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Uta Buttkewitz

Smiley.
Herzchen.
Hashtag.

Zwischenmenschliche
Kommunikation im Zeitalter von
Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.

fl.
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale
Zeitalter

Reihe herausgegeben von


Mario Donick
Magdeburg, Deutschland

Uta Buttkewitz
Universität Rostock
Rostock, Deutschland
Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft – das ist
nicht bloß eine Behauptung von Wissenschaft und Medien,
sondern wir alle erleben das jeden Tag. Daraus ergeben sich
wichtige Fragen für unseren Alltag: Wie verändern sich
menschliche Beziehungen? Welchen Stellenwert hat heut-
zutage noch das ‚alte‘ Analoge? Wie können wir mit Künst-
licher Intelligenz leben? Wo bleibt der weibliche Blick auf
die Digitalisierung? Wie verändern sich Arbeitsbedingun-
gen und Arbeitsverhältnisse? Was heißen Inklusion und Di-
versität in einer ‚smarten‘ globalen Gesellschaft?
Die Texte dieser Reihe laden die Leser∗innen ein, ihre
persönliche Betroffenheit von der Digitalisierung zu erken-
nen, über den eigenen Umgang damit nachzudenken und
am Ende einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Dazu
geben Autor∗innen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen
den Leser∗innen gut verständliche Hintergrundinformatio-
nen zu den einzelnen Themen. Leser∗innen erhalten nütz-
liche Hinweise für ihren Alltag. Es werden Wege durch das
Dickicht der ständig neuen technologischen Entwicklun-
gen aufgezeigt, um Leser∗innen zu unterstützen, souverän
und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen  – ohne sich
durch die digital entstandene neue Komplexität der Welt
aus der Ruhe bringen zu lassen.

Weitere Bände in der Reihe http://www.springer.com/


series/16387
Uta Buttkewitz

Smiley. Herzchen.
Hashtag.
Zwischenmenschliche
Kommunikation im Zeitalter
von Facebook, WhatsApp,
Instagram @ Co.
Uta Buttkewitz
Universität Rostock
Rostock, Deutschland

ISSN 2662-3560     ISSN 2662-3579 (electronic)


Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter
ISBN 978-3-658-28437-4    ISBN 978-3-658-28438-1 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1

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Vorwort

Viele Bücher beschäftigen sich derzeit aus gutem Grund mit


dem Thema Digitalisierung. Sie gehen der Frage nach, wie
wir mit den unzähligen Informationen, mit denen wir täg-
lich konfrontiert werden, umgehen sollten, ob soziale Me-
dien süchtig machen und die Lernleistungen minimieren,
ob wir bald nur noch von Maschinen gesteuert werden, was
mit unseren persönlichen Daten passiert und ob und wie
wir durch die Digitalisierung unsere Umwelt retten können.
Im Gegensatz zu diesen häufig aktionistischen und auf-
geregten Fragestellungen und Überschriften möchte ich
mit dem vorliegenden Buch das digitale Tempo der Dis-
kussionen wieder etwas verlangsamen, indem ich die Frage
stelle und untersuche, inwiefern unsere zwischenmenschli-
che Kommunikation durch die digitale Welt geprägt wird,
wie sie sich verändert und worauf wir in Zukunft achten
sollten. Ich möchte dazu auffordern, sich dieser Verände-
rungen und Beeinflussungen durch die Digitalisierung stär-
ker bewusst zu werden, denn mit der Entscheidung für oder
gegen bestimmte Kommunikationsformen können sich Be-
ziehungen zwischen Menschen deutlich ändern.

V
VI Vorwort

Im Unterschied zu den vergangenen Jahrzehnten, als ein


Medium das andere ablöste und jeweils eine neue Funktion
erhielt, existieren heutzutage viele Medien parallel, deren
Nutzung uns im privaten und beruflichen Alltag oft über-
fordert. Die dialogische, mündliche Kommunikation, die
für stabile menschliche Beziehungen essentiell ist, geht zu-
rück und wird zunehmend durch medial schriftliche Kom-
munikation via E-Mail, WhatsApp, Facebook & Co. in den
Hintergrund gedrängt. Dass wir uns mittlerweile lieber
lange Sprachnachrichten und Kurznachrichten senden, an-
statt zum bewährten Telefon zu greifen, führt zu schleichen-
den Veränderungen, wenn wir miteinander kommunizie-
ren. Es ist nicht immer so einfach, auf Sprachnachrichten
oder Kurznachrichten angemessen zu antworten, dabei
Missverständnisse zu vermeiden und die Beziehungen zu
unseren Kommunikationspartner∗innen nicht zu gefährden.
Die Unverbindlichkeit der Kommunikation, die vor al-
lem durch die sozialen Netzwerke gefördert wird, führt er-
staunlicherweise nicht zu einer lockeren und ungezwunge-
nen Kommunikation, sondern sie erhöht den Druck, da
wir der Erreichbarkeit nicht mehr entgehen können, ohne
uns gegenüber unseren Kolleg∗innen und Freund∗innen
erklären zu müssen. Wir laufen dadurch Gefahr, unsere ak-
tive Haltung zu verlieren und zur Passivität gezwungen zu
werden, indem wir uns dem kommunikativen Rahmen der
sozialen Netzwerke und Medien anpassen. Die Beobach-
tung des wegweisenden Medientheoretikers Jean Baudril-
lard, dass der Zufall, das Unvorhersehbare und das Verfüh-
rerische in der digitalen Welt verschwinden, scheint sich in
diesen Zeiten zu bestätigen.
Das Internet ist jetzt 30 Jahre alt, Facebook 15 Jahre und
WhatsApp gibt es seit 10 Jahren. Es ist an der Zeit, inne zu
halten und sich zu fragen, ob es sich bei der Einführung des
Internets und bei der damit zusammenhängenden Digitali-
Vorwort VII

sierung in vielen Lebensbereichen wirklich um eine Medien-


revolution handelt, die sich von anderen Medienumwälzun-
gen wie der Erfindung der Schrift, des Telefons, des Films
oder des Fernsehens unterscheidet. Warum haben wir das
Gefühl, dass etwas passiert ist, das uns überwältigt, ohne dass
wir etwas dagegen tun können? Wäre es für uns alle nicht
viel besser, wenn wir der Digitalisierung mit mehr Gelassen-
heit gegenübertreten und uns selbstbewusst fragen und dar-
über reflektieren würden, wie sehr vor allem unser zwischen-
menschliches Miteinander dadurch beeinflusst wird?
Wenn wir auch vor dem Hintergrund der Geschichte des
Schreibens und der Kommunikation besser verstehen, wel-
che technischen und medialen Veränderungsprozesse zum
digitalen Zeitalter führten, stellen wir vielleicht überra-
schend fest, dass diese Veränderungen gar nicht so immens
sind und wir in kleinen Schritten die digitalen Medien ent-
zaubern können, ohne diesen entsagen zu müssen.
Das Buch ist der erste Band der Reihe „Über/Strom  –
Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

Rostock, Deutschland Uta Buttkewitz

Oktober 2019
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung  1
2 Die Gleichzeitigkeit von
Kommunikationsmedien 11
2.1 Die parallele Nutzung von Medien  11
2.2 Öffentlichkeit und Individualität  23
2.3 Ein Lob auf die analoge Lässigkeit
und Unabhängigkeit  29
3 Die Entwicklung der Medien aus digitaler
Perspektive 33
3.1 Die Schrift und das Schreiben  33
3.2 Was sind überhaupt Medien?  39
3.3 Ein medientheoretischer Exkurs  43
4 Warum verschwindet das Telefon nicht? 51
4.1 Aura und Authentizität im digitalen
Zeitalter 51
4.2 Ist das digitale Zeitalter eine
Medienrevolution? 56

IX
5 Das Zeitalter des Verschwindens 69
6 Die hybride Form der Kommunikation
in den sozialen Medien 75
6.1 Digital vermittelte Kommunikation  75
6.2 Das Verschwinden der Ironie  89
7 Analog vs. digital und die natürliche
Doppelrolle des Menschen 93
8 Ein Ausblick 97

Literatur 107
1
Einleitung

Kennen Sie diese Situation: Sie erhalten eine Nachricht via


WhatsApp, haben aber keine Zeit oder keine Lust zu ant-
worten und versuchen nun, die richtige Strategie für sich zu
finden, was Sie tun sollten. Sie können die Nachricht erst
einmal nur in der WhatsApp-Vorschau lesen ohne sie als
„gelesen“ zu markieren, um nicht sofort antworten zu müs-
sen und gleichzeitig nicht unhöflich zu wirken. Alternativ
können Sie die Nachricht zwar als gelesen markieren, so
dass die grauen Häkchen blau eingefärbt werden, aber erst
einmal nicht antworten oder nur eine schnelle, eher allge-
mein gehaltene Antwort mit größerem Interpretationsspiel-
raum geben. Bei WhatsApp können Sie auch einstellen,
dass Ihre Chatpartner∗innen nicht sehen können, ob und
wann eine Nachricht gelesen wurde. Auch der Online-­
Status kann verborgen werden. Die meisten Nutzer∗innen
haben die Einstellungen jedoch nicht in dieser Weise ver-
ändert. Groß ist der Unterschied ohnehin nicht, denn auch

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 1
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_1
2  U. Buttkewitz

mit verborgenem Online-Status riskiert man, unhöflich zu


wirken, wenn man längere Zeit nicht antwortet. Das Pro­
blem im Unterschied zur Face-to-face-Kommunikation ist:
Sie haben kaum eine Chance, authentisch und ehrlich zu
antworten und das hat mehrere Gründe.
Schriftliche Kommunikation birgt immer die Gefahr ei-
nes Missverständnisses. Besonders wenn sie  – wie bei
Whats­App und ähnlichen Messengern  – wie mündliche
Kommunikation aussieht und sich an mündlichen Gesprä-
chen orientiert. Die Verkürzung der Nachricht führt häufig
dazu, dass viele Dinge, die in einem Brief, einer E-­Mail oder
bei einem Telefongespräch zur Sprache gekommen wären,
gar nicht erwähnt werden. Somit fehlen Hintergrundinfor-
mationen und die Möglichkeit, simultan gezielt nachzufra-
gen. In einem typischen WhatsApp-Chat (siehe Abb. 1.1)
werden zum Beispiel Verabredungen getroffen. Der kurze
Informationsaustausch wird mit Emojis unterstützt, durch
die beide Personen sich gegenseitig ihre Vorfreude auf das
bevorstehende Treffen zeigen. Die ausgetauschten positiven
Smileys bewirken, dass Person B keine Probleme damit hat,
als Person A ankündigt, dass sie sich etwas verspäten wird.
Person B fragt nicht nach, warum sich Person A verspätet –
eine Frage, die sicher bei einem Telefonat diskutiert worden
wäre. Eine Verabredung per Messenger führt jedoch insge-
samt zu einer größeren Unverbindlichkeit, da man immer
noch in letzter Minute eine Verspätung ankündigen kann,
ohne den Grund angeben zu müssen. Person B nimmt diese
negative Information erst einmal so hin, da sie zwar nach-
fragen könnte, aber eventuell keine Antwort erhielte und
auch schon ahnt, dass keine größere Problematik dahinter
steckt. Die Verspätung wird einfach akzeptiert und es gibt
keinen sprachlichen Aushandlungsprozess, das heißt keine
kurze Verständigung zum Grund der Verspätung.
Es geht in diesem Buch nicht darum, eine Form der
Kommunikation positiver als eine andere zu bewerten,
1 Einleitung  3

Abb. 1.1  WhatsApp-Chat

sondern in erster Linie möchte ich den Wandel der Kom-


munikation im digitalen Zeitalter beschreiben und zeigen,
dass sich dieser Wandel nicht isoliert vollzieht, sondern dass
4  U. Buttkewitz

sich dadurch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen


verändern und auch die Entwicklung anderer gesellschaft-
licher Bereiche davon nicht unberührt bleibt.
Ein Kernproblem bei der digitalen Kommunikation ist
es, dass man interessanterweise (wie zum Beispiel bei
WhatsApp und ähnlichen Messengern) in erster Linie posi-
tiv miteinander kommuniziert, indem zum Beispiel ein-
fach ein passender Smiley in die Nachricht eingebettet
wird  – ein möglicher Konflikt bleibt auf diese Art und
Weise unausgesprochen beziehungsweise wird gar nicht
aufgedeckt und angesprochen. Durch die Verwendung von
Emojis versuchen wir, mögliche Konflikte und schwierige
Situationen schon im Vorfeld zu vermeiden. Die Smileys
stehen für einen längeren sprachlichen Aushandlungspro-
zess, der in der mündlichen Kommunikation stattfinden
würde, aber nicht in einem Chat, in dem nur Kurznach-
richten ausgetauscht werden. Mit einem Smiley beruhigen
wir also schon im Vorfeld einen kommunikativen Aus-
tausch, der Konfliktpotential in sich birgt. Wir könnten
unsere Chatpartner∗innen auch fragen, warum es später
wird, tun es aber in der Regel nicht, weil es zu aufwändig
wäre und Unpünktlichkeit im digitalen Zeitalter eher ak-
zeptiert wird.
In erster Linie geht es bei WhatsApp um eine gegensei-
tige Bestätigung unserer sozialen Beziehung zueinander,
zum Beispiel der Freundschaft. Wir zeigen: Mit unserer
„Beziehung“ ist alles in Ordnung. Während beim Telefonie-
ren an der Tonlage der Stimme zu erkennen ist, ob meine
Gesprächspartner∗innen angespannt, genervt, traurig oder
fröhlich sind, ist bei einer WhatsApp-Nachricht sehr viel
Sensibilität notwendig, um herauszufinden, wie es meinen
Chatpartner∗innen gerade geht. Durch die Nutzung von
Messenger-Diensten wie WhatsApp haben sich bestimmte
1 Einleitung  5

Abb. 1.2  WhatsApp-Chat

alltagssprachliche Formen und Ausdrücke so sehr gefestigt


und standardisiert, dass kaum mehr persönliche Noten üb-
rig bleiben (Abb. 1.2).
Die folgende Übersicht zeigt, welche Ausdrücke im Chat-
beispiel (Abb. 1.2) verwendet werden und welche Funktion
sie besitzen:
6  U. Buttkewitz

Bestätigung Jep
Jo
Emojis
Abschiedsformeln Smiley
Satzverkürzung Schaffst Du 18:00 Uhr?
War so schön letzte Woche.
Mit Drink drinken?
Wieder 18:00 Uhr?

Wenn Sie sich den Chatverlauf Ihrer wichtigen Kontakte


anschauen, werden Sie feststellen, dass sie sich nur margi-
nal voneinander unterscheiden, unabhängig davon, wie
eng die Beziehung zu der jeweiligen Person ist. Es werden
nur minimale Satzvariationen benutzt, um Grüße aus dem
Urlaub zu schicken, Verabredungen zu treffen, nach dem
Wohlbefinden zu fragen, Neuigkeiten auszutauschen, kurze
Nachfragen zu stellen oder Links weiterzuleiten. Sehr oft
werden mittlerweile Grußformeln und Anreden weggelas-
sen  – unabhängig davon, in welchem Verhältnis man zu
den jeweiligen Chatpartner∗innen steht. Bei befreundeten
Chatpartner∗innen wird zur Verabschiedung beziehungs-
weise Beendigung eines Chats ein Smiley gesetzt. Wenn
dieser fehlt, ist man eventuell schon irritiert und fragt sich,
ob alles in Ordnung ist. Ebenso werden oft Sätze einfach zu
einer Wortgruppe reduziert. Längere Diskussionen finden
zwar in manchen Situationen auch statt, werden aber rela-
tiv schnell abgebrochen, weil WhatsApp schlicht und ein-
fach nicht das geeignete Medium dafür ist.
Es stellt sich nun die Frage, ob solche kleineren Diskus-
sionen ohne Messenger gar nicht stattfinden würden und
dieses Mehr an Kommunikation somit ein Vorteil der
schnellen Kommunikationsform ist. Oder hätte man frü-
her eher zum Telefon gegriffen und hätte die Kommunika-
tion dadurch eine höhere inhaltliche Qualität gewonnen?
Mit inhaltlicher Qualität meine ich ein ausführliches Ge-
1 Einleitung  7

spräch mit einer größeren sprachlichen Variation und ein


Mehr an ausgetauschten Informationen, wodurch automa-
tisch mehr gegenseitiges Verständnis und Nähe zwischen
den Ge­sprächspartner∗innen entsteht. Dies ist bei
Messenger-­Kommunikation nur sehr eingeschränkt mög-
lich. Da beim Austausch von Kurznachrichten außerdem
häufig Anreden weggelassen werden, weiß man zumindest
in Gruppen-­Chats in vielen Fällen nicht, ob eine bestimmte
Nachricht nur an einen persönlich gerichtet wurde, an
mehrere verschiedene Personen oder eventuell versehent-
lich an die∗den falsche∗n Empfänger∗in geschickt wurde.
Das führt zu einer zusätzlichen Verunsicherung bei der Be-
antwortung der Nachricht. Und schließlich stellt sich in
diesem Fall auch die Frage nach dem Sinn oder Zweck so
einer Nachricht. Sie fungiert dann nur als reines Bezie-
hungsmanagement.
Das führt zur ersten Hauptthese in diesem Buch – wie es
auch Marshall McLuhan, einer der bedeutendsten Medien-
theoretiker, formuliert hat (McLuhan 1995, S. 23)

Bei der Nutzung der sozialen Medien steht die Nachricht


selbst im Vordergrund und nicht ihr Inhalt – „Das Medium ist
die Botschaft“.

Häufig warten die Gesprächspartner∗innen bei WhatsApp


gar nicht ab, bis die∗der andere die jeweilige Nachricht zu
Ende formuliert und versendet hat, wodurch Fragen mitun-
ter unbeantwortet bleiben. Bei einem Gespräch würde das
bedeuten, seinem Gegenüber einfach ins Wort zu fallen  –
ein Akt der Unhöflichkeit, der bei WhatsApp erstaunlicher-
weise geduldet wird. Technische Maßnahmen, wie die An-
zeige, dass ein∗e Partner∗in gerade etwas schreibt, helfen nur
bedingt, die dadurch entstehende Unsicherheit zu mindern.
8  U. Buttkewitz

Ein Großteil der Kommunikation findet nur noch um ihrer


selbst willen statt.

Dieses ist die zweite These des Buches und ein Novum,
das es früher nicht gab. Wozu werden Statusmeldungen
verschickt und das Profilbild bei WhatsApp, Facebook
und Instagram regelmäßig verändert? Nicht der zwischen-
menschliche Austausch steht im Vordergrund, sondern
die eigene Darstellung zeigt, dass es bei einem selbst ge-
rade richtig gut läuft. Die Profilbilder, die Statusmeldun-
gen und Posts haben natürlich einen kommunikativen
Hintergrund; allerdings wird kein wirklicher kommunika-
tiver Austausch erwartet, sondern nur die Anerkennung
und Bewunderung für die eigene Person. Man möchte
seine Freund∗innen, Kolleg∗innen und Partner∗innen
über eigene Aktivitäten im Urlaub und in der Freizeit auf
dem Laufenden halten. Aber es entsteht daraus kein Aus-
tausch, sondern lediglich ein Kontakt. Als Antwort gibt es
in der Regel einen Smiley, ein „toll“, „super“ oder ähnliche
kurze emotionale, aber inhaltlich wenig aussagekräftige
Reaktionen.
Wir bewegen uns also nur noch in einem bestimmten
festgelegten Rahmen von Kommunikation. Es ist gar nicht
so einfach, dabei ein stabiles Selbst aufrechtzuerhalten. Es
stört zwar kein Telefon, aber eine kurze Nachricht kann ei-
nen ebenso in Sekundenschnelle verunsichern, aufregen
oder in gute oder schlechte Laune versetzen und damit un-
seren Tagesrhythmus aus dem Takt bringen.
Das führt zur dritten These:

Es ist vor allem der Habitus der souveränen Lässigkeit, der im


digitalen Zeitalter fehlt.
1 Einleitung  9

Das heißt, es fehlt die Lebensart, die für Überraschung,


das Abweichen von der Norm, Mut und Widerstand steht.
Dadurch, dass unser Leben zu einem großen Teil vom digi-
talen Netz eingesponnen beziehungsweise mit ihm verwo-
ben ist, geht die Lässigkeit und der Bruch einer Situation
durch wirkliche Komik, die über Smileys hinausgeht, weit-
gehend verloren. Die Kommunikation wird durch das feste
Raster der vorhandenen Kommunikationsmittel einge-
schränkt und von der digitalen Welt kassiert – ein Ausbruch
daraus ist kaum noch möglich.
Im Bereich der Medienwissenschaft beziehungsweise der
Medientheorie sind in den vergangenen Jahren erstaunli-
cherweise wenig wegweisende Bücher geschrieben worden,
was sicher auch damit zusammenhängt, dass sich die Me-
dien so schnell ablösen oder ergänzen, dass Prognosen ihrer
zukünftigen Entwicklung immer schwieriger geworden sind
und die Bücher unglaublich schnell veralten.
Die letzten wegweisenden Publikationen entstanden
Ende der 1990er-Jahre, als das Internet so richtig an Fahrt
gewann. Die hauptsächlichen Gewährsleute, die uns im
Verlauf dieses Buches begleiten werden, sind deshalb die
hellsichtigen Medientheoretiker Marshall McLuhan und
Jean Baudrillard, die vor allem in den 1960er- und 1970er-­
Jahren die Grundlagen für heutige medientheoretische
Analyse des digitalen Zeitalters gelegt haben und deren
Theoreme bis heute kaum weiterentwickelt wurden. Das
war auch einer der Anlässe für mich, dieses Buch zu schrei-
ben; ich möchte einen Beitrag dazu leisten, die Medien-
theorie aus ihrem Tiefschlaf zu wecken, denn aus meiner
Sicht leben wir jetzt lange genug mit dem Internet, um ge-
sellschaftliche Auswirkungen analysieren und beschreiben
zu können.
In den ersten Kapiteln des Buches werde ich mit einem
kurzen Abriss zur schriftlichen Kommunikation und zur
10  U. Buttkewitz

Mediengeschichte einen Blick in die Vergangenheit werfen,


so dass Sie die Neuerungen des digitalen Zeitalters besser
einordnen können. Anschließend werde ich mich den Be-
sonderheiten der Kommunikation innerhalb der sozialen
Netzwerke widmen: Inwiefern unterscheidet sich diese Art
der Kommunikation vom kommunikativen Austausch via
Telefon, Brief und der auch schon recht lange bestehenden
E-Mail? Dabei werde ich mich bei meinen Alltagsbeobachtun-
gen und Analysen auf Instagram, Facebook und Whats­App
konzentrieren, da es sich bei diesen momentan um die pro-
minentesten und am häufigsten genutzten sozialen Medien
handelt. Danach werde ich das Problem der parallelen Nut-
zung der heutigen Kommunikationsmedien im Vergleich
zu ihren analogen Vorläufern beschreiben. Schließlich
werde ich am Ende einen Blick in die Zukunft wagen.
2
Die Gleichzeitigkeit von
Kommunikationsmedien

2.1 D
 ie parallele Nutzung
von Medien
Der Medienkonsum und die Kommunikation werden uns in
diesen Tagen nicht leicht gemacht  – jeden Tag müssen wir
neue Entscheidungen treffen: Rufe ich eine Freundin oder
einen Freund an, um eine bestimmte Information mitzutei-
len, mich zu verabreden oder etwas zu fragen? Störe ich sie
oder ihn vielleicht in einer unpassenden Situation und
schreibe ich deshalb vielleicht lieber eine Nachricht anstatt
schnell zum Telefon zu greifen? Damit ist jedoch das Problem
auch nicht gelöst und die Entscheidung noch nicht endgültig
getroffen, denn als nächstes stellt sich die Frage nach dem
konkreten Kommunikationsweg. Benutze ich für die Über-
mittlung meiner Nachricht WhatsApp oder einen anderen
Kurznachrichtendienst, schreibe ich eine E-­Mail oder eine
SMS? Mittlerweile fällen wir diese Entscheidung je nach

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 11
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_2
12  U. Buttkewitz

Adressat∗in häufig intuitiv. Die Gefahr, ein unpassendes


Kommunikationsmedium zu wählen, bleibt jedoch bestehen
und ist durch die größere Auswahl an vorhandenen Möglich-
keiten gestiegen. Vor der Ära des Mobiltelefons und der
E-Mail brauchten wir darüber kaum nachzudenken. Wenn
wir jemandem schnell etwas mitteilen wollten, haben wir an-
gerufen, unabhängig davon, ob wir gestört haben oder nicht –
es sei denn es war spät abends oder sonntags zur Kaffeezeit.
Bei nicht ganz so dringenden Informationen haben wir uns
die Zeit genommen, einen Brief zu schreiben.
Ähnlich verhält es sich mit Entscheidungen, die wir im
Hinblick darauf treffen, wie wir Musik hören – mit einer
CD, einer Vinylschallplatte oder über Streaming-Angebote.
Außerdem müssen wir uns entscheiden, ob wir ins Kino
gehen, fernsehen, eine DVD einlegen, eine Serie des An-
bieters Netflix wählen, ein Konzert auf YouTube anschauen
oder doch lieber das Angebot einer Mediathek nutzen.
Oder höre ich doch lieber einen Podcast, dessen Thema
sehr interessant klingt? Aber zwischendurch muss ich ja
auch noch meine Tageszeitung lesen. Und ich könnte ja
auch etwas Wesentliches verpassen, wenn ich nicht noch
einmal in die Online-Angebote der großen Tages- und Wo-
chenzeitungen schaue. Und auf Facebook war ich ja heute
auch noch gar nicht … die neuesten Fotos auf WhatsApp
und Instagram muss ich mir auch noch anschauen.
Im Gegensatz zu früheren kommunikationstechnolo-
gischen Entwicklungen, bei der ein Medium das andere
ablöste beziehungsweise Medien mit neuen Funktionen
dazukamen, haben wir mittlerweile eine Reihe von Kom-
munikationstechnologien zur Verfügung, die trotz glei-
cher oder ähnlicher Funktionen parallel existieren und
genutzt werden (Facebook, Instagram, WhatsApp, SMS;
CD, Schallplatte, MP3, Streaming-Dienste, Radio; lineares
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  13

Abb. 2.1  Medienvielfalt im digitalen Zeitalter

Fernsehen, Mediatheken, Netflix, Amazon, DVD, Kino;


Telefon, Skype, Handy; Buch, E-Book; Fotoapparat, Smart-
phone; PC, Tablet; E-Mail, Twitter, Website; Zeitung, E-­
Paper, Videotext, Online-Zeitungen usw., siehe Abb. 2.1).
Die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Sie soll
vor allem verdeutlichen, welche Entwicklungen sich in den
vergangenen gerade einmal 15 bis 20 Jahren vollzogen ha-
ben und warum die Menschen immer mehr auf der Suche
nach „Zeit-Oasen“ sind. Es gibt zu viele Kommunikations-
möglichkeiten, die noch nicht ausreichend voneinander ab-
gegrenzt sind. Die Schwierigkeit besteht heutzutage darin,
dass durch die parallele Nutzung der verschiedenen Medien
die Oberflächlichkeit und Kurzfristigkeit der Kommunika-
tion und damit auch ihre Unverbindlichkeit immer mehr
steigt. Außerdem konsumieren wir immer flüchtiger und
fragmentarischer. Beim Hören einer Schallplatte können
wir nicht so einfach ein Lied unterbrechen und zum nächs-
14  U. Buttkewitz

ten wechseln, wenn es uns langweilt. Bei einer CD ist das


bereits möglich. Doch erst das Streaming mit der monatlich
zu entrichtenden Flatrate ist regelrecht darauf angelegt,
ganz viel Musik in kurzer Zeit zu konsumieren – es ist frag-
lich, ob wir dann wirklich noch Musik genussvoll und auf-
merksam hören. Im Unterschied zu den vergangenen Jahr-
zehnten, als ein Medium das andere ablöste und eine neue
beziehungsweise ergänzende Funktion erhielt, existieren
jetzt viele Medien parallel, deren Nutzung oft zur Überfor-
derung im Alltag führt. Das 360°-Panorama wurde durch
Film, Kino und Virtuelle Realität abgelöst; die Funktion
der telegraphischen Übermittlung übernahm allmählich
das Telefon und im Bereich des Transports hat die Eisen-
bahn die Postkutsche abgelöst. Die Eisenbahn sei an dieser
Stelle erwähnt, obwohl sie nicht als ein klassisches Medium
im kommunikativen Sinn verstanden werden kann. Die
bildliche Wahrnehmung aus dem Fenster der Eisenbahn
ähnelt jedoch in gewisser Weise dem panoramatischen Se-
hen, weil durch die Geschwindigkeit die an dem Bahnrei-
senden vorbeiziehende Landschaft eine völlig neue Art der
Wahrnehmung provoziert, die späterem filmischen Sehen
sehr nahe kommt.
Die E-Mail ergänzt den Brief, das Handy das Festnetz-
telefon, das Fernsehen das Kino, Streaming-Angebote die
CD und die Schallplatte usw. Das Internet mit seinen so-
zialen Netzwerken und unzähligen medialen Unterformen
verbindet bereits existierende Medien wie Fotografie, Film,
Fernsehen, erschafft aber auch ständig neue Anwendungen.
Bis zur Übernahme der Massenmedien durch das Inter-
net gab es neben dem Fernsehen laut dem Soziologen Ni-
klas Luhmann noch eine „Realität erster Ordnung“ (Luh-
mann 2004, S.  15), das heißt einen Gegenpol zum
Fernsehen. Jetzt haben beziehungsweise nehmen wir uns
nur noch die Zeit, uns mit „Weltausschnitten“ zu beschäf-
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  15

tigen, die im Messenger, auf Facebook oder auf Instagram


zufällig erscheinen, je nachdem was wir und unsere
„Freund∗innen“ gelikt oder geteilt haben. So entsteht
dann eine kleine neue Welt mit Ausschnitten, deren Aus-
wahl auf der Berechnung bestimmter Algorithmen beruht,
statt durch menschliche Intelligenz vorgenommen zu wer-
den. Auch die Journalist∗innen haben häufig nicht mehr
das „große Ganze“ im Blick, indem sie sich bei ihrer Be-
richterstattung zu sehr auf die jeweiligen Tagesereignisse
konzentrieren und diese dann über mehrere Tage oder
Wochen intensiv bearbeitet und besprochen werden. Die
starke Aufmerksamkeit auf ein paar wenige Ereignisse
führt dazu, dass andere Informationen vielleicht zwar kurz
erwähnt werden, aber im großen Strom der Nachrichten
untergehen.
Vor allen Dingen durch Anwendungen wie Facebook,
Instagram, WhatsApp usw. verliert die Debattenkultur zu-
nehmend an Bedeutung. Jeder kann zwar zu allem seine
Meinung kundtun – oft ist es durch die dem Internet inhä-
rente Öffentlichkeit und Selbstzensur jedoch entweder eine
gebremste Meinung oder im Gegenteil dazu die sogenannte
„Hate Speech“. Das Bewusstsein darüber, dass auch mehr
oder weniger enge Freund∗innen unsere Posts lesen, führt
zu einer äußerst oberflächlichen Kommunikation in den
sozialen Netzwerken. Wir formulieren unsere Posts so, dass
nur noch ein stark reduzierter Informationsgehalt übrig
bleibt, den wir mit allen unseren Freund∗innen und Follo-
wern besten Gewissens teilen können, ohne zu intim und
privat zu werden. Auf der anderen Seite nutzen viele genau
aus diesem Grund die Möglichkeit, mit einem anonymen
Benutzernamen provokative und aggressive Kommentare
abzugeben, die für einen konstruktiven Austausch selbstre-
dend nicht förderlich sind. Die Folge ist der Verlust von
Meinungsvielfalt, Kreativität und Originalität. Die paral-
16  U. Buttkewitz

lele Nutzung von Kommunikationsmedien, die Verbrei-


tung derselben Nachrichten auf verschiedenen Informati-
onskanälen und die schnelle, technische Möglichkeit des
Nachrichtenaustauschs (Teilen, Liken, Weiterleiten usw.)
führen zu einer eindimensionalen, oberflächlichen und in-
differenten Debattenkultur, die von kaum mehr v­ oneinander
unterscheidbaren Beiträgen in den bestimmenden On-
line-Zeitungen geprägt wird.
Es fehlt oftmals schlicht und einfach die Zeit für einen
substanziellen Austausch, so dass ich die These formulieren
möchte, dass die gegenwärtige Ausprägung der Kommunika-
tionstechnologien nicht zu mehr Zeitersparnis führt, son-
dern im Gegenteil wertvolle Zeit verschluckt. Wenn wir je-
den Tag unsere sozialen Netzwerke, Webseiten und diversen
Apps gecheckt haben, haben wir uns in dieser Zeit noch
nicht persönlich ausgetauscht. Bevor wir unsere Freund∗innen
und Bekannten nach neuen Informationen und Nachrichten
fragen, checken wir erst einmal unser Smartphone und ver-
suchen, dort passende Antworten auf unsere Fragen im Netz
zu finden. Paradoxerweise fördern Facebook, Instagram und
WhatsApp ein egozentrisches und individualistisches Verhal-
ten, während gleichzeitig die globale Nutzung dieser Medien
wiederum Einförmigkeit im Denken und in der Lebensweise
unterstützt. So legen wir beispielsweise Wert darauf, dass
unsere Profilbilder und Posts in den sozialen Netzwerken
sich möglichst von denen der anderen abheben und ganz be-
sondere Motive zeigen, die unsere Freund∗innen bewun-
dern. Auf der anderen Seite können wir täglich im Netz be-
obachten, dass sich die Nutzer∗innen der sozialen Netzwerke
aneinander orientieren, wodurch dann doch wieder eine ge-
wisse Gleichförmigkeit entsteht, so zum Beispiel, wenn viele
Nutzer∗innen ihre Profilbilder auf einmal mit dem Fridays
for Future-­Logo schmücken.
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  17

In der Alltagskommunikation kommen mittlerweile im-


mer häufiger mehrere Kommunikationsmedien parallel
zum Einsatz. Häufig verabreden wir uns per E-Mail oder
WhatsApp zum Telefonieren – anstatt gleich zum Telefon
zu greifen. Oder wir versuchen das Telefonieren ganz zu
vermeiden und schicken uns stattdessen mehrere E-Mails
und/oder WhatsApp-Nachrichten hin und her und können
die Angelegenheit schließlich noch immer nicht klären.
Aufgrund der Vielzahl vorhandener Kommunikationswege
können wir uns oft nicht auf einen einzigen festlegen und
nutzen dann mehrere Wege, um auf Nummer sicher zu ge-
hen, so dass letztendlich die Kommunikation sogar wieder
langsamer oder umständlicher wird. Gleichzeitig ist dies
aber auch ein Zeichen dafür, dass alle Kommunikations-
medien momentan noch ihre Berechtigung haben und wir
uns noch für keine bestimmte Richtung entschieden ha-
ben. Wurden vor 15 Jahren in der Presse- und Öffentlich-
keitsarbeit Veranstaltungen nur per Einladungskarte,
E-Mail, Website und Poster angekündigt, so erfolgt mittler-
weile eine Ankündigung auch auf Facebook, Instagram und
manchmal auch via WhatsApp – oft auch auf verschiede-
nen Webseiten und verschiedenen Facebook-Seiten  – nur
um wirklich jeden möglichen Kommunikationskanal und
damit jede Zielgruppe zu berücksichtigen. Der Aufwand,
den man in dieser Hinsicht betreiben muss, ist ein Hinweis
für eine ansteigende Individualisierung innerhalb unserer
Gesellschaft, wie sie etwa auch Andreas Reckwitz in seinem
Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ beschreibt.
(Reckwitz 2017)
Wir sehen uns also mit dem komplexen Problem kon-
frontiert, dass es im digitalen Zeitalter zwar ein enges, aus-
gedehntes Netz zwischen den Menschen gibt, gleichzeitig
aber die Individualisierung der Menschen zunimmt. Felix
Stalder bezeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“
18  U. Buttkewitz

die sozialen Netzwerke als „gemeinschaftliche Formatio-


nen“, über die sich Personen teilweise mehr identifizieren als
über die Familie oder ihre Kolleg∗innen am Arbeitsplatz
(Stalder 2017, S. 144).
Einer der typischsten Sätze heutzutage taucht als immer
wiederkehrendes Mantra in Lifestyle-Magazinen auf: „Tue
nur das, was Dir gut tut.“ Dieser Satz, der durch das neo-
liberale Denken geprägt ist, widerspricht dem solidari-
schen Denken innerhalb der Gesellschaft, indem er sagt,
dass es vor allem wichtig ist, für sich selbst etwas Gutes zu
tun, denn nur wenn es mir gut geht, kann ich auch mei-
nen Mitmenschen helfen. Doch wir helfen der Gesell-
schaft nicht, indem wir uns durch Sport selbst optimieren
oder mit der Familie per Wohnmobil einmal um die ganze
Welt fahren. Das ist das Gegenteil von Solidarität. Man
tut etwas, das von anderen respektiert und bewundert wird
und das von der Gesellschaft durchaus positiv bewertet
wird – aber man tut es eben nur für sich. Aktionen wie die
Umweltinitiative „Fridays for Future“ oder die Bewegung
„Die offene Gesellschaft“ lassen sich durch das globale
Netzwerk zwar schneller initiieren. Erstaunlicherweise
schafft es diese Art von Initiativen trotz großen medialen
Erfolges kaum, die Welt erster Ordnung nachhaltig zu ver-
ändern. Kommunikationsmedien fördern zwar den Aus-
tausch innerhalb von Gruppen, aber bei den meisten
Spielarten der digitalen Kommunikationsmittel geht es
wie oben schon angedeutet in erster Linie um die Verbrei-
tung einer Message, die Aufmerksamkeit erregen soll und
um Veränderungen wirbt. Es scheint jedoch keine ausrei-
chende Durchlässigkeit zwischen der „Realität erster und
zweiter Ordnung“ dafür zu geben, dass aus der digitalen
Welt heraus entwickelte Aktionen reale politische Verän-
derungen bewirken und provozieren können. Auf die
Massenmedien bezogen definiert Niklas Luhmann die
Realität erster Ordnung als die Realität, die real stattfin-
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  19

det. Die Realität zweiter Ordnung kann als die von den
Massenmedien beobachtete Realität verstanden werden
(Luhmann 2004, S. 15).
Warum aber scheint es keine Durchlässigkeit zwischen
beiden Welten oder Realitäten zu geben beziehungsweise
warum ist es so schwer, diese zu schaffen? Es hat den
Anschein, als wenn die genannten Aktivitäten an ihrer
­
Selbstbezüglichkeit zu Grunde gehen, vom Medienkreislauf
aufgesogen durch sämtliche Medien hindurchwandern und
am Ende schließlich fallen gelassen werden und für eine
neue Aktion Platz machen müssen. Das binäre 1/0 Schema
greift auch hier. Debatten werden zwar geführt, jedoch
schaffen sie selten den Sprung in die Realpolitik, sondern
kämpfen im Prinzip nur gegen ihre eigenen Papiertiger. Da-
mit möchte ich solche grundsätzlich positiven und gemein-
schaftlichen Bewegungen wie „Fridays for Future“ über-
haupt nicht kritisieren; es ist nur äußerst schade, wenn diese
sich im Dickicht der Medien wieder verlieren beziehungs-
weise vom Medienkreislauf einfach kassiert werden. Die
sozialen Medien und ihre Algorithmen verhelfen solchen
Bewegungen und Netzwerken in kürzester Zeit zu sehr viel
Aufmerksamkeit, ohne dass ihnen Zeit gegeben wird, erst
einmal gefestigte, substanzielle, stabile und inhaltliche
Strukturen aufzubauen, die bei kleinen Differenzen, Un-
stimmigkeiten und Kritik von außen nicht gleich wieder
einzustürzen drohen. Der Soziologe Dirk Baecker be-
schreibt diesen Effekt sehr prägnant wie folgt: „Die Infor-
mation wird von ihrer Quelle gelöst und erhält einen Ei-
gensinn, der weniger davon bestimmt ist, wer sie mit
welchen Absichten gesendet hat, als vielmehr davon, wer sie
mit welchen Absichten nutzt.“ (Baecker 2018, S. 20). Die
Menschen handeln gemeinschaftlich und doch allein und
unabhängig voneinander innerhalb ihres eigenen abge-
schlossenen Informationsradius, den sie durch Selektion
selbst herstellen. Dessen muss sich jede∗r bewusst sein.
20  U. Buttkewitz

Durch die Reizüberflutung in der modernen Gesellschaft


und die Angst etwas zu verpassen, löst immer schneller ein
Ereignis und ein neuer Trend den nächsten ab – egal ob es
sich um Musik, neue Apps, Kleidung, Filme, eine Ausstel-
lung oder andere diverse Events handelt. Der bekannte
französische Medientheoretiker Jean Baudrillard hat bereits
im Jahr 1976 die aktuelle Problematik des digitalen Zeital-
ters beschrieben:
„Das Eindringen des binären Frage/Antwort-Schemas hat
eine unabsehbare Tragweite: es zerstückelt jeden Diskurs, es
schließt alles kurz, was im inzwischen vergangenen golde-
nen Zeitalter die Dialektik des Signifikanten und des Signi-
fikats, des Repräsentanten und des Repräsentierten war.
[…].“ (Baudrillard 2005, S. 100)
Baudrillard erkannte, wie schwer es im zukünftigen digita-
len Zeitalter sein würde, zwischen Zeichen (Signifikant)
und Inhalt (Signifikat) zu unterscheiden. Er hatte hier vor
allem noch Film und Fernsehen im Blick, die die Realität
nur noch fragmentarisch darstellten. Die Antworten sind in
einzelnen Filmszenen und Kameraeinstellungen im Prinzip
schon vorgegeben. Die bruchstückhafte Wiedergabe der
Wirklichkeit verhindert eine Verarbeitung und Auseinan-
dersetzung mit dieser, die über das Frage/Antwort-­Schema
hinausgeht. Baudrillard sah hellsichtig das Sterben der Rea-
lität voraus. Mittlerweile befinden wir uns gleichsam in der
„Matrix“, so wie es der gleichnamige Film vor 20 Jahren
antizipiert hat. Es ist natürlich nicht so, dass es die Realität
nicht mehr gäbe oder die Realität lediglich simuliert wird.
Nein, die Realität ist zu einem großen Teil mittlerweile zur
Realität des Digitalen geworden. Es geht nicht mehr nur
um die Simulation (Vortäuschung) oder Dissimulation
(Verbergung) des Realen, sondern das Reale ist vom Digita-
len verschluckt worden. Und wenn es ein Verdienst von
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  21

Facebook und Co. gibt, dann ist es das der Entzauberung


des Digitalen. Es gibt keinen Verdacht mehr, der unter der
opaken Schicht der Oberfläche lauern könnte, wie es der
Philosoph Boris Groys im Jahr 2000 in seinem Buch „Un-
ter Verdacht“ beschrieb.
Die Simulation der Medien im Fernsehzeitalter wurde
durch eine neue Authentizität des Digitalen abgelöst – es
handelt sich jedoch oft um eine äußerst oberflächliche Au-
thentizität. Die spielerische Referenzlosigkeit der Kommu-
nikation via YouTube, Facebook, Twitter, Instagram und
WhatsApp ist allgemeiner Konsens geworden. Die Schwie-
rigkeit besteht darin, dass die referenzlose Kommunikation,
die nur noch um sich selbst kreist, jede Möglichkeit eines
ernsthaften dialektischen Diskurses ausschließt, wodurch
wertvolle, zeitliche Ressourcen verschwendet werden. Die
Menschen kommunizieren nur noch für sich oder mit sich
selbst, ohne dass sie sich darüber wirklich bewusst wären.
Die „anderen“ sind nur wichtig, weil sie als Gegenpart für
eine funktionierende Kommunikation nach dem „Empfän-
ger-Sender-Modell“ gebraucht werden; aber die anderen
werden nicht für einen ernsthaften inhaltlichen Aus-
tausch benötigt.
Während das Fernsehen noch Informationsübermittlung
und Zeit zum Reflektieren bietet, bieten soziale Netzwerke
wie Facebook oder Instagram keinen eigentlichen inhaltli-
chen Mehrwert mehr, weil dort vor allem Informationen zu
lesen sind, die in erster Linie nur einen Verweischarakter
haben, in die Tiefen des Internets weiter verlinken und Wer-
bung schalten, ohne dass es die Netzwerke schaffen, aus sich
heraus über etwas Neues zu informieren, das nicht schon auf
einer anderen Webseite zu lesen ist. Jeder Mensch hat wei-
terhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die fehlende
Zeit führt dazu, dass sich die Menschen vor permanenter
22  U. Buttkewitz

Kommunikation in Kurzform keine Zeit mehr zur Refle-


xion gönnen. Roberto Simanowski drückt das wie folgt aus:
„Die ‚Tyrannei des Moments‘ liegt in der Abfolge an Au-
genblicken, die, bei aller Intensität, nichts meinen“. (Sima-
nowski 2016, S. 45) Das Leben im Moment und die Wich-
tigkeit des „Frontend“ werden bei Facebook und anderen
digitalen Anwendungen besonders sichtbar:
„[…] die Möglichkeit umfassender Kontrolle des indivi-
duellen und kollektiven Verhaltens in sozialen Netzwerken
führt subtil zu Selbstzensur; die vorrangig phatische Kom-
munikation und der Ausbau nicht-reflexiver Selbst- und
Weltbezüge untergräbt die intellektuelle Basis einer politi-
schen Gegenbewegung.“ (Simanowski 2016, S. 154)
Die Menschen lassen sich durch die sozialen Medien
mitunter wie eine Kugel in einem Flipperautomaten zufäl-
lig und ziellos umhertreiben ohne konkretes Ziel. Dieses
Verhalten ähnelt dem Aufenthalt in einer Hotellobby. Wäh-
rend dort das Sich-treiben-lassen jedoch als Entspannung
vom Alltag erwünscht ist – nach einer fest bestimmten Zeit
steigt man aus dem Spiel aus und wechselt wieder in die
„Realität“ – ist der Ausstieg aus der digitalen Kommunika-
tion so gut wie nicht mehr möglich. Der Philosoph By-
ung-Chul Han spricht hierbei von Nacktheit: „Die digitale
Abstandslosigkeit beseitigt alle Spielformen von Nähe und
Ferne. […] Das Spiel bedarf eines Scheins, einer Unwahr-
heit. Die nackte, pornographische Wahrheit lässt kein Spiel,
keine Verführung zu“. (Han 2016, S. 13–14) Der Ruf nach
ständiger Transparenz, Konstruktivität und Authentizität
verhindert jegliche Form von Geheimnissen, „zwischen den
Zeilen lesen“, gedanklicher Tiefe und der Lust nach der Su-
che von Erkenntnissen. Dabei ist es dieses spielerische Mo-
ment, das das Leben überraschend, spannend und gleich-
zeitig entspannend macht.
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  23

2.2 Öffentlichkeit und Individualität


Mittlerweile passiert es uns ständig, dass wir im Internet
nach Dingen recherchieren, die wir dann kurze Zeit später
auf ganz anderen Websites in Werbeanzeigen wieder sehen.
Während wir uns am Anfang sehr darüber gewundert ha-
ben, haben wir uns inzwischen daran gewöhnt und hinter-
fragen kaum noch, dass hier unsere individuellen und pri-
vaten Wünsche und Vorlieben getrackt (beobachtet), von
Algorithmen berechnet und damit in gewisser Weise öffent-
lich werden. Unsere persönlichen Interessen gehörten vor
der überbordenden Digitalisierung uns selbst beziehungs-
weise haben wir darüber nur unseren engsten Vertrauten
und Freund∗innen erzählt. Plötzlich lassen wir es zu, dass
Algorithmen unsere E-Mails und unser Nutzungsverhalten
im Internet analysieren, oder wir nutzen Sprachassistenten
wie Alexa, Siri oder Google Assistant, obwohl die von uns
so bereitgestellten Daten dann vor allem für Werbezwecke
genutzt werden. Auch wenn die gesammelten Datenmen-
gen in den meisten Fällen keine Rückschlüsse auf einzelne
Individuen zulassen, so besteht doch immer potentiell die
Möglichkeit und Gefahr, dass unsere persönlichen Daten in
unbefugte Hände gelangen.
Die Transparenz- und Kommunikationsgesellschaft wi-
derspricht dem natürlichen Bedürfnis eines jeden Men-
schen nach Privatheit und einer Intimsphäre. Der Wunsch
nach der eigenen Privatsphäre wird sogar durch die ver-
schiedenen sozialen Medien noch verstärkt, indem zwar
scheinbar private Einblicke gewährt werden, diese aber nur
das Ziel verfolgen, Distanz zu den anderen zu wahren. Be-
sonders sichtbar wird das bei den Instagram-Accounts von
Prominenten, die zunehmend selbst Einblicke in ihre Pri-
vatleben gewähren und damit jedoch erst recht Abstand zu
24  U. Buttkewitz

ihrem Privatleben herstellen. Persönliche Kommunikation


verbindet sich heute paradoxerweise mit medialer Öffent-
lichkeit – die Vertraulichkeit und das Intime werden teil-
weise bewusst aufgegeben.
Deutlich wird das an dem verzweifelten und aussichts-
losen Kampf der Menschen im digitalen Zeitalter um die
Beibehaltung der Herrschaft über die eigenen Daten. Man
kann eben nicht seine Daten bereitwillig preisgeben, um sie
dann wieder mühsam beschützen zu wollen. Es bedeutet
eine Form von Anstrengung und Stress, Transparenz und
Authentizität zu simulieren, um weiterhin eine gewisse Pri-
vatsphäre und Anonymität zu behalten und somit die spie-
lerische Leichtigkeit nicht völlig zu verlieren. Vor lauter
hektischem Teilen, Liken und Kommunizieren vergessen
die Menschen, ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. In
der Welt passiert scheinbar nur das, was gerade aktionis-
tisch in sämtlichen Medien berichtet wird und auch nur
darüber wird diskutiert. Die vielen Worte und die ständige
Aktualisierung von Daten und Nachrichten verhindern jeg-
liches Nachdenken, die Entwicklung von Visionen und
ihre Umsetzung in die Tat. Wenn es noch Taten gibt, dann
bleiben sie ohne größere substanzielle Wirkung. Während
man das Fernsehen noch als technologische Weiterentwick-
lung bezeichnen konnte, sind die neuen Anwendungen im
Rahmen des Internets vor allem aus ökonomischem Profit-
denken heraus entstanden. Beim Fernsehen handelte es sich
um eine mediale Revolution – es entstand eine zweite Reali-
tät, die simultan eine Vielzahl von Zuschauern erreichte
und in Echtzeit abgebildet wurde. Damit wurde den Fern-
sehzuschauern suggeriert, dass die Realität genau SO statt-
findet, wie sie sie in dem Moment des Schauens wahrneh-
men. Es ist schwer zu abstrahieren, dass es sich bei den
Fernsehbildern nur um einen Wirklichkeitsausschnitt han-
delt, der in komplexe kausale Zusammenhänge eingebettet
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  25

ist, die von den Fernsehbildern nicht gleichzeitig mitver-


mittelt werden können. Während das Fernsehen aber noch
durchaus die Menschen zusammengebracht beziehungs-
weise einen gemeinsamen Konsens hergestellt hat, führen
die neuen Entwicklungen wie Facebook, Instagram, Twit-
ter, WhatsApp & Co. zu weiterer Individualisierung – nicht
zu verwechseln mit dem Begriff der Einsamkeit. Auch vor
dem Fernseher sitzen viele Leute allein, aber die neuen me-
dialen Anwendungen rund um das World Wide Web füh-
ren dazu, dass die Menschen ihre Individualität und dem-
entsprechend auch ihre persönlichen Wünsche in den
Vordergrund stellen – das heißt, paradoxerweise führen die
sozialen Netzwerke eben nicht zu sozial engeren Beziehun-
gen, die moralisches Verhalten, gegenseitige Rücksicht-
nahme, Empathie und altruistische Handlungen fördern.
Die sozialen Netzwerke führen nicht zu neuen, bedeutungs-
schweren Texten oder Gedanken, sondern sie potenzieren
lediglich die Anzahl von redundanten Texten, die nichts
meinen oder aussagen. Und wenn doch mal gute Gedanken
dabei sind, gehen sie sofort unter, ohne dass man erkennen
kann, ob jemand länger darüber nachgedacht hat. Die me-
diale Kommunikation in Echtzeit kann jede inhaltliche
Diskussion oder Debatte im Keim ersticken. Aber nur
wenn Leser∗innen länger über einen Text oder über die Ge-
danken eines anderen nachdenken, entsteht Kommunika-
tion und nicht lediglich ein Kontakt. Jean Baudrillard sagt:
„Man ist durch diese Entwicklung in der Tat der Welt des
Taktilen näher als der des Visuellen, in der die Distanzie-
rung größer, die Reflexion jederzeit möglich ist.“ (Baudril-
lard 2005, S. 101) In dem Moment, in dem eine Nachricht
auf dem Smartphone erscheint beziehungsweise durch Vib-
ration oder einen Klingelton angezeigt wird, werden wir
davon unmittelbar berührt – durch eine Direktheit in ihrer
unmittelbarsten Form, die kein distanziertes Verhalten zu
26  U. Buttkewitz

der Nachricht ermöglicht. Im Gegenteil: Sie stellt eine Art


Bedrohung dar und fordert möglichst in kurzer Zeit von
uns eine Antwort. Wir sind dadurch fremdbestimmt, weil
die Nachricht uns aus einer bestimmten Situation heraus-
holt und uns in Sekundenschnelle in eine positive oder ne-
gative Stimmung versetzen kann. Es besteht zumindest
potentiell die Gefahr, dass unser Gefühlsleben von jetzt auf
gleich beeinflusst wird. Das kann natürlich auch durch das
herkömmliche Telefon, Radio oder Fernsehen passieren.
Der Unterschied besteht darin, dass die Kommunikation in
Form von SMS oder WhatsApp die unmittelbarste Art der
technologisch vermittelten Kommunikation ist, die es bis
zum jetzigen Zeitpunkt gibt. Per Telefon lassen sich The-
men und Ereignisse ausführlich diskutieren. Wir haben die
Chance, eine Nachricht schrittweise aufzunehmen, uns zu
unserem Gegenüber konkret zu verhalten und Gesprächs-
themen zu verhandeln. Eine kurze „heiße“ Nachricht ist
jedoch plötzlich da und verlangt nach einer Reaktion.
Der Medientheoretiker Marshall McLuhan differenziert
zwischen heißen und kalten Medien: Heiße Medien wie
das Radio und die Fotografie sind sehr detailreiche Me-
dien, die nur wenig „persönliche Beteiligung“ durch die
Zuhörer∗innen oder Betrachter∗innen benötigen (McLu-
han 1995, S.  45  ff.), während das Telefon als kühles Me-
dium den Zuhörer∗innen und Sprecher∗innen einen hohen
Konzentrationsgrad abverlangt. „Und den alphabetischen
Menschen bringt eine so harte Forderung nach voller Auf-
merksamkeit aus der Ruhe, weil er schon lange an getrennte
Aufmerksamkeit gewöhnt ist.“ (McLuhan 1995, S.  406)
Das Telefon kann nicht als Kulisse dienen, wie es McLuhan
formuliert. Außerdem gelingt es uns einfach nicht, während
des Telefonierens die ganze Zeit über eine bildliche Vorstel-
lung von unseren Gesprächspartner∗innen zu entwickeln,
so McLuhan weiter, da wir uns so sehr auf die Sprache kon-
zentrieren müssen.
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  27

Nach dieser Kategorisierung hätten wir es bei den Kom-


munikationsmedien SMS oder Messenger-Diensten wie
WhatsApp, Threema oder Signal mit äußerst heißen Me-
dien zu tun. Die Form der taktilen Kommunikation unter-
bindet jede Form einer Diskussion und eines kommunika-
tiven Aushandelns. Erst wenn den Rezipient∗innen die
Chance und Zeit gegeben wird, über einen Sachverhalt zu
reflektieren, entstehen Diskussionen, die wiederum im Di-
alog mit anderen zu neuen Gedanken weiterentwickelt wer-
den können, das heißt, es entsteht die gemeinsame Arbeit
an einer Idee. Und genau dieses gemeinschaftliche Denken
wird momentan unterbunden. Man möchte Facebook und
Co. nicht unterstellen, dass sie der Weiterentwicklung hin
zu einer besseren Gesellschaft negativ gegenüber stehen,
aber ihr Pakt mit Mephisto in Form des zügellosen Strebens
nach neuen Entdeckungen (im Unternehmen Google wer-
den solche Entdeckungen „Moonshots“ genannt) verbun-
den mit kapitalistischen Wachstumsgedanken führt nicht
zu einem Gemeinschaftsgefühl, sondern fördert egozentri-
sche Verhaltensweisen.
Byung Chul-Han kritisiert zu Recht die heutige Trans-
parenz- und Authentizitätsgesellschaft. Alles muss transpa-
rent und authentisch sein. Wir sehen uns quasi einer „Auf-
deckungsindustrie“ gegenüber: Eine Zeit lang erreget sich
2019 die deutsche Öffentlichkeit beispielsweise über die
Vorschläge des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert zum
Thema Enteignungen von Wohneigentum und Automo-
bilkonzernen  – und was passierte in der Konsequenz?
Nichts. Es gibt eine kurze mediale Debatte darüber, die
nicht länger als eine Woche dauert und danach verschwin-
det das Thema wieder aus dem medialen Kreislauf. Es wer-
den Informationen an die Oberfläche geschwemmt, die als
­Informationen stehen bleiben, ohne dass sich jemand aus-
führlich damit beschäftigt. Denn dafür fehlt die Zeit. Eine
28  U. Buttkewitz

politische oder gesellschaftliche Debatte kann sich heutzu-


tage nicht mehr organisch, das heißt, aus sich heraus ent-
wickeln, sondern taucht plötzlich abrupt auf und droht
genauso schnell wieder zu versinken. Prinzipiell eröffnet
das Internet die Möglichkeit, sich umfassend zu informie-
ren, die Glaubwürdigkeit von Nachrichten zu überprüfen
und verschiedene Sichtweisen zu einem bestimmten Ereig-
nis einzunehmen beziehungsweise nachzuvollziehen. Das
große Manko liegt jedoch darin, dass das Netz – so wie der
Name es auch schon verrät – so gut wie nicht entwirrbar ist
und man sich darin verstrickt. Die vielen Verlinkungen las-
sen kein geradliniges Lesen zu. Es ist effektiv, um schnell
an Informationen zu kommen, jedoch weniger, um kom-
plexe Zusammenhänge zu verstehen, da die Fülle an Infor-
mationen es den Nutzer∗innen erschwert, diese in kurzer
Zeit zu bewerten, zu selektieren und richtig zu gewichten.
Selbstverständlich ist es möglich, das Medium Internet als
Fernseher zu nutzen und sich auf YouTube Filme anzu-
schauen oder eine Dokumentation in der Mediathek, die
man verpasst hat. Trotzdem ist auch in diesem Fall der Ef-
fekt ein anderer, als wenn wir uns Filme oder andere Sen-
dungen im herkömmlichen Fernsehen anschauen. Das
hängt damit zusammen, dass wir im Internet aus einer rie-
sigen Palette aus vorhandenen Filmen und Videos auswäh-
len können, die Vielfalt der vorhandenen Angebote oft-
mals zu einer Überforderung führt und wir dadurch in
verschiedene Angebote einfach nur kurz hineinschauen
und dann schon wieder zum nächsten Angebot wechseln.
Die Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke
führt dadurch zur Fragmentierung von Ideen, Wissen und
Formationen und verhindert die Wahrnehmung komple-
xer Zusammenhänge.
Vor allem die stark verkürzte Kommunikation via Twit-
ter, SMS und WhatsApp und die Wucht der (bewegten)
Bilder via Facebook und Instagram führen dazu, dass auch
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  29

bei gut gemeinten politischen Aktionen häufig die Ver-


marktung und die Generierung von Aufmerksamkeit in
keinem Verhältnis zur substanziellen Unterfütterung der
Aktion stehen beziehungsweise diese in vielen Fällen schlicht
und einfach gar nicht existiert.
„Die Information liegt einfach vor. Das Wissen im empha-
tischen Sinne ist dagegen ein langsamer, langer Prozess. Er
weist eine ganz andere Zeitlichkeit auf. Es reift. Das Reifen
ist eine Zeitlichkeit, die uns heute immer mehr abhanden-
kommt. Es verträgt sich nicht mit der heutigen Zeitpolitik,
die zur Steigerung der Effizienz und Produktivität die Zeit
fragmentiert und zeitstabile Strukturen beseitigt.“ (Han
2016, S. 10)

Wir werden im weiteren Verlauf dieses Buches noch sehen,


dass die „Zeit“ einer der Schlüsselbegriffe des modernen di-
gitalen Zeitalters ist.

2.3 E
 in Lob auf die analoge
Lässigkeit und Unabhängigkeit
Alles in der Welt ist neuerdings fantastisch und großartig.
Der Urlaub war super mit zehn Ausrufezeichen, die Liebe zu
Partner∗innen oder Freund∗innen ist unglaublich intensiv
und macht einen gerade superglücklich. Das Essen ist tat-
sächlich extrem köstlich – ich habe nie etwas Besseres geges-
sen. Ich kann mich kaum im Zaum halten vor lauter Begeis-
terung für den Sonnenuntergang. Mir geht es gerade richtig
gut  – zehn Smileys. Solche und ähnliche Einträge haben
Sie sicher schon oft auf verschiedenen sozialen ­Plattformen
gelesen oder selbst verfasst. Aber warum muss gegenwärtig
immer alles super, einzigartig und noch nie dagewesen sein?
Warum geben wir uns nicht mehr mit einem authentischen
„gut“ zufrieden? Warum haben neue Autor∗innen immer
30  U. Buttkewitz

gleich das Buch des Jahres geschrieben und nicht einfach nur
ein sehr gutes Buch? Die unglaublich schnelle Aufmerksam-
keitsmaschinerie der sozialen Medien zwingt uns scheinbar
dazu, uns durch eine verstärkte Hyperkommunikation von
anderen abheben zu wollen und mehr Aufmerksamkeit als
die anderen zu ergattern.
Viele kennen sicher aus ihrem Arbeitsumfeld das Pro­
blem, dass gleichzeitig Informationen via Telefon, E-Mail,
Facebook, Instagram und WhatsApp übermittelt werden.
Daneben werden Dokumente von Arbeitsgruppen auf ge-
meinsamen Plattformen (Wikis, Foren) verwendet und be-
arbeitet – doch spätestens nach sechs Monaten und guten
Vorsätzen werden diese Plattformen in der Regel nicht mehr
aktualisiert. PowerPoint-Präsentationen werden hochgela-
den oder über den E-Mail-Verteiler verschickt, ohne jemals
gelesen zu werden. Parallel flattern diverse Newsletter in das
Postfach, die schnell überflogen werden, denn sich die an-
gegebenen Verlinkungen zu weiteren Dokumenten und
Hintergrundinformationen anzuschauen, ist dann schon zu
zeitaufwändig. Wir haben es hier mit einer selbstreferentiel-
len Nutzung von Medien zu tun, die in den seltensten Fäl-
len wirklich zu neuen Erkenntnissen und Aktionen führt.
Wir lassen uns freiwillig in unserer Kommunikation ein-
grenzen, frei nach dem Motto: Es bringt nichts, auf Face-
book oder Instagram aktiv zu sein, wenn man nicht jeden
Tag mindestens einmal etwas postet  – egal ob mit oder
ohne Relevanz. Kostbare Zeit geht dem inhaltlichen Leben
und Arbeiten dadurch verloren. Warum halten wir uns ei-
gentlich an diese Regeln beziehungsweise stimmen ihnen
zumindest zu? Wir entscheiden damit nicht mehr selbst,
wie oft wir kommunizieren möchten, sondern handeln frei-
willig als „Sklaven“ der sozialen Medien. Das heißt, man
postet lieber viele, aber wenige relevante Neuigkeiten, nur
um quantitativ auf eine ausreichende Anzahl von Posts zu
2  Die Gleichzeitigkeit von Kommunikationsmedien  31

kommen, damit die eigene Information überhaupt von den


Freund∗innen in der jeweiligen Timeline gesehen wird.
Das bedeutet, in der Mediengeschichte muss etwas pas-
siert sein, das uns dazu bringt, uns kommunikativ so zu
verhalten. Wir akzeptieren es, dass wir unsere Entscheidung
von Programmen und Softwareentwicklungen abhängig
machen (müssen). Auf diese Weise entfernen wir uns un-
merklich von uns selbst und sinken immer mehr in die
„Matrix“ ein, denken aber immer noch, die Kontrolle über
die eigenen Entscheidungen zu haben. Ich habe mich sehr
lange gewehrt, WhatsApp zu nutzen, bis ich mich am Ende
fast isoliert gefühlt und mich schließlich doch ange-
meldet habe.
Aber ist das digitale Zeitalter wirklich so dramatisch, wie
ich es gerade geschildert habe? Im nächsten Kapitel versu-
chen wir, uns der Antwort auf diese Frage anzunähern, in-
dem wir uns zunächst mit der Geschichte des Schreibens
und der Schrift beschäftigen.
3
Die Entwicklung der Medien aus
digitaler Perspektive

3.1 Die Schrift und das Schreiben


Ein Blick in unsere Historie zeigt, dass es das Bedürfnis des
Schreibens, Mitteilens und Speicherns von Informationen
schon immer gab und ein zutiefst menschliches zu sein
scheint. Spätestens vor 40.000 Jahren setzte sich bei allen
Hominiden die arithmetische Lautsprache durch. Vor
35.000 Jahren kam dann zur sprachlichen Kommunikation
die Kommunikation mithilfe von Bildern dazu – das waren
sozusagen die Vorläufer der Emojis. Wann die Menschen
entdeckten, dass visuelle Bedeutungen auch sprachlich um-
gesetzt werden können, ist nicht genau bekannt. Die Ge-
schichte des Schreibens beginnt in Mesopotamien im Neo-
lithikum (Jungsteinzeit) – ca. 9000 v. Christus. Die Ägypter
und Sumerer begannen vor ca. 3000 v. Chr. an zu schrei-
ben. Es bedurfte dann mehrerer Jahrhunderte, um zu Tex-
ten in unserem heutigen Sinn zu gelangen. Die archaischen

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 33
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_3
34  U. Buttkewitz

Texte dienten in erster Linie der Organisation von Wissen


und besaßen die Funktion des Gedächtnisspeichers. Es
wurden Listen, die Anzahl von Personen, ihre Berufe, Trans-
aktionen usw. aufgeschrieben – Texte, die wir uns heute bei-
spielsweise im Pergamonmuseum in Berlin anschauen kön-
nen. Allmählich kamen die kommunikative Funktion und
der Bezug zur gesprochenen Sprache hinzu. Die Griechen
und Römer entwickelten ihre Lautsprache zur Lautschrift,
aus der dann schließlich die Alphabetschrift hervorging.
Die Erfindung der Alphabetschrift stand in engem Zusam-
menhang mit neuen politischen, gesellschaftlichen und
technologischen Verhältnissen und Entwicklungen. Das
Schreiben diente nicht länger nur der Administration und
dem Machterhalt, sondern führte zu einer demokratischen
Öffentlichkeit. Die Schrift stand allen Bürger∗innen offen,
auch wenn nicht bekannt ist, wie viele Bürger∗innen wirk-
lich lesen und schreiben konnten. Die Kommunikation
funktionierte zwar noch größtenteils mündlich, da die
schriftlichen Texte in erster Linie vorgelesen wurden. Die
Texte entstanden jedoch nicht mehr im Augenblick des
Vortrags, sondern wurden aufgeschrieben und dann münd-
lich präsentiert. Im Römischen Reich schrieb man eigen-
händig flüchtige Notizen, persönliche Aufzeichnungen, ver-
trauliche Briefe und Gedichte. Das Ab- und Mitschreiben
wurde dagegen den Sklaven als minderwertige Tätigkeit
überlassen.
Im europäischen Mittelalter trat in erster Linie die Kir-
che das christlich-antike Erbe an und ihre Hauptaufgabe
war es, die Texte zu verbreiten. Auch außerhalb der Klöster
und der Universitäten verbreitete sich das Schreiben all-
mählich. In Lateinschulen des ausgehenden Mittelalters
und der Neuzeit lernten Söhne des Bürgertums das Schrei-
ben von Reden, Briefen und Gedichten. Spätestens seit
dem 14./15. Jahrhundert wurde das Schreiben im Kreise
der Laienschaft immer populärer und die lateinische Spra-
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  35

che verlor ihre Vorherrschaft. An ihre Stelle trat die jewei-


lige Landessprache. Die Trennung der literalen (schriftli-
chen) Kultur des Mittelalters und der oralen (mündlichen)
Welt eines Großteils der Bevölkerung wurde damit einge-
ebnet: Das Schreiben war nicht länger eine Kunst wie das
Zeichnen oder das Malen, sondern das Pendant zum Spre-
chen. Bis zur Einführung des Buchdrucks hatte das Schrei-
ben vor allem zwei Hauptfunktionen: die Produktion (das
Aufschreiben) und die Reproduktion (das Abschreiben).
Der Buchdruck hat das Schreiben nicht ersetzt oder beein-
trächtigt, da lediglich die Funktion und Reproduktion und
Distribution rationeller und quantitativ gesteigert wurde,
denn alle Texte mussten weiterhin erst einmal aufgeschrie-
ben werden.
Im 18. Jahrhundert änderte sich die Vorstellung vom
Schreiben. Das Schreiben brachte nicht nur neue Gedan-
ken zum Ausdruck, sondern ordnete, verarbeitete sie und
entwickelte sie weiter. Ende des 19. Jahrhunderts erlangte
die Technik immer mehr Einfluss auf das Schreiben. Die
Schreibmaschine, die Anfang des 19. Jahrhunderts erfun-
den wurde, veränderte den Schreibprozess. Texte konnten
nun schneller produziert und besser gelesen werden. Das
Schreiben expandierte nicht nur in der Administration, im
Handel und in der Diplomatie, sondern im 19. Jahrhun-
dert auch in der Industrie und im 20. Jahrhundert durch
die Entwicklung und Ausweitung der Informations- und
Kommunikationsmedien. Damit stieg die Notwendigkeit
der Kontrolle, Speicherung, Sammlung, Verarbeitung und
Verbreitung von Informationen.
Die Erfindung des Telegraphen im Jahr 1837 änderte
den Produktionsprozess von Texten nachhaltig: Der Text
wurde wie auf einer Schreibmaschine geschrieben, dann in
elektrische Impulse kodiert und bei den Empfänger∗innen
in Buchstaben dekodiert. Der Zusammenhang zwischen
der Erstellung und der Darstellung eines Textes wird damit
36  U. Buttkewitz

aufgelöst. Die Übermittlung von Daten erfolgt ohne Zeit-


verlust und die Distribution tritt zwischen Erstellung und
Darstellung des Textes. Beim Computer wird der kodierte
Text nicht sofort versendet, sondern in Form elektromagne-
tischer Signale auf einem Massenspeicher, wie zum Beispiel
einer Festplatte oder einem USB-Stick, gespeichert. Der
traditionell eindimensionale Text entwickelt sich im Zuge
der Digitalisierung zu einem multidimensionalen Text und
die Produktion des Textes beruht nicht mehr auf einer ein-
zigen Schreibhandlung.
Durch die schriftliche Kommunikation können der
flüchtige Augenblick einer sprachlichen Handlung dauer-
haft gespeichert und damit Texte diachron, das heißt zeit-
lich unabhängig, rezipiert werden. Dieser Vorgang erhöht
jedoch die Gefahr der Manipulation beträchtlich – erst recht
durch die heutige digitale Kommunikation. Texte können
auseinandergerissen, aus ihrem Kontext herausgelöst und
auch von den Autor∗innen getrennt werden. Während
die mündliche Kommunikation synchron verläuft, funk-
tioniert die Übermittlung eines schriftlichen Textes asyn-
chron. Seine sinnliche Zugänglichkeit konzentriert sich auf
die Materialität der Zeichen und des Zeichenträgers (Perga-
ment, Papier und anderes) und deren Visualität. Die man-
gelnde Möglichkeit der sinnlichen Wahrnehmung einer
personalen Situation durch das Fehlen einer Hörer∗innen-
und Sprecher∗innenpräsenz führt zu einem Misstrauen
gegenüber dem schriftlichen Text. Die schon vom griechi-
schen Philosophen Platon abgelehnte Schrift ist Ausdruck
ihrer befürchteten Unzuverlässigkeit. Platon kritisiert die
Schriftlichkeit dahingehend, dass sie als vom Individuum
getrenntes Gedächtnis funktionieren kann und damit der
Wert der lebendigen Person als Informationsträger verlo-
rengeht. Damit geht ein gewisser Verlust von Lebenssinn
und des Selbstwertgefühls einher. Das Individuum ist nicht
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  37

mehr nötig, um Informationen und Wissen weiterzugeben.


Wir können diese Problematik auch auf viele heutige Ange-
stelltenverhältnisse übertragen. Es wird immer weniger da-
rüber diskutiert, was eine Person an persönlichen Stärken
und Befähigungen für eine spezifische Position mitbringt,
sondern entscheidender ist für eine Institution die Frage,
ob alle Informationen und das Wissen der Person gespei-
chert sind und eine neue Person nahtlos daran anschließen
kann – Menschen verlieren damit ihren Wert als Menschen;
sie sind nur Ressource für Information und Wissen.
Der Vorteil der Schrift liegt im geistigen Abstraktions-
prozess, in dem die Fixierung des Wissens und eine psychi-
sche Entlastung durch die Schrift befördert werden. Das
bedeutet, indem wir Dinge aufschreiben, wird unser Ge-
dächtnisspeicher entlastet und frei zur Aufnahme neuer In-
formationen und neuen Wissens. Durch das Schreiben
wird auch unsere Psyche entlastet, indem wir uns im wahrs-
ten Sinne des Wortes etwas von der Seele schreiben. Die
mündliche Rede ermöglicht es dagegen, ein Thema ge-
meinsam mit anderen Personen zu erörtern und damit
schneller zu guten Ergebnissen zu kommen.
Die Frage ist jedoch, ob aus unserer heutigen Perspektive
die Kritik Platons an der geringeren Authentizität und Le-
bendigkeit der Schrift im Vergleich zur mündlichen Rede
wirklich noch Bestand hat. Aus der Perspektive unserer heu-
tigen Medienkultur wird immer deutlicher, wie sehr die
Entwicklung der Schriftkultur ein entscheidender Baustein
für diese ist. Die Druck- und Medienrevolution machte die
Schriftkommunikation zur primären Kommunikations-
form, die Grundlage für gesellschaftliche Überlieferungs-
prozesse ist und damit den globalen Erfordernissen einer
kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaftsordnung entspricht.
Durch die vielfältigen Reproduktions- und Distributions-
möglichkeiten schriftlicher Texte können diese aber auch
38  U. Buttkewitz

manipuliert und unberechtigterweise gelesen werden. Auf-


grund dessen wurde beispielsweise im 18. und 19. Jahrhun-
dert das Brief- und Postgeheimnis in der bürgerlichen Ver-
fassung verankert.
Die aus dem Kommunikationskontext herausgelösten
Texte können zu verschiedenen Zeitpunkten und auch in
einzelnen Fragmenten gelesen und interpretiert werden.
Das führt dazu, dass die Leser∗innen beim Rezipieren und
Verstehen von Texten für sich allein sind und der mündli-
che Austausch mit anderen Personen in den Hintergrund
tritt. Die Entwicklung der Telegraphie Ende des 19. Jahr-
hunderts hatte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für
eine neue Qualität der Kommunikation, da nun erstmals
ein elektrotechnisches Moment hinzukam, das eine wesent-
lich beschleunigte Kommunikation zuließ. Mit der Telegra-
phie erhielt die Kommunikation zudem eine marktorien-
tierte Ausrichtung, da sie es beispielsweise den Zeitungen
ermöglichte, durch schnelle Informationsübertragung und
Veröffentlichung tagesaktueller Nachrichten die Auflagen
zu steigern. (vgl. Hartmann 2006, S. 56) Es entstand eine
neue Form von technischer Schrift und ein neuer Stil des
Schreibens – der sogenannte objektivierende Telegrammstil,
der sich heute bei Messenger-Diensten, SMS und E-Mail
wiederfindet. Aufgrund der eingeschränkten Leistungsfä-
higkeit des Telegraphen musste die übermittelte Botschaft
sehr knapp sein. (vgl. Ebd. 2006, S. 58) Neu war, dass nun
Raumgrenzen quasi in Echtzeit überwunden werden konn-
ten und der Journalismus damit einen neuen Schub erhielt,
da nun auch über entfernt stattfindende Ereignisse berichtet
werden konnte. Der Hunger nach immer neuen medialen
Nachrichten innerhalb der Gesellschaft wurde stetig größer.
Mit der Ausweitung des Buch- und Pressemarktes im 18.
und 19. Jahrhundert kam es zu einer höheren Kommunika-
tionsdichte, die das oberflächliche und flüchtige Lesen be-
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  39

günstigte. Diese Entwicklung vollzog sich kongruent zur


Beschleunigung des Reisens und der Verbesserung der
Drucktechnik. Auch die Kombination von Text und Bild
nahm zu. Das können wir heute auch bei Facebook, WhatsApp
und Instagram beobachten, wieder mit dem großen Unter-
schied, dass nun auch das Private und Persönliche öffentlich
wird. Mit dem Übergang zu den elektronischen Medien
und zu den Massenmedien hat sich Bertolt Brechts Vision
erfüllt, so dass die Medienkonsumenten zu Medienprodu-
zenten werden. Brecht plädierte in seiner Rede „Der Rund-
funk als Kommunikationsapparat“ im Jahr 1932 dafür, den
Rundfunk von einem „Distributionsapparat in einen Kom-
munikationsapparat zu verwandeln“. (Brecht 1997, S. 147)
Aus der Perspektive des heutigen digitalen Medienzeitalters
können wir feststellen, dass sich die Vision von Brecht zu-
mindest teilweise erfüllt hat, wenn auch nicht durch den
Kommunikationsapparat Rundfunk.

3.2 Was sind überhaupt Medien?


Es gibt in der Kommunikations- und Medienwissenschaft
unterschiedliche Ansätze, den Begriff „Medien“ zu definie-
ren und eine chronologische und inhaltliche Einteilung
vorzunehmen. Einige Medientheoretiker∗innen verstehen
Medien so weit, dass sie sämtliche Dinge und Techniken
darunter subsummieren. So kann für einige jedes Alltags-
objekt zum Medium werden, über das sich etwas vermitteln
und aussagen lässt. Auch die menschliche Stimme gilt vie-
len bereits als das erste Medium. Niklas Luhmann prägte
den in der Medienwissenschaft viel zitierten Satz: „Was wir
über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben,
wissen, wissen wir durch die Massenmedien“. (Luhmann
2004, S. 9)
40  U. Buttkewitz

Trotz der Vielzahl medientheoretischer Ansätze können


sich die Medienwissenschaftler∗innen auf die gemeinsame
Sichtweise einigen, dass sich seit den vielen neuen techni-
schen Erfindungen um das Jahr 1900 (Schreibmaschine,
Fotoapparat, Grammophon, Film …) irgendetwas verän-
dert hat. Vor allem die Aufsätze von Siegfried Kracauer und
Walter Benjamin zur Photographie und zum Film aus den
1920er- und 1930er- Jahren zeugen davon. Ihre Schriften
kreisen vor allem um die Themen Authentizität, Wirklich-
keit, Originalität, Reproduktion, Aura und Simulation.
Das sind alles Begriffe, die durch die Entwicklung der
neuen Techniken auf einmal eine neue Bedeutung dazube-
kommen beziehungsweise überhaupt erst einmal in den
Jargon der kultur- und gesellschaftskritischen Debatten
Eingang gefunden haben. Das heißt, mit der Ausbreitung
und schnellen technologischen Weiterentwicklung der
neuen Kunstformen wuchs das Bewusstsein darüber, dass
die Menschen im alltäglichen und beruflichen Leben von
nun an ständig mit technischen Geräten zu tun haben, die
ihnen die Arbeit erleichtern beziehungsweise diese be-
schleunigen, die Abendunterhaltung vielseitiger gestalten
können und in großer Menge neue Produkte wie Filme,
Fotografien, Schallplatten und anderes herstellen konnten.
Das Neue, das durch die Produktions- und Reprodukti-
onsmöglichkeiten hinzukam, war, dass es nun neben Flug-
blättern, Zeitungen, Büchern, Bildern, Skulpturen und an-
deren Kunstobjekten weitere Konsumgüter gab, mit Hilfe
derer die Menschen Kunst und Informationen sowohl
wahrnehmen als auch selbst produzieren konnten.
Die Schwierigkeit bei der Definition des Begriffes Me-
dium besteht darin, dass die Medien mit so vielen verschie-
denen Funktionen ausgestattet sind. Wir können mit ihnen
und durch sie kommunizieren  – wie zum Beispiel durch
unsere Stimme und die gesprochene Sprache (das heißt
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  41

durch die primäre Oralität, wie sie von Walter J. Ong defi-
niert wurde, vgl. Ong 2016) oder durch eine sekundäre
Oralität wie zum Beispiel durch das Telefon. Es gibt
­demnach Kommunikationsmedien, die nach dem klassi-
schen Sender-Empfänger-Modell, das heißt beidseitig,
funktionieren. Dazu gehören zum Beispiel auch der Brief
und die Postkarte und die elektrische Telegraphie und heut-
zutage die E-Mail und verschiedene Kurznachrichten-
dienste. Für das digitale Zeitalter ist es noch notwendig,
dieses recht einfache Modell anzupassen und auszudifferen-
zieren, denn die digitalen Kommunikationen sind oftmals
nicht nur durch eine hybride Form bezüglich ihres münd-
lichen und schriftlichen Charakters gekennzeichnet, son-
dern auch durch Hybridität, was die Wechselseitigkeit des
Kommunikationsaktes betrifft. So können soziale Netz-
werke wie Instagram und Facebook als Medien auch nach
dem Sender- und Empfängermodell funktionieren. Face-
book verfügt ja auch über einen eigenen Messenger-Dienst.
Und wir können als Nutzerinnen und Nutzer auf Posts in
sozialen Netzwerken reagieren. Oftmals bleiben unsere Re-
aktionen unbeantwortet, weshalb es sich hierbei nur um
einen einseitigen Kommunikationsakt handelt. Im Verlauf
des Buches werde ich auf die spezifischen Ausprägungen
der Art und Weise dieser Kommunikation noch detaillier-
ter eingehen. (vgl. Abschn. 4.1)
Neben den Kommunikationsmedien gibt es Medien, wie
zum Beispiel die bereits erwähnte Foto- und Filmkamera
oder die Schreibmaschine, mit denen andere Medien wie
Fotografien, Filme und Schrift hergestellt werden können.
Schließlich gibt es dann noch die Kategorie der Medien, die
eine einseitig kommunikative Funktion besitzen wie das
Fernsehen, das Radio und das Kino. Die durch diese Me-
dien übermittelten Inhalte können wir wahrnehmen, je-
doch ohne direkt darauf reagieren zu können. Bezogen auf
42  U. Buttkewitz

unsere heutige digitale Umgebung würden auch Streaming-­


Dienste wie Netflix, Spotify, YouTube oder die Mediathe-
ken darunter fallen. Das Smartphone und der Computer
­können insofern als Medien verstanden werden, da sie die
technische Basis für diverse mediale Anwendungen sind.
Nun könnte man natürlich argumentieren, dass schon
seit dem Buchdruck Texte reproduziert werden konnten
und nun lediglich mittels der Elektrizität andere Formen
von Kommunikation und Kunst möglich wurden. Aber
woran liegt es, dass wir plötzlich davon ausgehen, dass Me-
dien nicht nur Inhalte übermitteln, sondern Sinn und In-
halt die Nachricht prägen? Diese Erkenntnis konnte sich
erst mit der Differenzierung der einzelnen Medien heraus-
bilden. Jede∗r kann mit Sicherheit nachvollziehen, dass es
beispielsweise ein Unterschied ist, ob man ein und dasselbe
Musikstück live, von einem Orchester oder einer Band ge-
spielt hört, ob man es auf einer CD hört oder in Verbin-
dung mit einem Video hört und sieht. Zusätzlich kommen
noch die Situation und der Kontext dazu, in welchen man
die Musik hört. Nun könnte man wiederum antworten: Ja,
das ist so, aber warum muss mich das beschäftigen? Das
kleine Beispiel des Musikstücks macht sichtbar, warum es
durchaus eine Rolle spielt, darüber zu reflektieren und
nachzudenken. So ist es auch bedeutsam, sich darüber be-
wusst zu werden, dass es einen Unterschied macht, ob ich
einer gut bekannten Person eine verletzende oder einschnei-
dende Nachricht mündlich von Angesicht zu Angesicht,
per Telefon, per E-Mail oder Kurznachricht überbringe.
Das jeweils verwendete Medium hat starken Einfluss auf
die Beziehung der Menschen untereinander, und Inhalt
und Sinn der Nachricht werden je nach genutzter Variante
etwas anders sein. Die neuen schriftlichen, schnellen und
unkomplizierten Kommunikationsmedien erleichtern es
den Menschen, eher den unpersönlichen, bequemen und
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  43

teilweise auch kostengünstigen Weg zu wählen und einer


unmittelbaren und womöglich authentischeren Konfronta-
tion aus dem Weg zu gehen.
Im sogenannten Medienzeitalter beeinflussen also plötz-
lich Geräte und Maschinen unseren Lebensrhythmus, ver-
ändern unser Konsumverhalten und tragen dazu bei, dass
sich neue digitale Kunst- und Kulturformen entwickeln
und sich die zwischenmenschliche Kommunikation verän-
dert hat. Damit sind so viele relevante gesellschaftliche Än-
derungen verbunden, dass es notwendig ist, für die neuen
Technologien einen neuen Begriff zu finden. Wir können
diese neue Entwicklung damit zusammenfassen, dass neue
technische Mittel für die mündliche und schriftliche Kom-
munikation der Menschen untereinander zusätzliche For-
men der Wahrnehmung hinzugefügt haben, die uns einen
verstärkten Anlass boten, über Sprache und Schrift als Me-
dien nachzudenken.

3.3 Ein medientheoretischer Exkurs


Seit den 1960er-Jahren tauchen zunehmend medientheore-
tische und mediengeschichtliche Texte auf, die sich mit der
Frage nach dem Einfluss der Medien auf das Denken und
Verhalten von Menschen und den damit verbundenen ge-
sellschaftlichen Veränderungsprozessen beschäftigen. Die
erste Frage ist, ob es so einen Einfluss überhaupt gibt. Dass
wir diese Frage mit JA beantworten müssen, zeigen bei-
spielsweise die Übergänge von der Mündlichkeit zur Schrift-
lichkeit und die Entwicklung des Buchdrucks, wie oben
beschrieben. Die bekannteste These der Medienwissen-
schaft wurde in den 1960er-Jahren von Marshall McLuhan
geprägt, der sagte: „Das Medium ist die Botschaft.“ (McLu-
han 1995, S. 21 ff.). Der Satz bedeutet, dass die Übermitt-
44  U. Buttkewitz

lung einer Nachricht immer durch die Art des Mediums


selbst geprägt wird. Außerdem sagt McLuhan, dass ein ein-
faches Medium immer in einem komplexeren aufgeht, das
heißt Inhalt jedes Mediums ist immer ein anderes Medium:
„Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genauso wie das ge-
schriebene Wort Inhalt des Buchdrucks ist und der Druck
wieder Inhalt des Telegrafen ist“. (McLuhan 1995, S. 22)
Durch die Kreuzung von Medien werden seiner Meinung
nach enorme Kräfte und Energien frei. (McLuhan 1995,
S. 84) Bei Facebook haben wir es beispielsweise mit einer
intermedialen Inszenierungsform zu tun, bei der technische
Verfahren und Darstellungsweisen eines Mediums im Rah-
men eines anderen Mediums integriert und miteinander
verbunden werden (Film, Fotografie, Text, Musik).
Jean Baudrillard negiert die innovative Kraft der techni-
schen Medien und meint, dass die Struktur der Medien un-
abhängig vom Gesellschaftssystem Kommunikation sogar
verhindert. Der Austausch von Informationen und Bot-
schaften und die Ambivalenz, die jeden Kommunikations-
prozess prägt, werden seiner Meinung nach durch Codes,
Abstraktheit und Zerstörung des Austausches ersetzt. Die
amerikanische Philosophin Susan Sontag prophezeite, dass
die Thesen Baudrillards im Laufe der Zeit immer wichtiger
werden und sie sollte Recht behalten. Jean Baudrillards
Theorem vom Simulakrum beschreibt nach wie vor am prä-
zisesten, wie sich durch die Medien die Gesellschaft allmäh-
lich verändert beziehungsweise stark durch sie bestimmt
wird. Das gilt heute besonders für die digitale Kommunika-
tion. Was aber meint Baudrillard mit dem Simulakrum?
Laut Baudrillard existieren in der Postmoderne nur noch
Zeichenwelten, die keinen realen Bezugspunkt mehr besit-
zen, sondern innerhalb von Simulationen agieren und den
Zugang zur sinnlichen oder unmittelbaren Wahrnehmung
der Welt versperren. Diese künstlichen Zeichenwelten, die
Baudrillard Simulakra nennt, unterliegen im Laufe der kul-
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  45

turellen Evolution bestimmten strukturellen Änderungen.


Er unterteilt die Simulakren in drei Ordnungen (Baudril-
lard 2005, S. 79):

1. Imitation – die Differenz zum Realen ist noch erhalten


(Zeitalter der Renaissance)
2. Produktion und identische Reproduktion (industrielles
Zeitalter)
3. Simulation (Informations- und Kommunikationszeitalter)

Das Simulakrum erster Ordnung erhält die Differenz


zum Realen noch aufrecht, indem nur etwas nachgeahmt
wird. In der Folge dann wird die Wirklichkeit schließlich
nicht mehr nur imitiert, sondern es werden identische Re-
produktionen (Fotografien, Filme, Kunstwerke) erzeugt.
Dieses Phänomen des Simulakrums zweiter Ordnung ver-
ortet Baudrillard im Zeitalter der industriellen Revolution.
Beim Simulakrum dritter Ordnung wird die Wirklichkeit
nur noch von Modellen und Codes dominiert und überla-
gert. Sie ist nun Teil der Simulation geworden. Es findet eine
„Hyperrealisierung“ des Realen statt. Während das Simula-
krum erster Ordnung laut Baudrillard noch durch einen ei-
gentlichen Wert gekennzeichnet wird, unterliegt das Simula-
krum zweiter Ordnung dem Marktgesetz und die Simulation
kann schließlich nur noch strukturell verstanden werden. Sie
generiert sich aus dem Realen ohne Ursprung oder Realität:
„Jegliche Realität wird von der Hyperrealität des Codes und
der Simulation aufgesogen. Anstelle des alten Realitätsprin-
zips beherrscht uns von nun an ein Simulationsprinzip. […]
Es gibt keine Ideologie mehr, es gibt nur noch Simulakren.
(Baudrillard 2005, S. 8)“

Die Simulakren haben jedoch noch immer reale Auswir-


kungen und sind nicht verschwunden; nur die Formen ha-
ben sich geändert. Es hat sich eine Indifferenz zwischen
46  U. Buttkewitz

Zeichen und Inhalt herausgebildet. Für Baudrillard bedeu-


tet das Simulakrum aber keine Illusion, die früher oder spä-
ter an der Wirklichkeit zerbrechen wird, sondern etwas Ir-
reales, das den Platz des Wirklichen einnimmt und ohne
Folgen mit seinem Widerpart ausgewechselt werden kann.
Er geht von der Grundlage aus, dass nach 1968 das Politi-
sche und die politische Ideologie keine Rolle mehr spielen,
weil sich der Tauschwert als Zeichen verselbständigt hat
und sämtliche Gebrauchswerte beziehungsweise realen
Inhalte dadurch überdeckt werden. (Baudrillard
2005, S. 52–53)
Zugespitzt formuliert werden seiner Meinung nach
durch die Vorherrschaft des Tauschwerts alle Lebensberei-
che des Spätkapitalismus erfasst, so dass es fast aussichtslos
scheint, überhaupt noch einen Gebrauchswert beziehungs-
weise einen Nutzen wahrzunehmen. Diese Aussage wird
jedoch dadurch relativiert, dass selbst die spätkapitalistische
Wirtschaft nicht ohne die Unterscheidung von Gebrauchs-
wert und Tauschwert auskommt. Die logische Konsequenz
daraus zeigt sich in der dystopischen Vision von Baudril-
lards Denkansätzen, die nur in Form des symbolischen To-
destausches beziehungsweise des „unmöglichen Tausches“
ihre Bestätigung finden. (vgl. Buttkewitz 2002, S. 33–35)
„Wir werden also die gegebene Welt liquidieren müssen.
Wir werden sie zerstören müssen, indem wir sie durch eine
künstliche, durch und durch konstruierte Welt ersetzen, für
die wir niemandem Rechenschaft schulden werden. Daher
diese gigantische technische Eliminierung der realen Welt
in all ihren Formen. Alles Natürliche wird aufgrund dieser
symbolischen Regel der Gegengabe und des unmöglichen
Tauschs völlig negiert werden. (Baudrillard 2005, S. 23)“
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die durch die
Digitalisierung entstandenen gigantischen Medienkon-
zerne wie Google, Facebook, Amazon und andere gerade
dabei sind, die Liquidierung unserer Welt herbeizuführen.
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  47

Damit meine ich nicht die Zerstörung unserer Welt im


physischen Sinn, sondern wie Baudrillard sagt, die Zerstö-
rung der realen Welt, die es uns dann wiederum ermög-
licht, neu zu starten und unsere verlorene Wirklichkeit mit
all ihren Widersprüchen wieder schätzen zu lernen. Inso-
fern kann am Ende der Turbo-Digitalisierung und Vernich-
tung des vielschichtigen Denkens ein positives Ergebnis
stehen. Darin liegt die Hoffnung, dass uns irgendwann die
eindimensionalen und banalen digitalen Entscheidungen
ermüden und langweilen: Etwas im Internet bestellen (ja
oder nein)? Den Podcast anhören (ja oder nein)? Den Arti-
kel lesen (ja oder nein)? Welchen Smiley bei der Whats­App-
Antwort benutzen? Welches Foto posten? E-Mail weiterlei-
ten (ja oder nein)? Etwas bei Google oder Wikipedia suchen?
Während Hans Magnus Enzensberger und Bertolt Brecht
die Ansicht vertraten, dass Massenmedien zum ersten Mal
eine aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen mög-
lich machen, sagt Baudrillard, dass Nachrichten kurzge-
schlossen beziehungsweise neutralisiert werden, sobald sie
durch den Medienkreislauf institutionalisiert werden. Jean
Baudrillards große theoretische Leistung besteht in der Er-
stellung seines Modells zur Abstufung der Simulakren. Er
definiert die Simulation dritter Ordnung nicht als Inszenie-
rung, sondern als Hyperrealisierung des Realen. Es sei ein
selbstreferentielles System entstanden, in dem soziale Kon-
trolle so funktioniere, dass kein Außen mehr möglich sei.
Alle Wahl- und Antwortmöglichkeiten seien den sozialen
Subjekten schon vorgegeben und kein Denken außerhalb
dieses Systems mehr möglich. Digitalität und Taktilität be-
stimmten nun den kommunikativen Alltag.
Die Mediengeschichte ist also ein Prozess zunehmender
Immaterialisierung der Zeichenträger, wodurch die Zei-
chen immer leichter zirkulieren können. Das hat eine posi-
tive Auswirkung auf die rasante Erzeugung von neuem
Wissen, die schnelle Informationsübertragung und Kom-
48  U. Buttkewitz

munikation. Diese Fortschritte werden jedoch durch die


Instabilität des Medienkreislaufs teuer erkauft. Die Prozesse
von Übertragung, Speicherung und Kommunikation von
Signifikanten laufen fließend ineinander und sind immer
schwieriger voneinander abzugrenzen.
Mit Friedrich Nietzsche entwickelt sich der Medienbe-
griff zur Sprache hin und begründet den sogenannten „lin-
guistic turn“. Nietzsche versteht die Sprache nicht als Ort
der Rationalität, sondern als Verhüllungs- und Verber-
gungsinstrumentarium, das über dem Realen liegt. Er
spricht der Sprache jede Fähigkeit ab, zwischen Wahrheit
und Lüge unterscheiden zu können: „Und überdies: wie
steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie viel-
leicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, de-
cken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Spra-
che der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“ (Nietzsche
2018, S. 12) Das Wissen ist auf mediale Ordnungen ange-
wiesen, das heißt Erkenntnis entsteht nicht durch Wahr-
nehmung, sondern durch die Materialität der Sprache
selbst. Sein bekannter Satz „Unser Schreibzeug arbeitet mit
an unseren Gedanken.“ drückt diese enge Verbundenheit
von Medium und Denken aus. Die Verschränkung von Er-
zeugung und Verstellung und Wahrheit und Schein bleibt
grundsätzlich ein Paradoxon in der Kunst- und Medien-
philosophie, das sich nicht lösen lässt. Jean Baudrillard
schreibt, dass die allgemeine Ebene der Mediatisierung ein
Simulationsmodell der Kommunikation errichtet.
Marshall McLuhans anthropologische Betrachtungen
der Medien als Ausweitung des menschlichen Zentralner-
vensystems gewinnen im digitalen Zeitalter und mit der
dynamischen Entwicklung im Bereich der Künstlichen In-
telligenz an besonderer Bedeutung. Boris Groys wider-
spricht McLuhans These, dass das Medium die Botschaft
selbst sei. Für ihn sei das Medium nur ein Verdacht, dass
3  Die Entwicklung der Medien aus digitaler …  49

sich unter der Oberfläche noch eine andere Realität be-


finde. Medientheorie bedeutet seiner Meinung nach nur
die Frage danach, was sich hinter den Erscheinungen ver-
birgt und das sei nur der „submediale Raum des Verdachts“
und der „böse Blick der Anderen“ (Groys 2000, S. 78–79).
Es gäbe keine eigentliche Botschaft, die bloßgestellt wer-
den könnte.
Im digitalen Zeitalter kommt mit Facebook, Instagram,
WhatsApp und Co. wieder mehr strukturelle Mündlichkeit
ins Spiel der Kommunikation, wobei die Mündlichkeit je-
doch nur noch durch die genannten Medien simuliert wird.
Die sozialen Medien und Messenger-Dienste ermöglichen
verschiedene Kommunikationsformen wie das Versenden
und Empfangen von Kurznachrichten, Kommentierungen,
die Darstellungen des eigenen Profils und die Übermittlung
von Informationen für mehrere Personen gleichzeitig oder
die gesamte Öffentlichkeit. Auch wenn Sprachnachrichten
wie bei WhatsApp an Beliebtheit gewinnen, wird für die
genannten Kommunikationsformen in der Regel die Schrift
verwendet. Die Formulierung der Nachrichten und die Art
und Weise, in welcher Form und in welchen zeitlichen Ab-
ständen sie gesendet und empfangen werden, erinnern eher
an mündliche Kommunikation, wie wir später noch sehen
werden. (vgl. Kap. 6)
Die Rationalität und Linearität der Schriftkultur steht
der Irrationalität und Non-Linearität des elektronischen
Zeitalters gegenüber. Das Internet mit seinen vielen Ver-
linkungen und Medienformen führt dazu, dass wir Bücher
nicht nacheinander lesen, sondern uns im Netz verlieren,
uns kreuz und quer hin- und herbewegen, ohne uns an ei-
ner Richtschnur orientieren zu können. Wir können uns
noch so viel Mühe geben – irgendwo lauert immer schon
der nächste Link, von dem wir verführt werden und den
wir schließlich anklicken. Die scheinbare Irrationalität steht
50  U. Buttkewitz

jedoch im Widerspruch zu den Algorithmen des digitalen


Zeitalters, die im Hintergrund beispielsweise berechnen,
welche Posts in unserer Timeline auf Facebook angezeigt
werden. Marshall McLuhan sah hellsichtig das Informati-
onszeitalter als Befreiung von der herkömmlichen Arbeits-
gesellschaft voraus. Stattdessen gehe es in Zukunft nur noch
um Wissen und (lebenslanges) Lernen. Das Subjekt wird
sich zunehmend über die Medialität bewusst.
Der Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker
Friedrich Kittler sah voraus, dass der Computer ein neuer-
liches Monopol einnimmt, so dass durch die allumfassende
Digitalisierung der Medienbegriff überflüssig wird, und die
Vorstellung einer konsistenten Welt mit der Medienplurali-
tät zu zerfallen droht. Während Grammophon, Film und
Schreibmaschine die Datenflüsse von Optik, Akustik und
Schrift getrennt haben, werden diese im Internetzeitalter
wieder zusammengeführt: „Mit der historischen Gleichzei-
tigkeit von Kino, Phonographie und Maschinenschreiben
wurden die Datenflüsse von Optik, Akustik und Schrift
ebenso getrennt wie autonom. Dass elektrische oder elek­
tronische Medien sie dann wieder verschalten können, än-
dert nichts am Faktum dieser Ausdifferenzierung.“ (Kittler
1986, S. 27)
4
Warum verschwindet das
Telefon nicht?

4.1  Aura und Authentizität im


digitalen Zeitalter
Der Journalist und Soziologe Siegfried Kracauer prägte
den Begriff der Zerstreuungskultur, den er vor allem beglei-
tend zur Entstehung des Kinos, der Revuen und der zu-
nehmend wachsenden Unterhaltungsbranche im Berlin
der 1920er- und 1930er-Jahre entwickelt hat und der sich
im digitalen Zeitalter einmal mehr bewährt (Kracauer
1977, S.  311–317). Der Philosoph und Kulturkritiker
Walter Benjamin beklagt etwa zeitgleich den Verlust der
Aura, der mit der Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks
einhergeht (Benjamin 1977, S.  15). Die Tatsache, dass
Wirklichkeit nur durch Medien konstruiert wird, ist längst
zu einem gesellschaftlichen Allgemeinplatz geworden. Es
gibt keine Zusammenhänge mehr in der Welt, sondern nur
noch Ausschnitte von Zufallsereignissen, die an die Stelle

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 51
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_4
52  U. Buttkewitz

von sinnvollen Kontinuitäten treten. Das Originale und


Ursprüngliche, das heißt die Quelle, ist immer schwerer zu
finden. Auf das digitale Zeitalter bezogen müssen wir uns
die Frage stellen, ob das Internet die Welt repräsentiert, ob
es diese nur reproduziert oder ob wir dazwischen nicht
mehr differenzieren können. Im Netzwerk Instagram
­versuchen die Personen zum Beispiel sehr nah am Intimen,
am Privaten und Realen zu sein und suggerieren den
Adressat∗innen durch private Alltagsbilder eine besondere
Art der Authentizität. Und hat diese nicht auch ihre ganz
unschuldige  – und ohne Simulationsverdacht belastete  –
Berechtigung? Warum sollte es nur in der Zeit vor der
technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken eine
Aura gegeben haben?
Welche Art von Aura besitzen Fotos und Filme bei In-
stagram, Facebook oder YouTube? Facebook und Instagram
simulieren Authentizität – aber jeder weiß es. Im Buchhan-
del gibt es Ratgeber, wie man sich im Internet möglichst
authentisch darstellen soll, um viele Follower zu bekom-
men. Fotos, die sekündlich bei WhatsApp, Instagram und
Facebook hochgeladen werden, werden im Moment ihres
Entstehens schon an Freund∗innen und Follower versen-
det. Gewinnen Fotos, Videos und Nachrichten nicht da-
durch erst recht eine besondere Aura, indem sie im Mo-
ment des Entstehens schon gelesen werden? Gibt es eine
größere Authentizität als quasi im Moment der Produktion
seine Kommunikationspartner∗innen daran teilhaben zu
lassen? Oder ist im Gegenteil im digitalen Zeitalter die Ka-
tegorie der Authentizität nicht mehr notwendig?
In der digitalen Kommunikation spielen für uns die Un-
terscheidungen zwischen Authentizität und Simulation
keine signifikante Rolle mehr. Wir wissen, dass es bei der
Darstellung des eigenen Profils nicht um Authentizität geht,
sondern darum, ob das Foto „cool“ und in seiner Darstel-
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  53

lung besonders genug ist, um möglichst viele Likes und


Kommentare zu ergattern. Das heißt, der jeweilige Beitrag
wird zum größten Teil nur unter diesem Gesichtspunkt ver-
fasst und unterläuft damit die Zielrichtung von analoger
Kommunikation  – nämlich den Empfänger∗innen einer
Nachricht eine bestimmte Information zu ü ­ bermitteln. Kei-
ner kann sich heutzutage von diesem Wunsch frei machen,
denn jede∗r, die∗der im Internet kommuniziert, wünscht
sich Resonanz und wir wünschen uns ständig mehr von ihr.
Nur ist diese Resonanz letztlich immer unverfügbar, wie es
Hartmut Rosa 2019 in seinem Buch „Unverfügbarkeit“ be-
schrieben hat. Es entsteht dadurch keine Form von Kommu-
nikation, sondern höchstens eine Art von Bestätigung – im
besten Fall. Nun könnte man argumentieren, dass wir auch
nicht immer wichtige Informationen übermitteln, wenn wir
miteinander plaudern. Aber mündliche Kommunikation
beruht auf Gegenseitigkeit und bestätigt nicht nur einfach
eine freundschaftliche oder kollegiale Beziehung, sondern
kann sie im besten Fall stärken und weiterentwickeln.

Die digitale, einseitige Kommunikation erschwert das ge-


genseitige Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Es ist faszinierend, welchen großen Aufwand die Men-


schen betreiben, um ein paar Likes zu erreichen – ohne dass
daraus irgendeine Art von Mehrwert oder inhaltlicher Er-
kenntnis entsteht. Es geht nicht um das Problem, dass digi-
tale Bilder heutzutage sowieso alle bearbeitet werden und
damit deshalb schon lange nicht mehr authentisch sind.
Aber besteht nicht dafür die Authentizität darin, dass der
Mensch einfach performt, wie Felix Stalder sagt: „Das
Selbst wird nicht mehr essentialistisch, sondern performativ
verstanden“. (Stalder 2017, S. 143)
54  U. Buttkewitz

Ich poste, also bin ich.

Trotzdem bleibt der Verdacht der Nicht-Authentizität


immer bestehen. Sobald sich ein materielles Medium zwi-
schen die Kommunikationspartner∗innen schiebt, entsteht
ein Verdacht, dass sich in diesem Zwischenstadium etwas
an der Information geändert hat beziehungsweise dass uns
Informationen vorenthalten werden. Den Verdacht, dass es
irgendwo einen „submedialen Raum“ oder den bösen Blick
des anderen gibt, werden wir einfach nicht los  – auch in
Zeiten des allumfassenden Internets nicht. Gerade im In-
ternet-Zeitalter werden ständig die Begriffe „wirklich“ und
„tatsächlich“ verwendet. Vielleicht ist es Ihnen auch schon
aufgefallen, dass in medialen Texten immer danach gefragt
wird, welche Absicht wirklich hinter einer bestimmten
Nachricht oder Information steckt. Wir scheinen aus dem
Dilemma nicht herauszukommen, dass wir hinter allem
Gesagten mehrere Unterebenen vermuten. Eine Antwort
auf dieses Phänomen ist das Wort „tatsächlich“, das tatsäch-
lich in der alltäglichen Rede sehr häufig verwendet wird, so
als wenn wir immer noch einmal unserem Gegenüber ver-
sichern müssen, dass das Berichtete auch wirklich wahr und
authentisch ist, um im Vorfeld schon jeden aufkommenden
Verdacht zu entkräften.
Wir haben uns andererseits aber daran gewöhnt, dass es
etwas hinter der eigentlichen Realität gibt, das wir nicht
fassen können. Dieses mögliche „Dahinter“ ist – wie Jean
Baudrillard es hervorragend formuliert  – nicht simuliert
und keine Täuschung; es ist etwas Irreales, das heißt eine
Art zweite Realität, die im Unterschied zur ersten Realität
nur medial vermittelt ist und für uns deshalb eine künstliche
ist. In seinem Spätwerk „Im Schatten der schweigenden
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  55

Mehrheiten“ analysiert Jean Baudrillard scharfsinnig: „Es


ist ein Schweigen, das alles Politische und Soziale in jene
Hyperrealität abgleiten lässt, die wir nur allzu gut kennen.
Denn wenn das Politische versucht, die Massen in einem
Echoraum der sozialen Simulation (Medien, Information
usw.) einzufangen, kehren die Massen das Spiel um und
verwandeln sich selbst in den Echoraum einer gigantischen
Simulation des Sozialen.“ (Baudrillard 2010, S.  36) Bau-
drillard meint hier, dass mittlerweile eine Ununterscheid-
barkeit zwischen Massen und Medien existiert und im Prin-
zip die Medien mit den Massen gleichzusetzen sind, da
diese einfach alle Informationen aufsaugen, ohne eine Sinn-
haftigkeit zu reflektieren. Das politische und soziale Den-
ken kommt in der Hyperrealität (im digitalen Zeitalter)
dadurch nicht mehr zur Ausprägung, sondern geht in der
kontinuierlichen Schaffung von neuen medialen Bedürfnis-
sen und dem Konsum dieser unter. Das würde bedeuten,
die Massen erzeugen selbst ihren eigenen Verdacht und
kämpfen gegen ihre eigenen Papiertiger. Sie füllen die digi-
talen Blasen mit ihren kommunikativen Handlungen, spin-
nen ein undurchsichtiges Netzwerk daraus und wundern
sich, dass sie den Anfang nicht mehr finden. Die digitalen
Medien sind ein riesiger Spielplatz beziehungsweise ein
komplexes Computerspiel wie im Kinofilm „Matrix“, in
dem es keinen Eingang und keinen Ausgang mehr zu geben
scheint, das heißt keine transparente Struktur. Deswegen
haben wir auch dieses merkwürdige Gefühl des gesell-
schaftspolitischen Stillstands ohne wegweisende Visionen.
Die Massen füttern den eigenen medialen Kreislauf mit In-
formationen am laufenden Band, die hin und her ver-
schickt, verlinkt, gepostet, geteilt, von allem absorbiert und
in ein Nullsummenspiel gedrängt werden. Im Film bringt
die Rettung anscheinend nur das analoge Festnetztelefon,
56  U. Buttkewitz

durch das Neo und seine Freunde wieder in die reale Welt
zurückkommen.
Kürzlich wurde ich mitten in der Nacht zweimal in Ab-
ständen von zwei Stunden von meinem Festnetztelefon ge-
weckt. Um 4 Uhr nachts klingelte das erste Mal das Tele-
fon  – ich war jedoch zu verschlafen, um rechtzeitig
abzuheben. Um 6 Uhr klingelte es das zweite Mal und dann
las mir eine automatische Stimme eine MMS von Familien-
angehörigen, die gerade im Urlaub in China weilten, vor –
und zwar die Unterschrift eines Bildes, das sie mir geschickt
hatten. Aus welchen technischen Gründen auch immer
konnte die versandte MMS nicht von meinem Smartphone
empfangen werden, sondern wurde schließlich vom alther-
gebrachten, zuverlässigen und verbindlichen Festnetztele-
fon übermittelt – in diesem Fall eine Ironie der Technikge-
schichte. Das Festnetztelefon gab im wahrsten Sinn des
Wortes keine Ruhe, bis die Nachricht endlich bei der Emp-
fängerin angekommen war.

4.2  Ist das digitale Zeitalter


eine Medienrevolution?
Meine These ist, dass die Entwicklung der Eisenbahn zu-
sammen mit dem panoramatischen Sehen eine viel größere
mediale Veränderung bedeutete als der Übergang in das di-
gitale Zeitalter. Das Panorama simuliert aus der Sicht einer
Betrachterin oder eines Betrachters einen 360°-Rundblick
über eine Landschaft oder eine Stadt. Das erste Mal wird
hier ein „Als ob“ der Nähe, des Verfügbaren simuliert – das
heißt, das erste Mal werden Bilder mithilfe einer Technik
inszeniert. Diese Technik wird durch die Fotografie und
den Film weiterentwickelt. Dabei werden reale Dinge ab-
gebildet, reproduziert und teilweise neu in Szene gesetzt.
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  57

Die Aura des Originalen geht verloren und damit verbun-


den die Sicherheit, ob wir es bei einer Abbildung oder beim
Film wirklich mit einem Abbild der Realität zu tun haben
oder ob die dargestellte Realität technisch verändert wurde –
durch Lichteffekte oder durch ausschnitthafte Darstellun-
gen, die durch bestimmte Kameraeinstellungen erreicht
werden und durch schnelle oder langsame Bewegungen. Es
werden also reale Dinge nicht einfach nur reproduziert (wie
beim Kopieren oder beim Drucken), sondern sie werden
täuschend echt inszeniert und damit die Realität simuliert.
Bei der televisionalen Wahrnehmung kommt neu hinzu,
dass Bilder in Echtzeit übertragen werden und damit eine
Art zweite Realität geschaffen wird, da nicht mehr wie im
Film Geschichten erzählt werden, sondern durch verschie-
dene Programmformate die Realität aufgebrochen und in
vielen Einzelausschnitten gezeigt und neu zusammengesetzt
wird. Das Besondere beim Fernsehen ist, dass wir innerhalb
eines Mediums mehrere verschiedene „Realitäten“ konsu-
mieren können, und zwar nicht nur chronologisch, sondern
auch horizontal, das heißt wir können zwischen parallel
ausgestrahlten beziehungsweise sogar live stattfindenden
Ereignissen auswählen. Im Gegensatz zum Film, Grammo-
phon oder Radio ist das Fernsehen dahingehend eine große
Herausforderung für die Rezipient∗innen, dass sie zwischen
verschiedenen Programmformaten mental hin- und her-
schalten müssen und sich auch die Grenze zwischen realen
und fiktionalen Formaten vermischt. Wenn wir bis vor ei-
ner Minute noch eine fiktionale Serie oder einen Film ge-
sehen haben, folgt danach eine Nachrichtensendung oder
eine Dokumentation, die Ausschnitte der realen Welt zei-
gen. Gleichzeitig ist das Fernsehprogramm aber leichter
und entspannter zu konsumieren als ein Film, ein Buch
oder ein Hörspiel, da wir uns in diesem Fall auf ein Me-
dium konzentrieren müssen und sozusagen keine Zerstreu-
58  U. Buttkewitz

ung oder Ablenkung möglich ist. Sobald wir uns ablenken


lassen oder an etwas anderes denken, fehlt uns ein Stück der
Handlung. Wenn wir fernsehen, besteht die Gefahr wesent-
lich weniger, weil wir gleichzeitig mit mehreren Sinnen ge-
fordert sind und die Konzentrationsleistung dadurch auf
mehrere Sinne verteilt wird. Wir können uns ­offenbar dabei
besser entspannen, da wir unsere Gedanken auch schweifen
lassen können, ohne dass uns wichtige Informationen ver-
lorengehen – die werden sowieso auf die eine oder andere
Art später wiederholt.
Im digitalen Zeitalter nun potenziert sich noch einmal
die Fragmentierung des Dargestellten. Mit dem Computer
als Universalmedium in Verbindung mit dem Internet wer-
den alle bisher vorhandenen medialen Techniken miteinan-
der verknüpft: Dort können wir Musik hören, Bücher le-
sen, Fernsehen schauen, Filme anschauen, Radio hören,
telefonieren und schriftlich kommunizieren. Das heißt, die
Leistung des digitalen Zeitalters besteht nicht darin, quali-
tativ eine neue mediale Technik entwickelt zu haben, son-
dern alle bisherigen medialen Wahrnehmungen zusam-
menzubringen. Mit dem Computer ist es jetzt möglich,
ganz neue, in der Realität gar nicht vorhandene und abs-
trakte Dinge sichtbar zu machen. Im Prinzip handelt es sich
dabei jedoch nur um einen immer besseren Rechner (der
mit anderen Rechnern vernetzt ist), mit dem es möglich ist,
viele Prozesse parallel zu verarbeiten, miteinander zu kom-
binieren und schneller berechnen und gestalten zu können.
Dass wir uns damit eine neue Realität erschaffen, ist also
nur scheinbar so  – weil die technischen Prozesse zuneh-
mend im Hintergrund und für uns nicht sichtbar ablaufen.
Damit entsteht auch das Gefühl, dass wir uns in einer Black
Box oder Matrix bewegen, die von der Realität abgekoppelt
ist. Alle Informationen und Daten befinden sich nur noch
in einer Box – sie verschwinden, wenn man diese Box aus-
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  59

schaltet und man kann sie wieder hervor holen, wenn man
die Box einschaltet. Deswegen haben wir auch das Empfin-
den, uns in einem undurchschaubaren Dickicht von Daten
und Informationen zu befinden, das wir nicht mehr ent-
wirren können – weil kein Mensch in der Lage ist, alle In-
formationen vollständig zu ordnen, zu entwirren und das
jeweils Wichtigste herauszufiltern. Wir können uns noch so
sehr anstrengen, wir werden die Kontrolle über die Infor-
mationen und Daten nicht zurückgewinnen und nicht über
sie verfügen können. Und das bewirkt einen dauerhaften
Zustand von Unzufriedenheit und eine unaufhörliche
Sehnsucht, immer mehr Daten und Informationen zu sam-
meln. So wie sich die Maschinen in den Matrix-Filmen in-
nerhalb von Sekunden multiplizieren, so passiert das auch
mit allen anderen Daten und Informationen. Das ist der
Grund dafür, dass wir trotzdem parallel zum Computer
noch physische Zeitungen und Bücher lesen oder sogar
wieder Schallplatten hören. Um im wahrsten Sinn des Wor-
tes wieder zu uns zu kommen, brauchen wir die physischen
Medien und das Gefühl, dass wir sie anfassen können und
diese sofort greifbar sind. Sie geben uns für einen Moment
die Sicherheit und die Zeit zurück, die uns drohen verlo-
renzugehen.
Auch wenn es vor dem Hintergrund des Klimawandels
aus ökologischer Sicht wenig sinnvoll erscheint, Bücher
und CDs anzuhäufen, sollten wir uns darüber bewusst wer-
den, was wir durch ihre Digitalisierung verlieren. Wir ha-
ben nicht mehr sofort im Blick, welches Wissen beziehungs-
weise welche Musik und Texte wir in unseren vergangenen
Lebensjahren wann und zu welcher Zeit aufgenommen,
gelesen oder gehört haben. Damit geht uns die Vergegen-
wärtigung unserer eigenen Historie verloren. Stattdessen
löschen wir ständig Informationen, scrollen weiter, öffnen
ein neues Fenster, löschen unsere E-Mails und Chatproto-
60  U. Buttkewitz

kolle genauso wie unsere Urlaubsfotos. Die große Frage der


Zukunft wird sein, wie unser kulturelles Gedächtnis im di-
gitalen Zeitalter gefüllt wird. Sicher, alle wichtigen Infor-
mationen werden mittlerweile digital gespeichert, das heißt
es wird den kommenden Generationen nichts verlorenge-
hen. Aber werden wir noch Briefwechsel berühmter Persön-
lichkeiten zur Interpretation vorliegen haben, die für uns
wichtige Zeitzeugnisse sind? Wir können es noch nicht be-
antworten. Auch in aktuell gedrehten kitschig romanti-
schen Liebesfilmen werden alte Liebesbriefe auf dem Dach-
boden gefunden, weil sie eine viel schönere romantische
Aura bieten, als schaute man sich einen unromantischen
E-Mail-Wechsel an. Und wie sollte man auch Zugang zu
den passwortgeschützten E-Mail-Wechseln finden?
Wenn ich mir privat Musikalben anhöre, ist das mein
ganz persönliches und privates Vergnügen. Sobald ich dafür
YouTube oder Streaming-Dienste nutze, sobald ich also on-
line bin, läuft das Private in diesem Moment Gefahr, öf-
fentlich zu werden, indem mein Nutzungsverhalten von
Algorithmen überwacht wird. Zum anderen wird mein
Hörgenuss zum Beispiel bei YouTube dadurch gestört, dass
zwischendurch ständig Werbeunterbrechungen wie beim
Fernsehen eingebaut werden, wodurch ich in meinem pri-
vaten Kunstgenuss ebenfalls eingeschränkt werde.
Bei den sozialen Medien und der digitalen Kommunika-
tion haben wir es nach Marshall McLuhans Kategorisie-
rung mit heißen Medien zu tun, da von unserer Seite keine
großartige persönliche Beteiligung notwendig ist, um In-
formationen mit Hilfe dieser Medien zu rezipieren. Die vie-
len Bilder, Texte, Emojis und Videos verdichten sich in kur-
zer Zeit zu einem die Sinne überfordernden Gesamtbild, so
dass hier nur noch Siegfried Kracauers Begriff der Zerstreu-
ung greift. Das, was Kracauer am Beginn des 20. Jahrhun-
derts mit der aufkommenden Fotografie und dem Kino als
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  61

Zerstreuungskultur beschrieben hat, potenziert sich mit


dem Internet und seinen unzähligen und unüberschauba-
ren medialen Ausdifferenzierungen.
Was haben aber diese Entwicklungen nun mit der ver-
änderten zwischenmenschlichen Kommunikation zu tun?
Sind sie auch der Grund dafür, dass das Telefon noch nicht
verschwunden ist? Wir merken, dass wir bei der digitalen
Kommunikation letztendlich nur simulierte Antworten er-
halten – frei nach McLuhans Aussage: „Das Medium ist die
Botschaft“. Natürlich übermitteln wir uns per Messenger-­
Dienst und E-Mail inhaltliche Informationen – wir schrei-
ben etwas und erhalten auch Antworten. Es sind jedoch
lediglich Zeichen, die nur noch Botschaften und Antwor-
ten simulieren. Nun ist das gängige Argument dagegen,
dass Computer so wie die Schreibfeder und die Schreibma-
schine nur technische Hilfsmittel sind und diese für die
Übertragung des Inhalts nicht relevant sind. Die Kommu-
nikations- und Medienforschung hat in den vergangenen
Jahrzehnten gezeigt, wie wichtig zum Beispiel Kontexte bei
der Entschlüsselung von Nachrichten sind. Gerade der all-
tägliche kommunikative Austausch per WhatsApp erhält so
viele standardisierte Codes, wie bereits beschrieben, dass
letztendlich ein inhaltliches Gespräch nur noch simuliert
wird und es sich mehr um ein Ping-Pong-Spiel denn um ein
Gespräch handelt. Es werden natürlich im herkömmlichen
Sinn noch Informationen ausgetauscht, aber durch die
Schnelligkeit des parallelen Informationsaustausches auf
verschiedene Art und Weise fallen die inhaltlichen Bot-
schaften immer knapper aus und die digitale Codierung
scheint immer mehr durch. Jean Baudrillard verleitet das
zur Hypothese, „[…] dass es möglich sei, außerhalb des
Sinn-Mediums zu kommunizieren, dass die Intensität der
Kommunikation selbst mit der Resorption des Sinns und
dessen Zusammenbruch einhergeht.“ (Baudrillard 2010,
62  U. Buttkewitz

S. 43). Das, was bei Instagram oder Facebook sehr viel kla-
rer scheint, setzt sich nun auch immer mehr bei der zwi-
schenmenschlichen Kommunikation durch – das Medium
selbst steht im Vordergrund. Und genau deshalb gibt es
noch das Telefon – es stillt die Sehnsucht nach einem sinn-
haften, eigentlichen und unmissverständlichen Austausch.
Bei der WhatsApp- und E-Mail-Kommunikation handelt
es sich im wahrsten Sinn des Wortes nur noch um einen
Kontakt, der stattfindet: Beim Nachrichtenaustausch wer-
den die gewohnte Satzstruktur aufgebrochen und höchs-
tens noch Emojis ergänzt, die der Nachricht eine zusätz­
liche Konnotation geben sollen, zum Beispiel wenn der
Sender einer Nachricht schreibt „Heute wieder Mittag?“
und die Antwort erhält: „Klar, nur 10 Minuten “ – dann
heißt das, dass eine Kollegin ihren Kollegen fragt, ob sie
heute wie immer zusammen Mittag essen gehen wollen
und der Kollege bejaht die Frage mit einem Smiley und
dem Zusatz „nur 10 Minuten“, was bedeutet, dass sich der
Kollege auf das Mittagessen freut und nur noch 10 Minu-
ten braucht. Diese Art der Kommunikation könnte via
E-Mail übrigens genauso aussehen. WhatsApp kommt al-
ternativ in diesem Fall zur Anwendung, wenn man unsicher
ist, ob sich die Kollegin oder der Kollege vor seinem PC
befindet oder unterwegs ist. Insofern werden beide Kom-
munikationsformen noch gebraucht und ergänzen sich.
Jean Baudrillard sagt hierzu, dass die Kommunikation nur
noch nach dem Modell „Sender – Botschaft – Empfänger“
funktioniert, das heißt nach einem „Simulationsmodell“
der Kommunikation, bei dem eine Botschaft nur noch co-
diert und decodiert wird. „Die Botschaft selbst wird dabei
vom Code strukturiert und durch den Kontext determi-
niert“, so Baudrillard. Eine ambivalente Form der Kommu-
nikation, in der es nicht nur um Codierung und Decodie-
rung geht, sondern auch um mehrdeutige Botschaften, die
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  63

sich nicht sofort eindeutig entschlüsseln lassen, sei damit


ausgeschlossen. (Baudrillard 1978, S. 103–105).
Diese Art der Kommunikation setzt sich sowohl im be-
ruflichen als auch im privaten Alltag immer mehr durch:
Aufgrund von Zeitmangel kontaktieren wir uns häufig nur
noch anstatt zu kommunizieren. Wir legen in unseren digi-
talen Adressbüchern neue Kontakte und keine neuen Perso-
nen an und aktualisieren bei WhatsApp unseren jeweiligen
Status und keine zufälligen Ereignisse.

Unsere WhatsApp-Gespräche nennen sich Protokolle und


nicht Gespräche.

Was wird hier eigentlich protokolliert? In beruflichen


Kontexten werden Protokolle von Beratungen angefertigt,
die in der Regel den Verlauf oder die Ergebnisse von Sit-
zungen wiedergeben, damit sie auch zu einem späteren
Zeitpunkt nachvollziehbar sind und festgelegte Ergebnisse
und Verantwortlichkeiten überprüft und kontrolliert wer-
den können. Die Tatsache, dass ein privater Austausch
„Protokoll“ genannt wird, verdeutlicht, dass es sich hierbei
um die Essenz des Sagbaren handelt, um das Gesagte, das
möglich wäre, denn die Nachrichten per WhatsApp zeich-
nen sich durch eine äußerst implizite Rede aus und verlan-
gen viel implizites Wissen von den Gesprächspartner∗innen.
Wir versenden unsere Nachrichten in einer derart verkürz-
ten Form, das in ihnen eine Menge an Ungesagtem steckt,
das wir prinzipiell gern sagen würden und das unsere Kon-
takte dann interpretieren, selbst enthüllen und dekodieren
müssen. Die Frage ist, warum wir uns freiwillig diese Form
der Kommunikation aufzwingen lassen, denn in vielen Fäl-
len folgt auf einen WhatsApp-Chat kein Telefonat und
64  U. Buttkewitz

kein reales Treffen und wenn man sich dann persönlich


wiedersieht, ist zu viel Zeit vergangen, als dass es sich loh-
nen würde, direkt an den letzten Chat anzuknüpfen. Ist es
Bequemlichkeit, mangelnde Zeit, der geringere Preis im
Vergleich zu einem Telefongespräch oder nur ein Kommu-
nikationsspiel?
Die momentan inflationär gebrauchten Begriffe „Erzäh-
lungen“ und „Narrative“ zeugen von der Sehnsucht nach
einer längeren Rede, die etwas erzählt und bedeutet und
nicht lediglich einen Status oder eine Situation wiedergibt,
sondern eine persönliche Rede, zu der wir uns verhalten
können. Ein bei Facebook oder Instagram eingestelltes Foto
oder ein Kommentar unterbindet von vornherein jeglichen
kommunikativen Austausch und lässt die Follower und
Freund∗innen „ratlos“ zurück. Sie rezipieren die Informa-
tion und denken dann „Tja … und jetzt … super“. Ich
würde ja gern dazu etwas sagen, aber ich erhalte ja sowieso
keine Antwort – oder vielleicht nur ein Smiley. Eine ausge-
dehnte Rede mit allen emotionalen Facetten – Humor, Iro-
nie, Ärger, Trauer (die in der digitalen schriftlichen Kom-
munikation nur noch mit statischen Codes und Smileys
symbolisiert werden) – ist medial nur noch per Festnetztele-
fon möglich. Dieses ist abgekoppelt vom Furor der ständi-
gen räumlichen und zeitlichen Mobilität und gestattet uns
einen erzählerischen Austausch, für den wir uns Zeit neh-
men. Jemanden per Festnetztelefon anzurufen bedeutet
Wertschätzung und das Geschenk der eigenen Zeit. Im Un-
terschied zu einem herkömmlichen Mobilfunktelefon oder
einem Smartphone, mit denen man genauso wie mit einem
Festnetztelefon telefonieren kann, steht das Festnetztele-
fon – so wie es der Name sagt – an einem festen Ort (in ei-
ner Wohnung oder einem Büro). Es symbolisiert Ruhe, Im-
mobilität und Verlässlichkeit. Die Gesprächspartner∗innen
können in einer ganz anderen Atmosphäre miteinander
sprechen, als wenn beide oder eine∗r von beiden unterwegs
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  65

ist, man nicht weiß, an welchem Ort oder in welcher Situa-


tion sich die∗der andere gerade befindet, man damit die∗den
andere∗n möglicherweise stört und das Telefonat dann ganz
anders abläuft als in einer nicht-öffentlichen und ungestör-
ten Situation zu Hause.

Jemanden per Festnetztelefon anzurufen, bedeutet Wert-


schätzung und das Geschenk der eigenen Zeit.

Baudrillards Thesen haben verdeutlicht, warum es durch


die digitale Kommunikation prinzipiell zu keinem gemein-
schaftlichen Handeln und gesellschaftlichen Veränderungs-
prozessen kommen kann. Dazu werden wir uns noch einmal
im Detail die Kommunikation per WhatsApp anschauen,
die zunehmend den Charakter von Facebook und Insta­
gram annimmt.
Selbst dann, wenn man einer Person nur eine an sie ge-
richtete Nachricht sendet, wirkt sie häufig eher wie ein Post
als eine persönliche Nachricht, so dass die Inhalte der Nach-
richten an der Oberfläche bleiben. Meistens sind es positive
Nachrichten, die – wie weiter oben schon verdeutlicht – in
erster Linie der Stabilisierung beziehungsweise der gegen-
seitigen Versicherung der guten Beziehung dienen. Kon-
flikte werden selten per WhatsApp ausgefochten. Deshalb
könnte man die Frage stellen, welche Leerstellen die digita-
len Medien wie Instagram, Facebook und WhatsApp in
unserer Kommunikationslandschaft besetzen, die durch an-
dere Kommunikationsmedien bisher nicht ausgefüllt wur-
den. Fehlte der Gesellschaft vor 15 Jahren noch eine spezi-
fische Form oder Qualität der Kommunikation?
Die Tatsache, dass bisher kein Kommunikationsmedium
der vergangenen 100 Jahre wirklich verschwunden bezie-
hungsweise ersetzt wurde, zeigt, dass es im Grunde keine
66  U. Buttkewitz

revolutionären Schritte in der Medienentwicklung gab.


Medien wurden technisch verbessert, aber nicht wirklich
ersetzt. Die Kommunikationsmedien haben sich lediglich
weiter ausdifferenziert – je nach individuellen Bedürfnissen
und Anlässen. Auch in die Medienwelt ist die vom aktuel-
len Zeitgeist oft wiederholte sogenannte „Vielfalt“ eingezo-
gen. Dieser Begriff ist fast durchgängig positiv besetzt, weil
damit zum Ausdruck kommen soll, dass jedes Individuum
mit seinem speziellen Charakter und seinen Fähigkeiten
Wertschätzung erfährt und darauf von der Gesellschaft
Rücksicht genommen wird. In der Kommunikation zeigt
sich dieser Denkansatz dahingehend, dass jeder nach seinen
persönlichen Präferenzen das Kommunikationsmittel sei-
ner Wahl verwenden kann  – ausdifferenziert nach der je-
weiligen Person und dem jeweiligen Anlass. Was dadurch
jedoch entsteht, sind individualisierte Freundes- und Perso-
nenkreise, die untereinander gut funktionieren, aber ein
Ausschlussprinzip provozieren  – wer in einer Whats­App-
Gruppe nicht dabei ist, bekommt wichtige Informationen
unter Umständen nicht mit und bestimmte Personen wer-
den von vornherein gleich ausgeschlossen. Es ist zwar
grundsätzlich positiv zu beurteilen, dass sich Personengrup-
pen mit spezifischen Interessen schneller finden und sich
austauschen können. Man kann jedoch zurecht die Frage
stellen, ob wir uns dadurch immer mehr an Personengrup-
pen gewöhnen, die uns ähnlich sind und wir paradoxer-
weise trotz einer proklamierten bunten und offenen Gesell-
schaft immer weniger in der Lage und auch gewillt sind,
uns auf die „anderen“ einzustellen, mit ihnen zu kommuni-
zieren und die Gesellschaft zu gestalten. Das wird eine der
größten gesellschaftlichen Herausforderungen in der nahen
Zukunft sein: Wie schaffen wir es trotz akzeptierter und
gelebter Vielfalt, solidarisch zu agieren? Wie schaffen wir es
beziehungsweise wie können wir sicherstellen, trotz der un-
4  Warum verschwindet das Telefon nicht?  67

zähligen möglichen Kommunikationsformen und –mittel,


gemeinsame Werte und Erzählungen an die nächsten Ge-
nerationen zu tradieren? Wir können der nächsten Genera-
tion ja nicht einfach gespeicherte Chat-Protokolle oder
E-Mail-Wechsel zum Lesen geben. Im digitalen Zeitalter ist
die Kommunikation zum Selbstzweck geworden – so lange
die ­Kommunikation läuft, ist alles in Ordnung – aber wehe,
die Nachrichten bleiben aus. Frei nach Neil Postman ließe
sich sagen:

„Wir kommunizieren uns zu Tode“.


5
Das Zeitalter des Verschwindens

Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht,


was passiert, wenn Sie Ihr Smartphone und Ihren Computer
ausschalten? In welcher Welt leben Sie dann? Ist die Welt
eine andere geworden? Vermissen Sie etwas? Was vermissen
Sie? Lassen Sie sich ruhig einmal auf dieses Gedankenexperi-
ment ein: Es geht dabei nicht darum, von der Elektrizität
und der gesamten Digitalisierung abgeschnitten zu sein, son-
dern nur darum, nicht online zu sein. Im ersten Moment
wird Ihnen wahrscheinlich etwas fehlen, so wie Marshall
McLuhan definiert hat, dass die Medien eine technische Er-
weiterung der menschlichen Fähigkeiten sind; unser persön-
liches Wissen und persönliche Daten sind häufig nur noch
digital abgespeichert. In einem nächsten Schritt stellen Sie
dann vielleicht fest, dass Sie immer noch Bücher und Zei-
tungen lesen können und auch noch die Freund∗innen und
Familienangehörigen erreichbar sind. Wir sollten uns also
die Frage stellen, ob wir wirklich in einer ganz anderen Welt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 69
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_5
70  U. Buttkewitz

als noch vor 10 bis 15 Jahren leben, wie uns das Silicon Val-
ley suggeriert.
Im Grunde hat sich nämlich gar nicht so viel verändert –
und dabei meine ich nicht nur die triviale Erkenntnis und
quantitative Veränderung, dass wir auf einmal wieder mehr
Zeit zur Verfügung haben und zur Ruhe kommen, wenn
wir offline sind. Sondern wir spüren plötzlich, dass die Pri-
vatheit und Intimität wieder da ist – nicht zu verwechseln
mit dem Begriff der Individualität. Das heißt, die Öffent-
lichkeit ist auf einmal weniger präsent und wir müssen wie-
der weniger auf das Außen achten, sondern können uns an
unserem eigenen Lebensrhythmus und an unserer Innen-
welt orientieren, ohne uns verstellen zu müssen beziehungs-
weise uns hinter einer Maske zu verbergen.
Durch die Digitalisierung haben die Öffentlichkeit und
die Medien noch einmal mehr an Stellenwert gewonnen.
Öffentlichkeit und Privatheit verschmelzen immer mehr. Es
wächst das Risiko, dass wir uns zwar nicht in einer Ma­trix
bewegen (denn wie wir gesehen haben, können wir die digi-
tale Welt nicht so ohne weiteres als Illusion bezeichnen), aber
wir sind durch die Öffentlichkeit und die öffentliche Mei-
nung mittlerweile sehr geprägt und es wird immer schwieri-
ger, uns davon nicht beeinflussen und eine bestimmte Pers-
pektive aufzwingen zu lassen. Im Strom mit zu schwimmen,
ohne darüber zu reflektieren, wie eigentlich die eigene, sub-
jektive Perspektive aussieht, das ist die heutige Gefahr.
Marshall McLuhan hat die Entwicklung der Medien in
seinem Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ (McLuhan 1968) in
die folgenden Epochen eingeteilt:

1. Nicht-alphabetische Vorphase
2. Alphabetische Schriftkultur
2.1. Phase der Manuskriptkultur bis zum 15. Jh. n. Chr.
2.2. Phase der typographischen Kultur seit dem 16. Jh.
n. Chr.
3. im 20. Jh. Übergang in das elektronische Zeitalter
5  Das Zeitalter des Verschwindens  71

Ich schlage vor, als vierte Epoche nach dem elektroni-


schen Zeitalter das digitale Zeitalter mit dem Übergang in
das 21. Jahrhundert zu ergänzen und es das „Zeitalter des
Verschwindens“ zu nennen.
Das elektronische Zeitalter war dadurch gekennzeich-
net, dass immer mehr elektronische Unterhaltungs- und
Kommunikationsmedien in den Alltag traten, die die Zeit-
und Raumdistanz immer schneller aufhoben. Das Beson-
dere des Zeitalters des Verschwindens ist es nun, dass mit
dem PC und dem Smartphone digitale Universalmedien
unser Leben bestimmen, die durch eine hybride Form der
Mündlichkeit und Schriftlichkeit geprägt sind. Sowohl die
mündliche als auch die schriftliche Kommunikation oder
eine Mischform von beiden sind im Unterschied zu den
analogen elektronischen Medien dadurch charakterisiert,
dass ihre Antwortmöglichkeiten stark begrenzt oder durch
eine vorgeprägte Struktur schon vorgegeben sind. Selbst
Diskussionen oder die sogenannten Shitstorms sind ge-
nauso vorhersehbar wie die allgemein mediale Aufregung
danach. Die Kommunikation ist also stark vordeterminiert
und verläuft selbstreferentiell in der Regel völlig ohne
Überraschungen. Eine positive Hoffnung könnten Pod-
casts sein, die gerade Hochkonjunktur haben, weil sie im
Prinzip wie ein herkömmliches Radio funktionieren und
ein Thema in einem ruhigen Face-to-Face-Gespräch ver-
handelt wird.
Der Großteil der Schrifterzeugnisse im digitalen Zeital-
ter ist für uns unsichtbar. Sobald wir unsere Geräte aus-
schalten, befinden wir uns wieder in unserer analogen Welt
(außerhalb der Matrix) und unsere Chat-Protokolle, E-­
Mail-­Wechsel, Fotos, Kontakte, Texte, Musik usw. befinden
sich außerhalb unseres Blickfelds. Sie stehen nicht mehr im
Regal. Die Diskrepanz zwischen der digitalen und außer-­
digitalen Welt wird immer größer. Verschiedene Handlun-
gen, die wir bis vor ein paar Jahren noch außerhalb der di-
gitalen Welt erledigt haben  – wie zum Beispiel unsere
72  U. Buttkewitz

Bankgeschäfte, das Buchen von Urlaubsreisen, Einkaufen


und Bestellungen aufgeben, Terminplanungen, Bücher le-
sen, Musik hören, nach Informationen recherchieren, nach
dem Weg fragen, Auskünfte einholen – das alles und vieles
andere findet mittlerweile überwiegend nur noch digital
statt, das heißt, wir kommunizieren nicht mehr mit ande-
ren Menschen, sondern mit Maschinen und müssen uns
dafür auch kaum mehr bewegen, sondern können ganz in-
dividuell entscheiden, wann wir uns mit einem Vorgang be-
schäftigen. Viele unserer Handlungen, die früher sichtbar
waren, sind jetzt für andere Personen unsichtbar geworden.
Ein Teil unseres Lebens findet also getrennt von den Bli-
cken der anderen statt. Was bedeutet das ganz konkret für
unser Zusammenleben?
Wir müssten untereinander eigentlich wieder viel mehr
kommunizieren, um das alles zu erzählen, was für die ande-
ren unsichtbar geworden ist. Werden wir durch die Digita-
lisierung und der damit einhergehenden Immaterialisie-
rung unserer Daten wirklich entlastet oder bringt sie uns
nicht viel eher in Bedrängnis und setzt uns unter Stress,
weil wir uns ständig vergegenwärtigen müssen, was wir
noch zu erledigen haben? Mit dem Einschalten unseres
Computers oder unseres Smartphones, die quasi unser
Büro und ausgelagertes Gedächtnis geworden sind und mit
denen wir unser tägliches Leben verwalten und kontrollie-
ren, bewegen wir uns in unserer ganz eigenen Welt, abge-
schirmt von den Blicken unserer Mitmenschen.
Wenn wir analoge und digitale Medien einander gegen-
überstellen (siehe Tab.  5.1), sehen wir, dass im digitalen
Zeitalter viele Medien dazugekommen sind, die jedoch
keine neuen qualitativen Funktionen besitzen, sondern die
Funktionen der analogen Medien übernommen und ledig-
lich etwas verändert haben. Es gibt nur ganz wenige ­digitale
Medien, die bisher wirklich noch nicht dagewesen sind und
5  Das Zeitalter des Verschwindens  73

Tab. 5.1  Analoge und digitale Medien im Überblick und Vergleich


Äquivalente digitale Medien zu den analogen
Analoge Medien Medien
Mündliches Internetforen, Messenger-Dienste (zum
Gespräch Beispiel WhatsApp, Threema, Signal, Skype,
Snapchat)
Brief, Postkarte SMS, MMS, E-Mail, Fax, Messenger-Dienste
Bücher E-Books
Schreibmaschine Computer, Laptop, Tablet, Smartphone
Zeitung E-Papers, Online-Zeitungen
Telefon Mobiltelefon, Smartphone, Messenger-­
Dienste
Radio Digitalradio, Internet-Radio, Podcast
Schallplatte, CD, MP3, Streaming-Dienste (zum Beispiel
Audiokassette Amazon-Music, Spotify)
Fotokamera Digitale Fotokamera, Smartphone
Film (Kino), DVD, Blu-ray Disc, Streaming-Dienste (zum
Videokassette Beispiel Video on Demand: Netflix,
Amazon), YouTube
Fernsehen Digitales Fernsehen, Mediatheken,
Streaming-Dienste (zum Beispiel Video on
Demand: Netflix, Amazon), YouTube

Tab. 5.2  Neue digitale Medien ohne analoges Vorbild


Neue digitale Medien
entwickelt im 20. und 21. Jahrhundert
Sprachassistenten (zum Beispiel Google Assistant, Alexa)
Blogs, Webseiten
Soziale Netzwerke (zum Beispiel Facebook, Instagram)
Mikroblogging-Dienste (zum Beispiel Twitter, Jaiku)

damit eine qualitative Weiterentwicklung in Gang gesetzt


haben (siehe Tab. 5.2).
Die revolutionäre Aufhebung der Raum-Zeit-Differenz
und die Übertragung von Informationen und Nachrichten
in Echtzeit wurden bereits durch analoge Medien realisiert.
Als einzige wirklich neue kommunikative Funktion sind
die sozialen Netzwerke hinzugekommen, die eine Vermi-
schung von schriftlicher und mündlicher Kommunikation
74  U. Buttkewitz

und deshalb eine ganz neue Kommunikationsform geschaf-


fen haben. Dadurch ist es möglich geworden, unkompli-
ziert mit sehr vielen Personen gleichzeitig zu kommunizie-
ren. Wie wir gesehen haben, verläuft diese Kommunikation
jedoch vielfach nur in eine Richtung und erhält spielerisch
den Kontakt zwischen Personen aufrecht. Sie befriedigt
unsere Sehnsucht nach Wertschätzung und Bestätigung
und simuliert damit nur noch eine wechselseitige Kom-
munikation.
Die Schrift fördert ein vielstimmiges Gespräch, eine dy-
namische Kommunikation und eine schnellere Produktion
von Wissen und Entwicklung – diese Aussage scheint sich
in Zeiten der vielfältigen sozialen Medien zu bewahrheiten.
Aufgrund der dazugekommenen Medien, die mündliche
Gespräche ersetzen oder ergänzen, haben zumindest die
Telefongespräche an Bedeutung verloren. Es ist vor allem
der technologische Fortschritt an sich, der zu der ständig
anwachsenden Flut der digitalen Medien und der extrem
beschleunigten Kommunikation führt und wodurch wir
das Empfinden haben, dass wir uns in einer noch nie da-
gewesenen Epoche des Umbruchs befinden. Mit dem Blick
auf unsere Historie wäre es aber vermessen, davon auszu-
gehen, dass dem wirklich so ist.
6
Die hybride Form der
Kommunikation in den sozialen
Medien

6.1  Digital vermittelte Kommunikation


Wie wir im letzten Kapitel erfahren haben, geht die dialo­
gische Kommunikation zurück, die aber gerade für stabile
menschliche Beziehungen und für die Entwicklung neuer
Gedanken essentiell ist, unabhängig davon, ob die Kom-
munikation schriftlich oder mündlich verläuft. Bei Insta­
gram und Facebook haben wir es nur mit einer scheinbaren
beziehungsweise simulierten dialogischen Kommunikation
zu tun, da die Kommunikation nur in routinierten und
standardisierten Floskeln verläuft. Oftmals entfallen die
Anrede und die Abschiedsformel. Es ist kaum möglich, in-
haltsschwere Diskussionen per WhatsApp oder SMS zu
führen. Meistens bleibt es bei kurzen Sätzen, in denen es
um eine Verabredung geht oder man schlicht und einfach
nur fragt „Wie geht’s Dir?“, um einen Kontakt nicht abbre-
chen zu lassen. Üblicherweise werden auch kurz Urlaubs-

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von


Springer Nature 2020 75
U. Buttkewitz, Smiley. Herzchen. Hashtag.,
Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28438-1_6
76  U. Buttkewitz

erlebnisse  – meistens mit einem Foto dekoriert  – ausge-


tauscht. Dieser kurze Austausch via WhatsApp kann einer
Rückversicherung einer bestehenden Beziehung dienen,
aber sie können nach meiner persönlichen Beobachtung
keine lockere Freundschaft wieder festigen beziehungsweise
stabilisieren. Dafür reicht diese Art der unverbindlichen
Kommunikation nicht aus, sondern dazu sind weiterhin
Telefonate, vor allem aber der persönliche Face-to-Face-­
Kontakt nötig. Aber die Messenger-Dienste können durch-
aus den Weg zu einer persönlichen Verabredung erleichtern
und ebnen. Diese Art der Kommunikation hat den Vorteil,
dass man im Gegensatz zum Telefon die privaten Kreise der
Adressat∗innen nicht stört. Diese∗r kann es sich überlegen,
wann und ob sie∗er antwortet. Wir müssen uns jedoch da-
rüber im Klaren sein, dass eine verzögerte oder keine Ant-
wort möglicherweise die Beziehung gefährden kann.
Insofern herrscht auch bei der Kommunikation via Kurz-
nachrichten ein gewisser Kommunikationsdruck. Mittler-
weile ersetzt WhatsApp auch häufig die Nutzung der E-­
Mail, da vielen das Schreiben einer E-Mail vor allem im
privaten Bereich zu aufwändig geworden ist. Merkwürdi-
gerweise entsteht daraus häufig kein kommunikativer Aus-
tausch  – selbst dann nicht, wenn Fragen an die Chat­
partner∗innen gestellt werden. Das ist ein interessantes
Phänomen, das eigentlich die Kommunikation als eine
Handlung des gegenseitigen Austausches und des Bezie-
hens aufeinander konterkariert. In diesen Fällen geht es
scheinbar auch nur um die Bestätigung der Freundschaft
miteinander.
Die Nutzung der herkömmlichen SMS war dagegen ent-
spannter, da es keine blauen Häkchen gab, das heißt keine
Markierung, die anzeigt, dass die Antwort gelesen wurde,
und damit der Kommunikationsdruck geringer war. Aber
auch bei der SMS-Kommunikation ist natürlich eine große
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  77

Erwartungshaltung vorhanden, dass mein∗e Kommuni­


kationspartner∗in antwortet. Durch die limitierten Zei-
chen und den damit verbundenen Kosten bei Überschrei-
tung der Zeichenanzahl (vor allem im nicht-­europäischen
Ausland) sind längere Chats per SMS nicht üblich. Die
Funktion bleibt dadurch eindeutig auf das Versenden von
wichtigen Kurzmitteilungen beschränkt.
Warum gibt es überhaupt noch die SMS? Medien sind
immer so lange da, wie sie noch eine spezielle Funktion er-
füllen, die von anderen Kommunikationskanälen nicht
übernommen werden kann. Die SMS wird zum Beispiel
gebraucht, wenn sich ein∗e Kommunikationspartner∗in im
Ausland befindet und eine Internetverbindung unkalkulier-
bar hohe Kosten verursachen würde oder aus technischen
Gründen keine Internetverbindung existiert. Ein anderer
Grund für die Nutzung von SMS kann es sein, sich nicht
bei WhatsApp anmelden zu wollen, um die eigenen Daten
und auch sich selbst vor zu vielen Nachrichten zu schützen.
Die Kommunikation via E-Mail findet zwar auch in Echt-
zeit statt, sie ähnelt jedoch noch sehr der Briefkommunika-
tion – mit dem Unterschied, dass eine E-Mail auch an meh-
rere Personen gleichzeitig adressiert werden kann – und das
sogar unsichtbar für die Adressat∗innen. Diese Möglichkeit
entpersönlicht die Kommunikation, da die Autor∗innen
gleichzeitig bedenken müssen, dass mehrere Emp­
fänger∗innen die E-Mail lesen und dementsprechend die
Nachricht so formuliert werden muss, dass sie für keine∗n
Empfänger∗in einen Affront bedeutet. Das gelingt nicht
immer, wodurch oft Missverständnisse ausgelöst werden,
die wahrscheinlich viele aus ihrem Arbeitsleben kennen.
Man setzt die Chefin beziehungsweise den Chef in cc// und
formuliert die E-Mail dann so, dass nur eine knappe Infor-
mation übrig bleibt ohne jegliche persönliche Konno-
tierung. Interessant ist es auch, dass sich in der Bürokom-
78  U. Buttkewitz

munikation der E-Mail-Verkehr immer mehr gegenüber


dem Telefonieren durchsetzt – auch wenn man in keinem
Großraumbüro sitzt. Mittlerweile wird es sowohl privat als
auch geschäftlich immer mehr üblich, Telefontermine zu
vereinbaren. Vor 20 Jahren war das noch eine große Selten-
heit. Es scheint so, als wenn das Telefonieren inzwischen
etwas Besonderes geworden ist und es mündliche Face-to-
Face-Gespräche auch bei wichtigen Angelegenheiten erset-
zen kann. Ursache könnten auch hier die sowohl privat als
auch beruflich immer knapper werdenden zeitlichen Res-
sourcen sein. Des Weiteren ist die nicht ständige Erreich-
barkeit der Gesprächspartner∗innen ein Grund, zu einem
anderen Kommunikationsmittel zu greifen. Das Telefonie-
ren wird scheinbar nicht nur privat, sondern auch geschäft-
lich als größere Anstrengung als die schriftliche Kommuni-
kation verstanden. Erstaunlicherweise nehmen die
Gesprächspartner∗innen dafür in Kauf, dass bei der digita-
len E-Mail-­Kommunikation häufig Missverständnisse auf-
treten können, während man beim Telefonieren viel mehr
Details besprechen könnte. Warum werden trotzdem Tele-
fongespräche vermieden? Ein Grund könnte darin liegen,
dass die Menschen zunehmend einen Gesichtsverlust ver-
meiden möchten, da wir bei einer E-Mail oder einer Kurz-
nachricht nicht sofort auf unser Gegenüber reagieren müs-
sen und erst einmal einem unmittelbaren Konfliktaustausch
aus dem Weg gehen können. Für die Stabilisierung der je-
weiligen Beziehung beziehungsweise eine klare, ehrliche
und wertschätzende Kommunikation ist das jedoch immer
die schlechtere Variante. In den Zeiten vor der What-
sApp-Kommunikation hat man am Telefon seine
Gesprächspartner∗innen auch viel seltener gefragt, ob man
denn stört und ob es gerade passt. Wir haben uns offen-
sichtlich an eine defensive Kommunikationsweise gewöhnt,
die erst einmal bei den Gesprächspartner∗innen testet, ob
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  79

sie gerade Zeit haben und sich in guter Stimmung befinden


oder ob sie sich gestresst vom digitalen Alltag gerade erholen.
Der digitale Mensch verschwendet enorm viel Zeit beim
Konsumieren von Informationen auf verschiedenen Platt-
formen, auf denen meistens die gleichen Informationen
nur in etwas veränderter Form stehen. Das erzeugt Stress.
Andererseits können die Menschen gezielt nach Informati-
onen suchen und vielfältiges Wissen aus verschiedenen
Blickwinkeln (beispielsweise international) gewinnen, die
etwa das Bildungsniveau erhöhen und Toleranz für kultu-
relle Vielfalt fördern.
Normalerweise ist Kommunikation nicht vollständig
egoistisch; bei den sozialen Medien geht es aber vor allem
um Selbstbestätigung und ein schnelles positives Gefühl der
Wertschätzung, das süchtig machen kann. Dabei stehen die
Absender∗innen selbst im Vordergrund, die Adressat∗innen
sind zweitrangig.
Der Mensch verliert zudem seine aktive Haltung im der-
zeitigen Kommunikationsnetzwerk, wird zur Passivität „ge-
zwungen“, vom medialen Kreislauf absorbiert und verliert
dadurch an Selbstbestimmung  – das Gegenteil von dem,
was die Menschen glauben, heute zu besitzen.
Das Netzwerk „Facebook“ lässt sich laut Julian Graffe
(König und Bahlo 2014, S. 44) nicht eindeutig als Medium
definieren, da es als virtuelles Netzwerk fungiert. Gleich-
zeitig können innerhalb des Netzwerks auch Chats statt-
finden und Nachrichten gesendet werden, so dass Facebook
teilweise auch Funktionen eines Kommunikationsmediums
in sich trägt.
„SMS zeichnen sich durch eine eigene Hybridität der
Nähe und Distanz aus, da sie medial schriftlich sind, kon-
zeptionell gesehen jedoch sowohl schriftlich als auch münd-
lich ausgerichtet sein können“. (König und Bahlo 2014,
S. 62) Bei der Kommunikation per Messenger-­Diensten wie
80  U. Buttkewitz

WhatsApp wird die konzeptionelle Mündlichkeit auch da-


durch hervorgehoben, dass es möglich ist, mit Emojis Ge-
fühle und Stimmungen zu verstärken beziehungsweise zu
übermitteln und die fehlende Mimik und Gestik zu kom-
pensieren. Das kann jedoch nie in Gänze gelingen, da Ironie
zum Beispiel schriftlich nicht immer funktioniert. Wenn die
schriftliche, aber konzeptionell mündliche Kommunikation
zunimmt, besteht die Gefahr, dass sie immer mehr zur stan-
dardisierten und damit zu einer kontrollierten Kommunika-
tion führt, die kaum Abweichungen und Differenzierungen
bei unterschiedlichen Kommunikationspartner∗innen zu-
lässt, so dass die Unterschiede bei der Kommunikation
zwischen Kolleg∗innen, Freund∗innen, Partner∗innen und
Familienangehörigen ganz allmählich verschwinden. Wenn
Sie Ihre elektronische Kommunikation unter diesem Ge-
sichtspunkt einmal überprüfen, werden Sie feststellen, dass
dieser Prozess ganz schleichend immer mehr einsetzt. Denn
wir haben nur eine begrenzte Auswahl von Emojis zur Ver-
fügung, so dass wir uns in einem festen Raster bewegen, das
sehr wenige Kommunikationsunterschiede zulässt. Zukünf-
tig könnte es zu einer immer unpersönlicheren und weniger
detaillierten Kommunikation auch zwischen engen Vertrau-
enspersonen kommen. Das führt dann sogar zu weniger in-
tensiven Beziehungen und zu Vertrauensverlust innerhalb
der Beziehungen. Denn bei Facebook sind wir mit Personen
aus unserem Umfeld „befreundet“, zu denen wir jeweils sehr
unterschiedlich ausgeprägte Nähe- und Distanzverhältnisse
haben – die Kommunikation richtet sich jedoch nach dem
kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen all diesen Perso-
nen, so dass sehr vage, mit wenig Bedeutungen aufgeladene
Nachrichten und Bilder gepostet werden und es dabei letzt-
endlich auf ein Nullsummenspiel und eine fast zweckfreie
Nachrichtenübertragung hinausläuft. Es handelt sich hier-
bei auch um eine simulierte Form eines dialogischen Ge-
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  81

spräches, da eine Nachricht auf Facebook oder Instagram


lediglich eine positive Bestätigung oder eine Ablehnung des
Gesagten hervorruft. Eine komplexe oder ­ ausführlichere
Diskussion ist im Prinzip ausgeschlossen. Bei WhatsApp ist
in geringem Ausmaß ein dialogisches Gespräch in einem
persönlichen Chat möglich, jedoch entsteht aufgrund der
etwas anstrengenden Form, die kleine Tastatur des Smart-
phones zu benutzen, sehr selten ein ausführlicher Chat. Da-
für ist WhatsApp ähnlich wie SMS auch nicht gedacht. Für
längere Unterhaltungen ist weiterhin die E-Mail der pas-
sendste Kommunikationskanal. Da einem auf dem Smart-
phone auch eine neue E-Mail sofort angezeigt wird – ist der
Unterschied zu WhatsApp gar nicht mehr so groß. Via
WhatsApp lassen sich jedoch leichter und schneller Fotos
und Links verschicken.
„WhatsApp vereint die Mobilität der SMS und die quasi
synchrone Kommunikation wie im Chat/Instant Messaging
in einem Gerät und bietet zusätzlich eine Fülle kostenloser
Kommunikationsmöglichkeiten von Einzel- und Gruppen-
unterhaltungen bis zum Versand von Fotos, Videos, Links
und Audiodateien“. (König und Bahlo 2014, S. 82).
Die Psychologin Nicola Döring unterscheidet bei der
computervermittelten Kommunikation zwischen asynchro-
ner und synchroner Kommunikation. Zur asynchronen In-
dividualkommunikation gehört die E-Mail, zur asynchro-
nen Massenkommunikation und Gruppenkommunikation
gehören Mailinglisten, Newsgroups und Websites. (Döring
2003, S. 49) Heutzutage würden wir auch Facebook und
Instagram dazuzählen. Zur synchronen computervermittel-
ten Kommunikation zählt Döring zum Beispiel Inter-
net-Telefonie und Internet-Videokonferenzen (Döring
2003, S. 81) – heute Skype. Die Übergänge zwischen syn-
chroner und asynchroner Kommunikation sind jedoch flie-
ßend. Der Austausch via E-Mail kann auch synchron erfol-
82  U. Buttkewitz

gen, wenn beide Chatpartner∗innen quasi zeitgleich online


sind. Ebenso kann die Kommunikation über ­WhatsApp
asynchron erfolgen, wenn die Chatpartner*innen die Un-
terhaltung abbricht und erst einige Tage später antwortet.
Da die Erwartungshaltung bei diesem Medium eine andere
ist und nach einer schnelleren Antwort verlangt, kann da-
durch die Beziehung zwischen beiden Partner∗innen durch-
aus empfindlich gestört werden.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind insgesamt
berechenbarer und manipulierbarer geworden, wodurch
die natürliche Lässigkeit und Spontaneität immer weiter
verlorengeht.
Bei der zwischenmenschlichen Kommunikation nimmt
die Beziehungskommunikation einen hohen Stellenwert
ein. Das Entschlüsseln von Kontexten und die Unterschei-
dung zwischen „Sentence-Meaning“ und „Speakers’s Mea-
ning“ ist die Voraussetzung für jede gelungene Unterhal-
tung. Sprachliche Kommunikation funktioniert über die
Entschlüsselung von Codes und dem Schließen von soge-
nannten Inferenzen (Schlussprozesse).Bei der strukturell
mündlichen Kommunikation in Form von WhatsApp und
E-Mail sind die Bildung von Inferenzen von sehr großer Be-
deutung, da die Gesprächspartner∗innen nicht physisch an-
wesend sind und die Inferenzprozesse nur auf Grundlage der
Texte geschlossen werden können. Das führt dazu, dass die
Nachrichten auf sprachlich gemeinschaftlich ausgehandelte
Codes zurückgreifen, die die Kommunikation effektiv ma-
chen, aber die Beziehungsarbeit auf ein Minimum reduzie-
ren. Die Beziehungsarbeit besteht im Prinzip nur aus der
Verwendung passender Emojis, und Ziel ist es, möglichst
die Kommunikation nicht abbrechen zu lassen, indem man
zwischen den einzelnen Worten nicht zu viel Zeit vergehen
lässt. Ein scheinbar unbegründetes zu langes Nicht-Beant-
worten einer Nachricht gefährdet die Beziehung. Es sind
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  83

komplexe Interpretationen und Gedankengänge notwendig,


damit die Beziehung zwischen den Gesprächspartner∗innen
nicht negativ beeinflusst wird. Beide benötigen viel gemein-
sames Kontextwissen voneinander, damit die Kommunika-
tion trotzdem funktioniert. Da sich die meisten Personen
gleichzeitig in mehreren Chats befinden, kann es leicht vor-
kommen, dass die Nachricht oder Frage einer Person aus
dem Blickfeld gerät und damit die Beziehung gefährdet
wird. In einer mündlichen Kommunikation würde es als un-
höflich gelten, eine Frage des Gegenübers nicht zu beant-
worten oder einfach zu ignorieren. Mit dem Austausch und
Unterhaltungen via Kurznachrichten hat sich ein ganz neues
Feld neben der herkömmlichen schriftlichen und mündli-
chen Kommunikation entwickelt, für die die Forschung
noch eigene Modelle entwickeln muss.
Thomas Herrmann macht darauf aufmerksam, dass bei der
Online-Kommunikation die spezifische Problematik zu be-
wältigen ist, dass die Kommunikationssituation im Gegen-
satz zur Face-to-Face-Kommunikation weitgehend im Dunk-
len bleibt. „Der Mitteilende muss im Rahmen der
Konzipierung einer Mitteilung nicht nur die beschränkten
Ausdrucksmittel berücksichtigen, sondern genau einschät-
zen, welche Teile des Kontextes der Kommunikationspartner
wahrnehmen beziehungsweise wahrgenommen haben kann
und welche Teile demgegenüber explizit in den Ausdruck auf-
zunehmen sind“. (Herrmann 2001, S. 22–23) Es muss bei
der Konzeption der Nachricht ein größerer Aufwand betrie-
ben werden, damit die∗der Kommunikationspartner∗in die
entscheidenden Aussagen der Nachrichten versteht. Gerade
bei einer asynchronen Kommunikation kann es leicht zu Ver-
ständnisproblemen kommen. Multimediale Nachrichten
können diese Probleme eventuell minimieren. Bei der Über-
tragung von Nachrichten via WhatsApp, Threema oder Si­
gnal ist beispielsweise ein großes gemeinsames Kontextwissen
84  U. Buttkewitz

für eine gelingende Verständigung Voraussetzung – was die


Bedeutungen von Emojis und bestimmte Abkürzungen be-
trifft. Andernfalls gelingt die Kommunikation nicht oder
wird zumindest von Missverständnissen begleitet. Auch die
häufigen Tippfehler können ein großes Hemmnis sein, nicht
nur bei der Verständigung der Kommunikationspartner∗innen
untereinander sondern auch insofern, als dass sie signalisie-
ren, dass sich die∗der Chatpartner∗in scheinbar keine Mühe
beim Verfassen der Nachricht gegeben hat.
Die Kommunikation mit Instagram und Facebook funk-
tioniert im Prinzip, sehr ähnlich zum Fernsehen. als einsei-
tige Kommunikation. Und genauso wie das Fernsehen prä-
sentieren diese Medien multimediale Inhalte und verlangen
auch nach einer Antwort. Instagram funktioniert wie das
Fernsehen nicht nach dem Sender-Empfänger-­Modell, aber
trotzdem wird eine Reaktion erwartet – und zwar in erster
Linie eine positive. Eine negative Reaktion wird im Prinzip
vom Sender von vornherein ausgeschlossen; deswegen wer-
den bei Instagram fast nur positive Nachrichten in Form
von Bildern und Videos und positiven Emojis „gesendet“.
Der einzige Zweck dieser Nachrichten besteht darin, von
den Empfänger∗innen eine bestätigende und anerkennende
Reaktion zu erhalten. Bei Facebook sind indes auch zuneh-
mend negative Reaktionen einkalkuliert. Das entspricht
aber nicht dem ursprünglichen Zweck dieses Mediums, das
nur „I like“ kennt und vorgibt.
Mit der Einführung des Smartphones mit seinen diver-
sen Kommunikationskanälen ist die schriftliche Kommuni-
kation durch ihre strukturelle Mündlichkeit leiblicher ge-
worden. Die Anzeige, dass eine neue Nachricht eingegangen
ist, und das Vibrieren des Handys bewirken bei den
Empfänger∗innen eine gewisse leibliche Reaktion, trotz ei-
nem dazwischen stehenden Medium. Das könnte der
­Grund dafür sein, dass die Kurznachrichten so beliebt wer-
den konnten: Der kommunikative Austausch kommt ganz
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  85

nah an eine Face-to-Face-Kommunikation heran, ohne dass


wir wie in der unmittelbar mündlichen Kommunikation
sofort gedanklich präsent sein müssen. Dan Sperber spricht
in seinem Aufsatz „How do we communicate“ davon, dass
wir zwar die sprachlichen Codes entschlüsseln, um einen
Satz zu verstehen, dass aber eine Vielzahl von extrakommu-
nikativen mentalen Handlungen vollzogen werden müssen,
damit die Intention der Sprecher∗innen herausgefiltert
werden kann (Sperber 1995, S. 2). Das trifft insbesondere
auf die digitale Kommunikation zu, da es beim digitalen
Kommunizieren mehr um den Akt des Kommunizierens an
sich geht als darum, Bedeutungen zu erschließen.
Warum ist es innerhalb der vergangenen Jahre dazu ge-
kommen, dass wir vielfach das Gefühl haben zu stören,
wenn wir jemanden anrufen und auch uns selbst gestört
fühlen, wenn uns jemand anruft? Vor ein paar Jahren war
viel zu Lesen vom sogenannten Cocooning, das heißt
vom bewussten Sich-zurückziehen in das gemütliche Zu-
hause, in dem man ungestört ganz bei sich bleiben kann
und das machen kann, was man möchte und wozu man
gerade Lust hat. Wir möchten es unter Kontrolle haben,
wann wir mit jemandem telefonieren und wie viel Zeit
wir dafür einplanen. Die vielbesprochene Ökonomisie-
rung und Optimierung der Gesellschaft macht natürlich
auch vor der zwischenmenschlichen Kommunikation
nicht halt. Sie muss möglichst effektiv ablaufen und sollte
die persönlichen Abläufe wenig stören. Also schreiben wir
lieber schnell eine Kurznachricht als zu telefonieren und
vermeiden dadurch, dass der eigene Tagesablauf durchei-
nander gerät oder sich der andere in einer unpassenden
Situation befinden könnte. Dazu kommt auch, dass sich
der Mensch sehr gern spielerisch betätigt und sich auch
sehr gern täuschen lässt, das heißt, die Verwendung der
sozialen Medien bereitet den meisten Menschen auch
einfach Spaß.
86  U. Buttkewitz

Noch wechseln wir zwischen analogen und digitalen


Kommunikationsmedien hin und her und es ist meines Er-
achtens noch nicht auszumachen, ob sich der Trend dahin-
gehend verstärkt, dass zum Beispiel die Sprachsteuerung
von technischen Geräten im Alltag zunehmen wird. Als ich
zwischen 2003 und 2005 mein Volontariat im Museum für
Kommunikation in Berlin absolvierte, stand auf dem Hof
des Museums damals das sogenannte T-House der Tele-
kom, in dem smarte Techniken für ein Einfamilienhaus
präsentiert wurden, von denen heute zwar ein paar ver-
marktet werden, sich größtenteils aber nicht durchgesetzt
haben. Der Weg der Digitalisierung lässt sich aber nicht
mehr verlassen und das ist auch gar nicht notwendig.
Der allgemein herrschende Zeitmangel ist meines Erach-
tens zu einem sehr großen Anteil auf die veränderte zwi-
schenmenschliche Kommunikation zurückzuführen. Oft-
mals kann ich bei der digitalen Kommunikation schon die
Antwort vorhersehen, weil sie sich an einem festen Reper-
toire von Antwortmöglichkeiten orientiert. Diese Kritik
leugnet nicht, dass es selbstverständlich einen intensiven
kommunikativen Austausch innerhalb von Freundeskreisen
und Familien gibt. Aber er ist weniger und oberflächlicher
geworden und folgt immer mehr einem festen Schema und
orientiert sich damit an der Berufswelt. Das digitale Indivi-
duum pflegt neben engen sozialen Verbindungen mit Fami-
lienangehörigen und Freund∗innen zusätzlich auch lockere
Beziehungen innerhalb von anderen Netzwerken. Kate Or-
ton-Johnson beschreibt in ihrem Buch „Digital Sociology“,
wie sich die familiären und freundschaftlichen Beziehun-
gen der Menschen durch die digitale Vernetzung verändert
haben. Während die stabilen und langjährigen Beziehun-
gen zu Familie und Freunden im nahen Umfeld etwas an
Bedeutung verloren haben, sind zerstreute und unverbind-
liche Kontakte durch die sozialen Netzwerke dazugekom-
men. (Orton-Johnson und Prior 2013, S. 16)
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  87

Auch die oft diskutierte Gereiztheit der Menschen hängt


mit der digitalen Kommunikation eng zusammen, denn die
digitale und elektronische Kommunikation ist von einer
komplizierten Technik abhängig, die zunehmend unseren
Alltag bestimmt, wie es Mario Donick in seinem 2019 er-
schienenen Buch „Die Unschuld der Maschinen“ anschau-
lich beschrieben hat. Wenn die Technik nicht funktioniert,
reagieren wir gestresst; das heißt, die Technik ist ein ständi-
ger Begleiter unserer zwischenmenschlichen Kommunika-
tion und beeinflusst diese.
Mittlerweile bedanken wir uns per WhatsApp, dass wir
eine Urlaubspostkarte erhalten haben, fragen telefonisch
nach, ob unsere E-Mail auch angekommen und nicht ver-
sehentlich im Spam-Ordner gelandet ist. Das heißt, wir
nutzen mehrere Kommunikationsmedien, um uns abzusi-
chern, dass eine Nachricht tatsächlich gesendet wurde und
diese die∗den Empfänger∗in tatsächlich auch erreicht hat.
Auf der einen Seite zeigt das Beispiel, dass wir den digitalen
Übertragungswegen nicht gänzlich vertrauen. Auf der an-
deren Seite führt die technikgestützte Kommunikation
dazu, dass wir uns untereinander entfremden beziehungs-
weise die Technik immer allgegenwärtig ist und sich zwi-
schen die Menschen schiebt.
Seit dem Beginn meiner Berufstätigkeit frage ich mich
zum Beispiel, warum die großen IT-Unternehmen nicht
mehr Zeit darin investieren, dass die Technik reibungslos
funktioniert, als ständig neue Produkte auf den Markt zu
bringen, die nicht richtig und sicher funktionieren. Jede∗r
kennt bestimmt die Situation in einem Vortragsraum, wenn
zu Beginn des Vortrags alle Zuschauer∗innen gespannt
sind, ob wohl diesmal Beamer und PC miteinander harmo-
nieren. Seit gut 20 Jahren besteht dieses Problem genauso
wie nervige Drucker in Großraumbüros, die aus unerfind-
lichen Gründen ständig unter Papierstau leiden oder PCs,
die scheinbar aus heiterem Himmel abstürzen. Warum wer-
88  U. Buttkewitz

den nicht erst einmal diese Probleme behoben, frage ich


mich immer wieder als Geisteswissenschaftlerin. Ein we-
sentlicher Grund ist sicher ökonomischer Art, und zwar
dass die Firmen unausgereifte Produkte schnell auf den
Markt bringen möchten, damit sich die Investitionen in
neue Entwicklungen kurzfristig amortisieren. Des Weiteren
werden aus Konkurrenzgründen unterschiedliche techni-
sche Schnittstellen geschaffen, die die Kommunikation mit
anderen Geräten verkomplizieren.
Im Prinzip beschäftigen wir uns eher mit der Kommuni-
kation, als dass wir selbst kommunizieren – im Sinne eines
dialektischen und mitfühlenden Austausches. Fotos wer-
den nicht mehr entwickelt und ordentlich in Fotoalben ge-
klebt und beschriftet, sondern wir speichern sie auf einem
USB-­Stick oder auf der Festplatte, bearbeiten und beschrif-
ten sie eventuell, zeigen sie einmal kurz unseren Lieben
und Freund∗innen, machen daraus vielleicht einen Foto-
kalender und schauen sie danach nie wieder an. Dazu
kommt, dass man die Fotos möglicherweise parallel auf
dem Handy, dem PC und der Digitalkamera gespeichert
hat. Das heißt, wir wenden unglaublich viel Zeit dafür auf,
Bild- oder Textinformationen zu bearbeiten, zu speichern,
zu versenden, zu verschieben, zu kopieren, wieder einzu-
fügen usw., anstatt sie zu lesen, zu verstehen und mental zu
verarbeiten.

Kommunikation ist demnach nicht mehr Mittel zum Zweck,


sondern die Kommunikation allein ist schon der Zweck.
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  89

6.2  Das Verschwinden der Ironie


Das hätte sie oder er aber auch etwas freundlicher formulie-
ren können oder war es ironisch gemeint? In Kurznachrich-
ten oder E-Mails ist es sehr kompliziert, Ironie so zu formu-
lieren, dass sie für die Empfänger∗innen verständlich ist. In
diesem Punkt unterscheidet sich auch die E-Mail von ei-
nem konventionellen Brief. Im privaten Kontext wählen
wir das Medium Brief beziehungsweise haben das Medium
Brief gewählt, wenn wir einen bestimmten Sachverhalt oder
mehrere Ereignisse ausführlich darlegen und beschreiben
möchten. Dieses Format gestattet es uns, einen literarischen
Stil zu verwenden, der es uns erlaubt, sprachlich so zu for-
mulieren, dass es den jeweiligen Adressat∗innen möglich
ist, zwischen den Zeilen zu lesen und rhetorische Figuren
wie zum Beispiel die Ironie wahrzunehmen und zu
verstehen.
Eine These von Jean Baudrillard lautet, dass im digitalen
Zeitalter auch die Ironie immer mehr verschwindet: „Wir
werden durch die technische Manipulation vereinfacht. [..]
Dasselbe gilt für die einstige Radikalität: Wenn sie sich vom
mit sich selbst versöhnten und dank des Digitalen homo-
genisierten Individuum trennt, wenn alles kritische Den-
ken verschwunden ist, dann geht die Radikalität in die
Dinge über. Das Bauchreden des Bösen wechselt zur Tech-
nik hinüber“ (Baudrillard 2018, S.  46). Das heißt, der
Mensch gewinnt nur dadurch Unsterblichkeit, indem er in
die Technologie abtaucht, um im Anschluss mit dem Digi-
talen eins zu werden. (vgl. Baudrillard 2018, S. 41). Daraus
folgt für Baudrillard, dass die subjektive Ironie verloren-
geht. Und wenn die subjektive Ironie verschwindet, gerät
das Menschsein an sich in Gefahr. Subjektive, feine, unter-
90  U. Buttkewitz

schwellige Ironie ist nicht verletzend, sondern analysiert


und beobachtet liebevoll menschliches alltägliches Han-
deln. Die Ironie droht in der vereinfachten und sehr holz-
schnittartigen digitalen Sprache unterzugehen. Die schnelle
Kommunikation lässt keinen Spielraum mehr für sensible
Beobachtungen außerhalb von Emojis. Es ist wirklich er-
staunlich, wie bereitwillig die digitalen Menschen dieses
Spiel mitspielen. Sie vergeben sich dadurch die Chance des
intensiven Kennenlernens und Aufeinandereingehens, die
liebevolle Beobachtung der Schwächen und Besonderhei-
ten des anderen. Stattdessen ergeben wir uns freiwillig dem
Kreislauf der Algorithmen. Der Respekt vor den vielfältigen
Lebensbereichen ist zwar als äußerst positiv zu bewerten –
aber alle neuen Leitlinien, die den Vielfaltsgedanken unter-
streichen, entbehren jeglichen humoristischen und lässigen
Ansatz, der notwendig ist, um Menschen für bestimmte
Werte zu begeistern.
Mit der Erfindung der elektrischen Telegraphie wurde die
Welt auf einmal zum „Global Village“, das heißt, auf einmal
wurde es möglich, die Welt durch Elektrizität miteinander zu
verbinden: „Elektrische Medien haben die Tendenz, alle ge-
sellschaftlichen Einrichtungen in organische gegenseitige Ab-
hängigkeit zu bringen.“ (McLuhan 1995, S. 375) McLuhan
beschreibt, inwiefern die elektrische Medienkommunikation
eine Ausweitung unseres Zentralnervensystems bedeutet und
wie das persönliche und öffentliche Bewusstsein plötzlich
nicht mehr voneinander zu trennen sind: „Wir leben heute
im Zeitalter der Information und Kommunikation, weil
elektrische Medien sofort und ständig ein totales Feld von
gegenseitig sich beeinflussenden Ereignissen erzeugen, an
welchen alle Menschen teilnehmen.“ (McLuhan 1995,
S. 377–378) Die Elektrizität funktioniere als ein natürliches
„soziales Bindemittel“, das in den technischen Erfindungen
des Telegraphen, Telefons und Radios zum Tragen kommt.
6  Die hybride Form der Kommunikation in den …  91

McLuhan erkannte auch bereits den Widerspruch zwischen


der ­Homogenisierung der Welt durch die Elektrizität auf der
einen Seite und der damit zusammenhängenden Dezentrali-
sierung der Welt in viele kleine Nachrichten- und Informa-
tionseinheiten, die zwischen Personen hin- und hergeschickt
werden, auf der anderen Seite.
Der objektivierende Schreibstil der digitalen Medien ver-
drängt ironische und humoristische Anspielungen selbst in
der persönlichen Kommunikation, wodurch Missverständ-
nisse ausgelöst werden, da wir uns an den Stakkato-­
Schreibstil, der uns jeden Tag mehrfach begleitet, gewöhnt
haben. Es ist ein Schreibstil, der sich auf die reine Informa-
tion konzentriert und sich trotzdem nichtssagend anfühlt.
Der Übergang zwischen der digitalen schriftlichen Kom-
munikation zur mündlichen Face-to-Face-Kommunikation
wird dadurch immer abrupter und stärker spürbar. Für viele
Menschen scheint der Umgang mit dieser Differenz sehr
schwierig zu sein. Mündlich formulierte Meinungsunter-
schiede eskalieren oftmals sehr schnell und werden nicht als
kritischer Diskurs geführt, der auch zu positiven Ergebnis-
sen und Erkenntnissen auf beiden Seiten führen kann.
Sie können selbst einmal darüber reflektieren, wie Sie
eine schriftlich übermittelte Nachricht per WhatsApp oder
E-Mail mündlich in einem persönlichen Gespräch mit der
jeweiligen Person formulieren würden. Die Tatsache, dass
wir nicht wissen, in welcher Situation, in welchem Kontext
und in welcher Gefühlslage unsere Nachricht von der je-
weiligen Person empfangen wird, führt dazu, dass wir aus
Sicherheitsgründen häufig die Information so knapp und
unmissverständlich wie möglich halten, um die Reaktion
der Adressatin und des Adressaten zu testen beziehungs-
weise abzuwarten. Schon leicht komplexere Angelegenhei-
ten lassen sich jedoch in keine Kurznachricht ohne Bedeu-
tungsverlust übersetzen, wodurch im Ergebnis semantisch
92  U. Buttkewitz

und stilistisch sehr oberflächliche ­Sprachnachrichten ver-


sendet werden. Das Problem dabei ist, dass diese oberfläch-
liche Kommunikation, der nicht nur inhaltliche Tiefe, son-
dern auch sprachliche Vielfalt, zum Beispiel Ironie, fehlt,
zwar nicht zwangsläufig auch zu oberflächlichen, mündli-
chen Gesprächen führt, aber zumindest in schriftlichen
zwischenmenschlichen Beziehungen vieles unausgespro-
chen bleibt. Damit wird auch eine kathartische Reinigung,
die nach einem ehrlichen, freundschaftlichen, mündlichen
Dialog entstehen kann, verhindert. Die Kommunikation in
den sozialen Medien (die, wie wir gesehen haben, nicht im-
mer als solche bezeichnet werden kann), findet oftmals nur
noch wie unter einer flauschigen, digitalen Glocke statt und
ist nicht mehr so leicht mit der primären Mündlichkeit in
Einklang zu bringen. Mit einer kurzen Nachricht, die durch
das Vibrieren des Handys angezeigt wird, erzeugen wir bei
den Empfänger∗innen eine extreme Nähe, die aber sofort
wieder in das krasse Gegenteil der Distanz wechseln kann,
indem wir die Adressat∗innen durch ein verzögertes Ant-
worten oder sogar durch eine Verweigerung einer Antwort
auf Abstand halten. Im Gegensatz zu den früheren un-
gleichzeitigen Kommunikationsmitteln ist der Gegensatz
von Nähe und Distanz bei der digitalen Kommunikation
spürbarer und verletzender. „Das fortwährende Jetzt kann
nicht mehr festgehalten werden und hinterlässt uns als zer-
streute, vereinzelte Online-Subjekte.“ (Lovink 2019, S. 89)
7
Analog vs. digital und die
natürliche Doppelrolle des
Menschen

Wie Marshall McLuhan dargelegt hat, sind wir Menschen


mittlerweile durch die Elektrizität vollständig miteinander
verschaltet  – unabhängig davon, ob wir das wollen oder
nicht. Es ist wichtig, dass das Analoge für uns als Rückzugs-
ort auch weiterhin bestehen bleibt, gerade weil es uns vor
der ungeschützten Öffentlichkeit rettet. Und zumindest im
privaten Bereich ist das analoge Speichern von Daten und
Information oftmals sogar sicherer und für die Weitergabe
an die nächste Generation auch besser geeignet – zumindest
beim derzeitigen Entwicklungsstand der digitalen Technik.
Analog gespeicherte Daten können nicht so schnell ver-
schwinden und die Unsicherheit ist auch viel geringer, dass
mit diesen Daten etwas passieren beziehungsweise sie in un-
sichere Hände gelangen könnte. Ich plädiere demnach nicht
für die Beibehaltung oder die Rückkehr zum Analogen  –
aber für eine ausgeglichene Balance zwischen beiden Polen.
Die virtuelle Welt erscheint für uns alle als Illusion, weil wir

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94  U. Buttkewitz

1 . nicht alle technischen Prozesse dahinter verstehen,


2. weil sie von Menschen manipuliert wird und
3. weil sie sich für uns nur selektiv und in Ausschnitten
präsentiert.

Aber die virtuelle und digitale Welt ist nicht simulativer


als die reale Welt, sondern einfach nur anders – so wie es
Jean Baudrillard beschrieben hat. Wir müssen lernen, die
digitale Welt trotz ihrer technologischen Irrealität als zu uns
gehörig zu betrachten. Damit wird sie automatisch dem va-
gen und unterschwellig vorhandenen Manipulationsver-
dacht entzogen und als fester Bestandteil der hybriden
analog-­digitalen Welt betrachtet. In einer virtuellen Um-
gebung wird nicht mehr simuliert, vorgetäuscht und ver-
borgen als in einer analogen Umgebung, denn es sind in
beiden Fällen wir Menschen, die das Leben gestalten. Der
Mensch maskiert sich sowieso in jeder kommunikativen
Handlung mit anderen Menschen  – auch durch das Me-
dium Sprache und durch non-verbale Verhaltensweisen. Es
spielt deshalb im Prinzip keine Rolle, ob wir uns durch
mündliche Sprache, handschriftlich, durch elektronische
Kommunikation in Form einer sekundären Oralität oder
durch digitale Kommunikation maskieren; wir tragen im-
mer eine Rüstung, die uns als Schutzpanzer vor Bloßstel-
lung und Offenlegung von zu viel Intimität schützt.
Das entspricht Helmuth Plessners Anthropologie, die
besagt, dass sich der Mensch durch eine Maske „verallge-
meinert und objektiviert, hinter der er bis zu einem gewis-
sen Grade unsichtbar wird, ohne jedoch völlig als Person zu
verschwinden.“ (Plessner 2018, S. 82) Ihm bleibt also nur
der Weg, in eine Rolle zu schlüpfen. Für Plessner ist der
Mensch von Natur aus künstlich, das heißt, er befindet sich
grundsätzlich in einer Doppelrolle. Seine natürliche Künst-
lichkeit und damit die Duplizität seiner Rolle bestimmen
7  Analog vs. digital und die natürliche …  95

ihn dazu, künstliche Konstruktionen zu gebrauchen, um


ihm ein Überleben in der Zivilisation zu sichern. In seinem
Text „Grenzen der Gemeinschaft“ erkennt Plessner die Dis-
tanz als den wichtigsten Kodex im Verhalten des Menschen
in der bürgerlichen Gesellschaft. Der Mensch übernimmt
im privaten und öffentlichen Bereich jeweils andere Rollen,
die ihm ein Leben des Ausbalancierens ermöglichen. Als
Funktionsträger in der öffentlichen Gesellschaft trägt er
eine Maske, die ihm als Schutz vor Bloßstellung und Lä-
cherlichkeit dienen soll. Im Gegensatz zur Gemeinschaft,
in der es keine Beschränkungen der Aufrichtigkeit und der
geheimen Triebe und Wünsche gibt, verlangt die bürgerli-
che Gesellschaft nach einem gebremsten Verhalten, das die
zwischenmenschlichen Beziehungen überwacht. (vgl. Butt-
kewitz 2002, S. 77, S. 120 f.)
Mit der objektivierenden digitalen Kommunikation
haben wir Menschen eine Möglichkeit gefunden, unsere
persönliche Balance zwischen Aufrichtigkeit und dem
Verbergen und zwischen Wahrheit und Lüge aufrechtzu-
erhalten. Wir irrealisieren uns mit Hilfe von künstlichen
Mechanismen, um den anderen Menschen maskiert ge-
genüber zu treten: „Der natürliche Zauber des Erschei-
nungscharakters einer Psyche mit seiner seltsam wider-
sprechenden Wirkung, lockend und abweisend in einem,
ruft unsere Realitätstendenz, die wissen will, wie der
Mensch eigentlich ist, und unsere Illusionstendenz, die
Scheu vor dem Geheimnis uns fernhält, gleichmäßig
wach.“ (Plessner 2018, S.  85) Laut Plessners These von
der Notwendigkeit der Künstlichkeit des Menschen durch
Maskierung und Objektivierung würde sich erst in der
Differenz zwischen anaologer und digitaler Welt die Zwei-
teilung des Menschen in Privatperson und öffentliche Per-
son zeigen. Übertragen auf die digitale Kommunikation
bedeutet diese Aussage, dass die Doppelrolle des Men-
96  U. Buttkewitz

schen in der Differenz zwischen digitaler und mündlicher


Face-to-­Face-Kommunikation offenbar wird.
In der mediatisierten und computerisierten Gesellschaft
ist es zunehmend schwieriger geworden, zwischen Aufrich-
tigkeit und Lüge zu unterscheiden. Mit den verschiedenen
digitalen Kommunikationsmedien gelingt es uns, in unse-
rer Rollenvielfalt zu bleiben und weder dem Aufrichtig-
keitskult zu verfallen noch zu sehr dem Verdacht der Lüge
zu entsprechen.
8
Ein Ausblick

Es ging in dem Buch nicht darum, die elektronisch vermittelte


Kommunikation gegenüber der analogen Kommunikation
auszuspielen, sondern dafür zu plädieren, genau darüber zu re-
flektieren, welche Kommunikationsform wir in welcher Situa-
tion und bei welchen Gesprächspartner∗innen einsetzen. Be-
zogen auf den Titel des Buches möchte ich als Fazit acht Thesen
formulieren, inwiefern die zwischenmenschliche Kommunika-
tion durch die Nutzung der digitalen Medien beeinflusst wird
und in welche Richtung sie sich zukünftig entwickeln könnte:

ZEIT

1. Bei einer klugen und kompetenten Nutzung der elektro-


nischen Medien können diese unterstützend bei der Sta-
bilisierung und positiven Entwicklung von Beziehungen
führen. Die analoge Face-to-Face-Kommunikation sollte
jedoch immer das Hauptziel in zwischenmenschlichen

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98  U. Buttkewitz

Beziehungen sein, da wir nur bei dieser unsere Leiblich-


keit und wärmende Resonanzen spüren, die für ein soli-
darisches, friedliches und humanistisches Miteinander
und unser eigenes stabiles Selbstwertgefühl zwingend
sind. Die wichtigste Ressource, die es für unser ­eigenes
Wohlbefinden und unser Verhalten gegenüber anderen
Menschen zu schützen gilt, ist die Zeit. Schenken wir
einem Menschen Zeit, schenken wir ihm Aufmerksam-
keit, Anerkennung und Wertschätzung, die dieser dann
auch an andere Menschen weitergeben kann. Hartmut
Rosa attestiert unserer modernen Gesellschaft eine feh-
lende Resonanz. Wir sind nun einmal analoge Wesen,
die durch elektronische Medien nicht das „Verfügbare“
erreichen können. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind,
erleben wir die glücklichsten Momente oder Momente,
an die wir uns Zeit unseres Lebens zurückerinnern wer-
den, immer in Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Oftmals erleben wir spontane Ereignisse oder spontane
Unternehmungen mit unseren Freund∗innen und Fami-
lien als die schönsten Erlebnisse, weil sie sich eben nicht
berechnen lassen, sondern einfach zu uns kommen und
wir damit eine Resonanz erleben.

UNENDLICHKEIT VS. ENDLICHKEIT

2. Die scheinbare Unendlichkeit der digitalen Kommuni-


kation steht im Widerspruch zur natürlichen Endlich-
keit des menschlichen Lebens. Das Internet und die di-
gitalen Medien mit den endlosen Möglichkeiten der
Verlinkungen und Vernetzungen geben vor, dass wir un-
begrenzt Zeit zur Verfügung haben, um allen diesen Ver-
linkungen und Vernetzungen zu folgen. Sie sind für uns
jedoch „unverfügbar“. Damit wir an dieser Tatsache
nicht verzweifeln und erschöpft, ruhelos und unbefrie-
8  Ein Ausblick  99

digt zurückbleiben, ist es notwendig, dass wir das Nichts


wieder in unser Leben lassen. Boris Groys hat dazu eine
wunderbare Analyse unseres heutigen digitalen Zeital-
ters geliefert:

„Das Nichtstun ist in der Moderne die größte Anstrengung,


die man sich vorstellen kann. […] Das schlimmste Drama
unserer Zeit ist, dass die kontemplative Einstellung uns von
der Gesellschaft nicht garantiert werden kann. Es gibt keine
sozial abgesicherte, politisch und ökonomisch garantierte
Kontemplation. Das heißt, die Kontemplation muss erar-
beitet werden. Das ist der größte Widerspruch unserer Zeit.
Dieser Widerspruch ist fatal. Das ist das, was den Zusam-
menbruch der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst in
unsere Zeit gebracht hat“ (Hegemann 2017, S. 141–142)

Und diese Anstrengung wird durch die digitalen Medien


befördert. Auch wenn sie uns neue Verbindungen und
Netzwerke schaffen, in die wir uns integrieren können,
müssen diese Netzwerke und Verbindungen zusätzlich
zu unseren persönlichen Beziehungen gepflegt werden.
Das heißt, es kommt eine neue Ebene der Beziehungs-
pflege hinzu – nämlich die digitale Ebene. Das bedeutet,
dass persönliche Beziehungen nicht nur durch her-
kömmliche Medien wie das Telefon gepflegt werden,
sondern dass mit den digitalen Medien eine Kommuni-
kationswelt dazugekommen ist, für die zusätzliche Zeit
aufgebracht werden muss, die den direkten zwischen-
menschlichen Kontakten verlorengeht. Dieser Entwick-
lung müssen wir bewusst gegenüber treten und aufpas-
sen, dass die Balance sich nicht immer weiter zugunsten
der digitalen Kommunikation verschiebt. Wir müssen
wieder lernen, uns unsere Zeit zurück zu erkämpfen, in
der wir völlig ohne Plan und Terminkalender einfach nur
lässig und ziellos umher wandeln können und vor allem
100  U. Buttkewitz

uns nicht vorschreiben lassen, in welchem Rhythmus wir


zu leben und unsere Kontakte zu pflegen haben und uns
damit freiwillig ein Korsett überstülpen lassen. Wir müs-
sen wieder Mut zur Lücke zeigen, indem wir selbstbe-
wusst entscheiden, wie und welche Informationen wir in
welchem Netzwerk und von welcher Person lesen. Jede∗r
von uns merkt im Alltag, dass wir vor lauter Medienkon-
sum schon gar nicht mehr wissen, welche Information
an welcher Stelle wir gelesen haben. Als wirkliche Er-
kenntnis bleibt schließlich nur ein kleiner Bruchteil des-
sen zurück, was wir quantitativ gelesen b­ eziehungsweise
wahrgenommen haben. Die Reduktion auf ein paar für
uns wesentliche Apps, Zeitungen, Foren usw. würde uns
sehr helfen, in unsere eigenen Funktionsspeicher wieder
mehr Ordnung hineinzubekommen und damit auch
wieder mehr Kraft, Zeit und Energie für das Analysieren
und Nachdenken zu gewinnen, das so wichtig ist, um in
einer Demokratie politische und soziale Prozesse bewer-
ten, einschätzen und verändern zu können.

GEMEINSCHAFTLICHES DENKEN

3. Ich wage die Prognose, dass die Parallelität der digitalen


Kommunikationsmedien nicht mehr lange bestehen
bleiben wird, sondern nur ein kleiner Teil der jetzigen
übrig bleiben wird. In dem kürzlich erschienen Sammel-
band „Was Bits und Bäume verbindet. Digitalisierung
nachhaltig gestalten“ von Anja Höfner und Vivian Frick
(2019) werden Zukunftsthemen wie zum Beispiel die
Frage nach einer ökologisch sinnvollen und maßvollen
Nutzung der Digitalisierung verhandelt und auch die
komplizierte Frage gestellt, wie sich Gesellschaften öko-
nomisch verändern müssen, damit nachhaltiges digitales
Leben nicht nur zu einem leeren Leitspruch verkommt.
8  Ein Ausblick  101

Es ist glücklicherweise zu spüren, dass sich bei den Men-


schen diesbezüglich eine gewisse Müdigkeit einschleicht
und das Reflexionsvermögen darüber steigt, womit wir
unsere Zeit verbringen möchten und was uns wirklich
wichtig ist und dass wir nicht länger das tun, was uns
allein als Individuum gut tut, sondern das, was uns als
Gesellschaft gut tut. Wir müssen wieder lernen, gemein-
schaftliches Handeln nicht nur zu simulieren, sondern
es aktiv und real zu vollziehen.

VON DER KOMMUNIKATION ZUM


HANDELN

4. Die Schwierigkeit besteht gegenwärtig jedoch vor allem


darin, vom Kommunizieren zum Handeln zu kommen,
da wir fast nur noch kommunizieren. In den Büros wird
kommuniziert und genetzwerkt ohne Unterlass – nach
dem Meeting ist vor dem nächsten Meeting. Der Sozio-
loge Heinz Bude beschreibt sehr treffend die Situation
in den modernen Büros: „Die geraden Linien von oben
nach unten und von rechts nach links weichen dem
Chaos der Netzwerke, die aus einer Fülle von Kontak-
ten, Treffen und Gesprächen bestehen, deren Innenle-
ben aber niemand versteht. Die Architektur des Betriebs
schafft nur noch Gelegenheiten von Kommunikation
und Interaktion und sieht keine Kommandobrücken
mehr vor, von denen aus man das Geschehen steuern
könnte.“ (Bude 2019, Solidarität, S. 70) Bude beschreibt
hier das Phänomen, das sicher viele von Ihnen aus ihrem
beruflichen Alltag kennen: Die Arbeitswelt hat sich be-
schleunigt  – ein allgemeiner und oft wiederholter Ge-
meinplatz. Dieser Gedanke ist jedoch zu kurz gegriffen.
Durch die digitale Kommunikation ist es zwar möglich
geworden, über Distanzen und ohne Zeitverlust zu
102  U. Buttkewitz

kommunizieren; die unkomplizierte und schnelle Art


des Kommunizierens bewirkt aber auch wiederum, dass
oft mehr kommuniziert wird als eigentlich nötig ist und
darüber vergessen wird, durch eine sinnvolle, struktu-
rierte Arbeitsteilung Ziele und Ergebnisse ohne viele
Umwege zu erreichen. Die Kommunikation im digita-
len Zeitalter findet nie ein Ende, die Verlinkungen ge-
hen immer weiter und weiter – das Netzwerk dehnt sich
pulsierend immer weiter aus. Irgendeine Person oder
Institution gibt es bestimmt noch, die man noch nicht
einbezogen hat und die noch gefragt werden muss – und
sei es auch nur um des Netzwerks und Kommunizierens
willens. Ein Telefonat kann man beenden, eine Fernseh-
sendung geht zu Ende und ein Buch kann man zuklap-
pen – ein E-Mail-Wechsel, ein WhatsApp-Chat, Diskus-
sionen und Kommentare in sozialen Netzwerken kennen
kein natürliches Ende. Sie können endlos weitergeführt
und immer wieder neu über Bande gespielt werden.
Und dieses Phänomen können wir in den Büroetagen
wiederfinden. Das Chaos beziehungsweise die Unsyste-
matik des Netzwerks verhindert substanzielles Handeln,
gute Ideen und die Umsetzung dieser.

RÜCKKEHR ZUM SOZIALEN

5. Der Philosoph Thomas E. Schmidt stellt in seinem Buch


„Die Wiederkehr des Menschen“ die Naturzeit der line-
aren kapitalistischen Globalzeit gegenüber. Schmidt be-
schreibt, wie der Mensch allmählich mit dem Digitalen
verschmilzt und darüber reflektiert, dass die Kommuni-
kation immer eine medial vermittelte ist. „Das Digitale
ist folglich keine Anderswelt“, so beschreibt es Schmidt.
Das Internet mit all seinen verschiedenen Austausch-
plattform sei kein System, das entkoppelt von der Ge-
8  Ein Ausblick  103

sellschaft funktioniere, sondern uns als eine Form der


sozialen Gemeinschaft gegenübertrete, die lediglich nach
etwas anderen Regeln als die herkömmliche analoge Ge-
sellschaft funktioniere. (Schmidt 2019, S. 35 und 48).
Da sich die Menschen bei ihrer Kommunikation gegen-
seitig beobachten und darüber reflektieren, entsteht in
der digitalen Sphäre also eine eigene „Binnenethik“, so
Schmidt weiter. Im Mittelpunkt der digitalen Kommu-
nikation stehen seiner Meinung nach nicht mehr die
Informationen, sondern die M ­ itteilungen, emotionale
Inszenierungen, Meinungen und geäußerte Wahrheits-
ansprüche. Hoffnung äußert Schmidt dahingehend,
dass die sogenannten „sozialen Episoden“ im Netz neue
gesellschaftliche Alternativen und Lebenswelten hervor-
bringen könnten, die die Menschen der „Naturzeit“ im
Unterschied zur „linearen kapitalistischen Globalzeit“
wieder näherbringen. (Schmidt 2019, S. 142 ff.).

DAS INTERNET ALS POSITIVE SIMULATION

6. Im Prinzip könnte das Internet mit seinem positivisti-


schen Ansatz eine Art Simulationsmodell dafür sein, wie
zukünftig die Weltgemeinschaft funktionieren könnte
und dementsprechend Visionen hervorbringen. Voraus-
setzung dafür ist jedoch auch im digitalen Zeitalter die
Bereitschaft für ökonomische, ökologische und solidari-
sche Veränderungen. Auf der einen Seite haben wir im
Internet alles in Sekundenschnelle gleichzeitig verfügbar;
auf der anderen Seite ist jedoch auch alles wieder ganz
schnell verschwunden und kann einfacher und schneller
in Vergessenheit geraten. Der digitale Individualismus
und die positiven Erzählungen müssen in gemeinschaft-
liches Denken umgewandelt werden. Thomas E. Schmidt
104  U. Buttkewitz

hebt hervor, dass soziale Medien „[…] das Spontane,


Höchstpersönliche des mündlichen Austausches mit den
Vorteilen der Schrift, also mit Gedächtnis, Stabilität,
Performanz“ verbinden. (Schmidt 2019, S. 50).

ENTFREMDUNG VON
DER MÜNDLICHKEIT

7. Die Entfremdung und strenge Form der Schrift wird da-


durch ausgeglichen, dass bei der mündlich simulierten
Form in der digitalen Kommunikation nicht „einmal
mehr Grammatik und Rechtschreibung verpflichtend“
seien, so Thomas E. Schmidt, sondern quasi die Lautlich-
keit durch Abkürzungen und Emojis ersetzt werde und
dadurch eine besondere Form von Emotionalität ent-
stehe. Kritisch ließe sich hier jedoch anmerken, dass es
sich hierbei oft um eine vorgetäuschte Emotionalität
handelt, da die vielen Emojis mittlerweile so standardi-
siert sind, dass sie allmählich auch wieder ähnlich wie die
herkömmliche Schrift einem Regelwerk entsprechen und
die Art und Weise der emotionalen Metakommunikation
damit innerhalb eines sehr eingeschränkten Rahmens er-
folgt. Vielfach scheint es auch so, dass eher infantile Re-
aktionen provoziert und hervorgerufen werden, denen
zwar eine gewisse Spontaneität, Überraschung und freu-
dige Erregung innewohnt, aber weniger ernst gemeintes
und tiefes Mitfühlen. Dafür bleibt nämlich keine Zeit.

UNBERECHENBARKEIT IST WICHTIG

8. Unser stark digital geprägtes Leben ist immer noch die


gleiche Realität wie vor der Digitalisierung. Jedoch sind
wir alle aufgefordert, darauf zu achten, dass wir uns
8  Ein Ausblick  105

nicht zu sehr vom digitalen Strom mitreißen bezie-


hungsweise in die S­ trömung ziehen lassen, aus der wir
die Draufsicht und Vogelperspektive auf unsere Realität
verlieren. Wir müssen eine gewisse Lässigkeit zurückge-
winnen, die sich wieder mehr an der analogen und nicht
durch Algorithmen strukturierten Zeit orientiert, in der
Fehler nicht sofort bestraft werden, die ohne Passwort
funktioniert, ohne ein Maximum von Zeichen, ohne
Akku und mit vielen Grauzonen zwischen der Ja/
Nein-Binarität.
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