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Die Kapitalverkehrfreiheit

Der freie Kapitalverkehr ist eine der vier Grundfreiheiten des EU-Binnenmarktes. Dies ist nicht
nur die neueste Grundfreiheit, sondern aufgrund seiner besonderen Konsequenzen für Drittländer
auch die weitreichendste. Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs erfolgte in mehreren Phasen.
Die Beschränkungen des Kapitalverkehrs und der Transfers wurden 1994 durch den Vertrag von
Maastricht umgesetzt. Nach Artikel 63 AEUV sind heute alle Beschränkungen des Kapital- und
Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten
Ländern verboten. Dem Gerichtshof der Europäischen Union obliegt es, die Bestimmungen über
den freien Kapitalverkehr auszulegen. Die Rechtsprechung in diesem Bereich ist umfangreich.
Verletzt ein Mitgliedstaat den freien Kapitalverkehr in ungerechtfertigter Weise, wird ein
reguläres Vertragsverletzungsverfahren nach Artikel 258 bis 260 AEUV eingeleitet.
Diese Kapitalverkehrsfreiheit in der EU ermöglicht es allen natürlichen und juristischen
Personen mit Wohnsitz in der Europäischen Union, in allen anderen Ländern der EU
Finanzinvestitionen zu tätigen, Grundstücke zu erwerben oder Beteiligungen an Gesellschaften.
Der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH), der entsprechend Art. 13 EUV eines der
wesentlichen Organe der Europäischen Union ist, hat festgestellt, dass der freie Kapital- und
Zahlungsverkehr unmittelbar wirksam ist und keiner Umsetzung durch nationale
Gesetzgebungen bedarf.
Die Kapitalverkehrsfreiheit hat nach mittlerweile bereits gefestigter Rechtsprechung
unmittelbare Wirkung, ihre Einhaltung unterliegt der Überwachung durch den Europäischen
Gerichtshof.
Einschränkung der Kapitalverkehrsfreiheit
Beschränkungen der Kapitalverkehrsfreiheit sind Maßnahmen oder Bestimmungen, die den
Kapitalverkehr zwischen den Mitgliedstaaten selbst und zwischen den Mitgliedstaaten und
Drittstaaten beeinträchtigen.
Die grundsätzliche Freiheit des Kapitalverkehrs kann aus folgenden Gründen / durch folgende
Vorschriften eingeschränkt werden:
a)Aus den in Art. 65 AEUV gesetzlich geregelten Gründen:
 durch nationales Steuerrecht:
Steuerpflichtige, bei denen der Wohnort und der Kapitalanlageort auseinander fallen, dürfen
unterschiedlich besteuert werden. Denn auch innerhalb der Europäischen Union gilt das
Souveränitätsprinzip, nach dem die Staaten über die Besteuerung der ihnen zugänglichen
Steuerquellen souverän entscheiden. Als Konsequenz müssen Abgrenzungsfragen zwischen
ihnen durch völkerrechtliche Verträge, d.h. Doppelbesteuerungsabkommen geregelt werden.
Diese Bestimmung ist, da sie eine Ausnahme vom Grundprinzip des freien Kapitalverkehrs
darstellt, eng auszulegen. Sie kann somit nicht dahin verstanden werden, dass jede
Steuerregelung, die zwischen Steuerpflichtigen nach ihrem Wohnort oder nach dem Staat ihrer
Kapitalanlage unterscheidet, ohne Weiteres mit dem Vertrag vereinbar wäre.
Die nach Art. 65 Abs. 1 Buchst. a) AEUV zulässigen Ungleichbehandlungen müssen daher von
den nach Art. 65 Abs. 3 AEUV verbotenen Diskriminierungen unterschieden werden. Nach der
Rechtsprechung des Gerichtshofs kann eine nationale Steuerregelung wie die im
Ausgangsverfahren streitige aber nur dann als mit den Vertragsbestimmungen über den freien
Kapitalverkehr vereinbar angesehen werden, wenn die von ihr vorgesehene Ungleichbehandlung
Situationen betrifft, die nicht objektiv miteinander vergleichbar sind, oder durch einen
zwingenden Grund des Allgemeininteresses (Gemeinwohl) gerechtfertigt ist.
-Zulässig ist danach z.B. eine Regelung, die es einer in diesem Mitgliedstaat wohnenden und
dort unbeschränkt steuerpflichtigen Person nicht gestattet, Verluste aus der Veräußerung von
unbeweglichem Vermögen, das in einem anderen Mitgliedstaat belegen ist, von den im
erstgenannten Mitgliedstaat zu versteuernden Einkünften aus beweglichem Vermögen in Abzug
zu bringen, während dies unter bestimmten Voraussetzungen möglich wäre, wenn sich das
unbewegliche Vermögen im erstgenannten Mitgliedstaat befände (EuGH 07.11.2013 - C
322/11).
-Unzulässig ist eine Regelung, nach der eine Steuerbefreiung nicht für die Dividenden gilt,
die in diesem Mitgliedstaat ansässige Gesellschaften an einen Investmentfonds ausschütten, der
in einem Drittstaat ansässig ist, sofern es zwischen dem betreffenden Mitgliedstaat und dem
Drittstaat eine vertragliche Verpflichtung zur gegenseitigen Amtshilfe gibt, die es den nationalen
Steuerbehörden ermöglicht, die Auskünfte zu überprüfen, die der Investmentfonds eventuell
übermittelt (EuGH, 10.04.2014 C 190/12).
 zum Schutz vor Zuwiderhandlungen gegen innerstaatliche Rechts- und
Verwaltungsvorschriften
 wenn der Zweck der Vorschrift nur in der Regelung der näheren Umstände des
freien Kapitalverkehrs besteht
 zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (insbesondere Vorschriften
gegen Terrorismus, Drogenhandel, Geldwäsche)
Allgemein gefasst kann die Freiheit durch Gesetze eingeschränkt werden, deren Schutzzweck
außerhalb der Kapitalverkehrsfreiheit liegt. Dabei ist gemäß Art. 65 Absatz 3 AEUV immer ein
Willkür- sowie Umgehungsverbot zu beachten.
Durch einzelstaatliche Maßnahmen darf weder eine willkürliche Diskriminierung noch eine
verschleierte Beschränkung des Kapitalverkehrs ausgeübt werden.
b)Aus den von der Rechtsprechung entwickelten Gründen:
 Die Bestimmung soll formal unterschiedslos für in- und EU-ausländischen Kapital-
und Zahlungsverkehr gelten.
 Sie ist erforderlich, um zwingenden Erfordernissen des Gemeinwohls gerecht zu
werden.

Rolle des Europäischen Parlaments


Das Parlament unterstützt entschieden die Maßnahmen zur Förderung der Liberalisierung des
Kapitalverkehrs. Es vertritt jedoch die Auffassung, dass die Liberalisierung innerhalb der EU
stärker vorangebracht werden sollte als zwischen der EU und der übrigen Welt, damit
europäische Sparguthaben vorrangig in Europa angelegt werden. Das Parlament wies ferner
darauf hin, dass die Liberalisierung des Kapitalverkehrs von einer vollständigen
Liberalisierung der Finanzdienstleistungen und einer Harmonisierung des Steuerrechts
flankiert werden sollte, damit ein einheitlicher europäischer Finanzmarkt entsteht. Die
Rechtsvorschriften über die Harmonisierung der inländischen und grenzüberschreitenden
Zahlungen konnte die Kommission auf politischen Druck des Parlaments hin auf den Weg
bringen.
IORDACHE ANA-MARIA, Gruppe 323