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Abgesehen von legendenhaften Überlieferungen, stammen die ersten ausführliche-


ren Zeugnisse des Christentums aus der Zeit der diokletianischen Verfolgungen, denen
manche kirchliche Oberhäupter aus Illyricum wie der Bischof von Sirmium und viele
andere zum Opfer fielen.7
Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass die Randzonen des hier zu behandeln-
den Gebietes besser romanisiert bzw. hellenisiert waren als das Binnenland. Zu den
Randzonen ist auch die Limeslinie entlang der Donau zu rechnen, wo der Romanisie-
rungsprozess ebenfalls intensiver als im Hinterland ablief.

2. Die Zäsur der Hunnenzeit und das Forschungsproblem der zweiten


Hälfte des 5. Jahrhunderts

Die erste Zäsur in dieser Entwicklung, die weit reichende Folgen hatte, wurde durch
die verheerenden Vorstöße der Hunnen in den Jahren 441/442 bzw. 447 bewirkt. Sie
stießen zu dieser Zeit bis zu den Thermophylen vor. Dutzende von Städten und Befes-
tigungen wurden eingenommen und in einem nie zuvor gekannten Ausmaß zerstört.
Priskos’ bildhafte Beschreibung der Ruinen von Naissus und der unbegrabenen Toten
kurz nach dem Sturm,8 legt neben einem Hiatus in der archäologischen Stratigraphie
mancher Fundorte Zeugnis ab für die verheerenden Auswirkungen dieser Raubzüge,
nach denen das Kaiserreich allem Anschein nach für einige Jahrzehnte die volle Kon-
trolle über Nordillyricum verlor.9 Nicht umsonst verlangte Attila, dass die Reichsgrenze
mit den Markt- bzw. Handelsplätzen von der Donaustrecke zwischen Belgrad/Singi-
dunum und Svištov/Novae im heutigen Bulgarien um fünf Tagesmärsche nach Süden
verschoben werden solle. Es bleibt unklar, inwieweit diese Forderung erfüllt wurde,
da Attila im nächsten Jahr wieder die Donaulinie als Grenze vorschlug.10 Kaiser Leo I
hatte im Jahre 458 auf seiner Adressenliste jedenfalls keine Bischöfe in Moesia Prima
und Dacia Ripensis mehr, denen er die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon von 451
hätte verkünden können.11 Dies scheint zu belegen, dass trotz des Zerfalls des Hunnen-
reiches nach 454 das Imperium noch über Jahre und Jahrzehnte hinweg nicht imstande
war, diese nördlichen Gebiete unter ständiger und direkter Kontrolle zu halten. Etwa in
dieser Zeit oder etwas früher könnte auch der Beginn der ostgermanischen Nekropole
„Burdelj“ im Stadtgebiet von Viminatium liegen, die dann während der zweiten Hälfte
des 5. Jahrhunderts weiterbelegt wurde. Es stellt sich die Frage, wer diese Gruppe von

7 Popović 2003, 259-264.


8 Fontes 1955, 13.
9 Vgl. Poulter 1992, 123-124.
10 Fontes 1955, 13, Anm. 11.
11 Ferjančić 1974, 107.
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Barbaren auf Reichsgebiet angesiedelt hat.12 Als die Goten um 473 von Pannonien auf
den Balkan vordrangen, beobachteten zwar kaiserliche Truppen zusammen mit ihren
sarmatischen Föderaten den Vorgang, schritten aber nicht ein, was auf eine – wenn auch
fragwürdige – Präsenz des Imperiums im Nordillyricum hindeutet.13 Seit dem Beginn
der Romanisierung in Inneren des Balkans scheint der Hunnensturm der stärkste Ein-
schnitt gewesen zu sein. Nach ihm war jedoch eine Erholung und Weiterentwicklung
immer noch möglich, wenn auch in neuer Form. Einige Siedlungen wie diejenige in
Pazarište bei Novi Pazar in Südwestserbien sollen – zumindest nach M. Popović – ihre
Kontinuität bewahrt haben.14 Wie das Verhältnis von zerstörten zu intakt gebliebenen
Ansiedlungen aussah, bleibt als Desiderat künftiger Forschung vorbehalten.
Siedlungsunterbrechungen, die sich auf das Ende des 4. sowie auf den Anfang und
die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts beziehen, sind bei Ausgrabungen von Landvillen,
Städten und anderen römischen Fundstellen in Serbien und Mazedonien beobachtet
worden, so z.B. am Limes, in Singidunum und Sirmium, in Čačak und dessen Umland
im westlichen Zentralserbien sowie in Stobi und Heracleia Lyncestis.15 Obwohl die
genaue chronologische Bestimmung dieser Zerstörungshorizonte noch der Prüfung be-
darf, endet die Laufzeit vieler Siedlungen in den Tallagen etwa am Beginn bzw. in der
ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Dies wird durch Münzfunde belegt, und soweit dies
an einzelnen Orten feststellbar war, kann man im 5. Jahrhundert in den Tallagen weder
von einer Erneuerung noch von einer reduzierten Fortdauer der Besiedlung sprechen.
Eine Wiederbelebung und daher mittelbare Kontinuität der autochtonen, lateinisch
sprechenden, christlichen Bevölkerung des Nord- und Zentralillyricums und wohl
auch Dalmatiens sollte nach heutigem Forschungsstand mit einem anderen zeitlichen
und historischen Umfeld in Verbindung gebracht werden, und zwar vor allem mit dem
6. Jahrhundert und der spätestens nach 530 einsetzenden justinianischen Erneuerung.16
Diese war es, die vor allem in den neu gewählten Höhenpositionen und Berglagen
ein Weiterbestehen der ursprünglich an die Mittelmeerzivilisation gebundenen Lebens-
weise für einige weitere Jahrzehnte, manchmal für fast ein Jahrhundert bewirkte. Das
schließt gewisse vorangehende Entwicklungen gegen Ende des 5. Jahrhunderts nicht

12 Über Burdelj siehe Zotović 1981, 95-115. Lj. Zotović hat das gesamte Material aus der
Nekropole in das späte 5. Jahrhundert datiert und mit den Ostgoten in Verbindung gebracht.
Abgesehen von der unsicheren ethnischen Deutung kann der Beginn des Gräberfeldes „Bur-
delj“ etwa in die Mitte des 5. Jahrhunderts oder etwas davor gesetzt werden. Die Bestatteten
könnte man am ehesten unter ostgermanischen Gruppierungen suchen, die bereits Akkultu-
risationsprozessen ausgesetzt waren.
13 Wolfram 1990, 268.
14 Popović 1999, 294.
15 Vgl. Vasić 1993, 15.
16 Für den Beginn der großen Bauaktion vgl. Angaben aus der Novelle XI, wo von Iustiniana
Prima und erneuerten Befestigungen beidseits der Donau gesprochen wird. Kondić-Popović
1977, 371.
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aus. Besiedlungshinweise aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts sind jedoch zur-
zeit in Serbien archäologisch kaum fassbar. Dies könnte verschiedene Ursachen haben.
Neben möglichen methodologischen Forschungsproblemen käme in Betracht, dass die
verbliebene, zerstreute romanische bzw. romäische Bevölkerung bereits auf geschütz-
ten Bergpositionen lebte, ohne dass diese Orte anfangs fest ummauert waren. Beim
jetzigen Forschungsstand muss dies aber eine Hypothese bleiben. Nach ersten Resulta-
ten von Probegrabungen, scheint ein guter Teil der befestigten Höhenanlagen einphasig
zu sein, mit einer Entstehungs- und Nutzungszeit im 6. und eventuell zu Beginn des
7. Jahrhunderts, meist ohne Vorgängerphasen und Überlagerungen älterer Besiedlung.
Nur an einigen wenigen Orten wurden Befestigungen aus dem 4. Jahrhundert erneuert.
An anderen wiederum ging das Leben nach einem Hiatus im frühen Mittelalter weiter.
Die vorgeschichtlichen Vorgängerphasen werden hier außer Acht gelassen.

3. Das Siedlungsmuster in den zentralen, nördlichen und


nordwestlichen Balkangebieten im 6. Jahrhundert

Forschungsgeschichte

Das Siedlungsmuster des 6. Jahrhunderts im Inneren des Balkans ist vor allem durch
die Feldforschung bereits besser bekannt geworden, obwohl die meisten Objekte nur
durch Prospektion und kleinere Grabungen untersucht wurden. Daneben gibt es einige
Fundstätten, auf denen durch großflächige Ausgrabungen wichtige Teile von Stadt-
oder Befestigungsstrukturen aufgedeckt wurden. Beispiele sind Gradsko/Stobi (Abb. 1)
und Bitola/Heracleia Lyncestis in Mazedonien (Abb. 2), Mogorjelo in der Herzegowi-
na (Abb. 3), Gamzigrad/Romuliana in Nordostserbien (Abb. 4, Abb. 5) und Caričin
Grad/Iustiniana Prima? in Südserbien17. Dabei muss bemerkt werden, dass sich die
großflächigen Ausgrabungen meistens auf größere Siedlungen, Städte und Residenzen
beschränkten. Die kleineren und entlegenen Höhenanlagen, ausgenommen Vrsenice in
Südwest-Serbien, blieben von größeren Untersuchungen weitgehend unberührt. Ohne
dass dies bei Grabungsbeginn bereits absehbar war, wurde Gamzigrad dank der hier
erschlossenen tetrarchischen Phase (Palast des Galerius, Abb. 5) eine der am besten
erforschten frühbyzantinischen Fundstätten in Serbien.
Forschungsgeschichtlich betrachtet ist die Fundsituation bezogen auf die Überreste
der spätantiken und frühbyzantinischen Befestigungen vielfach besser als vor 20 bis
25 Jahren. Damals waren solche Fundstätten noch sehr wenig erforscht, was besonders
für die Höhenanlagen gilt. Nicht selten wurden sie vor Aufnahme der Ausgrabungen
wegen ihres unregelmäßigen Grundrisses für mittelalterlich gehalten, was sich später

17 Vgl. Kirilov in diesem Band, Abb. 8.


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Abb. 1. Grundriss von Stobi

nicht oder nur in Einzelfällen bestätigt fand.18 Ende der 70er und in den 80er Jahren des
20. Jahrhunderts kam es zu merklichen Fortschritten, als man in Serbien begann, erste
Grabungen auf Höhenanlagen wie jenen um Novi Pazar im Südwesten des Landes zu
organisieren und als I. Mikulčić in Mazedonien die Resultate seiner umfangreichen
Feldforschungen (vornehmlich Prospektionen) veröffentlichte.19 Angaben zu einigen
wenigen spätantiken Befestigungen in Bosnien und in der Herzegowina wurden 1972
von Đ. Basler bekannt gemacht.20 In der Region um den serbischen mittelalterlichen
Hauptortes Ras, nahe der heutigen Stadt Novi Pazar, wurden seit Ende der 70er und
zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts viele befestigte Höhenanlagen überwie-
gend durch zahlreiche kleine Probeschnitte sowie in drei Fällen auch durch größere
Grabungen untersucht. Im Ergebnis dieser Arbeiten ergab sich schließlich, dass 20
spätantiken und frühbyzantinischen Objekten nur noch fünf Anlagen gegenüber stan-
den, die vollständig in das Mittelalter gehörten oder aber wenigstens eine oder mehrere
mittelalterliche Entwicklungsphasen aufzuweisen hatten. Diese Entwicklung führte

18 Vgl. die Aufnahme der Gradina auf der Jelica in die Liste der mittelalterlichen Burgen bei
Deroko 1950, 114, Abb. 160.
19 Mikulčić 1982.
20 Basler 1972, 47-61; vgl. auch die neuere Ausgabe bei dems. 1993, 30-40.
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Abb. 2. Grundriss von Heracleia Lyncestis


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schnell zu einer Umbewertung der Höhenanlagen, zumal solche Objekte in verhältnis-


mäßig dichter Konzentration auch aus anderen Teilen Serbiens bekannt waren, so um
Čačak in Zentralwestserbien21, um Kruševac22, um Prokuplje in Südserbien23 und im
Hinterland des Limes am Eisernen Tor24. Diese Neubewertungen sind oft der intensiven
Feldforschung, vor allem den Prospektionen und Probegrabungen der lokalen musea-
len oder Denkmalschutzinstitutionen zu verdanken (Abb. 6).25 Als klar wurde, dass von
einer deutlich größeren Zahl frühbyzantinischer befestigter Höhenanlagen auszugehen
ist, kamen Zweifel auf, ob man solche Objekte nur als Refugien deuten könne, die in
entlegenen und schwer zugänglichen Bergregionen errichtet wurden. Auch wenn Pros-
pektionen und Grabungen in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts und zu Beginn des
21. Jahrhunderts nur in einem nicht allzu großen Umfang fortgeführt werden konnten,
haben doch die ergrabenen Baureste und die Deutungen des Kleinfundmaterials ergeben,
dass es sich hier nicht oder zumindest nicht nur um Refugien gehandelt haben kann.
Im Ergebnis dieser forschungsgeschichtlichen Übersicht kann somit festgehalten
werden, dass sich in den zentralen und westlichen Balkangebieten in den letzten Jahr-
zehnten kaum eine andere Fundortkategorie so profiliert hat, wie die der spätantiken
und frühbyzantinischen Befestigungen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch anderswo
zu beobachten wie z.B. in Slowenien, wo die Erforschung der spätantiken Höhenanla-
gen vor allem dank der Bemühungen von S. Ciglenečki zum „Rennpferd“ der dortigen
Archäologie geworden ist.26

Die Höhenanlagen – befestigte Dörfer?

Das neue Siedlungsmuster der spätantik-frühbyzantinischen Zeit wird vorrangig durch


Objekte in Höhenlagen der Bergregionen bestimmt (Abb. 6), obwohl daneben auch
Ansiedlungen in den Ebenen des Tieflands bekannt sind wie z.B. Niš/Naissus27 oder
Gamzigrad/Romuliana.28 Das genaue Zahlenverhältniss zwischen den Tal- und Höhen-
anlagen ist unbekannt. Es ist jedoch nach momentanem Forschungsstand anzunehmen,
dass hauptsächlich die Berggebiete besiedelt waren. Außerhalb der Höhenlagen gab es

21 Milinković 2002, 129-130.


22 Rašković 2002, 29-73.
23 Milinković 1999, 87-90, Abb. 1.
24 Janković 1981.
25 Für die Verbreitungskarte der Befestigungen wurden u.a. Angaben von Z. Gunjača (Dal-
matien), I. Mikulčić (Mazedonien) und P. Špehar (Bosnien und Herzegowina) verwendet.
I. Nešić und P. Špehar schulde ich Dank für die Kartierungshilfe, die sich auf Bosnien und
die Herzegowina wie auch Dalmatien bezog.
26 Ciglenečki 1999, 292-293, mit älterer Literatur.
27 Petrović 1999, 21-24.
28 Živić 2003, 10.
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Abb. 3. Rekonstruktion und Grund-


riss von Mogorjelo

noch die instand gesetzten Befestigungen an der Donaulinie des Limes, deren Entste-
hung und Erneuerung militärisch und überregional gesteuert wurde. Von den mehr als
170 bekannten frühbyzantinischen Befestigungen in Serbien, deren wirkliche Anzahl
erheblich größer sein wird, entfallen etwa 140 auf Höhenanlagen.29 Die Zahl der be-
kannten Höhenfesten steigt ständig. In Bosnien sind etwa 60 solcher Anlagen bekannt,30
in Mazedonien insgesamt ca. 500, wovon nach I. Mikulčić 400 auf das 6. Jahrhundert
entfallen.31 Es ist deutlich erkennbar und wird durch die weitere Forschung immer
wieder bestätigt, dass die geschützten Höhenpositionen – meistens in Höhen von über
500 m, oft auch über 1000, 1500 oder um 1800 m – zur Regel wurden. Obwohl sich
im westlichen, zentralen und nördlichen Balkangebiet das Siedlungsmuster erst in
frühbyzantinischer Zeit von Grund auf änderte und damit aus Gründen der Bodenbe-

29 Milinković, im Druck (a).


30 Špehar, im Druck.
31 Mikulčić 2002, 119-120.
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Abb. 4. Grundriss von Gamzigrad/


Romuliana

schaffenheit und des Klimas auch Modifizierungen der wirtschaftliche Basis der in den
Befestigungen lebenden Bevölkerung in Richtung einer stärkeren Viehzuchtkomponente
bewirkte, werden bereits frühere Ansätze dieses Prozesses greifbar. Wie auch in eini-
gen anderen Teilen Europas kam es auch in unseren Gebieten bereits im 3. Jahrhundert
dazu, dass bequeme Talpositionen mit schwer zugänglichen, aber geschützten Lagen im
Gebirge getauscht, alte vorgeschichtliche Burgen und oppida wiederbenutzt und auch
neue Befestigungen angelegt wurden. Dafür zeugen solche Beispiele aus Südwest- und
Nordost-Serbien wie die Höhenanlage Trojan auf der Pešter-Hochebene (Abb. 7). Ob-
wohl diese frühen und bisher nur in kleinerer Anzahl nachgewiesenen Befestigungen in
der Literatur oft als Benefiziarstationen im Inneren des Reiches gedeutet wurden,32 soll
hervorgehoben werden, dass ihre Entstehungszeit etwa in die Periode der großen Barba-
reneinfälle zu setzen ist. In diesem Teil des Reiches waren es vor allem die Goten, die
für Unsicherheit sorgten und die 269 von Claudius II bei Niš/Naissus geschlagen wur-
den.33 Im 4. Jahrhundert scheinen die Gründe für eine stellenweise Besetzung der Höhen
weiter bestanden zu haben. Aber die Anzahl dieser Anlagen blieb solange gering, bis im
6. Jahrhundert ein offensichtlich groß angelegtes Bauvorhaben dieser Entwicklung den

32 Kritisch dazu Milinković, im Druck (a).


33 Petrović 1999, 35.
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Abb. 5. Gamzigrad, Basilika und Pa-


last des Galerius

entscheidenden Auftrieb gab. Es handelt sich um jenen Vorgang, den Prokop in seinem
Werk De aedificiis beschrieben hat.34
An anderem Ort ist bereits der Versuch unternommen worden, die Anlagen als befes-
tigte Dörfer zu deuten.35 Diese Annahme ist durch verschiedene Argumente begründet,
die hier in Kürze wiederholt werden sollen. Unter anderem spricht dafür die Anzahl die-
ser oft in entlegenen Berggebieten und, soweit bekannt, zumeist ohne Verbindung zum
Straßennetz angelegten Befestigungen, die bedeutend größer ist, als die der 654 Kastelle,
die Prokop für den Balkan erwähnt (Abb. 6).36 Prokop hat also mit seiner Beschreibung
der justinianischen Bautätigkeit auf der Balkanhalbinsel nicht übertrieben, sondern sogar
einen wesentlichen Teil, man könnte fast sagen, eine ganze Kategorie von Monumenten
ausgelassen. Es stellt sich die Frage, warum dies geschah, denn Prokop wird sicher über
diese Entwicklungen informiert gewesen sein. Wichtig für die Lösung dieser Frage ist
der vielfach beobachtete Umstand, dass die Bauweise solcher befestigter Höhenanlagen
im Inneren des Balkan zwar einfach, aber sehr effektiv und durchdacht ausgeführt war,
was ein zentral koordiniertes, gemeinsames Vorgehen lokaler Baukräfte wahrscheinlich
macht. Diese hatten wohl auch für die Beschaffung des Materials zu sorgen. Es kann das
Wirken romäischer Militäringenieure vermutet werden. Als Beispiel eines justinianischen
Militärarchitekten ist der auf Inschriften mehrfach bezeugte Victorinos zu nennen, für den
angeführt wird, dass er in Illyricum, Moesien und anderswo Befestigungen gebaut habe.37
Bereits die Auswahl des Platzes für eine solche Befestigung war gekonnt. An möglichst
vielen Seiten wurde der Zutritt für den Feind z.B. durch Felsen und Steilhänge, an denen
keine Abwehrmauern gebaut werden mussten, fast unmöglich gemacht oder erheblich
erschwert (Abb. 8, Abb. 9). So konnte man mit weniger Aufwand und schneller eine
größere Anzahl von Festen errichten.

34 Prokop.
35 Milinković, im Druck (a).
36 Beševliev 1970, 74.
37 Feissel 1988, 136-146.
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Abb. 6. Verbreitungskarte der spätantiken und frühbyzantinischen Befestigungen in Dalmatien, Bosnien


und der Herzegowina, Serbien und Mazedonien

Die Grundrisse der Höhenanlagen waren strikt dem Gelände angepasst und des-
wegen unregelmäßig, womit die Befestigungen in ihrem Aussehen bereits teilweise das
mittelalterliche Konzept vorweg nahmen. Dies auch wegen der dominanten Stellung des
Kirchgebäudes innerhalb der Mauern sowohl größerer wie auch kleinerer Anlagen. Bei-
spiele dafür sind aus Caričin Grad38 (Abb. 19), Bregovina39 (Abb. 10), von der Jelica40

38 Bavant-Ivanišević 2003, Abbildungen auf den Seiten 11, 13, 19; Kirilov in diesem Band,
Abb. 8.
39 Jeremić-Milinković 1995, 210-212.
40 Milinković 2002, 92.
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Abb. 7. Trojan. Grundriss und Kleinfunde


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Abb. 8. Vrbljani. Rekonstruktion

(Abb. 11), aus Gamzigrad41 (Abb. 4), Davina-Čučer42 in Mazedonien, oder Lepenica43 in
Bosnien (Abb. 12) bekannt. Gerade die dominante Positionierung der Kirchen innerhalb
der Siedlungsstruktur ist einer der wichtigsten Bestandteile des neuen Konzepts, welches
hier nach dem Einschnitt des Hunneneinfalls und der damit einher gehenden unsicheren
Zeit ausgeprägt wurde. Demnach hatte offensichtlich der christliche Tempel monumental,
erhaben und von weitem sichtbar zu erscheinen. Gerade diese zentrale Position der Kirch-
gebäude zeigt, dass die beschriebenen Siedlungsmuster wirkliche Neubildungen waren,
von Anfang an den veränderten Vorstellungen jener Zeit entsprachen und sich nicht we-
gen etwa schon bestehender Objekte oder aus anderen Gründen mit einer Lage an der
Peripherie der Siedlungen zufrieden geben mussten. Die klassische Antike war trotz aller
Restaurationsversuche für immer vorbei. Durch die oben beschriebene neue Art der Be-
festigungsbauweise ließen sich die massenhaft erfolgenden Bauaktionen in der Summe
mit bedeutend geringeren Aufwendungen als früher realisieren. Andererseits waren diese
Befestigungen häufig nicht sehr massiv und solide gebaut und daher nicht mit jenen an
der Limeslinie oder denen der großen Zentren im Süden wie z.B. Caričin Grad, Zlata
oder Vodno in Südserbien und Mazedonien vergleichbar. Man gewinnt mancherorts we-
gen der oft geringen Mauerbreite den Eindruck, dass die Anlagen nur angesichts einer
sporadischen Bedrohungssituation durch Barbaren erbaut wurden und nicht für länger
andauernde Belagerungen gedacht waren.44 Dies scheint im Einklang mit der Tatsache
zu stehen, dass die Barbarenheere allein schon wegen logistischer Probleme oft keine

41 Živić 2003, 45.


42 Mikulčić 2002,157, Abb. 45.
43 Skarić 1932, Abb. 4.
44 Vgl. Wozniak 1982, 200.
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Abb. 9. Đerekare. Grundrissskizze, Profil, Keramik und topographische Lage


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Abb. 10. Bregovina. Grundrissskizze

langen Belagerungen durchführen konnten. Auch dürfte das Reich nicht im Mindesten
über die nötige Zahl von Soldaten verfügt haben, um die nach Hunderten, wenn nicht
Tausenden zählenden Befestigungen auf dem Balkan effektiv zu besetzen (Abb. 6). Einen
der entscheidenden Hinweise auf den ländlichen Charakter dieser Anlagen liefert aber
das Kleinfundrepertoire, welches unter anderem Werkzeuge und Geräte für die Landwirt-
schaft, Viehzucht und für die Verrichtung bestimmter handwerklicher Tätigkeiten, vor
allem für die Bearbeitung von Holz, enthält.45 Viehglocken, Sicheln, Hacken und anderes
Kleingerät, das für die Bewirtschaftung von Kleinparzellen im Bergland geeignet war,
sprechen von der wirtschaftlichen Tätigkeit derjenigen, die intra muros lebten (Abb. 13,
Abb. 14). Die wenigen anthropologischen Untersuchungen wie diejenigen, die von Ž.
Mikić (Philosophische Fakultät der Universität Belgrad) auf der Jelica in Zentralwestser-
bien durchgeführt wurden, sprechen bei einem Anteil von ca. 37,23 % Kinder- und
Frauengräbern46 deutlich gegen eine Interpretation als Militärstützpunkt wie auch ge-
gen die Annahme, es handle sich um Refugien, die nur vorübergehend besiedelt waren.
Dies erscheint auch aus anderen Gründen wenig wahrscheinlich, da durch Grabungen

45 Vgl. Popović 1995, 69.


46 Milinković 1995, 246.
Stadt oder „Stadt“ 175

Abb. 11. Jelica-Gradina. Grundriss

an verschiedenen Fundstellen Überreste von Gebäuden und Kirchen47 wie auch Hausin-
ventar zum Vorschein gekommen sind, was wohl mit einer Funktion als reines Refugium
nicht in Einklang stehen dürfte. Zwar scheint die Ausbildung solcher Siedlungsschich-
ten prinzipiell auch durch eine nur zeitweise Benutzung der Anlagen möglich, allerdings
wahrscheinlich nicht in der Konzentration, wie sie durch die Grabungen deutlich wurde.
Es bleibt eigentlich kaum eine andere Möglichkeit, als die befestigten Anlagen als mehr
oder weniger ständig bewohnte Dörfer zu deuten. Nach Prokop wurde auch Taurision,
das Dorf in welchem Iustinian I geboren wurde, nachträglich befestigt.48 Auch wenn Pro-
kop diesen Befestigungsbau mit dem besonderen Charakter des Platzes als Geburtsort des
Kaisers in Verbindung bringt, ist kaum anzunehmen, dass sich die Gründe für den Bau der
Befestigung sonderlich von denen unterschieden, die das neue ländliche Siedlungsbild

47 So z.B. in der Höhenanlage (1055m ü.M.) Zlatni Kamen bei Novi Pazar in Südwest-Serbien,
vgl. Ivanišević 1990, 7-17, Abb. 1-4, oder in der Anlage in Babotinac in Südserbien, wo
zwei Kirchen entdeckt wurden, vgl. Kuzmanović-Cvetković 1986, 213-218. In diesen wie in
noch einigen anderen Fällen sind die Kirchen kleiner und weniger sorgfältig gebaut, waren
aber, wie das Beispiel von Zlatni Kamen aufzeigt, mit Kirchmobiliar ausgestattet.
48 Prokop, 172-175.