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Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Geschichten mit Paulina, die kleine


Wiesenhummel
Eine Geschichte von Hanna Kirschbaum, mit Illustrationen von Christine
Kugler, erschienen im Arena Verlag.
Erste Geschichte: Ein schöner Ausflug
Paulina, die kleine Wiesenhummel, sitzt auf einem Weidenkätzchen und

schaukelt sanft vor sich hin.

Die ersten Strahlen der Frühlingssonne scheinen ihr auf den Pelz und das ist

ein wunderbares Gefühl. Endlich wieder Wärme spüren! Endlich brechen die

Knospen auf und lassen die grünen Blättchen frei. Die Natur erwacht aus

ihrem Winterschlaf.

„Ich freue mich so über die Osterglocken“, sagt plötzlich jemand neben

Paulina. Ein Marienkäfer, ein Siebenpunkt!

„Ich heiße Mariechen und Gelb ist meine Lieblingsfarbe“, sagt der kleine

Käfer.

„Findest du nicht auch, Osterglocken duften nach Frühlingssonne?", fährt

Mariechen fort. „Und eine ganze Wiese davon kann einen verregneten Tag

retten.“

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„Was für ein Schlau-Käferchen!“, ruft jemand dazwischen.

„Schau an, schau an! Ein Marienkäfer, der sich mit dem Wetter auskennt und

weiß, dass die Sonne auch mal ein Päuschen macht." Rudi, der Hirschkäfer,

hält sich den Bauch vor Lachen. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist

Rudi.“

„Dein Name klingt nett", sagt Mariechen. „Aber deine komischen Hörner …“

„Das sind keine Hörner, das ist ein Geweih", erklärt Rudi. „Ich gehöre

sozusagen zu den Hirschen unter den Käfern.“

„Angenehm“, sagt Paulina. »Und ich bin eine Hummelprinzessin und heiße

Paulina. Du darfst gern mit uns zusammen schaukeln. Aber nimm uns nicht

auf deine Schaufeln!«

„Fast gereimt!", ruft Rudi. „Aber verrate mir doch bitte mal, warum wir eine

Prinzessin wie dich in unserem schönen Krabbelonien brauchen?“

„Damit unser schönes Krabbelonien auch schön bleibt", antwortet Paulina.

„Hast du nicht auch bemerkt, dass das große Krabbeln zu einem kleinen

Krabbeln geworden ist?“

„Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagt Rudi nachdenklich. „Das Gesumm

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und Gebrumm ist leiser geworden.“

„Und deshalb werde ich nach Hummelkräften allen Bewohnern Krabbeloniens

eine gute Prinzessin sein", verspricht Paulina. „Kein noch so kleiner Käfer,

kein Würmchen, keine Spinne und nicht ein einziger Schmetterling dürfen

verloren gehen. Jeder soll seine Aufgaben erfüllen können, dann fühlen sich

alle hummelig wohl.“

Rudi ist beeindruckt. „Wir sind dabei!", sagt er. „Und damit spreche ich für alle

Käfer Krabbeloniens.“

Auf einmal hören sie ein feines helles Stimmchen, das zaghaft fragt: „Habt ihr

noch ein Plätzchen auf euren Weidenkätzchen?"

„Da reimt einer, der weiß, wie es geht“, sagt Rudi.

„Wer mag das sein, so früh am Morgen?", fragt Paulina.

„Ich“, antwortet ein zartes Geschöpf, das ein bisschen an eine gelb-graue

Blüte erinnert. Mit großen durchsichtigen Flügeln, die über dem Rücken

zusammengeklappt sind, sitzt es neben Mariechen und lächelt.

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„Neben dir komme ich mir vor wie ein dicker roter Brummer", sagt Mariechen.

„Wie heißt du denn?“

„Ich habe keinen Namen", sagt das zarte Wesen. „Denn ich bin eine

Eintagsfliege. Für einen Tag braucht man keinen Namen.“

„So einen Mumpitz habe ich ja noch nie gehört", posaunt Rudi heraus. „Wie

sollen wir denn zusammen spielen, wenn du nicht mal einen Namen hast!“

„Und wir sollten sofort mit dem Spielen anfangen!“, ruft Mariechen. „Denn ein

Tag ist schnell gelebt.“

„Als Erstes machen wir einen Ausflug“, schlägt Paulina vor. „Ich weiß sogar,

wohin!“

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Schon erhebt sie sich, und mit Gesumm und Gebrumm fliegt sie los durch

den klaren Frühlingsmorgen. Gefolgt von Mariechen und Rudi und von der

Eintagsfliege ohne Namen.

Die Weidenkätzchen sind fast nicht mehr zu sehen, da landet Paulina auf

einer Fensterbank. „Hier wohnen manchmal Menschen", verrät sie. „Aber sie

kommen nur hierher, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen. Und

in der Zwischenzeit macht sich der Spinnewipp eine schöne Zeit hier. Er

spinnt seine Netze und fängt schon mal ein paar fiese Mücken.“

„Wie nett von ihm“, staunt Mariechen.

„Solange er keine Eintagsfliegen zum Frühstück verspeist, kann er spinnen,

soviel er will!", meint Rudi.

„Klopf mal ans Fenster, Rudi!", bittet Paulina den Hirschkäfer. „Vielleicht ist

der Spinnewipp noch gar nicht nach draußen gekrabbelt.“ Aber da hat sich

Paulina geirrt.

„Hier bin ich!", ruft der Spinnewipp. „Wer mich findet, hat gewonnen und kriegt

einen Preis!“

„Ich seh dich, ich seh dich“, fiept die Eintagsfliege und ihr Stimmchen zittert

vor Aufregung.

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Immerzu kreist sie über einer Regentonne, denn genau da, zwischen

Regentonne und Hauswand, spannt sich ein wunderschönes Netz. Und

mittendrin sitzt der Spinnewipp, umgeben von glitzernden Tautröpfchen.

„Wo bleibt die Überraschung?", fragt Mariechen ungeduldig. „Die Eintagsfliege

hat gewonnen und kann nicht bis morgen warten.“

„Ich leg gleich los“, verspricht der Spinnewipp. Und mir nichts, dir nichts, hat

er zwischen einem Baumstumpf und einem Stein ein Netz gesponnen mit

kleinen, gleichmäßigen Löchern.

„Ein Trampolin, juchhu!“, ruft Mariechen und lässt sich gleich in das Netz

plumpsen, um einen Salto vorzuführen.

„Hast du um Erlaubnis gebeten?“, fragt Paulina streng. „Schließlich ist das

nicht dein Trampolin!“

„Hab ich wohl vergessen“, sagt Mariechen kleinlaut.

„Macht nichts", tröstet sie die Eintagsfliege und klettert ins Netz. „Ich halte

mich nicht damit auf, jemandem böse zu sein, nur weil er mein Trampolin

benutzt. Wer will, darf mitspringen!“

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Das lässt sich Rudi nicht zweimal sagen und auch Paulina macht gleich mit.

„So einen Käferflug hat die Welt noch nicht gesehen", jubelt Rudi.

Und weil die Eintagsfliege sehr, sehr leicht ist, federt sie höher und höher und

plötzlich ist sie verschwunden.

Zweite Geschichte: Netzalarm!

„Netzalarm!", ruft Paulina. „Die

Eintagsfliege ist nicht von ihrem

Trampolinsprung zurückgekehrt.

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Schnäuzchen muss unsere

Eintagsfliege aufspüren!“

Schnäuzchen, der Rüsselkäfer, lässt nicht lange auf sich warten. Er setzt sein

Blaulicht auf und saust gleich los.

„Zum Glück hatte ich Rückenwind", schnauft er atemlos. „Ich berechne kurz

die Flugbahn, das erleichtert das Suchen.“

„Wir können die Eintagsfliege nicht einmal rufen“, jammert Mariechen. „Sie

hat nämlich keinen Namen!“

„Typisch Eintagsfliege", sagt Schnäuzchen. „Aber macht euch keine Sorgen,

ich habe da schon eine Idee. Alle Mann mir nach!“

Schnäuzchen führt sie hoch in die Lüfte bis in einen blühenden Kirschbaum.

„Ich glaub, mein Schwein pfeift!", ruft Rudi. „Was für ein Blütenmeer! Wo ist

bloß die Welt geblieben?“

„Bin ich schon im Himmel?“, fragt plötzlich ein zartes Stimmchen. Die

Eintagsfliege!

„Nein, nein", antwortet Rudi. „Das hier ist der Himmel auf Erden.

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Kirschblütenzeit! Und der Winter kann sich vom Acker machen.“

„Ich habe jemanden kennengelernt", sagt die Eintagsfliege stolz. „Einen

vornehmen Rosenkäfer. Darf ich vorstellen: Emeraldo vom Rosenbogen.“

„Angenehm!", sagt der Rosenkäfer mit einer leichten Verbeugung. „Ich wohne

im Schlossgarten. Aber der Kirschblüte mache ich jedes Jahr meine

Aufwartung. Einem Wunder wie diesem können wir nicht genug huldigen.“

„Hast du Bauchschmerzen oder Panzerknacken? Du sprichst so komisch",

wundert sich Mariechen.

„Mir geht es vorzüglich, mein Fräulein", entgegnet Emeraldo. „Wenn man im

Schlossgarten wohnt, sollte man sich den Gepflogenheiten dort anpassen

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und sich nicht wie ein Kartoffelkäfer ausdrücken.“

„Ge-was?“, fragt Mariechen verwirrt.

„Den Gepflogenheiten, den Gewohnheiten eben“, antwortet Emeraldo leicht

gereizt.

„Der Herr Emeraldo kann mich zum Schlossteich bringen", wispert die

Eintagsfliege auf einmal. „Ich muss noch heute dort Eier abwerfen. Sonst gibt

es keine neuen Eintagsfliegen mehr.“

„Wir werden dich begleiten", sagt Paulina, „bis dein Tag zu Ende geht.“

„Ohne den Spinnewipp und sein Trampolin hätten wir uns nie kennengelernt,

Herr Emeraldo", säuselt die Eintagsfliege. „Dann wäre ich nie in den

Kirschbaum geflogen und hätte nie Ihren schönen Panzer in der Sonne

funkeln sehen.“

„Auch ein kurzes Leben kann aufregend sein", sagt Emeraldo. „Wenn man

nicht auf dem erstbesten Ästchen hocken bleibt.“

„Und wenn man keine Angst vor dem Springen und dem Hochfliegen hat",

fügt Paulina hinzu.

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„Die Zeit vergeht unentwegt und jede Sekunde, die vergangen ist, kehrt nie

wieder zu uns zurück", sagt Emeraldo nachdenklich.

„Also auf, auf, in die Lüfte, ihr Quasselstrippen!", ruft Rudi. „Raus aus den

Blüten, rein in die Welt. Wenn es Abend wird, ist immer noch Zeit, sich

auszuruhen.“

Am Schlossteich angekommen, schwirrt die Eintagsfliege über dem Wasser

und wirft viele, viele Eier ab. „Fangt mich doch!", ruft sie dann, so laut sie mit

ihrem dünnen Stimmchen rufen kann. Doch die anderen erwischen sie nicht,

sosehr sie sich auch anstrengen.

„Kein Spiel für Hirschkäfer“, sagt Rudi schließlich atemlos. „Ich setze mich

lieber ins Schilf und schau zu.“

Auch Paulina und Mariechen geben sich geschlagen und der Spinnewipp ist

sowieso zu Hause geblieben. Doch die kleine Eintagsfliege kann nicht

aufhören mit ihrem wilden Tanz über dem Wasser.

Und je mehr Emeraldo die Flugkünste der kleinen Eintagsfliege bewundert,

umso gewagter wird ihr Tanz.

„Ich möchte dich in Erinnerung behalten, kleine Fliege", sagt Emeraldo.

„Deshalb brauchst du einen Namen. Dein Tanz hat mich entzückt und mir

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meinen Tag versüßt. Du sollst Fiona heißen.“

Da wird die kleine Eintagsfliege langsamer und langsamer und sinkt zufrieden

auf ein Seerosenblatt. Gleich neben ihre Freunde.

„Danke für diesen wundervollen Tag und für den schönen Namen", sagt sie

leise.

„Hast du noch einen Wunsch?“, fragt Paulina.

„Ja, einen Wunsch hätte ich noch", wispert Fiona. „Ich möchte gern zum

Einschlafen eine schöne Geschichte hören.“

Da beginnt Paulina zu erzählen. Von der kleinen Eintagsfliege, die drei

Wünsche frei hat und sich Freunde wünscht und einen schönen Tag. „Und

was macht sie mit dem letzten Wunsch?", flüstert Fiona müde.

„Sie wünscht sich, eines Tages als Fee wieder auf die Erde zu kommen",

erzählt Paulina weiter. „Und siehe da, seitdem wird aus jeder kleinen

Eintagsfliege eine kleine Fee. Und die hauchzarten Flügel der Feen erinnern

uns daran, dass sie, wie du, als kleine Fliegen über dem Wasser geschwirrt

sind.“

Da schläft Fiona selig ein und die Käfer sitzen noch lange mit Paulina

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zusammen und schauen dem Mond beim Scheinen zu.

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Dritte Geschichte: Ein unheimlicher Ort


Das ist doch der kleine Marienkäfer von neulich, denkt Rudi. Warum fliegt er

bloß so zackig hin und her?

„Moin, moin, Mariechen!", grüßt Rudi fröhlich. „Du bist ja schlimmer als ein

Sack Flöhe! Nicht mal auf dem alten Baumstumpf hat man seine Ruhe.“

„Ich bin so schrecklich aufgeregt, weil ich jetzt eine echte Prinzessin kenne",

erklärt Mariechen außer Atem. „Und ich habe gleich gemerkt, dass Paulina

mit ihrem gestreiften Pelz etwas ganz Besonderes ist …“

„… deshalb ist sie noch lange kein Tiger“, unterbricht Rudi den kleinen

Marienkäfer.

„Aber sie kann rückwärtsfliegen, Rudi. Das kannst du nicht! Und sie weiß so

viel über die Feen zu erzählen. Ist das nicht schön, dass es Paulina gibt?"

„Ja, sie ist schon eine echte Wuchtbrummne. Aber sag mal, Mariechen,

glaubst du wirklich an Feen?"

„Natürlich, Rudi. Was denkst denn du, woher die Schneeflocken kommen und

der Rosenduft, die Tautropfen und der Regenbogen? Und woher weiß der

Mond wohl, ob er gerade dick oder dünn sein soll, und woher wissen die

Bäume, wann sie ihre Blättchen abwerfen sollen, na, woher? Von den Feen

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natürlich!"

„Puh! Ich frag dich nie mehr was, Mariechen. Wenn du mit Antworten fertig

bist, habe ich den Anfang schon wieder vergessen. Du bist ja eine richtige

Plaudertasche."

„Danke für das Kompliment", sagt Mariechen. „Ich habe nichts gegen

Taschen, ganz im Gegenteil. Meine Sammlung ist waldbekannt. Du kannst sie

dir gern mal ansehen.“

„Danke für dein freundliches Angebot.

Aber ich interessiere mich mehr für

zarte Blättchen und leckere Pilze",

erklärt Rudi.

„Ach so", sagt Mariechen erstaunt. „Ich

wusste gar nicht, dass du Vegetarier

bist. Aber sag mal, Rudi, hast du

Paulina gesehen? Ich suche sie schon

seit drei Tagen. Ich will mich nämlich

mit ihr anfreunden.“

„Das ist eine gute Idee", findet Rudi. „Freunde wie Paulina hat man nie genug.

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Alte Hirschkäferweisheit!“

„Wo steckt sie bloß? Bei den Weidenkätzchen habe ich schon nachgesehen.

Und auch beim Haselstrauch und auf der Wiese mit dem Löwenzahn. Und ich

bin sogar in eine Osterglocke gekrabbelt, weil ich dachte, dass Paulina darin

schaukelt.“

Rudi will Mariechen unbedingt helfen, Paulina zu finden. „Lass mich

überlegen", sagt er. „Mir fällt immer was ein. Und wenn mir nichts einfällt, fällt

mir jemand ein, dem was einfällt.“

Mariechen wird ganz schwindelig von Rudis Worten, aber sie ist so

mucksmäuschenstill, dass man Schnäuzchen hören kann, der gerade ein

Birkenblatt aufrollt, um seine Larven zu schützen.

„Ich hab’s!", ruft Rudi plötzlich. „Wir werden Emeraldo aufsuchen. Er ist ein

echter Schlaukäfer. Und weißt du auch, warum? Weil seine Freundin eine

Bücherlaus ist. Sie heißt Livia und wohnt in der Schlossbibliothek. Sie kennt

alle schlauen Bücher.“

Mariechen ist sofort einverstanden und so fliegen sie gleich los.

Emeraldo sitzt wie immer in seinem Rosenbogen. Unentwegt schaut er auf

das gegenüberliegende Schlossfenster. Er scheint in Gedanken zu sein, denn

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Rudi muss ihn mit seinem Geweih anstupsen, damit er ihn und Mariechen

bemerkt.

„Oh Verzeihung", flötet Emeraldo. „Ich habe vor lauter Dichterei nicht bemerkt,

dass zwei liebe Freunde im Anflug sind.“

„Schon gut", sagt Rudi. „Wir brauchen deine Hilfe. Wir suchen Paulina und

finden sie nicht. Vielleicht kann deine kluge Freundin uns auf die Sprünge

helfen.“

„Das ist vortrefflich", meint Emeraldo. „Gerade wollte ich meiner liebsten Livia

ein kleines, von mir erdachtes Gedicht überreichen. Es ist eine Einladung zu

einem Stelldichein im Rosenbogen. So kann ich euch in die Bibliothek

begleiten. Livia wird entzückt sein, euch zu helfen.“

Mit lautem Gesumm nehmen die drei Kurs auf das Schloss. Emeraldo hat als

Erster ein geöffnetes Fenster entdeckt.

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„Hierher, Freunde!", ruft er. „Wir fliegen vom Kaminzimmer direkt in die

Bibliothek.“

Doch Rudi bleibt auf der Fensterbank sitzen. „Hier kriegen mich keine zehn

Heuschrecken rein!«, ruft er erschrocken.

„Aber warum denn?“, fragt Mariechen.

Rudi krabbelt keinen Millimeter weiter. „Guck mal da, über dem Kamin! Da

hängen Geweihe von Riesenhirschkäfern!", sagt er.

„Keine Sorge, hier wohnt kein Ungeheuer“, wispert jemand ein bisschen frech

und freundlich zugleich.

„Wer’s glaubt, wird selig", sagt Rudi. „Und dann noch diese unheimliche

Stimme! Ich bleibe hier draußen.“

„Das ist doch nur meine liebste Livia", beruhigt Emeraldo den Hirschkäfer.

„Sie ist so winzig, dass sie immer übersehen wird. Nur nicht von mir!“

Aber Rudi hat seinen Entschluss gefasst: „Ein Schloss ist kein gemütlicher Ort

für Käfer!", meint er. „Alte Wanzenweisheit! Ich passe lieber auf, dass ihr nicht

auch über dem Kamin landet.“

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Vierte Geschichte: Livia kann helfen


Inzwischen blättert Livia mit Emeraldos Hilfe in einem Buch über Hummeln.

„Wenn wir wissen, wo Hummeln wohnen und wie sie ihren Tag verbringen,

sind wir Paulina bald auf der Spur", erklärt Livia.

„Also: Wiesenhummeln wie Paulina wohnen am liebsten in verlassenen

Mäusenestern, die sie mit Gras auspolstern."

„Jetzt ist mir alles klar", seufzt Mariechen. „Nelly, die Feldmaus, ist doch vor

einer Woche in die Stadt umgezogen. Und sie hat mir erzählt, dass sie ganz

schnell jemanden gefunden hat, der in ihre Wohnung einzieht. Am besten

fliegen wir gleich dorthin!“

„Überraschungsbesuche sind nicht immer die beste Wahl", gibt Emeraldo mit

näselnder Stimme zu bedenken. „Und außerdem möchte ich in Ruhe mein

Gedicht für Livia rezitieren.“

„Rezi-was?“, fragt Mariechen.

„Rezitieren, also fein vorlesen“, erklärt Emeraldo.

Dann baut er sich so vor Livia auf, dass das Sonnenlicht seine Flügel funkeln

lässt wie ein Smaragd.

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„Einladung …", beginnt er feierlich. „Livia, du meine Rose, schöner als die

Herbstzeitlose! Wenn der Wind streicht durchs Geäst, komm zu mir, komm in

mein Nest.“

Livia krabbelt vor Freude die Buchseiten hinauf und herunter und verspricht,

Emeraldos Einladung gleich am nächsten Tag anzunehmen.

„Wer kann einem Rosenkäfer wie dir schon einen Korb geben", wispert sie

verliebt.

Mariechen ist inzwischen wieder bei Rudi auf der Fensterbank gelandet.

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„Erst die schlechte Nachricht", sagt sie genervt. „Mit verliebten Käfern kann

man nicht viel anfangen. Und jetzt die gute Nachricht: Ich weiß, wo Paulina

wohnt. In Nellys altem Erdbau.“

Rudi ist froh, dass er endlich den unheimlichen Ort verlassen kann. Eine alte

Mäusewohnung ist ihm viel lieber als ein Gruselschloss.

Kurze Zeit später kommen sie bei Paulinas neuer Wohnung an. Vorsichtig

schaut Mariechen in den Bau. Und sie hat Glück. Paulina ist wirklich zu

Hause. Sie sitzt auf einem Topf in der Mitte des Wohnzimmers und ruft mit

leiser Stimme: „Ich muss hier sitzen bleiben! Sonst werden meine Larven kalt

und können nicht wachsen."

Mariechen ist sprachlos. Eine Prinzessin, die auf einem Topf sitzt und wie ein

Vogel brütet! „Das hat die Welt noch nicht gesehen“, bemerkt Rudi, der sich

ebenso wundert wie Mariechen.

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„Wollt ihr nur staunen oder könnt ihr mir etwas zu essen bringen?", fragt

Paulina ungeduldig. „Ich habe in den drei Tagen, die ich hier brüte, kaum

etwas zu mir genommen. Ein bisschen Nektar könnte nicht schaden. Ich

muss vielleicht noch einen Tag lang hier sitzen.“

„Wir werden alles dafür tun, dass du weiterbrüten kannst, Paulina", verspricht

Mariechen. „Es wäre doch furchtbar, wenn keine Hummelbabys aus dem Nest

krabbeln würden. Wer soll dann die Blumen bestäuben und im Sommer die

Glockenblumen läuten? Wir fliegen gleich los, Paulina, und saugen Nektar für

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dich.“

Mariechen klappt die Flügel auf und zu und noch mal auf und zu und weiß gar

nicht, wohin sie zuerst fliegen soll.

„Ich frage mich, wie wir den Nektar aus den Blüten kriegen sollen", sagt Rudi

schließlich. „Du siehst nicht aus wie ein Rüsselkäfer und mein Geweih ist zum

Saugen ungeeignet. Schnäuzchen ist der Einzige, dem ich zutraue, den

Blumen ihren Nektar zu stibitzen.“

„Das ist es, Rudi!", freut sich Mariechen. „Wir brauchen Schnäuzchens Hilfe.

Eben saß er noch in der kleinen Birke. Vielleicht haben wir Glück.“

„Ihr seid ja ein richtiges Himmelfahrtskommando!", macht Schnäuzchen sich

lustig, als Rudi und Mariechen mit einem Affenzahn in die Birke fliegen.

„Schon mal was von Geschwindigkeitsbegrenzung gehört?“

„Gehört ja", meint Rudi. „Aber später ist immer noch Zeit, uns die Leviten zu

lesen. Wir brauchen jetzt deine Hilfe!“ Und Mariechen erzählt Schnäuzchen

von der brütenden Paulina. „Wenn sie nicht bald was zu essen bekommt,

kippt sie vielleicht vom Topf, und das ist das Ende der Hummelei.“

„Abgemacht, ich helfe euch", verspricht Schnäuzchen. „Aber den Transport

übernehme ich nicht.“

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„Das lass unsere Sorge sein", sagt Mariechen. „Ich habe eine

Taschensammlung. Wenn jeder zwei Taschen voll Nektar trägt, wird das für

die nächsten Tage reichen.“

Rudi traut seinen Ohren nicht. „Das ist nicht dein Ernst, Mariechen", beschwert

er sich. „Ein Hirschkäfer mit zwei Marienkäfertaschen am Geweih! Ich mach

mich zum Gespött des Waldes.“

„Hier geht es um Leben und Tod, Rudi!", entgegnet Mariechen. „Da wirst du

wohl ein bisschen Neckerei ertragen.“

„Wir fangen auf der Lichtung an“, sagt Schnäuzchen. „Ich sauge und ihr haltet

die Taschen auf.“ Rudi sieht ein, dass er lieber nicht widerspricht, und im Nu

sind vier Taschen voll mit goldenem Nektar von Krokussen, Narzissen, Tulpen

und Löwenzahn.

Mariechen kann es kaum erwarten, Paulina mit den vollen Taschen zu

überraschen. Rudi fliegt wohl oder übel mit.

Doch seine schlechte Laune hält nicht lange an. Denn als sie in Paulinas

Wohnung krabbeln, ist die Freude groß: Paulina sitzt glücklich inmitten ihrer

Hummelbabys.

„Danke, Freunde!", sagt sie, nachdem sie von der süßen Speise gekostet hat.

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„Löwenzahnnektar ist einfach köstlich! Ich würde mich freuen, wenn ihr Paten

für meine Hummeln werden könntet!“

„Oh ja", haucht Mariechen. „Mir ist ganz hummelig zumute bei dem Gedanken,

Patentante zu werden. Ich suche mir gleich zwei Hummelbabys aus. Und ich

weiß auch schon, wie sie heißen sollen: Fellchen und Bällchen!“

„Ich verzichte", sagt Rudi. „Ich habe nämlich schon ein Patenkind. Das

Regenwürmchen 219. Wenn 219 sich um mein Geweih schlängelt, hab ich

genug damit zu tun, mein Gleichgewicht zu halten.“

„Das kann ich gut verstehen, Rudi", sagt Paulina. „Ich kenne einen tollen

Käferspielplatz mit einem Sandkasten. Extra für Regenwürmer! Da können wir

morgen zusammen hinfliegen.“

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Geschichten mit Paulina, die kleine Wiesenhummel


Geschichte aus: Paulina, die kleine Wiesenhummel
Autor: Hanna Kirschbaum
Illustration: Christine Kugler
Verlag: Arena
Alterseinstufung: ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-401-71326-7

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