein Vorname
versprach. Er redete wenig, doch was er sagte, hatte Hand
und Fuß, zum Beispiel: »In den letzten hundertfünfzig
Jahren hat unser Land mehr Fortschritte gemacht als die
ganze Welt von Cäsar bis Washington.« Natürlich dachte
er dabei mehr an das Grammophon als an Johann
Sebastian Bach.
Collidge administrierte die USA von 1923 bis 1929. Er
administrierte; regieren oblag anderen. Das wußte er.
Daran war nichts mehr zu ändern. Die
Verbrechersyndikate waren ein Staat im Staate. Das
wußte er auch. Das Leben war überall und zu jedem
Zeitpunkt in Gefahr, auch ohne Krieg. So weit war es
gekommen. Er sah auch das. Wenn er so in die Runde
schaute - er konnte nichts Paradiesisches entdecken. Ich
halte ihn für so hellsichtig, daß er das nahe Erwachen
ahnte und es nicht aus dem Fenster des Weißen Hauses
mit ansehen wollte. Er beschloß, nicht mehr zu
kandidieren. Wenn Mellon im Havelock und Zylinder
abends noch auf einen Sprung ins Weiße Haus kam, sah er
den Präsidenten resigniert und so wenig »zu Hause«, als
sei er schon beim Kofferpacken. Mellon, Coolidges
Schatzminister und nebenbei Bankier und Aluminium-
Milliardär, gehörte zu den wirklich »Regierenden.« »Ich
komme gerade aus dem Konzert des Philadelphia
Orchestra, Mr. President. Sie sollten sich nicht so
vergraben. Ein großartiger Abend. Ich habe zum ersten
Male Toscanini gehört. Er wird in der Met auch Verdi
dirigieren. Anschließend kommt die ganze Wiener
Staatsoper nach Boston.« »Ich sehe, wir kaufen in
Europa fleißig Kultur ein.«
»Jeder, wie er kann, Mr. President. Ich kann mir einen
Dürer kaufen, während Dürer sich keinen Mellonschen
Aluminiumtopf kaufen konnte. Ich sehe nicht ein, warum
man mich, wäre ich Europäer, als einen legitimen
Bewunderer Dürers bezeichnen würde, und nun, als
Amerikaner, bin ich ein Mann, der sich Kultur kauft.
Kauft sich Krupp nicht ebenso Kultur?« «Schon
möglich. Ist das interessant, Mellon?« »Sehr, Calvin.
Und Sie sollen als erster eine Neuigkeit erfahren: Ich
werde die einundzwanzig alten Meister, die die
Leningrader Eremitage abstoßen muß, en bloc kaufen. Ich
zahle die sieben Millionen Dollar.« - »Für alte Bilder.«
»Für van Eyck, Raffael, Tizian, Rembrandt, für . . . Ich
tausche Aluminiumpfannen gegen unsterbliche Werke.
Und ich werde sie dem Staat schenken und . . .« »Aus
Steuergründen.«
»Richtig. Und aus Eitelkeit, Calvin. Ich werde ihnen ein
Haus bauen, das ihrer würdig ist, eine Nationalgalerie in
Washington.«
»Das ist generös, Mellon. Ich merke, daß wir doch wohl in
einer schönen Zeit leben. Ich werde versuchen, heute noch
ein bißchen daran zu denken. Haben Sie gehört, was
Herbert Hoover heute in einer Wahlkampfrede gesagt
hat?« »Nein. Hat er wirklich etwas gesagt und nicht nur
gesprochen?«
»Er hat gesagt, die USA seien im Begriff, die Armut
endgültig abzuschaffen. Stellen Sie sich vor, er sagte
tatsächlich >abschaffen<!«
Mellon lachte. »Hurra! Das wird unser nächster
Präsident! Der dritte.«
»Der dritte?«
»Der dritte, der unter mir regiert.* Habe ich Sie geärgert,
Calvin?«
»Nicht im mindesten, alter Freund.«

* Der Ausspruch, drei Präsidenten hätten unter Mellon regiert, ist


von Senator Norris überliefert. Nur sagte er statt »regiert«
gedient!
*

Hoover wurde es. Es ist nicht schwer zu erraten, wie der


neue Präsident aussah: vertrauenerweckend natürlich,
behäbig, strahlend. Er hatte eine Kegelkugel als Kopf, einen
Teint wie Milch und Blut, so rosigfrisch, und kleine
Schweinsäuglein. Er sah nett aus.
Summa summarum war er ein »honoriger Mann«, wie
man in Bonn sagen würde. Er war auch tatkräftig (was
hauptsächlich darin bestand, daß er die regierende
Hochfinanz unermüdlich, wenn auch wenig erfolgreich,
bekniete), und er war ein guter Organisator. Seine Worte
von 1928 aber zeigen, daß er dem verblödenden
Berufsoptimismus erlegen war, dem alle diejenigen so
leicht zum Opfer fallen, die sich mit Sack und Pack in der
Nähe der Kommandobrücke eines »modernen«
Staatsschiffes niedergelassen haben und mit einem Finger
mitdrehen dürfen. Während sich Coolidge, damals erst
siebenundfünfzig Jahre alt, in seinem Hause in
Cambridge im Rohrstuhl schaukelte, kam auf Hoover der
ganze Kladderadatsch einer übersteigerten Wirtschaft zu.
Anfangs schien diese Krise keine der ernstesten zu sein,
dennoch empfand man sofort Grauen. Hätschelkinder
werden schneller nervös als Robinson Crusoes.
Rückblickend ist sie ganz deutlich als Beginn der
Krebserkrankung der amerikanischen Wirtschaft zu
erkennen. Ja, eigentlich konnte man sogar schon das ferne
Donnergrollen eines Krieges hören. Wir werden sehen,
daß auch die Hochfinanz die Krise zum ersten Male erst
spät in die Gewalt bekam. Aber natürlich bekam sie. Das
amerikanische Produktionsvolumen überstieg seit
langem die Bedürfnisse. Darin lag der Keim der Krise.
Man hatte daher als neue revolutionäre Erkenntnis die
Maxime aufgestellt, daß nicht die Nachfrage das Angebot
zu regeln hat, sondern das Angebot die Nachfrage. Auf
gut deutsch: Die Wirtschaft hatte nicht nur Waren zu
produzieren, sondern auch Käufer. Die Bürger, diese
Hammelherde, mußten verführt werden, ihr Geld für
Dinge auszugeben, deren sie nicht bedurften. Der
verführte Professor Unrat im »Blauen Engel« hat
wenigstens die Entschuldigung der Natur; der
Konsumsklave hat gar keine. Natürlich sagte man das
nicht offen, es hätte stutzig gemacht. Man sagte es kurz
und zugleich nebulös-bedeutend: Geld muß umlaufen.
Das ist ein Satz, der alle flotten, modernen Menschen
besticht. Würde er stimmen, so wäre das Perpetuum
mobile erfunden. Würde er stimmen, so müßte es
möglich sein, nach einer Suppe einen Fisch, nach einem
Fisch ein Täubchen, nach einem Täubchen einen
Schweinebraten, nach einem Schweinebraten einen
zweiten, nach einem zweiten einen Rehrücken, nach
einem Rehrücken ein Kompott, nach einem Kompott
einen Kuchen, nach einem Kuchen -(Werden Sie nicht
ungeduldig, für die Wirtschaft ist das Musik!) - einen
Schokoladenpudding, nach einem Pudding ein Fürst-
Pückler-Eis, nach dem Eis noch Cartersche Erdnüsse zu
verkraften, während die Küche immer weiter auf
Hochtouren läuft und dampft. Der undelikate Schluß:
Der Zeitpunkt, sich zu übergeben, ist gekommen. Ist das
so schwer einzusehen? Sind Wirtschaftler dumm? Im
echten Sinne nicht unbedingt. Es gibt die liebe, naive
Dummheit (die echte) und eine von ihrer Klugheit
überzeugte, immer »gut informierte« kämpferische
Dummheit. Um zu wissen, um welche es sich handelt,
brauchen Sie einen Dummen nur geistig zu provozieren:
Der echte schweigt, der andre legt los. Sind
Wirtschaftler dumm?
Auf jeden Fall sind Vollblut-Wirtschaftler »high«. Sie
ähneln Trunkenen, die in jedem Nüchternen einen
trübseligen Armleuchter sehen.

Die amerikanische Wirtschaft wäre schon früher in


Krise geraten, wenn sie nicht als dankbarstes
Absatzgebiet Europa gehabt hätte. Aber Europa hatte sich
nun, zehn Jahre nach dem Kriege, etwas erholt, war
fleißig, weitaus genügsamer und produzierte selbst. Die
amerikanische Getreide- und Fleischausfuhr sank rapide.
Amerika blieb auf seiner hypertrophen Produktion sitzen.
Die Farmer waren verzweifelt. Zehn Jahre zuvor hatte
der Scheffel Weizen noch fast zwei Dollar gebracht,
jetzt brachte er nur noch vierzig Cents. Das russische
Getreide begann, den europäischen Markt zu beliefern. Es
war spottbillig. Die amerikanische Baumwolle fiel von
sechzehn Cents pro Einheit auf sechs Cents. Die
Landwirte, die im Vertrauen auf das immerwährende
Paradies große Investitionen gemacht hatten, konnten
nicht mehr abzahlen, rissen Kreditanstalten mit, die
ihrerseits ohne Rückversicherung waren, bei
Großbanken betteln gingen und abgewiesen wurden.
Vierzehnhundert Banken krachten. Handwerker gingen
bankrott, Firmen, die Verpflichtungen hatten, machten
die Tore zu. Sofort griff die Krankheit auf andere Gebiete
über. Die alte Leier. Am schnellsten starb der
Immobilienmarkt, der von Provision auf der einen Seite
und Abzahlung auf der anderen gelebt hatte. Das
Schlimmste war, daß die Großbanken jetzt den
Vierundzwanzig-Stunden-Abrufkredit der Tausenden
von Maklern einzog, die darauf Aktien verschleudern
mußten. Sie fielen ins Bodenlose. Eisenbahnpapiere
sanken innerhalb von drei Jahren von sechshundert auf
dreißig, Industrieaktien von zweihundert auf sechzig. Da
so gut wie jedes Unternehmen und jedermann durch
Kredit und Abzahlungsgeschäfte verschuldet war,
wechselte das Volksvermögen in unvorstellbarem Maße
seine Besitzer, man schätzt auf hundert-fünfzig
Milliarden Dollar, die (in Noten oder auf dem Papier) von
einem zum andren herumtorkelten. Wo sie zum Schluß
landeten, muß ich Ihnen doch nicht sagen? 1930 lagen
bereits drei Millionen Arbeitslose auf der Straße. Drei
Jahre später sollten es schon fünfzehn Millionen sein.
Amerikas Krise hatte den ganzen Welthandel
durcheinandergebracht. Die Ausläufer des Erdbebens
erreichten auch Europa. Alles geriet ins Stocken. Jeder
bremste, daß es knirschte. Zuerst wurden die Löhne
gesenkt, dann wurde entlassen. Ende 1930 waren in
Deutschland vier Millionen Menschen arbeitslos. Die
Amerikaner, immer nervöser, zogen private
Investitionen aus Europa ab. Die Krise hatte nun
gigantische Ausmaße erreicht. Mitte des Jahres 1931
versuchte Hoover, den europäischen Absatzmarkt zu
sanieren, indem er einen Zahlungsaufschub der
Reparationszinsen für Deutschland und aller
Kreditzinsen für sämtliche Staaten Europas verkündete.
Wie? Amerika verzichtete auf den Geldzufluß? Auf den
ersten Blick hat das Hooversche Moratorium etwas für
Europa sehr Hilfreiches an sich. Wenn man aber das
amerikanische Wirtschaftsprinzip und den amerikanischen
Lebensanspruch im Auge behält, bekommt es ein
anderes, fast groteskes Gesicht: Was Amerika hier tat,
war, einem Blutenden blutstillende Watte auf die
Wunde zu legen, um ihn sich als baldigen literweisen
Blutspender zu erhalten. Das Gesetz, unter dem Amerika
im zwanzigsten Jahrhundert angetreten war, zwang den
hypertrophen Koloß zu diesem Teufelskreis. Alle Welt
soll arbeiten und Geld verdienen, um in Amerika kaufen
zu können, und sie soll zugleich nicht arbeiten, sonst wird
Amerika arbeitslos.
So ist es in Wahrheit bis heute geblieben, und so wird
es bleiben, solange die USA existieren. Es gibt eine
einzige Sache, die ihr Stegosaurier-Schicksal kurz
aufhalten und die Uhr immer wieder zurückdrehen
kann: Kriege.
Wer das heute noch nicht sieht, ist ein Narr. Wer es
auszusprechen wagt, wahrscheinlich auch. Amerika ist,
wie wir gesehen haben, eine durch und durch
friedliebende Nation und verdammt den Krieg. Aber es
muß in jeden einsteigen.

Coolidge hatte, als er abtrat, einen seltsamen Satz


fallenlassen: Man werde ihn in der Not zurückrufen,
doch er werde nicht kommen.
Die Not war da. Hoover schüttete Arbeitslosen-
Unterstützung mit vollen Händen aus, errichtete
Volksküchen, vor denen die Verarmten Schlange
standen, er organisierte Wärmehallen im Winter, er
kaufte Weizen, Mais und Baumwolle auf Vorrat, bis
die Magazine überquollen. Es half über die nächste
Runde, weiter nicht. Besser war, daß Rußlands
Viehbestand auf die Hälfte zurückging, seit die
Kolchosen eingeführt waren. Dazu mißrieten ihm Ernten,
wieder ein Hoffnungsschimmer. Ein schwacher.
Tatsächlich war Hoover mit seiner Weisheit am Ende. Er
konnte nur hoffen, daß diese Krise, wie eine Epidemie,
von selbst absterben würde.
So war die Lage, als Amerika Ende 1932 zur Wahl
schritt. In einem Punkte hatte Coolidge sich geirrt: Man
rief ihn nicht zurück.
Hoover, im Vertrauen auf seine Integrität und seine
bewiesene Tatkraft, hoffte Präsident zu bleiben. Er
hoffte vergeblich. Die Wähler hatten kein Vertrauen
mehr. Sie hatten auch zu dem Kandidaten der
Demokratischen Partei kein Vertrauen, aber er war
wenigstens ein neuer Mann. Wenn er auch noch nichts
Besonderes geleistet hatte, so hatte er auch noch nichts
verpfuscht. Und er schien einen eisernen, echt
amerikanischen Willen zu haben, denn er war gelähmt
gewesen und hatte seinen Körper gezwungen, ihm
wieder zu gehorchen. Auf Begleiter gestützt, war er vor
dem Volk erschienen, das lange Kinn energisch
vorgeschoben, wie es Siegern über Krankheit und Tod
eigen ist.
Der neue Präsident, der im März 1933 sein Amt antrat,
hieß Franklin Delano Roosevelt.
XVIII

Franklin D. Roosevelt erweckt zwei Assoziationen: Er


war ein Verwandter des phantastischen Teddy, und er war
Demokrat wie der »Friedens«-Präsident Wilson. Wenn es
eine Hypothek war, so fiel es zumindest niemand auf.
Franklin Roosevelt wurde 1882 auf dem Familienbesitz
Hyde Park im Staate New York geboren. Er war also
einundfünfzig Jahre alt, als er ins Weiße Haus einzog, in
seinem Gefolge ein »Brain Trust«, eine
Gehirnmannschaft, etwas, was man noch nie erlebt hatte.
Bisher war es immer so gewesen, daß die Präsidenten
sich eingebildet hatten, selbst genug Gehirn für ihr Amt
zu besitzen. Auch Franklin D. Roosevelt wollte
keineswegs das Gegenteil demonstrieren, als er sich den
»Brain Trust« zulegte. Diese Berufsdenker hatten
lediglich die Funktion, die in einer Oper eine Ballett-
Einlage hat. Das Singen besorgte er allein.
Den Brain Trust hatte er aus seiner Zeit als Gouverneur
aus New York mitgebracht. Was er noch aus New York
mitbrachte, war ein Schlagwort. Da auch er, wie alle
anderen, kein Rezept zur Beendigung der Wirtschaftskrise
hatte, ritt er auf Anraten seines Gehirntrusts auf diesem
Schlagwort herum. Es lautete: New Deal. Das heißt
wörtlich »neues Kartenausgeben« und bedeutete:
Schmeißt die alten Karten weg und laßt euch von
Franklin Roosevelt neue geben, vielleicht sind ein paar
Joker darunter. In der Welt bekam »New Deal« bald den
Klang von »Neuer Aufschwung«, »Neuer Wohlstand«,
was also ganz und gar nicht drinsteckte.
Der New Deal Roosevelts hatte so konfuse,
widersprüchliche Ideen, daß er sofort scheiterte. Man
kann nicht Produktion drosseln und zugleich
Arbeitsplätze schaffen, und man kann nicht einen
»freiwilligen Arbeitsdienst« (mit tatsächlich mehreren
Millionen Jugendlichen) zwecks Kultivierung von Land
ins Leben rufen und gleichzeitig den Farmern Prämien
für brach gelassene Felder zahlen. Dieser erste New Deal
(es folgte bald ein zweiter, besserer) war angesichts
einer solchen Ansammlung von »Gehirnen« ein
erstaunlich taubes Ei. Wo diese Genies nur so viel Unsinn
hernehmen!
Eine andere Tat Roosevelts des Jahres 1933 hatte eine weit
größere Wirkung: Die Prohibition wurde ad acta gelegt.
Jetzt also floß der Schnaps wieder, und damit war es aus
mit AI Capone und seinen Erben. Oder? Die Hoffnung
war genauso naiv wie der New Deal. Wenn man den
Gärtnern die Rosenzucht wegnimmt, steigen sie auf
Nelken um. Keiner geht in Pension. Die Überlegung für
die großen Gangsterbosse war nur: Auf welchem Feld
konnte man weiterarbeiten? Und hier erwies sich nun
der »Brain Trust« der Verbrecher als bedeutend
erfindungsreicher als der von Roosevelt. Man entschloß
sich, ein ganz neues Feld künstlich zu schaffen. Es war
ein fürchterlicher Entschluß: Man stieg auf Rauschgift
um. Marihuana und ein bißchen Morphium - das war
nichts
Neues. Nein, man dachte an das Stärkste, das Teuerste,
das Beste, das Versklavendste, das es gab: an Heroin. Und
es mußte ein Kundenkreis geschaffen werden, der alle
Vorstellungen überstieg. Es sollten Millionen abhängig
werden, denn nun war man nicht mehr auf die USA allein
angewiesen, jetzt war das Schlachtfeld die ganze Welt. Sie
mußte erobert werden. Nach dem amerikanischen Way of
life sollte nun der amerikanische Way of death kommen.
Sah es Roosevelt?
Dumme Frage. Für solche Kleinigkeiten war er zu groß.
Sauerbruchs schneiden keine Hühneraugen.

Wir müssen nun sehr vorsichtig und unvoreingenommen


die Entwicklung der nächsten Jahre untersuchen. Es seid
ja jene Jahre, die die Welt umstülpen sollten - was
freilich noch niemand ahnte. Einen allerdings gab es, der
schon alles kommen sah - was kein Kunststück war, denn
er veranstaltete es selbst: Roosevelt. Er »ahnte« bereits
die Auseinandersetzung mit Hitler.
Die Enzyklopädie von Brockhaus setzt seinem Weitblick
ein schönes Denkmal, indem sie schreibt: »Den Aufstieg
aggressiver totalitärer Mächte beobachtete Roosevelt
schon früh mit Sorge, sah sich aber nicht in der Lage, der
neutralistischen Haltung der Öffentlichkeit . . .
entgegenzutreten. 1935 reagierte Roosevelt mit einem
>Ruck nach links<, der seine Anziehungskraft auf die
bisher benachteiligten Gruppen (Immigranten, Neger,
Intellektuelle . . .) noch erhöhte.«
Auch in England, das für Amerika politisch stets eine
erhebliche Rolle spielte, gab es bereits einen
weitblickenden Mann, den Regierungsberater Lord
Vansittart, der noch früher als Roosevelt und lange vor
Hitlers Machtantritt die abscheuliche Rolle, die
Deutschland im Völkerleben spielte, erkannt hatte und
aufrichtig haßte.* So ist es nicht verwunderlich, daß

* »Würde Deutschland morgen zerstört, gäbe es übermorgen


keinen Engländer, der dadurch nicht reicher geworden wäre.«
(Saturday Review).
Roosevelt bereits im Oktober 1937, als wir in unserer
bekannten Verblendung noch ahnungslos waren, den
Krieg voraus- und sogar auf Amerika zukommen sah. Er
sprach es offen aus.* Das Volk hörte seinen Präsidenten
mit großer Verwunderung und ebenso großem Ärger,
denn erst ein Jahr zuvor hatte der Kongreß zur
Beruhigung aller ein Gesetz verabschiedet, das die USA
in Kriegsfällen zu unbedingter und durch keine Allianzen
zu ändernder Neutralität verpflichtete.
Die Wirtschaft aber begriff, und die Hochöfen stießen bei
diesen Tönen erregt heftige Rauchwolken aus wie die
Pfeife Kommissar Maigrets vor der Lösung eines
schwierigen Falles. Tatsächlich kündigte sich hier aufs
wunderbarste aus dem Munde des energischen
Präsidenten die Lösung des schwierigen Falles »Krise«
an. Die Staats schulden waren inzwischen von sechzehn
auf sechsunddreißig Milliarden Dollar gestiegen, die
Arbeitslosenzahl betrug immer noch elf Millionen. So
standen die Dinge. Und nun prophezeite der Präsident
einen großen Krieg! Konnte man da nicht verwundert
die Hände zusammenschlagen? Wie sich alles fügte!
Nun bilden Sie sich, meine Freunde, aber bitte kein
unfreundliches Urteil. Der Krieg fand in Amerika
einstimmige Verdammung! Die Lösung der
amerikanischen Wirtschaftsprobleme würde nur eine
Begleiterscheinung werden, ein Nebenprodukt
sozusagen.
Der, der den Krieg vorbereitete, war einwandfrei Hitler.
Er hatte schon die Maske fallen lassen, Österreich
okkupiert

* Er sprach überhaupt gern zum Volk. Das Radio war bereits eine
Macht. Sein Schwiegersohn, C. Dali, berichtet, daß Roosevelt
die »politische Munition« seiner Reden sorgfältig aufbereitet von
der C.F.R.-Finanzgruppe bekam.
und die Tschechoslowakei überfallen (Ja, ja, ich weiß.
Sie brauchen mir nicht zu schreiben). Dazu seine
gefährlichen Autarkiepläne, die Loslösung vom Dollar,
sein Schlußstrich unter Versailles, sein Judenhaß - hier
war ein Mann am Werk, der das Wasser des ruhigen Sees
aufpeitschte. Im gleichen Jahr noch, 1937, begann die
Aufrüstung Amerikas. Auf Antrag Roosevelts bewilligte
der Kongreß eine Milliarde Dollar für das Heer und
ebensoviel für die Kriegsflotte. Es war höchste Zeit, das
»bedrohte amerikanische Leben«, wie Roosevelt sagte, zu
schützen. Das Volk war hin- und hergerissen. War
Amerikas Leben wirklich bedroht? Europa lag so weit
weg. Aber Roosevelt sang seine Arien aus dem
Lautsprecher, und die Zeitungen schrieben dasselbe, und
das waren Boys, die die Welt kannten! Das waren
Männer, deren Meinung gedruckt wurde und in Millionen
Exemplaren in die Welt ging! Denen konnte dieser
Mensch in Berlin kein X für ein U vormachen. Ein
ausgeprägter Infantilismus ließ die Amerikaner in einem
Maße mediengläubig sein, daß alles nur noch eine Frage
der Zeit war.
Und so können wir im Vertrauen auf die Entwicklung das
Kapitel der amerikanischen Wirtschaftskrise schließen.
Die Karten waren in der Tat neu gemischt und ausgeteilt.
»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig
bin, das Märchen von 1914, das kommt mir nicht aus
dem Sinn.«

Die Industrie war startbereit, es hätte losgehen können.


Zur Enttäuschung Roosevelts gab es eine Verzögerung.
In England hatte Neville Chamberlain die Regierung
übernommen und mit Hitler konferiert, um den Frieden
zu erhalten.
Und jetzt möchte ich Ihnen etwas sagen: Die verbohrten
englischen Historiker haben bis heute nicht begriffen,
daß Chamberlain ihnen den Krieg gewonnen hat. Der
Aufschub, die Verzögerung, war damals nicht das
Unnützeste, sondern das Wertvollste, was die Alliierten
sich wünschen konnten. Es ist geschichtlich erwiesen, daß
1937 das Rüstungspotential und die Vorbereitung
Englands, Frankreichs und Polens noch so hoffnungslos
zurücklagen, daß Hitler einen schnellen Krieg, der dann
kein »Welt«-Krieg geworden wäre, wahrscheinlich
gewonnen hätte. Trotz Amerikas Bereitschaft.
Nun begreift man auch, wie seherisch und zugleich
uneigennützig es gewesen war, daß die amerikanische
Industrie beständig gepredigt hatte: Rüstet! Kauft! Bestellt
bei uns!

Der gordische Knoten wurde durchhauen, als Hitler am 1.


September 1939, nachdem Polen das Ultimatum nicht
beantwortet hatte, seine Panzer in Richtung Warschau in
Bewegung setzte und die Alliierten drei Tage später
Deutschland den Krieg erklärten.
Roosevelt begab sich ans Mikrophon und versicherte dem
Volk, er könne jetzt beim besten Willen von keinem
Amerikaner mehr verlangen, innerlich neutral zu bleiben,
wie das Gesetz es eigentlich befahl.
Die Amerikaner staunten über diese seltsame Absolution
und verfluchten trotz bester Medien-Bearbeitung weiter
den Krieg.
Volk ist kurzsichtig. Alte Geschichte. Mister Babbitt war
vielleicht eben erst zum Abteilungsleiter der großen
Versicherung im 36. Stock des Broadway-
Wolkenkratzers ernannt worden; er saß jetzt in einem
Glasverschlag, etwas erhöht über dem langen Saal, und
sah auf sechsundachtzig Stenotypistinnen an ihren
Schreibmaschinen hinab. Er bezog jetzt sechshundert
Dollar Gehalt im Monat und war vom Chevrolet auf einen
Studebaker umgestiegen. Seine Frau war ein Jahr lang
beim Psychiater gewesen; jetzt ist alles okay, und sie
erwartet das zweite Kind, hoffen wir, daß es ein echter
,Junior" wurde, ein ganzer Kerl und vor allem ein ganzer
Amerikaner. Mister Babbitt hatte keine sonderlich
interessante politische Konzeption, offen gestanden keine
andere als: Amerika ist das beste und freieste Land, und
die Amerikaner sind in Ordnung. Was er aber hatte, das
war jetzt als Abteilungsleiter einen reservierten
Parkplatz. Er liebte das Gewühl, den Verkehr, das Pulsen
der Millionenstadt, aber man mußte einen Parkplatz
haben, das heißt, man mußte es geschafft haben. Man
brauchte nicht mehr lauwarmen Kaffee aus dem
Pappbecher und lauwarme »Hamburger« in sich
hineinzuschütten, man konnte im Drugstore zu Mittag
futtern, dabei die Baseballberichte lesen und aus der
Musikbox »Ol' Man River« bestellen. Das Leben war
schön, Roosevelt sollte bloß seine Finger von dem
damned Polen lassen!
Es war Sonntagmorgen, und Harry Smith aus Canville
bei Jacksonbridge im Staate Wyoming kehrte mit seiner
Frau und seinem Sohn aus der Kirche zurück. Die Sonne
schien, das Leben war schön. Nicht um viel Geld hätte
Harry Smith mit einem Mann in dem stinkenden,
lärmenden und verbrecherischen New York getauscht.
Amerika war nicht dort, das wahre Amerika war hier.
Die Smith's grüßten nach rechts und nach links,
jedermann kannte sich in Canville, na, sagen wir, fast
jedermann. Die Gemeinde zählte schon
neunhundertsechsunddreißig Seelen, und ich will
verdammt sein, pflegte Sheriff McGordon immer zu
prophezeien, wenn wir nicht bis X-mas die tausend
erreicht haben, sofern uns das verdammte Europa nicht
wieder in so ein verdammtes Schlamassel zieht wie
1916. Harry Smith war der gleichen Meinung. Er selbst
war ja aus dem Schneider heraus mit seinen
dreiundvierzig, aber sein Jimmy mit seinen zwanzig
Jahren würde dran sein. Und das Vieh, was sollte aus
dem Vieh werden? Und die Zapfstelle, die er noch
nebenbei betrieb, konnte er dann gleich zumachen.
Alles, was er aufgebaut hatte, angefangen mit einer
Wellblechhütte bis heute zu dem Haus und den
Stallungen - ihm war der Tag verdorben, wenn er sich
vorstellte, Roosevelt könnte loslegen wie damals Wilson.
Das nannten sie in Washington Politik. Sheriff McGordon
sagte immer, Hitler sei ein Kriegsverbrecher, aber lieber
ein neuer Napoleon in Europa als Jimmy tot in
Frankreich. Smith wünschte nichts sehnlicher, als in Ruhe
gelassen zu werden. Mam Jane hatte den Truthahnbraten
im Rohr; vorher würde Harry sich noch einen eisigen
Whisky eingießen, den man ja nun endlich wieder
trinken durfte, und das Radio andrehen, um Musik zu
hören. Er drehte das Radio an, aber er hörte keine
Musik, sondern Roosevelts Stimme, und sie klang
verdammt, ausgesprochen verdammt beängstigend, aber,
das mußte man ihm lassen, sehr patriotisch. Der Mann
war okay.

Im November 1939 beschloß der Kongreß auf Antrag des


Präsidenten, die im Gesetz verankerte Neutralität so weit
zu umgehen, daß die USA mit voller Kraft die
europäischen Alliierten mit Kriegsmaterial und notfalls
mit Lebensmitteln aus der amerikanischen
Landwirtschaft versorgen konnten. Allerdings ging die
Liebe nicht gar zu weit: Die Lieferungen mußten selbst
abgeholt und vorher bezahlt werden. Falls dies über
Kredit geschah, dann aber bitte nicht über Kredite des
amerikanischen Staates. Ausgeschlossen.
Ein halbes Jahr später stand fest, daß die Hilfe nichts
nützte. Hitler hatte nach Polen auch Holland und
Belgien überrannt, Frankreich besiegt und zur
Kapitulation gezwungen. Churchill, der soeben
Chamberlain abgelöst hatte, schrie um Hilfe, England
befürchtete täglich die Invasion.
Das half. Der Kongreß ging von seinem »Ausgeschlossen«
ab und bewilligte siebenunddreißig Milliarden Dollar, um
England mit Kriegsmaterial zu unterstützen. Er »lieh«
auch in Form einer Verpachtung fünfzig Kriegsschiffe;
und dann tat er etwas Unglaubliches: Er gab an die Flotte
den Befehl, alle deutschen U-Boote und Kriegsschiffe zu
versenken, sobald sie in Gewässern auftauchen sollten, die
man als »Schutzgürtel für die Verteidigung Amerikas«
betrachten müsse. Im Klartext hieß das »den Wasserweg
zur Versorgung Englands«. Die vierte Überrumpelung
des Volkes war die Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht. Es lag Roosevelt daran, alles möglichst
schnell durchzupauken, um ein Zurück kaum noch
möglich zu machen. Und so stellte er sich, im Winter
1940, zum drittenmal zur Wahl.
Das war in der Geschichte der USA unerhört. Seit einst
der Patriarch Washington eine dritte Präsidentschaft
abgelehnt hatte, hatte niemand mehr gewagt, diese
Überlieferung zu verletzen oder auch nur zu versuchen,
Kongreß und Volk umzustimmen. Die Opposition gegen
Roosevelt war stark. Ihre Führer trugen prominente
Namen: Senator Taft aus Ohio, Senator Vandenberg aus
Michigan und Gouverneur Dewey aus New York. Sie
führten nicht nur die geheiligte Tradition ins Feld, sie
sprachen auch in einer Deutlichkeit, wie man sie noch nie
gehört hatte, aus, was sie von dem Menschen Roosevelt
hielten. Sie warfen ihm eine Menge unschöner
Eigenschaften vor, Wortbrüchigkeit, krankhaften
Starrsinn, unglaubliche Vorurteile, totale
Geschichtsunkenntnis, Anfälligkeit für Einflüsterungen
und Freundchen-Wirtschaft (Henry Morgenthau, ein
Verbandsfunktionär, avancierte zum Schatzminister
etc.); man warf ihm vor, sofort nach Amtsantritt und
ohne jede Prüfung das bolschewistische Sowjetrußland
diplomatisch anerkannt und als „Beschützer der
Unterdrückten" bezeichnet zu haben, obwohl jedermann
von den Schauprozessen, den tausendfachen Morden und
den sibirischen Lagern gehört hatte; man warf ihm vor,
von den Verhältnissen in Europa kei nen blassen
Schimmer zu haben und auch keinen haben zu wollen.
Es stand also sehr vieles gegen eine dritte Wahl. Man
erkannte auch, daß er mit Vorbedacht alles getan hatte,
um das Land auf die Straße des Krieges zu dirigieren, er
zusammen mit der Wallstreet, die er angeblich so
verachtete.
Eine Erhebung ergab, daß zu diesem Zeitpunkt fast
achtzig Prozent der Amerikaner gegen jede Beteiligung
am Kriege waren.
Aus einem einzigen Grunde wählte das Volk Franklin D.
Roosevelt abermals zum Präsidenten. Den Grund
umschreibt auf das einfachste ein amerikanisches
Sprichwort: »Man darf das Pferd nicht mitten im Rennen
wechseln.« Das Rennen aber - und das hatte Roosevelt
gewollt - lief bereits.
Es ist müßig, nach tieferen psychologischen Ursachen zu
schürfen.
Im November 1940 kam Molotow nach Berlin, um Hitler
ein Bündnis anzubieten. Er kam mit dem Air eines
Komplicen, der dem anderen anbietet, halbehalbe zu
machen. Was er als Preis für die wohlwollende Neutralität
an Beute nach dem deutschen Siege forderte (quasi den
halben Balkan), ließ Hitler die Zornesröte ins Gesicht
steigen. Er ahnte nicht, daß Roosevelt später einen weit
höheren Preis für Rußlands Hilfe zu zahlen bereit war.
Diese Stunde, meine Freunde, diese Stunde, in der Hitler
nein sagte, war die Schicksalsstunde Deutschlands, die
Schicksalsstunde Europas und wahrscheinlich der ganzen
Welt. Hier verlor Deutschland den Krieg, der Osten seine
Freiheit, England sein Weltreich.
Die Antwort an Stalin war der Einmarsch der deutschen
Truppen in Rußland am 22. Juni 1941. Roosevelt bebte.
Sein Rußland! Der »Beschützer der Armen und
Unterdrückten«! Die Nachricht setzte ihn in fieberhafte
Tätigkeit. Sofort nahm er Rußland in den Leih- und
Pachtvertrag auf und begann, ungeheure Mittel zur
Kriegsführung nach Moskau zu pumpen. Vom Flugzeug
und Jeep bis zur Konservenbüchse inklusive Öffner lebte
bald die ganze russische Front von Roosevelt. Es störte
ihn nicht, daß es dasselbe Rußland war, das sich bei der
Zerstückelung des besiegten Polens bereits seinen
Beuteanteil genommen und zehntausend polnische
Offiziere erschossen hatte.* Nichts störte ihn, keine
kommunistische Diktatur, keine Morde, kein
Imperialismus, nichts - nur Deutschland.

* Sicher eine vorsichtige Schätzung, sonst hätte sie die


Enzyklopädie von Brockhaus nicht genannt. Viertausend Opfer
wurden allein bei Katyn verscharrt.
Ich versuche, mir klarzuwerden, mit welchen Gefühlen
ich das schreibe. Ich glaube, mit gar keinen. Sicher zur
Enttäuschung meiner Freunde und zum Unglauben
meiner Feinde. Aber es ist so. Meine Gefühle für diese
Zeit sind erstorben. Gut so. Ich lebe nicht mehr in der
Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Dann lebe
ich wohl in der schmalen Gegenwart?
Ja, das stimmt. Mir ist, als lebte ich zwischen Euphrat
und Tigris (nein, nein, ich meine nicht Skylla und
Charybdis), ich schreibe mit dem Herzen des biblischen
Hesekiel. Das ist alles.

Roosevelts Problem war, wie man in den Krieg eintreten


konnte, ohne den ersten offenen Schritt zu tun. So etwas
erfordert feinste Diplomatie. Das verlangt subtilste
Staatskunst. Man hatte da schon eine Idee, aber es war
zweifelhaft, ob Deutschland darauf hereinfallen würde.
Der Plan war, nicht Deutschland selbst, sondern seinen
Verbündeten Japan zu provozieren. Die Japaner hatten
eben Korea und Mandschukuo besetzt. Weiß der
Kuckuck, wo Mandschukuo lag, aber es war eine
Möglichkeit, sich einzumischen und ein Ultimatum zu
stellen. Ultimaten sind immer gut, sie zwingen den
anderen, klein beizugeben oder mit den Fäusten
loszugehen. Vielleicht gelang es, vielleicht ging Japan mit
den Fäusten auf die USA los! Der Plan gelang - Japan,
trotz der Warnung des erschrockenen Hitler, zog blank.
Roosevelt war aller Sorgen enthoben.
Der amerikanische Geheimdienst meldete die Absicht
Japans, in den Morgenstunden des 7. Dezember, also in
wenigen Tagen, einen vernichtenden Luftangriff auf die
Pazifikflotte in Pearl Harbor zu unternehmen. Pearl
Harbor auf Hawaii war vollgepfropft mit amerikanischen
Kriegsschiffen, ein hochexplosiver Punkt auf der
Landkarte. Immer präzisere Nachrichten liefen ein,
und als der 7. Dezember anbrach, kannte man, das ist
inzwischen belegt, den japanischen Angriffsplan bis ins
Detail. »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so
traurig bin, das Märchen von 1916, das kommt mir nicht
aus dem Sinn.« Was tat Roosevelt? Nichts.
Pearl Harbor sollte sein »Lusitania« werden; ein bißchen
teurer allerdings.
Alles lief wie am Schnürchen. Ohne Störung rasten die
japanischen Flugzeuge heran, und ohne Gegenwehr zu
finden, ließen sie die Todeslast auf die amerikanischen
Schiffe fallen. Acht Schlachtkreuzer sanken mit Mann
und Maus. Die »Lusitania« hatte einst
hundertachtundzwanzig Amerikanern das Leben gekostet,
Roosevelts Pearl Harbor kostete viertausend Tote.
Nach dem Kriege hat es noch viele Jahre gedauert, bis die
wahren Zusammenhänge herauskamen. Heute bestreiten
sie nur noch hauptamtliche Geschichtskosmetiker.
Amerika kochte vor Empörung. Von einer Stunde auf die
andere verwandelte sich das herzensträge und
geistesabwesende Volk in ein Volk von kurdischer
Blutrache. Durch diesen unerhörten Angriff auf die
friedlichen USA ergaben sich die nächsten Schritte von
selbst, und jeder Amerikaner war mit ganzem Herzen
dabei: Roosevelt erklärte Japan den Krieg. Hitler war im
Zugzwang. Auch sein Schritt ergab sich von selbst, sofern
er nicht den Verbündeten im Stich lassen wollte, was bei
der deutschen »Nibelungentreue« ausgeschlossen war.
So, wie Wien 1914 den Kaiser in den Krieg gerissen hatte,
so riß nun der verhängnisvolle japanische Überfall
Deutschland in den Krieg gegen die USA.
Es war geschafft!
Die Machtmittel, die die USA an die Fronten warfen,
waren gigantisch: 290000 Flugzeuge, 25000 Panzer, 17
Millionen Gewehre, 300000 Kanonen, 40 Milliarden
Schuß Munition und Tausende von Schiffen und
Truppen, die mit allem ausgerüstet waren, was sich
denken ließ. Der zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre.
Ist das alles, was ich über diesen Krieg, der uns zur
Schlachtbank geführt hat, zu sagen habe? Ja, das ist alles.
Wovon sollte ich sprechen? Von den Schlachten? Von den
Toten? Den Heldentaten? Den Ängsten? Den Tränen?
Schmerzen und Tränen machen keine Geschichte.
Vergessen Sie's. Die Göttin Clio ist kalt wie eine
Hundeschnauze.
Also, der zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre. Es siegten
das amerikanische Kriegsmaterial und das Corned beef,
der russische Winter und die unerschöpflichen
Menschenmassen Moskaus, Lisa Meitner und Wilhelm
Canaris (Nehmen Sie die Namen als pars pro toto).
Seit Januar 43, als Churchill und Roosevelt sich nach der
Entscheidungsschlacht von Stalingrad in Casablanca
trafen und verkündeten, »bis zur bedingungslosen
Kapitulation Deutschlands« zu kämpfen, befand sich
ganz Amerika schon im Siegesrausch. Ende des Jahres
43 bekam Roosevelt zum erstenmal den
mythenumwobenen Stalin zu sehen. In Teheran standen
sie sich Auge in Auge gegenüber. Ich benutze diesen
feierlichen Ausdruck, weil er Roosevelts Stimmung
richtig wiedergibt. Das also war er, der »Beschützer der
Entrechteten«, der Herrscher Rußlands! Welch ein
Koloß, welch ein lebendes Denkmal! Das Denkmal
befand sich in keiner freundlichen Stimmung. Es
forderte endlich die Invasion, den Fangstoß für
Deutschland. Warum zögerte Amerika noch? Nein, es
zögerte nun nicht mehr. 1944 landeten die Alliierten in
Italien und in der Normandie. Viele Amerikaner sahen
dabei erstmals die Heimat ihrer Väter wieder. Mit
welchen Gefühlen? Ja, das war eine verdammte Frage!
Daran mußte man denken!
Vor der Landung in Italien hielt US-General Patton daher
eine Ansprache an seine Truppen: »Wenn wir jetzt landen,
werden wir deutsche und italienische Soldaten vor uns
haben, die anzugreifen und zu vernichten wir die Ehre
und das Privileg haben. Viele unter uns haben in ihren
Adern deutsches oder italienisches Blut; sie mögen sich
erinnern, daß ihre Vorfahren die Freiheit so sehr liebten,
daß sie ihr Heim und ihr Land verließen und den Ozean
überquerten, in der Hoffnung, sie dort zu finden. Die
Vorfahren der Leute, die wir nun töten werden, hatten
nicht den Mut, ein solches Opfer zu bringen, und deshalb
fuhren sie fort, wie Sklaven zu leben.«
Von allen Ansprachen vor einer Schlacht, angefangen von
Leonidas über Friedrich den Großen bis zu Dajan, gibt es
in der Weltgeschichte keine, die so (Sie möchten sagen:
gemein ist? ja, auch. Aber das ist uninteressant.), keine,
die so erschreckend deutlich das böse Gewissen verrät.

Und nun alle Scheinwerfer auf zum Finale! Jalta,


Februar 45. Der Krieg war gewiß eine Tragödie von
antiker Größe, aber trotz allem Inferno noch erkennbar
als Wutausbruch des Gottes Mars. Was in Jalta geschah,
war ein grausiger Spuk.
Dort, auf der sonnigen Krim, traf Roosevelt zum
letztenmal Stalin. Wieder war es nur eine
Dreierkonferenz; Frankreich, das die Last des Kriegs
mitgetragen hatte und sich ebenfalls als Sieger fühlte,
war ausgeschlossen. Daß Churchill dabeisein durfte,
war das äußerste, was Roosevelt zugestand. Im Rausch
der Allmacht, in der Stimmung eines Weltenrichters fand
er, daß er und Stalin genügt hätten. Seine Begleitung war
entsetzt. Jedermann sah, daß der Präsident nicht mehr
ganz klar war. Er, »der nichts von der aktuellen
Geschichte, nichts von Geographie, nichts von anderen
Völkern verstand«, hörte sich schon lange keinen seiner
Experten mehr an und ließ alle Akten, die man ihm für
Jalta erarbeitet hatte, unbeachtet liegen. Auf der
Überfahrt hatte er die Zeit vor Hollywoodfilmen oder an
Deck liegend und dösend verbracht. Er träumte, wie
Arthur Conte aus Äußerungen nachgewiesen hat, von
einer gemeinsamen Weltherrschaft durch ihn und Stalin.
Das Instrument sollte eine Organisation der Vereinten
Nationen sein, der Garant des ewigen Friedens auf Erden.
In solcher Trance trat Roosevelt dem russischen Diktator
gegenüber. Augenzeugen berichten, daß er geradezu
kindisch um die Liebe des bewunderten Stalin buhlte. »I
like Uncle Joe and it seems he likes me too.« Man
möchte es nicht glauben, daß dieses senile Betteln um
Liebe und Ruhm die Grundstimmung des mächtigsten
Mannes der Welt war, der im Begriff stand, diktatorisch
und vollständig gefühllos über fremde Völker zu
verfügen. Es gibt heute keinen Zweifel mehr: Er war,
wie später eine französische Zeitung schrieb, »in einen
sanften Irrsinn gerutscht« .
Stalin hörte sich ein Weilchen sein Salbadern an, dann
schritt er zur Tagesordnung. Sofort nahm auch Roosevelt
die Pose des »harten Realisten« an. Für sein Leben gern
wollte er dafür gehalten werden.
Er überschlug sich also. Während sie noch das erste Glas
hoben, präsentierte er aus dem Stegreif Stalin die Idee,
fünfzigtausend deutsche Offiziere erschießen zu lassen,
und brachte einen Toast darauf aus. Uncle Joe lächelte.
Sie werden etwas vermissen. In der Tat. Hier vermißt
man, daß Churchill, der doch der »alte britische Löwe«
war, aufstand und nach Hause fuhr. Er tat es nicht, er
protestierte ein bißchen (die englischen Historiker
streichen ihn heute, obwohl das ganze Empire in
Scherben ist, natürlich heraus), aber er blieb sitzen und
wurde damit zum Komplizen.
Von Polen, für dessen Unversehrtheit man gekämpft
hatte - von all diesen Idealen war nicht mehr die Rede.
Stalin diktierte. Für ein Linsengericht erwarb er die
Herrschaft über Osteuropa, über den halben Balkan und
über die Mongolei. Er verschob mit seiner starken Hand
Polen nach Westen wie eine leblose Schachfigur und
schnitt Deutschland mitten durchs Herz.
Dann streckte er dem Amerikaner die Hand hin und
versprach, bei der UNO mitzumachen und Japan pro
forma noch den Krieg zu erklären. Das war der Topf voll
Linsen, den Roosevelt nach Hause brachte. Er fuhr nach
Amerika zurück in einem Zustand der Verzückung. Die
Saat von Jalta würde der ewige Friede auf Erden sein
und er selbst dereinst ein Mythos. Wenn ich mich nicht
irre, hat Amerika schon einmal »Friede auf Erden und
den Menschen ein Wohlgefallen« gesungen. Wann war es
nur gewesen? Roosevelt ist der Schöpfer des russischen
Weltreichs. Ich wundere mich - in vollem Ernst
gesprochen -, daß an der Kremlmauer noch immer nicht
sein Denkmal steht. Er hat es verdient.
Franklin Delano Roosevelt erlitt das Ende jenes anderen
amerikanischen Kriegspräsidenten, Wilsons, der vor sich
hin dämmernd verschied. Er starb am 12. April 1945.
Achtzehn Tage später folgte ihm Adolf Hitler auf dem
Weg zum ewigen Richter.

*
Der dreißigjährige Krieg gegen Deutschland war aus.
Die Amerikaner drüben haben wahrscheinlich nicht sehr
viel von der europäischen Tragödie erfahren. Natürlich
legten die Zeitungen jeden Morgen zum Frühstück die
neuesten Nachrichten neben das Butterbrot, den
Selbstmord Görings zum Beispiel, oder die Erhängung
der Kriegsverbrecher. Recht so. Haben sie auch gewußt,
daß amerikanische Soldaten den alten Ezra Pound, ihren
großen Dichter, als Kollaborateur auf dem Marktplatz
von Pisa in einem Käfig ausstellten? Nein? Recht so!
Hätten sie dabei an »Sitting Bull« gedacht? Nein? Recht
so. Sie wünschten die letzten fünf Jahre zum Teufel und
machten sich auf die Socken, um nachzusehen, wie es mit
ihrem Job stand. Und sie zerschlugen ihr Sparschwein,
gingen zum nächsten Drugstore und ließen Carepakete
nach Deutschland senden, teils weil sie dort Verwandte
hatten, teils weil sie gute Menschen sein wollten. Von
den makabren Plänen, die in der Schublade Henry
Morgenthaus lagen, wurde keiner verwirklicht, denn
inzwischen war ein neuer Mann, ein anderer,
nüchternerer Typ, zur Regierung gekommen: Harry
Truman, der Vizepräsident. Er konnte gut Klavier
spielen und besaß eine singende Tochter, womit alle
persönlichen Mitbringsel aufgezählt sind.
Ich höre immer wieder, er sei kein übler Präsident
gewesen; er habe sich von Rußland distanziert, er habe
das Leben, auch in Europa, schnell normalisiert, er habe
die Gründung Israels protegiert, und er habe Deutschland
geschont, soweit er konnte, in der richtigen Erkenntnis,
daß ein ruiniertes Deutschland ein sehr unbefriedigender
Kunde sein würde. Truman war ein im bekannten Sinne
»liberaler«, duldsamer Mensch. Er duldete, daß durch
Waffengewalt und mit einigen Millionen Toten ein zweites
kommunistisches Riesenreich entstand. Als General
McArthur, hervorragender Flegel, aber realistisch, nach
China gehen und Mao schlagen wollte, winkte er ab.
Nein, nein, bitte nicht schlagen, nicht wir. Er stellte auch
die Hilfe an Tschiankaischek ein, so sehr liebte er den
Frieden. Und als der sprichwörtliche »böse Nachbar« ihn
zwang, doch noch einmal Krieg in Korea zu führen, drang
sein gutes Herz abermals durch: Nach drei Jahren einigte
man sich mit dem kommunistischen Nordkorea
halbehalbe.
Hier kann man eine ganz merkwürdige Beobachtung
machen: Von nun an traut Amerika, gleichgültig unter
welchem Präsidenten, sich nicht mehr, einen Krieg, in
den es sich einmischt, zu Ende zu führen. Es ist der
Gefangene seiner eigenen Phrasen geworden. Es hat den
deutlichen Anschein der Furcht. Furcht vor einer
Niederlage wäre zu verstehen, aber es handelt sich ganz
offensichtlich um die Furcht vor einem Sieg. Ein wahrhaft
guter Staat hat weder zu verlieren noch zu siegen, er hat
ganz einfach gut zu sein. Er vernichtet und siegt nicht
mehr, wie er das im Weltkrieg getan hat.
Warum?
Ich verstehe es sehr gut. Ich glaube, daß Amerika an
Vergangenheitsbewältigung leidet.
Es gibt nur zwei Nationen in der Welt, die sich diese
Verpflichtung einbilden und sich entsprechend idiotisch
benehmen: wir und die USA. Wir, weil wir so schlecht
sind, Amerika, weil es so gut ist.
Der einfache Mann hat keinen Teil daran, weder im
deutschen noch im amerikanischen Volk. Ich bezweifle,
daß Mister Babbitt das, was in der Welt geschah,
überhaupt realisierte und in wirklich deutliches
Bewußtsein umsetzte. Ein von der Geschichte im
Schnellverfahren galvanisiertes Volk wie das
amerikanische ist gegen Weltschmerz und Weltfreude
gefeit. Es sieht sein enges Leben in einer ganz anderen
Dimension als das der »übrigen« Welt. Auch Lachen
und Weinen werden Gebrauchsgüter. Es ist schier
unfaßbar, was es alles hinter sich getrampelt hat in
kürzester Zeit und in einem Tempo, daß man kaum
nachkommt. Es gibt wohl Narben im Gesicht des
einzelnen, aber keine im Gesicht des Volkes, das
immer noch glatt wie ein Kinderpopo ist. Wie hatte
Roosevelt am »Tag der Nationen« gesagt: »Gott der
Freien, wir geloben unser Herz und unser Leben der
Sache der gesamten freien Menschheit. Unsere Erde ist
nur ein kleiner Stern im großen Universum, doch wir
können, so wir wollen, aus ihr einen Planeten machen,
der vom Kriege nie mehr heimgesucht und von Furcht
verschont ist. . . In diesem Glauben laßt uns marschieren
auf die saubere Welt zu. Amen.« Das ist schön. Direkt
poetisch. (C.F.R.-Finanzgruppe?)

Ach ja - beinahe hätte ich noch etwas vergessen: Es war


Truman, der (entgegen dem Rat der Generäle) die ersten
Atombomben auf ein Land werfen ließ, das bereits in
Kapitulationsverhandlungen stand. Die Bombe von
Hiroshima tötete zweiundneunzigtausend Menschen und
verstümmelte siebenunddreißigtausend. Die Bombe auf
Nagasaki tötete vierzigtausend und verstümmelte
sechzigtausend.
Truman starb 1972, achtundachtzig Jahre alt. Alle sind sie
inzwischen da oben, alle, mit denen Gott noch einmal den
Nürnberger Prozeß aufnehmen kann: Hitler, Stalin,
Roosevelt, Truman, Churchill.
XIX

Nun stehen wir bereits in unserer eigenen Zeit. Für die


Amerikaner zerfällt die Welt heute in zwei Teile. Da gibt
es die schlechten Völker, die erzogen werden müssen, und
es gibt die anderen, die »so gut sein wollen wie wir« -
um es wörtlich zu zitieren. Wir Deutsche haben es
geschafft, wir sitzen im »guten« Zug; vor uns die D-
Zug-Lokomotive USA, mit der es Volldampf voraus in
den Fortschritt geht. Von allen europäischen Waggons ist
unserer der vorderste. Wir sind Amerikas liebstes Kind,
da darf uns nichts irremachen. Was wir sind und wie wir
sind, das danken wir ihm. Wir inhalieren seinen Atem zu
jeder Stunde und wo wir gehen und stehen, ja, wir leben
geradezu wie von der Mund-zu-Mund-Atmung. Seit
dreißig Jahren wachen wir mit Amerika auf und gehen
mit Amerika zu Bett. Es liegt mit der Zeitung auf
unserem Frühstückstisch und ist das letzte Bild, das vom
Fernsehschirm strahlt. Es war zuerst unser Bezwinger,
dann unser Richter und Henker, dann unser Umerzieher,
unser Sittenpapst, unser Evangelist. Seit dreißig Jahren
sehen wir Amerika: als Schlichter, als Gouvernante der
Völker, als guten Hirten, als Verführer, als Anstifter und
Kriegsächter, als Entspanner und größten
Waffenlieferant der Welt, als Heilsapostel der Rassen
und als Rassenhasser im eigenen Land, als Erfinder der
»Lebensqualität« und als Erfinder der tödlichsten Waffen,
als Erfinder des Salk-Serums und des Napalm, als Erfinder
der Jeans als Gesinnung und der Sterbehilfe für sieben
Dollar fünfzig pro Stunde, des Instant-Kaffees und der
Instant-Historie, als Menschenrechtler mit erhobenem
Zeigefinger und als Marschierer durch My Lay mit
erhobener Maschinenpistole, als Kornkammer Rußlands
und Verfechter von Sanktionen gegen Rhodesien, als
lästigen Vater der Bürger und als verzeihende Mutter der
Verbrecher, als Retter der Menschheit und als
Ausplünderer der Erde. »Amerika ist zum Albtraum der
Welt geworden« (Toynbee).
Wir haben alles miterlebt, ausführlicher, als es die
Geschichtsbücher einmal berichten werden. Schönes
und Scheußliches, Kämpfe und Kriege irgendwo - wie
viele waren es? Hundert? Ja, hundert Kriege werden es
seitdem gewesen sein -, Konferenzen, die alle unnütz
waren, Pläne und Vorsätze, die nie verwirklicht wurden,
Verbrechen, Rauschgift, Menschenraub als tägliches
Brot, und immer wieder Reden, Reden, Reden von einer
besseren Zukunft, von Frieden und Gerechtigkeit, die
längst gestorben ist. Und was wir vergessen haben, liegt
in den Archiven auf Hunderttausenden von Seiten
begraben - Staub. Womit waren die Jahrzehnte eigentlich
gefüllt? Ging uns nicht in Wahrheit eines wie das andere
hin? Ist das ein Zeichen von Friedensjahren? Denn es
waren doch für uns Friedensjahre? Oder?
Natürlich - da war die Invasion auf Cuba, weit weg, wann
war das doch gleich, dann war Vietnam, weit weg, wann
war das doch gleich, und da waren die Weltraumflüge und
die Landung auf dem Mond. Eisenhower war eine
Zeitlang da, dann Kennedy, es gab einen Johnson statt
Marilyn Monroe, was viel stilvoller gewesen und auch
besser im Gedächtnis geblieben wäre, dann kam ein
Mann namens Nixon und einer namens Ford - sie
machten, ja, was machten sie? Lauter Namen, scheinbar
mit vielen »wichtigen« Ereignissen verknüpft, für die
Nachwelt womit? Wir könnten Schluß machen, und ich
täte es auch gerne. Hat nicht Amerika aufgehört,
politische Geschichte zu machen? Hat Washington nicht
aufgehört zu regieren, so wie »Senatus Populusque
Romanus« aufgehört hatte, Weltgeschichte zu machen,
als Spätrom vor Kraft und Macht zu strotzen schien?
Gewiß, die Adresse für Staatsgeschäfte ist für die westliche
Welt immer noch Washington, aber es ist eine
Deckadresse für Provinzler. Eingeweihte richten ihre
Briefe gleich nach New York.*
Es wäre Blindheit, nicht zu sehen, daß jetzt alles von dort
erledigt wird. Und das Gesetz der Wallstreet ist nicht
politisch, es ist merkantil. So kommt es, daß man in
keinem Schritt Amerikas mehr die Politik herausleuchten
sieht. Die Parteien sind eine Farce für das Volk. Die
Programme sind eine Farce, die Uno ist eine Farce, die
Kriege Amerikas sind eine Farce. Amerika hat keine
Überzeugung mehr. Diese Rasse Mensch wünscht nur
noch, zum Ultimo von der Wallstreet die Versicherung zu
erhalten, daß lieb' Vaterland ruhig sein kann,
insbesondere, weil es vom Weltgetriebe durch zwei
stattliche Ozeane getrennt ist.
Denn was ist der Sinn des Lebens, boys? Ist es nicht die
Ungestörtheit des Alltags, des Essens, Trinkens, Schlafens,
des Vorwärts, des Erfolges? Immer sorgloser, immer besser,
immer »freier«? Das ist doch die »Qualität des Lebens« .
Oder?
Dies alles würde das impotente Dahinfließen der Jahre
nicht stören, wäre die ganze Erde auf dem gleichen Wege
der politischen Vergreisung, wäre die Unpolitik der USA,
ihre Trägheit, ihr Narzißmus und ihr perfider Geldrausch
ohne weltanschaulichen, hochpolitischen Gegenspieler.
Aber die Katastrophe ist: Dieser Gegenspieler ist da! Es ist

* »Dieses Land gehört der Wallstreet« (M. L. Lease).


die kommunistische Welt. Sie steht auf ganz anderen
Beinen: Der Kommunismus ist heute das einzige noch
hochpolitisch-weltanschauliche Gefüge.
Sehen Sie neben ihm noch weit und breit ein anderes? Ich
nicht. Ich höre nur ein endloses Geschwätz von
Schrebergärtnern, die nichts zu verkünden haben, und
deren Stimme nur noch im Dorfumkreis gehört wird. In
ihrer possierlichen Geschäftigkeit wissen sie nur noch
nicht, daß sie für die Nemesis trostlose Don Quixotes
sind. Der tiefere Grund, warum der Kommunismus das
letzte politische Dynamit ist, liegt darin, daß der
Kommunismus eben keine Partei ist, Parteien, die
Weltpolitik machen, gibt es nicht mehr. Der
Kommunismus ist ein religiöses Bekenntnis.
Ich bitte Sie, verstehen Sie das wörtlich. Die Sorglosigkeit
der Hochfinanz wird daher tödlich ausgehen, wie die
Sorglosigkeit Roms vor der Lehre des Christentums
tödlich ausging. Der Kommunismus ist eine echte, neue
Religion; sie verkündet (das ist bei der erbärmlichen
Ängstlichkeit der Menschheit obligatorisch) das Paradies,
wie jede Glaubenslehre. Aber sie hätte keine Chance,
würde sie die Verheißung wieder ins Jenseits legen. Die
Novität ist, daß der Kommunismus sie ins Diesseits
verlegte. Das verpflichtet ihn ebensowenig, wie der
Jenseitsglaube das Christentum verpflichtete, sein
Versprechen einzulösen. Und genau, wie alle anderen
Religionen ein »Wenn« eingebaut haben (»Erst wenn
wir tot sind, werden wir im Paradiese leben«), hat sich
auch die kommunistische Lehre abgesichert (»Erst
wenn die ganze Erde kommunistisch ist, werden wir
im Paradiese leben«). Gläubige sind unbelehrbar. Die
Leiden Unschuldiger in der Inquisition haben damals
nicht den Glauben an einen gütigen Gott erschüttert, die
Leiden in den bereits kommunistischen Staaten tun es
auch nicht. Gerade darin liegt die Macht.
Bis zu Roosevelt lebte die neue Religion in den
Katakomben. Roosevelt befreite sie und übergab ihr halb
Europa als »Kirchenstaat«. Damit war sie eine anerkannte
Kirche geworden.
So war die Situation in den fünfziger Jahren, als die
USA einen Schritt taten, der sie für die nächsten hundert
Jahre aller Sorgen beheben sollte. Selbstredend war der
Schritt nicht politisch, obwohl er sich das Mäntelchen der
Politik umhängte, sondern wirtschaftlicher Natur. Daß
er eine Bombe zündete, deren Wirkung nicht
abzuschätzen ist, scheint in der Wallstreet niemand
gesehen zu haben. Ist die Hochfinanz dumm? Ich frage
es noch einmal. Ich versichere Ihnen: Sie ist blind für
den Gang der Welt.
Industrie und Geldwirtschaft hatten in den Staaten
gigantische Ausmaße angenommen. Eine
Weiterentwicklung (die ja die Bibel der Wirtschaft
lehrt) war einfach nicht denkbar. Man kann mit dem
nötigen Druck jemandem ein fünftes Auto pro Jahr und
eine zwanzigste Flasche Coca-Cola pro Tag
aufzwingen, aber niemand wird sich privat ein
Bombengeschwader oder einen Staudamm zulegen. Es
ging nicht um Autos, es ging um das ganz große
Geschäft.
Die Hochfinanz sah sich noch einmal gründlich den Adas
an. Was er zeigte, waren zahllose bunte Flecken auf den
Karten Afrikas, Asiens und Polynesiens. Alle diese
Länder dort besaßen noch keinen Staudamm und kein
Bombengeschwader. Leider besagte die Buntheit der
Flecken, daß diese Gebiete unter der Hoheit
europäischer Staaten standen. Hier befand sich also
kostbarstes Absatzgebiet in der Hand von Ländern, die
nichts oder wenig abzusetzen hatten, schon allein
deshalb, weil man bei armen Kolonialvölkern nichts
»absetzen«, sondern nur verschenken kann. Aus dieser
Erkenntnis leitete sich für die amerikanische Hochfinanz
ab, daß die Lösung des Problems eine zweistufige sein
müßte. Es galt als erstes die Schalmei zu blasen für die
»Befreiung« der Kolonien. Die meisten fühlten sich
keineswegs geknechtet, vor allem die ehemals deutschen
und die niederländischen nicht; sie sahen sehr gut, was
die Weißen ihnen gebracht hatten, die Straßen, die
Städte, die Eisenbahn, die Krankenhäuser und Ärzte, die
Schulen. Die Hand der weißen Herren war milde; die
Faust der Stammeshäuptlinge war härter gewesen.
Die ganze Schar der verschwiemelten Gesundbeter,
Presse, Soziologie, Rundfunk und Kirche, stellte sich
sofort in den Dienst dieser moralisierenden Idee. In
Millionen von Funkstunden und mit Millionen
Zeitungsseiten wurde die Welt tagaus, tagein berieselt.
Bald schlug sich die westliche Hammelherde zerknirscht
an die Brust. Es dauerte nur wenige Jahre, da gab es
keine Kolonien mehr. (Mit Ausnahme der
amerikanischen natürlich. Es wird Ihrer
Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, daß die
amerikanischen, schamhaft »Territorien« genannten
Kolonien oder etwa der »Staat« Hawaii streng
ausgenommen waren.)
Der Zustand, in den diese Dritte Welt (Name ist alles,
Gefühl ist Schall und Rauch) durch die überstürzte
»Abwerfung der Ketten« geriet, war s chlimm.
Stammeskämpfe, Aufstände, Haß und Streit um die
Macht ruinierten sie, machten sie ausgebrannt und
hilflos. Für ganze Volksverbände kam im Gewand der
Freiheit der Tod. Untereinander waren die Farbigen
brutaler als jemals ihre weißen Herren.
Der Wallstreet traten die Tränen in die Augen. Es galt, Teil
zwei des großen Planes aus der Tasche zu ziehen. Er
war von verblüffender Einfachheit: Alle
Industriestaaten der Erde sollten auf lange Sicht und
immer aufs neue den »unterentwickelten« Ländern
Geld geben, um die armen befreiten Völker auf das
Niveau der europäischen zu heben. Eine einmalige Idee.
Selbst wenn Sie, meine Damen und Herren, das
verrückteste Huhn auf Gottes Erdboden sein sollten,
wären Sie kaum auf einen solchen Einfall gekommen, so
hirnrissig ist er. Bis auf den heutigen Tag habe ich das
Staunen nicht verwunden, wie Menschen so
schwindelfrei sein können, ein derartiges Ansinnen an die
Welt zu stellen. Vollends hilflos stehe ich der Tatsache
gegenüber, daß Millionen von Weißen dazu mit dem Kopf
nicken und sich gehorsam diesen Mühlstein um den Hals
hängen lassen.
Den Skorbut von Völkern heilen, gut. Ihren Hunger
stillen, sehr gut. Ihr Leben sichern, hervorragend. Aber
zu verlangen, daß die Supermärkte allen Kramläden der
Welt das Geld geben, damit sie auch Supermarkt werden
- das ist der Ruin.
Die Idee der Entwicklungshilfe - den Europäern mit der
weinerlichsten Nächstenliebe der Heiligen der letzten
Tage vorgetragen - wurde ein (wie man in Bonn sagen
würde) »Senkrechtstarter«.
Ich erinnere mich noch deutlich des Tages, an dem aus
heiterem Himmel und ohne Vorwarnung der damalige
Bundespräsident Lübke das Wort »Entwicklungshilfe«
wie eine Brandfackel in das Stroh der führenden Köpfe
schleuderte.
Wir sind verloren, glauben Sie mir, meine Freunde, der
weiße Westen ist verloren. Wer eine so selbstmörderische
Idee schluckt, ist reif zum Untergang. Es gibt eine
hypnotische Anfälligkeit, vor der einem die Hände
mutlos heruntersinken.
Wie die Wallstreet befahl, verschenken wir nun Milliarden
und Milliarden an die, die die erbitterten Feinde der
Weißen und skrupellos rassistisch sind. Ich sage
»schenken«, denn nur ein Phantast kann glauben, daß
ein Idi Amin oder Angola ihre Schulden jemals
zurückzahlen werden.
Die Regierungen der zahlenden Länder rechtfertigen die
verschleuderten Steuergelder damit, daß
Entwicklungshilfe stets auch Arbeits- und Lieferaufträge
bringe und damit Arbeit und Brot.
Hier kapituliere ich endgültig. Wäre der Effekt nicht
absolut der gleiche, wenn der Staat die Steuermilliarden
sofort und ohne den Umweg über Afrika oder Indien
direkt der heimatlichen Industrie gäbe?
Aber etwas anderes ergibt scheinbar keinen Sinn: Warum
hat die Wallstreet das ganze Unternehmen weltweit
gestartet?
Was hat sie davon, wenn zum Beispiel Deutschland Geld
an Zaire gibt und Zaire es für deutsche
Industrielieferungen wieder zurückgibt?
In der Tat, davon hat sie gar nichts. Und es sollte auch
nicht dabei bleiben.
Zum drittenmal wurde die Propagandamaschine in Gang
gesetzt. Wieder triefte die Begründung von Humanität:
»Rein zweiseitige Abkommen seien aus politischen und
ökonomischen Gründen zwar gut für das Geberland,
entsprächen aber nicht den Interessen der
Entwicklungsländer. Die Entwicklungsländer müssen
unter konkurrierenden Angeboten das günstigste wählen
können.« Muß ich Ihnen das noch kommentieren? Die
Beschenkten müssen wählen können, ob sie unser Geld
wieder an uns oder lieber Amerika zufließen lassen
möchten!
So ist es tatsächlich gekommen. Amerika gründete
»Internationale Organisationen«, die jetzt die Verteilung
übernehmen.
Die USA schienen am Ziel. Das ist nun ihre Großtat
unserer Tage! Aber es gab ein böses Erwachen. Die
Komödie verwandelte sich in ein bitteres Schauspiel.
Plötzlich flammten neue Revolutionen und Bürgerkriege
in den befreiten Ländern auf. »Präsidenten« wurden
gestürzt, flohen mit der Kasse in die Schweiz oder
wurden abgeschlachtet.
Nach blutigen Gemetzeln verwandelten sich quasi über
Nacht die Staaten in rote Diktaturen. Rußland hatte
angegriffen!
Alles hatte Amerika geliefert, vom Bomber bis zum
Kühlschrank, nur eines nicht: einen Inhalt, eine Fahne.
Blechseelen können das entbehren, Naturkinder nicht.
Es gab nur eine Macht, die im Besitz einer Fahne war:
Rußland. Durch Missionare, wie einst die Christen
(»Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker«)
brachten sie, während Amerika hökerte, ihren Glauben
zu den sehnsüchtigen Völkern, und wenn es nicht anders
ging, durch das Schwert - auch wie einst die Christen.
Mit dem Schwert durchhieben sie die Nabelschnur zur
westlichen Welt.
Asien und Afrika brennen an allen Ecken und Enden. Die
Narren, die glaubten, Weltpolitik ohne Politik machen zu
können, haben die Schlacht verloren. Wissen sie es? Ich
kenne die Theorie, wonach die Wallstreet sich mit dem
Kreml längst einig sei. Es ist die Theorie von der
Verschwörung der Insider. Aber der Kreml ist kein
»Insider«. Etwas anderes jedoch ist möglich: Vielleicht
glaubt die Wallstreet wirklich, wieder wie damals 1945
die Hand über die Elbe reichen zu können. Was kostet es,
den roten
Gott zu kaufen?*
Hören Sie, wie der Kreml lacht?
»Ich komme bald, ihr goldenen Kinder!« (Goethe, mal
anders).

* 44 Milliarden Dollar schuldet der Osten bereits dem Westen, davon


9 Milliarden uns. »Sie werden«, schrieb Lenin 1921, »uns
genau jene Materialien und Technologien liefern, die uns
fehlen. Und sie werden auch noch unsere Rüstungsindustrie
aufbauen, die wir für unsere künftigen siegreichen Angriffe gegen
unsere Lieferanten benötigen. Mit anderen Worten, sie werden hart
arbeiten, um ihren Selbstmord einzuleiten.«
XX

Die Geschichte der USA ist zu Ende.


Was ist das, was ich noch schreibe?
Mein Schwanengesang?
Ach, Sie wissen nun wieder nicht, was das traurige Wort
bedeutet. Ich lese es Ihnen aus Meyers Lexikon vor, und
der Einfachheit halber nehmen Sie an, daß ich, wie Sie,
dabei lächle: »Der Schwan hat eine laute, besonders aus
der Ferne wohlklingende Stimme, die er auch im Flug
und in der Not, wenn ihm das Eis den Zugang zu seiner
Nahrung verschließt und er nicht mehr die Kraft zum
Weiterziehen hat, anhaltend hören läßt, oft bis zu
seinem Tode.« Wenn er wirklich sterbend noch singt,
so schauerlich es ist, sei sein Tod gepriesen. Ich
wünschte, ich könnte ihn haben.
Wie aber, wenn wir seine Stimme nur nicht verstehen?
Wenn er nicht singt, sondern schreit? Es ist traurig für
ein Tier, die Welt verlassen zu müssen - seine Welt, den
See, die Wiesen, die Wälder, die Gräser, die aufgehende
Sonne, die Panstage, die lautlosen Nächte im Schilf- die
ewig gleiche Welt, so klein, aber im Gleichklang mit dem
Universum und gehorsam wie ein Echo. Und wir?
Unsere Welt?
Was ist in unseren Händen geblieben? Was können wir
unseren Vätern antworten, wenn sie fragen, was wir mit
dem Erbe des 19. Jahrhunderts, des perikleischen
Zeitalters getan haben? Was halten wir in Händen? Wir
haben alles vertan, was uns ein guter Gott, oder wie
immer sein Name sein mag, gegeben hat. Heute haben wir
nicht einmal mehr den Frieden der ärmsten Kreatur. Es
ist alles kaputt in unserem Herzen. Es schlägt wie rasend,
aber es ist leer. Die Sehnsucht nach Heimkehr an das Herz
der Großen Mutter ist erloschen. Wir sind einsamer als der
Schwan. Unsere Kehle ist zugeschnürt. Es ist alles kaputt.
Verzeiht uns! Wer? Wer soll uns verzeihen? Der Glaube
ist kaputt, niemand hat mehr die Inbrunst, die zu einem
verzeihenden Gott, irgendeinem Gott will, und nirgends
mehr ist ein Gott, der zu uns will. Haben Sie vergessen,
was geschehen ist?, so schnell vergessen, daß sie unter
dem Altar gelacht haben, daß sie geschrien, getobt und
gehöhnt haben? Den Priester bespuckt und den Papst in
die Gosse gezogen haben? Haben Sie vergessen, daß der
Stellvertreter Gottes nicht mehr wagt, die Frevler zu
exkommunizieren, weil niemand mehr gehorcht? Daß er
in Eitelkeit und Pflichtvergessenheit die Massenmörder,
wenn sie nur einen goldenen Stern an der Brust oder eine
Leopardenkappe auf dem schwarzen Kopf tragen,
empfängt und mit seinem Segen entläßt? Auf dem
Petersplatz stehen die Reisenden, zücken die Kameras und
klatschen dem weinerlichen Papst Paul VI. zu, wie einem
Schauspieler in Amerikas Reißer »Jesus Christus Su-
perstar«. Darüber weint er nicht; er weint, daß sich die
Priester unter seinen Augen verheiraten, daß es
Gefängnisse auf der Welt gibt, daß niemand mehr im
Zeitalter der Weltraumflüge an die leibhaftige
Himmelfahrt Maria in Kleidern und Schuhen glaubt, daß
die Schulmädchen, die zu ihm hinauf fotografieren, die
Pille kauen wie einen Bonbon und ihre Leibesfrucht
töten. Sie tragen kurze »Jesus-Jeans«, die über den
runden Backen mit dem Satz werben »Wer mich liebt,
der folgt mir nach«. »Amerika?« hat schon Clemenceau
gegiftet, »das ist die Entwicklung von der Barbarei zur
Dekadenz ohne den Umweg über die Kultur.« Sieht das
der Greis da oben? Fällt niemand mehr aus mystischem
Schauer auf die Knie? Niemand. Seht! Er hat keinen
Blitz mehr, er hat keinen Bann mehr in der Hand!
Vielleicht ist schon der große Zerstörer, der Antichrist,
gekommen, Von dem Paulus sagt, wir werden ihn
erkennen »als den Gesetzlosen, den Lügenden, den, der
den Gottesdienst umstoßen wird, den, der Großes zu
sinnen vorgeben, aber Verderben bringen wird«? Na,
come on! Was soll noch zerstört werden? Wir glauben
nicht mehr, wir zahlen nur noch die
Rückversicherungspolice. Wir haben den Antichrist
überrundet! Wir haben ihn beschissen! Aber die Police
bleibt, Freunde, ruhig Blut, die Police bleibt, solange wir
nichts Besseres haben. Was halten wir in den Händen?
Scherben. Es ist alles kaputt, was uns die Ewigkeit fühlen
ließ, alles, was das Rasen der Uhr aufhielt und uns
ahnen ließ, nicht verloren in der Vergänglichkeit zu sein.
Die Stille in uns ist vernichtet; wir flüchten vor ihr, wir
können sie nicht lange ertragen, wir werden krank in ihr,
wir laufen und fahren und lärmen und fliehen. Unser
Leben ist eine einzige große Angst und Besorgnis
geworden wie ein immer noch einmal prolongierter
Wechsel. Wie lange noch? Unser Leben ist vergiftet,
unser Atmen ist vergiftet, in der Luft ist bereits der Tod,
im Wasser ist der Tod, die Erde ist verseucht. Wir atmen
den langsamen Tod, wir trinken ihn, wir essen ihn,
während wir noch bei Tisch sitzen und delektiert
schmatzen. Nicht davon sprechen, Freunde! Hört ihr,
nicht davon sprechen! Seid brav!
Sind die Türen verriegelt? Sind die Gitter vor den
Fenstern? Ist der Alarm eingeschaltet? Die Banden sind
wieder unterwegs, die Totmacher. Geht nicht mehr in
der Dämmerung aus dem Hause! Geht nicht durch
Bahnschächte, geht nicht durch einsame Straßen! Sie
töten für ein Fünfmarkstück. Sie töten, weil sie sich
langweilen, oder weil das gute Fressen sie drückt, oder
weil die Hoden drücken. Sie töten schon, weil es ihnen
Freude bereitet, uns fallen zu sehen. Wir müssen lernen,
mit dem amerikanischen way of life zu leben. In den USA
geschehen jährlich hunderttausend Morde. Fünf
Millionen Amerikaner werden in jedem Jahr Opfer eines
Verbrechens. So pulsen die Städte von modernem
Leben. Geht hin, wohin ihr wollt. In Rio wird alle acht
Stunden ein Mensch umgebracht, in einem Jahr über
tausend. Geh hin, wohin du willst, aber geh schnell und
nicht durch einsame Straßen. Sie überfallen die Alten
und quälen die Jungen. Habe Angst um dein Kind!
Sie überfallen Banken und nehmen Geiseln, sie ketten sie
in Kellern an elektrische Leitungen oder fesseln sie in
Kisten und lassen sie ersticken, täglich und zu jeder
Stunde. Werft euch zu Boden, wenn die
Maschinenpistolen auf der Straße losgehen, springt aus
dem Wagen und rettet euch, wenn die Fluchtautos
ankommen mit den Ungeheuern, mit den Söhnen von
Pastoren am Steuer und den Kommunardenmädchen mit
dem Revolver neben sich. Sie verhängen den Tod, aber
über sie wird kein Tod verhängt. Der Staat tötet keinen
mehr; Mörder müssen leben, auch wenn wir sterben
müssen. Seht nicht hin, sprecht nicht darüber, denkt
nicht daran, freut euch des Lebens. Ihr lebt doch noch?
Natürlich. Ich spreche ja zu Lebenden. Kommen Sie,
meine Dame, kommen Sie, mein Herr, zeigen Sie es
unseren Vätern, daß das Leben lebenswert ist! Zeigen
Sie ihnen, daß es für Sie kein Eis gibt, das Ihnen den
Zugang zu Ihrer Nahrung verschließt! Es hat zu allen
Zeiten Böses gegeben. Bravo! Gut geantwortet! Zeigt
her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh. Zeigt her euren
prallen Hintern, zeigt her euer Auto, zeigt her euer
Bankkonto. Was noch? Euch fällt nichts mehr ein?
Vergeßt nicht Teneriffa und Bangkok. Was noch? Das
Bundesverdienstkreuz! Was noch, ihr toten Seelen?
Welche Töne, nicht wahr! Wie haßerfüllt ich spreche, wie?
Ja, ich bin nicht euer Freund. Ich bin nicht aller Freund!
Ich sagte, ich schriebe Geschichte mit dem Herzen
Hesekiels. Wahr. Aber an der Gegenwart ersticke ich
fast. Doch, was sollen wir tun? Ich sage »wir« - gehören
Sie, mein Freund, überhaupt zu mir? Wann haben Sie
zum letzten Male vor Entzücken und Andacht die Hände
gefaltet? Als Kind unter dem Weihnachtsbaum? Und
dann? Wann haben Sie seitdem im Geiste noch einmal
den Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore gesehen
oder geglaubt, das Rauschen des Flügelschlages der Fünf
Wilden Schwäne oder das Knarren des Mühlenrades in
einem kühlen Grunde zu hören? Und dies: »Verschon
uns Gott mit Strafen und laß uns ruhig schlafen, und
unsern kranken Nachbarn auch«?
Dringt es noch bis zu Ihrem Herzen? Sind Sie
hundertmal in Ihrem Leben vor den Wundern der
Schönheit fast erstorben, vor dem blühenden Mohn, vor
dem Rufen der Amsel, vor der Matthäuspassion, vor dem
Grünewald-Altar, vor der Pawlowa, vor dem Erechtheion,
vor dem Sonnenaufgang? Dann, armer Freund, sind Sie
ein Verlorener und Verratener wie ich. Und in Stunden der
Besinnung ein Verzweifelter wie ich. Aber sagen Sie es
niemand, Sie wären ein Gelächter.
Denn Sie müssen wissen, daß wir unsere Väter und alles,
was sie liebten, weit hinter uns gelassen haben und daß die
heutige Welt dicht vor dem Paradies steht. Aber denken
Sie an das Wort von Novalis: »Noch hat jeder, der vorgab,
das Paradies auf Erden zu errichten, die Hölle
geschaffen.« Fünftausend Jugendliche starben in einem
Jahr in Amerika, indem sie sich mit Heroin zu Tode
spritzten. Dreißig in einem Monat in Deutschland. Die
größte Verbrecherorganisation der Welt, die
Rauschgiftverkäufer sind fieberhaft an der Arbeit; sie
gehen in die Schulen, in die Lehrlingsheime, in die
verlotterten Universitäten. In einem Quartier in San
Francisco vegetieren heute fünfunddreißigtausend
Süchtige - menschlicher Müll, von den Dealern zum
Tode verurteilt. Alle vierundzwanzig Stunden wird ein
Mensch geraubt, jede sechzig Minuten ein Mensch
getötet, in jedem Jahr stirbt in Deutschland eine
Kleinstadt auf den Straßen. In den USA hat man
Krankenhäuser errichtet, in denen die
»fernsehgeschädigten« Kinder zu Hunderten gerettet
werden sollen, jene modernen Wesen, die während ihrer
Kinderjahre fünf-zehntausend Stunden vor dem
strahlenden Apparat sitzen und gierig achtzehntausend
Mord- und Grauenfilme aus zehn Kanälen in sich
aufsaugen, Öltanker versinken im Meer und verjauchen
das Wasser, Giftschiffe versinken im Meer und töten alles
Leben. Das Todeskarussell dreht sich schneller und
schneller. Atom-Reaktoren übersäen die Erde wie
Pestpusteln. Es ist ein Wettrennen hinter dem Wahn
geworden. Sie salbadern von »Unabhängigkeit« vom öl
und rennen auch noch in die Abhängigkeit vom Uran.
Sie machen aus Deutschland ein Minenfeld. Vor jedem
Attentat auf diese Todesmeiler, vor jedem Zufall, vor
jeder Bombe, vor jedem Überfall können wir jetzt zittern.
Aber wir zittern nicht, nicht wahr? Immer vorne dran!
Immer an der Spitze mit Amerika! Alles verdanken wir ja
dem herrlichen B rüder. »Eine einzelne Nation«, hat
Montherlant einmal prophetisch geschrieben, »der es
gelingt, die Moral, die Qualität des Menschen auf fast der
gesamten Erdoberfläche in die Tiefe stürzen zu lassen, das
hat es nicht gegeben, seit der Globus existiert. Ich klage die
Vereinigten Staaten an, im ständigen Zustand des
Verbrechens gegen die Menschheit zu sein.«
194 5 waren wir Wachs in ihren Händen, heute sind wir ihr
williger Schatten geworden. Die Zivilisation, sagen sie,
kann man nicht zurückschrauben. Nein? Nun, dann seht
zu, wir ihr mit ihr fertig werdet, aber fragt mich nicht. Bin
ich ein Quacksalber, den man befragt, wenn die Ärzte
versagen? Habt nur Vertrauen, ihr Martinsgänse;
vertraut den Blinden, sie führen euch gut!
Was sollen wir tun? Zu spät! Die Welt ist hypnotisiert, die
Lemminge rennen auf das Ende zu, sie sind nicht
aufzuhalten.
Was wollen wir auch retten? Was denn? Was wollen wir
bewahren? Unser Vaterland? Was ist das? Die Erde? Der
Acker? Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die
Atommeiler? Die Supermärkte? Die Partei-Silos? Was ist
des Deutschen Vaterland?
Wo ist es hingekommen? Es war doch einmal da, wo ist es
nur geblieben? Was war es denn?
Ach, meine verratenen Freunde, ich glaube, es war unsere
Seele. Die ist es, die sie zerstört haben. Die glücklichen
anderen, die noch eine Seele haben dürfen. Wir nicht;
denn Amerika hat keine. Wir sollen lachen, wenn jemand
von Seele spricht.
Die neue Generation lebt bereits ohne, jene Generation,
die die Hände verächtlich in die Hosentaschen stößt, wenn
sie unsere Schritte auch nur von ferne hört. Sie haben
Grünewald und Caspar David Friedrich unter den Arm
genommen, als wären es bewahrenswerte Unterkiefer
des Cro-Magnon-Menschen, ins Mausoleum getragen und
sagen: Seht, da hängt eure Scheiß-Seele. Sie treiben
Schindluder. Sie setzen einen Mülleimer auf Räder und
nennen es »Huldigung an Apoll«, sie spritzen mit einer
Pistole Farbe auf die Leinwand und hängen sie in die
Museen, sie nageln einen Holzspan an die Wand und
schreiben »Selbstbildnis« darunter. Erinnern Sie sich, wie
sich auf der Biennale die Menschen davor drängten?
Vergessen Sie es nicht: Das ist das einst unglaubliche
Märchen von des Kaisers Kleidern! Es ist Wirklichkeit
geworden; die Wirklichkeit von Gehirnen, die unheilbar
krank sind. Sie sind Bravos geworden, hassenswerte
Bravos; sie kennen nichts mehr, keine Sehnsucht, keine
Liebe. »Haben Sie Blumen, Mr. Neil Armstrong?«
»Selbstverständlich. Aus Plastik. Das ist viel
praktischer.« Sie nennen sich abgenabelt, ohne bei dem
Wort zu erschrecken. Sie kennen nicht einmal Wehmut,
jene Empfindung, die so kostbar zusammengesetzt ist
aus Freude, Trauer, Resignation und unverlierbarer
Erinnerung.
Was sollen wir tun? Wird unser Atem nicht schon
schwer? Was sollen wir tun? Ich weiß es nicht.
Seit Odysseus hat sich niemand mehr zwischen Skylla und
Charybdis gerettet.
Ich weiß nur eines: Verbannt alles Mitleid mit jenen
anderen.
»Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen
Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht sind nach dem
anderen Ufer«, hat Nietzsche bekannt, »ich liebe alle die,
welche wie einzelne schwere Tropfen sind, fallend aus
der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt:
Sie verkünden, daß der Blitz kommt, und werden
wohl als Verkünder zugrunde gehn.«
Darum verliert kein Mitleid! Ich sage: Haßt! Haßt, was da
über uns kommt! Wenn ich das sage, mache ich nicht in
Wahrheit Platz für die Liebe?
Kann nicht auch Gott nur annehmen, indem er zugleich
verwirft? Verdammt er nicht um der Liebe willen? Ja, wer
liebt, muß zugleich verwerfen.
Deshalb, aus Liebe zu dem, wonach wir hungern und was
man kaputtgemacht hat, deshalb sagte ich: Haßt! Die
Liebe ist machtlos geworden. Dort drüben, jenseits des
Ozeans, steht der Schuldige.
XXI

Haben wir eine Zukunft?


Na klar!
Verzeihen Sie mir das burschikose Wort, es soll nur meine
Bewegung verbergen. Zukunft ist uns sicher.
Gewinnt der Amerikanismus, so wird er in 150 Jahren die
Menschheit zugrunde richten, und die Erde wird als
erstorbener Mars im Weltall weiterkreisen. Gewinnt die
neue Religion, so wird die Menschheit 150 Jahre lang in
großer Not leben, und dann wird wieder das Jahr Eins
kommen und alles von vorne beginnen.
So oder so.
Halleluja!