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Zur Diskussion gestellt

Sprache, Sprachwissenschaft und soziale Verant-


wortung – wi(e)der Sick

Péter Maitz und Stephan Elspaß

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse,


seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner
religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt
werden. (Art. 3, Abs. 3, Satz 1 Grundgesetz für die Bundesrepublik
Deutschland)
In an age when discrimination in terms of race, colour, religion or gender is
not publicly acceptable, the last bastion of overt social discrimination will
continue to be a person’s use of language. (Milroy 1998: 64 f.)

1. Vorbemerkung auftauchen sollte. Unser Anliegen ist je-


Werner Roggausch hatte im Zuge seiner denfalls nicht, die gesamte Diskussion
Antwort auf unseren Beitrag in Heft 34, 5 noch einmal zu rekapitulieren. Vielmehr
(2007) der Info DaF freundlicherweise zu wollen wir uns auf unterschiedliche
einer Diskussion über das Thema »Der Grundpositionen konzentrieren, die in
›Zwiebelfisch‹ im Deutschunterricht?« ein- dieser Diskussion zutage getreten sind.
geladen. Wir möchten uns ausdrücklich Zunächst werden wir auf prinzipielle
bedanken für die Einrichtung des Forums, Unterschiede zwischen der linguisti-
die abgedruckten Beiträge sowie die Mög- schen und der laienlinguistischen Sicht
lichkeit zu antworten. In der in Fachzeit- auf Sprache eingehen (2.) und unsere
schriften (z. B. den Info DaF) und Zei- Kritik an Sicks fachlicher und didak-
tungen (z. B. Eisenberg 2006, Seidl 2006)1 tischer Kompetenz anhand einiger (kur-
geführten Diskussion über das Phänomen zer) Illustrationsbeispiele noch einmal
›Bastian Sick‹ sind sicherlich die meisten untermauern (3.). Im Zusammenhang
Argumente bereits ausgetauscht. Man mit unserer prinzipiellen Ablehnung der
möge uns nachsehen, wenn das eine oder Sprachauffassung, die hinter den »Zwie-
andere Argument in unserem vorlie- belfisch«-Glossen stehen, ist es uns wich-
genden Beitrag zum wiederholten Mal tig, dieser Auffassung erneut unsere

1 Wir verweisen auch auf die Diskussionen in Internetforen, z. B. die Lesermeinungen zur
Internetfassung des Artikels von Seidl (abrufbar unter der URL: http://www.faz.net/s/
RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~EF921B8E1C4DC4FBE967F64D58A
920784~ATpl~Ecommon~Scontent.html) oder die Diskussion, die sich an Peter Eisen-
bergs Kritik entzündete (vgl. http://spiegelkritik.de/2006/11/12/sprachwissenschaftler-
warnt-vor-bastian-sicks-unverantwortlichen-deutschtipps/).

Info DaF 36, 1 (2009), 53–75


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Überzeugungen zur Rolle der Linguistik Differenzen darf insofern nicht verwun-
als Wissenschaft und zu ihrer sozialen dern, als es eine notwendige Konsequenz
Verantwortung entgegenzuhalten und zweier grundsätzlich unterschiedlicher
diese zu explizieren (4.). Auch wenn es Erkenntniswege darstellt. Wissenschaft-
lästig erscheint: Die Klärung einiger lin- liches Wissen basiert per definitionem auf
guistischer Grundbegriffe (Fehler, Norm, rationaler Erkenntnis. Laienwissen hinge-
Variation) ist unumgänglich (5.), da sie gen ist mehr oder weniger stark von sub-
die Voraussetzung für das Verständnis jektiven Eindrücken, auch Mythen, und
unseres zentralen Anliegens sind, näm- nicht zuletzt von eigenen, (inter)subjek-
lich des Plädoyers für sprachliche Tole- tiven, oft auch politisch beeinflussten
ranz nicht nur gegenüber den Varietäten, Überzeugungen geprägt bzw. kann, sofern
die im Sprachalltag mit dem Standard- ihm nicht wissenschaftliche Befunde zu-
deutschen koexistieren, sondern auch ge- grunde liegen, auch nur dadurch geprägt
genüber der Variation in der Standardva- sein. Diese Differenzierung ist weniger
rietät selbst (6.). Wir explizieren dann anmaßend, als sie auf den ersten Blick
nochmals, warum die Variation und die erscheinen mag. Wem das Beispiel der
Sprachwandeltendenzen im gegenwär- Sprache nicht deutlich genug sein sollte,
tigen Deutsch trotz aller (unbegründe- der/die2 sei nur etwa auf die unterschied-
ten) Unkenrufe nicht zu seinem Verfall lichen Vorstellungen von Laien und Wis-
führen können (7.) und gehen abschlie- senschaftlern über das Weltall, den
ßend auf die Frage ein, was zu tun sei (8.). menschlichen Metabolismus oder die Fi-
nanzmärkte verwiesen. Wenn in diesem
2. Warum Linguistik und Laienlinguis- Zusammenhang mit der »Flurbereini-
tik verschieden sein müssen gung« der Wissenschaftler (Kaluza 2008:
Die in den letzten Heften der Info DaF 432) eine notwendige Begriffsbildung, In-
geführte Diskussion über die linguistische teressenbildung und Spezialisierung der
und soziale Vertretbarkeit des Sick’schen Linguistik gemeint ist, lässt sich allenfalls
»Zwiebelfischs« (und artverwandter lai- hinzufügen: Es ist in der Sprachwissen-
enlinguistischer Delikatessen) hat – bei schaft nicht anders als in den anderen
allen Gemeinsamkeiten – doch noch ein- Wissenschaften. Freilich bringen sich
mal deutlich die Differenzen vor Augen Laien in Fragen kaum einer anderen Wis-
geführt, die zwischen dem einschlägigen senschaft so stark ein wie in die der
Standpunkt der gegenwärtigen, moder- Sprachwissenschaft – es handelt sich ja um
nen Linguistik einerseits (vgl. Maitz/Els- einen (vermeintlich) überschaubaren Ge-
paß 2007, Ágel 2008, König 2008 sowie genstand. Das eine freut die Wissenschaft-
Meinunger 2008) und der laienhaften ler, das andere zwingt sie – vielleicht mehr
Sprachreflexion außerhalb der Linguistik als andere Wissenschaftler – dazu, stets
andererseits (vgl. Hammer 2007, Rog- auf die Grenzen des Wissenschaftlichen
gausch 2007) besteht.1 Das Ausmaß dieser hinzuweisen.

1 Die publizierten Ansichten von Hammer und Roggausch rechnen wir insofern der
laienlinguistischen Sprachreflexion zu, als die Verfasserin und der Verfasser Sicks
Schaffen nicht von einem linguistischen Standpunkt heraus beurteilen und ihre Texte
auf die einschlägige und ausschlaggebende linguistische Fachliteratur auch keine
Rücksicht nehmen.
2 Aus platzökonomischen Gründen verwenden wir im Folgenden bei Bezeichnungen für
Personen nur das generische Maskulinum.
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Natürlich wünschen sich auch Sprach- mieren zu können. Wir werden also ver-
wissenschaftler, dass ihre Erkenntnisse suchen, zumindest die wichtigsten kon-
den Weg in die angewandte Linguistik, kreten Argumente, die in der bisherigen
die Sprachdidaktik und die sprachinter- Diskussion für Sick und in dem Zusam-
essierte Öffentlichkeit finden. Die in der menhang gegen die von uns vertretene
Diskussion zutage getretenen Diffe- Linguistik hervorgebracht worden sind,
renzen sind jedoch insofern höchst be- vor dem Hintergrund einschlägigen
denklich, als sie zeigen, wie wenig mo- Fachwissens kritisch zu hinterfragen und
derne linguistische Erkenntnisse außer- ihre Unhaltbarkeit aufzuzeigen.2
halb von linguistischen Fachkreisen –
selbst unter nicht linguistisch ausgebil- 3. Warum der »Zwiebelfisch« schon ein-
deten Germanisten – verbreitet sind. Die- mal gar nicht in den Deutschunterricht
ser Umstand wirft die Frage nach der gehört
Verantwortung und zum anderen der In einer Hinsicht erschien uns Werner
(In)Effizienz sämtlicher betroffenen Ins- Roggauschs Argumentationsgang beson-
tanzen (Linguistik, Sprachdidaktik, ders befremdlich: Er nimmt in seinem
Sprach- und Bildungspolitik) auf und Beitrag zu genuin linguistischen Fragen
stellt u. E. ein brennendes Problem dar, Stellung, hält es aber offenkundig nicht
das dringend in gebührendem Rahmen für notwendig, dies unter Berücksichti-
diskutiert werden sollte. Im beschei- gung der einschlägigen Fachliteratur,
denen Rahmen dieses Beitrags wird es d. h. des aktuellen linguistischen For-
natürlich nicht gelingen können, laienlin- schungsstandes zu tun, und er lädt zur
guistische Mythen und die zahlreichen Diskussion ein, will sich aber nicht damit
Manifestationen oft lange tradierten lin- aufhalten, auf konkrete linguistische Fall-
guistischen Aberglaubens systematisch beispiele einzugehen:
aus dem Weg zu räumen1 oder gar einen »[Maitz/Elspaß] werfen dem Autor [d. h.
Handlungsplan zu ihrer Beseitigung zu Sick – P. M., S. E.] unzureichende linguisti-
entwerfen. sche Kenntnisse und sachlich-fachliche Feh-
ler vor. Die Belege zur Verifizierung dieses
Wir werden uns im Folgenden zwangs- Vorwurfs überzeugen mich nicht recht.
läufig darauf beschränken müssen, ne- Aber dies ist mir nicht so wichtig. Ich will die
ben einigen Begriffsklärungen auf das Belege nicht im Einzelnen kommentieren«
Mythenhafte in denjenigen Argumenten (Roggausch 2007: 527; Hervorhebung von
unserer Diskussionspartner hinzuwei- uns – P. M., S. E.).
sen, mit denen sie Bastian Sicks Schaffen Nun denken wir einerseits, dass die von
glauben, fachlich verteidigen und legiti- uns (zwangsläufig nur exemplarisch)

1 Viele von ihnen werden – in durchaus unterhaltender, leicht nachvollziehbarer Form –


in Bauer/Trudgill (1998), Davies/Langer (2006), Meinunger (2008) und Denkler/Günth-
ner/Imo/Macha/Meer/Stoltenburg/Topalović (2008) re- und dekonstruiert. Wie alt viele
sprachliche Mythen über das Deutsche sind und in welchem Maße sie von unterschied-
lichen politischen Systemen in der deutschen Vergangenheit beeinflusst und instrumen-
talisiert wurden, zeigt Law (2007).
2 Um ein Ausufern der Diskussion zu vermeiden, werden wir auch auf eine systematische
Auseinandersetzung mit all denjenigen – zweifelsfrei interessanten, mit unserem
eigentlichen Diskussionsgegenstand aber nur indirekt zusammenhängenden – wissen-
schaftsgeschichtlichen, sprachphilosophischen, wissenschafts- und erkenntnistheore-
tischen Fragen und Aspekten verzichten müssen, die von Roggausch (2007) und Kaluza
(2008) in die Diskussion gebracht worden sind.
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aufgezeigten und von Schneider (2005), mentierung solcher Fehler (wohlge-


Ágel (2008), Meinunger (2008) und an- merkt: Sicks Fehler) nicht mit leichter
deren auch vielfach und detailliert nach- Hand vom Tisch gefegt werden. So
gewiesenen groben sachlichen und termi- könnte man sich über die von Rog-
nologischen Fehler eines der wichtigsten gausch nur angesprochenen, aber nicht
Argumente, wenn nicht gar das ent- aufgegriffenen Beispiele für Sicks In-
scheidende Argument gegen die fach- kompetenz, die wir zur Illustration auf-
liche Vertretbarkeit und Empfehlbarkeit führten (vgl. Maitz/Elspaß 2007: 520 und
von Sicks Büchern im Deutschunterricht 523) und die Roggausch aber nicht über-
darstellen. (Ausgangsfrage war ja, ob sie zeugen wollten, doch leicht in der Du-
für den DaF-Unterricht taugen.) Des- den-Grammatik oder so ähnlich in einer
halb darf u. E. im Interesse einer sach- der anderen wissenschaftlich-beschrei-
lichen und konstruktiven Diskussion benden Grammatiken informieren.1 Si-
die notwendige Offenlegung und Kom- cher, diese Grammatiken treffen implizit

1 Hier aus Platzgründen in einer Fußnote und in gebotener Kürze (für nähere Erläute-
rungen vgl. jeweils die angegebenen Randnummern der aktuellen Duden-Grammatik
2005, die ja jeder nachlesen kann):
– »Die Verben ›stehen‹, ›liegen‹ und ›sitzen‹ drücken keine Bewegung aus, daher
werden sie standardsprachlich mit ›haben‹ konjugiert: Ich habe gesessen, ich habe
gelegen, ich habe gestanden. In Süddeutschland und in Österreich sagt man dennoch
›Ich bin gesessen‹, ›Ich bin gelegen‹ und ›Ich bin gestanden‹« (Sick 2006: 222).
Kommentar: Es ist durchaus standardsprachlich – übrigens auch in der Schweiz –, die
zusammengesetzten Vergangenheitsformen von stehen, liegen und sitzen mit sein zu
bilden (Duden-Grammatik 2005: 660).
– »normalerweise steht das Attribut vor dem Hauptwort« (Sick 2004: 24).
Kommentar: Die Stellung des Attributs nach dem substantivischen Kern/dem ›Haupt-
wort‹ ist genauso normal wie die vor diesem (Duden-Grammatik 2005: 1228); nur bei
Genitivattributen von artikellosen Eigennamen sowie bei adjektivischen Attributen ist
die Voranstellung normal, bei allen anderen die Nachstellung – und selbst diese war und
ist bei unflektierten Adjektiven nicht ganz ungewöhnlich (Duden-Grammatik 2005:
467). Typisch ist übrigens in Sicks (2004: 23 ff.) »Puromanie-Glosse«, der dieses Zitat
entnommen ist, die Vorgehensweise, aus funktional beschränkten Spezialfällen markier-
ter Formen (hier die Nachstellung von Adjektiven in Erlebnis pur, Urlaub mediterran,
Fußball total; das Beispiel Bargeld sofort, Sicks (2004: 24), passt übrigens gar nicht in die
Reihe, da sofort gar kein Attribut und schon gar kein Adjektiv ist) unzulässig zu
verallgemeinern (»Was würde aus dem normalen Alltag, dem perfekten Moment, den
losen Gedanken? Alltag normal, Moment perfekt, Gedanken los?«; Sicks (2004: 25). So
werden Popanze aufgebaut.
– »Bei Gleichheit sagt man wie, bei Ungleichheit als. Das nennt man Positiv und
Komparativ« (Sick 2004: 295).
Kommentar: Positiv und Komparativ sind (Flexions-)Formen im Komparationspara-
digma des Adjektivs (Duden-Grammatik 2005: 496–499). »Gleichheit« und »Ungleich-
heit« sind dagegen semantische Größen; um diese darzustellen, genügt es auch nicht,
neben dem Positiv bzw. dem Komparativ eines Adjektivs nur die Vergleichspartikeln
wie bzw. als herzunehmen (vgl. die Ungleichheit in Strecke a ist doppelt so lang wie Strecke
b. und die Gleichheit in Fabiana wollte so lang als möglich unter Wasser bleiben. Duden-
Grammatik 2005: 503).
– »Das Füllwörtchen ›halt‹ ist weder falsches Deutsch, noch ist es schlechtes Deutsch. Es
ist mundartlich. Man benutzt es vor allem im süddeutschen Raum, dort, wo aleman-
nische und bairische Dialekte gesprochen werden. In der Hochsprache sind eher die
gleichbedeutenden Ausdrücke ›eben‹ und ›nun einmal‹ gebräuchlich.« (Sick 2005: 112).
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auch normative Aussagen, sie stützen Sprachnormen und ›Sprachrichtigkeit‹,


diese aber zumindest auf Korpora des – die einer sprachlichen Intoleranz gleich-
wie auch immer definierten – Standard- kommen, sowie die sprachliche Diskri-
deutschen der Gegenwart (Näheres minierung von Millionen von Mutter-
dazu unter 6.). Dies alles müsste im sprachlern des Deutschen, die sich fak-
Grunde auch Sick, falls er sich nicht als tisch ergibt, wenn man seine Bücher und
unfehlbarer Sprachpapst begreift, nach- Kolumnen als sprachautoritativ ansieht,
schlagen (lassen) können – hat er aber sie entsprechend konsultiert und als
offenbar nicht. Dazu kommen – wie ja Lehrbücher einsetzt.
auch Manfred Kaluza (2008: 434) noch Ein Punkt, in dem wir Werner Rog-
einmal herausstellt – schwere konzepti- gausch schwer folgen können, betrifft
onelle Mängel, die die Sick’schen Bücher die Frage des Verhältnisses der Linguis-
als in jeder Hinsicht untauglich für den tik zu sprachnormativ-präskriptiven Tä-
DaF-Unterricht erscheinen lassen. Wenn tigkeiten. Er vertritt diesbezüglich of-
aber nun ihr (vermeintlicher) Unterhal- fenbar die These, die Linguistik müsse
tungswert mit klaren inhaltlichen und sehr wohl auch normativ auftreten und
didaktischen Defiziten erkauft ist, kann – im Gegensatz zu ihrer heutigen des-
das Urteil – das wiederholen wir und kriptiven Sicht- und Vorgehensweise –
dabei bleiben wir – allein schon aus sich auf Richtig-Falsch-Entscheidungen
diesem Grund nur lauten: Lest es uns- einlassen, so wie Sick und seine Zunft-
retwegen, wenn es Euch unterhält, aber genossen es auch tun. Andernfalls sei
benutzt und empfehlt es bloß nicht für sie »banal und belanglos« (Roggausch
den Deutschunterricht (es sei denn, als 2007: 529). Dass hier zunächst einmal
Illustrationsbeispiel für einen verengten, grundsätzlich die Aufgaben von Sprach-
elitären Begriff von Sprachpflege und wissenschaft und Deutschunterricht zu
Sprachkritik). unterscheiden sind, muss nicht näher
erläutert werden. (Zur Rolle sprach-
4. Über Aufgaben der Linguistik und licher Normen im Unterricht Näheres
ihre wissenschaftliche und soziale Ver- unter 5.) Aber es geht noch weiter: Des-
antwortung kriptive Formen von geisteswissen-
Unser zweiter und für uns wichtigerer schaftlichen Tätigkeiten erklärt Rog-
Einwand gegen eine Empfehlung der gausch kurzerhand für positivistisch,
»Zwiebelfisch«-Texte für den Deutschun- und implizit stellt er es so dar, als ließen
terricht – auch das sei wiederholt – geht sie politisch-praktische Probleme und
über die aufgezeigten Schwächen im Konsequenzen außer Acht (Roggausch
grammatisch-linguistischen Bereich hin- 2007: 529). Nun wollen wir die Info DaF
aus: Es sind Sicks Vorstellungen von zwar, wie gesagt, nicht in ein Forum

Kommentar: Die Abtönungspartikel halt ist vielleicht typischer für die gesprochene als
für die geschriebene Standardsprache, aber sie gilt halt – wie eben – ebenfalls als
standardsprachlich (Duden-Grammatik 2005: 875, 878).
– »Adventszeit ist die Zeit des Advents, hier lässt sich das Fugen-s also mit dem Genitiv
rechtfertigen« (Sick 2005: 182)
Kommentar: Das Fugen-s in Adventszeit mag sprachhistorisch auf die Genitivendung
des vorangestellten Attributs zurückzuführen sein (und gilt deswegen als ›paradig-
misch‹), gegenwartssprachlich ist es aber nicht mehr als Genitiv-s zu »rechtfertigen«
(vgl. Duden-Grammatik 2005: 1089).
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wissenschaftstheoretischer Ausfüh- kriptiv tut, anstatt sich als Sprachpolizei


rungen und Diskussionen verwandeln, zu behaupten und ganze Sprachgemein-
eins muss aber an dieser Stelle dennoch schaften regulieren und zurechtweisen
ausdrücklich festgehalten werden: Zwi- zu wollen (schlimm genug, dass andere
schen Positivismus und wertfreiem dies tun), ist sie noch keineswegs gleich
Deskriptivismus besteht gar kein di- positivistisch und auch nicht belanglos
rekter Zusammenhang. Deskriptive, und banal. Positivistisch wäre sie per
nicht wertende wissenschaftliche Tätig- definitionem nur, wenn sie die Be-
keiten sind bei weitem nicht zwangsläu- schränktheit menschlicher Erkenntnis
fig positivistisch und schon gar nicht auf das erfahrungsmäßig Gegebene ver-
banal und belanglos. Man wird wohl kündend, d. h. ohne theoretischen An-
kaum verantwortungsvoll sagen kön- spruch arbeitend, nur unmittelbar beob-
nen, dass die Mathematik, die Physik, achtbare Fakten registrieren und Daten
die Philosophie oder die Anthropologie klassifizieren würde. (Banal und belang-
etc. – als nicht normative Wissen- los wäre sie aber selbst in diesem Fall
schaften – allesamt positivistisch, banal nicht zwangsläufig.) Die heutige mo-
und belanglos wären. Wenn aber diese derne Linguistik, die über all dies hin-
es nicht sind, warum wäre die heutige, aus auch dezidiert nach theoretisch fun-
ebenfalls dezidiert deskriptiv arbeitende dierten Erklärungen für die von ihr be-
und ebenfalls theoretisch fundierte Lin- obachteten Phänomene sucht, ist aber
guistik zwangsläufig positivistisch, ba- weit von dem entfernt. Und genau weil
nal und belanglos? Wir möchten Werner sie das ist, kann sie (heute wieder) sehr
Roggausch nicht unterstellen, dass er wohl an das Humboldtsche Welt- und
die Ansicht vertritt, Literaturwissen- Wissenschaftsbild anknüpfen, selbst
schaftler müssten, um nicht positivis- wenn Roggausch (2007: 529) einen Ge-
tisch, banal und belanglos zu sein, den gensatz zwischen Humboldt und der
von ihnen behandelten Autoren vor- heutigen, seiner Meinung nach positi-
schreiben, was und wie sie schreiben vistischen deskriptiven Linguistik sug-
sollten. Genauso ist auch die Vorstel- geriert. Humboldt war nämlich in der
lung von einer Biologie absurd, in der Tat alles andere als ein Positivist – ge-
sich Biologen zu Aussagen hinreißen lie- nauso war er aber auch alles andere als
ßen, wonach etwa Fische schlechte(re) ein normativistischer Spracharistokrat.
Tiere sind, nur weil sie nicht durch Lun- Vielmehr war er – in striktem Gegensatz
gen, sondern mit Hilfe von Kiemen at- zu Sick und anderen intoleranten Nor-
men. Warum und mit welcher Legitima- mativisten – grundsätzlich ein aufge-
tion sollte dann gerade die Linguistik klärter und toleranter linguistischer
vorschreibend auftreten und den Spre- Egalitarist, der die Ansicht vertrat,
chern/Schreibern einer Sprache sagen
»dass sich […] in jeder [Sprache] jede Ideen-
dürfen, wie sie sprechen/schreiben soll-
reihe ausdrücken lässt. Dies aber ist bloß eine
ten, ob sie etwa die Präposition wegen Frage der allgemeinen Verwandtschaft al-
mit Genitiv statt mit Dativ zu verwen- ler, und der Biegsamkeit der Begriffe, und
den hätten? Die Linguistik als Wissen- ihrer Zeichen. Für die Sprachen selbst und
schaft hat – genauso wie die anderen ihren Einfluß auf die Nationen beweist nur
Wissenschaften – grundsätzlich die Auf- was aus ihnen natürlich hervorgeht; nicht das
wozu sie gezwängt werden können, sondern
gabe, ein Fragment der Wirklichkeit zu das, wozu sie einladen und begeistern« (Hum-
beschreiben und zu erklären. Und nur boldt 1994 [1820]: 21; Hervorhebung von
weil sie dies unvoreingenommen, des- uns – P. M., S. E.).
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Alles in allem muss also festgehalten nur (angehenden) Germanisten, son-


werden, dass eine wissenschaftlich und dern wirklich allen Sprachinteressierten,
sozial vertretbare und verantwortungs- DAAD-Verantwortlichen, Goethe-Insti-
volle Linguistik, die sich nicht in den tuts-Mitarbeitern sowie Deutschunter-
Dienst der Konstruktion und Legitima- richtsreferenten in den Kultusministe-
tion irgendeiner sprachlichen Macht rien nachdrücklich zur Lektüre empfeh-
und damit zwangsläufig auch der Her- len.
stellung von sozialer Ungleichheit stel-
len will, in Bezug auf sprachliche Regeln 5. Immer wieder notwendige Differen-
und Gebrauchsnormen – dazu die Er- zierungen: Fehler, Normen und Regeln
läuterungen im nächsten Abschnitt – Die von uns skizzierten Aufgaben der
nur deskriptiv und explanativ verfahren Linguistik schließen freilich nicht aus,
kann und verfahren darf. Ihre Aufgabe dass Linguisten, die i. d. R. nicht nur
ist es also nicht, das, was unter dem Forscher, sondern auch Lehrer sind, so
Etikett ›Sprachpflege‹ auch in Deutsch- wie DaF- und andere Deutschlehrer in
land stattfindet, zu betreiben.1 Sehr ihrer alltäglichen Lehr- und Korrektur-
wohl kann sie sich auch sprachkritisch praxis normative Urteile fällen dürfen
äußern – so wie wir es hiermit auch tun und sogar müssen. Es ist ja nicht so – und
und wie es germanistische Kollegen wir hoffen, dass dies kein Leser tatsäch-
nicht erst seit der Gründung der Zeit- lich aus unserem Beitrag herausgelesen
schrift Aptum (Untertitel: »Zeitschrift für haben will –, dass wir für ein ›anything
Sprachkritik und Sprachkultur«), son- goes‹ plädieren würden. Nur ist es uner-
dern spätestens seit den frühen (!) lässlich, dass normative Aussagen (etwas
1960er Jahren tun.2 Nur darf man – um anderes sind ja auch Korrekturen nicht)
hier abermals die Grenzen abzustecken linguistisch fundiert, wohlbegründet
– linguistisch begründete Sprachkritik und regional, medial, funktional etc. dif-
nicht mit publizistischer Sprachkritik ferenziert zu treffen sind – und das ist ja
verwechseln. Instruktiv sind diesbezüg- gerade, was Sick nicht schafft und was
lich schon die (auch autobiogra- jeder linguistisch gut geschulte DaF-Leh-
phischen) Ausführungen von Peter von rer dem selbsternannten ›Sprachrichter‹
Polenz (2005) zum Streit über das Wör- voraushat. Man muss darüber hinaus
terbuch des Unmenschen (und der unheili- auch genau sagen, von welchen »Nor-
gen Allianz von publizistischer Sprach- men« und von welchen »Fehlern« man
kritik und ideologisiertem, »inhaltsbe- spricht (vgl. dazu auch Schneider 2005).
zogenen« »Panlinguismus«) sowie darü- Kompetente DaF-Lehrer werden etwa
ber hinaus das einschlägige Kapitel im zwischen ›Normfehlern‹ und ›System-
dritten Band seiner Sprachgeschichte fehlern‹ zu unterscheiden wissen: »Sys-
(von Polenz 1999: 294 ff.), die wir nicht temfehler bleiben unter allen Umständen

1 Das ist freilich auch in der Linguistik nicht völlig unumstritten, vgl. etwa die Diskussion
zwischen Jochen A. Bär und Wolf Peter Klein in der Zeitschrift für Germanistische
Linguistik (Bär 2002, Klein 2002, Bär 2003).
2 Falls Werner Roggausch mit seiner Wahrnehmung, dass die Sprachgermanistik nach
dem Zweiten Weltkrieg »inhaltsleer und überhaus [sic] harmlos« (Roggausch 2007:
529) gewesen sei, nicht allein stehen sollte, bedarf es dringend einer Revision der
Fakten, bevor aus dieser Anschauung ein neuer wissenschaftshistorischer Mythos
entsteht.
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Fehler, Normfehler nur unter bestimm- Modal- oder Hilfsverb mit Vollverb-Infi-
ten« (Eisenberg 2007: 212).1 Und es geht nitiv im Deutschen zum Ausdruck von
darüber hinaus auch um die Frage, ob Modalität, Temporalität etc.) Und sie
wir von ›Richtigkeitsnormen‹ oder ›An- trägt sogar einen funktionalen Mehrwert
gemessenheitsnormen‹ reden; darauf gegenüber ›einfachen‹ Verbformen, da
weist auch ausdrücklich Werner König in man mit ihr z. B. aspektuelle Verhältnisse
seinem kurzen Beitrag (2008: 61) hin. im Deutschen zum Ausdruck bringen
Angemessenheitsnormen liegen keine kann (Habitualität, Progressivität u. a.,
sprachimmanenten Kriterien zugrunde, vgl. Schwitalla 2006). Sie zieht also nicht
für sie gelten nur soziale Gründe (vgl. pauschal eine »Simplifizierung der
Steger 1980: 211 f.). Man fragt also da- Grammatik« nach sich, wie Sick meint –
nach, ob ein bestimmter Sprachgebrauch allenfalls der Morphologie (weshalb sie
in dieser und jener Situation gegenüber natürlich besonders von Kindern in einer
diesem oder jenem Kommunikations- bestimmten Phase des Erstspracherwerbs
partner angemessen ist (z. B. die Anrede immer noch häufig benutzt wird). Aber
Hallo, mit der jemand eine E-Mail be- sie gilt eben seit ca. 300–400 Jahren in der
ginnt).2 Richtigkeitsnormen (oder Kor- deutschen Schriftsprache als ›unfein‹,
rektheitsnormen) dagegen setzen ge- ›nicht elegant‹ etc., weil ihr Gebrauch,
setzte oder kodifizierte Normen voraus. zuerst vom Urteil weniger Spracharisto-
Bei Richtigkeitsnormen geht es nur um kraten ausgehend, insbesondere von
›richtig‹ oder ›falsch‹. Da Manfred Ka- Gymnasial- und dann auch von anderen
luza (2008: 435 f., 439 ff.) das schöne Bei- Schullehrern, immer mehr stigmatisiert
spiel der tun-Fügung ins Spiel bringt, sei wurde. Das weitgehende Verschwinden
es gleich zur Explizierung dieser Unter- der tun-Fügung aus der Schriftsprache
scheidung aufgegriffen: Aus sprachsyste- lässt sich historisch-soziolinguistisch er-
matischer Sicht ist an der Konstruktion klären – so wie es Langer (2001) detail-
mit tun + Infinitiv nichts auszusetzen – ja, liert getan hat. Und weil die Fügung als
sie passt sich sogar wunderbar in die stigmatisiert gilt, ist der – in dieser Hin-
Entwicklung der deutschen Sprache zu sicht einfallslose – Drehbuchautor des
einem eher analytischen Sprachtyp ein. Fernsehfilms »In Sachen Kaminski«, den
(Vgl. die Entwicklung der Fügungen mit Kaluza erwähnt, auf die Idee verfallen,

1 Zum Unterschied von ›Normfehler‹ und ›Systemfehler‹ vgl. Eisenberg/Voigt (1990);


zum Unterschied zwischen ›Norm‹ und ›System‹ ausführlich Ágel (2008: 64ff.). Zur
Illustration noch einmal die Beispiele von Ágel (2008: 67): frohen Mutes statt frohes Mutes
wurde einmal als Normfehler in einer bestimmten Varietät des Deutschen, nämlich der
deutschen Schriftsprache, betrachtet, ist dort aber heute die Norm. Zugrunde lagen zwei
verschiedene, miteinander in Konflikt – oder besser: in Konkurrenz – stehende Systeme
der Adjektivflexion. Meines Erachtens nach ist grammatisch gesehen ein Systemfehler,
weil die Präposition nach mit dem Genitiv steht; seine Entstehung ist durch eine
Kontamination von meines Erachtens und meiner Meinung/Auffassung/Ansicht nach zu
erklären; und wenn viele den Fehler nicht bemerken und wiederholen, dann kann selbst
aus solchen Normfehlern – wie schon im Fall von nachts – einmal eine normgerechte
lexikalische Einheit entstehen.
2 Die Beurteilung von – auch durchaus grammatisch ›korrekten‹ – Äußerungen nach
Angemessenheitsnormen ist übrigens, wie Schneider (2005: 174) bemerkt, ein Bereich, in
dem semantisch, pragma- und/oder soziolinguistisch begründete Sprachkritik ansetzen
kann.
61

dem sozial diskriminierten Ehepaar Ka- Das alles muss man differenzieren, sonst
minski die sozial stigmatisierte tun-Fü- geht es durcheinander – wie auch bei
gung (und übrigens auch den posses- Roggausch (2007: 528), dem es nur aus
siven Dativ, z. B. der Lona ihre Puppe) so diesem Grund nicht einleuchten kann,
penetrant in den Mund zu legen, dass es dass jeder Muttersprachler natürlich und
wohl nicht nur Kaluza auf die Nerven per definitionem die (System-)Regeln sei-
fiel.1 Systematisch ist die tun-Fügung ner Muttersprache beherrscht. Das ist
also möglich, und wenn man nun weiter eine linguistische Tatsache. Eine weitere
prüft, ob sie einen Normfehler darstellt, Tatsache ist, dass alle Sprachen und Vari-
dann ist zu fragen, ob sie gegen eine etäten aus linguistischer Perspektive
gültige Richtigkeitsnorm verstößt oder gleichwertig sind. Sie sind allenfalls in
für bestimmte soziale Situationen in einer sozialer Hinsicht unterschiedlich bewer-
bestimmten Varietät als unangemessen tet – und das ist der Punkt: Deshalb kann
gilt. Vor diesem Hintergrund macht es u. es stimmen, dass viele Hauptschulabsol-
E. auch durchaus einen Unterschied – für venten »Defizite« auch sprachlicher Art
Manfred Kaluza (2008: 440 f.) offenbar haben (und zwar in Bezug auf die Beherr-
nicht –, ob die Fügung von einem schung kodifizierter orthographischer
»Sprachratgeber« wie Sick als »nicht ge- und grammatischer Normen der ge-
rade elegant« bezeichnet wird (und dann schriebenen deutschen Standardspra-
von seinen Lesern wohl eher gemieden che), aber gleichzeitig kann es überhaupt
werden wird, wenn sie sprachlich elegant nicht stimmen, dass ihre »mündliche All-
erscheinen wollen) oder ob man in einem tagssprache […] selbst schlichten prag-
(populär-)wissenschaftlichen Text liest, matischen Zwecken kaum genügt«
dass sie »nach den Grammatiken [der (ebd.). Denn prinzipiell kann jeder zu
geschriebenen Standardsprache] über- jeder Zeit in einer alltagssprachlichen Va-
wiegend als unkorrekt gelten«. rietät einer Sprache richtig sprechen und

1 Zur Anekdote (Kaluza 2008: 436 f.): Ich [S. E.] habe den Film »In Sachen Kaminski« erst
nach dem von Manfred Kaluza erwähnten Vortrag gesehen. Ich kann nach Kaluzas
Schilderung nun besser nachvollziehen, wo das Missverständnis lag: Als Gebrauchs-
norm der gesprochenen Alltagssprache ist die tun-Fügung in den meisten Regionen
Mittel- und Süddeutschlands, der Schweiz, Österreichs und Südtirols durchaus akzep-
tiert, und zwar soweit, dass bis heute auch gebildete Menschen, selbst Germanistik-
Professoren (so kennen wir dies v. a. aus Süddeutschland, und das bestätigt auch
Schwitalla 2006: 127 f.), die tun-Fügung in der gesprochenen Standardsprache verwen-
den. Aber für die geschriebene Standardvarietät ist sie gerade nicht akzeptiert (außer bei
der sog. emphatischen Spitzenstellung, z. B. Singen tut sie gern), und in vielen Gegenden
vornehmlich Norddeutschlands auch in der gesprochenen Hochsprache nicht (mehr). In
deutschen Grundschulen ist sie jedenfalls schon seit Jahrzehnten diejenige unter den als
standardsprachlich ›falsch‹ angesehenen grammatischen Formen, die sicherlich die
größte Aufmerksamkeit der Lehrkräfte auf sich zieht – und vielleicht deshalb im
kollektiven Gedächtnis der Deutschen als Prototyp des ›falschen‹ oder ›dummen‹
Deutsch verhaftet ist. Die übermäßige (!) Verwendung der tun-Fügung in dem Film
wirkte übrigens gerade deswegen so aufgesetzt, weil die Darsteller des Ehepaars
Kaminski, die Schauspieler Matthias Brandt und Juliane Köhler, keinen regionalen
Akzent sprachen (sprechen sollten? sprechen konnten?), sondern den Schauspielschu-
len-Einheitssprech, der im Wesentlichen auf der ›Siebs’schen Bühnenaussprache‹ be-
ruht. Aber das hängt wiederum auch mit der geringen Wertschätzung von regionalen
Akzenten in der deutschen Schauspielerausbildung zusammen – und das ist ein ganz
eigenes Thema.
62

funktionsfähig kommunizieren, auch ale Großreiche wie etwa das der Franken
ohne Linguisten und erst recht ohne die oder der Römer – auch all die Jahrtau-
unverlangt erteilten Anweisungen von sende vor der Entstehung der Linguistik
nicht einmal linguistisch versierten keine sprachliche Apokalypse erleben
selbsternannten Sprachpflegern. Wer mussten. Und auch Luther konnte, wie
daran zweifelt, möge x-beliebige Haupt- König (2008: 63) treffend bemerkt, einma-
schulabsolventen einen Tag lang beglei- lig erfolgreich auftreten, eben weil er
ten und beobachten, wie höchst effizient nicht irgendwelchen Gelehrten, sondern
sie ihre Alltagssprache nach den Regeln dem Volk aufs Maul geschaut hatte.
verwenden, die sie natürlich erworben Wir sind uns im Klaren darüber, dass
haben. diese Einsichten und Differenzierungen
Zu den anfangs erwähnten Mythen über nicht so verbreitet sind, wie sie es sein
Sprache zählt immer noch ganz zentral müssten. Auch die wissenschaftliche Er-
der, dass Linguisten es in Sachen mutter- kenntnis, dass Varietäten und Varianten
sprachlicher Korrektheit besser wüssten im Grundsatz linguistisch gleichwertig
als linguistische Laien. Und kraft dieses und nur sozial ungleichwertig sein kön-
Wissens sei es die Aufgabe der Linguis- nen, gehört offenbar z. B. auch in DaF-
ten, dem Sprachverfall entgegenzuwir- Kreisen nicht zum Allgemeingut. Da wir
ken. Ihr linguistisches ›Mehr‹ erstreckt diese Tatsache als entscheidenden
sich lediglich auf die Erarbeitung bzw. Hemmschuh für die von uns so nach-
explizite Beschreibung der impliziten
drücklich eingeforderte soziolinguisti-
Sprachregeln sowie die Erklärungen für
sche Fundierung von Sprachberatung
diese Regeln. Man muss diese Regeln
(sowie von moderner Sprachkritik und
und Erklärungen aber nicht explizit ken-
modernem Sprachunterricht) sehen, sei
nen, um als Muttersprachler richtig spre-
dieser zentrale Aspekt im nächsten Ab-
chen zu können. Die von Linguisten er-
schnitt noch einmal näher ausgeführt.
schlossenen Regeln werden ja von Mut-
tersprachlern für gewöhnlich schon im
Rahmen der primären, vorschulischen 6. Die linguistische Gleichwertigkeit al-
Sozialisation spontan erworben und ab ler Sprachen und Varietäten, die soziale
dann auch intuitiv beherrscht und be- Diskriminierung von Varietäten und
folgt.1 Es wäre nicht nur überheblich, Varianten – ein (erneutes) Plädoyer für
sondern auch absurd zu denken, Millio- sprachliche Toleranz
nen von Muttersprachlern wüssten nicht Wie die Ausführungen von Werner Rog-
ohne die Hilfe irgendeiner sprachlichen gausch (2007) und z. T. auch von Manfred
Elite, wie man die eigene Muttersprache Kaluza (2008: z. B. 437) deutlich machen,
spricht. In diesem Zusammenhang sei ist offenbar auch nicht immer klar, wie
daran erinnert, dass die Menschheit – Varietäten, Register oder Varianten be-
und darin selbst ausgeprägt multilingu- grifflich zu unterscheiden sind. Daher

1 Daraus folgt aber keineswegs, dass die beschriebene Tätigkeit des Linguisten banal und
belanglos wäre. Denn diese expliziten und exakten Regelbeschreibungen und -erklä-
rungen stellen die notwendige Voraussetzung u. a. zur Abgrenzung und Identifikation
von Varietäten dar, sie sind die unerlässliche Grundlage für die Erarbeitung von
verlässlichen beschreibenden Grammatiken, Wörterbüchern oder Sprachatlanten, für
den erfolgreichen Fremdsprachenerwerb, genauso aber auch für die maschinelle
Übersetzung.
63

hier zunächst der Versuch knappster De- Viele Sprachen, wie das Deutsche auch,
finitionen: verfügen zwar über eine kodifizierte
Eine Varietät einer Sprache ist ein Subsys- Standardvarietät – oder gar mehrere da-
tem innerhalb einer natürlichen Sprache, von, vgl. das deutsche Deutsch, das öster-
sozusagen eine ›Sprache in der Sprache‹, reichische Deutsch und das schweizer-
die sich idealerweise durch eine relativ deutsche Deutsch.1 Diese kodifizierten
stabile Teilmenge kookkurierender Standardvarietäten sind aber auch nicht
sprachlicher Varianten von anderen Sub- besser oder »idealer« als alle anderen,
systemen derselben Sprache abgrenzen natürlich gewachsenen, nicht standardi-
lässt. Sprachliche Varietäten stehen in sierten und kodifizierten Sprachen oder
Zusammenhang mit bestimmten außer- Varietäten des Deutschen, wie z. B. die
sprachlichen Merkmalen, wie z. B. natio- Dialekte. Sie verfügen höchstens in be-
nale Varietäten mit der staatlichen und stimmten Kontexten über eine größere
Dialekte mit der regionalen Herkunft ei- kommunikative Reichweite oder mehr
ner Gruppe von Sprechern. öffentliches Prestige, und zwar vor allem
Als Register werden Sprachlagen bezeich- deswegen, weil sie als Bildungssymbol
net, deren Merkmale an einen typischen gelten, weil Bildung auch in Deutschland
kommunikativen Kontext gebunden sind immer noch so gut wie ausschließlich
(vgl. Durrell 2004: 73 f.). Als Beispiele für über sie erlangt werden kann und weil
Register werden in der linguistischen Li- die Beherrschung der Standardvarietät
teratur vor allem Berufssprachen bzw. gerade aus diesem Grund immer noch
Fachjargons genannt, daneben informelle eine notwendige Voraussetzung für den
versus formelle Sprech- und Schreibwei- Erwerb sozialer Privilegien darstellt. Nur
sen, wobei informelle Register eher mit aus dieser Sicht ist die Varietät Standard
(konzeptioneller) Mündlichkeit und for- ›besser‹ als andere. Aber: »Der geschrie-
melle Register eher mit (konzeptioneller) bene Standard als Leitvarietät ist nicht
Schriftlichkeit korrelieren. per se korrekt und andere Varietäten sind
Eine sprachliche Variante ist die Realisie- nicht per se nicht korrekt« (Eisenberg
rung einer abstrakten, in ihrer Ausprä- 2007: 226). Grammatiken und Wörterbü-
gung veränderlichen linguistischen Ein- cher der Standardsprache stellen die
heit, einer Variablen. Beispiele für (vor- Standardvarietät lediglich als eine Varie-
nehmlich regionale) Varianten des Stan- tät hin, »die der Sprecher [bzw. Schreiber,
darddeutschen sind etwa die Modalpar- P. M., S. E.] unter bestimmten Umständen
tikeln eben und halt, die verschiedenen verwendet« (ebd.). Dies ist in erster Linie
Fugen in Rind-s-braten und Rind-er-braten eine soziale Festlegung. Nur muss man
oder die Phrasen ich bin gestanden und ich sich dann gleichzeitig darüber im Klaren
habe gestanden zum Ausdruck des Per- sein, dass damit, dass eine Varietät auf
fekts von stehen. den Schild der ›Leitvarietät‹ gehoben
Zuerst zur (Un-)Gleichwertigkeit von Va- wird, Konsequenzen für die Bewertung
rietäten, dann zur (Un-)Gleichwertigkeit der anderen Varietäten verbunden sind.
von Varianten innerhalb der deutschen Wir wollen die historische Legitimität der
Standardvarietät: Standardvarietät(en) und ihren Nutzen

1 Dazu, dass die nationale Vielfalt der deutschen Standardsprache im DaF-Unterricht


Berücksichtigung finden muss und diesen auch nicht vor unlösbare Probleme stellt, vgl.
die Beiträge in dem Sonderheft 37 »Plurizentrik im Deutschunterricht« der Zeitschrift
Fremdsprache Deutsch (2007).
64

etwa in der DaF-Didaktik keinesfalls in auch noch aus der Gegenwart des
Frage stellen. Nur meinen wir, dass ›die Deutschunterrichts weiß man zur Genü-
Standardvarietät‹ mit Hilfe entspre- ge, dass nichtstandardsprachliches,
chender sprachen- bzw. variationspoli- wenn auch sehr wohl regelhaftes und
tischer und sprachdidaktischer Konzepte folglich richtiges Deutsch in der Schule
endlich an ihren richtigen Platz zurück- oder an der Universität oft selbst in der
geführt werden muss. Es ist nämlich ein Mündlichkeit korrigiert und nicht selten
Widerspruch par excellence, die sprach- sogar durch schlechtere Noten bestraft
liche Vielfalt auf der einen Seite achten wird. Denn Förderung und Erwerb der
(siehe Artikel II-82 der Charta der Grund- kodifizierten Standardvarietät fand und
rechte der EU) oder gar schützen und findet auch in Deutschland und beson-
fördern zu wollen (vgl. ihre Charta der ders auch in der Schule vornehmlich auf
Regional- oder Minderheitensprachen, eine eher subtraktive (d. h. die von zu
die 1998 auch von Deutschland ratifiziert Hause mitgebrachten faktisch als Mutter-
wurde), auf der anderen Seite aber Nicht- sprache gesprochenen Nonstandardva-
standardsprecher und -schreiber nur au- rietäten ersetzende2) als additive (diese
ßerhalb der Öffentlichkeit ohne Vorwürfe nur ergänzende) Art und Weise statt.
und unkorrigiert eine andere Varietät Damit wird aber nichts anderes sugge-
sprechen oder schreiben zu lassen. So hat riert, als dass die zu Hause erlernten und
die Soziolinguistik auch nachgewiesen, gesprochenen muttersprachlichen Non-
dass Sprachen oder Varietäten nicht und standardvarietäten der Kinder und Ju-
nie infolge irgendeines ›Sprachverfalls‹ gendlichen schlechtes oder falsches, defi-
aussterben (s. Punkt 7). Die internatio- zitäres Deutsch seien. Und dies ist per
nale linguistische Forschung konnte bis- definitionem sprachliche Diskriminie-
lang keinen einzigen solchen Fall be- rung, die darüber hinaus, dass sie sprach-
schreiben und dokumentieren. Vielmehr liche Menschenrechte (etwa nach Art. II-
sterben Sprachen und Varietäten aus, 81 der EU-Grundrechte-Charta; vgl. auch
wenn man ihre Sprecher nicht bzw. nur in Skutnabb-Kangas/Phillipson 1994) und
informellen Domänen außerhalb der Öf- Verfassungsrechte verletzt (vgl. Art. 3
fentlichkeit (die folglich wenig öffent- Abs. 3 GG), auf geradem Wege zum
liches Prestige besitzen) sprechen lässt. Ablegen dieser Varietäten und somit zum
Diese Behauptung trifft nicht nur für Schwinden sprachlicher Vielfalt (ge)führt
Minderheitensprachen wie Sorbisch, (hat).
Friesisch oder Baskisch etc. zu,1 sondern Kommen wir zur Frage der Varianten: Wir
genauso auch für die zahlreichen heu- sind mit Roggausch (2007: 530) weitge-
tigen Nonstandardvarietäten von histo- hend einer Meinung, wenn er schreibt,
risch gewachsenen Einzelsprachen. Aus dass in Erforschung und Lehre des Deut-
der Geschichte, gerade des sog. ›sprach- schen als Fremdsprache »vollends der
kompensatorischen Unterrichts‹, und Verzicht auf Regeln und Normen, auf das

1 Das Deutsche könnte etwa aussterben, falls sich von Generation zu Generation immer
mehr Deutsche dafür entscheiden würden, statt Deutsch lieber eine andere Sprache, z. B.
Englisch oder Spanisch zu sprechen. Auf eine echte Gefahr für den Erhalt des Deutschen
als Standard- und Alltagssprache deutet aber im Moment nichts hin.
2 Etwas anderes passiert ja auch in der Regel nicht mit nicht-deutschen Muttersprachen,
vgl. schon Ingrid Gogolins (1994: 62) Kritik des »monolingualen Habitus der multilingu-
alen Schule« und dessen historische Hintergründe.
65

Unterrichten von Regeln und das Üben auch innerhalb des Standarddeutschen,
regelgeleiteten Sprechens1 und Schrei- selbst im geschriebenen Register, Varia-
bens ganz undenkbar [ist]«. Nur dürfen tion gibt – und damit die Möglichkeit,
diese Regeln und erst recht die Normen dass mehr als eine lexikalische oder
(s. o. Punkt 5) – nicht nur im DaF-Unter- grammatische Form ›korrekt‹ ist. Die
richt, sondern auch überall darüber hin- oben genannten Beispiele (eben/halt,
aus – nicht die real existierende Varianz Rindsbraten/Rinderbraten, ich bin gestan-
innerhalb der Standardvarietät vernach- den/ich habe gestanden) sind allesamt keine
lässigen. Gewiss stiegen mit der histo- Fehler – unabhängig von geschriebenen
rischen Heraushebung der Schriftspra- oder gesprochenen Kontexten. Es gibt,
che als Leitvarietät die Ansprüche an wie schon in unserem ersten Beitrag er-
diese Varietät, insbesondere an ihre wähnt, ein eigenes Wörterbuch, das ne-
›Reinheit‹, wie eine im Sprachdiskurs do- ben v. a. lexikalischen auch grammatische
minierende Metapher seit dem 18. Jahr- Varianten des Standarddeutschen auf-
hundert lautet. Sie scheint noch durch in führt (Ammon/Bickel/Ebner/Esterham-
Redeweisen wie der von der »homo- mer/Gasser/Hofer/Kellermeier-Rehbein/
gene[n] Muttersprache« (Roggausch Löffler/Mangott/Moser/Schläpfer/
2007: 529).2 Darin kommt die verbreitete Schlossmacher/Schmidlin/Vallaster,
teleologische Sichtweise zum Ausdruck, 2004).3 Wer wider besseres Wissen so tut,
dass die gesamte Geschichte unserer als gäbe es in der Standardvarietät einer
Sprache nur den einen Zweck hatte, auf lebenden Sprache hundertprozentige
die heutige, vermeintlich variantenfreie Homogenität, ist ein linguistischer Schar-
Standardvarietät hinauszulaufen. Die Le- latan.
ser können uns glauben, dass es schwer Das Ausmaß an Variation nimmt zu,
genug ist, selbst bei unseren Studieren- wenn man standardnahe (geschriebene
den der Germanistik mit Hilfe empi- oder gesprochene) alltagssprachliche Re-
rischer Befunde zu aktueller Sprachvaria- gister berücksichtigt. Jan Georg Schneider
tion und aktuellem Sprachwandel gegen (2005: 172; 2008: 175) bemerkt zu Recht,
diesen hartnäckig sich haltenden Mythos ein Mangel der populären Sprachkritik à
anzuargumentieren. Diese Erfahrung la Sick sei, dass sie die Unterschiede
führt uns ständig vor Augen, wie schwie- zwischen Mündlichkeit und Schriftlich-
rig die Vorstellung für viele ist, dass es keit vernachlässigt4 und starr zwischen

1 An dieser Stelle ist es vielleicht nicht ganz zwecklos, noch einmal darauf hinzuweisen,
dass bei Sprechern, die über ein gesundes Sprachvermögen verfügen, das Sprechen
zwangsläufig immer regelgeleitet stattfindet und folglich weder unterrichtet noch geübt
werden muss. Eine andere Sache ist, ob die beim Sprechen intuitiv befolgten Regeln
irgendwelchen – etwa standardsprachlichen – Normen entsprechen oder nicht.
2 Roggausch meint an dieser Stelle eigentlich die fehlende Monolingualität und die
Mehrsprachigkeit an vielen Schulen. Ob deutsche Schulen aber jemals ›monolingual‹
waren, wagen wir zu bezweifeln: Bis mindestens zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatten
die meisten Volksschulkinder einen Dialekt als Muttersprache.
3 Eine eigene ›Variantengrammatik‹ wird noch erarbeitet. Allein die vorhandenen Gram-
matiken enthalten allerdings schon Dutzende Beispiele für auch grammatische Varia-
tion.
4 Wir ergänzen lediglich: ›… nicht nur den medialen Unterschied‹; gerade auch in Texten
sog. ›getippter Mündlichkeit‹ (Internet-Foren, Chats, private E-Mails etc.) finden sich
Merkmale standardnaher Alltagssprache.
66

›Dialekt‹ und ›Hochsprache‹ trennt. Eine rung beteiligen, wenn sie Grammatiken
solche Sprachkritik verkennt faktisch die oder gar Nachschlagewerke zum »rich-
Sprachrealität und führt zu völlig inadä- tigen und guten Deutsch« oder »fehler-
quaten Aussagen. Wenn Bastian Sicks freien und guten Deutsch« verfassen. Pe-
»Cousine« und noch viele andere außer ter Eisenberg etwa ist auch Ko-Autor der
ihr »Ich fahr auf Polen« sagen (Sick 2006: Duden-Grammatik (2005) und Bearbeiter
49), dann ist diese Form linguistisch gese- des Zweifelsfälle-Duden (Duden. Richtiges
hen keineswegs schlechter, als würde sie und gutes Deutsch, 2007). Allerdings hebt
»Ich fahre nach Polen« sagen. Der Unter- er ausdrücklich hervor, dass sich seine
schied ist nur, dass letztere eine Form der normativen Aussagen auf die geschrie-
kodifizierten Standardsprache ist, erstere bene Standardvarietät beziehen, und als
eine (zunächst) nur in der Alltagssprache geschriebenen Standard definiert er den
vieler Muttersprachler verwendete Form. »Sprachgebrauch der überregionalen
Der getadelte Sprachgebrauch der zi- Presse« (Eisenberg 2007: 217). Wir können
tierten Sprecherin ist in der geschilderten uns seiner Argumentation durchaus an-
Situation also keineswegs schlechter als schließen, dass dem Wörterbuchbenutzer
der von Sick. Er kann nur von denjenigen ein »Angebot« gemacht wird, aus ver-
Spracharistokraten für schlecht oder schiedenen gebräuchlichen Varianten die-
falsch gehalten und korrigiert werden jenige auszuwählen, mit der »er sich im
wollen, die ihren eigenen Sprachge- geschriebenen Standard unauffällig bewe-
brauch unabhängig vom Äußerungskon- gen kann« (Eisenberg 2007: 226): »Wenn
text als höchsten Maßstab ansehen und du den Standard verwenden willst, dann
diesen auch anderen aufzwingen wollen. kannst du es auf folgende Weise tun«
Dabei kann ihr Sprachgebrauch in Wirk- (Eisenberg 2007: 226). Das sind im Grunde
lichkeit lediglich sozial auffälliger sein, klare Aussagen.1 Was Bearbeiter von
nicht aber per se linguistisch besser, Grammatiken und Wörterbüchern
hochwertiger oder wertvoller als der der sprachlicher Zweifelsfälle machen, ist das
anderen. Und selbst wenn er in bestimm- zu sagen, was ein Linguist höchstens sa-
ten Kontexten als prestigereicher er- gen kann bzw. zu sagen befugt ist, nämlich
schiene, dann kann sich das unter umge- zu welcher Sprache, Varietät oder Register
kehrten Vorzeichen schnell ändern: Wer eine spezifische Sprachverwendungsform
in anderen Kontexten zu standardge- gehört, nicht aber, ob sie dazu gehören
rechte Varianten verwendet, verwendet dürfte oder sollte. Dies gibt Linguisten
dort nicht unbedingt die hochwertigeren. also weder die Kompetenz noch die Macht
Nun könnte man meinen, dass sich Lingu- und die Legitimation sagen zu können
isten auf arg vermintes Gelände begeben und sagen zu dürfen, wie Muttersprachler
bzw. sogar an eben dieser Diskriminie- sprechen oder schreiben sollten. Selbst

1 Aber natürlich ist auch ein Peter Eisenberg nicht unfehlbar: Es müsste mit dem Teufel
zugehen, wenn er bei der gegenwärtig noch bescheidenen Lage der Korpora zum
Deutschen die gesamte Varianz in der von ihm so beschriebenen Standardsprache
überblickte. Ein anderer Vorbehalt, der bleibt: Solange auf Buchdeckeln Titel stehen wie
Fehlerfreies und gutes Deutsch (Wahrig 2003) oder Richtiges und gutes Deutsch (Duden 2007)
und solange selbst die Duden-Grammatik (2005) im Untertitel verspricht, dass sie
Unentbehrlich für richtiges Deutsch sei, kann in der Öffentlichkeit gerade der Eindruck
entstehen, dass alles, was in dem entsprechenden Band nicht enthalten ist oder nicht als
standardsprachlich ›angeboten‹ wird, gleich gänzlich fehlerbehaftetes oder schlechtes
Deutsch ist.
67

wenn Linguisten aber all dies hätten, wäre entstehen überhaupt erst dadurch, dass
die heutige deutsche Sprachwirklichkeit solche Schamanen mit der unerschütter-
kein hinreichender Anlass zum Eingrei- lichen Selbstsicherheit und Selbstgefäl-
fen. Warum bzw. inwiefern nicht, soll im ligkeit derer, die die sprachliche Macht
Folgenden näher erläutert werden. an sich gerissen und ihre eigenen Norm-
vorstellungen über die anderer gestellt
7. Die unbegründete und unnötige haben, auftreten und den Menschen er-
Angst vor der linguistischen Apoka- klären, dass sie ein Problem hätten. Die
lypse Begeisterung für Sick & Co. ist wohl zum
Das Verlangen nach willkürlichen Ein- Teil nur deswegen so groß, weil sie mit
griffen in die Sprachentwicklung, ge- dem Schüren von Verunsicherung auch
nauso aber auch das Auftreten von gleich vermeintliche Lösungen anbieten.
selbsternannten Sprachpflegern und Wie solche selbsternannten Weisen dann
Sprachrettern sowie die begeisterte Auf- natürlich auch gleich großen Zulauf von
nahme ihrer Aussagen lassen sich grund- Menschen haben, die – zur Not auch für
sätzlich aus dem Mythos erklären, dass Geld – wissen wollen, wie man es denn
Sprachen verderben bzw. verfallen kön- nun richtig machen soll, können Soziolo-
nen und dass genau dies momentan mit gen oder Religionswissenschaftler viel-
dem Deutschen geschehe. Auch nicht leicht besser erklären als wir.
neu ist der Topos, dass dies mit »zuneh- Die vom Mythos des Sprachverfalls getra-
mende[n] gesamtgesellschaftliche[n] genen und vererbten unbegründeten
Verwahrlosungstendenzen« (Roggausch Ängste lassen sich zum Großteil aus der
2007: 528), also Sprachverfall mit Kultur- bei Sick und auch bei Roggausch (2007)
verfall einhergehe und dass diesem Ver- durchscheinenden sog. ›Standardspra-
fall nur Einhalt geboten werden könnte, chenideologie‹ erklären, die ab dem aus-
wenn die Sprache von irgendwelchen gehenden 18. Jahrhundert aus dem Ge-
Zuständigen geschützt und gepflegt danken heraus entstand, dass eine Nation
würde. Viele Menschen sind inzwischen von ihrer einheitlichen, kodifizierten Nati-
so sehr an die Präsenz von selbsternann- onalsprache konstituiert und zusammen-
ten Sprachpflegern gewöhnt, dass sie gehalten wird (vgl. Durrell 2000). Seitdem
sich einer Tatsache gar nicht bewusst wird die Schrift- und (ab dem begin-
werden: Die Sprachpflege erschien erst nenden 20. Jahrhundert) die Standard-
Jahrzehntausende nach der Entstehung sprache tendenziös überbewertet, für bes-
der menschlichen Sprache(n). Und es ser/schöner/richtiger/ausdrucksfähiger
sind auch hauptsächlich die Sprachpfle- etc. gehalten und zu Lasten aller anderen
ger selbst, die viele Menschen glauben Sprachgebrauchsformen gefördert und
lassen, dass ohne sprachliche Vor- gefordert. Es ist auch gerade diese Stan-
schriften das sprachliche Chaos ausbre- dardideologie, die bei manchen in eine
chen und die funktionsfähige Kommuni- unerbittliche Normierungswut entartete
kation zusammenbrechen würde (vgl. und Keimzelle der negativen Bewertung
Sándor 2006: 986). Dem ist natürlich nicht und Ablehnung nicht nur (stan-
so. Auch die deutsche Sprache steuert dard)sprachlicher Variation, sondern
keinem Verfall entgegen, ihre Sprecher auch (standard)sprachlichen Wandels
brauchen folglich keine »linguistischen wurde. Selbst Prozesse, die von manchen
Schamanen« (Bolinger 1980). Nebenbei Linguisten als ›Destandardisierung‹ gese-
bemerkt: Viele sprachliche Unsicher- hen werden (vgl. etwa Mattheier/Radtke
heiten und Zweifel von Muttersprachlern 1996), entpuppen sich bei näherer Unter-
68

suchung als konsequente Fortführungen »Wer den realen Sprachgebrauch von Kin-
von schon lange in der Schriftlichkeit vor- dern und Jugendlichen, von Abiturienten
zufindenden Tendenzen – man muss sich und Studierenden kennt,2 auch von Er-
wachsenen außerhalb der intellektuellen
nur einmal von der literatursprachlichen Milieus, selbst von Journalisten und Fern-
Beletage ins Parterre des normalen (schrift- sehmoderatoren anschaut, der sieht wahr-
lichen) Sprachgebrauchs der deutschen lich überall deutliche sprachliche Defizite.«
Sprachbevölkerung begeben (vgl. Elspaß (Roggausch 2007: 528)
2005: 93 f.)1 Darüber hinaus dringt auch Es dürfte inzwischen deutlich geworden
vieles aus der nicht standardisierten All- sein und wir wollen es nicht noch einmal
tagssprache sowohl über die Mündlich- im Einzelnen ausführen, dass all die auf-
keit als auch über die Schriftlichkeit in die gezählten Menschen nicht defizitär spre-
Standardsprache ein. Diese Entwick- chen, sondern äußerst kompetent und
lungstendenzen stellen aber bei Weitem erfolgreich kommunizieren. Meint aber
keine Gefahr und keinen Sprachverfall Roggausch hier lediglich, dass es – nicht
dar. Sie können nur von denjenigen als erst seit gestern – Defizite in Bezug auf
solche bewertet werden, die vor dem Hin- die Beherrschung der standardschrift-
tergrund der erwähnten Standardideolo- sprachlichen Normen gibt (und wir müs-
gie nur die Legitimation des Standardmä- sen auch nicht mehr erklären, warum
ßigen anerkennen, die Standardsprache Sick daran rein gar nichts verbessern
für hochwertiger und alles darunter für kann und wird), oder verbirgt sich hinter
falsch oder schlecht halten. diesen Zeilen tatsächlich die absurde Er-
Vor diesem Hintergrund werden es un- wartung, dass alle Mitglieder einer
sere Leser besser verstehen, dass und Sprachgemeinschaft in allen Situationen
warum wir uns angesichts Werner Rog- über alles so sprechen und schreiben soll-
gauschs apokalyptischem Befund zur ak- ten, wie es eine (regionale) Bildungselite
tuellen deutschen Sprachwirklichkeit in intellektuellen Milieus tut?
(Roggausch 2007: 527 f.), mit der er zu Es gehört zur Natur der Sache, dass alle
rechtfertigen versucht, dass Sicks »Inten- Menschen, auch die Intellektuellen, häu-
tionen« tatsächlich »begründet, aktuell, fig in ihrem Leben in Situationen geraten,
nützlich« seien (Roggausch 2007: 527 f.), in denen sie sich sprachlich nicht immer
verwundert die Augen rieben: situationsangemessen bzw. differenziert

1 Im Zentrum des sprachhistorischen Forschungsansatzes ›von unten‹ steht übrigens auch,


aber nicht allein – wie Kaluza (2008: 439) aus den Titeln von Publikationen zu erkennen
meint – eine »›Diskriminierungsgeschichte‹ der Alltagssprache«. Es geht im Kern darum,
wie wir unsere heutige ›Standardsprache‹ definieren bzw. gerade aus der jüngeren
Sprachgeschichte heraus legitimieren. Das Interessante dabei ist, dass diese jüngere
Sprachgeschichte in die Entwicklungstendenzen der Gegenwartssprache hineinreicht –
die scharfe Trennung von diachroner und synchroner Betrachtungsweise, die der älteren
Linguistik als methodische Hilfe geeignet erschien, lässt sich da kaum aufrechterhalten.
2 Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang immer der Sprachgebrauch der
Nachgeborenen kritisiert (vgl. Milroy 1998). So käme auch Werner Roggausch wohl nicht
auf die Idee zu klagen: »Mein Gott, was rede ich für ein runtergekommenes Deutsch im
Vergleich zu dem meiner Großeltern«! (Rudi Keller, zit. nach Denkler/Günthner/Imo/
Macha/Meer/Stoltenburg/Topalović 2008: 22). Wenn freilich die Klagen über die mangeln-
den Sprachfähigkeiten von Kindern oder Jugendlichen, die man aus allen Kultursprachen
und aus verschiedenen Zeiten kennt, jemals berechtigt gewesen sein sollten, dann müssten
diese Kultursprachen schon längst verfallen und untergegangen sein.
69

genug ausdrücken können. Dies ist aber wieder einmal in die sprachpädago-
einerseits die zwangsläufige Folge der gische Suppenküche zu ziehen und gar
sprachlichen Vielfalt unserer Welt. Ande- mit sprachlichen Kompensationspro-
rerseits ist es zum Großteil überhaupt gar grammen anzufangen. Denn das Pro-
keine primär sprachliche Frage. Wir kön- blem liegt ganz woanders, wie Heinrich
nen uns allein schon deswegen nicht im- Löffler schon 1985 feststellte:
mer situationsangemessen und differen-
»Allen empirischen Arbeiten zur Sprach-
ziert ausdrücken, weil uns bestimmte Be- barriere ist trotz unterschiedlicher Ver-
rufe, Themen, Gegenstände etc., die an suchsanordnung und sich oft widerspre-
eine andere Lebenswelt als die unsere chender Befunde gemeinsam, daß sie die
gebunden sind, einfach fremd sind. Und Sprachbarriere der Unterschichten nicht be-
da sie fremd sind, sind uns natürlich stätigen konnten. Leistungsunterschiede
auch bestimmte Bereiche der Sprache und meßbare Varianz im Sprachgebrauch
konnten nicht mit dem Sozialstatus ver-
fremd, in der über sie gesprochen und knüpft werden in der Weise, daß die Spra-
geschrieben wird (z. B. die Sonderlexik). che unmittelbarer Träger oder Ursache des
Daran zu erinnern fühlen wir uns auch Mißlingens war. Von einem linguistisch-
deswegen genötigt, weil in Roggauschs kommunikationstheoretischen Standpunkt
Beitrag neben angeblichen Defiziten aller aus waren alle gemessenen Subcodes auf
ihre Art ebenbürtig. Erfolgsbarrieren muß-
anderen gesellschaftlichen Gruppen ex- ten demnach auf der Ebene der sozialen Ein-
plizit auch wieder von Forschungen zu schätzung und der geringen Leistungserwar-
»sprachlich defizitär ausgebildeten Un- tungen einerseits und einem für die Unter-
terschichtskindern« die Rede ist (Rog- schicht eher lebensfernen Unterricht der mittel-
gausch 2007: 528) – viele Jahrzehnte nach schichtorientierten Schule gesehen werden,
der Formulierung von Basil Bernsteins was wiederum mit Sprache nicht unmittelbar zu
tun hat.« (Löffler 1985: 192 [2005: 169]; Her-
Defizithypothese,1 die sich bald schon als vorhebung von uns – P. M., S. E.)
linguistisch unhaltbar erwies und deren
Konsequenzen in sprachpädagogisch-di- Werner Roggausch sieht es ganz richtig:
daktischer Hinsicht letztendlich in einem Für ihre alltagsweltliche und folglich
Fiasko mündeten. Die oft verheerenden, sprachliche Differenz, die viele – so wie
nicht selten psychopathologischen Fol- Roggausch offensichtlich auch – leider
gen und Schäden, die diese Sichtweise immer noch als Defizit ansehen, werden
und die aus ihr resultierende Einführung heute in Deutschland viele Kinder und
von gut gemeinten Drill- und Trai- auch Erwachsene »[…] handfest be-
ningsprogrammen zur Folge hatten, sind straft: Durch die Verachtung, die sie auf
inzwischen längst bekannt (vgl. etwa sich ziehen, und durch schlechtere
Löffler 1985: 176 ff. [2005: 161 ff.]; Bar- Chancen bei jeder Bewerbung« (Rog-
bour/Stevenson 1998: 201 ff.; Jäger 2004: gausch 2007: 528). Roggausch erwähnt
28 ff.). Vor diesem Hintergrund möchten es also selbst, dass Millionen von Kin-
wir daher ausdrücklich davor warnen, dern und Jugendlichen, genauso aber
mit diesen Konzepten, die schon einmal auch von erwachsenen Arbeitnehmern,
kläglich versagten und mehr Schaden heute (auch) in Deutschland unver-
und Kosten als Nutzen verursachten, hüllter sprachlicher Diskriminierung

1 Auch Manfred Kaluza (2008: 440) holt die »Erkenntnisse« des Soziologen Bernstein
hervor. Allerdings können wir zu seinem Einwurf nichts sagen, da uns – auch nach
mehrmaligem Lesen – schleierhaft bleibt, was er an dieser Stelle eigentlich zum
Ausdruck bringen wollte.
70

ausgesetzt sind. Und nicht deswegen, müssen wir es verstehen – nicht diejenigen
weil sie ein defizitäres Deutsch spre- verantwortlich, von denen die Diskrimi-
chen, sondern – im Sinne des oben Aus- nierung ausgeht, sondern die Diskrimi-
geführten – einfach deswegen, weil eine nierten selbst sowie u. a. auch uns, die wir
sprachlich eher intolerante, tendenziell uns – linguistische und juristische Argu-
am (norddeutschen) Standard orien- mente bzw. Befunde anführend – auf den
tierte intellektuelle Bildungselite ihre ei- Standpunkt der Diskriminierten zu stellen
genen Normen für die einzig legitimen versuchen. Nicht mit Toleranz und Eman-
gehalten und sie auch allen anderen auf- zipation bzw. mit dem Plädoyer für die
gezwungen hat. Nach diesen Normen, Aufgabe diskriminativer Ansichten soll
die so hoch angelegt sind, dass selbst die Diskriminierung beseitigt werden,
z. B. ein Großteil der bayerischen Studi- sondern mit der Drohung der Diskrimi-
enanfänger des Faches ›Deutsch‹ oder nierung; mit der Vorstellung also, dass die
baden-württembergischer Geschichts- Diskriminierung so abgeschafft werden
studenten (Fritz 2007: 40 ff.) sie nicht müsste, dass die Diskriminierten die Legi-
erreicht, wird an deutschen Schulen und timität der Diskriminierung endlich aner-
Hochschulen mehr oder weniger tole- kennen, dem diskriminativen Druck nach-
rant korrigiert (wenn denn überhaupt geben und die diskriminativen Forde-
die sprachliche Form bewertet werden rungen erfüllen. Dies ist so, als hätte man
darf) – manchmal aber eben auch à la das Problem der Diskriminierung auf
Sick nach eigenen Normen, die man Grund von Hautfarbe oder sexueller Ori-
(aus dem Bauch heraus oder sonst wo- entierung seinerzeit so lösen wollen, dass
her) für die richtigen hält.1 Roggauschs man für die Änderung der Hautfarbe oder
weitere Argumentation halten wir aller- der sexuellen Orientierung der Diskrimi-
dings für merkwürdig: nierten plädiert.2
»Wer sich also normativen Ansprüchen an Das also, was hier als Defizit hingestellt
Sprachbeherrschung und Sprachkultur wi-
wird, ist in Wirklichkeit eine aus vielen
dersetzt, der lässt die Kinder und Jugend-
lichen mit sprachlichen Defiziten genau in Faktoren resultierende Differenz. Diese
die Diskriminierung laufen, der er dekla- Differenz kann nur dann zum Defizit
matorisch entgegenzutreten vorgibt.« (Rog- werden, wenn eine spracharistokratische
gausch 2007: 528) und intolerante, unerbittlich an einem
Für die oben genannte, auch von ihm offen engen Begriff von ›Standard‹ orientierte
anerkannte Diskriminierung macht er – so Bildungselite ihre eigene Sprach- und Bil-

1 Als Illustrationsbeispiel führen wir ein Ereignis ›aus der Nachbarschaft‹ an, wie es sich
wohl alltäglich zuträgt: Die Rede ist vom Augsburger Gymnasiasten, der im Vokabeltest
als Übersetzung von lat. egui »ich habe bedurft« geschrieben hatte und dem die junge
Lateinlehrerin mit Rot die Form »bedurft« unterschlängelte und zwei Punkte aufs »u«
malte.
2 Ob und inwieweit irgendwelche diskriminativen Forderungen überhaupt erfüllbar sind,
ist in diesem Zusammenhang völlig belanglos. Es geht hier nämlich allein um das
Prinzip. Es sei aber trotzdem darauf hingewiesen: Es ist auch nur ein Mythos, dass
Menschen ihre als Muttersprache erlernte und gesprochene Sprachvarietät so leicht und
problemlos ändern könnten, wenn sie es wollten, wie sie ihre Kleider wechseln. Dies ist
aus hier nicht näher zu erläuternden psycho- und soziolinguistischen sowie psychoso-
zialen Gründen nicht möglich. Man vergleiche nur diejenigen Sachsen, die trotz deutlich
erkennbarer Anstrengungen selbst zehn, zwanzig Jahre nach ihrer Übersiedlung in die
alten Bundesländer vergeblich ihr belächeltes Sächsisch zu verstecken versuchen.
71

dungsnorm für die Norm schlechthin er- darin stattfindenden Simplifizierungen


klärt und sie – mit Hilfe ihrer sozialen und Verfestigungen stereotyper Ge-
und politischen Macht – auch allen ande- schichtsbilder nur die Haare raufen kön-
ren aufzuzwingen versucht. Dass auf nen. Wer aber allen Ernstes behauptet,
diese Weise die Differenz zum Defizit dass Sicks Intention eine (sprach)poli-
wird, ist also keineswegs eine Notwen- tisch-(sprach)pädagogische sei, der ist u.
digkeit, sondern lediglich eine sehr wohl E. schlichtweg der PR-Maschine um den
vermeidbare Folgeerscheinung, für die »Zwiebelfisch« auf den Leim gegangen.1
auch keineswegs die Opfer, sondern in In diesem Beitrag haben wir vor dem
erster Linie die so eingestellte und dem- Hintergrund der Erkenntnisse linguisti-
entsprechend handelnde Bildungselite scher Forschung zu zeigen versucht, dass
die Verantwortung trägt. die von Roggausch hervorgebrachten,
sprach- und kulturpessimistischen Argu-
8. Zum Schluss: Linguistische Aufklä- mente für Sick den linguistischen Tatsa-
rung statt Bastian Sick! chen einfach nicht standhalten. Stattdes-
Auch wenn wir in diesem Beitrag beson- sen sind sie offenbar von oft uralten
ders auf Ein- und Vorwürfe Werner Rog- sprachlichen Mythen, Vorurteilen und
gauschs (2007) eingegangen sind, so geht heute anachronistischen, aristokratisch-
es uns – nach wie vor – in erster Linie um homogenistischen Sprachideologien ge-
die Begründung für unsere Ansicht, dass prägt. Wir sind übrigens auch überzeugt,
nicht nur die Glossen und Bücher Bastian dass Werner Roggausch all diese Argu-
Sicks für den Deutschunterricht untaug- mente nicht vorgebracht und an ihre
lich sind, sondern dass die hinter seinen Richtigkeit nie geglaubt hätte, wenn Bas-
Texten stehende Sprachauffassung into- tian Sick und seine zahlreichen Vorgän-
lerant, diskriminierend und dadurch so- ger ihre faktisch falschen, aus linguisti-
zial schädlich ist. Noch einmal: Dass Sick scher Unkenntnis und sprachlicher Into-
das Thema ›Sprache‹ und insbesondere leranz resultierenden Ansichten in all
›Grammatik‹ für eine gewisse Zeit in das den Jahrhunderten nicht so tief in die
Rampenlicht der öffentlichen Diskussion Gesellschaft eingepflanzt hätten.
gerückt hat, kann uns nur recht sein – so Was sollen Linguisten tun? Ihre Aufgabe
wie Historiker sicherlich eine gewisse ist es gewiss nicht, sprach- und bildungs-
Genugtuung über eine Zunahme des In- politische Mängel zu beseitigen.2 (Nie-
teresses an der Geschichtswissenschaft mand würde auf die Idee kommen, un-
durch Guido Knopps »History«-Reihen sere Kollegen aus der Mathematik für
verspüren, auch wenn sie sich über die mangelnde Rechenfähigkeiten von

1 Ebenso gut könnte man dann behaupten, dass (der Diplom-Kaufmann) Dieter Bohlen
mit »Deutschland sucht den Superstar« die musikalische Erziehung in unserem Land
befördern möchte oder dass (der Journalist und Nichtmediziner) Hademar Bankhofer
sen. in erster Linie die medizinische Aufklärung der Deutschen im Sinn hätte.
2 So können Linguisten an den Defiziten bei den Deutschkenntnissen von Kindern ›mit
Migrationshintergrund‹ rein gar nichts ändern. Sie haben oft genug die Gründe dafür
benannt. Die fälligen Entscheidungen über ein früheres Einschulungsalter, Ganztagsschu-
len etc. zu treffen haben die Kultusminister und andere Bildungspolitiker – wie sie ja auch
immer noch die Curricula der Deutschlehrerausbildung bestimmen. Wir möchten Werner
Roggausch (2007: 529) uneingeschränkt beipflichten, wenn er fordert, dass »[i]n jeder
Ausbildung von Deutschlehrern […] auch DaF berücksichtigt werden und einen defi-
nierten curricularen Stellenwert haben« sollte (besser vielleicht noch: DaF und DaZ).
72

Schulabgängern in die Pflicht zu neh- tanzen, etwa von Fachzeitschriften oder


men.) Gleichwohl lassen (Sozio)Linguis- Bildungsanstalten, empfohlen und ver-
ten die politisch-praktischen und sozi- breitet werden. Wir sind auch fest davon
alen Aspekte und Probleme des Sprach- überzeugt, dass ein forschender Medizi-
gebrauchs keineswegs außer Acht. Sie ner genauso verfahren würde, wenn etwa
arbeiten zwar nach wie vor dezidiert in einer medizinischen Fachzeitschrift
deskriptiv-explanativ und werden dies plötzlich die Werke von irgendwelchen
hoffentlich auch in Zukunft tun. Ihre Kurpfuschern gelobt und für die medizi-
Aufgabe ist es u. E. nicht, sprachpflege- nische Ausbildung empfohlen würden.
risch tätig zu werden, sehr wohl aber Wenn Bastian Sicks Bücher für den Unter-
sprachaufklärerisch und sprachkritisch. richt angepriesen oder gar zur Pflichtlek-
Linguisten werden sich also durchaus türe für die Vorbereitung zum Abitur er-
und deutlich zu Wort melden – so wie klärt werden, wie dies im Saarland schon
wir es hier tun –, wenn sich einzelne der Fall sein soll, halten wir das für eine
Figuren statt von theoretisch fundierten Fehlentscheidung. Und wenn Sick von
und empirisch bestätigten Erkenntnissen mehreren Goethe-Instituten in Südameri-
lieber von Mythen, Vorurteilen, Ideolo- ka zur Tournee eingeladen wird (so wie
gien sowie ihren eigenen Machtinteres- dies im Herbst 2008 geschehen ist) oder
sen leiten lassen und für sich das Recht Deutsche Botschaften Lesungen von Sick
beanspruchen, Millionen anderen sagen organisieren (so Ende 2007 in Den Haag),
und vorschreiben zu dürfen, was richtig dann sind das in unseren Augen pure
und was falsch ist. Sie werden sich auch Fehlinvestitionen,1 die einen Fall für den
zu Wort melden, wenn diese selbster- Rechnungshof darstellen.
nannten Sprachretter Millionen deut- Da hilft auch das immer wieder hervor-
scher Muttersprachler – genauso aber gebrachte Argument nicht, dass Sick kein
auch DaF-Lerner – unnötiger- und unbe- Linguist, vielmehr nur ein Unterhal-
rechtigterweise verunsichern, an der tungskünstler ist, dessen Bücher nicht
Richtigkeit und Legitimität ihrer Sprach- mit linguistischen Maßstäben gemessen
gebrauchsweisen zweifeln lassen und werden können und sollen. Es ist nämlich
durch eine Defizithypothese, die ihren ganz offensichtlich, dass seine Bücher
Werken zu Grunde liegt, zur Förderung nicht (nur) wegen ihres Unterhaltungs-
und Aufrechterhaltung sprachlicher Dis- werts für den Unterricht empfohlen oder
kriminierung beitragen. zur Pflichtlektüre gemacht werden, son-
Wir fühlen uns sehr wohl auch befugt, die dern sehr wohl wegen ihres Inhalts, ihrer
Unterrichtstauglichkeit bestimmter Bü- (des)orientierenden und (des)informie-
cher genau zu prüfen und gegebenenfalls renden Ausrichtung. Und wenn dies so
mit wissenschaftlichen Argumenten auf ist, dann müssen sie sehr wohl mit fach-
die Gefahren solcher Werke hinzuweisen lichen Maßstäben gemessen werden. Es
und vor ihnen zu warnen – ganz beson- ist sehr bequem, linguistische Halbwahr-
ders auch dann, wenn diese schon von heiten und oft auch der Wirklichkeit
öffentlichen meinungsbildenden Ins- strikt widersprechende Unsinnigkeiten

1 Auch auf die Gefahr hin, dass wir abermals als Spaßverderber erscheinen sollten: Die
Verbreitung sprachlicher Mythen und die sprachliche Diskriminierung von Bürgern durch
einen linguistisch unqualifizierten Sprach-Entertainer sind nach unserem Verständnis
nicht mit dem sprachkulturellen Auftrag deutscher Institutionen im Ausland in Einklang
zu bringen, wie ihn etwa Werner Wnendt (2008) gerade in dieser Zeitschrift skizzierte.
73

zu verbreiten, sich aber gleichzeitig vor gula; Vallaster, Günter: Variantenwörter-


den erwartbaren fachlichen Einwänden buch des Deutschen. Die Standardsprache
hinter dem Scheinargument zu verste- in Österreich, der Schweiz und Deutschland
sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbel-
cken, man wolle ja nur unterhalten. Wenn gien und Südtirol. Berlin; New York: de
man nur unterhalten will, dann tut man Gruyter, 2004.
dies gewöhnlich nicht durch Tabellen, Bär, Jochen A.: »Darf man als Sprachwis-
Wortlisten und (oft definitiv falsche) Er- senschaftler die Sprache pflegen wollen?
läuterungen und Erklärungen zu gram- Anmerkungen zu Theorie und Praxis der
matischen Fragen, auch nicht mit Arbeit mit der Sprache, an der Sprache,
für die Sprache«, Zeitschrift für Germanis-
»Deutschtests« (z. B. Sick 2006: 192ff.) tische Linguistik 30 (2002), 222–251.
und erst recht nicht in Form sprachlicher Bär, Jochen A.: »Spracharbeit, revidiert. Er-
Beratung von gerade wegen Sick & Co. widerung auf: W. P. Klein Darf man wirk-
unnötig verunsicherten, an sich zweifeln- lich?«, Zeitschrift für Germanistische Lingu-
den Laien. Deswegen würden wir viel- istik 31 (2003), 99–104.
leicht noch einen Schritt weiter als Vilmos Barbour, Stephen; Stevenson, Patrick: Varia-
Ágel (2008: 82) gehen, der zwar aus- tion im Deutschen. Soziolinguistische Per-
spektiven. Berlin; New York: de Gruyter,
drücklich und überzeugend argumentie- 1998.
rend vor der Empfehlung von Sicks Bü- Bauer, Laurie; Trudgill, Peter (Hrsg.): Lan-
chern zu Belehrungszwecken warnt, de- guage Myths. London: Penguin, 1998.
ren Empfehlung zur Unterhaltung aber Bolinger, Dwight: Language: The Loaded
nicht ausschließt. Wir meinen nämlich, Weapon. London: Longman, 1980.
dass selbst dann, wenn Sicks Bücher nur Davies, Winifred; Langer, Nils: The Making
zur Unterhaltung gelesen werden, die of Bad Language: Lay Linguistic Stigmatisa-
von ihm vertretenen und propagierten tions in German, Past and Present. Berlin
u. a.: Lang, 2006.
gefährlichen Ansichten sich zwangsläu-
Denkler, Markus; Günthner, Susanne; Imo,
fig in den Köpfen der Leser festsetzen Wolfgang; Macha, Jürgen; Meer, Doro-
und auf diese Weise zu kollektivem Wis- thee; Stoltenburg, Benjamin; Topalović,
sen werden können. Elvira (Hrsg.): Frischwärts und unkaputt-
Wenn wir mit diesem Beitrag auch nur bar. Sprachverfall oder Sprachwandel im
Deutschen. Münster: Aschendorff, 2008.
einen Leser für linguistische Fragen, ins-
Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 4.,
besondere für soziolinguistische Fragen, neu bearbeitete und erweiterte Auflage.
und für linguistische Toleranz stärker Hrsg. von der Dudenredaktion. Mann-
sensibilisieren konnten, rechnen wir uns heim u. a.: Dudenverlag, 2001.
dies schon als Erfolg an. Und wenn dieser Duden. Die Grammatik. Unentbehrlich für
Leser Werner Roggausch heißt, soll es richtiges Deutsch. 7., völlig neu erarbeitete
uns umso mehr freuen. und erweiterte Auflage Hrsg. von der
Dudenredaktion. Mannheim u. a.: Du-
denverlag, 2005.
Duden. Richtiges und gutes Deutsch. Wörter-
Literatur buch der sprachlichen Zweifelsfälle. 6., voll-
Ágel, Vilmos: »Bastian Sick und die Gram- ständig überarbeitete Auflage. Herausge-
matik. Ein ungleiches Duell«, Info DaF 35, geben von der Dudenredaktion. Mann-
1 (2008), 64–84. heim u. a.: Dudenverlag, 2007 (Duden 9).
Ammon, Ulrich; Bickel, Hans; Ebner, Ja- Durrell, Martin: »Standard Language and
kob; Esterhammer, Ruth; Gasser, Mar- the Creation of National Myths in Nine-
kus; Hofer, Lorenz; Kellermeier-Reh- teenth-Century Germany«. In: Barkhoff,
bein, Birte; Löffler, Heinrich; Mangott, Jürgen; Carr, Gilbert; Paulin, Roger
Doris; Moser, Hans; Schläpfer, Robert; (Hrsg.): Das schwierige neunzehnte Jahr-
Schloßmacher, Michael; Schmidlin, Re- hundert. Germanistische Tagung zum
74

65. Geburtstag von Eda Sagarra im August Reden vor der Akademie. Hrsg. v. Jürgen
1998. Tübingen: Niemeyer, 15–26. Trabant. Tübingen; Basel: Francke, 1994,
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Tod. Folge 3: Noch mehr aus dem Irrgarten
Kiel und Zürich – seit 2004 Inhaber des
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