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66 © Lucius & Lucius Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S.

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Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet?


Ein Beitrag zur Methodologie der qualitativen Sozialforschung

Contingency: Methodically Eliminated or Observed?


A Contribution to the Methodology of Qualitative Research

Armin Nassehi und Irmhild Saake


Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München, Konradstr. 6, D-80801 München

Georg Weber zum 70. Geburtstag

Zusammenfassung: Als zentrales Problem der qualitativen Sozialforschung erscheint die Frage nach der Konstitution
von Bedeutungen. Sowohl Biographieforschung als auch Ethnomethodologie bieten methodische Antworten an, denen
zufolge Bedeutungen über immer schon vorhandene Ordnungsstrukturen entschlüsselt werden. In diesem Beitrag wird
der Versuch unternommen, eine qualitative Methodologie zu entwickeln, die sich für die Entstehung von Ordnung inte-
ressiert. Mit dieser systemtheoretischen Reformulierung einer Methodologie der qualitativen Sozialforschung können
dann bekannte Argumentationsfiguren (Narration bzw. kommunikative Kompetenz, Authentizität bzw. recipient de-
sign, Prozessstrukturen bzw. Indexikalität) neu gelesen werden, und zwar als Versuch zur Ausschaltung von Kontingenz
über die Installation von Gültigkeitskriterien, von zuverlässig interpretierenden Adressaten und von zeitbindenden Spei-
chermedien. Als Resultat dieser Argumentation ergibt sich die Forderung danach, in qualitativen Forschungen Kontin-
genz selbst zum Thema zu machen, anstatt mit Hilfe von Methoden eine immer schon vorausgesetzte Ordnung zu ent-
decken. Diese Methodologie wird am Beispiel der Untersuchung von Todesbildern illustriert.

Eine Auseinandersetzung mit Fragen der qualitati- politisch korrekten Akzeptanz von „kontextuell ge-
ven Sozialforschung stößt unweigerlich auf das bundenen Produkten“, die jeweils von „institutio-
Problem der Varietät von Forschungsschulen. Wenn nell-organisatorischen, lokalen und personalen Be-
sich ein methodologischer Text nicht dazu verhal- dingungen und Ressourcen geprägt“ (Breuer
ten kann, wird er von dem Virtuosen eines speziel- 1996b: 79) sind. Für die Legitimation methodischer
len Ansatzes mit Grandezza auf die Überholtheit Widersprüchlichkeiten hat sich das von John De-
oder gar Unangemessenheit dieser oder jener An- wey entlehnte Etikett „Kunstlehre“ bewährt, das
nahmen hingewiesen. Keith F. Punch versucht in ei- den Blick direkt auf die „persönliche Virtuosität“
ner Einführung in quantitative und qualitative Me- des Forschers (Heckmann 1992: 146) lenkt. Her-
thoden diese Fallstricke der Argumentation zu bert Willems (1996: 440) zeigt überzeugend, dass
vermeiden, indem er mit dem harmlosen, aber eben sich dieses Virtuositätsargument durch die gesamte
auch bezeichnenden Satz beginnt: „‚Qualitative re- internationale Literatur über die qualitative Sozial-
search‘ . . . is not a single entity, but an umbrella forschung zieht. Von der „Sicherheit des Auges“,
term which encompasses enormous variety“ (Punch „überlegtem Nachdenken“, „Geduld und Augen-
1998: 139). Die Skala der methodischen Vorgaben, maß“ bis zu „Phantasie und Intuition„1 wird alles
die unter diesem Schirm zusammenfinden, reicht aufgeboten, um zu zeigen, dass sich jene For-
dabei unabhängig von der Gegenstandskonstitution schungstechniken und -methoden nicht schlicht
von der kompromisslosen Forderung nach einem technisch erlernen lassen.2 Damit präsentiert sich
fast schon standardisierten „rigorous research“
(Charmaz 1995: 27) über den eher moderaten 1
Willems bezieht sich hier auf Autoren wie N. Elias, B.
Wunsch, „methodisch kontrolliert durch den ober-
Glaser, A. Strauss, R. Williams, P.F. Lazarsfeld, S. Cohen,
flächlichen Informationsgehalt des Textes hin- L. Taylor und J. Bergmann.
durchzustoßen zu tiefer liegenden . . . Sinn- und 2
Bei Oevermann wird als zusätzliche Bedingung die psy-
Bedeutungsstrukturen und dabei diesen Rekon- chische Gesundheit des Interpreten vorausgesetzt, um zu
struktionsvorgang intersubjektiv nachvollziehbar verhindern, „dass die Befähigung zur intuitiv angemesse-
zu machen“ (Hitzler/Honer 1997: 23), bis hin zur nen Primärerfassung sozialer Sachverhalte darunter stark
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die methodologische Debatte exakt auf dem glei- diese Weise unbeschädigt von der ungeklärten Di-
chen Niveau, auf dem sie Aaron V. Cicourel 1964 chotomie „ein Verständnis einer Lebenswelt erzeugt
mit seinen Ausführungen über die hilflosen Ver- werden kann, wobei der Heterogenität der Materi-
suche zur Kontrolle der Interviewsituation verlas- alperspektiven Rechnung getragen wird“ (Marotzki
sen hatte (vgl. Cicourel 1970: 110ff.).3 1998: 52). Man tut dann so, als habe man es entwe-
Qualitative Forschung scheint, ähnlich wie die Pä- der mit unterschiedlichem Datenmaterial oder mit
dagogik, auf ihr eigenes Technologiedefizit zu rea- unterschiedlichen Seinsbezirken oder Gegenständen
gieren, indem sie einerseits für rigorose Eindeutig- der sozialen Welt zu tun, deren gegenseitige Ergän-
keit sorgen will, andererseits die Kontingenz des zung im sozialwissenschaftlichen Forschungsalltag
eigenen Forschens sich in der inneren Unendlichkeit dann auch ein wenig Interdisziplinarität in einzelne
des geschulten Sozialforschers aufheben lässt. Wäh- Disziplinen hineinverlagert – und gerade das Kon-
rend die quantifizierte Welt statistischer Sozialfor- zept der Interdisziplinarität, wie wir es den mit För-
schung in der simulierten Präzision der dritten dergeldern winkenden Papieren von Stiftungen und
Nachkommastelle des Korrelationskoeffizienten den Ministerien entnehmen können, lebt letztlich von je-
Beobachter letztlich sediert bzw. das Ergebnis vom nem Modell der Summe: Man addiere nur die unter-
konkreten Beobachter unabhängig macht, fordert schiedlichsten Perspektiven, schon kommt man der
die qualitative Forschungsmethodik den gehaltvol- Wahrheit asymptotisch näher.
len, vom Leben gesättigten, von der Persönlichkeit Cicourel hatte 1964 eine „Theorie der Instrumenta-
des Forschenden legitimierten Forschungsstil gera- tion“ (Cicourel 1970: 12) gefordert, mit deren Hilfe
dezu heraus. Die weitere Diskussion der Methoden Beobachter und Daten auseinandergehalten werden
verläuft nun innerhalb der sich selbst plausibilisie- sollten; er reagierte mit dieser Forderung auf die Be-
renden Dichotomie von quantitativen und qualitati- obachtung, dass die Forschungspraxis selbst, also
ven Methoden der Sozialforschung. Sicherlich ist die Kommunikation mit Forschungsobjekten, jenes
diese Dichotomie auch deshalb so beliebt, weil sie Soziale ist, mit dessen Hilfe wiederum soziale Da-
davon entlasten kann, überhaupt nach der Logik ten produziert werden sollen. Wir werden im Fol-
der Sozialforschung zu fragen. Sie stabilisiert den genden versuchen, eben diese Frage der sozialen Lo-
Konflikt, indem sie die je eigene Seite mit guten gik der Sozialforschung wieder in die Diskussion
Gründen als methodisch-methodologischen Königs- um angemessene Methoden und Methodologien
weg ausgibt. Jenseits der Dichotomie scheint dann einzubringen. Im Unterschied zu Cicourel setzen
nur noch die Triangulation denkbar zu sein (vgl. wir aber nicht an der Frage nach den richtigen In-
Kelle/Erzberger 1999: 514ff.), mit deren Hilfe quali- strumenten an, sondern an der Frage nach der Kon-
tative und quantitative Methoden zusammengeführt stitution von Bedeutungen. Dabei unterscheiden
und mit der Hoffnung ausgestattet werden, dass auf wir zwei prototypische Zugänge zu dieser Fra-
gestellung: biographietheoretische und ethno-
leidet“ (vgl. Oevermann et al. 1979: 393). Das Argument methodologische Forschungen. Diese grobe Unter-
des intuitiven Zugangs zum Material soll hier nicht grund- scheidung, die sich in der methodologischen
sätzlich kritisiert werden. Man müsste sich statt dessen Diskussion kaum so wiederfinden lässt, rechtfertigt
viel eher darüber Gedanken machen, ob solche „Leerstel- sich durch ihren forschungspraktischen Umgang
len“ der methodologischen Argumentation nicht expliziter mit „Bedeutungen“. Monika Wohlrab-Sahr hat die
für eine theoretische Reflexion der Methodologie genutzt zugrundeliegende Problematik überzeugend zusam-
werden können. Vgl. dazu Willems 1996.
3 mengefasst: „Die Frage, um die es dabei geht, ist al-
Den Hinweis darauf, dass aus Sicht der Ethnomethodo-
logie die biographietheoretischen Unsicherheiten über die
so die, ob in irgendeiner Form vom Text auf das,
„richtige“ Beziehung zwischen Forschern und Beforschten worauf der Text verweist, geschlossen werden kann
uralte Probleme des Instruments ‚Interview‘ darstellen, und weiter, was es denn ist, worauf der Text ver-
verdanken wir der anonymen Begutachtung dieses Aufsat- weist“ (Wohlrab-Sahr 1999a: 486). An dieser Frage
zes. Wir tragen jedoch nicht die Unterscheidung zwischen entlang unterscheidet sie zwischen jenen, die „kon-
antihermeneutischen und hermeneutischen Ansätzen oder kret vorliegende Konstellationen und daraus resul-
gar die Unterscheidung zwischen mehr oder weniger na- tierende Probleme in ihrer inneren Logik rekonstru-
türlichen qualitativen Ansätzen (vgl. Bergmann 1981: ieren wollen“, und den anderen, die „bei der
14, 19) mit. Unsere Argumentation läuft statt dessen da-
Bestimmung allgemeiner Funktionen eines all-
rauf hinaus, die Analyse sprachlich verfasster Daten – egal
ob sie als Interviewtext oder als Transkript einer Video- gemeinen Typs von Kommunikation (etwa: Konver-
aufzeichnung vorliegen – als bedeutungsgenerierende In- sionserzählung) oder Handlung stehen bleiben“
strumente zu untersuchen und sie daraufhin zu befragen, (ebd.: 492). Es geht hier also schlicht um die Frage,
woher sie eben diese Bedeutung nehmen. ob Daten der qualitativen Sozialforschung in der
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Lage sind, über die in ihnen repräsentierten Inhalte und die Kontingenz des Forschungsgegenstandes
forschungspraktisch relevante Auskünfte zu geben, wie der Forschung selbst domestizieren.6 Einwände
oder ob sie lediglich über die soziale Repräsentation einer postmodernen Ethnographie (vgl. Geertz
dieser Inhalte informieren.4 1988) verpuffen, wenn es um die konkrete Frage
Der Wunsch nach Eindeutigkeit, der natürlich auch geht, was nun zu tun ist.
die quantitative Forschung umtreibt, dort aber an Wir werden im Folgenden zunächst die Unterschei-
mathematischen Verfahrensregeln Halt findet, ver- dung von Theorien und Methoden (1.) unter die
weist auf ein grundsätzliches Problem der For- Lupe nehmen, um danach an drei klassischen The-
schung, nämlich die gemeinhin akzeptierte Auftei- menkomplexen der qualitativen Sozialforschung zu
lung des Forschungsthemas in eine Ontologie der zeigen, dass es in der qualitativen Methodendiskus-
Gegenstände und ihre forschungstechnisch erzeug- sion zumeist nur um Kontingenzdomestikation
ten Abbilder. Darin spiegelt sich die grundlegende geht. Mit Hilfe der richtigen Methoden sollen Be-
epistemologische Unterscheidung von Erkenntnis deutungen eines konkreten Kontexts (Interview-
und Realgegenstand wieder, deren wissenschafts- oder Gesprächssituation) auf einen zugrunde lie-
theoretische Fassungen spätestens seit der er- genden allgemeinen Kontext (Biographie, Interak-
kenntniskritischen Philosophie Kants zu unter- tion) zurückgeführt werden. Der Streit darüber, in-
schiedlichen Lösungen des wissenschaftlichen wiefern sich von dem einen auf den anderen
Erkenntnisproblems geführt haben. Die Besonder- Kontext schließen lässt, scheint uns nicht das Ent-
heit der Soziologie in diesem Zusammenhang be- scheidende zu sein, weil dieser Streit allzu sehr nach
steht darin, dass sie den zwar nicht programmati- einer beobachterunabhängigen Realität sucht, die
schen, aber doch empirisch zu beobachtenden lediglich durch das Medium des Datenmaterials ge-
Relativismus der Forschungstechniken nicht igno- brochen ist. Uns interessieren vielmehr die Daten
rieren kann, weil gerade dies Teil ihres Erkenntnis- selbst, die nichts anderes als Beobachter sind – Be-
gegenstandes ist.5 Die disziplinäre Aufhebung die- obachter, die das, was sie sehen, selbst erzeugen.
ser Selbstverunsicherung der Soziologie in der Exakt dieser kontingente Prozess der Erzeugung
Wissenssoziologie hat mit dazu beigetragen, jene von Realität ist unser Thema, das wir in Auseinan-
tribalen Verhältnisse unseres Faches zu etablieren, dersetzung mit den von uns etwas überstilisierten
die Theorie und Empirie strikt voneinander abzu- Antipoden Biographieforschung und Ethnometho-
grenzen meinen. Dass dies nicht nur eine epistemo- dologie erörtern werden. Wir diskutieren dabei die
logische Etablierung ist, sondern auch eine handfest Narration und die kommunikative Kompetenz als
materielle, lässt sich bis heute an der Ausdifferen- Gegenstandsbereich (Sachdimension) qualitativer
zierung von Karrierewegen, Lehrstuhlwidmungen Forschung (2.), nehmen dann die Position des For-
und wechselseitigen Beobachtungsverhältnissen in schers und seine Operationalisierung über Authen-
der Soziologie ablesen. Während sich die Theorie tizität oder das ‚recipient design‘ (Sozialdimension)
genannte Seite entweder mit Fachgeschichtsschrei- in den Blick (3.) und widmen uns schließlich den
bung oder mit empirisch oft ungesättigten Beschrei- Regeln der qualitativen Sozialforschung, die einer-
bungen begnügt, kann sich die Empirie genannte seits die lebenslaufbezogenen Prozessstrukturen,
Seite mit der Illusion einer Wirklichkeitsnähe aus- andererseits die Indexikalität des Forschungsgegen-
statten, die kaum dem heutigen Stand epistemologi- stands in den Mittelpunkt rücken, um die Zeitstabi-
scher Möglichkeiten entspricht. Man produziert lität von Bedeutungen behaupten zu können (Zeit-
dann – vor allem in der qualitativen Sozialfor- dimension) (4.). Unter dem Stichwort Kontingenz
schung – Regelwerk über Regelwerk, die alle je- sichtbar machen (5.) werden wir schließlich – unter
weils um die Nähe zur Wirklichkeit konkurrieren Hinweis auf unsere eigene derzeit laufende empiri-

4 6
Sabine Reh unterscheidet ganz ähnlich zwischen „pro- Auch eine Ethnomethodologie, die sich explizit gegen
positionalem Gehalt“ einerseits und andererseits der Per- Regelwerke ausspricht – Jörg Bergmann etwa kritisiert
formativität des Textes, der selbst als „empirisches Da- „Definitions- und Taxonomierungspolizisten, die – kaum
tum“ gewürdigt werden soll, mit dessen Hilfe sich zum dass sie Fuß auf ein fremdes Eiland gesetzt haben – sofort
Beispiel eine Kommunikation in einen gesellschaftlichen damit beginnen müssen, den Verkehr zu regeln“ (Berg-
Diskurs einmustert und dadurch eben darüber Auskunft mann 1981: 39) – verliert sich schließlich in ihren eigenen
gibt und nicht über eine „Ursprungsszene“ (Reh 2001). Regularien, wenn es um das „Aufzeichnungspostulat“
5
Es sind gegenwärtig vor allem Niklas Luhmann (1990) geht, mit dessen Hilfe „unique adequacy requirement“
und Pierre Bourdieu (1998), die auf diese Besonderheit (Garfinkel) sichergestellt werden soll, was wiederum be-
der Soziologie aufmerksam machen, dass sie selbst in ih- deutet, dass Gegenstand und Wirklichkeit zusammenfal-
rem Gegenstandsbereich vorkommt. len sollen.
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sche Forschungsarbeit7 – andeuten, was sich än- sen, um überhaupt zu Ergebnissen zu kommen. Da
dert, wenn man Kontingenz in der qualitativen So- bietet sich der Grabenkampf zwischen Theorien
zialforschung methodisch und methodologisch zum und Methoden gut an – selbst von Seiten der Theo-
Fokus der Auswertung macht. rie, wie man dem Beispiel Luhmanns entnehmen
kann.
Epistemologisch betrachtet, gibt es freilich keinen
1. Theorien und Methoden unüberwindlichen Graben, keinen wechselseitigen
Ausschluss einer empirischen Soziologie und einer
Die beliebte Unterscheidung theoretischer und me- theoretischen Soziologie, soweit die letztere sich
thodischer oder empirischer Zugänge zum Gegen- nicht in der Exegese klassischer Texte aus dem geof-
stand der Sozialwissenschaften8 hat eine ähnliche fenbarten Fundus unserer Fachgeschichte erschöpft,
Wirkung auf die methodologische Diskussion wie sondern ihre „Begriffe als Entscheidungen“ aus-
die zwischen qualitativer und quantitativer Sozial- weist, „die mit erkennbaren Folgen geändert wer-
forschung. Die Unterscheidung ist so eingespielt, den können“ (Luhmann 1997: 43). Schon das
dass es kaum mehr der Rede wert zu sein scheint, Totalitätsargument Luhmanns, also dass sich „pro-
die Gemeinsamkeit beider Seiten in den Blick zu be- jektförmig“ betriebene Forschung stets nur auf eine
kommen. Man muss sich wahrscheinlich daran ge- fiktive Auswahl von Variablen beziehen könne und
wöhnen, soziologische Theorien – wenn man da- damit ihr Unbekanntes, Ausgeschlossenes, ihre an-
runter nicht bloß empirisch bewiesene bzw. noch dere Seite nicht mitberücksichtigen könne, gilt nicht
nicht falsifizierte Sätze verstehen will – zunächst nur für diese Form von Forschung und nicht einmal
einmal als nichts anderes anzusehen denn als die nur für wissenschaftliche Kommunikation – also
Handhabung bestimmter Unterscheidungen, wenn auch für „Theorie“ –, sondern für soziale Systeme
man so will: als eine Methode der Beobachtung. überhaupt. Wenn etwa Luhmann schreibt, „dass
An Niklas Luhmanns „methodologischen Vor- das Verhältnis von Einschließung und Ausschlie-
bemerkungen“ in seinem opus magnum lässt sich ßung durch die sozialen Systeme selbst geregelt ist“
das Missverständnis sehr schön studieren. Luh- (Luhmann 1997: 37), und dies als Argument gegen
mann verteidigt dort (Gesellschafts-)Theorie gegen die Fiktion des „geschlossenen Bereichs“ eines –
das, was „fachüblich als empirische Forschung be- strukturell – begrenzten Datensatzes vorbringt, un-
handelt“ (Luhmann 1997: 36) wird. Er führt gegen terschlägt er, dass jede Kommunikation, jedes kom-
solcher Art Forschung ins Feld, dass sie nicht in der munikative Ereignis mit dem Einschluss von Sinn
Lage sei, eine Theorie der Gesellschaft zu fundieren auch Sinn ausschließt. Man könnte sogar sagen, in
– und er meint damit wohl jenen naiven Konventio- zweifacher Weise: zum einen als bestimmte Nega-
nalismus des Forschens, dem kaum klarzumachen tion der anderen Seite einer beobachtungsleitenden
ist, dass sich der gesamte Methoden- und Katego- Unterscheidung, zum anderen als unbestimmte
rienapparat nur einer selbstbezüglichen, selbst pro- Negation aller anderen möglichen, aber nicht mit-
duzierten Welt von Daten und Fakten verdankt, aus vollzogenen Unterscheidungen. Für alles Kommuni-
dem es keinen Ausgang gibt. Und effiziente For- zieren gilt, dass seine Unterscheidungen als „Sinn-
schung wird sich damit wohl auch begnügen müs- gebrauch in sozialen Systemen immer auch
Verweisungen auf Unbekanntes, auf Ausgeschlosse-
nes, auf Unbestimmbares, auf Informationsmängel
7
DFG-Projekt „Todesbilder in der modernen Gesell- und auf eigenes Nichtwissen mitführt“ (Luhmann
schaft“ (Na 307/2-2) am Institut für Soziologie der Uni- 1997: 38). Schwer verständlich ist freilich, warum
versität München. Leiter des Projekts ist Armin Nassehi
dies nicht auch für eine Theorie (der Gesellschaft)
(München), Mitantragsteller Georg Weber (Münster). Ziel
des Projektes ist es nicht, ein Tableau bekannter Todesbil- gelten soll, deren Totalitätsanspruch ja kein sum-
der im Sinne religiöser oder funktional äquivalenter Sinn- marischer in dem Sinne sein kann, dass die „Ge-
deutungen des Todes in der Moderne aufzustellen; Ziel ist samtheit aller sozialer Phänomene“ (Luhmann
vielmehr, typische Formen der Thematisierbarkeit des To- 1997: 41) ein endlicher Fundus sei. Denn bereits je-
des herauszuarbeiten. de „theoretische“ Beobachtung der Gesellschaft
8
Mit dem soziologischen Blick auf diese Unterscheidung fügt dieser etwas hinzu und eröffnet zugleich einen
hat bereits die Ethnomethodologie versucht, in den Me- nicht eröffneten Raum des Nicht-Vollzogenen,
thoden den Beobachter sichtbar werden zu lassen, jedoch wenn man so will: des Nicht-Identischen (vgl. auch
mit dem Ziel, den Methodiker als eigentlichen Theoreti-
Nassehi 1993a).9
ker auszuweisen. Einen solchen Vorrang wollen wir aus
den oben genannten Gründen nicht behaupten. Auch die-
9
sen Hinweis verdanken wir den Gutachtern. Bereits Adornos Kritik des soziologischen Verständnisses
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Was Luhmann als zirkuläres Argument vorbringt, tur sind. Was dort die Statistik und die Gnade der
dass nämlich die Gesellschaftstheorie – und das gilt großen Zahl leisten, die den Einzelfall im sample
für die soziologische Theorie schlechthin – ohne großer Grundgesamtheiten verschwinden lässt und
Rest und unvermeidbar „abhängt von der Beobach- den Ursprung der Daten geradezu unsichtbar
tungsweise und den Unterscheidungen“, mit denen macht, bleibt hier stets sichtbar und lässt sich nur
sie „sich etabliert“ (Luhmann 1997: 43), gilt eben schwer wegdefinieren – weder durch rigorose Me-
nicht nur für theoretische Sätze, sondern schlicht für thodenideale noch durch die Persönlichkeit des For-
alles, was kommuniziert wird – also auch für Me- schers. Es wäre weit gefehlt, die quantitative gegen
thoden und für Empirie. Wenn man sich dies episte- die qualitative Forschung auszuspielen, um das an-
mologisch zumutet und den methodologischen Dis- gedeutete epistemologische Problem zu lösen. Man
kurs nicht unter der Prämisse der asymptotischen kommt dann höchstens zur politisch korrekten
Annäherung an den ontischen Forschungsgegen- („Forschung von unten“) oder szientifisch ideali-
stand führt, sondern im Sinne der Frage nach der be- sierten („Erklärung“) Folklore unseres Faches.
obachtenden Gegenstandskonstitution durch For- Wir wollen im Folgenden eine andere Fährte verfol-
schung, bekommen all jene so bequemen Konflikte gen, die sich aus einer beobachtungstheoretischen
– zwischen Theoretikern und Empirikern oder Qua- Perspektive ergibt. Wenn es stimmt, dass Sinn-
litativen und Quantitativen oder auch zwischen gebrauch in sozialen Systemen immer auch auf Un-
Hermeneuten und Anti-Hermeneuten – eine ganz bekanntes, Ununterschiedenes, auf Unbeobachtetes
neue, eine untergeordnete Bedeutung.10 Es geht verweist, also auf die andere Seite alles Unterschie-
dann auch nicht mehr um die Frage von Gesamt- denen, dann müsste die Logik der Forschung sich
beobachtungen eines gesellschaftlichen Ganzen, wie exakt dieser Logik der Unterscheidung widmen.
es Gesellschaftstheorien oder Zeitdiagnosen anstre- Der forschende Blick bekommt dann nicht nur zu
ben, und auch nicht mehr um die Frage, ob empiri- sehen, was der Fall ist, sondern vor allem, was nicht
sche Forschung die Gesamtheit ihres Gegenstandes der Fall ist. Gegenstand der Sozialforschung, so
erforschen könnte, sondern nur noch um die Frage, wird unsere These lauten, ist dann die Frage nach
wie der wissenschaftliche Beobachter seinen Gegen- der Kontingenz ihres Gegenstandes.12
stand durch Beobachtung konstituiert. Wer diesen
Bewährte Strategien der Sozialforschung invisibili-
Zirkel vermeiden will, muss sich mit der Selbstillu-
sieren diese Kontingenz. Im Rahmen der quantitati-
sion zufrieden geben, die empirische Soziologie kön-
ven Sozialforschung werden Daten produziert, die
ne durch angemessene Methoden quasi von außen
unter der Bedingung eines größtmöglichen Konsen-
an einen ontisch fixierten Gegenstand herantreten –
ses der scientific community hergestellt werden.
und solange diese Illusion als methodologische Si-
Das Problem der Bedeutung ist hierbei immer schon
cherheit daherkommt, lässt es sich damit nicht ein-
im vorhinein gelöst bzw. oder es mündet in die Kri-
mal schlecht leben.11
tik an einem uneindeutigen Fragebogen. Ein Bei-
Wer nun erwartet, die angedeuteten Probleme lie- spiel: Bevor man Angst messen kann, muss man
ßen sich durch qualitative Forschungsdesigns lösen, sich darauf einigen, was als Anzeichen von Angst
muss enttäuscht werden. Denn all das Gesagte gilt gewertet werden soll. Die Entscheidung dafür wird
auch – oder: erst recht – für die Forschung mit nicht zumeist pragmatisch begründet, und sie legitimiert
standardisierten Daten. Der einzige Unterschied be- sich dann z. B. über Erfolgsquoten diagnostischer
steht darin, dass die Kontrollstrategien anderer Na- Treffsicherheit oder – besser – der Behandlung. Ge-

von Gesellschaft als Kumulation von Einzeltatsachen hat 12


Herbert Willems (1996) hat in einem lesenswerten Auf-
auf die „Vermittlung“ aller sozialen Phänomene hingewie- satz versucht, Goffman gegen Konversationsanalytiker
sen, also auch auf die gesellschaftliche Vermitteltheit der und objektive Hermeneuten zu retten, und dabei eben die-
Forschung selbst; vgl. Adorno 1997. ses Argument der Kontingenz stark gemacht. Auch Jörg
10
Die gängige Unterscheidung in hypothesenprüfende Bergmann warnt mit Goffman die Konversationsanalyse:
quantitative und theoriengenerierende qualitative For- „Im Vollzug wie in der Darstellung der Analyse ver-
schung (vgl. Bohnsack 2000: 17ff.) bietet keinen Ausweg schwindet dabei unter der Hand häufig das Bewusstsein
an, da sie einen Vorrang der qualitativen, der Notwendig- davon, dass es sich hierbei um einen methodologisch be-
keit zum „Fremdverstehen“ angemessenen Forschung be- gründeten Determinismus handelt und der Nachweis der
hauptet und eben darüber nur einen anderen Weg der Ein- interaktionslogischen Strukturiertheit eines sozialen Ge-
deutigkeitsgenerierung wählt. schehens keineswegs die ontologische Aussage impliziert,
11
Pierre Bourdieu (1998: 27) nennt genau dies die illusio dass die Interagierenden gar keine andere Wahl hatten, als
des wissenschaftlichen Feldes, die ihre praktische Kon- in dieser Weise zu handeln, in der dies im Datenmaterial
tinuierung ermöglicht. dokumentiert ist“ (Bergmann 1991: 320).
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nauso wie wir im Alltag Handeln zurechnen müs- wollen wir – in der Tradition von Cicourel – aus
sen, um handeln zu können, müssen sich quantitati- den Forschungsanleitungen etwas über den Gegen-
ve Sozialforscher auf Definitionen einigen, um in- stand qualitativer Sozialforschung erfahren. Zu ver-
tervenieren, experimentieren zu können – auf muten ist, dass die große Anzahl von Empfehlungen
Definitionen, die bekanntlich nicht falsifizierbar und Regeln zur Produktion von Bedeutung mehr
sind. Die qualitative Sozialforschung hingegen über den Gegenstand qualitativer Methoden verrät
nimmt nun keineswegs einen größeren Realitätsaus- als die Produkte der Interpretation. Herausstellen
schnitt in den Blick, letztlich nicht einmal einen an- müsste sich, dass die z. T. gegensätzlichen Ratschlä-
deren Realitätsausschnitt,13 sondern operiert unter ge auf ein gemeinsames Problem reagieren und dass
den selben epistemologischen Voraussetzungen. Sie letztlich z. B. objektive Hermeneutik und wissens-
erzeugt lediglich durch ihre Beobachtungen einen soziologische Ansätze (vgl. Lüders/Meuser 1997)
anderen Forschungsgegenstand. Und das Selbe gilt oder Interviewforschung und Konversationsanalyse
auch für die begriffstechnische Theoriebildung, die (vgl. Bergmann 1981) gar nicht so weit von einan-
irgendwo anfangen muss – z. B. mit der Behauptung der entfernt sind, wie sie selbst glauben. Wir wer-
von Individuen, Akteuren oder von sozialen Syste- den zeigen, dass sich die qualitative Methodologie
men – und dann sieht, was man damit anfangen eher damit herumschlägt, wie man Kontingenz me-
kann. All das stilisieren wir übrigens nicht im Sinne thodisch kontrollieren, i.e. wegarbeiten kann, an-
einer Mangeldiagnose. Alles Operieren wird letzt- statt Kontingenzbearbeitung und -entfaltung als ihr
lich durch das miterzeugt, was damit ausgeschlos- eigentliches Thema zu entdecken.
sen ist. Jede Handhabung einer Unterscheidung, je-
des Beginnen schließt andere Möglichkeiten aus –
und selbst wenn es dies explizit macht, schließt es 2. Das Gültigkeitskriterium: Die Narration
noch all die Möglichkeiten aus, die nicht weiter ex- oder die kommunikative Kompetenz
pliziert werden.14 Die Verdeckung und Einschrän-
kung von Kontingenz ist letztlich die Bedingung der Dass es unter dem Titel ‚Narration‘ um Fragen der
Möglichkeit von Gegenstandskonstitution über- Gültigkeit geht, darauf hat Uta Gerhardt in einem
haupt – in der Hermeneutik nannte man dies die In- Überblicksartikel über Methodologien aufmerksam
terpretationsoffenheit alles Kulturellen. Schon dies gemacht (vgl. Gerhardt 1985). Die gelungene Er-
verweist darauf, dass alles auch anders sein könnte, zählung soll die Gültigkeit der Daten, sprich: die
und der Hermeneut hat dann zu zeigen, warum es authentische Bedeutungsgenerierung garantieren.
gerade so ist – denn gerade so kann es nur sein, Es war v. a. Fritz Schütze, der mit seiner fein säuber-
wenn es andere Möglichkeiten ausschließt. lichen Unterscheidung von autobiographischer An-
Es müsste sich auch an den methodischen Selbst- fangserzählung, tangentiellem Erzählpotenzial und
reflexionen qualitativer Sozialforschung ablesen abschließenden Argumentationen diese Sprachform
lassen, wie diese ihren Gegenstand konstituieren, prämiiert hat (vgl. Schütze 1983: 285). Aber die Fo-
wie sie also selbst Kontingenz einschränken. Wir kussierung des erzählenden Zugangs zur Wirklich-
beabsichtigen deshalb, die Regeln qualitativer Sozi- keit provozierte Kritik an der unterstellten Homo-
alforschung selbst als Forschungsgegenstand zu be- logie von erzähltem und gelebtem Leben, von
handeln, wenn wir sie daraufhin befragen, wie sie erzählendem und erzähltem Ich (vgl. Nassehi 1994,
ihre eigene Kontingenz einschränken. Es geht also 1995a). Freilich sind es nur noch wenige, die nach
nicht nur darum, was solche Regeln nahe legen, wie vor eine Homologie unterstellen, wie man das
sondern wie sie sich selbst präsentieren.15 Damit
15
Diese Formulierung erinnert an die Grundannahme von
13
Und damit lässt sich auch nicht davon sprechen, dass Garfinkel, „that the activities whereby members produce
die qualitative Sozialforschung einen natürlicheren oder and manage settings of organized everyday affairs are
zumindest „quasinatürlichen“ (Hitzler/Honer 1997: 9) identical with members’ procedures for making those set-
Ausschnitt in den Blick nehmen würde. tings ‚accountable‘“ (Garfinkel 1967: 1). Vgl. zum Ge-
14
An dieser Stelle setzt die in der neueren systemtheoreti- samtzusammenhang der ethnomethodologischen Gegen-
schen Diskussion erörterte Formenlogik an, die Formen standskonstitution einschließlich ihrer theoretischen
nicht nur als Resultate von Unterscheidungen ansieht, Schwächen Eickelpasch 1982. Eine Schwäche der ethno-
sondern Unterscheidungen selbst noch von einer unmar- methodologischen Argumentation sehen wir darin, dass
kierten Seite unterscheidet, die die Operation nicht sehen sie den Blick nur auf die Ethnomethoden und nicht auch
kann. Wir verzichten hier auf eine Integration dieses Kal- auf sich selbst und ihre Gegenstandskonstitution richtet,
küls in unsere Argumentation; vgl. dazu grundlegend Luh- sondern immer nur schlicht „Vollzugswirklichkeit“ diag-
mann 1993, Nassehi 1995b. nostiziert.
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etwa noch bei Werner Fuchs-Heinritz formuliert Reinszenierung vergangener Situationen im sprach-
findet: „Der als narratives Verfahren bekannte In- lichen Spiel, die Annäherung an eine ganzheitliche
terpretationsweg hat die erzähltheoretische Annah- Reproduktion des damaligen Handlungsablaufs
me zur Grundlage, dass der Text, soweit er aus Er- oder der damaligen Ereignisgestalt im Kontrast zu
zählungen besteht (sic), . . . dem wirklichen Ablauf der heutigen kognitiven, aber auch emotionalen
der Ereignisse damals folgt“ (Fuchs-Heinritz 1998: und leiblichen Sicht auf diese Dinge“ (Fischer-Ro-
14). senthal/Rosenthal 1997b: 413). Genauso deutlich
Die erkenntnistheoretische Naivität, die sich in sol- formuliert Wohlrab-Sahr: „Was rekonstruktive Ver-
chen Sätzen offenbart, ist bereits eingehend kriti- fahren . . . ermöglichen, ist also . . . die Erfassung der
siert worden und zum Ausgangspunkt einer neu po- subjektiven Aufbereitung dieser Ereignisreihen, also
sitionierten Biographieforschung gemacht worden deren früherer ‚Bedeutung‘, zu der sich der Sprecher
(vgl. Nassehi 1994), die ihre kommunikations- und aus heutiger Sicht ins Verhältnis setzt“ (Wohlrab-
beobachtungstheoretische Lektion gelernt hat. In Sahr 1999: 488). Und noch einmal zusammenfas-
Abgrenzung zum handlungstheoretischen Interesse send: „Aber ein bloßes Absehen von Inhalten – und
der subjektorientierten Soziologie gibt der Text damit auch von der Vergangenheit – bei bloßer
eben nur über gegenwartsbasierte soziale Prozesse Konzentration auf die Form, bleibt für die Biogra-
Auskunft, in denen – der Geschlossenheit bewusst- phieforschung unbefriedigend“ (ebd.: 490). Wohl-
seinsbasierter Operationen entsprechend – die Indi- rab-Sahr kontert Kritik an der Homologie-These,
vidualität des einzelnen über autobiographische die Biographie könne den Lebenslauf nur über die
Selbstbeschreibungen eingeholt wird. Dass immer Repräsentation der Biographie enthalten (so Nasse-
nur je vergegenwärtigte Ereignisse erzählt werden, hi 1994), mit dem Argument, es gehe nicht darum
lenkt nun den Blick auf die Flexibilität der individu- „Objektives“ und „Subjektives“ ins Verhältnis zu
ellen Selbstbeschreibung, die mehr über den sozia- setzen, „sondern in der Vergangenheit Erfahrenes
len Kontext als über die erzählte Zeit selbst aussagt. und gegenwärtig Erzähltes“ (ebd.: 487) – als könn-
Es ist nun die gegenwärtige Vergangenheit sowie te das Vergangene überhaupt anders gefasst werden
die Selbstreflexion auf den zeitlichen Prozess des als im Sinne vergangener Erfahrung.
Lebensverlaufs, der im Vordergrund biographieso- Dass die Vergangenheit als gegenwärtige Vergan-
ziologischer Untersuchungen steht und methodolo- genheit dargestellt wird, ist also inzwischen unbe-
gisch verarbeitet wurde (vgl. Hahn 1988, Fischer- stritten.16 Aber auch dass vergangene Abläufe –
Rosenthal/Rosenthal 1997a, Rosenthal 1995, und sei es als Erfahrungsaufschichtung – rekonstru-
Corsten 1994, Engler 2001). ierbar sind, wird weiterhin zum Spezifikum der Bio-
Die besondere Funktion der Homologie-Unterstel- graphieforschung erklärt. Am Vorwurf der Unter-
lung war es, die Kontingenz der Daten in der Weise stellung einer unhaltbaren Homologie ist also
eingeschränkt zu sehen, dass das erzählte Leben dezidiert festzuhalten. Mit Gerhardts früher Kritik
auch das erzählte Leben darstellen muss. Gewisser- an diesem Modell setzen die genannten Biographie-
maßen nachträglich wird die mögliche Mannigfal- forscher sich nicht auseinander: „Schützes Unter-
tigkeit des Erzählbaren dadurch eingeschränkt, dass scheidung zwischen Erzählungen und Geschichten
es erzählt wurde. Kontingenz werde – so wollte wird brüchig, wenn sich zeigen lässt, dass unver-
man glauben – von vornherein verhindert, weil die stellt dem Erzähler zugängliche Geschichten in der
biographische Erzählung ihre Nicht-Kontingenz Erinnerung nicht gegeben sind bzw. dass die Kon-
schon dadurch verbürgt, dass sie erzählt wurde. Es
bestand dann nur noch das Problem der kommuni- 16
Im Übrigen verweist die Frage der Zeitmodalisierung
kativen Gattung: Wurde auch ‚wirklich‘ erzählt?
auf grundlegendere Fragen einer Theorie sozialer Systeme,
Auch wenn es viel Streit um die allzu einfache die ohnehin nur ereignisbasiert, also im Hinblick auf ope-
Schützesche Fassung der Homologieunterstellung rative Gegenwarten zu konzipieren ist, was im Hinblick
gegeben hat, lebt die Homologie doch weiter. Wolf- auf Zeit die Konsequenz hat, Gegenwart, Vergangenheit
ram Fischer-Rosenthal und Gabriele Rosenthal und Zukunft nur als modalisierte Zeitformen führen zu
sprechen in einem grundlegenden Aufsatz zur Me- können; vgl. grundlegend Luhmann 1984. Wir können es
hier nur bei dieser kurzen Anmerkung belassen, verweisen
thodologie und Methodik des biographischen Inter-
aber auf entsprechende Theoriediskussionen innerhalb der
views davon, „rekonstruieren (zu) wollen, was Geschichtswissenschaften, deren eigene Historisierung das
Menschen im Laufe ihres Lebens erlebt haben, und Problem der Zeitmodalisierung aufwirft, ohne dass man
wie dieses Erleben ihre heutige biographische Ge- deswegen auf Historiographie (sic!) verzichten müsste;
samtsicht bestimmt“. Und noch genauer: „Nur die vgl. zu den temporalen Aspekten Nassehi 1993b: 202f.,
Erzählung einer Geschichte ermöglicht, neben der Koselleck 1989: 320.
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 73

struktivität, die der Erzählung eignet . . . bereits den Kontext der Biographie zurückgegriffen, sondern es
Geschichten zukommt, dem Gegenstand des Be- wird letztlich nach Chancen gesucht, zu reden,
richts“ (Gerhardt 1988: 243). Die Hartnäckigkeit, ohne unterbrochen zu werden bzw. ohne das Inter-
mit der der Verdacht einer homologisierenden Inter- aktionsgeschehen zu stoppen, was höhere Begrün-
pretation zurückgewiesen wird, verdeutlicht aber dungslasten aufbauen dürfte als weiter zu kom-
ein grundlegendes Dilemma der Biographiefor- munizieren. Grundlage all dessen, was klassisch als
schung: Wie soll man ohne ‚Lebenslauf‘ die Eindeu- Autobiographie identifiziert wird, ist nicht die an-
tigkeit der Bedeutungen garantieren? Vom Kontext thropologische Befähigung zu einer mehr oder we-
der Interviewsituation wird also im Falle der Bio- niger unreflektierten, mehr oder weniger erzähl-
graphieforschung auf den übergeordneten Kontext getriebenen Selbstidentifikation (vgl. Bruner 1999,
einer am Lebenslauf orientierten biographischen Brockmeier 1999), sondern schlicht die evolutio-
Gesamtpräsentation geschlossen, deren Hervor- näre Chance zu einer minimal ablehnungsgefähr-
lockung der Kunstfertigkeit des Interviewers zu ver- deten, asymmetrischen Kommunikation. Und was
danken ist. soll man sagen, wenn vor einem erwartungsvoll der
Wie wenig mit der Bescheidung auf das Konstrukt Forscher sitzt und Verständnis signalisiert? Man er-
Narration gewonnen ist, kann man erst sehen, zählt.
wenn man die Narration als eine Präsentationsform Typischerweise muss eben an dieser Stelle nicht au-
unter vielen anderen Selbstbeschreibungen sieht – tobiographisch ‚erzählt‘ werden, es kann auch von
und exakt das ist es, was wir in unserer eigenen For- relevanten Anderen ‚berichtet‘ werden (z. B. der Fa-
schungspraxis schon in unseren ersten „biographi- milie) oder die ‚Reflexion‘ der momentanen Verfas-
schen“ Interviews feststellen durften. Nach den sung im Mittelpunkt stehen. Der biographisch inte-
strikten Regeln der Biographieforschung hätten ge- ressierte Forscher wird in solchen Fällen seinen
rade jene sprachlichen Repräsentationen, die „To- Erzählstimulus überprüfen und sanft zu den „Ge-
desbilder“ am kontextstabilsten enthalten hatten, schichten von früher“ hinlenken, die er erwartet,
aus dem Fundus des zu interpretierenden Materials und er wird das Interview enttäuscht zur Seite le-
entfernt werden müssen. Es ist womöglich ein gen, wenn sich nicht der gewünschte Effekt ein-
Denkfehler, nur in Interviews, in denen Probanden stellt. Immer wird sich jedoch ein Thema finden,
erzählen, Biographieforschung zu sehen. Biogra- das – je nach Forschungsperspektive und Kunstleh-
phisch informiert sind alle Texte, die den einzelnen re – verstärkt wird. Eine klare Ablehnung von
als Beobachter seiner selbst positionieren17, egal ob sprachlicher Kommunikation überhaupt wird es je-
er erzählt, argumentiert oder gar – der Biographie- denfalls kaum geben. Auf diesem Weg stellt sich ein
forschung am verdächtigsten – reflektiert.18 – evolutionstheoretisch bekanntes – Phänomen ein:
Entscheidend ist dann die Frage nach den Struktu- die Abweichungsverstärkung. Mit Hilfe des „narra-
ren sprachlich verfasster Kommunikationen über- tive smoothing“ (Murray 1995: 181) werden nicht
haupt. So gesehen, wird in „biographischen“ Inter- nur neue Erlebnisse in den Bestand integriert, son-
views nicht einfach schlicht auf den übergeordneten dern auch Strukturen geschaffen oder besser: Unter-
scheidungen etabliert (vgl. Nassehi 1997). Biogra-
phische Kommunikation, die sich selber stimulieren
17
Und damit wird auch die Beobachtung von solchen muss, wendet Vertrautes auf Unbekanntes an und
Themen interessant, die eben nicht erlebt sein können, tradiert damit die bereits bekannten eigenen Diffe-
aber doch im Rahmen der Selbstbeobachtung Bedeutung renzschemata. Wer die Welt in Männer und Frauen
gewinnen können, eben z. B. Todesbilder. aufteilt, überprüft dann vielleicht, ob auch die Ver-
18
Fischer-Rosenthal und Rosenthal fassen die mit den an-
gangenheit von dieser Unterscheidung geprägt war,
deren Texttypen verbundene Problematik folgendermaßen
zusammen: „Solange wir direkt sogenannte Alltagstheo-
und gelangt auf diese Weise zu einer konsistenten
rien und Deutungsmuster im Interview (im Texttyp des Erzählung. Wer nur die Eigenen (Familie) und die
Argumentierens und des Beschreibens von Motiven und Anderen kennt, erzählt dem fremden Sozialforscher
Gefühlen) ansteuern, also unabhängig von deren Genese nur von den rosigen Seiten des eigenen Familien-
und Konstitution in der Lebensgeschichte betrachten und lebens und erzeugt so erst die für den Biographie-
erheben, solange sind wir weit von der alltagsweltlichen forscher so spannende Figur des Verschweigens19.
Handlungspraxis und ihrer Erfahrungs- und Wissensgene-
rierung entfernt“ (Fischer-Rosenthal/Rosenthal 1997:
19
414). Carsten Ullrich ordnet seinen Versuch, explizit mit Peter Fuchs spricht in Bezug auf Familien gar von „Ver-
Argumentationen zu arbeiten, um an Derivationen von schweigesystemen“ (Fuchs 1999: 75), was uns in seiner
Deutungsmustern zu gelangen, genau vor diesem Hinter- Argumentation jedoch zu intentionalistisch klingt. Das
grund als ungewöhnlich ein; vgl. Ullrich 1999: 429. Verschweigen – so müsste man besser formulieren – wird
74 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

Wer dagegen seine Chancen bedenkt, überprüft sei- Über die Verstärkung der selbstreferentiellen Ab-
ne Gegenwart auf Gewinne und Verluste und muss weichung werden individuelle Differenzschemata
eine Vergangenheit erzeugen, die in der Reflexion sichtbar, die zwischen dem Selbst und der Umwelt
immer wieder neue Optionen eröffnet. ordnen und Situationen für die Informationsgewin-
Dass sich im Verlauf dieser sich selbst überlassenen nung nutzbar machen. Diese Situation ist den Inter-
Kommunikation Kohärenz einstellt, ist damit nicht viewten durchaus vertraut. In Prozessen der Soziali-
weiter verwunderlich. Der Erzähler nutzt schlicht sation haben sie gelernt, solche Differenzschemata
die Freiheit zur nicht ablehnbaren Kommunikation anzuwenden, zu verwerfen und zu profilieren. „Zu-
und profiliert, was er immer schon wusste. Dass er nächst sozialisiert das kommunikative Geschehen
etwas profilieren muss, liegt in der Natur dieser Art selbst – und zwar nicht dadurch, dass es richtiges
von Interaktion, die – mit einem Vorschuss an An- oder unrichtiges Verhalten sanktioniert, sondern
schlussfähigkeit – vom Druck des Verstehens befreit dadurch, dass es als Kommunikation gelingt“ (Luh-
ist. Interviews generieren Interaktionssysteme, also mann 1984: 330) – oder eben nicht.
soziale Systeme, die auf der wechselseitigen, gleich- Zur Evolution dieser Selbstbeschreibungstechniken
zeitigen Wahrnehmung von Interviewer und Inter- trägt nicht zuletzt auch die Interviewsituation selbst
viewpartner aufbauen (vgl. Luhmann 1984: 551f.). bei. Ähnlich wie der mehr oder weniger große Frei-
Die Besonderheit von Interviewinteraktionen be- raum am Frühstücks- oder Stammtisch gestattet sie
steht darin, dass die Anschlussfähigkeit des Gesag- dem Erzähler, zur Unterscheidung des Selbst von an-
ten asymmetrisiert zurechenbar ist, die Kommuni- deren als tauglich empfundene Kategorien zu identi-
kation also letztlich vom Risiko der Ablehnung fizieren und sie auf ihre sprachliche Anschlussfähig-
befreit ist.20 Dem klassischen Erzähler stellt sich keit hin zu erproben. Die Kommunikation enthält
hier kein Problem, denn er weiß ja schon immer, also immer schon Altbekanntes – und damit auch ei-
wie sich alles zugetragen hat. Das Problem der Se- ne Welt außerhalb des Textes – und Neugeschaffe-
lektion von Anschlüssen ist in diesem Fall durch die nes. Sie enthält für den Erzähler die Möglichkeit, sich
selektionsbegründende Thematik gelöst.21 selbst in den vertrauten Unterscheidungen wieder-
zufinden und Unterschiede zu anderen zu profilieren.
erst sichtbar und damit problematisch, wenn „offen“ ge- Mit dieser Form der sanften Abweichungsverstär-
redet werden muss, und beginnt eben nicht als bewusster kung sind typische methodische Probleme verbun-
Akt. Erst der Beobachter „sieht“, dass etwas verschwiegen den. Natürlich befürchtet der Forscher, in der Inter-
wurde, und auf eben diese Weise kann dann die Thanato- viewsituation Einfluss zu nehmen und damit die
logie auch leicht konstatieren, Nicht-Reden vom Tod sei
Daten zu manipulieren. Natürlich erlebt der For-
Verschweigen des Todes; vgl. zur Verdrängungsdebatte
Nassehi/Weber 1989. scher, dass extrem ungewöhnliche Selbstbeschrei-
20
Da Interviewkommunikation in der Regel von diesem bungen entstehen, die deutlich den Verdacht der
Risiko befreit ist, fehlt ihr zugleich die dialogische, inter- Lüge nähren (vgl. Böttger 1996: 142). Aber genau
aktive Verstehenskontrolle. Diese wird dadurch kompen- diese Phänomene sagen eben sehr viel über die Be-
siert, dass die asymmetrische Konstruktion der Situation dingungen dieser spezifischen Form von Interaktion
so etwas wie einen virtuellen Adressaten entstehen lässt, mit Ablehnungsverzicht aus und eben auch über die
an dem sich die Kommunikation selbst abarbeitet und der jeweiligen selbstidentifizierenden Unterscheidun-
als vorgestellte Verstehenskontrolle mitläuft. Vgl. dazu gen, die nun z. B. die heldische Darstellung eindeu-
ausführlich Nassehi 1995a: 83ff.
21 tig präferieren.
An dieser Stelle kann im Übrigen auch der „schlechte“
Erzähler rehabilitiert werden. Wenn sich die Anschluss- An dieser Stelle lassen sich nun die Argumente der
fähigkeit des nächsten Satzes nicht durch die unumstöß- Ethnomethodologen stark machen. Unter dem
liche Ordnung der Lebenswelt ergibt, muss auf etwas an- Stichwort ‚kommunikative Kompetenz‘ werden
deres zurückgegriffen werden. In solchen Situationen, in eben jene ‚kommunikativen Gattungen‘ beschrie-
denen der Erzähler stockt, gleichwohl aber auch nicht mit ben, von denen sich Wohlrab-Sahr für die Biogra-
einer entsprechenden ‚Coda‘ das Ende der Erzählung sig- phieforschung keine Hilfe verspricht. Der Verweis
nalisiert, kann man miterleben, wie „Eigenwerte“ der
auf Kontexte, die durch die Kommunikation erst
Selbstbeschreibung aufgebaut werden. Die dramaturgisch
gelungene Erzählung steht so neben der stockenden Erzäh- hergestellt werden und dadurch die Handlungen in-
lung, die Erzählung neben dem Bericht und profiliert eben terpretierbar machen (vgl. Günthner/Knoblauch
nicht die Narration, sondern die Selektion unter Bedin-
gung sprachlich verfasster Kommunikation. Schütze be- mit sich selbst“ (ebd.: 14). Während hier die nicht gelun-
zeichnet eben diese Erzählprobleme als „rätselhafte Stellen gene Erzählung auf eine gebrochene Identität verweist, le-
im narrativen Interview“ (Schütze 2001: 12) und interpre- sen wir Erzählungen und eben auch Berichte und Reflexio-
tiert sie als Zeichen für „Schwierigkeiten des Subjektes nen als Generatoren von Identität.
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 75

1994: 699), eben z. B. als biographische Gesamt- Unterschiedlichkeit der Kontexte lassen sich Bedeu-
präsentation, wird von Gerhardt als „Situation ‚ad tungen forschungspraktisch generieren.
quem‘“ (Gerhardt 1988: 242) beschrieben: „Sie Wenn man die Kontingenz des Forschungsgegen-
(die Situation, d. Verf.) verfolgt den Zweck, einen standes nicht vorschnell schon durch normative Er-
Gesprächspartner von etwas zu überzeugen, ihm et- wartungsstile dem Interviewtext gegenüber opfert,
was Glaubhaftes glaubwürdig zu erzählen“ (ebd.). bekommt die nun beobachtbar gewordene Kontin-
Kommunikative Gattungen sieht man, wenn man genz der Daten jene Bedeutung, die sie im Hinblick
nach Kontexten sucht, die sich aus der Interaktions- auf die Fragestellung des Forschers haben kann.
situation heraus erklären lassen. Der Anschluss der Dann wird dem forschenden Blick sichtbar, dass er
objektiven Hermeneutik und der Konversations- Kontingenz beobachten kann, d. h. Daten erhält, die
analyse an diesen Kontext erfolgt jedoch bei weitem im Lichte anderer, ausgeschlossener Möglichkeiten
rigider, als dies der noch so offene Begriff der Luck- gelesen werden müssen, um das Spezifische einer In-
mannschen kommunikativen Gattung nahe legt. terviewäußerung verstehen zu können.22 Mit dem
Beide qualitativen Programme versuchen, den Zu- Hinweis auf die „Situation ad quem“ ist bereits der
fall aus ihren Interpretationen auszuschließen und Blick auf die beteiligten Personen gerichtet. Und nun
rechtfertigen dieses Vorgehen damit, dass ja auch muss man fragen, welche Konsequenzen eine sozial-
die Sozialwelt selbst letztlich streng regelgeleitet zu forschende Orientierung an konstruierten Kontex-
denken ist. Oevermanns Hinweis auf latente Sinn- ten für die Konstruktion der Personen hat.
strukturen verdeutlicht dies; sie gelten ihm als „ob-
jektiv gegebene Realitäten genau insofern, als sie
von objektiv geltenden Regeln im Sinne von Algo- 3. Die Installation der Personen:
rithmen generiert werden und als solche mit An- Authentische Sprecher oder recipients?
spruch auf objektive Gültigkeit durch Inanspruch-
nahme genau jener Regeln im Interpretationsakt Nachdem die politisch interessierte Aktionsfor-
rekonstruiert werden können“ (Oevermann1993: schung ihren Gegenstand verloren hat, kann zwar
141). Der Blick auf die Kontingenzbearbeitungs-
strategien von qualitativen Daten wird hier bereits 22
Dass etwas ausgeschlossen wird und gerade dies von In-
mit dem schweren Geschütz einer algorithmischen teresse sein könnte, ist vor allem der Biographieforschung
Gesellschaftstheorie eingeschränkt; dem Algorith- bekannt. Wohlrab-Sahr grenzt sich von einer entlarvenden
mus auf die Spur zu kommen, ist dann nur noch ei- Biographieforschung ab, die „möglichst geheime, prob-
ne Sache der entsprechenden Kunstfertigkeit und lembeladene Ereignisse aufspürt, aus denen vermeintlich
psychischen Gesundheit des Forschers. Dass nichts ursächlich andere Ereignisse folgten“ (Wohlrab-Sahr
dem Zufall unterliegt und alles eine – eindeutige! – 1999: 492), und interessiert sich statt dessen dafür, wie –
Bedeutung hat, betont auch, freilich mit sparsame- in der Tradition der objektiven Hermeneutik – mit Hilfe
von Sozialstrukturanalyse, Lebenslaufforschung und kom-
ren theoretischen Vorannahmen, die Konversa-
paratistischen hermeneutischen Analysen – das, was nicht
tionsanalyse: „Jedes Detail eines Interaktionsablaufs erzählt worden ist, näher bestimmt werden kann. Beide
– sei es ein leises Räuspern, eine kleine Dehnung, Male hat das Nichterzählte eine prominente Stellung, weil
ein kurzes Ausatmen – muss als Beitrag zu einer über das vermeintlich konkret Ausgeschlossene die Bedeu-
und als Bestandteil einer Ordnung betrachtet wer- tung des Eingeschlossenen bestimmt wird. Dass von etwas
den, und keines darf a priori als insignifikant, als nicht erzählt wird, erscheint in diesem Fall als bestimmte
ungeordnet, zufällig oder irrelevant abgetan wer- Negation, was wiederum nur möglich ist, wenn von einer
den“ (Eberle 1997: 259). Interpretationsgemeinschaft ausgegangen wird, die sich
schon immer im gleichen Kontext bewegt. Uns geht es
Wenn man beide Ansätze zusammenführt, lässt sich statt dessen darum zu zeigen, dass das Ausgeschlossene als
die biographische Selbstbeschreibung als kommuni- unbestimmte Negation anderer möglicher Unterscheidun-
kative Gattung führen, die sowohl auf den Kontext gen (s. o.) gelesen werden muss, dass also ein eigenständi-
bisheriger biographischer Selbstbeschreibungen zu- ger Kontext erst erzeugt wird, von dem aus dann erst alles
rückgreift als auch auf den Kontext der Interaktion andere mit Bedeutung belegt wird. Dass von (vielleicht
zugeschnitten ist. Gültigkeitskriterien kann man auch bekanntermaßen problematischen) familiären Ver-
hältnissen nichts erzählt wird, heißt dann nicht, dass sich
den Daten mit diesem Kompromiss nicht verpassen,
die Erzählung dieser Problematik verweigert, sondern dass
denn beide Kontexte lassen sich nicht über einen für die Erzählung andere Themen konstitutiv sind. Der
übergeordneten Kontext des gemeinsamen Sinnver- komparative Blick belehrt nicht darüber, auf was eigent-
stehens ineinssetzen. Nur über die Anschlüsse der lich alles zurückgegriffen werden müsste, sondern darü-
Kommunikation lassen sich die Kontexte rekon- ber, dass auf Unterschiedliches zurückgegriffen werden
struieren, die verwendet werden, und nur über die kann.
76 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

die Asymmetrie der Interviewsituation deutlich be- treibt Sozialforscher in die Hypostasierung des Ex-
tont werden, ein Expertenstatus auf Seiten des For- zentrischen.23 Dass es in Fällen des sehr Ungewöhn-
schers wird jedoch nicht als sinnvoll erachtet. Ro- lichen so ist, wie es ist, lässt sich dann besonders
nald Hitzler und Anne Honer formulieren gut rechtfertigen.
prototypisch, „dass der Interpret sich gegenüber Zu einem guten Teil ergibt sich dieses Phänomen
dem ihm begegnenden ebenso wie auch gegenüber der exotischen kleinen Sinnwelten sicherlich durch
seinen eigenen Wissensbeständen ‚künstlich‘ dumm die Interviewsituation selbst. Wer schon einmal ein
stellt . . ., um so das infrage stehende Phänomen von Interview geführt hat, kennt die Angst der Inter-
seinen kulturellen Routinekonnotationen ‚gerei- viewten, mit ihren „banalen“ Geschichten dem For-
nigt’‘, d. h. quasi ‚neu‘ konstituieren zu können“ scherinteresse nicht gerecht werden zu können. Der
(Hitzler/Honer 1997: 24). Die Konstruktion der Be- Verzicht auf Ablehnung der Kommunikation von
teiligten als Fremde verdankt sich dem Wunsch Seiten des Forschers und die damit einsetzende Ab-
nach mehr Authentizität und nährt den Verdacht, weichungsverstärkung tun dann ihr übriges. Zu
ansonsten Beliebigkeit zu erhalten. Kontingenz weiten Teilen ist dieses Phänomen aber auch der
wird also in diesem Fall über den reflektierenden methodologischen Grundlegung der Forscherper-
Forscher ausgeschlossen, der sich dem anderen und spektive geschuldet. Solange ein Welt thematisie-
den Verhältnissen möglichst unvoreingenommen rendes Subjekt zugrunde gelegt wird, muss der For-
stellen soll, um so dem ‚wahren Kern‘ näher zu scher alles tun, um dieses Subjekt möglichst
kommen. Hitzler und Honer fordern deshalb typi- unbeeinflusst seine Perspektive entfalten zu lassen.
scherweise, „soziale Praktiken in den mannigfalti- Sichtbar wird dieses Subjekt jedoch nur als das An-
gen ‚Sinnwelten‘ moderner Gesellschaften erst ein- dere, eben als eine Perspektive, die dem Forscher
mal so ‚unverwandt‘ anzuschauen, als ginge es fremd ist. Je erstaunlicher sich nun darstellt, was
dabei um ‚exotische‘ Sitten, Gebräuche, Rituale der andere erzählt, um so eher erscheinen die Inhal-
und Weltanschauungen“ (ebd.: 13). Die Schütz- te als Garanten einer authentischen Rede. Silver-
schen Sinnprovinzen sind also sowohl vertraut – man versucht dieser Falle zu entgehen, indem er
sonst müsste man sich nicht ‚unverwandt‘ zeigen – ethnomethodologisch auf „conversational skills“
als auch mannigfaltig, also in ihren Details fremd. und nicht auf „content of what they are saying and
Es drängt sich deutlich der Eindruck auf, als könne its relation to the world outside the interview“ (Sil-
aus der privilegierten Position des Forschers heraus verman 1994: 98) setzt. Beispielhaft verdeutlicht er
am Beispiel des anderen beschrieben werden, was mit dieser Technik, dass in vielen Fällen vielleicht
doch für alle typisch sein soll. Und wiederum wird moralische Empörung des Interviewten nicht Au-
so ein übergreifender Kontext vorausgesetzt, in thentizität verbürgt, sondern eben nur einen be-
dem „die semantische Identität einer Botschaft“ stimmten Status anhand einer „moral tale“ (Silver-
(Reh 2001: 36) für möglich gehalten wird. man 1994: 109f.) verifiziert. Eltern, die sich
Die Unentschiedenheit dieser Position, die sich dem Kinderärzten gegenüber aufgrund ihrer übertriebe-
Subjekt/Objekt-Schema und den damit verbunde- nen Sorge blamieren, etablieren sich eben auf diese
nen epistemologischen Unklarheiten verdankt, Weise als gute Eltern. Nicht der Ärger über die ver-
führt zu typischen Problemen. Wiewohl sich fast al- ständnislosen Ärzte steht also im Vordergrund, son-
le Forscher darin einig sind, eben jene „kleinen Wel- dern schlicht die eigene Positionierung. Nicht das
ten“ (Marotzki 1998: 52) erforschen zu müssen, Verstehen des Fremden ist hier angesagt, sondern
beklagen doch auch schon die ersten wieder, dass die Beobachtung der Technik zur kommunikativen
dieses Vorgehen nicht weiterführe. Silverman (1994: Herstellung von Fremdheit. Die Konversationsana-
98) langweilt an der qualitativen Sozialforschung lyse fasst dieses Phänomen treffend als „recipient
„tourism“ (Suche nach dem Anderen) und „roman- design“ (Eberle 1997: 256) und wundert sich gar
ticism“ (Glaube an authentische Erfahrungen), und nicht darüber, dass die Sätze auf das Gegenüber zu-
Denzin fasst das Interesse der Sozialforscher tref- geschnitten sind.24
fend als Interesse an „epiphanic experience“: „This
23
means that interactionist narratives often convey Man könnte das Interesse am Exotischen vielleicht in-
formationstheoretisch erklären. Informationswert hat be-
pathos, sentimentalism and a romantic identifica-
kanntlich ja nur das, was Überraschung freisetzt, was Dif-
tion with the person being written about. Inter- ferenz erlebbar macht. Und die kommunikative Situation
actionists often study the deviant, stigmatized, des Interviews dürfte vor allem an der Selektivität der In-
lonely, unhappy, alienated and powerless people in formation interessiert sein, die ohne Überraschungswerte
everyday life“ (Denzin 1995: 44). Der Hunger nach schnell implodiert.
einer Beschreibung des Lebens, wie es wirklich ist, 24
An dieser Stelle muss wiederum auf Cicourel verwiesen
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 77

Unseres Erachtens lässt sich über diese Argumenta- te Realität des Forschers profilieren, wie es im Fall
tion aber noch hinausgehen. Es geht eben nicht nur der quantitativen Sozialforschung regelmäßig der
um ein ‚recipient design‘, bei dem Interviewer und Fall ist. Privilegiert ist in der qualitativen Sozialfor-
Interviewter Rollen im Rahmen der common-sense- schung jeweils derjenige, der sich zu einem Baustein
Regeln übernehmen, sondern auch um spezifische evolutionärer Mechanismen der Selbstbeschreibung
Rollen, die beide – im Kontext von biographischer machen lässt, und zwar nur insofern, als er aus der
Selbstbeschreibung einerseits und Interaktionssitua- Inanspruchnahme seiner Person auf die Unterschei-
tion andererseits – einnehmen. Wohlrab-Sahrs dungsstrukturen des anderen schließen kann. In der
Wunsch, „bestimmte Optionen als Lösungen für Tat sähe ein Interview mit einem anderen Forscher
bestimmte Probleme“ (Wohlrab-Sahr 1999a: 492) unter diesen Bedingungen vielleicht anders aus,
erklären zu können, lässt sich auch ohne den Ver- vielleicht aber auch so ähnlich. Kontrollieren lässt
weis auf die „Geschichte“ der Biographie erfüllen. sich diese Situation nicht an einem emphatischen
Selbstbeschreibungen, die sich selbst verstärken, er- Subjektbegriff, der Authentizität verbürgen soll.
zeugen nicht nur eine eigene damit verbundene Um- Kontrollieren lässt sich diese Situation überhaupt
welt, sondern sie platzieren auch den Forscher in nicht, weil es ja eben dem Interviewten freistehen
dieser Umwelt. Wissenschaftliches Verstehen ver- soll, die Person des Forschers im Sinne seiner Selbst-
läuft dann nicht über die harmonisierende Verdeut- beschreibung zu verwenden. Genauer müsste man
lichung, „how our concepts interconnect“ (Dey formulieren: Es ist die Kommunikation selbst, die
1993: 30), sondern über die Beobachtung der eige- die beiden Rollen des Forschers und des Beforsch-
nen Rolle in der Darstellung des anderen. Als Mit- ten konstituiert und in deren Möglichkeitsraum
glied einer fremden Familie, als in die Verhältnisse diese erscheinen. Wie dies geschieht, ist freilich
Eingeweihter oder auch als überprüfender Wissen- kontingent, ist gewissermaßen das, was einen Un-
schaftler eingeordnet zu werden, sagt viel über jene terschied ausmacht. Gerade an der kommunikati-
Differenzschemata aus, die der Erzähler verwendet. ven Herstellung von Interviewer und Interviewtem,
Bestandteil der fremden Welt ist eben auch der For- von Thema und Publikum, von Erwartungshori-
scher, dem als „virtuellem Publikum“ (Nassehi zont und Enttäuschungsabsorption lässt sich zei-
1995a: 84) genauso eine Position zugewiesen wird, gen, wie Interviewinteraktionen selbst Kontingenz
wie es der Forscher mit dem Beforschten macht, einschränken und so zu ihren Bedeutungsgehalten
wenn er ihn als Forschungsobjekt identifiziert. Eine kommen. Und wenn es hier zu Regelmäßigkeiten
gemeinsame Welt entsteht daraus nicht. Fremd sind kommt, zu Typischem oder auch nur zu komple-
sich diese Perspektiven also immer, und interessant mentären Mustern, ist das ein Hinweis darauf, dass
ist vor allem, wie der Forscher vom Erzähler als Be- jede konkrete Einschränkung von Kontingenz in-
standteil eines virtuellen Publikums in eine virtuelle nerhalb sozialer Strukturen erfolgt, phänomenolo-
Realität eingepasst wird. Das Spiel ließe sich auch gisch gesprochen: dass jede Typisierung bereits in
anders herum angehen und würde dann eben die einer typisierten Welt statthat. Es ist freilich kein
virtuelle, über eine scientific community konsentier- Hinweis auf das Walten übergeordneter Regeln
oder stufenhierarchisch organisierter Weltordnun-
werden, der beispielhaft verdeutlicht hat, dass eben diese gen.
Prozesse der Herstellung von Authentizität interessieren. Als Minimalanforderung ließe sich deshalb formu-
„Der Interviewer muss die Fähigkeit haben, Stimmungen
lieren, dass der Forscher sich vom Interviewten
und Gefühle wie Angst, Argwohn und Aufrichtigkeit zu
beurteilen, um die Versuchsperson nicht zu ‚verlieren‘. Ei-
bzw. von der Interviewkommunikation benutzen
ne doppelte Verantwortlichkeit wird dem Interviewer zu- lassen sollte. Aber auch das kann nur dann sinnvoll
geschrieben: er muss spontane Partizipation simulieren sein, wenn klar ist, dass es nur um die Simulation
und gleichzeitig die Ansichten der Versuchsperson in be- von Verstehen gehen soll und nicht um Bedingun-
zug auf das Interview, den Beobachter und ihre Beziehung gen einer gemeinsam entwickelten Perspektive auf
beurteilen. Inzwischen tut der Befragte das gleiche oder et- die Welt. Und diese gemeinsame Perspektive lässt
was Ähnliches, aber er mag nicht so darauf bedacht sein, sich aus den ethnomethodologischen Ansätzen im-
die Interaktion aufrechtzuerhalten, und kann daher die mer noch herauslesen, insofern sich dort eine Her-
vorteilhaftere Position haben“ (Cicourel 1970: 113). Und
meneutik entfaltet, die um ihre hermeneutische
später: „Was gebraucht wird, ist eine explizitere und prä-
zisere Theorie, eine die die allgemeinen sozialen Typen,
Fundierung gar nicht zu wissen scheint. Folgt man
die in der Gesellschaft zu finden sind, die typischen Arten Bergmann, dann entsteht mit dem Rezipienten der
der vollzogenen Unterstellungen und der interpretativen Ethnomethodologie in dem Moment, wenn „die
‚Regeln‘, die zur Handhabung der wechselseitigen Gegen- Faktizität faktischer Ereignisse, die Objektivität ob-
wart angewandt werden, bezeichnet“ (ebd.: 129). jektiver Sachverhalte, die Identität identifizierbarer
78 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

Vorgänge von den Handelnden lokal hergestellt“ Strukturen, Deutungsmuster oder sogar Tieferes
(Bergmann 1981: 12) wird, nur eine reproduzierte überprüft wird. Mit der Heiligung dieser Regel
Wirklichkeit, in der die Handelnden sich gegensei- wird sichtbar, wie hilflos die qualitative Sozialfor-
tig transparent werden können. Und damit ist ja schung irgendetwas sucht, was Sicherheit verbürgen
auch der Auftrag einer wissenssoziologisch inspi- könnte und Kontingenz unsichtbar macht. Sie reifi-
rierten Ethnomethodologie perfekt umrissen: zu er- ziert auf diese Weise kausalgesetzliche Annahmen,
klären, wie gemeinsames Wissen entsteht, ohne da- von denen sie sich längst verabschiedet zu haben
bei auf schon vorhandene Ressourcen jenseits der glaubte.25
Interaktion zurückgreifen zu müssen. Die Entste- Hierfür verantwortlich zeichnet in der Biographie-
hung von Ordnung gilt dann als Beweis dafür, dass forschung sicher auch die Orientierung am biogra-
verstanden wurde, dass immer schon verstanden phischen Prozess. Fuchs-Heinritz sieht prototypisch
worden ist. Und eben dieses „immer schon“ soll das Besondere der Biographieforschung in der
nun im nächsten Kapitel auf seinen Entstehungsort Orientierung an der Prozesshaftigkeit des sozialen
hin untersucht werden. Lebens: „So braucht Identität nicht als Substanz,
sondern kann als Prozess gefasst werden“ (Fuchs-
Heinritz 1998: 18). Die Hereinnahme des zeitlichen
4. Zeitbindende Speichermedien: Arguments muss in diesem Rahmen Verwirrung
Prozessstrukturen oder Indexikalität? stiften, weil es eben nur die Abbildungsmetapher
(soziale Prozesse = biographische Prozesse) nährt.
Was gute qualitative Sozialforschung ausmacht, Zeitlich betrachtet ist an narrativen Interviews ge-
klärt sich meist über die Schulenbildung. Nicht all- rade nicht der interne zeitliche Ablauf interessant,
gemeine Prinzipien sind dann leitend, sondern eben sondern die zeitabstrakte Nutzung von Differenz-
die „persönliche Virtuosität“ (Heckmann 1992: schemata. Was erzählt wird, hängt von vielen Be-
146), der Habitus (Willems 1996), die Perfektion in dingungen ab. Aus der Tatsache, dass erzählt wer-
der Anwendung eines „modus operandi“ (Bohn- den darf, ergibt sich die bereits beschriebene
sack/Marotzki 1998: 10). Der modus operandi in- Abweichungsverstärkung. Dann erhält auch der In-
formiert im Einzelfall darüber, wie zu fragen ist und terviewer eine nicht zu unterschätzende Bedeutung,
als was Antworten gelten. Wenn es um Regeln qua- da er sich mehr oder weniger vom Erzähler für des-
litativer Sozialforschung geht, soll sichergestellt sen Geschichten in Anspruch nehmen lässt. Die
werden, dass die bedeutungskonstituierenden Kon- 25
Vgl. auch zur Bedeutung der Verlaufsanalyse für die
texte auch tatsächlich alle geborgen werden kön-
ethnomethodologische Konversationsanalyse Bergmann
nen. Die Vorgehensweise ist dabei ganz unter- 1981: 20. Verantwortlich für die unumstrittene Bedeutung
schiedlich. Wenn Daten über Gesetzmäßigkeiten der Sequenzanalyse für die qualitative Sozialforschung
informieren sollen – wie im Falle der Oevermann- scheint gerade eben jene Bedeutungsgenerierung über die
schen objektiven Hermeneutik –, müssen Fragen bestimmte Negation – „dies und nicht das“ – zu sein. Was
„die Vielfalt späterer Deutungen des Falls beschrän- erzählt, was gesprochen, was getan wird, erscheint dann
ken“ (Heinze 1992: 76), also möglichst eindeutig als Hinweis auf eine übergeordnete Struktur (bzw. Ord-
sein. Wenn längst nicht klar ist, aus welchem Fun- nung) und nicht als Hinweis darauf, dass eine Struktur
dus der einzelne schöpft, wenn er erzählt, ist ange- erst geschaffen wird, indem dies und nicht anderes (unbe-
stimmte Negation) angeschlossen wird. Die Operativität
sagt „to encourage the person to speak about the
dieser unvermeidlichen Herstellung von Ordnung bezeich-
topic with as little prompting from the interviewer net die Ethnomethodologie als Reflexivität, als zirkuläres
as possible“ (Smith 1995: 14). Wenn der Intervie- Muster, demzufolge „Kontext und Beschreibung eines Er-
wer schon weiß, dass es Strukturen zu entdecken eignisses . . . wechselseitig füreinander konstitutiv sind“
gilt, die „wirklich“ und „zeitlos“ sind und Hand- (ebd.: 9). Dem könnten wir folgen, wenn nicht gleichzeitig
lungen „steuern“ (Reichertz 1997: 35), bietet es dabei vorausgesetzt würde, dass diese Ethnomethoden im-
sich an, Sequenzen im Detail zu überprüfen. Das In- mer schon für alle gelten (vgl. ebd.: 11). Der Gegenpol der
dividuum erscheint dann als Personifizierung einer Argumentation würde dann auch nicht lauten, dass sie
Karriere, „die nicht dem blinden Zufall überlassen stattdessen subjektiv oder beliebig sind – wie Bergmann
vorschlägt, sondern dass sie kontingent sind: nicht not-
(ist), stets warten übergeordnete Strukturen darauf,
wendig so, aber eben auch nicht zufällig so. Anstatt von
heranwachsenden Strukturen ihre Bahn zu weisen“ Reflexivität in bezug auf eine zwar sich immer wieder neu
(ebd.: 36). Als eine der heiligsten Regeln gilt die schaffende, aber doch auch immer schon vorausgesetzte
Vorgabe, Textteile nur in ihrer zeitlichen Abfolge Vollzugswirklichkeit sollte man besser von der Performati-
zu interpretieren (vgl. ebd.: 42). Der klassische Zu- vität der Daten sprechen, um die Idee der Erzeugung von
gang erfolgt dann über die Sequenzanalyse, die auf Ordnung in den Vordergrund zu rücken.
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 79

größte Rolle spielt aber sicherlich der Zufall. „Zu- tät steht sozialen Prozessen zur Verfügung, seine
fall ist die Fähigkeit eines Systems, Ereignisse zu be- spezifischen Strukturen im Umgang mit Evolution
nutzen, die nicht durch das System selbst (also nicht werden sichtbar, wenn extreme Selbstreferenz zuge-
im Netzwerk der eigenen Autopoiesis) produziert standen wird. Die Interviewkommunikation findet
und koordiniert werden können. So gesehen sind jedoch außerhalb des psychischen Systems statt und
Zufälle Gefahren, Chancen, Gelegenheiten. ‚Zufall ist immer schon auf Soziales angewiesen. Die ver-
benutzen‘ soll heißen, ihm mit Mitteln systemeige- wendeten Unterscheidungen biographischer Inter-
ner Operationen strukturierende Effekte abzuge- views sind dagegen – als Resultat von lebenslangen
winnen“ (Luhmann 1997: 450). Sozialisationsprozessen – nur dem psychischen
In Bezug auf die bloßen Inhalte biographischer System zuzuschreiben, denn: ähnlich, wie sich sys-
Kommunikation lässt sich dem Text kaum etwas temtheoretisch nachzeichnen lässt, dass man „die
Gehaltvolles abgewinnen. Wie Zufälle, also die je- Gesellschaftsbedingtheit von Befunden dadurch
weils aktuellen Selektionsnotwendigkeiten bear- nachweisen (kann), dass man zeigt, dass und wie
beitet werden, das ist jedoch sehr interessant. Mit sich in völlig verschiedenartigen Funktionsberei-
dem Blick auf Unterscheidungen, die der Text in chen . . . dieselben Grundstrukturen nachweisen las-
bezug auf ganz unterschiedliche Fragestellungen sen“ (Luhmann 1997: 43), lässt sich eben auch auf
verwendet, werden Mikrostrukturen der Evolution Grundstrukturen des Psychischen schließen, wenn
sichtbar. In Interviewsituationen evoluieren psy- in verschiedenen biographischen Situationen27 im-
chische und soziale Systeme (hier: Interview-Inter- mer wieder die gleichen Unterscheidungen verwen-
aktionen), die sich gegenseitig in ihrer Differenz det werden. Eine gehaltvolle Version von Subjekti-
stimulieren. Der Prozess selbst ist nur als Koevolu- vität ist aus diesem Ansatz nicht zu ziehen. Auch
tion zu fassen, referiert also sowohl auf Psy- hochtrabende Ansprüche auf Reflexion (vgl. Breuer
chisches als auch auf Soziales. Wie sich psychische 1996a: 39f.) müssen abgewiesen werden und lassen
Systeme verändern, kann nur über die Kommuni- einzig ein mit spezifischen Unterscheidungen und
kation sichtbar gemacht werden, und auch soziale Eigenwerten beobachtendes psychisches System zu-
Prozesse sind nur über irritierte beobachtende psy- rück, das eben je nur in sozialen Situationen sicht-
chische Systeme zu besichtigen. Dass auf Seiten des bar wird. Bei aller Kontingenz: Wenn man in einem
methodologisch informierten Forschers immer die biographischen Interview extrem abweichende Evo-
gleichen (irreführenden) Fragen (Warum musste lution ermöglicht, lässt sich seine Struktur als vo-
der Interviewte gerade so antworten?) gestellt wer- rausgesetzte Einschränkung, als virtuelle Realität
den, ist dabei genauso interessant wie das Phäno- des psychischen Systems beobachten.
men sich wiederholender Anwendung von immer Was ist nun unter diesen Unterscheidungen, den
gleichen, aber jeweils individuell unterschiedlichen biographischen Eigenwerten des Psychischen zu
Unterscheidungen auf Seiten der biographisch Be- verstehen? Heinze verwendet ganz ähnliche Begrif-
forschten. fe, um einen ganz anderen Ansatzpunkt zu profilie-
Der Text verweist insofern nicht nur auf den Text, ren: „Die Interpretation stellt ab auf die Ermittlung
sondern immer auch auf eine Umwelt, „die das Sys- der inneren Struktur des Referenzsystems als eines
tem (hier: das Interaktionssystem des Interviews; d. Systems von Regeln, nach dem bestimmte Deutun-
Verf.) selbst nicht ausloten, jedenfalls nicht plane- gen der erfahrenen Wirklichkeit vorgenommen wer-
risch einbeziehen kann“ (Luhmann 1997: 433). den, als Code, nach dem die Chiffren der sprach-
Das Interaktionssystem des Interviews zerfällt nach lichen Mitteilungen sich dechiffrieren lassen und
dem Interview. Die biographischen Eigenwerte sind die Mitteilungen selbst sich als lebensgeschichtlich
jedoch in einem neuen Interview genauso reakti- begründet einstellen“ (Heinze 1992: 72). An diesem
vierbar, wie die forschenden Fragestellungen der Ziel orientiert führt er eine beispielhafte Interpreta-
Wissenschaft überdauern, und verweisen damit auf tion an, in der eine junge Frau, die nach der Geburt
vorherige Inklusionserfahrungen26 und das gegen- von zwei Kindern ein Fernstudium aufnehmen will,
wartsbasierte Gedächtnis des psychischen Systems. sich danach befragen lassen muss, warum sie ihr
So erweist sich das psychische System als Gedächt- Studium nicht vor der Geburt der Kinder abge-
nis von Sozialität, als Reflex auf evolutionäre Sozi- schlossen hat und warum sie jetzt nicht zufrieden
alkontakte. Mehr zunächst nicht. Seine Komplexi- mit dem Status der Mutter ist. Der Interviewer ge-

26 27
Und zu den vorherigen Inklusionserfahrungen zählt In diesem Falle: im zeitlichen Nacheinander, denn dem
nach dem Interview eben auch die vorherige Erfahrung psychischen System steht nur die Temporaldimension zur
der Inklusion in eine Interviewsituation. Reduktion von Komplexität zur Verfügung.
80 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

riert sich als Vernunftpolizei28, die den Motiven lich lässt sich auch aus „uneinsichtigen“ Gesprächs-
biographischer Entscheidungen nachspüren muss, partnern mehr herausholen, wenn man insistiert,
auch wenn es – wie im Falle der interviewten Frau – tiefenhermeneutisch vorgeht oder das Vertrauen
im Einzelnen gar keine spezifisch benennbaren Mo- des Gesprächspartners gewinnt. Was man dabei er-
tive gibt. Interviews dieser Art geben allenfalls Aus- hält, ist jedoch nicht die „bessere“ oder „wahrere“
kunft über die soziologischen Vorannahmen der Information, sondern ein Einblick in die Strategie
Forscher, sagen jedoch nur wenig aus über die Le- des Interviewpartners, mit insistierenden, bohren-
bensgeschichten und ihre Produzenten.29 den und anbiedernden Fragestellern umzugehen.
Unter Strukturen sollen nach Heinze also hand- Während also im Fall der Biographieforschung Pro-
lungstheoretisch begründete Motive gefasst wer- zessstrukturen als zeitbindende Speichermedien Be-
den, die sich in der jeweiligen Kommunika- deutungsidentität verbürgen sollen, wird im Fall
tionssituation bewähren müssen. Und ihre der Ethnomethodologie der „totalisierbare“ Sprech-
Rechtfertigung finden diese Motive über die Inde- akt (Reh 2001: 37) in der Interaktion als Bedeu-
xikalität der Kommunikation. Diese vor allem für tungsgarant verpflichtet. Beides greift – so unsere
die Ethnomethodologie zentrale Annahme, dass Argumentation – zu kurz und zu weit gleichzeitig,
Äußerungen jeweils nur „Indikatoren für, Hinwei- insofern beide Kontexte eine Rolle spielen, aber
se auf Bedeutungen, Bedeutungsgehalte“ sind eben nur als Kontexte, über die Bedeutung geschaf-
(Bohnsack 2000: 19), soll die Konstruiertheit von fen wird, nicht als Kontexte, die auf den Ursprung
Bedeutung in einem Kontext erklären. Mit eben von zeitüberdauernder Bedeutung verweisen.
dieser Annahme macht die Ethnomethodologie je-
doch nicht ernst. Auch wenn Bergmann darauf hin-
weist, dass die Konversationsanalyse vermeiden 5. Kontingenz sichtbar machen
will, „interaktive Vorgänge unter externe, vorgege-
bene Kategorien zu subsumieren“, um statt dessen Die vornehmste Aufgabe qualitativer Methodologie
„soziale Formen und Prozesse in ihrer inneren Lo- scheint darin zu bestehen, Regeln einzuführen, um
gik und Dynamik zu begreifen und als sich selbst sowohl die Kontingenz der Interviewsituation als
organisierende, reproduzierende und explizierende auch die des zu gewinnenden Materials ein-
Strukturen zu beschreiben“ (Bergmann 1995: zuschränken und damit handhabbar zu machen.
215), versteht sie die Verwendung von Indizes doch Die Orientierung an der Regel wird jener Fetisch,
nur als Hinweis auf eine Bedeutung, die eben letzt- an dem sich die methodische Kontrolle des Materi-
lich doch auf einen Ursprung zurückverfolgt wer- als und des eigenen Blicks orientiert – eines Blicks,
den kann. Indexikalität erscheint der Ethnometho- der auf subtile Weise zu glauben meint, das zu fin-
dologie so eher als Problem, denn als Lösung des den, was „hinter“ dem Fall steckt, ohne auch nur
Problems sozialer Ordnung; Handeln wird auf die- zu sehen, dass die methodische Regel den gleichen
se Weise zu einem Prozess der Entindexikalisie- Regeln folgt wie ihr Gegenstand. Auch sie geht mit
rung, bei dem von ungeklärten Bedeutungsverwen- Kontingenz um, mit dem immer auch anders Mög-
dungen abgesehen werden kann (vgl. Bergmann lichen, mit der Einschränkung dieses Raums und
1981: 13). seiner Reifizierung durch die Bildung von Eigen-
werten. Insofern ist der qualitativ-forschende Blick
Unseres Erachtens ist jedoch nicht die Auflösung in
auf die Methodik selbst eine notwendige Vorausset-
ein überschaubares Kausalgeschehen Zweck der
zung dafür, überhaupt so etwas wie methodische
qualitativen Sozialforschung, sondern die Sichtbar-
Kontrolle zu erreichen. Der soziologische Blick be-
machung von Eigengesetzlichkeiten, von Selbstrefe-
steht dann nicht in der sklavischen Reproduktion
renz, die etwa im Falle der eben beschriebenen jun-
irgendwelcher Regeln, sondern in der Frage, wie
gen Frau ohne die „vernünftige“ Koordination von
sich Einzelbeobachtungen in den Horizont von
Kinderkriegen und Studium auskommt.30 Natür-
Strukturen des Gesellschaftssystems stellen lassen,
wie sie sich letztlich als Folgen und Folgeprobleme
28
Heinze (1992:77) selbst verwendet die Parallele zum gesellschaftlicher Kontexte, oder besser: Kontextu-
Kriminalisten, der „unwahrscheinliche Lesarten, die einen ren darstellen lassen.31 Letztlich hat es (sozialwis-
Fall konsistent machen . . . (produziert)“.
29 30
In diesem Fall lässt sich aus dem Interview vor allem Woraus sich unter anderem auch lernen lässt, dass diese
schließen, dass die Interviewte sich gegen die Wissen- Gesellschaft eben auch viel Freiraum für „unvernünftige
schaftler nicht zur Wehr zu setzen weiß und solange For- Entscheidungen“ – vermutlich vor allem bei Frauen, die
mulierungen anbietet, bis der Forscher irgendwann ein Kinder kriegen wollen – bereitstellt.
31
Motiv entdeckt zu haben glaubt. Der Begriff der Kontextur stammt aus Gotthard Gün-
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 81

senschaftliche) Forschung mit der Frage zu tun, wie mehr die (vergebliche) Suche nach gegenstandsadä-
Kontingenzräume erzeugt werden, wie Unwahr- quaten Methoden, konstituieren diese doch ihre
scheinlichkeit trotzdem zu Strukturen führt, wie Se- Gegenstände. Methodische „Kontrolle“ kann dann
lektionsspielräume Freiheitsgrade und selektive nur noch heißen: Einsicht in die epistemologische
Einschränkungen gewissermaßen gleichzeitig erzeu- Verschlingung von Forschung und Gegenstand so-
gen.32 wie Folgenabschätzung von Begriffs- und Unter-
In der Tat bekommen dann Fragen der metho- scheidungsumstellungen.33 Man kann das dann
dischen Kontrollierbarkeit wissenschaftlicher Beob- „Theorie“ nennen, vielleicht hieße es besser „Me-
achtungen eine ganz neue Bedeutung. Wer im thode“, oder man lässt die Unterscheidung auf sich
Gegenstandsbereich auf kausalanalytische Kontin- beruhen.
genzdomestikationen verzichtet, wird darauf auch Forschen kann man trotzdem – oder erst recht. For-
forschungspraktisch stoßen müssen. Methodische
33
„Kontrolle“ ist dann kein Eindeutigkeitsgenerator Das hat erhebliche Folgen für die logische Formierung
mehr, sie sediert nicht den Beobachter, was wohl der Forschung und schließt an den Diskurs um transklassi-
der Traum aller Präzision simulierenden Statistik sche Logiken, an die poststrukturalistische Theorie der
Verschiebung (différer) oder an die second-order-cyberne-
ist. Methodische „Kontrolle“ meint auch nicht
tics an. All diese Differenzlogiken machen den Beobachter
sichtbar, d. h. sie dekonstruieren die klassische aristote-
thers (1979a, 1979b) Kritik der zweiwertigen Logik und lische Logik, indem sie zeigen, dass die ontologische Diffe-
spielt auf die selbstreferentielle Erzeugung aller Fremdre- renz sich selbst einer Beobachtung verdankt, die beobacht-
ferenz an. Kontexturen sind diejenigen Wirklichkeiten, in bar ist. Den locus classicus solcher nach-aristotelischer
deren Perspektive Verweisungen auf die Welt als Kontexte Logiken bildet sicher Gotthard Günther: „Nothingness
erscheinen, deren kontextureller Ursprung der Beobachter and Being are related to each other in such a way that
selbst ist. their mutual ontological position is defined by the logical
32
Und das bedeutet auch, dass Forschung nicht bei einem principle of the Tertium Non Datur (TND). Something is
kognitiven Nullpunkt beginnt. Den elegantesten Versuch, or it is not; that is all there is to it in ontology“ (Günther
dieses Problem zu lösen, liefert die Ethnomethodologie. 1979a: 286). Sein überhaupt, so Günther, ist damit „lo-
Unter dem Stichwort der Vollzugswirklichkeit fordert gisch betrachtet eine ‚monokontexturale‘ Struktur, deren
Bergmann, „mögliche Untersuchungsphänomene nicht Eigenschaften durch die klassische, zweiwertig-formale
einfach über eine Liste von im vorhinein feststehenden Logik adäquat beschrieben werden“ (Günther 1979b:
Fragen zu lokalisieren, sondern sich vom Untersuchungs- 189) können. Allerdings bedeutet diese Zweiwertigkeit
material selbst vorgeben zu lassen und durch genaue Be- des TND als Grundlage logischer Operationen nach der
obachtung einzuholen“ (Bergmann 1981: 21). Dem wür- aristotelischen Logik überhaupt auch eine restriktive Be-
den wir sofort zustimmen, wenn dabei mitberücksichtigt schränkung auf jene monokontexturale Struktur, die nur
würde, dass auch der genaue Blick nur ein Blick ist, der dann überwunden werden kann, wenn man zu einer
wiederum irgendwo Halt finden muss und dadurch Ord- „mehrwertigen Logik“ (vgl. ebd.: 181ff.) gelangt, die er-
nung erzeugt. Eben deshalb spricht die Systemtheorie von kennen kann, dass Zweiwertigkeiten stets beobachter-
Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Auch eine sys- abhängig sind und dass unterschiedliche Unterscheidun-
temtheoretisch informierte qualitative Sozialforschung gen auch unterschiedliche Kontext erzeugende
geht von Vorannahmen aus, die sich nicht methodisch Kontexturen, konstruktivistisch gesprochen: unterschied-
wegarbeiten lassen – und wollte man dies, machte man liche Konstruktionen von Wirklichkeit darstellen. Der da-
sich blind dafür, Interviewauskünfte nicht schlicht nur als raus resultierende Begriff „Polykontexturalität“ der Welt
Informationsspeicher zu nutzen, sondern als durch Gesell- schließt einen einheitlichen, beobachterunabhängigen
schaft vermittelten Vollzug von Gesellschaft. Das hätte Seins- und Weltbegriff aus – und: er schließt ein, dass auch
man alles im Übrigen schon Debatten entnehmen können, die Beobachtung, dass jede Beobachtung ein eigenes Uni-
die über vierzig Jahre zurückliegen. So heißt es unüber- versum konstruiert, nur eine Beobachtung von Beobach-
troffen bei Adorno: „Des Aberglaubens, dass die For- tungen ist (zum Gesamtkomplex solcher Differenztheorie
schung als tabula rasa zu beginnen habe, auf welcher die vgl. Nassehi 1995b). Das hat für unseren Kontext zur Fol-
voraussetzungslos sich einfindenden Daten zugerichtet ge, dass sich sowohl die qualitativ-empirische Sozialfor-
werden, müsste die empirische Sozialforschung gründlich schung selbst als auch ihr Gegenstand operativ in selbst
sich entschlagen und dabei freilich längst durchgefochte- hergestellten Kontexturen reproduzieren, die je nur für ei-
ner erkenntnistheoretischer Kontroversen sich erinnern, nen Beobachter sichtbar werden, der damit wiederum
die das kurzatmige Bewusstsein unter Berufung auf die selbst sichtbar wird. Der Umgang mit Kontingenz ist so-
vordringlichen Erfordernisse des Betriebs nur zu gern ver- dann nichts anderes als die Entfaltung solcher Kontextu-
gisst. Der skeptischen Wissenschaft ziemt Skepsis ihren ei- ren im Horizont anderer Möglichkeiten, die einer auf po-
genen asketischen Idealen gegenüber. Der Satz, ein For- lykontexturale Realitäten geeichten Forschung dann als
scher benötige zehn Prozent Inspiration und neunzig Gegenstand erscheinen. Auf das Problem einer allein zwei-
Prozent Transpiration, der so gern zitiert wird, ist sub- wertig geeichten Soziologie hat besonders deutlich Walter
altern und zielt aufs Denkverbot“ (Adorno 1997: 211). L. Bühl (1968) aufmerksam gemacht.
82 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

schungsgegenstand wäre dann die Frage, wie Texte um diejenigen Kontexte, die vom Text selbst er-
(etwa: Interviewtranskripte) sich selbst mit der zeugt werden, um darin das Thema unterzubringen.
Möglichkeit ausstatten, andere Möglichkeiten aus- Insofern Kontexturen Anschlussmöglichkeiten be-
zuschließen. Die forschende Beobachtung bestünde schränken – und eben nicht auf immer schon be-
also nicht darin, eine eigentliche Bedeutung hinter schränkte Realität verweisen – , ist eben nicht belie-
der vordergründigen freizulegen, sondern auf die big, was kommuniziert wird, aber es ist auch nicht
Selektivität des Textes selbst aufmerksam zu ma- (sequenzanalysierbar) determiniert. Kommunika-
chen. Es ist dies keine entlarvende Strategie, denn tionen folgen Leitunterscheidungen, die verschiede-
Selektivitäten lassen sich nicht vermeiden – auch ne Kontexte voneinander abgrenzen, z. B. den bio-
nicht bei der Forschung selbst. Qualitative For- graphischen Kontext von einem Expertenkontext
schung hieße dann, nach denjenigen kommunikati- medizinischer Kommunikation. Kommunikabel ist
ven Strategien zu suchen, die es erlauben, die Dinge nun alles, was mit der eigenen Person oder dem
so darzustellen, wie sie dargestellt werden. Dieses Problem medizinischer Entscheidungsfindung zu-
Verfahren enthält eine entscheidende Sparsamkeits- sammenhängt. Es können dann medizinische, juris-
regel: Sie verbürgt nicht, an eine wirkliche Bedeu- tische, wissenschaftliche Realitäten, aber eben auch
tung des Textes heranzukommen, sondern begnügt biographische Eigenwerte vorausgesetzt werden, je
sich damit, die Selbstkonstitution von Inhalten, von nach dem, welcher textinterne Kontext die text-
Bedeutung, von Sinn nachzuvollziehen und nach externe Realität produziert. Die biographischen
den sozialen Erwartungs- und Darstellungsformen Selbstbeschreibungen, die wir zum Thema Todes-
zu fragen, unter denen sich forschungsrelevante To- bilder erhoben haben, profilieren dabei drei ver-
poi darstellen lassen. schiedene Formen der Realitätsunterstellung, die
Im Folgenden wollen wir andeutungsweise zeigen, sich als evolutionärer Umgang mit der Notwendig-
wie sich in diesem Sinne forschen lässt, und zwar keit der Kontingenzreduktion lesen lassen. Wir wer-
anhand einer Typologie, die im Rahmen unseres den diese drei Formen hier nur andeutungsweise
laufenden Forschungsprojekts mit dem Titel „To- vorstellen:
desbilder in der modernen Gesellschaft“ entstan-
den ist. Eine Forschungsperspektive, die Interview- Im ersten Fall, der biographischen Form der „Un-
texte als Resultat von Kontingenzreduktionen sterblichen“, wird jede Form von Kontingenz ne-
liest, sieht sich mit sehr ungewöhnlichen Todesbil- giert. Diejenigen unserer Interviewpartner, die über
dern konfrontiert. Ungewöhnlich sind diese Todes- das Thema Tod gar nicht erst reden wollen, pro-
bilder deshalb, weil sie eben nicht einen ontologi- filieren eine Wirklichkeit, die den Körper als Kon-
schen Status ihres Themas behaupten, nicht „den“ stante einführt und seine Sterblichkeit nicht für
Tod in den Texten wiedererkennen müssen, son- möglich hält – wohlgemerkt: nicht explizit als Welt-
dern sich davon überraschen lassen können, wie bild, sondern als textinterne Konsequenz der kon-
das Thema Tod in Kontexte/Kontexturen einge- tingenten Thematisierbarkeit des Themas. Diese
passt wird, über Kontexte/Kontexturen seine Be- interaktionsnahe, typischerweise in familienorien-
deutung gewinnt und über Kontexte/Kontexturen tierten Selbstbeschreibungen, aber auch im Fall ei-
Auskunft gibt. ner schweren akuten Erkrankung auftretende
In unserem empirischen Material lassen sich unter- Selbstdarstellung grenzt den Kontext über signifi-
schiedliche Formen der Thematisierung des Todes, kante Andere und deren bzw. den eigenen Körper
der Konstruktion von Todesbildern beobachten, de- mit seinen Ansprüchen ab. Die Evolution der bio-
ren erster Überraschungswert darin besteht, dass sie graphischen Kommunikation folgt nun schlicht den
nicht primär über Weltbilder oder Glaubensinhalte Bewegungen dieser Körper, kann nur berichten und
vermittelt werden, sondern darüber, wie dem The- eben typischerweise nicht erzählen, und belegt alles,
ma Tod innerhalb biographischer Texte Plausibili- was passiert ist, mit dem Signum der Notwendig-
tät verliehen wird. Dass diese drei Formen der Sag- keit. Es musste jeweils kommen, wie es dann ge-
barkeit des Todes quer zu jenen erwartbaren kommen ist. Die grundsätzliche Negation von Kon-
religiösen Thematisierungsformen bzw. ihren funk- tingenz produziert ein Todesbild, das in der
tionalen Äquivalenten liegen, hängt auch damit zu- klassischen Thanatologie unter das Verdikt der To-
sammen, dass die forschende Beobachtung anders desverdrängung fällt. Was bislang schlicht als Zei-
gefragt hat: Nicht was der Tod bedeuten soll, son- chen von Ignoranz und Kulturverfall gelesen wer-
dern wie er thematisierbar gemacht wird, ist dann den konnte, stellt sich aus dieser Perspektive als
die Frage. Es geht also um Kontexturen – nicht um plausible Reaktion dar. Die Sicherheiten, die Kom-
irgendwie objektiv vorhandene Kontexte, sondern munikation voraussetzt (lebende Körper), können
Armin Nassehi und Irmhild Saake: Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? 83

nicht gleichzeitig in Frage gestellt werden. Was Ungewissheit, vielleicht ein neues Leben als Geist-
bleibt, ist der Fall der eigentümlichen Anschluss- wesen oder Pflanze.36
losigkeit dieses Themas.34 Der Umgang mit Kontingenz steht am Anfang aller
Neben diesen „Unsterblichen“ fallen die „Todes- Unterscheidungen, die die Interviewpartner einfüh-
experten“ auf. Die Auflösung von Kontingenz er- ren. Bei allen drei Formen wurde jeweils eine spezi-
folgt hier über die Profilierung der Negation als Be- fische Lösung für das Problem der Kontingenz ge-
weis. Dass etwas passiert, wird als Zeichen gelesen, funden. Dass alles auch ganz anders sein könnte,
als Hinweis auf eine geordnete Welt, in der hierar- mag den Interviewpartnern meist verschlossen blei-
chisch zwischen Männern und Frauen, Gesunden ben, aber wie diese Kontingenz eingeschränkt wird,
und Kranken, Menschen und Gott unterschieden lässt sich den Interviewtexten doch stets entneh-
wird. Die eigene Position bestimmt sich über den men: durch den Anschluss des nächsten Satzes. Die
Freiraum, den die jeweiligen Verhältnisse zu bieten nichtbeliebige Einschränkung von Kontingenz er-
haben. Immer schon wird eine Welt vorausgesetzt, gibt sich im operativen Vollzug der Kommunika-
die zwischen Positionen unterscheidet und ein ganz tion und verdeutlicht, dass Kommunikation eine
spezifisches Schicksal für den Erzähler, in diesem Welt jenseits der Kommunikation kennt: Kontexte
Fall für den klassischen Erzähler der Biographiefor- oder genauer: soziale Systeme, die Kontexte und ih-
schung, bereithält. Die Sicherheit, mit der diese In- re Umwelten voneinander unterscheiden und sich
terviewpartner ihr Leben erklären können, kommt in ihrer Koevolution gegenseitig stimulieren. Aller-
ihnen auch im Umgang mit dem Thema Tod zugu- dings kennt sie all dies nur kommunikativ, nicht un-
te. Im Unterschied zu allen anderen Interviewpart- mittelbar, nicht homolog und ebenso wenig authen-
nern trauen sie sich eine Definition des Todes zu, tisch.
die entweder schon weiß, dass danach nichts mehr Die Visibilisierung von Kontingenz ist letztlich ein
kommen kann oder aber sich z. B. eine gute Chance funktionales Verfahren, das auf strikte Kausal-
auf ein Leben bei Gott ausgerechnet hat.35 annahmen ebenso verzichtet wie auf die innere Un-
Als „Todesforscher“ entpuppen sich Interviewpart- endlichkeit subjektiven Sinn generierender Han-
ner, die Negationen als Chancen nutzen, um Kon- delnder. Die funktionale Analyse dient vielmehr
tingenz jeweils wieder neu ins Spiel zu bringen. Was dazu, jene Problem- und Problemlösungskontexte/
auch immer passiert, wird daraufhin befragt, ob es -kontexturen beschreibbar zu machen, die von In-
für die Entwicklung neuer Selbstbeschreibungen terviewtexten selbst entfaltet werden (vgl. dazu
taugt. Ein Ende finden diese Suchprozesse nur im auch Schneider 1991). Insofern zeichnet eine in die-
Fall von Negationen, nur dann, wenn wirklich et- ser Weise funktionale Methode nicht einfach die
was nicht klappt. Erst dann entstehen Eigenwerte, Selbstsicht von Interviewten nach, wie sie, gebro-
die jedoch nicht auf eine geordnete Umwelt, son- chen durch den Interviewtext, zugänglich wird. Sie
dern nur auf das Problem der eigenen Profillosig- „dupliziert nicht einfach die vorgefundene Selbst-
keit und die Notwendigkeit, Auskunft über sich sicht. Vielmehr wird das beobachtete System mit ei-
selbst zu erlangen, verweisen. Die unglaubliche Fle- nem für es selbst nicht möglichen Verfahren der Re-
xibilität, mit der diese in ständigen Reflexionen ge- produktion und Steigerung von Komplexität
fangenen Interviewpartner aus biographischen Er- überzogen“ (Luhmann 1984: 88), was den Blick
fahrungen neues Kapital schlagen, zeigt sich am auf den jeweiligen Umgang mit Kontingenz freilegt.
deutlichsten im Umgang mit dem Thema Tod. Vom Kontingenz zum Forschungsthema zu machen, be-
Tod versprechen sie sich eine neue Chance auf neue deutet Strukturen ihrer Bearbeitung zu suchen. Viel
Rollen, vielleicht ein heldenhaftes Aushalten der zu wenig wissen wir bislang darüber, wie stabil
Differenzschemata des Psychischen in sozialen Si-
34
Die Behauptung einer prominenten Bedeutung des Kör- tuation sind, wie sich konkurrierende Differenz-
pers für die Biographie, wie sie Fischer-Rosenthal (1999) schemata verhalten und wie sie mit neuen Heraus-
vertritt, ließe sich auf der Grundlage dieser Ergebnisse auf
einen spezifischen Typus einschränken, der eben nicht da-
durch auffällt, dass er vom Körper redet, sondern dass er 36
Mit Schütze (2001: 22) müsste man diesen Typus ver-
im Verweis auf die Realität des Körpers Bedeutungen er- mutlich als Ausdruck einer „Gefährdung der eigenen bio-
zeugt. graphischen Validität“ lesen. Fischer-Rosenthal (1999:
35
Die von Wohlrab-Sahr (1999b) untersuchten Konver- 161) hat diesen Typus – „die Vergangenheit erscheint heu-
sionsbiographien aktualisieren eben diesen Typus des Er- te anders als gestern“ – bereits ansatzweise rehabilitiert,
zählers, der über die Erzeugung von guten und schlechten insofern er auf die nun eben auch in Biographien explizit
Religionen, also über hierarchisch positionierte Person- sichtbar werdende Modalisierung von zeitlichen Horizon-
schablonen, eine geordnete Welt erzählbar macht. ten verweist.
84 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 31, Heft 1, Februar 2002, S. 66–86

forderungen umgehen. Interviews mit den gleichen views“ in der Sozialforschung. S. 131–158 in: R. Strobl /
Interaktionspartnern zu unterschiedlichen Zeit- A. Böttger (Hrsg.), Wahre Geschichten? Zu Theorie und
punkten könnten hierüber Auskunft geben. Unge- Praxis qualitativer Interviews. Baden-Baden: Nomos.
klärt ist auch, wie die ersten Unterscheidungen, oh- Bourdieu, P., 1998: Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für
eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes.
ne die Kommunikation nicht beginnen kann,
Konstanz: UVK.
entstehen. Psychologen wissen immer schon, dass Breuer, F., 1996a: Theoretische und methodologische
Psychisches stabil ist, und Soziologen wollen seine Grundlinien unseres Forschungsstils. S. 14–40 in: ders.
kontinuitätsverbürgenden Strukturen nicht sehen. (Hrsg.), Qualitative Psychologie. Opladen: Westdeut-
Wenn qualitative Sozialforschung sich von dem scher Verlag.
Zwang verabschiedet, eine gemeinsame Welt von Breuer, F., 1996b: Schritte des Arbeitsprozesses mit unse-
Interviewern und Interviewten zu erschaffen und rem Forschungsstil. S. 79–82 in: ders. (Hrsg.), Qualita-
stattdessen den Konstruktionsprozessen der Kom- tive Psychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag.
munikation folgt, erfährt sie, wie Eindeutigkeiten Brockmeier, J., 1999: Erinnerung, Identität und autobio-
operativ erzeugt werden. Das Problem der Sozial- graphischer Prozess. Journal für Psychologie 1: 22–42.
Bruner, J., 1999: Self-Making and World-Making. Wie
forschung, der unüberschaubaren Kontingenz der
das Selbst und seine Welt autobiographisch hergestellt
Forschungssituation ausgeliefert zu sein, ist primär werden. Journal für Psychologie 1, 11–21.
ein Problem jeder Kommunikation. Letztlich kann Bühl, W. L., 1968: Das Ende der zweiwertigen Soziologie.
die empirische Sozialforschung vom kreativen (i. e. Soziale Welt 19, 163–180.
kontingenten) Umgang ihres Gegenstandes (hier: Charmaz, K., 1995: Grounded Theory. S. 27–49 in: J.A.
des Interviewtextes) mit Kontingenz lernen, wie sie Smith et al. (Hrsg.), Rethinking Methods in Psycho-
sich selbst formiert: weder notwendig so, noch be- logy. London u. a.: Sage.
liebig anders. Wenn es eine Art Gütesiegel für die Cicourel. A.V., 1970: Methode und Messung in der Sozio-
Soziologie gibt, dann das, dass die Theorie selbst logie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
wieder in ihrem Gegenstand vorkommen muss. Corsten, M., 1994: Beschriebenes und wirkliches Leben.
Die soziale Realität biographischer Kontexte und Bio-
Womöglich gilt für gute Empirie auch, dass sie
graphie als soziale Realität. BIOS 7: 183–205.
selbst empirisch wieder vorkommen muss. Und das Denzin, N., 1995: Symbolic Interactionism. S. 43–58 in:
schließt einerseits ein, dass auch diese Kritik des J.A. Smith et al. (Hrsg.), Rethinking Psychology. Lon-
Regelfetischismus nicht ohne Regeln auskommt, don u. a.: Sage.
andererseits, dass auch sie damit noch Kontingenz Dey, I., 1993: Qualitative Data Analysis. A User-friendly
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freilich nicht denkbar. ledge.
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Summary: A problem central to qualitative research appears to be the question about how meaning is constituted. Ac-
cording to ethnomethodology as well as biographical research, meaning has to be decoded in terms of existing structures
of order. This paper attempts to develop a methodology of qualitative research which focuses on the formation of order.
By means of a reformulation of qualitative research based on system theory well-known topics (narration or communi-
cative competence, authenticity or recipient design, processual structures or indexicality) can be seen in a new context,
i.e. as an attempt to eliminate contingency via the installation of criteria of validity, of addressees reliably interpreting
and time-binding storage media. As a result, we claim that qualitative research should focus explicitly on contingency
instead of only discovering an assumed order. The methodological argumentation is illustrated by examples from a
study about images of death.