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Das Ende

aller Suche

Erläuterungen

Hermann R. Lehner
Inhalt
Die Suche nach der Realität .............................................................................. 3
Der natürliche Irrtum ........................................................................................ 5
Der Weg zurück................................................................................................. 10
Die Auflösung der „Ich“-Vorstellung............................................................. 12
„Ich“ und „die anderen“................................................................................... 13
Die Idee der ‚Person‘..........................................................................................16
Wahrnehmung....................................................................................................17
Träumereien....................................................................................................... 19
Die ‚Quelle‘......................................................................................................... 20
„Ich bin“.............................................................................................................. 25
Der Knall............................................................................................................. 27
Das Ende der Suche........................................................................................... 27
Eine endlose Reise............................................................................................. 29
Verschmelzung.................................................................................................. 30

Hermann R. Lehner
Das Ende aller Suche
Worte ersetzen nur den Glauben in dich selbst!

Der Inhalt dieses Buches besteht aus einhundertsiebenund-


vierzig Worten. Fast schon zu viele.
Denn am Ende deiner Suche erreichst du etwas, das jenseits
aller Worte ist.
Was bleibt, ist das Leben, das einfach nur gelebt werden
will!

mit 15 Digital-Tuschegrafiken • DIN A6 • 32 Seiten

Kostenlose Online-Ausgabe • © 2009, 2012 by Hermann R. Lehner • Alle Rechte


vorbehalten • Design, Illustrationen und Satz: www.arasatz.de
Hermann R. Lehner • Ruckerting 7 • D-83112 Frasdorf • www.nisarga.de
Die Suche nach der Realität
Egal, ob die vielen suchenden Menschen von einem Schlüssel
für ein sorgenfreies Leben träumen, sich die Erlösung von den
‚gefühlten‘ Fesseln des täglichen Daseins wünschen oder die
von Weisen oder Heiligen angepriesene Erlösung anstreben,
suchen sie dennoch im Kern – wenn auch meist unwissend –
das Gleiche: Die Befreiung von den Fesseln der persönlichen
„Ich“-Vorstellung. Doch kein Paradox könnte größer sein,
denn das „Ich“ sucht damit im Grunde die Befreiung von
sich selbst!
Die Befreiung von sich selbst ist jedoch ein Ding der Unmög-
lichkeit. Wenn sie dennoch geschieht, dann trotz aller Anstren-
gungen des „Ichs“, diese Befreiung zu verhindern.*
Was aber bleibt, wenn man von der Vorstellung eines persönli-
chen „Ichs“ befreit ist? Es bleibt das, was als die höchste Realität
– die ‚Quelle‘ aller Existenz – bezeichnet werden kann. Doch
diese ‚Quelle‘ bleibt unerkannt, sie kann noch nicht einmal
beschrieben oder erklärt werden. Sie ist das Unverrückbare,
das Unveränderliche und das Zeitlose. Sie ist nicht die Wahr-
nehmung, doch sie ermöglicht die Wahrnehmung. Sie ist
nicht das Bewusstsein, doch sie ermöglicht das Erscheinen des
Bewusstseins. Sie ist nicht das Leben, doch sie haucht allem
Leben ein. Sie ist das, was du in Wahrheit bist – auf immer
unerkannt, unbegreifbar und unveränderlich.
*  Bei der in der einschlägigen Literatur oft genannten „Egoauflösung“ handelt es sich nicht –
wie meist fälschlicherweise verstanden – um eine tatsächliche Auflösung eines „Ichs“ oder
um die Auflösung von Ich-bezogenen Verhaltensmustern, sondern vielmehr um die
Vernichtung einer falschen Vorstellung bezüglich des „Ichs“.

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Von der „Ich“-Vorstellung befreit und sich als diese ‚Quelle‘
gewahr zu werden, sowie mit dem Leben aus dieser neuen
Perspektive umgehen zu können, ist das endgültige Ziel jeder
Suche.
Die Unmöglichkeit, diese ‚Quelle‘ – deine wahre Natur also
– und ihr Wesen in Worten auszudrücken, führte und führt
zwangsläufig in Abertausende von Beschreibungen, von denen
nicht eine einzige genau oder richtig sein kann. Bestenfalls
war und ist man in der Lage, die ‚Quelle‘ und ihr Wesen zu
umschreiben und in ihre Richtung zu deuten. Wer immer die
verwendeten Worte und Sätze wörtlich nimmt, aber ihren
tieferen, wortlosen Sinn dahinter nicht erfasst, der irrt und
wird weiter und weiter suchen.
In Das Ende aller Suche habe ich versucht, die ‚Quelle‘ und das,
was aus ihr strömt – das Bewusstsein, das Leben an sich – in
so wenigen Worten wie möglich zu umschreiben. Der nach-
folgende Text versucht, den tieferen Sinn hinter diesen Worten
deutlich zu machen, obwohl ich mir sehr wohl bewusst bin,
dass auch diese Worte nur Hinweise sein können. Hindeutun-
gen, die dir, dem Leser, so hoffe ich, mehr Klarheit über dein
wahres Sein ermöglichen und deine Suche hoffentlich bald zu
einem glücklichen Ende bringen.

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Der natürliche Irrtum
Hast du dich – als ‚Person‘ – jemals selbst gesehen? Vielleicht
wirst du jetzt sagen: „Ja, immer wenn ich in den Spiegel
schaue!“ Doch das ist nicht wahr, denn im Spiegel kannst du
immer nur dein Spiegelbild sehen. Genau genommen hast du
überhaupt keine Ahnung, wie du wirklich aussiehst, lediglich
der Blick in den Spiegel lässt ungefähre Rückschlüsse zu. Du
würdest dich sicherlich ganz anders sehen als du dich jetzt
siehst, wären alle Spiegel der Welt stark gekrümmt.
Ebensowenig, wie du dein Aussehen als ‚Person‘ tatsächlich
kennst, kennst du dich als ‚Quelle‘ des Bewusstseins. Hättest
du als diese ‚Quelle‘ wenigstens einen Spiegel, in dem du dich
betrachten könntest, so würdest du zumindest anhand dieses
Spiegelbildes Rückschlüsse über dich ziehen können.
Die gute Nachricht vorweg: Dieser Spiegel existiert nicht nur,
du starrst sogar den ganzen Tag ununterbrochen hinein!
Doch warum bist du dir bislang nicht als diese ‚Quelle‘ gewahr
geworden? Und wieso blieb dir der Spiegel, in dem du dich als
das, was du bist, erkennen könntest, bislang verborgen? Viel-
leicht sind sogar die Schwierigkeiten und Unwegsamkeiten,
denen du im Leben gegenübergestanden bist oder denen du
vielleicht gerade gegenüberstehst, eine Folge dieser Unkennt-
nis? Doch lass uns von Anfang an beginnen.
Dir, in deinem ewigen, ungeteilten und unbewegten Urzustand
als ‚Quelle‘, deiner selbst völlig unbewusst wie im Tiefschlaf,
erscheint in einem einzigen Augenblick das Bewusstsein in
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seiner reinsten Form. Das ist der Beginn der Wahrnehmung
und damit das Erscheinen des ‚nackten‘ Spiegels. Alles, was
du in diesem Moment wissen kannst, ist: „Es gibt mich! Ich
existiere!“ Doch noch ist dieses ‚Wissen‘ kein Gedanke, son-
dern eine unmittelbare Wahrnehmung. Wer oder was du bist,
darüber besteht in diesem Moment noch keinerlei Kenntnis.
Dennoch erwachsen aus dieser ersten unmittelbaren Wahr-
nehmung – in Worten ausgedrückt „Ich bin“ – sich ständig
weiter verzweigende Gedanken. Solange dir dieses Bewusst-
sein erscheint, generieren, vermehren und verzweigen sie
sich immer weiter und verändern sich ständig. Was wir als
Bewusstsein bezeichnen, ist letztlich die Gesamtheit der Be-
wegungen im Spiegel.
Es lässt sich auch anders ausdrücken: Du bist die ‚Quelle‘ und
Bewusstsein ist das, was aus dir strömt und dabei als dein
Spiegelbild erscheint. Doch vergiss dabei nicht, dass auch diese
Beschreibung nur eine Annäherung sein kann.
Dieses sich ständig weiterspinnende Geflecht an Gedanken
wächst schnell zu einem komplexen Gebilde heran. Die
Projektion dieser Gedanken ist das, was wir als Welt kennen.
Sowohl die Gedanken, als auch ihre Projektion sind das, was
die ‚Quelle‘ wahrnimmt.
Das Bewusstsein lässt sich vielleicht mit einer leeren, unsicht-
baren Hülle vergleichen, die erst dann sichtbar wird, wenn sie
gefüllt wird. Genauer gesagt, wird die Hülle selbst niemals
sichtbar, wohl aber ihr Inhalt. Und der Inhalt des Bewusst-

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seins, also alles, was wahrgenommen wird, kann als Verstand
bezeichnet werden.
Zum besseren Verständnis: Aus der Sicht der ‚Quelle‘ ist alles
Wahrgenommene – und nur Bewegung kann wahrgenommen
werden – der Verstand. Die Gesamtheit des Wahrgenom-
menen könnte man als Bewusstsein bezeichnen. Hört jede
Bewegung auf – wie beispielsweise im Tiefschlaf – so ruht
das Bewusstsein, da es keine gedankliche Bewegung gibt. Der
Verstand existiert damit zeitweise nicht mehr. Nur die leere,
nicht wahrnehmbare Hülle bleibt zurück. *
Nun wäre es ein Leichtes, würde die ‚Quelle‘ eigene Sinnesor-
gane haben. Dann würde sie wie von außen auf den Spiegel
schauen und aufgrund des Spiegelbildes die entsprechenden
Rückschlüsse über sich ziehen können. Doch dem ist nicht
so.
Damit der ‚Quelle‘ das Bewusstsein – der Spiegel also – er-
scheinen kann – man könnte alternativ auch sagen, damit sie
sich bewusst werden kann –, wird ein Instrument der Wahr-
nehmung benötigt. Und dieses Instrument ist der physische
Körper.
Du hast also nur eine Möglichkeit, dich als ‚Quelle‘ zu er-
kennen: Durch Rückschlüsse aufgrund deines Spiegelbildes!
Doch du schaust nicht als externe ‚Quelle‘ auf das ganze Bild,
*  Etymologisch betrachtet kommt das Wort ‚Verstand‘ von ‚verstehen‘ und bedeutete in seiner
ältesten bekannten Form (firstantan, althochdeutsch, 8. Jh.): wahrnehmen, geistig auffassen,
erkennen.
Alternativ zu meinen Beschreibungen hier könnte man es auch so darstellen, dass es einen
Verstand – einen ‚Denkapparat‘ – gibt und die von ihm projizierten Bilder werden als Welt
wahrgenommen. Beide müssten dann – als eine Einheit – als der Inhalt des Bewusstseins
und die Quelle als die unveränderliche Basis für alles Wahrgenomme aufgefasst werden.

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sondern du nimmst durch den Körper, der selbst nur ein Teil
des Bildes ist, den Rest des Bildes wahr. Der Körper dient dabei
gewissermaßen als deine sensorische ‚Antenne‘.
Und so ist es ganz natürlich, dass du dich für den Körper hältst
und glaubst, dass du nur dieser eine Körper bist. Vielleicht hast
du auch die Idee, dass du gar nicht der Körper bist, sondern
eine Seele, ein Geistwesen also, das einen Körper besitzt.
Doch das würde keinen Unterschied machen, denn auch dann
nimmst du nur mit Hilfe dieses einen Körpers wahr.
Mit diesem „kleinen“ Irrtum beginnt die ganze (menschliche)
Tragödie. Denn durch die Unmöglichkeit, dich als ‚Quelle‘ zu
‚sehen‘ und somit dein wahres Sein zu erfassen, glaubst du,
ein einzelner Körper mit einem eigenen denkenden Geist –
Mensch genannt – in dieser Welt zu sein. Und zwangsläufig
musst du annehmen, dass die anderen Wesen (Menschen,
Tiere usw.) ebenfalls eigenständige Wesen sind, die genau wie
du selbst denken, selbst handeln und selbst fühlen. So sieht es
ja auch sehr überzeugend aus.
Als kleines Kind hast du die Welt nur beobachtet – ohne
„Ich“-Bezug. Obwohl du ausschließlich durch diesen kleinen
Körper wahrnehmen konntest, hast du ihn nur als Instrument
der Wahrnehmung empfunden. Du hast sicherlich noch nicht
einmal darüber nachgedacht. Du magst wahrgenommen
haben, wie er weinte, wie er sich freute und wie er auf die
Umwelt reagierte. Doch mit der Zeit erkanntest du auf ganz
natürliche Weise den Unterschied zwischen dir (als Körper)
und den anderen Körpern. Seitdem sich diese Trennung im

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Denken etabliert hat und zur Gewohnheit wurde, dachtest
und denkst du in Kategorien von „Ich“ und „die anderen“ und
bist dir seitdem sicher, dass mit „Ich“ nicht nur dieses Körper-
Geist-Konstrukt – eine Person also – gemeint ist, sondern dass
du dieses auch ausschließlich bist!
Durch diese irrtümliche Vorstellung bist du als natürliche Folge
zwangsläufig auch auf die Idee gekommen, dass du deinem
eigenen Willen entsprechend handelst, denkst und fühlst und
dass die anderen Körper-Geist-Konstrukte ebenfalls nach ih-
rem eigenen Willen handeln, denken und fühlen. Damit sind
in deiner Vorstellung aus den Figuren in deinem Spiegelbild
eigenständige ‚Personen‘ geworden.
Wie also siehst du nun die Welt? Es ist klar: Als vermeintliche
‚Person‘ bewegst du dich in einer großen und unüberschau-
baren Welt, die du niemals beherrschen kannst, bist vor un-
liebsamen Überraschungen nie sicher und glaubst, für dein
Handeln mehr oder weniger auch verantwortlich zu sein. Und
so, wie du dich selbst siehst, so siehst du auch die anderen:
selbst entscheidend, selbst handelnd, selbst denkend und
selbst verantwortlich. Du glaubst selbstverständlich auch, du
hättest einen eigenen Verstand, ebenso wie alle anderen einen
haben. Die Weise, wie du bislang dich und deine Umwelt
kennst, erscheint dir wie eine unumstößliche Lebenswahrheit:
manchmal tragisch, manchmal komödiantenhaft, oft leidvoll
und gelegentlich auch freudig.

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Der Weg zurück
Kann es überhaupt einen Weg zurück zur ‚Quelle‘ geben, wenn
du doch niemals etwas anders als diese ‚Quelle‘ warst? Die
Antwort ist eindeutig: Nein, es gibt keinen Weg, denn jeder
(vermeintliche) Weg hält dich nur im Irrgarten der falschen
Vorstellungen weiter gefangen. Alles, was nötig ist, ist diese eine
falsche Vorstellung zu korrigieren! Zugegeben, die Idee, eine
‚Person‘ unter anderen ‚Personen‘ zu sein, sitzt verdammt tief
in dir und es ist kein Kinderspiel, sie abzuschütteln.
Ich bin sicher, dass du das bisher Gelesene gerne glauben
möchtest. Vielleicht hat sich beim Lesen bis hierher sogar
ein intuitives Gefühl entwickelt, das dir sagt, dass dies die
Wahrheit sein könnte. Doch wie wolltest du sie dir selbst
beweisen?
Ich erinnere mich hierzu an die Worte von Sri Nisargadatta
Maharaj:
„Mein Guru sagte mir: ‚Vertrauen Sie mir. Ich sage Ihnen, Sie sind göttlich.
Nehmen Sie es an als die absolute Wahrheit. Ihre Freude, auch Ihr Leiden ist göttlich.
Alles kommt von Gott. Erinnern Sie sich immer daran. Sie sind Gott. Nur Ihr Wille
wird geschehen.‘ Ich glaubte ihm, und sehr bald realisierte ich, wie absolut
wahr und korrekt seine Worte waren.“  *
Wenn du dir vorstellst, dass du diese ‚Quelle‘ tatsächlich bist,
bislang es aber aus den beschriebenen Gründen nicht ‚sehen‘
konntest, was sollte dich bewegen, es jetzt plötzlich anders ‚se-
hen‘ zu wollen oder zu können? Selbst ein beherzter Versuch,

*  aus „Ich bin“; das Wort ‚Gott‘ ist als Synonym für die ‚Quelle‘ oder ‚höchste Realität‘ aufzufassen.

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dir einfach vorzustellen, es wäre tatsächlich so herum, würde
wahrscheinlich nicht viel helfen. Schließlich würde sich im
Außen nicht viel ändern, denn was du suchst – deine wahre
Natur – das bist du schon und warst es schon immer. Auch
wenn du dir deinen möglichen Irrtum probeweise eingestehst,
würde sich die Welt um dich herum nicht schlagartig ändern.
Es wäre daher wahrscheinlicher, dass du schnell zu den alten,
vertrauten Vorstellungen zurückkehren würdest.
Wenn dir nicht eine blitzartige und unerwartete Einsicht –
etwas, das nur sehr selten vorkommt – widerfährt, so kann
das bedingslose Vertrauen in die Worte des Gurus helfen und
das Handeln gemäß dieser Worte, so gut du es eben in jedem
Moment kannst. Diese beiden Punkte hat Sri Nisargadatta
Maharaj so beschrieben:
“Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass er mir eine Lüge erzählt hatte. Ich
war davon überzeugt, entweder die volle Bedeutung seiner Worte zu verwirklichen
oder zu sterben. Ich war fest entschlossen, wusste aber nicht, was ich tun sollte.
Viele Stunden verbrachte ich in der Erinnerung an ihn und an sein Versprechen.
Ich habe nicht dagegen argumentiert, sondern mich nur an das erinnert,
was er mir gesagt hatte.”  *  

“… Bevor mein Guru starb, sagte er zu mir: „Glaube mir, Du bist die Höchste
Realität. Zweifle meine Worte nicht an, misstraue mir nicht. Ich sage Dir die
Wahrheit – handele dementsprechend. … Ich konnte seine Worte nicht vergessen,
und weil ich sie nicht vergaß, bin ich verwirklicht. … Er sagte mir nur, dass ich das
Höchste sei, und dann starb er. Ich konnte nicht anders, als seinen Worten zu
glauben. Alles andere geschah von ganz alleine. Ich stellte fest, wie ich
mich veränderte – das ist alles. “  *

*  aus „Ich bin“

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Die Auflösung der „Ich“-Vorstellung
Sicherlich wirst du jetzt fragen, wie man ein solch hohes
Maß an Vertrauen erlangen kann und wie man eine derartige
Gewissheit und Zuversicht gewinnt, um sich quasi ‚blind‘ auf
ein solches Versprechen einlassen zu können. Und wie der
Umschwung in dir erfolgen kann, der hierfür nötig ist.
Es wäre durchaus denkbar, dass alleine das Versprechen,
dass du die ‚Quelle‘ (die höchste ‚Realität‘) bist und dass ‚nur
dein Wille geschieht‘, schon ausreichend sein könnte, deine
Motivation für die Selbst-Verwirklichung beträchtlich zu er-
höhen. Doch ich befürchte, du würdest bald aufgeben, wenn
sich brauchbare Ergebnisse nicht schnell genug einstellen. Es
ist meist ein über Jahre anhaltendes Geduldsspiel, das einen
äußerst hart auf die Probe stellt, bevor ein ‚Durchbruch‘ ge-
lingen kann.
Du erahnst inzwischen sicherlich, dass sich deine Vorstellung
von dir und der Welt um 180° drehen muss. Das bedeutet,
dass sich deine bislang gültige Vorstellung, eine ‚Person‘ – ein
persönliches „Ich“ – zu sein, restlos auflösen muss.
Doch nicht nur das! Zwangsläufig muss sich auch die Vorstel-
lung auflösen, dass die anderen ebenfalls ‚Personen‘ sind. Denn
du und sie alle sind nichts anderes als ein Teil des Bildes im
Spiegel der ‚Quelle‘. Der ‚Quelle‘, die du bist!
Dennoch wirst du weiterhin über den Körper wahrnehmen
und fühlen und wie bisher dich und die anderen als getrennte
Wesen wahrnehmen. Jede Sekunde deines Lebens scheinen die
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Umstände den wahren Tatsachen entgegenzustehen. Deine
Zweifel an dem Gesagten werden enorm an dir nagen.

„Ich“ und „die anderen“


Lass uns deshalb erst einmal dieses Körper-Geist-Konstrukt
– den Menschen – unter die Lupe nehmen.
Ein Mensch wird, solange er lebt, vom Bewusstsein beseelt.
Man könnte auch sagen, er wird mit Lebensenergie durchflu-
tet. In seinem Gehirn findet eine ständige Neuronentätigkeit
statt – neuronale Netzwerke werden angelegt, vergrößert,
verkleinert, verändert usw. Eine Art von Neurone, die so-
genannten Handlungsneurone, werden als Gedanken wahr-
genommen. Stoßen diese eine andere Art von Neurone, die
Bewegungsneurone, an, so verursachen letztere die Bewegung
von Muskeln, Nerven usw. Es finden also Aktivitäten im und
mit dem Körper statt.
Jede Veränderung der Wahrnehmung – mögen die Verände-
rungen dabei noch so klein und unmerklich sein, wie beispiels-
weise die Reduzierung der Raumhelligkeit um ein paar Lux –,
erzeugt eine Veränderung der Aktivität im Gehirn und damit
des Verhaltens eines Menschen. Die erlebten Erfahrungen
werden als Erinnerungen gespeichert und beeinflussen bei
jeder Handlung – also bei jeder neuronalen Gehirntätigkeit
– das Ergebnis der nächsten Handlung. Die über die Sinnes-
organe aufgenommenen und im Gehirn weiterverarbeiteten
Informationen beeinflussen auch das Verhalten der Gene und
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das Reaktionsverhalten eines Menschen. Der Charakter hängt
damit neben erblich bedingten Faktoren im Wesentlichen vom
Erlebten ab – ganz besonders von den frühen Erfahrungen
während der Kindheits- und Erziehungsphase. Davon abhän-
gig sind auch alle Entscheidungen, die dieses Gehirn trifft.
Als Beispiel für den massiven Einfluss des Erlebten auf die
Entscheidungen und das Verhalten eines Menschen sei ein
Mädchen genannt, das vor einiger Zeit ein verdorbenes Gericht
gegessen hatte. Seitdem ist sie nicht mehr bereit, sich für diese
Speise zu entscheiden, obwohl sie genau weiß, dass das ein
seltener Ausnahmefall war.
Treffen Menschen zusammen, so reagieren sie entsprechend
den momentanen Umständen und ihren Erfahrungs- und
Erziehungsmustern vollkommen automatisch aufeinander,
obwohl es ihnen immer anders vorkommen mag. Dieses
Reagieren, das nichts anderes als feinste bis heftigste körper-
liche Bewegung ist, erleben wir als Emotion. Ohne Körperbe-
wusstsein würde es keine Emotionen geben; ein Bewusstloser
beispielsweise erfährt für gewöhnlich seine Umgebung nicht
und drückt damit auch keine Emotionen aus.
Doch das ist nicht alles. Was in der Neurologie und Psychologie
schon lange beobachtet wurde, ist durch die neuesten For-
schungen der Neurobiologie nicht nur bestätigt, sondern bis
ins Detail nachgewiesen worden: Wir kopieren voneinander
nicht nur ‚wie blöd‘, wir sind die reinsten Kopiermaschinen!
Dieses Kopieren geschieht in hohem Maße an unserem be-
wussten Erleben vorbei. Wir übernehmen sogar unfreiwillig
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Dinge, wenn wir sie bei anderen nur sehen. Schlimmer noch,
es reicht in vielen Fällen schon, dass man uns von den Hand-
lungen anderer erzählt! Bis ins Alter von etwa drei Jahren
kopieren wir sogar ohne jegliche Schutzbarriere gegen dieses
Verhalten unserer Spiegelneurone.*
Und dieser kopierte Misch-Masch, das sind dann wir. Das
ist unser Charakter, den wir auch noch regelrecht als unser
‚Eigentum‘ verteidigen!
Auch wenn wir in jedem Moment zu vielfältigen Entscheidun-
gen fähig sind, sind diese Entscheidungen niemals wirklich
„frei“, sondern immer vom Erlebten abhängig. „Ich“ und „die
anderen“ sind nicht viel anderes als „biogenetische Roboter“
– Marionetten der Neurone und Gene, und Spielbälle der
‚anderen‘!
Was ich hier aus Sicht der modernen Wissenschaft beschrieben
habe, deckt sich im Übrigen in hohem Maße mit den Beschrei-
bungen des indischen Yoga-Systems, das von Patanjali um das
4. Jh. v. Chr. in Form von Sutras neu formuliert wurde (das
Raja-Yoga, auch das psychologische Yoga genannt).
Arthur Schopenhauer, der meines Wissens als erster die Upani-
schaden – die alte indische Geheimlehre des Veda – übersetzt
hat, drückte das Ganze so aus:

„Der Mensch kann zwar tun, was er will.


Er kann aber nicht wollen, was er will.“ **

*  Wer sich näher dafür interessiert, dem empfehle ich, sich mit den neuesten Forschungen der
Neurobiologie vertraut zu machen, insbesondere mit der Entdeckung des Spiegelneuronesystems.
**  aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“

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Die Idee der ‚Person‘
Der handelnde Mensch ist im Grunde also nichts anderes
als ein „biogenetischer Roboter“, der auf seine Umwelt nur
reagiert. Mit einem vermeintlich eigenen Willen ausgestattet,
in letzter Konsequenz aber dann doch ‚willenlos‘, wird er von
der Umwelt und seinen Erinnerungen in jeder Sekunde durchs
Leben getrieben.
„Warum reden Sie von Taten? Tun Sie jemals etwas? Eine unbekannte Kraft agiert,
und Sie glauben, dass Sie agieren. Sie beobachten nur, was passiert, ohne
die Möglichkeit, es in irgendeiner Weise zu beeinflussen.“
[Sri Nisargadatta Maharaj] *
Wird diese Tatsache – die schon vor Jahrzehnten im Ansatz
neurologisch bewiesen wurde und heute durch die neuen bild-
gebenden Verfahren (funktionelle Kernspintomographie und
Positronen-Emissions-Tomographie) auch neurobiologisch
nachgewiesen und belegt wurde – voll und ganz durchschaut,
so endet mit dieser Erkenntnis, wenn sie in einer Art ‚direkten
Sehens‘ oder ‚direkten Erkennens‘ erfolgt, die Vorstellung,
man wäre ein persönliches „Ich“ – eine ‚Person‘. Zeitgleich,
etwas früher oder etwas später wird zusätzlich erkannt, das
alle anderen ebenfalls keine persönlichen „Ichs“ sein können
und es auch nicht sind. Man erkennt also, dass diese „biogene-
tischen Roboter“ – wir Menschen also, aber auch Tiere – zwar
durch ihren programmierten und anerzogenen Charakter eine
individuelle Persönlichkeit darstellen, d. h. entsprechend dem
Erlernten reagieren, aber niemals eine freie Entscheidung
*  aus „Ich bin“

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für ihr Handeln treffen können.* Das geht sogar noch weiter:
Letztendlich reagiert alles auf alles, Pflanzen und Materie mit
eingeschlossen.

Wahrnehmung
Wenn also durch eine Art ‚direkten Sehens‘, d. h. durch ein
absolut zweifelsfreies, intuitives Erkennen – über das Denken
hinaus –, erkannt worden ist, dass es innerhalb des Bewusst-
seins keine ‚Personen‘ – keine selbst bestimmenden Wesen also
– gibt, sondern wir alle nur empfindungsfähige ‚Figuren‘ sind,
lebendig zwar, uns aber doch nur gegenseitig und fortlaufend
‚ansteckend‘, dann erhebt sich zwangsläufig die Frage, wer
denn das alles wahrnimmt? Folgerichtig wirst du jetzt wohl
antworten: „Na … Ich!“
Ja, du nimmst es wahr. Und du wirst die Welt wie bisher auch
weiter über diesen einen Körper wahrnehmen. Doch wer bist
du? Sicherlich nicht nur ein „biogenetischer Roboter“.
Bislang glaubtest du, du wärst eine ‚Person‘: ein selbst bestim-
mendes, selbst denkendes und selbst handelndes Einzelwesen
in einer großen Welt. Doch nun weißt du, dass weder du, noch
irgendjemand sonst eine ‚Person‘ ist.
Hier begegnen wir nun dem großen Paradox der Suche: So-
lange du darüber nachdenkst, bleibt dir nichts anderes übrig,

*  Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fand man heraus, dass zuerst die durch
Sinnesreize erzeugte Handlung erfolgt, und bevor einige Millisekunden später dann die Idee
des persönlich Handelnden im Geist auftaucht.

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als zu glauben, dass es sowohl einen Wahrnehmenden geben
muss, als auch etwas Wahrgenommenes. Doch das ist nicht
der Fall.
Wenn du nämlich versuchst herauszufinden, wer denn das
alles hier wahrnimmt, so wirst du niemanden finden. Eines
Tages wird dein Denken darüber plötzlich zum Erliegen kom-
men und in diesem Augenblick ‚erfährst‘ du dich – wieder in
einer Art ‚direkten Sehens‘ – als die ‚höchste Realität‘, als die
‚Quelle‘. Sie drückt sich in absoluter Stille aus, ein momentaner
Zustand, in dem es keine Zeit und keinen Raum mehr gibt,
keine Gedanken und kein Zweifeln mehr. Alles, was bleibt, ist
die reine Wahrnehmung.
„In Wirklichkeit gibt es nur Wahrnehmung. Der Wahrnehmende und das
Wahrgenommene sind nur ein Konzept, die Tatsache der
Wahrnehmung ist wirklich.“
[Sri Nisargadatta Maharaj] *
Bitte versuch erst gar nicht, dieses Paradox mit dem Denken
begreifen zu wollen. Das ist unmöglich. Doch wenn dir diese
Erkenntnis widerfährt, so erinnere dich daran. So mancher
ist schon in Panik geraten und hat danach Todesängste aus-
gestanden, denn für das bald wieder einsetzende Denken ist
ein Zustand, in dem es ‚nichts mehr gibt‘ und keine Erklärung
dafür zu finden ist, die reinste Horrorvorstellung. Durch vor-
heriges Wissen um dieses Zustand jedoch entsteht eine solche
Panik erst gar nicht – es entsteht lediglich eine ‚verzückte‘
Verwunderung darüber, dass man es nicht schon viel früher

*  aus „Ich bin“

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bemerkt hat, dass es für das Leben niemanden (persönlich)
braucht und niemanden (persönlich) geben muss. Da ist das
Leben, da ist das Bewusstsein, da ist ein Körper, der als sen-
sorische Antenne fungiert, und dennoch ist niemand da (kein
‚Jemand‘ also), der dies alles wahrnimmt.

Träumereien
Vielleicht erscheint dir das bislang Geschriebene als zu phan-
tastisch, als dass du es glauben oder als mögliche Wahrheit
annehmen könntest. Lass mich deshalb zum besseren Ver-
ständnis einen kleinen Abstecher in das Land deiner Träume
unternehmen.
Wenn du dich in einem Traum befindest, so erscheint dir
während des Träumens der Traum als real. Du scheinst eine
der Traumfiguren zu sein und glaubst dich als ein separates
Wesen, genau wie tagsüber. Ebenso erscheinen dir die anderen
Traumfiguren als eigenständige, von dir getrennte Wesen.
Doch nach dem Aufwachen war alles nur ein Traum – eine
Illusion. Niemand in deinem Traum ist zu Schaden gekommen,
niemand ist wirklich gestorben und niemand hat wirklich ge-
litten. Es gab keine anderen Wesen, es gab auch dich nicht als
Wesen – es gab also keine Traum-‘Personen‘. Der ganze Traum
war nur ein Gedankengebilde, dass dir, dem Träumer – der
Traum-‘Quelle‘ sozusagen – erschienen ist. Und obwohl das
Ganze nur eine Erscheinung war, warst du doch gezwungen,
während des Träumens den Traum als real wahrzunehmen.
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So wie du im Traum an der Nase herumgeführt worden bist, so
wirst du auch jetzt an der Nase herumgeführt. Deshalb spricht
man auch oft vom Erwachen aus diesem Lebenstraum. Doch
anders als beim nächtlichen Traum endet dieser beim Erwa-
chen nicht. Man könnte fast sagen: Der Traum geht weiter,
doch der Träumer – die ‚Quelle‘ – träumt von nun an luzide.

Die ‚Quelle‘
Sobald die Idee, eine ‚Person‘ zu sein, restlos vernichtet wurde,
kann man sich als ‚Quelle‘ gewahr werden. Für das Denken
bleibt sie dennoch unentdeckt und unerkannt. Lediglich eine
nicht fassbare und nicht erklärbare Leere wird den gedankli-
chen Raum füllen – Stille in ihrer ‚reinsten‘ Form.
Im Grunde wäre es auch jetzt schon möglich, sich als ‚Quelle‘
gewahr zu werden, doch das ständige ‚Ich-bin-eine-Person‘-
Denken und die Abermillionen Gedanken, die an dieser
Vorstellung kleben, verhindern dies.
Die Zusammenhänge sind ansatzweise leicht zu erklären: Die
‚Quelle‘ denkt nicht, denn sie ‚weiß‘ unmittelbar, dass alles,
was sie wahrnimmt – wenn du dich erinnerst: das ist alles,
was existiert – ein selbstablaufender, sich ständig weiter ge-
nerierender Prozess ist und dass sie deshalb nicht ‚eingreifen‘
muss. Sie ist wie ein stiller Beobachter, der das Schauspiel vor
seinen Augen einfach genießt.
Stille ist das, was man über das Wesen der ‚Quelle‘ sagen kann.
Denken jedoch findet im Verstand statt – innerhalb des Be-
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wusstseins also – und damit im Spiegelbild. Solange du aber
nur einen Gedanken von „Ich …“ (und „die anderen …“)
hast und dabei die Körper-Geist-Konstrukte meinst, machst
du – die ‚Quelle‘ also – nichts anderes, als dich von deinem
‚Quellen‘-Gewahrsein zu entfernen und als getrenntes Wesen
in deinem Spiegelbild aufzufassen.*
Und hier liegt der Hase im Pfeffer! Wenn du für dich, über
dich, für andere oder über andere denkst, willst du etwas.
Und etwas wollen kann nur bedeuten, dass etwas anders sein
soll, als es ist. Doch alles was wahrgenommen wird, ist als
Gesamtbild das Spiegelbild deiner selbst – d. h., du gefällst dir
also nicht, so wie du bist!
Wenn du beispielsweise vor dem Spiegel stehst und meinst, du
müsstest die Mundwinkel verziehen, denkst du dann? Natür-
lich nicht! Du veränderst einfach deine Mundhaltung.
Ebensowenig denkt die ‚Quelle‘, wenn sie etwas verändern will.
Sie ‚sieht‘ in den Spiegel – und verändert.
Vergiss nicht: Du bist diese ‚Quelle‘!
Es ist genau, wie Sri Nisargadatta Maharaj‘s Guru sagte: ‚Nur
dein Wille geschieht.‘ Doch er sprach definitiv die ‚Quelle‘ und
nicht den Menschen – die ‚Person‘ – an.
Das, was du jeden Tag erlebst, ist also nichts anderes, als deine
ständige „Bewegung“ als ‚Quelle‘. Wärst du dir dessen bewusst,

*  Letztlich kommt natürlich alles, was im Spiegel wahrgenommen wird, von demjenigen, der in den
Spiegel schaut. Vom Ursprung her kommt damit auch das Denken von der ‚Quelle‘. Doch Denken
und Gedanken sind wiederum nichts anderes als etwas, das wahrgenommen wird!

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ich glaube, du würdest schnell lernen wollen, wie man‘s endlich
richtig macht. Stimmt‘s?
Jetzt wirst du sicher fragen: „Ja, wie mach ich‘s denn richtig? Ich
bin mir meiner Handlungsweise als ‚Quelle‘ doch überhaupt
nicht bewusst!“
Abgesehen davon, dass das ständige „Ich …“-Denken dein
Gewahrsein als ‚Quelle‘ völlig überdeckt, ist die Art und Wei-
se, wie du als ‚Quelle‘ agierst, so unglaublich einfach, dass Sri
Nisaragadatta Maharaj es so ausdrückte:
„Am Ende geben Sie alles auf, denn Sie erreichen etwas so unglaublich Einfaches,
dass es dafür keine Worte gibt.“  *
Auch ich kann dir nur anhand von vergleichenden Beispielen
eine hinweisende Antwort auf deine Frage geben. Letztendlich
wirst du es selbst herausfinden müssen. Es ist tatsächlich zu
einfach und zu natürlich, als dass es in Worte gefasst werden
könnte. Anders gesagt, die (vermeintliche) Schwierigkeit liegt
nicht darin, nicht zu wissen, wie man es macht, sondern liegt
in dem Missverständnis, sich als eine ‚Person‘ aufzufassen.
Ich verwende noch einmal das Beispiel von dem Spiegel. Wenn
du herauszufinden versuchst, wie du es machst, dass sich deine
Mundwinkel verändern, so kannst du es nicht erklären. Du
überlegst dir beispielsweise nicht, wie du den Oberlippennerv
No. 435 verändern müsstest. Du hast noch nicht einmal eine
Ahnung, welche Nerven und Muskeln an dieser Aktion be-
teiligt sind. Du stehst nur vor dem Spiegel, siehst dein Gesicht
und veränderst deine Gesichtsmuskulatur. Es ist also nur das
*  aus „Ich bin“

22
Spiegelbild, das dir Aufschluss darüber gibt, was geschehen
ist und ob du mit dem neuen Gesichtsausdruck zufrieden
bist, nicht wahr?
Nehmen wir ein anderes Beispiel. Hast du schon einmal
versucht, Querflöte zu spielen? Um einen sauberen Ton zu
bekommen, muss man den Luftstrom genau an die gegen-
überliegende Kante des Anblasloches blasen. Wenn man eine
Oktave höher spielen will, man nennt das ‚Überblasen‘, ist es
sogar notwendig, den Luftstrom sehr exakt und ‚scharf ‘ an
diese Kante zu blasen. Aber auch hier hast du keine Erklä-
rungsmöglichkeit, wie du das genau machst. Du übst und mit
der Übung kommt der Erfolg.
Während im ersten Beispiel der Blick in den Spiegel die
notwendige Rückmeldung gibt, ist es hier der Ton. Durch
das Hören des Tons kannst du feststellen, wie sauber du ihn
erzeugst. Klingt er miserabel, so veränderst du augenblicklich
deine Mundmuskulatur.
Und das ist auch schon das ganze Geheimnis der ‚Quelle‘! Du
als ‚Quelle‘ nimmst dein Spiegelbild wahr und wenn du damit
nicht ‚zufrieden‘ bist, dann änderst du es eben – genau wie
vorm Spiegel oder beim Flötenspiel. Denken ist dafür weder
notwendig, noch hilfreich.
Solange du jedoch nicht von der Idee der ‚Person‘ restlos befreit
bist, wirst du zwangsläufig auch viele falsche Veränderungen
hervorrufen – etwas, das du ohnehin schon dein ganzes
Leben lang machst. Denn solange du nicht von deiner „Ich“-
Vorstellung befreit bist, wirst du weiterhin alles tun, damit du
23
als ‚Person‘ eine gute Figur machst und wirst dabei die anderen
zwangsläufig in den Hintergrund stellen. Doch du als ‚Person‘
bist nur ein winziger Teil des gesamten Bildes im Spiegel und
Teile eines Gesamtbildes können sich niemals unabhängig
vom Rest des Bildes bewegen, denn jede Bewegung verändert
immer das gesamte Bild. Und letztlich kommt jede Bewegung
immer von demjenigen, der in den Spiegel schaut!
Die besten Beispiele für die Verwechslung der ‚Quelle‘ mit der
‚Person‘ sind für mich viele Esoteriker. Sie meinen, dass sie
doch wüssten, dass alles ihr Spiegelbild sei. Doch aus welcher
Sicht glauben sie das? Sie halten sich für eine ‚Person‘ – ein
Figürchen im Spiegelbild also – und meinen allen Ernstes, nur
die anderen (Figürchen im Spiegelbild) wären ihr Spiegelbild.
Wie absurd!
Wenn du dich an so manche Zeiten in deinem Leben erin-
nerst, in denen du Dinge einfach gut gemeistert und schöne
und harmonische Zeiten erlebt hast, so wirst du im Rückblick
schnell feststellen können, dass dies Zeiten waren, in denen das
„Ich“-Denken sehr in den Hintergrund getreten war. Du lebtest
nicht nur einfach in den Tag hinein – auch wenn es dir heute
so vorkommen mag. Obwohl es dir vielleicht nicht bewusst
ist, agiertest du relativ häufig aus dem ‚Quellen‘-Gewahrsein
heraus. Schließlich warst und bist du auf immer und ewig
nichts anderes als diese ‚höchste Realität‘. Hättest du nur nicht
wieder mit dem „Ich“-Denken begonnen!

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„Ich bin“
„Kein Weg ist kurz oder lang, doch sind manche Menschen ernsthafter und andere
weniger ernsthaft. Ich kann Ihnen von mir erzählen. Ich war ein einfacher Mann,
doch ich vertraute meinem Guru. Ich tat, was er mich anwies zu tun. Er sagte mir,
dass ich mich auf das ‚Ich bin‘ konzentrieren soll, und ich befolgte seine Anweisungen.
Er sagte mir, dass ich jenseits von allem Wahrnehmbaren und Vorstellbaren sei – ich
glaubte ihm. Ich gab ihm mein Herz und meine Seele, meine ganze Aufmerksamkeit
und all meine Zeit, die ich erübrigen konnte. … Als Ergebnis des Vertrauens und der
ernsthaften Anwendung verwirklichte ich mein Selbst innerhalb von drei Jahren. Sie
können sich den Weg aussuchen, der Ihnen am meisten liegt. Ihre Ernsthaftigkeit
wird das Tempo des Fortschrittes bestimmen.“
[Sri Nisargadatta Maharaj] *
Was also bleibt zu tun? Was, wenn einen die Erkenntnis ein-
fach nicht heimsuchen will? Auch hier ist Tätigkeit kein guter
Ratschlag. Schließlich geht es wirklich nur um das Erkennen
des einen Irrtums. Alles andere löst sich dann von alleine.
Lass mich noch mal zum Beginn zurückkehren. Ich hatte ge-
schrieben, dass in einem einzigen Augenblick, dir, der du dir
selbst nicht bewusst bist, das Bewusstsein in seiner ‚reinsten‘
Form erscheint und du ab diesem Zeitpunkt weißt, dass es
dich gibt. Somit bist du dir bewusst geworden. Man könnte
vergleichsweise sagen, dass die noch leere und unsichtbare
Hülle – das Bewusstsein – zu ‚vibrieren‘ beginnt, wenn es
erscheint. Dieses ‚Vibrieren‘ entspricht der Wahrnehmung des
„Ich bin“. Danach verzweigen sich die Gedanken ohne Ende
– die Hülle wird mit Wahrnehmbarem gefüllt.

*  aus „Ich bin“

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Dieser erste Gedanke, in Worten ausgedrückt „Ich bin“, be-
schreibt einzig und allein die Tatsache, dass du bist. Wie du
inzwischen weißt, bist du die ‚Quelle‘ und bleibst als solche
unerkannt – d. h., du kannst nie wissen (im Sinne von gedank-
lich verstehen), wer oder was du bist. Damit kannst du auch
nicht sagen oder denken, was du bist. Doch dass du bist lässt
sich nicht verleugnen.
Wenn du bei diesem ‚Gefühl‘ der reinen Existenz – einem
‚Gefühl‘, das ohnehin immer mit dir ist –, bleibst, dich ständig
daran erinnerst, dass du bist!, und dabei nicht vergisst, dass
alles, was du wahrnimmst, nicht du, sondern nur dein Spie-
gelbild ist, so löst sich mit der Zeit die „Ich“-Verhaftung und
eines Tages wird es eine Klarheit in deinem Verstehen geben,
die dir dein wahres Sein als ‚Quelle‘ offenbart. Du kannst es
nicht verfehlen, denn es gibt dabei keine Zweifel.
Je mehr du dich auf dieses „Ich bin“ konzentrierst, desto
klarer wird dir werden, dass alles, was in diesem Universum
geschieht, nur Reaktionen auf Reaktionen sind und in (oder
hinter) keinem Lebewesen eine eigenständige Seele steckt.
Diese Konzentration auf das „Ich bin“ ist weniger eine Übung, als
vielmehr ein ständiges sich daran Erinnern: „Ich existiere, aber
ich bin nichts von dem, was um mich herum und in mir vorgeht,
egal, wie stark die Umstände mich auch zu treffen scheinen!“
Das Wort ‚Person‘ hatte übrigens die ursprüngliche Bedeutung
von: „Die Maske des Schauspielers“. Bald wirst du also hinter
die Masken blicken und feststellen, dass sie tatsächlich alle
leer sind!
26
„30 Jahre lang habe ich Trottel mich mit dem Problem der Menschheit
abgemüht, ohne zu wissen, was ein Maskenball ist!“
[Hermann Hesse, in einem Brief von 1926]

Der Knall
Viele Sucher erreichen das Ziel nicht, weil sie eine falsche
Vorstellung über das haben, was passieren müsste: Sie warten
auf den großen Knall und damit auf die ‚große Veränderung‘
in ihrem Leben. Doch dieser Knall wird nicht passieren, denn:
Was schon ‚Quelle‘ ist, kann nicht ‚Quelle‘ werden!
“Ihre Erwartung von etwas Ungewöhnlichem, Dramatischem, von einer wunderbaren
Explosion, verhindert und verzögert nur Ihre Selbstverwirklichung. Sie brauchen auf
keine Explosion zu warten, denn sie ist bereits passiert – in dem Moment, als Sie
geboren wurden, als Sie sich erkannten als das Sein, Wissen, Fühlen.“
[Sri Nisargadatta Maharaj] *

Das Ende der Suche


Das Ende der Suche ist erreicht, wenn du intuitiv ‚weißt‘, dass
sie zu Ende ist. Du bist dir damit als ‚Quelle‘ gewahr gewor-
den. Das Denken wird dies nur in Form von ‚Stille‘ erfahren.
‚Wissen‘ wirst du dabei nicht mehr wie vorher.
Doch bald wirst du feststellen, dass du dein Leben wie ein
unbeteiligter Beobachter genießen kannst und dass du schon
immer nur beobachtest hast. Du wirst erkennen, dass du
*  aus „Ich bin“

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bislang nur aus der Perspektive einer ‚Person‘ geschaut hast.
Freude und Leid werden ihre jetzige Bedeutung verlieren und
alles Leben wird neu betrachtet. Dein Körper-Geist-Konstrukt
wird weiterhin gemäß seiner Programmierung sein ‚Unwesen‘
treiben – wenn es bislang ein Schmalzdackel war, wird es
wahrscheinlich auch einer bleiben. Zumindest vorläufig.
Dennoch wird sich durch die Stille im Inneren, die nichts
anderes ist als das Gewahrsein als ‚Quelle‘, vieles ändern –
leise, eher unmerklich und allmählich. Die Menschen um
dich herum werden sich ändern, Probleme lösen sich oft
auf, Wünsche erfüllen sich usw., indem du sie in tiefer Stille
betrachtest – indem du dir dessen, was geschieht, einfach nur
gewahr wirst.
Doch du wirst nie erklären können, wie das alles geschieht.
Alles, was du dich oft ‚sagen hören‘ wirst, ist: „Bleib still‘, warte
ab und schau‘, was passiert!“ Anderen wirst du manchmal wie
untätig vorkommen, vielleicht wie jemand, der nicht weiß,
was er tun soll oder ‚seinen Hintern nicht hoch bekommt‘. Sie
werden nicht einmal erahnen, was wirklich vor sich geht.
„Es gibt keine Kraft, die außerhalb von mir ist. Sie ist ein integraler Teil meiner Natur.
Nennen Sie es meinetwegen Kreativität. … ich bleibe, was ich bin: das ‚Ich bin‘,
unbeweglich, unerschütterlich, unabhängig. Was Sie als das Universum, als die
Natur bezeichnen, ist meine spontane Kreativität. Was immer geschieht –
geschieht. Doch es ist meine Natur, dass alles im Guten endet.“
[Sri Nisargadatta Maharaj] *

*  aus „Ich bin“

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Eine endlose Reise
Mit dem Ende der Suche nach dir selbst beginnt eine neue Rei-
se. Eine Entdeckungsreise, die nie zu Ende gehen wird. Obwohl
du schon immer die ‚Quelle‘ – die ‚höchste Realität‘ – warst,
warst du dir ihrer bislang nicht gewahr. Alles hast du aus der
Sicht einer vermeintlichen ‚Person‘ gesehen und dein Denk-
organ mit Ideen von ‚mir‘ und ‚mein‘ vollgestopft. Und dieses
Denken, dass ja genauso eingefahrenen Reaktionsmustern
unterliegt wie dein Handeln, braucht seine Zeit, bis es mit der
neuen ‚Realität‘ zurechtkommt. Dennoch wird die Stille in dir
die Oberhand gewinnen und mit der Zeit wird das Gewahrsein
deiner wahren Natur in den Vordergrund treten.
Ich kann dir versprechen, dass diese Reise immer ‚spannender‘
werden wird. Dabei mag es durchaus Zeiten geben, in denen
du wie bisher Leid und Schmerz ertragen musst, aber dennoch
ist etwas in dir ‚wach‘ geworden (du nämlich), das völlig un-
abhängig auch diese Zeiten nur wahrnimmt. Du kannst und
wirst dein wahres Sein nicht mehr vergessen können und wirst
es auch nie mehr aus den Augen verlieren. Das ist unmöglich,
denn wenn du einmal deine wahre Natur erkannt hast, kann
diese Erkenntnis nie wieder verschwinden.
Wo immer dich diese Reise hinführen wird, vergiss eines
nie: Ein Wunsch ist bereits die benötigte Energie zu seiner
Erfüllung, doch die ‚Macht‘ der Erfüllung liegt in der Stille der
‚Quelle‘ – sie liegt in dir also, wenn du ganz und gar in dir ru-
hend, d. h. im reinen Gewahrsein als ‚Quelle‘ bleibst. Beginnst

29
du dennoch erneut mit dem ‚Ich‘-Denken, so katapultierst
du dich augenblicklich aus deinem höchsten Zustand wieder
heraus – zumindest zeitweise.
Wie nun, wirst du vielleicht fragen, könntest du auch jetzt
schon einen Nutzen aus diesem Wissen ziehen, auch wenn
die Befreiung von der „Ich“-Vorstellung noch nicht in Sicht
zu sein scheint?
Der einfachste und praktikabelste Rat, den ich dir geben kann,
ist: Wenn du glaubst, etwas erreichen zu müssen (oder zu
wollen), hör einfach mit dem (Nach-)Denken auf und vertraue
voll und ganz darauf, dass die ‚Quelle‘ es für dich erledigt. Im
wörtlichen Sinn könnte man sagen: „Bewirk‘ du es, ich kann‘s
eh nicht!“ Doch dieser Rat ist nur dann ein guter, wenn in dir
das Vertrauen bereits erwachsen ist, dass es tatsächlich besser
ist, wenn du einfach ‚die (gedanklichen) Finger‘ vom Fortgang
der Geschehnisse lässt und die Ergebnisse nicht immer vorher
festlegen willst. Was auch nicht einfach ist – vor allem, wenn
man sich noch als ‚Person‘ glaubt!

Verschmelzung
Ich schrieb zu Beginn, dass es keine gültige Beschreibung der
‚Quelle‘ und ihres Wesens geben kann und dass alle Worte nur
darauf hindeuten können. Und so sind auch meine Worte hier
nur bescheidene Hilfsmittel, dir den Weg zu deinem wahren
Sein anzudeuten. Ganz richtig im Sinne eines gedanklichen
Verstehens sind sie sicherlich nicht – ebensowenig wie die
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anderen Abermillionen von Worten, die schon geschrieben
wurden.
Dennoch solltest du nicht vergessen, dass es ja das Denken ist,
das verständliches ‚Futter‘ braucht, damit sich die eingenisteten
Irrtümer auflösen können.
Am Ende jedoch, dann, wenn es keines Denkens mehr be-
darf, wenn du dir nicht nur als ‚Quelle‘ gewahr geworden
bist, sondern zudem fest im Sattel des ‚Quellen‘-Gewahrseins
verweilst, wirst du erkennen, dass es weder die ‚‚Quelle‘ und
ihr Spiegelbild gibt, sondern dass alles eins ist:

Innen ist Außen, und Außen ist Innen.


Verstand ist Bewusstsein, und Bewusstsein ist Verstand.
Bewusstsein ist ‚Quelle‘, und ‚Quelle‘ ist Bewusstsein.
‚Quelle‘ ist alles.
Es gibt keine Trennung der Dinge, denn alles ist eins.
Das Eine ist nichts, und nichts ist alles.

Und so wünsche ich dir für den Rest deines Lebens eine äu-
ßerst vergnügliche und spannende Entdeckungsreise durch die
Gefilde deines wahren Seins – dort wo es keinerlei Grenzen
mehr gibt.
„Die Welt ist nur eine Reflexion meiner eigenen Vorstellung. Was immer ich sehen
will, kann ich sehen. … Die Welt ist in mir, die Welt bin ich selbst. Ich habe keine
Angst vor ihr, und ich habe auch nicht das Bedürfnis, sie in einem
mentalen Bild einzuschließen.“
[Sri Nisargadatta Maharaj]  *

*  aus „Ich bin“

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Worte ersetzen nur
den Glauben in dich selbst!

Wie entdeckt man seinen wahren,


natürlichen Zustand?

Und wie wird man sich als Quelle


des Bewusstseins gewahr?

Worte darüber, wie einfach


es ist, aus unserem wahren
Sein heraus zu leben.