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Titel

Zikadenfibel (aus Thüringen)

Almandinring
König Chlodwig (Gemälde, 1835) (aus Frankreich)

Franken-Herrscher, Exponate aus der Moskauer Merowinger-Ausstellung: Die besten Stücke aus dem Erbe gingen verloren

Aufbruch der Barbaren


Eine spektakuläre Beutekunst-Ausstellung in Moskau zeigt erstmals
den Goldschmuck der Merowinger – jener fränkischen Könige, die an der Schwelle von der Antike
zum Mittelalter den Kontinent beherrschten. Die einzigartigen Altertümer
stammen aus den „Dunklen Jahrhunderten“, als die Germanen das Römische Reich zerschlugen.

E
s war der 7. Mai 1945 – Berlin lag in kundlicher Indianerschmuck, antike Sta- Nun begann der Abtransport. In großer
Trümmern –, als schwere Lkw der tuen, der zerlegte Pergamonaltar, Geprän- Eile – der Zoo lag im britischen Sektor –
Roten Armee vorm Flakturm Zoo ge aus Byzanz. räumten die Sowjets den stahlarmierten
stoppten. Männer der „Trophäenkommis- Schon sechs Tage zuvor hatte eine und von 12,8-Zentimeter-Abwehrgeschüt-
sion“ sprangen aus den Wagen und betra- Vorhut der Russen mit Kalaschnikows zen gekrönten Betonbau leer. Fünf Wo-
ten den 40 Meter hohen Bunker. Der war im Anschlag das gigantische Versteck chen dauerte die Aktion.
bis zum Dach mit Kunstschätzen der Ber- ausgespäht. Ein verzweifelter Museums- Dabei fielen den Siegern auch drei große
liner Museen gefüllt. direktor Wilhelm Unverzagt lief den Rot- Holzkisten in die Hände, die das Berliner
Bombensicher ausgelagert, stapelten armisten entgegen. Die fragten nur: „Wo Museum für Vor- und Frühgeschichte im
sich in den Fluren Ölgemälde, völker- ist Gold?“ 1. Stock deponiert hatte. Gefüllt waren die
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Werwolf-Figur auf
Schwertscheide
(aus Sigmaringen)

Anhänger aus Gold

Silberlöffel (aus Weimar)

Armreif

Truhen mit Unersetzlichem: Insgesamt la-


gen darin 1538 Goldteile, darunter waren
etwa 480 Glanzlichter aus der Zeit der Me-
rowinger.
Auf dem Luftweg ließ der russische
Oberkommandierende die Trophäen in die
Heimat verbringen. Mit einer Sonderma-
schine, die am 30. Juni von Berlin-Karls-
horst abhob, gelangten die Edelstücke nach
Moskau. Dort versickerten sie – nach ei-
nem unerfindlichen Schlüssel verteilt – in
GÄRARD BLOT/RMN/BPK (O. L.); STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN (6)

den Museumskellern des weiten Sowjet-


reichs.
Mediävisten und Fachleute der Spät-
antike stufen den Verlust der funkelnden
Relikte als „furchtbar“ ein: Die Merowin-
gerzeit ist die fundärmste Epoche in der
Geschichte Europas. Düster steht der Fran-
ken-Clan da. Erhalten sind fast nur mor-
sches Holz und modrige Grüfte.
Zwischen 482 bis 714 nach Christus be-
herrschten diese Germanenkönige (die ihre
Herkunft von einem an der Rheinmün-
dung hausenden Meeresungeheurer ablei-

Ankunft der Beutekunst in Moskau (um 1946)*: Hastig in den Archiven versteckt * Im Kreis: Museumsassistentin Irina Antonowa.

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einander. Das Berliner Museum für Vor-
und Frühgeschichte schickte mehr als 200
ergänzende Leihgaben. Der Ausstellungs-
katalog wird in Deutschland gedruckt. Ei-
nige Fachleute durften sich sogar in den
russischen Depots umsehen.
Doch in der Hauptsache, der Frage der
Rückführung, geht es bislang nicht voran.
Neumann beharrt darauf, die Schätze „an
die Orte in Deutschland zurückzuführen“.
Die Russen sagen kategorisch „njet“.
Auch die Forscher sind bislang ausge-
sperrt. Kein Experte aus dem Westen hat
die – 62 Jahre lang versteckten – Altertü-
mer bislang im Detail untersuchen dürfen.
Hierzulande werden die einzigartigen
Prunkstücke zudem nie zu sehen sein. Die
deutsche Polizei wäre gehalten, die völ-
kerrechtswidrig entwendeten Funde sofort
zu beschlagnahmen.
Für die Bundesregierung ist die Sachlage
„sonnenklar“. Sie verweist auf die Haager
Landkriegsordnung von 1907, die es verbie-
tet, im Krieg kulturelle Beute zu machen.
Doch die russischen Parlamentarier
trotzten der Vorschrift. Im Jahr 1998 er-

FILATOV / DPA
ließ die Duma ein Gesetz, das die strittige
Ware per Federstrich zu Staatseigentum
erklärte. Die Rückführungsverhandlungen
gelten als gescheitert.
Der Schatz des Priamos gehört zu den größten Funden Heinrich Schlie- „14 Jahre lang wurde wortreich verhan-
manns, der Troja freilegte. Dabei stieß der Archäologe auf ein Depot mit 8831 delt, nichts kam heraus“, klagt Wilfried
Einzelstücken aus Gold, Silber und Bronze. Später grub er auch erfolgreich in Menghin, der Chef des Berliner Museums
Mykene. Seine „trojanischen Altertümer“ vermachte er dem „deutschen Volke“. für Vor- und Frühgeschichte, dessen Haus
den Besitzanspruch an den Objekten auf-
rechterhält. Aus seiner Enttäuschung
teten) weite Teile des Konti- Insgesamt 700 feinste Beu- macht der Museumsdirektor kein Hehl:
nents. Über 30 Dagoberts, testücke liegen in den Vitri- „Wir haben fast 60 Prozent unserer Be-
Chlothars und Sigiberts be- nen. Es sind Pretiosen von stände an die Sowjetunion verloren.“
stiegen damals zwischen unschätzbarem Wert. Wie Nach dem für die Rote Armee unge-
Köln und Paris den Thron. bedeutsam die Ausstellung heuer verlustreichen Niederringen der Hit-
Die Könige folterten, töteten ist, wird daran deutlich, dass ler-Diktatur hielt sich das Land am deut-
und ließen ihre Gegner von Kulturstaatsminister Bernd schen Kulturbesitz schadlos. Waggonweise
Pferden zerreißen. Neumann (CDU) eigens wurden proto-germanische und griechisch-
All das ist in Nebel gehüllt. zur Eröffnung eilt. Von russi- römische Altertümer, dazu Werke von Mi-
Doch nun fällt neues Licht scher Seite kommt Michail chelangelo und Marmorstatuen aus Berlin
in die Ära. Die russische Fö- Schwydkoi – der höchste abtransportiert.
FOTOCREDIT

deration öffnet ihre Geheim- Kulturchef im Kreml. Die Stücke verschwanden in jene Beute-
archive – für Fachleute eine Auch die Wissenschaft ist Schatzkammern, über die lange der Ge-
lange herbeigesehnte Sensa- SPIEGEL-Titel 15/1996 begeistert. Einen „Knüller“ heimdienst KGB die Macht hatte. Einiges
tion. Endlich sind die im nennt der renommierte Wie- geriet womöglich in sowjetische Regional-
Krieg entwendeten Zeugnisse der geheim- ner Merowingerforscher Georg Scheibel- museen bis nach Kasachstan und hinter
nisumwitterten „Dunklen Jahrhunderte“ reiter die Exponate. Endlich tue sich eine den Ural.
wieder aufgetaucht. Spur auf in die „barbarische Gesellschaft“ Am schwersten wiegt der Abgang der
Von diesem Montag an präsentiert das des Frühmittelalters – einer Epoche der drei Kisten aus dem Flakturm Zoo – der sa-
Moskauer Puschkin-Museum in seinem Finsternis.
NATIONAL ARCHIVES AAF CENTRAL FILM LIBRARY

„Weißen Saal“ eine Schau der Superlative. Führt das vertrackte Thema Beutekunst
Schmuck aus thüringischen Gräbern wird also doch noch aus der Sackgasse?
gezeigt, bajuwarisches Silber und rot leuch- „Die gemeinsame Ausstellung“, lobte
tende Fibeln aus Almandin. Vier goldene Neumann vorigen Freitag, sei ein „beson-
Halsringe sind zusammen 1,4 Kilo schwer. deres Ereignis in den deutsch-russischen
Sie gehörten einem pommerschen Fürsten kulturellen Beziehungen“. Bricht das Eis
aus dem 5. Jahrhundert. doch noch?
Was für ein düsterer Glanz! Auf einer Das Beutekunst-Projekt, keine Frage,
silbernen Schwertscheide prangt eine Fi- bedeutet einen historischen Fortschritt.
gur, die als Werwolf verkleidet ist. Eine Man redet wieder, ja arbeitet sogar mit-
Gewandspange ist mit den Runen „Sig –
Hiba – Bubo“ verziert. Niemand versteht Flakturm Zoo (um 1944)
bis heute den Sinn. Die Mauern bebten
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Titel

MUSEUM FÜR VOR- UND FRÜHGESCHICHTE BERLIN


Der Goldschatz von Eberswalde wurde im Jahr 1913 in einem hohen Tongefäß entdeckt. Enthalten waren darin
8 Goldschalen sowie 73 Spangen, Arm- und Halsreifen sowie Zierspiralen. Das Gewicht des Edelmetalls beträgt 2,54 Kilo-
gramm. Es ist der größte vorgeschichtliche Goldfund aus Deutschland. Die Forschung geht davon aus, dass die Pretiosen aus
dem 9. vorchristlichen Jahrhundert sich einst im Besitz eines germanischen Edelings vom Stamm der Semnonen befand.

genhafte Goldschatz aus dem Nazi-Bun- 3. Februar 1945 durch einen „Bomben- Tage, als politisches Tauwetter anbrach.
ker. Denn in den Truhen lagen auch Kost- teppich schwersten Kalibers“ zerstört wor- Lange lief das Gerücht, der Schliemann-
barkeiten aus der Bronzezeit, darunter den, wie er in einem Brief notierte: „Lei- Schatz sei eingeschmolzen worden. 1996
Armreife aus Cottbus, Kultbeile vorzeitli- der blieb ich am Leben.“ wurde er aus den Depots hervorgezaubert
cher Priester, die einst am Ufer der Oder Bald nach dem Angriff zog der Leiter – eine Sensation. Die „Frankfurter Allge-
lebten, sowie der „Schatz von Ebers- selbst in den wuchtigen Flakturm um. In meine“ schrieb damals von „russischen
walde“: Er ist der größte frühzeitliche den letzten Kriegstagen drängten sich dort Unverfrorenheiten“, der SPIEGEL brach-
Goldfund Mitteleuropas. 30 000 Menschen. Vor allem die drei ver- te eine Titelgeschichte.
Außerdem hatte die Berliner Museums- nagelten, verschnürten und versiegelten Nun folgt Enthüllung Nummer zwei:
leitung ihre trojanische Sammlung in die Kisten ließ er nicht mehr aus den Augen. Moskau zeigt Raub-Gepränge aus der
Evakuierungsboxen gestopft. Das gesamte Er aß, arbeitete und schlief in ihrer Nähe. Schattenwelt der Merowinger – jener ger-
Edelmetall, das Heinrich Schliemann im Als am 6. März der Befehl Hitlers kam, manischen Unholde, die vor 1500 Jahren
19. Jahrhundert in Mykene und im Reich „schleunigst“ alle Kulturware aus Berlin vom Rhein aus die letzten römischen Le-
des Königs Priamos ausgegraben hatte hinauszubringen, ignorierte Unverzagt die gionäre verjagten und die Antike zertrüm-
(und später „dem deutschen Volke“ ver- Anweisung. Er hütete die Schätze weiter. merten.
machte), lag darin in Samttücher verpackt. Am 30. April schrieb der Direktor in sei- Der Moskauer Ausstellung vorausge-
Verantwortlich war Direktor Unverzagt, nen Kalender: „starker Turmbeschuss“. gangen war allerdings eine schwierige
der die Evakuierung angeordnet hat- Die Mauern bebten, doch die Kisten in Fahndung und kulturpolitische Herkules-
te. Sein eigenes Museum war bereits am Raum N 11 blieben unbeschädigt. Kurz da- arbeit. „Vieles geriet 1945 allzu hastig in
nach stand die Rote Armee vor der Tür die russischen Archive“, erklärt Menghin,
und räumte ab. „keiner weiß mehr, was wo liegt.“
Was für ein Aderlass! Die besten Stücke Deshalb wurden die deutschen Experten
aus dem geschichtlichen Erbe der Nation nun erstmals in einige der abgeschirmten
gingen damals verloren. Heute verstauben Räume vorgelassen. Mit den alten Inven-
sie in Geheimkammern und Regalen der tarlisten halfen sie bei der Suche – eine
ITAR-TASS / BILDERBERG

Russischen Föderation. Teils liegen sie wahre „Expedition in den Giftschrank“


noch auf den alten Zierpappen mit Ori- (das Fachblatt „Art“).
ginalbeschriftung. Die wichtigste Beutekammer im Mos-
Immerhin kam einiges schon unter dem kauer Puschkin-Museum blieb der Dele-
russischen Präsidenten Boris Jelzin zu gation allerdings versperrt. Die energische
Leiterin Irina Antonowa, 85, mochte die
Moskauer Puschkin-Museum Besucher nicht vorlassen. Stattdessen
„Expedition in den Giftschrank“ kramte sie die goldenen Trophäen, bei de-
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ren Verschleppung sie 1945 mithalf, selbst seiner Sommerresidenz in Campanien. gallorömische Bevölkerung wich nach Sü-
aus dem Keller. Hühner gackern, das Reichsschwert rostet, den aus.
Trotz aller Verbitterung sieht die Stif- die Staatskasse ist leer. Da schreit einer Viele germanische Stämme machten da-
tung Preußischer Kulturbesitz die neue von hinten: „Die Germanen kommen!“ mals Krawall. 410 nach Christus drangen
Zusammenarbeit positiv. Immerhin sei Widerstand? „Den Schlafrock“, ruft die Westgoten erstmals bis nach Rom vor.
es gelungen, „die Schätze wieder in den müde der Monarch. Er ist unwillig, seinen „Die Stimme stockt mir, vor Schluchzen
wissenschaftlichen Kreislauf zurückzu- Thron, „diesen Berg aufgeschichteter Schä- kann ich nicht weiterdiktieren“, bemerkte
führen“. del“, weiter zu verteidigen. Schluss mit der Kirchenvater Hieronymus, als die Ban-
Und das wiegt in der Tat schwer: Die in dem Heldentum. Romulus würde am liebs- den durchs Salarische Tor einzogen.
den Vitrinen leuchtenden Glasperlen, ten Geflügel züchten. Nur zu gern würden die Forscher mehr
Armringe und Hakenkreuzmotive ent- Doch da betritt „brutal gepanzert“ über diese Völkerflut wissen, dieses pan-
stammen einer Epoche des Chaos und der Theoderich der Große die Bühne, gierig europäische Stoßen und Brechen, als das
Gewalt. Der Patient Europa lag unter ei- nach neuem Ruhm und Schlachtenlärm. Altertum versank und Millionen Gierige
nem Leichentuch. Wie keine andere Pha- Der Vorhang fällt, die Antike liegt in Trüm-und Verzweifelte auf den Beinen waren.
se steckt die Zeit zwischen 450 und 750 mern. Das Blutvergießen geht weiter. Leider wurde der größte anzunehmende
nach Christus voller ungelöster Fragen. Unfall der Weltgeschichte, der
Die wichtigste lautet: Warum trat das Absturz Roms und der Beginn
römische Imperium ab? 540 000 Legionäre Die handelnden Personen sind ins des Mittelalters, kaum doku-
hielt das Reich in der Spätantike unter
Waffen. Seine Soldaten hatten Jerusalem
Märchenhafte entrückt. mentiert.
Die handelnden Personen
und Byzanz erobert und waren bis in den sind ins Märchenhafte ent-
Jemen vorgerückt. Rom, das waren fünf Das Drama trifft die Wahrheit recht gut. rückt. Heilige und Drachentöter betreten
Millionen Quadratkilometer kluge Verwal- Ende des 5. Jahrhunderts war das Imperi- die geschichtliche Szene. Weil unsere Vor-
tung, hartes Gesetz, unerbittliche Staat- um wirklich bankrott. fahren nur Runen ritzten, verzerrte sich
lichkeit. „Persistent hammering“ nennt die US- alles zur Legende.
Allein in den nördlichen Frontprovinzen Forschung jene ständigen Attacken, Na- Von Theoderich, dem Ostgoten-Herr-
Germania inferior und superior sowie in delstiche und Überfälle, mit denen die scher, wird berichtet, dass er seinen Geg-
Raetia Secunda (Hauptsitz Augsburg) Germanen am Limes rüttelten. 548 Kilo- ner Odoaker beim Festschmaus hin-
waren fünf Legionen stationiert. Pa- meter weit verlief der Grenzwall quer terrücks mit einem einzigen Schwerthieb
trouillenboote schwammen auf dem Rhein durch das spätere Deutschland. Es war ein zerteilte. Kommentar: „Nicht mal Knochen
und schirmten eine glänzende Welt aus hoher Palisadenzaun, gespickt mit 900 scheint das Scheusal im Leib zu haben.“
Amphitheatern und steinernen Aquä- Wachtürmen, die über ein Signalsystem Merkwürdig mutet auch der Wanderzug
dukten gegen die Barbaren ab. Die Porta aus Rauchzeichen und Blasinstrumenten der Vandalen an. Von der Oder kommend,
Nigra, das Stadttor von Trier, steht noch verbunden waren. hatte dieser Stamm mit 80 Tausendschaften
heute. Die welsche Wacht am Rhein. die Meerenge von Gibraltar überwunden,
Die lorbeerbekränzten Kaiser vom Pa- „Das Imperium Romanum war das von wo aus er 439 nach Christus Karthago
latin schlemmten gebratene Flamingozun- größte und mächtigste Reich, das es je in erstürmte. Wie konnte solch ein giganti-
gen, sie badeten ihre Kinder in Wannen, Europa gegeben hat“, erklärt der Berliner sches kombiniertes See- und Landeunter-
hergestellt aus den Panzern großer Schild- Historiker Alexander Demandt in seiner nehmen gelingen?
kröten. bemerkenswerten „Geschichte der Spätan- Der US-Bestsellerautor Dan Brown be-
Doch all dieser Luxus verging wie ein tike“. „Nicht ohne Ursache hofften die nutzte die dunkelste Epoche des Abend-
Hauch. Nach genau 1229 Jahren war es mit Heiden auf seinen ewigen Bestand, glaub- lands, um darin eine ganze Verschwö-
Roms Ewigkeit vorbei. Der Traum von der ten die Christen an seine Dauer bis zum rungstheorie zu versenken. Er behauptet in
nicht endenden Größe und Herrlichkeit Jüngsten Gericht.“ seinem Roman „Sakrileg“: Jesus Christus
zerbarst. Doch die Abwehrlinie brach. Im 5. Jahr- zeugte heimlich Kinder. Deren Nachfah-
Der Zeitpunkt des Untergangs wird von hundert spielten sich in den Frontstädten ren waren die Merowinger.
Historikern auf den 4. September 476 nach Mainz und Köln schlimme Szenen ab. Die Auch von Chlodwig, dem berühmtesten
Christus gelegt. Friedrich Dürrenmatt hat Legionsstandorte Xanten und Nimwegen Spross der Dynastie, liegen wenige Infor-
die letzten Tage in einem bitter-witzigen mussten geräumt werden. Bald loderten mationen vor. Im Jahr 486 nach Christus
Theaterstück so geschildert: Romulus, der Flammen auch in den Kaiserthermen von gelang es diesem Germanen, den letzten
letzte Herrscher Westroms, sitzt im Garten Trier. Eine Massenflucht setzte ein, die römischen Feldherrn aus Gallien zu ver-

ab 312 Kaiser Konstantin ebnet dem v š l k e r w a n d e ru n g


Chronik des Jahrtausends Christentum den Weg. Der Sonntag 406 Germanische Stämme der Ala-
antike wird offizieller Ruhetag. Beginn von nen, Sueben und Vandalen dringen
Opferverboten und Tempelzerstörungen. in hoher Kopfzahl über den vereisten
27 v. chr. Ð 14 n. chr. um 85 n. chr. Errichtung der
Rhein ins Römische Reich ein.
Herrschaft des Augustus, Provinzen Germania inferior und um 350 Wulfilas Gotenbibel –
erster Kaiser Roms. Germania superior. älteste germanische Literatur. 451 Niederlage der Hunnen unter
Bau eines Grenzwalls
(Limes) entlang von 355 Fränkische Soldaten erstürmen Attila auf den Katalaunischen
9 n. chr. In der Feldern (Frankreich).
Varus-Schlacht werden Donau und Main. erstmals eine römische Stadtmauer
drei römische Legionen und plündern Köln.
455 Plünderung Roms durch die aus
aufgerieben. 375 Einfall der Hunnen, eines Nordafrika einfallenden Vandalen.
asiatischen Reitervolks, in Europa.
80 n. chr. 463 Der Frankenkönig Childerich I.,
Einweihung des 395 Teilung des Römischen Reichs in zugleich römischer General, wehrt
Kolosseums in Rom. eine selbständige West- und Osthälfte. Angriffe der Westgoten ab.
Kolosseum

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WESTF. LANDESMUSEUM F. KUNST- UND KUTURGESCHICHTE
Schlacht zwischen Germanen und Römern am Rhein*: Togas gegen Hosen

jagen und damit eine ertragreiche Provinz All das ist Phantasie. In Wahrheit ist von Köln nach Spuren von Chlodwigs Ver-
unter seine Kontrolle zu bekommen. Die nicht mal der Standort des Chlodwig- wandten.
Achse der Weltgeschichte verschob sich Palastes bekannt. Grab und Krone sind Vom Rheinland bis fast in die Bretagne
nach Norden. verschollen. ziehen sich die Reihengräber der Germa-
In Frankreich wird der König, der das Mit der aktuellen Beuteschau in Mos- nen vom Großstamm der Franken, die
Haupthaar angeblich bis zum Gürtel herab kau fällt jetzt womöglich endlich ein Licht- einst als Siedler nach Westen zogen. In vie-
trug, als Gründervater verehrt. Es ist eine strahl auf den Mister X aus der Wiege des len der Gruben lagen Speisereste, Äxte
bedeutende Gestalt im Selbstverständnis Mittelalters. Gezeigt wird dort ein Silber- und Tongefäße mit Birkenwein.
der Grande Nation. In Deutschland dage- löffel, der in einem Weimarer Grab des Immer deutlicher tritt zu Tage, dass die
gen ist der „erste Europäer“ kaum bekannt 6. Jahrhunderts gefunden wurde. Das Be- Franken beim Untergang Roms eine zen-
– und das, obwohl seine Mutter aus steck trägt die Inschrift „Basenae“. So hieß trale Rolle spielten.
Thüringen stammte, der Onkel in Köln leb- die Mutter des Königs. Trotz der engen Nach-
te und er selbst Urdeutsch, genauer: West- Auch an anderer Stelle bemühen sich barschaft sperrten sie
fränkisch sprach. Wissenschaftler, die „dark ages“ mit mo- sich gegen die Assimi-
Gemälde zeigen Chlodwig bauchtief im dernen Techniken auszuleuchten. Den- lierung. Dann schlugen
Taufbecken; auf einem anderen Bildnis drochronologen bestimmen das Alter frän- sie zu. Der Germanist
üben seine Söhne mit der fränkischen Na- kischer Strohhütten. Archäologen suchen Peter Arens nennt
tionalwaffe, der Wurfaxt („Franzis- beispielsweise in der alten Kanalisation sie die „Kriegsgewinn-
ka“). Trautes Heim bei den Me- ler der Völkerwande-
rowingern. * Gemälde von Friedrich Tüshaus, 1876. rung“.

493 Ermordung vor 590 Gregor von Tours FR†HMittelalter


Odoakers durch schreibt seine Frankengeschich- nach 700 Verbreitung von
den Ostgotenkönig te, die wichtigste Schriftquelle Steigbügel und Hufeisen.
Theoderich. der Dunklen Jahrhunderte.
7. Jh. Der Münzverkehr geht 732 Karl Martell besiegt die aus
Fränkischer um 496 Taufe Spanien eindringenden Mauren
Kriegshelm Chlodwigs I. in der stark zurück, vielfach kehren
die Menschen zur Tauschwirt- in der Schlacht bei Poitiers. Büste Karls des Großen
Kirche von Reims.
476 Absetzung des west- schaft zurück.
römischen Kaisers durch 8. jh. Wiederaufstieg der 800 Kaiserkrönung
508 Paris wird 630 Religionsstifter zerstörten Stadt Mainz. Karls des Großen.
den germanischen Heer- neue Hauptstadt
führer Odoaker: Ende des Mohammed erobert Mekka.
Weströmischen Reichs.
des Frankenreichs. ab 772 In jahrzehntelangen um 800 Karl fördert die
um 650 Islamische Heere Kriegen schafft Karl der Große Verbreitung der „karo-
480 Geburt von Benedikt, um 550 Die Bayern besetzen Ägypten. Der Papy- ein europäisches Großreich, lingischen Minuskel“.
dem Begründer des abend- siedeln nachweislich rushandel nach Europa bricht das bis zur Elbe und nach Die Schriftkultur in Europa
ländischen Mönchtums. am Alpenrand. zusammen. Italien reicht. festigt sich wieder.

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Titel

Besonders im 4. und 5. Jahrhundert war Germanen waren schlank, die Körper er- alter“ ein – so, als hätte der Mann in die
die Auseinandersetzung mit den Nord- staunlich hochgewachsen. Die Körpergröße Hände gespuckt, um eine neue Ära anzu-
stämmen für die Römer lebensbedrohlich der Männer lag im Schnitt bei 1,71 Meter. schieben.
geworden. Blonde Kämpfer mit Lederkap- Weit mehr Kopfzerbrechen bereitet fol- Richtig jedoch ist: Die fränkischen Erben
pen sowie Reiter, die auf kleinen, struppi- gendes Rätsel: Innerhalb weniger Jahr- der Antike lebten von der Substanz wie
gen Pferden keilförmig angriffen, traten hunderte gelang es den rückständigen und weiland Erich Honecker und die DDR.
den Legionären entgegen. noch dem Schamanentum verhafteten Be- Ihren Schmuck, das zeigt nun auch
Thing stand gegen das römisches Recht, wohnern Nordeuropas, sich von agrarisch die Moskau-Schau, ließen sie aus Ostrom
Butter gegen Olivenöl, Togas standen ge- geprägten Erbsenpulern zu militärisch ge- herbeischaffen oder von gallorömischen
gen Hosen, Weinkelche gegen fränkische stählten Weltherrschern aufzuschwingen. Handwerkern herstellen.
„Sturzbecher“. Wegen des runden Bodens Wie war das möglich? Faul quartierten sich die Eroberer in den
wurden sie in einem Zug geleert – Geschirr „100 Gründe“, klagte bereits der Histo- mächtigen Ruinen Roms ein. Als die end-
für Kampftrinker. riker Theodor Mommsen, seien genannt gültig zerfielen, zogen sie – überspitzt for-
Anschaulich hat der römische Ge- worden, um die Niederlage der höheren muliert – wieder ins Zelt um.
schichtsschreiber Tacitus das Leben der gegen die niedere Kultur zu erklären. Eine Ob im Handwerk, in der Malerei oder
Barbaren von jenseits der Alpen beschrie- falsche Innenpolitik der Römer wurde ge- der Skulpturenkunst: Auf vielen Gebieten
ben. „Niemals durch Heiraten mit Fremd- lief die Kultur damals rück-
stämmen vermischt“, sei dort „ein reiner, wärts. Das Faustrecht kam wie-
nur sich selbst gleicher Menschenschlag Cäsar über den Norden: „Neun der auf. „Die Städte selbst mei-
von eigener Art“ gediehen.
Wegen des Missbrauchs, den die Nazis
Monate Winter und kein Sommer.“ den sie wie mit Netzen um-
spannte Gräber“, notierte im
mit dem Thema trieben, wird es von poli- 4. Jahrhundert der Offizier
tisch korrekten Gegenwartsgelehrten mit nannt, Impotenz durch Bleivergiftung, be- Ammianus Marcellinus über die Ger-
spitzen Fingern angefasst. Statt von Sippe stechliche Beamte, die Pest und das Auf- manen.
und Volk reden sie von „Gens“ und „Eth- treten von Dürren. Zwar haben die Forscher in jüngster Zeit
nie“. Den Namen „Ostgermanen“, schlägt Karl Marx wiederum hatte folgende Hinweise einer „Siedlungskontinuität“ in
Professor Herwig Wolfram aus Wien vor, Idee: Gegen die brutale Klassengesellschaft großen Orten nachweisen können. Doch
solle man lieber durch „Gotische Völker“ des römischen Imperiums mit seinem Skla- die sieht erbärmlich aus. „Im römischen
ersetzen. vensystem habe sich das freie germanische Köln lebten etwa 25 000 Menschen“, erklärt
Tatsache aber bleibt, dass die germani- Bauerntum gestellt. Die Cäsaren seien un- der rheinische Stadtarchäologe Marcus
schen Stämme ein – wenn auch lockeres – ter die Räder des Fortschritt geraten. Trier. Nach dem Kollaps hingegen hätten
Wir-Gefühl besaßen und sich laut Tacitus Manche modernen Forscher helfen sich, dort nur noch „einige hundert Franken in
sogar auf einen gemeinsamen biologischen indem sie das Problem einfach kleinreden. Holzbauten und Grubenhäusern“ gewohnt.
Urahnen beriefen, den Urvater „Mannus“. Nicht als Bruch, sondern als sanftes Hin- Wirtschaftlich sah es nicht besser aus.
Ihre Mundarten ähnelten sich, ebenso die übergleiten habe man sich das Epochen- Gewaltige Domänen und Latifundien zo-
Häuser und die Rechtsbräuche. „Feiglinge ende zu denken. Lernbegierig streifte dem- gen sich einst durch die Nordprovinzen.
und Unzüchtige“ (Tacitus) versenkten sie nach Chlodwig die Toga über, übernahm Großgrundbesitzer bauten dort mit Skla-
im Sumpf. Moorleichen fand man von die Segnungen der antiken Verwaltung und venhilfe Wein und Getreide an. Als die
Holland bis hoch nach Schweden. büffelte Latein. Franken das Gebiet eroberten, streuten sie
Aber auch die Morphologie der Skelette Die Mediävistin Martina Hartmann stuft Gerste in kleinparzellierte Äcker. Die an-
ähnelt sich verblüffend. Die Schädel der Chlodwigs Taten als „Aufbruch ins Mittel- tiken LPG verfielen.
PICKUP MEDIEN / RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM KÖLN (L.); J. SACKERMANN/BILDERBERG (R.)

Römischer Amtssitz in Köln (Rekonstruktion), Grabmal eines römischen Bürgers von Köln: All der Luxus verging wie ein Hauch

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Fränkischer ANGELN NORDSEE
Krieger
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FRIESEN We e
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SACHSEN
Britannia: um Ursprungsgebiet
400 n. Chr. von der Franken
den Römern
geräumt
um 360 Xanten
Toxandrien THÜRINGER
SACHSEN RHEINFRANKEN
SALISCHE FRANKEN bis 531
Köln Koblenz erobert
Tournai
Germa-
nia II M ain
Belgica II M l Mainz Grenzwall (Limes),

se
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Trier im 3. Jh. von Rom

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Germa- aufgegeben

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Belgica I nia I
Paris Dona
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Reich des Straßburg bis 536 BAYERN
Syagrius, bis 486 erobert erobert Augsburg
ALEMANNEN

L o i re
Tours
BURGUND Vormarsch der Franken
bis 534 erobert Entstehung und Ausbreitung des Merowingerreichs
Vouillé
Römische Staatsgrenze Provinzgrenzen
WESTGOTEN
507 erobert m 360 n. Chr. drangen Franken in großer Zahl ins Gebiet
der heutigen Niederlande vor. Nach dem Kollaps Roms
gelang es Chlodwig gemeinsam mit den rheinischen Franken
um Köln, weite Teile West- und Mitteleuropas zu erobern.
Ga
e

ro Aus diesem Reich der Merowinger gingen später Frankreich


R h ôn

ne und Deutschland hervor.


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Dann folgte der fiskalische Schock: Um auf Unverständnis. Ihr Pantheon bestand glaubhaft“, meint der Berliner Museums-
670 nach Christus stellte Europa die Prä- aus dunklen Schicksalsmächten. Die Gra- leiter Menghin.
gung von Goldmünzen ein. bungsfunde unterstreichen, wie sehr sie Die Spatenzunft wirft nun Schlaglichter
Und die Bildung? Um 500 nach Christus am Heidentum festhielten: auf die grausame Wirklichkeit. Die Unter-
schlossen in Gallien die letzten Schulen für • Eine Totenstätte in Frankfurt (um 680 suchung an 500 Gebeinen von alemanni-
Grammatik (vergleichbar der modernen nach Christus) enthielt das Skelett eines schen Friedhöfen ergab, dass über zehn
Grundschule) und Rhetorik (Gymnasium). vierjährigen Kindes. Daneben lagen Prozent aller männlichen Toten einen ge-
„Die Pflege der schönen Wissenschaften“, Knochen eines Ferkels, eines Bären so- spaltenen Schädel haben. Meist traf der
lamentiert ein Chronist, sei „in Verfall ge- wie eines weiteren Kindes. Die Forscher Schwerthieb quer links über der Stirn –
raten“. Der Senator Cassiodor gilt als „letz- vermuten, „dass hier die Spielkamera- Hinweis auf eine Situation im rechtshändig
ter Philologe des klassischen Altertums“. Er den mit begraben wurden“. geführten Zweikampf.
starb um 580 nach Christus. • Noch im 8. und 9. Jahrhundert ließen Mit derlei Skelettfunden gerät das ei-
Um die enormen Umbrüche der Zeit sich die Nordleute neben aufgespieß- gentliche, tiefe und furchtbare Geheimnis
richtig zu fassen, darf nicht vergessen wer- ten Pferdeköpfen bestatten. In den Gru- der Völkerwanderungszeit ins Blickfeld.
den, dass der spätantike Weltstaat Rom be- ben finden sich häufig Hunde, in einem Ein ungeheurer Strudel der Gewalt ent-
reits weitgehend christianisiert war. Immer seltsamen Sonderfall eine gesteinigte stand damals. Jeder Stamm sei „durch und
mehr Staatsdiener, vor allem aus den ge- Katze. durch militarisiert“ worden, meint der US-
bildeten Schichten, wechselten in die Obhut Angesichts solcher Bodenfunde zweifeln Historiker Patrick Geary, „er wurde selbst
der Kirche. Bis an die Grenze zum germa- die Forscher auch nicht mehr an jenem zu einer Armee“.
nischen Urwald erhoben sich die Kreuze. Schauerbericht über die Langobarden, die Nur: Warum radikalisierte sich der Nor-
In Köln haben die Archäologen wuchti- angeblich bei einem Feldzug an einem den so?
ge gemauerte Taufbecken entdeckt. Der Fluss Menschenopfer darbrachten. Ihr Kö- Klar ist mittlerweile, dass die Franken
Ritus vollzog sich „invers“ – die Täuflinge nig Alboin (ermordet 572 nach Christus), bei diesem Wettrüsten eine Schlüsselrolle
standen bis zur Brust im Wasser. heißt es, habe den Vater seiner eigenen spielten. Sie waren es, die den Römern den
Bei den Barbaren stieß der Jesus-Glau- Gattin erschlagen und aus dem Schädel ein Todesstoß versetzten. Anders als die Rei-
be, die Religion der Nächstenliebe, anfangs Trinkgefäß herstellen lassen. „Durchaus che der Westgoten, Burgunden oder Van-
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Titel

lichen Ufer des Niederrheins (siehe Grafik


Seite 145).
Bereits Cäsar hatte um 50 vor Christus
den Strom überschritten und germanischen
Boden betreten. „Neun Monate Winter und
kein Sommer“, murrte er, als er das mise-
rable Klima erlebte, und zog wieder ab.
Zu der Zeit lebten in dem Gebiet meh-
rere Kleinstämme. In den römischen Quel-
len werden Salier, Sugambrer, Brukterer,
Chattuarier und Chamaven genannt.
Das Anrücken der kulturellen Super-
macht Roms stieß im nordischen Dickicht
bis zum Rheinufer offenbar eine fulmi-
nante Ethnogenese an. Es bildeten sich
Großstämme. Die in Weilern und Dörfern
verstreut lebenden Sippen stellten ihre
wehrfähigen Männer ab, die Lust auf
Abenteuer hatten. Diese verbanden sich
zu regionalen Großhorden und unterstell-
ten sich einem Führer.
So entstand eine Art Guerilla, eine Ur-
wald-Armee.

BPK
Die Schlagkraft der Feinde war damit
Hinrichtung germanischer Krieger durch Legionäre*: Strudel der Gewalt deutlich erhöht. Die Sachsen benannten
sich nach einem einschneidigen Hau-
dalen, die, kaum erschaffen, wieder zu Angesichts dieser enormen Bedeutung messer: dem „Sachs“. Die Alemannen
Staub zerfielen, hatte ihr neues Macht- haben die Forscher behende nach den geo- waren einfach alle kriegstüchtige Männer.
gebilde Bestand. grafischen Wurzeln der Franken gesucht. Im Begriff Franke steckt das indogerma-
Es war die Keimzelle zweier Nationen: Resultat: Die seltsame Ethnie (die der Stadt nische Wort preg, was frech, kühn, frei be-
Frankreich und Deutschland. Frankfurt ebenso den Namen gab wie den deutet.
Franzosen oder der bayerischen Land- Die so gebildeten größeren Aktionsein-
* Relief auf der Marc-Aurel-Säule in Rom. schaft Franken) lebte ursprünglich am öst- heiten hatten ein klares Ziel. Sie wollten
Beute machen. Der Mainzer Historiker verbot“ (Menghin) verhinderte ein Vermi- Köln zu erklimmen. Trotz gestählter Le-
Peter Arens spricht von „Mobilmachung“. schen der Volksgruppen. gionäre, die von 19 Wachtürmen Pfeilregen
Jenseits des Limes nämlich lag ein Para- Zugleich spielte Rom die diplomatische herabschossen, drangen die Angreifer ein.
dies. In „bonna“ erhoben sich säulenver- Geige. Den nordischen Häuptlingen und Weiter südlich rückten die Alemannen ge-
zierte Villen, in Baden-Baden (römisch: Kleinkönigen wurden Jobs beim Militär gen Mainz vor.
aquae) brauste sich die römische Genera- angeboten. Ihre Truppenführer erhielten Der Historiker Demandt führt die An-
lität in prunkvollen Badestuben mit Heil- Zugang zu hohen Kommandostellen. griffe auch auf eine „missglückte Einbür-
wasser ab. Im 4. Jahrhundert dienten Franken in gerung der Germanen“ zurück. Die snobis-
Ganz so leicht ging das Klauen aber der gallischen Elite-Armee. Kurz vor dem tischen Bewohner der Supermacht hätten
nicht. Mainz, das Verwaltungszentrum der Kollaps Roms waren sie in Generalsränge sich über ihre armen Nachbarn gern lustig
Germania superior, wurde von einer gemacht. Unerlässliche Kon-
ganzen Legion bewacht. In Köln saß das takte fanden im arroganten
römische Oberkommando für die nieder- „Gebärmutter der Völker“ hieß Medium der lateinischen Spra-
germanischen Streitkräfte. Händler aus
Syrien tummelten sich in den gepflasterten
Germanien bei den Römern. che statt.
Die desolate Lage im 4. und
Straßen, Goldschmiede und Weinhändler 5. Jahrhundert hat aber auch
aus Spanien. Am Flusshafen legten Han- aufgestiegen und sogar Oberbefehlshaber demografische Gründe. Während Rom mit
delsschiffe an. des Reichsheers. Kondomen aus Schweinedarm bereits Ge-
Im Jahre 258 nach Christus wagten die Rom erschlaffte, es war müde gewor- burtenkontrolle betrieb, vermehrten sich
Franken den Angriff. Geschwächt durch den. Plutarch und den schlüpfrigen Dichter die Fremden von jenseits des Rheins stetig.
innenpolitischen Zwist und einen Teil- Martial konnte der Adel bei Trüffel und „Gebärmutter der Völker“ wurde der
abzug der Legionen, lag Roms nördliche Fischpastete vortragen. Der Klerus betete. Norden genannt. Der Limes wirkte wie ein
Flanke frei. Den Barbaren gelang der Das Kämpfen überließ man gern anderen. künstlicher Riegel, vor dem ein Bevölke-
Durchbruch. Plündernd stießen sie aufs Doch der Plan, Pufferzonen zu bilden rungsstau entstand.
Reichsgebiet vor. und Grenzreservate, gefüllt mit „Födera- Um 360 nach Christus preschte erstmals
Noch aber griff die Pax Romana. Neue ten“, ging nicht auf. Die in Sold ge- ein ganzer Teilstamm über den Limes. Die
Kastelle entstanden. Ein bewegliches Feld- nommenen fränkischen Soldaten hielten vor Xanten siedelnden Salfranken dran-
heer wurde gebildet, das gestaffelt im Hin- engen Kontakt zu ihren Brüdern von gen zur Schelde vor. Das römische Heer
terland lag. Zugleich entschloss sich die jenseits des Rheins. Militärische Tricks stoppte den Menschenpulk zwar. Doch
Führung zur Vorne-Verteidigung. Ganze wurden von den Spionen in den Urwald wohin mit ihm? Man wies den Leuten
Germanendörfer wurden ausgehoben und weitergereicht. Land in einem morastigen Gebiet in Süd-
nach Gallien deportiert. Dort schufteten 355 nach Christus gelang es den Franken holland zu, Toxandrien genannt. In der
die Leute als Wehrbauern. Ein „Heirats- erstmals, die befestigte Stadtmauer von Nähe wurde später Chlodwig geboren.
Titel

Als 482 nach Christus der Sohn Chlod-


wig, damals 16 Jahre alt, ans Ruder kam,
war die politische Einheit Europas bereits
zerbrochen. Der Kontinent war zum wüs-
ten Machtvakuum verkommen, ein um-
gefallener Riese.
Chlodwig bediente sich am energischs-
ten aus dieser Konkursmasse. Der Vater
hatte noch als bezahlter Barbar von Roms
Gnaden gedient, der Spross schwang sich
nun selbst zum Boss auf.
Mit wohl kaum 4000 Berittenen zog
der junge König zuerst nach Innergallien
und verjagte den römischen Statthal-
ter. Dann eroberte er mit seinem Onkel
Sigibert, der sich in Köln zum König aus-
gerufen hatte, die alten Römerstädte Mainz
und Worms. Verwandte in Holland wurden
aus dem Weg geräumt. 507 nach Christus
schließlich gelang Chlodwig der Vorstoß
bis an die Pyrenäen.
Nun war der Weg frei. Mit Ochsenkar-

AKG
ren drangen die Franken bis tief nach Gal-
Chlodwig-Söhne bei Wurfübung*: Training mit der Nationalwaffe lien vor. Hier gab es noch unbeschädigte
Straßen, intakte Städte und reiche Lände-
In einer kalten Silvesternacht 406 nach Wie diese Desperados aussahen, zeigt reien. Zwar brach bald eine Hungersnot
Christus kam es ganz dick. Der Rhein war das Grab von Chlodwigs Vater Childerich, aus, doch auch das stoppte die Siedler
zugefroren. Nun spazierten ganze Stäm- der zuletzt unter dem Reichs-Generalissi- nicht.
me übers Eis. Zu Zehntausenden drangen mus Aegidius gedient hatte und für die Be- Reihengräber, die sich durch Nord-
ostgermanische Vandalen und Sueben mit wachung der Provinz Belgica II sorgte. frankreich ziehen, zeigen, wie zahlreich
Ochsenkarren nach Westen vor. „Ganz Es war eine Sensation, als im 17. Jahr- die Franken nach Westen vordrangen. Die
Gallien rauchte als einziger Scheiter- hundert das Grab dieses Mannes in Tour- Experten gehen davon aus, dass sie im
haufen“, notierte ein Chronist. nai entdeckt wurde. Er lag in voller Tracht Laufe der Zeit bis zu 20 Prozent der Be-
Zwar versuchte die schwer angeschla- mit Waffen unter einem Hügel. völkerung Galliens stellten.
gene Weltmacht, auch diese Stammes- Goldmünzen fanden sich neben dem Die Franzosen deuten den Einmarsch
armeen noch zu bändigen. Man teilte skelettierten Helden, 21 Pferde nahm er gern ins Heldenhafte um. Chlodwig gilt
ihnen Land zu und verpflichtete sie zum mit in den Tod. „Sein kompletter Marstall ihnen als „génie de la France“ – als Zart-
Militärdienst. Doch die ins Reich hinein- wurde geschlachtet“, sagt der Münchner geist mit feinen Manieren, der eine „christ-
gebrandeten Großgruppen gehorchten Merowingerforscher Bernd Päffgen. Die liche Nation“ schuf. Noch Napoleon nutz-
nicht mehr richtig. Um 450 nach Christus goldene Zwiebelknopffibel weist Childe- te einen goldenen Klappstuhl der Mero-
hatten sich in dem weiten Imperium rich als hohen römischen Beamten aus. winger als Thron.
germanische Machtzentren abgekapselt. Er hatte sie direkt aus der Hand des west- Richtig daran ist, dass Chlodwig um 496
Letztlich waren es Geschwüre im Staats- römischen Kaisers. nach Christus in der Kathedrale von Reims
körper von Rom (siehe Karte).
Am Rhein wurde die Lage derweil völ-
lig unübersichtlich. In Trier standen zwi-
schen 410 und 435 nach Christus insgesamt Ende der Antike
viermal fränkische Räuber vor den Toren. Das Römische Reich um 454 n. Chr.
Rhei

In Köln wimmle es von Feinden, die


FRANKEN
n

Theatervorstellungen seien eingestellt, Quelle: A. Demandt


meldete der Kleriker Salvianus. Eine Do
nau
Tante, vordem Senatorengattin, sei zur BURGUN-
WEST- DER
Dienstmagd in einem Barbarenhaushalt er- GOTEN
OSTGOTEN
niedrigt worden. SUEBEN
Klar ist, dass zu diesem Zeitpunkt in WESTRÖMISCHES REICH SCHWARZES MEER
Mainz und Köln fränkische Heerführer
saßen, die offiziell noch die Grenzsiche- Rom
Konstantinopel
rung übernahmen. In Rom lief es derweil
N
DA L E

drunter und drüber. Als der Kaiser die MITTEL- OSTRÖMISCHES REICH
Soldzahlungen fürs Militär einstellte,
N
VA

gingen auch die letzten Getreuen von der


Fahne.
Eben noch Generäle in römischen MEER
Grenze zwischen West- und
Diensten, riefen sich die fränkischen Mi- Ostrom seit 395 n. Chr.
litärs nun zu Königen aus. m 4. und 5. Jahrhundert drangen germanische
Das war die Stunde null in Europa. Das Stämme ins Römische Imperium ein. Sie bildeten
Mittelalter begann. eigenständige und bald nicht mehr kontrollierbare
Machtzentren – Keimzellen des Untergangs.
* Gemälde von Lawrence Alma-Tadema, 1861.

148 d e r s p i e g e l 1 1 / 2 0 0 7
Titel

im Taufbecken saß. Eine Taube soll das Sal- ser Diakon Theodulf fiel betrunken von drei Tage lang gefoltert und auf ein Kamel
böl vom Himmel gebracht haben. „Neige der Stadtmauer, als er einen Diener mit gesetzt. Schließlich band man sie an den
dein Haupt“, dröhnte der Bischof Remigi- der Faust schlagen wollte. Schwanz eines „bösartigen Pferdes“.
us, „verbrenne, was du angebetet hast, und Zu allem Überfluss frönten die Mero- Infolge der Thronkämpfe war die düste-
bete an, was du verbrannt hast.“ 3000 Fran- wingerkönige der Vielweiberei. König re Dynastie um 650 nach Christus so ge-
ken folgten ihm beim Schritt zum Chris- Chlothar I., der insgesamt sieben Frauen schwächt, dass Hausmeier die Macht über-
tentum. Dieser heilige Schwur soll die Ein- hatte, toppte alle. Als die eigene Gattin nahmen. Erst die Karolinger, ebenfalls
dringlinge angeblich gezähmt haben. den sexuellen Nimmersatt bat: „Bestellt fränkischen Geblüts, rissen das Steuer her-
Doch im Ernst war es mit um. Ihr berühmtester Vertre-
der Bekehrung nicht weit ter, Karl der Große, der in
hin. Erst in höchster Be- Aachen lebte, stoppte den
drängnis, in der Schlacht Verfall des Abendlands.
von Zülpich (bei Bonn), als All diese Grausamkeiten
ihm die Pfeile um die Oh- haben deutsche Gelehrte im
ren flogen, gelobte der Kö- 19. und 20. Jahrhundert gern
nig, sich taufen zu lassen. ihren französischen Kolle-
Missioniert hat er nie. Seine gen vorgehalten, wenn die
Erben waren noch Genera- versuchten, den Barbaren
tionen später Anhänger Chlodwig zum Edelgeist um-
Wotans. zustricken.
„Raue Sitten, eine natür- Speziell auf den Monar-
liche Zügellosigkeit der chen waren die Deutschen

PICTURE-ALLIANCE / DPA
Gemüter“ schrieb ein Kir- schlecht zu sprechen. Chlod-
chenmann den Franken zu. wig nämlich hatte seinen poli-
Eine andere Quelle meldet: tischen Aufstieg mit einem
„Die Heiligtümer troffen Attentat auf seinen Onkel aus
von Blut.“ Köln gekrönt. 511 nach Chris-
Mit den Verzärtelungen Antikes Stadttor in Trier: 1229 Jahre Ewigkeit tus ließ er Sigibert aus dem
der alten Senatorenkaste Weg räumen. Dafür stiftete er
hatte Chlodwig nichts im dessen eigenen Sohn zum
Sinn. Zwischen 508 und 511 Meuchelmord an. Während
nach Christus ließ er die einer Jagd schlich der Gedun-
„Lex Salica“ aufschreiben. gene ins Zelt des Vaters und
Das fränkische Rechtsbuch tötete ihn beim Mittagsschlaf.
diente vorrangig einem Als sich der Täter danach
Zweck: Es wollte in Mord- über eine Goldtruhe beugte,
fällen verhindern, dass um mit Chlodwig den Famili-
Blutfehden ausbrachen. Je- enschatz zu teilen, ließ der
STEFAN KÜHN / RHEINISCHES LANDESMUSEUM TRIER
der Täter musste deshalb seinen Neffen hinterrücks er-
ein „Wergeld“ an die Hin- schlagen.
terbliebenen zahlen. „Ich habe mit der Sache
Die Staffelung der Geld- nichts zu tun“, heuchelte er,
strafen ist verräterisch: so Chronist Gregor von
Das Leben eines „Fran- Tours, den aufgebrachten
ken“ kostete 200 Schillin- Kölnern vor, „da die Dinge
ge. Der Mord an gebärfähi- aber nun einmal so gekom-
gen Frauen wurde mit men sind, gebe ich euch ei-
immerhin 600 Schillingen nen guten Rat: Schließt euch
gesühnt. Für einen „römi- meiner Führung an.“
schen Mann“ dagegen wa- Römisches Trier (Rekonstruktion): Massenflucht gen Süden Der Historiker Scheibelrei-
ren nur 100 Schillinge fällig, ter ist sicher: Chlodwig war
für „römische Zinshörige“ noch weniger: gnädig meiner Schwester, die eure Sklavin eine „schwarze Seele“ und ein „Meister
45 Schillinge. ist, einen angesehenen und wohlhabenden der Hinterlist“.
Ins Glanzbild von Chlodwig als from- Ehemann“, hatte er schnell den richtigen Derlei Untaten mochten die Deutschen
mem Beschützer der gallorömischen Kul- Heiratskandidaten gefunden – und zwar: lange nicht vergessen. Im Ersten Weltkrieg
tur passt die Preisliste schlecht. „mich selbst“. nahmen die Truppen Wilhelms II. vier
Aber auch Gregor von Tours, der große Schwierig wurde die Lage, weil die so Tage lang die Kathedrale von Reims unter
Chronist der Merowingerzeit, der ein gezeugten Söhne allesamt erbberechtigt Artilleriebeschuss – Chlodwigs Taufort. Mi-
zehnbändiges Riesenwerk verfasste, gibt in waren. Die Franken glaubten an die „Ge- litärisch war die Aktion sinnlos, sie zielte
zahlreichen Anekdoten eine Ahnung, was blütsheiligkeit“ des eigenen Geschlechts. nur darauf ab, die Ehre der verfeindeten
für Raubeine da die Macht in Gallien über- Den christlich geprägten Amtsgedanken „Brudernation“ zu demütigen. Offiziell
nommen hatten. „Kein Tag verging ohne lehnten sie ab. Jeder männliche Nachkom- war es eine Genugtuung für die Zerstörung
Totschlag“, notierte der Sohn einer alt- me, ob Spross einer Hure oder einer Fürs- des Speyerer Doms durch die französische
römischen Adelsfamilie. tin, hatte Anspruch auf Thron und Besitz. Armee im Jahr 1689.
Bald verhunzten die Franken auch die Also mordete die Sippe, um die Macht Erst im 20. Jahrhundert haben Staats-
ehrwürdige Institution der Kirche und nicht zu zersplittern. Brüder, Tanten, Wit- männer den Abgrund überbrückt. Konrad
schanzten ihren Verwandten hohe Kir- wen räumten sich gegenseitig aus dem Weg. Adenauer und Charles de Gaulle, François
chenämter zu. Resultat: besoffene Ein- Königin Brunichild fielen zehn amtierende Mitterrand und Helmut Kohl, Jacques Chi-
siedler und Mord im Altarraum. Der Pari- Könige zum Opfer. Zur Strafe wurde sie rac und Angela Merkel hießen die Hände-
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schüttel-Konstellationen, die eine Freund- Vom Standpunkt der Archäologen und „Kurz nach Jelzins Antritt“, glaubt
schaft beschworen, der bis heute – Stich- Historiker kann der Status quo nicht be- Menghin, habe es eine Chance gegeben,
wort Airbus – ein Hauch von Neid und friedigen. Durch die Beutelust der ausge- die strittigen Stücke gleichsam auf dem
Argwohn innewohnt. powerten Sowjetarmee, die vor 62 Jahren kurzen Dienstweg wieder heimzuholen.
Die Ressentiments der Deutschen las- in Berlin einzog, wurden Fundkomplexe „Das ist verschlafen worden.“ Nun scheint
sen sich dabei leicht als narzisstische Krän- und Sammlungen zerrissen. durch den harten Beschluss der Duma al-
kung erklären. Die germanischen Salfran- Schlangenköpfe aus Cottbus und ver- les blockiert.
ken, die bis nach Paris vorgestürmt waren, zierte Ringe von der Marne glänzen jetzt in Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Kul-
vergaßen am Ende – symbolisch gespro- den Vitrinen in Moskau. Auch aus Holland turstaatsminister Neumann, der seinen Flug
chen – ihre Verwandten vom Rhein. liegt fürstlicher Goldschmuck vor. Er bereits für Sonntagmorgen gebucht hatte,
Zum Schluss griff der Assimilierungs- stammt aus Velp. Dort lebten reiche Ver- will rechtzeitig in Moskau sein, um die Zeit
druck der romanischen Bevölkerungs- wandte von Chlodwig. für Hintergrundgespräche zu nutzen. Zu-
mehrheit in Gallien nämlich doch. In den In der Schau sollen die Exponate als erst findet im Italienischen Hof des Mu-
Kontaktzonen gingen die Einwanderer im „kriegsbedingt verlagert“ gekennzeichnet seums eine Pressekonferenz statt. Um 16
Laufe der Zeit eine kulturelle Synthese werden. So ist es vereinbart. Eine ähnliche Uhr treffen sich die Top-Leute aus der Mu-
ein. Sie legten die rauen Bräuche ab. Abmachung wurde vor ein paar Jahren al- seumsbranche dann zum Rundgang durch
Das gilt auch für die Mundart. Die Neu- lerdings nicht eingehalten. Sicher sei er die Prachtschau. Für den Abend ist ein Buf-
siedler sprachen anfangs Altfränkisch, die deshalb erst, wenn er die Schilder sehe, fet in der Deutschen Botschaft angesagt.
alten Einwohner Vulgärlatein. Zuerst ver- verrät Klaus-Dieter Lehmann, der Präsi- Gibt es diesmal wieder nur höfliche
ständigte man sich mit Händen und Füßen, dent der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Floskeln?
dann folgten Radebrechen und Kauder- Dass teutonische Funde und Fibeln mit Immerhin: Gegenüber dem SPIEGEL
welsch. Odinsraben fernab im Osten liegen, macht schlug sogar die Museumsdirektorin An-

SPIEGEL TV (L.); VLADIMIR RODIONOV / ITAR-TASS (R.)


Innenansicht des Puschkin-Museums, Direktorin Antonowa mit Präsident Putin: Abgeschirmte Kostbarkeiten

Innerhalb von 500 Jahren entstand so schwerlich Sinn. Lehmann will weiter nach tonowa vergangene Woche versöhnliche
eine neue Sprache, das Altfranzösische. Es Lösungen suchen. Präsident Putin hält sich Töne an. Sie wünscht sich einen „Runden
ist ein wundersames Gemisch aus römi- aus der Debatte vornehm heraus. Tisch“, an dem die Verantwortlichen
schen Vokabeln, garniert mit germanischen Russland erklärt die starre Haltung gern noch einmal alle Argumente austauschen
Einsprengseln und einer ins Fränkische mit den eigenen Verlusten im Krieg. Zu- sollen.
verschliffenen Grammatik. dem habe man bereits bis 1958 rund 1,5 Bei Lehmann keimt wieder etwas Hoff-
Mit diesem Schritt spaltete sich das Fran- Millionen Kulturgüter in die DDR zurück- nung. Er glaubt zudem an die psychologi-
kenvolk in Ost und West – und in zwei geschickt. Aber immer noch schlummern sche Wirkung der Ausstellung, auf eine
Zungen. Das alte Zusammengehörigkeits- unzählige Beuteschätze in den Magazinen „Chance zur Aufklärung“ wenigstens bei
gefühl verwischte. Der Stamm war zu groß der Russischen Föderation. „Auch im His- den Besuchern. Ihm geht es vor allem um
geworden, er lebte zu verstreut. Man ver- torischen Museum nahe dem Kreml haben die „Entmystifizierung“ des Begriffs Beu-
stand sich nicht mehr. wir überraschend germanische Altertümer tekunst.
Und heute? Nach vielen weiteren, häu- ausfindig gemacht“, sagt der Fahnder Und auch der schwer enttäuschte
fig verheerenden Wendungen der Ge- Menghin. Menghin hegt noch den alten Traum. Die
schichte sind die Zeugnisse der merowin- Frau Antonowa schirmt ihre Kostbar- germanischen Fibeln aus Almandin, das
gischen Epochenstürmer, Schlagetots und keiten dagegen knallhart ab. In ihrem Ar- prächtige Geschmeide bronzezeitlicher
Meuchelmörder nun ausgerechnet in der chiv liegt der knapp 3000 Jahre alte Fürsten, das Schliemann-Gold: all das
fernen russischen Hauptstadt zu liegen ge- „Schatz von Eberswalde“ – 81 Goldteile, gehöre zur kulturellen Identität Deutsch-
kommen. Die Ausstellung im Puschkin- die in ein großes Tongefäß gestopft waren. lands.
Museum in Moskau macht deutlich, wie Es ist einer der seltsamsten Bodenfunde „Das ist unser Erbe“, sagt der Direktor,
verworren die Entwicklung Europas ver- überhaupt. Bislang darf ihn kein Wissen- „es gehört zurück nach Berlin.“
lief. schaftler untersuchen. Ulrike Knöfel, Matthias Schulz

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