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Master: Cultură germană în context european, An 1

Cultura germană în spațiul Europei Centrale


Condrea Gabriela Elena

Fräulein Else
Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzlers (1862–1931) Monolognovelle Fräulein Else (1924) erzählt das


Schicksal der 19-jährige schönen und koketten Else aus der gutbürgerlichem Gesellschaft
Wiens, die sich plötzlich durch die Spielleidenschaft ihres Vaters vor eine existenzielle
Herausforderung gestellt sieht: Um ihre Familie von dem Bankrott zu retten, soll sie ihre
Integrität opfern und sich nackt einem älteren vermögenden Herr präsentieren.
Während die 19-jährige Else mit ihrer reichen Tante und ihrem Cousin ihre Ferien in
San Martino di Castrozza in den Dolomiten verbringt, erhält sie einen Expressbrief ihrer
Mutter aus Wien, welcher detailliert die desolate Situation beschreibt, in der sich die Familie
zurzeit befindet: Elses Vater, ein angesehener Rechtsanwalt, hat Mündelgelder veruntreut und
diese Gelder bei riskanten Börsenspekulationen verloren. Nun wurden ihm lediglich drei Tage
Zeit eingeräumt, um den fälligen Betrag von 30.000 Gulden zurückzuzahlen, ansonsten droht
ihm eine Gefängnisstrafe.
Der suggestive Brief der Mutter lässt zur Erhöhung des Drucks auf ihre Tochter sogar
anklingen, dass der Vater in diesem Fall einen Selbstmord in Erwägung ziehen könnte. Um
die drohende Katastrophe abzuwenden, soll Else den ebenfalls im Hotel Fratazza logierenden
Kunsthändler Dorsday, einen Bekannten der Familie, um den entsprechenden Geldbetrag
bitten, zumal in Wien niemand mehr bereit ist, dem Vater, dem notorischen Spieler, noch
einmal finanziell unter die Arme zu greifen. Da die persönliche Anreise ihres Vaters nicht
länger gedauert hätte als die Ankunft des Expressbriefs, muss Else außerdem erkennen, dass
ihre Eltern ihr in diesem Handel die Rolle als Tausch- und Lustobjekt zugedacht haben.
Trotz aller Bedenken und moralischen Skrupel überwindet sie sich schließlich dazu,
den ihr wenig sympathischen Dorsday um das Geld zu bitten. Dorsday willigt ein, verlangt
aber als Gegenleistung, Else eine Viertelstunde lang nackt sehen zu dürfen. Else sieht sich
nun vor die Wahl gestellt, entweder ihren Vater vor Gefängnis oder sogar Selbsttötung zu
bewahren oder auf das unmoralische Angebot nicht einzugehen.
Angesichts dieses Entscheidungsdrucks verliert Else immer mehr ihre innere Balance:
Sie spielt die möglichen Begegnungen mit Dorsday im Kopf durch und überdenkt die Orte, an
denen es zu einem derart anrüchigen Zusammentreffen kommen könnte. Voll Verzweiflung
erwägt sie dabei verschiedene Handlungsmöglichkeiten, wobei letztlich Todesfantasien
immer mehr die Oberhand gewinnen. Die psychische Belastung wird noch dadurch gesteigert,
dass die Mutter in einem weiteren Telegramm die erforderliche Geldsumme von 30.000 auf
50.000 Gulden erhöht.
In dieser beklemmenden Situation fasst Else schließlich den Entschluss, sich nicht vor
Dorsday allein, sondern in aller Öffentlichkeit zu entblößen. Daraufhin irrt sie nackt, nur mit
einem Mantel bekleidet, durch das Hotel, bis sie schließlich Dorsday im Musikzimmer findet.
Zu den Klängen von Robert Schumanns Klavierzyklus „Carnaval“ lässt sie vor allen
Anwesenden ihren Mantel fallen und bricht unter hysterischem Lachen zusammen.
Nachdem man die scheinbar Bewusstlose auf ihr Zimmer gebracht hat, nimmt Else
unbemerkt eine erhebliche Dosis des Schlafmittels Veronal zu sich, das sie vorab schon
bereitgestellt hatte. Ihre Gedanken verwirren sich daraufhin immer mehr, bis der innere
Monolog und damit auch die Erzählung unvermittelt abbrechen.
Es kann zwar durchaus einerseits bezweifelt werden, ob die eingenommene Menge an
Veronal für Elses Selbsttötung ausreicht, andererseits werden im Text keinerlei Hinweise
darauf geliefert, dass sie überlebt. Deshalb kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass Elses Suizidversuch tödlich endet.

Biografischer Hintergrund
Die Monolognovelle „Fräulein Else“ ist ein Spätwerk Arthur Schnitzlers (1862–1931),
der zur Zeit der Entstehung der Novelle als einer der berühmtesten Dramatiker Österreichs
galt und vor allem auch durch sein umfangreiches Prosawerk große Berühmtheit erlangt hatte.
Sein privater und beruflicher Weg war jedoch nicht frei von zahlreichen Hürden und
Niederschlägen: Scharfsichtig und einfühlsam wie kaum ein anderer Autor dieser Zeit
durchlebte Schnitzler die von Melancholie und Hoffnungslosigkeit geprägte Krisenstimmung
der Jahrhundertwende, die sich auch in seinen Werken widerspiegelt.
Als Sohn eines jüdischen Professors belasteten Arthur Schnitzler persönlich vor allem
auch die antisemitischen Tendenzen, die sich damals in Österreich auszubreiten begannen und
die er – wenngleich er kein praktizierender Jude war – immer wieder zu spüren bekam. Nicht
zuletzt bedeuteten die schreckenerregenden Jahre des Ersten Weltkriegs (1914–1918) und der
darauffolgende Untergang der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn einen tiefen Einschnitt in
Schnitzlers Leben. Neben diesen desillusionierenden gesellschaftlichen Ereignissen führten in
seinem Privatleben die beiden Scheidungen und vor allem die Selbsttötung seiner Tochter, die
sich im Jahr 1928 das Leben nahm, zu einer zunehmenden Lebensmüdigkeit des Autors.
Als weiteres belastendes Problem kam für Schnitzler hinzu, dass er – vorrangig auf
Betreiben seines Vaters, der als Arzt und später als Kehlkopfspezialist tätig war und der mit
allen Mitteln versuchte, seinen Sohn von dessen literarischen Neigungen abzubringen – neben
seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch den Beruf des Arztes ausübte.
Über viele Jahre hinweg haderte Schnitzler mit diesem Zwiespalt zwischen Kunst und
Wissenschaft, in den er sich zeitlebens gestellt sah und den er erst im späteren Verlauf seines
Lebens in einer produktiven Synthese aufzulösen vermochte. Als derartige produktive
Verbindung kann insbesondere die Monolognovelle „Fräulein Else“ charakterisiert werden,
zumal sich Schnitzler als Arzt auch mit Fällen der Hysterie beschäftigte, und zwar sogar noch
bevor Freud seine Studien über die Hysterie veröffentlicht hatte. Auf diese Weise nimmt
Schnitzler in „Fräulein Else“ einerseits eine wissenschaftlich-medizinische Sicht ein, setzt
diese andererseits aber literarisch versiert um.
Ebenso wie Schnitzlers Privatleben zeichnet sich auch sein künstlerisches Schaffen
durch große Ambivalenz aus. Demnach sind hier neben großen Erfolgen auch zahlreiche
Skandale zu verzeichnen: So erregte nicht nur die im Jahr 1900 geschriebene Novelle
„Lieutenant Gustl“ vor allem in militärischen Kreisen großen Unmut, was schließlich nach
einem gegen Schnitzler angestrengten Ehrengerichtsverfahren zur Aberkennung seines
Offiziersrangs als Oberarzt der Reserve führte.
Einen noch größeren Skandal löste Arthur Schnitzlers Theaterstück „Reigen“ aus, das
1921 uraufgeführt wurde: in diesem Stück beschreibt Schnitzler die Begegnung von zehn
Paaren, die sich ganz im Sinne eines Reigens in jeder Szene einem neuen Sexualpartner
zuwenden. Obwohl der Geschlechtsverkehr nicht explizit beschrieben wird, sondern nur
erahnt werden kann, führte das Stück zu einem handfesten Skandal: Es folgten Krawalle und
Demonstrationen, Schnitzler wurde vor allem in völkisch-nationalen Zeitungen als „jüdisch-
entarteter“ „Pornograph“ beschimpft.
Gegen Schnitzler wurde damals sogar ein Gerichtsverfahren wegen Erregung
öffentlichen Ärgernisses angestrengt, das allerdings zugunsten des Autors entschieden wurde.
Nichtsdestotrotz hat Schnitzler wenig später darum gebeten, keine weiteren Aufführungen des
Stücks mehr zuzulassen. Das selbst angestrebte Aufführungsverbot wurde erst im Jahr 1982
von Schnitzlers Sohn wieder aufgehoben.
Entwurf und Schreibphase
Die ersten Entwürfe zu „Fräulein Else“ werden im Jahr 1921 verfasst. Hierzu vermerkt
Schnitzler in seinem Tagebuch, dass er die Idee zu einer Novelle entwickelt habe, die er
gedenkt, in „Gustl Technik“, das heißt in Form des inneren Monologs, zu verfassen. Damit
greift Schnitzler mehr als 20 Jahre nach seiner ersten Monolognovelle wieder auf jene
innovative Erzähltechnik zurück.
Inhaltlich soll die geplante Novelle von einem jungen Mädchen handeln, das nackt den
Speisesaal eines Berghotels betritt, und zwar mit dem Ziel, die um sie werbenden Männer zu
prüfen. Die grundlegende Idee, dass sich eine junge Frau nackt den Augen der Öffentlichkeit
präsentiert, ist demnach bereits im ursprünglichen Plan der Novelle enthalten. Verändert hat
Schnitzler demgegenüber aber das Motiv für diese öffentliche Selbstentblößung, indem er
diese Tat mit der Forderung der Eltern und der anschließenden Erpressung des
Darlehnsanbieters psychologisch begründet.
Den eigentlichen Text der Novelle erarbeitet Schnitzler dann in einem Zeitraum von
drei Jahren, das heißt zwischen 1921 und 1924. Die wichtigste Schreibphase liegt hierbei
zwischen Dezember 1922 und April 1923, als er die Novelle erstmals für beendet erklärt. In
den folgenden Monaten korrigiert er wiederholt den Text, bis dieser schließlich im Oktober
1924 als Vorabdruck in der „Neuen Rundschau“ und im November 1924 als Buchfassung im
Wiener Paul Zsolnay Verlag erscheint.

Mögliche historische Vorlagen


Schnitzler hat stets bestritten, dass es für den Stoff seiner Novelle eine historische
Vorlage gegeben habe. Dessen ungeachtet lassen sich doch erstaunliche Parallelen zwischen
dem Schicksal der Novellenfigur Else und der Stephi Bachrach erkennen, die eine gute
Bekannte von Schnitzler gewesen ist: Die junge Stephi Bachrach hat sich durch die Einnahme
einer Überdosis des Schlafmittels Veronal in Verbindung mit dem Schmerzmittel Morphium
das Leben genommen. Als Grund für diese Tat wurde eine verwickelte Liebesgeschichte
vermutet. In deren Folge soll eine psychische und physische Erschöpfung eingetreten sein, die
sich womöglich aufgrund einer seelischen Instabilität während ihrer Menstruation noch
verschärft hat.
Zwar ist die Selbsttötung Elses nicht in einer unglücklichen Liebesbeziehung
begründet. Dennoch weisen sowohl die Art der Selbsttötung als auch der von Schnitzler des
Öfteren hervorgehobene Umstand, dass Else sich kurz vor ihrer Menstruation befindet,
deutliche Parallelen zu diesem tragischen Ereignis auf. Dementsprechend wird Elses innere
Unruhe durch ihre Schlaflosigkeit verstärkt, die wiederum durch ihre hormonelle Situation
mit bedingt wird: „Auch die vorige Nacht hab ich so miserabel geschlafen. Freilich, es sind
gerade diese Tage. Drum hab ich auch das Ziehen in den Beinen. Dritter September ist heute.
Also wahrscheinlich am sechsten. Ich werde heute Veronal nehmen“ (S. 9).
Darüber hinaus finden sich deutliche intertextuelle Bezüge zu Freuds 18 Jahre alter
Patientin Dora, deren Krankheitsgeschichte und Therapie er in seiner Abhandlung
„Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ (1905) beschreibt.

Historischer Hintergrund
Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die sich nach der militärischen Niederlage
gegen Preußen 1866 sowie nach der Auflösung des Deutschen Bundes 1867 konstituierte,
wurde von Franz Joseph I. regiert, der als doppeltes Staatsoberhaupt sowohl Kaiser von
Österreich als auch König von Ungarn war. Unter Kaiser Franz Joseph erreichte das
Habsburger Weltreich, das sich aus einer Vielzahl an Völkern, Kulturen, Sprachen und
Religionen zusammensetzte, seine Hochphase.
Im Hinblick auf Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ ist in diesem Zusammenhang
bedeutsam, dass um 1900 ungefähr neun Prozent der Wiener Bürger jüdischer Herkunft
waren. Sie bildeten einen Großteil der intellektuellen und kulturellen Elite Wiens – so waren
zum Beispiel Arthur Schnitzler, Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Sigmund Freund
jüdischen Glaubens – und hatten entscheidenden Anteil an dem künstlerischen und
wissenschaftlichen Aufschwung jener Zeit. In der Novelle ist Elses Familie jüdisch. Auch der
Kunsthändler Dorsday ist jüdischer Abstammung.

Niedergang und Untergand der Doppelmonarchie


Allerdings machten sich gegen Ende des Jahrhunderts auch erste Anzeichen des
Niedergangs der Doppelmonarchie bemerkbar: Die Industrialisierung ging nur eher
schleppend voran, überdies drohten der riesige Verwaltungsapparat und die erstarrten
feudalen Strukturen der Monarchie, das Land zu lähmen. Außerdem war ein zunehmender
Nationalismus zu verzeichnen, der die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen
sowie die nur mühsam unterdrückten Nationalitätenkonflikte innerhalb des Vielvölkerstaats
zunehmend verstärkte.
Von besonderer Bedeutung war in diesem Zusammenhang der grassierende
Antisemitismus, der 1895 durch die Wahl des antisemitischen Karl Lueger zum
Bürgermeister von Wien noch zusätzlich beflügelt wurde. Die Spannungen und schwelenden
Konflikte wurden jedoch nicht nachhaltig bekämpft und gelöst. Vielmehr führten politische
Kompromisse und Notlösungen (Strategie des „Durchwurstelns“) in eine existenzielle Krise,
die letztlich 1918 in den Untergang der Donaumonarchie mündete.

Österreich in der Zwischenkriegszeit


Da die Handlung von „Fräulein Else“ auf das Jahr 1896 datiert ist, die Entstehungszeit
der Novelle aber auf das Jahr 1924 fällt, sind neben der gesellschaftspolitischen Situation der
Jahrhundertwende auch die Entwicklungen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg von
Belang.
Das einschneidende und in vielerlei Hinsicht traumatisierende Ereignis des Ersten
Weltkriegs veränderte die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Europa in
grundlegender Weise. Für Österreich-Ungarn führte die Niederlage des Kriegs zu einem
Zusammenbruch der Donaumonarchie: Während Österreich zu einem Bestandteil der
Deutschen Republik wurde, musste es die staatliche Souveränität von Ungarn, Polen,
Jugoslawien und der Tschechoslowakei anerkennen. Auch wenn in den frühen 1920er Jahren
ein gewisser Aufschwung zu verzeichnen war, kann die soziale Situation der meisten
Menschen als problematisch bezeichnet werden, zumal das Niveau der Industrialisierung zu
niedrig war, um eine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.
Besonders prekär wurde die Situation dann gegen Ende der 1920er Jahre, als mit
beginnender Inflation große Teile des Bürgertums ihr Vermögen einbüßten und der Republik
zunehmend ablehnend gegenüberstanden. Gerade in diesen konservativen Kreisen, die ihrem
alten Ansehen und Vermögen nachtrauerten, entstand ein starker Nationalismus, der sich vor
allem auch durch verstärkte antisemitische Tendenzen auszeichnete. Diese begannen sich
bereits seit der Jahrhundertwende in ganz Europa auszubreiten und mündeten schließlich in
die gezielte Judenverfolgung der Nationalsozialisten.

Wiener Bürgertum um 1900


„Fräulein Else“ als Spiegel des Wiener Bürgertums
Sehr viele Erzählungen und Dramen Schnitzlers spielen in Wien um die
Jahrhundertwende und greifen auch typische zeitgenössische Themen und Motive auf.
Dementsprechend ist es zum besseren Verständnis seiner Werke unerlässlich, sich mit der
politischen und gesellschaftlichen Situation Österreichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts
auseinanderzusetzen, die mit der Entstehung der literarischen „Wiener Moderne“ in engem
Zusammenhang steht.
Obwohl „Fräulein Else“ im Jahr 1924 verfasst worden ist, spielt die Handlung im Jahr 1896
und ist damit zeitlich sogar noch vor „Lieutenant Gustl“ angesiedelt. Beide Novellen zeichnen
sich  diesbezüglich dadurch aus, dass mithilfe der Erzähltechnik des inneren Monologs die
kleinsten Seelenregungen der Figuren unmittelbar zugänglich gemacht.
Aufgrund der vorherrschenden Einheit von Seelen- und Gesellschaftsleben gelingt es
Schnitzler, nicht nur das Individuum Else ohne Zuhilfenahme eines vermittelnden Erzählers
plastisch werden zu lassen, sondern auch ein anschauliches Bild der österreichischen
Republik seiner Zeit zu zeichnen. Somit bekommt der Leser mit dem Einblick in das
Innenleben der Figur auch ein Bild der Gesellschaft vermittelt, welches diese Gestalten und
ihr Seelenleben prägt.
Im Fokus beider Novellen steht demnach die Wiener Gesellschaft der
Jahrhundertwende, die von Schnitzler einer scharfen Kritik ausgesetzt wird: Ist es in
„Lieutenant Gustl“ vor allem der veräußerlichte und fassadenhafte Ehrenkodex der Offiziere,
mit dem er der österreichisch-ungarischen k.u.k. Gesellschaft ungeschönt den Spiegel vorhält,
entlarvt er in „Fräulein Else“ schonungslos die Doppelmoral und Scheinheiligkeit des Wiener
Bürgertums um die Jahrhundertwende.

Die patriarchalische Gesellschaftsstruktur


In Wien zu Beginn der Jahrhundertwende lassen sich zwei verschiedene Typen des
Bürgertums herauskristallisieren: Auf der einen Seite steht das Bildungsbürgertum, dem nicht
nur Schnitzler selbst, sondern auch die meisten seiner literarischen Figuren angehören. Zu
dieser Gruppe lassen sich höhere und mittlere Beamte, Lehrer, Ärzte und Künstler mit
akademischem Titel zählen. Auf der anderen Seite existierte das Großbürgertum, dessen
bürgerliches Selbstbewusstsein vorrangig über Kleidung und Habitus zur Schau gestellt wird.
In dieser auch von Schnitzler immer wieder beschriebenen und angeprangerten
Gesellschaftsstruktur galten noch recht strikte patriarchalische Regeln: Der Mann hatte die
Aufgabe zu erfüllen, sich durch seine Erwerbstätigkeit zu beweisen und für die finanzielle
Sicherheit der Familie zu sorgen. Demgegenüber sah sich die bürgerliche Frau mit der
Aufgabe konfrontiert, sich um die Familie zu kümmern und zu sorgen und die anfallenden
Arbeiten im Haus zu erledigen.
Insbesondere die fortschreitende Trennung von Berufs- und Privatleben hatte eine
Spaltung zwischen dem öffentlichen und dem häuslichen Leben zur Folge – und bewirkte
damit eine einschneidende Änderung der Geschlechterverhältnisse. Die Frau wurde hierdurch
gänzlich auf den häuslichen Bereich beschränkt, sie wurde von jeglichem öffentlichen
Leben ausgeschlossen.

Der Sittenkodex
Die Wiener Gesellschaft um 1900 wird von der Prämisse bestimmt, dass die
Institution der Ehe mit leidenschaftlicher Liebe letztlich nicht zu vereinbaren sei. Somit galt
erfüllende Sexualität nicht als Garant und Ausdruck tiefer seelischer Verbundenheit, sondern
wurde im Gegenteil als destabilisierender Faktor der familiären Ordnung angesehen:
Zwischen Gattin und Ehemann sollte keine leidenschaftliche, sondern eine Art funktionale
Liebe praktiziert werden, welche die Nachkommenschaft zu sichern hatte. Vielfach wurde
dieser Umstand auch zur Legitimierung und Rechtfertigung des Ehebruchs herangezogen.
Aufgrund der traditionellen Moral der patriarchalischen Gesellschaft wurde ein
(außereheliches) Ausleben sexueller Triebe jedoch einzig dem Mann zugestanden. Für die
verheiratete Frau gab es demnach keine Möglichkeit, ihr sexuelles Verlangen zu stillen, ohne
sogleich zur „Dirne“ herabgewürdigt zu werden. Zwischen den beiden Extremen der
treusorgenden Ehefrau und Mutter und der sündigen Dirne – und damit zwischen den
Konstrukten der Heiligen und der Hure – konnte kein Ausgleich gefunden werden.

Doppelmoral und Heuchelei


Somit unterlag insbesondere die bürgerliche Frau einem strengen Sittenkodex, gegen
den sie nicht ohne gesellschaftliche Sanktionen verstoßen konnte. Gleichzeitig erweist sich
diese Moralvorstellung als in hohem Maße veräußerlicht und hohl: Im Zuge der
Industrialisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft ging es nicht mehr in erster Linie um
die Einhaltung idealistischer Moralvorstellungen. Vielmehr verschärfte sich innerhalb des
sich nach finanziellem und gesellschaftlichem Aufstieg sehnenden Bürgertums die Tendenz,
vornehmlich in unitaristischen Kategorien zu denken: Alles, auch die zwischenmenschlichen
Beziehungen, wurde dem ökonomischen Nützlichkeitsdenken unterworfen.
Diesem Zweckrationalismus wurden damit oftmals tiefere Gefühle geopfert: Der
Mensch – und vor allem die finanziell abhängige Frau – drohten in diesem Zuge zum
Handels- und Tauschobjekt zu verkommen. Wichtig war demzufolge auch nicht mehr die
tatsächliche Befolgung des vorgegebenen Sittenkodizes, sondern nur noch das Wahren des
äußerlichen Scheins. Dies Verhalten mündete in eine äußerst fragwürdige Doppelmoral und
Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft, die Schnitzler insbesondere in „Fräulein Else“
schonungslos offenlegt und damit auch der Kritik aussetzt (vgl. Hierzu das Kapitel
„Doppelmoral“).

Frauen und Frauenbild um 1900


Untergeordnete Stellung der Frau
Das Frauenbild um die Jahrhundertwende war gemäß der patriarchalischen
Gesellschaftsstruktur von der Vorstellung der naturbedingten, geistigen und körperlichen
Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann gekennzeichnet. Damit wird die Frau um 1900
als unselbstständig und naiv klassifiziert, mithin sogar auf die gleiche mentale Stufe wie ein
Kind gestellt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Frau noch nicht als ein autonomes
gesellschaftlich-funktionales Mitglied anerkannt; vielmehr gewann sie ihre Individualität erst
durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie, in der sie die Rolle der Haus- und
Ehefrau übernahm. Sie hatte auch kein Wahlrecht.1
Dieses Bild der bürgerlichen Haus- und Ehefrau wurde zusätzlich durch den Umstand
untermauert, dass der Ehemann als Vormund für die Partnerin fungierte und somit die
finanziellen Angelegenheiten zu regeln hatte. Mit der strikten Trennung zwischen der
außerhäuslichen Erwerbstätigkeit des Mannes und der – unbezahlten – hausfraulichen
Tätigkeit wurde die bürgerliche Haus- und Ehefrau im wirtschaftlichen Sinne in ein
Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Ehemann gedrängt. Neben dieser finanziellen Abhängigkeit
wurde die Entfaltung der Frau durch den strengen Sittenkodex behindert, der die sexuelle
Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts zu verhindern versuchte.

1
Das allgemeine Wahlrecht für die Frauen in Österreich trat erst 1918 in Kraft.
Beginnende Emanzipationsbewegungen
In der Phase der gesellschaftspolitischen Umbrüche und Neuorientierungen nach dem
Ersten Weltkrieg wurden jedoch die Stimmen der Frauenrechtsbewegung immer lauter,
sodass der Frau langsam auch im öffentlich-wirtschaftlichen Bereich ein Platz zugewiesen
wurde. Insbesondere in der Zeit der politischen und auch finanziellen Unsicherheit im Zuge
der Weltwirtschaftskrise nahm die Frau eine doppelte Position ein: Zum einen die der
Hausbesorgerin, die sich um Haushalt und Familie kümmert, und zum anderen die der
Emanzipierten, welche die Familie durch eine eigene Erwerbsarbeit unterstützt.
Die Frau befand sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Grenz- und
Übergangsphase zwischen der Aufrechterhaltung ihrer gesellschaftlichen Rolle als Gattin und
Mutter auf der einen und ihrem Wunsch nach Befreiung, Selbstständigkeit und Emanzipation
auf der anderen Seite. In dieser Umbruchszeit zwischen tradiertem und modernerem
Frauenbild, zwischen Tradition und Emanzipation ist Schnitzlers „Fräulein Else“ angesiedelt.
Die Ambivalenz der zeitgenössischen gesellschaftlichen Anforderungen trägt in hohem Maße
zu Elses psychischer Instabilität bei.
 
Merkmale der Novelle in „Fräulein Else“
Die Novelle ist eine Erzählung mittleren Umfangs, die entsprechend ihrem Namen
(lat. „novus, novellus“ = neu) etwas Neues, bislang nicht Dagewesenes darstellen möchte.
Johann Wolfgang von Goethe spricht in seiner berühmten Definition der Novelle folglich
auch von einer „unerhörten Begebenheit“ als wesentlichem Charakteristikum dieser
Erzählform. Die Novelle handelt somit von einem Vorfall, der unerhört, neu und singulär sein
soll. Die Neuartigkeit bezieht sich dabei zum einen auf die Thematik, insofern die Novelle
eine Geschichte von zeitgenössischer Aktualität mit einem überraschenden Handlungsverlauf
erzählt.
Zugleich kann sich das innovative Potenzial der Novelle aber zum anderen auch auf
formale Aspekte, wie unkonventionelle Techniken des Erzählens und der Sprache, beziehen.
Die Singularität der Novelle besteht in diesem Zusammenhang darin, dass hier ein einziges
zentrales Ereignis im Mittelpunkt steht, von dem aus die gesamte Handlung straff organisiert
ist. Jenes Ereignis beinhaltet oder mündet in einen zentralen Konflikt, durch den das Leben
des Helden plötzlich eine neue Wendung nimmt. Meist hat dies die Störung einer Ordnung
zur Folge, die wieder ins Reine gebracht werden muss, wodurch der Leser zugleich auch zum
Nachdenken über die geltenden Normen und Maßstäbe angeregt wird.
In formaler Hinsicht führt die Fokussierung auf den besagten Konflikt – ähnlich wie
im geschlossenen Drama – zu einer einsträngigen Handlungsführung, die ohne Abdriften in
Nebenhandlungen auf einen pointierten Höhe- und Wendepunkt zuläuft. Außerdem zeichnet
sich die Novelle neben der Reduktion des Figurenarsenals auf wenige Personen durch
Stilmittel, wie die Vorausdeutungstechnik und die häufige Verwendung von Leitmotiven und
Dingsymbolen, aus.

„Fräulein Else“ als Novelle


Die unerhörte Begebenheit
Die generellen Merkmale der Novelle finden sich auch in Schnitzlers Erzählung
„Fräulein Else“ wieder, die eine mittlere Länge aufweist und bereits im Untertitel die
Gattungsbezeichnung „Novelle“ trägt. Wie für eine Novelle charakteristisch, steht auch hier
eine „unerhörte Begebenheit“ im Mittelpunkt. Diese mündet in einen zentralen Konflikt,
durch den Elses Leben eine radikale Wendung erfährt.
In „Fräulein Else“ besteht diese unerhörte Begebenheit, welche die Protagonistin in
einen großen seelischen Zwiespalt treibt, in der suggestiv formulierten Bitte ihrer Mutter, den
reichen Kunsthändler Dorsday um 30.000 Gulden zu bitten, nachdem der Vater das Geld
veruntreut und bei Spekulationen an der Börse verloren hat. Da die persönliche Anreise ihres
Vaters nicht länger gedauert hätte als die Ankunft des Expressbriefs, muss Else erkennen,
dass ihre Eltern ihr in diesem Handel die Rolle als Tausch- und Lustobjekt zugedacht haben.
Eine zusätzliche Pointe bildet der Umstand, dass Dorsday seine Hilfe an die
Bedingung bindet, dass Else sich ihm eine Viertelstunde lang nackt zeigen solle. Diese
Degradierung zum Lustobjekt, die nach Elses Empfinden mit einem vollständigen Verlust
ihrer Selbstbestimmung einhergehen würde, stürzt sie in einen noch größeren inneren
Konflikt: Ruhelos wird Else fortan von der Frage nach möglichen Handlungsalternativen in
dieser desolaten Situation umgetrieben.
Die Handlung der Novelle erscheint durch die Anwendung ausländischer
zeitgenössischer Begriffe, wie zum Beispiel „Buena Sera“ (Guten Abend), „Viconte“
(französischer Adelstitel) oder Palais (schlossartiger Prachtbau),  und durch die vielen
verschiedenen realen erwähnten Elemente im Text, wie zum Beispiel das Luxushotel
Fratazza, Rosetta und Cimone, zwei Orte eines Bergmassivs in den Dolomiten., Vandyck
(1961-1923), einen belgischen Tenor, Gmunden, einen Sommerfrischeort des Wiener
Bürgertums im Salzkammergut, oder „Notre Cœur“ (1890), einen Roman von Guy de
Maupassant, glaubwürdig.

Chronologie und Wendepunkte


Die lineare und einsträngige Handlung, die in Novellen meist darum kreist, wie ein
Mensch eine Krise bewältigt oder an ihr scheitert, endet auch mit einer Pointe, die eine
erneute Wendung des Geschehens mit sich bringt: Elses Entschluss, sich in aller
Öffentlichkeit nackt zu zeigen, kann allerdings keinen glücklichen Ausgang herbeiführen:
Durch den Akt der öffentlichen Entblößung hat Else in den Augen der Gesellschaft die Welt
der anständigen bürgerlichen Frau verlassen und ist dem Wahn verfallen. Nicht umsonst
plädiert ihre Tante sogleich dafür, Else in eine Anstalt einliefern zu lassen. Für Else selbst ist
dieser Schritt allerdings nicht nur ein Ausdruck ihrer Verzweiflung, sondern stellt für sie
zugleich auch ein Ausbrechen aus dem Korsett der bürgerlichen Moralvorstellungen dar,
hinter denen sie ihre wahren Wünsche und erotischen Sehnsüchte stets verstecken musste. Die
Einnahme einer Überdosis Schlafmittel bedingt am Ende eine erneute plötzliche und auch
tragische Wendung, indem sie vermutlich zu Elses Tod führt.
Damit gestaltet sich die Handlungsführung novellentypisch chronologisch: Ein
unerhörtes Ereignis setzt einen Konflikt in Gang, der die Hauptfigur so lange beschäftigt, bis
eine Lösung des Konflikts herbeigeführt wird. Im Gegensatz zur Novelle „Lieutenant Gustl“,
in der am Ende durch eine zufällige Wendung ein positiver Ausgang herbeigeführt wird,
besteht die Lösung des Konflikts in „Fräulein Else“ in Elses Selbsttötung, die entweder als
vollständige Kapitulation vor den inneren und äußeren Widerständen oder aber als Beweis
ihrer Freiheit und Selbstbestimmung bewertet werden kann.

Formale Neuerungen der Novelle


Der innere Monolog
In formaler Hinsicht besteht die geforderte Neuartigkeit der Novelle darin, dass
Schnitzler hier nach „Lieutenant Gustl“ noch einmal eine Erzählung nahezu vollständig als
inneren Monolog gestaltet hat. Diese Erzähltechnik wurde im Vergleich zu Schnitzler erster
Novelle aber noch einmal zuspitzt und radikalisiert.
Während das Selbstgespräch Gustls nur durch die beiden kurzen – wenngleich
dramaturgisch sehr bedeutsamen – Dialoge mit dem Bäckermeister und dem Kellner
unterbrochen wird, sind in „Fräulein Else“ deutlich mehr Dialoge in Elses innere
Selbstauseinandersetzung integriert. Diese sind auch typografisch von der autonomen
Gedankenrede der Protagonistin abgesetzt und damit deutlich markiert.
Demnach gibt es neben der inneren auch eine verstärkt zutage tretende äußere
Handlung, die letztlich zu einer Doppelung von Elses Innenperspektive führt: Else nimmt sich
selbst wahr, fühlt sich aber zugleich auch der ständigen Beobachtung durch andere ausgesetzt.
Beide Ebenen sind diesbezüglich dergestalt miteinander verflochten, dass die äußere
Handlungsebene Elses Gefühlsleben beeinflusst, während Elses Gedanken und Ängste ihre
Handlungen mitbestimmen, die dann wieder weite Teile des Plots gestalten.

Elses Träume
Eine kühne Neuerung in der Erzähltechnik stellt in „Fräulein Else“ der Versuch dar,
die Träume der Hauptfigur zu versprachlichen und den inneren Monolog in die Welt des
Unbewussten hinübergleiten zu lassen. Während Gustls Schlaf auf der Parkbank durch eine
Ellipse übersprungen und nur durch eine Leerzeile typografisch im Text sichtbar gemacht
wird, begleitet der Leser Else bis in ihre Träume hinein.
Die Erkundungen der menschlichen Psyche werden demnach in der Monolognovelle
dadurch vorangetrieben, dass Schnitzler hier den Raum des Bewusstseins um die Darstellung
von Elses Träumen und ihren bildhaften Assoziationen erweitert. Zudem scheint das Denken
Elses noch weniger rational gesteuert und in seiner Inkohärenz auch noch radikaler erfasst.

Kursivschrift und Noten


Aufschlussreich ist zudem, dass Schnitzler hier ganz bewusst das Medium des Textes
in seine Gestaltung mit einbezieht: Dementsprechend wird der Gegensatz zwischen der Innen-
und der Außenwelt durch den Wechsel zur Kursivschrift markiert. Überdies verdeutlicht das
an drei Stellen eingefügte Notenzitat, das die Linearität des Textes durchbricht, wie weit die
Auflösung von Elses bewusstem Selbst vorangeschritten ist und wie wenig sich diese
Auflösung mittels einer diskursiv geordneten Sprache und damit auch einer verbalen
Darstellung entzieht. Damit stellt die noch stärkere Hinwendung zur Intermedialität 2 eine
weitere Neuerung dar, mit deren Hilfe die innere Zerrissenheit der Protagonistin sinnfällig
gemacht wird.
 
Die Wiener Moderne
Niedergang versus Aufbruch
Neben den deutlich werdenden Auflösungserscheinungen der Donaumonarchie, die
um die Jahrhundertwende innerhalb der Bevölkerung mit Gefühlen der Stagnation und einer
resignativen Gleichmütigkeit einhergingen, bildete die um diese Zeit vorherrschende
konfliktgeladene Vielgestaltigkeit auch den idealen Nährboden für die Entstehung eines
einzigartigen kreativen Milieus: So wurden in den Zentren des Österreichisch-Ungarischen
Reiches intellektuelle und künstlerische Höchstleistungen erbracht.
Insbesondere die Hauptstadt Wien, die um 1900 fast zwei Millionen Einwohner zählte,
bildete ein Sammelbecken für künstlerische Talente aus dem ganzen Reich. Somit erlebte die
Stadt um die Jahrhundertwende eine kulturelle Blütezeit in der Musik, der Malerei, der
Architektur, der Philosophie, der Mathematik und Medizin und vor allem auch in der

2
Verwendung oder Einbeziehung wenigstens zweier Kommunikationsmedien,
hier Musik und Literatur.
Literatur. Der hieraus resultierende und florierende Kulturbetrieb zwischen den Jahren 1890
und 1910 wird als „Wiener Moderne“ bezeichnet.

Kennzeichen der „Wiener Moderne“


Die „Wiener Moderne“ ist nicht als eine einheitliche literarische Epoche zu verstehen,
sondern sie umfasst verschiedenartige Richtungen, die vor allem durch die vielfältigen,
teilweise auch widersprüchlichen Strömungen des „Fin de Siècle“ (frz. für „Ende des
Jahrhunderts“) in Europa beeinflusst wurden.
Die politische Instabilität im Vorfeld des Ersten Weltkriegs übertrug sich auf das
pessimistische Lebensgefühl der Künstler, welche in ihren Werken die
Auflösungserscheinungen der Donaumonarchie mit den wichtigsten Symptomen des
kulturellen Verfalls, der Dekadenz und des Lebensüberdrusses zur Darstellung brachten.
Damit verliehen sie dem Krisenbewusstsein und dem endzeitlichen Lebensgefühl der
untergehenden Epoche Ausdruck und spürten den widersprüchlichen Stimmungen des „Fin de
siècle“ nach.
Einerseits war die Periode von Gefühlen, wie Weltschmerz, Melancholie, Lebensüberdruss
und Todessehnsucht, geprägt, andererseits wurde aber auch nach Genuss und Schönheit
gestrebt. Hieraus entstand die für das „Fin de Siècle“ typische Mischung aus
Untergangsstimmung und Verfall auf der einen und kreativem Endzeitgefühl und
Aufbruchswillen auf der anderen Seite.
In der Kunst zeigte sich dieser Wille zur Erneuerung vor allem darin, dass die Autoren
jener Zeit die konservative Kunst und Kultur des Kaiserreiches ablehnten und mit dem Ziel,
die erstarrten Traditionen zu überwinden, eine Vielzahl an neuen Stilen und Formen
entwickelten. Damit kann Wien um die Jahrhundertwende insbesondere in literarischer
Hinsicht als einer der wichtigsten Ausgangspunkte für den Aufbruch in die Moderne gewertet
werden.

Das „Junge Wien“


Den Mittelpunkt der literarischen „Wiener Moderne“ bildete in den 1890er Jahren das
sogenannte „Junge Wien“, das heißt eine Gruppe junger Literaten um Hermann Bahr, die sich
aus Autoren, wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann und
Felix Salten, zusammensetzte.
Ähnlich wie die „Wiener Moderne“ verband auch diese Gruppe kein festes Programm.
Vielmehr wurden die Schriftsteller durch vielfältige europäische Kunstströmungen, wie
Ästhetizismus, Jugendstil, Neuromantik, Symbolismus oder Impressionismus, beeinflusst.
Entscheidend für ihr künstlerisches Schaffen waren in diesem Zusammenhang die
literarischen Anregungen und der geistige Austausch, den sie insbesondere in Kaffeehäusern
pflegten. Damit avancierte das Kaffeehaus in Wien zu einer kulturellen Institution, die der
von den dortigen Diskussionen inspirierten Kunst den Namen „Kaffeehausliteratur“ eintrug.

Gegenströmung zum Naturalismus


Trotz der unterschiedlichen Ausrichtungen waren die Autoren jener Zeit vor allem in
einem Bestreben vereint: In ihrer Ablehnung des Naturalismus. Deshalb widersetzten sie sich
dem Hauptanliegen jener literarischen Epoche, die realen Umstände möglichst naturgetreu
und ohne künstlerische Überformungen wiederzugeben.
Als Gegenströmung zum Naturalismus wandten sich demgegenüber die Künstler der
„Wiener Moderne“ – beeinflusst durch die philosophischen und psychoanalytischen Studien
von Ernst Mach und Sigmund Freud – von der äußeren Wirklichkeit ab und dem Inneren des
Menschen, seinem Seelenleben und den vielschichtigen Nuancen der menschlichen Psyche
zu. Auf diese Weise entstanden feinsinnige Charakterstudien, die zugleich Rückschlüsse auf
die zeitgenössische Wiener Gesellschaft zuließen.
Die zentralen Motive der Dichtung sind dabei Verfall, Dekadenz und Tod, die
Kommunikationslosigkeit des Menschen sowie die Krise der Sprache und des Bewusstseins.
In vielen Texten rücken auch Motive, wie Identitätskrise, Verzweiflung, Unsicherheit und
Hilflosigkeit des Menschen angesichts der unsicheren politischen Umstände, in den
Vordergrund.
Um den Regungen des menschlichen Innenlebens noch besser nachspüren zu können,
wurden auch in formaler Hinsicht neue Erzähltechniken erprobt. Insbesondere wurden dabei
innovative Gestaltungstechniken, wie der innere Monolog, bewusst dazu eingesetzt, um
vertiefte Einblicke in das geistige und seelische Leben der Figuren zu vermitteln und diese
unmittelbar, also ohne die Vermittlungsinstanz eines äußeren Erzählers, zur Darstellung zu
bringen.

Merkmale der Wiener Moderne in „Fräulein Else“


Subjektivität und Eindruck
Da sich Schnitzler in „Fräulein Else“ ebenfalls der Erzähltechnik des inneren
Monologs bedient, die er im Vergleich zu „Lieutenant Gustl“ sogar noch verfeinert hat, kann
die Monolognovelle als ein Paradebeispiel für die Stilrichtung der „Wiener Moderne“
gewertet werden. Hier geht es nicht darum, die Wirklichkeit naturgetreu zu schildern, sondern
hier geht es im Zuge der Subjektivierung von Literatur darum, den Seelenregungen eines
Menschen in seinen feinsten Nuancen nachzuforschen und diese dem Leser direkt und
unmittelbar zugänglich zu machen, ohne sie einer Bewertung durch einen kommentierenden
Erzähler zu unterwerfen: „Haha. Fred überschätzt mich. Ich hab ja eigentlich zu nichts Talent.
– Wer weiß? So weit wie Bertha hätte ich es auch noch gebracht. Aber mir fehlt es an
Energie. Junge Dame aus guter Familie. Ha, gute Familie“ (S. 20).
Durch die besonderen Erzähltechnik des inneren Monologs wird neben der äußeren,
messbaren Zeit in der Novelle noch die Ebene der inneren Zeit eröffnet: Der Zeitraum wird
zum Bewusstseinsraum erweitert. Gerade hierin erweist sich „Fräulein Else“ als ein typisches
Werk der literarischen Moderne, insofern hier die äußerlich messbare Zeit gegenüber dem
inneren Zeiterleben der Figuren zunehmend an Wichtigkeit verliert.
Besonders beeinflusst zeigt sich Schnitzler hier durch die Stilrichtung des
Impressionismus, die sich als Eindruckskunst durch ihre stark verfeinerte
Empfindungsfähigkeit, den Rückzug ins Innere und die damit einhergehende Darstellung des
Unbewussten auszeichnet (vgl. zum Beispiel die Darstellung von Elses Traum (S. 42f.).
Das impressionistische Welt- und Menschenbild, das im Werk Schnitzlers von vielen
literarischen Gestalten verkörpert wird, kann somit als Bewusstseinslage des modernen
Menschen um 1900 charakterisiert werden. Die logische Folge dieser Bewusstseinslage
bestand in der Suche nach innovativen literarischen Gestaltungsformen, wie dem inneren
Monolog, welche den neuartigen Erfahrungen und Empfindungen auch literarisch Ausdruck
verleihen konnten.
Neben diesen verstärkt impressionistischen Tendenzen werden in „Fräulein Else“ auch
typische Phänomene des „Fin de Siècle“ deutlich. Dabei geht es Schnitzler, wie anderen
Autoren der „Wiener Moderne“ auch, weniger um die konkreten politischen Bedingungen als
vielmehr um die psychischen Auswirkungen jener konfliktgeladenen Krisensituation, die sich
bei Else in Zuständen innerer Leere, Melancholie, Dekadenz und Todessehnsucht äußern.

Die Komplexität der Seelenstudie


Diesbezüglich wird die Komplexität der Seelenstudie in „Fräulein Else“ sogar noch
einmal gesteigert: Ähnlich wie Gustl sieht sich auch Else durch die Bitte ihrer Eltern und
Dorsdays Bedingung mit der Bedrohung ihres sozialen Ansehens konfrontiert. Zur Lösung
ihres Dilemmas stehen ihr im Gegensatz zu Gustl keine vorgegebenen Handlungsmuster
(Duell, Quittieren des Dienstes) zur Verfügung.
Während für Gustl ganz klar ist, wie ein Mann, zumal ein Offizier, sich zu verhalten
hat, ist es für Else deutlich komplizierter herauszufinden, welche Anforderungen an eine Frau
gestellt werden – zumal diese Anforderungen durchaus widersprüchlicher Natur sind (vgl.
hierzu das Kapitel „Doppelmoral“). Folglich richtet sie ihre Überlegungen auch auf ein
deutlich breiteres Spektrum von Themen, Handlungsmöglichkeiten und Selbstbildern, die von
der Stilisierung zur „Aristokratin“ und „Marchesa“ bis hin zum „Luder“ reichen: „ich die
Hochgemute, die Aristokratin, die Marchesa, die Bettlerin, die Tochter des Defraudanten“ (S.
18); „Ein Luder will ich werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat“ (S. 56).