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Zur Diskussion gestellt

Warum der »Zwiebelfisch« nicht in den Deutsch-


unterricht gehört

Péter Maitz und Stephan Elspaß

1. Die merkwürdige Erfolgsgeschichte überwiegend) durch den »Zwiebelfisch«


des »Zwiebelfischs« – und wie man sich Aufmerksamkeit gewinnen, können
dazu verhalten kann Sprachwissenschaftler im Grunde nichts
In Heft 34, 2/3 (2007: 306 f.) »Für Sie haben – im Gegenteil. Etwas anderes ist
gelesen« der Info DaF ist eine Rezension freilich die hinter diesen Büchern ste-
über den dritten Band von Bastian Sicks hende Auffassung von Sprachpflege und
Fortsetzungswerk Der Dativ ist dem Geni- Sprachkritik, mit der wir als Sprachwis-
tiv sein Tod (Sick 2006) erschienen. Sicks senschaftler nichts gemein haben, wie
Buch scheint die Rezensentin begeistert wir im Folgenden zeigen wollen.
zu haben, denn ihr Gesamturteil ist ein- Der unmittelbare Anlass unseres Zwi-
deutig und ohne jegliche Einschränkung schenrufs aber ist also der Abdruck der
positiv: Rezension in Info DaF als Fachzeitschrift
»Abschließend kann ich mich nur dem Um- für Deutsch als Fremdsprache. Die
schlagtext anschließen, der besagt: ›Lese »Zwiebelfisch«-Kolumnen sollten zu-
nicht irgendein Buch, sondern lies dieses nächst – nach Sicks eigenem Bekunden –
Buch!‹« nur unterhalten (Sick 2004: 9). Inzwi-
Nun steht die Rezensentin mit ihrer Be- schen sehen jedoch breite Kreise der
geisterung offenbar nicht alleine da. Sicks deutschsprachigen Öffentlichkeit Sick of-
Online-Kolumne »Zwiebelfisch« hat eine fenbar bereits als Instanz in Sachen
große Fangemeinde, seine Bücher ver- Sprachpflege und Sprachberatung, an die
kaufen sich sehr gut, und der Autor wird sich unsichere LeserInnen in sprachli-
in manchen Medien schon als Star gefei- chen Fragen wenden. Schon berichten
ert: Tausende von Interessierten hörten Kollegen etwa aus Russland, dass die
ihm im März 2006 im Rahmen der – auch Bücher Sicks dort gern im DaF-Unterricht
von der Guiness-Redaktion als Weltre- herangezogen werden, und im Saarland
kord anerkannten – »größten Deutsch- soll – wenn man der Wikipedia-Seite über
stunde der Welt« (so die Homepage des Bastian Sick Glauben schenken darf –
Verlags) zu. Dagegen, dass sprachliche – »›Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod‹ im
und noch genauer: grammatische – Fragen Schuljahr 2005 in den Kanon der Pflicht-
(denn darum geht es in Sicks Büchern bücher für das Abitur aufgenommen«

Info DaF 34, 5 (2007), 515–526


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worden sein (http://de.wikipedia.org/ schaftlich unhaltbare und sprachsozial


wiki/Bastian_Sick; aufgerufen am höchst schädliche Position stehen. Wir
31.7.2007). halten diese für eine Position, die weit
Diese offenbar verbreitete Begeisterung mehr und weit größere Probleme und
für den Autor der »Zwiebelfisch«-Ko- Konflikte im sprachlichen Alltag verur-
lumnen können wir freilich nicht teilen. sacht, als sie zu lösen vermag, und gegen
Eins sei gleich festgehalten: Wir sehen die wir – zusammen mit zahlreichen Kol-
keinen Makel in der Tatsache, dass Sick – legInnen an deutschen und ausländi-
als Romanist und Geschichtswissen- schen Hochschulen weltweit – auf argu-
schaftler – keine sprachgermanistische mentativen Wegen zu kämpfen versu-
Ausbildung erfahren hat. Sick fehlt aber chen.
offenbar eine sprachwissenschaftliche
Fundierung. Und so sind es rein fachlich 2. Das Konzept der ›Sprachrichtigkeit‹ –
begründete Argumente, die uns im kla- bei Sick und in der Linguistik
ren Gegensatz zur erwähnten Rezension Das grundsätzliche Problem besteht beim
eindeutig Stellung gegen die Empfeh- »Zwiebelfisch« und ähnlichen Schriften2
lung beziehen lassen, Sicks Bücher oder aus sprachwissenschaftlicher und
Kolumnen in der sprachlichen Ausbil- sprachsozialer Perspektive darin, dass sie
dung an NichtmuttersprachlerInnen mit einer Vorstellung von Sprachrichtig-
(oder auch MuttersprachlerInnen) zu keit arbeiten, die sich nicht nur mit dem
verwenden. Ein wichtiges Argument ist, heutigen Stand der Sprachwissenschaft
dass viele der Sick’schen Texte schon schwer in Einklang bringen lässt, son-
allein wegen eklatanter sachlicher Fehler dern auch den sprachlichen Interessen
für einen grammatisch orientierten und Bedürfnissen einer modernen und
Sprachunterricht nicht zu gebrauchen toleranten Gesellschaft widerspricht. Die
sind bzw. vor ihrem Gebrauch geradezu von Sick vertretene und propagierte
zu warnen ist. Dazu geben wir am Sprachrichtigkeitsauffassung entspringt
Schluss des Beitrags einige Beispiele.1 nämlich einer spracharistokratischen,
Unser wichtigstes Argument aber ist, vorwissenschaftlich-normativen Hal-
dass die Auffassungen von ›Sprachrich- tung. Selbst wenn er es hier und da
tigkeit‹ und ›Sprachpflege‹, die in Sicks implizit oder explizit leugnet oder ab-
Büchern immer wieder zum Vorschein lehnt, geht er stillschweigend doch ein-
kommen, für eine überholte, wissen- deutig davon aus, dass es an der Spitze

1 Auch wenn das manchem als Spielverderberei erscheinen sollte: Wir bezweifeln allein
schon, dass sich etwa der »Test« am Ende des dritten Bands – um die in der oben
genannte Rezension, S. 207, möglichen Anwendungsbeispiele aufzugreifen – für »ver-
gnügte Frauenabende oder langweilige Familienfeiern« eignet, und »für Vertretungs-
stunden in Schulen« taugt er unseres Erachtens nur, wenn das Thema der Stunde
›Sprachkritik‹ lautet und zusammen mit dem Zwiebelfisch gelungenere Texte herange-
zogen werden (z. B. aus dem Band von Heringer 1982 oder dem Heft von Neuland 2006).
2 Sicks Bücher sind nur die Spitze eines Eisbergs. Es gibt eine Vielzahl ähnlicher, wenn
auch weniger ›unterhaltend‹ daherkommender Schriften, von denen nur Urbanek
(2002) genannt sein soll. Solche Bücher stehen freilich in einer langen Tradition von
Werken, die in sprachpflegerischer Absicht eigene, subjektive Sprachnormen zum
Maßstab für ›richtiges‹ Deutsch machen. Das vor den Büchern Sicks prominenteste und
verbreitetste Beispiel sind Gustav Wustmanns »Sprachdummheiten« (1903; 1. Auflage
1891, 14. Auflage 1966). Zu dieser langen Tradition vgl. jetzt Law (2007).
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einer Sprachbevölkerung Instanzen gibt, beim Sprechen oder Schreiben beachten


die entscheiden können, dürfen und sol- sollten. Denn diese Grammatiken enthal-
len, was sprachlich richtig und was falsch ten ja – im Idealfall – ohnehin nur genau
ist – seien es die Duden-Werke, andere das: nicht mehr und nicht weniger als
Grammatiken und Wörterbücher des diejenigen Regeln, nach denen sie die
heutigen Deutsch oder (mit oder ohne deutsche Sprache von vornherein, ohne
diesen in der Hand) eben bestimmte evtl. jemals eine Grammatik oder ein
»Sprachpäpste«. (Interessanterweise Wörterbuch in der Hand gehabt zu ha-
werden in diesem Zusammenhang kaum ben, verwenden. Festgehalten werden
Gruppen genannt – im Gegenteil: muss also Folgendes: Was richtig und
Sprachräte etc. betrachtet man eher skep- was falsch ist, entscheiden nicht die
tisch.) Grammatiken, nicht die Sprachwissen-
Nehmen wir den Fall der grammatischen schaftler – und schon gar nicht Bastian
›Sprachrichtigkeit‹: Es gibt ja im Grunde Sick. Was richtig oder falsch ist, was also
zwei Arten von Grammatiken (vgl. in einer solchen Grammatik zu stehen
Funk/Koenig 1991: 13 f.), nämlich 1. lin- hat, entscheidet der tatsächliche Sprach-
guistische (wissenschaftlich-beschrei- gebrauch, d. h. die erwachsenen, in ihren
bende) und 2. didaktisch oder pädago- sprachlichen Fähigkeiten nicht patholo-
gisch angelegte Grammatiken (Lerner- gisch beeinträchtigten Muttersprachle-
grammatiken). Das muss den LeserInnen rInnen. Als wirklich fehlerhaft (agram-
dieser Zeitschrift nicht näher erläutert matisch) können nur diejenigen sprachli-
werden. Wichtig ist in unserem Zusam- chen Formen angesehen werden, die
menhang, dass erstere nicht dazu erarbei- selbst von MuttersprachlerInnen eindeu-
tet wurden, um SchreiberInnen und Spre- tig und kollektiv als solche erkannt und
cherInnen bestimmte Sprachgebrauchs- beurteilt werden – und dann aber gerade
formen als die ›richtigen‹ vorzuschreiben. deswegen in der Regel auch spontan,
Allererste Aufgabe dieser Werke ist es im ohne nachschlagen oder nachfragen zu
Gegenteil, den jeweils aktuellen Sprach- müssen, korrigiert werden können und
zustand, die zu einer bestimmten Zeit in der Regel tatsächlich auch korrigiert
beobachtbaren Formen des tatsächlichen werden. Obschon Sick das Wesen solcher
Sprachgebrauchs zu beschreiben. Am An- Grammatiken im Laufe seines Studiums
fang war nicht der Duden, an dem sich kennengelernt haben müsste, ignoriert er
die deutsche Sprachgemeinschaft zu ori- sie zumeist – bewusst oder fahrlässig. Er
entieren hatte, sondern die deutsche verweist hier und da auf »den Duden«,
Sprachgemeinschaft, deren Sprachge- greift sich aber dabei nur gerade das
brauch der Duden u. a. möglichst voll- heraus, was ihm gerade in den Kram
ständig zu erfassen versuchten. Daraus passt. (Man wird auch nicht darüber auf-
folgt dann aber auch, dass es im Grunde geklärt, welchen Duden er meint: Mal
nicht nur überflüssig, sondern geradezu erwähnt er die Duden-Grammatik – wel-
sinnlos ist, deutschen MuttersprachlerIn- che der unterschiedlichen Auflagen über-
nen – außer natürlich (zukünftigen) haupt? –, mal greift er zum Duden-Band
DeutschlehrerInnen, die in ihrem Beruf »Zweifelsfälle«, mal scheint er einfach in
ohne explizite Regelbeschreibungen eines der Duden-Wörterbücher geschaut
nicht auskommen können – deutsche zu haben.)
Grammatiken in die Hand zu geben bzw. Haben Schriften vom Schlage der Sick-
ihnen auf Grund dieser Grammatiken Bücher schon nichts mit dem Zweck wis-
Ratschläge zu geben, welche Regeln sie senschaftlicher Grammatiken zu tun, so
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sind sie ebenso wenig in die ehrwürdige seine Begeisterung für die regionale Viel-
Tradition grammatisch-didaktischer falt, besonders für die deutschen Dia-
Werke einzureihen, die notwendiger- lekte. Neben der regionalen Variabilität
weise die einer Sprache inhärenten Regu- zeigen natürliche Sprachen auch eine so-
laritäten so weit abstrahieren und verein- ziale und eine situative Varianz, so dass
fachen müssen, dass sie für Fremdspra- wir es am Ende – und ganz besonders in
chenlernerInnen als ›Regeln‹ erlernbar Deutschland – mit einem äußerst vielge-
sind. staltigen Komplex von Varietäten und
Wissenschaftlich-beschreibende wie ihrer inneren Verflochtenheit zu tun ha-
auch didaktische Grammatiken sind im ben (zur Variation im Deutschen siehe
krassen Gegensatz zu den Sick-Büchern z. B. Barbour/Stevenson 1998; Neuland
systematisch aufgebaut und erklären so- 2004). So wird in Süddeutschland neben
wohl die Regularitäten und Regeln als den zahlreichen klein- und großräumigen
auch die – übrigens durchaus nicht unre- regionalen Varietäten eine Standardva-
gelhaften – Ausnahmen (ohne die es die rietät (›Hochdeutsch‹) gesprochen, die
Regeln nicht gäbe). Sick und gleichge- aber auch markante regionale Unter-
sinnte Autoren begnügen sich damit, in schiede zur in Norddeutschland gespro-
ungeordneter Folge bestimmte Regeln für chenen Standardsprache zeigt. Des Wei-
Gesetze bzw. bestimmte Formen für kor- teren werden natürlich auch in Süd-
rekt und Ausnahmen bzw. abweichende deutschland weitere Varietäten im weite-
Formen für unkorrekt zu erklären – und das ren Sinne verwendet, so auch verschie-
aus einer abgehobenen und durch nichts dene Register oder Stile (z. B. ›Jugend-
und niemanden legitimierten Position. sprachen‹), die ebenfalls nicht nur fach-
Wenn nun aber deutsche Muttersprachle- sprachliche oder gruppentypische, son-
rInnen die in den Grammatiken enthalte- dern auch typische regionale Merkmale
nen Regeln ohnehin beherrschen, woraus zeigen können. Auch diese ›Varietäten‹
ergeben sich dann, könnte und müsste sind also keineswegs homogen, sondern
jetzt die Frage lauten, trotzdem die zahl- weisen vielmehr auch eine interne Varia-
reichen Zweifelsfälle und Unsicherheiten tion auf. Nun ist es so, dass Sprecher in
im sprachlichen Alltag? Woher kommt der Regel gleichzeitig mehrere von diesen
das große Interesse an Sprachratgebern, Varietäten beherrschen, und durch ihre
woraus resuliert die begeisterte Auf- sozialen Kontakte und ihre soziale und
nahme selbst vom stark nach Unwissen geografische Mobilität auch noch mit
und sprachlicher Intoleranz riechenden zahlreichen weiteren von ihnen nicht be-
»Zwiebelfisch«? Die zwei Schlüsselkate- herrschten konfrontiert werden. Und ge-
gorien, die uns zur Antwort verhelfen nau dieser Varietätenkontakt und diese
dürften, lauten: Sprachvariation und Varietätenvielfalt sind es, die die Quelle
Sprachwandel. vieler Unsicherheiten und Zweifelsfälle
darstellen. Varietäten haben ihre eigenen
3. Vom Umgang mit sprachlicher Varia- Regeln und Normen, die sich mehr oder
tion weniger stark von denen anderer Varietä-
Die Tatsache, dass jede natürliche Spra- ten unterscheiden. Vieles von dem, was
che, so auch das Deutsche, heterogen ist uns im sprachlichen Alltag (in Zeitungen,
und in ihren verschiedenen Varietäten Fernsehsendungen oder bei der sponta-
Gestalt annimmt, wird auch von Sick nen Kommunikation mit anderen) als
nicht geleugnet; im Gegenteil bekundet ›Abweichung‹ ins Auge fällt, ist also kei-
er z. B. in seinem Buch immer wieder neswegs ein Fehler, sondern einfach nur
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eine Struktur einer anderen, uns selbst Nicht nur Sicks aristokratisch-normative
nicht so sehr vertrauten Varietät. Solche Attitüde, sondern auch die von uns – und
Strukturen als mangel- oder fehlerhaft von vielen anderen – beobachteten
abzustempeln wäre etwa so, als würden sprachlichen Alltagsprobleme und -kon-
wir von Briten behaupten, sie fahren flikte deuten darauf hin, dass der tole-
falsch, weil sie mit ihren Autos in der rante Umgang mit der erwähnten Varie-
linken Spur fahren. (Sie verhalten sich tätenvielfalt in Deutschland bis heute we-
natürlich nach den in ihrer Verkehrsge- sentlich mehr Probleme bereitet, als dies
meinschaft geltenden Regeln völlig rich- in anderen europäischen Sprachkulturen,
tig.) Was soziales Konfliktpotential in sich etwa in Norwegen oder Italien, der Fall
birgt, ist allein, das sprachliche oder an- ist. Eine solche Haltung ist bei linguisti-
dere Verhalten von anderen nach unseren schen Laien, die in diese, aus früheren
eigenen, von vornherein anderen Maßstä- Jahrhunderten ererbte und den Bedürf-
ben zu messen und bewerten zu wollen. nissen einer modernen und toleranten
Sick und sein Alter ego (so genau weiß Gesellschaft nicht angepasste Sprachauf-
man nie, welche seiner Geschichten au- fassung unwillentlich hineinsozialisiert
thentisch von ihm erlebt, ihm von seinen wurden, höchst verständlich (selbst
LeserInnen zugetragen oder schlichtweg wenn Norweger oder Italiener darüber
erfunden sind) zeichnen sich durch eine etwas überrascht oder verwundert wä-
ausgesprochene Intoleranz gegenüber ren). Bei jemandem wie Sick, der aber
Varianten des Deutschen aus, die er im dieses Laienpublikum mit seinen Bü-
Regelapparat seines Idiolekts oder beim chern nicht mehr nur unterhalten, son-
schnellen Blick in den Duden nicht orten dern inzwischen auch orientieren und
kann. Meist sind es (vermeintlich) mittel- belehren will, der also zumindest still-
oder süddeutsche Sprachgebrauchswei- schweigend von sich selbst behauptet, er
sen, die er – als vorwiegend in Schleswig- wisse von Sprache mehr als die anderen,
Holstein und Hamburg Sozialisierter – ist eine solche Haltung nichts anderes als
als auffällig markiert (der »›Wem-sing‹- ignorant.
Fall »im Rheinland« (Sick 2006: 16), die Dass Sprachgebrauchsformen im deut-
doppelte Verneinung beim »Bayern«, schen Alltag oft als falsch oder zumindest
(Sick 2006: 58) oder der »Wowoismus« als fragwürdig angesehen werden und
gleich zur verzweifelten Fragestellung
der Baden-Württemberger (Sick 2006:
»Richtig oder falsch?« führen, hat aber
142), der auch die – norddeutsch soziali-
auch noch zwei andere Gründe. Der erste
sierte? – Rezensentin belustigte). Und er
ist, dass die laienhafte, nicht selten aber
macht auch deutlich, dass er seine Ge-
auch die (pseudo)professionelle Sprach-
brauchsweise als korrekter betrachtet –
pflege und Sprachkritik (siehe etwa Sick)
so wie er es etwa in der Wiedergabe eines
in Deutschland sehr stark von den Nor-
(echten?) persönlichen Gesprächs mit sei-
men der geschriebenen Standardvarietät
ner in Thüringen lebenden Cousine de-
ausgeht: Sie wird als Maßstab zur Beur-
monstriert:
teilung und Bewertung sprachlicher For-
»Eine meiner Cousinen, die in Thüringen men verwendet – selbst wenn es sich um
lebt, verwendet gelegentlich den Ausdruck nicht-standardsprachliche Formen der
›Ich fahr auf Polen‹. Beim ersten Mal habe Alltagssprache handelt (was hier alles
ich sie noch verbessert: ›Du meinst, du
stehst auf Polen.‹ […]« (Sick 2006: 49 – möglich ist, zeigt etwa der unter
Kursivsetzung von Sick, Fettdruck durch www.uni-augsburg.de/alltagssprache
uns, P. M./S. E.). zugängliche »Atlas zur deutschen All-
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tagssprache (AdA)«). Die Situation ist chen: Selbst die Sprecher, die die zitierten
mehr als absurd: Eine vollkommen ge- Strukturen benutzen, würden diese wohl
läufige, d. h. richtige Variante oder Struk- kaum in der standardsprachlichen
tur der Varietät X wird deswegen als Schriftlichkeit gebrauchen. Die Aussage
falsch oder problematisch abgelehnt, also, dass solche Formen nicht grundsätz-
weil sie den Regeln der Varietät Y nicht lich der Standardgrammatik widerspre-
entspricht. So verfährt auch Sick (mehr- chen, ist nicht nur weiter vollkommen
fach) etwa dann, wenn er über auch von belanglos und überflüssig, sondern auch
ihm selbst beobachtete gebräuchliche re- verunsichernd und irreführend.
gionale Sprachgebrauchsformen wie Am Ein weiteres fundamentales Problem ist
Sonntag gehen wir alle wieder schön bei der auch bei Sick, dass er einerseits mit einer
Oma. oder Komm bei Mutti! nachdenkt gewissen Zuneigung auf die vor allem
und schreibt: dialektale Vielfalt des Deutschen herab-
»Das Verwirrende an diesen ›Bei‹-Spielen blickt, auf der anderen Seite aber einfach
ist, dass Fügungen wie ›bei Mutti‹ oder ›bei nicht mit der Tatsache zurechtkommt,
der Oma‹ nicht grundsätzlich der Standard- dass auch die Standardsprache Variation
grammatik widersprechen« (Sick 2006: 51, zulässt (zu Fragen der Standardvariation
Hervorhebungen durch Fettsetzung von vgl. grundsätzlich etwa König 1989;
uns – P. M., S. E.).
Eichinger/Kallmeyer 2005; Elspaß 2005;
Zum einen muss man sich hier fragen, Durrell 2004; ein Nachschlagewerk zur
was es denn heißen soll, dass eine Fü- Standardvariation im Deutschen ist das
gung nicht »grundsätzlich« irgendwel- »Variantenwörterbuch des Deutschen«:
chen Regeln widerspricht: Entweder wi- Ammon/Bickel/Ebner et al. 2004). So
derspricht eine Form einer Regel grund- kommt es immer wieder zu Halb- und
sätzlich, oder sie tut es grundsätzlich Unwahrheiten, z. B. schreibt Sick zur Va-
nicht. Die Zahl solcher und ähnlicher, riation von sein und haben bei den zusam-
sinnlos relativierender Formulierungen mengesetzten Vergangenheitsformen
ist bei Sick Legion, was eindeutig zeigt, von stehen, liegen und sitzen im »Glossar«:
dass er das Phänomen der Sprachvaria-
»Die Verben ›stehen‹, ›liegen‹ und ›sitzen‹
tion im Prinzip zwar offensichtlich drücken keine Bewegung aus, daher wer-
(an)erkennt, mit ihm aber in der Praxis den sie standardsprachlich mit ›haben‹ kon-
nicht umzugehen weiß. Er merkt zwar jugiert: Ich habe gesessen, ich habe gelegen,
offensichtlich, dass es sich um alltags- ich habe gestanden. In Süddeutschland und
sprachlich geläufige und folglich faktisch in Österreich sagt man dennoch ›Ich bin
gesessen‹, ›Ich bin gelegen‹ und ›Ich bin
richtige Formen handelt, er kann sich gestanden‹.« (Sick 2006: 222)
aber von seinem latenten Ideal der kulti-
vierten und über allen Varietäten stehen- Nein, man schreibt auch ich bin gesessen
den standardsprachlichen Norm nicht lö- etc., diese Formen sind standardsprach-
sen. Und zum anderen: In diesem Fall lich, und nicht nur in Süddeutschland
entsprechen die bei-Formen tatsächlich und Österreich, sondern auch in der
nicht den Normen der geschriebenen Schweiz, in Liechtenstein und in Südtirol.
Standardvarietät. Der Witz ist jedoch, Absurd wird die auf Homogenität fi-
dass die zitierten Formen ganz offen- xierte Standardideologie auf Seite 102,
sichtlich überhaupt keine standard- wo er in einem anderen Zusammenhang
sprachlichen Formen sind und folglich auf diese Varianten zu sprechen kommt:
auch in keinerlei Hinsicht den Regeln der »Man denke nur an Beispiele wie: ›Der
Standardsprache zu entsprechen brau- Schrank hat dort gestanden‹ (Hochdeutsch)
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und ›Der Schrank ist dort gestanden‹ (Süd- chern, setzen zwangsläufig immer als
deutsch)«. (Hervorhebungen durch Fettset- Abweichungen von der jeweils geltenden
zung von uns – P. M., S. E.). Sprachgebrauchsnorm ein. Sie erschei-
Dass der Autor der »Zwiebelfisch«-Ko- nen zunächst im Sprachgebrauch Einzel-
lumnen, wie die Beispiele zeigen, mit ner und verbreiten sich dann von dort
dem Phänomen der Sprachvariation aus allmählich in immer breiteren Spre-
fachlich und faktisch nicht angemessen cherkreisen. Gerade weil sie noch nicht
umzugehen weiß und auf diese Weise üblich sind, d. h. von den aktuellen Nor-
einen aristokratisch-intoleranten Um- men abweichen, werden solche Neuerun-
gang mit sprachlicher Vielfalt propagiert, gen in ihrem Anfangs- und Zwischensta-
hat einen hohen Preis. Diese Haltung dium tatsächlich auch als ungewöhnlich,
bringt nämlich auch in praktischer, eben als neu wahrgenommen und von
sprachsozialer Hinsicht mehr Schaden sprachkonservativen, Neuerungen ge-
als Nutzen. Die dogmatische Standard- genüber weniger aufgeschlossenen See-
zentriertheit führt nämlich, wie man len oft einfach als Fehler abgestempelt.
sieht, auf geradem Wege zu sprachlicher Solche Normverstöße sind allerdings,
Diskriminierung: Durch die Stigmatisie- wie gesagt, die natürlichen, unerlässli-
rung von allgemein gebräuchlichen, folg- chen Keime des Sprachwandels, ohne die
lich vollkommen richtigen nicht-stan- wiederum die Sprache auch nicht die
dardsprachlichen und manchmal auch wandelnden Bedürfnisse einer Sprachbe-
standardsprachlichen Formen1 werden völkerung angemessen erfüllen könnte.
zwangsläufig – im besten Falle nur impli- Die Legitimität solcher zwangsläufig von
zit – zugleich auch wir alle, die solche der Norm abweichenden Neuerungen
Formen tatsächlich verwenden, stigmati- nicht anzuerkennen und gegen sie zu
siert, unbegründet zurechtgewiesen, kämpfen, ist – wie die Erfahrung gezeigt
falsch belehrt und als in unserem Sprach- hat – nicht nur sinnlos und vergeblich,
gebrauch defizitär beurteilt. Und einen sondern es verkörpert zugleich auch eine
solch hohen Preis dürfte man für den Haltung, die die Natur der Sprache nicht
»Zwiebelfisch« wohl nicht bezahlen wol- anerkennt, ja ihr widerstrebt (und gerade
len. deswegen zwangsläufig zum Scheitern
verurteilt ist). Freilich setzen sich, wie
4. Vom Umgang mit Sprachwandel man das aus der linguistischen Erfah-
Der andere, genauso wichtige Grund, rung weiß, bei weitem nicht alle dieser
warum wir im sprachlichen Alltag oft individuellen sprachlichen Neuerungen
verunsichert sind und an der Richtigkeit durch. Wenn sie sich aber nicht durchset-
von bestimmten Sprachgebrauchsformen zen, dann nur in Ausnahmefällen als Er-
zweifeln, ist das Phänomen des Sprach- gebnis sprachpflegerischer Bemühun-
wandels. Sprachliche Veränderungen gen. Und auch umgekehrt: Wenn sie sich
bzw. Neuerungen, die zum Wesen einer durchsetzen, setzen sie sich auch ohne
jeden natürlichen Sprache gehören und sprachpflegerische oder sprachkritische
deren kognitive, kommunikative und so- Propaganda durch. Nicht ernst zu neh-
zialsymbolische Funktionalität erst si- men ist daher schon der Auftakt der oben

1 Berühmt-berüchtigte Stigmatisierungsfälle in der Grammatik-Geschichte des Deut-


schen, wie z. B. temporales wo, die tun-Fügung, wegen + Dativ u. a., untersuchen Davies/
Langer (2006).
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genannten Rezension: »Bastian Sick ist es ben den gängigen existieren, können auch
mit diesem dritten Band Der Dativ ist dem mit Hilfe von Grammatiken nicht geklärt
Genitiv sein Tod ein weiteres Mal gelun- werden. Beschreibende Grammatiken
gen, das Ableben des Genitivs ein wenig sind nämlich bloße ›Momentaufnahmen‹
hinauszuzögern« (Seite 306). Sollte der vom Sprachgebrauch einer jeweiligen en-
Genitiv im Deutschen sterben, so wird er geren Zeitperiode. Da aber der Sprach-
sterben, egal was Bastian Sick tut; und wandel eben einen kontinuierlichen, nie
sollte er doch überleben, so wird dies aufhörenden Prozess darstellt, hat dies
gewiss nicht dem »Zwiebelfisch« zu ver- zwangsläufig zur Folge, dass Grammati-
danken sein. Diese Vergeblichkeit aristo- ken gerade in Bezug auf solche jüngsten
kratisch-willkürlicher Eingriffsversuche oder gerade laufenden Sprachwandelpro-
in die natürliche Sprachentwicklung hat zesse, d. h. Neuerungen, vielfach schon
schon vor über hundert Jahren auch Gus- zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung ver-
tav Wustmann, der Verfasser der be- altet sind. Beschreibende Grammatiken,
rühmten, vierzehnfach (!) aufgelegten aber auch Wörterbücher rennen dem
»Sprachdummheiten« erkannt und be- Sprachwandel sozusagen ständig hinter-
reits im Vorwort zur dritten Auflage resi- her, können die aktuellen Regeln des
gniert zugegeben: Sprachgebrauchs aber selbstverständlich
»Mein Buch hat zwar großen äußeren Er- nie einholen. Dies bedeutet, dass weder
folg gehabt, aber doch eigentlich wenig sprachliche Nachschlagewerke noch der
genützt […] Fehler und Geschmacklosig- sich auf diese beziehende Sick in der Lage
keiten, auf die ich vor zwölf Jahren als neu sein können, in auf Sprachwandel zurück-
auftauchende hingewiesen habe, haben sich
inzwischen festgesetzt und werden schwer- führbaren Zweifelsfällen brauchbare Ori-
lich zu beseitigen sein.« (Wustmann 1903, entierungshilfen zu geben. Ob sich solche
zitiert nach von Polenz 1999: 300) Neuerungen allgemein durchsetzen, d. h.
Sicks zahlreiche, implizit oder explizit unter den SprecherInnen der vom Wandel
wertende, empfehlende oder ablehnende betroffenen Sprachvarietät allgemein als
Stellungnahmen zu Fragen und konkreten ›richtig‹ akzeptiert werden, können sie –
Fällen des Sprachwandels sind aber nicht und vor allem selbsternannte Sprachpfle-
nur aus diesem Grund prinzipiell verfehlt ger – nicht entscheiden; nur die Zeit und
und daher praktisch sinnlos. Nicht nur auf mit der Zeit die SprecherInnen selbst kön-
den natürlichen Verlauf des Sprachwan- nen es.
dels vermag er keinen Einfluss auszu- 2. Viele der von Sick behandelten, auf
üben, sondern auch Orientierungshilfen Sprachwandel zurückführbaren Zwei-
zu geben ist er aus der Natur der Sache felsfälle betreffen, wie schon erwähnt,
heraus außer Stande. Und nicht nur er, nicht die Standardsprache, sondern eine
auch der Duden oder sonstige wissen- der zahlreichen regionalen, sozialen oder
schaftlichen Grammatiken sind es in der situativen Varietäten oder Sprachstile des
Regel, und zwar aus zwei Gründen: Deutschen. Die gängigen und auch von
1. Die Unsicherheiten und Zweifelsfälle, Sick als Referenzwerke benutzten Gram-
die sich daraus ergeben, dass durch den matiken enthalten jedoch ausschließlich
Sprachwandel entstandene neue, noch das Regelwerk der geschriebenen Stan-
nicht allgemein verwendete Formen ne- dardsprache.1 Höchstens am Rande, d. h.

1 Ausnahmen sind z. B. die IDS-Grammatik und die neue Duden-Grammatik von 2005,
die ein eigenes Kapitel zur Grammatik des gesprochenen Deutsch hat.
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nur unsystematisch gehen sie auf Non- steht. Aus den ersten beiden Bänden
standardphänomene ein. Und daraus seien nur einige Unsäglichkeiten heraus-
folgt, dass diese Grammatiken, selbst gegriffen, wie:
wenn sie systematisch auch Sprachwan- »normalerweise steht das Attribut vor dem
delphänomene behandeln würden (was Hauptwort« (Sick 2004: 24),
sie aber nicht tun), sich höchstens in
»Bei Gleichheit sagt man wie, bei Ungleich-
Bezug auf die Standardsprache äußern heit als. Das nennt man Positiv und Kompa-
könnten. Gerade in Bezug auf Varianz rativ« (Sick 2004: 295),
und Wandel im gesprochenen Nonstan- »Das Füllwörtchen ›halt‹ ist weder falsches
dardbereich, in dem aber eigentlich der Deutsch, noch ist es schlechtes Deutsch. Es
Großteil unserer Alltagskommunikation ist mundartlich. Man benutzt es vor allem
stattfindet, wären sie also selbst in die- im süddeutschen Raum, dort, wo aleman-
sem – imaginären! – Idealfall von vorn- nische und bairische Dialekte gesprochen
werden. In der Hochsprache sind eher die
herein unbrauchbar. gleichbedeutenden Ausdrücke ›eben‹ und
Schließlich sei darauf hingewiesen, dass ›nun einmal‹ gebräuchlich« (Sick 2005:
vom Sprachwandel selbstverständlich 112).
auch die Standardsprache betroffen ist. »Adventszeit ist die Zeit des Advents, hier
Wäre dies nicht so, wäre ja das Deutsche lässt sich das Fugen-s also mit dem Genitiv
eine tote Sprache. Diesem Wandel geht rechtfertigen« (Sick 2005: 182).
ein Sprachnormenwandel voraus, der Aus dem vorliegenden dritten Band wäh-
alle Sprecherschichten der deutschen len wir ein einziges Beispiel, das wir
Sprachbevölkerung ergreift (vgl. Dovalil etwas näher kommentieren wollen. Sick
2006). schreibt:
5. Willst du (be)lehren, so kenne dein »Von seiner grammatischen Struktur ist
das Wort ›Bevölkerung‹ also kein Kollekti-
Fach! vum (= Sammelbegriff) wie ›Volk‹, son-
Bislang haben wir zu zeigen versucht, dern beschreibt einen Vorgang: den Vor-
aus welchen Gründen wir Sicks sprach- gang des Bevölkerns. Es bedeutet somit
pflegerisches und sprachrichterisches nicht ›Volk‹, sondern ›Besiedelung‹« (Sick
Auftreten für konzeptionell verfehlt, 2006: 170).
fachlich veraltet und sprachsozial schäd- Das Problem ist auch hier ein Zweifaches.
lich halten. Es gibt aber auch noch min- Zum einen kann ein Wort niemals von
destens einen weiteren, äußerst gewichti- seiner grammatischen Struktur, sondern
gen Grund, warum wir den »Zwiebel- einzig und allein von seiner Bedeutung
fisch« im Gegensatz zur Rezensentin für ein oder eben kein Kollektivum sein. Kol-
den Sprachunterricht keineswegs emp- lektiva haben nämlich nicht im Gerings-
fehlen können: Sicks Kolumnen enthal- ten eine nur für sie charakteristische
ten zahlreiche, häufig ausgesprochen ele- grammatische Struktur, an denen man sie
mentare inhaltliche und terminologische erkennen könnte. Vielmehr werden sie
Fehler, die eigentlich keiner, der jemals – nach Wortbildungsmustern gebildet,
egal, ob romanistische oder germanisti- nach denen auch die zahlreichen anderen
sche – Sprachwissenschaft studiert hat, semantischen Klassen der Substantive
begehen dürfte. Und erst recht nicht, gebildet werden, vgl. etwa Mannschaft,
wenn er als »Sprachrichter« auftritt. Getreide, Schmuck usw. ›Kollektivum‹ ist
Um hier alle diese Fehler aus den drei also eine rein semantische Kategorie, die
Bänden korrigieren zu können, wäre mit grammatischer Struktur nichts zu tun
mehr Raum nötig, als uns zur Verfügung hat. Zum anderen ist auch die Behaup-
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tung – um es gelinde auszudrücken – öseren Dingen zuwenden. Denn es zeigt


höchst abenteuerlich, dass das Wort Be- sich beim Durchblättern des Buchs unse-
völkerung nicht ›Volk‹, sondern den Vor- res Erachtens nach schnell, dass Sick we-
gang des Bevölkerns, also ›Besiedelung‹ der in sprachwissenschaftlicher noch in
bedeutet. Es gibt wohl kaum Mutter- sprachdidaktischer Hinsicht Profi ist. In
sprachlerInnen des Deutschen, die – so der Rezension, auf die wir hier reagieren,
wie Sick offenbar – mit der »Bevölkerung wird das Buch jedoch keineswegs nur als
Deutschlands« nicht das dort lebende ›unterhaltend‹ empfohlen, sondern gera-
Volk, sondern den Prozess der Besiede- dezu als Lehrwerk behandelt. Anders
lung des Landes meinen. Sollte jedoch gesagt: Dadurch, dass eine unserem Ein-
Sick gemeint haben, dass das Wort des- druck nach eher schnell dahingeschrie-
wegen ›Besiedelung‹ bedeute, weil aus bene Kurzrezension von einer seriösen
be-Verben durch -ung-Suffigierung abge- Fachzeitschrift vorschnell abgedruckt
leitete Substantive in der Regel Vorgänge wird, droht das Buch gewissermaßen die
bezeichnen, so führt er seine LeserInnen Approbation als Fachbuch für den DaF-
wieder in die Irre. In diesem Fall geht er Unterricht zu erhalten. Wir halten die
nämlich von einer von ihm selbst erfun- Bücher Sicks aus sprachdidaktischer
denen, in Wirklichkeit aber nicht existie- Sicht für untauglich und aus sprachauf-
renden semantischen Regel aus. Selbst klärerischer Sicht für kontraproduktiv.
wenn es nämlich Substantive gibt, auf die Und wir gingen eigentlich davon aus,
seine Beobachtung zutrifft, so gibt es dass die meisten KollegInnen es genauso
viele andere, bei denen dies keineswegs sehen. Aber dessen sind wir uns inzwi-
der Fall ist (vgl. Bemerkung, Berechtigung, schen gar nicht mehr so sicher. Jedenfalls
Berührung, Bescheinigung, Beschränkung, sahen wir uns durch das Erscheinen des
Begrenzung usw.). Man sieht also, wie sein Rezensionstextes dazu veranlasst, die
eigenes Urteil den inkompetenten Rich- Gründe für unser Urteil so detailliert
ter entlarvt: Die mangelnde Kenntnis der darzulegen.
Prozess(f)akten führt zu einem sachlich Haben wir Gegenvorschläge? In Bezug
verfehlten, ungerechten Urteil. Vom My- auf Unterhaltung nicht, denn das ist
thos der »logischen Sprache« ausgehend bekanntlich Geschmackssache. Wer sich
erklärt der Richter selbst ein unschuldi- aber kompetent über Grammatik infor-
ges Substantiv für schuldig und will ihm mieren will, greife zu den bewährten
mit erstaunlicher Überheblichkeit vor- didaktischen und/oder wissenschaftli-
schreiben, was es auf Grund seines Fehl- chen Grammatiken (Helbig/Buscha,
wissens zu bedeuten habe. Duden, Eisenberg, die IDS-Grammatik
u. a.). Man muss sie freilich benutzen
6. Schluss können und sich darüber bewusst sein,
Man kann – wie in unserem Fall – als dass auch sie nicht die letzten Antwor-
Sprachwissenschaftler und (ehemaliger ten zu geben vermögen; aber wer das in
bzw. derzeitiger) DaF-Lehrer über das seinem Studium nicht gelernt hat, sollte
Phänomen »Sick« staunen, sich am vom Deutschunterricht – ob an Mutter-
»Zwiebelfisch« erfreuen oder auch sich sprachlerInnen oder Nichtmutter-
über ihn bzw. darüber ärgern. Gerade im sprachlerInnen – die Finger lassen. Und
letzteren Falle könnte man das Buch Der wer tatsächlich meint, durch die Lektüre
Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Folge 3 aber der Sick’schen Bücher auch etwas ge-
eigentlich schnell beiseite legen und sich lernt zu haben, dem seien als Kontrast-
wieder unterhaltsameren und/oder seri- programm z. B. die ersten beiden Kapi-
525

tel der Sprachgeschichte von Peter von Literatur


Polenz (Band 1, 2000) empfohlen, in der Ammon, Ulrich, Bickel; Hans; Ebner, Jakob;
er/sie etwas über »die Veränderbarkeit Esterhammer, Ruth; Gasser, Markus; Ho-
von Sprache und wie man darüber fer, Lorenz; Kellermeier-Rehbein, Birte;
Löffler, Heinrich; Mangott, Doris; Moser,
denkt« und »Grundbegriffe der Sprach- Hans; Schläpfer, Robert; Schloßmacher,
entwicklung« wie Sprachwandel, Michael; Schmidlin, Regula; Vallaster,
Sprachökonomie und Sprachvariation Günter: Variantenwörterbuch des Deut-
erfahren kann. Dort erfährt man auf 80 schen. Die Standardsprache in Österreich,
der Schweiz und Deutschland sowie in Liech-
Seiten mehr über das Wesen von Spra- tenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südti-
che und den sachgerechten Umgang mit rol. Berlin; New York: de Gruyter, 2004.
Sprache und Sprachkritik als auf ca. 750 Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA). Be-
»Zwiebelfisch«-Seiten. arbeitet von Stephan Elspaß und Robert
Und schließlich: Sprachberatung hat – im Möller 2003 ff. (www.uni-augsburg.de/
all-tagssprache).
Gegensatz zu Sprachpflege und Sprach-
Barbour, Stephen; Stevenson, Patrick: Varia-
kritik im traditionellen Sinne (Wust- tion im Deutschen. Soziolinguistische Pers-
mann, Urbanek, Sick etc.) – durchaus pektiven. Berlin; New York: de Gruyter,
auch in modernen, liberalen Gesellschaf- 1998.
ten wie der unseren ihren Platz. Sie darf Davies, Winifred; Langer, Nils: The Making
nur nicht – wie Sick es tut – die Rolle of Bad Language. Bern; Berlin; Brüssel;
Frankfurt am Main; New York; Oxford;
beanspruchen, als stillschweigende oder Wien: Lang, 2006.
gar deklarierte Normautorität eine ganze Dovalil, Vít: Sprachnormenwandel im ge-
Sprachgemeinschaft belehren und zu- schriebenen Deutsch an der Schwelle zum 21.
rechtweisen zu wollen. Ihre wichtigste Jahrhundert. Die Entwicklung in ausgesuch-
Aufgabe sollte im Gegenteil gerade darin ten Bereichen der Grammatik. Bern; Berlin;
bestehen, Vielfalt und Wandel als natürli- Brüssel; Frankfurt am Main; New York;
Oxford; Wien: Lang, 2006 (Duisburger
che Eigenschaften von Sprache bewusst Arbeiten zur Sprach- und Kulturwissen-
zu machen und den angemessenen, tole- schaft, 63).
ranten Umgang mit ihnen zu fördern. Duden. Die Grammatik. 7. völlig neu erarbei-
Dazu gehört natürlich an erster Stelle der tete und erweiterte Auflage. Herausgege-
Abschied von der aus alten Zeiten ererb- ben von der Dudenredaktion. Mann-
heim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenver-
ten Vorstellung, dass Sprachgebrauchs- lag, 2005 (Duden 4).
formen kategorisch als entweder richtig Duden. Richtiges und gutes Deutsch. Wörter-
oder falsch auszuweisen seien. Vielmehr buch der sprachlichen Zweifelsfälle. 6., voll-
soll eine linguistisch und sprachsozial ständig überarbeitete Auflage. Herausge-
vertretbare Sprachberatung auf Grund geben von der Dudenredaktion. Mann-
sorgfältiger Beobachtungen und fachge- heim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenver-
lag, 2007 (Duden 9).
rechter, fundierter linguistischer Be-
Durrell, Martin: »Variation im Deutschen
schreibungen dabei helfen, in der Vielfalt aus der Sicht von Deutsch als Fremdspra-
der Sprache diejenigen Formen zu fin- che«, Der Deutschunterricht 56, 1 (2004).
den, die am jeweiligen Ort, in der jeweili- Eichinger, Ludwig M.; Kallmeyer, Werner
gen Kommunikationssituation und dem (Hrsg.): Standardvariation. Wie viel Varia-
jeweiligen Kommunikationspartner ge- tion verträgt die deutsche Sprache? Berlin;
New York: de Gruyter, 2005.
genüber angemessen sind. Kurzum: Was
Eisenberg, Peter: Grundriß der deutschen
wir dringend brauchen, ist nicht der Grammatik. Band 1: Das Wort. Band 2: Der
»Zwiebelfisch«, sondern eine soziolinguis- Satz. 2., überarbeitete und aktualisierte
tisch fundierte Sprachberatung. Auflage. Stuttgart: Metzler, 2004.
526

Elspaß, Stephan: »Zum sprachpolitischen Neuland, Eva (Hrsg.): Sprachkritik: Neue


Umgang mit regionaler Variation in der Entwicklungen. Themenheft der Zeit-
Standardsprache«. In: Kilian, Jörg schrift Der Deutschunterricht 58, 5 (2006).
(Hrsg.): Sprache und Politik. Deutsch im Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte
demokratischen Staat. Mannheim; Leipzig; vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. 3
Wien; Zürich: Dudenverlag, 2005, 294– Bände. Berlin; New York: de Gruyter,
313 (Thema Deutsch, 6). 1994/1999/2000.
Funk, Hermann; Koenig, Michael: Gramma- Sick, Bastian: Der Dativ ist dem Genitiv sein
tik lehren und lernen. Berlin; München; Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der
Wien: Langenscheidt, 1991 (Fernstudien- deutschen Sprache. 10. Auflage Köln: Kie-
einheit, 1). penheuer & Witsch, 2004.
Helbig, Gerhard; Buscha, Joachim: Deutsche Sick, Bastian: Der Dativ ist dem Genitiv sein
Grammatik. Ein Handbuch für den Auslän- Tod. Folge 2: Neues aus dem Irrgarten der
derunterricht [Neubearbeitung]. Berlin; deutschen Sprache. Köln: Kiepenheuer &
München; Wien; Zürich; New York: Lan- Witsch, 2005.
genscheidt, 2001 Sick, Bastian: Der Dativ ist dem Genitiv sein
Heringer, Hans Jürgen (Hrsg.): Holzfeuer im Tod. Folge 3: Noch mehr aus dem Irrgarten
hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen der deutschen Sprache. Köln: Kiepenheuer
Sprachkritik. Tübingen: Narr, 1982. & Witsch, 2006.
König, Werner: Atlas zur Aussprache des Urbanek, Ferdinand: Gutes Deutsch heute.
Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Vorstöße und Verstöße der deutschen Gegen-
Deutschland. 2 Bände. Ismaning: Hueber, wartssprache. Paderborn: IFB, 2002.
1989. Wustmann, Gustav: Allerhand Sprachdumm-
Law, Claudia: Sprachratgeber und Stillehren heiten. Kleine deutsche Grammatik des Zwei-
in Deutschland. Ein Vergleich der Sprach- felhaften, des Falschen und des Häßlichen. 3.,
und Stilauffassung in vier politischen Syste- verbesserte und vermehrte Auflage.
men. Berlin; New York: de Gruyter, 2007 Leipzig: Grunow (1903).
(Studia Linguistica Germanica, 84). Zifonun, Gisela; Hoffmann, Ludger; Stre-
Neuland, Eva (Hrsg.): Sprachvariation im cker, Bruno: Grammatik der deutschen Spra-
heutigen Deutsch. Themenheft der Zeit- che. 3 Bände. Berlin; New York: de Gruy-
schrift Der Deutschunterricht 56, 1 (2004). ter, 1997.