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Philgrundsyst-Blog: Gedanken zur Anwendbarkeit Seite 1/10

der ANT auf Systemische Strukturaufstellungen (SySt) Stand: 15.12.2010

Suche nach Übereinstimmungen zwischen ANT und SySt

Die ANT nach der Beschreibung im Buch von Bruno Latour „Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft“,
bietet einerseits eine neue und umfassende Sicht auf „Wirk-Netze“, also Ketten von sich gegenseitig
beeinflussenden Aktanten, andererseits liefert die ANT eine präzise Anleitung zur Beobachtung solcher Wirk-Netze.
Das Befolgen dieser Anleitung, setzt eine wertschätzende, im guten Sinne neugierige und nicht urteilende
Grundhaltung voraus, wie sie auch für „Gastgeber“ von Systemischen Strukturaufstellungen, SySt notwendig sind.

Neben dieser auffälligen Grund-Übereinstimmung gibt es eine ganze Reihe weiterer Parallelen, die hier in einem
ersten Ansatz gegenüber gestellt werden sollen. Systemische Strukturaufstellungen nach Matthias Varga von Kibed
und Insa Sparrer, können ja auch als Darstellung von Wirk-Netzen mit menschlichen und nicht-menschlichen
Aktanten gesehen werden. Deshalb scheint es interessant, das jeweilige Vorgehen bei der Darstellung solch
„sozialer Systeme“ einmal gegenüber zu stellen.

(Zum Verständnis:: „Gastgeber“ ist der Leiter einer SySt, weil man eine Aufstellung nicht leiten, sondern nur für
geeignete Rahmenbedingungen sorgen kann. SySt ist die Abkürzung für „Systemische Strukturaufstellungen“)

ANT SySt

Gemeinsame Grundlagen / Innere Haltung

Erkennbare Die erste Quelle der Unbestimmtheit: Systemische Strukturaufstellungen (SySt) sind
Gruppen / Keine Gruppen, nur Gruppenbildungen. Gruppensimulationen für ein ganz bestimmtes
Gruppen- Thema, aus einem ganz bestimmten System
bildungen Für Latour ist nur die Beobachtung von des Klienten. Diese Simulation baut
Veränderungen möglich. „Wenn eine gegebene ausschließlich auf den Beziehungen der
Gruppierung einfach nur gegeben ist, dann ist Systemelemente zu genau dem Thema und der
sie unsichtbar, und es lässt sich nichts über sie Zeit des Klienten auf.
sagen. Sie generiert keine Spuren und
produziert keinerlei wie auch immer geartete Auch bei SySt gilt: „Sobald man aufhört
Information; ist sie sichtbar, dann weil sie Gruppen zu bilden oder umzubilden, gibt es
gerade gebildet oder aufgelöst wird, und folglich keine Gruppen mehr.“ Das entspricht in einer
wird sie neue und interessante Daten SySt neutralen, also weder positiven noch
hervorbringen.“ (S56) negativen Beziehungen zwischen
Repräsentanten. Wenn es keine wirkenden
„Sobald man aufhört Gruppen zu bilden und Beziehungen zu solchen Elementen gibt, kann
umzubilden, gibt es keine Gruppen mehr.“(S63) man sie auch weglassen.
ist dann auch Latours klare Aussage. Und um
sich wieder von den Soziologen des Sozialen Durch die ausschließliche Frage nach Unter-
abzugrenzen: „…zunächst einmal gibt es keine schieden an die Repräsentanten, lenken SySt-
Gesellschaft, kein Reservoir von Bindungen, Gastgeber die Aufmerksamkeit bewusst auf
keinen großen Topf mit Klebstoff, um alle diese Gruppen-Bildungs- oder -Änderungsprozesse.
Gruppen zusammenzuhalten. Wenn man das
Fest nicht jetzt durchführt oder die Zeitung nicht SySt kennen hier aber Ausnahmen: Familien-
heute druckt, so verliert man ganz einfach die Beziehungen wirken, auch wenn nicht aktiv an
Gruppierung, die kein zu restaurierendes deren Aufrechterhaltung gearbeitet wird.
Gebäude ist, sondern eine fortzusetzende Gleiches wird bei Hierarchie und Reihenfolge
Bewegung. angenommen, aber möglicherweise sind das
auch nur Annahmen über Einstellungs-
Gewohnheiten der meisten Klienten, was
allerdings den Blick für anders wirkende
Beziehungen verstellen könnte.

Handeln ist Die zweite Quelle der Unbestimmtheit, Handeln Diese Unklarheit, was bringt mich zum Handeln,
unbestimmt wird aufgehoben. oder was hält mich ab, ist der eigentliche Anlass
„Wir müssen nun lernen eine zweite Quelle der für Klienten, sich über eine SySt Klarheit
Handeln ist Unbestimmtheit nutzen zu können, eine, die verschaffen zu wollen. Klienten wissen, dass
Folge von sogar noch grundlegender und zentral für alle das für sie ein oft undurchsichtiger und
komplexen, Sozialwissenschaften ist: Handeln ist nicht unbewusster Prozess ist, den sie sich
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Karlheinz Pape, E-Mail: karlheinz.pape@web.de
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aber transparent, es steht nicht unter der vollen bewusster machen wollen.
beeinfluß- Kontrolle des Bewusstseins. Diese
baren altehrwürdige Quelle der Unbestimmtheit ist es, Weil alles Handeln ganz viele individuelle
sozialen die wir mit dem seltsamen Ausdruck Akteur- Quellen hat, ist es so wichtig, eine SySt nicht
Wirkungen Netzwerk wieder lebendig machen wollen: mit fremden Meinungen oder scheinbar klaren
Handeln ist ein Knoten, eine Schlinge, ein Zusammenhängen zu „steuern“. Gastgeber tun
Konglomerat aus vielen überraschenden gut daran, das aufgestellte System höchstens
Handlungsquellen, die man eine nach der vorsichtig zu „befragen“, oder besser noch,
anderen zu entwirren lernen muss.“ (S77) mögliche Handlungsalternativen „als
Interventionen vorzuschlagen“ und die Reaktion
des aufgestellten Systems genau zu
beobachten. Allein aus dem System ergeben
sich oft überraschende Erkenntnisse und
Handlungsoptionen.

Und weiter unten: „ Da das, was uns handeln Das Neu-Zusammensetzen von
macht, nicht aus sozialem Stoff besteht, kann es Handlungsträgern ist das Ziel einer jeden SySt.
auf verschiedene Weisen neu assoziiert Es geht darum, die meist bekannten Wirk-
werden.“ (S80) Elemente in anderer Weise zueinander in
Beziehung zu setzen. Daraus ergeben sich
dann neue, veränderte soziale Beziehungen, mit
ganz anderen Wirkungen.

Unbestim- „Wir sollten paradoxerweise alle Das erinnert mich stark an die 3 Helfer eines
mtheiten Unbestimmtheiten, Unschlüssigkeiten, SySt-Gastgebers: Verwunderung, Verwirrung
als Verschiebungen, Verlagerungen, Verwirrungen und Nichtwissen.
Grundlage als unsere Grundlage betrachten.“(S83)
Und an die SySt-Grundhaltung: Nur der Klient
Damit wendet sich Latour wieder einmal gegen ist in der Lage das Abschlussbild zu interpre-
die üblichen soziologischen Erklärungen. „In tieren, sonst niemand, auch der Gastgeber
den meisten Fällen sind soziale Erklärungen nicht. Dahinter steht die Einsicht, dass ein so
einfach nur ein überflüssiger Zusatz, der – komplexes System, wie das des Klienten, nicht
anstatt die Kräfte hinter dem Gesagten zu von Außenstehenden verstanden werden kann,
enthüllen – verbirgt, was gesagt worden ist.“ wohl aber vom Klienten selbst, der ja viel mehr
(S86) Einordnungsinformationen besitzt.

Eine solche, nichtwissende, aber in gutem


Sinne neugierig interessierte Haltung des Gast-
gebers, ermöglicht einen größeren „Lösungs-
raum“ mit viel weniger Beschränkungen.

Das Soziale Latour wehrt sich gegen die Vorstellung, das In SySt-Aufstellungen wird z.B. nicht die
zeigt sich, Soziale sei eine Art Klebstoff oder Draht, das Beziehung als das Verbindende aufgestellt. Die
ist nicht die Entitäten verbinde. Beziehung wird sich in den Reaktionen der
„Klebstoff“ Repräsentanten zeigen.
oder Das Soziale müsse vielmehr immer wieder Sie kann sich schlagartig ändern, je nach dem
„Draht“ hergestellt, neu zusammengesetzt werden. Verhalten von Repräsentanten, z.B. durch
Interventionen mit anderer Ausrichtung von
Repräsentanten oder Fokus
Beziehungen verändern sich im Verlauf von
Systemischen Strukturaufstellungen. Das ist
auch das Ziel aller Aufstellungen. Das bedeutet
aber nur, dass dem Klienten mindestens ein
Weg bewusst wird, wie er durch anderes
Verhalten, Beziehungen verändern kann – die
wiederum immer nur von Verhalten definiert
wird, und damit Ergebnis und nicht Ursprung ist.

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Karlheinz Pape, E-Mail: karlheinz.pape@web.de
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Radikale „Klienten“-Zentrierung / Rolle des Untersuchenden bzw. Gastgebers

Gleiche Über die „Soziologen der Assoziationen“ (ANT) SySt-Gastgeber sehen sich ebenfalls nicht in
Augenhöhe sagt Latour: „…dass sie mit den von ihnen einer hierarchisch höheren Position. Sie haben
für Klient Erforschten auf gleicher Ebene stehen, dass sie eine vergleichbare Rolle zu Latours Soziologen
und Berater genau dieselbe Arbeit tun und an den selben der Assoziationen, auf gleicher Augenhöhe, mit
wie für Aufgaben beteiligt sind, nämlich soziale der Absicht, möglichst neutral mitzuhelfen, ein
Akteure Bindungen nach- (oder vor-) zu zeichnen, selbst stimmiges äußeres Bild des inneren Bildes des
und wenn sie andere Instrumente verwenden und Klienten entstehen zu lassen.
Beobachter andere berufliche Pflichten haben.“ (S61)
Eine SySt kann man ebenfalls als das „Nach-
Damit grenzt sich Latour von den „Soziologen oder Vor-Zeichnen von sozialen Beziehungen“
des Sozialen“ (klassische Soziologie) ab, denen betrachten. Soziale Beziehungen dabei auch im
er vorwirft, sie würden sich über die Latour’schen Sinne, als Wirkbeziehungen
Untersuchten erheben, und ihnen sogar am zwischen menschlichen und auch nicht-
Ende sagen, was sie besser machen sollten. menschlichen Entitäten.

Respekt vor Latours Skepsis gegenüber kritischen Das Nichtinterpretieren des Ergebnisses einer
Klienten / Soziologen, die Leute über ihr falsches SySt durch Andere als den Klienten, spricht
Akteuren Bewusstsein aufklären wollen, gerade so, als dem Klienten als Einzigem die Fähigkeit der
hätten sie bisher über keinerlei Reflexivität Deutung zu.
verfügt, und seien nur Marionetten
irgendwelcher Mächte oder Triebe. Der Lösungsfokussierte Ansatz der SySt spricht
dem Klienten generell alle Ressourcen zu, über
die er aus eigener Kraft verfügen kann, um zu
seiner Lösung zu gelangen.

Der Klient / „Anstatt eine vernünftige Position einzunehmen Das ist ein Bild, das auf Systemische
Akteur gibt und zunächst etwas Ordnung zu schaffen, Strukturaufstellungen genauso passt. Nicht der
Weg und erhebt die ANT den Anspruch, Ordnung sehr „Gastgeber“ schafft Ordnung, oder versucht
Richtung viel besser anschließend finden zu können, dem Klienten etwas beizubringen, vielmehr geht
selbst an – nachdem sie den Akteuren gestattet hat, das es um die Darstellung der verschiedenen
Vorher und volle Spektrum der Kontroversen zu entfalten, in Beziehungen, in die Klienten zu einem
Nachher die sie verstrickt sind. Es ist, als würden wir zu bestimmten Thema verwickelt sind. Diese
den Akteuren sagen: „Wir wollen nicht Darstellung von „Assoziationen“ ist in der SySt
versuchen, euch zu disziplinieren, euch in das in den Raum gestellte Bild.
unsere Kategorien zu stecken, wir werden euch
eure eigenen Welten entfalten lassen und euch Dabei tauchen möglicherweise auch mitein-
erst später bitten zu erklären wie ihr es ander konkurrierende „Systemebenen“ auf.
angestellt habt, sie zu festigen. Die Aufgabe das
Soziale zu definieren und zu ordnen sollte den Auch für Syst-Gastgeber besteht die
Akteuren selbst überlassen bleiben, und nicht Herausforderung darin, den Gedanken,
vom Analytiker übernommen werden. Um etwas Beziehungen und Handlungen der Klienten zu
Ordnung zurück zu gewinnen, besteht daher die folgen – ohne sich von eigenen Vorstellungen,
beste Lösung darin, Verbindungen zwischen Erfahrungen oder Interpretationen verleiten zu
den Kontroversen zu ziehen, anstatt zu lassen.
versuchen zu entscheiden, wie eine bestehende
Kontroverse zu klären wäre. Die Suche nach Einzige Aufgabe des Gastgebers ist es, den
Ordnung, Strenge, Struktur wird damit Rahmen dafür zu gestalten, das der Klient sein
keineswegs aufgegeben. Sie wird nur einen eigenes inneres Bild entfalten kann, um es sich
Schritt weiter in die Abstraktion verlagert, so damit bewusst zu machen.
dass den Akteuren gestattet wird, ihren eigenen
differenten Kosmos zu entfalten, ganz gleich wie Auch alle Interventionen des Gastgebers sind
kontraintuitiv sie dabei erscheinen mögen.“ (S nur Vorschläge, die von diesem - vom Klienten
44/45) aufgestellten - System beantwortet und bewertet
werden. Nur wenn es den Systemelementen mit
den Veränderungen besser geht, ist ein SySt
erfolgreich. Die Entscheidung fällt also das
System.

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Karlheinz Pape, E-Mail: karlheinz.pape@web.de
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Klienten als Interessant ist wieder die Grundeinstellung zu Das scheint mir die größte Herausforderung für
selbständig Akteuren: „… sind Akteure ebenfalls in der Lage SySt-Gastgeber, wirklich vorurteilsfrei zu
und ihre eigenen Handlungstheorien vorzuschlagen, akzeptieren, wie sich Klienten eine sie
sinnvoll um so zu erklären, wie die Handlungsträger ihre umgebende Situation vorstellen, wie sie ihre
Handelnde Wirkungen entfalten. Da sie voll entwickelte und die Handlungen anderer Handlungsträger
reflexive und geschickte Metaphysiker sind, erklären.
haben Akteure – so schlägt es die ANT vor –
ebenfalls ihre eigenen Metatheorien darüber, Aus mehrfacher eigener Erfahrung kenne ich
wie Entitäten agieren, und diese verblüffen den die Verblüffung gut, die man erlebt, wenn das
traditionellen Metaphysiker in der Regel völlig.“ Ergebnis einer Aufstellung doch so ganz anders
(S100) ist, als es nach eigener Vorstellung das
Vorgespräch erwarten lies.
Eigene Vorstellungen von Lösungsansätzen
reduzieren die Wertschätzung für Klienten und
verhindern die „gleiche Augenhöhe“.

ANT und SySt als Sprache

Infra- „Die ANT zieht es dagegen vor, eine, wie man Systemische Strukturaufstellungen sprechen
sprache / es nennen könnte, Infrasprache zu verwenden, eine transverbale Sprache, die jeder Mensch
Trans- die strikt bedeutungslos bleibt, sofern sie nicht auf der Welt versteht. Die „Sprecher“ dieser
verbale die Fortbewegung von einem Bezugsrahmen Sprache sind zunächst die Klienten, die ihre
Sprache zum nächsten erlaubt.“ Weiter beschreibt Latour Botschaften in Form des Anfangsbildes in den
als Indikator für eine guten ANT-Qualität „Ist es Raum stellen, und auch während des
den Konzepten der Akteure erlaubt, stärker als Aufstellungsprozesses in wirksamer Form
die der Analytiker zu sein, oder ist es der „mitreden“, und den Ablauf mitbestimmen.
Analytiker, der die ganze Zeit redet?“ (S55))
Die Transverbale Sprache erkennt man an der
Repräsentativen Wahrnehmung der
Repräsentanten, an deren Köpergefühlen, wie
auch an den Gedanken, die sie in ihrer Rolle
äußern, am eindrucksvollsten bei verdeckten
Aufstellungen.

Der „Gastgeber“ hat nicht inhaltlich


„mitzureden“, er ist ausschließlich für den
Rahmen und den Prozess verantwortlich.

Berichts- (S 54). An anderer Stelle betont er auch das Schon beim Vorgespräch, aber auch bei
sprache / Vokabular der ANT: „ich finde es am besten, Wiederholungen von Repräsentanten-
Sprache das allgemeinste, das banalste, ja sogar das Aussagen, ist es für „Gastgeber“ üblich, sich
der vulgärste Repertoire zu verwenden, damit keine möglichst wörtlich an die gehörten Aussagen zu
Repräsenta Gefahr besteht, es mit den eigenen reichen halten. Repräsentanten protestieren sogar meist
nten Idiomen der Akteure zu verwechseln. bei nicht genauer Wiedergabe ihrer Aussagen.

Bei Syst wird zudem großer Wert auf die


Beschreibung von Änderungen der
Körpergefühle bei Repräsentanten gelegt, um
damit möglichst viele kognitive Anteile der
Repräsentanten selbst auszublenden.

Die Beziehungen in einer Aufstellung äußern


sich deutlich in Körperreaktionen.

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„Handwerkliches“ Vorgehen beim „Bericht erstellen“

Beobachten Alle Interaktionen in Wirkungsnetzen sind Das ist – zumindest für mich – eine der ganz
nicht akribisch genau zu beobachten und genau zu großen Herausforderungen als Gastgeber: Nur
interpre- beschreiben (möglichst in der Sprache der neutral beobachten, und die eigene Meinung,
tieren Akteure). das eigene Urteil völlig abzustellen.

Der Untersucher darf dabei nicht sein eigene Dann kommt noch die Vielfalt der
Interpretationen einfließen lassen, die Beobachtungen hinzu: Gastgeber beobachten
verfälschen den Bericht. Haltungsänderungen, andere Körperreaktionen,
Äußerungen aller Repräsentanten, wie auch
„Sich an das Beschreiben zu halten schützt den Klienten.
(Safer Sex vergleichbar) – gegen die
Übertragung von Erklärungen“. (S238) Bei SySt geben wir Kommentare der
Repräsentanten möglichst wörtlich wider (Ganz
„Kein Forscher sollte die Aufgabe erniedrigend wie die ANT beim akribischen Bericht-Erstellen).
finden, beim Beschreiben zu bleiben. Sie ist, im
Gegenteil, die höchste uns seltenste Leistung.“ Falls uns Gastgebern doch mal eine
(S237) Interpretation quält, dann lassen wir uns gleich
eine weitere andere Interpretation einfallen, um
„ Aufzeichnen, nicht herausfiltern, beschreiben, die erste zu neutralisieren.
nicht disziplinieren – sind die ehernen Gesetze
unseres Fachs.“ (S97)
Konzentra- Der ANT-Bericht beschreibt nur Aktanten, die Das Vorgespräch dient dem Herausfinden, wer
tion auf „handeln“. oder was hat Einfluss im Klienten-system in
„Aktanten“ Bezug auf die Frage des Klienten.
in Soziale Beziehungen gibt es immer, wenn
Wirkungs- Menschen zum Handeln gebracht werden. Alles was im Klienten-System eine relevante
ketten Wirkung haben könnte, wird benannt und
In den Wirkungsketten können auch nicht- aufgestellt.
menschliche Aktanten „agieren“.
Zusätzlich zu den relevanten Personen werden
Deshalb gehören Dinge (nichtmenschliche deshalb in einer SySt auch nichtmenschliche
Aktanten) genau so, wie Menschen in diese Systemteile aufgestellt (Ziele, Hindernisse,
Wirkungsnetze. Ressourcen, das „Wunder“, das Unternehmen,
ein Haus, der Job, …).

Sollte etwas vergessen werden, das im System


wirkt, wird sich das im Aufstellungs-Verlauf als
„fehlend“ in irgend einer Weise bemerkbar
machen.

Beschreib- Später beschreibt Latour, wie man Listen über Latour scheint SySt-Aufstellungen gekannt zu
ung von Kontroversen aufzeichnet. „Wenn man haben, sonst könnte er nicht so prosaisch
beobacht- Handlungsträger erwähnt, muss man von seiner treffend Systemische Strukturaufstellungen
baren Handlung berichten, und dazu muss man mehr beschreiben. Im Ernst: Einen Bericht hervorzu-
Spuren oder weniger explizit machen, welche bringen, ohne darüber zu reden oder zu
Bewährungsproben welche beobachtbaren schreiben, das ist das Ziel jeder SySt. Weil es
Spuren hinterlassen haben – was natürlich nicht für viele Situationen mit Sprache gar nicht
bedeutet, dass man darüber sprechen muss; möglich ist, sie auszudrücken.
denn die Rede ist nur eine von vielen
Verhaltensweisen, um einen Bericht Die ständige Fokussierung auf die
hervorzubringen, und bei weitem nicht die „Unterschiede“ bei Beobachtung und Befragung
häufigste.“ (S92/93) der Repräsentanten in einer SySt, lenkt die
Aufmerksamkeit gezielt auf die „beobachtbaren
Spuren“ von Wirkungen im aufgestellten
System.

Die typische Frage nach den hinterlassenen


Spuren lautet in einer SySt: „Was hat sich seit
dem … geändert?“.
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Karlheinz Pape, E-Mail: karlheinz.pape@web.de
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Unter- Hier wird der aus meiner Sicht entscheidende Repräsentanten einer SySt werden
schieds- Unterschied zur klassischen Soziologie sichtbar: ausschließlich nach den Unterschieden befragt,
bildung „Wenn wir dagegen bei unserer Entscheidung die sie verspürt haben, seit andere
bleiben, von den Kontroversen um Akteure und Repräsentanten etwas getan haben. Das lenkt
Handlungsquellen auszugehen, dann ist jedes die Aufmerksamkeit auf den Prozess und nicht
Ding, das eine Situation verändert, in dem es auf einen Status.
einen Unterschied macht, ein Akteur – oder
wenn es noch keine Figuration hat, ein Aktant. Damit entspricht eine SySt völlig den
Daher sind die hinsichtlich jeglichem Grundgedanken der ANT, die ebenfalls nur die
Handlungsträger zu stellenden Fragen einfach Veränderungen als Indiz für Handeln in den
die folgenden: Macht es einen Unterschied im Blick nimmt. Wirkung manifestiert sich im
Verlauf der Handlung irgend eines anderen Handeln. Und Handeln ist kein andauernder
Handlungsträgers oder nicht? Gibt es Prozess, sondern vorbei, wenn etwas getan ist.
irgendeine Probe, einen Versuch, der es Und wenn das Handeln erfolgt ist, ist auch die
jemandem erlaubt, diesen Unterschied zu Wirkung dafür vorbei.
ermitteln? (S123)
Allerdings zeigt sich bei SySt auch manchmal
eine lange Nachwirkung von Handeln, insbeson-
dere wenn das viel Emotionen auslöste.

Es geht aber auch bei SySt grundsätzlich um


die Augenblicks-Betrachtung von sich stetig
ändernden Systemen.

Eine SySt ist im Verlauf, also durch


Interventionen auch eine „Probe, ein Versuch“,
der es dem Fokus, bzw. dem Klienten erlaubt,
einen Unterschied zu seinem bisherigen Bild zu
ermitteln.

Die Den Dingen eine Stimme geben Auch Repräsentanten für nicht menschliche
Entitäten (später im „Parlament der Dinge“ ausführlich Systemteile zeigen Reaktionen und werden
sich genutzt). dazu befragt.
ausdrücken
lassen Latour beschreibt als Beispiel die Dinge und andere abstrakte Elemente drücken
„Verhandlungen“ mit den Muscheln und den über ihre Repräsentanten oft erstaunliche
Muschelfischern und den Wissenschaftlern Botschaften aus.
Die Dinge kommen auf ihre Weise zu Wort, z.B.
in dem sie agieren (andere zum Handeln oder Bei Interventionen wird ebenso auf das
Nicht-Handeln bringen). Wohlergehen der Repräsentanten für nicht-
menschliche Systemteile geachtet.

Kombinati- Menschen und Dinge werden zu einem neuen Der Fokus in guter Verbindung mit z.B. seinem
onen in Aktanten (Extrem-Besipiel von Latour: Ein Ziel ist im Schlussbild ein anderer Mensch als
Wirk-Ketten Mensch mit einer Waffe in der Hand ist ein vorher. Das ist äußerlich zu erkennen (andere
können anderer als ohne.) Haltung, Gestik, Mimik) und an den Aussagen in
verändern der neuen Position. Um diesen veränderten
Das ist auch der Kern der ANT: Erst die eigenen Zustand zu erfahren, holt man den
Kombination von Aktanten in Wirkketten löst Klienten an der Stelle ins Bild.
handeln aus.
Wie viel Beziehungs-Kombinationen in
Dabei sind diese Wirkketten nicht gradlinig Aufstellungen verändern können, wird nach
wirksam, sondern netzwerkartig aufgebaut. Umstellungen von Repräsentanten zuweilen
Aktanten sind meist Netzwerk-Knoten. extrem deutlich: Eine manchmal nur kleine
Stellungsänderung kann die Situation
Wegen dieser Wirk-Vielfalt ist es ja auch so vollständig ändern. Repräsentanten nehmen
aufwändig und schwierig, einen guten ANT- andere Haltungen ein, und äußern sich in
Bericht zu schreiben. anderer Weise als zuvor.

Auch bei SySt werden die Netzwerk-


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Beziehungen spürbar: Interventionen lösen


immer an mehreren Stellen gleichzeitig
Veränderungen aus. Deshalb ist es auch für den
Gastgeber so schwierig, hilfreiche
Interventionen zu finden.

Unerwartet- Die Netzwirkung von relevanten Aktanten ist Eine SySt-Aufstellung ist in ihrem Fortgang an
es einladen nicht vorhersehbar, Überraschungen sind immer keiner Prozessstelle vorhersehbar. Der
und möglich. Gastgeber bildet zwar Hypothesen, die er aber
zulassen mit der System-Reaktion überprüft und ggf.
Das zwingt den auch den Beobachter der ANT sofort wieder verwirft.
zur neutralen Berichterstattung. eine vorher
zurecht gelegte Theorie kann hier nur scheitern. Oft ist auch das Ergebnis einer SySt selbst für
erfahrene Gastgeber völlig überraschend, das
Schlussbild ebenso, wie die Umsetzung des
Klienten in die reale Welt.

Gestalt, Bei den Betrachtungen von Wirkungen in Die in einer SySt wirkenden Kräfte kennt jeder
Figuration / Akteur-Netzwerken geht es einerseits um die Gastgeber. Die verlaufen auf Verbindungslinien
Akteur und verborgenen Kräfte. Etwas anderes ist ihre zwischen gestellten Repräsentanten, oder auch
Aktant Gestalt, ihre ‚Figuration’ wie Latour sagt. zu noch unbesetzten Orten im Aufstellungsbild.
Figuration meint so etwas wie eine
Umrisszeichnung eines Akteurs, was Ein an solchen Orten dann im Verlauf der
gleichzeitig die Individualität betont, und Aufstellung eingeführten Repräsentanten nennt
allgemeine Zuschreibungen verbietet. Hier führt man z.B. „Das was hier aufgetaucht ist“. Im
Latour den Begriff des Aktanten ein, um damit weiteren Verlauf der Aufstellung gibt es oft
auch nichtmenschliche Akteure in gleicher Hinweise auf eine konkretere Gestalt des
Weise einzubeziehen. Das Beschreiben von Repräsentanten. So langsam wird deutlich, für
Assoziationen steht ja immer im Mittelpunkt bei was dieser Repräsentant eigentlich steht, der
Latour: „Anders gesagt, die Infrasprache der Gastgeber führt dann einen neuen Namen für
Semiotik schützt gegen die Metasprache der ihn ein – die Figuration wie Latour sagen würde.
Soziologie.“ (S96) „ Aufzeichnen, nicht
herausfiltern, beschreiben, nicht disziplinieren – „Aufzeichnen, nicht herausfiltern -
sind die ehernen Gesetze unseres Fachs.“ beschreiben, nicht disziplinieren“ sind auch die
(S97) ehernen Gesetze eines Gastgebers. Die
stimmige Darstellung des Anfangsbildes, der
Prozessschritte und des Lösungsbildes ist die
komplette Aufzeichnung und die Beschreibung
zugleich. Wirkung hat nur das Gesamtbild, nicht
die Details. Und Interpretationen von Fremden
wirken wie disziplinierende Einflussnahmen auf
den Klienten.

Veränderungen ermöglichen

Neu ver- „Das Projekt der ANT besteht einfach darin, die Hier könnte man „ANT“ direkt gegen „SySt“
sammeln Liste zu erweitern, die Umrisse und Gestalten austauschen. Der Prozess einer SySt
um als derer zu verändern, die als Beteiligte „versammelt“ alle Beteiligten in einer Weise,
dauerhaftes versammelt werden, und einen Weg aufzeigen, dass sich daraus ein möglicher Lösungsweg für
Ganzes wie sie als dauerhaftes Ganzes handeln den Klienten ergibt. Dabei achtet der Gastgeber
handeln zu können.“ (S125) darauf, dass alle Beteiligten dabei „einen guten
können Platz“ in diesem Gesamtbild haben.

Und möglicherweise enthält das Schlussbild


auch mehr Elemente, als zu Beginn betrachtet
wurden.

Nicht Das Ausblenden wirkender Aktanten verhindert Alle relevanten Systemteile gehören in die
ausblenden den Erkenntnisprozess, das Zerstören Aufstellung, falls eines zu Beginn fehlt, wird das
nicht (Iconoclash) birgt die Gefahr der von den anderen Repräsentanten als fehlend
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zerstören Sinnentleerung. bemerkt werden – und dann dazugestellt („Was


immer es ein möge“).

Auch sehr negativ wirkende Systemteile werden


nicht ignoriert oder beiseite gestellt, sondern in
einer SySt akzeptiert und z.B. mit Rückgabe-
oder Trennungsritualen an einen anderen
inneren Platz des Klienten gestellt.

Mittler So beschreibt Latour die Grundlage der Wie oft haben sich schon irgendwelche
können Soziologie der Assoziationen: Alle Akteure aufgestellten „Hindernisse“ in „kostbare Helfer“
Uner- können auf eine Weise miteinander verbunden in Systemischen Strukturaufstel-lungen
wartetes sein, dass sie andere dazu bringen etwas zu verwandelt. Die so Verwandelten haben oft
auslösen tun. „Nicht dadurch, dass sie als eine Art von auch auf weitere Repräsentanten, nicht nur auf
getreuem Zwischenglied eine Kraft weiter den Fokus, Wirkungen, die diese wiederum zu
transportieren, welche durchgängig die selbe neuem Verhalten bringen.
bliebe, sondern in dem sie Transformationen Das ist das, was Latour mit Mittlern meint, die
hervorbringen, die sich in vielen unerwarteten Transformationen hervorbringen, die andere
Ereignissen bei den anderen Mittlern unerwartet zum Handeln bringen.
manifestieren, die auf sie in der Kette folgen.“
(S186)

Neue „Die Lösung besteht - wieder einmal – darin zu Das sind 2 Grundsätze, die aus meiner Sicht
Welten lernen, wie man von Unbestimmtheiten zehrt, auch eine gute SySt kennzeichnen:
durch Neu- statt im Vorhinein zu entscheiden, wie das
Versam- Mobiliar der Welt auszusehen hat.“ Es ist nicht nötig, alle Fakten zu klären oder zu
meln kennen, bevor man eine Systemische
In einer Fußnote weist Latour auf die mögliche Strukturaufstellung startet. Vorgespräche „ohne
Vielzahl von Welterklärungen hin: „Ich behalte hörbare Antworten“ sind der beste Beweis dafür.
den Plural für Ontologien bei, um den Leser
daran zu erinnern, dass diese Einheit nicht das Auch der Klient benötigt wenig konkrete
Resultat dessen ist, wie die Welt bei der ersten Informationen über die Geschichte seines
Begegnung ist, sondern was sie vielleicht Problems. Der Blick geht eher nach vorn in
werden wird, wenn sie ge- und versammelt Richtung Lösung, und auch da warten viele
wird.“ (S205) Im Text führt er das weiter aus: Unbestimmtheiten.
„Es gibt keine Hinterwelt, die sich als Richter für
diese Welt verwenden lässt, sondern in dieser Die Welt ist für den Klienten zu Beginn der
niedrigen Welt liegen viele weitere Welten in Aufstellung (hoffentlich) eine andere, als nach
Reserve, die vielleicht danach verlangen, eine der Aufstellung. Aufstellungen sollen ja die
zu werden – oder auch nicht, je nachdem zu Aufstellungselemente in neuer Weise
welcher ….. Arbeit der Versammlung wir versammeln, so dass sich daraus eine mögliche
imstande sein werden.“ (S206) neue, andere Welt für den Klienten ergibt.

Und das Erstaunliche ist, dass die neu


erscheinende Welt gar nicht so überirdisch
aussieht, auch wenn sie mit Hilfe der
Wunderfrage zustande gekommen ist.

Erkenntnis „Haben wir Erfolg …., so wird ein guter Bericht „Dass einige der an der Aktion Beteiligten durch
aus eine Performance des Sozialen in dem Sinne die kontroverse Vermittlung des „Gastgebers“
„virtuellem sein, dass einige der an der Aktion Beteiligten – versammelt oder wiederversammelt werden“ ist
Kollektiv“ durch die kontroverse Vermittlung des Autors – eine schöne andere Beschreibung einer SySt.
versammelt oder wiederversammelt werden.“
(S240) Was agiert, wenn wir agieren? Oder wer handelt
alles, wenn wir ein neues Handeln
„Dies können die fünf Unbestimmtheiten ausprobieren? Eine SySt soll genau darüber
möglicherweise zeigen helfen: … eine klarere Vorstellung erzeugen.
- Was agiert, wenn wir agieren?
- Welcher Art von Gruppierung Welcher Gruppe gehören wir an, und welche
gehören wir an? Bindungen haben wir dort, oder sollten wir
- An welcher Art von Welt sind wieder aufnehmen?
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wir bereit teilzuhaben?


Wie sieht die künftige Welt aus, die ich gestalten
…….. Es ist nicht so, als wüssten wir, die will? Eine andere Form der Wunderfrage: Was
Sozialwissenschaftler, die Antwort, die irgendwo wäre anders, wenn das Problem über Nacht
jenseits der Akteure läge, noch ist es so, das plötzlich gelöst wäre?
sie, die berühmten Akteure selbst, die Antwort
kennen. Tatsache ist, dass niemand die Niemand kennt die Antwort, deshalb setzen wir
Antworten kennt – und daher müssen diese sie kollektiv in Szene - in Form einer
kollektiv in Szene gesetzt, stabilisiert und Aufstellung.
revidiert werden, durch jenes virtuelle Kollektiv,
….“ (S240/241) Wenn das passend für den Klienten ist, wird er
versuchen das reale Kollektiv so umzubilden
und zu stabilisieren.

Qualität des Berichts / der Aufstellung

Berichte, Das Verfassen riskanter Berichte Der Bericht der SySt ist das vom Klienten
Darstellung Die einfache Frage: „Was tun wir, wenn wir erlebte Abschlussbild, mit den von ihm erlebten
Stimmig- soziale Verbindungen aufzeichnen?“ (S213) Prozessschritten dorthin.
keit lässt so viele Randbedingungen aufscheinen,
die wiederum Einfluss auf den Schreiber und Ob das ein guter Bericht ist, hängt auch davon
den Bericht haben. Latour macht deutlich, dass ab, wie weit der Klient dem Prozess
Kollegen, Stipendien, Förderbedingungen, akzeptierend folgen konnte, wie
Abgabetermine, eigene finanzielle Lage, und handlungsauslösend das Abschlussbild für ihn
das eigene Ver- oder Missverständnis, ist, auch wenn er sich möglicherweise völlig
insgesamt massiven Einfluss auf den Bericht anders entscheidet.
nehmen. Deshalb ist die Frage: „Was ist ein
gutes experimentelles Setting, und was ist eine Das wiederum hängt auch ab, von der
gute textliche Darstellung?“ (S217) nicht Bestimmung des richtigen Ziels und der
überflüssig. „Gute Soziologie muss gut Auswahl der wesentlichen Aufstellungselemente
geschrieben sein; wenn nicht, dann ist sie im Vorgespräch, und von der Durchführung der
unfähig, das Soziale zum Vorschein zu bringen.“ Aufstellung selbst.
(S217)
Eine gute SySt muß klar ausgerichtet und gut
„Wenn das Soziale etwas ist, das auf eine umgesetzt, und anschlussfähig für den Klienten
bestimmte Weise zirkuliert – das Soziale Nr. 2 – sein. Das ist gar nicht einfach.
und nicht eine ‚Welt im Jenseits, die durch den
desinteressierten Blick einiger ultrahellsichtiger Eine SySt kann selbstverständlich scheitern.
Wissenschaftler zugänglich – das soziale Nr.1 - Wie oft so ein „SySt-Bericht“ scheitert, ist nicht
, dann kann es durch viele Kunstgriffe klar. Eine Untersuchung darüber ist nicht trivial,
übermittelt werden – einschließlich Texte, schließlich gibt es wenig verlässliche Kriterien
Berichte, Beschreibungen oder irgendwelche über Erfolg oder Misserfolg von Aufstellungen
Tracer. Es kann, aber vielleicht wird es auch (das bezieht sich nicht nur auf SySt).
nicht. Textliche Berichte können scheitern, wie
das bei Experimenten ebenfalls häufig der Fall Die Vermutung liegt nahe, dass jede Aufstellung
ist.“ (S222) ein „riskanter Bericht“ ist. Ein sicher lohnendes
Forschungsthema.
„Eine solche Beschreibung möchte ich einen
riskanten Bericht nennen, was bedeutet, dass er
leicht scheitern kann – er scheitert meist -, da er
weder die völlige Artifizialität des
Unternehmens, noch seinen Anspruch auf
Genauigkeit und Wahrhaftigkeit beiseite
schieben kann.“ (S231)

Keine nach- Zur Frage, ob da nicht noch so etwas wie eine Volle Zustimmung: Wenn der „SySt-Bericht“, die
trägliche Erklärung fehlt, sagt Latour: „Entweder werden Aufstellung, gut war, dann bedarf es für den
Ergänzung die Netzwerke, die eine gegebene Situation Klienten keiner Erklärung mehr.
nötig möglich machen, vollständig entfaltet – und dem
noch eine Erklärung hinzuzufügen ist Die Interpretation kann ohnehin nicht von außen
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Karlheinz Pape, E-Mail: karlheinz.pape@web.de
Philgrundsyst-Blog: Gedanken zur Anwendbarkeit Seite 10/10
der ANT auf Systemische Strukturaufstellungen (SySt) Stand: 15.12.2010

überflüssig – oder wir fügen eine Erklärung kommen – auch nicht vom Gastgeber - weil nur
hinzu, die besagt, dass irgend ein anderer der Klient den ganzen Zusammenhang kennt.
Akteur oder Faktor noch berücksichtigt werden
sollte; dann ist es aber die Beschreibung, die Also auch bei einer SySt: Sich nur an die
noch weiter ausgeführt werden müsste. Eine Beschreibung halten!
Beschreibung, die zusätzlich noch eine
Erklärung verlangt, ist ein schlechte Ein hoher Anspruch, deshalb können wir ruhig
Beschreibung.“ (S238) auch von „riskanten Berichten“ bei einer
Aufstellung sprechen.
„Sich an das Beschreiben zu halten schützt
(Safer Sex vergleichbar) – gegen die
Übertragung von Erklärungen“. (S238)

Soweit eine erste Gegenüberstellung von Aussagen zur ANT im Vergleich mit SySt.

Eine SySt kann man aus meiner Sicht als eine soziologische Untersuchung im Sinne der ANT betrachten. Eine
Untersuchung für den Klienten – oder besser vom Klienten selbst, mit der Prozessunterstützung durch den
Gastgeber. Der Gastgeber weiß, wie man solche Berichte (Systemische Strukturaufstellungen) erstellt, und er
bemüht sich, die für den Klienten anschlußfähig zu gestalten. Das erfordert die intensive Zusammenarbeit während
des gesamten Prozesses – ohne dass der Gastgeber über Inhalte Bescheid wissen muss, dafür aber den Prozess
der „Berichtserstellung“ beherrscht.

Also SySt als andere Form der ANT? Zumindest das Anfangsbild, bei dem der Klient sein inneres Bild seiner
Situation in den Raum gestellt hat, ist nach der Befragung der Repräsentanten ein durchaus vergleichbarer ANT-
Bericht. Damit werden die Assoziationen der beteiligten Elemente vollständig beschrieben. Man kann auch die
netzartige Wirk-Struktur erkennen.

Der weitere Verlauf einer SySt hat aber ein anderes Ziel als die soziologisch eher feststellende ANT: Eine SySt soll
dem Klienten Wahlmöglichkeiten für sein Handeln zum Ändern seiner Situation aufzeigen. Damit wird der Prozess
der SySt eigentlich zu einem virtuellen Probehandeln in der Zukunft des Klienten. Das dürfte die erste Absicht der
ANT, einen guten Bericht über die Wirk-Beziehungen in einem Aktanten-Netzwerk anzufertigen übersteigen.
Allerdings ist ja nach der Kenntnis dieses Beziehungsnetzwerkes der Schritt nicht groß, das auch prognostisch zu
nutzen.

Die ANT liefert auch eine interessante Perspektive auf den Klienten als „Netzwerk-Knoten“. Das Netzwerk
beeinflusst das Handeln – oder Nicht-Handeln - des Klienten, ohne dass ihm das immer bewusst sein kann.
Einerseits stellen wir ja dieses Netzwerk mit einer SySt auf, und machen es damit sichtbar. Andererseits ist ja der
Klient dann ein Netzwerk-Knoten mit Einfluss auf das aufgestellte System, auf die Repräsentanten. Diese wiederum
erleben jetzt ihre eigene Rolle als Netzwerk-Knoten im simulierten System. Auch ihre Handlungsimpulse in der
Rolle sind ihnen jetzt nicht mehr bewusst, sie reagieren abhängig vom simulierten „Wirknetz“. Die sogenannte
„repräsentierende Wahrnehmung“ ist damit leider noch nicht erklärt.

Karlheinz Pape

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