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Skript 09 Architekturtheorie II: Architekturtheoretische Grundbegriffe/SoSe 2019 Prof. Dr.-Ing. habil. Jörg H.

Gleiter, FG Architekturtheorie TU Berlin

Theorie III: Gestalttheorie und Archi-


tekturpsychologie

Jeder Akt der Wahrnehmung ist an einen Akt der Interpretation gekoppelt,
so unbewusst dies im Alltag auch geschehen mag. Wahrnehmung gründet
einerseits in der Sinneswahrnehmung, ist andererseits aber nicht nur ein
sinnliches oder sinnesphysiologisches, sondern ebenso ein kognitives Er-
eignis. Wahrnehmen ist immer ein Akt der Erkenntnis. Das Wissensgebiet,
das als Teil der Ästhetik die Frage nach dem kognitiven Anteil an der opti-
schen Wahrnehmung stellt, heißt Gestalttheorie.

Dass Wahrnehmen immer auch ein kognitiver Akt ist, das lässt sich an
einem bekannten Vexierbild aus zwei schwarzen und weißen Flächen zei-
gen. Je nachdem zeigen sich dem Betrachter zwei unterschiedliche Motive:

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entweder in der Mitte des Bildes eine Vase oder zwei einander zugewand- gang Köhler, Kurt Koffka, Adhémar Gelb, Kurt Goldstein, Erich von
te Gesichter im Profil. Erstaunlich ist, dass es ein und dieselbe Linie ist, die Hornbostel und Kurt Lewin verbindet. 1933 wurden die Protagonisten der
das Erkennen von zwei völlig verschiedenen Figuren möglich macht. Da- Gestalttheorie ins Exil gezwungen. Mit Wolfgang Metzgers Buch Gesetze
bei müssen wir davon ausgehen, dass unabhängig davon, welches Bild wir des Sehens (1975) besitzt die Gestalttheorie ein gültiges Standardwerk.
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gerade sehen, die Nervenreizungen auf unserer Netzhaut identisch sind.


Der Gestalttheorie gingen die physiologischen Forschungen von Wilhelm
Das lässt nur einen Schluss zu: Wir sehen offensichtlich mehr, als uns das
Wundt in Leipzig und Hermann von Helmholtz in Berlin voraus. Im Zent-
Bild auf der Netzhaut bietet.
rum von Helmholtz’ Forschungen stand die Untersuchung des Sehvor-
Es gibt aber auch Fälle, wie bei Suchbildern, in denen wir nichts erkennen, gangs und der individuellen Erkenntnisleistung des Betrachters. Dieses
während andere sich schon lange an den entdeckten Figuren erfreuen. Wir schlug sich in seinen zwei Büchern Physiologie der Optik (1856 und 1867)
wissen wohl, dass optische Täuschungen, wie zum Beispiel eine Fata Mor- nieder. Grundlage für Helmholtz’ Erkenntnisse war, dass uns das, was wir
gana, von physikalischen Gesetzlichkeiten bewirkt werden können, aber als Objekt sehen, in erster Linie als ein Energiefeld aus Lichtwellen vermit-
gerade dieses kann im Falle des erwähnten Vexierbildes ausgeschlossen telt wird. Man könnte auch sagen, dass wir das Objekt selbst nicht sehen,
werden. Die Täuschung in unserem Falle – wenn man überhaupt von einer sondern nur vermittels Teilchenwellen, die auf die Netzhaut auftreffen.
Täuschung sprechen kann – findet offensichtlich woanders statt. Sie hat Dort werden diese in unzählige Nervenimpulse umgesetzt, die über ge-
etwas mit unserer Erkenntnisfähigkeit von Linien, Flächen, Volumina und bündelte Nervenfasern – und noch dazu über Kreuz – ins Gehirn geleitet
Farben zu tun. und dort offensichtlich zu einem Bild, zu einem mental image zusammen-
gesetzt werden. Wie wir wissen, steht dabei das Bild, das wie in einer
Die Frage drängt sich auf, was denn geschehen muss, damit aus einer spe-
Lochkamera im Auge auf die Netzhaut trifft, auch noch auf dem Kopf.
zifischen Reizverteilung auf der Netzhaut des Auges ein Eindruck ent-
Wenn allerdings im Alltag die Dinge, die wir sehen, nicht auf dem Kopf
steht, den wir als visuelle Erfahrung bezeichnen und als Figur benennen
stehen, so ist das ein weiterer Hinweis darauf, dass das Sehen auf nicht
können. Seine Bedeutung für die Architektur hat dies, wo wir es im Ent-
unerhebliche Weise eine Leistung des Gehirns sein muss.
wurfsprozess mit zeichnerischen Methoden, mit Linien- und Flächenfigu-
ren zu tun haben, mit denen das später zu Bauende als konkrete Figur Das Sehen ist keineswegs nur ein passiver Akt. Nach Helmholtz erfährt
gelesen werden soll, wie wir auch im täglichen Umgang in der gebauten der Mensch den Raum eben nicht nach euklidischen, geometrisch präzise
Umwelt ständig Figuren unterscheiden oder gar unterscheiden müssen, um bestimmbaren Konstanten, sondern nach eigenen, für den Menschen cha-
überhaupt etwas zu erkennen. rakteristischen Parametern. Es ist immer irgendwie das Subjekt daran be-
teiligt. Das heißt, dass, in Abhängigkeit von der Physiologie der Sinne, das
Wahrgenommene Resultat eines produktiven Prozesses des individuellen
1 Gestalttheorie und Gestaltpsychologie Die Gestalttheorie entstand seit Subjekts ist und dabei gewissen Gesetzen folgt, die Allgemeingültigkeit
1910. Einer ihrer wichtigen Protagonisten war Max Wertheimer. Das Zent- beanspruchen können, sich aber dennoch nicht auf physikalische und phy-
rum der Forschung war zuerst Frankfurt am Main, später Berlin. Man siologische Kausalitäten zurückführen lassen.
spricht auch von der Berliner Schule, die sich mit den Namen von Wolf-

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Darauf legt die Gestalttheorie den Akzent. Sie beschäftigt sich mit jenem punkte mehr gab, wurde die räumliche Tiefe durch differenzierte Farb-
Anteil in der Wahrnehmung, der etwas mit unseren Sehgewohnheiten zu eindrücke erreicht. Max Liebermann war der Ansicht, dass die Maler im-
tun hat, aber eben nicht physikalisch erklärt werden kann. Wie das Bei- mer nur malten, was sie zu sehen sich einbildeten, ohne Anspruch auf
spiel mit der Vase zeigt, sehen wir ja mehr, als im Netzhautbild vorhanden Nachahmung der Wirklichkeit. „Wer die Natur schildert, schildert nur sich
ist, denn wir sehen nicht zwei Flächen, weiß und schwarz, sondern jeweils und die Feinheit und Härte seines Gefühls“ . 2

eine Figur. Rein physikalisch erfahren wir Identisches, aber es scheint Ge-
Die Fragestellung der Gestalttheorie lässt sich an La Gioconda von Leonar-
setze zu geben, die es möglich machen, dass zwei unterschiedliche mentale
do da Vinci, dem Bildnis der sogenannten Mona Lisa, herausarbeiten. Be-
Bilder entstehen können, entweder eine Vase oder zwei Gesichter.
trachtet man das eigenartige, unerklärliche Lächeln, so stellt sich zurecht
Die Gestalttheorie fragt nach den objektiven Gründen dafür, warum man die Frage, wie wir überhaupt von einem Lächeln sprechen können. Wie
einmal dieses und ein anderes Mal jenes sieht, obwohl doch nachweislich können wir von bestimmten Eigenschaften eines Bildes oder einer Person
dieselbe Nervenreizung zugrunde liegt. Fragen wir uns aber nach der psy- reden, zum Beispiel von Trauer oder Heiterkeit, obwohl wir genau wissen,
chologischen Disposition, warum bestimmte Testpersonen immer zuerst dass die Lichtwellen, die uns einen sinnlichen Eindruck vermitteln, auf-
die Vase, andere Testpersonen aber erst im zweiten Schritt und eventuell grund ihrer physikalischen Eigenschaften und aufgrund unserer Sinnesor-
nur mit Mühe die Vase erkennen, so markiert dies die Schwelle von der gane keine Emotionen transportieren können. Der Farbeindruck und die
Gestalttheorie zur Gestalt- oder Wahrnehmungspsychologie. Emotion entstehen erst in uns, wie wir von Helmholtz wissen. Die Farben
sind keine Eigenschaften der Körper, sondern verdanken sich der „indivi-
duellen Reizung des Sehnervenapparates“ . Die Lichtstrahlen selbst sind
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2 Vom Aufbau der Sehwelt Interessanterweise haben sich die Maler des nicht farbig, sondern erwecken je nach ihrer Wellenlänge im Menschen
Impressionismus und des Pointillismus schon davor für diese Phänomene einen Farbeindruck. John Locke bezeichnete daher die Farbe als sekundäre
interessiert, jedoch vor dem Hintergrund künstlerisch-ästhetischer Frage- Eigenschaft der Objekte, im Gegensatz zu den primären Eigenschaften wie
stellungen. Die subjektive Farb- und Raumwahrnehmung wurde zum Form und Material, Bewegung oder Größe.
Thema bei Paul Cezanne, William Turner, Claude Monet oder Georges
Man könnte jetzt einwenden, dass es für das Sehen einer gewissen Le-
Seurat. Ausgelöst durch Helmholtz’ wissenschaftliche Erkenntnisse über
benserfahrung bedarf. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Um
das Sehen, die Netzhautstruktur und die Farbwahrnehmung, versuchte
eine Vase zu erkennen, muss man schon eine Erfahrung mit einem ähnli-
zum Beispiel Seurat, in seinem Bild Ein Sommernachmittag auf der Île de la
chen Objekt gehabt haben. Charles S. Peirce sprach hier von einem voriko-
Grande Jatte (1884/85) diese Erkenntnisse in die Malerei umzusetzen.
nischen Wissen. Man muss die Figur oder das Bild schon einmal mit einem
Konsequent ersetzten die Maler des Impressionismus die älteren Techni- Begriff, mit einer Idee in Verbindung gebracht haben. Sehen heißt in einem
ken der geometrischen Perspektive und des euklidisch konstruierten gewissen Sinne Wiedererkennen gleicher oder ähnlicher Figuren. Roland
Raumes durch die Gesetze des subjektiven Netzhauteindrucks. Die Raum- Posner (*1942) prägte dafür auch den Begriff der signitiven Kompetenz, die
begrenzungen lösten sich in ihrer starren Geometrie auf, die Objekte selbst man besitzen muss, um im Gewirr der Linien eine Figur zu erkennen.
wurden als offen begrenzte Farbflächen dargestellt. Wo es keine Flucht-

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Die Gestalttheorie stellt dies nicht in Frage, entgegnet jedoch, dass auch weislich nicht tut, sondern immer in derselben Stellung verharrt? Warum
Kleinkinder und Säuglinge die Welt erfahren, dass sie zum Beispiel La- wirken manche gewölbten Räume auf uns erdrückend, andere aber erhe-
chen erwidern. Und gerade dieses Phänomen lässt sich nicht mehr mit bend, obwohl wir wissen, dass von den Lichtwellen diese Art der Eigen-
dem Erwerb eines ikonischen Vorwissens begründen. Metzger illustriert schaften, die Stimmungen nachweislich nicht übertragen werden können?
dies am Beispiel eines Schauspielers, der eine stolze Person spielt. Viel- Es muss nach Metzger an der Gestalt der Dinge liegen. Es sind die soge-
leicht, so Metzger, führt dies dazu, dass wir selbst eine stolze Haltung nannten Gestalt-Qualitäten, die Linienführung, die Gruppierung und An-
einnehmen, die wiederum auf andere die Wirkung des Stolzes haben ordnung der Teile, die Gesetze von Figur und Grund, die diese Eigen-
kann. Interessanterweise reden wir von einer stolzen Person, auch wenn schaften suggerieren.
wir nur ein Foto gesehen haben.
Bevor wir uns mit den Gesetzen der Gestalttheorie auseinandersetzen, gibt
Hier zeigt sich eine Position der Einfühlungs- und Nachfühlungstheorie: es jedoch noch ein Missverständnis auszuschließen. Es ist der Fall anzu-
Dass wir uns in die Person des Schauspielers hineinversetzen, das heißt sprechen, bei dem wir zum Beispiel mit dem Namen eines Gebäudes ein
einfühlen, um über die Körperhaltung das Gefühl des Stolzes nachzuvoll- bestimmtes Gefühl verbinden, von Häßlichkeit oder Lebensfreude. Jeder
ziehen. Die Frage ist dann, ob wir wirklich erst die äußere Haltung des hat es erfahren, dass bestimmte Gegenden und Landschaften einem zuwi-
Schauspielers nachahmen müssen, um uns in ihn einfühlen zu können, der sein oder auch das Gegenteil bewirken können, sodass wir von glück-
oder ob die formale Körperhaltung des Schauspielers nicht direkt auf uns lichen Landschaften sprechen. Dahinter steht, dass wir oft Assoziationen
wirkt. Metzger folgert: „Nachdem wir aber zugeben mußten, daß diese mit bestimmten Dingen verbinden. Vielleicht haben wir eine negative oder
Eigenschaft dort nicht nur vermutet, sondern wirklich vorgefunden wird, auch positive Erfahrung mit einer Person desselben Namens gemacht,
und zwar nicht als Leihgabe aus den eigenen Gefühls-Beständen des Be- oder wir haben mit ähnlichen Gegenständen etwas Schreckliches erfahren.
trachters, sondern als ursprüngliche Eigenschaft des Sehbildes selbst, Wilhelm Wundt spricht hier von Assimilationen, man könnte auch von
bleibt nur eine Antwort: daß sie in dem Sehbild neu entstanden ist.“ 4
Assoziationen oder semantischen Konnotationen sprechen.

Die beherrschende Frage für die Architektur ist demnach: Wie kommt der Wichtig ist: Der Gestalttheorie geht es gerade darum nicht. Es geht ihr
Ausdruck ins Bild, in die Fassade, in einen Raum, den wir zum Beispiel nicht um Gedankenassoziationen oder Eigenschaften, die wir entspre-
drückend oder beklemmend oder beglückend und befreiend empfinden? chend unserer individuellen Erfahrung in die Dinge hineinlegen, also mit
Einen Kirchturm empfinden wir als aufstrebend, uns in die Höhe ziehend, ihnen in Verbindung bringen, also assoziieren. Es geht nicht um die Pro-
obwohl wir wissen, dass er sich nicht bewegt, oder im Gegenteil, dass das zesse der semantischen Konnotierung und Rekonnotierung der Dinge,
Material unter dem Einfluss der Schwerkraft eher eine Tendenz nach un- sondern um die ihnen inhärenten Gestalteigenschaften, die wir unabhän-
ten besitzt. Von Gebäuden sagen wir, dass sie schwerfällig, elegant, leicht gig von unserer persönlichen Erfahrung wahrnehmen, eben die sogenann-
oder beschwingt sind, obwohl sie sich nie bewegen. Wie kann man über- ten Gestaltqualitäten.
haupt von einer dynamischen Architektur sprechen? Warum reden wir
Die Frage der Gestalttheorie ist, wie wir überhaupt bestimmte Formen und
von Ginger und Fred, einem Gebäude von Frank Gehry in Prag, als von
in ihnen noch Eigenschaften, also bestimmte Qualitäten, sehen oder erken-
einem dynamischen Gebäude, das vielleicht sogar tanzt, dies aber nach-
nen können, obwohl wir einerseits rein objektiv nur Lichtwellen empfan-

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gen, die weder heiter, noch traurig sind, noch sonst irgendwelche Eigen- ren, anwesenden Dinge zum Grund erklärt, vor dem wir dann Figuren
schaften haben. Das Interesse der Gestalttheorie liegt nicht in den Eigen- erkennen.
schaften, die wir in die Dinge hineinlegen, sondern in den Eigenschaften,
Ein anderes Beispiel ist eine rotierende Scheibe, die durch Linien, die
die diesen Dingen in ihrer Erscheinung angehören. Wir fällen also nicht
durch den Mittelpunkt gehen, in vier Segmentteile aufgeteilt ist. Je zwei
nur ein Urteil, wenn wir etwas sehen – was wir natürlich immer auch tun –
gegenüberliegende Segmente sind entweder weiß oder schwarz. Versetzt
, wir assoziieren auch nicht nur Gefühle oder Ereignisse, und wir fühlen
man nun die Scheibe in Rotation, so stellt sich schnell der Eindruck ein,
uns auch nicht nur in die Dinge hinein, sondern wir machen immer auch
dass eine schwarze Fläche rotiert, während die weiße Fläche stillzustehen
die Erfahrung von Eigenschaften und Qualitäten, die offensichtlich ir-
scheint, also den Grund bildet. Wir haben es also auch hier mit der Bezie-
gendwie von den äußeren Bedingungen des Gesehenen herkommen, de-
hung zwischen Figur und Grund zu tun. Die Figur erscheint bewegt, wäh-
ren Gesetze aber im Menschen und seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten
rend der Grund passiv ist, obwohl sich die Scheibe als Ganzes bewegt.
gesucht werden müssen.
2. Satz von Figur und Grund: Figuren haben Form, der Raum zwischen den
Im Folgenden sollen einige Gesetze der Gestalttheorie vorgestellt werden.
Figuren ist formlos.
Es versteht sich von selbst, dass die Gesetze und Sätze ihre Evidenz nur
aus den Anschauungsbeispielen erhalten. Unser Blick ist naturgemäß auf Dinge gerichtet, während wir in gewisser
Weise für die Zwischenräume blind sind. Den Blick auf die Zwischenräu-
me zu richten, muss gelernt werden. Das ist das Problem des Schützen
1. Gesetz: Gesetz von Figur und Grund Das erste und grundlegende Ge- beim Elfmeter: Nicht auf den Torwart zu zielen, sondern in den Raum
setz der Gestalttheorie ist das Gesetz von Figur und Grund. Wenn man zwischen Torwart und Tor, der für unser Sehen nicht als Figur existiert,
zum Beispiel hinten in einem Hörsaal sitzt und nach vorn schaut, so sieht sondern nur als gestaltloser Zwischenraum. Ein Bleistift, der in den Zwi-
man die Köpfe der Anwesenden in den vorderen Reihen von hinten. Man schenraum zwischen einem aufgeschlagenen Buch und einem Notizheft
sieht die Köpfe als Figur. Interessanterweise wird man die Fläche oder den abgelegt ist, wird leicht übersehen, während ein anderer, der diagonal
Raum dazwischen, der permanent auch sichtbar ist, kaum zur Kenntnis zum Buch liegt und selbst von diesem halb verdeckt wird, leichter wahr-
nehmen, obwohl die Konturlinien dieser Zwischenräume dieselben sind genommen wird. Im ersten Fall ist der Bleistift zwar unverdeckt, da er
wie die der Köpfe, ähnlich dem Vexierbild der Vase. Wir sehen in der Re- aber im Zwischenraum zwischen zwei dominanten Figuren liegt, wird
gel Autos, Bäume, Tische und Stühle, aber nicht den Zwischenraum zwi- man ihn schwerer erkennen können. Er ist quasi in aller Offenheit gut ver-
schen den Bäumen, zwischen den Tischen oder zwischen den Stühlen. steckt.

1. Satz von Figur und Grund: Figuren werden vor einem Hintergrund 3. Satz von Figur und Grund: Linien begrenzen zu einer Seite hin eine Figur,
wahrgenommen. Die Figur bestimmt, was Hintergrund ist. zur anderen Seite den Grund.

Wir sehen entweder eine schwarze Vase vor weißem Grund oder zwei Dass Zwischenräume in der Regel keine Form haben, hängt mit einer
weiße Gesichter vor schwarzem Grund. Wir können aber nie beides zu- merkwürdigen Eigenschaft der Wahrnehmung von Linien zusammen: Sie
gleich sehen. Gibt es keinen eindeutigen Hintergrund, so werden die ande- wirken figurbildend gewöhnlich nur nach einer Seite. Das lässt sich an

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einer Linie zeigen, die die Figur eines Mannes mit Hund bildet. Die Figur zu werden, als eine offene oder gebrochene. Wenn dennoch eine offene
wird immer nach einer Seite hin gelesen. Die andere Seite bildet den Konstellation als Figur gelesen wird, so wird sie gedanklich geschlossen.
Grund. Dabei wechseln die Seiten, die als Grund gesehen werden, ständig.
2. Satz vom Ganzen und seinen Teilen – Nähe der Linien: Als Figur wird jene
Die Seite macht, wie Metzger feststellt, entweder links oder rechts
Form erkannt, die von näher aneinanderliegenden Linien geformt wird.
„Dienst“. Immer wieder springt die Figur von der linken Seite auf die
rechte, und umgekehrt. Das heißt, dass das die Figur erzeugende Wir- 3. Satz vom Ganzen und seinen Teilen – Konvexität/Konkavität der Linien: Die
kungsfeld wechseln kann. Figur wird immer auf die konkave Seite, also die Innenseite einer Linie hin
gelesen. Nach der konvexen Seite, also auf die gewölbte Seite hin, wird sie
als Grund interpretiert.
2. Gesetz: Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile Die einzelnen
Einen Sonderfall stellt jene Situation dar, in der zwei Figuren eine gemein-
Teile eines Gebildes werden von drei Eigenschaften gebildet: Helligkeit,
same Begrenzungslinie teilen. Dann hat die Linie auf beiden Seiten eine
Farbton und Sättigungsgrad der Farbe. Nach Metzger lässt sich das auf die
Innenseite. Metzger stellt jedoch fest, dass sich der Eindruck einstellt, als
Intensität, die Wellenlänge und die Mischung der Lichtstrahlen zurück-
ob es hier zwei Linien gäbe. Der Strich erscheint mehr als eine Fuge denn
führen. Und trotzdem, die Gesamtheit aller Punkte, aus denen das Bild
als Trennungsstrich. Trotzdem gilt: Konvexität ist stärker als Geschlossen-
eines Gegenstandes zusammengesetzt ist, hat ganz andere Eigenschaften.
heit/Nähe, und klare, einfache Formen (einfacher Kreis) werden leichter
So sieht ein Gegenstand zum Beispiel straff, glatt, schlank, heiter, anmutig,
wahrgenommen als komplexe (konkaves Dreieck).
streng oder stolz aus. Er besitzt also Eigenschaften, welche die Lichtwellen
nicht transportieren können, aber in uns suggeriert werden.

Wir sehen eben nicht nur Helligkeiten, Intensitäten und Farben, sondern 3. Gesetz: Gesetz von Symmetrie und Ebenbreite
versuchen immer Figuren zu erkennen und zu interpretieren. Besonders 1. Satz von der Symmetrie: Symmetrische Formen werden leichter als Ge-
irritierend war in dieser Beziehung der abstrakte Expressionismus. Jackson stalt und Form erkannt als asymmetrische Formen.
Pollocks action paintings verweigern sich in ihrem dichten Liniengewirr
dem Lesen von Figuren. Von Leonardo da Vinci wird überliefert, dass er 2. Satz von der Ebenbreite: Gleichmäßig geformte Figuren werden eher als
seine Schüler zur Übung anhielt, auf den Oberflächen von alten Mauern Gestalt erkannt als ungleichmäßige Figuren.
einzelne Figuren zu unterscheiden – so wie man auch in Wolken Gestalten
erkennen kann. Auch die Sternbilder resultieren aus einem Erkennen von
3 Der Nutzen der Gestalttheorie für die Architektur Was hat das mit der
Gestalt in der zufälligen Konstellation der Sterne. So lassen sich in Bezug
Architektur zu tun? Ein Beispiel für die Bedeutung des Gestaltsehens in
auf das Verhältnis der Teile zum Ganzen, das wahrgenommen wird, die
der Architektur sind die Säulenordnungen, das Interkolumnium und das
folgenden Sätze formulieren:
Eckproblem des griechischen Tempels. In der Regel sehen wir Säulen,
1. Satz vom Ganzen und seinen Teilen – Geschlossenheit der Linien: Eine in sich nehmen aber die Zwischenräume kaum wahr. Zur Wirkung kommt das
geschlossene geometrische Figur hat größere Aussicht, als Figur erkannt Gesetz der Nähe, denn man sieht die näher beieinanderliegenden Linien

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als Figur, also die Säule, da das Interkolumnium breiter ist. Unterstützt Umschlagen der Figur-Grund-Relation zwischen Straßen und Plätzen ge-
wird dies durch das Gesetz der Konkavität. Mit der Entasis liest man die hört zur spezifischen Raum- und Stadterfahrung von Venedig. Dass in
Figur der gekrümmten Linien nach der Innenseite, also nach der konkaven Venedig der städtische Raum zur Figur wird, das macht das Besondere der
Seite hin, also auf die Seite der Säule hin. Stadt aus, deren Attraktion und das Vergnügen, sich dort aufzuhalten.

Um das Eckproblem zu lösen, wird das Interkolumnium an den Ecken Mit ihren geschwungenen, mal konvexen, mal konkaven Raumbegren-
jeweils verkleinert. So ist es möglich, mit einer ganzen Triglyphe, die im- zungen machte sich die Barockarchitektur (Sant’Ivo von Francesco Borro-
mer achsensymmetrisch über der Stütze angebracht sein soll, den Meto- mini, Wieskirche von Dominikus Zimmermann) die gestalttheoretischen
pen- und Triglyphenfries übereck zu führen. Die Verkleinerung des je- Gesetze unseres Sehens zur Ausgangsbasis ihres räumlichen Illusionismus.
weils äußersten Interkolumniums fällt aber nicht auf, weil wir immer die Für die Moderne ließe sich die Architektur von Giuseppe Terragni und für
Säule als Figur wahrnehmen und nicht das Interkolumnium zum Maß die dekonstruktivistische Architekturpraxis die Projekte Peter Eisenmans
unserer Wahrnehmung erheben. Da die Dimensionen der Säulen gleich- anführen. Mit ihrer Technik der Spur, der Verschiebungen und Drehungen
bleiben, fällt die Veränderung des Interkolumniums nicht weiter auf. Mit gründeten beide Architekten ihre Architekturpraxis auf den Wahrneh-
der Verkleinerung des Rasters im äußersten Element stellt sich dazu noch mungsgesetzen der Gestalttheorie.
eine weitere Wirkung ein. Der Tempel wirkt kompakter. Ohne diesen ge-
Mit seinem Buch Atmosphäre und dem Versuch einer Neuen Ästhetik wand-
stalttheoretischen Trick würde der Tempel weniger konzentriert wirken.
te sich Gernot Böhme gegen die Gestalttheorie. Böhme besteht darauf, dass
Die Figur-Grund-Relation macht man sich auch in den sogenannten der primäre Gegenstand der Wahrnehmung weder Gestalten, Gegenstän-
Schwarzplänen, zum Beispiel im Nolliplan von Rom, zunutze. Die Häuser de oder deren Konstellationen sind, wie die Gestalttheorie zu erkennen
erscheinen als schwarze Figuren auf weißem Grund (Straßen bzw. Außen- glaubt. Es seien zuerst die Atmosphären, die man erfahre, bevor man
raum); oder umgekehrt, wie im Falle des Nolliplans, sind die öffentlichen durch den analytischen Blick so etwas wie Gegenstände, Formen, Farben
Freiräume als weiße Figur auf schwarzem Grund (Gebäudemasse) er- usw. unterscheiden könne. Schauen wir zum Beispiel auf ein spätrömi-
kennbar. Der Nolliplan zeichnet sich demnach durch eine gewisse Ambi- sches Fließenmuster, so erfahren wir nach Böhme erst eine bestimmte At-
valenz beim Dechiffrieren der Figuren aus. Auch gehört zum Sehen von mosphäre und erkennen dann erst ein bestimmtes Muster. Öffnen wir eine
Stadträumen einiges an Training. Denn normalerweise sehen wir Objekte Tür, so erfahren wir im ersten Moment eine Atmosphäre, nicht die Gestalt
in der Stadt, aber weniger Stadträume, denn sie erscheinen als Zwischen- des Innenraums. So schreibt er: „Der primäre Gegenstand der Wahrneh-
räume und als Grund für die Figur der Häuser. mung sind die Atmosphären. Es sind weder Empfindungen noch Gestal-
ten, noch Gegenstände oder deren Konstellationen, wie die Gestaltpsycho-
Anders ist dies in Städten wie Venedig. Beim Gehen in den Gassen wird
logie meinte, was zuerst und unmitttelbar wahrgenommen wird, sondern
aufgrund des Gesetzes der Nähe der vertikale Querschnitt der Gasse als
es sind die Atmosphären, auf deren Hintergrund dann durch den analyti-
Figur wahrgenommen, während die Häuser links und rechts Grund sind.
schen Blick so etwas wie Gegenstände, Formen, Farben usw. unterschie-
Tritt man aber auf einen der campi oder gar auf die Piazza San Marco,
den werden.“ 5

dann schlägt das Figur-Grund-Schema um. Jetzt sehen wir die palazzi als
Figur und den Himmel und den Freiraum dazwischen als Grund. Das

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Vielleicht verbirgt sich dahinter ein Missverständnis, besonders in Bezug ganz unterbindet. Das Rolex Learning Center der EPFL in Lausanne von
auf die Frage, ob Atmosphären unabhängig vom Gestalterkennen wirksam SANAA praktiziert dies in großer Konsequenz, in formaler wie auch mate-
werden können. Die Gestalt partizipiert an der Atmosphäre. Ob man eine rieller Hinsicht. Allein schon der Blick auf das Modell lässt verstehen, dass
in sich geschlossene, symmetrische Figur (Säule) erkennt oder eine gezack- hier in ungewöhnlicher Art und Weise für die Architektur der Außenraum
te Figur (Stützen von Libeskinds Hofüberdachung im Jüdischen Museum (ovale Öffnungen) als Figur erscheint, das Gebäude den Grund bildet. Im
in Berlin), die vielfach „Dienst“ tut auf wechselnden Seiten, trägt entweder Innenraum setzt sich dieses fort, wo die Oberflächen der architektonischen
zu einer ruhigen oder aufgeregten Atmosphäre bei. Es ist auch nicht be- Elemente wie Boden, Wand, Stützen etc. und die Möbel wie Tische, Stühle,
wiesen, dass das „Spüren von Atmosphären“ vor dem Erkennen von Figu- Vitrinen etc. überwiegend in einem Weißton gehalten sind. Damit wird es
ren kommt. zusätzlich erschwert, Figuren vor einem Grund zu identifizieren. Man
könnte sagen, dass die Gegenstände sich nicht nur optisch – also gestalt-
Ein weiteres Missverständnis gegenüber der Gestalttheorie ist, dass das
theoretisch – in der allgemeinen Atmosphäre auflösen, ja sie entziehen sich
Erkennen von Figur und Grund „analytisch“ geschieht. Das Figur-Grund-
tendenziell der Identifizierung durch den Betrachter. Das Gebäude irritiert
Sehen ist eine Funktion oder eine Operation unseres Gehirns, die im Alltag
uns, indem es ein sehr durchdachtes Spiel mit unserer Wahrnehmung
automatisch abläuft. Das intensive analytische Betrachten eines Bildes ist
initiiert, indem es unseren Drang zum Identifizieren von Figuren, den wir
dagegen etwas anderes. Vor dem Bild Paulus’ Bekehrung (1604) von Cara-
aktiv nicht unterdrücken können, da wir ihn benötigen, um uns in der
vaggio stehen wir in der Tat mit analytischem Blick, um zu verstehen, wie
Umwelt zu orientieren, immer wieder ins Leere laufen lässt.
die eigenartige Atmosphäre entsteht – wir sehen Beine (Figuren) und ver-
suchen sie, den Körpern sinnstiftend zuzuordnen. Es ist ein Spiel mit dem
Erkennen von Figur und Grund.
Jörg H. Gleiter
Die Aufgabe der Kunst und der Architektur kann aber auch sein, die Au-
Wolfgang Metzger (1975), Gesetze des Sehens, Frankfurt/M. 1975.
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tomatismen, mit denen wir im Alltag unsere Umwelt erkennen, aufzuhe-


Zitiert nach Peter-Klaus Schuster, „Max Liebermann – Jahrhundertwende“, in: Max Lieber-
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ben, um andere Sichtweisen auf die Dinge zu ermöglichen. Die Desauto- mann – Jahrhundertwende, Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Nationalgale-
matisierung des Sehens steht jedoch nicht außerhalb der Gestalttheorie, sie rie, 20. Juli–26. Oktober 1997, hrsg. v. Angelika Wesenberg, S. 54.
Helmut Rechenberg, Hermann von Helmholtz. Bilder seines Lebens und Wirkens, Weinheim
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muss sich wiederum der Gestalttheorie bedienen, um das Ziel der Des-
1994, S. 103 ff., 159 ff., 272 ff.
automatisierung selbst zu erreichen.
Wolfgang Metzger (1975), Gesetze des Sehens, S. 21.
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Topologische Architekturansätze, die tendenzielle Aufhebung von Figur Gernot Böhme, Atmosphäre, Frankfurt/M. 1995, S. 48.
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und Grund und die Applikation der Theorie der Falte gehören seit Anfang
der 1990er Jahre zu den Verfahren avantgardistischer Architekturpraxis.
Als Wahrnehmungsereignisse beziehen die Projekte ihre Spannung gerade
aus der Tatsache, dass der Betrachter bzw. Benutzer permanent mit der
Irritation zu tun hat, Figuren vor einem Grund identifizieren zu wollen,
dass dies die Architektur aber immer wieder schwermacht, wenn nicht