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STEFAN YOWEV

DER
GEGENANGRIFF
Die inneren Schwächen des
Weltkommunismus
Copyright 1959 bei Simeon-Verlag, München
Druck: Josef Deschler KG., München 5
INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort: Der Kalte Krieg in östlicher Sicht . 7


Einleitung: Der ideologische Imperialismus des Kreml 9

I. Te i 1
Revision der sowjetischen Theorie von der Unvermeidbarkeit
der Kriege
1. Die klassischen kommunistischen Methoden der Eroberung der Welt 11
2. Die These von den unvermeidlichen Kriegen in der „Epoche des
Imperialismus" 11
3. ,,Kapitalistische Einkreisung der UdSSR" und „militärische Inter-
vention des Auslandes" . 13
4. Die „friedliche Koexistenz" H
5. Revision der leninistisch-stalinistischen These von der Unvermeid-
barkeit der Kriege in der „Epoche des Imperialismus• . . . . 18
6. Die wirklichen Beweggründe für den sowjetischen Verzicht auf
globale Kriege . 21
7. Die praktischen Schlußfolgerungen . 24

II. Te i l
Der politische und psychologische Gegenangriff
1. Das Hauptziel der kommunistischen Strategie - Sturz der bürger-
lichen Staatsordnung 29
2. Der Kalte Krieg . 32
3. Den Spieß umdrehen 34
4. Die Zersetzung der kommunistischen Kader in den Volksrepubliken 35
5. Befreiung - nur mit eigenen Kräften 38
6. Eine Chance für die Völker - Koordinierung des Widerstandes
gegen die Herrschaft der kommunistischen Diktatur . 39
7. Lehre aus dem Aufstand von Ungarn . . 42
8. Eine geistige Umwälzung bei den westlichen Demokratien 43

III. Te i 1
Theorie und Praxis des Antikommunismus
1. Keine Menschen - nur Nummern 45
2. Die kommunistische Amoralität 46
3. Die Achillesferse des kommunistischen Programms 47
4. Eine NATO der psychologischen Kampfführung 50
5. Erforschung der Krise des Marxismus-Leninismus 52

IV. T e il
Eine neue Konzeption der Ostpolitik
1. Klare Zielsetzung . . . . . . . . 59
2. Neue Theorien zur Bekämpfung der kommunistischen Expansion 59
3. ,, Völker, höret die Signale" . 63
Vorwort

DER KALTE KRIEG IN OS1LICHER SICHT


Chruschtschow erklärte vor seinem Amerikabesuch, daß eines der Haupt­
ziele seiner Besprechungen mit Eisenhower die Einstellung des Kalten Krie­
ges sei. Nach seiner Rückkehr hob der Sowjetführer in Moskau hervor, daß
er sich vom Wunsch des amerikanischen Präsidenten, den Kalten Krieg zu
beenden, überzeugt habe. Eisenhower selbst betonte, daß der Besuch Chru­
schtschows den Beginn einer „Eisschmelze" des Kalten Krieges bedeute.
Was versteht man aber beiderseits des Eisernen Vorhangs unter „Kalter
Krieg"? Soweit man mit diesem Schlagwort Wettrüsten, Drohungen und Er­
pressungen in den zwischenstaatlichen Beziehungen meint, wäre eine Ent­
spannung im Kalten Krieg zu begrüßen. Vergessen sei aber nicht, daß Kal­
ter Krieg nicht zuletzt Ideenkampf bedeutet.
In dieser Hinsicht sind die Kommunisten doppelzüngig. Den gegen den
,,Kapitalismus" gerichteten psychologischen Kampf nennen die Kommu­
nisten „Friedenskampf". Die Verteidigung des Westens gegen die kommuni­
stischen Angriffe nennen sie einen „verdammenswerten Kalten Krieg".
In den Reden, die Chruschtschow vor der amerikanischen Öffentlichkeit
hielt, gab er seiner Oberzeugung Ausdruck, daß der Sozialismus die einzige
ideale Gesellschaftsordnung sei und daß der Kapitalismus zum Untergang
verurteilt sei.
Der Westen ist nun genau so berechtigt, seinen unerschütterlichen Glauben
an die freiheitliche Demokratie zu manifestieren, den Kommunismus abzu­
lehnen und zu begründen, daß dieses totalitäre System eher zum Untergang
verurteilt ist als die heutige westliche Gesellschaftsordnung. Chruschtschows
wichtigstes Nahziel ist es - eingedenk dessen, daß ein heißer Krieg in ab­
sehbarer Zukunft nicht denkbar ist - die freien Völker dazu zu bringen,
gerade auf jenem Gebiet kampflos zu kapitulieren, auf welchem die Ent­
scheidung um die Zukunft der Menschheit fallen wird - auf dem Gebiet des
Ideenkampfes. Der Kalte Krieg als politischer und ideologischer Zweikampf
soll nach dem Willen des Kremlgewaltigen einseitig vom Westen her einge­
stellt werden.
Die von Chruschtschow angestrebte geistige Demobilisierung der freien Völ­
ker gegenüber dem Kommunismus birgt eine große Gefahr. Schon heute be­
finden wir uns in der äußerst bedenklichen Lage, daß jede Verteidigung ge­
gen kommunistische Angriffe und gegen die Flut kommunistischer Propa­
ganda als „Störfeuer gegen die Entspannungspolitk des Kreml" bezeichnet
wird. Daß der Osten hofft, auf diese Weise eine Schwächung des Westens

7
herbeiführen zu können, geht aus seinen, gerade auf diesem Sektor vermehr­
ten Anstrengungen hervor.
Bundeskanzler Dr. Adenauer erklärte lt. Bulletin vom 8. September 1959:
,.Ober die vom Kommunismus ausgehende Gefahr gibt es so wenig Zwei­
fel wie vor zehn Jahren, und für die Abwehr des Bolsdiewismus gibt es
für die Bundesrepublik wie für alle freien Völker nadi wie vor zwei
hervorzuhebende Möglidikeiten. Das ist einmal das westlidie Verteidi­
gungsbündnis zur Sidierung gegenüber Aggressionen kommunistisdier
Staaten. Die zweite Möglidikeit, den Bolsdiewismus fernzuhalten, besteht
darin, das eigene Volk durd, Aufklärung über das Wesen des Kommu­
nismus und durdi soziales Verhalten gegen die bolsdiewistisdie Ideologie
immun zu madien ..."
Und am 16. Oktober 1959:
,, • .. Denn, audi wenn eine allgemeine Abrüstung kommt, so werden
dodi auf eine nodi nidit absdiätzbare Periode große wimdiaftlidie und
audi geistige Gegensätze zwisdien den kommunistisdien und niditkom­
munistisdien Staaten bestehen bleiben, und daher wird die wirtsdiaftlidie
und geistige Auseinandersetzung mit dem Kommunismus auf viele Jahre
hinaus eines der wesentlidisten Probleme in dieser Welt sein. Daher müs­
sen die freien Völker, um ihren grundsätzlidien Standpunkt in der ridi­
tigen Weise audi mit geistigen Waffen vertreten zu können, audi in einer
sehr fernen Zukunft eng zusammenarbeiten.•

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EINLEITUNG

Der ideologische Imperialismus des Kreml


Die weltanschaulichen Bewegungen unserer Epoche zeichnen sich unter an­
derem dadurch aus, daß ihre Eroberungspläne vom Anbeginn an offen
und definitiv der Welt zur Kenntnis gebracht werden.
Die Gefolgschaft des neuzeitlichen politischen Messias muß nämlich fort­
während ideologisch geschult und in ihrem Sendungsbewußtsein gestärkt
werden. Zur täglichen Indoktrination gehören unerläßlich bestimmte pro­
grammatische Standardwerke der Begründer der ideologischen Bewegungen.
So war in Hitlers „Mein Kampf" die ganze expansive und aggressive außen­
politische Konzeption des Nationalsozialismus schon in den zwanziger Jah­
ren mit brutaler Deutlichkeit dargelegt worden. Und doch versuchten demo­
kratische Politiker im In- und Auslande zwischen 1933 und 1939 ihre
Augen davor krampfhaft zu verschließen.
In derselben Weise stellen sich heute zahlreiche Politiker, Wirtschaftler,
Publizisten u. a. in der freien Welt taub und blind gegenüber den Expan­
sionsplänen des internationalen Kommunismus, ungeachtet der Tatsache,
daß die Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus" und die gegenwär­
tigen Führer des kommunistischen Blocks niemals ihr Programm der Er­
ringung der Weltherrschaft verheimlicht haben.
.Alle Marxisten-Leninisten sind von einer fanatischen Weiterlösungsidee
besessen. Mit sektiererischer Inbrunst, mit dem Einsatz aller geistigen und
materiellen Mittel kämpft diese Verschwörerbewegung seit dem ersten Tag
ihres Bestehens um die Verwirklichung eines einzigen Ziels: ,,Befreiung des
Proletariats der ganzen Welt vom kapitalistischen Joch".
Seit jeher betrachtete daher die Sowjetführung die Errichtung ihrer Dik­
tatur in Rußland nicht als einen Selbstzweck, sondern als eine Etappe auf
dem Wege zum „Endsieg des Sozialismus im internationalen Maßstab".
„Deshalb soll sich die Revolution des siegreichen Landes (Rußland) nicht
als eine sich selbst genügende. Größe betrachten, sondern als Stütze, als
Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in den anderen
Ländern ... " 1}.
Die jetzigen Sowjetführer unterstellen genau so wie ihre Vorgänger die
gesamte Politik ihres Landes und des von ihnen beherrschten Ostblocks
der übergeordneten Weltrevolutionsidee.
Als verblendete Dogmatiker sind die kommunistischen Machthaber felsen­
fest davon überzeugt, daß der Endsieg ihrer chiliastischen Bewegung durch
„höhere gesellschaftlich-ökonomische Gesetze" bedingt sei und daher mit
historischer Notwendigkeit eintreten müsse.
1} J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, Bd. I, S. 45, Moskau, 1947.

9
,,Im Wettbewerb der zwei Systeme - des kapitalistischen und des sozia­
listischen - wird das sozialistische System siegen ... Unsere Zuversicht
in den Sieg des Kommunismus gründet sich darauf, daß die sozialistische
Produktionsweise gegenüber der kapitalistischen entschiedene Vorzüge
besitzt •.."2).
Was die Kommunisten unter „Endsieg des Sozialismus" verstehen, erläuterte
Chruschtschow in unmißverständlicher Weise auf dem letzten Parteikongreß
der KPdSU:
„Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus verstehen die Marxisten
seinen Sieg im internationalen Maßstab ..,"3).
In dem gleichen Rechenschaftsbericht rief der Sowjetdiktator ungeachtet aller
kommunistischen Beteuerungen, daß eine „friedliche Koexistenz" zwischen
den beiden Weltlagern möglich und erstrebenswert sei, den westlichen „Ka­
pitalisten" höhnisch zu:
,.Wir werden euch zu Grabe tragen ..."4 ).
Die kommunistischen Weltherrschaftspläne sind keine Erfindung anti­
kommunistischer „Kreuzzügler", sondern eine harte Wirklichkeit, welche
die gesamten Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen über­
schattet.
Der ökonomische Imperialismus der westlichen Kolonialmächte aus dem
19. Jahrhundert gehört heute der Vergangenheit an; er wurde jedoch von
dem noch expansiveren und ausbeuterischeren Imperialismus des Bolsdie­
wismus abgelöst.
Diese „fortschrittliche" Bewegung stellt in unseren Tagen den einzigen frie-­
densstörenden Faktor der Welt dar.
Erst der endgültige Zusammenbruch des weltkommunistischen Systems
würde den Völkern den heißersehnten dauernden Frieden gewähren und
sie von der Gefahr eines apokalyptisdien Untergangs befreien.

2) N. S. Chruschtschow, Bericht des Zentralkomitees der KPdSU auf dem 20. Par­
teitag der KPdSU, Düsseldorf, 1956, S. 32.
3) N. S. Chruschtschow, Bericht des Zentralkomitees der KPdSU auf dem 21. Par­
teitag der KPdSU, Prawda, Moskau , 28. 1. 1959.
4 ) Ebenda.

10
I. Teil
REVISION DER SOWJETISCHEN THEORIE VON DER
UNVERMEIDBARKEIT DER KRIEGE

/. Die klassischen kommuni�tischen Methoden der Eroberung


der Welt
Die Schöpfer der neuzeitlichen kommunistischen Bewegung, Lenin und Sta­
lin, vertraten ihr Leben lang die These, daß der Endsieg des Weltkommunis­
mus nur durch Gewaltanwendung, durch revolutionäre, kriegerische Mittel
zu verwirklichen sei.
,,Wir sind keine Pazifisten .. . Wir haben es stets als Unsinn betrachtet,
daß das revolutionäre Proletariat auch revolutionären Kriegen abschwö­
ren sollte, die sich im Interesse des Sozialismus als notwendig erweisen
sollten ..."1).
,,Die proletarische Revolution ist unmöglich ohne die gewaltsame Zerstö­
rung der bürgerlichen Staatsmaschine und ihre Ersetzung durch eine
neue . .."2).
Lenin führte, besonders seit 1903, einen nie erlahmenden Kampf gegen die
konkurrierende marxistische Partei der „Sozialpazifisten", die an einen
friedlichen, evolutionären Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus
glaubten. Er war überzeugt, daß der Sturz des „Weltkapitalismus" und
seine Ablösung durch den „Weltsozialismus" nur im Zuge kriegerischer Zu­
sammenstöße zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Staaten
erzwungen werden könne.
,,Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg,
der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hart­
nädtigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten . . ."3).

II. Die These von den unvermeidlichen Kriegen in der


,,Epoche des Imperalismus"
Indem er das militaristische Prinzip und die Aggressionskriege - soweit
es sich um zwischenstaatliche Kriege handelt, die „im Interesse des Sozia­
lismus" geführt werden, bezeichnet man sie von kommunistischer Seite als
„gerechte Kriege" - kompromißlos bejahte, entwickelte Lenin die Theorie
von der Unvermeidbarkeit der Kriege in der „Epoche des lmperalismus"' .
1) W. 1. Lenin, Ausgew. Werke, Bd. II, S. 772, Moskau, 1947.
2) W. I. Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 434 (russ.).
3) W. I. Lenin, Ausgew. Werke, Bd. X, S. 105.

11
Daß angeblich die kriegerischen Zusammenstöße zwischen dem kapitalisti­
schen und dem sozialistischen Lager unausbleiblich sind, wird nach Lenin
einmal durch die unausgesetzten Bestrebungen der „Imperialisten• bedingt,
die sozialistischen Staaten, welche die Weltherrschaft des Kapitalismus be­
drohen, zu vernichten und in ihnen die kapitalistische Gesellschaftsordnung
zu „restaurieren".
„Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus umfaßt eine ganze
geschichtliche Periode. Solange sie nicht abgeschlossen ist, behalten die
Ausbeuter unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und diese
Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration. Und nach der
ersten ernsten Niederlage werfen sich die gestürzten Ausbeuter, die ihren
Sturz nicht erwartet, an ihn nicht geglaubt, keinen Gedanken an ihn zu­
gelassen haben, mit verzehnfachter Energie, mit rasender Leidenschaft,
mit hundertfachem Haß in den Kampf für die Wiedererlangung des ihnen
weggenommenen ,Paradieses'" . . .1 ).
Zudem „entdedite" Lenin ein „Gesetz", nach welchem die u n g 1 e i c h ­
m ä ß i g e Entwicklung der kapitalistischen Staaten in der Periode des „Im­
perialismus" Widersprüche zwischen den kapitalistischen Mächten schaffe,
die ihrerseits zwischenstaatliche Kriege unvermeidlich machten.
Stalin präzisierte diesen Leninschen Lehrsatz in folgender Weise:
„Daraus ergibt sich als dritte Schlußfolgerung: Die Unvermeidbarkeit
der Kriege unter dem Imperialismus und die Unabwendbarkeit der Koa­
lition zwischen der proletarischen Revolution in Europa und der kolo­
nialen Revolution im Osten zu einer einheitlichen Weltfront der Revo­
lution gegen die Weltfront des Imperialisten . . •"2).
Im blinden Eifer vertrat Stalin bis zu seinem letzten Atemzug das Dogma
seines Lehrmeisters, daß nur kriegerische Methoden den Endsieg des Prole­
tariats gewährleisten könnten.
„Ich könnte mich auf die bekannte Rede Lenins auf dem 3. Parteitag
(1903 ) berufen, wo er die Diktatur des Proletariats nicht als eine ,Organi­
sation der Ordnung', sondern als eine ,Ordnung des Krieges' qualifi­
zierte . . ."3).
Lenin und Stalin bekämpften denn auch konsequent und unnachgiebig den
,.kleinbürgerlichen Nationalismus" und den „sozialdemokratischen Pazi­
fismus":
„Die Marxisten haben niemals vergessen, daß die Gewalt unvermeidlich
eine Begleiterscheinung des Zusammenbruchs des Kapitalismus . .. sein
wird . • ."').
,.Die neue Periode ist die Periode offener Zusammenstöße der Klassen,
die Periode revolutionärer Aktionen des Proletariats, die Periode der
�--- -
1) W. I. Lenin, ,,Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky", Ausgew.
Werke, Bd. II, S. 434, Moskau, 1947.
:!) J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, Bd. I, S. 29, Moskau, 1947.
8) Ebenda S. 34.
4) W. I. Lenin, Ausgew. Werke, Bd. VIII, S. 331.

12
proletarischen Revolution, die Periode der direkten Vorbereitung der
Kräfte zum Sturz des Imperialismus, zur Ergreifung der Macht durch das
Proletariat . . .•1 ).
Somit bekannte sich der Generalstab der Weltrevolution in Moskau bis 1956
zu dem fundamentalen Prinzip, daß in der „Epoche des Imperialismus• die
Kriege einerseits zwischen den kapitalistischen Staaten untereinander und
anderseits zwischen dem weltkapitalistischen und dem weltsozialistischen
Lager einer Geschichtsnotwendigkeit entsprängen.

III. ,,Kapitalistische Einkreisung der UdSSR" und


,, militärische Interventionen des Auslandes"
Die Auffassung, daß die UdSSR sich seit dem ersten Tag ihres Bestehens in
einer „kapitalistischen Einkreisung" befinde, und daß die „Imperialisten"
kein anderes Ziel kennten, als durch „Interventionen" die Macht des prole­
tarischen Staates von außen her zu stürzen, erhielt einen Ausdruck in der
Präambel der Verfassung der Sowjetunion mit der These von den „beiden
Lagern" - dem kapitalistischen und dem sozialistischen -, die sich feindlich
gegenüberstünden und folglich früher oder später militärisch zusammen­
prallen müßten.
Dieser Antagonismus bedeute nichts anderes als die Ausdehnung des Klas­
senkampfes auf die internationale Ebene.
„Nur der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen die
Interventionsgefahr und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn
ein einigermaßen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit Unter­
stützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals
erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die
Arbeiter aller Länder •. . die unerläßliche Vorbedingung für den endgül­
tigen Sieg des Sozialismus •. . •1 ).
Die Sowjetführung forcierte angesichts dieser angeblichen permanenten Be­
drohung aus dem Ausland - in Wirklichkeit im Hinblick auf ihre Welt­
herrschaftspläne - seit Ende der zwanziger Jahre die schwerindustrielle
Entwicklung auf Kosten der Versorgung der eigenen Bevölkerung, baute
eine gewaltige Rüstungsindustrie auf und schuf die größte Kriegsmaschine
der Geschichte.
In seinem Bericht über das Ergebnis des ersten Fünfjahreplans vor der Ple­
narsitzung des Zentralkomitees der KPdSU am 7. Januar 1933 rechnete
Stalin mit den Bucharinisten ab und rechtfertigte die totale Militarisierung
der sowjetischen Gesellschaft :
,,Man sagt, daß dies alles gut sei, wir hätten viele neue Fabrikwerke ge­
schaffen, hätten die Grundlagen der Industrialisierung gelegt. Es wäre aber
-----
5 ) ,,Geschichte der KPdSU (Kurzer Lehrgang)•, S. 443, Moskau, 1 945.
1 ) W. I. Lenin, Ausgew. Werke, Bd. IX, S. 393.

13
besser gewesen, auf die Industrialisierungspolitik, auf die Politik der Stei­
gerung der Produktionsmittel zu verzidi.ten, oder zumindest diese Auf­
gabe in den Hintergrund zu stellen, um mehr Kleiderstoffe, Sdi.uhe etc.
herzustellen. Wir haben tatsädi.lidi. weniger Konsumgüter hergestellt als
nötig ist, und das sdiafft gewisse Sdiwierigkeiten. Wir müssen uns aber
Rediensdi.aft darüber geben, wohin uns eine soldie Politik der Hint­
ansetzung der Aufgabe der Industrialisierung geführt hätte. Natürlidi.
hätten wir in einem soldien Falle von den 1,5 Milliarden Rubel Devisen,
die in dieser Periode für Masdiinen unserer Sdi.werindustrie ausgegeben
wurden, die Hälfte für die Einfuhr von Baumwolle, Leder, Wolle, Kaut­
sdiuk etc. vorsehen können. Dann bäten wir mehr Kleidung, Sdi.uhe usw.
gesdiaffen . . . In diesem Falle hätten wir jedodi nidit alle jene modernen
Verteidigungsmittel zur Verfügung, ohne die eine Wahrung der staat­
lidien Unabhängigkeit unseres Landes nidit möglidi ist, ohne die das
Land sidi in einen Gegenstand kriegerisdier Operationen äußerer Feinde
verwandelt. Unsere Lage wäre dann mehr oder weniger derjenigen des
jetzigen Chinas analog, das keine eigene Sdiwerindustrie, keine eigene
Rüstungsindustrie besitzt, und von dem jetzt alle Land rauben, die nidit
zu faul dazu sind . .. Mit anderen Worten, hätten wir in einem soldi.en
Falle kriegerisdie Interventionen gehabt, keine Niditangriffspakte, son­
dern Kriege, Kriege, die blutig und ungleidi. wären, denn in diesen Krie­
gen stünden wir fast unbewaffnet Feinden gegenüber, die alle modernen
Kriegsmittel zur Verfügung haben . . ."2).
Stalins Programm der Priorität der Schwerindustrie, d. h. der Rüstung vor
der Leicht- und Konsumgüterproduktion, setzte sich am Vorabend des ersten
Fünfjahresplans durch und gibt auch heute noch der gesamten Volkswirt­
schaft der UdSSR das Gepräge.
Diese ökonomische Politik, die vollständig dem Primat der ideologischen
Zielsetzung untergeordnet ist und von allen kommunistischen Staatsführun -
gen konsequent befolgt wird, geht davon aus, daß das „sozialistische Lager"
unaufhörlich und unter größten Entbehrungen rüsten müsse, um einerseits
in der Lage zu sein, ,.kriegerische Interventionen" der „Imperialisten" ab­
zuwehren, und anderseits bereit zu sein für das „letzte Gefecht", von dem
schon im „Kommunistischen Maniseft" von Marx und Engels (1848) die
Rede ist.

I V. Die „friedJiche Koexistenz"


Die Sowjetführer benützen das Schlagwort (kein Dogma!) vom „friedlichen
Nebeneinanderbestehen" der beiden Weltsysteme - Kapitalismus und So­
zialismus - als wichtigstes Propagandamittel zur Verschleierung der kom­
munistischen Expansionsziele.
Sie betonen dabei, daß dieses angeblich immanente Prinzip der sowjetischen
Außenpolitik vom Schöpfer des Sowjetstaates und Begründer des moder­
nen Kommunismus, von Lenin, aufgestellt worden sei.
2) J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, Bd. II, pp. 282/283 (bulg.), Moskau, 1935.

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In Wirklichkeit hat Lenin niemals einen Lehrsatz von der Möglichkeit einer
friedlichen Koexistenz zwischen der UdSSR und den kapitalistischen Staa­
ten proklamiert.
In seinen letzten Schriften spricht Lenin wohl oft von den Vorteilen des
Friedens und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der kapitalistisdien
Welt. Er faßte dies jedoch nur als eine Etappe im allmählichen Prozeß der
Ausdehnung des kommunistischen Systems auf.
In einem Interview mit dem "New York Evening Journal" vom 18. Fe­
bruar 1920 sagte er:
„Unsere Pläne in Asien? Dieselben wie in Europa: friedliche Koexistenz
mit den Völkern, mit den Arbeitern und Bauern aller Nationen . .. "
Lenin machte also ausdrücklich einen Unterschied zwisdien den "Volks­
massen" in den bürgerlichen Staaten, die angeblich dem Bolschewismus ge­
genüber freundschaftlidi eingestellt seien, und der "herrschenden Klasse" in
diesen Ländern, die ein Feind des Sowjetregimes sei.
Die gegenwärtige Sowjetführung will aber Lenin mit bewußter Täuschungs­
absicht unterstellen, daß er eine friedliche Koexistenz mit den kapitalisti­
schen Staatsführungen gemeint habe.
Wenn jedoch Lenin einen Frieden nur mit den Arbeitern und Bauern in den
kapitalistischen Staaten anstrebte und davon ausging, daß zwischen den
,, Volksmassen" in den bürgerlichen Ländern und der „herrschenden Klasse"
in letzteren eine Todfeindschaft, beruhend auf den »Klassengegensätzen",
bestehe, so bedeutet die leninistische „friedliche Koexistenz" faktisch nichts
anderes als einen Versuch, einen Keil zwischen die Arbeiter und Bauern
einerseits und die Regierungen in den „imperalistischen" Staaten anderseits
zu treiben. Mit anderen Worten, das »friedliche Nebeneinanderbestehen"
von Kapitalismus und Sozialismus ist aus Leninscher Sicht eine Kampf­
ansage und kein Friedensangebot an die Adresse der bürgerlichen Staaten.
Die These, daß eine friedliche Koexistenz zwischen Staaten mit unterschied­
lichen wirtschaftlichen und sozialen Systemen möglich und erstrebenswert
sei, wurde dagegen erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges von Stalin
vertreten. Wir möchten aber ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß
es sich hierbei um keinen ideologischen Lehrsatz, sondern um eine politisch
bedingte Behauptung handelt, die mit dem marxistisch-leninistischen Pro­
gramm unvereinbar ist.
Als der britische Journalist Alexander Werth im September 1946 Stalin die
Frage stellte:
„Glauben Sie, daß eine freundschaftliche und dauernde Zusammenarbeit
zwischen der Sowjetunion und der westlichen Demokratie trotz der Exi­
stenz ideologischer Uneinigkeit möglich ist? Glauben Sie an einen fried­
lichen Wettstreit der beiden Systeme?" erwiderte Stalin :
,,Ja, bedingungslos!"

15
Erklärungen in diesem Sinne gab Stalin 1947 vor Elliot Roosevelt und
Harold Stassen ab.
Die letzte Aussage zu dieser Frage machte Stalin vor der Moskauer
,.Prawda" am 2. April 1952:
„Die friedlidi.e Koexistenz des Kapitalismus und des Kommunismus ist
wohl möglidi., vorausgesetzt, daß der gemeinsame Wunsdi., zusammenzu­
arbeiten, die Bereitsdi.aft, eingegangene Verpßidi.tungen einzuhalten, und
der Grundsatz der Gleidi.heit und der Nidlteinmischung in die inneren
Angelegenheiten des anderen Staates, besteht . ..•
Stalins erster Nachfolger Malenkow ging in dieser Hinsicht sogar einen
Schritt weiter. Am Tage der Beisetzung des Diktators im März 1953 er­
klärte er:
„Lenin und Stalin bekannten sich zu den Prinzipien der Koexistenz auf
die Dauer und des friedlidi.en Wettstreits der beiden versdi.iedenen
Systeme . . ."
Weder Lenin noch Stalin hatten aber jemals von einem d a u e r n d e n fried­
lichen Nebeneinanderbestehen zwischen dem Kapitalismus und dem Sozia­
lismus gesprochen. Eine solche These hätte ja der Weltrevolutionsidee und
dem Glauben an den unausbleiblichen Endsieg des Kommunismus wider­
sprochen. Dieser Zusicherung Malenkows ist noch weniger Bedeutung beizu­
messen; denn im Bestreben, die freie Welt in falsche Sicherheit einzulullen,
ging der damalige sowjetische Regierungschef über die Reserve Stalins hin­
aus, der absichtlich die Frage der Dauer der friedlichen Koexistenz über­
ging. Chruschtschow erblickt seinerseits in der These der bedingten fried­
lichen Koexistenz eine Propagandawaffe zur Unterminierung der Wider­
standskraft der freien Völker, die vielleicht noch wirkungsvoller ist als die
Erpressung mit den Atomwaffen.
Auf dem 20. Parteitag der KPdSU (Februar 1956) beteuerte der jetzige
Parteichef:
,,Das Leninsdi.e Prinzip des friedlichen Nebeneinanderbestehens von Staa­
ten mit verschiedener sozialer Gesellschaftsordnung war und bleibt auch
in der Zukunft die Generallinie der Außenpolitik unseres Landes • . •" 1) .
Im gleichen Rechenschaftsbericht proklamierte Chruschtschow fünf Prinzi-
pien der Koexistenz mit dem Westen:
,,Gegenseitige Achtung der territorialen Integrität und der Souveränität,
Nichtangriff, Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des an­
deren, Gleichheit, wirtschaftliche Zusammenarbeit .. ." 2 ).
Eine Theorie der dauernden friedlichen Koexistenz zwischen dem Kapitalis­
mus und dem Sozialismus - nur ein solches friedliches Nebeneinanderbe-
1 ) N. S. Chruschtsdi.ow, Bericht des Zentralkomitees der KPdSU auf dem 21. Par­
teitag der KPdSU, Prawda, Moskau, 14. 2. 1956.
1) Ebenda.

16
stehen hätte überhaupt einen Sinn - ist mit der kommunistischen Weltrevo­
lutionsidee, dem fundamentalen Grundsatz der internationalen kommuni­
stischen Bewegung, unvereinbar. Jeder überzeugte kommunistische Führer
faßt daher die friedliche Koexistenz nur als eine vorübergehende Phase auf.
"Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und
die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist
auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das
andere siegen . .. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster
Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staa­
ten unvermeidlich . . ." 3 ).
Der eifrigste Befürworter der friedlichen Koexistenz unter den bisherigen
Sowjetführern, Chruschtschow, machte es auch eindeutig klar, daß das
"friedliche Nebeneinanderbestehen" der beiden Regierungssysteme eines
Tages ein Ende finden muß, um dem Sieg des Kommunismus auf der gan­
zen Erde den Weg freizumachen. Auf der Heimreise von der ersten Genfer
Gipfelkonferenz, die einen Markstein in der Geschichte des Koexistenzia­
lismus darstellt, warnte er seine weniger weitblickenden Genossen davor,
aus der These der friedlichen Koexistenz etwa den Schluß zu ziehen, daß
die ideologische Zielsetzung des Weltkommunismus eine Wandlung erfahren
habe:
„Die Sowjetdelegierten in Genf lächelten, und das war kein künstliches
Lächeln, sondern ein natürliches Lächeln. Wir wünschen ehrlich und auf­
richtig friedliche Beziehungen zu allen Ländern. Aber wenn jemand er­
wartet, daß wir unsere Ziele und unsere Überzeugung von der Richtig­
keit der Lehre von Marx, Lenin und Stalin aufgegeben haben, macht er
einen schweren Fehler. Wir ki 'nnen denen, die solches erwarten, nur ver­
sichern, daß sie warten müsse,\, bis Ostern und Pfingsten auf einen Tag
fallen . . ."4).
Sowohl Lenin und Stalin als auch die jetzigen Sowjetführer sind stets davon
ausgegangen, daß die "friedliche Koexistenz" in unserer Zeit mit dem tota­
len Zusammenbruch des Kapitalismus ihr Ende zu finden hat. Lenin glaubte
jedoch; daß der Endkampf der beiden Systeme durch eine "Reihe furcht­
barster Zusammenstöße" entschieden würde.
Chruschtschow hat indessen diese grundlegende Leninsche Revolutionstheo­
rie modifiziert.
Er vertritt heute den Standpunkt, daß der Endsieg des Kommunismus im
Weltmaßstab auch ohne globale Kriege erreicht werden könne. Die neue
Theorie wurde zum ersten Male auf dem 20. Parteitag der KPdSU offiziell
aufgestellt, um auf dem 21. Parteitag der KPdSU bekräftigt zu werden.

3) W. I. Lenin, Sämtl. Werke, Bd. XXIV, S. 122 (russ.).


') N.S. Chruschtschow, vor der Regierungsdelegation der "DDR", "Neues Deutsch­
land", Berlin, 18. September 1955.

2 17
V. Revision der leninistisch-stalinistischen These
von der Unvermeidbarkeit der Kriege in der
,,Epoche des Imperialismus "
Auf dem bemerkenswerten 20. Parteitag der KPdSU (Februar 1956) korri­
gierte die Kremlführung nicht nur eine ganze Reihe von Stalinschen Lehr­
sätzen, sondern auch die fundamentale Kriegstheorie Lenins.
In seinem Rechenschaftsbericht vor dem 21. Parteitag der KPdSU (Januar
1959) bestätigte Chruschtschow diese Revision und legte die neue offizielle
Theorie der weltkommunistischen Bewegung dar, die nichts anderes besagt,
als daß der Endsieg des Kommunismus im internationalen Maßstab auch
ohne allgemeine Kriege zwischen dem Osten und dem Westen verwirklicht
werden könne.
Chruschtschow begründete die These, daß entgegen den Ansichten Lenins
und Stalins in der Gegenwartsepoche die Kriege zwischen dem Kapitalismus
und dem Sozialismus nicht unvermeidlich seien mit dem Argument, das
Kräfteverhältnis zwischen den beiden Weltlagern habe sich seit den Zeiten
Leninis derart gewandelt, daß es nunmehr möglich sei, das Endziel des inter­
nationalen Kommunismus ohne einen kriegerischen Waffengang im Welt­
maßstab zu erreichen.
Nicht nur habe sich Mitte des 20. Jahrhunderts ein mächtiges „sozialistisches
Lager" gebildet, sondern auch die „ Weltfriedensbewegung" habe so weite
Kreise der Bevölkerung der kapitalistischen Länder erfaßt, daß ein Versuch
der „Imperialisten", den Sozialismus durch einen dritten Weltkrieg zu
stürzen, unbedingt von den „Völkern" vereitelt werden würde. Als Chru­
schtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU zum ersten Male Lenin in die­
ser Frage korrigierte, führte er aus:
„Die Kräfte des Friedens in der Welt haben sich auch dadurch bedeutend
verstärkt, daß eine ganze Gruppe von friedliebenden Staaten in Europa
und Asien zum Prinzip ihrer Außenpolitik die Nichtbeteiligung an den
Weltblöcken erklärten .. .
Demzufolge entstand auf der internationalen Bühne eine ausgedehnte
,Friedensgruppe' , die sowohl sozialistische als auch nichtsozialistische fried­
liebende Staaten in Europa und Asien umfaßt . ..
Einen großen Einfluß auf den Gang der internationalen Politik übt auch
die aktive Tätigkeit breitester Volksmassen zur Verteidigung des Frie­
dens.
In der Geschichte gibt es keine andere Epoche, die mit der gegenwärtigen
hinsichtlich der Größe und der Organisierung des Kampfes der Volks­
massen gegen die Kriegsgefahr sich vergleichen lassen kann . . .
Die ganze Entwicklung der internationalen Ereignisse in den letzten
Jahren zeugt davon , daß größte Volksmassen den Kampf für die Wah­
rung des Friedens aufgenommen haben. Die herrschenden, imperialistischen
Kreise könen nicht umhin, diesem Tatbestand Rechnung zu tragen . . .

18
Wie bekannt, gibt es eine marxistisch-leninistische AufJassung, laut wel­
cher solange der Imperialismus besteht, die Kriege unvermeidlich sind.
Diese These wurde ausgearbeitet in einer Epoche,
1. Als der Imperialismus ein weltumfassendes System war, und
2. Als die gesellschaftlichen und politischen Kreise, die am Krieg kein
Interesse haben, schwach, nicht genügend organisiert, und nicht
imstande waren, die Imperialisten zu zwingen, auf den Krieg zu
verzichten.
Gewöhnlich betrachtet man die Kriege einseitig, indem man nur die öko­
nomische Seite des Krieges berücksichtigt. Das ist aber nicht genug. Der
Krieg ist nicht allein eine ökonomische Angelegenheit. In der Frage -
- wird es einen Krieg geben oder nicht - spielen auch die gegenseitigen
Kräfteverhältnisse unter den Klassen und den politischen Kreisen, der
Grad der Organisation und der bewußte Wille der Menschen eine große
Rolle. Ja, unter bestimmten Bedingungen kann der Kampf der gesell­
schaftlichen und politischen Kreise eine entscheidende Rolle spielen .. . In
der Gegenwart haben sich die Verhältnisse in der Welt im Vergleich zu
der Lage während des ersten und des zweiten Weltkriegs gründlich ver­
ändert . ..
Unter diesen Bedingungen bleibt noch die Leninsche These in Kraft, daß,
solange der Imperialismus besteht, die ökonomische Grundlage für die
Entstehung der Kriege weiter besteht ...
Es gibt jedoch keine fatale Unvermeidbarkeit mehr für den Ausbruch
von Kriegen . .." 1).
Auf dem 21. Parteitag der KPdSU bekräftigte Chruschtsdtow diese Revision :
,,Die Schlußfolgerung des 20. Parteitags, daß es keine schicksalhafte Un­
vermeidbarkeit von Kriegen gibt, hat sich voll und ganz bestätigt.
Gegenwärtig können wir mit noch größerem Recht die Richtigkeit dieser
Schlußfolgerung bestätigen. Es gibt heute gewaltige Kräfte, die den im­
perialistischen Aggressoren eine Abfuhr erteilen und eine Niederlage zu­
fügen können, wenn diese einen Weltkrieg entfesseln sollten . . .
Was wird die Verwirklichung der Wirtschaftspläne der Sowjetunion, der
sozialistischen Länder Europas und Asiens Neues für die internationale
Lage bringen?
Durch sie werden reale Möglichkeiten zur Ausschaltung des Krieges als
Mittel zur Lösung internationaler Probleme geschaffen . . . Jetzt, da der
Aufbau des Sozialismus aus dem Rahmen eines Landes getreten ist, da
das sozialistische Weltsystem sich gebildet hat, entstanden auch neue theo­
retische Fragen für den Sieg des Sozialismus und des Kommunismus ...
Jetzt hat sich die Lage in der Welt von Grund auf gewandelt. Es gibt
keine kapitalistische Einkreisung unseres Landes mehr. Es gibt zwei ge­
sellschaftliche Weltsysteme: den Kapitalismus, der seinem Ende entgegen­
geht, und den von wachsenden Lebenskräften erfüllten Sozialismus, der
die Sympathien der Werktätigen aller Länder auf seiner Seite hat . . .
Das heißt, daß der Sozialismus nicht nur vollständig, sondern auch end­
gültig gesiegt hat . . ." 2).

1 ) N. S. Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU, Prawda, Moskau,


14. 2. 1956.
2) N. S. Chruschtschow auf dem 21. Parteitag der KPdSU, Prawda, Moskau,
28. Januar 1959.

2* 19
Mit seiner Bemerkung, daß es gegenwärtig keine »kapitalistisdie Einkrei­
sung der UdSSR" mehr gebe, will Chrusditsdiow eines der Hauptargumente
Leninis und Stalins zur Begründung der Theorie von der Unvermeidbarkeit
der Kriege zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus eliminieren.
Aber bereits vor dem 21. Parteitag vertraten maßgebende sowjetisdie Or­
gane die Ansicht, daß die »kapitalistisdie Einkreisung der UdSSR" bereits
der Vergangenheit angehöre.
„Die kapitalistische Einkreisung bedeutet bekanntlich, daß ein einziges
sozialistisches Land innerhalb eines Ringes feindlicher bourgeoiser Staa­
ten existiert, sie bedeutet eine Konstellation der Klassenkräfte in
der Weltarena, die große Gefahren für dieses sozialistische Land in sich
birgt, wobei die Kräfte des Kapitalismus den Kräften des Sozialismus
überlegen sind und danach streben, den sozialistischen Staat zu vernich­
ten .. . Heute besteht jedoch eine ganz andere Lage. Gegenwärtig ent­
fallen auf die Länder des sozialistischen Lagers . .. 260/o des Weltterri­
toriums, mit einem Drittel der Weltbevölkerung und einem Drittel der
industriellen Weltproduktion . ..
Aus all dem folgt, daß die Kräfte des Sozialismus den Kräften des Ka­
pitalismus heute beträchtlich überlegen sind. Deshalb existiert die
kapitalistische Einkreisung der UdSSR auch im politischen Sinne nidit
mehr . . ."3).
Wenn die Sowjetführung den neuen Lehrsatz von der Möglichkeit, den
Endsieg des Sozialismus nicht durdi einen dritten Weltkrieg zu erringen,
aufstellte und damit begründete, daß angeblich die „Friedenskräfte" in der
Welt bereits Oberhand über die „imperialistischen Aggressoren" gewonnen
hätten, so handelt es sich hierbei um eine ideologische Untermauerung der
neuen Revolutions- und Kriegstheorie.
Die Sowjetmachthaber sind aber auch davon überzeugt, daß es auch andere
faktische Faktoren gibt, die einen globa-len Krieg zwischen dem Osten und
dem Westen zu einem großen Risiko für die „sozüalistischen" Staaten
machen. Auf diese Tatbestände wollen wir im nächsten Abschnitt zu spre­
chen kommen.
Wie nicht anders zu erwarten, wurde Chruschtschows These, welche die
kommunistisdte Strategie zur Welteroberung modifizierte, prompt von den
nichtsowjetischen kommunistisdten Parteien übernommen und öffentlidt
interpretiert. Während der 21. Parteitag der KPdSU nodt tagte, dozierte
das Parteiorgan der Bulgarisdten KP :
„Mit der Erfüllung des Siebenjahresplans wird sich das ökonomische
Potential der UdSSR derart erhöhen, daß es zusammen mit dem ökono­
mischen Potential aller sozialistisdien Länder in derselben Periode ein
entschiedenes Übergewicht im Kräfteverhältnis auf der internationalen
Arena zu Gunsten des Friedens sichern wird.
3) ,,Krasnaya swesda", Moskau, 5. April 1958.

20
Auf diese Weise wird, noch vor dem Sieg des Sozialismus in der ganzen
Welt, die reale Möglichkeit entstehen, daß, obwohl noch Kapitalismus in
einem Teil der Welt bestehen wird, kein Weltkrieg mehr zugelassen
wird . . ."4).

VI. Die wirklichen Beweggründe für den sowjetischen Verzicht


auf globale Kriege
Die taktische Kursänderung des Kreml beruht auf der Voraussetzung, daß
der Zeitpunkt nicht mehr fern sei, da jener Zustand in der internationalen
Lage eintreten werde, den Stalin schon Ende der zwanziger Jahre voraus-
sagte:
,,In ferner Zukunft, wenn das Proletariat in den wichtigsten kapitalisti­
schen Ländern gesiegt haben wird, und die gegenwärtige kapitalistische
Umwelt einer sozialistischen Umwelt Platz gemacht hat, ist natürlich
ein ,friedlicher' Entwiddungsweg für manche kapitalistische Länder
durchaus möglich, deren Kapitalisten infolge der ,ungünstigen internatio­
nalen Lage' es für zweckmäßig halten werden, ,freiwillig' dem Proleta­
riat ernsthafte Zugeständnisse zu machen . . ."1).
Stalin erwartete offenbar, daß in dem Augenblick, da die sozialistischen
Staaten ein Obergewicht über die kapitalistischen Staaten gewonnen haben
würden (nach Chruschtschows Erwartung tritt dieser Zustand im Zeitraum
1965-1970 ein), da in den letzteren, geschürt vom Kreml, allgemeine
Bürgerkriege auszubrechen drohen, die bürgerliche Demokratie es vorziehen
würde, kampflos zu kapitulieren. Das wäre ein kommunistischer Sieg im
Kalten Krieg. Selbst Stalin schloß also die Möglichkeit eines sozialistischen
Endsieges ohne einen neuen Weltkrieg nicht ganz aus.
Für den Entschluß der Sowjetführer, auf dem 20. Parteikongreß die Lenin­
sehe These von der Unvermeidbarkeit der Kriege zu revidieren, waren aber
auch folgende Tatbestände maßgebend:
In den Jahren 1953-1956, besonders aber nach der Genfer Gipfelkonfe­
renz von 1955, haben sich die Leiter der sowjetischen Politik endlich von
der Stalinischen Angstpsychose, der Westen habe die UdSSR eingekreist
und bereite eine bewaffnete „Intervention"' gegen das kommunistische La­
ger vor, freigemacht. Sie glauben angesichts des thermonuklearen Gleichge­
wichts zwischen den beiden Weltlagern nicht mehr, daß die Westmächte
einen allgemeinen Präventivkrieg gegen den expansiven Bolschewismus be­
ginnen würden.
Von ihrer Seite aus sehen sich die Sowjetführer ebenfalls außerstande, einen
') ,,Rabotnitschesko Delo", Sofia, 31. Januar 1959.
1 ) J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, Bd. I, S. 46, Moskau, 1947.

21
dritten Weltkrieg gegen die freien Völker anzufangen, und zwar aus fol­
genden Gründen:
e Kraft des strategischen Kardinalprinzips der sowjetischen Außenpolitik:
„Keine Abenteuer!". Der Kreml vermeidet seit jeher außenpolitische und
militärische Schritte, welche die Gefahr eines militärischen Konfliktes
heraufbeschwören, der sich nicht lokalisieren lassen und in einen allgemei­
nen Krieg zwischen dem Osten und dem Westen ausarten würde. Denn
dies würde die Existenz des ganzen Sowjetsystems schlechthin aufs Spiel
setzen. Aus diesem Grund ziehen sich die Sowjets stets zurück, wenn ihre
Kriegsdrohungen und Erpressungen auf eine feste und entschlossene Hal­
tung des Westens stoßen. Beispiele: Türkei - 1945, Persien - 1946.
Da aber anderseits der Kreml seit Jahren die Initiative im Kalten Krieg
an sich gerissen hat, kann der Sowjetdiktator nach Belieben „an den
Rand des großen Krieges" herankommen, und erst dann zurückstecken,
wenn er sich überzeugt, daß ein weiterer Schritt reale Gefahren heraus­
fordern würde. So kann Chruschtschow es sich erlauben, den Westen
weitgehend zu provozieren, nämlich solange letzterer zurückschreckt.
Jedesmal jedoch, wenn die Westmächte den sowjetischen Erpressungsver­
suchen gegenüber unnachgiebig bleiben, gibt es Unbehagen im Kreml. So
z. B., als die Amerikaner in der Frage der Begrenzung der Flughöhe
alliierter Flugzeuge über der SBZ auf 3000 m nicht nachgaben.
e Seit dem 20. Parteitag der KPdSU macht das weltkommunistische System
eine tiefe ideologische Krise durch, die das Fundament der Bewegung
erschüttert hat. Der Revisionismus ist eine Auflösungserscheinung, die
den Marxismus-Leninismus seiner revolutionären Dynamik bereits be­
raubt hat. Die Expansion des Weltkommunismus wird von keinem Elan
mehr getragen.
e Das technische und wirtschaftliche Potential des Westens ist immer noch
mindestens dreimal so groß wie das des kommunistischen Blocks, und
es bestehen keine realen Aussichten, diesen Zustand in den nächsten Jah­
ren grundlegend zu verändern. Chruschtschows Erklärungen, daß die
UdSSR die amerikanische Produktion nach dem Abschluß des laufenden
Siebenjahresplans (1965) ,,einholen und überholen" würde, sind genau
so ernst zu nehmen wie die seinerzeitigen Verheißungen Stalins, der das­
selbe Ziel schon in den dreißiger Jahren erreichen wollte. Auf alle Fälle
läßt das gegenwärtige ökonomische Kräfteverhältnis in der Welt keinen
Zweifel an den Ausgang eines allgemeinen Krieges aufkommen. Schon
1943 hatte Stalin erklärt, daß nur jener Block einen Weltkrieg gewinnen
könne, der mehr Motoren produziere.
e Der Satellitenblock befindet sich seit dem Tode Stalins, besonders aber
nach der ungarischen Revolution von 1956, in einem latenten Aufruhr.

22
Bei einem neuen Weltkrieg würden die achtzig Millionen Menschen der
Volksrepubliken der UdSSR nicht nur keine militärische Hilfe gewäh­
ren, sie würden nicht nur einen Ballast für die Sowjets darstellen, son­
dern würden aller Voraussicht nach schon in den ersten Kriegstagen
rebellieren und die Verbindungslinien der angreifenden Sowjetarmeen
gefährden.
e Rotchina würde keinen militärischen Beitrag leisten können. Dieser Staat
wird trotz der unglaublichen Kräfteanspannung des ganzen Riesenvolkes
noch viele Jahre brauchen, um eine eigene Sd:iwerindustrie und eine aus­
reimende Rüstung aufzubauen.
Das chinesische kommunistische Regime ist innenpolitisch noch nicht sta­
bilisiert. Nach dem mißglückten Experiment einer probeweisen „Libera­
lisierung" ( ,, Hundert-Blumen-Rede" Mao Tse-tungs) kam es 1957 zu
einem wahren Ausbruch regimefeindlicher Manifestationen des unter­
drückten Volkes. Die vorzeitige Bodenkollektivierung und die radikale
Volkskommunen-Reform mobilisierten den Widerstand des Bauerntums
und der akademischen Jugend gegen das kommunistische System. Diese
oppositionellen Kräfte könnten sich bei einer internationalen kriege­
rischen Konstellation in einen allgemeinen Bürgerkrieg entladen. In die­
sem Fall wäre Peking kaum in der Lage, dem Kreml militärische Hilfe
zu leisten. Im Gegenteil, im kritischen Augenblick könnten die Sowjets
sich gezwungen sehen, Mao Tse-tung helfen zu müssen, die Diktatur im
eigenen Land aufrechtzuerhalten.
e Die Kremlmachthaber sind entgegen der im Westen weit verbreiteten
Ansicht keine "Realpolitiker", sondern Doktrinäre, die in dem Wahne
leben, daß der Zeitfaktor zu ihren Gunsten wirke.
Vor allem aber spielt eine Überlegung eine entscheidende Rolle bei dem
Entschluß der Sowjetführer, den Ausbruch eines dritten Weltkrieges zu ver­
meiden.
Beim jetzigen Stand der Kriegstechnik wäre mit ziemlicher Sicherheit zu er­
warten, daß schon in den ersten Tagen einer atomaren Endauseinanderset­
zung zwischen den beiden Weltlagern die bedeutendsten administrativen,
militärischen und wirtschaftlichen Zentren der USA und der UdSSR total
vernichtet würden, wobei Dutzende von Millionen Menschen in beiden Län­
dern ihr Leben einbüßen müßten. Eine derartige Katastrophe würde nach
menschlichem Ermessen zu einer Anarchie in den betroffenen Staaten führen.
Es wäre jedoch kaum anzunehmen, daß bei einem solchen Chaos ein Bür­
gerkrieg in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ausbrechen würde,
da die überwältigende Mehrheit des amerikanischen Volkes ihr freiheitliches
Regierungssystems bejaht und bereit wäre, es zu verteidigen. Auch die größ-

23
ten Optimisten im Kreml geben sich aber zweifellos keiner Täuschung darüber
hin, daß die unvermeidliche Auflösung zu Beginn eines dritten Weltkrieges
wohl den Beginn einer antikommunistischen „Konterrevolution" im Sowjet­
staat nach sich ziehen würde.
Warum lehnt Chruschtschow wirklich freie Wahlen nach westlichem Vor­
bild in seinem Herrschaftsbereich ab? Doch nur aus der Erkenntnis heraus,
daß die Diktatur der Kommunistischen Partei nur mit Gewalt aufrechterhal­
ten werden kann.
Nach Marx „hinkt das Bewußtsein der Menschen hinter ihrer ökonomischen
Entwicklung nach". Die „rückständigen" Menschen, die unter dem „Sozia­
lismus" leben, sehen demnach infolge ihres "nachhinkenden" Bewußtseins
nicht ein, daß das kommunistisd:te Regime angeblid:t ihren eigenen Interessen
am besten genüge. Die Sowjetführer hoffen daher, daß es ihnen nach wei­
teren Jahrzehnten gelingen werde, ein „höheres sozialistisches Bewußtsein"
bei den Mensd:ten hinter dem Eisernen Vorhang zu kultivieren. Daher wird
die Sowjetführung alles daran setzen, um den Ausbruch eines Weltkriegs zu
vermeiden. Da auch die Westmäd:tte - allerdings aus anderen Beweggrün­
den - die Mensd:theit keiner Katastrophe aussetzen werden, ist die Gefahr
eines globalen Atomkrieges völlig illusorisd:t. Ohne Zweifel ist der Kreml
unter diesen Umständen bestrebt, die Westmächte zu einer längeren Periode
eines militärisd:ten Waffenstillstandes zu bewegen. Das wichtigste Ziel der
sowjetisd:ten Außenpolitik ist - Zeit zu gewinnen.

VII. Die praktischen Schlußfolgerungen


Im Westen hat man die Revision der Leninschen Kriegstheorie noch nicht
zur Kenntnis genommen.
Man nimmt wohl an, daß die neuaufgestellte Theorie Chruschtschows nur
Propagandazielen im Rahmen der kommunistisd:ten „Friedensbewegung"
diene, und nichts anderes bezwecke, als die freie Welt zu täusd:ten. Diejeni­
gen, die zu dieser Ansid:tt neigen, haben keine rid:ttige Vorstellung von der
Rolle der Id.eologie in der sowjetischen Politik und Taktik. Wir kennen
gründlich genug die Methode der kommunistisd:ten Führer, ihre Gegner
durd:t politische Erklärungen und Zusid:terungen irrezuführen und in falsche
Sid:terheit zu wiegen.
Es gibt jedod:t einen grundlegenden Untersd:tied zwischen politisch bedingten
Erklärungen der Kommunistenführer und theoretischen Thesen, die auf den
Parteikongressen ex cathedra proklamiert werden. Wenn der gegenwärtige
unbestrittene Führer der internationalen kommunistischen Bewegung dog­
matisd:te Lehrsätze aufstellt, so hat dies sehr wenig mit Propagandaparolen
zu tun.

24
Der Marxismus-Leninismus ist eine starr-dogmatische Bewegung. Die kom­
munistischen Parteien in allen Ländern werden vom Hauptquartier in Mos­
kau doktrinär-politisch ausgerichtet. Jeder Parteitag der KPdSU hat die
wesentliche Aufgabe, durch Richtlinien und Lehrsätze das Denken und Han­
deln der Kommunisten der ganzen Welt in bindender Form zu bestimmen.
Das gilt besonders in Fällen, in denen ideologische Prinzipien der Klassi­
ker der Bewegung revidiert werden. Alle orthodoxen Kommunisten sind
Gefangene ihrer eigenen Lehre. Sie dürfen sich von einem Dogma nur dann
lossagen, wenn es auf einem „Konzil" des internationalen Marxismus-Leni­
nismus in aller Form als „überholt" erklärt wird. Von diesem Forum aus
kann man demnach nicht falsche Direktiven und Thesen in Umlauf setzen.
Aber welche Konsequenzen müßten nun die maßgebenden Staatsmänner in
der freien Welt aus der veränderten sowjetischen Taktik der Eroberung der
Welt ziehen?
Ich will versuchen, auf diese Frage kurz zu antworten:
1. Da die Sowjets es auf keinen Fall zum Ausbruch eines neuen Weltkrieges
kommen lassen werden, hat man im Westen sowjetische Kriegsdrohungen
nicht ernst zu nehmen. Wenn Moskau eine Politik des Säbelrasselns be­
treibt, und, auf den Kleinmut der öffentlichen Meinung in der frelen
Welt spekulierend, die Gefahr einer Atomkatastrophe an die Wand malt,
so handelt es sich dabei um nichts anderes als um Manöver des Nerven­
kriegs. Die Westmächte dürfen sich in solchen Fällen nicht ins Bockshorn
jagen lassen, sondern müssen standhaft bleiben, ihre Rüstungsanstrengun­
gen und Verteidigungsmaßnahmen gelassen fortsetzen und ihrerseits im
politisch-psychologischen Zweikampf offensiv werden.
Sie dürften keine einzige Position der freien Welt kampflos aus der
Angstpsychose heraus aufgeben, daß sie die Menschheit vor dem Unter-
. gang retten müßten. Bei Ost-West-Verhandlungen müssen die West­
mächte sowjetische Forderungen mit genau so weitgehenden westlichen
Forderungen beantworten.
2. Nach der Preisgabe der Theorie von den unvermeidlichen kriegerischen
Zusammenstößen zwischen dem Osten und dem Westen seitens der kom­
munistischen Weltführung unterliegt es keinem Zweifel, daß der Kreml
sein Ziel, die Weltherrschaft zu erringen, auf anderen Wegen zu erreichen
versuchen wird.
Es ist also in den kommenden Jahren mit einer verstärkten Tätigkeit des
kommunistischen „Apparats" in den freien Ländern zu rechnen. Die in­
ternationale kommunistische Bewegung wird nunmehr ihre Anstrengun­
gen verdoppeln, durch Unterminierung, Infiltration und Zersetzung des
Abwehrwillens der Völker, durch vermehrte Propaganda der „Friedens-

25
bewegung", durch Sabotage und Störungen der Wirtschaft, durch Unter­
grabung des sozialen Friedens in den bürgerlichen Staaten den inneren
Zusammenbruch der westlichen Demokratie herbeizuführen. Mit noch
größerem Nachdruck werden die Kommunisten den Zweikampf auf dem
Gebiet der psychologischen Kriegführung und des ökonomischen Wett­
streits austragen.
Wenn nämlich die Kommunisten den »Endsieg des Sozialismus" nicht
durch zwischenstaatliche Kriege verwirklichen wollen, so bedeutet dies
keineswegs, daß sie auch auf die Entfesselung von Bürgerkriegen zu ver­
zichten gedenken.
Im Gegenteil, die Bürgerkriege gewinnen unter den veränderten Ver­
hältnissen eine noch größere Bedeutung.
Hier liegt überhaupt die wahre Gefahr für den Weiterbestand der Frei­
heit.
Der Generalstab der Weltrevolution in Moskau betrachtet die künftige
Entwicklung auf unserem Kontinent von der Voraussetzung aus, daß die
innenpolitische und wirtschaftliche Lage in West- und Südeuropa so zer­
rüttet wird, daß ihm der noch freie Teil Europas eines Tages wie eine
reife Frucht in die Hände fällt. Erst im Moment einer inneren Auf­
lösung der freien Staaten würden die Sowjets sich entschließen, militärisch
vorzurücken. In diesem Falle würde es sich ja um "begrenzte" oder „Bür­
gerkriege" handeln.
Nur die extrem materialistische Gesinnung der heutigen Westeuropäer,
ihre Säkularisierung, ihre moralische Labilität könnten die Totengräber
ihrer Freiheit werden.
Es läge durchaus im Bereich des Möglichen, daß bei einer eventuellen
Wirtschaftskrise, einer Massenarbeitslosigkeit und einem fühlbaren Ab­
sinken des Lebensstandards der Bevölkerung eine politische Radikalisie­
rung eintreten könnte, welche die Vorbedingungen für den Ausbruch all­
gemeiner Bürgerkriege schaffen könnte.
Die Demoralisierung, die Aufweichung des Selbstbehauptungswillens,
der Mangel an Opferbereitschaft für geistige und moralische Werte be­
günstigen eine innere Zersetzung der Gesellschaft in der freien Welt, was
die Tore für eine sowjetische Invasion ohne den Ausbruch eines Atom­
krieges öffnen könnte.
Zu einer solchen Entwicklung könnte es nicht nur in Frankreich und Italien,
sondern auch in der Bundesrepublik, Belgien etc. kommen. Ja, vielleicht mit
der einzigen Ausnahme der Türkei, sind heute alle NATO-Länder in Europa
einer inneren Aufweichung ausgesetzt. Der Westen müßte sich nicht nur dar­
auf beschränken, den Lebensstandard seiner Völker zu heben und durch be­
grenzte staatliche Interventionen den Ausbruch von ökonomischen Krisen

26
zu verhindern versuchen, sondern vor allen Dingen darauf bedacht sein, die
geistige Widerstandskraft und Verteidigungsbereitschaft der Westeuropäer
durch eine großangelegte und intensive psychologische Kampagne zu
stärken.
Es ist sicher, daß wir in den nächsten Jahren einen Wettlauf der beiden
Lager erleben werden. In welchem System liegt der Keim für eine Niederlage
und für einen Zusammenbruch? Die zielstrebigere und aggressivere Staats­
führung hat stets bessere Chancen zu überleben als eine passive.
Die freien Völker haben keine andere Wahl, als ihrerseits zum politischen
und psychologischen Gegenangriff überzugehen und sich ein klares Ziel zu
setzen:
Durch eine psychologische, politische und ökonomische Offensive die Nieder­
lage des kommunistischen Systems zu bewirken.
Die kommunistischen Staatsführungen zögern nicht, Jahr für Jahr Milliarden
für offensive und defensive politische und psychologische Propaganda aus­
zugeben.
Allein die »DDR" stellt jährlich einen Etat von einigen hundert Millionen
Mark für die psychologische Kriegführung gegen die Bundesrepublik zur
Verfügung. Und wieviele Millionen gibt das Ulbricht-Regime für seine Innen­
propaganda aus?
Was unternimmt aber beispielsweise die Bundesregierung in dieser Hinsicht?
Trotz ihrer dreimal größeren Bevölkerungszahl und ihrer besseren materiel­
len Möglichkeiten verbraucht die Bundesrepublik nur einen verschwindenden
Bruchteil dieser Beträge für die Abwehr der kommunistischen Zersetzung,
für die moralische Mobilisierung ihrer Bevölkerung und für einen psycholo­
gischen Angriff gegen das sowjetzonale Regime.
Mit Palliativmaßnahmen ist dieser Kampf um Sein oder Nichtsein nicht zu
führen. Privatinitiativen genügen nicht. Die verantwortlichen Stellen müßten
�enn nicht das Doppelte, so mindestens das gleiche an materiellen Mitteln
aufbringen, die Pankow bereitstellt, um den psychologischen Kampf wir­
kungsvoll führen zu können. Dieser Einsatz wäre genau so lebenswichtig wie
die Rüstungsausgaben.
Schließlich beteiligt sich die Bundesrepublik an der Unterstützung der un­
terentwickelten Länder in Obersee mit einem jährlichen Zuschuß von meh­
reren hundert Millionen DM. Mit der Bekämpfung von Armut, Hunger,
Krankheiten etc. in den asiatischen und afrikanischen Ländern sollen letz­
tere vor dem Zugriff des internationalen Kommunismus bewahrt bleiben.
Sicherlich ist diese großzügige Hilfe angebracht. Es müßte jedoch als paradox
bezeichnet werden, wenn man materielle Mittel zur Eindämmung des kom­
munistischen Vormarsches in Oberseeländern ohne Zögern einsetzt, jedoch
keine wirklichen Opfer für die Bekämpfung der kommunistischen Offensive
im eigenen Land aufbringt, das eine Schlüsselstellung in Europa einnimmt.

27
II. Teil
DER P OLITISCHE UND PSYCH OL OGISCHE GEGENANGRIFF

1. Das Hauptziel der kommunistischen Strategie - Sturz der


bürgerlichen Staatsordnung
Die Marxisten-Leninisten bekennen sich zum historischen Determinismus.
Ihr fester Glaube an den „Endsieg des Sozialismus" beruht auf der dogma­
tischen Oberzeugung, daß „höhere gesellschaftlich-ökonomische Gesetze",
die vom menschlichen Willen unabhängig seien, den Zusammenbruch des
Kapitalismus und seine Ablösung durch den Sozialismus zu einer Geschichts­
notwendigkeit machten.
Die Kommunisten sind darüberhinaus aktive Revolutionäre. Im Gegensatz
zu den sozialdemokratischen Marxisten lehnen sie es ab, eine evolutionäre
Entwicklung abzuwarten, in deren Verlauf der „überlebte" Privatkapitalis­
mus von selbst zusammenbrechen würde.
Die demokratischen Sozialisten glauben an die Möglichkeit des „friedlichen
Hineinwachsens des Kapitalismus in den Sozialismus". Sie anerkennen
zwar den marxistischen Begriff des Klassenkampfes, sind aber bestrebt,
dessen letzte Konsequenz - den Bürgerkrieg - zu umgehen. Daher ver­
neinen die Sozialdemokraten die Diktatur des Proletariats als eine unver­
meidliche Etappe auf dem Wege zum Sozialismus.
Die sozialdemokratische Auffassung, daß die proletarische Revolution nicht
geschichtsnotwendig sei, stützt sich auf die These, daß der ungebändigte
Frühkapitalismus sich wandelte, gemäßigtere Formen annahm und sich all­
mählich zur Wirtschaftsdemokratie, der neuen, ausgeglicheneren Form ent­
wickelte, die eine Übergangsphase zum Sozialismus darstelle.
Das liberale Wirtschaftssytem gehöre der Geschichte an. Ohne revolutionäre
Erschütterungen kämen die modernen Staaten zur neuen Planwirtschaft. Der
Privatkapitalismus solle zwar nicht ausgeschlossen werden, doch solle er nur
in einer Etappe bis zum „ vollständigen Sozialismus" fortbestehen. Die
Marxisten-Leninisten bekämpfen erbittert diesen sozialdemokratischen
„Reformismus". Sie vertreten die Kardinalthese, daß die Entwicklung des
bürgerlichen Kapitalismus zum „Monopolkapitalismus" und „Imperialis­
mus" eine progressive Verschärfung der Klassengegensätze, die zu einer Ge­
waltlösung, zum unausbleiblichen Bürgerkrieg drängten, nach sich ziehe.
Von einer Besänftigung der sozialen Spannungen könne keine Rede sein.
Nach Lenin müßten entscheidende .l\nderungen der sozialen Ordnung un-

29
bedingt auf dem Wege gewaltsamer, revolutionärer Umwälzungen vor sich
gehen.
,,Große Fragen im Leben der Völker werden nur durch Gewalt ent­
schieden .. . " 1 ).
„Die Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen ist ohne
gewaltsame Revolutionen unmöglich . .." 2).
„Mit anderen Worten, das Gesetz von der gewaltsamen Revolution des
Proletariats, das Gesetz von der Zertrümmerung der bürgerlichen Staats­
maschine als eine Vorbedingung dieser Revolution ist ein unumgängliches
Gesetz der revolutionären Bewegung der imperialistischen Länder der
Welt . .." 3) .
Das marxistisch-leninistische „Gesetz" von der angeblich progressiven Ver­
schärfung der Klassengegensätze in den bürgerlichen Staaten wurde in den
letzten Jahrzehnten durch die Wirklichkeit widerlegt. Die sozialen Span­
nungen haben in den fortgeschrittensten Industrieländern des Westens fak­
tisch nicht zu-, sondern immer mehr abgenommen.
Die sogenannte „dialektische" Auffassung der Geschichte liefert den Kom­
munisten das Hauptargument für ihre Theorie der Unvermeidbarkeit der
gewaltsamen Revolutionen. In einem Prozeß entwickle sich die menschliche
Gesellschaft nicht in der Form allmählicher, evolutionärer Übergänge, son­
dern stets sprunghaft, wobei „Quantität in Qualität" umschlage. Mit ande­
ren Worten: es müsse im Schoß einer jeden Gesellschaft, die an der Schwelle
einer neuen Geschichtsepoche stehe, durch die Akkumulation vieler kleiner,
„quantitativer Veränderungen" eines Tages ein Zustand entstehen, da durch
eine Eruption gründliche „qualitative" Veränderungen vor sich gehen, wo­
bei die ganze Struktur der Gesellschaft sich umwandle.
Das Dilemma, warum man die unermeßlichen Zerstörungen und Millionen
Menschenopfer in Kauf nehmen müsse, da doch der „Endsieg des Sozialismus"
auf Grund „höherer Gesetze" ohnedies kommen müsse, hat den marxistischen
Theoretikern immer Kopfzerbrechen bereitet. Lenin geriet stets in Raserei,
wenn die sogenannte „Spontaneitätstheorie" zur Sprache kam, der zufolge der
Sozialismus automatisch über den Kapitalismus triumphieren würde. Bei sei­
ner „Widerlegung" der Spontaneitätstheorie bediente sich der Begründer
des „ wissenschaftlichen Sozialismus" allerdings etwas eigenartiger Argu­
mente. Er vertrat die überraschende These, daß bei einer politischen Passivi­
tät der marxistischen Revolutionäre die bourgeoise Ideologie die Oberhand
über die proletarische gewinnen würde.
,,Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, je­
des Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideolo­
gie .. . Man redet von Spontaneität. Aber die spontane Entwicklung der
-----
1) W. 1. Lenin, ,,Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revo­
lution", Ausgew. Werke, Bd. 1, S. 525, Moskau, 1946.
2) W. 1. Lenin, Staat und Revolution, S. 173, Moskau, 1946.
3) J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, S. 46, Moskau, 1947.

30
Arbeiterbewegung führt eben zu ihrer Unterordnung unter die bürgerliche
Ideologie, sie verläuft eben nach dem Programm des Credo , denn spon­
tane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschaftlerei;
Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Ar­
beiter durch die Bourgeoisie . . .
Warum aber, wird der Leser fragen, führt die spontane Bewegung, die
Bewegung in der Richtung des geringsten Widerstandes gerade zur Herr­
schaft der brügerlichen Ideologie? Aus dem einfachen Grund, weil die
bürgerliche Ideologie ihrer Herkunft nach älter ist als die sozialistische,
weil sie vielseitiger ausgebaut ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mit­
tel verfügt . .." 1 ).
Auch der unkritischste Marxist-Leninist müßte, wenn er sich nur einen
Augenblick lang von seiner sektiererischen Verblendung freimachen könnte,
zugeben, daß Lenins Beweisführung in der Frage der Spontaneität von er­
staunlich wenig Vertrauen in die revolutionäre Macht der proletarischen
Revolutionsidee an den Tag legt.
Wenn der „wissenschaftliche Sozialismus" von einer wirklichen geschicht­
lichen Wahrheit getragen wäre, wenn diese Bewegung tatsächlich der Mensd1-
heit den Weg in die Zukunft weisen und der historischen Entwicklung ent­
sprechen würde, könnte sie niemals von einer „überlebten" Ideologie „ ver­
sklavt" werden.
Wenn beispielsweise in der Bundesrepublik die Werktätigen unter dem
„kapitalistischen Joch" schmachten würden, während im „sozialistischen Teil
Deutschlands" die „Ausbeutung von Menschen durch Menschen" ein für alle­
mal abgeschafft wäre, so müßten in den vergangenen Jahren Millionen von
Arbeitern und Bauern dem „kapitalistischen Deutschland" den Rücken ge­
kehrt und Zuflucht in dem „Arbeiter- und Bauernstaat" gesucht haben, und
nicht umgekehrt. Im Falle einer „Konterrevolution" in der SBZ, im Falle
eines Versuchs einer „Handvoll von Reaktionären", das „Arbeiterregime"
zu stürzen, müßten die Werktätigen selbst „ihr" System verteidigen. Im
Juni 1953 erhoben sich aber gerade die Arbeiter und Bauern gegen das
Ulbricht-Regime.
Die „spontane" Entwicklung in den Ländern der proletarischen Diktatur
führt in der Tat zu einer Niederlage der sozialistischen Ideologie.

Seit Jahrzehnten wenden die kommunistischen Revolutionäre indirekte


Kampfmethoden und Aggressionen gegen ihre politischen Gegner an. Ohne
Rücksicht auf materielle Opfer und unbehindert durch moralische Hemmun­
gen, tragen sie ihre politische Offensive gegen die bürgerliche Welt vor.
Der Zweikampf um die Zukunft der Menschheit wird jedoch mit ungleid1en
Mitteln geführt.
Die westliche Demokratie beschränkt sich nur auf die Verteidigung. Diese
' ) W. I. Lenin, ,,Was tun?", Ausgew. Werke, Bd. I , pp. 208/209, Moskau , 1946.

31
Methode muß aber auf die Dauer zur Niederlage führen. Dazu kommt, daß
der Westen keine Möglichkeit hat, eine politische Untergrundbewegung im
gegnerischen Lager zu organisieren und zu unterstützen, von einer öffent­
lichen Vertretung nichtkommunistisdier Ideen in den Ländern hinter dem
Eisernen Vorhang gar nicht zu reden, da die kommunistisdie Polizeidiktatur
jegliche politisdie Betätigung, die gegen ihr Regime gerichtet ist, in ihrem
Herrsdiaftsbereidi zu unterbinden versteht.
Die kommunistischen Verschwörer entfalten dagegen unter dem Schutz der
demokratischen Gedankenfreiheit ungehindert ihre Unterminierungstätig­
keit, gerichtet gegen die bestehende freiheitliche Staatsordnung. In jedem
Staat der freien Welt, in dem die kommunistische Partei zugelassen ist,
bereitet sie ganz offen durch zahlreidie großzügig finanzierte Presseorgane,
durch Versammlungen, Kundgebungen, Propaganda ihrer Fünften Kolon­
nen etc. systematisch die gewaltsame Beseitigung der demokratisch-parla­
mentarischen Gesellschaftsordnung vor.
In jenen nichtkommunistischen Ländern jedoch, in denen die Toditerpar­
teien des Kreml ein illegales Dasein führen, sind die sogenannten kommu­
nistischen „Apparate" am Werk. In allen Ländern der Welt bestehen schließ­
lich, ohne Rücksicht darauf, ob die kommunistischen Parteien eine legale
Tätigkeit ausüben dürfen oder nicht, kommunistisdie Untergrundorganisa­
tionen ( ,, Apparate"), deren unsichtbare Teile wie bei Eisbergen weit größer
sind als die an der Oberflädie sichtbaren.

II. Der Kalte Krieg


Die kommunistische Propaganda hetzt systematisdi gegen die sogenannten
„Kalten Krieger" im Westen. Diese „Kriegsbrandstifter" trügen angeblidi
die Hauptschuld an der bestehenden Spannung der internationalen Lage.
An dieser kommunistisdi gelenkten Kampagne beteiligen sich eifrig alle neu­
tralistischen, pazifistischen und „realpolitisch" denkenden Kreise in der freien
Welt.
Der Ausdruck „Kalter Krieg" ist eine kommunistische Erfindung und sehr
geschickt formuliert. Alle Menschen beiderseits des Eisernen Vorhangs, die
von tiefer Friedenssehnsucht erfüllt sind, werden durch dieses Schlagwort
schockiert und abgeschreckt. Es scheint ihnen sehr logisch zu sein, daß die
internationale Spannung ohne die Einstellung des Kalten Krieges nicht ver­
mindert werden könne. So kommt es, daß die öffentliche Meinung im We­
sten von einem tiefen Mißtrauen gegen alle Aktionen der psychologischen
Kampfführung gegen die kommunistische Diktatur erfüllt ist.
Was bedeutet jedodi Kalter Krieg in Wirklichkeit? Offenbar nichts anderes
als Ideenkampf.

32
Nachdem die Sowjetführung das Leninsche Dogma von der „Unvermeidbar­
keit der Kriege in der Epoche des Imperialismus '" offiziell revidierte, geht
die weltkommunistische Strategie davon aus, daß der „Endsieg des Sozia­
lismus" im planetaren Maßstab nicht im Gefolge eines „heißen", sondern
eines „Kalten Krieges'" zu erringen sei.
Der Kreml ist demnach fest entschlossen, den Kalten Krieg in den kommen­
den Jahren noch mehr zu intensivieren.
Vom ersten Tag ihres Bestehens an führt die internationale kommunistische
Bewegung einen methodischen und unerbittlichen Kalten Krieg gegen alle
demokratischen Staaten. In der Zukunft wird der Kreml jedoch in erhöhtem
Maße das Schwergewicht auf den Ideenkampf verlegen.
Getreu ihrer Taktik der Ablenkung, benützen die Kommunisten in diesem
Zusammenhang seit 1956 mit noch größerer Lautstärke die Parole „Haltet
den Dieb!"
„Besorgt" um den Weltfrieden setzen sich die kommunistischen Agitatoren
und ihre bürgerlichen Mitläufer für eine Einstellung des Kalten Krieges ein,
natürlich nur auf westlicher Seite.
Mit der demagogischen Forderung an den Westen, dem Kalten Krieg ein
Ende zu setzen, um die Lage in der Welt zu „entspannen", möchte der
Kreml nichts anderes, als daß die freien Völker sich selbst die Hände bin­
den, damit sie schutzlos der kommunistischen politisch-ideologischen Offen­
sive gegenüberstehen. Der Westen soll gerade auf dem Gebiet abrüsten, auf
dem die wirkliche Entscheidung um die Zukunft der Welt fallen wird. Die
westlichen Demokraten haben ohnedies in der Frage der psychologischen
Verteidigung und Offensive viel nachzuholen.
Sollten die verantwortlichen Staatsmänner in der freien Welt auf die
kommunistischen Sirenenklänge hereinfallen und ihre im Vergleich zum
gewaltigen kommunistischen Apparat kümmerlich sdiwache Front des
ideologischen Kampfes noch mehr schwächen, so haben sie im voraus den
Kampf um die Rettung der Freiheit verloren. Die in letzter Zeit verstärkte
kommunistische Kampagne gegen den Kalten Krieg ist ferner als eine Prä­
ventivmaßnahme gedacht. Sie soll die im Ansatz begriffene Mobilisierung
der geistigen Widerstandskräfte der freien Welt lahmlegen.
Die geringste Konzession der Westmächte zugunsten einer angeblichen „Ent­
spannung" der internationalen Politik, jegliches Zugeständnis in der Frage
des Ideenkampfes, das unter den gegebenen Umständen ein einseitiger Akt
sein müßte, da die Kommunisten nicht nur nicht daran denken, den Kalten
Krieg auf ihrer Seite zu beenden, sondern ihn erst recht in den nächsten
Jahren verstärken werden, wäre einer kampflosen Kapitulation gleichzu­
setzen.
Es gibt nun einmal keine andere Alternative zum Kalten Krieg als den
heißen Krieg. Die freie Welt steht vor der einfachen Wahl: entweder den

3 33
Kalten Krieg zu gewinnen, oder in einem Atomkrieg unterzugehen, oder
aber sich der totalitären kommunistischen Diktatur zu unterwerfen.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine prinzipielle Feststellung machen: Die
gesamte Politik des kommunistischen Blocks verfolgt ein einziges oberstes
Ziel: Totale Vernichtung der freiheitlichen Demokratie.
Jede politische oder propagandistische Forderung der Kommunisten ist
automatisch gegen den Bestand der menschlichen Freiheit gerichtet. Folg­
lich wäre es ein Akt des puren Selbstmordes, wenn verantwortliche westliche
Kreise kommunistische programmatische Forderungen oder Vorschläge an­
nähmen. Wenn z. B. die kommunistische Propaganda die Führung des „Kal­
ten Krieges" oder etwa die „Politik der Stärke" auf westlidier Seite ver­
urteilt, so kann kein Zweifel daran bestehen, daß diese Taktik die kommu­
nistischen Pläne der Welteroberung durdikreuzt und im Interesse des Frei­
heitskampfes liegt.

III. Den Spieß umdrehen


Der Gegenangriff gegen das kommunistische System ist eine Notwehrmaß­
nahme der freiheitlichen Demokratie. Die internationale kommunistische Be­
wegung tut nichts anderes seit dem ersten Tag ihres Bestehens, als mit allen
ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Vernichtung der klassischen Demokra­
tien herbeizuführen. Daß die Staatsführung der nichtkommunistischen Län­
der sich bisher in dieser Hinsicht völlig passiv verhalten, die kommunisti­
schen Herausforderungen geduldig hingenommen und zu keinem Gegen­
schlag ausgeholt haben, ist um so unbegreiflidier, als sie weit größere und
realere Chancen haben, dem Kommunismus eine Niederlage zu bereiten als
es umgekehrt der Fall ist.
Die Erwartung der Marxisten-Leninisten, daß ihr politischer Kampf gegen
die parlamentarische Demokratie früher oder später von Erfolg gekrönt wer­
den würde, beruht auf Dogmen, die sidi längst als utopisch herausgestellt
haben.
Alle Voraussagen des Begründers des „ wissenschaftlichen Sozialismus" Karl
Marx über die künftige soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Welt
wurden durch die Wirklichkeit widerlegt.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter haben sich seit der Mitte
des vorigen Jahrhunderts nicht nur nicht ständig verschleditert, wie es das
Marxsche „Gesetz" vorsdirieb, sondern sie haben sidi fortsdireitend ver­
bessert.
Der Mittelstand, der nadi Marx und Lenin in der Epoche des „Monopolkapi­
talismus" sidi hätte schon gänzlich auflösen müssen, um in das Proletariat
hinabzusinken, ist heute die repräsentative Gesellschaftsschicht in den west-

34
liehen Industrieländern, während das Proletariat selbst zum Mittelstand
aufrückt.
Die Zuversicht der kommunistischen Weltverbesserer, daß die Zukunft ihnen
gehöre, daß die Tage des "geschichtlich überholten" Kapitalismus gezählt
seien, beruht auf der Annahme, die „ Volksmassen" in den bürgerlichen
Staaten seien so sehr wirtschaftlich ausgebeutet und politisch unterdrückt,
daß sie die besten Bundesgenossen der kommunistischen Mächte werden
müßten.
Wohl verfügen die kommunistischen Umstürzler über einflußreiche Fünfte
Kolonnen unter den snobistischen Intellektuellen in den westlichen Ländern,
doch würde es eine grobe Selbsttäuschung der kommunistischen Weltführung
bedeuten, wenn sie darauf bauen wollte, daß die Mehrheit der Bevölkerung
in den nichtkommunistischen Staaten den Sturz ihrer eigenen freiheitlichen
Gesellschaftsordnung und die Aufrichtung einer Polizeidiktatur wünsche.
Was nun die politische Einstellung der Majorität der Völker östlich der De­
markationslinie betrifft, so zeigten die antikommunistischen Volkserhebun­
gen in der "DDR" und in Ungarn, daß ein Massenwiderstand des Volkes
gegen das bestehende Regime nicht im kapitalistischen, sondern im sozia­
listischen Lager vorhanden ist.
Die Diktatur des Proletariats hat sich nach mehr als 40jährigem Bestand in
unüberbrückbare Widersprüche zwischen Theorie und Praxis verwickelt.
Nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der theoretisch vor­
genommenen Beseitigung der "Ausbeutung von Menschen durch Menschen"
sehen sich die "befreiten Lohnsklaven des Kapitalismus" hinter dem Eisernen
Vorhang einer so unmenschlichen Ausbeutung unterworfen, daß im Vergleich
dazu die Ausbeutung der Arbeiter in der Ära des Frühkapitalismus eine
humane Angelegenheit war.
Die Werktätigen sind unter der Diktatur des Proletariats nominell "Eigen­
tümer" der Fabrikwerke, in denen sie schuften. Sie sind jedoch "Besitzer" in
einer Art, wie der Ackergaul "Besitzer" des Pflugs ist, den er zieht.

IV. Die Zersetzung der kommunistischen Kader in den


Volksrepubliken
Seit dem Tode Stalins erlebten wir drei große Volksaufstände in den Satelli­
tenländern: Ost-Berlin (1953), Posen (1956) und Budapest (1956).
Besonders aufschlußreich war der ungarische Oktober-Aufstand. Diese Er­
hebung enthüllte die ganze Schwäche der kommunistischen Diktatur. Sie lie­
ferte den Beweis, daß die „Arbeiter- und Bauernmacht" sich im kritischen
Augenblick auf die Werktätigen nicht stützen kann. Noch fataler für die

3 „ 35
kommunistischen Machthaber war aber der Umstand, daß 900/o der Partei­
mitglieder in einer Lage, da die Existenz des Regimes auf dem Spiel stand,
sich entweder passiv verhielten, oder selbst gegen das System vorgingen.
Aus dieser Entwicklung und aus zahlreichen Berichten aus den Volksdemo­
kratien wissen wir, daß gegenwärtig die Parteikader in allen Satellitenlän­
dern überwiegend aus enttäuschten Kommunisten bestehen.
Das Fiasko der kommunistischen Theorie bei der praktischen Anwendung hat
bei den Parteimitgliedern die Überzeugung hervorgerufen, daß die zutage
getretenen Mängel der proletarischen Diktatur auf objektive und nicht auf
subjektive Gründe zurückzuführen sind. Nicht menschliche Unzulänglichkei­
ten der Parteiführung sind für das Scheitern des Systems verantwortlich, son­
dern tiefere Ursachen. Die Lehre selbst ist wirklichkeitsfremd und volks­
feindlich, das System selbst beruht auf falscher Grundlage und wird dem
Volk nie Glück und Wohlstand bringen.
Die gründlich enttäuschten Parteimitglieder wären ein äußerst dankbarer
Gegenstand der ideologischen Offensive aus der freien Welt.
Die Kader der kommunistischen Parteien in den Satelliten bestanden schon
immer zum großen Teil aus Opportunisten, die der Partei nicht aus Über­
zeugung, sondern aus eigennützigen Motiven beigetreten sind.
Anderseits sind die wirklichen Idealisten unter den Parteimitgliedern fast
ausnahmslose zu Konvertiten geworden, die eine große Gefahr für den
Fortbestand der Diktatur bedeuten, denn sie könnten die Partei von innen
sprengen.
Milovan Djilas ist ein bekannter Repräsentant dieser Männer, die konse­
quent und kompromißlos die Schlußfolgerung aus der Erkenntnis ziehen,
daß der Marxismus-Leninismus der größte Betrug am Volk in der Geschichte
der Menschheit ist.
Schließlich gibt es eine Kategorie von hohen kommunistischen Funktionären
in den Satellitenländern, die pragmatisch denken und nach Wegen suchen,
um ihr "sozialistisches Land" aus der politischen, militärischen und wirt­
schaftlichen Abhängigkeit vom Kreml herauszuführen. Sie spielen mit dem
Gedanken, eine "Revolution von oben" in Gang zu setzen.
In diesem Zusammenhang möchten wir ein konkretes Beispiel anführen:
Bulgarien gilt als ein "Mustersatellit". Man nimmt im Westen an, daß Bul­
garien, das z. B. an der Spitze der Bodenkollektivierung unter allen Volks­
republiken steht und über eine von den Sowjets besonders modern ausge­
rüstete Armee verfügt, völlig moskauhörig sei, und daß die kommunistische
Partei in diesem Lande ganz fest im Sattel sitze. Aber gerade in Bulgarien
sind immer wieder Bestrebungen vorhanden, diesen Eckpfeiler aus dem
Sowjetblock herauszulösen.
Im Dezember-Heft (1958) des theoretischen Organs des Zentralkomitees der

36
BKP „Nowo wreme" erschien ein längerer Bericht von General Mischo
Mischeff, Leiter der Politischen Abteilung der bulgarischen Armee, worin
festgestellt wird, daß die Partei, resp. das Zentralkomitee, seit 1953 keine
richtige Kontrolle über das bedeutendste Machtinstrument im Staat, die
Armee, ausgeübt habe. In diesem Artikel wurde zum ersten Male offiziell über
einen Beratungspunkt des Plenums des Zentralkomitees der BKP vom
3. und 4. Oktober 1958 „Die Lage der Parteiarbeit in der Armee" berichtet.
General Mischeff schreibt, daß das Zentralkomitee nach Mitteln und Wegen
suchte, um den Einfluß der Partei in der Armee und die Abhängigkeit der
Truppenführer vom Zentralkomitee und vom Politbüro „wiederherzustel­
len". Die höheren Armeeoffiziere hätten nämlich seit vielen Jahren, schon
von 1953 an, die Direktiven des Zentralkomitees überhaupt nicht befolgt,
sondern ihnen entgegengewirkt.
Das Bemerkenswerteste ist jedoch, daß gerade General Panow, der damalige
Chef der Politischen Abteilung der Armee, dessen Hauptaufgabe ja darin
bestand, den Einfluß der Partei in der Armee zu sichern, es nach dem Bericht
General Mischeffs fertiggebracht habe, die Truppe von der Partei völlig un­
abhängig zu machen.
Nach „Nowo wreme" soll in einer Sitzung der Leiter der Politischen Abtei­
lungen in den Armee-Einheiten, die am 5. Mai 1955 in Sofia stattfand, Gene­
ral Panow, allen Politoffizieren untersagt haben, die Befehle und Entschei­
dungen der Truppenkommandeure zu kritisieren. Schon im Jahre 1955 seien
demnach die Politoffiziere in der bulgarischen Armee zu reinen „Mario­
netten" degradiert worden.
Trotz dieser offenen Herausforderung der Partei durch die Armeeführer
unter der Leitung General Panows konnte Panow erst zwei Jahre später
- im Juni 1957 - seines Postens enthoben und aus dem Zentralkomitee
entfernt werden. Außer ihm fiel damals eine ganze Reihe höherer bul­
garischer Offiziere, ausnahmslos alte Parteimitglieder, einer Säuberung zum
Opfer. Dessen ungeachtet wurde auf dem Oktoberplenum (1958) festgestellt,
daß die Partei noch immer nicht die richtige Kontrolle über die Armee
besitze.
Daß diese Entwicklung, die so phantastisch ist, daß man ihre Authentizität
anzweifeln möchte, wenn sie nicht im offiziellen Organ des Zentralkomitees
der BKP berichtet würde, schwerwiegende Hintergründe hat, geht aus einem
Absatz des „Nowo wreme"-Artikels hervor, worin es heißt, ,.selbstverges­
sene, unbescheidene und abenteuerlustige Armeeführer" hätten »die ganze
Generalinie der Partei in der Innen- und Außenpolitik" ändern wollen.
Im Juni 1957 wurde außer General Panow auch das einflußreiche Polit­
büromitglied Georgi Tschankow, Wirtschaftsdiktator der Volksrepublik
Bulgarien, seines Postens enthoben und aus dem Zentralkomitee ausgeschlos-

37
sen. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß im Zeitraum zwischen 1955 bis
1957 Partei- und Armeeführer in Sofia den Plan gefaßt hatten, Bulgarien aus
dem Sowjetblock herauszubrechen und voraussichtlich einen titoistischen Kurs
einzuschlagen.

V. Befreiung - nur mit eigenen Kräften


Die blutige Niederschlagung der ungarischen Gegenrevolution und die
Passivität der Westmächte, die es nicht wagten, gegen die sowjetische Aggres­
sion vorzugehen, hat nicht nur bei den Ungarn, sondern bei allen Völkern
im sowjetischen Block eine tiefe Niedergeschlagenheit hervorgerufen.
Der ungarische Oktober bedeutet trotz seines totalen Zusammenbruchs die
größte politische und psychologische Niederlage, die der Weltkommunismus
je erlitten hat. Der Budapester Aufstand demonstrierte vor den Augen der
ganzen Welt, daß der kommunistische Staatsapparat trotz seiner imposanten
äußeren Machtfülle wie ein Kartenhaus zusammenbrechen muß, sobald das
ganze Volk sich gegen ihn erhebt.
Im Oktober 1956 konnte die kommunistische Diktatur deshalb innerhalb
von drei Tagen weggefegt werden, weil nicht nur die Arbeiter, Bauern und
Intellektuellen Front gegen sie bezogen, sondern weil auch die Armee und
selbst die kommunistische Miliz sich passiv verhielten oder sich aktiv auf
die Seite des Volkes stellten.
In den Tagen nach dem 23. Oktober 1956 herrschte in Bulgarien und Rumä­
nien eine derartige Spannung, daß der geringste Funke genügt hätte, um
einen Brand auch in diesen Ländern zu entfachen. Tatsache ist, daß die ge­
samte rumänische Armee in jenen Tagen die Waffen an die zuständigen De­
pots abgeben mußte und in den Kasernen interniert war, bis die Erhebung
in Ungarn niedergeschlagen war. Die rumänischen Truppen erhielten ihre
Waffen erst im Dezember 1956 zurück.
Die ungarische Episode diente auch keineswegs als abschreckendes Beispiel.
Während der amerikanischen Landung in Libanon im Sommer 1958 stand
z. B. Bulgarien wieder am Rande eines Bürgerkieges. So stellte der kommu­
nistische Ministerpräsident dieses Landes, Anton Yugow, in einer Rede an­
läßlich der Revolutionsfeiern am 9. September 1958 fest, daß „das bulga­
rische Volk im August 1958 wieder einmal seine politische Reife gezeigt hat,
als es sich zur Zeit der amerikanischen Aggression in Libanon nicht auf
Abenteuer einließ . . ."
Die ungarische Revolution hat allerdings die Völker hinter dem Eisernen
Vorhang von einer Illusion befreit. Sie rechnen nicht mehr auf militärische
Intervention und Hilfe seitens der Westmächte. Sie wissen, daß dies zum

38
Ausbruch eines dritten Weltkriegs führen könnte. Die Schlußfolgerung, die
aus dieser Erkenntnis zu ziehen ist, liegt nahe: Sie müssen sich darauf ein­
stellen, daß sie sich mit eigenen Kräften zu befreien haben.

VI. Eine Chance für die Völker - Koordinierung des Wider-


standes gegen die Herrschaft der kommunistischen Diktatur
Besonders gefährlich für den Weltkommunismus ist die Lage in China.
Mao Tse-tung eroberte 1949 die Macht hauptsächlich mit der Unterstützung
der Bauern und der akademischen Jugend. Sobald die rotchinesischen Armeen
eine neue Provinz erobert hatten, war es ihre erste Maßnahme, den Groß­
grundbesitz aufzulösen und an die Bauern zu verteilen. Damit gewannen
sie die Bauern sofort für sich.
Die Jugend aber wurde mit dem Programm der Industrialisierung und des
Zivilisationsfortschritts geködert. Die jungen Chinesen waren von der Vor­
stellung fasziniert, daß ihr Riesenreich zum ersten Male sich aus einem · Ob­
jekt in ein Subjekt der internationalen Politik verwandeln würde.
Die Machthaber in Peking stellten sich nach 1950 die Aufgabe, in kürzester
Frist eine gewaltige Schwerindustrie als Basis für ihre Rüstung aufzubauen.
Dazu brauchten sie enorme Kapitalinvestitionen. Da aber weder die
Westmächte noch die „brüderliche" Sowjetunion sich bereit zeigten, die er­
forderlichen Zuschüsse zu gewähren, sah sich das rotchinesische Regime ge­
zwungen, das Mammutprogramm der forcierten schwerindustriellen Ent­
wicklung aus eigenen Mitteln d. h. auf Kosten vor allem des chinesischen
Bauerntums zu bestreiten.
So brach Mao Tse-tung sein mehrfach gegebenes Versprechen, die Zwangs­
kollektivierung des Bodens erst 1965 in Angriff zu nehmen, und entriß den
Bauern das ihnen während des Bürgerkrieges gegebene Land. Schon im
Jahre 1956 war die Kollektivierungskampagne abgeschlossen.
Die chinesischen Kommunistenführer geben sich selbstverständlich Rechen­
schaft darüber, daß sie sich mit diesem Schritt die Bauern - 900/o des chine­
sischen Volkes - mit einem Schlag zu Todfeinden machten. Die im Sommer
1958 durchgeführte Volkskommunen-Reform brachte die gesamte Agrarpro­
duktion unter die Kontrolle der Partei und steigerte die Arbeitsproduktivi­
tät des Volkes durch die „Befreiung" der Frauen von der Hausarbeit und
der Kinderpflege. Zur Zeit werden ca. 900/o der Agrarproduktion von den
chinesischen Frauen geleistet.
Dieses größte soziale Experiment der Geschichte stellt aber eine Präventiv­
maßnahme Pekings gegen den unvermeidlichen passiven und aktiven Wider­
sand des Bauerntums dar. Mao Tse-tung und Liu Schao-tschi wissen, daß

39
die Zwangskollektivierung des Bodens in der UdSSR (1929/1931) einen der­
art erbitterten Widerstand der sowjetischen Bauern hervorrief, daß Stalin
mit dem Schlachtruf: ,,Liquidierung der Kulaken als Klasse" mehr als zehn
Millionen Bauern physisd:i ausrotten ließ.
Durch die militärische Mobilisierung und totale Gleid:ischaltung aller Bauern
in den Volkskommunen wollen die Machthaber in Peking die erwartete
Auflehnung des Landvolks unter Kontrolle halten.
Die Revolte der chinesischen akademischen Jugend gegen das von ihr
ursprünglich freudig begrüßte „fortsd:irittliche" Regime führte 1957 zur
Verbannung von annähernd drei Millionen Studierenden und Professoren
aufs Land, wo sie zu richtigen Kulis degradiert wurden.
*
In China wurde 1958 eine totale Militarisierung des ganzen Volkes, die
ohne Beispiel in der Geschichte ist, durchgeführt. In jeder der mehr als 26 000
Volkskommunen wurden Milizeinheiten aufgestellt, wobei etwa eine Viertel
Milliarde Menschen im Waffenhandwerk gedrillt werden.
Diese Millionenarmeen sollen das Land gegen ausländische „Imperialisten",
aber auch gegen innere „Reaktionäre" .verteidigen.
In einer ähnlichen Lage erhielten die Kommunisten jedod:i in Ungarn eine
ernüchternde Lehre. Sie hatten die Jugend dieses Landes militärisch vorge­
bildet und sie vor allem zur Führung von Partisanenkämpfen geschult. Wäh­
rend des Oktoberaufstandes hat dann die ungarische Jugend diese militäri­
schen Erfahrungen gegen das kommunistische Regime selbst angewandt.
Derselbe Vorgang kann sich auch in China wiederholen. Vielleicht sd:imie­
den die d:iinesischen Kommunisten heute die Waffen, mit denen sie eines
nicht fernen Tages selbst vernichtet werden können.
*
Genau ein Jahr nad:i der Proklamierung der Volkskommunen-Reform sah
sich das Zentralkomitee der Chinesischen KP Ende August 1959 gezwun­
gen, ziemlid:i unverhüllt ein Fiasko seiner „umwälzenden" Pläne bekannt­
zugeben.
Am 26. August 1959 veröffentlichte man in Peking eine Resolution des Zen­
tralkomitees, allerdings erst zehn Tage nach dem Abschluß einer vierzehn­
tätigen stürmischen Sitzung des Gremiums. Diesmal ging die „Selbstkritik"
über den Rahmen des üblichen hinaus. Die offiziellen Angaben über den
Umfang der Ernte 1958 seien „etwas zu hoch" gegriffen gewesen, hieß es da.
Das gleiche gelte von der Baumwollernte 1958. Den mehr als elf Millionen
Tonnen Stahl, die angeblich 1958 produziert worden seien, stünden nur acht
Millionen Tonnen gegenüber, die „wirklid:i" und nicht nur auf dem Papier
hergestellt worden seien.

40
Daher müßten die Planziffem für die vier wichtigsten Stoffe - Kohle,
Stahl, Getreide, Baumwolle für 1959 reduziert werden, und zwar gleich um
ca. 500/ol
Was die Volkskommunen betrifft, so beklagt sich das Kommunique, daß die
„Imperialisten" und .feindliche Elemente innerhalb Chinas" fortführen, die
Volkskommunen zu verleumden und zu sabotieren.
Das Zentralkomitee gibt zu, daß „rechtsopportunistische Ideen" selbst inner­
halb der Partei an Boden gewonnen hätten. Diese Parteimitglieder hätten
den Ernst ,.,gewisser Mängel" übertrieben.
Die Resolution des Zentralkomitees schließt mit einem verzweifelten Appell
an die Partei und an das Volk, einig zu sein.
Fast gleichzeitig mit dem Beschluß des Zentralkomitees der KPCh ver­
öffentlichte die Moskauer „Prawda" einen Bericht ihres Pekinger Korres­
pondenten, in dem es heißt, die Lage der chinesischen Landwirtschaft sei in­
folge der Dürre und der überschwemmungen alarmierend, es drohe eine
Hungersnot1).
Am 27. August 1959 berichtete auch das Parteiorgan der chinesischen Kom­
munisten .Jen Min Jih Pao'" , daß innerhalb der Partei Pessimismus und
,,rechtsgerichteter Opportunismus" um sich greifen. ,,Innere und äußere Re­
aktionäre•, heißt es in diesem Artikel, ,,haben die Angriffe gegen unsere Par­
tei und den sozialistischen Aufbau verstärkt . . ."
Die theoretische Zeitschrift der Chinesischen KP „Rote Fahne" behauptete
ihrerseits in ihrem Septemberheft (1959), der Parteichef Mao Tse-tung lehne
energisch die Ansicht ab, die Massenbewegungen in China stellten „ein heil­
loses Durcheinander" dar. Unter „Massenbewegungen" sind die Volkskom­
munen zu verstehen.
,;Die Opportunisten der Rechten", klagt die „Rote Fahne", ,,beschimpfen so­
gar den ,Großen Sprung nach vorn'und die Bewegung der Volkskommunen."
Ein derartiger Opportunismus sei mit der proletarischen Revolutionsidee
unvereinbar. Er spiegele bürgerliche antisozialistische Gedankengänge inner­
halb der Partei wider.
Angesichts dieser offiziellen Katastrophenmeldungen kann nicht bezweifelt
werden, daß die größenwahnsinnige Volkskommunen-Bewegung, die schon
vier Monate nach ihrer ersten Bekanntgabe in ideologischer Hinsicht eine
Kehrtwendung um 180 Grad machen mußte, im Herbst 1959 vollends in
eine Sackgasse geraten ist. Anderseits enthüllen die „Korrekturen" bereits er­
füllter Produktionszahlen den wahren Wert kommunistischer statistischer
Angaben.
Viele orthodoxe Marxisten-Leninisten in der ganzen Welt setzten seit 1 956,
verwirrt durch die Krise der Bewegung infolge des Geheimberichts Chru-
1) Prawda, Moskau, 27. August 1959.

41
schtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU, ihre Hoffnungen auf den füh­
renden Theoretiker des internationalen Kommunismus Mao Tse-tung, der
die Ideologie „erneuern• und neue praktische Wege zeigen werde. Die Ent­
wicklung der Volkskommunen-Reform brachte jedoch eine vollständige ideo­
logische Konfusion des chinesischen Kommunismus mit sich.
Das Scheitern der Wirtschaftspläne in der Volksrepublik China schafft nun
reale innenpolitische Schwierigkeiten. Besonders bedrohlich für den Weiter­
bestand des kommunistischen Regimes in China ist jedoch die zutage getre­
tene Dissidenz innerhalb der Partei. Die KPCh ist jedenfalls 1959 in ein
äußerst gefährliches Stadium eingetreten.

VII. Lehre aus dem Aufstand von Ungarn


Aus der ungarischen Revolution ist eine letzte, bedeutungsvolle Lehre zu
ziehen.
Bis 1956 vertraten „Realpolitiker" im Westen die Ansicht, daß die Vorstel­
lung, ein innerer Zusammenbruch des Kommunismus sei möglich, aus dem
einfachen Grunde einem Wunsdi.denken entspringe, weil die Polizeidiktatur
und das allumfassende überwadi.ungssystem des Staatssidi.erheitsdienstes
unter der kommunistisdi.en Diktatur eine Untergrundtätigkeit und organi­
satorische Vorbereitung eines antikommunistischen Massenaufstandes un­
möglich madi.ten. Die Kommunisten seien selbst geschulte Verschwörer und
Terroristen. Sie würden jeden Versudi., eine Gegenrevolution vorzubereiten,
im Keime ersticken.
Wir bestreiten keineswegs, daß eine organisatorische Vorbereitung einer anti­
kommunistischen Revolution in einer Volksrepublik oder gar gleichzeitig in
mehreren Satellitenländern sehr sdi.wer durdi.führbar oder, richtiger gesagt,
unmöglich ist.
Der ungarisdi.e Oktober zeigte jedoch, daß eine solche organisatorische Vor­
bereitung der Gegenrevolution auch gar nicht nötig ist.
Am 23. Oktober 1956 verfügten die ungarischen Aufständisdi.en weder über
eine Untergrundbewegung noch über Waffen oder eine zentrale Befehlsstelle.
Während des ganzen Aufstandes gab es keine richtige Koordination der
Kampfaktionen der Rebellen. Die Erhebung war spontan, unorganisiert
und sogar chaotisd:i. Und trotzdem gelang es, auf Anhieb das kommunisti­
sche Regime zu stürzen.
Das spricht dafür, daß die Organisation nicht die ausschlaggebende Rolle
spielt, wohl aber die psychologische Vorbereitung.

42
VIII. Eine geistige Umwälzung bei den westlichen Demokraten
Die freie Welt wird von einem gnadenlosen Gegner bedroht, der kein
Hehl daraus macht, daß er sich mit allen Mitteln in die inneren Angelegen­
heiten der nichtkommunistischen Staaten einmischt und mit Gewalt die be­
stehende Staatsordnung in den bürgerlichen Ländern abschaffen will.
Dieser rücksichtslosen Offensive der kommunistischen expansiven Diktatur
kann man nur mit adäquaten Methoden begegnen.
Ohne die Prinzipien der persönlichen Freiheit, der Menschlichkeit und der
Gesetzlichkeit aufzugeben, stehen die Staatsführungen der freien Völker vor
der Wahl, der Unterminierungstätigkeit des kommunistischen ideologischen
Imperialismus mit offensiven politischen und psychologischen Mitteln ent­
gegenzutreten - oder zu kapitulieren.
Eine geistige Revolution muß stattfinden, wenn die Freiheit in der Welt ge­
rettet werden soll. Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliche Me­
hoden. Wir leben schließlich heute mitten in einer Auseinandersetzung, die
die Zukunft der fernsten Generationen entscheiden wird.
Wir halten es für müßig, daran zu erinnern, daß die freien Völker eine
moralische Verpflichtung haben, für die Befreiung der versklavten Völker
Opfer zu bringen.
Wir appellieren vielmehr an den gesunden Egoismus der Völker im Westen.
Eine aktive Ostpolitik, die wir für die bevorstehende geistige Auseinander­
setzung benötigen, und die sich auf die geschilderten inneren Schwächen des
kommunistischen Systems konzentriert, bietet den Vorteil, daß bei der Er­
ringung der Freiheit der unterjochten Menschen kein einziger westlicher Sol­
dat sein Blut vergießen müßte.

43
III. Teil
THE ORIE UND PRAXIS DES ANTIK OMMUNISMUS

/. Keine Menschen - nur Nummern


Die chinesischen Kommunisten haben es fertiggebracht, die bisher bestialisch­
ste Form der Diktatur des Proletariats vorzudemonstrieren. Wir müßten
Mao Tse-tung und Liu Schao-tschi eigentlich dafür danken, daß sie mit ihrer
im Sommer 1958 durchgeführten Volkskommunen-Reform den Vorhang vor
der düsteren kommunistischen Zukunft ein wenig fortgezogen haben.
Mit der Dezember-Resolution von 1958 hat das Zentralkomitee der KPCh
zwar einen ideologischen Rückzug angetreten und seinen ursprünglichen Plan
vorläufig aufs Eis gelegt, den „vollständigen Kommunismus" in allernäch­
ster Zukunft, d. h. sogar vor der UdSSR zu verwirklichen. Trotzdem ist die
Volkskommune in China eine Gemeinschaft, in der die Entpersönlichung
des lnviduums weiter vorangetrieben ist als in allen anderen europäischen
und asiatischen kommunistischen Ländern. Die Familie ist im rotchinesischen
Reich praktisch aufgelöst worden. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß
500 Millionen chinesische Bauern, die in die Volkskommunen hineingepreßt
wurden, sogar ihre Namen aufgaben und dafür Nummern wie Sträflinge
erhalten haben.
Bis vor wenigen Jahren glaubten Ostkenner, daß der chinesische Kommunis­
mus eine gemäßigtere Form der Diktatur des Proletariats darstelle; es handle
sich um eine Art „Bauernkommunismus", bei dem es auch in der Zukunft
niemals zu einer totalitären Gleichschaltung wie in der UdSSR kommen
werde.
Diese Meinung ignorierte die Tatsache, daß die kommunistischen Sektierer
auf allen Meridianen denselben eschatologischen Zielen nachstreben und ab­
solut dieselbe Mentalität besitzen. Nachdem sie durch die Entwicklung in
Rotchina widerlegt worden ist, vertritt man wiederum den Standpunkt, daß
die Realisierung der Orwellschen Visionen im Reich der Mitte eine chine­
sische Spezialität sei, die niemals etwa in europäischen Ländern in die Tat
umgesetzt werden würde. Auch dies ist ein Irrtum.
Die in China begonnene totale Gleichschaltung und die vollständige Aus­
löschung jeglicher individuellen Lebensäußerung stellt durchaus keinen spe­
zifischen chinesischen Sonderfall dar.
Die Rotchinesen haben lediglich etwas voreilig Reformen in Angriff genom­
men, die der Phase des „höheren Sozialismus" vorbehalten sind. Sollten die
Kommunisten genügend Zeit für ihre Reformen haben, so werden in allen
Ländern des kommunistischen Bioms die Lebensbereiche der Menschen nach

45
dem Vorbild der chinesischen Volkskommunen von Grund auf umgestaltet
werden, denn jeder Marxist-Leninist, ganz gleich, ob er in Amerika,
Europa, Afrika oder Australien lebt, kennt kein höheres Ideal als die Ver­
wirklichung des „ vollständigen Kommunismus", dessen erste praktische Stufe
die gegenwärtige Form der Volkskommune in China ist.
Pekings Initiative, das ganze große Volk in einen Ameisenhaufen zu ver­
wandeln, sollte jedenfalls als ein warnendes Beispiel für alle noch freien
Völker dienen.

II. Die kommunistische Amoralität


Die kommunistische Propaganda gewinnt die Herzen vieler idealistisch ge­
sinnter Menschen mit dem Anspruch, daß das Programm des Sozialismus von
einem hohen Ethos getragen werde.
Die Kommunisten kämpfen angeblich für die Befreiung der Unterdrückten
und Ausgebeuteten. Mit dem Smlachtruf: Freiheit von Not und Unter­
drückung, Tod den Tyrannen! appelliert der Kommunismus an die hömsten
Mannestugenden. In der Frage der Ethik enthüllt sim wieder der innere
Widerspruch zwischen kommunistismer Theorie und Praxis.
Die kommunistisme Diktatur unterdrückt in der von ihr beherrsmten Welt
jede persönlime Freiheit und setzt sich über alle Grundsätze der Ethik hin­
weg. Der gu t geschulte und in Parteidisziplin erzogene Kommunist darf
nimt „sentimental" sein, er muß immun gegen Mitleid und alle moralischen
Hemmungen sein. Jeder Terrorakt, jede Vergewaltigung des Remts und der
Wahrheit, jedes Verbre<.hen, das auf Konto des kommunistismen Systems
begangen wird, muß gutgeheißen werden.
Die Kommunisten lassen sich von einer einzigen Maxime leiten: Gut ist alles,
was der Sache der Weltrevolution dient; böse ist alles, was dem Weltrevo­
lutionsideal im Wege steht.
Die ethischen Werte sind jedom absolut, sie lassen sich nicht relativieren. Wir
wissen, was eine macchiavellistisme „Ethik" in der Praxis bedeutet. überall,
wo die Kommunisten die Macht an sich gerissen haben, versank das betref­
fende Land in ein Meer von Blut, herrsmte die Gewalt vor dem Recht,
wurde jedes moralisme Prinzip mit Füßen getreten. Eine erschütternde Be­
stätigung der Augustinismen Warnung : ,, Wenn ein Staat nicht auf ethischer
Grundlage organisiert ist, kann er leicht seine Riesenmacht so gebrauchen,
daß er sich in eine magna latrocinia (Räuberbande) verwandelt."
Wer die ethismen Prinzipien nur bedingt anerkennt, wer eines „höheren
Zieles" wegen sim in seinen Handlungen aller moralischen Bindungen ent­
ledigt, negiert die Ethik an sich.

46
Die Idee, daß man die Humanität zeitweilig verleugnen könne, weil das
Endziel, <las man vor Augen hat, angeblich dem endgültigen Triumph der
humanen Grundsätze diene, beruht auf einem Trugschluß. Geht man einmal
dazu über, systematisch die Methoden der Ungerechtigkeit und der Un­
menschlichkeit anzuwenden, dann muß man es immer wieder tun. Das Ver­
brechen gebiert immer neue Verbrechen. Der Argwohn, das gegenseitige Miß­
trauen der Tyrannen führt zu einem immerwährenden bösen Kreislauf von
Gewalttaten und Unmenschlichkeiten.
Da der utopische Idealzustand des Sozialismus der menschlichen Natur
widerspricht, würden die Völker sich immerfort gegen die Diktatur des Pro­
letariats auflehnen, so daß diese, solange sie besteht, sich auf Terror und
Unrecht stützen muß.
Wenn der Kommunismus im Einklang mit der historischen Entwicklung
stünde, wäre die Wahrheit der beste Bundesgenosse der Marxisten-Leninisten.
Die Tatsache aber, daß die wichtigste Waffe der kommunistischen Propa­
ganda die Lüge ist, beweist, daß die proletarische Weltrevolutionsidee im
Gegensatz zur geschichtlichen Wahrheit steht.
Man kann aber, wie der Dichter sagt, nicht mit der Lüge für die Wahrheit
kämpfen.
Die schreienden Widersprüche zwischen Worten und Taten, die pharisäer­
hafte Heuchelei ist charakteristisch für die kommunistische Mentalität, deren
Grundzug die Unaufrichtigkeit ist. Die Hypokrisie ist so sehr zur zweiten
Natur der Kommunisten geworden, daß sie vor sich selbst nicht aufrichtig
sein können. Die methodische Verdrehung der Tatsachen, die systematische
Beschuldigung der Gegner wegen aller Missetaten, die sie selbst begehen,
führt unausbleiblich dazu, daß die Kommunisten letztlich ihre Lügen selbst
glauben.
Die bürgerlichen Demokraten, die sich weltanschaulich zur Toleranz gegen­
über politisch Andersdenkenden bekennen, begehen den Fehler, daß sie die
kommunistische Partei als eine politische Bewegung ansehen, die man als
seinesgleichen behandeln müsse. Sie ist keine politische Bewegung, sondern
eine gewalttätige und verbrecherische Vereinigung der Anhänger des jewei­
ligen Machthabers, der sie mit Privilegien ausgestattet hat.

III. Die Achillesferse des kommunistischen Programms


In seinem Rechenschaftsbericht auf dem 21. Parteitag der KPdSU führte
Chruschtschow u. a. im dritten Abschnitt (ideologische Fragen) folgende Be­
gründung an für die Notwendigkeit, eine längere Periode beim Obergang
vom Sozialismus zum Kommunismus einzuschalten:
•Wir brauchen eine längere Periode, bis alle unsere Menschen von dem
inneren Zwang beseelt werden, nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten . . ."

47
Der Sowjetführer beruft sich dabei auf den Marxschen utopischen Gedan­
ken, daß beim „höheren Sozialismus", da jedes Mitglied der Gesellschaft
nach seinen Bedürfnissen entlohnt werden und auf diese Weise jeglicher Ar­
beitsanreiz entfallen müßte, ,.die Arbeit sich in das erste Lebensbedürfnis"
verwandeln würde.
Die Marxisten rechnen damit, daß beim „Kommunismus" ein Mensch „neuen
Typus" entstehen würde, der sich eines „höheren sozialistischen Bewußtseins"
erfreuen würde. Dieser ideale Mensch würde eben aus einem inneren Zwang
arbeiten wollen.
"Die Kommunisten haben stets die Ansicht vertreten , daß sich in der
kommunistischen Gesellschaft die Arbeit ,aus einer Last in ein Vergnü­
gen verwandeln würde . . .'"1).
Entgegen diesen utopischen Ideen glauben wir, daß die gewöhnliche Pro­
duktionsarbeit, die mechanisch und nicht schöpferisch ist, von den normalen
Menschen stets als eine Bürde, als ein Zwang, der eben zum Leben gehört,
empfunden werden wird.
Die Marxisten-Leninisten geben sich offensichtlich Rechenschaft darüber, daß
die schwierigste Aufgabe, die sie vor der Erreichung ihres dogmatischen End­
ziels, der Errichtung einer „kommunistischen Gesellschaft", meistem müssen,
die Umwandlung der menschlichen Natur und der menschlichen Psyche, die
Schaffung eines „höheren sozialistischen Bewußtseins" bei den Volkmassen
sein wird.
Die tatsächliche Entwicklung beim „Aufbau des Sozialismus" lehrt, daß die
kommunistische Diktatur wohl imstande ist, auf materiellem Gebiet Erfolge
zu verzeichnen. Die Sowjets haben aber bis jetzt so gut wie gar keine Resul­
tate bei der Umwandlung des Bewußtseins der Menschen in ihrem Herr­
schaftsbereich erreicht.
Ist es etwa den Kommunisten gelungen, die Mentalität des russischen
Bauerntums in grundlegender Weise zu verändern?
Trotz der Einführung moderner Bodenbearbeitungsmethoden, der Beseiti­
gung des Analphabetentums und jahrzehntelanger intensivster ideologischer
Bearbeitung haben die russischen Bauern heute noch ihre Traditionen, ihr
Brauchtum, ihre religiösen Anschauungen und selbst ihren Aberglauben
bewahrt.
"Mitunter nehmen solche Kommunisten selbst an verschiedenen Parochial­
festen sowie Zeremonien teil und vergessen, daß dies mit dem Stand eines
Parteimitglieds unvereinbar ist. So hat beispielsweise der Sekretär der
Parteiorganisation des Kolchos ,Schdanow' im Gdowsker Rayon des Ge­
biets Pskow, Genosse Jefremow , seine Kinder in der Kirche taufen lassen
. .. Sein Haus wurde mit derselben Regelmäßigkeit wie auch die Häuser
der übrigen Gläubigen von Priestern besucht . .. Der Sekretär der Kom-
1) "Peking Review", Peking, 23. Dezember 1958.

48
somolorganisation dieses Koldtos, Genosse Födorow, ließ sidt in der
Kirdte trauen . . . Im Koldtos ,Rossija' im Isberdejewsker Rayon des
Gebiets Tambow hängen Ikonen in den Häusern einzelner Kommunisten,
deren Familien die religiösen Festtage respektieren und an den gottes­
diensdidten Handlungen in der Kirdte teilnehmen . . ."1).
Selbst kommunistische Funktionäre haben sich demnach von den "religiösen
Überbleibseln" ni<ht freimachen können. Die sowjetische Presse bringt immer
wieder sol<he "bes<hämende" Beispiele, die die Erfolglosigkeit der syste­
matis<hen Indoktrination und des militanten Atheismus unter den Partei­
mitgliedern zeigen.
Was soll man unter diesen Umständen von den Umerziehungsbemühungen
des Regimes bei den „breiten Volksmassen", besonders auf dem Lande, er­
warten?
,,Unser Land ist das erste Land des Massenatheismus in der Gesdtidtte.
Allerdings halten immer nodt gewisse Sowjetbürger an ihren religiösen
Ansdtauungen fest . . . Die Tätigkeit der religiösen Organisationen hat
sich in den letzten drei bis vier Jahren merklich verstärkt . . . In gewissen
Gegenden (der UdSSR) erstarkten die Sektenorganisationen . . ."1).
Das Sowjetorgan gibt demnach zu, daß "in den letzten drei bis vier Jahren",
d. h. seit dem offenen Ausbru<h der ideologischen Krise des Marxismus­
Leninismus, die Religion in der Sowjetunion im Vormars<h ist. Mit anderen
Worten, weist der Prozeß der Bildung eines „höheren sozialistischen Bewußt­
seins", die primäre Voraussetzung für den "Aufbau des Kommunismus", eine
rückläufige Tendenz auf.
Der weitaus aktivste Faktor in der Ges<hi<hte ist die Ma<ht der Idee. Die
kommunistis<he Idee hat aber Mitte dez zwanzigsten Jahrhunderts ihr�
Dynamik eingebüßt.
Wenn nun die Umwandlung der Psy<he der "idiotischen Bauern" (na<h
Marx) von vornhinein das schwierigste Problem für die Gestalter der neuen
Gesells<haft sein mußte, sollte die Umerziehung der jungen Menschen eine
relativ lei<htere Aufgabe sein.
Dem s<heint es aber ni<ht so zu sein.
Das Problem der „Halbstarken" unter der kommunistis<hen Diktatur, der
sogenannten „Stiliagi" und "Hooliganen" bereitet der kommunistis<hen Füh­
rung das größte Kopfzerbrechen.
,.Die Stiliagi sind eine ideologisdte Ersdteinung . . . "4).
Die Ideologie der "Stiliagi" ist aber zweifellos eine geistige Auflehnung ge­
gen die herrs<hende Ideologie des Regimes.
„Das rührt meines Eradttens von der unridttigen Vorstellung her, die
beherrsdtende Position des Marxismus-Leninismus in unserer Gesellsdtaft
2) ,.Partijnaja Sdtisnj", Moskau, Nr. 22, 1958.
8) ,. Woprossi Filosofii", Moskau, Nr. 8, 1959.
4) ,,Komsomoljskaja Prawda", Moskau, 5. 10. 1958.

49
bedeute, daß dieser Ideologie der vollständige Sieg in den Köpfen der
Menschen im voraus sicher war • . ."5).
Das kommunistisdte Organ versdtweigt nidtt, daß der Sieg der marxistisch­
leninistischen Ideologie, besonders unter den jungen Menschen, keineswegs
errungen ist.
Die neue Chruschtschowsche Schulreform, die weitgehende Polytechnisierung
des Unterrichts und die „Kombinierung des Studiums mit produktiver Ar­
beit" vorsieht, verfolgt nach unserer Ansicht das Hauptziel, der Schlacht um
die Gewinnung der Seele der jungen Menschen neue Impulse zu geben. Da
das „sozialistische Bewußtsein" der jungen Generation, geboren und aufge­
wachsen unter der Diktatur des Proletariats, noch sehr viel zu wünschen
übrig läßt, will das Regime durch die gewaltsame Einschaltung der Jugend in
den Produktionsprozeß und die spätere Kasernierung der g e s a m t e n Sc:hul­
jugend in Internaten eine Umerziehung im „sozialistischen Geist" erreichen.
Auf alle Fälle stellt die letzte pädagogische Reform in der UdSSR ein Ein­
geständnis der Sowjetführung dar, daß der bisherigen ideologischen Schu­
lung der Jugend keine befriedigenden Resultate beschieden waren. Die Men­
schen diesseits des Eisernen Vorhangs sind sich gar nicht bewußt, daß die
Diktatur des Proletariats fast gar keine Erfolge auf dem für die weitere
Existenz des Regimes wichtigsten Gebiet, nämlich der Züchtung eines „sozia­
listischen Bewußtseins", erzielt hat.
Entgegen der dogmatischen Überzeugung der Marxisten-Leninisten arbeitet
der Zeitfaktor gegen die Diktatur des Proletariats, die bereits ideologisdi
ausgehöhlt ist.

I V. Eine NA TO der psychologischen Kampfführung


Die kommunisische Bewegung führt ihren Kampf gegen die bürgerlichen
Staaten auf internationaler Ebene, wobei ihre politisdie und psydiologisdie
Offensive äußerst straff von einer Zentralstelle gelenkt und ausgerichtet
wird.
Man hat im Westen sdion erkannt, daß die Expansion des Bolschewismus
nur mit gemeinsamen Anstrengungen aller bedrohten Völker abgewehrt
werden kann. Diese Konsequenz hat man aber im wesentlidien nur im Hin­
blick auf die militärischen Verteidigungsmaßnahmen gezogen. Das militä­
rische Gleichgewicht zwischen den beiden Weltlagern macht aus den west­
lidien Pakten reine Defensivbastionen.
Die offensive Rolle, ohne die der Kampf um die Zukunft der Welt nicht
gewonnen werden kann, fällt den politischen, wirtschaftlidien und psydiolo­
gisdien Faktoren zu.
') ,.Komsomoljskaja Prawda", Moskau, 9. 12. 1958.

so
Bevor letztere effektiv in Tätigkeit treten, müßten sie zentral koordiniert
werden. Deshalb braudit der Westen dringend eine NATO der psycholo­
gischen Kampfführung.
Bei der Struktur der klassischen Demokratie, die keine behördliche Bevor­
mundung der Presse, des Rundfunks, der Literatur kennt, ist natürlich an
eine zentrale Dirigierung und Gleichschaltung der psychologischen Vertei­
digung und Kriegführung nach der Art des Ostens nicht zu denken. Notwen­
dig ist aber, daß ein westlicher Generalstab der ideologischen Kampagne
gegen den Kommunismus gebildet wird.
Dieses Koordinierungszentrum, in dem alle staatlichen und öffentlichen
Organe der Meinungsbildung in harmonischer Zusammenarbeit mit privaten
Vereinigungen und Publizisten vertreten sein würden, sollte die Presse, den
Rundfunk und andere Institutionen mit Material, Dokumentation, Infor­
mationen und wichtigen politischen und psychologischen Hinweisen versor­
gen. Erfreulicherweise wurde schon auf dem Atlantischen Kongreß in Lon­
don im Jahre 1959 der Grundstein für die Bildung einer ideologisch-politi­
schen NATO gelegt.
Auf dieser Tagung wurde folgende Resolution gebilligt:
„ Wir, Mitglieder des Subkomitees, beauftragt mit der Untersuchung der
Probleme in Verbindung mit der sowjetischen politischen Aggression:
- Nach Feststellung des schweren Drucks infolge der Bedrohung dieser
Aggression gegenüber der ganzen freien Welt,
Nach Anerkennung des Wertes der Tätigkeit privater und öffentlicher
Organisationen gegen die ideologische Aggression der Sowjets, doch
In der Erkenntnis, daß die Mittel, welche zur Zeit seitens der Atlantik­
pakt-Mächte und der anderen freien Staaten für diesen Einsatz zur Ver­
fügung gestellt werden, vollkommen unzureichend sind angesichts der
kolossalen Maschine des sowjetischen Kommunismus zur Unterdrückung
der Geistesfreiheit,
schlagen vor, und zwar dringend :
1 . Die NATO bildet in ihrer inneren Organisation eine besondere Abtei­
lung, welche den verbündeten Regierungen als ein Generalstab im Kampf
gegen die ideologische Front der Sowjets dienen wird, wobei die Mit­
gliedsstaaten der NATO, sofern sie keine geeigneten Institutionen haben,
solche schaffen, die mit der neugebildeten Abteilung zusammenarbeiten
sollen.
2. Außerdem soll eine Dachorganisation ( ,, Pool") geschaffen werden, die
alle nationalen und internationalen Organisationen vereinen wird, und
deren Aufgabe es sein wird, der Öffentlichkeit in der ganzen Welt wich­
tiges Material zu vermitteln, welches dazu beitragen wird, die Meinun­
gen zu klären und die Menschen über die ideologische Aggression des

51
totalitären Kommunismus und über den Wert der freiheitlidien Staats­
ordnung aufzuklären.•
Man kann nur hoffen, daß dieser Besdiluß ohne bürokratisdie Hemmnisse
in kürzester Frist in die Tat umgesetzt wird. Die freien Völker haben keinen
Tag zu verlieren, um ihre geistigen Kräfte zu mobilisieren.

V. Erforschung der Krise des Marxismus-Leninismus


Nadi Marx und Engels wird das weltwirtsdiaftlidie Gefüge des Kapitalis­
mus durdi periodisdie, sogenannte „zyklisdie Krisen", die alle 10-11 Jahre
mit astronomisdier Genauigkeit wiederkehren und sidi fortsdireitend ver­
tiefen, bis in seine Grundfesten ersdiüttert. Angeblidi werden die „zykli­
sdien Krisen" immer bedrohlidier, bis sdiließlich ein allgemeiner und voll­
ständiger Zusammenbruch der kapitalistisdien Weltwirtsdiaft den End­
triumph der kommunistisdien Revolution ermöglidit.
Hunderttausende von kommunistischen Propagandisten und Agitatoren
bringen tagtäglidi stereotype Argumente und „Beweise", weldie die Vertie­
fung der Krise des Kapitalismus belegen sollen. Zahllose Zeitschriften und
Monographien, die hinter dem Eisernen Vorhang veröffentlicht werden, un­
tersudien in „wissensdiaftlidier" Weise die Anzeidien des Verfalls des Pri­
vatkapitalismus. Es gibt indessen eine Weltzentrale, weldie diese Propa­
gandakampagne mit „konkreten" Analysen beliefert.

In Moskau besteht seit 1927 eine besondere Institution, die sich aussdiließ­
lich mit der Krise der bürgerlichen Gesellsdiaft befaßt. Diese Forsdiungs- und
Propagandazentrale war bis 1930 selbständig und führte den Namen „Welt­
wirtsdiaftsinstitut" (Institut mirowoj ikonomiki). Seit 1930 heißt sie „Wirt­
sdiaftsinstitut" bei der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. An seiner
Spitze stand vom Anfang an einer der prominentesten Wirtschaftler und
Experten für die Krise des Kapitalismus - Eugen Varga.
Varga hatte schon 1920 ein programmatisdies Werk unter dem Titel „Die
Krise der Ökonomie des Kapitalismus" veröffentlicht.
In der Folge publizierte er eine Reihe von Schriften:
„Die Krise der kapitalistisdien Weltwirtschaft" - 1927
„Der Kapitalismus und der Sozialismus in zwanzig Jahren" - 1938
,,Die Veränderungen der kapitalistischen Wirtsdiaft" - 1946 u. a.
Das letztgenannte Werk Vargas rief den Unmut Stalins hervor. Nadidem
die sowjetisdien Wirtschaftsexperten vorausgesagt hatten, daß unmittelbar
nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bei der Umstellung von Kriegs- auf
Friedenswirtschaft die kapitalistisdie Weltwirtsdiaft eine niedagewesene
Krise erleiden würde, und diese Prognosen von der ökonomisdien Entwidc-

52
lung in der westlichen Welt widerlegt wurden, stellte Varga in seiner ange­
führten Schrift fest, daß der Privatkapitalismus offenbar lebensfähiger sei
als die marxistisch-leninistischen Theoretiker angenommen hatten. Der mo­
derne Kapitalismus habe sich als unerwartet geschmeidig erwiesen und habe
neue Methoden entwickelt, mit deren Hilfe es ihm gelungen sei, den „zykli­
schen Krisen" zu trotzen und ihren Ausbruch aufzuschieben.
Seit dem Ende des 2. Weltkriegs vergingen nun wiederum mehr als 14 Jahre
und es kann noch immer nicht von einer Wiederholung der letzten großen
ökonomischen Depression vom Jahre 1929 die Rede sein. Varga sah sich ein­
fach gezwungen, eine Erklärung für dieses Phänomen zu geben, das an sich
die marxistisch-leninistische These von den angeblich „unvermeidlichen"
kapitalistischen Strukturkrisen widerlegte. Doch waren Vargas Ansichten in
dieser Frage offensichtlich „revisionistisch", weil sie an Dogmen rüttelten,
auf denen die Zukunftsverheißung der Weltrevolutionsidee beruht.
Stalin sprach daher ein Verdammungsurteil über Varga und dieser ver­
schwand für Jahre in der Versenkung.
Der Mitarbeiterstab des Wirtschaftsinstituts wurde immer mehr erweitert,
desgleichen sein Betätigu ngsfeld. Im Jahre 1947 vereinte man das umbe­
nannte Institut mit dem „Institut der Weltwirtschaft und der Weltpolitik",
indem es weiterhin der Akademie der Wissenschaften unterstellt blieb.
In dieser Form besteht das sowjetische Institut, das sich mit der Krise des
Kapitalismus befaßt, auch heute nodi.
Es hat drei Abteilungen:
I. ,,Sozialistische Wirtschaft" - 7 Sektionen
II. ,,Sozialistisdie Produktion" - 4 Sektionen
III. ,,Die Wirtschaft des neuzeitlichen Kapitalismus"
Die letzte und wichtigste Abteilung umfaßt folgende Sektionen:
a) Allgemeine Probleme des Imperialismus
b) Das Problem des amerikanischen Imperialismus
c) Die Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern
d) Die Agrarprobleme des neuzeitlichen Kapitalismus
e) Die Volkswirtschaft unter dem Kapitalismus
f) Die Konjunkturkrisen der kapitalistischen Wirtschaft
Eine elementare Voraussetzung für die politische Offensive gegen den
Kommunismus wäre die systematische Analyse aller Erscheinungsformen und
Auswirkungen der Krise des Weltkommunismus auf dem ideologischen, poli­
tischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gebiet, um de1 psychologischen Ver­
teidigung und Offensive der freien Welt ein wissenschaftliches Fundament
zu geben.

53
A. Krise der marxistisch-leninistischen Ideologie
Der 20. Kongreß der KPdSU setzte zwei von Stalin aufgestellte Dogmen,
die allen überzeugten Marxisten-Leninisten die Möglichkeit gaben, ihre
Augen vor dem Scheitern ihrer Lehre zu verschließen, außer Kraft:
Den Glaubenssatz, daß die Klassiker der Bewegung
„ ewige Wahrheiten" proklamiert hätten, und
Den Glaubenssatz, daß die Führung des Weltkommunismus
unfehlbar sei.
Chruschtschow revidierte auf dem 20. Parteitag der KPdSU grundlegende
Thesen Lenins und Stalins. Mit anderen Worten: die ideologischen Begrün­
der der Bewegung haben keine ewig gültigen Dogmen aufgestellt, sondern
haben geirrt. Gleichzeitig wies Chruschtschow ex cathedra nach, daß der „un­
fehlbare" weltkommunistische Führer Stalin schwere Fehler begangen habe.
Auf diese Weise untergrub Chruschtschow die Glaubensfundamente der kom­
munistischen Sekte.
Der Revisionismus ist nach offiziellem Geständnis (Erklärung der zwölf
kommunistischen Parteien in Moskau im November 1957) der „Feind Nr. 1
des neuzeitlichen Kommunismus"' . Die marxistisch-leninistische Lehre läßt
sich ihrer Struktur nach nicht reformieren. Der Revisionismus ist die letzte
Etappe vor der ideologischen Kapitulation des Weltkommunismus.
B. Krise der kommunistischen Wirtschaft
Die sozialistische Planwirtschaft ist unökonomisch. Ihre Produktion ist un­
rentabel, da sie durch schwerfälligen Bürokratismus, Zentralismus und Man­
gel an persönlichem Interesse gehemmt wird. Der Kronzeuge der sozialisti­
schen Mißwirtschaft Djilas vermerkt mit Recht, daß die kommunistische
Volkswirtsdiaft die unökonomisdiste, verschwenderischste und schwerfällig­
ste Wirtschaft der Geschichte ist.
Die Zuversidit der Kommunisten auf den „Endsieg des Sozialismus "' stützt
sich in erster Linie auf die dogmatische Oberzeugung, daß die kommunistisdie
Planwirtschaft besser als die kapitalistische Marktwirtschaft funktioniere.
Am Schlusse seines Rechenschaftsberidits auf dem 21. Parteitag der KPdSU
erklärte Chruschtschow emphatisch, daß der Sozialismus im Weltmaßstabe
siegen werde, weil „die sozialistische Produktionsweise entschiedene Vor­
züge vor der kapitalistischen aufweist".
Die Praxis hat aber sdion bewiesen, daß diese Zukunftsverheißung auf Sand
aufgebaut ist. Die privatkapitalistische Wirtschaft ist produktiver und lei­
stungsfähiger als die kommunistische.
Die groteske Vernadilässigung der Konsumgüterproduktion unter der Dikta­
tur des Proletariats ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß die sozia­
listische Wirtschaft unproduktiven Zielen dient - der Rüstung.

54
C. Krise der kommunistischen Politik
Die politische Krise im Sowjetblock wird in erster Linie durch den Konflikt
zwischen dem Kreml und Tito-Jugoslawien vertieft.
Die ideologische, politische und militärische Unabhängigkeit des kommunisti­
schen Jugoslawiens zerstört die lebenswichtige „monolithische" Einheit des
kommunistischen Lagers. Eine „kollektive Führung" ist unter der kommu­
nistischen Diktatur weder innerhalb eines Staates noch in einem Staatenblock
möglich.
Stalin versuchte, die Tito-Kommunisten durch brutale Gewaltandrohung
zur Kapitulation zu bewegen. Dieses Unterfangen mißlang. Chruschtschow
wollte seinerseits Tito durch Oberredungen und Versprechungen ins kommu­
nistische Lager zurücklocken. Auch er hatte keinen Erfolg. Im November
1957 weigerten sich die Abgesandten Titos, Kardelj und Rankovic, die „Er­
klärung der zwölf kommunistischen Parteien" zu unterzeichnen, damit be­
dingungslos die Führerrolle der KPdSU im kommunistischen Lager anzu­
erkennen und auf den „eigenen Weg zum Sozialismus" zu verzichten. Der
Konflikt zwischen Moskau und Belgrad, um dessen Beilegung sich. Chru­
schtschow so sehr bemüht, bedroht die Einheit des kommunistischen Lagers
und nährt bei dem tragenden Funktionärskorps immer wieder Zweifel an
den starren Moskauer Leitsätzen.
Der ungarische Aufstand hat die Positionen des Kreml nicht nur in den
Volksrepubliken, sondern auch. in der übrigen Welt erschüttert. Im anderen
Teil der Welt hat die blutige Niederschlagung des tibetischen Aufstands, die
Flucht des Dalai Lama und die Kolonisierung dieses Hochlandes durch Chi­
nesen Pekings Koexistenzkampagne unterhöhlt und die rotchinesischen Er­
folge auf der Bandungkonferenz zunichte gemacht.
D. Krise der kommunistischen Kultur
Die Marxisten-Leninisten nennen ihre Glaubenslehre „wissenschaftlichen So­
zialismus". Ihre Methoden in der Wissenschaft sind jedoch unwissenschaftlich.
Die moderne Wissenschaft geht bei ihrer Forschung und Schlüssen allein 1-'0n
Tatsachen aus. Sie lehnt die mittelalterliche Scholastik ab, die sich um exakte
Forschungsergebnisse wenig kümmerte und vor allem mit Autoritäten ope­
rierte. Die Methoden der Sowjetwissenschaft sind jedoch scholastisch par
excellence. Ihre Beweisführung stützt sich auf Dogmen und Auffassungen,
die von den Klassikern der Bewegung, Marx und Engels, vor hundert Jah­
ren aufgestellt und längst überholt sind. Auch die kommunistische „Philo­
sophie" beruht auf wissenschaftlichen und erkenntnistheoretisch.en Grund­
lagen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Selbst in den Naturwissen­
schaften greifen die sowjetischen Gelehrten trotz der unbestrittenen Erfolge
der positiven Wissenschaften in der UdSSR oft zu scholastischen Methoden

55
und verfälschen in ihren allgemeinen Schlüssen die wissenschaftlichen For­
schungsergebnisse, wenn letztere dem dialektischen Materialismus wider­
sprechen.
Dem Sowjetregime war es vorbehalten, im zwanzigsten Jahrhundert zum
ersten Male seit der Zeit der Inquisition Märtyrer der Wissenschaft zu
schaffen.
Der bekannte sowjetische Biologe N. 1. Wawilow mußte seine Weigerung,
objektive wissenschaftliche Resultate zu verfälschen, 1943 mit dem Tode
büßen. Der Gelehrte hatte es gewagt, die Ergebnisse seiner akademischen
Arbeit, die mit den letzten Erkenntnissen der Genetik in der ganzen Welt
im Einklang standen, zu publizieren. Die Schlüsse, die er daraus zog, wider­
legten jedoch den dialektischen Materialismus. Nicht besser erging es dem
Spezialisten der Vererbungslehre, Anton S. Schebrak, dem Präsidenten der
Weißrussischen Akademie der Wissenschaften, der 1948 einer Säuberungs­
welle unter den sowjetischen Naturwissenschaftlern zum Opfer fiel. Prof.
Schebrak hatte öffentlich die pseudowissenschaftlichen Theorien Trofim
D. Lysenkos vom Gesichtspunkt der modernen Forschung bekämpft.
Der Widerstand der sowjetischen Naturwissenschaftler gegen die Scholastik
und den Obskurantismus konnte zwar seinerzeit von Stalin mit brachialer
Gewalt gebrochen werden, doch konnte er nicht auf die Dauer unterdrückt
werden.
In den letzten Jahren erlebten wir, daß führende Naturwissenschaftler, Mit­
glieder der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, in offiziellen Organen
der Akademie Ansichten vertreten, die den dialektischen Materialismus, das
Fundament des Sowjetregimes, in die Rumpelkammer verweisen.
So befaßte sich die maßgebende philosophische Zeitschrift der Sowjets mit
einem Vortrag des Mitglieds der Akademie der Wissenschaften der UdSSR
W. A. Fok „über die Interpretationen der Quantenmechanik" 1).
Dieser sowjetische Physiker machte darin die schwerwiegende Feststellung,
daß „der deterministische Standpunkt in der Gegenwartsphysik einen
völligen Zusammenbruch erlebt habe".
Fok kommt zum Schluß, das Prinzip der Kausalität beziehe· sich im Bereich
der Quantenmechanik auf potentiell mögliche, nicht aber auf sich tatsäch­
lich verwirklichende Ereignisse. Mit anderen Worten, die moderne Kern­
physik durchbricht das klassische Prinzip der Kausalität. Die Marxisten­
Leninisten bekennen sich jedoch zum historischen Determinismus. Nachdem
nun die letzten kernphysikalischen Erkenntnisse die bisherigen Auffassungen
über eine streng gesetzmäßige kausale Entwicklung im Mikrokosmos des
Atoms erschütterten, geriet auch das gesamte marxistisch-leninistische Welt-
1) ,.Woprossi filosofii", Moskau, Nr. 2, 1959.

56
bild ins Sdiwanken, da dessen ökonomischer und historischer Determinismus
von einem naturwissenschaftlichen Determinismus untermauert wird.
Dieser Ansturm gegen die Grundlagen des kommunistischen Systems wird
zur Zeit auch von den sowjetischen Biologen unterstützt.
Das Parteiorgan der KPdSU hielt es Ende 1958 für dringend nötig, den
prominentesten Exponenten der marxistisch-leninistischen Biologie, Trofim
D. Lysenko, gegen eine „organisierte Hetze" der sowjetischen Naturwissen­
schaftler in Schutz zu nehmen.
Nach einem Hinweis, daß die Mitschurinsche Biologie auf dem „festen Bo­
den des dialektischen Materialismus fuße" ereifert sich das offizielle sowje­
tische Blatt2), daß „leider in unserem Lande sich noch Leute finden, die die
Mitschurinsche agrobiologische Wissenschaft nach wie vor anschwärzen und
verleumden . . ."
Wortführer dieser „antisowjetischen Hetze" sei die Zeitschrift „Botanit­
scheski Schurnal", Organ der Botanischen Abteilung bei der Akademie der
Wissenschaften in Moskau. An der Spitze der Kampagne stehe der Chef­
redakteur des „Botanitscheski Schurnal", Akademiemitglied W. N. Sukat­
schew. Nach der „Prawda" seien die Angriffe gegen die offizielle sowjetische
Biologie, vertreten durch Mitsehurin und Lysenko, nichts anderes als An­
griffe gegen den dialektischen Materialismus und gegen das Sowjetsystem
an sich.
In einer Rede zur Selbstverteidigung, gehalten vor dem Zentralkomitee der
KPdSU3), ergriff Lysenko selbst das Wort, um seine wissenschaftlichen Kriti­
ker als Feinde des Regimes zu brandmarken. ,,Bedauerlicherweise", erklärte
Lysenko, ,,haben einige Zeitschriften der Akademie der Wissenschaften der
UdSSR im Grunde genommen bereits begonnen, alle materialistischen Leit­
sätze der Mitschurinschen Biologie, einschließlich der Vererbung der erwor­
benen Eigenschaften, abzulehnen . . . Wie mir scheint, fährt Lysenko in sei­
ner Denunziation fort, halten weder der Präsident der Akademie der Wis­
senschaften, Akademiemitglied A. N. Nesmejanow, noch der Sekretär der
biologischen Abteilung der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Aka­
demiemitglied W. A. Engelgardt, jene unsere theoretischen und biologischen
Leitsätze, aus denen in der Praxis agro- und zootechnische Wirkungen resul­
tieren, für eine Wissenschaft • . ."
Bei den rebellierenden sowjetischen Naturwissenschaftlern handelt es sich
demnach nicht um Außenseiter oder um einzelne Quertreiber, sondern um
führende Physiker und Biologen und um ganze Redaktionskollegien maß­
gebender Zeitschriften, Organe der Akademie der Wissenschaften.

!) Prawda, Moskau, 14. Dezember 1958.


8 ) Prawda, Moskau, 18. Dezember 1958.

57
Die kommunistisdte Weltansdtauung schließlidt, das Fundament des sowje­
tisdten Systems, steht im konträren G egensatz zu ihrer Grundkonzeption
der Dialektik.
Die programmatisch erstrebte Endphase der Gesellschaftsentwicklung - die
klassen- und staatenlose allmenschlidte Gesellschaft in der Kra des „Kom­
munismus" - ist statisch, d. h. antidialektisch, denn in ihr sollen alle Gegen­
sätze, Widersprüdte und Spannungen für alle Zeiten eliminiert werden. Die
Dialektik lehrt jedoch, daß die Wirklidtkeit sich ständig in Widersprüchen
weiterentwickeln muß. Die Dialektik kennt keinen Stillstand. Der „voll­
ständige Kommunismus" weist aber nicht nur absolut keine Widersprüdte
mehr auf, sondern ist auch ein „Non-plus-ultra". Von ihm aus ist keine
weitere Entwicklung mehr möglich.
Die Dialektik geht schließlich davon aus, daß alle Werte im Leben ambiva­
lent sind. Sie haben stets eine positive und eine negative Seite. Die Marxisten­
Leninisten verabsolutieren jedoch die Werte, so z. B. den Zivilisationsfort­
schritt, der für sie absolut positiv ist, doch in Wirklidtkeit auch negative
Begleitersdteinungen aufweist. Dies ist wiederum eine antidialektische Grund­
haltung.
Die Tatsache, daß die Anhänger des dialektischen Materialismus in Wirk­
lidtkeit auf einer a n t i d i a 1 e k t i s c h e n Position stehen, ist an sich das
vernichtendste Urteil über diese pseudowissensdtaftlidte Lehre.
Die Intellektuellen zählen heute zu den Hauptträgern des Widerstandes
gegen die kommunistische Diktatur innerhalb des Ostblocks. Sowohl in der
UdSSR und Rotchina als auch in den Satellitenländern kam es in den letzten
Jahren zu regelredtten regimefeindlidten Revolten seitens der Intellektuellen.
Diese verlangten beharrlidt geistige Freiheit und lehnten die Bevormundung
von Kunst und Wissenschaft durch die Partei ab. Solche Gärung, die in der
einen oder anderen Form auch in der Zukunft andauern wird, enthüllt deut­
lich die Krise der kommunistischen Kultur.

Ohne eine objektive Kritik, die sich auf ein genaues Studium der Vorgänge
im Ostblock stützt, kann eine ideologische Bewegung nicht wirkungsvoll be­
kämpft werden.

58
IV. Teil
EINE NEUE K ONZEPTI ON DER OSTP OLITIK

I. Klare Zielsetzung
Die bisherige Politik der freien Welt gegenüber dem kommunistischen Block
bietet überhaupt keine Lösung des Problems der künftigen Beziehungen
zwischen den beiden Weltlagern.
Da die friedliche Koexistenz aus kommunistischer Sicht nur eine vorüber­
gehende Episode i�t, könnte nur ein totaler Zusammenbruch des aggressiven
Weltkommunismus die Völker vor einer ständigen Bedrohung ihrer Freiheit
bewahren und den Weltfrieden für die Zukunft sichern.
Im Gegensatz zu den Kommunisten konzentrieren die westlichen Staatsfüh­
rungen ihre Ostpolitik nicht auf ein konkretes Ziel - Ausschaltung des
Gegners.
Wenn die verantwortlichen Staatsmänner der freien Welt weiterhin ihre
Augen vor der harten Wirklichkeit verschlössen, müßten sie sich auch in der
Zukunft allein auf die Droensive beschränken, und damit hätten sie schon
von vornherein den Kampf verloren.
Wenn wir im ersten Teil dieser Schrift die Feststellung machen, daß die
kommunistische Weltführung ihre frühere These von der Unvermeidbarkeit
der Kriege zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus tatsächlich
widerrufen hat, so folgt daraus, daß sie in den nächsten Jahren ihre Bemü­
hungen verstärken wird, die westlichen Demokratien von innen her durch
,, außerparlamentarische Aktionen" zu stürzen.
Die freie Welt steht vor der Existenzfrage, ihre innere Front zu festigen, das
Kapitulantentum zu bekämpfen und gleichzeitig zu einer entschlossenen
politischen Gegenoffensive gegen den Weltkommunismus überzugehen. Das
Hauptziel einer aktiven Ostpolitik muß die Hebung des Widerstandes der
Völker gegen den Kommunismus sein, der seinerseits sichtlich bestrebt ist,
mit allerlei Lockungen die freien Demokratien für die Stabilisierung seines
Systems einzuspannen.

II. Neue Theorien zur Bekämpfung der kommunistischen


Expansion
Jeder Schritt der kommunistischen Führung auf politischem, militärischem,
wirtschaftlichem oder kulturellem Gebiet erfolgt stets streng im Rahmen
einer Gesamtkonzeption, die auf der marxistisch-leninistischen Ideologie

59
beruht. Von westlicher Seite kann man nur dann die Politik der kommuni­
stischen Mächte richtig deuten und sie bekämpfen, wenn man die Ideologie
dieses Systems gründlich kennt.
Es ist ein starkes handicap für die politische Führung der freien Welt, daß
man im Westen nicht genug wirkliche Kenner der marxistisch-leninistischen
Theorie hat.
Alle Pläne der westlichen Gemeinschaft gegenüber dem kommunistischen
Block müßten aber auf einer gründlichen Kenntnis und Analyse der ideolo­
gischen Basis der weltkommunistischen Bewegung beruhen.
William S. Schlamm hat in seinem Werk „Grenzen des Wunders" sehr wert­
volle und richtige Gedanken geäußert, z. B., daß der Westen eine Politik der
Stärke führen muß, und daß die Gefahr eines Atomweltkriegs nur dann
gebannt werden kann, wenn die Westmächte absolut keinen Zweifel darüber
aufkommen lassen, daß sie im Notfall bereit sind, sich zur militärischen End­
auseinandersetzung zu stellen.
Von besonderer Bedeutung für den Kampf der Völker gegen die kommuni­
stische Bedrohung ist das Buch. Marschall Tschiang Kai-scheks „Sowjetruß­
land in China", das 1957 in den USA und 1959 in der Bundesrepublik
erschien.
Darin zieht Tschiang Kai-schek die Bilanz seiner mehr als dreißigjährigen
Erfahrungen mit dem aggressiven und expansiven Weltkommunismus. Er
schildert den historischen Ablauf der militärischen und politischen Ausein­
andersetzungen zwisch.en der demokratischen Kuomintang und den kommu­
nistischen Umstürzlern, die mit der tatkräftigen Hilfe des Kreml das zahl­
reichste Volk der Erde unter ihre Herrschaft brachten.
Die Lektüre dieses Werkes bestärkt uns in der Auffassung, daß die Verskla­
vung Chinas in derselben Weise auf die zielstrebige Strategie des internatio­
nalen Kommunismus wie auf die mangelnde Unterstützung der Westmächte
für das um seine Existenz kämpfende chinesische Volk zurück.zuführen war.
Das demokratische China wurde das Opfer einer systematischen weltweiten
Diskriminierungskampagne.
Die amerikanische Zeitung „Far Eastern Survey" z. B. veröffentlichte am
14. Juli 1943 einen Artikel von I. S. Bisson „Chinas Stellung im Krieg der
Alliierten", in dem behauptet wurde, es gäbe nicht ein China, sondern
zwei, ein „demokratisches China", womit Gebiete unter der Kontrolle der
chinesischen Kommunisten gemeint waren, und ein „feudales China", näm­
lich Gebiete unter der Kontrolle der Regierung Tschiang Kai-schek.
Das Koumintang-Regime galt und gilt heute noch dank einer unermüdlichen
kommunistischen Propaganda in weitesten „fortschrittlichen• und liberalen
Kreisen der freien Welt als „korrupt", ,,unfähig", ,,reaktionär" und „dik­
tatorisch". Die Rotchinesen jedoch, die sich inzwischen durch. ihre Taten als

60
die radikalste Fraktion der internationalen kommunistischen Diktatur her­
ausgestellt haben, wurden jahrzehntelang als „demokratische Agrarrefor­
mer", als gemäßigte „Maoisten", die wenig mit den marxistisch-leninistischen
Anbetern der Gewalt gemein hätten, angesehen.
Wenn nun während des letzten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegs­
jahren, da die westlichen Demokratien im Banne einer von Moskau geschür­
ten antifaschistischen Psychose standen, die kommunistische Parole „Anti­
kommunismus ist Faschismus" Anklang fand, ist es unbegreiflich, daß heute
noch die tiefeingewurzelten Vorurteile gegen die Kuomintang und Tschiang
Kai-schek persönlich in der nichtkommunisitschen Öffentlichkeit nicht über­
wunden sind. Die Vorstellung, daß die Anhänger Mao Tse-tungs „wahre
Demokraten" seien, müßte, zumal nach den rotchinesischen Aggressionen in
Korea, Vietnam, Tibet, Laos etc. und nach der Durchführung der wahn­
witzigen Volkskommunen-Reform wohl als die törichteste Illusion, der jemals
demokratisch gesinnte Menschen zum Opfer fielen, erkannt worden sein.
Was rechtfertigt aber die im Westen weitverbreitete Ansicht, daß Marschall
Tschiang Kai-schek, dem treuen und konsequenten Schüler eines der bedeu­
tendsten Demokraten unserer Epoche, Dr. Sun Yat-sen, die demokratischen
Qualifikationen abzusprechen seien?
Tschiang Kai-schek bekennt sich nach wie vor zum demokratischen Ver­
mächtnis der „drei Volksprinzipien" Sun Yat-sens und etwa zur Überzeu­
gung: ,,Jene, die dazu beitragen, daß die Nationen sich untereinander helfen,
werden triumphieren; jene aber, die auf persönlichen Gewinn bedacht sind,
oder nur die Interessen einer einzigen Nation im Auge haben, werden der
Vergessenheit anheimfallen . . . "
Anstatt die kommunistische Eroberung Chinas als ein negatives Schulbei­
spiel aufzufassen und daraus die für die Freiheit ihrer eigenen Völker not­
wendige Lehre zu ziehen, gehen die meisten westlichen Demokraten mit der
leichtfertigen und unverantwortlichen Meinung, daß die Kuomintang selbst
an ihrer Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg schuld sei, über diese ein­
malige Tragödie hinweg. Die chinesischen demokratischen Nationalisten wur­
den allerdings in erster Linie ein Opfer ihres durch die Umstände aufge­
zwungenen Bündnisses mit den Kommunisten während des japanisch-chine­
sischen Krieges. Während aber die Sowjets im Herbst 1945 die gesamte mili­
tärische Ausrüstung der in der Mandschurei kapitulierenden japanischen Milli­
nenarmee Mao Tse-tung zur Verfügung stellten, zogen sich die Amerikaner
1946 aus China zurück, wobei selbst die von der amerikanischen Regierung
bereits bewilligte 500 Millionen-Dollar-Anleihe für die Regierung Tschiang
Kai-scheks dank prokommunistischer Einflüsse in Washington gesperrt wurde.
Dadurch konnte der wirtschaftliche Zusammenbruch des durch den Krieg
und den Bürgerkrieg erschöpften demokratischen China nicht mehr aufge-

61
halten werden. Zu jener Zeit entfalteten die chinesischen Kommunisten eine
defaitistische Propaganda. Die Bevölkerung des ganzen Landes, die nach ewi­
gen Kämpfen kriegsmüde war, wurde so unsicher und verwirrt, daß sie nur
noch nach Frieden verlangte, wäre er auch noch so kostspielig und fragwür­
dig. ,,Das war der tiefe Grund für Chinas tragische Niederlage im Kampf

*
mit den Kommunisten . . . "

Die noch freien Völker müßten die Warnung Tschiang Kai-scheks beherzigen:
Jeder Staatsmann, jedes Volk, die sich in Verhandlungen mit den Kommu­
nisten einlassen, graben selbst das Grab ihrer Freiheit.
„Ausgedehnte Verhandlungen zu führen ist eine kommunistische Methode
der Kriegführung."
In diesem Zusammenhang wäre auf einen Grundirrtum der Staatsmänner,
die im demokratischen Geist erzogen sind, hinzuweisen. Da sie von der Vor­
aussetzung ausgehen, daß man auch mit dem größten Gegner eine Einigung
auf dem Verhandlungsweg erzielen könne, versprechen sie sich trotz aller
bitteren Lehren immer wieder Erfolge von Verhandlungen, Gesprächen und
„Gipfelkonferenzen" mi.t den kommunistischen Mächten. Der gedankliche
Kurzschluß liegt in diesem Falle darin, daß Unterredungen nur dann einen
Sinn haben, wenn beide Gegner auf irgend einem Gebiet gemeinsame Inter­
essen haben. Zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem kommunisti­
schen Imperialismus kann es aber niemals eine gemeinsame Basis geben, da
der Daseinszweck des Weltkommunismus die restlose Vernichtung der Bour­
geoisie ist. Verhandlungen indessen, bei denen auf der einen Seite echte
Verständigungsbereitschaft, auf der anderen aber kalter Vernichtungswille
besteht, können nur zum fatalen Ende des ahnungslosen Opfers führen.
Wenn z. B. die kommunistischen Machthaber Verhandlungen zwischen dem
Osten und dem Westen zur „Entspannung der internationalen Lage• vor­
schlagen, so haben sie selbstverständlich keine Befriedung der Welt, sondern
nur eine Täuschung und Schwächung des Gegners im Auge.
*
Von nicht minder großer politischer Bedeutung ist der Hinweis Tschiang
Kai-scheks, daß die Westmächte nicht die Armut Asiens als die Hauptursache
des Kommunismus betrachten sollten. Die USA und die anderen Westmächte
müßten vielmehr die Hilfe den unterentwickelten Ländern Asiens und Afri­
kas nicht wahllos gewähren. Die Beschenkten sollten erst einmal ihre neutra­
listische Haltung aufgeben.
»Die Ermutigung und Duldung des Neutralismus ist ebenso gefahrvoll wie
eine direkte Unterstützung des Kommunismus."

62
Die kommunistische Propaganda beschuldigt die „ westlichen Imperialisten", sie
maditen ihre wirtschaftliche Unterstützung an die zurückgebliebenen Völker
von politischen Bedingungen abhängig machten. Demzufolge bangen die West­
mächte vor dem geringsten Schein einer politisdien Verquickung ihrer Hilfe
an die neutralistischen Länder. Das sollten sie aber nicht. Wenn die USA ihre
Unterstützung an jene Länder einstellen, die sie ständig zu erpressen ver­
suchen, so werden letztere unter dem Druck der kommunistisdien Expansion
von selbst den Schutz des Westens suchen. Die Amerikaner und Europäer
müßten vor allen Dingen ihren Oberlegenheitskomplex, den sie den Asiaten
und Afrikanern gegenüber zur Schau tragen, aufgeben und die Würde der
technisch zurückgebliebenen Völker respektieren, denn nur dann würden sie
die gegen sie gehegten Ressentiments überwinden.

III „ Völker, höret die Signale !"


In der Welt kämpfen, wie Goethe sagt, seit Menschengedenken zwei Mächte
gegeneinander: Die Mächte der Erhaltung und die Mächte der Zerstörung.
Der Kommunismus verkörpert die größte Negation der Geschichte. Die
marxistisch-leninistischen Nihilisten verneinen das organische Wachstum, sie
negieren das Volkstum, die Individualität, die Religion, die Freiheit, die gei­
stige Kontinuität und den Fortschritt.
Kommunismus bedeutet Auflösung, Zersetzung, Chaos.
Solange diese Dämonen der Zerstörung sich mitten auf ihrem Wege befinden,
solange sie ihren Endsieg nicht errungen haben, verschleiern sie ihre destruk­
tiven Postulate. Würden sie aber einmal die Gewalt über die ganze Mensch­
heit erobern, würde jede harmonische Entwicklung gewaltsam unterbunden
werden. Die Welt würde in einen Termitenhaufen verwandelt und die Or­
wellsche Vision würde Wirklichkeit werden. Wenn dieser Alptraum eines
Tages glücklich überstanden wäre, wird es für die künftigen Geschlechter
unfaßbar sein, wie es zu einer solchen Entgleisung kommen konnte, wie es
möglich war, daß Millionen Opfer einer solchen krankhaften Abirrung des
Menschengeistes werden konnten. Hermann Hesse beschreibt in seinem Zu­
kunftsroman „Das Glasperlenspiel" die „abgründige Tiefe dieses Wahns" :
,, . . . Und erinnerte ihn an eine im neunzehnten oder zwanzigsten Jahr­
hundert weitverbreitete Sekte, von der ihm einmal erzählt worden war,
und welche allen Ernstes des Glaubens gewesen sei, die den alten Göttern
dargebrachten Opfer samt diesen Göttern, ihren Tempeln und Mythen
seien gleich allen anderen hübschen Dingen die Folgen eines berechenbaren
Zuwenig oder Zuviel von Essen und Arbeit, Resultate einer aus Arbeits­
lohn und Brotpreis zu errechnenden Spannung, die Künste und Religio­
nen seien Scheinfassaden, sogenannte Ideologien über einer lediglich mit
Hunger und Fressen beschäftigten Menschheit gewesen . . ."
Wenn der kommunistische Spuk überwunden sein wird . . .

63