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Ruhr-Universität Bochum 29.11.

2018
Romanisches Seminar

Regionalsprache und Minderheitensprache

Minderheitensprache und Regionalsprache:


- ‘keine Staatssprache’ ist kein ausreichendes Definitionskriterium für Minderheiten-
sprachen (s. Bsp. Pirahã, Katalanisch)
Autochthone und allochthone Minderheiten:
- autochthon = regional minority groups (RM): vom Mutterland getrennte Sprachinseln
(wg. historischer Grenzverschiebungen)
- allochthon = immigrant minority groups (IM): Sprache wurde durch Migration in
anderen Sprachraum transportiert
IM besitzen mehr Optionen als RM, da:
- Rückkehr ins Ursprungsland jederzeit möglich
- Wahlmöglichkeit zw. Aneignung und Weitergabe der ‘neuen’ Sprache und
diglossischem Bilingualismus
Zwei Arten von Minderheitensprachen:
1. außenüberdachte Sprachen der Immigrantengruppen (etablierte Kultursprache
wird verwendet)
-> keine Minderheitensprache, sondern nur Sprache einer Minderheit
2. dachlose bzw. nicht extern überdachte eigentlich staatenlose Sprachen
Definition Minderheitensprache: staatenlose autochthone Abstandsprache
Definition Regionalsprache: staatenlose autochthone Abstands- bzw. Ausbausprache, die über
ein Mindestmaß an Standardisierung verfügt
Bsp.: Baskisch (Abstandsprache), Galicisch (Ausbausprache)

Die westeuropäischen Regionalsprachen (WERS)


- Sprachen bzw. Sprachensituationen in West- und Mitteleuropa mit ähnlicher
Sprachgeschichte
- erlebten dieselben historischen, politischen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen
und technologischen Entwicklungen
Sprachkulturell & sprachpolit. relevante historische Entwicklungen Westeuropas (und
Teile Mitteleuropas) der letzten Jahrhunderte:

Verdrängungsphase Rekuperationsphase
- Regionalsprache werden durch - positive Neubewertung
Nationalstaat zurückgedrängt des Autochthonen
diglossische Situation Emanzipation der
(Substandardvarietät) regionalen Sprachen

Mittelalter Neuzeit (1450-Ende 18. Industrielle Revolution Romantik im 20. Jh.


- Latein Jh) - Schulpflicht - Rückbesinnung
- Nationalismus
- Christianisierung - frz. Revolution (1789) Massenalphabetisierung auf das Regionale
- Kolonialismus
- Fishman-Diglos- - Verbreitung frz. Staatssprache wird von
militär. - Sozialismus
sie-Situation Sprachpolitik in Europa jedem beherrscht
Bewegung & - Faschismus
(Latein und gleich- Herausbildung von
berechtigte Volks- Nationalstaaten (in
sprachen) Europa)
Primäre WERS Sekundäre WERS

gesprochene Idiome mit externer Überdachung hatten im Mittelalter eine Schrift- und
Literaturtradition

rezente Versuche, die Sprache zu einer wurden erst Jahrhunderte später durch eine
Standardsprache zu entwickeln Rekuperationsbewegung erneut verschriftlicht.

Beispiele: Asturianisch, Aragonesisch, Baskisch Beispiel: Katalanisch

Eine erfolgreiche Rekuperationsphase ergibt die Etablierung eines (stabilen) regionalen


Alternativstandards. Die weniger erfolgreichen WERS verlieren ihre Muttersprachler und
ziehen sich aus immer mehr Domänen zurück, doch bleiben als Emblemsprache durch die
Vertretung der idealistischen Neo-Sprecher am Leben.

Die Sprachsituation in Spanien


„23,9% der spanischen Bevölkerung sprechen eine Regionalsprache und ein noch deutlich
höherer Prozentsatz lebt in Gebieten, in denen neben dem Kastilischen eine weitere Sprache
Amtssprachenstatus besitzt.“ (S. 13) Diese Sprachen sind nicht nur
Katalanisch/Valencianisch, Galicisch und Baskisch, aber auch andere kleinere wie
Asturianisch, Aragonesisch und Aranesisch.
Die bedeutendste von ihnen ist aus einer in historischern, kulturellern und demographischern
Hinsicht ist das Katalanische. Die Sprachbewegung im 19. Jahrhundert, die das Katalanische
von einem bloßen Idiom zu einer eigentlichen Kultursprache gemacht hatmachte, hat als
Vorbild für die anderen iberischen Sprachbewegungen gegolten.
Artikel 3, Absatz 3 der Verfassung von 1978: „La riqueza de las distintas modalidades
lingüísticas de España es um patrimoônio cultural que será objeto de especial respeto y
protección”. (S. 17) Aber nur in den Regionalsprachenregionen besteht diese r sprachliche
Reichtumriqueza lingüística. In dem Rest Spaniens – besonders in der Hauptstadt – wird diese
Vielfalt eher als ein Hindernis angesehen.

Literaturverzeichnis
Radatz, Hans-Ingo (2013): „Regionalsprache und Minderheitensprache“, in: Herling,
Sandra/Patzelt, Caroline (Hgg.): Weltsprache Spanisch. Variation, Sozionlinguistik und
geographische Verbreitung des Spanischen. Handbuch für das Studium der Hispanistik.
Stuttgart: ibidem [= Romanische Sprachen und ihre Didaktik, 45]., S. 71-94.