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Geschichte der Mathematik: Antike bis zur

frühen Neuzeit
LLeeiittffrraaggeenn:: W
Weerr bbeettrreeiibbtt M
Maatthheem maattiikk??
W
Weellcchheenn B Beerruuff hhaabbeenn MMaatthheem maattiikkeerr??
W
Wozu wird Mathematik betriebbeenn??
o z u w i r d M a th e m a t ik b e tr i e
W
Weellcchheess ssiinndd ddiiee zzeennttrraalleenn m maatthheem maattiisscchheenn TThheem
meenn??
W a s z e ic h n e t d i e M
Was zeichnet die Mathematik aus? a th e m a ti k a u s ?

11 Ü
Übbeerrssiicchhtt üübbeerr ddiiee G
Geesscchhiicchhttee ddeerr M
Maatthheem
maattiikk
• Antike Mathematik
o Babylonische Mathematik: Algebra auf hohem Niveau
o Ägyptische Mathematik: Stammbrüche
o Griechische Mathematik: Mathematik als Wissenschaft
• Mathematik anderer Hochkulturen und Mittelalter
o Chinesische Mathematik: Algorithmisch orientiert, Matrizenrechnung
o Indische Mathematik: Liefert uns über die Araber unsere
Zahlschreibweise
o Arabische Mathematik: Weiterentwicklung der griechischen Math.
• Neuzeit
o Renaissance:
o Barock:
o 18. Jahrhundert: Differential- und Integralrechung.
Wahrscheinlichkeitsrechnung
o 19. Jahrhundert: Ausbau und Grundlegung der Analysis
o 20. Jahrhundert: Mathematik entwickelt sich zur allgemeinen
Strukturwissenschaft
Ich beschränke mich hier nur auf einige wenige Etappen der Entwicklung der Mathematik, sie sind
oben fett gedruckt.
Die babylonische und griechische Mathematik zeigen in der Gegenüberstellung, dass auch die
Mathematik von der Kultur abhängig ist, zu der sie gehört. Auch die Mathematik besitzt keine absolute
Wahrheit.
Die chinesische Mathematik besitzt einen hohen algorithmischen Standard, man findet dort sogar eine
Art Matrizenrechnung.
Von der indischen Mathematik haben wir über die arabische Mathematik unsere Ziffern erhalten,
außerdem besitzt die indische Mathematik als erste ein Stellenwertsystem mit Null.
Über die arabische Mathematik kam das griechische Erbe nach Mitteleuropa, das dann im 15.
Jahrhundert eine neue Entwicklung auslöste, die bis heute reicht.

22 B
Baabbyylloonniisscchhee M
Maatthheem
maattiikk
V
Veerrw
waallttuunnggssm
maatthheem
maattiikk
Zeitraum Im Mesepotamien, im Land zwischen den zwei Flüssen Euphrat und
etwa 3000 vor Chr Tigris, entstehen im Zeitraum ab etwa 2800 vor Chr. sumerische
Stadtstaaten, deren ökonomische Basis Bewässungslandwirtschaft ist.
bis 200 vor Chr. Schon in dieser Zeit gibt es Schulen.
Großräumige Bewässerungssysteme sind effektiver, dies unterstützt die
Tendenz zu einem großen Staatsgebiet.
In der aallttb
baabbyylloonniisscchheenn ZZeeiitt ((22000033 –– 11559955 vvoorr C
Chhrr)) umfasste
die Dynastie – jetzt unter akkadischer Herrschaft - fast ganz
Mesepotamien. Herausragender Herrscher dieser Epoche ist
Hammurapi, der von 1792-1750 regierte.
Die königlichen Verwaltungs-Beamten entwickelten für die Vermessung,
die Steuerberechnung, Verteilungs-, Entlohnungsaufgaben, für die

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 1


gesamte Organisation der großräumigen Bewässerungsprojekten eine
Art Verwaltungswissenschaft mit einem bemerkenswerten
mathematischen Anteil, die in der altbabylonischen Zeit eine besondere
Blüte hat. Dabei gingen die Akkader vom sumerischen Wissen aus.
Überliefert sind zahlreiche Aufgabentexte auf Keilschrifttäfelchen, sie
behandeln algebraische und geometrische Fragen. Schwerpunkt ist
aber die Algebra.
Jedes Wissenssystem hat eine Tendenz zur Verselbständigung, so geht
auch die babylonische Algebra weit über die praktischen Bedürfnisse
hinaus.

K
Keeiillsscchhrriifftt.. 6600eerr S
Syysstteem
m
Die Sumerer haben 3000 vor Chr. die Schrift entwickelt. Geschrieben
wird mit einem Holzkeil auf Tontäfelchen, die dann getrocknet werden.
Für die Zahlschreibweise verwenden sie das Sexagesimalsystem, also
ein Stellenwertsystem mit der Basis 60.
Das System wurde einheitlich durch alle Lebensbereiche verwendet,
wovon wir noch weit entfernt sind, da wir neben dem 10er System für
Winkel und Uhr immer noch das altbabylonische 60er System
verwenden.

Die Schreibweise zeigt, dass es eigentlich ein Mischsystem aus 60-er


und 10er-System ist.
- Die Babylonier kennen kein Trennzeichen, das unserem
Dezimalkomma entsprechen würde. (In der Umschrift verwendet man
n n
ein Semikolon.) Jede Zahl kann also auch das 60 -fache oder der 60 -te
Teil sein, der jeweilige Wert muss aus dem Kontext erschlossen
werden.
. .
11,11Sex = 11 60 + 11 1 = 671
. .
12,6Sexa = 12 60 + 6 1 = 726

- Die Babylonier kennen erst im 4. Jhd. ein Trennzeichen, das unserer


Null entspricht. Allerdings gibt es bei einem 60er-System weniger
Nullen. Beim 6oer-System kommt bei 60 die erste Null, beim 10er-

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 2


System hatte man da schon die sechste.
A
Annssäättzzee eeiinneerr S
Syym
mbboollsscchhrreeiibbw
weeiissee
Die babylonische Mathematik besitzt eine Art Formelschreibweise. Sie
semitische sprechenden Akkader verwenden statt Rechenzeichen veraltete
sumerische Worte. Z.B. steht a-rá für mal.

7 mal 1 7

mal 2 14

mal 3 21

mal 19 2,1360 = 133

mal 20 2,2060 = 140

mal 30 3,30 = 210

mal 40 4,40 = 280

mal 50 5,50 = 350

Listen sind eine besondere Spezialität der Babylonischen Wissenschaft, es


gibt Wortlisten, Götterlisten und eben Zahlentabellen, Aufgabenlisten usw.

S
Saattzz vvoonn Alle mathematischen Hochkulturen kannten den Satz von Pythagoras, die
P
Pyytthhaaggoorraass Ägypten, die Chinesen, die Inder und natürlich auch die Babylonier.

d Aufgabe:
 30 1 
Ein Balken der Länge 0;30  =  l = 0,5
 60 2 
h=l-d
l 6 1
von oben ist er 0;6  =  herabgekommen, d = 0,1
 60 10 
von unten was hat er sich entfernt? x=?
x
Lösung:
 1
Du: 0;30 =  quadriere;
2 2
l = (0;30)
 2
  1  2 1 15 
0;15 siehst du =   = = 
  2  4 60 

=0;15
usw.
Die Rechnung entspricht in unserer Schreibweise
x = l 2 − h 2 = 0,3 = 0;18

Die Lösung wird also rezeptartig angegeben.


Das ist typisch für die babylonische Mathematik, zu Musteraufgaben
werden Lösungsrezept angegeben.
Klangvoller formuliert:
miisscchh
aallggoorriitthhm Die babylonische Mathematik ist algorithmisch orientiert.

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 3


H
Hoohheess N
Niivveeaauu ddeerr A
Allggeebbrraa
Die babylonische Algebra geht weit über die praktischen Bedürfnisse hinaus. Das
1
zeigt zunächst die folgende Aufgabe :

1. Ein Feld und seine Quadratseite x2 + x = 0;45 x2 + p x = s


 45 3   2 3
addiert ergibt: 0;45 = =  x + x = 4 
 60 4   
Lösung:
2. Eins als Koeffizient setzest du.
1
Die Hälfte von Eins ziehst du 1− ⋅ 1 = 0;30
2
 30 1   1 1 1
ab: 0;30 = =  1 − 2 ⋅ 1 = 2  p
 60 2    2
2
 30 1  30 30 15 1 
3. Mit 0;30 = =  multipli- ⋅ =
2
(0;30) =  p
 60 2  60 60 60 2 
 15 1   1  2 1 
zierst du: 0;15 = =  = 0;15   = 
 60 4   2  4

2
1 
4. Zu 0;45 fügst du hinzu; 0;45 + 0;15 = 1  p + s
2 
3 1 
dann gibt es Eins.  4 + 4 = 1
 
2
1 
5. Die Quadratwurzel ist Eins. 1 =1  p + s
2 
 1
6. 0;30 =  , das du mit sich
 2
selbst multipliziert hattest,
ziehst du von Eins ab; dann ist 1 - 0;30
2
 1  1 1 1  1
0;30 =  die Quadratseite. 1 − 2 = 2   p + s − p
 2   2  2

A
Abbssttrraakkttee In dieser Aufgabe wird eine Quadratseite und eine Fläche addiert. Das
M
Maatthheem maattiikk hat praktisch keinerlei Sinn, d.h. der Autor hat ein theoretisches
Interesse an dieser Aufgabe. Er will klären, wie man eine quadratische
Gleichung dieser Bauart löst.

MMiitttteerrnnaacchhttss-- Das Lösungsverfahren ist zudem genau unsere Mitternachtsformel, die


ffoorrm
meell also im Kern altbabylonisch ist!
Allerdings gibt es keine einheitliches Schema, sondern für jeden Typ
von Gleichung gibt es ein anderes Rezept.

B
Biiqquuaaddrraattiisscchhee Das hohe Niveau der babylonischen Algebra zeigt eine Keilschrift, auf der
G
Glleeiicchhuunnggeenn sich 55 biquadratische Gleichungssyteme mit zwei Unbekannten befinden.
Die 1. Gleichung lautet für alle Aufgaben xy = 10,0 [60 ⋅ 10 = 600 ]
Für die 2. Gleichung heißt die erste Variante:
Die Länge mit 3 hast Du vervielfacht, quadriert und die Fläche der Breite
addiert und 2, 21, 40 ist es.

1
Quelle: Thureau-Dangin: Revue d ´Assyriologie. Vol. 53, p. 2-44. Zitiert in Becker, Oskar:
Grundlagen der Mathematik in geschichtlicher Entwicklung. Freiburg 1964, S. 11

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 4


[
In unserer Schreibweise: (3x) + y = 2, 21, 40 2 ⋅ 60 2 + 21⋅ 60 + 40 = 8500
2 2
]
Die Lösung ist für alle 55 Gleichungssyteme ist: x = 30, y = 20;

QQuuaaddrraattw
wuurrzzeell Die algorithmische Orientierung der babylonischen Mathematik zeigt ihr
vvoonn 22 Umgang mit der Quadratwurzel von 2. Vor allem, wenn man es mit der
griechischen Haltung vergleicht.

24 51 10
1; 24, 51, 10 = 1 + + 2 + 3 = 1,41421 2963
60 60 60
Der Taschenrechner liefert 2 = 1,41421 3562...

33 G
Grriieecchhiisscchhee M
Maatthheem
maattiikk

P
Phhiilloossoopphheenn--M
Maatthheem
maattiikk.. B
Beew
weeiissoorriieennttiieerrttee M
Maatthheem
maattiikk
Während die Babylonische Wissenschaft aus der Mitte der Praxis
hervorgeht, entsteht die griechische Mathematik aus einer
aristokratischen Schicht, die mit keinerlei Produktions- oder
Verwaltungspraxis in Berührung ist. Im Gegenteil, das was von
griechischer Mathematik bei uns bekannt und geschätzt ist, definiert
sich in scharfer Abgrenzung gegen praktische Mathematik.

ZZiittaatt
Platon (428/27 v. Chr - 349/48 v. Chr ) über die Mathematik
Mathematik als Mittel
Politeia (Der Staat). 524d - 526e
der 8. Nutzen der Rechenkunst zur Bildung der philosophischen Seele
Seelenbildung "So wäre denn die Kenntnis (der Rechenkunst) ganz geeignet, o
Glaukon, sie gesetzlich einzuführen, und die, welche an dem Größten

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 5


im Staate teilhaben sollen, zu überreden, dass sie sich an die
Rechenkunst geben und sich mit ihr beschäftigen, nicht auf gemeine
Weise, sondern bis sie zur Anschauung der Natur der Zahlen
gekommen sind durch die Vernunft selbst, nicht Kaufs und Verkaufs
wegen wie Handelsleute und Krämer darüber nachsinnend, sondern (...)
wegen der Seele selbst und der Leichtigkeit ihrer Umkehr vom Werden
zum Sein und zur Wahrheit."

G
Geebbuurrtt ddeerr eexxaakktteenn Die ersten griechischen Mathematiker waren zugleich auch
W
Wiisssseennsscchhaafftt Philosophen:
Z.B. Thales, Pythagoras, Zenon.
Damit wird verständlich, dass die griechische Mathematik sich auf die
Exaktheit und Strenge der Argumentation konzentriert, und weniger auf
die Entwicklung neuer Algorithmen.
Eine zentrale Erfindung der griechischen Mathematik ist der
mathematische Beweis. Im Vordergrund steht der exakte Zahlbegriff
und der systematische Aufbau der bekannten mathematischen Gebiete.
Mit der griechischen Mathematik wird die Wissenschaft geboren.
TThhaalleess Thales (um 600 vor) gilt als der erste Philosoph.
In der Mathematik soll er derjenige gewesen sein, der als erster
Beweis mathematische Sätze bewiesen hat.
Einer dieser Sätze ist der bekannte Satz von Thales.
"Der Winkel im Halbkreis ist ein Rechter."

P
Pyytthhaaggoorraass Ob Pythagoras (geboren 600) überhaupt selbst produktiver Mathematik
war, ist umstritten, jedenfalls ist er Gründer einer überaus
einflussreichen Schule bzw. Lebensgemeinschaft. Man könnte seine
Gruppe auch Geheimbund oder Sekte nennen.
Die Mitglieder gehörten der Aristokratie an, sie befolgten strenge Rituale
und Lebensvorschriften. Seine Geheimlehren waren alles andere als
wissenschaftlich in unserem Sinne. Wir würden sie eher als mystisch
oder quasi-religiös bezeichnen
In seiner Weisheitslehre befinden sich kuriosen Vorschriften wie:
• Man soll den rechten Schuh zuerst anziehen.
• Nicht ohne Licht reden.
• Nicht unter einer Leiter hindurch gehen
• Mit einer Frau die Goldschmuck trägt, nicht verkehren zur
Kinderzeugung.
• usw.

Der zentrale Satz seiner Lehre ist aber: ""A


Alllleess iisstt ZZaahhll.."",, daher
""A
Alllleess iisstt ZZaahhll.."" enthält seine Lehre auch jede Menge Mathematik, denn, wenn alles
Zahl ist, muss man sich intensiv mit Zahlen befassen, um zu erkennen,
wie man leben muss.
Die Anregung zu diesem Gedanken kam aus der Musik. Harmonische
Klänge kann man bei Saiteninstrumenten durch einfache
Zahlenverhältnisse der Saitenteilung beschreiben, ebenso die Luftsäule
bei Flöten:
Oktav: 2:1; Quinte: 2:3; Quarte: 3:4

Die Bedeutung von Pythagoras für die Mathematik kann man daran
ermessen, dass die Bezeichnung Mathematik auf ihn zurückgeht.
Ursprünglich bedeutete im Griechischen das Wort "mathämata"
allgemein Wissen.
Pythagoras teilte seine Anhänger in "mathematikoi" und "akusmatikoi"
ein. Die Mathematiker bildeten den inneren Kern der Gruppe, die
Akusmatiker hörten den Meister nur hinter einem Vorhang.

Die Pythagoreer existierten als Gruppe zwar nur bis ins 4. vorchristliche
Jahrhundert, der erste Pythagoras-Biograph nennt aber immerhin 218
Pythagoreer. Sie prägten den mathematischen Kanon bis ins 18.
Jahrhundert.

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 6


Zu den Mathämata zählten Arithmetik, Geometrie, Musik und
Astronomie.
Zusammen mit den sprachlichen Wissenschaften Grammatik, Logik
und Rhetorik bildeten sie die sieben freien Künste.

IIrrrraattiioonnaall--zzaahhlleenn Die Auffassung, dass sich die Welt durch Verhältnisse ganzer Zahlen
beschreiben lässt, erhielt einen schweren Knacks, als der Pythagoreer
1 Hippasos feststellte, dass schon die Wurzel aus 2 nicht rational ist, dass
heißt, dass Wurzel 2 sich nicht als Bruch - sprich als Verhältnis zweier
2
ganzer Zahlen - schreiben lässt.
Als Konsequenz davon konzentrierten sich die Pythagoreer auf die
2
Geometrie und übertrugen die Algebra auf die Geometrie. Was das
heißt, zeigt die geometrische Fassung der ersten binomischen Formel,
die gleich im Euklid-Abschnitt folgt. Sie entwickelten eine geometrische
Algebra. Dazu gehörte z.B. auch, dass man die babylonischen
Lösungsalgorithmen für quadratische Gleichungen in geometrische
Konstruktionen übersetzte.

E
Euukklliidd Euklid lebte um 300 v. Chr., etwa bis 260 v. Chr.
Axiomatik Euklid verfasste mit den Elementen, das einflussreichste
Mathematikbuch aller Zeiten.
Die Elemente sind keine Originalarbeit Euklids, sondern eine
Zusammenfassung großer Teile der griechischen Mathematik der
damaligen Zeit. Euklid hat in 13 Büchern die Ergebnisse verschiedener
griechischer Mathematischer in einheitlicher Darstellung (Definition,
Postulat, Satz, Beweis) zusammengestellt. Vieles davon stammt von
den Pythagoreer.

Die Elemente Euklids beginnen folgendermaßen:


"Definitionen.
1. Ein Punkt ist, was keine Teile hat.
2. Eine Linie breitenlose Länge. ...
Postulate
Gefordert soll sein:
1. Dass man von jedem Punkt die Strecke ziehen kann, ...
Axiome
1. Was demselben gleich ist, ist auch einander gleich. ...
§ 1 (A. 1)
Über einer gegebenen Strecke ein gleichseitiges Dreieck zu
3
errichten."

Dies axiomatische Darstellung ist für mathematische Fachtexte Stil


prägend bis in die Gegenwart.

K
Keeiinnee FFoorrm
meellsscchhrreeiibbw
weeiissee
Die griechische Mathematik kennt keinerlei Formelschreibweise, alles
wird verbal dargestellt, immerhin unterstützt durch Zeichnungen.
Eine eigentlich ziemlich bekannte Formel lautet in griechischer Fassung:

Euklid, Buch 2, Satz 4:


"Teilt man eine Strecke, wie es gerade trifft, so ist das Quadrat über der
ganzen Strecke den Quadraten über den Abschnitten und zweimal dem
4
Rechteck aus den Abschnitten zusammen gleich."
Schreibt man den Satz in Formelschreibweise, sieht man, dass es sich
um die erste binomische Formel handelt.

2
Genauer gesagt hat Hippasos die Irrationalität am Fünfeck entdeckt, aber Euklid verwendet in den
Elementen das Quadrat, um das Problem zu behandeln.
3
Euklid: Die Elemente. Übersetzung C. Thaer. Leipzig 1933-37. Neudruck Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt 1980, S. 1ff

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 7


D
Drreeii uunnllöössbbaarreenn P
Prroobblleem
mee
Mit besonderer Leidenschaft befassten sich die griechischen
Mathematiker mit drei unlösbaren Konstruktionsaufgaben.
x=3a - Der Würfelverdoppelung (Ein Würfel mit Kante a ist gegeben.
Welche Kantenlänge hat ein Würfel doppelten Volumens.)
x = π r2 - Der Quadratur des Kreises (Ein Kreis ist gegeben. Gesucht ist ein
α flächengleiches Quadrat.)
x= - Winkeldreiteilung (Ein Winkel ist gegeben. Er soll in drei gleichgroße
3 Teile zerlegt werden.)
Die griechischen Mathematiker vermuteten sicherlich, dass diese
Probleme nicht mit Zirkel und Lineal lösbar sind. Erst im 19. Jahrhundert
konnte man zeigen, dass sie tatsächlich unlösbar sind. Man wählt dabei
den umgekehrten Weg wie die Griechen. Man übersetzt das
geometrische Problem in ein algebraisches Problem und untersucht
unter welchen Bedingungen die Lösung mit Kreisen und Geraden
erzeugt werden.
Diese unlösbaren Probleme waren insofern sehr produktiv, als die
Griechen dabei viele andere mathematische Ergebnisse fanden.

Archimedes Einer der produktivsten antiken Mathematiker, nämlich Archimedes, wird


(etwa 287- 212 v. nur am Rande erwähnt.
Er hat neben vielem anderen eine Methode entwickelt, durch
Chr.) Streifenzerlegung krummlinige Flächen zu berechnen, z. B.
Parabelsegmente. Der Grenzübergang zu beliebig schmalen Streifen
war für das griechische Denken zu unexakt.

Griechische Ich habe bisher auch nicht erwähnt, wie die Griechen Zahlen schreiben.
Zahlschreibweise Dies ist auch nicht nötig, da die griechische Mathematik weitgehend
ohne Zifferndarstellung auskommt. Es wird über Strecken, Flächen und
Konstruktionen geredet.
Gerechnet haben natürlich die griechischen Kaufleute, Handwerker und
ZZaahhlleennm
maaggiiee Seeleute. Sie verwandten die Buchstaben auch als Ziffern.
α = 1, β = 2, g = 3, δ = 4, ε = 5, σ = 6, ζ = 7, η = 8, θ = 9, ι = 10, κ = 20,
λ = 30….
In der hebräisch Schrift werden ebenfalls Buchstaben als Ziffern
verwendet. Mit jedem Wort steht damit auch eine Zahl vor einem. Mit ein
Grund dafür, dass die griechische und die jüdische Kultur besonders
empfänglich für Zahlenmagie war. Sie pflegten die so genannte
Wortrechnung. Bei den römischen Zahlen werden ebenfalls Buchstaben
als Zahlzeichen verwendet. Daher gewann die Wortrechnung in der
Renaissance auch im Bereich der lateinischen Schrift viele Freunde.

44 R
Reennaaiissssaannccee
Entdeckung Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) fliehen viele byzantinischen
des griechischen Wissenschaftler nach Italien. So verstärkt sich der Zustrom des
griechischen Erbes nach Mitteleuropa, das vorher schon über die
Erbes arabischen (islamischen) Wissenschaftler nach Spanien und Italien
gekommen war. Eine heftige Übersetzungsbewegung setzt ein.
Neben der Wiederaufnahme des griechischen Wissens ist das Selbst-
bewusstsein und der Erkenntnisoptimismus des Renaissancemenschen
besonders kennzeichnend.
Die Anthropozentrik wie sie aus den folgenden Sätzen von Kepler und
Anthropo-zentrische Galilei spricht, ist nicht zu überbieten.
Weltsicht
Johannes Kepler (1571 - 1630)
"Wir sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen Baumeister, der

4
Euklid: Die Elemente. Übersetzung C. Thaer. Leipzig 1933-37. Neudruck Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt 1980, S. 35

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 8


Ordnung und Regel gemäß, an die Grundlegung der Welt herangetreten
ist und jegliches so ausgemessen hat, daß man meinen könnte, nicht
die Kunst nehme sich die Natur zum Vorbild, sondern Gott selber habe
5
bei seiner Schöpfung auf die Bauweise der Menschen geschaut."

Galileo Galilei (1564 - 1642) stellt fest, das Gott das Buch der natur mit
mathematischen Symbolen geschrieben hat:
"Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und die Buchstaben
sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne diese
Mittel ist es dem Menschen unmöglich, ein einziges Wort davon zu
verstehen; ohne sie ist es ein vergebliches Umherirren in einem dunklen
6
Labyrinth."

Die arabischen Zahlen setzen sich gegen die römischen Zahlen und den
Abakus durch.

Die Renaissancewissenschaftler sind also angetreten, den


Schöpfungsplan Gottes zu entziffern, also ganz griechisch. Zugleich
sind sie sich aber nicht zu schade, um ganz praktische Fragen zu
beantworten.
Kepler ist von Beruf österreichischer Landschaftsmathematiker, d.h.
Kalendermachen, wozu auch das Erstellen von Horoskopen gehören. Er
versucht nicht nur die Harmonie der Welt zu ergründen, sondern er
kümmert sich um eine vernünftige Regel zur Fassberechnung.
Galilei kämpft nicht nur für das kopernikanische Planetensystem,
sondern entwickelt auch ein Fernrohr, baut ein Rechenhilfsmittel
(Proportionalzirkel), über das sich vor allem die Kanoniere freuten.
Auf der praktischen Seite gab es zwei große mathematische Themen,
mit denen man sich damals intensiv befasste.
• das praktische Rechnen (einfache Symbolik, geschickte
Algorithmen, Verbreitung)
• das perspektive Zeichnen (Regeln der Zentralperspektive,
Verbreitung). 1425 entdeckt von Brunelleschi, dem Erbauer des
Doms in Florenz, in Deutschland durch Dürer verbreitet.

Adam Ries An der Entwicklung von einfacher Symbolik und geschickten


(1492 - 1559) Rechenverfahren waren viele Mathematiker beteiligt. Unsere
arithmetische Symbolik stammt zu großen Teilen aus dieser Zeit.

Adam Ries, Rechenmeister und Bergwerksbeamter in Annaberg, ist der


bekannteste dieser Rechenmeister.
Seine herausragende Bedeutung besitzt er durch die Verbreitung der
Rechenkunst in alle Schichten des Volkes. Dies war auch sein erklärtes
Ziel.
Seine Studien zur Algebra, die "Coß", die ihn als Mathematiker auf der
Höhe der Zeit ausweisen, wurden wegen der hohen Druckkosten zu
Lebzeiten nicht veröffentlicht.
Das Wort Algebra (al gabre) stammt von dem irakischen Mathematiker
al-Hwarizmi (780 - 850).
Die Bezeichnung Coß ist die italienisch/lateinische Übersetzung der
arabischen Bezeichnung für die Unbekannte. Coß stammt von lat. cosa
(Ding, sache). Die Coß ist also das Dingrechnen. Ries spricht in seiner
Algebra auch tatsächlich von der Dingrechnung.

5
Aus dem Widmungsschreiben zu seinem Erstlingswerk "Mysterium Cosmographicum"
(Weltgeheimnis). Zitiert nach Max Caspar: Einleitung zu Kepler, Weltharmonik, S.15
6
Galilei: Die Goldwaage (Il saggiatore) von 1623.

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 9


Das erste Rechenbuch von Adam Ries entstand 1518 (2. Auflage
1525), wandte sich an Kinder und war ganz dem Abakusrechnen
(Linienrechnen) gewidmet.
Es enthält eine Sammlung von gefälligen und praktischen Aufgaben aus
verschiedenen Bereichen des Wirtschaftslebens. Wir finden
Preisberechnungen von Waren wie Wein, Öl, Unschlitt, Wachs, Honig,
Zwiebelsamen, Hafer, Stroh, Heu, Kalmus, Alaun, Weinstein, Feigen,
Pfeffer,Ingwer, Safran, Nelken, Lorbeer, Wolle, Tuch, von Stoffen
verschiedener Qualität, von Leder, Zinn, Messing, Silber und Gold.
Die zentrale Methode ist dabei der Dreisatz, wobei die Rechnungen
aufgrund der nicht dezimalen Größenverhältnisse bei Währungen und
Maßen komplizierter sind als heute.
Ein eigenes Kapitel behandelt den Geldwechsel, ein anderes "Silber-
und Goldrechnung" (Feingehalt und Preise von Legierungen).
Die Aufgaben sind der Schwierigkeit nach geordnet, die
Lösungsverfahren werden ausführlich beschrieben, aber nicht
7
begründet.

Sein zweites Rechenbuch wendet sich hauptsächlich an junge


Kaufmanns- und Handwerkerlehrlinge.
Auch hier beginnt er mit dem Linienrechnen, aber es dient hier nur zur
Hinführung zum Ziffernrechnen, den "Algorismus", der über Indien und
die islamische Welt nach Europa vorgedrungen ist.

Michael Stifel 1487 geboren in Esslingen. Gestorben 1567 in Jena.


(?1487-1567) Wie Luther war er Augustiner-Eremit, wie Luther hielt er die katholischen
Institutionen für reichlich verrottet.

Die Vorstellung von Wissenschaft war in der Renaissance deutlich


verschieden von unserer heutigen Sicht.
So wie Kepler Horoskope stellte, berechneten Stifel und viele andere
den Termin für den Weltuntergang. Für unsere Begriffe geht da der
Erkenntnisoptimismus dann doch etwas zu weit.
Stifel benutzte dazu die Wortrechnung.
In seiner Schrift Vom End der Welt. Wittenberg 1532 verwendet er eine
Stelle aus Johannes 19,37, die in der Vulgata lautet:
Videbunt in quem transfixerunt (Sie werden sehen, in wen sie gestochen
haben.)
Hebt man alle Buchstaben mit Zahlwert hervor, dann ergibt sich:
VIDebVnt In qVeM transfIXerVnt oder umgeordnet
MDXVVVVIII = MDXXXIII = 1533
Vermutlich kam er zum Datum 19. Oktober 8:00 Uhr über die biblisch
8
stark belastete Zahl 42 = 7 * 6 und die Vorgabe, dass es ein Sonntag
sein muss.
Der 19.10.1533 ist der 42. Sonntag im Jahre 1533.
Auf Betreiben von Luther wurde Stifel in Schutzhaft genommen und
damit vor dem Zorn der Gemeindemitglieder gerettet.
Luther sorgte auch dafür, dass Stifel nach einer gewissen Pause wieder
Predigerstellen erhielt. Er musste allerdings von der Wortrechung
ablassen.
AArriitthhmmeettiiccaa Stifel wandte sich nun verstärkt der Mathematik zu.
iinntteeggrraa.. 11554444 Sein Hauptwerk ist die Arithmetica integra. 1544. Das Vorwort dazu
stammte von Philipp Melanchthon (1497-1560)
Im 1. Buch geht es um das Rechnen bis zum Wurzelrechnen. Beim
Wurzelrechnen verwendet er das Pascalsche Dreieck, das Blaise
Pascal (1623 – 1662) unabhängig von Stifel entdecke, allerdings
kannten es die Chinesen schon 1302.
Im 3. Buch geht es um Algebra. Hier gibt er als erster eine
Lösungsformel für alle Formen der quadratischen Gleichung an.

7
Deschauer, 1992, S. 3

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 10


Er geht dabei von der Normalform x² = ±px ± q aus.

Anfang: Beginne mit der Anzahl der Wurzeln,


halbiere sie und setze die Hälfte an die Stelle
A ± p/2
der Wurzel, wo sie stehen bleiben soll, bis die
ganze Operation ausgeführt ist.
M Multipliziere dies Hälfte mit sich (± p/2)²
Addiere oder Subtrahiere, wie es das
AS Vorzeichen des hinzuzufügenden oder (± p/2)² ± q
abzuziehenden Gliedes verlangt.
Aus der Summe oder dem Rest ist die Wurzel((± p/2)² ±
I
Quadratwurzel zu finden q)
Addiere oder Subtrahiere, wie es das Wurzel((± p/2)² ±
AS
Vorzeichen verlangt. q)± p/2
Merkregel: AMASIAS
Als Beispiel wählt er x² = x + 35156 und erhält als Lösung: x= 188, die
negative Lösung x = - 187 wird nicht erwähnt.
2
Der Fall x = - px - q, der auf zwei negative Lösungen führt, kommt bei
9
Stifel nicht vor.

In diesen Buch findet sich auch die Vorbereitung auf das logarithmische
Rechnen
-3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 6
1/8 1/4 1/2 1 2 4 8 16 32 64
fol. 249vf findet sich die obige Tabelle und Stifel fügt an:
"Was auch immer die geometrische Zahlenfolge durch Multiplizieren und
Dividieren bewirkt, das bewirkt die arithmetische Zahlenfolge durch
logarithmische Addieren und Subtrahieren.
Rechnen Beispiel: Wie 1/8 mit 64 multipliziert 8 ergibt, so gibt -3 zu 6 addiert 3.
Es ist aber -3 der Exponent von 1/8, sowie 6 der Exponent von 64 und 3
der Exponent der Zahl 8." Zitiert nach Bauer u.a. S. 84

LLiitteerraattuurr::

Gericke, Helmut: Mathematik in Antike und Orient. Berlin. Heidelberg 1984. Mathematik im Abendland.
Von den römischen Feldmessern bis zu Descartes. Berlin. Heidelberg 1990
(Sonderausgabe in einem Band. Wiesbaden 1992)

Folkerts; Knobloch; Reich: Maß, Zahl und Gewicht. Wolfenbüttel 1989

Ries, Adam: Das 2. Rechenbuch von Adam Ries. Eine moderne Fassung mit Kommentar und
metrologischen Anhang und einer Einführung in Leben und Werk des Rechenmeisters
von Stefan Deschauer. Braunschweig 1992.

Johannes Tropfke: Geschichte der Elementarmathematik. 4. Auflage Band I. Arithmetik und Algebra.
Vollständig neu bearbeitet von Kurt Vogel. Karin Reich und Helmuth Gericke. (Walter de
Gruyter) Berlin. New York 1980

Waerden, B. L. van der: Erwachende Wissenschaft. Ägyptische, babylonische und griechische


Mathematik. Basel. Stuttgart 1956

Waerden, B. L. van der: Die Pythagoreer. Religiöse Bruderschaft und schule der Wissenschaft. Zürich.
München 1979

http://www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/BiogIndex.html
8
siehe Rudolf Suntrup; Heinz Meyer: Lexikon der mittelalterlichen Zahlenbedeutungen. München
1987
9
fol. 240v. Zitiert nach Reich 1989, S. 89

Maurer: Streifzug durch die Geschichte der Mathematik / Seite 11