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2 | Ausgabe 04 | 2019 | 3. Jg.

hinterfragen 3 | Ausgabe 04 | 2019 | 3. Jg hinterfragen

Verbildet Bildung? Draußen vor der Tür


es „nicht bildet“, sondern ganz im Ge-
Spotlight genteil, weil es verbildet.

In einem Bildungssystem, in dem die


Josef Oberneder in den Lehrplänen definierten all-
Ein Plädoyer für Persönlichkeitsbildung als gemeinen Bildungsziele wirklich er- Ein Zwigespräch, wie es tatsächlich stattgefunden

A
reicht werden sollten, müsste daher
ngesichts bevorstehender
Entwicklungen, beispiels-
fundamentales Leitprinzip (entsprechende) Persönlichkeitsbil- haben könnte
dung der Aspekt, die Orientierungs-
weise im Bereich der Di-
gitalisierung, darf es nicht ver- kategorie, das fundamentale Leitprin-
wundern, dass manchmal Skepsis JJ Gerade weil die Schule unausweichlich Menschen bildet, ist das zip sein – ob in den Schulen oder in JJ Adorno unterhält sich mit einer Studierenden über die pädagogischen
den tertiären Lehrer/innenbildungs-
und Sorge den Schulalltag durch-
dringen. Fest steht aber: Wir sind
bestehende Schul- und Bildungssystem grundsätzlich zu hinterfragen einrichtungen. Zugänge in der Lehramtsausbildung
nicht die Produkte unserer Medi-
en (analog oder digital), sondern „Schafft die Schule ab“, fordert Oli- teln, die vom Verständnis für die exis- men die F4F-kids bei ihren Freitags- Um aber dies zu verwirklichen – hier Studentin: Herr Adorno, was ist mit sen stehen Selbstbestimmtheit und A: Ja, z. B.: „Draußen vor der Tür“. Bei
vielmehr schaffen wir uns mit ver Hauschke auf dem Cover seines tenziellen Probleme der Menschheit demonstrationen? Ist es nicht bloß stimme ich in den Chor der alten dem Titel „Draußen vor der Tür“ ge- die Fähigkeit zur Selbstreflexion im Aufgabenstellungen in der Outdoor-
unseren Medien Lebensräume neuen Buches vehement und schiebt und von Mitverantwortung getragen der Stoff, den sie nach der nächsten und neuen Schulkritiker/innen ein meint? Zentrum. Der Mensch wird hier als Pädagogik werden in moderierten Ge-
und Lernräume. Medienkompe- im Untertitel als Begründung nach, ist. Dabei sind Humanität, Solidari- Schularbeit sowieso wieder vergessen –, müsste Schule in der Tat radikal, handelndes Subjekt gesehen mit den sprächsrunden Differenzen zwischen
tenz und die Schulung dafür steht
dass die Schule „unsere Kinder nicht tät, Toleranz, Frieden, Gerechtigkeit, hätten? strukturell verändert werden – oder Adorno: Es gibt zwei Arten von Päd- Merkmalen der Intentionalität, Re- den verschiedenen Wahrnehmungen
und fällt daher mit der Fähigkeit
zu beobachten und zu reflektie- bildet“ und deshalb „radikal geändert Gleichberechtigung und Umweltbe- eben abgeschafft. agogik: Eine vor der Tür und eine im flexivität und sprachlicher Kommu- verschiedener Personen sichtbar ge-
ren, was Medien mit uns machen. werden muss“. Ich möchte dem wi- wusstsein handlungsleitende Werte.“ Das alles hat nichts mit undifferen- Gebäude hinter der Tür. nikationsfähigkeit. Diese sind nicht macht. Diese interpersonellen Diffe-
Also Lernräume zu gestalten, die dersprechen und die These vertreten, (BGBl. II Nr. 230/2018, S. 4) ziertem Lehrer/innen-bashing zu tun! Thomas Mohrs ist Leiter des Zentrums durch Bildungsstandards erzeugbar, renzen sind der Ausgangspunkt für
eine analytische Tiefe der Beo- dass zwar die Schule sehr wohl radikal Denn Lehrer/innen sind ihrerseits seit für Persönlichkeitsbildung und S: Was meinen Sie mit Gebäude? aber durch entsprechende Erziehung Lernprozesse. Interpersonale Diffe-
bachtung ermöglichen. geändert werden muss (resp. müsste), Wie sieht demgegenüber die Realität jeher innerhalb dieser systemischen Begabungsförderung an der PH OÖ. kann ihre Entwicklung ermöglicht renzen bilden also den Ursprung für
aber gerade weil sie unsere Kinder bil- Vorgaben vor die unmögliche Aufga- A: Das Gebäude ist unsere Schule mit werden. Veränderungen im intrapersonalen
Aufgabe von Pädagoginnen und
det – bzw. eben verbildet. Zur Begrün- be gestellt, „eine Wandergruppe mit ihrer unreflektierten Pädagogik und Sein. Wertschätzung und respektvoller
Pädagogen wird es deshalb sein,
den Schülerinnen und Schü- dung dieser These setze ich bei einem Spitzensportlern und Behinderten bei dem entsprechenden Menschenbild – S: Uff. Die Art der Reflexionsberichte Umgang mit Neuem sind die Voraus-
lern im Zeitalter der „Schule 4.0“ bekannten Zitat Paul Watzlawicks „Lehrpersonen, die Nebel durch unwegsames Gelände und sie hat dicke Mauern. über unsere Schulpraxis scheint dafür setzung, um den unreflektierten Mus-
Lern-, Erlebnis- und Reflexions- an: „Man kann nicht nicht kommu- in nordsüdlicher Richtung zu führen, aber nicht geeignet. tern im eigenen Denken auf die Spur
räume zu ermöglichen, die der nizieren.“ Und adaptiere dieses Zitat für sich in Anspruch und zwar so, dass alle bei bester Lau- S: Was meinen Sie mit unreflektierter zu kommen.
Medienvielfalt (analog und digi- sinngemäß für die Schule: „Man kann ne und möglichst gleichzeitig an drei Literatur: Pädagogik und welches Menschenbild A: Ihr Unbehagen verstehe ich. Das
tal) einer modernen Gesellschaft nicht nicht erziehen“ – oder etwas vor-
nehmen, ausschließlich verschiedenen Zielorten ankommen.“ ist damit verbunden? in der Selbstreflexion notwendige S: Ich könnte mir vorstellen, dass ich
entsprechen. Schulen haben des-
halb eine ganz zentrale Aufgabe
sichtiger formuliert: „Man kann nicht für die Vermittlung von Das ist nicht leistbar! Hauschke, O. (2019). Schafft die Zulassen von Unsicherheit steht im Angst vor solchen Situationen bekäme.
nicht in Beziehung treten“. Lehrperso- Schule ab: Warum unser Schulsys- A: Ich meine den Behaviorismus. Er Widerspruch zu den exekutierten, be-
übernommen: Sie bieten selbstge- nen, die für sich in Anspruch nehmen, Fachwissen zuständig Ich greife noch einen anderen Aspekt tem unsere Kinder nicht bildet und geht davon aus, dass sich nur wissen- havioristisch typischen, Be- und Ver- A: Neue Wege im Denken einzu-
steuertes und angeleitetes Lernen radikal verändert werden muss.
als Grundlage zum Erlernen von
ausschließlich für die Vermittlung von
Fachwissen zuständig zu sein, während
zu sein, während auf, den der demokratischen Bildung,
verstanden als Bildung von mündi- München (mvg Verlag).
schaftlich untersuchen lässt, was sich
beobachten und messen lässt. Es fehlt
urteilungen. schlagen ist immer verbunden mit vo-
rübergehender Destabilisierung und
Entscheidungsfähigkeiten bei un-
seren Schülerinnen und Schülern. Erziehung einzig und allein Sache Erziehung einzig gen, weltoffenen, politisch kompeten- in diesem Konzept menschliche In- S: Ich weiß nicht so recht, so ganz ohne der darauffolgenden Neuorientierung.
der Eltern / des familiären Umfelds ten Bürgerinnen und Bürgern einer tentionalität, Autonomie, Reflexivität, Beurteilung? Andererseits weiß ich Es sind daher Zweifel angebracht, ob
Im Lichte dieser Befunde spielen sei, täuschen sich dementsprechend. und allein Sache der vitalen Demokratie als dringendes,
Renz-Polster, H. (2019). Erzie-
hung prägt Gesinnung: Wie der Emotionalität und Planen. von meinen Freundinnen, die schon Lernarrangements ohne Selbstreflexi-
Fortbildung und Weiterbildung
eine zentrale Rolle im Berufsleben
Denn „vermitteln“ ist ein relationaler
Begriff, der auch im schulischen Kon-
Eltern / des familiären geradezu existenzielles Desiderat ei-
ner freiheitlich-demokratischen Ge-
weltweite Rechtsruck entstehen
S: Das erinnert mich an meine eige-
Lehrerinnen sind, dass abgeprüfte In-
halte des Studiums kaum gebraucht
on im komplexen pädagogischen Feld
überhaupt als solche bezeichnet wer-
konnte – und wie wir ihn aufhalten
der Pädagogik. Längst ist es zur
Selbstverständlichkeit geworden,
text auf eine soziale Beziehung zwi- Umfelds sei, täuschen sellschaft. Geht das mit der Stoff- können. Münche (Kösel). ne Schulzeit. Mich hat nie jemand werden und eigentliches Know-how den können.
schen Menschen rekurriert. Auch die Stopfgänse-Pädagogik? Ist Schule als gefragt, wie es mir geht. Gibt es denn erst in der Schule gelernt wird.
dass sich Pädagoginnen und Pä-
dagogen in ihrer beruflichen und „reinen Wissensvermittler/innen“ ver- sich dementsprechend." strukturell un- bzw. antidemokratische eine Alternative? S: Sie haben eingangs von dicken
persönlichen Weiterentwicklung mitteln demnach Werte, und seien es Einrichtung der geeignete Ort, demo- A: Ich spreche von einem reflektier- Mauern gesprochen. Was haben Sie
der Fort- und Weiterbildungsan- die „Werte“ der sozialen Distanz und kratisches Bewusstsein, demokratische A: Ja, in Institutionen die nach hu- ten und persönlichen Entwicklungs-, damit gemeint?
gebote der Pädagogischen Hoch- Gleichgültigkeit. der Schule aus? Bestätigt diese nicht Haltung in dem Sinne auszubilden, manistisch/konstruktivistischen Men- Lern- bzw. Erziehungsphänomen.
schulen bedienen. eher die harsche Schul- und System- wie sie im Lehrplan definiert ist? An schenbildern organisiert sind. In die- A: Damit meine ich die mangelnde
Wenn aber Schule nicht nicht erzie- kritik spätestens seit Leo Tolstoi über dieser Stelle verweise ich auf Her- Erstens muss in einer pluralistischen Reflexion im System. Dazu ein aktuel-
Unser aktuelles Magazin gibt einen
Überblick über die Angebote und hen – oder sagen wir besser: bilden Ellen Key, Janusz Korczak, Virginia bert Renz-Polsters aktuelles Buch, in Gesellschaft unter vielen Möglich- les Beispiel: Der ehemalige Bildungs-
Themenstellungen. Dabei fokussie- – kann, wenn Menschenbildung in Woolf und Ivan Illich bis zu heutigen dem ein altbekannter Grundgedanke keiten ausgewählt werden können. Es minister Heinz Faßmann hat in einem
ren wir nicht nur den Wandel vom der Schule unweigerlich stattfindet, Autoren wie Richard D. Precht, Ulrich gründlich und differenziert aufbereitet geht also vielmehr um die Entschei- Interview zur Notengebung gesagt:
„analogen zum digitalen“ Zeitalter. dann stellt sich unmittelbar die Fra- Klemm, Ulrike Kegler, Ken Robinson, wird: „Erziehung prägt Gesinnung“. dungsprozesse zwischen Handlungs- „Es ist eine politische Entscheidung,
Coaching und Schulentwicklungs- ge, von welchem Menschenbild man Bertrand Stern, Oliver Hauschke und Welche Gesinnung wird aber in der alternativen und das Konstruieren von wie vieles, was ich entscheiden muss.
beratung, digitale Grundbildung dabei ausgeht bzw. worauf schulische den diversen Freilerner-communities, „Regelschule“ geprägt: die angepasster, Sinn und Absichten. Nicht hinter jeder politischen Ent-
und Klimawandel, sprachliche Bil- Erziehung/Bildung abzielen, was ihr die unisono geltend machen, dass passiver Weisungsempfänger/innen, scheidung gibt es auch eine wissen-
dung und Lehrer/innengesundheit pädagogisches „telos“ sein sollte. Zur Schule ihrem ureigensten Auftrag lustloser Pflichterfüller/innen – und Zweitens geht es um das Bewusstsein schaftliche Fundierung.“ (zit. n. Der
sind nur einige Themenbereiche, Beantwortung dieser Frage beziehe ich aus systemischen Gründen gar nicht natürlich die braver, willfähriger Kon- der Notwendigkeit davon. Standard, 11.10.2018)
die wir beispielhaft in unserem
mich – exemplarisch! – auf den aktu- gerecht werden kann? Behandelt die sumentinnen und Konsumenten. Aber
Magazin vorstellen.
ellen NMS-Lehrplan. Hier heißt es „Regelschule“ nicht nach wie vor („in das steht eindeutig im Widerspruch Drittens braucht eine Person beim S: Ich glaube, ich verstehe jetzt auch
Die Pädagogische Hochschule u. a. (es wären zahllose weitere Stellen aller Regel“) Kinder faktisch gerade zu einem gehaltvollen demokratisch- Erwerb derartiger Kompetenzen auch Ihren Satz aus „Erziehung nach
Oberösterreich als tertiäre Bil- zitierbar): nicht entsprechend ihren individuellen kritischen Selbstverständnis. adäquate Lernarrangements. Auschwitz“ (Adorno 1967, S. 112):
dungsstätte unterstützt Sie, sehr Bedürfnissen, sondern eher wie „Stoff- „Erziehung wäre sinnvoll überhaupt
geehrte Pädagoginnen und Päd- „Der Unterricht hat aktiv zu einer Stopfgänse“, die ungefragt Zwangs- Gemessen an den hehren allgemei- Viertens existieren gerade in der Pä- nur als eine zu kritischer Selbstreflexi-
agogen, bei der Bewältigung der den Menschenrechten verpflichteten Stoff in sich hineinstopfen müssen, um nen Zielen des Lehrplans (resp. der dagogik Unmengen von Theorien, die on“. Es ergibt sich ein dringlicher Auf-
Herausforderungen Ihres berufli-
Demokratie beizutragen. Urteils- und ihn gegen den Tauschwert „Note“ bei Lehrpläne!) scheitert also das System wissenschaftlichen Kriterien nicht ein- trag an die Lehramtsausbildung.
chen Alltags. Wir freuen uns über
Ihre Teilnahme an unseren Ange- Kritikfähigkeit sowie Entscheidungs- der nächsten Schularbeit wieder raus- Schule auf weiter Strecke, es steht sich mal annähernd genügen. Eine derarti-
boten. und Handlungskompetenzen sind zuwürgen, um ihn dann getrost wieder gewissermaßen selbst im Weg, leidet ge Vielfalt erfordert Kompetenzen in Johannes Pögl (hannes.poegl@gmx.at)
zu fördern, sie sind für die Stabilität vergessen zu können? Und bloß keine an strukturellen Selbstwidersprüchen der Selektion. Stephan Stumpner (stephan.stump-
Josef Oberneder, MAS MBA MSc pluralistischer und demokratischer Fehler machen, weil Fehler der Maß- (unter denen Lehrer/innen gleicher- ner@ph-ooe.at)
ist Vizerektor der Pädagogischen Gesellschaften entscheidend. Den stab der Beurteilung sind, der Maß- maßen zu leiden haben wie Schüler/ S: Gibt es solche Lernsettings, in de-
Hochschule Oberösterreich. Schülerinnen und Schülern ist in einer stab dafür, ob man ein „guter Schüler / innen). Und genau deswegen ist dieses nen ich mich selbst reflektieren lerne,
zunehmend internationalen Gesell- eine gute Schülerin“ ist oder ein Loser. System radikal zu ändern – nicht weil überhaupt?
schaft jene Weltoffenheit zu vermit- Provokant gefragt: Was genau versäu-