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30.11.2010

Axolotl
Der Wunder-Wundenheiler
Von Magdalena Hamm

Foto: dpa
Video: SPIEGEL ONLINE
Der Axolotl ist einzigartig im Tierreich. Amputierte Gliedmaßen wachsen bei ihm nach,
sogar Teile von Herz, Hirn und Wirbelsäule erneuern sich nach Verletzungen von
allein. Jetzt wollen Wissenschaftler dem Schwanzlurch das Geheimnis der Selbstheilung
entlocken.
Eigentlich machen die Axolotl einen vergnügten Eindruck. Knapp hundert der Schwanzlurche
dümpeln in den Aquarien der Medizinischen Hochschule Hannover, jeweils zu zweit oder in
kleinen Gruppen. Mit den Kiemenbüscheln, die ihnen wie Haare vom Kopf abstehen, und
ihrem scheinbar lächelnden Maul wirken die Axolotl sympathisch. Und sie sind neugierig.
Nähert man sich ihren Bassins, kommen sie an die Scheibe geschwommen und drücken ihre
winzigen Vorderfüße dagegen.
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Einige aber sehen anders aus, ihnen fehlt ein Arm oder ein Bein. Manchen ist schon ein
Stumpf nachgewachsen.
Forscher haben den Lurchen Teile der Gliedmaßen amputiert oder Hautlappen entfernt, um
ihre Regenerationsfähigkeit zu untersuchen. Für die Tiere geht das schmerzfrei unter Narkose,
der Schnitt blutet kaum. "Die Gerinnung setzt blitzschnell ein", sagt Mediziner Björn Menger.
"Man kann der Heilung fast zuschauen." Bis das Körperteil vollständig regeneriert ist, dauert
es meist nur wenige Monate und "bei ganz jungen Tieren sogar nur einige Wochen", hat
Molekularbiologin Kerstin Reimers-Fadhlaoui festgestellt.
Es ist diese ungeheure Fähigkeit zur Regeneration, die den Axolotl - in Deutschland durch
den Buchtitel "Axolotl Roadkill" einem Massenpublikum bekannt geworden - für die
Wissenschaftler so wertvoll macht. Abgetrennte Gliedmaßen, Teile von Herz, Gehirn und
Wirbelsäule samt Rückenmark kann der Axolotl komplett funktionstüchtig erneuern, was ihn
zum Unikum unter den höheren Wirbeltieren macht.
FOTOSTRECKE


10 Bilder
Wundersame Wesen: Die fabelhafte Welt der Axolotl

Molekularbiologen, Chirurgen und Amphibienexperten aus Hannover haben im September


eigens ein Zentrum zur Erforschung des Axolotls gegründet. Sie wollen dem Tier das
Geheimnis der Wundheilung entlocken, um eines Tages Brandopfern oder Menschen mit
Amputationen helfen zu können.
Der Axolotl ist in freier Wildbahn so gut wie ausgestorben. Der Xochimilco-See unweit der
Hauptstadt Mexico City gilt als alleiniger natürlicher Lebensraum von Ambystoma
mexicanum. Wasserverschmutzung, Touristen aus der Stadt und ausgesetzte Barsche, die das
Futter wegschnappen, haben dem Tier arg zugesetzt. Außerdem gelten die Lurche bei den
Mexikanern als Delikatesse.
Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sind von den seltsamen Wesen fasziniert.
Manche von ihnen glauben sogar, dass die Tiere den Schlüssel für ein langes Leben, ewige
Jugend und lebenslange Gesundheit in sich tragen. Für einen Lurch erreicht der Axolotl ein
ungewöhnlich hohes Alter, 25 Jahre wurden schon dokumentiert. Dabei wird er nie richtig
erwachsen: Statt sich zu einem fertigen Salamander zu entwickeln, verharrt er sein Leben lang
im Larvenstadium.
Suche nach dem Heilungsenzym
In der Klinik für Plastische Hand- und Wiederherstellungschirurgie müssen die Axolotl
wiederholt Gliedmaßen lassen, um den Forschern Einblicke in ihre erstaunliche Selbstheilung
zu ermöglichen. An der Schnittstelle bildet sich zunächst eine Schicht aus umliegenden
Hautzellen. Darunter reift eine Art Gewebeknospe heran, aus der sich alle wichtigen
Gewebetypen neu bilden: Blutgefäße, Muskeln, Sehnen, Knochen und sogar Nerven.
Wie das genau funktioniert, ist noch nicht abschließend erforscht. Lange nahmen
Wissenschaftler an, dass sich die Zellen an der Schnittschnelle auf ein molekulares Signal hin
in pluripotente Stammzellen zurückverwandeln, die sich anschließend teilen und in alle
nötigen Zelltypen weiterentwickeln können. Doch diese Theorie wurde 2009 widerlegt, als
eine Forschergruppe vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in
Dresden eine Arbeit im Fachmagazin "Nature" veröffentlichte.
Mit Hilfe von fluoreszierenden Proteinen konnten die Wissenschaftler das Schicksal der
einzelnen Gewebetypen nachverfolgen. Aus einer ehemaligen Muskelzelle entwickelt sich
demnach keine Stammzelle, sondern lediglich eine Muskel-Vorläuferzelle, aus der wieder
neue Muskelzellen hervorgehen. Analog dazu bildet sich Knorpel neu aus Knorpelzellen.
Allein Hautzellen sind flexibler: Aus ihnen können nicht nur Haut, sondern auch Knorpel und
Sehnen entstehen.
Damit sei gezeigt, dass sich die Zellen des "Regenerationswunders Axolotl" gar nicht so
anders verhalten als die von Säugetieren, sagte die Studienautorin Elly Tanaka damals. Auch
der Mensch verfügt während seiner Embryonalentwicklung über das Potential zur
Regeneration. Noch bei Kleinkindern kann sich zum Beispiel die Fingerkuppe wieder
erneuern. Mit der Zeit verschwindet diese Fähigkeit aber.
"Wir haben eine gemeinsame Evolutionsgeschichte mit den Amphibien", erklärt Kerstin
Reimers-Fadhlaoui. "Grundsätzlich ist die Regeneration also in unserem genetischen Bauplan
angelegt." Mit Hilfe der Axolotl könne man nun vielleicht herausfinden, wie man diesen
Prozess wieder einschalten kann.
Auf den Dienst für die Wissenschaft folgt die sorgenfreie Rente
Aus dem Erbgut der Wundheilungszellen haben Reimers-Fadhlaoui und ihre Kollegen das
sogenannte Transkriptom analysiert. Sie haben sich auf die Gene konzentriert, die bei der
Regeneration aktiv sind. Eine der Erbinformationen enthält den Bauplan für ein Enzym, das
den Startschuss für die Zellerneuerung setzen könnte: Die sogenannte Ambloxe unterstützt
vermutlich die Entstehung eines Botenstoffs, der die Zellen dazu animiert, sich in
Vorläuferzellen zu verwandeln.
In ersten Experimenten habe sich gezeigt, dass auch menschliche Zellen auf diesen Botenstoff
reagieren, erklären die Forscher. Eine Schicht aus menschlichen Hautzellen, denen sie zuvor
die Gensequenz eingepflanzt hatten, heilte nach einer Verletzung wesentlich schneller als
unbehandelte Kontrollzellen. Nun sind die Hannoveraner Wissenschaftler dabei, die Ambloxe
künstlich zu erzeugen. "Unser Fernziel ist es, daraus einen Wirkstoff herzustellen, der die
Wundheilung unterstützt", sagt Mediziner Menger. "Man könnte ihn zum Beispiel als Creme
auf Brandwunden auftragen." Bis dahin sei es aber noch ein langer Weg.
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Das neu gegründete Axolotl-Zentrum in Hannover widmet sich neben der biomedizinischen
Forschung auch dem Artenschutz. Amphibienexpertin Christina Allmeling kümmert sich um
die Haltung der Tiere und beteiligt sich an einem internationalen Zuchtprogramm, um die
bedrohte Art Ambystoma mexicanum zu erhalten. Zu ihren Grundsätzen gehört es auch, dass
keines der Tiere für die Versuche sterben muss. Nach getanem Dienst hat jeder Axolotl
Anspruch auf eine sorgenfreie Rente.
So wie "Tigermädchen", mit 16 Jahren der älteste bekannte Axolotl der deutschen Forschung.
Ihre Regenerationsfähigkeit hat mit dem Alter rapide abgenommen, nach einem Biss von
einem Artgenossen braucht ein abgetrenntes Vorderbein nun schon fast ein Jahr zum
Nachwachsen. Auch wenn sie sich immer noch im Jugendstadium befindet, sind ihr die
Zeichen der Zeit deutlich anzusehen: Die Augen sind trübe, die Haut ist faltig. Von ewiger
Jugend kann keine Rede sein.
Irgendwann geht auch ein Axolotl den Weg alles Irdischen - dann allerdings meist im
kompletten Zustand.
29.11.2010

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29.11.2010
Gestoppte Alterung
Eiweißkur verjüngt Mäuse

DPA
Auch die Nervenzellen im Geruchszentrum der Mäuse erneuerten sich
Der Traum von ewiger Jugend erhält neuen Auftrieb: Mit einem Enzym konnten
Forscher Altersbeschwerden bei Mäusen heilen. Nach Zugabe des Eiweißstoffes
erneuerte sich das Gewebe in Milz, Darm und Gehirn - auch der Geruchssinn kam
zurück.
Gäbe es ein Rezept für ewige Jugend, stünde die Telomerase sicher weit oben auf der
Zutatenliste. Dem Enzym wird seit Jahren eine Schlüsselrolle beim Alterungsprozess
zugeschrieben. 2009 wurden seine drei Entdecker, Carol Greider, Elizabeth H. Blackburn und
Jack W. Szostak, sogar mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.
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Bei jeder Zellteilung werden die Schutzkappen, die auf unseren Erbanlagen sitzen - die
Telomere -, abgenutzt. Langfristig führt das dazu, dass Zellen sich nicht mehr teilen und sich
das Gewebe zurückbildet. Solange wir jung sind, sorgt die Telomerase dafür, dass sich die
Schutzkappen regenerieren. Mit zunehmendem Alter lässt diese Fähigkeit aber nach, weil die
Telomerase-Vorräte aufgebraucht sind.
Wenn es der Wissenschaft gelänge, diese Depots künstlich wieder aufzufüllen, käme das
einem Bad im Jungbrunnen gleich, glauben Wissenschaftler.
Bei Mäusen scheint dies nun teilweise funktioniert zu haben. Wie Forscher der Harvard
Medical School in Boston jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" schreiben, erneuerte sich
bei ihren Versuchtieren das Zellgewebe mehrerer Organe, nachdem sie die Telomerase
reaktivierten.
Uhr zurück gedreht
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Für ihr Experiment nutzten die Wissenschaftler Mäuse, die das Enzym Telomerase nicht
selbst herstellen können. Bei diesen Tieren heilen Wunden schlechter, es bilden sich keine
Stammzellen mehr im Knochenmark, sie leiden unter Organversagen und Gewebeschwund.
Nach der künstlichen Aktivierung der Enzymproduktion, wurden diese typischen
Alterbeschwerden nicht nur gestoppt, sondern sogar umgekehrt.
Zellen die sich zuvor im Ruhezustand befanden, teilten sich plötzlich wieder. Dadurch
erneuerte sich das Gewebe in Milz, Darm und Hoden der Tiere. Besonders erstaunlich sei es,
so die Forscher, dass die Behandlung auch der Degeneration von Nervenzellen
entgegengewirkte. Die Neubildung von Hirngewebe führte bei den Mäusen sogar zu einem
verbesserten Geruchssinn.
Die Studie sei ein Hinweis darauf darauf, dass bei alternden Organen die Uhr zurück gedreht
werden könnte, meint Studienleiter Ronald DePinho. Aber er mahnt auch zur Vorsicht: Zwar
hätten die Mäuse in dieser Untersuchung keine Tumore gebildet, grundsätzlich bestünde bei
einer Telomeraseaktivierung aber das Risiko, Krebs herbei zuführen. Denn so wie die
Telomerase gesunden Zellen die Teilung ermöglicht, können auch Krebszellen von ihr
profitieren.

25.11.2010

Medizin
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25.11.2010

Medizin-Statistik
Sonnenschein füllt die Notaufnahme
DDP
Vorbereitung einer Operation: Bei gutem Wetter landen mehr verletzte Kinder in Kliniken
Ärzte könnten einer neuen Studie zufolge ihren Arbeitsaufwand nach
dem Wetterbericht planen: Unfälle häufen sich bei Sonnenschein, zumindest in
Großbritannien. Auch andere Witterungen müssen demnach als verletzungsträchtig
gelten.
Platzregen, Gewitter, Schneefall oder Sonnenschein: Wenn sich das Wetter ändert, wirkt sich
das auch auf die Zahl der Menschen auf, die mit einer schweren Verletzung im Krankenhaus
landen. Klingt ausgesprochen logisch. Britische Forscher wollten diesen Zusammenhang
allerdings mit Zahlen untermauern: Also führten sie eine Studie durch, und zwar eine große.
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Das Team unter der Leitung von Wissenschaftlern der University of Warwick, Coventry,
sammelte Daten von 21 Kliniken, die sie in Bezug zu Wetterberichten setzten. Über einen
Zeitraum von elf Jahren kamen so Fälle von knapp 60.000 schwerverletzten Patienten
zusammen. Als schwerverletzt galten jene, die intensivmedizinisch betreut werden mussten,
mehr als drei Tage im Krankenhaus verbrachten, in eine andere Klinik überwiesen wurden
oder an den Folgen des Unfalls starben. Die Forscher unterschieden Kinder bis 15 Jahre und
Erwachsene (ab 16 Jahre). Verkehrsunfälle und Stürze waren die Ursache des größten Teils
der Verletzungen.
Im "Emergency Medicine Journal" haben sie ihren reichen Statistik-Fundus veröffentlicht.
Das Ergebnis: Bei einem Anstieg der maximalen Tagestemperatur um fünf Grad wurden zehn
Prozent mehr schwerverletzte Kinder in die teilnehmenden britischen Krankenhäuser
eingeliefert. Schien die Sonne zwei Stunden länger, stieg die Rate um sechs Prozent. Bei den
Erwachsenen fielen die Unterschiede kleiner aus: Bei fünf Grad höheren Temperaturen
landeten zwei Prozent mehr im Krankenhaus, dies war auch bei verlängerter
Sonnenscheindauer zu beobachten.
Die Forscher geben an, dass zwischen April und September deutlich mehr schwerverletzte
Kinder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Bei eisigen Temperaturen landen dagegen
Erwachsene häufiger in der Notaufnahme: drei Prozent mehr, wenn die Minimaltemperatur
um fünf Grad sinkt, acht Prozent mehr bei Schneefall. Auch andere Faktoren spielten eine
Rolle: An Samstagen ereigneten sich generell die meisten Notfälle, an Dienstagen die
wenigsten. An Feiertagen und während der Schulferien verletzten sich rund sechs Prozent
mehr Kinder als sonst.
Norbert Südkamp, Geschäftsführender Direktor der Orthopädie und Traumatologie am
Uniklinikum Freiburg, überrascht dieses Ergebnis nicht: "Bei gutem Wetter sind mehr
Menschen draußen aktiv und haben eben ein höheres Verletzungsrisiko, als wenn sie zu
Hause fernsehen oder ein Buch lesen würden."
Die Forscher um Nick Parsons hoffen, dass ihr Studienergebnis in der Praxis nützlich sein
wird: Sie meinen, dass sich die Personalplanung in Notaufnahmen durch einen Blick auf die
Wettervorhersage optimieren lässt. Verlassen sollten sich auf diese Daten allerdings nur
britische Kliniken - denn durch landestypische Verhaltensweisen können sich solche
Zusammenhänge schnell auflösen. Das zeigt der Vergleich mit einer älteren Studie aus dem
Mittleren Westen der USA: Dort stieg bei Schneefall die Verletzungsrate nicht an, sie sank -
weil die Amerikaner im Gegensatz zu den Briten offensichtlich jedes unnötige Verlassen des
Hauses vermieden.

Ernährung
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01.12.2010

Mäusestudie
Diätstress erhöht Appetit auf Dickmacher
DPA
Übergewicht: Stress erhöht den Appetit
Teufelskreis zum Dickwerden: Der Stress, Diät zu halten, kann das Verlangen nach
fettreicher Nahrung erheblich steigern, jedenfalls bei Mäusen. Wissenschaftler wollen
die Ergebnisse auf den Menschen übertragen - und in Zukunft den Hang zum
Trostessen beim Abnehmen einkalkulieren.
Washington - Diät zu halten, kann anstrengend sein. Und der Stress kann das Abnehmen
zusätzlich erschweren: Wissenschaftler haben entdeckt, warum es bei Stress so schwer ist,
ungesunden Leckereien zu widerstehen: Durch die geringere Kalorienzufuhr werden
Gehirnfunktionen umprogrammiert und Gene verändert. Dadurch neigen die Betroffenen
dazu, in stressreichen Zeiten vermehrt zu fettigem Essen zu greifen - und leisten damit dem
gefürchteten Jo-Jo-Effekt Vorschub, der dazu führt, dass man nach einer Diät mehr zunimmt,
als man zuvor abgenommen hatte.
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Zwar haben die Wissenschaftler den Effekt bisher nur bei Mäusen zeigen können. Die
Forscher meinen jedoch, dass es auch beim Menschen diesen Zusammenhang gibt. Es könnte
sich daher lohnen, zur Unterstützung von Abnehmwilligen die Stressreaktion zu
berücksichtigen und diese eventuell sogar medikamentös zu beeinflussen, schreiben Tracy
Bale von der University of Pennsylvania und ihre Kollegen im Fachmagazin "Journal of
Neuroscience".
Drei Wochen lang mussten die Test-Mäuse der Forscher Diät halten. Nach dieser Zeit hatten
die Tiere etwa 10 bis 15 Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts verloren - ein Wert,
den auch Menschen typischerweise bei einer erfolgreichen Diät erreichen. Gut getan hatte das
Abnehmen den Mäusen allerdings nicht: Die Stresshormonspiegel in ihrem Blut waren
deutlich erhöht, und sie zeigten ein Verhalten, das auf eine depressive Stimmung hindeutete.
Den Jo-Jo-Effekt gebändigt
Zurückzuführen waren die Veränderungen offenbar auf Veränderungen von verschiedenen
Genen, die an der Regulation von Stress und der Steuerung der Nahrungsaufnahme beteiligt
sind, konnten die Wissenschaftler zeigen. Es handelte sich dabei um sogenannte epigenetische
Veränderungen, bei denen chemische Schalter an die Erbsubstanz angelagert werden, die die
Gene ein- oder ausschalten. Das beeinflusst lediglich die Aktivität eines Gens und nicht
seinen Bauplan. Dennoch sind solche Veränderungen dauerhaft und können sogar an die
Nachkommen weitergegeben werden.
Auch im Mäuse-Versuch zeigte sich, dass sich der Effekt nicht nur während der eigentlichen
Diätphase auswirkte, sondern auch später noch, als die Mäuse ihr ursprüngliches Gewicht
wiedererlangt hatten: Gerieten sie unter Stress, genehmigten sich die zuvor auf Diät gesetzten
Mäuse deutlich mehr fettreiches Futter als ihre Artgenossen, die keine Diät gemacht hatten.
"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Diät zu halten nicht nur den Stresslevel erhöht, was
erfolgreiches Abnehmen an sich schwieriger macht. Vielmehr scheint eine Diät auch
tatsächlich neu zu programmieren, wie das Gehirn auf zukünftigen Stress reagiert", sagt Bale.
In Zukunft könnten demnach speziell auf diesen Mechanismus zielende Wirkstoffe
Diätwilligen beim Durchhalten helfen und möglicherweise auch den später einsetzenden Jo-
Jo-Effekt verhindern. Erst vor wenigen Tagen hatten Wissenschaftler eine Studie präsentiert,
die zeigen sollte, welche Ernährung den Jo-Jo-Effekt bändigen kann.

Biodiversität
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02.12.2010

Vorteil für Erreger


Artenschwund gefährdet menschliche Gesundheit
Von Magdalena Hamm
J. Brunner
Weißfußmaus: Wirt für verschiedene Erreger
Es ist eine paradox erscheinende Beobachtung: Der Verlust der Artenvielfalt verringert
nicht die Zahl gefährlicher Krankheitserreger, sondern steigert sie. Wissenschaftler
warnen vor einer wachsenden Bedrohung für die menschliche Gesundheit.
Was nützt die Artenvielfalt dem Menschen? Eine ganze Menge. Unter dem Begriff
"Ecosystem Services" fassen Wissenschaftler jene Dienste zusammen, die ein intaktes
Ökosystem quasi kostenlos für den Menschen erledigt: Zum Beispiel Kohlenstoffdioxid
binden, Wasser filtern, Schutz vor Dürren und Erosion, Nährstoffproduktion oder auch das
Bestäuben von Kulturpflanzen durch Insekten.
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Müsste der Mensch für all diese Dienstleistungen selbst aufkommen, würden die Kosten ins
Unermessliche steigen - Artenschutz rechnet sich allein schon aus finanziellen Gründen.
Der Erhalt der Artenvielfalt könnte sich aber auch medizinisch Motiven lohnen: In einer
großen Übersichtsstudie, die soeben im Fachmagazin "Nature" erschienen ist, kommen die
Autoren um Felicia Keesing vom Bard College in Annandale (Bundesstaat New York) zu
dem Schluss, dass auch der Schutz vor Infektionskrankheiten ein wertvoller Service der
Ökosysteme ist.
Seit etwa fünfzig Jahren sinkt die Artenvielfalt im Tier- und Pflanzenreich rapide - unter
anderem, weil ihre Lebensräume landwirtschaftlichen Nutzflächen weichen müssen. Wie die
Studienautoren schreiben, sei es theoretisch denkbar, dass dadurch auch die Zahl der
Krankheitserreger zurück geht, weil weniger Wirte zur Verfügung stehen. Doch das Gegenteil
scheint der Fall zu sein: Wie zahlreiche Studien zeigten, begünstigt der Artenschwund die
Ausbreitung von Infektionskrankheiten.
Ein Beispiel ist das West-Nil-Virus. Es wird von Stechmücken übertragen und befällt
hauptsächlich Vögel, kann aber auch auf Säugetiere wie den Menschen überspringen. Dann
löst der Erreger ein Fieber aus, das im schlimmsten Fall zu einer Hirnhautentzündung führt.
Wie die Forscher in ihrer aktuellen Übersichtsarbeit schreiben, haben seit 2006 drei
unabhängige Studien einen bemerkenswerten Zusammenhang belegen können: Je geringer die
Vogelvielfalt ist, desto höher ist das Risiko für Menschen, an dem West-Nil-Fieber zu
erkranken.
Diesen Zusammenhang erklären sich die Wissenschaftler so: In den untersuchten Gebieten in
den USA, in denen die Zahl der verschiedenen Vogelarten gesunken ist, scheinen sich
diejenigen Spezies durchzusetzen, die dem Virus als besonders guter Wirt dienen. Somit
erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Moskitos den Erreger beim Stechen aufnehmen und
auf den Menschen übertragen.
Mehr Wirte, mehr Parasiten
Ein anderes Beispiel ist das Hantavirus, das beim Menschen Lungen und Nieren befällt. Der
Erreger nistet sich mit Vorliebe in Weißfußmäusen ein. Die Nager erkranken selbst nicht -
bleiben aber ihr Leben lang ansteckend und scheiden Viruspartikel über Speichel und
Exkremente aus. Menschen können sich mit dem Hantavirus anstecken, wenn sie von einem
infizierten Tier gebissen werden oder die Ausdünstungen der Nagerexkremente einatmen.
Dementsprechend steigt das Infektionsrisiko, je höher die Dichte der Wirtstiere ist.
In einer Feldstudie in Oregon in den USA, untersuchten Biologen, welche Faktoren die
Verbreitung des Erregers unter Weißfußmäusen beeinflusst. Das verblüffende Ergebnis:
Allein die Biodiversität machte den Unterschied. Je weniger verschiedene Säugetierarten in
einem Gebiet vorkamen, desto mehr Weißfußmäuse waren Träger des Virus. Die Zahlen sind
beeindruckend. Bei abnehmender Artenvielfalt, stieg die Verbreitung des Erregers
durchschnittlich von 2 auf 14 Prozent.
Es gibt verschiedene Mechanismen, wie der Artenschwund die Ausbreitung von
Krankheitserregern befeuern kann. Gehen zum Beispiel Tierarten verloren, die gewöhnlich
Wirtsspezies jagen, oder mit ihnen konkurrieren, steigt die Zahl der Wirte. Und je mehr
Wirte, desto mehr Parasiten
Aber auch bei gleichbleibender Wirtsdichte kann eine geringere Biodiversität
Krankheitserreger begünstigen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Untersuchung am Parasiten
Schistosoma mansoni, die US-Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society
B" veröffentlichten. Der Egel kommt in warmen Binnengewässern vor, befällt abwechselnd
Schnecken und Menschen und löst Bilharziose aus - eine starke Fiebererkrankung, die
unbehandelt zum Tod führen kann.
Pieter Johnson von der University of Colorado und seine Kollegen füllten drei Wassertanks
mit gleich vielen Exemplaren der Schnecken, die dem Parasiten hauptsächlich als Wirt
dienen, indem er seine Larven in die Schnecken legt. In zwei der Behälter setzten sie jeweils
eine oder zwei weitere Schneckenarten, in denen sich der Erreger nicht vermehren kann. In
dem Tank mit nur einer Schneckenart war die Infektionsrate 30 Mal höher als in den Tanks
mit der gemischten Schneckenhaltung. Vermutlich geriet im letzteren Fall geriet der Egel
öfter in eine Sackgasse, vermuten die Forscher. Denn womöglich befiel der Egel die anderen
Schneckenarten, konnte sie aber als Wirt nicht weiter nutzen.
Nach diesem Muster ist vermutlich auch die Verbreitung des Hantavirus in Weißfußmäusen
zu erklären. In einem Lebensraum mit hoher Artenvielfalt ist auch die Wahrscheinlichkeit
höher, dass die Mäuse statt auf Artgenossen auf andere Spezies treffen. Damit nimmt die
Ansteckungsrate innerhalb der einzelnen Art ab.
Artenschutz beugt Krankheiten vor
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Die Wissenschaftler warnen, dass die Barriere, die Erreger zwischen Tier und Mensch
überwinden müssen, immer kleiner werden könnte. Im US-amerikanischen Bundesstaat
Connecticut zum Beispiel könnte die Zahl der Borreliose-Erkrankungen bei Menschen bald
ansteigen. Der Artenschwund dort hat dazu geführt, dass mehr Zecken den Erreger in sich
tragen.
Viele Säugetiere leiden unter der Abholzung und der Zerklüftung des Waldes im Nordosten
des Landes, das Opossum ist beispielsweise stark bedroht. Davon profitiert die Weißfußmaus,
viele Waldgebiete sind mittlerweile von ihr dominiert. Das Nagetier überträgt aber nicht nur
das Hantavirus, sondern ist auch der bevorzugte Wirt für Borreliose-Bakterien. Mehr Mäuse,
mehr Bakterien, mehr Zecken, die sich beim Blutsaugen infizieren und beim nächsten Biss
einen Menschen anstecken könnten.
Am Ende ihres Berichts fordern die Forscher daher, bestehende Ökosysteme auch aus
Gründen des Infektionsschutzes zu bewahren. Denn Infektionskrankheiten hängen immer von
dem Kontakt zwischen Arten ab, je diverser ein Ökosystem ist, desto schwerer hat es ein
Erreger, sich auszubreiten.

Pharmaindustrie
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25.11.2010

Vorwürfe gegen Pharmakonzern


Späte Revanche für einen fatalen Test
Von Udo Ludwig
Fotostrecke: 3 Bilder
Hermann Rupp
Es ist ein ungleicher Kampf: Ein behinderter Mann legt sich mit dem Pharmagiganten
Bayer Schering an. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest
eingenommen, das wohl massive Nebenwirkungen hatte. Jetzt bekannt gewordene
Briefe bringen den Konzern vor Gericht in Erklärungsnot.
Also doch. Sie wussten offenbar, was sie taten. Jetzt hielt André Sommer den Beweis in den
Händen, nach dem er so lange lang gesucht hatte. Der ihm erklärte, warum er 1975 schwer
behindert an Blase und Geschlechtsorganen zur Welt gekommen war.
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Eine Initiative von potentiellen Medikamentenopfern aus Großbritannien hatte ihm die
entscheidenden Dokumente vor zwei Wochen zugeschickt. Es waren Kopien alter Briefe, in
denen sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere
Missbildungen bei Kindern und möglichen Risiken von Medikamenten austauschten. Die
Mütter hatten einen Schwangerschaftstest des Berliner Konzerns verwendet. Urintests, um
eine Schwangerschaft festzustellen, gab es damals noch nicht.
Die Dokumente stammen aus den drei Jahren von 1967 bis 1969. Damals schon diskutierten
die Experten also über mögliche verheerende Nebenwirkungen von Duogynon. Das Mittel,
das Sommers Mutter 1975, sechs Jahre später, ahnungslos einnahm. "Warum tauschten die
Herren sich intern aus und schwiegen in der Öffentlichkeit?", will Sommer nun wissen. Und:
"Waren die Mütter und wir Kinder Versuchskaninchen des Unternehmens?"
In der kommenden Woche wird der Lehrer aus Pfronten im Allgäu gegen die Bayer Schering
Pharma AG antreten. In Berlin, vor der 7. Zivilkammer des Landgerichts.
Sommers Feldzug ist eine Premiere
Sommers Feldzug gegen den mächtigen Konzern ist eine Premiere. Es ist der erste Prozess,
den ein mutmaßliches Duogynon-Opfer angestrengt hat, seitdem die Bundesregierung vor
acht Jahren das Arzneimittelgesetz änderte. Damals sollte die rechtliche Stellung der Opfer
gestärkt werden. Beim Berliner Landgericht wird sich jetzt erweisen, ob die Reform den
Praxistest besteht.
Mit ihrer Gesetzesänderung reagierte die Bundesregierung damals auch auf die quälend
langen Contergan-Verfahren. Jahrelang hatten behinderte Kinder, deren Mütter das
Schlafmittel eingenommen hatten, gegen den Hersteller geklagt. Vergeblich. Dabei gab es
keine ernsthaften Zweifel an den katastrophalen Nebenwirkungen des Medikaments. Eine
Entschädigung erhielten die Opfer aber erst, als das Unternehmen freiwillig Schadensersatz
anbot.
Auch die mutmaßlichen Duogynon-Opfer hatten bislang keine Chance. Die betroffenen
Mütter wandten sich bereits Ende der siebziger Jahre an die Öffentlichkeit. Sie zeigten die
Firma an, doch dann stellten die Staatsanwälte die Ermittlungen ein. Und danach platzten die
Zivilverfahren. Ähnlich wie im Contergan-Fall.
Nachdem der SPIEGEL (23/2010) erstmals über den Fall Sommer berichtet hatte, meldeten
sich mehrere Dutzend Betroffene zu Wort. Menschen mit verkrüppelten Gliedmaßen, mit
Missbildungen am Herzen, an Bauch und Rücken. Menschen, die jahrelang geschwiegen
hatten. Weit über 100 Betroffene haben sich auf eine Geschädigtenliste eingetragen, die
Sommer auf seine Website gestellt hat.
Abgeordnete der Grünen-Bundestagsfraktion verlangten daraufhin Aufklärung von der
Regierung. Das Bundesgesundheitsministerium will sich zwar aus der rechtlichen
Auseinandersetzung zwischen dem Duogynon-Hersteller und den Betroffenen heraushalten.
Man begrüße aber, dass Patienten nun leichter Ansprüche gelten machen könnten. "Das war
vom Gesetzgeber so beabsichtigt und wird hier nachdrücklich unterstützt", sagt die
Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.
Anspruch auf Auskunft
Die mutmaßlichen Opfer klagen gegen den Schering-Konzern, der inzwischen vom
Konkurrenten Bayer übernommen wurde. Zunächst wollen sie nur Auskunft. Die Firma soll
Einsicht gewähren in Unterlagen zu Duogynon. Nur so rechnen sie sich eine Chance aus,
Bayer Schering Pharma später auch auf Schadensersatz verklagen zu können.
Doch das Unternehmen will nicht. Etwaige Ansprüche auf Auskunft und Schadensersatz seien
längst verjährt. Zudem, schreibt der Bayer-Anwalt dem Berliner Gericht, bestehe kein
Zusammenhang "zwischen der Anwendung von Duogynon und dem Auftreten embryonaler
Fehlbildungen".
Der Berliner Anwalt Jörg Heynemann widerspricht. Natürlich sei der Fall nicht verjährt.
Schließlich habe sich Sommer noch vor fünf Jahren wegen seiner Behinderung operieren
lassen müssen. Zudem habe der Kläger erst im vergangenen Jahr von Duogynon-
Nebenwirkungen erfahren. Seine Mutter liegt nach einem Herzinfarkt seit vielen Jahren im
Wachkoma.
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Ob der Schwangerschaftstest wirklich so harmlos gewesen sei, solle nach Heynemann ein
Gutachter klären. Wie im Contergan-Fall würde der Anwalt am liebsten einen Vergleich
erreichen. Bayer Schering solle doch einfach "Offenheit und Toleranz" zeigen und sich "mit
den Geschädigten an einen Tisch setzen".
Zum Prozess in der kommenden Woche hat Heynemann Unterlagen über einen sogenannten
"Ärztemustertest" eingeführt. Der Anwalt, der einige Dutzend Duogynon-Opfer vertritt,
schreibt dazu: "Unabhängig von der ethischen Bewertung dieses Vorgangs, dass
offensichtlich 'eine beachtliche Anzahl von Frauen mit Ärztemustern behandelt wurden',
dürften der Beklagten auch die Ergebnisse dieser Arbeiten vorliegen. Es wurde offensichtlich
die mögliche fruchtschädigende Wirkung in Kauf genommen, um in Form von Ärztemustern
Versuche an schwangeren Frauen durchzuführen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht
verwunderlich, dass die Beklagte diese 'Versuchsergebnisse' nicht offen legen möchte."
Zu klären haben Kläger und Beklagte also vor Gericht einiges. Was es mit dem Brief aus
Großbritannien zum Beispiel auf sich hat. Dort schreibt ein Wissenschaftler am 13. November
1967, also acht Jahre, bevor Sommers Mutter das Medikament einnahm: "Die offenkundige
Korrelation zwischen der Zunahme angeborener Missbildungen und dem Verkauf des
Schwangerschaftstests erscheint ziemlich alarmierend." Bei dem Präparat handle es sich um
ein pharmazeutisches Produkt für schwangere Frauen, das auf die Umgebung des Fötus wirke
und "deshalb müssen wir extrem vorsichtig sein".
Der Arzneistoff Norethisteron gehört zu den synthetisch hergestellten
Gelbkörperhormonen und wird vorwiegend zur Empfängnisverhütung verwendet.
In der Antibabypille kommt es meistens in Kombination mit dem Hormon
Östrogen zum Einsatz. Norethisteron kommt auch in Arzneimitteln vor, die zur
Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden verwendet werden. Unter dem
Markennamen Duogynon wurde hochdosiertes Norethisteron in Kombination mit
dem Hormon Ethinylestradiol von 1950 bis 1973 eingesetzt.

Pharmaindustrie
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27.10.2010

Pharma-Produktion
GlaxoSmithKline steht wegen Horror-Fabrik vor Gericht
Getty Images
Fabrik von GlaxoSmithKline: Entschuldigung bei betroffenen Patienten blieb aus
Eine verseuchte Babysalbe, ein wirkungsloses Antidepressivum, ein falsches Mittel in
der Packung - über Jahre hinweg herrschten chaotische Zustände in einer Fabrik von
GlaxoSmithKline. Für die Schlampereien wird der britische Pharmakonzern nun zur
Rechenschaft gezogen.
Washington/London - Glaxo muss in den Vereinigten Staaten 750 Millionen Dollar zahlen.
Das US-Justizministerium sieht es als erwiesen an, dass das Unternehmen verunreinigte oder
mit falschen Inhaltsstoffen versehene Medikamente verkauft hat. Sechs Jahre lang hatten die
Behörden ermittelt, am Ende einigten sich die beiden Seiten auf einen Vergleich.
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GlaxoSmithKline räumte ein, die Produktion im Werk Cidra in Puerto Rico sei
mangelhaft gewesen. Der Konzern unterließ es aber, sich bei den betroffenen Patienten zu
entschuldigen. Stattdessen freute sich Chefjustiziar Elpidio "PD" Villarreal, dass das schon so
lange laufende Verfahren endlich vom Tisch sei. Er versicherte, dass es sich um einen
Einzelfall gehandelt habe.
Die Schlampereien in der Fabrik, die Staatsanwalt Tony West auflistete, klingen unglaublich:
Mal wurden die Medikamente während der Produktion verunreinigt, mal wurden sie
durcheinandergebracht und in falsche Flaschen abgefüllt, mal stimmten die Inhaltsstoffe
nicht. West warnte vor "ernsthaften Konsequenzen" für die Patienten. Die Staatsanwaltschaft
blieb aber den Beweis dafür schuldig, dass Menschen konkrete Vergiftungen erlitten.
Kronzeugin erhält Millionenbelohnung
Im vergangenen Jahr hatte GlaxoSmithKline die Fabrik dichtgemacht - die dort hergestellten
Medikamente seien nicht mehr gefragt, lautete die offizielle Begründung. Auch das wegen
erhöhter Herzinfarktgefahr ins Gerede gekommene, in Deutschland vom 1. November an
verbotene Diabetesmittel Avandia wurde in Cidra hergestellt. Insgesamt liefen dort rund 20
Präparate vom Band. Cidra gehörte zeitweise zu den größten Werken von GlaxoSmithKline.
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Eine ehemalige Qualitätsmanagerin hatte den Konzern nach Angaben ihrer Anwälte schon
2002 auf die Probleme hingewiesen - und sogar die Schließung empfohlen. Sie sei aber auf
taube Ohren im Management gestoßen. Als sie nicht aufhörte, die Missstände anzuprangern,
wurde sie nach Angaben ihrer Anwälte schließlich gefeuert. Daraufhin wandte sie sich 2004
an die US-Behörden.
Der Tipp rechnete sich jetzt: Als Informantin steht ihr nach amerikanischem Recht eine
saftige Belohnung zu. Die Frau kassiert allein von der Regierung in Washington 96 Millionen
Dollar - laut "New York Times" die höchste Summe, die ein sogenannter "Whistleblower"
jemals einstreichen konnte. Hinzu kommen weitere Millionen aus den Bundesstaaten.
GlaxoSmithKline seinerseits hat bereits für die Millionenstrafe vorgesorgt und zur Jahresmitte
ausreichend Geld beiseitegelegt. Das ließ damals den Gewinn einbrechen. Der Vergleich
werde sich nun nicht weiter auf das Ergebnis auswirken, beruhigte das Unternehmen seine
Investoren.

Aidsprävention
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24.11.2010

Kampf gegen HIV


Aids-Medikament soll Ansteckungsrisiko senken
Von Nina Weber
AP

Antiretrovirales Mittel: Auch zur Vorbeugung einsetzbar?


Ein Durchbruch - oder nur ein kleiner Fortschritt? Ein Aids-Medikament, das bereits
auf dem Markt ist, soll laut einer Studie die Rate von HIV-Neuansteckungen bei
homosexuellen Männern um etwa 44 Prozent senken. Doch die Untersuchung hat ein
paar Haken.
Seit Jahren suchen Forscher nach einem Weg, Neuansteckungen mit dem Aids-Erreger HIV
zu verhindern. Zwar haben sie Erfolge vorzuweisen, doch der große Durchbruch lässt noch
auf sich warten. Ein Vaginalgel senkt laut den Daten einer Pilotstudie das Infektionsrisiko
immerhin um 40 Prozent. An der Impfstoff-Front sind die Erfolgsmeldungen sogar noch
verhaltener: Der bisher am erfolgreichsten getestete Impfstoff gegen HIV hatte bloß eine
geringe Schutzwirkung.
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Jetzt berichten Forscher im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" von


einem neuen Prophylaxe-Ansatz für Menschen, die ein höheres Ansteckungsrisiko
haben. Sie untersuchten, ob die tägliche Einnahme von zwei bestimmten
Wirkstoffen die Ansteckungsrate bei homosexuellen Männern senkt. Das
Kombipräparat unterdrückt die Vermehrung der HI-Viren im Körper und wird
bereits zur Behandlung von Infizierten angewendet.

Die Studie, die vom Gladstone Institute of Virology and Immunology in San Francisco
koordiniert wurde, hatte 2499 Teilnehmer, die entweder ein Medikament mit den Wirkstoffen
Emtricitabin und Tenofovir-Disoproxil-Fumarat oder ein Placebo enthielten. Pro Tag sollte
eine Tablette geschluckt werden. Das Kombipräparat ist bereits unter dem Namen Truvada
auf dem Markt, Gilead Sciences stellt es her. Eine Schutzwirkung des Kombipräparats wurde
in Experimenten an Mäusen und Ratten nachgewiesen, berichten die Forscher. Die
Teilnehmer, die zum Studienbeginn HIV-negativ sein mussten, lebten in Peru, Ecuador,
Brasilien, Südafrika, Thailand und den USA. Allen wurde in Beratungsgesprächen dazu
geraten, beim Sex Kondome zu benutzen. Im Schnitt begleiteten die Forscher die Männer
über 1,2 Jahre.
Jetzt veröffentlichten sie folgende Zahlen: Hundert Probanden infizierten sich in dieser Zeit
mit HIV. 64 Männer aus der Placebogruppe steckten sich an, aber nur 36 von denen, die einen
Wirkstoff einnahmen. Die Infektionsrate verringerte sich also durch die medikamentöse
Prophylaxe um 44 Prozent, so die Schlussfolgerung. Die Daten sind allerdings mit Vorsicht
zu genießen - die tatsächlichen Fallzahlen am Ende sind gering. 28 Menschen machen hier
den Unterschied aus. Gleichzeitig fielen allerdings 762 Teilnehmer aus diversen Gründen aus
der Studie - etwa weil sie umzogen, ihre Einwilligung zurückzogen oder schlicht nicht
erreichbar waren. Weitere 48 wurden zu Beginn ausgeschlossen, weil sie keinen wiederholten
Aids-Test machten. Und zehn Männer waren, wie sich später herausstellte, bereits vor
Studienbeginn mit HIV infiziert.
Norbert Brockmeyer von der dermatologischen Klinik Bochum, Sprecher des deutschen
Kompetenznetzwerks HIV/AIDS, bemängelt unter anderem die knapp bemessene Dauer: "Die
Untersuchungen sollten weitergeführt werden, bis mehr Teilnehmer zumindest 96 Wochen
beobachtet wurden."
Schwere Nebenwirkungen möglich
Die Therapie kann zudem schwere Nebenwirkungen haben: Die Medikamente können die
Arbeit der Nieren beeinträchtigen. Zwar gab es nur wenige Fälle in der Studie, und die
Organfunktion erholte sich wieder, nachdem die Betroffenen das Mittel abgesetzt hatten -
aber gerade wenn man bedenkt, dass eine große Anzahl von Menschen ein Präparat über Jahre
einnehmen müsste, wiegen auch seltene Nebenwirkungen schwer. Es wird zudem diskutiert,
ob eine länger andauernde Einnahme des Mittels das Osteoporose-Risiko erhöht. Außerdem
besteht die Gefahr, dass die Erreger bei einer bereits bestehenden, aber noch nicht
diagnostizierten HIV-Infektion resistent gegen das in geringer Dosis eingenommene Präparat
werden. Experten fürchten zudem, dass die Tablette verlocken könnte, keine Kondome mehr
zu verwenden, obwohl dieser Effekt in der Studie nicht beobachtet wurde.
"Es könnte ein zusätzlicher, interessanter Baustein in der Prävention sein. Aber sicher nicht
mehr", urteilt Brockmeyer.
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Besonders wichtig sei die regelmäßige Einnahme des Medikaments, betonen die
Forscher. Laut Studie waren diejenigen Teilnehmer, die sich daran hielten,
besonders gut geschützt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer zeigte sich hier jedoch
nachlässig. In der Placebo-Gruppe war dieser Effekt geringer - was bedeuten
könnte, dass manche Teilnehmer das Präparat mit dem Wirkstoff wegen
unangenehmer Nebenwirkungen absetzten.

Die Wissenschaftler betonten, dass Möglichkeiten entwickelt werden müssten, den Wirkstoff
effektiv in anderen Präparaten einzusetzen - zum Beispiel in Gleitmitteln. So könnte die
Hürde einer täglichen Medikamenteneinnahme wegfallen, so die Wissenschaftler. Es werden
bereits Untersuchungen zur Wirksamkeit solcher Gleitmittel durchgeführt.
Allerdings könnten die Kosten bei der breiten Anwendung problematisch werden. In den USA
kostet die Jahredosis Truvada zwischen 5000 und 14.000 Dollar.
HIV / Aids
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02.12.2010

Demonstration
Russische Polizei nimmt HIV-Infizierte fest

Fotostrecke: 3 Bilder

REUTERS

Ausgerechnet am Welt-Aids-Tag hat die russische Polizei zehn HIV-Infizierte


festgenommen. Ihr Vergehen: Sie hatten vor dem Regierungssitz in Moskau für ihr
Recht auf Medikamente demonstriert.
Moskau - Bei klirrender Kälte hatten sich die Aktivisten am Dienstag vor dem Weißen Haus
in Moskau versammelt, um gegen die Versäumnisse des Gesundheitsministeriums in Sachen
Aids-Therapie hinzuweisen. Sie hielten Plakate hoch, auf denen sie die Behörde als
"Beerdigungsministerium" bezeichneten, weil noch immer Zehntausende Infizierte in
Russland keine Medikamente bekämen.
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Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte jetzt erstmals Versäumnisse der
Behörden: Auf ihrer Web-Seite heißt es, es seien "zahlreiche
Unregelmäßigkeiten" im Zusammenhang mit dem Kauf von Medikamenten für
HIV-Infizierte und Hepatitis-Kranke festgestellt worden. Demnach sei im
laufenden Jahr erst im vierten Quartal überhaupt mit dem Einkauf von antiviralen
Arzneien begonnen worden. Einige Lieferverträge seien erst im November,
andere noch gar nicht unterzeichnet worden. Daher seien die Medikamente in
Krankenhäusern und anderen Einrichtungen gar nicht vorrätig, zitiert die Zeitung
"Wedomosti" die Staatsanwaltschaft.

Viele Aids-Kranke in Russland mussten aufgrund des Versorgungsmangels ihre Therapie


unterbrechen. In Moskau, Kazan, Tula und Archangelsk erhoben HIV-Infizierte inzwischen
Anklage gegen die Behörden. In verschiedenen Regionen kam es zu Protestaktionen.
Präsident Medwedew selbst hatte die Ministerin für Gesundheit und Soziales, Tatjana
Golikowa, bereits im August dazu aufgefordert, die Verantwortlichen zu bestrafen und die
Abläufe zu optimieren.
Der Leiter des nationalen russischen Aids-Zentrums, Wadim Pokrowski, und die
parlamentarische Gruppe für den Kampf gegen Aids hatten das Gesundheitsministerium
scharf kritisiert und bemängelt, dass das Ministerium aus unerfindlichen Gründen darauf
verzichte, günstige Medikamente zu erwerben und stattdessen den fünf- bis achtfachen Preis
zahlen würde. Abgeordnete und Aktivisten forderten im November eine Untersuchung. Doch
in der Folge sei nur die Organisation von Pokrowski überprüft worden. Die Abgeordneten
hätten keine Antwort erhalten, schreibt "Wedomosti".
Offiziell wird die Zahl der HIV-Infizierten in Russland auf etwa 570.000 geschätzt. Experten
gehen aber davon aus, dass es mindestens doppelt so viele sind.

Aidsprävention
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01.12.2010

Welt-Aids-Tag
Paul spricht in den Wind
Von Stefan Kuzmany

Jochen Hick/ Stimmen in der Stadt

Klanginstallation "Stimmen in der Stadt": "Hat man nicht jeden Tag"


Zum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus werden Berliner Passanten mit den
Krankheitsgeschichten von HIV-Positiven und Aids-Kranken beschallt. Die Initiatoren
freuen sich über ihr "tolles Projekt". Dabei hört kaum jemand zu. Ein Klangkörper
wurde bereits von der Polizei abmontiert - wegen Ruhestörung.
Niemand hört zu, doch die Stimme redet einfach weiter. "…bin homosexuell. Und bin HIV-
positiv, seit circa 25 Jahren. Es war nicht anders zu erwarten…" Eine junge Frau schiebt einen
Kinderwagen aus dem Eingang eines Kaufhauses, sie stockt kurz. "…weil ich auch viel
rumgemacht hab, rumgebumst…" Die junge Frau geht weiter. "…dann hab' ich mich erstmal
krank gemeldet…"
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Es ist kalt, saukalt an diesem ersten Dezembertag in Berlin, minus acht Grad
zeigt das Thermometer um die Mittagszeit hier am Hermannplatz im Stadtteil
Neukölln, und der schneidende Wind treibt jeden voran, nur schnell wieder ins
Warme. Heute ist Welt-Aids-Tag, und was die junge Frau und die anderen
Passanten gerade achtlos hinter sich lassen, ist nicht etwa ein herkömmlicher
Gestrandeter in der Großstadt, einer, der gleich nach einem Euro fragen wird.

"Ich wurde ja impotent" - dann brummt ein Lastwagen


Es ist Paul. Und Paul ist Teil einer Installation, die auf die Schicksale der etwa 70.000 HIV-
Infizierten in Deutschland aufmerksam machen will. Zu diesem Zweck hat die "AVK
Sozialprojekte", eine gemeinnützige GmbH unter dem Dach des Berliner Auguste-Viktoria-
Klinikums, fünfzehn "Klangstationen" über die ganze Stadt verteilt, sie hängen an Laternen
und Ampeln, an Bushaltestellen und Kreuzungen, und vierzehn Tage lang, durchgehend
vierundzwanzig Stunden, sind hier die Lebens- und Krankheitsgeschichten von HIV-
Betroffenen zu hören. Wenn man denn zuhören will.
Paul spricht weiter in den Wind. "Ich wurde ja impotent, aber von was, wusst' ich ooch nich.
Entweder durch mein Diabetes, was die festgestellt haben, oder…" Oder was? Den Rest des
Satzes überbrummt ein Lastwagen.
Sieben Lebensgeschichten laufen unter dem Titel "Stimmen in der Stadt" in Endlosschleife,
aufgezeichnet hat sie der Berliner Arzt Christoph Weber, und Nicole Schöner, zuständig für
die Pressearbeit von "Stimmen in der Stadt", sagt, man habe "lange überlegt, wie wir diese
Interviews der Öffentlichkeit zugänglich machen können".
Minutenlange Danksagungen
Das Ergebnis dieser Überlegung kann man getrost als gewagt bezeichnen: Der gemeine
Berliner Passant, ohnehin nicht bekannt für Feinfühligkeit und großes Interesse an seiner
Umwelt, soll minutenlang in der Kälte ausharren, um sich schwer erträgliche
Schicksalsbeichten aufs Gemüt zu laden? Die Initiatoren gehen offenbar davon aus, berichten
"von einer ganzen Menge guten Zuspruchs". Und bejubeln ihr Projekt, das unter anderem
auch von der Deutschen Aidshilfe unterstützt wird, als "unglaublich toll". Sie erzählen von
"minutenlangen Danksagungen" bei der Präsentation und zitieren die Schirmherrin, Ex-
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), mit den Worten: "'Stimmen in der Stadt' ist
etwas, das man nicht jeden Tag hat." Durchaus.
Die Klangdusche an der Ampel in der Kastanienallee wurde bereits kurzzeitig von der Polizei
konfisziert. Anwohner hatten sich über die Lärmbelästigung beschwert. Mitten in der Nacht
spreche "die Ampelanlage laut mit den Passanten", vermerkt ein Polizeischreiben. Die
herbeigeeilten Beamten schraubten das Ding kurzerhand ab - "aus Gründen der
Beweismittelsicherung". Dann war wieder Ruhe.
Dabei hätte es das Thema Aids durchaus verdient, öffentliches Gehör zu finden. Eine HIV-
Infektion bedeutet schon seit Mitte der Neunziger kein zwangsläufiges Todesurteil mehr.
Seither gibt es Medikamente, die das HI-Virus in Schach halten und den Ausbruch der
Krankheit verhindern können. Infizierte, die das Glück haben, in einer Industrienation zu
leben und krankenversichert zu sein, können damit ein relativ normales Leben führen.
Aus der Abteilung "Gut gemeint"
Doch mit dem medizinischen Fortschritt wich die Krankheit aus dem öffentlichen
Bewusstsein - und die Betroffenen stehen am Rand. "Man kann heute bei einem Abendessen
problemlos von seinen Depressionen berichten oder vom Gebärmutterhalskrebs, alles kein
Problem", berichtet Johannes, 33, im Gespräch. Nur den HI-Virus erwähnt man besser nicht.
Johannes ist positiv, doch niemand darf es wissen. Sonst droht Ausgrenzung. Eine ehemals
beste Freundin hat den Kontakt mit ihm einschlafen lassen, nachdem sie von seiner Infektion
erfuhr. "Aus Verlustangst. Das ist die brutalste Variante. Sie dachte sich wohl, der stirbt
sowieso bald, da lasse ich ihn besser schon jetzt nicht mehr an mich heran." Ein Kollege, der
nach dem vierten Bier eingeweiht wurde, hat sich seither nie wieder gemeldet. "Das
gezwungene Schweigen ist mittlerweile die Hauptbelastung für mich", sagt Johannes. "Man
läuft immer mit einem Schatten über dem Leben." Dass sein Name nicht stimmt, dass er
seinen Beruf nicht nennen will, versteht sich von selbst.
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Das ist das "neue Aids": die Isolation der Betroffenen. Der mal unterschwellige,
mal offen geäußerte Vorwurf, man sei selbst schuld an seiner Krankheit. Man sei
zügellos oder wahrscheinlich drogenabhängig, die Infektion nur eine gerechte
Strafe dafür. Und die irrationale Angst vor Ansteckung, die jeden auch nur
zufälligen Kontakt zur gefühlten Gefahr macht. Dabei sollte sich eigentlich längst
herumgesprochen haben, dass das Risiko, sich anzustecken, sehr gering ist,
wenn keine Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Und bei den meisten
Patienten sogar dann verschwindend, weil die modernen Medikamente das Virus
so weit zurückdrängen können, dass es kaum noch nachzuweisen ist.

Johannes hat wenig Hoffnung darauf, dass er sich einmal öffnen könnte, ohne seinen Job zu
riskieren oder seine Freunde. Die "Stimmen in der Stadt" hält er für wenig hilfreich: "Das ist
alles aus der Abteilung 'Gut gemeint'. Aber das will sich doch niemand reinziehen."
Und dann sagt er: "Ich brauche keinen Lautsprecher. Ich brauche Menschen in meinem
Umfeld, die mich verstehen."