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Peter G.

Spengler

Peter G. Spengler * Postfach 18 03 73 * 60084 Frankfurt am Main

Herrn
Karsten D. Voigt
Auswärtiges Amt / Koordinator für die
deutsch-amerikanische Zusammenarbeit
Adenauerallee 101

D-53113 Bonn

Ihr Bezug
Unser Telefon 069 597 42 13
Datum 16. Mai 1999

Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad

Sehr geehrter Genosse Voigt,

vor mehr als einer Woche wurde die chinesische Botschaft in Belgrad von drei vorprogrammierten
Bomben aus verschiedenen Richtungen getroffen und zerstört. Bei diesem Bombenangriff starben
Menschen, noch mehr wurden verletzt.

Wenn auch die Sprecher der NATO danach das Vorgefallene als einen »tragischen Irrtum« bezeich-
neten, so tragen doch alle Mitgliedsorganisationen des Nordatlantischen Vertrages für das Gesche-
hen und die Wirkungen, die davon ausgegangen sind und noch ausgehen, die volle Verantwortung.
Träger dieser (obersten) Verantwortung ist nach meinem Verständnis des Artikels 9 des NATO-Ver-
trages der NATO-Rat, dem bei allen Entscheidungen, die die Artikel 3 und 5 wirksam machen sollen,
die letzte Verantwortung obliegt. Das heißt mit anderen Worten, daß auch hier der NATO-Rat die
Verantwortung für diesen Angriff auf die Vertretung eines am Krieg gegen Jugoslawien unbetei-
ligten Staates übernehmen müßte, wenn diese Bombardierung nicht Ergebnis eines »tragischen Irr-
tums«, sondern einer mit Absicht vorgenommenen Täuschung der Befehlshaber der eingesetzten Piloten
und der Piloten selber wäre.

Bei dem Parteitag der Grünen am vergangenen Himmelfahrtstag, den ich in Phoenix mit wachsender
Ermüdung stundenlang verfolgt habe, wurden an den Außenminister sehr viele Fragen gerichtet.
Aber die eine Frage mußte ich vermissen: »Wenn, lieber Joschka, sich die Bombentreffer auf die
chinesische Botschaft auch und vor allem als Torpedos gegen Deine Bemühungen um Durchsetzung
der Forderungen der NATO innerhalb des völkerrechtlich gesetzten Rahmens unter Einbeziehung

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Bombardierung der chinesischen Botschaft
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der diplomatischen Anstrengungen Rußlands und unter gutwilliger Duldung des VN-Sicherheitsrats-
mitgliedes Volksrepublik China erweisen, welche Schlüsse würdest Du dann ziehen, wenn sich
herausstellte, daß die Bombardierung der Botschaft eben kein Versehen sein kann?«

Die Fragen zur Kriegführung der NATO und ihren Zielen bzw. Mißerfolgen müßten vollständig neu
gestellt werden, wenn die Annahme, daß am Anfang der Ereigniskette, die zur Bombardierung der
chinesischen Botschaft geführt hat, eine bewußte Absicht eingegriffen haben und damit der Wille
gestanden haben muß, die diplomatischen Auswege aus der Sackgasse dieses Krieges zu verschüt-
ten, den Krieg zu verlängern und gegen die Volksrepublik China eine feindselige Handlung wirksam
werden zu lassen, deren Ausweitungen weniger mit dem Konflikt um Kosova, dafür aber mehr mit
dem Aufreißen einer Kluft zwischen den Ländern der atlantischen Staatengemeinschaft und der
übrigen, noch auf die Charta der Vereinten Nationen vertrauenden und bauenden Staaten, deren
vorzüglicher Repräsentant und Fürsprecher eben China ist, zu tun haben.

Der Bundeskanzler hat sich vor seinem Kurzbesuch in China dahingehend öffentlich vernehmen
lassen, daß er sich mit der bis dahin abgegebenen Erklärung des NATO-Generalsekretärs für das Ein-
treten des »tragischen Irrtums« nicht zufriedengeben will und eine eingehende Untersuchung ver-
langt.
Er steht laut Xinhua »on the record« für die Weltöffentlichkeit mit der folgenden Nachricht:

Schröder Expresses Unconditional Apology for Attack on Chinese Embassy

BEIJING, May 12 (Xinhua)-- German Chancellor Gerhard Schroder expressed here today an uncon-
ditional apology for the missile attack on the Chinese Embassy in Belgrade, on behalf of Germany
and NATO.

He said the explanation given by NATO on the tragic incident so far is far from enough and the
Chinese government has every reason to demand a comprehensive, thorough and in-depth
investigation into the incident and affix the responsibility for it.

Schröder made the remarks during a meeting with Chinese Foreign Minister Tang Jiaxuan today.
The German Chancellor arrived in Beijing this morning for a working visit to China.

Meines Wissens hat die deutsche Öffentlichkeit bisher jeden Nachdruck dabei vermissen lassen,
diese Forderung des Bundeskanzlers mit der gebotenen öffentlichen Aufmerksamkeit zu begleiten.

Vor allem hat sie gerade die Sachverhalte nicht berücksichtigt, die gegen eine unbeabsichtigte Bombar-
dierung der Botschaft sprechen. Es ist auch nur zu verständlich, wenn sich der Verstand sowohl der
deutschen Diplomatie, Regierungsbürokratie als auch der der Verantwortungsträger der veröffent-

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lichten Meinung dagegen sträubt, auch nur für einen Moment anzunehmen, daß es eine politische
Kraft, eine Instanz unter ihren Verbündeten in der NATO geben könnte, die mit einer beabsichtigten
Kriegshandlung der Art, wie sie die Bombardierung einer ausländischen Vertretung darstellen
würde, die öffentlich von den Außenministern der G-8-Staaten vereinbarten Zielsetzungen nicht nur
zu unterlaufen, sondern zunichte zu machen versuchen würde. Es würde sich, deutlich gesprochen,
um subversive Kampfführung einer Fraktion der NATO gegen den überwältigenden Mehrheitswillen
der anderen Mitgliedstaaten handeln. Diesen Sachverhalt, der zutage träte, wenn die Bombar-
dierung der chinesischen Botschaft auf Absicht zurückgeführt werden müßte, wagt anscheinend nie-
mand vor den Augen und Ohren der deutschen Öffentlichkeit auszusprechen, weil sich dann alle
Fragen zur NATO neu und mit vertieften Zweifeln neu stellen würden. Vor allem die Frage, ob sich
Deutschland taub stellen dürfte, wenn unter Umgehung des NATO-Rates eine Kräftegruppierung in
der NATO im Rahmen dieses Krieges und durch diesen Krieg ganz andere auf Konfrontation ange-
legte Ziele verfolgen würde, als sie die Staaten der NATO öffentlich erklärt und für legitim ausgege-
ben haben.

Nachforschungen

Ausgeschlossen werden kann zunächst die dümmliche Auskunft, die in der Presse zu lesen war, die
CIA habe den Verantwortlichen veraltetes Kartenmaterial als Geheimdiensterkenntnis überlassen.
Jeder Pilot hat vor einem Einsatz als erstes das Alter seiner Karten zu überprüfen. Sie dürfen nicht
älter als 30 Tage sein.

Wie wir alle als (ferne) Zeugen von Luftkriegen seit Vietnam wissen, ist bisher weder im Vietnam-
krieg noch in anderen Städtebombardements, vor allem auch nicht im Luftkrieg im Irak jemals eine
Botschaft bisher von Bomben getroffen worden. Und von den Experten der Luftkriegsführung im
NATO-Hauptquartier wird doch behauptet, daß seit dem Krieg gegen den Irak die Zielsicherheit der
Bomben und Cruise Missiles noch zuverlässiger geworden ist. Und gerade diese Zuverlässigkeit ist
ja auch wichtig, um zu gewährleisten, daß gerade nicht die diplomatischen Vertretungen in den
jeweiligen Hauptstädten getroffen werden. Jeder US-Offizier, dessen Vater den Bombenkrieg gegen
Nazi-Deutschland und der selbst einige andere Bombenkriege miterlebt hat, wird bestätigen
können, daß die Zielplanung eben gerade die Aussparung solcher empfindlichen Ziele garantieren
muß.

Es ist völlig auszuschließen, daß der Ausschuß, der die Ziele der hauptsächlich von der US Air Force
und der Royal Air Force geflogenen Angriffe bestimmt und auswählt, nicht auf die fortgeschrittenen
und hochauflösenden Ergebnisse der Satellitenaufklärung durch die NSA Zugriff hat. Demnach ver-
fügt das Gremium der NATO, das die Punktziele in Belgrad auszuwählen befugt ist, über die tech-
nisch fortgeschrittenste Ausstattung, um nahezu in Echtzeit mittels GPS und hochauflösenden Bild-
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informationen die Koordinaten jedes kleineren Gebäudes beispielweise in Belgrad festzulegen.


Damit verfügt dieses Zielplanungsgremium auch über die Mittel, ein Ziel wie die chinesische Bot-
schaft eben aus der Reihe der möglichen Ziele mit Sicherheit auszuschließen.

Es ist nach den bisherigen Annahmen weiterhin auszuschließen, daß nach den nachrichtendienst-
lichen Erkenntnissen, über die der »Zielplanungsausschuß« des NATO-Hauptquartiers verfügt, der
genaue Ort der chinesischen Botschaft unidentifiziert (und damit für einen Bombenangriff sakrosankt)
geblieben und nicht aktenkundig gemacht worden wäre.

Es gibt daher auch eine Instanz bei der NATO-Zielplanung, die das Wissen und die Möglichkeit
gehabt hat, die genauen Koordinaten der chinesischen Botschaft durch Vertauschung und Täuschung
unter einer anderen, scheinbar »legitimen« Bezeichnung mit Absicht in die Zielplanungsliste einzu-
setzen.

Es gilt herauszufinden, welche Instanz, welche Person (oder Personen) dies Wissen und die Möglich-
keit hat (oder haben) und sie im Namen des NATO-Rates zur Rechenschaft zu ziehen. Denn der
NATO-Rat hat (mit hoher Wahrscheinlichkeit unwissentlich) diese Zielplanungsliste an jenem Tag
genehmigt. Welche Motive jene Urheber dieser beabsichtigen Verwechslung haben, ist die dritte kri-
minologische Frage der Ermittlung. Sie ist zugleich eine brisant politische Frage, über die sich die
deutsche Außenpolitik noch den Kopf zu zerbrechen haben wird.

Meine Antwort darauf möchte ich dieser Bürgeranfrage sozusagen anhängen. Sie hat sich in den
ersten beiden Wochen des Krieges herausgebildet und ist im Hinblick auf den 50. Jahrestag der
NATO in Washington verfaßt und einem kleineren Kreis von Zuhörern vorgetragen worden.

Ich bin sicher, Genosse Voigt, daß auch Du die oben angeführten Fragen, womöglich präziser und
mit mehr Hintergrundkenntnis, gestellt hast und als Mitglieder der Trilateralen Kommission auch
viele der Antworten kennst. Es bleibt aber zu fragen, ob Du, der Bundeskanzler oder der Außen-
minister auch alles Nötige dazu tun werden, die deutsche Öffentlichkeit über diese Fragen und Ant-
worten zu informieren. Denn Informieren heißt In-Form-Bringen. Und die Frage an diese Regierung
ist letztlich, wofür sie sich selbst und die Bundesrepublik in Form bringen will.

Mit freundlichen Grüßen

Peter G. Spengler

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