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Phantastische
Weihnachten
24 Geschichten zum
Weihnachtsfest
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Böttger und Beißert
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14482 Potsdam
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1. Auflage, November 2013
NE-2013-05-E1
Covergestaltung: Kay Beißert
Lektorat: Helke Böttger
Inhaltsverzeichnis

1. Dezember: Sakrileg 2213 – Danny


Braun alias Martin Johannson

2. Dezember: MARIAS
VERKÜNDIGUNG – Rolf Niebel

3. Dezember: In der Unterführung am


Bahnhof – Jochen Stüsser-Simpson

4. Dezember: Weihnachten in der Un-


terwelt – Monika Grasl
5. Dezember: Vorzeitiges Weihnachten –
Tilde Zug

6. Dezember: Familie Baum – Christa


Dorn

7. Dezember: Merry Midlifecrisis – Anne


Brodzinski
8. Dezember: Auf dünnem Eis – Elisa
Bergmann

9. Dezember: Genfer Verwechslung –


Katharina Schultes

10. Dezember: Der alte Ruben – Ralph


Bruse

11. Dezember: Ein etwas anderer Weih-


nachtsengel – Christine Thomas

12. Dezember: Ein himmlisches Weih-


nachten – Savannah Paris

13. Dezember: Konferenz mit den


Sternen – Sabrina Heilmann
14. Dezember: Mäuse-Weihnacht – Tilde
Zug
15. Dezember: Eine seltsame
Begegnung auf dem Dach – Jochen
Stüsser-Simpson

16. Dezember: Xaramas‘ Geheimnis –


Mary Clover

17. Dezember: Zeit der Wunder – Grit


Stange

18. Dezember: Der Wunschzettel – Elisa


Bergmann

19. Dezember: Dinge zwischen Himmel


und Erde – Johanna Marthens

20. Dezember: Sinnlichkeit – Anne


Brodzinski

21. Dezember: Ellie und die Weihnacht-


szombies – Lily Beier
22. Dezember: Schöne Bescherung? –
Bernar LeSton

23. Dezember: Geburtstagsständchen –


Martin Johannson

24. Dezember: Das Flunkermärchen


von der Weihnacht – Rolf Niebel
1. Dezember

Sakrileg 2213
Von Danny Braun alias Martin
Johannson

Es war stockduster, als das Comphone


klingelte. Robinson Langhorn blinzelte ir-
ritiert in die Dunkelheit, die nur von dem
unbeirrt blinkenden Lämpchen des Gerätes
erhellt wurde. Was sollte das denn? Wer
rief ihn denn um diese Uhrzeit an? Der
konnte sich warm anziehen.
Er sah auf das Display des Comphones,
wo das Bild eines Mannes ungeduldig da-
rauf wartete, zu Wort kommen zu dürfen.
„Was ist?“, fragte Langhorn. Das war
das Signal für das Comphone, den An-
rufer durchzustellen.
„Es tut mir leid, dass ich Sie mitten in
der Nacht stören muss, aber es ist drin-
gend.“ Der Mann im Display sah Lang-
horn mit einem eindringlichen Blick an.
Der Verschlafene konnte das Gesicht je-
doch nicht einordnen. „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Grady Kolmar. Wir
haben einen gemeinsamen Freund – Paul
Zesanne. Wegen seiner Person rufe ich
an.“
„Was ist mit ihm?“
„Wir waren verabredet, aber er ist nicht
erschienen. Da bin ich zu seinem Haus ge-
fahren. Er ist tot. Wie es aussieht, er-
stochen.“
Robinson Langhorn war für einen Mo-
ment sprachlos. Er kannte Paul Zesanne
nicht sonderlich gut. Man traf sich bei öf-
fentlichen Anlässen, unterhielt sich kurz,
dann trennten sich die Wege wieder. Er
war ein interessanter Mann, der sich
insgeheim, aber gelegentlich auch öffent-
lich, für die Rettung und Erhaltung der
alten Künste einsetzte. Langhorn hatte
ihn deswegen öfter belächelt, er wollte
lieber seine Ruhe haben und sich nicht
den Unmut der Behörden zuziehen, auch
wenn er nicht alles guthieß, was im
Neuen Europa passierte. Aber dass je-
mand Paul Zesanne getötet hatte, traf
Langhorn jedoch tiefer, als er gedacht
hätte. Zesanne hatte auf ihn immer einen
leidenschaftlichen und offenen Eindruck
gemacht, Charakterzüge, die man
heutzutage nicht mehr oft in den
Menschen vorfand.
„Warum rufen Sie mich an? Das ist
doch eher eine Sache für die Polizei.“
„Zesanne hat eine Nachricht hinter-
lassen, die Sie sehen sollten. Wenn je-
mand herausfinden kann, was er gemeint
hat, dann sind Sie es.“
„Was ist das für eine Nachricht?“
„Sie müssen sie sehen. Bitte.“ Der Mann
klang eindringlich. Seine Augen wirkten
flehend.
Langhorn sah gequält auf die Uhr. Es
war 2 Uhr morgens. Für ihn kaum die
richtige Zeit für das Studium von ver-
schlüsselten Nachrichten. Er war Spezial-
ist für Codes, ausgestorbene Sprachen
und Symbole und wurde öfter zu Rate
gezogen, wenn es um codierte Botschaften
oder unlesbare Texte ging. Vor allem die
neue Regierung und die ESSF, die
European Security Special Force, eine be-
sondere Art des Militärs, die nur auf die
Abwehr von Angriffen von innen spezialis-
iert war, forderten ihn oft an, um Na-
chrichten von angeblichen Terroristen
und Verrätern zu entschlüsseln. Oftmals
handelte es sich um private Botschaften
von Nationalisten, die verzweifelt ver-
suchten, die Muttersprache ihrer Ahnen
am Leben zu erhalten und sich E-Mails
auf Deutsch, Spanisch, Französisch oder
sogar Schweizerdeutsch sandten. Aber das
war im Europa des Jahres 2213 nicht
mehr erlaubt. Jetzt sprach man nur noch
Eurabinesisch, die offizielle Staatsprache.
Und wer die alten Sprachen nutzte, galt
als Verräter und landete im Hochsicher-
heitstrakt in Brüssel.
„Hat das nicht Zeit bis morgen? Machen
Sie Fotos und senden Sie mir diese dann
zu. Ich sehe mir alles an, sobald es hell
wird.“
„Das geht nicht, fürchte ich. Ich habe
den Eindruck, dass die Form, in der er
liegt, schon eine Nachricht für sich
darstellt. Bitte kommen Sie her.“
Robinson Langhorn stöhnte leise, doch
dann nickte er. „Gut, ich komme.“
„Und beeilen Sie sich. Wenn die Polizei
davon erfährt, wird sie alle Spuren ver-
nichten.“
Damit könnte der Anrufer Recht haben.
Falls Zesanne tatsächlich eine Botschaft
verschlüsselt aussenden wollte, war sie
mit Sicherheit nicht für die Behörden
bestimmt.
Schnell zog sich Langhorn an und setzte
sich auf sein E-Bike, um auf den vollen
Straßen Richtung Stadtrand zu fahren.
Viele Menschen hatten wegen der intens-
iven Sonnenstrahlung ihr Leben auf die
Nacht verlegt und schliefen am Tage.
Robinson Langhorn gehörte jedoch nicht
dazu. Er betrachtete sich als altmodischer
Mann, der sich lieber tagsüber dick mit
Zinkcreme einschmierte, um vor den
Sonnenstrahlen geschützt zu sein, und
wie eh und je nachts schlief. Aber er ge-
hörte damit einer aussterbenden Sorte
Mensch an. Die meisten hatten sich
bereits umgestellt, auch viele Firmen, so-
weit es im Neuen Europa noch welche
gab, arbeiteten nachts.
Am Stadtrand, in einer abgelegenen
Straße, befand sich das Haus von Zes-
anne.
Langhorn fuhr am oberen Rande der
Geschwindigkeitsbegrenzung, obwohl das
hohe Tempo die Batterie seines E-Bikes
besonders schnell leerte. Die Räder waren
heute so konzipiert, dass man gar nicht
mehr zu schnell fahren konnte. Die Bat-
terie reichte für mehrere hundert Kilo-
meter, wenn man konstant 30 km/h fuhr.
Bis 50 km/h erschöpfte sich der Akku
dreimal so schnell, und darüber streikten
die Motoren ganz, wenn man nicht eine
Werkstatt kannte, die die Geräte heimlich
manipulierte. Das war bei Langhorn der
Fall gewesen, sein Motor schaffte wesent-
lich mehr, allerdings auf Kosten der Bat-
terie. Aber das war heute zweitrangig. Er
musste sich beeilen. Höchstwahrschein-
lich hatte die Behörden das Telefonat
abgehört und befanden sich nun ebenfalls
auf dem Weg zum Anwesen.
Als er ankam, eilte er so schnell wie
möglich ins Haus. Es war beeindruckend
groß. Offenbar besaß Zesanne ein-
flussreiche Freunde. Als Langhorn das
Wohnzimmer betrat, wusste er auch, war-
um. Darin befanden sich lauter antike
Kunstwerke. An den Wänden hingen un-
zählige verbotene Meisterwerke der Ver-
gangenheit, unter ihnen Renoir, Gauguin,
Cezanne, Manet.
Langhorn fühlte sich wie erschlagen.
„Ich hatte ja keine Ahnung…“, murmelte
er, als er Grady Kolmar gegenüberstand,
einem älteren Mann in schwarzen Jeans
und Sakko, unter dem er ein altmodisches
Hemd trug. Er sah aus, als wäre er gerade
einem historischen Film entsprungen.
„Er hat die alten Kunstwerke gesam-
melt, um sie am Leben zu erhalten. Seit-
dem Museen offiziell verboten sind,
machte er es sich, wie viele private
Sammler, zu Aufgabe, die Kunstwerke zu
erhalten, bevor sie den eurabinesischen
Behörden und damit der Zerstörung zum
Opfer fallen. Und ich fürchte, die Bilder
haben etwas mit seinem Tod zu tun.“
„Was meinen Sie?“
Kolmar ging auf die Mitte des großen
Raumes zu, wo die Leiche eines Mannes
lag. Sie befand sich auf einem hellen Tep-
pich, den das Blut rotbraun gefärbt hatte.
Der rechte Arm des Toten war aus-
gestreckt, die Finger gespreizt, der Dau-
men unter der Handfläche versteckt. Der
andere Arm lag unter dem Körper. Der
Kopf war zur Seite gedreht, die leeren Au-
gen blickten zum Fenster hinaus.
„Sehen Sie, wohin die Hand von Zes-
anne deutet?“
Langhorn folgte mit dem Blick der ver-
längerten Linie des Armes. Sie wies direkt
auf das Bild eines Liebespaares.
„Was soll das bedeuten? Es waren Ver-
liebte, die ihn getötet haben?“
„Deshalb habe ich Sie geholt. Ich hoffe,
Sie können sagen, was er damit ausdrück-
en will.“
Langhorn schüttelte den Kopf. „Das er-
gibt keinen Sinn. Dafür brauchen Sie
mich nicht. Womöglich war es Zufall, dass
er so liegt. Oder die Täter haben ihn so
hingelegt.“
„Nein, er hat sich selbst so hingelegt. Er
hat noch ein paar Minuten gelebt. Sehen
Sie hier?“
Er deutete auf einen großen Blutfleck
etwas entfernt von der Leiche. „Hier ist er
erstochen worden. Blutige Spuren führen
von dem Fleck weg. Das heißt, der Täter
ist danach gegangen. Im Anschluss ist
Zesanne hierher gekrochen, hat sich so
hingelegt und ist gestorben.“
Langhorn machte ein Foto mit seinem
Comphone. Kolmar wollte noch etwas hin-
zufügen, doch in diesem Augenblick
klappte die Tür.
Die beiden Männer sprangen reflexartig
hinter einen Schrank, um sich vor dem
Ankömmling zu verstecken, doch dann
hörten sie einen Schrei. Es folgte ein
Schluchzen.
Zuerst verließ Langhorn sein Versteck
und trat in das hellerleuchtete Wohnzim-
mer. Er erblickte eine junge Frau, die ihn
entsetzt anstarrte. Tränen liefen über ihre
Wangen.
„Sie haben ihn umgebracht!“, kreischte
sie, doch Langhorn schüttelte den Kopf.
„Wir haben ihn gefunden. Wer sind
Sie?“
„Ich bin Monique, seine Freundin.“
Sie war mindestens zwanzig Jahre
jünger als der Zesanne, aber das war
weder der Ort noch die Zeit für Vorurteile.
Es sei denn…
„Sie haben ihn umgebracht!“, sagte auf
einmal Kolmar, als er aus seinem Ver-
steck hervorkam.
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Er hat sich im Sterben so hingelegt,
dass seine Hand auf das Bild mit den Ver-
liebten zeigt. Vielleicht wollte er damit
sagen, dass Sie ihn getötet haben.“
„Das ist totaler Quatsch! Ich habe ihn
geliebt! Und ich bin gerade erst gekom-
men!“
Langhorn wollte etwas hinzufügen,
doch er erstarrte, bevor er den Mund öffn-
en konnte. Mehrere rote Lichter
schwebten über den Garten des Anwe-
sens. Das Brummen von E-Helikoptern
war zu hören.
Die Polizei kam.
„Schnell, wir müssen fliehen. Wenn sie
uns hier erwischen, verhaften sie uns.“
Kolmar klang fast panisch.
„Ich bringe uns durch den Keller raus“,
sagte Monique und führte die Männer zu
einer kleinen Tür hinter einem Sekretär.
Dahinter zog sich eine schmale Treppe in
den Keller, in dem ebenfalls unzählige
verbotene Meisterwerke hingen. Auch
Skulpturen und Plastiken befanden sich
hier, verbotene Instrumente wie Klaviere
und Geigen, und sogar Bücher in den al-
ten Sprachen.
„Was hat er nur gemacht?“, flüsterte
Langhorn ehrfurchtsvoll. „Das war ge-
fährlich! Er hätte mindestens zweihun-
dert Jahre in Brüssel dafür bekommen.“
„Ich weiß. Aber er hat sich nicht davon
abbringen lassen und jede freie Minute
und jeden Cent dafür geopfert. Und jetzt
sogar sein Leben“, erwiderte Monique,
wobei eine Träne ihre Wange hinunterlief.
„Ich hoffe, Sie finden heraus, was er uns
mitteilen wollte, damit er nicht umsonst
gestorben ist.“
Langhorn hatte keine Ahnung, was er
erwidern sollte. Bisher tappte er völlig im
Dunkeln. Eine Hand, die auf ein
Liebespaar deutete. Was sollte das denn
heißen?
Monique führte die beiden einen engen,
dunklen Gang entlang, der langsam nach
oben führte. Hinter einem alten Schuppen
mitten in einem Wäldchen tauchten sie
wieder auf. Das rote Licht der E-Helikop-
ter blinkte in der Ferne. Scheinwerfer
leuchteten die Gegend ab, um die
Fliehenden ausfindig zu machen.
Sie liefen im Schutz der laublosen
Bäume und dichten Hecken des Geländes
bis zur Straße.
„Wir treffen uns in der Stadt im ‚Rio‘“,
sagte Kolmar. Dann setzte er sich in sein
E-Auto und rauschte davon.
„Ich bin zu Fuß gekommen“, klagte Mo-
nique.
„Ich nehme Sie mit“, bot Langhorn an
und schwang sich auf sein E-Bike. Dah-
inter war tatsächlich noch Raum für eine
Mitfahrerin, den Monique schnell ein-
nahm. Dann fuhren die beiden, so schnell
es das Gefährt erlaubte, in die Innenstadt.

Das „Rio“ war ein kleines Café in einer


ehemaligen Fleischerei. Seitdem Fleisch
im Reagenzglas gezüchtet wurde, waren
Schlachtereien und Metzgereibetriebe
überflüssig geworden und die Räumlich-
keiten wurden anderweitig genutzt. Das
Café selbst war nicht gerade schön, son-
dern kahl und nüchtern wie die meisten
dieser Lokalitäten. Gemütlichkeit und ein
schönes Ambiente galten als nostalgisch
und waren verboten.
Kolmar hatte ihnen bereits einen
dünnen Holztisch organisiert und saß auf
einem Bambusstuhl. Holz und Bambus
waren inzwischen die einzigen Mater-
ialen, die ungestraft genutzt werden
durften. Plastik gab es nicht mehr, seit-
dem das Erdöl ausgegangen war, auch
Aluminium war rar geworden.
Als Langhorn mit Monique eintraf und
sich zu Kolmar setzte, sah er sich in der
Menschenmenge des Cafés um, doch
niemand schien von dem Dreiergespann
Notiz zu nehmen.
„Also, Langhorn, was können Sie uns
sagen?“ Kolmar sah den Symbol-Spezial-
isten auffordernd an. „Wollen Sie noch
einmal das Bild und das Foto vom Toten
sehen?“
Langhorn nickte, obwohl er sich nicht
sicher war, ob das etwas bringen würde.
Er tappte weiterhin im Dunkeln. Das
Liebespaar gab keinerlei Hinweise auf ein
Geheimnis oder einen Mörder preis. Und
der leblose Körper ebenfalls nicht.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat das
alles überhaupt nichts zu bedeuten und
wir sollten anders anfangen.“ Er sah zu
Monique. „Können Sie uns vielleicht
sagen, ob er sich in letzter Zeit mit gefähr-
lichen Leuten getroffen hat? War jemand
im Haus, der Ihnen verdächtig vorkam?“
Sie schüttelte den Kopf. „Er ist in den
vergangenen Wochen kaum noch aus-
gegangen und hat wenige Besucher em-
pfangen. Stattdessen vertiefte er sich be-
sonders in das Studium verbotener, alter
Schriften. Sogar mich hat er kaum gese-
hen. Ich musste förmlich darum betteln,
ihn treffen zu dürfen. Dann hat er mir das
geschenkt.“ Sie zog eine Kette unter ihrer
Bluse hervor. Der Anhänger stellte ein
Ding mit mehreren Zacken dar.
„Ist das eine Sonne? Das Symbol eines
solche gefährlichen Gestirns schenkt er
Ihnen?“ Kolmar war verwirrt. „Das ist ja
fast, als würde man einen Teufelskopf
verschenken.“
Sie nickte. „Ich weiß, ich habe mich
aber trotzdem gefreut. Und er hat dazu
gesagt, ich solle es gut aufbewahren. Es
wäre ein wichtiges, schönes Symbol.“
Langhorn sah sich den Anhänger
genauer an, ob darin vielleicht eine
Botschaft versteckt schien. Aber es war
nichts zu sehen. Keine alten
Schriftzeichen, keine verbotenen, histor-
ischen Symbole. Dennoch musste er etwas
bedeuten. Vielleicht benötigte man dafür
den Kontext.
„Was waren das für Schriften, die er
studierte?“, fragte Langhorn.
„Ich weiß es nicht. Er hat sie in seinem
Keller aufbewahrt, aber da können wir
wohl nicht mehr hin. Ach!“ Auf einmal
hatte sie eine Idee. „Ich weiß, dass er
Kopien in einem Schließfach bei der Bank
aufbewahrt.“
„Welche Bank?“
„Die Eurabinese Bank.“
Sie befand sich direkt um die Ecke.
„Gehen wir.“

Die Eurabinese Bank hatte rund um die


Uhr geöffnet. Sie gehörte zu den größten
Investoren im Neuen Europa. Jeder, der
Geld besaß, brachte es hierher. Und jeder,
der welches brauchte, kam ebenfalls.
Die Schließfächer befanden sich im Un-
tergeschoss. Ein bewaffneter Wächter
stand am Eingang, als Kolmar, Monique
und Langhorn den riesigen Raum be-
traten. Unruhig sah Langhorn auf die
Videokameras in den Ecken. Falls sich im
Schließfach etwas Verbotenes befand,
würden es die Behörden in wenigen
Minuten erfahren und die drei waren in
der Bank eingeschlossen. Privatsphäre
gab es schon lange nicht mehr.
Die drei gingen zu einem Computerter-
minal in der Mitte des Raumes und gaben
den Namen von Paul Zesanne ein. Die
Nummer des Schließfaches blinkte auf.
Da sich niemand mehr etwas merken
wollte – oder konnte –, hatten die Banken
umgerüstet.
„Nummer 3009.“
„Das sagt uns allerdings noch lange
nicht den Code, den man benötigt, um an
den Inhalt des Schließfachs zu kommen“,
gab Kolmar zu bedenken. Langhorn
nickte nachdenklich.
Die drei wollten nichtsdestotrotz das
genannte Schließfach ansteuern, als der
Computer einen weiteren Laut von sich
gab. Es hatte eine Nachricht für den Bes-
itzer des Schließfaches gespeichert.
Neugierig öffnete Kolmar die Datei mit
der Botschaft.
„Wer auch immer ihr seid – dass ihr die
Nummer meines Schließfaches in diesem
Terminal sucht, sagt mir, dass ich tot bin.
Für diesen Fall habe ich diese Nachricht
vorbereitet. Ich hoffe, ihr seid Freunde
von mir. Freunde der alten Welt, die ich
verzweifelt bewahren und möglicherweise
eines Tages auferstehen lassen wollte. Ich
habe versagt. Aber ich hoffe, ihr habt
mehr Glück. Falls ihr keine Freunde von
mir seid, wird euch dieses Rätsel nichts
sagen, das zu meinem Schließfach und
dessen Inhalt führt. ‚Ein Mädchen einst in
den Apfel biss, die Zahl der Freunde ist
gewiss. Die Gefährten von Himmel und
Hölle treten an zweiter Stelle. Ich sah
eine Zahl in Gold, die dritte Stelle ist ge-
wollt. Vollkommenheit und fester Stand,
sei an Stelle vier genannt. Oben wie un-
ten, so wird sie gefunden. Doch gesucht an
dieser Stelle, ist die mit dem Tor zur
Hölle‘. Viel Erfolg. Wir sehen uns in einer
anderen Welt wieder, hoffentlich in einer
besseren Welt.“
Danach schloss sich der Bildschirm.
Monique weinte lautlos, als die Na-
chricht verschwunden war.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Kolmar
fassungslos. „Ich habe keine Ahnung, was
er gemeint haben könnte.“
Langhorn nickte nachdenklich. „Ich
glaube, ich weiß es. Was war das erste
Rätsel? ‚Ein Mädchen in den Apfel biss,
die Zahl der Freunde ist gewiss.‘ Während
des Studiums habe ich mich unter ander-
em mit dem Symbolgehalt uralter Sagen
und Märchen beschäftigt, dabei kam mir
eines unter die Finger, das ‚Schnee-
wittchen‘ hieß. ‚Die Märchen der
Gebrüder Grimm‘ gehören heute zu den
verbotenen Schriften, deshalb kennt es
niemand mehr. Sie hatte sieben Zwerge
an ihrer Seite. Ich denke, er gibt uns dam-
it die Zahlenkombination für sein Schließ-
fach und die erste Zahl ist die Sieben.“
Kolmar zögerte einen winzigen Augen-
blick, dann gab er die Sieben im Schließ-
fach 3009 ein.
„Der zweite Spruch ist schwieriger, ich
bin mir nicht sicher, was er mit den Ge-
fährten von Himmel und Hölle gemeint
haben könnte.“
„Was soll das sein? Es gibt nur zwei,
Himmel und Hölle. Also meint er die Zahl
Zwei. Geben wir die Zwei ein“, meinte
Kolmar, doch Langhorn hielt ihn zurück.
„Nein, nicht so schnell. Es gehört mehr
dazu, er nennt ja die Gefährten. Himmel
und Hölle gab es nur in wenigen Kul-
turen, in anderen wurden weitere Bilder
oder Symbole für das Göttliche benutzt,
ich denke, das meint er mit den Ge-
fährten.“
„Was ist das?“
„Himmel könnte Luft bedeuten, die
Hölle das Feuer. Dann wären die Ge-
fährten die beiden anderen Elemente
Wasser und Erde. Das würde bedeuten,
wir hätten die Zahl Vier.“
Kolmar dachte einen Moment nach,
dann nickte er. „Das klingt logisch.“
Monique tippte die Vier ein.
„‚Ich sah eine Zahl in Gold‘ ist einfach.“
Langhorn grinste Monique an. „Sie
müssten es kennen. Es hängt in Zesannes
Wohnzimmer, ich habe es vorhin gese-
hen.“
„Ich weiß!“ Monique tippte die Fünf in
das Schließfach.
Kolmar stand ratlos daneben. „Ich ver-
stehe nicht.“
„‚Ich sah die Zahl Fünf in Gold‘, so heißt
ein berühmtes Gemälde von Charles De-
muth. Es stammt aus dem Jahre 1928
und gehört natürlich zu den verbotenen
Kunstwerken, eines, das Zesanne retten
konnte “, erklärte Langhorn.
„Verstehe“, murmelte Kolmar, offenbar
beeindruckt.
„Kommen wir nun zum letzten und vor-
letzten Rätsel. Die sind wieder etwas
verzwickter, wenn man die alten Schriften
nicht kennt. ‚Vollkommenheit und fester
Stand, sei an Stelle vier genannt.‘ In anti-
ken Zeiten galt Dreieinigkeit als vollkom-
men, ein Hocker war am stablisten, wenn
er nur drei Beine besaß. Also die Drei ist
die nächste Ziffer. Und ‚oben wie unten, so
wird sie gefunden. Doch gesucht an dieser
Stelle, ist die mit dem Tor zur Hölle.‘
Damit meint er die Zahlen 6 und 9, die
eine Ziffer könnte das Spiegelbild der an-
deren sein. Dabei bezeichnete in alten
Zeiten die Sechs in bestimmten Kulturen
die Zahl des Satans, also der Hölle.“
Monique gab die letzten beiden Ziffern
in das Schließfach ein, und tatsächlich
öffnete sich die Box. Darin befanden sich
Blätter, altmodisches, weißes holzfreies
Papier, auf dem Schriften in einer un-
bekannten Sprache standen.
„Das ist Deutsch“, sagte Langhorn, als
er auf die Papiere blickte. „Ich beherrsche
die Sprache nicht gut, sie ist schon lange
ausgestorben und nur noch Fragmente
von ihr sind übrig geblieben. Das würde
ewig dauern, es zu übersetzen. Und nicht
einmal dann könnte ich garantieren, dass
ich es komplett übertragen kann.“
„Und was ist das hier?“ Monique hielt
ein kleines Ding in die Höhe, so groß wie
ein Daumennagel. Es glitzerte teilweise
golden.
„Das ist ein alter Computerchip, wie er
vor etwa zweihundert Jahren benutzt
wurde. Wir sollten alles mitnehmen und
schnell hier verschwinden.“ Langhorn sah
unruhig auf die Videokameras. Eine ver-
botene Sprache im Schließfach bedeutete
Ärger.
Kolmar sah noch einmal in der Box
nach. Mehr befand sich nicht darin. Dann
nickte er.
Schnell packten sie alles zusammen,
schlossen die Box wieder und liefen
hinaus. Gerade als sie den Wächter an der
Tür passierten, erhielt dieser eine Na-
chricht über sein Kommuphone.
„He, warten Sie!“, rief er ihnen hinter-
her. Doch die drei blieben nicht stehen.
„Lauft!“, zischte Kolmar, und die drei
begannen zu rennen. Sie liefen den Gang
hinunter auf den Fahrstuhl zu, der sie
nach oben in die Lobby bringen würde.
Der Wächter folgte ihnen, doch sie er-
reichten rechtzeitig den Lift, die Türen
schlossen sich vor dem Verfolger.
Oben angekommen, mischten sie sich so
unauffällig wie möglich unter den Trubel
der Bankbesucher, doch sie konnten se-
hen, dass mehrere Wächter die Menge
nach ihnen absuchte. Einer entdeckte
Langhorn und steuerte auf ihn zu.
„Rennt!“, rief Monique und eilte auf den
Ausgang zu. Dort warteten zwei Wächter
auf sie, blockierten den Ausgang. Doch sie
war beherzter, als sie aussah. Mit einem
kühnen Tritt in empfindliche Körperteile
ließ sie den einen zu Boden gehen. Der an-
dere wollte sich auf sie stürzen, doch flink
entwand sie sich seinem Zugriff und ran-
nte nach draußen. In der Zwischenzeit
hatte sich auch Langhorn an den Män-
nern vorbeigeschlichen, nur Kolmar blieb
zurück. Ein Sicherheitsmitarbeiter hatte
ihn gefasst und in Handschellen gelegt.
Langhorn wollte stehenbleiben und ihm
zu Hilfe eilen, doch Kolmar schüttelte den
Kopf. „Lauft!“, deutete er mit dem Mund
an. „Lauft davon!“
Langhorn nickte. Er konnte Kolmar
nicht mehr retten.
Schnell mischte er sich unter die Menge
der Menschen, die draußen auf dem
Boulevard flanierten und die letzten Stun-
den vor dem Sonnenaufgang für ein un-
beschwertes Shopping nutzten. An der
Straßenecke sah er den blauen
Haarschopf von Monique. Sie wartete auf
ihn.
Sie begriff sofort, dass Kolmar zurück-
geblieben war.
„Wohin gehen wir?“, fragte Monique, als
sie in sicherer Entfernung Langhorns E-
Bike passierten, das ein Polizist beschlag-
nahmt hatte.
„In die Universität. Dort gibt es einen
alten Computer. Ich hoffe, er funktioniert
noch.“

Die Universität war für den Besuch-


erverkehr geschlossen. Schon seit
Jahrzehnten studierte hier niemand
mehr. Offiziell gab es keinen Bedarf für
Akademiker. Inoffiziell jedoch wusste
Langhorn, dass die Regierung vom Neuen
Europa keine studierten Köpfe aus dem
Volke mehr wollte. Es gab ein paar Elite-
Hochschulen für einige Auserwählte, aber
die normalen Universitäten hatten sich
inzwischen mehr oder weniger zu Museen
gewandelt. Die einzigen noch erlaubten.
Langhorn zeigte am Eingang seinen
Ausweis, der ihn als Spezialist auszeich-
nete, was ihm fast überall Türen und Tore
öffnete. Auch dieses Mal.
Schnurstracks steuerte er auf ein ver-
lassenes Büro im Erdgeschoss zu, in dem
tatsächlich ein altmodischer Computer
stand. Er war vor Jahren schon einmal
hier gewesen und hatte das Gerät für
seine Studien genutzt.
Das Gerät summte leise, als Langhorn
den Einschaltknopf betätigte. Als das
Ding nach einer halben Ewigkeit hochge-
fahren war, legte Langhorn den Chip ein.
Sofort poppte ein Ordner auf, darin be-
fanden sich mehrere Dateien mit unter-
schiedlichen Namen. „Ostern“, hieß eine,
„Pfingsten“ eine zweite, und eine dritte
„Weihnachten“. Sie war sogar mit einem
Ausrufezeichen versehen.
Langhorn öffnete die Datei mit dem
Ausrufezeichen. Darin erschien ein Text
in der neuen Sprache, aber gespickt mit
unverständlichen Phrasen. Sobald er die
unverständlichen Passagen anklicken
wollte, verlangte der Computer ein Pass-
wort.
„Was ist das?“, wollte Monique wissen.
Langhorn sah sich den Text an, dann
rieb er sich nachdenklich das Kinn. „Ich
bin mir nicht sicher. Es sieht aus, als
hätte er sich mit einem alten Märchen
beschäftigt, dem Märchen von der Weih-
nacht. Haben Sie davon gehört?“
Sie wiegte den Kopf. Das Märchen
wurde in ihrer Kindheit oft erzählt, aber
richtig daran erinnern konnte sie sich
nicht mehr.
Langhorn runzelte die Stirn, um sich
besser konzentrieren zu können. „Es gab
einmal vor vielen, vielen Jahren eine Tra-
dition, mit der die Menschen sehr glück-
lich waren. An ein paar Tagen im Jahr
feierten sie ein Fest, bei dem die ganze
Familie zusammenkam. Man saß an
einem geschmückten Weihnachtsbaum,
aß zusammen leckere Gerichte, beschen-
kte sich und freute sich, für ein paar Tage
im Jahr Frieden und Liebe gemeinsam
genießen zu können. Es wurde gesungen
und in den Gebäuden, die Kirchen genan-
nt wurden, saß man zusammen und sah
Krippenspiele, die den Anlass des Festes
darstellten.“
„Was war das für ein Anlass?“
„Das ist leider in dem Märchen nicht
überliefert.“
„Aber vielleicht wusste es Paul?“
Langhorn starrte erneut auf die Datei.
„Man müsste wissen, was in den ver-
schlüsselten Nachrichten am Rand steht.“
„Brauchen wir dafür einen Code, um die
Botschaften lesen zu können?“
„Ich fürchte, ja.“
Nachdenklich setzte sich Monique auf
die Kante des altmodischen Schreibt-
isches.
Auf einmal zuckte Langhorn zusam-
men. „Ich habe eine Idee! Was, wenn Zes-
annes letzter Hinweis auch Zahlen
darstellen sollte, wie schon in seinem Rät-
sel?“
„Was sollen das für Zahlen sein?“
„Er hat auf ein Liebespaar gedeutet, das
wären zwei Menschen. Die Zahl Zwei.“
„Und was noch?“
Fieberhaft kramte Langhorn sein Com-
phone hervor, um sich das Bild des Toten
noch einmal anzusehen. Der eine Arm lag
unter der Leiche, der andere war aus-
gestreckt. Auf einmal fielen ihm die
Finger des Toten auf. Den Daumen hatte
er unter die Hand geklappt, es waren nur
vier Finger sichtbar. Vier?
„Die Zwei und die Vier“, sagte Langhorn
nachdenklich. „Wir könnten versuchen,
die Zahlen als Passwort für den Text zu
nutzen. Vielleicht bringt es was.“
Als er erneut die Textpassagen ank-
lickte und danach die Zwei und Vier als
Passwort eingab, geschah tatsächlich so
etwas wie ein kleines Wunder. Die unver-
ständlichen Worte sortierten sich neu,
und auf einmal erschien ein neuer Text.
Verwundert lasen Monique und Lang-
horn die Zeilen. Bald liefen ihnen Tränen
die Wangen herunter, Langhorn wischte
sich verstohlen mit dem Ärmel über sein
Gesicht.
„Ist das wahr?“, hauchte Monique
schließlich.
Langhorn nickte. „Ich denke, ja. Er hat
es sehr gründlich recherchiert, viele alte,
längst verschollen geglaubte Quellen aus-
findig gemacht und studiert. Ja, ich den-
ke, die Geschichte um Weihnachten ist
kein Märchen. Das Fest hat es wirklich
gegeben. Und der Grund, warum es ge-
feiert wurde, ist noch viel wunderbarer.“
Er griff nach der Kette an Moniques Hals.
„Das ist keine Sonne, sondern ein Stern.
Der Stern, der den Weisen den Weg zum
Stall mit dem Neugeborenen gewiesen
hat. Zesanne hat Ihnen damit etwas ganz
Wertvolles geschenkt.“
Monique musste sich die Nase putzen.
„Was machen wir mit dem Wissen?“,
fragte sie schließlich, als sie ihre Stimme
wieder unter Kontrolle hatte.
„Wir müssen es irgendwie veröffent-
lichen, damit sich die Menschen in Europa
erinnern, was zu ihrem Leben und ihrem
Erbe dazugehört.“
„Das ist gefährlich. Sie könnten uns
lebenslang nach Brüssel sperren.“
Langhorn nickte. „Das Risiko besteht.
Aber ich denke, die Nachricht ist es wert.“
Monique nickte. „Heute ist der 1.
Dezember. Noch 23 Tage, bis zum Weih-
nachtsfest. Bis dahin sollten wir die
Botschaft verbreitet haben. Vielleicht
können schon viele Familien das Fest ge-
meinsam feiern.“
Langhorn antwortete nicht. Die 24 war
nicht nur der Schlüssel für den codierten
Text gewesen, sondern deutete auch auf
den 24. Dezember hin, den Tag vom Heili-
gen Abend.
Ja, bis dahin sollten sie das Wort unbe-
dingt so weit wie möglich verbreitet
haben. Er wusste zwar noch nicht wie,
aber er musste es tun. Das war etwas,
wofür es sich zu kämpfen lohnte.
2. Dezember

MARIAS
VERKÜNDIGUNG
Von Rolf Niebel
Ein neutestamentarisches
Prequel

„Shit!“, dachte sie halblaut „Shit!“


Dieses gepresst gehauchte „Shit“ machte
sich in ihrem Gehirn breit, sodass sie an
beinahe nichts anderes mehr denken kon-
nte. Irgendwie war ihr sehr blümerant zu-
mute. Shit? Nein, es war nicht dieses Zeug,
das im tönernen Kopf ihrer selbst getöpfer-
ten Bon vor sich hin glimmte und bei jedem
Zug ein blubberndes Lied in der bauchigen
Tiefe des Rauchutensils erklingen ließ. Es
war nicht jener würzige schwere Dunst,
der ihr die Sinne, ihre Gedanken schwer
machte und die Synapsen verklebte.
Ihr Leben war nicht gerade das, was
man gemeinhin berauschend nannte, und
seit sie hier am Rande dieses Ziegen-
hirtenkaffs lebte, war es einfach nur
beschissen öde – ein ödes Leben in einer
öden Wüste. Gewiss, manchmal nahm ihr
Typ sie mit zum Basar nach Sepphoris,
aber die Tatsache ihrer Funktion als sch-
lichte jungfräuliche Begleitung war auch
schon das Aufregendste. Sie war jung, sie
wollte Spaß. Wie gerne würde sie es ein-
mal so richtig krachen lassen. Aber er? Er
schleppte sie von den Auslagen des Eisen-
warengroßhändlers zu den klebrigen Töp-
fen und Krügen des Leimkochers, und
beim Seiler gab er vielleicht noch ein
neues Maßband in Auftrag. Bisweilen
feilschte er um ein oder zwei gebrauchte
Sägeblätter und am Ende kaufte er eine
Muli-Ladung rostiger Nägel und morscher
Holzdübel. Für sie blieb selten ein Schekel
übrig. Schmuck, einen Armreif, ein Paar
Ohrringe? Mit derartigen
Aufmerksamkeiten bedachte er sie so gut
wie nie. Die letzte Halskette hatte sie am
Tage ihrer Hochzeit bekommen, und auch
die bestand nur aus notdürftig glatt
geschliffenen Holzperlen, die er aus den
Resten seiner Schreinerwerkstatt zusam-
mengehobelt hatte. Sie trug sie kaum.
Nicht nur, weil die anderen Weiber des
Dorfes dann hinter ihrem Rücken ver-
stohlen kicherten, nein, sie kratzte auch
furchtbar auf ihrem Dekolleté. Nur
manchmal drängte er sie, und wider-
strebend tat sie ihm den Gefallen, wenn
er sie nur mitnahm, zum zweifelhaften
Vergnügen des Basarbesuchs in Sepphor-
is.

Irgendwann, als er sich wieder einmal mit


Thut, dem ägyptischen Nagelschmied um
den Preis von einem Litra (etwa 330
Gramm) rostfreier Nägel zankte, sprach
sie dieser morgenländische Typ flüsternd
an. Im obligatorischen Gedränge des Bas-
ars fiel das überhaupt nicht auf, und er, er
hatte sowieso mit seinen Nägeln zu tun.
„Schaut nur, schöne Maid!“, hatte der
Morgenländer gewispert. „Oh die Sonne
scheint aus Eurem Gesicht gewichen, und
aller Tage umhüllt tristes Grau Eure
Seele. Fürwahr, ich seh´s in Euren Augen,
die so stumpf sind wie die Perlen Eures
hölzernen Geschmeides.“ Dabei gluckste
er verschmitzt, fast höhnisch in sich
hinein, kaum dass sie es bemerkte, fing
sich aber schnell wieder. „Sollten sie nicht
leuchten, diese Augen? Schaut nur,
schöne Maid!“ Mit diesen Worten lupfte er
seinen Turban. Was waren das für Worte,
die so wohl gewählt über des Fremden
Lippen flossen, als wären sie Balsam, ihr
junges aber krankendes Herz zu heilen?
Dieser Mann flüsterte Poesie ins
Gedränge des lärmenden Basars.

Links bot der Schächter seine fliegenum-


schwirrte Ware feil:
„Nicht ein Lammkotelett, nicht zwei
oder drei, nein vier, und noch ein Litra
Schmalz obendrauf – und das alles für nur
sieben Schekel … Oha, die Magd möchte
feilschen? Für schmale sechs Schekel –
nicht ein Lammkotelett, nein zwei …“
Rechts feilschte ihr Gatte um drei Nägel
mehr oder weniger. Und im Schutze
dieses Gemenges zauberte der wortge-
wandte Orientale schwarzbraune
Klumpen aus seiner Kopfbedeckung:
„Schaut nur, schöne Maid! Riecht nur!
Das ist der Duft des fernen Morgenlandes.
Es macht Eure Augen wieder glänzend …
Schwarzer Afghane, Roter Afghane … Ein
Beka (fünf bis sechs Gramm) von jedem
schenk ich Euch, wenn ihr nur wieder-
kommen wollt.“

Das war nun bereits ein Jahr her. Sie war


18 oder 19, so genau wusste sie das nicht
einmal. Sie wusste nur, dass man sie vor
drei Sommern mit diesem alten Sack ver-
heiratet hatte, dessen Schläfenlocken
schon grau wurden. Im Dorf machten sie
bereits Witze über ihn. „Das ist die Frem-
de, die Frau von Sepp dem Depp“, tuschel-
ten die Weiber, wenn er wieder für
Wochen auf Montage in Sepphoris weilte.
O.k., er hatte einen großen Auftrag an
Land gezogen. Im dortigen Amphitheater
musste nach den Krawallen im Zuge des
skandalösen Auftritts einer zelotischen
Klezmer-Kapelle namens „Zerschmetterte
Gesetzestafeln“ die gesamte Bestuhlung
neu hergerichtet werden. Oft kam er nicht
einmal am Sabbat nach Hause. Und dabei
waren es nur zwei Stunden Fußmarsch
von Sepphoris nach Nazareth.
Einmal hatte sie sich auf den Weg durch
die Wüste gemacht. Sie hatte das Geblöke
der Schafe satt. Sie wollte ins Theater, sie
wollte tanzen, sie wollte die Kuh, das
Schaf, die Ziege, oder wenigstens ein Kar-
nickel fliegen lassen. Mein Gott, oh man
Jahwe, sie war doch noch jung. Sie war
durch die Wüste gelatscht, für ein bis-
schen Rock’n’Roll. Sepphoris war ja nicht
wirklich groß – also im Vergleich zu Naz-
areth mit seinen zwölf Ziegenhirten schon
– aber sonst? Gleich in der zweiten Tav-
erne hatte sie ihn getroffen, sturzbesoffen.
Fünf Log (ein Log ist etwa ein halber
Liter) trockenen Ezions machten nur noch
ein trauriges sabberndes Bündel alten
Zimmermannes aus ihm. Sie bezahlte die
Rechnung von den wenigen Haush-
altsschekeln, die er ihr Woche für Woche
überließ, und schleppte ihn auf dem ge-
borgten Esel des Wirts ins traute Heim
nach Nazareth.

Sie hatte es satt, dieses Provinzleben, sie


wollte raus, sie war 18 oder 19. Sie war
verheiratet mit einem Typen, der schon
graue Haare am Sack hatte, und selbst
die fielen bereits peu à peu aus. Sie hing
fest. Eine feste Konstante war der Typ
aus dem Morgenland. Wenn seine
Karawane in Galiläa auf Durchreise war,
dann kam er mittlerweile auch auf einen
Abstecher in Nazareth vorbei. Immerhin
zahlte sie gut für seine schwarzen
Klumpen. Anfangs war es schwierig
gewesen. Das, was Sepp ihr als Haush-
altsgeld da ließ, das reichte kaum für die
wöchentlichen Fladenbrote vom Koscher-
Bio-Bäcker um die Ecke.

Aber dann tauchte Gabriel auf. Er war ein


glänzender Centurio. Er und seine Le-
gionäre hatten draufgeknüppelt, als das
Konzert mit den „Zerschmetterten Geset-
zestafeln“ aus dem Ruder lief. Herodes
höchstselbst hatte seine Centurie aus
Caesarea Maritima im Gewaltmarsch
nach Sepphoris beordert.

Nächtigen mussten die Legionäre dann,


wo sie gerade unterkamen. Und Gabriel
ritt durch die Nacht. Er musste runter-
kommen. Er hatte Menschen erschlagen,
mit seinem Gladius durchbohrt. Es war
das blutige Ende eines Konzertes
gewesen. Hätte es so kommen müssen?
Mein Gott Jahwe, es waren junge
Menschen, fast noch Kinder ... Er selbst
war gerade 24. Was war falsch an diesem
aggressiven Zeloten-Klezmer-Sound? Sie
sprachen die Dinge aus, über die in den
Dörfern nur geflüstert wurde. Und er war
jung, und war ob dieser Jugend so besch-
euert gewesen, sich auf Jahrzehnte zum
Kriegsdienst bei den Römern zu verpf-
lichten. Über Zivildienst hatte er nie
nachgedacht.

Bei ihr glimmte noch ein Licht aus


kokelnder trockener Ziegenkacke, als er
Nazareth erreichte. Sie war auch schon
ein wenig breit. Das Pochen an der Pforte
ihrer bescheidenen Hütte hatte sie irgend-
wie grinsend durch einen mentalen Nebel
wahrgenommen. Die Phalerae, die Orden
auf seinem Kettenhemd, sie glänzten im
Licht der stinkenden Kackeflamme, als
sie die Tür öffnete. Sein Helm war blank
poliert, und stolz richtete sich der rote
Helmbusch gen Mond.

Sie hatte ihn eingelassen, und er hatte


nicht lange reden müssen. Hungrig war
er, und sie gab ihm Brot und Wein. Hun-
grig war sie nach drei Jahren stumpfer
Ehe, und das Rauchwerk des Morgen-
länders tat sein Übriges.
Caesarea Maritima war nicht so weit weg,
wenn man ein Pferd besaß, und Gabriel
hatte eins.
Dass sie am Rande dieses Kackdorfes
lebte, nun machte es sich bezahlt. Nie be-
merkte ihn jemand, wenn er nachts auf
leisen Hufen auf ihren Hof ritt. Und nie
bemerkte ihn jemand, wenn er noch vor
Sonnenaufgang wieder über die Berge in
Richtung Meer verschwand. Schließlich
musste er bereits um sechs Uhr in der
Früh die Morgenparade seiner Legionäre
abnehmen.

Und Sepp der Depp, der war wie jeden


Feierabend in der Taverne, zwei Fußstun-
den entfernt nur, ins Rotwein-Koma ge-
fallen. Orientale Schönheiten tanzten
Abend für Abend bauchfrei um den
Tresen herum, und er steckte ihnen einen
Schekel nach dem anderen in den fast un-
bekleideten Ausschnitt. Wozu er seine
Frau hatte, das war ihm selbst nicht ganz
klar. Man heiratete eben, weil das immer
schon so war. Er hatte noch Glück gehabt,
meinte er mit seinen betagten Jahren. Es
war ein guter Handel gewesen – eine
minderjährige Jungfrau für sieben Schafe
und einen richtfestfertigen Dachstuhl in
Bethlehem. Und noch immer reichte die
Mitgift, sich in Sepphoris die Potenz weg
zu saufen. Er war ein Bauarbeiter, ein
richtiger Prolet – schon ein wenig in die
Jahre gekommen. Und er machte das, was
alle Bauarbeiter machten: ein Stein, ein
Kalk, ein Wein. Was scherte ihn die Alte
zuhause?

Sie hatte das Meer nie gesehen. Aber Gab-


riel brachte ihr Schriftrollen mit.
„In vier Wochen muss ich die wieder
abgeben“, meinte er zumeist lapidar.
„Sonst gibt´s Leihgebühr.“ Meist war hin-
ten irgendein Stempel drauf: Bibliothek
des Römischen Reiches Caesarea Mari-
tima. Und manchmal, wenn er sich drei
Wochen nicht blicken ließ, brachte er an-
schließend Papyri aus Alexandria. Die
Bibliothek dort sollte irre sein, hatte er
ihr erzählt – mehr als man in einem
Menschenleben lesen könne. Und der
Leuchtturm mitten im Meer …
So gerne würde sie ihn einmal sehen,
diesen Pharos mitten im Meer, hundert-
mal höher als ein beschissenes Oliven-
bäumchen. Aber sie steckte fest. Sie
steckte fest in diesem Kack-Nazareth mit-
ten in der Wüste. Was hatte sie davon,
wenn ihr ein Gabriel das Lesen beibra-
chte, im Schein einer Ziegenkackeflamme
– Griechisch, Hebräisch und Latein? Gar
nichts! Ihr Typ würde am Wochenende
nach Hause kommen … vielleicht. Und
worüber sollten sie miteinander reden?
Über Aristoteles? Über Platons Staat?
Über die Dialektik eines Sokrates? Er war
ein Bauarbeiter, und nach Feierabend soff
er trockenen Ezion. Für mehr als die
Lustbarkeit des Saufens war er wohl
schon zu alt. Sie jedenfalls hatte ihn nie
gespürt.

„Shit“, dachte sie halblaut „Shit!“ Dann


nahm sie noch einen kräftigen Zug. Sie
würde sich etwas einfallen lassen müssen.
Gabriel hatte sich schon lange nicht mehr
blicken lassen. „Scheiße, Scheiße, Scheiße
…“ Weibsbilder wie sie steinigte man ge-
meinhin zu Tode. Aber Gott, Jahwe ver-
dammt, sie war doch gerade erst 18 oder
19. Sie wollte doch einfach nur Spaß.

Seit vier Wochen blieben ihre Tage aus,


und manchmal musste sie kotzen – ein-
fach so. Und sie hatte Appetit auf kan-
dierte Schnecken mit Essig. Sogar Sch-
weineschinken mit Joghurtsoße wäre jetzt
irgendwie geil. Irgendwas würde ihr ein-
fallen. Morgen war Sabbat, und Joseph,
Sepp, er würde nach Hause kommen, viel-
leicht. In ein paar Wochen müssten sie
zur Volkszählung nach Bethlehem. War
sie jetzt nur Eine, oder war sie schon
Zwei?

„Shit!“ Ja, sie würde es ihm morgen


verkünden – aber was und wie? Maria
blies hustend den Rauch aus. Dann
schmunzelte sie verschmitzt. An der Tür
pochte der Dealer aus dem Morgenland.
Lächelnd stand sie auf und öffnete.

„Eyh, Schwarzer Afghane, Roter


Afghane?“ Er schaute ihr in die rot
geäderten Augen. „Habbisch auch Marok
da … Scheiße, siehst nisch glücklisch
aus.“
Maria ging zum Herd, goss dem Gast
einen Becher Tee ein und bröselte etwas
von dem Roten in das Heißgetränk. Mor-
gen würde sie es dem Sepp verkünden.
Jungfrau Maria? Pfffh!!! Leise und doch
ein wenig zweifelnd kicherte sie in sich
hinein. Würde er ihr glauben, nachdem
seine Bauarbeiterkollegen ihn frühschop-
pentrunken in der heimischen Kate ab-
geliefert hatten?
„Schalom“, wisperte sie schmunzelnd ob
ihrer genialen Idee, und reichte dem Mor-
genländer den Tee. Ihre Geschichte würde
Geschichte machen. Sie wusste das in
diesem Moment natürlich nicht. Aber
noch in zweitausend Jahren würde man
von ihr reden.
„Eyh, alles klar mit dir?“, fragte der
Turbanmann. „Wenn du escht Hilfe
brauchst, eyh komm isch vorbei Alta,
bring isch noch zwei Freunde mit.“
„Du bist echt cool“, antwortete Maria
lächelnd. „Danke und Schalom.“
3. Dezember

In der
Unterführung
am Bahnhof
Von Jochen Stüsser-Simpson

Mama kürzt ihn einfach mit WM ab. Die


Abkürzerei hat sie sich angewöhnt in der
Gegend, aus der wir ursprünglich kommen,
etwas östlicher. Jetzt wohnen wir aber in
einer großen Stadt mit S-Bahn, U-Bahn
und Hafen, wo sie Arbeit gefunden hat. Als
mir das in meiner Klasse aus Versehen
rausgerutscht ist, war mir das ziemlich
peinlich. Natürlich heißt WM Welt-
meisterschaft und nicht Weihnachts-
mann. Jacob und John haben gelacht.
Dabei ist John bestenfalls zweitklassig, in
Fußball.
In der Unterführung, die ich immer
nehme, wenn ich nach der Schule aus der
S-Bahn steige, stehen verschiedene
Verkaufsstände für Gemüse, Computer-
Zubehör, auch Schmuck. Am Anfang der
Unterführung steht ein Verkehrsschild
vom Bezirksbürgermeister: Lagern ver-
boten. Das ist eine Art Versammlung-
szeichen für Penner, Punker und Bettler.
Obwohl die echten Bettler sich oft alleine
und etwas abseits halten, wenn sie um
eine Spende bitten. Die Penner soll ich
übrigens Obdachlose nennen. Mama legt
darauf Wert. Am interessantesten sind
natürlich die Punker mit ihrem Metallge-
hänge, ihren gezackten Ringen in Ohr und
Nase, den Stachelgürteln und den Ketten
an der Hose. Und wegen ihrer Haare, Ras-
tas und Irokesen. Jacob aus meiner
Klasse meint, dass sie deshalb Skins
wären. Stimmt aber nicht, ich habe
nachgefragt. Sie haben etwas Ritterhaft-
es, auch die Frauen. Leider tragen sie
keine Schwerter und Streitäxte. Pferde
haben sie auch nicht, nur Hunde sind
manchmal dabei. John meint, sie würden
eher in Herr der Ringe passen. Finde ich
nicht.
Als ich vor zwei Tagen mittags aus der
Schule komme, sitzt jedenfalls mitten
zwischen den Punkies oder Skins der
Weihnachtsmann. Mit roter Kutte, etwas
fleckig, weißem Bart und buschigen
Brauen. Und er raucht eine Zigarette! Als
wäre das nicht ungesund. Und vor ihm
steht ein leerer Pappbecher. Muss man
sich mal vorstellen, der Weihnachtsmann.
Ich stelle ihn zur Rede, was soll denn das,
das ist ja Betteln. Nein, das ist Wünschen,
sagt der Weihnachtsmann. Ich sage ihm,
zum Wünschen muss er sich nur in seinen
Schlitten setzen, die Augen zumachen und
sich etwas Schönes vorstellen. Zum Wün-
schen muss er sich nicht in die Unter-
führung setzen. Dann merke ich, dass er
eine Fahne hat. Trinkst du denn Alkohol?,
frage ich ihn. Natürlich, sagt er, Rotwein
und Punsch. Das gehört zu Weihnachten,
sonst kann es nicht stattfinden. Im Schlit-
ten sitzt er immer alleine. Er ist aber
gesellig, und hier sitzt er mit anderen
zusammen und kann sich auch mal unter-
halten. Das verstehe ich, aber nicht so
ganz. Er will selbst mal was geschenkt
bekommen, sagt er dann, und nicht immer
nur die anderen beschenken. Auf die
Weise überprüft er auch, wie gerne die
Leute abgeben.
Mama sagt mir zu Hause, das ist
Quatsch. Der WM ist Werbung. Mama ist
immer so kurz angebunden. Zuerst habe
ich gedacht: Wofür soll der Weihnachts-
mann denn in der Unterführung werben?
Jetzt bin ich etwas unsicher. Heute
standen am Bahnhofsausgang zwei Weih-
nachtsfrauen und ein Weihnachtsmann
mit großen Säcken. Daraus holten sie
kleine Geschenkpakete. Zuerst wollten sie
mir nichts geben, aber ich bin hartnäckig.
Und es hat sich gelohnt. Wenn man die
rote Schleife aufzog, waren in dem zusam-
mengerollten Papier zwei Schokoladen-
weihnachtsfrauen im Bikini. Die
Schokolade schmeckte super. Das Papier
war dann eine Werbung. Süße Ver-
suchung zum Fest. Weihnachtliche Des-
sous. Inzwischen habe ich das Wort Des-
sous geklärt. Ich merke, dass ich immer
mehr Gedanken habe, die sind nicht ju-
gendfrei. Zu Hause sagt Mama „siehst
du!“ und erklärt mir das Wort Dessous
noch einmal, viel ungenauer als John, und
dann noch, dass am Heiligen Abend das
Christkind kommt, nicht der Weihnachts-
mann. Aber als ich nachfrage, ob das
Christkind denn ein Mädchen oder ein
Junge ist, hat sie zu tun. Das mit dem
Christkind ist Unsinn, in meiner Klasse
glaubt vielleicht noch Marie daran. Die ist
sowieso komisch und hat immer nur
Pferde im Kopf. Wenn das mit dem
Christkind kein Quatsch wäre, wär es
nicht gut. Was man als Kind alles nicht so
drauf hat, weiß ich auch. Vor einem Jahr
zum Beispiel war ich noch ziemlich
dumm. Darum ist mir der Weihnachts-
mann schon lieber als das Christkind. Ich
hoffe aber, dass er nicht trinkt.
Als ich meinen Vater besucht habe,
haben wir auch darüber geredet, bevor
wir ins Kino gegangen sind. Er hat
gelacht und gesagt, ist ganz egal. Du
musst auf die Geschenke sehen. Wer sie
dir bringt, spielt keine Rolle. Na ja, nach
dem Kino hat er mich gleich nach Hause
gefahren. Papa hat immer furchtbar
wenig Zeit – aber dafür einen roten BMW
X4.
Die WM-Frage lässt mich nicht los.
Gestern ist in einem benachbarten
Stadtteil ein Juwelierladen überfallen
worden – von zwei als Weihnachtsmänner
maskierten Räubern. Steht so in der Zei-
tung. Seit drei Monaten lese ich Zeitung
und Mama ist stolz und lobt mich. Mir
will nicht in den Kopf, weshalb sie sich
ausgerechnet als Weihnachtsmänner
verkleidet haben. Das ist doch unprakt-
isch. Ob da nicht mehr hinter steckt? Viel-
leicht verteilen sie Weihnachten den Sch-
muck an die Armen oder so. Und noch et-
was. Auf dem Weg zur Schule habe ich
gestern den WM in der Unterführung am
Bahnhof fotografiert. Zuerst hat er die Au-
gen gar nicht aufbekommen, so versch-
lafen war er. Dann hat er gelacht und
gesagt, er kann zaubern. Achte mal da-
rauf, was mit dem Bild passiert. Und als
ich während des Mathe-Unterrichts John
unter der Bank das Bild zeigen will, ist es
nicht mehr da. John meint, mein Handy
wäre eben eine Billigmarke. Bisher hat es
immer gut funktioniert. Er sagt das wahr-
scheinlich, weil er überall einen Apfel
drauf hat.
Und jetzt sitze ich mit dem WM am
Tisch bei McDonalds. Wir essen beide
Pommes und trinken eine Cola. Eigentlich
wollte der WM ein Bier haben, aber da
spiel ich nicht mit. Ich kenne das schon.
Er sagt, mit dem Überfall hat er nichts zu
tun. Ich zupfe an seinem Bart. Der ist
echt und keine Verkleidung, aber er kön-
nte ihn mal waschen. Damit er besser
riecht. Ich will zu Weihnachten einen
Laptop. Und einfach Wünschen ist mir zu
wenig. Nachher geht das schief. Ich spon-
sere also den Weihnachtsmann. Und nach
dem Essen werde ich ihn noch mal foto-
grafieren. Mal sehen, ob es klappt.
4. Dezember

Weihnachten in
der Unterwelt
Von Monika Grasl

Es war der 24. Dezember, als Luzifer durch


die Unterwelt ging. Er befand sich auf dem
Weg zu seinem Thronsaal, unter dem Arm
eine Holzkiste mit der Aufschrift Weih-
nachtsdeko.
Mit einem Schmunzeln beobachtete er
die Imps. Einige der grünen Wesen flogen
eben mit einer Girlande an ihm vorbei. Auf
den Lippen ein warnender Ruf.
Ungebremst flogen die Wesen mitsamt
der Girlande auf einen Dämon zu. Das
Unglück nahm seinen Lauf und ließ damit
ein unübersichtliches Chaos zurück. Ein
fluchender Dämon, welcher sich eben aus
der Girlandenkette zu befreien versuchte.
Und dazu noch drei kleine Imps, die
lachend herumflogen, wobei sie die Kette
unter lautem Gekicher erneut um den Dä-
mon wickelten. Erst jetzt wurde ihnen
seine Gegenwart bewusst, womit sich der
Dämon aus dem Weihnachtsschmuck be-
freite, nicht ohne einem der Wesen einen
Schlag zu versetzen, was einen protestier-
enden Laut zur Folge hatte.
„Ihr benehmt euch wie Kinder. Macht
gefälligst weiter. Wir haben genug zu tun,
bevor das Fest beginnt.“
„Ja, Luzifer“, kam es einstimmig von
den Imps.
Die geflügelten Wesen verschwanden in
einen Seitengang.
„Vergesst die Fingerknochen nicht!“,
rief er ihnen nach.
Seine Augen huschten in dem Moment
über den Dämon hinweg. Ein roter Hosen-
anzug und eine weiße Wollmütze auf dem
Kopf.
„Was bei allen sieben Höllen trägst du
da?“, fragte er den Dämon fassungslos.
Seufzend stieß sein Gegenüber die Luft
aus, als er erklärte: „Hat eure Freundin
für mich angefertigt. Mila meinte, es wäre
für die Dämonenkinder. Ich soll nachher
in der Krabbelstube vorbeisehen.“
„Mach ihnen in dem Aufzug keine
Angst.“
„Nur keine Sorge. Mir bereitet die
Kleidung weit mehr Unbehagen. Zumal
ich den leisen Verdacht hege, dass ich der
einzige bin, der so rumläuft.“
„Scheint der Fall zu sein. Viel Spaß
noch.“
Gerade rechtzeitig entfernte er sich von
dem Dämon. Im nächsten Moment war
dieser umgeben von einer Gruppe Dämon-
enkinder. Sie bewarfen ihn wie im letzten
Jahr mit Keksen. Eine Tradition, die sich
wohl nie ändern würde.
Flügelschläge verschluckten Luzifers
rasche Schritte. Die Imps waren fleißig
dabei, die Fingerknochen auf den Gir-
landen zurechtzurücken.
„Werdet ihr fertig bis heute Abend?“,
fragte er einen.
„Ja, Luzifer. Wir kriegen das schon hin,
nur keine Sorge.“
Dabei schlug ihm der Imp aufmunternd
auf die Schultern. Eine Geste, die Luzifer
den kleinen Wesen nur einmal im Jahr
durchgehen ließ.
Sein Weg führte ihn an der Höllenküche
vorbei. Bereits durch die geschlossene Tür
war das bunte Treiben zu hören.
„Der Zuckerguss muss fester sein! Gebt
mehr Farbe dazu! Es muss aussehen, als
würden die Bäume in einer Blutland-
schaft stehen! Und wer hat dem Rentier
den Kopf abgebissen?!“
Freudig grinsend öffnete Luzifer die
Tür einen Spaltbreit. Überall rannten Dä-
monen und Imps herum. Doch seine Au-
gen lagen auf der Dämonin in der Mitte
des Raumes. Obwohl Mila im reinsten
Durcheinander stand, konnte sich Luzifer
ein Lächeln nicht verkneifen. Zuckerguss
klebte an ihrer Wange. Darum schlich er
sich heran und legte ihr die Hände vor die
Augen. Doch musste sie ihn bereits gese-
hen haben.
„Wenn du nicht willst, dass ich das Ren-
tier versau, nimm die Pfoten von meinen
Augen“, wies sie ihn an.
„So gereizt? Heute ist doch der schönste
Tag des Jahres.“
Trotzdem zog er seine Hände zurück
und wartete, bis sie sich zu ihm umdre-
hte. Was jedoch länger dauerte als
gedacht. Allerdings auch nur, weil das
Rentier einen neuen Kopf angeklebt
bekam. Die Stelle wurde dabei mit rotem
Zuckerguss verdeckt. Luzifer freute sich
auf die überraschten Augen von Gott,
wenn er morgen mit der kleinen Wald-
landschaft zum alljährlichen Festessen
kam.
„Für dich vielleicht. Ich hab noch un-
zählige Kekse zu glasieren, und das kleine
Waldstück ist nicht fertig.“
„Zeit für einen Kuss hast du trotzdem,
oder?“
Seufzend wandte sich Mila zu ihm um.
In ihren Augen lag ein eindeutiges Nein.
Dennoch zog er sie zu sich heran und wis-
chte den Zuckerguss von ihrer Wange.
„Süß“, stellte er fest.
„Natürlich. Ich muss weitermachen.
Und du hast noch genug zu tun.“
Enttäuscht verfolgte Luzifer, wie sie
sich erneut der Waldlandschaft zuwandte.
Aber nun kam auch in ihn wieder Bewe-
gung. Schließlich hatte Mila nicht Un-
recht. Er musste sich um den Thronsaal
kümmern.
„Wir sehen uns nachher“, meinte er an
sie gewandt.
Womit er auch schon seine Holzkiste
schnappte und aus der Höllenküche ver-
schwand. Im Vergleich zu dem Raum war
der Steingang angenehm kühl. Zudem
begann sich die Weihnachtsdekoration
auszubreiten. Ausnahmslos konnte
Luzifer Unmengen von Fingerknochengir-
landen entdecken. Gelegentlich unter-
brochen von einem Mistelzweig, in
welchen kunstvoll blonde und rote Haare
eingeflochten waren. Bei dem Anblick
kam ihm der leise Verdacht, dass Mila
einige ihrer Haare hierfür geopfert hatte.
Sollte es der Fall sein, würde er sie
großzügig entschädigen müssen. Und de-
mjenigen, der die Schere geschwungen
hatte, in eine Seelenkugel sperren. Aber
das hätte Zeit bis nach den Feiertagen.
Stattdessen erfreute er sich lieber an
dem sich bietenden Anblick. Und auch et-
was anderes erweckte sofort seine Sinne.
Überall war der Geruch von erwärmtem
Seelenwasser auszumachen. Er würde
sich später einen mit Lakritze besorgen,
wenn es seine Zeit zuließ.
Endlich erreichte er den Thronsaal.
Doch das Ergebnis war nicht zufrieden-
stellend. Hätte er es den Dämonen alleine
überlassen, würde wohl das gleiche wie in
dem Jahr herauskommen, als er krank
gewesen war. Nichts Sinnvolles auf jeden
Fall. Eine leichte Frustration machte sich
in Luzifer breit. Insgesamt waren die
Imps damit beschäftigt, Unheil zu stiften.
Hier und da flogen sie herum, doch nichts
davon fand seinen Platz an dem dafür
vorgesehenen Ort. Und Luzifers Erschein-
en bremste die geflügelten Wesen in ihr-
em Treiben auch nicht. So würde das alles
bis heute Abend nichts werden.
Aus diesem Grund trat Luzifer nun
gänzlich in den halb geschmückten Raum,
nicht ohne dabei seine Schritte fest auf
den Boden zu setzen. Es erzielte die
gewünschte Wirkung. Die Imps wirbelten
zu ihm herum, wobei einer eine Seelenku-
gel fallen ließ. Luzifer entlockte es ein
Seufzen. Der Imp hingegen sah betreten
zu Boden.
„Was wird das hier?! Ihr sollt euch um
den Baum kümmern und nicht herum-
spielen!“
Luzifer selbst öffnete indes den Deckel
der Kiste. Es war jedes Mal ein Erlebnis,
die Seelenkugeln hervorzuholen. Beher-
bergten sie doch die wichtigsten Größen
der Menschheitsgeschichte. Und gerade
weil sie so selten waren, kümmerte sich
Luzifer persönlich darum.
Unter dem Klang von gesungenen
Weihnachtliedern schwirrten die Imps
durch den Raum. Brachten im Raum und
am Baum Fingerknochengirlanden, in
Höllenfeuer eingelegte Totenköpfe und
Rubinsteine an. In einigen befand sich die
Seele eines Imps oder Dämons. So
manchen davon hatte Luzifer über das
Jahr hinweg darin eingesperrt. Immerhin
nervten sie ihn.
Am Baum waren Totenköpfe aus Mar-
zipan. Selbst kleine Impflügel aus Kek-
steig und Zuckerstangen in den Farben vi-
olett und dunkelgrün waren auszu-
machen. Mila war in der Hinsicht kreat-
iver als seine letzten drei Freundinnen.
Die erste Seelenkugel fand von den de-
vot schweigenden Imps begleitet ihren
Weg an den Baum. Mit ihren großen Au-
gen und den aufgeregten Flügelschlägen
waren sie den Dämonenkindern nicht un-
ähnlich.
„Sieht doch vielversprechend aus.“
„Sie wird sich freuen.“
Erst jetzt wandte Luzifer dem geflügel-
ten Wesen seine Aufmerksamkeit zu. In
den Händen hielt es die Spitze für den
Baum. Ein glasklarer Zapfen, in dessen
Innerem ein grünliches Licht schimmerte,
gelegentlich unterbrochen von roten und
gelben Einschlüssen.
„Du hast dich mal wieder selbst über-
troffen.“
„Danke, Luzifer.“
Freudestrahlend blickte ihn der Imp bei
diesen Worten an. Eine Seltenheit bei den
kleinen Wesen. Genauso selten wie ein
Lob von Luzifer. Zumal es gar nicht so
einfach war, das Feuer aus der siebten
Hölle in den Zapfen zu bekommen.
„Dann setz ihn mal auf die Spitze“,
meinte Luzifer leise.
Es war der Moment, den der Herrscher
der Unterwelt am meisten liebte. Der Au-
genblick, in dem selbst die Imps auf-
hörten, ihre Späße zu treiben und darauf
warteten, was als nächstes geschehen
mochte. Im letzten Jahr war trotz aller
Bemühungen ein gelbliches Leuchten er-
schienen. Und sie befanden sich hier ja
nicht im Himmelsreich. Schließlich
müsste er das morgen fünf Stunden ertra-
gen.
Zu Luzifers großer Erleichterung hatte
sich der Imp in diesem Jahr noch mehr
Mühe gegeben. Vielleicht hatte die Dro-
hung vom letzten Jahr doch geholfen? Der
Thronsaal war erfüllt von einem matten
Grünschimmer. In diesem spiegelte sich
sogar ein leichter Rotton.
„Ihr… macht hier weiter und dann…
ihr könnt euch dann was aus der Höllen-
küche zu essen holen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten machte
er auf dem Absatz kehrt und marschierte
aus dem Thronsaal. Er hatte einfach noch
viel zu viel zu erledigen. Nicht lange
nachdenkend schlug er den Weg zum er-
sten Seiteneingang ein. Von Zeit zu Zeit
konnte Luzifer die Schreie der Seelen
vernehmen. Da Weihnachten war, fielen
diese bedeutend leiser aus als den Rest
des Jahres. Schließlich war er ja kein Un-
mensch.
Das fünfte Höllentor öffnete sich eben,
als er ankam. Aufgeregt reckte er sich, um
seine Schwester auszumachen. Doch ein-
zig sein Gehilfe war zu sehen.
„Wo ist sie?“, fragte er den Dämon.
„Da ist etwas, das ihr wissen solltet,
Luzifer. Also ich… Ich hab ihr gesagt,
dass er nicht… Aber ihr kennt doch eure
Schwester. Sie ist, naja…“
Luzifer verstand kein Wort, als er er-
widerte: „Wovon hast du sie versucht
abzuhalten?“
„Und das ist das fünfte Höllentor. Hier
kommen nur die wichtigen Seelen durch.
Und die engsten Familienmitglieder. Ist
doch hübsch hier, findest du nicht?“
„Naja, ich weiß nicht“, kam eine
zaghafte Antwort.
Nun gänzlich verwirrt sah Luzifer zu
seinem Gehilfen, der jedoch nur die Schul-
tern hob. Aus diesem Grund warf er einen
vorsichtigen Blick zum Tor hinüber. Und
tatsächlich kam nun seine kleine Sch-
wester auf ihn zugelaufen.
„Luzi!“, schrie sie begeistert.
Lilja war die einzige, die ihn so nannte.
Manchmal Mila, nur war es dann beg-
leitet von einem verächtlichen Unterton.
„Sei bitte nett, Luzi“, flüsterte sie ihm
zu.
Er verstand die Worte nicht im Mindes-
ten. Erst als er den Blick von ihrem
schwarzen Haar löste, sah Luzifer eine
weitere Gestalt durch das Höllentor kom-
men. Und diese Person war eindeutig
nicht tot. Stellte sich nur die Frage, was
sie dann hier wollte. Trotzdem versuchte
er sich an einem Lächeln.
„Lilja, wer ist das?“, fragte Luzifer ge-
presst.
„Alex, mein Freund“, erwiderte sie
grinsend.
Sprachlos starrte Luzifer sie an und
fragte: „Wer?“
„Mein Freund“, wiederholte Lilja.
„Warum bei allen sieben Höllen bringst
du einen Freund mit?“, zischte Luzifer
aufgebracht.
„Er ist nicht ein Freund. Er ist mein
Freund.“
„Seit wann hast du einen Freund?“
„Du musst nicht so ungehalten sein,
Luzi. Ich hab dir mehr als einmal von
Alex geschrieben. Aber das hast du mit
Sicherheit wieder überlesen“, warf sie ihm
vor.
„Na und? Du kannst ihn doch nicht
hierher mitnehmen.“
„Alex, das ist mein Bruder. Luzifer,
mein Freund, Alex.“
Unsicher betrachtete Alex ihn. Vermut-
lich fühlte er sich hier genauso fehl am
Platz wie Luzifer.
„Alex, aha. Und wie lange kennst du
Lilja schon?“
„Seit drei Jahren.“
„Wenn du ihn seit drei Jahren kennst,
wieso bringst du ihn dann erst jetzt mit?“
„Na, die letzten paar Weihnachten hat
er mit seiner Familie verbracht. Aber
nachdem die mich dieses Jahr kennengel-
ernt haben, waren wir der Ansicht, dass
es besser ist, er feiert mit uns.“
„Und mit wir meinst du… ihn?“
„Nein, meine Eltern waren der Ansicht.
Sie finden es… naja, merkwürdig, dass ich
mit Lilja zusammen sein will“, antwortete
Alex.
„Ja, das ist mir bei dir in der Tat auch
unbegreiflich.“
„Luzi!“
„Ich frag besser erst gar nicht, ob ihr
euch ein Zimmer teilt. Komm, ich will dir
die Weihnachtsdeko zeigen.“
„Ja, da wäre aber noch was. Es ist ziem-
lich wichtig und ich möchte, dass du dich
nicht aufregst“, entgegnete Lilja.
„Nur zu. Nachdem ich ihn da
kennengelernt habe, kann mich nichts
mehr überraschen.“
„Ich bin von dem da schwanger.“
Blinzelnd starrte Luzifer seine kleine
Schwester an. Schließlich wanderten
seine Augen weiter zu Alex. Er wandte
sich wortlos ab, um in die Höllenküche zu
verschwinden.

„Schwanger! Meine kleine Schwester!


Kannst du dir das vorstellen?!“, regte sich
Luzifer auf.
Aufgebracht schritt er durch die Höllen-
küche.
„Freu dich doch einfach. Deine Schwest-
er wird reifer“, entgegnete Mila ruhig.
„Sie ist meine Schwester! Meine kleine
Lilja! Ich hatte gehofft, dass es noch fünf-
hundert Jahre dauern würde, bis sie über-
haupt daran denkt, ein Kind zu bekom-
men! Und dann ganz sicher nicht von
einem Menschen! Alex.“
„Er scheint doch recht nett zu sein“,
warf Mila ein.
„Du wusstest es! Sie hat es dir schon
vorher erzählt!“
„Ja, hat sie. Lilja wollte, dass ich es dir
sage. Und jetzt geh und freunde dich mit
ihm an. Denn sonst erlebst du dein blaues
Wunder, wenn ich umsonst in dieser
Küche gestanden habe. Da wird das Höl-
lenfeuer geradezu angenehm erscheinen.“
Verunsichert warf Luzifer seiner Fre-
undin einen raschen Blick zu, ehe er sich
aus der Höllenküche stahl. Auf halben
Weg zu Lilja kam ihm der Verursacher
seines Grolls unter.
„Was machst du hier?“
„Lilja wollte ihre Ruhe. Also mach ich
einen Spaziergang.“
„Sie hat dich aus dem Zimmer
geschmissen.“
„Ja“, gestand Alex seufzend.
„Na dann werde ich dir die Weihnachts-
dekoration zeigen. Ich hoffe mal, du hast
einen guten Magen.“
„Mir wird nicht so leicht schlecht. Ich
studiere Medizin.“
„Wenigstens etwas Brauchbares.“
Und damit nahmen für Luzifer und
Alex die wohl längsten drei Stunden in
ihrer beider Leben ihren Lauf. Unterwegs
begegneten sie einigen Dämonenkindern.
„Sie sind an einem solchen Tag immer
so ungestüm.“
„Sind welche von dir?“
„Nein. Mila will noch keine Kinder und
ich kann warten.“
„Du magst Kinder, oder?“, fragte Alex
nach.
So gerne er gelogen hätte, die Wahrheit
war, er konnte mit den kleinen
Plagegeistern nichts anfangen. Alleine die
Vorstellung, Vater zu sein, trieb ihn an
den Rand der Verzweiflung.
„Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sich-
er.“
„Wie kann man sich da nicht sicher
sein?“
„Du wirst niemals so alt werden wie ich,
Alex. Daher verstehst du auch nicht, wie
sehr man den Wandel der Zeit miterlebt.
Kinder zu haben ist schön, aber nicht ein-
fach. Das ist heute genauso wenig wie vor
hundert Jahren. Mit dem einzigen Unter-
schied, dass man nicht mehr dazu
gezwungen ist.“
„Was soll das heißen?!“
„Nun, zum Beispiel, dass du dich besser
von Lilja ferngehalten hättest. Mal ganz
davon abgesehen, dass du ihr ein Kind
gemacht hast. Andererseits ist es schön zu
sehen, dass sie erwachsen wird. Verant-
wortung übernehmen will. Auch wenn ich
sie mir als Mutter nicht vorstellen kann.
Egal wie sehr ich mich auch anstrenge.“
„Aber du findest dich damit ab.“
„Ja und nein.“
Luzifer ließ sich Zeit damit, weiterzus-
prechen. Stattdessen schlug er den Weg in
einen Seitengang ein und deutete mit dem
Kopf auf einen der Totenköpfe. Fasziniert
folgte Alex der Geste mit den Augen. Ein
solcher Anblick ließ nicht viele Menschen
so kalt. Nicht einmal die Toten selbst war-
en dazu in der Lage.
„Ich hege immer noch den inneren Wun-
sch, dich umzubringen. Andererseits
würde ich mir damit eine Menge Probleme
aufhalsen. Nicht nur mit Lilja, sondern
auch mit Mila. Sie stand die letzten zwei
Tage in der Höllenküche. Und sie wird
mich einen Kopf kürzer machen, wenn ich
dieser inneren Stimme nachgebe.“
Er fand sich tatsächlich langsam mit
der Vorstellung von Lilja als Mutter ab.
Auch wenn es nach wie vor mit einigem
Unbehagen einherging.
„Habt ihr euch überlegt, wo das Kind
aufwachsen soll?“
„Bei uns auf der Erde“, entgegnete Alex
überzeugt.
Luzifer konnte ein widerwilliges
Gesicht nicht verbergen. Der Gedanke,
dass der Nachwuchs auf der Erde leben
sollte, beunruhigte ihn zutiefst. Immerhin
könnte es sich hierbei auch um seinen
Nachfolger handeln. Falls ihn nicht doch
noch die Vatergefühle überkamen.
„Du wirkst nicht begeistert“, kam es
leise von Alex.
„Was soll ich dazu sagen? Du hast vor,
das Kind auf der Erde aufzuziehen. Das
ist nicht gerade etwas, das ich mir für das
Kind wünsche.“
„Was hast du gegen die Erde? Ich
dachte, du magst die Menschen.“
Lautlos stieß Luzifer einen Seufzer aus,
als er erwiderte: „Sie zu mögen heißt noch
lange nicht, dass ich mir wünsche, dass
dieses Kind unter ihnen aufwächst. Hast
du schon mal daran gedacht, was passiert,
wenn jemand herausfindet, dass es nicht
ganz so normal wie andere ist?“
„So weit wird es nicht kommen.“
„Sagst du. Aber was wenn doch? Was
wenn das Kleine aus Versehen jemanden
in Flammen aufgehen lässt? Das ist bei
einer Mutter wie Lilja gut möglich.“
„Ich sagte doch, das wird nicht passier-
en“, hielt Alex eisern dagegen.
Die Hartnäckigkeit des Mannes war
wirklich beeindruckend.
„Es hat vielleicht keine Ähnlichkeit mit
dir.“
„Mag sein. Aber es ist mein Kind und
das reicht mir.“
Die Vorstellung, bald Onkel zu sein, ließ
ihn erschaudern. Somit war es Luzifer un-
begreiflich, wie der Mann so ruhig bleiben
konnte.
„Habt ihr einen Geburtstermin?“
„Nächstes Jahr im Frühling.“
Sie kamen eben an einer Gruppe Wesen
vorbei, als eine verzweifelte Stimme an
Luzifers Ohren drang.
„Aber sie muss doch hier irgendwo
sein.“
„Was ist denn los?“, wollte Luzifer wis-
sen.
„Ein Dämonenkind ist verschwunden.“
„Wie konnte es dazu kommen?“
So gleichgültig die Frage gestellt war,
so aufgebracht fühlte sich Luzifer. Immer-
hin gab es nicht viele Dämonenkinder.
Und jedes von ihnen war wichtig.
„Ich weiß nicht. Wir wollten zur dritten
Höllenpforte, um meine Eltern zu be-
suchen. Dann kam uns eine Gruppe Imps
mit Fingerknochengirlanden entgegen.
Wir haben ihnen beim Aufhängen zugese-
hen. Und kaum drehe ich mich zu der
Kleinen um, ist sie auch schon weg.“
„Und die Imps?“
„Die waren auch fort.“
„War ja abzusehen“, murmelte Luzifer.
Seine Augen huschten zu den Dämonen,
als er meinte: „Jeder von euch hat die
Aufgabe, das Dämonenkind zu finden.
Wenn ihr sie habt, bringt sie zum dritten
Höllentor. Und du“, erklärte er an die
Mutter gewandt, „wartest dort.“
„Ja, Herrscher.“
Die Dämonen stoben mit einem Mal in
alle Richtungen davon.
„Willst du nicht nach dem Kind
suchen?“, fragte Alex.
„Wir suchen sie. Aber nicht bewusst,
denn nur dann rücken die Imps das Kind
heraus. Einer ihrer jährlichen Streiche.
Normalerweise ist es aber was Kleineres,
das sie mitgehen lassen. Eine Seelenkugel
oder ein Mistelzweig. Ein Dämonenkind
ist eher selten.“
Ihm entging nicht, dass sich Alex nach
dem Kind umsah. Womit man kaum seine
Aufmerksamkeit auf die Dekoration len-
ken konnte. Erst als sie an einer Feuer-
stelle mit Gewürzwein vorbeikamen, legte
sich dieser Umstand.
„Und deine Familie? Was muss ich über
die wissen? Ich meine, außer, dass sie
meine Schwester nicht leiden können.“
Dabei nahm Luzifer einen Schluck von
dem erwärmten Seelenwasser. Der
Lakritzgeschmack breitete sich auf seiner
Zunge aus und hinterließ ein angenehmes
Gefühl.
„Meine Mutter ist Lebensberaterin und
hält nichts von Weihnachten. Mein Vater
wird den Abend vermutlich bei seiner Ge-
liebten verbringen, und dann hab ich noch
einen Bruder. Der ist wahrscheinlich grad
dabei, mit den Eltern seines Freundes zu
feiern.“
„Und eine Schwester hast du nicht?“
Luzifer kam der Gedanke, dass seine
Worte falsch gewählt waren. Zumal Alex
betreten den Kopf senkte.
„Sie ist tot, nicht wahr?“, fragte er nach
einiger Zeit des Schweigens nach.
„Sahra war die einzige, die mich immer
verstanden hat. Sie war dreißig Jahre, als
sie starb. Ironie des Schicksals, dass es
gerade der Weihnachtsabend war. Sie
wollte uns besuchen, kam aber nie an. Ich
hab zwei Stunden vorher noch mit ihr ge-
sprochen. Gemeint, sie solle vorsichtig
fahren. Hat sie auch gemacht. Wer konnte
schon wissen, dass sie… Dass ihr Leben
durch einen betrunkenen Idioten enden
würde. Der Mann ist auf die falsche Seite
der Fahrbahn gekommen. Das war mein
letztes Gespräch mit ihr.“
„Wie lange ist das her?“
Alex stieß hörbar die Luft aus, als er
den Kopf hob und antwortete: „Fünf
Jahre. Seitdem will meine Mutter von
Weihnachten nichts mehr wissen. Und
mein Vater flüchtet sich von einer Affäre
in die nächste. Und ich hab versucht,
Weihnachten für mich alleine zu verbring-
en. Bin auf den Friedhof gegangen und
hab dort den halben Abend verbracht.
Eine Kerze für Sahra angezündet.
Dadurch konnte ich ihr einfach nahe
sein.“
„Dein Bruder scheint es recht gut getro-
ffen zu haben.“
„Mag sein. Ich hatte also die Wahl, mit
Lilja hierher zu kommen, oder mich
meinem Bruder aufzuhalsen. Letzteres
wollt ich nicht. Das hätte mehr als armse-
lig gewirkt. Also hab ich mich von Lilja
breitschlagen lassen.“
Luzifer nahm einen Schluck von seinem
Seelenwasser, während er weiterging.
Gedankenverloren nickte er dabei vor sich
hin. Ihm tat Alex mit einem Mal mehr als
leid. Leicht hatte es der junge Mann nicht.
Kein Wunder also, dass er Weihnachten
in der Unterwelt dem Fest mit seiner
Familie vorzog.
„Wohl die beste Entscheidung“, mur-
melte Luzifer.
Ein leises Gekicher ließ sowohl ihn als
auch Alex den Kopf heben. Luzifer ahnte
bereits, von wem der Laut stammte.
Scheinbar erging es Alex nicht anders, da
er sogleich in einem Seitengang ver-
schwand.
Wortlos folgte ihm Luzifer und konnte
hören, wie das Lachen lauter wurde.
Zugleich kam er der Geräuschquelle näh-
er. Und tatsächlich – als er um die Ecke
eines Seitenganges bog, stand eine
Gruppe Imps herum. Wobei es nicht das
war, was Luzifers Aufmerksamkeit er-
weckte. Es war vielmehr Alex, der vor je-
manden hockte und mit dem Wesen
sprach. Erst als Luzifer näher kam, kon-
nte er die Worte richtig verstehen.
„… und dann haben sie gesagt, ich soll
mitkommen. Sie haben versprochen, mich
zur Höllenpforte zu bringen.“
Nun endgültig bei der Gruppe angekom-
men erkannte Luzifer das Dämonenkind.
Hübsch und zart gebaut. Dunkelbraunes
Haar, welches wirr vom Kopf stand und
braune Augen. Gehüllt in ein dunkel-
blaues Samtkleid wirkte das kleine Wesen
tatsächlich wie für den Besuch bei seinen
Großeltern geschaffen. Die Dämonin hatte
sich mit diesem Aufzug eindeutig selbst
übertroffen.
„Ihr dachtet also, ihr bringt eine kleine
Dämonin zur Höllenpforte, ja?“, meinte
Luzifer an die Imps gewandt.
Wohlweißlich hatte er das Dämonen-
kind in Alex’ Richtung geschoben. Anson-
sten würde er sie noch versehentlich ver-
letzen, und das wollte er auf keinen Fall.
„Naja…“
„Kein naja. Ihr seid vom Höllentor ein
ganzes Stück weit entfernt. Was hätte das
werden sollen? Eine Führung durch die
Unterwelt?! Die Mutter wartete an der
dritten Höllenpforte auf das Mädchen und
ihr treibt hier eure Späße mit ihr! Denkt
ihr auch mal nach, bevor ihr etwas an-
stellt?! Oder ist das etwa zu viel ver-
langt?!“
Das Dämonenkind klammerte sich vor
Schreck an Alex fest. Eine Handlung, die
Luzifer dazu brachte, tief durchzuatmen.
Außerdem musste jemand das Kind zum
Höllentor bringen. Und diese gesuchte
Gestalt tauchte eben in einen roten
Hosenanzug gehüllt aus dem Gang zur
Krabbelstube auf.
„Sehr gut! Komm her!“, rief Luzifer dem
Wesen zu.
Er schob dem Dämon das Kind zu und
erklärte: „Ihre Mutter wartet an der drit-
ten Höllenpforte. Bring sie hin und verlier
sie unterwegs nicht.“
Der Dämon nickte lediglich, warf sich
das Dämonenkind über die Schulter und
schritt davon. Wobei ihnen die Kleine
grinsend zum Abschied winkte.
„Und jetzt zu euch“, wandte sich Luzifer
an die Imps.
„Herrscher, wir…“
„Ich will kein einziges Wort von euch
hören! Ihr werdet mich morgen auf Gottes
Festessen begleiten. Und dort dürft ihr
den höchsten Engeln als Tischdiener nahe
sein. Viel Spaß dabei, wenn einer von
ihnen anfängt zu singen. Ich denke da im
speziellen an Gabriel.“
Verzweifelt warfen sich die Imps vor
ihm auf den Boden. Doch Luzifer würde
sich nicht erweichen lassen. Er wusste
nur zu gut, wie gerne Gabriel sang und
auch welche wunderbare Stimme der En-
gel hatte. Und damit quälte er die Imps
gerne. Besonders wenn Luzifer ihm von
der Geschichte heute erzählen würde.
Die geflügelten Wesen nicht weiter
beachtend zog Luzifer seinen zukünftigen
Schwager mit sich fort. Schließlich würde
bald der Zeitpunkt des Festessens im
Thronsaal nahe rücken.

Zufrieden fing Luzifer den überraschten


Blick seiner Schwester, aber auch ihres
Freundes auf. Alex war ihm in den letzten
Stunden sympathischer geworden. Viel-
leicht lag es auch an dem Umstand, dass
er gerade an einem solchen Tag seine Sch-
wester verloren hatte. Und doch ließ er
sich den Weihnachtstag nicht vermiesen.
Aus diesem Grund war Luzifer in den
letzten Stunden damit beschäftigt
gewesen, eine bestimmte Seele ausfindig
zu machen. Und diese stand nun bei Alex
und Lilja. Sahra redete den jungen Mann
geradezu nieder. Wobei dieser versuchte,
ihrem Redeschwall zu folgen.
Luzifer hingegen musste zugeben, dass
er die Seele später nicht wie geplant
wieder in die Seelenkugel sperren würde.
Er würde Sahra einen Körper schenken.
Nicht heute und auch nicht morgen, aber
mit dem Jahreswechsel würde sie einen
erhalten. Wenn möglich sogar den
gleichen wie zu ihren Lebzeiten. Zumind-
est wenn ihre Erinnerung daran stark
genug war. Was er hoffte.
„Also hast du dich mit ihm angefreun-
det“, stellte eine vertraute Stimme neben
ihm fest.
Luzifer stand auf dem Podest, wo sich
sein Thron befand. Unter sich die fei-
ernden und brüllenden Dämonen. Doch
trotz allem hatte er Milas Gegenwart
schon vor einiger Zeit wahrgenommen.
„Angefreundet würde ich es nicht
nennen, aber…“
„Abgefunden?“, fragte sie nach.
Der Herrscher drehte sich zu seiner
Freundin herum. Das zustimmende Nick-
en vergaß er mit einem Mal, als er Mila
erblickte. Eingehüllt in ein schwarzes
Seidenkleid und einen Samtüberwurf sah
sie wunderschön aus. Das Haar fiel ihr of-
fen über die Schulter. Entgegen der Ge-
wohnheit lief Mila barfuß herum. Wohl
weil sie selbst mit ihren Absätzen immer
noch kleiner als Luzifer war.
Mit wenigen Schritten hatte der
Herrscher die Distanz zwischen ihnen
überwunden. Er hauchte einen Kuss auf
ihre Stirn und schlang schließlich die
Arme um sie. Ohne viele Worte hob er
Mila hoch und wirbelte sie in der Luft
herum. Wobei die Dämonin einen verzück-
ten Laut von sich gab. Und genau jetzt be-
merkte Luzifer den Zuckerguss, welcher
an ihrem Hals klebte. Vermutlich hatte
sie diese eine Stelle absichtlich übersehen.
Dem schalkhaften Blick nach zu
schließen, mit Sicherheit. Weshalb er sich
rasch zu ihr neigte und die Stelle küsste.
„Du solltest dann mal das Festessen er-
öffnen, bevor alle hier zu besoffen sind,
Bruder“, meldete sich Lilja hinter ihm zu
Wort.
Die Forderung veranlasste Luzifer
dazu, ihr einen raschen Blick zuzuwerfen.
Ein grüner Samtmantel lag über ihren
Schultern, der auf dem Boden hinter ihr
herschleifte. Darunter konnte er ein viol-
ettes Kleid erkennen. Und zum ersten
Mal überhaupt nahm er den kleinen
Bauch wirklich wahr.
Luzifers Augen huschten über die An-
wesenden hinweg. Beinahe verlor sich
sein Blick in den leuchtenden Farben der
Seelenkugeln. Doch ein leichter Stoß in
die Rippen brachte ihn ins Hier und Jetzt
zurück.
Schwungvoll erhob Luzifer seinen Krug
und rief über den Lärm hinweg: „Heute
mögt ihr feiern! Morgen werdet ihr dafür
bezahlen! Einen Tag im Jahr seid ihr alle
gleich, egal welchen Rang ihr auch tragt.
Ob Imp, Dämon oder Seele. Einem jeden
ist es heute erlaubt, sich in der Unterwelt
frei zu bewegen! Und doch sollten wir
eines dabei nicht vergessen. Die Familie
ist auch für uns in der Unterwelt immer
noch das Wichtigste. Und jetzt, macht
euch über das Essen her! Ich will heute
keine leeren Krüge sehen!“
Allgemeiner Jubel breitete sich unter
den Dämonen aus. Auch all jene, die sich
nicht im Thronsaal eingefunden hatten,
würden von seinen Worten erfahren. Über
seine Gehilfen oder einen Imp.
Zufrieden ließ sich Luzifer auf seinen
Stuhl fallen. Es war bei weitem noch nicht
perfekt. Aber das würde es werden. Dieser
Gedanke kam ihm, als er zu Mila sah.
Seine Freundin, die eben dabei war, ein
Dämonenkind auf ihren Schoß zu setzen,
mit diesem zu dem Baum hinüberblickte
und lauthals lachte. Besonders jedoch, als
seine Augen Lilja und ihren Freund
streiften.
Denn in einem unterschied sich ein
Weihnachtsfest zwischen der Unterwelt
und der Erde nicht. In beiden Fällen
machte man Bekanntschaft mit anderen
Leuten. Und wie in jeder Familie war
selbst der 24. Dezember keine Garantie
dafür, dass alles perfekt lief.
Damit stand eines für Luzifer fest: Es
brachte absolut nichts, wenn man sich an
diesem Tag über die geringsten Kleinig-
keiten ärgerte. Wirklich wichtig war ja
doch nur, dass man zusammen war. Mit
den Personen, die man liebte. Und all jen-
en, mit denen man sich abgefunden hatte.
Aus diesem Grund ließ der Herrscher
seinen Blick in die Ferne schweifen. Nicht
wissend, was die Zukunft brachte, doch
eines stand für ihn fest: Das nächste Jahr
würde noch aufregender werden als
dieses. Und sei es nur, weil er jetzt die
Familie um sich scharen konnte, die er
sich immer gewünscht hatte.
5. Dezember

Vorzeitiges
Weihnachten
Von Tilde Zug

„Großmama, erzählst du uns die


Geschichte von Weihnachten?“
„Ach, die habe ich doch schon so oft
erzählt.“
„Ja, trotzdem, die ist so schön!“
„Na gut, aber erst backen wir die Weih-
nachtsplätzchen fertig.“
Nach getaner Arbeit machten sie es sich
in der Stube auf dem Sofa recht gemütlich,
zündeten die drei Adventskerzen an und
naschten schon die ersten frischgebacken-
en Plätzchen.
„Also“, begann die Großmama, „es war
einmal eine Oma, die hatte eine Tochter,
die mit ihrem Mann für zwei oder drei
Jahre nach Fernost gefahren war. Ihr
Mann war für diese Zeit dort dienstlich
verpflichtet worden. Da sie jung verheir-
atet waren, durfte sie gleich mitfahren.
Für die Oma, also die Mutter der jungen
Frau, war das sehr schmerzlich, sie so
weit weg zu wissen, für sie erst einmal
unerreichbar. Sie machte sich viele und
auch unnötige Gedanken: Wie wird es
ihnen wohl ergehen dort in der Fremde?
Wer wird ihnen helfen, wenn sie Unter-
stützung brauchen? In Gedanken weilte
sie sehr oft bei ihnen.
Eines Tages kam ein Brief mit der Na-
chricht, dass die Tochter schwanger sei
und im nächsten Jahr, im Januar, ihr
Kind erwarte. Es ginge ihr soweit recht
gut.
Ihre Mutter freute sich riesig über diese
Mitteilung und hätte am liebsten ihre
Tochter gleich in die Arme genommen,
wenn das gegangen wäre.
Die Zeit verging recht langsam für sie,
doch bald war es Winter geworden und
soo lange dauerte es nun nicht mehr, dass
bald Weihnachten und dann die Geburt
bevorstand. Ihr graute jedoch vor den
Feiertagen so allein und voller Sehnsucht.
Das Herz wurde ihr schwer bei dem
Gedanken, dass sie ihrer Tochter nicht
hilfreich zur Seite stehen konnte.
Eines Tages, eine Woche vor Weih-
nachten, kam sie todmüde und erschöpft
vom Weihnachtseinkauf zurück. Sie hatte
die Straßenbahn genommen, war bis zur
Endstation gefahren und musste nun
noch ein Stückchen zu Fuß gehen. Ihr
Heimweg führte sie an der Kirche vorbei,
in der das Licht brannte. Als sie näher
kam, drang ganz leise weihnachtliche
Musik an ihr Ohr. Ab und zu ging sie son-
ntags zum Gottesdienst, um Gleichgesin-
nte zu treffen, oder in der Hoffnung, end-
lich mal wieder eine gute Predigt zu
hören. Kurz entschlossen ging sie hinein,
um ihre Füße etwas auszuruhen und ein
bisschen der musica sacra zu lauschen.“
„Was heißt musica sacra, Großmama?“
„Das heißt Kirchenmusik.
Jedenfalls setzte sie sich in eine der
hinteren Reihen und lauschte den Klän-
gen. Es wurde für den Heiligen Abend
geprobt. Die Musik war vertraut und
klang sehr harmonisch, sodass sie spürte,
wie sie sich langsam entspannte. Allerd-
ings musste sie aufpassen, dass sie nicht
einschlief. Als das Musikstück zu Ende
war, probte man ein Krippenspiel. Ein
Mädchen aus dem Kinderchor trat hervor
und stieg auf die Kanzel. Mit einem glock-
enhellen Sopran sang sie ‚Vom Himmel
hoch‘. Es klang wunderschön, und der
Mutter in den Kirchenbänken wurde be-
wusst, dass sie für kurze Zeit nicht mit
ihren Gedanken in der Ferne war. Doch
bei der zweiten Strophe ‚Euch ist ein
Kindlein heut gebor’n‘ spürte sie plötzlich
einen Stich in der Herzgegend. Ihre Au-
gen füllten sich mit Tränen. Sie hatte auf
einmal das Gefühl, dass diese Botschaft
ihr galt!
Durch die tränenverhangenen Augen
sah sie die kleine Sängerin genauer an.
Sie sah auf einmal aus wie ein richtiger
Engel.
Euch ist ein Kindlein heut gebor’n….
Mit einem Mal wusste sie, dass ihre
Tochter Mama geworden war. Tränen
voller Freude, Ungewissheit und
Traurigkeit liefen ihr übers Gesicht, und
sie musste nach Hause eilen. Innerlich
noch sehr aufgeregt wurde sie sich immer
sicherer, dass diese Botschaft ihr gegolten
hatte. Sie fühlte sich kopflos und wusste
gar nicht, wie sie sich zu Hause ablenken
und beschäftigen sollte.
Draußen war es dunkel geworden. Sie
hüllte sich in eine Decke und machte den
Fernseher an, um auf andere Gedanken
zu kommen. Computer, Laptops oder
Handys gab es damals noch nicht. Auch
das Telefonieren war zu jener Zeit nicht
immer einfach, denn wo sie sich befanden,
musste erst vieles aufgebaut werden.
Plötzlich ertönte die Hausklingel.
Sie eilte ans Fenster und ein Mann rief
ihr entgegen: ‚Ein Telegramm für Sie!‘
‚Ich komme‘ antwortete sie und lief eilig
ans Tor, um es in Empfang zu nehmen.
Und könnt ihr erraten, was darauf
stand?“
Die Kinder schüttelten unisono den
Kopf.
„Herzlichen Glückwunsch * stop * Du
bist Oma geworden * stop * Mama und
Kind wohlauf * stop * Der glückliche
Papa.
Ihr blieb das Herz fast stehen. Doch
plötzlich erklang ein Jubel in ihr. Der En-
gel hatte tatsächlich für sie gesungen. Sie
war Oma geworden, es ging allen gut und
nun konnte sie von Herzen glücklich und
dankbar sein. Für sie war gerade schon
Weihnachten geworden.“
6. Dezember

Familie Baum
Von Christa Dorn

In der Nacht nach Heiligabend hatte es


zum ersten Mal in diesem Winter heftig
geschneit. In der kleinen Stadt am Fuße
des Berges holten deshalb Jung und Alt
ihre Skier hervor. Wer springen wollte,
fuhr zur Schanze hinauf, den anderen
boten die reichlich vorhandenen Nadel-
und Mischwälder der Umgebung reichlich
Wandermöglichkeiten.
Bei Familie Baum zogen sich gleich nach
dem Frühstück Mutter und Vater die dick-
en Winterjacken an und halfen den
Kindern, die nagelneuen Skier un-
terzuschnallen. Sie hatten an diesem son-
nigen Weihnachtsfeiertag nur ein Ziel –
eine Lichtung in dem nahegelegenen
Tannenwald.
„O, wie schön“, flüsterte Emilia, als sie
angekommen waren, und betrachtete an-
dachtsvoll vier Bäume, die im Raureif wie
verzuckert aussahen.
Die vorderen Bäumchen zierte neben
dem glitzernden Schneegewand je eine sil-
berne Weihnachtsbaumspitze. Doch
darüber wunderte sich niemand aus der
Familie, denn alle vier wussten genau,
wie die kleinen Tannen zu ihrem Kopf-
schmuck gekommen waren.
Anfang Oktober, an einem
sonnigen Herbsttag

„Kommt mal schnell her und schaut, was


ich entdeckt habe: eine richtige Baumfam-
ilie!“
Begeistert hüpfte Emilia von einem Fuß
auf den anderen und schwenkte ihr Kör-
bchen, sodass ein paar der kleinen Stein-
pilze hinunter auf den Waldboden fielen.
Die Sechsjährige verschwendete keinen
Blick an die in den vergangenen Stunden
mühsam gesammelten Pilze, sondern
winkte auffordernd mit der Hand, als die
Eltern und Markus, die am Rande einer
Lichtung eifrig mit Suchen beschäftigt
waren, ihrer Aufforderung nicht sogleich
Folge leisteten.
„Nun kommt doch schon!“
Ungeduldig stemmte das Kind die freie
Hand in die Hüfte – so wie Emilia es bei
Mutti gesehen hatte, als sich der Papa
nicht vom Fußball im Fernsehen losreißen
und zum Abendessen in der gemütlichen
Wohnküche erscheinen wollte.
Es sah allerliebst aus, wie sie so dast-
and in ihrem dunkelblauen Mäntelchen
und der weißen Wollmütze, unter der
wirre blonde Locken hervorquollen. Die
Eltern verkniffen sich ein Schmunzeln
und der achtjährige Bruder lachte lau-
thals los.
„Milli, du siehst aus wie die schmol-
lende Schlumpfine, von der Mama gestern
Abend vorgelesen hat. Pass bloß auf, sonst
holen sie dich noch weg.“
„Das war doch nur ein Märchen.“
Emilia bedachte Markus mit einem
nachsichtigen Blick, dann fasste sie ihn
bei der Hand und zog ihn ein Stück mit
sich. Die Eltern folgten den beiden.
„Hier seht mal: wie bei uns.“
Das Mädchen deutete auf eine Gruppe
seltsam angeordneter Tannen. „Der Opa,
die Mama, der Papa und ihre zwei
Kinder!“ Sie lief auf die beiden kleinen
Tannen, deren Höhe sich nur um einige
Zentimeter unterschied, und strich über
deren nadelbewehrtes Geäst. Es piekte,
und lachend zog Emilia die Hand zurück.
Die Eltern sahen sich an. Was für
Fantasie ihre Kleine besaß. Doch als sie
genauer hinschauten, fiel ihnen auf, dass
die Baumgruppe tatsächlich irgendwie an
eine Familie erinnerte.
Ganz hinten ragte ein mächtiger alter
Tannenbaum in die Höhe. Davor wuchsen
zwei stattliche Tannen, die so nahe anein-
ander standen, dass sich ihre unteren
Äste berührten. Vor ihnen, nur zwei Sch-
ritte entfernt, standen die Jungtannen in
zartem Grün, gerade so groß, dass nur
ihre Spitzen Emilia überragten.
Die klatschte in die Hände.
„Diesen möchte ich als Weihnachts-
baum in meinem Zimmer, den anderen
soll Markus bekommen“, verlangte sie.
Der Junge nickte begeistert.
Die Eltern überlegten einen Moment
lang. Warum nicht? Wenn es den Kindern
Freude bereitete.
Bisher hatten sie in jedem Jahr einen
gutgewachsenen Baum vom Händler er-
worben, doch konnten sie genauso gut
zum Förster gehen und sich eine Berechti-
gung holen, den Wunschbaum selbst zu
schlagen.
„Ja, so machen wir das! So machen wir
das!“, jubelten die Kinder und tanzten um
die Jung-Tannen herum, kaum dass der
Vater den Vorschlag ausgesprochen hatte.
„Ich bekomme den kleineren, du den an-
deren, weil du mein großer Bruder bist“,
bestimmte Emilia.
Sie war so aufgeregt, dass es mit dem
Pilze sammeln an diesem Nachmittag
nicht mehr viel wurde. Doch für eine Por-
tion für jeden zum Abendbrot würde es
schon reichen.
November, an einem
windig-kühlen Tag

Obwohl es draußen inzwischen keine Pilze


mehr gab und es noch fast sechs Wochen
bis zum Fest waren, quengelte Emilia im-
mer wieder. Sie wollte in den Wald, nach
ihrer Familie Baum sehen. Deshalb
nutzten die Eltern ein sonnig-kaltes
Wochenende, um mit den Kindern hinausz-
ufahren.
„Ein Waldspaziergang an der frischen
Luft kann uns allen nur guttun“, hatte die
Mutter zugestimmt.
An der Lichtung angekommen, hielt es
Emilia nicht mehr bei den Eltern. Sie ran-
nte los, kam als erste bei ihrer Baumfam-
ilie an und stutzte.
Statt der fünf Bäume standen dort nur
noch vier. Die alte Tanne lag gefällt mit
ihrem mächtigen Stamm am Boden, die
Zweige waren abgetrennt und bildeten
einen großen, stacheligen Berg.
„O, nein! Wer hat das nur getan?“
Emilia war die Vorfreude vergangen,
als sie den Baum so hilflos und kahl vor
sich liegen sah.
„Jetzt haben sie keinen Opa mehr. So
wie wir. – Ist er jetzt dort oben im Baum-
himmel?“, fragte sie mit Tränen in den
Augen.
Die Eltern sahen sich betreten an.
Schon im Oktober beim Pilze sammeln
hatten sie die rote Markierung am Stamm
des Baumes bemerkt, deren Bedeutung
sie kannten. Dass ihre Kleine dessen
Schicksal so sehr berühren würde, hatten
sie jedoch nicht geahnt.
Beide trauerten insgeheim um den
kürzlich verstorbenen Großvater, und um
den Kindern den Verlust leichter zu
machen, hatten sie vom Himmel ge-
sprochen, von dem aus der Alte nun auf
sie herabsehen würde.
„Natürlich ist er im Baumhimmel und
passt von dort auf seine Kinder und Enkel
auf, damit ihnen nichts geschieht“, ver-
sicherte der Vater.
Emilia ließ sich jedoch nur schwer ber-
uhigen.
„Und wenn jemand unsere Bäumchen
wegholt, was dann? Lass sie uns gleich
mitnehmen, ja?“, bat sie und wischte sich
die Tränen weg.
„Das geht nicht. Ich habe noch keine
Lizenz vom Förster.“
Der Vater hockte sich auf den Boden
und zog seine Tochter zu sich heran. „Wir
können die Bäumchen jetzt noch nicht fäl-
len, dann sind sie bis zum Weihnachtsfest
nicht mehr frisch und nadeln.“
Emilia machte sich energisch los. „Du
sollst sie doch gar nicht umhauen, dann
sind sie tot und die Eltern haben keine
Kinder mehr. Das will ich nicht!“ Sie fing
erneut zu weinen an.
„Ich denke du willst die Bäumchen
geschmückt in euren Kinderzimmern. Wie
stellst du dir vor, wie das gehen soll?“
Tröstlich streichelte der Vater die feuchte
Wange der Kleinen. Die zuckte ratlos mit
den Schultern. „Jedenfalls nicht um-
hauen!“ Eigensinnig stampfte Emilia mit
dem Fuß auf.
Markus, der an der Hand seiner Mutter
etwas abseits gestanden hatte, fiel etwas
ein.
„Wir könnten die Bäumchen ausgraben
und wie unsere Blumen in einen Topf
pflanzen. Nach Weihnachten bringen wir
sie dann zu ihren Eltern zurück in den
Wald.“
„Ja, das ist toll.“ Augenblicklich ver-
siegte der Tränenstrom und Emilia lachte
über das ganze Gesicht.
„Können wie sie gleich ausgraben und
mitnehmen?“
Noch immer befürchtete das Mädchen,
dass jemand anderes ihren Lieblingen et-
was antun könnte.
„Nicht so stürmisch mit den jungen
Pferden“, wiegelte der Vater ab. „Wir
haben keinen Spaten dabei. – Wir holen
sie am nächsten Wochenende“, versprach
er, als er Emilias enttäuschtes Gesicht
sah. „Versprochen!“

In den kommenden Tagen gab es für


Emilia nur ein Thema: ihre Weihnachts-
bäumchen. Schon am Morgen, wenn die
Mutter sie zur Kita brachte, redete sie von
nichts anderem. Doch am Sonnabend war
sie beim Frühstück ungewöhnlich still.
„Was ist los, Emilia? Heute Nachmittag
fahren wir in den Wald und holen die
kleinen Tannen. Freust du dich nicht
darüber?“
Verwirrt bemerkte der Vater, dass die
Tochter grüblerisch dreinschaute und ihr
Honigbrot kaum anrührte.
„Können wir nicht alle vier Bäume zu
uns in den Garten holen? Dann hat die
Baumfamilie ein neues Zuhause und kann
zusammen bleiben. Und niemand tut ihr
was. Keiner haut sie um.“
„Aber Kind, so große Bäume kann man
nicht mehr verpflanzen“, versuchte der
Vater zu erklären. „Sie haben lange
Wurzeln, die tief ins Erdreich ragen.
Wenn die beim Ausgraben beschädigt
werden, geht der Baum ein. Wir holen nur
die Kleinen. Wie kommst du überhaupt
darauf?“
Emilia schob ihren Teller beiseite und
streckte die Arme aus. Der Vater nahm
sie auf den Arm.
„Der Baum-Opa hat es mir gesagt. In
der Nacht. Er will nicht, dass seine Fam-
ilie auseinandergerissen wird.“
Nach und nach begann Emilia ihren
Traum zu erzählen: „Der alte Tannen-
baum hat zu mir gesprochen. Er hat mich
gefragt, ob es mir gefallen würde, wenn
ich und Markus plötzlich von dir und
Mama getrennt wären. ‚Nein‘, habe ich
gesagt, ‚wir sind doch eine Familie.‘ ‚Wir
sind auch eine Familie‘, hat er geantwor-
tet.“
Die Kleine schmiegte ihren Kopf an den
Hals des Vaters.
„Er hat behauptet, dass seine Enkel es
nicht vertragen, wenn wir sie in einen
Topf pflanzen und ins Haus holen. Sie
brauchen die Kälte und den Waldboden –
und wenn die Erde gefroren ist, können
sie nicht mehr zurück. Stimmt das wirk-
lich?“
Der Vater wollte das Kind nicht belügen
und so nickte er schließlich.
„Dann will ich keinen Weihnachts-
baum!“, entschied Emilia.
„Wir holen einen von woanders“, schlug
die Mutter vor und begann den Früh-
stückstisch abzuräumen.
„Ein Fest ohne Baum, das geht gar
nicht. Wohin soll der Weihnachtsmann
eure Geschenke legen?“
„Auf den Tisch im Wohnzimmer, wo der
große Nussknacker steht“, bemerkte die
Kleine naseweis.
„Bitte Mama, keinen abgehackten
Baum. Ich habe es dem Opa versprochen.“
Als sich Markus der Bitte anschloss,
gaben die Eltern nach.
„Im Supermarkt gibt es ganz echt aus-
sehende Kunststoffbäumchen, die sind
sogar schon geschmückt und mit ein bis-
schen Fichtennadelduft...“ Der Vater hob
ergeben die Schultern.
„Und was machen wir mit den schönen
alten Baumspitzen, die ich noch von den
Urgroßeltern habe, und die bisher zu
keinem Fest fehlen durften?“
Emilia sah die Mama an. Da kam ihr
eine wunderbare Idee. Sie kletterte auf
deren Arm und flüsterte ihr etwas ins
Ohr.
„Was?“ Verblüfft ließ die ihre Tochter
herunter gleiten.
Als Emilia ihren Vorschlag laut
äußerte, schauten auch Markus und der
Vater erstaunt drein.
Doch wer konnte der Kleinen schon et-
was abschlagen.
„So machen wir das. Einverstanden?“,
vergewisserte sich der Vater.
„Ja. Und am ersten Weihnachtstag be-
suchen wir unsere Baumfamilie auf der
Lichtung“, sagten Emilia und Markus ein-
stimmig.
7. Dezember

Merry
Midlifecrisis
Von Anne Brodzinski

Guten Tag.
Ich möchte mich zuerst vorstellen. Mein
Name ist Rudolph oder kurz: Rudi. Bei ein-
igen kommt vielleicht die Erkenntnis, im-
merhin wurde ohne meine Zustimmung ein
nicht sehr nettes Lied über mich ges-
chrieben und wird auch noch alljährlich ge-
sungen.
Ja, ich bin ein Rentier. DAS Rentier
überhaupt, wenn man sich der Sache be-
wusst wird. Und um eines klarzustellen:
Ich habe keine rote Nase, hatte sie nie ge-
habt. Der Songtext beruht auf der Eifer-
sucht eines Rentierkollegen und meiner
damals leicht angeschwollenen Nase auf-
grund eines bösen Virus’. Berühmt zu sein
ist eine heikle Angelegenheit und er-
fordert ziemlich viele Nerven und ein ge-
sundes Selbstbewusstsein. Aber das ist
nicht das, worüber ich heute reden
möchte.
Es geht genau genommen nicht um
mich, sondern um ihn. Ich bin nur ein
Mittel zum Zweck. Aber auch wir Rentiere
haben Gefühle; vielleicht ist das schwer
zu fassen, aber ich hoffe, ich kann Ihnen
das irgendwie verständlich machen.
Fangen wir ganz einfach an. Weih-
nachten. Jedes Kind kennt es und alle
lieben es. Na ja, fast alle. Für manche ist
Weihnachten das Fest der Liebe, für an-
dere wiederum das Fest der Heuchelei,
einige Familien finden an Weihnachten
wieder zusammen, andere zerstreiten sich
bis in alle Ewigkeit, weil die böse
Großtante vergessen hat, dem geliebtem
Stiefsohn des Cousins zweiten Grades
Socken zu stricken.
Weihnachten hat eindeutig an immater-
iellen Wert verloren. Gäbe es Aktien, ich
glaube, sie würden sogar rapide in die
Höhe steigen, aber der eigentliche Sinn ist
nur noch schwer zu finden. Schade. Ich
hätte es nie für möglich gehalten,
Ostereier und Schokoladenweihnachts-
männer friedlich nebeneinander im Su-
permarktregal stehen zu sehen. Aber die
Zeiten ändern sich, und ich als Rentier
und engster Vertrauter des Weihnachts-
mannes muss da wohl durch.
Obwohl das genau genommen nicht das
wahre Problem ist. Die Gier und das Geld-
scheffeln sind gut bekannte Eigenschaften
des Homo sapiens. Ich will damit nieman-
dem auf die Füße treten, aber Sie müssen
wissen, ich komme viel herum und auch
ein Rentier ist durchaus in der Lage, sol-
che analytischen Schlüsse zu ziehen.
Die Modernisierung und Vermarktung
von Weihnachten hat schwerwiegende
Konsequenzen. Alle werden darunter
leiden. Ich habe es schon am eigenen Fell
erfahren und am liebsten würde ich aus
dem Geschäft aussteigen, aber ich hänge
schon zu tief drinnen.
Es geht um ihn. Den Weihnachtsmann.
Ich glaube, er steckt in ziemlichen Schwi-
erigkeiten. Er hat gewaltige Identitäts-
probleme bekommen und seine – gelinde
gesagt – leicht depressive Stimmung
steckt uns am Nordpol alle an. Die Hälfte
der Einpackcrew hat schon gekündigt,
und einige Wunschzettelsammler haben
ihrem Leben ein Ende gesetzt. Und wer
trägt die Verantwortung dafür? Der
Mensch natürlich!
Alles fing damit an, dass der Weih-
nachtsmann sich selbst auf einem der
Werbeplakate von Coca Cola wiederfand.
Sie können sich nicht vorstellen, wie er
getobt hat! Eine Unverschämtheit wäre
das, hatte er gebrüllt. Er habe nie eine
Werbekampagne mit dieser Firma gestar-
tet, er würde schließlich die schwarze
Plempe bis auf den Tod nicht abhaben
können.
Wir stellten natürlich umfangreiche
Ermittlungen an. Ein Sonderkomitee
machte sich auf den Weg zum Hauptsitz
dieser Firma, darunter auch ich. Die
Blicke der Angestellten, als wir durch die
Drehtür traten, brauche ich Ihnen wohl
nicht zu beschreiben. Das Empfangs-
fräulein bekam sogar einen asthmat-
ischen Anfall, sehr unhöflich, fanden wir,
schließlich hatten wir uns alle fein
gemacht. Mein Fell war frisch gestriegelt
und die Hufe glänzten vom Politurfett.
Wie nun das Fräulein keuchend und
krächzend auf dem gewienerten Boden
der besagten Firma lag und ihre ers-
chrockenen Kollegen nach ihrem Inhalat-
or suchten, machten wir uns auf den Weg
zur Chefetage. Hier, so dachten wir,
würden wir die Antworten bekommen,
nach denen wir so verzweifelt suchten.
Wir auserwählten Rentiere trabten also
einen mit rotem Teppich ausgelegten Flur
entlang und gingen schnurstracks in das
Konferenzzimmer. Die darin Anwesenden
begafften uns, als kämen wir vom Mond.
Die Menschen sind schon merkwürdig; sie
wünschen sich das Außergewöhnliche her-
bei und wenn es dann vor ihnen steht,
bekommen alle einen Herzkasper.
Mit zitternder Stimme erklärte uns der
anwesende Leiter, dass sie einen gewissen
Werner Weihmann für dieses Projekt en-
gagiert hätten. Wir waren natürlich skep-
tisch und forderten Beweise, die man uns
schließlich auch brachte. Die Ge-
burtsurkunde und andere Schriftstücke
überzeugten uns. Man zeigte uns das
Kopiergerät, und wir hatten reichlich
Freude daran, es zu benutzen, besonders,
wenn man sich draufsetzt. Doch das nur
am Rande. Mit den kopierten Beweisen
machten wir uns auf den Rückweg zum
Nordpol, aber nicht, ohne uns vorher beim
Empfangsfräulein zu verabschieden und
ihr gute Besserung zu wünschen. Sie
hechelte noch immer.
Der Weihnachtsmann war mit unserem
Ergebnis nicht zufrieden. Das fanden wir
sehr sonderbar, immerhin hatten wir bew-
iesen, dass er es nicht war, der mit Paus-
backen und Rauschebart und Colaflasche
in der Hand auf den Plakaten abgebildet
war, sondern eben jener Werner Weih-
mann. Das brachte das Fass zum Über-
laufen, und mir schlackern noch heute
meine empfindlichen Ohren davon.
Betrug wäre das, brüllte er, sie hätten ein
Abbild von ihm gemacht, ein Double, der
jünger sei als er selbst. Er wäre zu alt,
deswegen hätten sie ihn nicht gefragt.
Überhaupt würde kein Kind mehr nach
ihm schreien, die Industrie käme ihm ja
immer zuvor.
Wir müssen die verlorene Zeit wieder
aufholen! Wir müssen mit der Zeit gehen!
Das war der Schlachtruf des Weih-
nachtsmannes. Und somit auch der Be-
ginn der Krise. Seiner Krise, wohlge-
merkt. Als Erstes wurde das Basislager
vom Nordpol verlegt. Der Nordpol sei viel
zu sehr entlegen, kein Mensch würde es in
Zeiten der Not aufsuchen und der Weih-
nachtsmann müsse schließlich zentral
wohnen, hieß es plötzlich.
So landeten wir in der Dominikanischen
Republik. Sonne, Sandstrand, Meer und
Schirmchencocktails standen nun an der
Tagesordnung. Ich schwitzte beträchtlich
und konnte den Anforderungen nicht
mehr gerecht werden. Rasur!, ordnete der
Weihnachtsmann an und wir Rentiere
trabten brav zu der Schurmaschine. Er
hatte uns unseren Stolz genommen.
Der Weihnachtsmann fühlte sich hinge-
gen pudelwohl. Zu seinen Besitztümern
zählten nun eine Chiller-Lounge, ein
Chiller-Whirlpool, eine Chiller-Hänge-
matte und die Chiller-Bar. Er benutzte
dieses Wort nun recht häufig. So ging er
zum Strand um zu chillen, ging baden, um
zu chillen und mit seinen Buddys
abzuchillen.
Wir erkannten ihn nicht wieder und
begannen uns sichtlich unwohl zu fühlen.
Der Weihnachtsmann blühte regelrecht
auf. Die täglichen Fitness- und Pil-
ateskurse ließen seinen sonst so wohlge-
formten runden Bauch verschwinden und
machten stählernen Muskeln Platz. Nach
einigen Monaten sah er aus wie der An-
abolikanachtsmann – und das in seinem
Alter. Den Bart hatte er sich entfernen
lassen; die Frauen würden auf glat-
trasierte Männer stehen. Wir sahen ihn
nun tagein, tagaus mit freiem Oberkörper
am Strand knien, wo er irgendwelchen
Frauen den Rücken eincremte und ganz
lüstern grinste.
Sie können sich sicher vorstellen, dass
irgendwann der Geduldsfaden reißt. So
war es bei mir. Ich orderte die Rentiere zu
mir; sie alle hatten tiefe Ringe unter den
Augen, waren ganz dürr, und das kurz
geschorene Fell bedeckte kaum den
sonnenverbrannten Körper.
Wir streikten. Die Produktion von Ges-
chenken, von Süßigkeiten und das Anlie-
gen all jener Kinder ließen uns völlig kalt.
Auch die neuste Erfindung des Weih-
nachtsmannes, ein kleiner Jet, mit dem er
schnell und ohne Probleme jeden er-
reichen konnte, betrachteten wir un-
beeindruckt. Er war anscheinend nicht
mehr auf uns angewiesen. Gut, jeder so,
wie er will. Wir haben dieses Spiel schon
zu lange gespielt, und wissen Sie was?
Nach Tagen der reiflichen Überlegung
ließen wir den Weihnachtsmann an
seinem weißen Sandstrand liegen und
machten uns auf dem Heimweg.
Ich denke, Sie können sich vorstellen,
was es heißt, heimzukommen. Jedenfalls
hoffe ich das für Sie, denn wenn nicht,
wird es höchste Zeit.
Einige Tage konnten wir Rentiere in
Frieden und in aller Glückseligkeit leben,
bis der Weihnachtsmann endlich unsere
Abwesenheit bemerkt hatte. Er weinte am
Telefon, ich glaube, er war auf Koks oder
so, er klang zumindest ziemlich stoned.
Wir würden ihm fehlen, er brauche uns
doch, aber er fände es am Meer so krass
cool und wüsste nicht, was er nun machen
solle.
Entscheide dich, sagte ich in den Hörer
und legte auf. Solche verheulten Anrufe
sollten wir ab diesem Zeitpunkt öfter
bekommen.
Die Zeiten haben sich geändert. Ich,
Rudi, habe dies erkannt. Der Weihnachts-
mann ist jetzt flexibler geworden. Eine Ei-
genschaft, die er sich angeeignet hat.
Seinen Posten in der Dominikanischen
Republik hat er allerdings aufgeben
müssen. Es fehlte ihm an Mitarbeitern,
und die Touristen hatten bald die Nase
gestrichen voll von dem selbstverliebten
alten Mann, der in den Discos zu den
neusten Charts abging und auf der
Wasserbanane wie ein Mädchen schrie.
Ich habe gehört, er habe eine Selbst-
findungsgruppe besucht. Seitdem setzt er
auf Teamarbeit. Ehrlich, ich vermisse die
gute alte Zeit. Als wir noch vor den Schlit-
ten gespannt wurden und der Weih-
nachtsmann dick war und seinen roten
Anzug trug. Und jetzt? Jetzt ist er ein
Businessmann geworden, hat seine Büros
in all den Metropolen der Welt und leitet
sein Geschäft von dort, er investiert sogar
in diverse Aktien. Das heimelige Gefühl
von Weihnachten ist komplett verschwun-
den. Ich hätte aussteigen sollen, bin aber
trotzdem noch dabei. Eine Schande,
schließlich trage ich zum Verschwinden
des wahren Weihnachten bei. Ich stehe
Modell, damit tausende von kleinen Plüs-
chrentieren produziert werden. Kurios.
Warum habe ich Ihnen all das erzählt?
Man möchte meinen, auch der Weih-
nachtsmann brauche ein wenig Privat-
sphäre. Aber bei solch einem Anliegen,
was die ganze Welt betrifft, konnte ich
meinen Mund natürlich wieder nicht hal-
ten. Ich schäme mich durchaus. Aber nun
will ich mich verabschieden, ich habe
schon viel zu viel geredet. Von daher:
Frohe kommerzielle Weihnachten!
Euer Rudi
8. Dezember

Auf dünnem Eis


Von Elisa Bergmann

Ich liebe den Winter. Die Welt sieht dann,


aus als wäre sie mit Zuckerguss überzogen,
alles scheint rein und weiß. Die Landschaft
verschwindet unter pudrigem, weißem Sch-
nee und Bäche und Seen frieren zu und
verwandeln sich in blanke Spiegelflächen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern,
wie ich es als Kind kaum erwarten konnte,
bis das Eis endlich dick genug geworden
war und dann nahm ich meine Schlitt-
schuhe und rannte hinaus zum See, um
meine Bahnen darauf zu ziehen.

Es passierte in dem Winter, als mir meine


Eltern erzählten, dass es den Weihnachts-
mann nicht gibt. Ich hatte die größeren
Kinder in der Schule schon öfter so etwas
sagen hören, aber was wussten die schon?
Es war eher ein Gerücht als eine Tat-
sache, und als ich meine Eltern etwas un-
sicher danach fragte, immer in der
Hoffnung, nein, mit dem festen Wissen,
dass sie diese behauptete Ungeheuerlich-
keit aufklären würden, meinten sie stam-
melnd, dass ich ja nun schon ein großes
Mädchen wäre, und dann sagten sie mir
ins entsetzte Gesicht, dass der Weih-
nachtsmann, sein Schlitten und sogar die
Rentiere nur ein Märchen waren. Ich war
total geschockt. Entweder hatten mich
meine Eltern jahrelang angelogen, oder
sie logen jetzt oder erlaubten sich einen
gemeinen Scherz mit mir, denn immerhin
wimmelte es in der Weihnachtszeit ja nur
so vor Weihnachtsmännern. Andererseits
– warum sollten sie denn so etwas
Schreckliches behaupten? Was hatten sie
denn davon?
Ich war verwirrt und traurig, über so
ein übles Geständnis musste ich erst mal
in Ruhe nachdenken. Also zog ich meine
dicke Winterjacke an und setzte die
Pudelmütze auf, die meine Tante Elke mir
gestrickt hatte, dann schnappte ich mir
meine Schlittschuhe und floh zum See
hinaus. Dort fuhr ich Runde um Runde.
Das konnte doch alles nicht wahr sein!
Meine Welt war erschüttert. All die Wun-
schzettel, die ich ihm geschrieben hatte,
und all die Geschenke, die ich jedes Jahr
in seinem Namen bekommen hatte! Bunt
verpackt hatten sie unter dem Weih-
nachtsbaum gelegen, naja, vielleicht
erklärte die Nichtexistenz des Weih-
nachtsmannes ja, warum ich immer so
viele Sachen bekommen hatte, die ich en-
tweder gar nicht gewollt hatte oder ein-
fach doof fand. Es war alles eine Lüge
gewesen, der Weihnachtsmann, das war
immer nur unser Nachbar mit an-
geklebten Bart gewesen, und die Geschen-
ke kamen von Mama und Papa.
So völlig in trübsinnige Gedanken ver-
tieft, war ich etwas zu sehr in die Mitte
des Teiches geraten. Hier war das Eis
dünner und erst als ich es knacken hörte,
merkte ich, in welcher Gefahr ich mich be-
fand. Ich erschrak heftig, stolperte und
setzte mich dann unsanft auf meinen Hin-
tern. Autsch, das würde blaue Flecken
geben! Und da brachen die Tränen endlich
aus mir hervor. Ich schluchzte und der
Rotz lief mir aus der Nase. Meine Eltern
waren ja so gemein! Wie konnten sie mir
nur all die Zeit weismachen, dass es den
Weihnachtsmann gab! So etwas, schwor
ich mir, würde ich niemals mit meinen
Kindern machen, ich würde ihnen von An-
fang an die Wahrheit erzählen!
Da blitzte plötzlich etwas Rotes auf dem
Eis vor mir auf. Erschrocken zuckte ich
zurück, weil ich erst dachte, es wäre Blut,
wie übel hatte ich mir eigentlich den Hin-
tern gestoßen? Vorsichtig strich ich über
das Eis. Kein Blut, und auch nicht auf
dem Eis, sondern darunter. Ich wischte
den losen Schnee beiseite.
Da schwamm etwas unter dem Eis. Ein
sehr großes, rotes Etwas. Mir verschlug es
glatt den Atem, als ich erkannte, dass es
ein Mantel war. Ein Weihnachtsman-
nmantel, und der Weihnachtsmann
steckte noch darin!

Der berühmte dicke Mann mit dem roten


Mantel und dem weißen Rauschebart, der
nun wie Seegras hin und her wogte,
schwamm träge unter der dünnen Eis-
decke direkt unter mir.
Ich brauchte nicht lange nachzudenken.
Auf allen Vieren kroch ich über das Eis
und kehrte wie ein Scheibenwischer die
dünne Schneeschicht weg, bis meine
Handschuhe ganz nass und steif waren.
Mir wurde mächtig warm dabei, und ich
nahm meine Mütze ab, weil es darunter
vor lauter Hitze kaum noch auszuhalten
war.
Ach du meine Güte! Es kam immer
mehr zum Vorschein. Nicht nur der Weih-
nachtsmann, der ja schließlich eigentlich
nicht existierte, schwamm da, da waren
auch seine Rentiere und ein Weihnachts-
baum samt Kugeln und Lametta, Ges-
chenke in allen Farben und Formen, und
wenn man ganz genau hinschaute, lag da
am Grunde sogar der riesige Schlitten,
nicht die Art wie wir Kinder sie zum
Rodeln benutzten, sondern einer von
diesen Dingern, vor die man früher Pferde
gespannt hatte. Pferde oder eben Ren-
tiere.
Es war, als hätte jemand Weihnachten
im See versenkt. Ich starrte hinunter und
bedauerte den Weihnachtsmann ganz
furchtbar, denn wenn es ihn eigentlich
nicht gab, dann würde ihn ja auch
niemand vermissen und er und seine Ren-
tiere würden bis zum Frühling im See
bleiben müssen und den Heiligen Abend
verpassen.
Was sollte ich jetzt nur tun? Zu meiner
Mutter rennen, die jetzt bestimmt in der
Küche stand und Kekse backte, und ihr
sagen, dass da der nichtexistierende
Weihnachtsmann im Dorfteich lag? Sie
würde mir das nie glauben, oder, was
noch wahrscheinlicher war, sie würde
mich eine Lügnerin oder einen Trotzkopf
nennen und mich zur Strafe auf mein
Zimmer schicken.

Was blieb also übrig? Ich musste das Eis


brechen, den armen Weihnachtsmann
herausholen und so Weihnachten retten!
Ja, ich allein würde der Held sein! Und
dann würde ich allen sagen, schaut her,
den Weihnachtsmann gibt es doch! Umso
länger ich darüber nachdachte, desto
klarer wurde mir, dass niemand mehr an
den Weihnachtsmann glaubte und die Er-
wachsenen ihren Kindern die Geschenke
nur deshalb kaufen mussten, weil der
Weihnachtsmann ja hier im See lag.
Was war nur passiert? Vielleicht hatte
Schnee auf dem Teich gelegen und beim
Landen hatten die Rentiere ihn einfach
nicht gesehen. Das Eis war einfach zu
dünn für den mit den Geschenken be-
ladenen Schlitten gewesen, und so waren
sie eingebrochen und untergegangen.
Und dann waren sie ertrunken. Ich war
zwar noch ein Kind, aber ich war ja nicht
doof. Ich wusste, was tot sein hieß. Meine
Oma war schließlich auch schon einmal
gestorben. Tot sein, das hieß, dass man
sich nicht mehr bewegte und auch sonst
gar nichts mehr tat, und das war echt
schlimm! Denn es hieß auch, dass ein er-
trunkener Weihnachtsmann keine Ges-
chenke mehr bringen konnte. Die Art Ges-
chenke, die man sich wirklich wünschte.
Und ich hatte wirklich die Nase voll von
Socken und langweiligen Brettspielen.

Ich musste etwas unternehmen! Ich zog


meine Schlittschuhe aus und begann,
damit auf das Eis einzuhacken, wo es am
dünnsten war. Klar, wurden ihre Kufen
ganz stumpf davon, aber schließlich kon-
nte ich mir ja später neue wünschen.
Es war eine schweißtreibende Arbeit.
Das Eis splitterte und knackte, und ich
hieb immer weiter, bis schließlich ein
kleines Loch entstanden war, durch das
meine Hand passte. Ich griff ins eisige
Wasser und nach dem Stoff des Mantels.
Dann zog ich ihn zu mir heran. Meine
Hand war krebsrot und brannte, der Stoff
fühlte sich ganz schön schwer an, weil er
sich mit Wasser vollgesogen hatte. Ich
kniete auf dem Eis und zog mit aller
Macht daran. Das Eis knirschte und
krachte. Ich wusste, dass es nicht mehr
lange halten würde, aber ich wollte und
konnte einfach nicht aufgeben und
loslassen! Verbissen zerrte ich weiter - das
hier WAR der Weihnachtsmann und es
gab ihn DOCH! – und endlich gab das Eis
nach.

Man sagt ja immer, der Glaube versetzt


Berge, das tut er wirklich, und er bricht
auch Eis. Nicht nur das, er scheint auch
eiskalte Wasserleichen wiederzubeleben,
denn nun bewegte sich die Gestalt unter
dem Eis. Erst zappelte der Weihnacht-
mann nur, dann drückte er mit aller Kraft
gegen die Eisdecke, die ihn im See fes-
thielt. Die Risse im Eis wurden breiter
und endlich, endlich, brach es.

Und dann ging alles furchtbar schnell.


Aus dem Eisloch kroch ein triefnasser
Weihnachtsmann. Ihm folgten ein paar
ebenso durchgeweichte Rentiere. Sie
sahen allesamt aus wie begossene Pudel.
Ich war an das sichere Ufer gelaufen,
als das Eis gebrochen war, und beo-
bachtete alles mit offenem Mund. Da
standen sie, der klitschnasse Weihnacht-
mann, der seinen Bart auswrang, und
seine zähneklappernden Rentiere, die
ganz schön dumm aus der Wäsche guck-
ten.
Dann bemerkten sie mich. Der Weih-
nachtsmann sah nicht besonders glücklich
aus, dabei hatte ich ihn doch gerade ger-
ettet. Nicht dass ich Angst gehabt hätte,
aber weil ihm sicher ganz kalt war, drehte
ich mich um und rannte, nur in meinen
Socken, zu unserem Haus. Ich holte
Handtücher aus dem Badezimmer, wobei
ich extra die mit den Weihnachtsmotiven
heraussuchte, und schlich mich dann an
Mama vorbei zum Schrank unter der
Spüle, wo die Flasche Schnaps, die mein
Vater dort aufbewahrte, stand und stib-
itzte sie. Dabei hinterließ ich überall nas-
se Fußspuren, aber das war mir egal, ich
stürzte so schnell ich konnte mit meiner
Beute zurück zum See.

Sie waren weg. Natürlich waren sie weg.


Ich habe es meinen Eltern beichten
müssen, war ja klar, weil ich wie ein Wir-
belwind durch das Haus getobt war und
Sachen zusammengehamstert hatte.
Meine Eltern machten mir klar, dass das
alles natürlich nie passiert ist. Der See
war am nächsten Tag wieder zugefroren
und es waren auch nirgendwo Spuren von
Rentieren oder einem Schlitten zu finden,
und ich hatte wirklich sehr genau
nachgeschaut!
Ja, es ist nie passiert, aber zu Weih-
nachten standen trotzdem ein paar neue
Schlittschuhe unter dem Weihnachts-
baum, und ich glaube noch immer, auch
im Alter von sechsundvierzig Jahren an
den Weihnachtsmann, und das obwohl
alle sagen, dass es den Weihnachtsmann
nicht gibt und ich auch meinen Kindern
die Geschenke selbst kaufen muss.
Manchmal gehe ich auch noch am See
spazieren und werfe probehalber einen
Blick ins Wasser, natürlich ist es total un-
denkbar, dass da irgendwas unter der
Oberfläche ist, aber der Glaube stirbt
bekanntlich zuletzt und neulich ist auch
etwas äußerst eigenartiges passiert, ich
schaute ins Wasser… und da schwamm
ein Osterei.
9. Dezember

Genfer
Verwechslung
Von Katharina Schultes

Die alte Standuhr, noch von Crobs Oma,


war wohl das einzig wertvolle in der
Wohnung. Nach Whisky und
Kirschschnaps stinkend, hatte das Wal-
nussholz bereits Jahre auf dem Buckel und
berührte fast die Decke. Sie schlug vier, als
es an der Tür klopfte.
Jay und Crobs erwarteten keinen Be-
such, das taten sie nie. Normalerweise
wollten vernünftige Menschen nichts mit
ihnen zu tun haben, aus Angst schief an-
gesehen zu werden, von daher war es eine
kleine Sensation, dass jemand doch In-
teresse zeigte.
„Geh du“, sagte Crobs und hämmerte
mit seinen Daumen auf den A-Knopf.
„Geh selber“, meinte Jay, derweil er
seine digitale Figur verteidigte.
Im Stillen einigten sie sich darauf, dass
keiner ging.
Doch das Klopfen hörte nicht auf, es
wurde energischer und aggressiver, und
Jay, der ein weniger starkes Nerven-
kostüm besaß als sein bester Freund,
stand letztendlich genervt auf.
Er ging zur Tür, fluchend, auf eine
Weise, die selbst keine Kirchengänger er-
röten ließ.
Nun, es sei dem werten Leser voraus
geschickt, dass dies eine Weihnachts-
geschichte ist, wenn auch auf den ersten
Blick eine kuriose. Seien Sie am besten
auf nichts gefasst.
Es haut Sie, hoffentlich, so oder so um.
Denn als Jay seinem Bedürfnis, die Per-
son auf der anderen Seite der dünnen
Holzbretter kräftig zusammenzuschlagen,
nachgeben wollte, setzte er einen Prozess
in Gang, den niemand aufhalten konnte.
Warum, stellt sich gleich heraus.

Wenn man mit einem Kribbeln in den


Fäusten eine Tür aufreißt, sollte man
bedenken, dass der Fremde dahinter mög-
licherweise das Gleiche im Sinn hat.
Jay fiel wie ein Stein um, als ihn etwas
in den Magen traf.
Keuchend, erschrocken und
schmerzverzerrt betrachtete er die Decke
und verstand erst einmal nichts.
Doch dann hörte er das Klackern von
hohen Schuhen, die die Räumlichkeiten
betraten, und mit Anstrengung hob er
seinen Kopf.
„Was zur Hölle geht denn hier ab?“
Crobs, angelockt von dem urzeitlichen
Duft eines schnellen K.o.-Kampfes, be-
trachtete die Szenerie mit dem gleichen
Gefühl wie Jay.
Verwirrung in ihrem reinen Hochpunkt.
Die Dame, die nun im Zimmer stand,
war durchaus schön. Lange Haare, sym-
metrische Gesichtsform und eine Taille,
die einem Mann den Atem rauben konnte.
Doch sämtliche evolutionär bedingten
Genglocken waren ausgeschaltet, denn
wer einen Kumpel mit einem Besen
niederstreckte, wurde grundsätzlich als
Opfer für eine Prügelei abgestempelt, sei
es männlich oder weiblich.
So jedenfalls galt diese unausge-
sprochene Regel.
„Was bist’n du für eine?“ Die Verblüf-
fung brauchte sich langsam auf, und
Crobs kam zum Schluss, dass es Zeit für
Aufklärung war.
Die Lady sah das aber nicht ein. Sie
schloss die Tür hinter sich, wirbelte den
Reisigbesen und knallte ihn mit einem de-
rart siegessicheren Gesichtsausdruck auf
den Boden, dass es laut krachte.
Das war der Augenblick, in dem Crobs
die Kinnlade herunterfiel und er daran
dachte, dass es eine Wohnung war, die
durchaus als „Zuhause“ galt, wie jämmer-
lich, alt und hässlich sie auch sein
mochte.
„Alter! Hast du einen Vollschlag, oder
was?!“ Jay rappelte sich auf, verständ-
nislos und stinksauer. Doch die Frau ging
nicht auf seine Erwiderung ein, sondern
betrachtete ihn nur unterkühlt. Dann ließ
sie ihre stechend bernsteinfarbenen Au-
gen wandern. Sie sah sich langsam um,
als würde sie ihre Umgebung abscannen,
damit sie danach alles punktgenau
wiedergeben konnte.
Nach dieser Prüfung streckte sie ihren
Arm aus und deutete mit ihrem
Zeigefinger und einem tannengrün lack-
ierten Nagel auf Jay.
„Du bist eine absolute Lusche!“
Ihre Stimme klang wie ein eisgekühltes
Bier, nur leider hasste Jay Bier über alles.
Dafür lief ihm ein Schauer über den
Rücken.
Nach diesem vernichtenden Urteil
wandte sie sich an Crobs, dessen Mund
sich noch nicht wieder verschlossen hatte.
Immer noch blickte er mit vor Fas-
sungslosigkeit geöffneten Augen auf die
Gestalt, die sich plötzlich in ihrer
Wohnung benahm, als wäre es ihre ei-
gene.
„Und du“, begann sie nun deutlich zu-
friedener, „hast auch nichts drauf.“
Triumphierend stemmte sie ihre Hand
in die Hüfte und an ihr vorbei lief eine
schwarze, wuschelige Katze, die miaute.
Keiner unserer beiden mittellosen
Gestalten hatte je ein Haustier besessen,
aber viel später kamen sie auf die gleiche
Aussage, nämlich dass der Klang dieses
Miau nach einem unterkühlt-selbstsicher-
en „Geht mir aus dem Weg“ klang.
Die Dame lächelte nun, blickte von
einem zum anderen und als sie wahr-
nahm, dass keiner der beiden eine Reak-
tion zeigte, hob sie die fragend die Augen-
brauen.
„Ich heiße Rachena Adrianna Mecelin
Lowor vom hohen Krähennest. Und ich
bin eine Hexe.“
Sie stapfte an Crobs und Jay mit Selb-
stverständlichkeit vorbei, doch dann dre-
hte sie sich nochmal zu ihnen.
„Wagt es nicht, mir dumme Spitznamen
zu geben, da werde ich schrecklich un-
gemütlich.“
Die Hexe wirkte zufrieden. Die beiden
Jungs jedoch keineswegs.

Crobs, mit seinen halbseits abrasierten


Haaren und den Piercings in Augenbraue,
Nase, Mund, war ebenso wenig ein der
Definition nach „normaler Jugendlicher“
wie Jay, der die Farbe Schwarz be-
vorzugte und gerne auf Friedhöfen her-
umschlich.
Keiner der beiden hatte eine normal
schöne, reizlose Kindheit mit ihren Eltern
und Geschwistern verbracht, in gewisser
Weise waren sie daher ein Klischee.
Doch den beiden war das nicht nur
scheißegal, ihnen war so ziemlich alles
scheißegal.
Dass sie jetzt eine angebliche Hexe in
ihrem Reich stehen hatten, ließ sie den-
noch aus der Gesellschaft des sozialen
Brennpunkts herausstechen.
Diese ließ in der Zwischenzeit weiter
ihre Augen schweifen, möglicherweise in-
teressiert, man konnte es nicht wirklich
erkennen.
„Was, verdammt nochmal, wollen Sie
von uns?“, keifte Crobs in ihre Richtung,
doch das Fräulein ignorierte ihn schlicht-
weg.
„Ihr seid nicht gerade in weihnachtlich-
er Stimmung, was? Kein Baum, es riecht
nicht nach Kardamon und Lebkuchen,
kein Gefühl von Stimmung und Atmo-
sphäre.“
„Sehen wir so aus, als könnten wir uns
so was leisten?“, sprang Jay ein und
schwang seine Arme zu einer allum-
fassenden Geste. „Wir sind froh, über-
haupt einen Ort zu haben, an den wir
hinkönnen!“
Rachena blinzelte. „Seltsam, warum
habt ihr mich denn dann herbestellt?“
„Wir haben dich nicht herbestellt! Wir
haben nicht mal eine Ahnung wer oder
was du bist!“, rief Crobs entsetzt und fuhr
sich durch die schillernd bunt gefärbten
Haare.
Sie legte den Kopf schief. „Aber das hier
ist doch die… Mikadenstraße, oder?
Mikado? Ach, keine Ahnung, ich hab‘s
nicht lesen können.“
Schulterzuckend kramte sie in ihrer
winzigen Tasche und brachte schließlich
einen völlig zerknüllten und nassen Zettel
zutage, den sie Jay in die Hand drückte.
„Das ist keine Handschrift von uns
beiden. Außerdem ist das Englisch!“ Crobs
und Jay starrten sie an, beinahe vorwurf-
svoll.
„Wolltest du vielleicht nach Genf in
Amerika?!“, fragte Jay mit etwas
Hoffnung, die ungebetene Besucherin
wieder loszuwerden.
Die Hexe überlegte, dann schüttelte sie
den Kopf. „Ist doch egal. Ich bin hier, das
zählt.“
„Wir können dich nicht mal bezahlen!“,
warf Jay mit Bedenken ein.
„Und wollen es auch nicht! Ver-
schwinde!“, meinte Crobs unterstützend.
Noch immer wanderten ihre Augen um-
her. Dann erwiderte sie: „Hexen tun nur
das, was sie wollen. Und bezahlt worden
bin ich schon. Bei uns gibt es nur Vork-
asse. Wen interessiert’s schon, von wem.“
„Du musst gar nichts für uns tun, du
kannst gehen!“
„Hast du nicht zugehört? Ich will nicht
gehen, ich habe mein Geld und Interesse,
euch ein schönes Weihnachten zu bereit-
en! Jetzt haltet die Klappe und seid glück-
lich, verdammt nochmal!“, fauchte
Rachena und ging in die winzige Küche,
wohl um sie zu inspizieren.
„Ich hasse sie“, stellte Crobs fassungslos
fest, und Jay kratzte sich am Kopf.
„Was machen wir jetzt?“
„Na, was wohl? Ich schmeiß die Tussi
raus, mit roher Gewalt und einem kräfti-
gen Paukenschlag!“, donnerte der auffäl-
lige, junge Erwachsene und stürmte mit
Entschlossenheit in den Nebenraum, nur
um Sekunden später genauso trittsicher
den Rückwärtsgang einzulegen.
„Wenn du“, begann die Hexe drohend
und hielt einen eleganten Stab vor Crobs
Gesicht, „mich noch einmal mit deinen
Pranken anfassen willst, dann hoffentlich,
um äußerst zärtlich zu sein. Ansonsten
garantiere ich dir eine Verwandlung in
ein Wildschwein. Und glaub mir, pinke
Wildschweine haben in der rauen Wildnis
keine langen Lebenslinien.“
Dann ging sie zurück in den Neben-
raum.
Jay und Crobs sahen sich an. „Super
Weihnachten“, kommentierte Jay trocken.
Es klopfte. Wieder an der Tür.
„Hoffentlich ist es diesmal der dazu
passende Weihnachtself!“, knurrte Crobs
und riss das unschuldige Holz beinahe
aus der Verankerung.
Es war ihr Nachbar, eine einzige Masse
aus Muskeln, und er nickte gen Boden.
„Ist das euer Sarg?“
Stumm wie Fische betrachteten alle die
längliche, schwarze Kiste mitten im Flur.
„Tatsächlich ist das mein Sarg. Darf ich,
bitte? Danke!“ Rachena ließ sich durch
Blicke nicht beirren, schnappte sich einen
Messinghenkel und zog den Aufbe-
wahrungsort für Tote in die Wohnung, die
ihr nicht gehörte.
Jay und Crobs starrten den Nachbar an
und der starrte ohne Regung zurück.
„Macht keinen Scheiß“, sagte er knallhart
und ging.
Crobs schlug sich die Hand vors
Gesicht. „Warum?“, fragte er niemand
bestimmten.
Niemand gab ihm auch keine Antwort.

„Ich gehe einkaufen; einer muss mit und


einer muss hierbleiben.“ Rachena lächelte
erwartungsvoll.
„Du willst also echt so ein Weih-
nachtsding durchziehen?“, wollte Jay wis-
sen und verschränkte die Arme.
Der Sarg lag einfach mitten im Weg
und strahlte das Gefühl von einem
grotesken Witz aus.
„Wenn du einen besinnlichen Abend mit
dem Höhepunkt eines Geschenkeau-
stausches unter einem reich geschmück-
ten Nadelbäumchen im Sinn hast, dann
ja. Aber vorher müssen wir einkaufen ge-
hen. Nicht einmal Mäuse finden hier ein-
en Krümel. Außerdem ist Eile angebracht,
sonst machen die Geschäfte zu.“
„So ein Mist! Ich gehe, damit die keinen
Blödsinn macht. Außerdem kommst du
besser mit so Toten-Kram zurecht. Das
Teil macht mich nervös“, maulte Crobs
und holte eine Jacke.
Dann verließen sie die Wohnung, ohne
zu ahnen, was sie erwarten würde, wenn
sie zurückkamen.

Die Suche nach Lebensmitteln und


geöffneten Läden endete ergebnislos.
Rachena stieß Schimpfwörter und derbe
Flüche aus, die hier besser nicht genannt
werden sollten.
„Mein schaffensreicher Plan ist zu-
nichte!“ motzte sie und warf wütend einen
Schneemann um. „Jetzt muss ich mir was
Neues ausdenken, verdammt nochmal!
Wertvolle Stunden meines Lebens hat
mich der Mist gekostet!“
Der Rückweg war voll von derartigen
Reden, und Crobs wagte es nicht zu er-
wähnen, dass sie einfach hätte früher
kommen sollen. Oder besser gar nicht.
Als sie die Räumlichkeiten betraten,
war es still. Äußerst still.
„Jay?“, rief Crobs irritiert.
„Seid ihr zurück? Oh Gott sei Dank!“,
erklang es von irgendwoher, dumpf und
schallarm.
„Wo bist du, du Vollidiot?“
„Im Bad.“
„Warum?“
„Weil der Sarg sich bewegt hat!“
„Erzähl keinen Scheiß!“
„Genau, erzähl keinen Scheiß! Mr.
Clockwell kann sich gar nicht bewegt
haben! Es ist noch nicht 11 Uhr!“, mischte
sich Rachena ein und erntete einen Blick
von Crobs, den man aufgrund seiner Irrit-
ation nicht beschreiben konnte.
„Er hat sich aber bewegt!“ Jay kam aus
dem winzigen Badezimmer, tastend und
vorsichtig, als traue er der Holzkiste
nicht.
„Blödsinn!“
Die Hexe ging in die Knie und zog ruck-
artig am mit unheimlichen Schnörkeln
verzierten Deckel.
Jay, der diverse Abenteuer in Grüften,
Museen und Kirchen hinter sich hatte, die
beinahe alle mit Polizei und wütenden
Pastoren endeten, hatte noch nie so etwas
Makaberes gesehen.
Crobs Gesicht war beinahe pigmentlos,
als er begann, sich die Schläfen zu reiben,
um möglicherweise einen entspannenden
Effekt zu erzielen.
„Seht ihr? Mr. Clockwell ist regungslos
wie ein Granitblock.“ Rachena lachte über
ihren Scherz, während die Katze in den
Sarg hüpfte und sich auf dem Becken
zusammenrollte.
„Ein Skelett mit einer Weihnachtmütze.
Ich spinne, definitiv“, wisperte Crobs sich
selbst beruhigend und wandte sich ab.
„Ihr seid solche Luschen. Ernsthaft. Die
Toten haben auch Lust zu feiern. Un-
soziale Mistkerle. In anderen Kulturen
bekommen sie Kekse und eigene Weih-
nachtsbäume auf ihre Gräber, damit sie
auch was davon haben.“
Rachena erzählte es derart ruhig, dass
Jay sich setzen musste. Die Sache wuchs
ihm über den Kopf.
„Und jetzt? Es ist fast sechs Uhr. Wir
haben weder einen Baum, noch Geschen-
ke, geschweige denn, was zum Essen“,
meinte er niedergeschlagen.
„Gib‘s doch zu, du bist gar keine Hexe,
sondern nur ein dahergelaufenes Mäd-
chen, das nirgendwo hinkonnte und zufäl-
lig total irre ist“, seufzte Crobs und tat es
Jay gleich.
Dann fielen sie in ihren Trott zurück
und ignorierten den Alltag um sie herum,
indem sie auf ihrer alten Playstation
spielten.
Die Standuhr gab ein krächzendes, knar-
rendes Geräusch von sich, das sieben Uhr
abends bedeutete.
Punktgenau begann es wieder zu klop-
fen.
„Dieser angeblich ‚heilige Abend‘ bringt
mich noch um“, maulte Crobs.
„Achte diesmal einfach nicht drauf“,
schlug Jay vor, und daran hielten sie sich.
Doch zu ihrer Überraschung hörte die
Belästigung kurz drauf auf und eiferte
nicht der Ewigkeit nach.
Jay legte seinen Controller nieder, so
sehr verwirrte ihn dieses Detail.
„Schaust du doch nach?“
„Ja.“
Es dauerte nur einen Moment, dann
kam Jay zurück und zuckte mit den
Schultern.
„Keiner da. Apropos, wo ist eigentlich
diese angebliche Hexe hin?“
Crobs zuckte mit den Schultern. „Der
Sarg ist noch da. Wird schon wiederkom-
men. Was schaust du so?“
„Was zum… “, Jay blinzelte. “Was ist
das?“
Er ging zum verdreckten Fenster und
sah hinaus. Mit einem Ruck drehte er sich
zu Crobs um.
„Was?“
„Das glaubst du nicht!“, keuchte Jay er-
schrocken.
Als sie vor die Tür traten, liefen bereits
Kinder von einem anderen Stock hin-
unter, zwei Mädchen mit bunten
Kopftüchern und ein Junge, dick einge-
packt und mit leuchtenden Augen.
Selbst Großmütterchen Alpha, die
Kettenraucherin vom 8. Stock, quälte sich
die Treppen hinab.
„Kommen Sie“, meinte Crobs seufzend
und hilfsbereit.
„Danke, du kleiner Scheißer“, erwiderte
die Alte liebevoll und krallte sich in seine
Schulter.
„Meinst du, ob das Rachena war?“,
fragte Jay, als sich der Muskelmann mit
seiner dünnen, aber hochschwangeren
Frau an ihnen vorbeiquetschte.
„Keine Ahnung. Wen juckt‘s?“, antwor-
tete Crobs, ganz konzentriert nicht zu
fallen.
„Ihr bringt mich später wieder hoch,
oder?“, wollte Alpha rasselnd wissen.
„Sicher.“
„Gut. Ihr seid zwei nette Junkies.“
„Wir sind keine Junkies.“
„Wenn ihr meint.“
Sie setzten die ältere Dame ab, die sich
schwer auf ihren Stock stützte und davon
humpelte, aber nicht ohne sich einen
Glimmstängel anzuzünden.
Die beiden Freunde sahen sich einen
Augenblick an, dachten an den seltsamen
Spätnachmittag und kamen zur Einsicht,
dass sie nicht wussten, was sie davon hal-
ten sollten.
Daher liefen sie etwas unsicher in die
Kälte hinaus.
Der übliche Anblick von Betonhäusern,
riesigen Parkplätzen und wenig Grün war
verdeckt von frisch gefallenem Schnee
und Dunkelheit, doch in diesem plötzlich
aufgetauchten, seltsamen goldgelben
Licht wirkte alles weicher und nicht ganz
so schrecklich.
Mit Herzklopfen liefen sie auf das
Getümmel zu.
Sie schmeckten Anis, Zimt, Lebkuchen,
Kardamon und Zitronat in der Luft, fühl-
ten die Wärme von Feuer und Menschen,
die näher zusammenrückten, nahmen
diese gewisse Aufregung und Seltsamkeit
um sie herum war.
„Oh man“, hauchte Jay, als sie näher
kamen.
In einem gewissen Sinne gab es keine
Besonderheit. Für manche Menschen war
es etwas, das im Winter dazu gehörte,
eine beschlossene, hübsche Nebensäch-
lichkeit.
„Ein Weihnachtsmarkt.“
Die abgerissenen Jugendlichen sahen
sich um. Überall befanden sich Holz-
stände, aus denen der weihnachtlich-süße
Duft schwebte.
Dort vorn konnte man Glühwein
trinken, auf der anderen Seite ver-
schiedene Plätzchen essen und etwas
weiter hinten gab es kleine, wunderschön
verpackte Schachteln, die man sich holen
konnte.
„Was soll das?“
Jay hatte noch nie so viele Menschen
auf diesem sonst scheußlich grauen Platz
gesehen.
Und es schien niemand auf Probleme
aus zu sein.
Im Gegenteil.
Verwundert über diese plötzliche Kuri-
osität gingen sie weiter. Der Markt erschi-
en riesig, denn an jeder Ecke befand sich
eine andere Spezialität. Heiße Makronen,
schokoladenintensiver Kakao, funkelnde,
kristallartige Glaskugeln, in denen feines
Pulver herumwirbelte, weiche Wolljacken,
Marmeladen und Gelees, Bratäpfel, ge-
backene Birnen, Likör aus Nüssen, wun-
derschöne Krippen aus richtigem Holz,
lebensecht geschnitzte Figuren, sogar ein
kleiner Chor, der derart schöne Lieder
sang, dass Jay weinen wollte.
Und doch waren da diese kleinen Unter-
schiede, die nur Einheimische entdeckten
und derart ungewöhnlich waren, dass es
eine besondere Wirkung hatte.
Die Säufer des Viertels lachten und
tranken zusammen Nussschnaps, bei den
Spielen der Kinder waren alle dabei, die
Mütter unterhielten sich mit den anderen
Müttern, selbst mit denen, die kein
Deutsch konnten. Der Punker umarmte
den Hopper (aber nicht ohne Bierflasche),
Choleriker sprachen mit Melancholikern,
der Schlägertyp mit dem Langweiler.
Es war als hätte sich die Welt in diesem
Drecksviertel mit all den Schmarotzern,
Abgebrannten, vom Schicksal Gebeutel-
ten, Arbeitslosen, Migranten, Typen, die
einfach niemand mochte, Schulabbrechern
und allen andren sozialen Außenseitern
gewandelt.
Für vielleicht nur diese Nacht war alles
irgendwie anders.
Crobs blieb stehen, denn vor ihm stand
die sonst aschgrüne Tanne, behangen mit
Lichtern, die die Farbe wechselten,
Sternen, Strohfiguren, Zinnmännern,
Schaukelpferden, Äpfeln, Lamettafäden,
Lakritzstangen, silbernen Vögeln,
Monden, Plätzchen, Kerzen und allem
Möglichem.
Der Baum wirkte so viel größer, mächti-
ger und beeindruckender, als Crobs ihn in
Erinnerung hatte.
Darunter lagen Geschenke, aber an-
scheinend waren sie keine leeren Hüllen,
denn einige Leute suchten, schienen zu
finden und rissen freudestrahlend das
schimmernde Papier herunter.
Neben dieser beliebten Attraktion be-
fand sich ein Karussell, auf dem Kinder
und auch Erwachsene fuhren. Alte,
liebevoll restaurierte Pferde mit Mähnen,
glitzernd, an Stangen fest gemacht, wie in
einem Fernsehmärchen.
„Wow!“ Jay schaute sich genauso staun-
end um wie Crobs.
Da hatte sich jemand verdammt viel
Mühe gegeben.
„Wollt ihr einen Kinderpunsch?“ Eine
Frau mittleren Alters mit gefärbten,
schwarzen Strähnen und einem ausgeg-
lichenen Gesichtsausdruck hielt ihnen ein
Tablett hin.
„Kostet auch nichts.“
Jay erkannte sie als die Putzfurie aus
dem Untergeschoss, normalerweise ein
keifendes Biest und gegen jegliche Art von
Keimen allergisch. Ihr Hobby war Ans-
chreien anderer Personen, aber das sah
man ihr nicht an. Zumindest nicht in
diesem Moment.
„Was ist das hier? Wo kommt der ganze
Kram her?“, wollte Jay wissen und nahm
sich eine angeschlagene, bienengelbe
Tasse mit Punkten.
Die Furie zuckte mit den Schultern.
„Jemand hat geklingelt, aber niemand
war da. Und plötzlich hab ich so ein
Geklimper gehört. Dann bin ich raus und
das Zeug stand hier. In den Buden war
keiner, aber es war überall was drin.
Heißer Tee, Honigplätzchen, diese Ges-
chenke, der Baum. Alles. Und dann ka-
men immer mehr Leute. Ist doch nett,
oder?“
Sie grinste, ihr selbst angenommener
Job schien ihr zu gefallen.
„Ja, das ist super. Danke“, meinte Jay
und drehte sich zu Crobs um.
„Wir sollten Rachena suchen.“
Er erstarrte, denn Crobs war ver-
schwunden.
„Klasse“, seufzte Jay und schlenderte
weiter.
Der Schneefall wurde eine Spur sanfter,
die Stimmung ausgelassener, und Jay
entdeckte immer mehr.
Eine im Viertel bekannte Punkband
spielte Lieder in einem knalligen Style,
mit hartem Bass, viel Gitarrenklang und
einer dicken Araberin, die dazu sang, in
einer unbekannten Sprache, aber im
weihnachtlichen Kontext.
Zwischen einer Feuertonne und einem
Stand, bei dem man hübschen Schmuck
bekam, erzählte ein Mann festliche
Geschichten, überaus blutig, aber mit
Herzenswärme, und es lauschten ihm er-
staunlicherweise nicht nur Kinder.
Neben den überdimensionalen Weih-
nachtsbaum tanzte eine Gruppe Jugend-
licher, die wohl Engel darstellen sollten,
und etwas weiter rechts spuckte eine
tätowierte Frau im Minirock Feuer,
keineswegs elegant, aber dafür umso
beeindruckender.
Jay bemerkte nicht, wie der Mond
wanderte.
Er besann sich erst wieder der Zeit, als
er in den Menschenwirren eine Gestalt
entdeckte, die ihm irgendwie bekannt
vorkam.
Es war ein Mann mit einem
beeindruckenden Zylinder, er sprach mit
einer kleinen, drahtigen Frau mit überaus
wirren, schwarzen Haaren.
Einen Augenblick lang überlegte er,
aber dann war er sich sicher, dass er ihn
nicht kannte.
Jay ging etwas näher, und auf einmal
drehte sich der Unbekannte um.
„Was guckst du so blöd?“, fauchte die
Frau und verschränkte die Arme.
„Nichts“, wiegelte Jay erschrocken ab
und der Zylindertyp lachte.
„Schön, dass man an Weihnachten nicht
allein sein muss, oder?“ Seine Stimme
klang warm und etwas rau, als würde er
sie nicht oft benutzen.
„Sicher.“ Der Junge in Schwarz lief
weiter, doch seine Augen blieben an der
mysteriösen Erscheinung haften.
„Du bist so ein Vollidiot, Clockwell!“,
zischte die Frau, aber es war leise, denn
das Gedränge nahm zu.
Clockwell? Es dauerte einen winzigen
Augenblick, dann sprang Jays Herz von
einer Sekunde auf die andere in einem
rasend schnellen Takt.
Clockwell war Rachenas Skelett! Wie
viel Uhr war es?
10 Minuten vor 12 Uhr. Wo war Crobs?
Wo war die Hexe?
Zitternd rannte Jay auf den Plattenbau
zu, den bunten Weihnachtsmarkt hinter
sich lassend, nahm er immer zwei Trep-
penstufen, so schnell es seine Beine her-
gaben.
Nach endlos erscheinenden Zeitpunkten
und nach Luft schnappend betrat er die
gemeinsame Wohnung.
Doch sie war leer. Der Sarg war ver-
schwunden, und auch sonst deutete nichts
auf die Besucherin hin.
Jay musste unwillkürlich an das Wort
„Weihnachtswunder“ denken. Es wallte
ein unangenehmes Gefühl in ihm auf.
Dann bemerkte er den Luftzug und sah,
dass das Fenster offen stand.
„Suchst du mich?“
Mit einem halben Herzinfarkt prallte
Jay zurück.
Rachena schmunzelte, denn im fahlen
Licht des Flurs wirkte sie tatsächlich wie
eine Erscheinung.
„Was zum…“, begann Jay verwirrt. Er
wusste, dass er etwas sagen wollte, aber
er hatte keine Ahnung, wie er es formu-
lieren sollte.
„Habt ihr schon meine Geschenke ent-
deckt?“
Die Hexe bewegte sich nicht, der Schat-
ten, den sie warf, schien nicht zu ihr zu
passen.
„Geschenke?“, fragte Jay verwirrt über
die plötzliche Konfrontation.
„Ah, ich verlasse euch doch nicht ohne
Geschenke. Es ist Weihnachten, oder? Das
Fest der Familie und des friedlichen Beis-
ammenseins. Auch wenn das wohl nicht
immer klappt.“
Sie kicherte vergnügt.
„Beeindruckend, was man mit etwas
Aufwand schafft, nicht wahr?“
Stille setzte ein.
Rachenas Blick war aufgeschlossen wie
immer.
„Ihr müsst nicht allein bleiben. Wenn
ihr das nicht wollt, dann sucht euch je-
manden. Auch derjenige der sagt, dass er
nicht allein ist, kann lügen. Seid nicht
dumm und bleibt stolz. Man kann immer
Veränderungen bewirken. Hörst du das?“
Sie deutete auf das Fenster. „Das ist Ver-
änderung, wenn auch nur ein Kieselstein
auf einem Weg.“
Jay lauschte den Geräuschen, dem
Lachen, der Musik, der Glöckchen.
„Aber was…“, begann er.
Doch Rachena war weg.
Und Jay fragte sich, ob sie wirklich
jemals da war.
Er zweifelte ohnehin an seinem Ver-
stand, da machte das bisschen mehr auch
nichts mehr aus.

Crobs lehnte an einem Stand mit kleinen,


heißen Pfannkuchen und starrte irgendwo
hin.
„Hey.“
„Hey“, wiederholte Crobs gedankenlos.
Sie standen eine Weile schweigend beie-
inander, während Jay zu entdecken ver-
suchte, was sein bester Freund be-
trachtete.
Doch er sagte es ihm selbst.
„Siehst du das Mädchen dort? Die
Blonde mit diesem hässlichen Schal? Die
hat mir vor ein paar Monaten einen
geklauten Zehner ihres Freundes in die
Hand gedrückt und gemeint, dass sie Pink
mag. Sie hat gegrinst. Ich dachte, ich
würde sie nicht mehr sehen. Und da vorn
steht sie“, erklärte Crobs leise.
„Deswegen warst du vorhin auf einmal
weg?“, brummte Jay und steckte seine
Hände in die Manteltasche.
Er berührte etwas Knittriges und zog es
verwundert heraus.
Einen Moment beäugte er das Papier.
„Weißt du was?,“ begann er dann mono-
ton.
„Was?“
„Ich glaub, sie war wirklich eine Hexe.“
Crobs reckte den Kopf, achtete kaum
auf Jay.
„Ja, ich glaube es auch.“
Jay schaute sich um, und er sah, wie
der Typ mit dem Zylinder zwinkerte,
winkte und mit einem Besen in der Hand
in den Menschenmassen verschwand. Die
missgelaunte Frau mit den verworrenen
Haaren sprang ihm katzenhaft hinterher.
Nachdenklich betrachtete Jay den Zei-
tungsauschnitt.
„Ein Weihnachtswunder, was?“, mur-
melte er und zog ungläubig die Augen-
brauen nach oben.
„Sie sieht rüber. Ich glaub, sie hat uns
entdeckt. Jetzt kommt sie her, verdam-
mt.“ Crobs grinste.
Beinahe glücklich.
Jay steckte den Zettel wieder weg.
Er stammte aus einer Zeit, die noch
nicht da war; in der er definitiv keinen
Job mehr als Verkäufer in einer billigen
Fast-Food-Kette hatte.
Dann starrte er in den Winterhimmel
hinauf und sah etwas Kleines vor dem
großen Mond.
Rachena hatte einen Hut auf, riesig.
Sie streckte ihm die Zunge raus, machte
das Peace-Zeichen, während sie die Beine
überschlug. Mr. Clockwell, ganz untot,
hielt seinen Sarg fest und grüßte ihn fröh-
lich.
Die kleine, drahtige Frau saß auf seiner
Schulter. Oder auch nicht.
Jay war sich nach den Ereignissen nicht
mehr sicher, was er glauben sollte.
Was brachte es aber auch?
Es war Weihnachten und nach einer
kleinen Unendlichkeit gab es endlich
wieder Geschenke.
Und das war doch das Wichtigste, oder?
10. Dezember

Der alte Ruben


Von Ralph Bruse

Als sie an jenem klirrend kalten Winte-


rabend den schiefen Bootssteg betritt, ist
ihr, als würde sie an die Schwelle einer an-
deren Welt kommen. In gewisser Weise ist
dem auch so, denn die raue Winterwelt
nimmt sie in unsichtbare Arme. Still ist es
hier draußen; still und duster. Jeder Laut
verklungen. Nur der Wind strolcht
säuselnd im im Hafen umher. Masten zit-
tern. Seile surren. Leicht tänzelnde Gischt
schwappt schmatzend ums Holz
schlingernder Bootsleiber. Die große Stille
schluckt alles; auch den allerletzten Piep.
Ein Hafen wie viele. Dennoch dringt die
Ruhe tiefer in alle Sinne ein, als ander-
swo. Drüben, im Dorf, flimmern sieben
Straßenlaternen. Und Festlichter, die aus
manchen Häusern dringen. Hier jedoch,
am Kai, herrscht Tintenschwärze...
Furchteinflößend. Gottverlassen. Hässlich
– und dennoch schön. Jeder Fremde
würde in dieser trostlosen Öde Reißaus
nehmen. Aber das Mädchen, dahinten am
Steg, ist keine Fremde. Sie kennt hier alle
Wege, jeden Winkel; kennt das leise
Raunen des Meeres und losbrechende
Stürme. Natürlich weiß sie auch sämt-
liche Namen der ankernden Boote. Im Mo-
ment interessiert sie sich scheinbar nur
für das eher große Boot am Landsteg. Von
dessen nasser Flanke schimmert schwach
der Name „Ruben“. Der Kutter trägt sch-
licht und einfach den Namen seines kauzi-
gen Besitzers – Ruben.
Das Mädchen entert das Boot; läuft zum
Vorderdeck; trommelt an das ver-
schmierte Glas der Kajütentür. Dahinter
regt sich etwas; wenn auch mit einiger
Verzögerung. Ein Poltern. Noch-
mal...Dann flackert ihr das spärliche
Licht einer Kerze um die Nase. Scheint so,
als würde das Kerzenlicht allein zur Tür
rausschweben – doch der Alte hält es nur
weit von sich – vielleicht, weil er das
Dunkel liebt und Besucher scheut. Dicke
Hände werden sichtbar; knapp dahinter
das runzlige Gesicht. Der Alte ist äußerst
schlechter Stimmung. Er zerrt die Tür
auf; knurrt: „Wat gib‘s denn?!“
Das Kerzenflackern stoppt jäh.
„Wie...Wo?...“ Offenbar ist der späte Gast
erkannt worden, denn der Alte nutzt die
Gelegenheit für ein ausgiebiges Gähnen.
Auch seine Stimmung bessert sich – wenn
auch nur mäßig.
„Mensch Karla, wat geisterst du denn
noch nachts in der Gegend rum?!“ Er holt
die Taschenuhr aus den Tiefen seiner
Cordhose hoch; glotzt sicherheitshalber
zweimal darauf.
„Sag ma‘, biste noch zu retten?! Weißte,
wie spät dat is‘?!“
„Zwei Fragen auf einmal!,“ antwortet
sie schnippisch. Ihr Haar fliegt auf.
„Du hast mir versprochen, dass wir...“
„Jo, hab ich!,“ schnauzt er dazwischen.
„Aber nich‘ mitten inner Nacht!“ Ein hefti-
ger Juckreiz befällt ihn.
„Da, halt ma‘ ..“
Seine dicken Finger rubbeln an Kinn
und Wange lang, dass es Hautschuppen in
die Kerzenflamme rieselt. Karla streckt
die freie Hand vor; rubbelt einfach mit.
Ihr Gekicher stört den Alten, also beendet
er die gemeinsame Rubbelei.
„Nu‘ lass man. Juckt auch nich‘ mehr.“
Er holt sich die Kerze zurück; gibt sich
betont ernst.
„Wenn du schon ma‘ da bist, denn
komm halt rein, oder willste da Wurzeln
schlagen?! Aber dat eine sag ich
dir...Wenn din Mudder mich ‘n Kopp
kürzer macht, weil du mitten inner Nacht
ausbüchst, denn komm ich ohne Kopp
zurück und leg dich eigenhändich über‘s
Knie!“
Wieder das Gekicher des Mädchens.
Natürlich weiß der Alte schon jetzt,
dass er niemals die Hand gegen das Mäd-
chen erheben wird. Kann aber nicht
schaden, ihr klarzumachen, dass es Re-
geln gibt, und dass er eigentlich lieber mit
sich allein ist. Gerade mal zehn ist das
Mädel, aber ‘ne Klappe bis zum Mond.
Und überhaupt: das hier ist mein Kahn.
Da kann ich Selbstgespräche führen, so
oft ich will! Und wenn das der Lütten
nicht passt, kann sie ja abzwitschern.
Hängt mir dauernd am am Hals, die Göre.
Und das elende Jucken geht auch schon
wieder los...!
Diesmal bekratzt er seinen lichten Hin-
terkopf. Währenddessen grübelt er weiter
vor sich hin... Mist nur, dass ich nicht
mehr so gut zu Fuß bin...Da schnappst du
dir neulich eins der spielenden Kinder im
Hafen und schickst es los, zum Konsum.
Bier, Schnaps, Rauchzeug, Schinken,
Käse, Brot – viel mehr braucht der ans-
pruchslose Kahnbesitzer ja nicht. Und
denn kommt die Göre zurück; schiebt sich
den spendierten Lutscher bis zum Ansch-
lag in den Hals und grinst über alle Back-
en. Du bist schon, samt Proviant, im
Bauch des Kutters verschwunden, da
kommt das dünne Stimmchen von der
Reeling: „Soll ich morgen wieder für dich
einkaufen?“
Nee, soll sie nicht. Aber die Lütte glotzt
dich dermaßen herzzerfetzend an, dass du
nur noch: „Ja nu‘, von mir aus,“ sagen
kannst.
Und was haste von dem Tag an?... ‘ne
Klette am Hals und keine Ruh‘ mehr.
Dussel, elender!
2.

Er schlurft in den Maschinenraum, um den


Kahn startklar zu machen. Wohl ist ihm
nicht dabei, drum knurrt er: „Weils ver-
sprochen is‘. Nur deshalb! Damit dat ma
klar is. Und danach sind wir geschiedene
Leute!“
Wieder nach oben, zum Auskuck. Er gibt
sich einen Ruck; ruft das Mädchen an seine
Seite. Sie wirkt etwas eingeschüchtert. Er
legt ihr beruhigend eine Hand ins schmale
Kreuz; sagt: „Ich beiß dich schon nicht.“
Die Matrosenmütze aufgesetzt, zeigt er
ihr die wichtigsten Handgriffe.
Schließlich stampft der Motor volltourig.
Sie fahren raus, Richtung offenes Meer.
Ruben holt seine Taschenuhr hoch,
während sie die Hafenschleuse passieren.
Kurz nach eins; nachts! Komplett
meschugge ist das!
Dennoch zwinkert er dem Mond zu; set-
zt sich das Mädchen auf die Schultern.
„Ganz schön einsam, ne?“, sagt sie nach
einer Weile.
„Is‘ immer so einsam, hier draußen,“
meint er nachdenklich. In seinen glasigen
Augen ein Funkeln. „Hälste nich‘ lang
aus, ohne die Einsamkeit, hier. Is‘ eigent-
lich ‘n Fall für ‘nen Seelenklempner. Aber
der lacht sich bestimmt kringelich und
schickt dich wieder weg, wenn du mit so
schräge Symptome ankommst. Is‘ ja auch
nich‘ lebensgefährlich, so ‘ne kleine Meise.
Machste nix dran.“
Er schüttelt sich.
„An Land sind Seemänner wie Fisch,
ohne Kopp.“
„Nicht so schlimm!,“ lacht Klara. „Dam-
it du an Land nicht so einsam bist, hast
du ja mich!“
„Jo“, flappst Ruben. „Dat macht mich
auch total glücklich.“
Er kniet sich hin; drückt ihr das Steuer-
rad in die Hände – nur ganz kurz – aber
lange genug, um ein hellschallendes:
„Klar Schiff, voraus!!!“, direkt und ungefil-
tert auf die Ohren zu bekommen.
Herrje; die Lütte ist ziemlich plemplem,
denkt er sich. Und du auch, alter Zausel.
Bist genauso döschig wie die Kleine. Da
gibt‘s kein Vertun.
Er lächelt. Gelbbraune Zahnstummel
kommen zum Vorschein. Sieht nicht so
toll aus, die Zahnlandschaft. Aber das
Lächeln schon.

Die See glänzt matt.


Karla hält sekundenlang die Luft an.
Ihre weitaufgerissenen Augen fixieren
den blauschwarzen Himmel.
„Hat der Mond eigentlich Augen? Der
ist nämlich immer genau da, wo wir sind.“
„Weiß ich doch nich‘,“ grantelt er. „Kann
schon sein.“
Ihre Finger krallen sich in die Wolle
seines Pullovers.
„Wieviele Muscheln gibts im Meer?“
„Frag mich ma‘ wat Leichteres.“
„Und Fische?“
„Ja, nu. Reichlich, schätz ich ma‘.“
Ihre großen Augen funkeln. Sie sucht
seine Hand. Ruben wird warm - wun-
derbar und zugleich furchtbar warm. In
seinem Mund herrscht Dürre. Höllen-
durst! Wie gern würde er jetzt einen
Schluck vom Muntermacher nehmen; oder
besser, drei, vier. Um seine Stirn sammelt
sich Schweiß. Er greift zur Schnapspulle...
Da treffen sich ihre Augen...Wie Pfeile,
ihr Blick...Er zuckt zusammen; stellt die
Flasche zurück.
Sie scharrt weiter am spröden Pullover.
„In unserem Viertel sagen alle, dass du
ein versoffener Schnarchsack bist.“
Sie lehnt sich so weit vor, dass die Na-
senspitze das frostweiße Glas im Auskuck
streift.
„Ich finde, du bist ‘n netter Schnarch-
sack.“
„Find‘ ich auch. Besten Dank, Frollein.“
„Bitte, gern, Schnarchsack.“
Herrlich, ihr Kichern!
Er blickt voraus; und überall hin.
Der Wind ist ihnen günstig. Der Kahn
steigt auf und nieder – auf und nieder –
ganz sanft und gleichmäßig, als wolle er
sich, samt Besatzung, bei Nacht und
Nebel verlieren.
Plötzlich fallen mehrere Sternschnup-
pen auf einmal vom Himmel ins Meer.
Und dann Griesel. Nein, Schnee. Wie
schillernde Papierschnippsel, die im Wind
segeln.
Immer mehr Schneeschnippsel tänzeln
umher.
Ruben lacht. Ist lange her, dieses be-
freite Lachen. Sachte rüttelt er das Mäd-
chen.
„Und? Hast dir was gewünscht?“
Langsam rutscht sie von seinen Schul-
tern; lässt ihren Kopf in seiner Halsbeuge
liegen.
„Ja, hab mir gewünscht, dass du..“
Die letzten Worte holt der weiße Wind,
da draußen.
11. Dezember

Ein etwas
anderer
Weihnachtsengel
Von Christine Thomas

Müde stieg Anna Michalski die knarzende


Holztreppe hinauf. Sie fühlte sich noch
halb benommen, denn sie war mal wieder
vor dem Fernseher eingeschlafen und
hochgeschreckt, als sie glaubte, jemand
habe nach ihr gerufen.
„Hast geträumt, Anna. Es ist fast Mit-
ternacht an Heiligabend. Wer sollte da
nach dir rufen?“, sagte sie zu sich selbst,
während sie die Tür zu ihrem Schlafzim-
mer öffnete.
Ein eisiger Wind wehte ihr entgegen,
die Gardine bauschte sich und Schnee
wirbelte herein, um sofort auf dem Dielen-
boden zu schmelzen.
„An das Fenster habe ich ja gar nicht
mehr gedacht“, murmelte die 75-jährige
Frau und zog die Strickjacke noch etwas
fester um ihren rundlichen Körper. An-
scheinend schneite es schon seit geraumer
Zeit, denn vor der Heizung hatte sich
bereits eine kleine Pfütze gebildet, auf der
nun ihr missbilligender Blick ruhte. „So
eine Schweinerei!“
Schnell ging sie zum Fenster hinüber
und schloss es.
Im Licht der Straßenlaterne sah sie die
unzähligen Schneeflocken, die in einem
wilden Tanz vom Himmel wirbelten. Ob-
wohl sie wegen des Wassers auf dem
Boden verärgert war, lächelte sie. „In
diesem Jahr gibt es wenigstens noch mal
weiße Weihnachten. Ich weiß gar nicht,
wie lange es her ist, dass wir am ersten
Weihnachtstag aufgestanden sind und es
lag …“
Sie hielt den Atem an, kniff leicht die
Augen zusammen und öffnete dann
erneut den Fensterflügel, den sie vor
einem Moment erst geschlossen hatte.
Leicht vorgebeugt blickte sie zu dem Haus
auf der anderen Straßenseite.
Ein Lichtschein flackerte hinter einem
der Fenster im oberen Stockwerk. Von
einer Lampe stammte das ganz bestimmt
nicht. Nun bemerkte sie auch den Rauch,
der durch die Fensterritzen quoll.
Mit einer raschen Bewegung schlug sie
das Fenster zu und hastete aus dem
Raum. „Oh, mein Gott, es brennt!“
So rasch wie schon lange nicht mehr
stieg sie die steile Treppe hinunter, denn
das Telefon stand auf einem kleinen
Schränkchen in der Diele. Mit zittrigen
Händen wählte sie den Notruf, lief danach
jedoch mit dem Hörer am Ohr zur
Haustür und öffnete sie. Hatten die Mi-
eter des Kohlgruber-Hauses schon be-
merkt, in welcher Gefahr sie schwebten?
Es schien nicht so, denn drüben blieb
alles still.
Ein Mann nahm den Notruf an.
„Hier ist Michalski. Ich wohne in der
Sandsteinstraße.
Es brennt im alten Kohlgruber-Haus.
Da sind Leute drin.“
Der Mann ließ sich von Annas Aufre-
gung nicht anstecken. „Sandsteinstraße.
Welche Hausnummer?“
„Zehn. Bitte, beeilen Sie sich! Eine
Familie mit zwei Kindern lebt in dem
Haus.“
„Ich schicke sofort Hilfe. Gehen Sie
hinüber, klopfen oder klingeln Sie, um die
Bewohner aufmerksam zu machen.“
Anna nickte, obwohl der Mann am an-
deren Ende es natürlich nicht sehen kon-
nte. „Ja, das mache ich.“
Sie legte auf, zog ihre warmen Stiefel
an und entriegelte die Haustür. Den
Schlüssel steckte sie achtlos in die Tasche
ihrer Strickjacke. „Du liebe Güte, hoffent-
lich passiert den Leuten nichts. Die
Kinder sind doch noch so klein.“
Die alte Frau eilte hinaus. Ihre Schritte
knirschten auf dem Schnee, als sie ihren
kleinen Vorgarten durchquerte. Der
heulende Ton des Feueralarms durchbra-
ch bereits die Stille der Nacht. Zum Glück
war das Feuerwehrhaus nicht weit ent-
fernt.
Annas Blick wanderte zu dem Fenster
hinauf. Ja, es flackerte immer noch.
Mit gesenktem Kopf überquerte Anna
die Straße. Trotz der Eile tat sie es mit
einer gewissen Vorsicht, denn es war
recht glatt.
Einen Moment später klingelte sie mit
der einen Hand, während sie mit der an-
deren gegen die Tür hämmerte.
„Wachen Sie auf, es brennt!“, schrie sie
ein ums andere Mal. „Hören Sie mich?
Hallo, wachen Sie doch auf!“
Im Haus wurde es endlich lebendig. Sie
hörte laute, aufgeregte Stimmen, Husten.
„Geh, Martina, bring Jonas in Sicher-
heit!“, schrie ein Mann.
„Was ist mit Paula?“, kreischte die
Frau.
„Verschwinde endlich, Martina! Ich
kümmere mich um Paula!“
Das Trampeln von eiligen Schritten auf
der Treppe erklang.
Die Tür wurde aufgerissen. Eine junge
Frau in einem Flanellpyjama erschien mit
einem weinenden Baby auf dem Arm. Sie
hustete, Tränen rannen über ihr Gesicht.
Ein kurzer Entsetzensschrei ertönte,
der in einen Hustenanfall überging. Eine
Tür wurde zugeschlagen.
Anna legte den Arm um die Frau und
drängte sie sanft, aber bestimmt hinüber
auf die Straßenseite, wo ihr eigenes Haus
stand. „Die Feuerwehr ist bereits in-
formiert. Sie kommen bestimmt jeden Mo-
ment.“
Die junge Frau war völlig aufgelöst.
Nervös zupfte sie an der Decke, in die ihr
Baby eingewickelt war, um es vor dem
herabfallenden Schnee zu schützen. Dabei
murmelte sie in einem fort den Namen
ihrer Tochter.
Der Ton der Martinshörner klang nun
lauter, näher.
Anna drückte sanft den Arm der jungen
Frau. „Hören Sie? Die Feuerwehr ist
schon ganz nah. Sie werden Ihre Tochter
finden und retten. Ganz bestimmt.“
Paulas Mutter blickte zu dem Fenster,
hinter dem das Feuer deutlich zu sehen
war. „Das dort ist das Zimmer meiner
Tochter.“
„Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Frau
…“
„Martina Niklaus.“
Aus dem Haus stolperte nun Manfred
Niklaus, ebenfalls im Pyjama, ohne das
Kind, jedoch mit einem dicken Schlüssel-
bund in der Hand. Er wirkte völlig pan-
isch und konfus.
Seine Frau stieß einen Schrei aus. „Wo
ist Paula?“
Ihr Mann reagierte nicht, rannte
stattdessen zur Garage, die rechts vom
Haus lag. Mit fahrigen Fingern suchte er
nach einem bestimmten Schlüssel, wobei
er drei Mal das Bund fallen ließ, ehe er
endlich erfolgreich war.
„Manfred, was tust du denn da?“, schrie
Martina Niklaus, doch auch jetzt wandte
ihr Mann sich nicht einmal nach ihr um.
Anna blickte nach links die Straße
entlang und da sah sie die Rettungs-
fahrzeuge um die Ecke biegen. Ihre
blauen Lichter erhellten die Dunkelheit.
Nur die Martinshörner hatten sie abges-
tellt.
In den Häusern ringsum wurden nun
die Lichter eingeschaltet, Rollläden in die
Höhe gezogen, Fenster geöffnet und
wieder geschlossen.
Kurz darauf kamen die Anwohner nach
draußen. Im Laufen zogen sie noch die
Jacken an, knöpften sie zu oder zogen die
Reißverschlüsse in die Höhe. Vor Annas
Haus fanden sie sich ein, um von dort aus
zu gaffen.
Die Feuerwehrfahrzeuge hielten auf der
Straße. Männer und Frauen in
Schutzkleidung quollen heraus, stülpten
sich die Helme auf die Köpfe. Befehle wur-
den gebrüllt, Schläuche ausgerollt.
Ein Feuerwehrmann eilte auf die Um-
stehenden zu. Er wandte sich an Martina,
die in ihrem Pyjama und den Plüsch-
hausschuhen hervorstach. Deshalb
wandte er sich an sie. „Ist Ihre Familie in
Sicherheit?“
Anna sah, dass Paulas Vater einen
Gartenschlauch aus der Garage heran-
schleppte und versuchte, diesen an dem
Wasserhahn außen am Haus an-
zuschließen.
„Unsere Tochter Paula ist noch da
drinnen. Bitte, holen Sie sie da raus!“, fle-
hte Martina.
Fauchend brach das Feuer durch die
Wand aus Lehm und Stroh. Die Fenster-
scheibe platzte, Glassplitter regneten
herab. Die Umstehenden schrien auf,
Manfred Niklaus duckte sich und hielt die
Arme schützend über den Kopf.
Ein Feuerwehrmann lief zu ihm hin
und redete auf den Mann ein. Im gleichen
Moment kam ein Rettungswagen die
Straße entlang, drehte in der Einfahrt von
Annas Nachbarn und fuhr rückwärts an
den Straßenrand. Zwei Sanitäter
sprangen heraus und öffneten die hinter-
en Türen.
Inzwischen war es dem Feuerwehr-
mann gelungen, Manfred Niklaus den
Schlauch aus den Händen zu nehmen. Er
führte den hustenden Mann zum Rettung-
swagen, wo die Sanitäter sich um ihn
kümmerten.
Anna schob Martina Niklaus ebenfalls
dorthin. Sofort legte einer der Männer den
beiden Frauen wärmende Decken um die
Schultern.
„Wasser marsch!“, kam das Kommando
des Brandmeisters.
Ein dicker Wasserstrahl schoss aus dem
Schlauch und traf das Fenster, hinter dem
das Feuer tobte.
Drei Männer, ausgestattet mit Atems-
chutzgeräten, drangen durch die Eingang-
stür in das Haus ein. Dorthin richteten
sich alle Blicke.
Anna Michalski bemerkte mit einem
Mal aus dem Augenwinkel eine Bewe-
gung. Als sie den Kopf ein wenig drehte,
sah sie einen weißhaarigen Feuerwehr-
mann, der über den schneebedeckten
Rasen neben dem Haus zur Straße schritt,
ein kleines Mädchen an der Hand hal-
tend.
Anna hielt den Atem an. Ihre rechte
Hand legte sich in einer unbewussten
Geste auf ihr Herz, während sie den Blick
auf den Mann richtete.
Auch Martina Niklaus sah ihn. „Paula“,
flüsterte sie. „Er hat Paula an der Hand!“
Die Decke fiel zu Boden, als sie Anna
das Baby in den Arm drückte. So schnell
sie konnte rannte sie über die Straße.
Anna wäre ihr gern gefolgt, doch ihre
Füße schienen am Boden festzukleben.
Neben einem Lorbeerstrauch trafen der
Feuerwehrmann und Martina aufeinan-
der und letzte konnte glücklich ihre
Tochter in die Arme schließen.
„Frohe Weihnachten“, wünschte der
Feuerwehrmann.
Martina antwortete nicht. Mit Paula
auf dem Arm machte sie sich auf den Weg
zum Rettungswagen.
Anna Michalski schaute kurz zu den
Feuerwehrleuten und Zuschauern
hinüber. Bemerkte denn niemand, was
sich hier abspielte? Doch sie alle schienen
entweder zu beschäftigt oder viel zu gefes-
selt von den Dingen zu sein, die sich bei
der Haustür abspielten.
Annas Blick kehrte zu dem Mann
zurück. Er lächelte und seine Lippen
formten: „Frohe Weihnachten, Anna.“
Dann wandte er sich ab, um mit schnel-
len Schritten den gleichen Weg zurück-
zugehen, den er gekommen war.
Einen Moment lang war Anna versucht,
dem Mann zu folgen, doch dann ließ sie
es. Sie wandte sich dem Rettungswagen
zu und blickte ins Innere. Paula saß auf
dem Schoß ihrer Mutter und wurde vom
Arzt untersucht.
Wenige Minuten später beendete er
seine Untersuchungen. „Es sieht so aus,
als hätte Ihre Tochter großes Glück ge-
habt. Da es Heiligabend ist, könnte man
fast an ein Wunder glauben.“
Martina fiel mit einem Mal etwas
Wichtiges ein. Sie setzte Paula auf den an
der Wand befestigten Hocker, ehe sie zur
Seitentür ging und sich suchend um-
blickte.
Ihr Mann, der noch auf der Trage saß,
sah sie fragend an. „Was suchst du?“
Ratlos schaute Martina herum, doch der
Schein der Straßenlaternen reichte nicht
aus, um die Gesichter aller Männer zu
beleuchten. „Den weißhaarigen Feuer-
wehrmann, der Paula gerettet hat. Wo
mag er sein?“
Anna Michalski seufzte. „Er ist gegan-
gen.“
„Apropos gehen. Wo werden Sie denn
jetzt unterkommen?“, erkundigte sich der
Notarzt.
„Wenn es keine Verwandten gibt, die
Sie bei sich aufnehmen wollen, können Sie
gern bei mir bleiben“, schlug Anna vor.
„Mein Haus bietet ausreichend Platz für
uns alle.“
„Das können wir unmöglich annehmen,
Frau …“, wehrte Manfred ab.
„Michalski. Sie dürfen mein Angebot
ohne schlechtes Gewissen annehmen,
Herr Niklaus, denn wenn ich etwas anbi-
ete, dann meine ich es auch so.“
Beschämt senkte Martina den Blick.
„Ich weiß nicht. Es ist Weihnachten und
alle Menschen sind beschäftigt. Sie
bekommen Besuch von ihren Familien …“
„Vielleicht andere Menschen, aber auf
mich trifft das nicht zu“, unterbrach Anna
sie. „Keine Widerrede! Kommen Sie, Sie
sind ja schon ganz durchgefroren.“
Rigoros fasste sie Martina am Arm und
zog sie mit sich. Deren Mann blieb nichts
anderes übrig, als den beiden Frauen mit
Paula auf dem Arm zu folgen.
Als sie sich dem Haus näherten, stieß
Anna einen Seufzer aus. „Ach, du je, da
habe ich in der Aufregung völlig ver-
gessen, die Tür zu schließen.“
Sie traten ein. In der Diele war es kalt
und Anna schloss schnell die Haustür.
„Die Küche ist rechts und dort ist es
auch warm. Ich bereite uns sofort einen
Tee zu und für Paula eine Tasse Kakao.“
Martina ging mit dem Baby auf dem
Arm voran in die große Wohnküche. Neu-
gierig schweifte ihr Blick herum und blieb
an einer der Fotografien an der Wand
hinter dem Esstisch hängen. Sie stutzte.
„Das ist er!“
Sie wandte sich zu ihrem Mann um und
wiederholte: „Das ist der Mann, der Paula
gerettet hat. Ich erkenne ihn wieder.“
Sie drehte sich zu Anna Michalski um.
„Ist das Ihr Mann?“
Die alte Frau nickte. Stolz schwang in
ihrer Stimme, als sie erklärte: „Ja, das ist
Claudius. Für mich war er mein Leben
lang ein ganz besonderer Mensch. Bis zu
seiner Pensionierung war er Feuerwehr-
mann.“
„Wo ist er?“, wollte Herr Niklaus wis-
sen. „Wir würden uns gern bei ihm be-
danken, obwohl es eigentlich keinen Dank
gibt, der groß genug ist für das, was er
getan hat.“
Einen Moment lang blieb die alte Frau
still. Tränen glitzerten in ihren Augen
und rannen von dort über ihre Wangen.
Sie sah das Foto an und wusste plötzlich,
dass wirklich jemand nach ihr gerufen
hatte, als sie schlafend auf der Couch lag.
Jemand, der gewollt hatte, dass sie das
Feuer im alten Kohlgruber-Haus be-
merkte.
„Ich fürchte, das wird nicht möglich
sein, denn …“
Sie legte eine kurze Pause ein. „... mein
Claudius ist vor vier Monaten gestorben.“
12. Dezember

Ein himmlisches
Weihnachten
Von Savannah Paris

Engel Albert seufzte tief. In den letzten


Jahren war es immer dasselbe, was sich
die Kinder wünschten: eine Spielekonsole,
ein Computer, ein iPhone. Noch ein Com-
puter. Ein BMX-Rad. Er sah von den Wun-
schzetteln auf und gähnte. Seit Hunderten
von Jahren arbeitete er für das Christkind
und brachte jedes Jahr zu Weihnachten die
gewünschten Sachen zu den Kindern, aber
es wurde immer langweiliger und eintöni-
ger. Es gab Zeiten, da wünschten sich die
Kinder Frieden, oder einmal wieder
richtig satt zu werden. Auch Gesundheit
und ein Geschwisterchen standen schon
ganz oben auf der Wunschliste, aber
heutzutage ... Müde beugte sich Engel Al-
bert über die nächsten Wunschzettel.
Noch ein Gameboy. Ein MP3-Player. Doch
auf einmal stutzte er. „Ich wünsche mir,
mich von meinen Eltern verabschieden zu
können“ stand auf dem Wunschzettel in
einer ungelenken Kinderhandschrift. Ab-
sender war Philipp, 6 Jahre alt.
Engel Albert stand auf. Die Müdigkeit
war wie weggeblasen. Er musste unbe-
dingt wissen, was sich hinter diesem
Wunsch verbarg. Mit eiligen Schritten
ging er zum himmlischen Fernseher, der
ihm anzeigte, was in den Wohnungen und
Häusern auf der Erde geschah. Und da
sah er Philipp. Der Junge saß in einem
kleinen Zimmer, das inmitten eines
großen Gebäudes lag, und malte in einem
Malbuch. Draußen schneite es dicke
Flocken, ein paar Kinder bauten einen
Schneemann, andere machten eine Sch-
neeballschlacht, doch Philipp saß alleine,
seine großen, traurigen Augen auf das
Malbuch gerichtet. Und Engel Albert
ahnte, was sich hinter seinem Wunsch
verbarg. Denn das Gebäude, in dem Phil-
ipp saß, war kein gemütliches Heim mit
Eltern, einem Haustier und einer
Großmutter, die mit den Kindern Weih-
nachtsplätzchen buk, sondern ein Waisen-
haus.
Noch in dieser Nacht flog Engel Albert
auf die Erde. Es war die Nacht vor Weih-
nachten, die Erde lag ganz still. In ein
paar Häusern brannten Lichter, weil
fleißige Heinzelmännchen die Weih-
nachtsstuben vorbereiteten und Engel die
Geschenke unter den Weihnachtsbaum
legten. Aber sonst schlief alles tief und
fest.
Leise huschte Engel Albert in Philipps
Zimmer.
„Philipp“, flüsterte er. „Wach auf!“
Zuerst bewegte sich der Junge nicht,
aber als Engel Albert ihn schließlich sanft
an der Schulter zupfte, wachte er auf.
„Wer bist du denn?“, fragte er mit
großen Augen, als er den strahlenden En-
gel an seinem Bett erblickte.
„Ich bin Engel Albert, und ich bin hier,
um dir deinen Wunsch zu erfüllen“, ant-
wortete Albert. Dann reichte er dem Jun-
gen seine dicken Wintersachen. „Komm
mit.“
Nur wenig später liefen die beiden aus
dem Waisenhaus hinaus in die Winter-
nacht. Das heißt, Engel Albert schwebte
lautlos über die Erde, und Philipp lief, so
dass der Schnee unter seinen Füßen
knirschte. Sie gingen durch die Stadt bis
zum Waldrand, wo die Tannen unter der
Schneelast leise ächzten.
„Hier“, flüsterte Albert. „Wir sind da.“
Es war kaum zu erahnen und für einen
zufälligen Spaziergänger mit Sicherheit
absolut unsichtbar, aber an einer der
Tanne leuchtete ein feines, zartes Licht.
Es schien von innen zu kommen, so fein
war es, und auch etwas Musik war zu
hören, so sanft und weich wie ein fernes
Glockenläuten.
Engel Albert berührte den Stamm der
Tanne mit seiner Hand, da öffnete er sich
plötzlich und eine Tür erschien. Zusam-
men mit Philipp betrat er den Stamm, der
sich innen als eine große, helle Halle ent-
puppte. Und auf einmal wehte ein starker
Wind in der Halle, so dass Philipp seine
Mütze festhalten musste, es wirbelte und
drehte um ihn herum.
„Was passiert hier?“, rief Philipp durch
den windigen Trubel.
„Das ist ein geheimer Weg in den Him-
mel“, erklärte Albert. „Der ist eigentlich
nur für Engel bestimmt, du darfst
niemandem verraten, dass ich dich herge-
bracht habe.“
Philipp war so mit Staunen beschäftigt,
dass er ganz vergaß zu antworten. Denn
plötzlich legte sich der Wind, und vor
ihnen breitete sich der Himmel aus.
Strahlend hell und wunderschön.
„Wow“, staunte Philipp. Aber noch viel
mehr staunte er, als plötzlich zwei
Menschen auf ihn zukamen, seine Eltern.
„Mama! Papa!“, rief er und lief auf die
beiden zu. Der Vater breitete seine Arme
aus, um den Jungen aufzufangen. Dann
schwang er ihn in einem hohen Bogen
durch die klare Luft des Himmels. Philipp
lachte aus vollem Herzen, wie auch seine
Mutter und sein Vater. Und plötzlich kam
auch noch Murkel, sein kleiner Hund, der
vor Jahren eines Tages einfach ver-
schwunden war, aus einer Wolke auf-
getaucht, und bellte Philipp glücklich an.
Philipp wandte sich an Albert. „Meine
Eltern sind eines Morgens ins Auto gestie-
gen, aber ich war zu müde, um tschüss zu
sagen. Und sie sind nie mehr wieder
gekommen“, erklärte er.
„Ich weiß“, sagte Engel Albert. Es war
ein böser Unfall, der die beiden aus dem
Leben gerissen hatte, Alberts En-
gelkollege hatte damals noch versucht, die
Kollision zu verhindern, aber es war ihm
nicht geglückt. Die Eltern hatten ihren
Sohn nie wieder gesehen. Und Philipp
musste lernen, ohne ihre Liebe und Für-
sorge auszukommen, so dass sich seine
kleinen Schultern unter der Last der Ein-
samkeit und Traurigkeit beugten. Doch
nun konnte er sie wiedersehen. Er ver-
grub sein Gesicht im Haar seiner Mutter,
wie er es als ganz kleiner Junge immer
getan hatte. Er roch den Duft ihrer Haut,
spürte die Wärme ihrer Hände. Er setzte
sich auf die breiten Schultern seines
Vaters und tobte mit ihm über den Boden.
Für eine kurze Zeit war er wieder un-
beschwert und glücklich, doch dann
musste Engel Albert mit ihm zurück auf
die Erde.
Dieses Mal verabschiedete sich der
Junge lange von seinen Eltern. Auch
Hund Murkel umarmte er noch einmal
kräftig, dann stand er wieder an Albert
Seite.
„Danke“, sagte er, nachdem er seinen
Eltern ein allerletztes Mal „Auf Wiederse-
hen“ gewinkt hatte. Eine Träne zitterte
im rechten Augenwinkel, aber seine
Schultern waren ein bisschen aufrechter.
„Jetzt weiß ich, dass es ihnen im Himmel
gut geht.“
„Gern geschehen,“ antwortete Albert.
„Sie sind auch glücklich, dass du so ein
tapferer Junge bist.“ Er zögerte einen Mo-
ment, dann beugte er sich zu dem Jungen.
„Vergiss nicht, Philipp, du darfst nieman-
dem erzählen, dass ich das für dich getan
habe. Es ist für Engel streng verboten,
Menschen in den Himmel zu bringen und
dann wieder zurück zu führen.“
Der Junge nickte. „Ich erzähle es
niemandem.“
Nachdem er Philipp wieder in sein Bett
gebracht hatte, kehrte Engel Albert
zurück in den Himmel und sortierte die
Gameboys, Spielekonsolen, Computer und
iPhones. Er musste sich beeilen, um die
Geschenke rechtzeitig abzuliefern, doch
als er danach mit den Geschenken auf der
Erde aus der Tanne stieg, blieb er wie an-
gewurzelt stehen. Denn vor ihm stand ein
Kind neben dem anderen. Das ganze
Waisenhaus befand sich vor der himmlis-
chen Tanne! Riesige Kinderaugen sahen
ihn an, manche bittend, andere neugierig.
„Es tut mir leid, ich habe mein Ver-
sprechen nicht gehalten“, sagte Philipp
geknickt, der ganz vorne vor der Kinder-
schar stand. „Meine Freunde möchten
auch gerne noch einmal ihre Eltern se-
hen.“
Engel Albert seufzte tief und kämpfte
mit sich. Doch dann nickte er. Er stellte
den Sack mit den vielen Geschenken zur
Seite und öffnete die Tür zum Himmel.
Ein Kind nach dem anderen schlüpfte
hinein, bis der Himmel von fröhlichem
Kinderlachen widerhallte. Die Kinder
spielten mit ihren Eltern, spürten die nie
vergessenen Umarmungen und Küsse,
hörten ihre Stimmen, die sie sonst nur
noch in ihren Träumen hören konnten,
fühlten die Liebe, die ihnen einst gehörte.
Es rollten ein paar Tränen, aber in allen
Kinderaugen leuchtete das helle Licht des
Glücks. Auch dann noch, als sie später
unter dem Christbaum im Waisenhaus
saßen, Weihnachtslieder sangen und ihre
Familienfotos ganz fest in den Händen
hielten.
Und obwohl Engel Albert das komplette
Weihnachtsfest im Himmelsarrest ver-
bringen musste, weil er gegen die himml-
ischen Regeln verstoßen hatte, so war
auch er glücklich. Auch für ihn war es das
schönste Weihnachten seit sehr, sehr,
sehr, sehr langer Zeit.
13. Dezember

Konferenz mit
den Sternen
Von Sabrina Heilmann

„Maman, erzählst du uns eine


Geschichte?“, fragte meine achtjährige
Tochter Amalia, nachdem ich sie zugedeckt
hatte. Luce, mein Sohn, wurde sofort hell-
hörig, krabbelte zu seiner zwei Jahre älter-
en Schwester ins Bett, und so sahen sie
mich nun an, mit ihren großen dunklen
Augen, die sie zweifelsohne von meiner
Mutter geerbt hatten.
„Eine Geschichte soll ich euch erzählen?
Welche wollt ihr denn hören?“ Ich sank
auf den letzten freien Platz im Bett und
kuschelte mich zu meinen Kindern in die
Decke.
„Eine neue Geschichte“, sagte Amalia.
„Ja, eine neue“, stimmte mein Sohn zu.
Denkt nicht, dass meine Kinder sich im-
mer wieder mit den gleichen Geschichten
zufrieden gaben. In der Woche wollten sie
mindestens vier neue hören. Ich war
ihnen schutzlos ausgeliefert, während
mein Mann vorm Fernseher saß und die
Beine hochlegte.
„Seid ihr sicher, dass ihr nicht die
Geschichte von Linda und dem Drachen
hören wollt?“, fragte ich, in der Hoffnung,
doch noch mit einem blauen Auge dav-
onzukommen.
„Nein, wir wollen eine Weihnachts-
geschichte hören“, drängelte mein Sohn.
Ich wusste es. Heute war der 1. Dezember
und meine Kinder waren schon völlig in
Weihnachtsstimmung.
„Und Onkel David soll darin vorkom-
men“, kam meine Tochter auf eine
großartige Idee und rief damit eine ver-
steckte Erinnerung hervor.
David und ich kannten uns seit der
Schulzeit, zogen sogar in eine WG und
waren noch heute unzertrennlich. Ich kon-
nte mit ihm über all meine Probleme
sprechen, und er passte gelegentlich auf
die Kinder auf, wenn mein Mann und ich
uns mal wieder einen Abend allein gönnen
wollten. Es war echter Luxus, so einen be-
sten Freund zu haben, dem man einfach
blind vertraute. Selbst mein Mann gest-
and sich vor kurzer Zeit ein, dass David
ein Heiliger sei. Und das war er wirklich.
„Maman“, holte meine Tochter mich
zurück in die Gegenwart, und ich dachte
darüber nach, wie ich aus meiner Erinner-
ung über ihren wundervollen Onkel David
eine Geschichte für sie basteln konnte.
Doch dann bekam ich eine Idee. „Ich
werde euch jetzt jeden Tag ein neues Kap-
itel der Geschichte erzählen.“
„Und es ist eine Weihnachts-
geschichte?“, wollte meine Tochter noch
einmal wissen und ich nickte. Auch auf
die Frage meines Sohnes, ob David
vorkomme, nickte ich erneut.
„Diese Geschichte hat vierundzwanzig
Kapitel, das heißt am Heiligabend erfahrt
ihr, wie sie ausgeht.“
„Wie eine Art Adventskalender?“,
quiekte Amalia vergnügt.
„Richtig, es ist ein kleiner Geschichten-
Adventskalender.“ Meine Kinder kuschel-
ten sich an mich, Amalia rechts von mir
und den Jüngsten links, dann begann ich
den beiden die Geschichte meines besten
Freundes zu erzählen: „Die Geschichte,
die ich euch heute erzähle, heißt ‚Konfer-
enz mit den Sternen‘ und sie handelt von
zwei Menschen, die nicht an das Wunder
von Weihnachten glaubten. Nicht so wie
ihr.“ Ich zwinkerte meinen Kindern zu.
„Einer dieser beiden Menschen war euer
Onkel David. Er war schon immer ein
Weihnachtsmuffel, deswegen ist er Weih-
nachten auch nie bei uns.“
„Er ist der Weihnachtsmann“, platzte es
Amalia plötzlich heraus und erschrocken
schlug sie die Hände vor den Mund, als
sie ihren Fehler bemerkte. Ich wusste,
dass sie es wusste, aber solange ihr
Bruder daran glaubte, schwieg sie.
„Onkel David ist der Weihnachts-
mann?“, fragte mein Sohn Luce und seine
Augen funkelten. „Das muss ich all mein-
en Freunden erzählen.“
„Liebling, weißt du, Onkel David ist
nicht der Weihnachtsmann. Er hilft dem
Weihnachtsmann manchmal, wenn er viel
zu tun hat“, versuchte ich die Situation ir-
gendwie zu entschärfen und war froh,
dass mein Sohn das Geheimnis nicht
durchschaute.
„Das ist auch cool“, flötete Luce sein
neues Lieblingswort, das er in der Schule
aufgeschnappt haben musste.
„Ist Onkel David etwas Spannendes in
der Geschichte passiert? Glaubt er jetzt
an Weihnachten?“, interessierte sich
Amalia wieder für die Geschichte.
„Ja“, lächelte ich und sprach weiter:
„Aber vor vielen Jahren machte euer
Onkel David an Weihnachten etwas, das
er nicht einmal als Kind getan hatte. Es
war der Abend des 24. Dezembers, euer
Onkel David und ich waren erst mit Fre-
unden essen und saßen dann noch gemüt-
lich zusammen, als er Stift und Zettel
holte und mir ein Blatt und einen Stift vor
die Nase legte. Ich denke, euer Onkel war
an diesem Abend ein bisschen verrückt.
Er wollte einen Brief an den Weihnachts-
mann schreiben. Jedoch landete der Brief
nicht beim Weihnachtsmann, sondern
eher bei einem Weihnachtsengel.“
„Onkel David und du, ihr habt dem
Weihnachtsmann geschrieben?“,
prusteten meine Kinder drauf los. Selbst
mir kam die Sache albern vor, und ich
stieg mit ein.
„Was hat Onkel David geschrieben?“
Luce zupfte an meinem weichen Pullover
und kuschelte sich noch fester an mich.
Ich legte einen Arm um meinen Sohn und
gab Davids Brief wortwörtlich wieder:
»Glaubst du an Wunder? Ich habe das
Hoffen längst aufgegeben.
Du willst jetzt sicher wissen, was ich
mir wünsche, aber eigentlich habe ich
keine Wünsche.
Aber kennst du das, wenn du denkst, du
bist glücklich und fühlst dich trotzdem
unvollständig? Genauso geht es mir, aber
es muss dich nicht belasten, schließlich
kannst du mir ja auch nicht helfen.
Fröhliche Weihnachten!«
Leise seufzend dachte ich an den Abend
zurück und fand es noch immer unglaub-
lich, was dann geschah. „Euer Onkel
David faltete den Brief zusammen, legte
ihn auf den Wohnzimmertisch und ging
schlafen. Doch als er am nächsten Morgen
wach wurde und den Brief in den Müll
werfen wollte, weil es ihm albern vorkam,
war der Brief vom Tisch verschwunden.“
Erschrocken rissen Amalia und Luce
den Mund auf, als wäre ein Monster aus
dem Schrank gesprungen.
„Hat er ihn wiedergefunden?“, fragte
Amalia, doch ich konnte leider nur mit
dem Kopf schütteln.
„Das erfahrt ihr ein anderes Mal“,
lächelte ich sanft und brachte meine
Kinder an diesem Tag ins Bett.

***

Noch nie hatte ich meine Kinder schneller


im Bett liegen sehen, wie am darauffol-
genden Tag. Nebeneinander lagen die
beiden dieses Mal in Luces Bett
gekuschelt und warteten bereits geduldig
auf mich. Selbst mein Mann Romain be-
trachtete die beiden skeptisch und fragte
dann: „Was hast du mit unseren Kindern
gemacht?“
„Komm mit und hör es dir an“, lächelte
ich siegessicher. Romain folgte mir und
zusammen setzten wir uns zu den
Kindern ins Bett.
„Maman, erzählst du jetzt weiter?“
Ich nickte meinem Sohn gutmütig zu.
„Gestern habe ich euch von Onkel David
erzählt, aber vielleicht erinnert ihr euch,
dass ich von einer zweiten Person ge-
sprochen habe, die auch nicht an das
Wunder von Weihnachten glaubte. Elisa
lebte nur wenige Kilometer von unserem
kleinen Dorf entfernt. Doch auch sie war
nicht glücklich. Elisa vermisste ihre
Großmutter sehr und war deswegen oft
traurig.“
„Wo ist Elisas Großmutter?“, wollte
Amalia wissen.
„Bei einem Engel in den Sternen“,
erklärte ich.
„Bei dem Weihnachtsengel, dem Onkel
David geschrieben hat?“
Ich nickte.
Mit ruhiger Stimme und unter der vol-
len Aufmerksamkeit meines Mannes
erzählte ich meinen Kindern von Elisa,
die immer für alle anderen da war, auch
wenn es ihr selbst nicht so gut ging. Ich
sprach von ihrer Familie, ihren jüngeren
Geschwistern, mit denen sie gern Zeit ver-
brachte und zu Weihnachten den Baum
schmückte. „Morgen erzähle ich euch, was
mit Onkel Davids Brief passiert ist.“ Mein
Mann und ich standen auf und Amalia
krabbelte müde und glücklich in ihr Bett.
„Ich mag die Geschichte, Maman“,
flüsterte Amalia glücklich und schloss
dann die Augen.
Glückliche Kinder: geschafft!

***

Am dritten Tag fand ich nicht nur meine


Kinder im Kinderzimmer, sondern auch
meinen Mann. Ich sah ihn fragend an.
„Ich will auch wissen, was passiert“,
zuckte er mit den Schultern, und ich
suchte schmunzelnd meinen Platz im
Bett.
Mit ruhiger Stimme erzählte ich, wo
sich Davids Brief einen Tag später wieder-
fand. Als Elisa am Weihnachtsmorgen
aufstand, entdeckte sie unter dem Weih-
nachtsbaum einen zusammengefalteten
Zettel mit ihrem Namen darauf. Sie über-
flog die Zeilen, konnte sich weder
erklären, woher der Zettel herkam, noch
wer ihn geschrieben haben könnte. Es war
Davids Brief, doch wie er zu Elisa kam,
wussten wir bis heute nicht.
Elisa tat die Sache nicht einfach ab. Sie
wollte wissen, woher der Brief kam und
suchte Rat bei ihrer Großmutter, was ich
meiner Familie am vierten Tag erzählte.
„Kaum waren die Sterne an diesem
Abend aufgegangen“, begann ich, „machte
sich Elisa auf den Weg zu der kleinen
Lichtung im Wald, wohin sie sich immer
zurückzog, wenn sie mit jemandem
sprechen musste. Niemand wusste von
der besonderen Bindung zu ihrer
Großmutter.
»Großmutter, bist du hier?«, fragte Elisa
in die Sterne und ein Stern begann, be-
sonders hell zu funkeln.
»Ja, Liebling«, hallte die Stimme der
schmerzlich vermissten Großmutter über
die Lichtung. »Hast du den Brief bekom-
men?«
»Du hast den Brief geschrieben?«, fragt
Elisa überrascht.
»Nein, aber ich werde dich zu der Per-
son führen, die ihn geschrieben hat.« Auf
einmal spürte Elisa die Präsenz ihrer
Großmutter noch deutlicher. »Es wird
Zeit, dass du glücklich wirst, mein Kind.«

***

In den folgenden Tagen erzählte ich von


David, der zunehmend nachdenklicher
wirkte, seit der Brief verloren gegangen
war. Wenige Tage nach Weihnachten saß
er im Wohnzimmer unserer Wohnge-
meinschaft und starrte in die Flammen
einer großen weißen Kerze. Plötzlich
schreckte er zurück, als hätte er ein
Gespenst gesehen. Als ich fragte, was
passiert sei, erklärte er mir, er hätte ein
Mädchen in den Flammen gesehen. Sie
hätte lockiges, mittellanges Haar, ein sch-
males Gesicht und traurige Augen. Er
beschrieb sie mir damals bis ins kleinste
Detail, und zugegebenermaßen hielt ich
ihn für völlig verrückt. Nachdem David
bei mir auf Unverständnis stieß, verließ
er die Wohnung und setzte sich auf eine
Bank in unserem kleinen französischen
Dorf. Stumm sah er in den Himmel und
fragte sich, was in den letzten Tagen
passiert war, als plötzlich einer der Sterne
hell aufleuchtete und ein frischer Wind
ihm durch die Glieder fuhr. »Sie wartet
auf dich. Sie wartet. Folge den Sternen«,
drang eine leise Stimme an sein Ohr.
David sah sich hektisch um, doch er kon-
nte sich nicht erklären, woher die Stimme
kam und als er mir davon erzählte, dachte
ich, er hätte nun völlig den Verstand ver-
loren. Aber als ich seinen Ausdruck in den
Augen sah, wusste ich, dass es ihm wirk-
lich passiert war. Aus diesem Grund hielt
ich David auch nicht davon ab, sich völlig
blauäugig ins Auto zu setzen und ohne
Ziel davon zu fahren.

***

„Und so folgte euer Onkel David dem ein-


en hellen Stern am Nachthimmel“,
begann ich am siebten Tag meine kleine
Erzählung, während meine Kinder und
mein Mann in Amalias Bett lagen. „Er fol-
gte dem Stern wenige Kilometer entfernt
in eines der kleinen idyllischen Dörfer,
dann erlosch der Stern plötzlich. Euer
Onkel David wusste, er war am Ziel.
Er parkte seinen Wagen am Straßen-
rand, stieg aus und blickte sich wenige
Sekunden in dem kleinen Ort um.
Dann sah er sie mitten auf dem Markt-
platz stehen.
Mit langsamen Schritten ging er auf sie
zu, und als sie sich zu ihm drehte, erkan-
nte Onkel David das Mädchen, das er im
Kerzenschein gesehen hatte. Sie hatte das
gleiche lockige Haar, dieselben traurigen
Augen. Es bestand kein Zweifel, sie war
es.
»Pardon?«, fragte sie und Onkel David
sah sie mit großen Augen an.
»Glaubst du an Wunder?«, zitierte er
den ersten Satz seines Briefes, und auch
die hübsche Fremde riss die Augen weit
auf, denn sie erkannte die Zeile wieder.
»Ja, ich glaube an Wunder«, nickte sie
und lächelte sanft. Elisa wusste, dass das,
was gerade geschah, das Werk ihrer
Großmutter war.“
Auf den Lippen meiner Kinder zeich-
nete sich ein glückliches Lächeln ab. Ver-
mutlich hätten sie sich auch schon mit
diesem Ende der Geschichte zu-
friedengegeben, doch das war gerade erst
der Anfang der Geschichte.
Mein Mann deckte Luce zu, während
ich Amalia behutsam in die Decke wick-
elte.
„Maman“, flüsterte sie leise, die Augen
schon halb geschlossen.
„Ja Liebling?“, antwortete ich.
„Ist das Magie, was zwischen Onkel
David und Elisa passiert?“ Romain sah
mich an, überrascht über die Frage unser-
er kleinen Prinzessin.
„Ja, das ist Magie“, sagte ich leise und
küsste sie auf die Stirn.

***

Während der folgenden vier Tage erzählte


ich, wie es David und Elisa nach der er-
sten Begegnung erging. David war verza-
ubert von Elisa, doch die junge Frau
fragte sich, was ihre Großmutter damit
bezweckte. Erst schickte sie ihr den Brief,
dann stand plötzlich ein völlig Fremder
vor ihr, zu dem sie sich aber sofort
hingezogen fühlte.
Elisa gehörte zu den Menschen, die sich
der Liebe völlig verschlossen. Sie glaubte,
wenn sie sich öffnete, würde sie verletzt
werden, obwohl ich mir zu hundert
Prozent sicher war, dass sie heimlich dav-
on träumte. Wenn Elisa nur einmal ehr-
lich zu sich selbst gewesen wäre, dann
hätte sie auch das endlich erkannt.
Bis ins Detail beschrieb ich meiner
Familie, wie David mir immer erzählte,
dass er sich am liebsten sofort wieder mit
Elisa treffen wollte, jedoch verunsichert
war.
Und Elisa… sie dachte endlich darüber
nach, ob der Tag gekommen war, an dem
sie sich vorstellen konnte, nicht länger al-
lein zu sein.
„Endlich konnte Onkel David sich dazu
durchringen, Elisa anzurufen. Kinder, ihr
könnt euch nicht vorstellen, wie groß
seine Angst war.“
„Warum hatte Onkel David Angst?“,
fragte Luce.
„Er hatte Angst davor, dass Elisa ihn
nicht mögen könnte, mein Schatz“,
erklärte mein Mann und Luce gab sich zu-
frieden.
„Aber Elisa mochte euern Onkel David“,
folgte ich fort. „Und so wollte sie sich
wieder mit ihm treffen. Als die beiden am
Abend einen kleinen Spaziergang macht-
en, leuchteten die Sterne wieder über
ihren Köpfen.
»Glaubst du an Magie?«, unterbrach
Onkel David die Stille. Elisa blieb stehen
und sah in den Himmel.
»Ja, ich glaube an Magie.« Im Stillen
zwinkerte sie ihrer Großmutter zu, die im-
mer schützend ein Auge auf sie hatte.
»Und du?« Elisa sah ihm genau in die Au-
gen.
»Ich weiß es nicht.« Onkel David dachte
darüber nach, ob er Elisa von den Dingen
erzählen sollte, die ihm in der letzten Zeit
so viele Rätsel aufgegeben hatten. Erst
der verschwundene Brief, dann die Vision
in der Flamme und zum Schluss die un-
erklärliche Stimme. »Doch, ich glaube an
Magie«, entschied er sich plötzlich um und
griff nach Elisas Hand.“

***
In der Hälfte der Geschichte wussten El-
isa und David, dass es Magie war, die sie
zusammengeführt hatte, doch das ungute
Gefühl ließ Elisa nicht los.
Am dreizehnten Tag erzählte ich mein-
en Kindern und meinem Mann wie Elisa
erneut Rat bei den Sternen suchte.
„Elisa zog sich wieder auf die kleine
Waldlichtung zurück und sank auf den
Stein. Es ging ihr wirklich nicht gut. Trotz
der Zeit, die Elisa mit Onkel David ver-
brachte, fühlte sie sich allein und war
traurig.
»Großmutter?«, fragte Elisa in die
Dunkelheit und einer der Sterne leuchtete
hell auf.
»Ich bin hier, Liebes.«
»Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Du verschließt dich, Kind, öffne dich.«
»Aber wer versichert mir, dass ich nicht
enttäuscht werde? Ich habe Angst.«
»Niemand kann dir versichern, dass du
nicht doch enttäuscht wirst, aber habe
keine Angst. Er meint es ehrlich. Trau
dich, Elisa, trau dich.« Der Stern
leuchtete wieder schwächer und die
Präsenz ihrer Großmutter verschwand.“

„Die Kinder haben wirklich Freude an


deiner Geschichte. Wo nimmst du nur die
ganze Fantasie her?“, fragte mich Romain,
als wir auf der Couch im Wohnzimmer
saßen, nachdem die Kinder eingeschlafen
waren.
„Ich habe mir das nicht ausgedacht“,
gestand ich, auch wenn es völlig absurd
klang.
„Aber du hast etwas dazu gedichtet?“
Ich schüttelte mit dem Kopf. „Der Brief
war wirklich verschwunden und bei Elisa
wieder aufgetaucht. David hat Elisa wirk-
lich in der Flamme gesehen, obwohl ich
das auch erst nicht glauben wollte. Als sie
dann aber das erste Mal vor mir stand,
traute ich meinen Augen nicht. Elisa ents-
prach zu hundert Prozent Davids Bes-
chreibung.“
„Komm schon Schatz, du kannst mir die
Wahrheit sagen.“
„Das ist die Wahrheit“, seufzte ich.

***
Auch am nächsten Tag – Tag 14 – war
mein Mann noch skeptisch. In seinem
Blick hatte sich etwas verändert. Er hörte
mir noch genauer zu, schien abzuwägen,
ob er mir glauben konnte oder ob ich nur
eine erfundene Geschichte erzählte.
„Nachdem Elisa sich einige Tage nicht
meldete, wurde auch Onkel David immer
nachdenklicher. Eines Abends machte er
einen kleinen Spaziergang durch den
Park und ließ sich unter einer Laterne auf
einer Bank nieder. Es hatte wieder be-
gonnen zu schneien, und der Wind blies
die kleinen Eisblumen um die Köpfe der
wenigen Leute, die noch unterwegs war-
en. Er beobachtete eine Frau, die völlig in
Gedanken versunken einen Kinderwagen
vor sich herschob, er folgte einem jungen
Pärchen mit seinem Blick und dachte
über die ältere Dame auf der Bank neben
ihm nach. Immer wieder warf sie einen
Blick auf ihn und lächelte sanft.
»Sie denken doch bestimmt über eine
Frau nach, junger Mann«, unterbrach die
Frau plötzlich die Stille und Onkel David
nickte.
»Sie meldet sich nicht mehr.«
»Was haben Sie verbrochen?«, lachte
sie, stand auf und setzte sich neben Onkel
David.
»Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht.«
»Dann melden Sie sich bei ihr.«
»Das habe ich versucht, aber sie ist wie
vom Erdboden verschluckt.«
»Fahren Sie zu ihr, ich denke, dann
wird sich alles klären.«
»Vielleicht haben Sie Recht.« Onkel
David blickte nur wenige Sekunden in den
Himmel, doch als er wieder zu der älteren
Dame sehen wollte, war sie spurlos ver-
schwunden, während am Himmel ein
Stern heller leuchtete, als die anderen.“
Auch wenn die ältere Dame plötzlich
spurlos verschwunden war, nahm David
sich ihren Rat an. Schon am nächsten Tag
machte er sich auf den Weg zu dem klein-
en Dorf, in dem Elisa wohnte. Er kannte
ihre Adresse nicht und musste sich deswe-
gen durchfragen. Die Bewohner halfen
dem Fremden jedoch gern und lotsten ihn
zu einem kleinen Steinhaus. Davids Herz
schlug ihm bis zum Hals, während er sich
fragte, ob er das Richtige tat oder ob es
einen Grund dafür gab, dass Elisa sich
nicht mehr meldete.
Also nahm David all seinen Mut zusam-
men und klingelte. Es dauerte nicht lang,
bis Elisa die Tür öffnete und ihn mit über-
raschten Augen ansah. Sofort redete
David auf sie ein, wollte wissen, was los
war, ob er einen Fehler gemacht hätte. El-
isa lachte nur sanft, ging auf ihn zu und
brachte ihn mit einer Umarmung zum
Schweigen.

***

In der folgenden Woche erzählte ich von


all den verrückten, romantischen und
überraschenden Momenten, die David mit
Elisa verbrachte. Ich sprach davon, wie
die beiden in Elisas Lieblingskino gingen,
ein kleines Programmkino, das nur
Schwarz-Weiß-Filme zeigte. Ich erzählte
von Davids Überraschungspicknick in
Paris, davon, wie sie auf ein Hochhaus-
dach stiegen und sich den ganzen Stress
von der Seele schrien. Meine Kinder und
mein Mann erfuhren, wie die beiden
durch ein Lavendelfeld liefen und ihr
Glück der ganzen Welt zeigen wollten. El-
isa führte David sogar zu der kleinen
Lichtung im Wald und zeigte ihm ihren
Rückzugsort, während David sich damit
bedankte, Elisa zu ihren Lieblingstieren
in einen Schmetterlingspark zu bringen.
In Davids Augen war Elisa ein kleiner,
bunter Schmetterling, so facettenreich wie
das Muster eines Tagpfauenauges, so
strahlend wie ein Zitronenfalter. Sie war
ganz einzigartig und David war nicht
bereit, sie jemals wieder zu missen.
Im Stillen dankte Elisa ihrer Großmut-
ter immer wieder, weil sie David in ihr
Leben geschickt hatte. Alles schien per-
fekt.

***

Es war der Abend des 23. Dezembers, an


dem ich meinen Kindern das eigentliche
Ende von Davids und Elisas Geschichte
erzählen wollte, in der Hoffnung, dass mir
bis zum nächsten Abend noch eine Idee
für ein glücklicheres Ende einfallen
würde.
„Kinder, erinnert ihr euch noch an die
ältere Dame, die Onkel David geraten hat,
Elisa zu besuchen?“
„Ja“, antworteten die beiden synchron.
„Es war ein kühler Winterabend. Es
hatte den ganzen Tag geschneit und ein
heftiger Wind war um die Nasen der
Leute gefegt“, erzählte ich und stupste
meinen beiden Lieblingen auf die Nase.
„Elisa hatte Onkel David zu sich nach
Hause eingeladen, und während sie in der
Küche eine heiße Schokolade vorbereitete,
sah Onkel David sich ein bisschen in ihr-
em Wohnzimmer um. Auf der Schrank-
wand standen ein paar Bilderrahmen, die
Onkel David mit einem Lächeln auf den
Lippen ansah. Es war ein Bild von Elisa
mit ihren Eltern, Elisa als Kind, ein Bild
mit ihrer Schwester und dann ein Bild mit
einer älteren Dame. Onkel David erkan-
nte die Frau sofort und nahm das Bild
überrascht in die Hände. Sie und Elisa
hatten das gleiche zauberhafte Lächeln,
die gleichen Augen. Warum war die Ähn-
lichkeit ihm nicht schon an dem Abend im
Park aufgefallen?
»Was machst du da?«, fragte Elisa, und
Onkel David zeigt ihr das Bild.
»Wer ist das?«, erkundigte er sich.
Elisa schluckte schwer. »Meine
Großmutter«, gab sie mit leiser Stimme
zurück.
»Bevor ich zu dir gekommen bin,
nachdem du dich nicht gemeldet hast, saß
ich in einem Park und habe über uns
nachgedacht. Sie saß auf der Parkbank
neben mir und hat mich letztendlich ange-
sprochen.«
»Du musst sie verwechseln«, wehrte El-
isa ab, nahm ihm den Rahmen aus der
Hand und stellte ihn wieder auf den
Schrank.
»Nein, ich bin mir zu hundert Prozent
sicher.«
»Das kann nicht sein, weil meine
Großmutter vor fast einem Jahr gestorben
ist«, schrie Elisa Onkel David mit Tränen
in den Augen an und entfachte damit ein-
en Streit, der beide ihre Gefühle infrage
stellen ließ.“
Ich versuchte meinen Kindern mög-
lichst schonend zu erklären, dass
Menschen sich manchmal stritten und
danach getrennte Wege gingen. Elisa und
David sahen sich an diesem Abend das
letzte Mal. Elisa glaubte, David würde
sich einen schlechten Scherz mit ihr er-
lauben, während David kritisierte, dass
Elisa ihm nicht vertraute. David hatte
mir damals völlig aufgelöst von diesem
Streit erzählt und mir beteuert, er würde
sich das nicht ausdenken. Er schwor auf
sein Leben, dass es Elisas Großmutter
gewesen sei, mit der er im Park ge-
sprochen hatte, und ich glaubte ihm.
Meine Kinder hatten die Augen weit
aufgerissen, bis meine Tochter die Initiat-
ive ergriff und vorsichtig fragte: „Maman,
die Geschichte hat noch kein glückliches
Ende, oder?“
Ich sah traurig zu Amalia, fragte mich,
woher sie mit ihren acht Jahren diesen
Scharfsinn hatte, und schüttelte mit dem
Kopf.
„Nein, diese Geschichte hat noch kein
gutes Ende“, flüsterte ich und sah zu
meinem Mann, der merklich schluckte.
„Die Geschichte ist wirklich passiert,
oder Maman? Onkel David hat Elisas
Großmutter wirklich gesehen, obwohl
sie… na ja, im Himmel ist, oder?“
„Ja“, nickte ich wieder und mir traten
Tränen in die Augen.
„Glaubst du, Maman, Onkel David liebt
Elisa noch?“ Meine Tochter war einfach
einzigartig. Sie hatte meine kleine
Geschichte durchschaut, vielleicht hatte
ich auch von Anfang an darauf spekuliert.
David wollte sich von mir nicht helfen
lassen, ungefähr zehn Monate war der
Streit zwischen Elisa und ihm jetzt her,
aber vielleicht brachten ihn die Kinder
dazu, das Richtige zu tun.
„Ja, er liebt sie noch“, bestätigte ich,
und Amalia setzte sich auf, um mir genau
in die Augen zu sehen.
„Du musst Elisa morgen einladen und
Onkel David auch, Maman. Sie müssen
morgen Abend zusammen mit uns essen.
Bitte, Maman.“
„Bitte, Maman“, wiederholte nun auch
Luce. und ich musste zugeben, die Idee
meiner Tochter war nicht unbedingt die
schlechteste.
„Ich verspreche es euch“, lächelte ich,
brachte jeden in sein Bett und küsste so-
wohl Luce, als auch Amalia auf die Stirn,
dann zogen Romain und ich uns ins
Wohnzimmer zurück.
Romain schien irgendetwas zu
beschäftigen. Er ging auf und ab, vom
Fenster zur Couch, während ich ihn nur
skeptisch musterte.
„Was ist los?“, fragte ich und vers-
chränkte die Arme vor der Brust.
„Ich finde es nicht gut, dass du den
Kindern so einen Floh ins Ohr setzt. Sie
erwarten ein Märchenende, aber gerade
du solltest wissen, dass das wahre Leben
nicht wie ein Märchen abläuft. Nina, ver-
dammt“, zischte Romain leise.
„Du hast keine Ahnung davon, wie
schlecht es David geht. Er liebt Elisa und
sie liebt ihn auch, aber er will sich von
mir nicht helfen lassen-“
„Und da dachtest du, du benutzt unsere
Kinder? Was hast du dir nur dabei
gedacht?“
„Romain, ich…“
„Nein, halt den Mund. Ich mache dein
Spielchen nicht mit. Ich werde den
Kindern nicht erklären, wie das wahre
Leben wirklich läuft, wenn dein Plan ein
Reinfall wird. Ha, und von wegen er hat
ihre Großmutter gesehen, das ist wirklich
der größte Schwachsinn, den ich je gehört
habe.“
„Es ist kein Schwachsinn, Romain. Und
was für ein Plan?“, fragte plötzlich eine
ruhige Stimme und wir fuhren erschrock-
en zusammen. David stand irritiert im
Türrahmen und hielt unseren Ersatz-
schlüssel hoch, den wir unter der Fuß-
matte versteckten.
„Was machst du hier?“, fragte ich und
ging zwei Schritte auf ihn zu.
„Amalia hat mich angerufen, weil sie
euch hat streiten hören. »Ich will nicht,
dass Maman und Papa auch nicht mehr
miteinander reden, so wie du und Elisa«,
hat sie gesagt. Also, was geht hier vor
sich?“
„Großartig, Nina, da hast du es. Ich bin
weg.“ Romain schob sich an David vorbei
und verließ die Wohnung. David und ich
setzten uns auf die Couch, und ich begann
leise zu erklären, was eigentlich passiert
war: „Die Kinder wollten eine neue
Geschichte hören und ich habe es wie ein-
en Adventskalender aufgebaut. Sie woll-
ten, dass du darin vorkommst, deshalb
habe ich ihnen von dir und Elisa erzählt.
Ich meine, du musst zugeben, es ist alles
ziemlich verrückt gelaufen und es war
einfach perfekt als Geschichte. Amalia
meinte vorhin, als ich von euerm Streit
erzählte, dass die Geschichte unbedingt
ein Happy End braucht und dass ich dich
und Elisa morgen zum Essen einladen
soll. Romain dreht völlig durch, er glaubt
mir kein Wort von dem, was ich erzählt
habe. Wie konntest du überhaupt so
schnell hier sein?“
„Ich war in der Gegend, aber das tut jet-
zt nichts zur Sache. Nina, Romain hat
Recht. Fremde Angelegenheiten gehen
dich wirklich nichts an“, sagte mein bester
Freund mit fester Stimme und begann
plötzlich zu lachen. „Aber die Sache ist
wirklich ziemlich geschickt eingefädelt.
Du kommst nicht weiter, also setzt du die
Kinder darauf an, da du weißt, dass ich
ihnen keinen Wunsch abschlagen kann.“
Doch sein Blick wurde wieder nachdenk-
licher. „Ich weiß nur nicht, was Elisa dazu
sagen wird. Ich denke nicht, dass sie kom-
mt.“
„Ich dachte, ich lasse Amalia bei ihr an-
rufen“, schmunzelte ich, und David er-
widerte es.

***

Auch wenn mein Mann nicht mehr mit


mir sprach, so konnte ich wenigstens das
gute Gefühl genießen, als ich das Strahlen
in den Augen meiner Kinder sah,
nachdem ich ihnen gesagt hatte, dass
David kommen würde.
„Amalia, meine Kleine, du musst mir
noch einen Gefallen tun“, lächelte ich san-
ft und griff nach dem Haustelefon. Amalia
kam sofort zu mir gelaufen und sah mich
mit großen Augen an, als ich Elisas Num-
mer in das Telefon tippte. „Du musst mit
Elisa sprechen und sie einladen. Und
wenn sie nicht kommen möchte, Kleines,
dann fang einfach herzzerreißend an zu
weinen.“ Amalia nickte begeistert, und ich
gab ihr das Telefon.
Es schien sich jemand zu melden. „El-
isa?“, fragte Amalia. „Liebst du meinen
Onkel David?“ Ich konnte nicht glauben,
dass sie das wirklich gesagt hatte.
„Amalia…. Onkel David und meine Ma-
man sind Freunde… oui… Onkel David
vermisst dich… Du musst zu uns zum
Essen kommen… heute…“ Stille. Ich sah
meine Tochter gespannt an, wusste nur zu
gern, was Elisa ihr sagte. „Ja, ich glaube
an Magie… ja, ich glaube, er hat sie gese-
hen… Wirklich?... Liebst du ihn?“, fragte
sie wieder und mein Herz blieb beinahe
stehen. „Tschüss, Elisa.“ Amalia gab mir
das Telefon und ich sah sie mit großen
Augen an.
„Maman, sie kommt.“
Glücklich schloss ich meine Tochter in
den Arm und hob sie hoch. „Das hast du
toll gemacht, Liebling.“ Ich küsste sie und
ließ sie wieder runter. Plötzlich fiel mir
auf, dass Romain im Türrahmen stand
und uns beobachtete. Ich sah ihn
entschuldigend an, doch sein Blick war
noch immer kühl. „Amalia, geh wieder
spielen“, lächelte ich. Mit langsamen Sch-
ritten ging ich auf meinen Mann zu.
„Sie kommen also beide?“, fragte er.
Ich nickte.
„Und du schwörst auch auf dein Leben,
dass alles so passiert ist, wie du es erzählt
hast?“
„Auf mein Leben“, flüsterte ich.
„Glaubst du an Magie?“
„Nein.“ Romain ließ mich stehen.
Ich ließ den Kopf hängen und ging in
die Küche, um das Essen für den Abend
vorzubereiten.

***
David kam mal wieder viel zu zeitig. Er
war noch viel nervöser als ich, schließlich
wusste er noch nicht, dass Amalia Elisa
überzeugen konnte.
„Hast du dich mit Romain ausge-
sprochen?“
Ich schüttelte mit dem Kopf. „Dafür hat
Amalia es geschafft, Elisa zu überzeugen.“
„Die Kleine hat etwas von ihrer Mut-
ter.“
„Ich hoffe, ihr könnt alles klären“,
lächelte ich sanft und drückte David das
Geschirr in die Hand, damit er den Tisch
deckte.
Als es wieder an der Tür klingelte,
schickte ich Amalia und stellte mich in
den Türrahmen. Amalia öffnete und sah
Elisa mit großen Augen an.
„Hallo, du musst Amalia sein?“, fragte
Elisa und hockte sich zu meiner Tochter,
die sie ohne Vorwarnung in den Arm
schloss. Elisa richtete sich nach der
Umarmung wieder auf und ihr Blick fiel
auf mich. „Nina, hallo.“
Ich ging auf Elisa zu und schloss sie
ebenfalls in den Arm. „Danke, dass du
gekommen bist.“
„Deine Tochter ist einfach bezaubernd,
wie hätte ich da Nein sagen können?“
„Ich musste meine Kinder für mich
arbeiten lassen, nachdem ihr beide euch
wie zwei Sturköpfe verhalten habt. Außer-
dem lieben meine Kinder Happy Ends“,
lächelte ich sanft und löste mich.
„Ist er gekommen?“, fragte Elisa unsich-
er und zupfte an ihrem Shirt, nachdem sie
ihren Mantel ausgezogen hatte.
„Ja“, nickte ich und führte Elisa ins
Wohnzimmer, wo David nachdenklich aus
dem Fenster blickte. Er wirkte
niedergeschlagen, vermutlich glaubte er
noch nicht daran, dass Elisa kommen
würde. Seine Gefühle für sie waren un-
übersehbar.
„Onkel David“, quiekte meine Tochter
plötzlich, und er drehte sich um. Lachend
stand Amalia vor Elisa und hoffte vermut-
lich gleich auf einen Kuss, oder darauf,
dass Herzen durch die Luft flogen.
Stattdessen gingen die beiden einfach
langsam aufeinander zu. „Elisa“, hauchte
David. „Es tut mir so leid.“
Elisa wirkte verunsichert, doch ich sah
Glück in ihren Augen. Es ließ sich nicht
leugnen, dass die beiden füreinander
geschaffen waren, das sah jeder Außen-
stehende. Es war wie in diesen Liebesfil-
men, wenn die Zeit plötzlich stillstand, die
Stimmen verstummten und das Spotlight
nur auf die Liebenden gerichtet war. Alles
war unwichtig, nur die beiden zählten.
Natürlich, sie hatten noch so viel zu
klären, der Streit hatte viele Wunden
aufgerissen, doch die Art, wie sie sich an-
sahen, verriet mir, dass sie jede Hürde
meistern würden.
„Kinder, kommt, wir gehen einen Mo-
ment in die Küche, wir haben alles getan,
was wir konnten“, flüsterte ich den beiden
zu und schob sie behutsam aus dem Zim-
mer, damit David und Elisa einen Mo-
ment ungestört waren.
„Maman, ich bin glücklich“, flüsterte
Amalia.
Ich hockte mich zu den beiden nach un-
ten. „Und ich bin stolz auf dich, Liebes.“
Ich nahm meine beiden Kinder in den
Arm und war so dankbar für meine beiden
Sterne Amalia und Luce. „Auf euch
beide.“
Nach dem Abendessen sprang mein
Mann, wie von der Tarantel gestochen,
vom Tisch auf. Ich tauschte einen skep-
tischen Blick mit David, als wir plötzlich
die Wohnungstür ins Schloss fallen
hörten.
„Ihr hattet Streit“, bemerkte Elisa. „We-
gen uns?“ Ich nickte nur stumm.
„Er hat mir kein Wort von dem ge-
glaubt, was ich ihm erzählt habe.“
„Dann wird es Zeit für eine Konferenz
mit den Sternen“, lächelte Elisa und stand
auf. Sie stellte sich ans Fenster und sah in
den Himmel. Elisa murmelte etwas, das
wir nicht verstanden, und kehrte dann an
den Tisch zurück. „Lauf ihm nach, er ist
in den Park gegangen.“ Ich stand auf und
lief in den Flur um mich schnell an-
zuziehen, als ich hörte, wie Amalia Elisa,
weise wie immer, fragte: „Trifft Papa jetzt
deine Großmutter?“
„Ja“, lächelte Elisa.
Ich zog die Tür hinter mir zu.

***
Bevor Elisa in Davids Leben trat und ich
als beste Freundin mit integriert wurde,
war ich einer der skeptischsten Menschen
auf der Welt gewesen. Ich sah mir nicht
einmal Fantasyfilme an, weil es mir al-
bern vorkam. Nicht mal als Kind
verkleidete ich mich als Hexe oder Vam-
pir, sondern wählte sorgfältig reale Berufe
wie Krankenschwester oder Gärtnerin für
meine Kostüme.
Die Geschichte der beiden sorgte dafür,
dass ich mich öffnete, auch wenn immer
ein Funken Zweifel blieb. Doch auch
dieser verschwand, als ich Ende Novem-
ber einen Spaziergang durch die Stadt
machte und im Park auf eine Bank sank.
Romain war mit den beiden Kindern im
Kino gewesen. Ich hatte Kopfschmerzen
und blieb aus diesem Grund zu Hause.
Weil mir in der Wohnung die Decke auf
den Kopf fiel und ich der Meinung war,
dass etwas frische Luft nicht schaden
könne, entschied ich mich für einen Spazi-
ergang. Nach einigen Minuten ließ ich
mich auf dieser Bank im Park nieder und
dachte einen Moment über den Film nach,
den die Kinder sahen. Ein neuer Anima-
tionsstreifen von Walt Disney.
„Entschuldigung, darf ich mich neben
Sie setzen?“, fragte mich plötzlich eine
ältere Dame, und ich nickte lächelnd. „Ein
wunderschöner Abend, nicht?“
„Ja, nur etwas frisch.“
„Frische Luft macht unseren Verstand
frei. Worüber denken Sie nach?“
Ich suchte einen Moment die Augen der
älteren Dame, die mir plötzlich so bekan-
nt vorkamen. „Über den Film, den mein
Mann gerade mit meinen Kindern im
Kino sieht“, lächelte ich und wusste
genau, wen ich neben mir sitzen hatte.
„Sie sind wegen Elisa und David hier,
richtig? Was kann ich für Sie tun?“
14. Dezember

Mäuse-Weihnacht
Von Tilde Zug

Bei der Mäusefamilie Knabbermann


herrschte helle Aufregung. Die
Mäusemama hatte alle zehn Mäusekinder
in ihre ordentliche Stube gerufen. Es war
ein kleines Nest ganz hinten im Schuppen
einer großen Menschenfamilie. Dort lager-
ten ein paar kleine Strohballen, die zum
Leben, Schlafen und Warmhalten für
Mäuse bestens geeignet waren. Außerdem
lagen bei den Menschen immer jede Menge
Nüsse rum, so dass sich die Mäusemama
und ihre Kinder für lange Zeit davon
ernähren konnten. Blumensamen, der an
vielen Stellen den Boden bedeckte,
schmeckte ebenfalls ganz prima.
Eines Tages schließlich rief die Mäuse-
mutter ihre Kinder zusammen, um sie auf
den kommenden Winter vorzubereiten.
Alle zehn Mäusejunge hatten sich den
Sommer über bestens ernährt und waren
gespannt, was ihre Mama ihnen zu sagen
hatte.
„Meine Kleinen“, begann sie. „Die Fet-
tlebe ist bald vorbei. Die Felder sind
abgeerntet, die Früchte gepflückt und
aufgelesen, der Rest zusammengekehrt.
Wir finden momentan zwar noch genü-
gend Pilze, Obst und Samen in Wald und
Wiese, aber bald kommen Schnee und
Frost, da müssen wir schleunigst wieder
in die Häuser zu den Menschen und uns
ein gemütliches Plätzchen suchen. Dort
finden wir auch im Winter noch genügend
zum Fressen, denn die Menschen sind
nicht so ordentlich, werfen viel Essbares
weg oder lagern ihre Vorräte recht sor-
glos. Und dann kommt bald auch noch das
Weihnachtsfest der Menschen! Sie backen
Stollen und Plätzchen, verschenken Pfef-
ferkuchen und Nüsse und vieles mehr,
und da gibt es immer sehr viel für uns
zum Fressen. Manches ist herunterge-
fallen, anderes wurde nicht weggeräumt,
und hin und wieder landet etwas Leckeres
auf dem Komposthaufen. Wenn die
Menschen schlafen, könnt ihr auf die
Suche gehen. Aber ihr müsst sehr wach-
sam und vorsichtig sein, denn viele
Menschen mögen uns nicht und stellen
Mausefallen auf. Sie locken uns mit
feinem Speck oder anderem Essbaren in
den Tod. Also, haltet gut eure Mauseau-
gen auf und fallt nicht auf solche Verlock-
ungen herein.“
Die Mäusekinder lauschten andächtig
und nickten hin und wieder zustimmend.
Als die Mutter von den qualvollen Mause-
fallen erzählte, piepsten einige erschrock-
en auf.

Wenige Wochen später jagten die Novem-


berwinde erste Schneeflocken über die
Erde. Der Boden gefror, und die Mäuse
mussten ihre kalten und leeren Nester
verlassen und in den Häusern der
Menschen auf Nahrungssuche gehen.
„Ihr müsst die Häuser unter euch
aufteilen“, hatte die Mutter gesagt. „Ihr
könnt nicht alle in ein Haus gehen. Sehr
geeignet sind alte Häuser, denn die haben
viele Ritzen, Löcher und alte Gänge, wo
ihr euch nach Herzenslust austoben kön-
nt.“
So flitzten die kleinen Mäusekinder
zum ersten Mal alleine in die große Welt
hinaus, um sich in den warmen Häusern
der Menschen gütlich zu tun. Doch den
meisten klang noch die Warnung der Mut-
ter in den großen, runden Ohren: „Hütet
euch vor den Mausefallen!“
Sie schlichen um die Häuser herum,
fanden geeignete Ritzen und Löcher, doch
trauten sich nicht hinein. Als Peterle, der
kleine Mäuserich mit dem größten Mut,
gar in ein Haus schlüpfte und nur wenig
später mit einem gebrochen Schwanz
wiederkehrte, bleich und zutiefst ers-
chrocken vom Schnappen der Mausefalle,
schwor sich die Bande, nie einen Fuß in
ein Menschenhaus zu setzen, wenn ihnen
ihr Leben lieb war.
Doch der Winter wurde immer unerbitt-
licher. Die Tage gingen frostig und trübe
dahin, bald waren Seen und Flüsse zuge-
froren, der Schnee bedeckte Straßen und
Wege. Und die Mäuse fanden gar nichts
mehr zu knabbern. Die Vorräte waren
längst aufgebraucht, alles Essbare bereits
vertilgt. Nacht für Nacht knurrten ihre
Mägen, schmatzten ihre kleinen Mä-
ulchen, wenn sie von leckerem Speck und
herrlichen Kuchenkrümeln träumten.
Eines Tages hielt es Peterle, der
Mäuserich, dessen Schwanz nun einen
kleinen Knicks aufwies, nicht mehr aus.
„Wenn ich schon sterben muss, dann
nicht am Hunger!“, rief er. Tapfer machte
er sich erneut auf und stiefelte in ein
Menschenhaus. Dieses Mal wählte er ein
altes Haus neben der Kirche, die an
diesem Tag hell erleuchtet war. Viele
Menschen besuchten die Kirche, in der of-
fenbar ein besonderes Fest gefeiert wurde.
Das Wort „Weihnachten“ schnappte
Peterle ein paar Mal auf, konnte sich al-
lerdings keinen Reim darauf machen.
Vorsichtig schlich er ins Haus hinein.
Er konnte kaum hören, ob sich jemand
darin aufhielt, so laut knurrte sein Ma-
gen. Kaum hörbar tapsten seine Füße
über den warmen Boden, alles ver-
meidend, was auch nur annähernd wie
eine Mausefalle aussah, bis er in der
Küche ankam. Es roch lecker nach
Braten, Stollen und Pfefferkuchen. Ihm
lief das Wasser im Maul zusammen. Doch
er musste vorsichtig sein.
Leise schlich er zur Vorratskammer
hinter der Küche, aus der es besonders
lecker roch. Dünn wie er war, passte er
mühelos durch die Ritze der Tür, dann
war er drin.
Immer der Nase nach lief er, bis er an
ein Regal mit einem leckeren Schinken
kam. Der Speck roch so verführerisch!
Doch Peterle traute sich nicht, das Essen
zu probieren. Er schlich um den Schinken
herum und hätte ihn so gern angeknab-
bert, doch was, wenn dort eine Falle saß?
Wieder und wieder drehte er eine Runde
darum herum und wollte gerade zubeißen,
als sich auf einmal die Tür öffnete. Der
Lichtschalter wurde betätigt. Schnell
huschte Peterle hinter den Schinken und
spürte auf einmal, wie wild sein Herz
klopfte. Denn wenn er zugebissen hätte,
wäre er tatsächlich direkt in eine Falle
gelaufen. Sie stand direkt vor ihm beim
Schinken und grinste ihn höhnisch an.
Entsetzt schüttelte er den Kopf, als er
plötzlich eine Hand auf sich zukommen
sah. Panisch sah er sich um. Wohin kon-
nte er sich wenden? Hinter ihm befand
sich die Wand, daneben ein unüberwind-
barer Karton mit Konservenbüchsen,
rechts die Falle und geradeaus eine
Menschenfrau. Angstvoll zog er den
dünnen Bauch ein, um sich so eng wie
möglich an die Wand zu schmiegen. Doch
die Hand griff nicht nach ihm, sondern
nach der Mausefalle. Sie nahm den
Schinken heraus und ließ die Falle leer
zuschnappen. Bei dem Geräusch zuckte
Peterle zusammen, doch dann staunte er.
Denn die Hand nahm die Falle gänzlich
aus dem Regal. An einer anderen Stelle
stand eine weitere Falle, auch die nahm
die Menschenhand weg. Dann eine dritte
und vierte. Wenige Minuten später stand
die Menschenfrau an der Tür, in der Hand
mehrere Mausefallen, die sie in eine Tüte
packte.
„Frohe Weihnachten, ihr Mäuse!“, sagte
sie leise. Dann löschte sie das Licht
wieder.
Das Herz von Mäuserich Peterle klopfte
immer noch rasend schnell. Hatte er das
gerade geträumt oder wurden wirklich
sämtliche Fallen weggeräumt?
Vorsichtshalber schlich er durch die Re-
gale, probierte hier und da an Schinken,
Käse und Kuchen, bis er sich sicher war.
Keine Mausefalle hatte ihn hinterrücks
gemeuchelt.
Schnell flitzte er zurück nach draußen,
wo seine hungrigen Geschwister warteten.
„Heute ist Weihnachten!“, rief er
aufgeregt. „Es gibt keine Mausefallen in
dem Haus!“
Eilig flitzten die kleinen Mäuse hinein,
schlüpften durch die engen Ritzen und
Löcher, bis sie in der Küche und in der
Vorratskammer ankamen. Sie fraßen
sämtliche Krümel vom Boden, räumten
bei den Abfällen auf und naschten hin
und wieder von einem kleinen Stückchen
Stollen, das abgefallen war. Sie aßen so
lange, bis sie satt und glücklich waren.
Den guten Festtagsbraten ließen sie je-
doch in Ruhe, wie auch die leckere Torte
und die Pfefferkuchen für die Kinder.
Denn obwohl sie Mäuse waren und keine
Ahnung hatten, warum die Menschen
Weihnachten feierten, so hatten sie doch
begriffen, dass während dieses Fests der
Liebe Menschen und Tiere in Frieden und
Eintracht miteinander leben und es allen
Wesen auf dieser Welt gut gehen sollte.
So gab es auch für die kleine, hungrige
Mäusebande ein glückliches Weihnachts-
fest. Und wenn sie nicht mittlerweile in
eine Falle gelaufen sind, so knabbern sie
auch in diesem Jahr wieder zur Weih-
nachtszeit.
15. Dezember

Eine seltsame
Begegnung auf
dem Dach
Von Jochen Stüsser-Simpson

Verdrießlich stapfte er nach oben. Die


Gedanken, die er sich machte, waren für
die Hausfrau nicht sehr vorteilhaft. Wahr-
scheinlich hatte sie eine Zeitungsmeldung
falsch verstanden; jedenfalls behauptete
sie stur und steif, dass ihrer Meinung nach
der Schornstein nicht mehr gekehrt wer-
den müsste. Bei modernen Gasheizungen
wäre eine Sichtkontrolle ausreichend, et-
wa durch Ausspiegelung. Er redete mit
Engelszungen auf sie ein, vergeblich. Zum
Glück war sie ihm dann doch noch in den
Heizungskeller gefolgt: Sie hatte dort
keine moderne Gasheizung, sondern eine
Erdgasfeuerstätte nicht nur älterer, son-
dern schon uralter Bauart. Als er über die
Steuerung am Thermostat die Gaszufuhr
freigegeben hatte, entzündete sich das
einströmende Gas erst einmal – nicht.
Was geschehen musste, geschah: Das Gas
sammelte sich, es kam zu der absehbaren
Verpuffung, bei der die Flammen so aus
der Therme schlugen, dass sich die Haus-
frau mit einem ängstlichen Schrei an sein-
en Arm klammerte. Ihm war das ein bis-
schen peinlich gewesen, und er hatte sie
schnell ein Stück weggeschoben, mit der
Ausrede, sie solle sich an seiner schwar-
zen Kleidung nicht beschmutzen. Erst
nach dieser harten Zündung war er für sie
wieder ein ernsthafter Gesprächspartner
gewesen und er hatte erneut versucht, ihr
die Vorteile des traditionellen Kehrmono-
pols nahezubringen, das durch EU-Recht
gerade in Brüssel abgeschafft wurde.

***

Er hatte keine Lust auf Schornstein,


nicht mehr. Zumindest nicht in dieser
Jahreszeit. Den freien Fall liebte er al-
lerdings nach wie vor; deshalb schlich er
sich gelegentlich in ziviler Kleidung auf
große Jahrmärkte und in Vergnügungs-
parks, um dort inkognito die verschieden-
en Freifalltürme, Schleudergeräte und
Achterbahnen zu besteigen. Er genoss es,
gut gesichert im Sitz oder in der Gondel
im Freefall-Tower oder Giant Drop nach
oben geliftet zu werden, oben angelangt
fast unmerklich in den freien Fall
überzugehen und Spitzen-
geschwindigkeiten zu erzielen, bis er un-
ten von einer Bremsanlage sanft eingefan-
gen wurde. Denn Spitzen-
geschwindigkeiten waren das allemal,
verglichen mit dem Tempo, das er üblich-
erweise in geschlossenem Mauerwerk,
also in Schornsteinen und Rauchfängen,
erreichen konnte. Und als sanft empfand
er den abschließenden Bremsvorgang, als
das reinste Vergnügen, denn beruflich
war er ein anderes Aufkommen gewohnt.
Schornstein war also nicht mehr sexy. Er
hatte zudem das Gefühl – und damit lag
er sachlich nicht richtig –, dass die
Schornsteine immer enger wurden. Es
hätte ihm eigentlich ein Leichtes sein
müssen, sein Alter in Betracht zu ziehen
und in Abhängigkeit von seinem Alter
seinen veränderten Bauchumfang, doch so
weit mochte oder konnte er nicht denken.
Vielmehr konzentrierte er sich auf die
Geräusche aus der Dachluke hinter dem
großen Schornstein. Da kam wer. Gerade
noch hatte er auf dem Dach des Hoch-
hauses einen der vielen getroffen, der
seinen Lebenswillen verloren hat. Einen,
der einfach ein paar Schritte weiter laufen
will – und über die Dachrinne springen.
Als wäre das eine Lösung! Vielleicht kön-
nte er dieselbe Idee wieder erfolgreich an-
wenden und ihn auf Silvester orientieren.
Es gab keinen vernünftigen Grund, sich
am Heiligen Abend heimlich von dannen
zu machen.

***

Gedankenverloren öffnete er die


Dachluke, plötzlich hatte er ein seltsames
Gefühl, irgendetwas geschah, was nicht
alltäglich war, was zugleich aufhellend
und entspannend wirkte. Wie magisch
fühlte er sich aus dem normalen Alltag
herausgehoben – doch da sah er etwas er-
staunt den anderen Mann.
„Was machen Sie denn hier? So ganz im
roten Zwirn?“
„Die Frage kann ich Ihnen ebenso stel-
len. Was wollen Sie hier oben, auf dem ho-
hen steilen Dach? Ganz in Schwarz und
mit Zylinder?“
„Ich komme hier in regelmäßigen Ab-
ständen vorbei und habe zu tun. Ich
kümmere mich um die Schornsteine.“
„Das ist ja interessant. Ich komme hier
auch in regelmäßigen Abständen zu den
Schornsteinen, um mich zu kümmern.“
„Aber Sie pflegen sie nicht. Von mir
werden sie begutachtet und gekehrt. Das
machen Sie ja wohl nicht. Sind Sie der
neue Hausmeister?“
„Für mich sind die Schornsteine
Verkehrswege und Transportmittel.
Manchmal ärgere ich mich, dass sie so
stauben. Sie sehen doch, dass ich ganz in
Rot bin. Weshalb meinen Sie denn, dass
ich der Hausmeister wäre?“
„Der Hausmeister- und Putzdienst für
dieses Haus ist von einer anderen Firma
übernommen worden. Und eine einheit-
liche Kluft kommt doch überall in Mode.“
Und so plätscherte das Gespräch noch
eine Weile dahin, bis sie sich ernsthaft
einander vorgestellt hatten und auf die
Probleme ihres Berufsstandes zu sprechen
kommen konnten.
Der Rote erzählte, dass er sich früher
mit viel Schwung in die Schornsteine
hatte fallen lassen, seinen Sack mit den
Geschenken auf dem Rücken. Heute ließe
er zuerst den Sack am Seil vorsichtig nach
unten, denn die Schornsteine würden im-
mer enger. Dann würde er vorsichtig fol-
gen, immer besorgt, nicht stecken-
zubleiben: „Stellen Sie sich das einmal
vor, ich würde festsitzen und geräuchert
wie ein Stück Schinken!“ Da musste der
Schornsteinfeger allerdings wider-
sprechen, denn über die Entwicklung der
Schornsteinformate kannte er sich aus,
und er zitierte aus der Heizungsanlagen-
verordnung und der Heizkesselwirkungs-
gradrichtlinie. Zugleich bemühte er sich,
Trost und Zuspruch zu spenden: Wer dick
sei, sei lustig. Und: Fettleibigkeit sei ein
Zeichen hart erarbeiteten Wohlstandes.
Er solle sich nur einmal die Rapper in den
Musiksendungen des Fernsehens anse-
hen.
Aber der Weihnachtsmann schaute
nicht fern, sondern im Augenblick
schlecht gelaunt in die hinter den Däch-
ern auf der anderen Straßenseite unterge-
hende Sonne. Doch auch der Bezirkss-
chornsteinfegermeister konnte hadern
und nörgeln. Früher öffneten sich dem öf-
fentlich beliehenen Handwerker alle
Türen wie von selbst, der schwarze Mann
war der freundliche Glücksbringer, der in
viele begehbare Schornsteine hinein
durfte. Heute diskutierte er mit den Kun-
den die Gebührenordnung und war
ständig dabei, Messungen durchzuführen
und die verschiedenen Daten zu digitalis-
ieren und in Excel-Tabellen zu berechnen.
Dabei hatte er den Beruf gewählt, weil er
aufs Dach wollte!
Als er das hörte, offenbarte der Weih-
nachtsmann eine andere Seite seiner Per-
sönlichkeit: Er schwärmte, wie schön das
sein müsste, ständig mit Zahlen umzuge-
hen, zu rechnen und zu kalkulieren, mit
Zahlenmaterial zu argumentieren. End-
lich einmal die Gefühle beiseitelassen zu
können, sich emotional nicht zu veraus-
gaben, keine strapaziösen Touren durch
zu enge Schornsteine unternehmen zu
müssen! Seine Augen leuchteten – und
der Schornsteinfeger rang um Fassung:
Wie schön musste es sein, Groß und Klein
zu beglücken, Geschenke zu überbringen,
die alten und die neuen Schornsteine von
innen zu erleben, die verschiedene form-
ale Gestaltung, das unterschiedliche
Mauerwerk.
Und so kam diese magische Begegnung
auf dem Dach zu ihrem glücklichen Ende:
Sie tauschten ihre Kleidung und mit ihr
ihre Berufe. Der Schornsteinfeger fuhr rot
gewandet in den Schornstein ein und der
Weihnachtsmann stieg ganz in Schwarz
ins Treppenhaus.
Im Gemüsegeschäft an der Ecke war
wenig später die Rede von dem neuen
Schornsteinfeger, seiner gepflegten Er-
scheinung, der sei ja so freundlich. Die
Hausfrau legte ihre zarte Hand in den
Bart des etwas überraschten Weihnachts-
mannes. Er wirkte anders als im letzten
Jahr, und dennoch kam er ihr bekannt
vor.
16. Dezember

Xaramas‘
Geheimnis
Von Mary Clover

Dunkelheit umhüllte, wie ein feierlicher


Begleiter, den riesigen Bauklotz, der bei-
nahe einer prunkvollen Burg entsprach.
Kleine runde Türmchen zwirbelten sich an
den Seiten des Gebäudes in die Höhe und
garnierten diesen Bau mit ihrer einzigarti-
gen Pracht. Schwere, klobige Stufen
führten auf ein riesiges Portal zu, das sich
groß und dunkel vor einer riesigen
Eichentür erhob.
Der Garten war ebenso außergewöhn-
lich. Undurchdringliches Gestrüpp umk-
lammerte das Gemäuer. Alte Akazien
verknoteten sich vor dem Altbau zu einem
gigantischen Torbogen und reckten ihre
Kronen wie verzweifelte Hände in den
Himmel.
Unbehagen löste der Anblick dieses Ge-
bäudes aus, das mitten in dem wirren
Grün thronte. Doch sobald man es betrat,
verschwand dieses Gefühl mit einem Mal.
Denn unbehaglich und leer war dieses
Bauwerk keinesfalls. Eher das genaue Ge-
genteil.
Sobald man in der Eingangshalle stand,
erhoben sich hohe Regale zu allen Seiten,
die mit außergewöhnlichen Sachen gefüllt
waren.
Verborgen in ihren Tiefen, in kleinen,
halb zerfallenen Umschlägen, die vergil-
bte Dokumente mit verschnörkelter
Schrift und Skizzen enthielten, verbargen
sich unvorstellbare Geheimnisse, die nir-
gendwo sonst zu finden waren. Es waren
nicht irgendwelche Geheimnisse. Es war-
en Aufzeichnungen, Tagebücher und
Briefe, in denen fast vergessene Sagen
schlummerten und in denen mehr als ein
Funken an Wahrheit wiederzufinden war.
Zwischen den Seiten von den Büchern, die
oft am unscheinbarsten aussahen, lagen
oftmals Karten, die durch Notizen verziert
waren und von halb vergessenen Zeiten
erzählten.

Wie kleine bunte Klötze standen die dick-


en Wälzer in den verstaubten Regalen
und warteten neben anderen seltsam er-
scheinenden Gegenständen auf jemanden,
der endlich ihren Wert erkannte und die
Geheimnisse, die sich in jeder dieser
Kleinigkeiten verbarg, schätzte.
Allein durch den Anblick der alten
Bücher, die befleckt, zerfetzt und mitgen-
ommen aussahen, konnte man erkennen,
dass sie schon viele Abenteuer erlebt hat-
ten.
Doch das war selbstverständlich nicht
das einzige, was sich in diesem Raum be-
fand. Gewiss nicht. Denn es herrschte
reines Chaos. Vor den Regalen stapelten
sich Unmengen an Kartons und Büchern.
Buntes Papier lag auf dem Boden und in
den Ecken stapelten sich diverse Gegen-
stände, die man nicht genau identifizieren
konnte. Vor einem Fenster stand ein
Schreibtisch, der begraben war unter
bunten Blättern, Scheren und allerlei an-
deren Materialien, die man zum Verpack-
en von Geschenken oder zum Verzieren
und Basteln braucht und der nicht mal
mehr annähernd wie ein Schreibtisch aus-
sah, sondern eher wie ein riesiger Papier-
berg.
Seltsame Flaschen und Gefäße sam-
melten sich in den Regalen und füllten die
großen, alten Schränke, die die weißen
kargen Wände mit ihrer massigen Gestalt
bedeckten. Das Haus selbst hatte unge-
mein viele Zimmer, obwohl ein fremder
Besucher nur fünf davon gefunden hätte.
Doch dieses Haus besaß weit mehr.
Hinter den Regalen und Wänden be-
fanden sich verwinkelte Pfade und sch-
male Spalten, durch die man in andere
Kammern gelangte. Alte Holzdielen knar-
rten, wenn man eine davon betrat. Es war
gewiss kein Ort, an dem sich normale
Gestalten, geschweige denn Menschen
aufhielten. Kaum einer von den Menschen
hatte jemals einen Fuß hinter das eiserne
Tor gesetzt und doch genoss es einen
ziemlich berühmten Status.
In der Arbenwelt war es auch bekannt
als die wandelnde Bibliothek.
Dieses Haus war schon etwas Besonde-
res. Dennoch handelte es sich nicht
gerade um einen jener Orte, die man aus
der Realität kannte, eher aus einer völlig
vergessenen Sage. Doch nun lasst mich
euch versichern, dass dies nicht der Fall
ist. Selbstverständlich schreckte sein An-
blick die meisten ab und noch heute hal-
ten die Leute in den Nachbardörfern es
nicht für möglich, dass dort jemand lebte.
Es war nicht gerade jemand, dessen An-
wesenheit selbstverständlich erschien
oder gar jemand, den man an diesem Ort
erwartete. Keineswegs.
Das Wesen, das dort lebte oder um es
besser auszudrücken hauste, war ein Elf.
Recht klein, ziemlich chaotisch und ver-
gesslich. Das für einen Elf charakter-
istische, wuschelige Haar umspielte sein
Gesicht und prägte es zu einer markanten
Form. Auf seiner großen Knollennase lag
eine Brille mit runden Brillengläsern,
durch die zwei große, dunkelgrüne, vor
Begeisterung strahlende Augen mit gel-
ben Sprenkeln lugten. Doch, dass dieser
Elf so guter Laune war, lag keinesfalls an
dem Schneesturm, sondern wohl eher an
der Tatsache, dass die Weihnachtszeit
angefangen hatte.
Schnurstracks marschierte er in die
eine Ecke, wo sich unzählige Bücher und
Dokumente aufeinander stapelten, und
wühlte in dem Haufen herum, bis er
schließlich triumphierend einen Zettel aus
dem unordentlichen Berg fischte. Mit
einem Mal hielt er in der Bewegung inne
und stockte. Heute war der Heilige Abend.
Er schluckte. Die Zeit rann ihm nur so
durch die Finger und dabei war doch noch
gar nicht alles fertig. Er fluchte.
„Gumbolt, ich habe dir doch gesagt,
dass du die Etiketten schon mal vorbereit-
en sollst. Immer muss man alles selber
machen.“ Er schüttelte verständnislos den
Kopf.
Ein leises Stimmchen, dessen schlechte
Laune man bis hierher vernehmen kon-
nte, murmelte: „Ja, ja. Ich hab das nicht
vergessen, ich komme schon. Aber immer
müssen Sie Ihren Onkel vertreten, nur
weil der zu faul ist, sich dem kleinen Kaff
noch zuzuwenden. Kann der das nicht mal
wieder übernehmen?“
Xaramas, so lautete der Name des
Elfes, versuchte sich ein kleines Lächeln
zu verkneifen, doch es gelang ihm nicht.
Wenn der wüsste, dass er das alles
freiwillig tat, weil es ihm so ein Vergnü-
gen bereite! Jedes Jahr aufs Neue fragte
sein Onkel ihn, ob er das nicht wieder
übernehmen solle, und jedes Jahr antwor-
tete Xaramas dasselbe. „Ach ein Jahr
noch. Es ist so schön die Menschen zu se-
hen, wenn sie sich freuen.“ Seit mehr als
hundert Jahren ging das nun schon so.

Man vernahm Schritte, die in die Rich-


tung des Wohnzimmers tappten, und
schließlich betrat ein kleiner Kobold das
Wohnzimmer. Missmutig blickte er in die
Runde, schlurfte dann aber zu dem
Schreibtisch und kramte einige Papierfet-
zen hervor, die schon in ansehnliche For-
men geschnitten waren, und raffte sie
zusammen. Dann grapschte er sich einen
Stift und lief die Treppe hinauf in sein
Zimmer, wo wenigstens ansehnliche Ord-
nung herrschte und er seine Arbeit in
Ruhe verrichten konnte.
Unterdessen war Xaramas in die Küche
gegangen. Viele kleine Tüten, gefüllt mit
köstlichsten, selbstgebackenen Plätzchen,
standen auf dem Tisch. Jede einzelne war
mit einer Schleife verziert, und an jeder
dieser Tüten klebte ein kleines Schild, auf
dem in verschnörkelter Schrift ein Name
stand. Für ihn war es ein Leichtes, die
Namen herauszufinden. Er kannte das
Dorf schließlich. Jeden einzelnen Tag
machte er sich auf den Weg, kramte seine
gelb-blaue Montur aus dem Schrank und
ging in einen kleinen Laden, um die Post
abzuholen und mit seiner Arbeit zu be-
ginnen. Als Briefträger kam er leicht mit
den Menschen in Kontakt. Er plauderte
mit ihnen – und schon kamen Geschichten
und Wünsche zu Tage, die er dann ver-
wendete, um ihnen eine Freude zu bereit-
en. Keiner ahnte, dass der Briefträger der
Unbekannte war, der sie ausspionierte
und ihnen jedes Jahr eine Freude bereit-
ete.

Xaramas schnupperte. Überall duftete es


nach Kardamon, Anis und anderen
Gewürzen. So roch die Weihnachtszeit.
Dann griff er nach seiner Tasse, trank
einen Schluck und ließ sich den intens-
iven Geschmack nach Schokolade, Zimt
und Vanille auf der Zunge zergehen. Ein
wohliges Gefühl von Wärme machte sich
in ihm breit.
Er liebte die Weihnachtszeit, besonders
den Advent. Und er liebte es zu backen.
Den Geruch und den Geschmack von
Gewürzen. Das warme, rot-flackernde
Feuer im Kamin und die bunten Lichter,
die jedes Jahr das Haus in einem vorweih-
nachtlichen Licht erstrahlen ließen, war-
en nur ein Bruchteil von dem, was Weih-
nachten für Xaramas bedeutete.

Es blieben nur noch wenige Stunden. Er


ging zurück ins Wohnzimmer und begann,
die vielen Sachen, die auf dem Boden la-
gen, einzupacken. Große Bilder, kleine
handgemachte Kalender und filigrane
Schlüsselanhänger. Stofftiere und bunte
Schmuckarmbändchen. Jede Kleinigkeit
war ein Unikat, das genauso sorgfältig
und in aller Ruhe verpackt wurde, wie es
gefertigt worden war. Schon seit Anfang
des Jahres arbeitete er auf diesen Tag
hin.
Gumbolt, der mittlerweile die restlichen
Etiketten beschriftet hatte, reichte ihm
den Haufen kleiner beschriebener Papier-
fetzen. Dann gerade als er die Geschenke
in einen großen Beutel packen wollte, ver-
nahm er das laute Schellen einer Klingel.
Ausgerechnet jetzt, wenn er keine Zeit
hatte!
Er fluchte leise, stand auf und ging zu
einem der Regale. Dort zog er eines der
Bücher aus dem Regal, wartete, bis ein
Klacken ertönte und sich ein Mechanis-
mus in Gang setzte. Das Holz ächzte
unter der Last. Xaramas quetschte sich
durch den schmalen Spalt, der sich
ergeben hatte, und verschwand in der
Dunkelheit. Finsternis umhüllte ihn, und
er spürte, wie sich seine Gestalt wandelte,
so wie immer, wenn er diesen Gang
entlang huschte. Lange spitze Ohren
begannen sich zu entwickeln, und er
fühlte, wie das Gefühl der Kraft von sein-
er Heimat ihn wieder einholte. Von seiner
Heimat, die ganz anders war als die
Menschenwelt. Sie war der Geburtsort der
Märchen. Die Arbenwelt, so wie sie
genannt wurde. Wundersam und voller
außergewöhnlicher Wesen. In ihr lebte die
Fantasie, die sonst nur in den Träumen
der Menschen Gestalt annahm.

Als er die Tür öffnete, blickte er in die Au-


gen eines anderen Elfen, die ihn erwar-
tungsvoll musterten. Ein rotes Gewand
lag über dessen Schultern, eine braune
Zipfelmütze trug er auf dem Kopf.
„Xaramas, hast du nicht Lust, Weih-
nachten zu feiern? Party ohne Ende“,
fragte er.
Xaramas schaute ihn irritiert an. „Was
musst du mich stören? Du weißt doch,
dass ich was Besseres zu tun habe.“
„Was soll denn daran so besonders sein?
Geschenke verteilen und das ganze Jahr
Zeit damit verbringen, für die Menschen
etwas herzustellen, was sie noch nicht
einmal wertschätzen. Außerdem haben sie
längst den Glauben an uns verloren.“
Xaramas wurde ungehalten. „Aber nur,
weil Elfen wie du sich keine Mühe bei den
Geschenken gegeben haben.“ Mit diesen
Worten knallte er die Tür mit einem
Rums wieder zu und ging den Weg
zurück, den er gekommen war. Diese
garstigen kleinen Elfen! Immer mussten
sie ihn aus den Gedanken reißen – und
dann ausgerechnet mit solchen Fragen!
Er hatte was Besseres zu tun. Weihnacht-
en war für ihn viel mehr als eine Party.

Höchste Eile war angesagt, es blieb nur


noch eine halbe Stunde, dann würden die
ersten Menschen zur heiligen Messe auf-
brechen. Dann schlug seine Stunde.
Er packte die Sachen zusammen und
ließ sie in einem großen Beutel ver-
schwinden. Den Behälter hatte er mal in
einem Kramladen gesehen und sofort die
Chance ergriffen und ihn mitgenommen.
Seinem Onkel hatte er auch einen mitgeb-
racht.
Viele Kisten, Schächtelchen,
Plätzchentüten und Dosen verschwanden
in dem Beutel, sodass er schon längst aus
allen Nähten hätte platzen müssen, doch
er war nicht wie die Gewöhnlichen aus
Stoff, die schon bei den kleinsten
Strapazen ihren Geist aufgaben. Er war
nicht gerade groß und doch hätte die
halbe Welt darin unterkommen können,
denn alles schrumpfte auf eine gewisse
Größe zusammen, bis es problemlos in
dem Sack herumwirbelte.
Xaramas zog sich nun wieder so an, wie
er es Weihnachten immer tat. Wie ein
Bettler. Er holte seine alten, halb zerfet-
zten Sachen aus dem Schrank und zog
sich seine kaputten Schuhe an. Dann be-
deckte er seinen Kopf mit einer Mütze,
zog sich eine löchrige Jacke an und warf
sich den Sack über die Schultern, in
dessen Inhalt die Menschen sein Hab und
Gut vermuteten, und stampfte hinaus in
den Schnee. Der verwilderte Garten schi-
en dem Besitzer Platz zu machen, die
Pflanzen bogen sich zu den Seiten und er-
möglichten einen Durchgang. Schon jetzt
war Xaramas aus der Puste. Bei jedem
Atemzug atmete er weiße Wolken aus.
Schließlich blieb er einige Sekunden
stehen, um Luft zu holen. Die Straßen-
laternen schienen auf die leeren Gassen,
und dann fing es an zu schneien. Weiße
Schneeflocken purzelten sanft und leicht
herunter. Wie jedes Jahr. Immer hielt
sein Onkel dieses Versprechen.
Xaramas lächelte zufrieden und setzte
seinen Weg fort. Als er das Südende der
Stadt erreicht hatte, begann er. Es gren-
zte an ein Wunder, das alle Menschen –
und damit meinte er wirklich alle – sich
anlässlich des Weihnachtsfestes in die
Kirche begaben. Das war die Zeit, die der
Elf ausnutzte, um heimlich, still und leise
die Geschenke in die Wohnungen der Be-
wohner zu schmuggeln. Für ihn war es ein
leichtes Spiel.
Er zückte einen Schlüssel, der seltsam
geformt war, und steckte ihn ins Schloss.
Auch das war eine der einzigartigen
Kleinigkeiten, die er einmal aus dem
Kramladen in der Arbenwelt mitgenom-
men hatte. Eigentlich hatte er ihn für
seinen Onkel an sich genommen, doch der
bevorzugte immer noch die alte Methode
wie vor zweihundert Jahren. Die Geschen-
ke durch den Kamin zu werfen. Dass
dabei die ein oder andere Sache kaput-
tging oder manches im Kamin stecken-
blieb, kam ihm nicht in den Sinn, aber
wenigstens erreichten die Geschenke bei
ihm pünktlich ihr Ziel. ‚Meistens‘. In
Amerika kam er immer einen Tag zu spät,
beziehungsweise hatte er bis heute nicht
gelernt, dass er aufgrund der Zeitumstel-
lung besser dort anfangen sollte und die
anderen Kontinente zuletzt. Doch sein
Onkel hatte sich inzwischen zu sehr dran
gewöhnt, um sich nochmal zu ändern.
Der Elf nahm den Sack vom Rücken,
flüsterte die Namen, die er zuvor auf der
Klingel gelesen hatte, und die Geschenke
für die Familie flogen direkt in seine
Hand. Sorgsam legte er sie unter den
Weihnachtsbaum und stellte eine große
Packung Plätzchen für die Familie hinzu.
Dann hievte er den Sack wieder über
seine Schultern und verschwand.
Eine Stunde später hatte er fast alle
Häuser durch. Nur noch ein einziger Alt-
bau fehlte ihm. Genau in diesem Moment
begannen die Glocken zu läuten und das
Ende der Messe zu verkünden. Er fluchte
leise vor sich hin, während er den Schlüs-
sel ins Schloss steckte und in die
Wohnung hetzte. Dann zog er das letzte
Geschenk hervor, legte es neben die
Plätzchentüte unter den Weihnachtsbaum
und verließ das Haus ebenso schnell, wie
er gekommen war.
Allmählich begannen die Menschen,
ihren Heimweg anzutreten. Xaramas
wollte auf direktem Wege nach Hause
gelangen, doch damit er nicht allzu vielen
Kirchengängern über den Weg lief,
entschied er doch sich für einen Umweg
durch die schmalen Gassen.
Sie waren weniger belebt, aber doch
nicht so leer wie erwartet. Immer wieder
wünschte er den Menschen, die an ihm
vorbei gingen, frohe Weihnachten. Und
dann begegnete er noch einem Paar mit
zwei Kindern. Die beiden Strolche ver-
suchten, Schneeflocken mit ihren Zungen
aufzufangen und lachten dabei. Ihre El-
tern warfen immer wieder Blicke auf die
Kinder und lächelten sich freundlich an.
„Frohe Weihnachten“, grüßte Xaramas
höflich.
„Frohe Weihnachten! Was machen Sie
denn zu so später Stunde noch hier? Wol-
len sie nicht nach Hause gehen?“
Verflixt, was sollte er nur antworten?
Darauf war er gar nicht vorbereitet
gewesen. Dann musste er eben improvis-
ieren. „Ich habe kein Zuhause. Ich werde
die Nacht wohl auf der Straße schlafen“,
log er und blickte scheinbar betreten auf
den Boden. „Ach, was solls...Ihnen noch
einen schönen Weihnachtsabend“, fügte er
hinzu. Er wollte schon weitergehen, doch
auch die beiden Kinder hatten die Unter-
haltung mitbekommen.
„Sie haben kein Zuhause?“, fragte der
kleine, blonde Junge und machte ein völ-
lig entsetztes Gesicht.
„Nein“, log Xaramas.
„Ach, Mama, können wir ihn nicht mit-
nehmen? Dann bekommt er wenigstens
eine anständige Mahlzeit.“ Das Mädchen
hatte sich zu Wort gemeldet und blickte
abwechselnd zwischen den Eltern und
dem Fremden hin und her. „Ach bitte. Wir
haben doch in der Kirche gelernt, das man
zu jedem freundlich sein soll. So viele
Menschen verhungern zu Weihnachten,
und jetzt können wir ihm eine Freude
bereiten.“ Erwartungsvoll blickte die
Kleine die Erwachsene an.
Die Mutter blickte zu ihrem Mann, doch
dieser wirkte nicht gerade zufrieden, da
schaltete sich aber auch Xaramas ein.
„Ach nein, lass mal. Ich komme schon
zurecht, aber danke.“ Er machte einen
erneuten Versuch sich aus dem Staub zu
machen, als das kleine Mädchen ihn am
Arm zupfte. „Mister?“
Xaramas drehte sich um und blickte die
Kleine an. „Das hier ist für Sie. Dann
haben Sie wenigstens ein Geschenk.“ Die
Augen der Kleinen strahlten wie kleine
Sterne und sie reichte ihm einen kleinen,
handgenähten Anhänger aus Stoff, der
einen Weihnachtsmann darstellte.
Xaramas musste unwillkürlich lächeln
und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Danke“, hauchte er. Da flitzte die Kleine
auch schon wieder zu ihrer Mutter und
griff nach deren Hand. Sie schenkte ihm
noch ein leises Lächeln, dann drehte sie
sich um und ging mit ihrem Mann und
den Kindern die Gasse entlang, bis sie
schließlich um die Ecke verschwanden.
Xaramas blickte auf das Geschenk in
seiner Hand. Diese Geste hatte ihm förm-
lich den Atem geraubt. Er hatte noch nie
etwas geschenkt bekommen. Er blickte
den kleinen Gegenstand in seiner Hand
an. Wie ein kleines Wunder hielt er ihn
behutsam fest. Er schien so zerbrechlich
und schön.
Als er seinen Blick wieder hob, sah er
nochmal an die Stelle, an der die Familie
verschwunden war. Überall begannen die
Häuser zu erleuchten, sodass sie fast wie
festliche Laternen wirkten. Er sah, wie
sich die Kinder auf die Geschenke
stürzten und sie mit großen Augen aus-
packten und begeistert den Inhalt in den
Händen hielten. Die Freude erwärmte
ihm das Herz. Es war der Moment, in dem
Xaramas klar wurde, dass er seinem
Onkel nie dieses Dorf überlassen würde.
Immer wieder vergewisserte er sich,
dass der kleine Gegenstand noch da war,
und jedes Mal erfreute sein Anblick ihn
ein bisschen mehr. So ging er dahin mit
einem seligen Lächeln auf den Lippen.
17. Dezember

Zeit der Wunder


Von Grit Stange

Im Luftzug der sich öffnenden Eingangstür


dreht sich das Mobile aus Engeln und
Sternen, die Worte „Zeit der Wunder“ wer-
den sichtbar.
Wie angewurzelt bleibt Paul stehen. Und
da – in der Ecke vor ihnen steht ein wun-
derschön geschmückter Weihnachtsbaum
mit ganz vielen Lichtern. „Guck mal,
Lapap“, flüstert er seinem Plüschelefanten
zu und drückt ihn ganz fest an sich. „So ein
schöner Baum.“
Seine Mutter hat keinen Blick für das
weihnachtlich geschmückte Foyer, mech-
anisch folgen ihre Schritte der roten Mar-
kierung auf dem Fußboden, die den Weg
in die Notaufnahme zeigt. Paulchen kann
wohl nicht mehr, er ist schon wieder
stehen geblieben. Kurzerhand nimmt sie
ihn auf den Arm.
Wie heiß er sich anfühlt, sein Kopf
scheint zu glühen. Dabei ist er ganz blass.
Und so ruhig. Viel zu ruhig.
Endlich werden sie aufgerufen.

Er sieht erbärmlich aus. Und das ist noch


geschmeichelt! Paulchen kann die
hochgezogenen Augenbrauen der Schwest-
er nicht sehen, mit der sie den Plüschele-
fanten mustert, der einst wohl hellgrau
gewesen sein muss. An den Seiten und am
Rüssel abgeschabt und von undefinierbar-
er Farbe, das Rosa an der Innenseite der
Ohren kaum noch zu erahnen. Aber die
Mutter sieht diesen Blick genau. Und sie
weiß, was die Frau denkt, auch wenn sie
nichts sagt. Sie sieht das verächtliche
Zucken in den Mundwinkeln, als Paul den
Elefanten einfach nicht loslassen will.
Natürlich weiß sie, wie mitgenommen
Lapap aussieht. Ob sie es der Schwester
erzählen soll? Dass dieses alte Plüschtier
für den Jungen etwas ganz Besonderes
ist, dass er sich nie von seinem Lapap
trennen mag, egal, wie schäbig er aus-
sieht.
Sie könnte ja sagen, dass ihr Mann let-
ztes Jahr zu Weihnachten einen neuen
Elefanten gekauft hat, einen, der genauso
aussah wie Lapap, als er noch neu war,
und ihn in Erwartung strahlender
Kinderaugen unter den Weihnachtsbaum
gesetzt hat.
Doch noch nie hat sie ihren Sohn so
außer sich erlebt. Ohne einen einzigen
Blick für die bunten Päckchen unter dem
Baum hat der Junge voller Entsetzen das
neue Plüschtier angestarrt und mit
tränenerstickter Stimme nach seinem
Lapap gerufen.
„Ich gehe ihn suchen, bitte hör auf zu
weinen.“ Zum Glück hatte sie den Müll
noch nicht weggebracht, sie musste den
Elefanten nur rasch noch einmal gründ-
lich abschrubben.„Lapap ist aus Versehen
ins volle Waschbecken gefallen, er ist noch
ein bisschen nass.“
Mit einem nachsichtigen Lächeln hat
Paul diese lahme Erklärung akzeptiert,
ist auf den alten Lapap zu gestürzt und
hat ihn so fest an sich gedrückt, dass sein
Pullover dabei ganz feucht geworden ist.
„Und ich dachte, du freust dich! Es war
gar nicht so einfach, ihn zu finden.“ -
„Papa, das verstehst du nicht. Das da ist
ein neuer Elefant, er sieht genauso aus
wie meiner, aber es ist nicht Lapap! Mein
Lapap ist etwas ganz Besonderes, das
weiß ich genau!“

Aber kann sie das alles einer völlig frem-


den Frau erzählen? So sagt sie nur leise:
„Bitte nehmen Sie ihm den Elefanten
nicht weg. Er braucht ihn.“

Ganz fest umklammern die kleinen Finger


das mitgenommene Plüschtier. Es wird
ihnen nichts anderes übrig bleiben, als
den Jungen so zu untersuchen. Vielleicht
ist es sogar gut so, immerhin kann so ein
MRT einem kleinen Kind schon ein wenig
Angst machen.
Die Mutter streicht ihm behutsam über
die heißen Hände, flüstert ihm zu, dass er
keine Angst haben soll. Paulchen runzelt
die Stirn, genau wie sein Vater es immer
tut, dann entgegnet er mit kindlichem
Ernst: „Ich hab keine Angst, Lapap passt
auf mich auf“, und drückt den Elefanten
an seine Brust. Ganz ruhig liegt der Fün-
fjährige, gibt keinen Mucks von sich, auch
später nicht, als die Schwester ihm Blut
abnimmt und dabei mehrmals einstechen
muss, bevor sich das Röhrchen füllen
lässt.

„Wir behalten Ihren Sohn zur Beobach-


tung hier, machen Sie sich keine Sorgen,
vielleicht ist es nur für ein paar Tage.
Dann können Sie Weihnachten gemein-
sam feiern. Haben Sie Sachen für ihn
dabei? Sie können alles hier in den
Schrank legen.“
„Hier können Sie seine Handtücher hin-
hängen und die Waschlappen.“
„Was ist denn das? Soll das etwa ein
Waschlappen sein? Misstrauisch beäugt
die Schwester das seltsame Teil, dreht es
um und schüttelt den Kopf. Von der Wand
schaut sie ein Pinguin an, mit großen Au-
gen und einem orangen Schnabel,
liebevoll genäht aus verschiedenfarbigem
Frottee.
„Darf ich ihn auf seinen Nachtschrank
setzen, damit er ihn gleich sieht, wenn er
aufwacht?“
„Wie bitte?“
„Sie müssen das verstehen, Paulchen ist
gerade in so einer Phase, er kann nicht
ohne diese beiden, Lapap und Pingu
müssen überall mit dabei sein. Er ist
dann ruhiger, glauben Sie mir.“
Mechanisch räumt sie Pauls Sachen in
den Schrank. In ihrem Kopf schwirren die
Worte unklar / Beobachtung / Spezialisten
/ Abwarten / Labor / Blutwerte / strenge
Bettruhe / sehr schwach / weitere Unter-
suchungen / Vorsichtsmaßnahme
durcheinander. Sie schwankt ein wenig,
hält sich an der Schranktür fest. „Setzen
Sie sich, ich hole Ihnen ein Glas Wasser.“
Die Stimme der Schwester ist streng. Ge-
horsam setzt sie sich, trinkt das Glas in
einem Zug leer.
Dann beugt sie sich über das Bett ihres
Sohnes.
Paulchen hat die Augen geschlossen,
eine Haarsträhne liegt auf seiner sch-
weißnassen Stirn, mit beiden Armen hält
er seinen Elefanten fest. Er blinzelt,
schaut sie an.
Er hat es gewusst, dass er hierbleiben
muss. Er hat es gleich gewusst, als der
Doktor ihn so angesehen hat. Und er weiß
auch, dass er allein bleiben muss. Zu
Hause ist ja noch seine kleine Schwester,
da kann die Mutti nicht hierbleiben. Das
versteht er. Er ist ja schon groß. Und ganz
allein ist er ja nicht. Er hat Lapap. Und
Pingu.
Jetzt muss auch sie blinzeln, die verrä-
terischen Tränen wegblinzeln. Die kleine
Hand streichelt ihre Wange: „Nicht wein-
en, Mutti, ich werde bald wieder gesund.“
„Sie können jederzeit kommen“, beant-
wortet die Schwester ihre unausge-
sprochene Frage und fügt anerkennend
hinzu: „So ein tapferes Kerlchen, der Paul.
Morgen gegen Mittag wissen wir sicher
schon mehr.“
Als sie sich die Jacke zuknöpft und die
Mütze aufsetzt, fällt ihr Blick auf die
Weihnachtsdekoration im Foyer. Zeit der
Wunder – ja, ein Wunder könnte sie jetzt
gebrauchen. Wie sehr hatte sich Paul auf
den Weihnachtsmarkt gefreut, am
Wochenende wollten sie Kekse backen,
wie fleißig hatte er für das Weihnachts-
programm im Kindergarten geübt – und
nun lag er hier. Ob sie Weihnachten wohl
zusammen feiern konnten?
Als sie hinausgeht, scheinen die Engel
im Mobile zu rennen. Ein Schutzengel für
Paul, ja, das wünscht sie sich. Und ihre
Gedanken wandern zu Lapap und Pingu,
die jetzt bei ihm sein dürfen.

***
Über drei Jahre ist es her, seit Paul den
Elefanten im Kaufhaus entdeckt hatte.
Für nichts anderes hatte er einen Blick
gehabt, es musste unbedingt dieser Ele-
fant sein mit den großen Knopfaugen, der
aussah, als würde er lächeln. Paulchen
konnte damals das Wort Elefant noch
nicht aussprechen, mit seligem Lächeln
hatte er das Plüschtier an sich gedrückt
und immer wieder geflüstert: „Lapap,
mein Lapap.“
Unzählige Male schon hatte sie den Ele-
fanten in die Waschmaschine gesteckt.
Wenn Paulchen es nicht sehen konnte,
hatte sie Lapap manchmal an den Ohren
auf die Wäscheleine gehängt, damit er
schneller wieder trocknete. Was hatte das
Tierchen nicht alles mitgemacht! Einige
Stellen hatte sie schon mehrmals
nachnähen müssen.
Pingu war auch so eine „Liebe auf den
ersten Blick“. Sie waren zusammen im
Drogeriemarkt einkaufen, als Paulchen
plötzlich wie angewurzelt stehenblieb und
zielgerichtet in die unterste Gitterbox
griff. Triumphierend hielt er ihr die
Schwamm-Figur entgegen: „Guck mal,
Pingu!“, und ihr war gar nichts anderes
übriggeblieben, als diesen merkwürdigen
Schwamm auf das Kassenband zu legen.

Sie lächelt, als sie an das glückliche


Gesicht ihres Sohnes denkt. Was er wohl
in diesen beiden sieht, was sie so beson-
ders macht, anders als alle seine anderen
Spielsachen? „Erwachsene können es
nicht verstehen“, hatte Paulchen ge-
flüstert, als sie wissen wollte, warum
diese beiden überall mit hin müssen, „es
ist ein Geheimnis. Ein Weihnachtsge-
heimnis.“

***

Es war spät geworden am Weih-


nachtsabend und er war schnell eingesch-
lafen.
„Hatschi!“ Paulchen musste niesen. Et-
was hatte ihn an der Nase gekitzelt. Das
war doch... Aber das gibt es doch gar
nicht! Mit weit aufgerissenen Augen star-
rte er Lapap an, der auf seiner Brust lag
und ihn mit seinem Rüssel betastete. Und
er zwinkerte dabei mit den Augen!
Ruckartig setzte sich Paul im Bett auf,
war sofort hellwach und hielt den Ele-
fanten mit ausgestreckten Armen von
sich. Der aber fing ganz leise zu sprechen
an: „Hallo, kleiner Paul, zieh mal die
Bettdecke ein Stückchen höher, sonst
wird uns beiden kalt.“ - „Weichwurst!“,
tönte eine vorwitzige Stimme von unten.
„Pingu? Wie kommst du denn aus dem
Bad hierher?“ - „Na wie schon, zu Fuß
natürlich, zum Glück war die Tür nur
angelehnt, sonst hätte ich das nie
geschafft!“, schnaufte die Schwamm-Figur
und wischte sich mit dem Flügel über den
Kopf.
Paulchen hob den Pinguin vorsichtig ins
Bett, er war noch ein bisschen nass vom
abendlichen Baden. „Du kannst ja auch
sprechen, Pingu“, wunderte sich Paul.
„Du hast es ihm noch nicht gesagt?“,
wandte sich der kleine Pinguin tadelnd an
den Elefanten.
„Was denn gesagt?“ Neugierig und mit
großen Augen flüsterte Paulchen mit
Lapap.
„Wir sind lebendig.“
„Ich wusste es, ich wusste es!“ Paulchen
war aus dem Bett gesprungen, die beiden
fest in den Armen haltend.
„Pssssst, leise, uns darf niemand
hören“, mahnte Lapap, „geh wieder ins
Bett, du erkältest dich sonst und
bekommst Fieber.“
Gehorsam legte sich Paul wieder ins
Bett, dabei immer wieder vor sich hin
murmelnd: „Ich hab es gewusst, ich hab es
ja immer gewusst...“
„Das glaub ich nicht“, ließ sich die vor-
laute Stimme von Pingu vernehmen, „das
weiß doch niemand.“ - „Ich hab es
gewusst! Na ja, gewünscht hab ich es mir,
so sehr gewünscht.“ Mit glückseligem
Gesicht hielt Paul seine beiden Lieblinge
an sich gedrückt. „Aber wie kommt das?
Und sind die anderen auch lebendig?
Quaki und Knuddel und das Wuschel?“
Vor lauter Aufregung wurde Paul immer
lauter, so dass nun auch Pingu ihn
ermahnen musste.“Pssst, schrei nicht so“,
und ihm die Spitze seines rechten Flügels
auf den Mund legte. - „Ey, das kitzelt!“
„Es ist nämlich so“, begann Lapap und
fuhr Paulchen mit seinem Rüssel über die
Wange, „wenn ein Kind ein Spielzeug
ganz ganz doll lieb hat, dann wird es
lebendig.“ - „Und zwar zu Weihnachten“,
mischte sich Pingu ein, „und das ist ein
ganz großes Geheimnis, das nur Kinder
erfahren dürfen.“ - „Und nun ist es
passiert, als du so heftig nach mir geweint
hast“, erklärte der Elefant geduldig.
„Und du – du bist doch mein Ba-
deschwamm, Pingu?“ - „Ein Schwamm!
Da hört sich doch alles auf!“ Empört
wackelte Pingu mit den Stummelflügeln
und machte kleine Hopser, als wollte er
versuchen zu fliegen. „Ich bin etwas ganz
Besonderes, ich bin Pingu! Soll ich dir von
meinen Abenteuern erzählen? Mit
meinem Opa bin ich schon durch die gan-
ze Welt gereist, das kannst du mir
glauben.“ Lapap stupste Pingu mit seinem
Rüssel an: „Nun übertreib es mal nicht.
Wir alle wissen, dass du sehr gut
Geschichten erzählen kannst“, und an Pa-
ulchen gewandt:„Er flunkert gern, unser
Pingu, aber man kann ihm nicht böse
sein, du darfst ihm nur nicht alles
glauben, schließlich ist er nur ein Sch-
wamm.“
„Ein Schwamm – lächerlich! Ich bin
Pingu! Du redest ja wie ein Erwachsener!
Ein Schwamm! Da schnappt einem doch
glatt vor Empörung die Stimme über!“
Beleidigt drehte sich der kleine Pinguin
um und wollte aus dem Bett springen,
doch Paul hielt ihn fest. „Ihr müsst euch
vertragen, bitte, ich hab euch doch beide
ganz doll lieb.“ - „War nicht bös gemeint,
Pingu“, murmelte Lapap und streichelte
den Kleinen mit seinem Rüssel. Aber setz
dich doch bitte hier auf den Rand oder auf
den Nachttisch, sonst machst du das gan-
ze Bett nass. Gehorsam watschelte Pingu
auf den Nachtschrank, dabei eine feuchte
Spur hinterlassend. Paulchen streichelte
ihm über den nassen Rücken, dann
drückte er Lapap fest an sich, murmelte
noch einmal: „Ich hab es gewusst, ich hab
es immer gewusst“, bevor ihm die Augen
zufielen.
Am nächsten Morgen saß Pingu – noch
immer etwas feucht – auf seinem Nachts-
chrank und auf seiner Bettdecke war ein
feuchter Streifen. Es war also kein Traum
gewesen. Es war tatsächlich wahr! Lapap
und Pingu sind lebendig! Grübelnd stütze
Paulchen den Kopf in die Hände: „Warum
dürfen Erwachsene es nicht wissen? Und
wissen sie es nicht schon? Sie waren doch
auch mal klein? Alle großen Leute waren
irgendwann mal klein.“ - Pingu hüpfte
ihm in die Hand: „Das ist nämlich so“,
warf er sich in die Brust, „die meisten Er-
wachsenen vergessen, wie sie als Kind
waren und dann können sie sich nicht
mehr vorstellen, wie toll das ist, wenn
man mit seinen Puppen oder seinen
Plüschtieren reden kann“, - „Oder denen
aus Frottee...“, sagte mit verschmitztem
Lächeln der Elefant. „Und dann schämen
sie sich, dass sie mal fest daran geglaubt
haben, dass wir alle lebendig werden
können.“ - „Und wenn sie es nicht ver-
gessen haben?“ - „Das siehst du an ihren
Augen“, antwortete Lapap.
Paulchen legte den Kopf schief und
überlegte. Nach einer ganzen Weile war
er sich sicher: „Mama weiß es.“ - „Das
glaube ich nicht. Sie hat gesagt, dass ich
ein Schwamm bin und hier – meine Zier-
schleife – sie hat gemeint, dass man mich
daran gut aufhängen könnte – an den un-
teren Haken. Eine Frechheit ist das! Ganz
typisch Erwachsener!“ Lapap trompetete
ein ganz klein wenig, es hörte sich für
Paul ein bisschen wie ein Lachen an. Er
flüsterte Pingu zu: „Das mit dem Aufhän-
gen ist nur zum Trocknen, mich hat sie
auch schon aufgehängt – an den Ohren,
aber sie hat dabei ‚Entschuldige bitte‘
gesagt.“
***

Das kann doch nicht wahr sein! Schwester


Ingrid ist sich ganz sicher, da waren Stim-
men. In Zimmer 27, bei Paul und Markus.
Um diese Zeit! Mitten in der Nacht!
Vorsichtig öffnet sie die Tür, doch die
beiden Jungen liegen in tiefem Schlaf.
Schwester Ingrid kann man nichts vor-
machen, sie lauscht auf die Atemzüge der
Kinder – nein, die verstellen sich nicht,
die schlafen tief und fest. Und doch hat sie
es genau gehört, da hat jemand ge-
sprochen. Kopfschüttelnd verlässt sie das
Zimmer. Ob sie sich doch getäuscht hat?
Kaum hat sie sich umgedreht, da hört sie
es wieder. Sie öffnet die Tür einen winzi-
gen Spalt, will sich ganz sicher sein, bevor
sie den beiden eine Standpauke hält, weil
sie sich so spät in der Nacht noch unter-
halten.
„Du bist doch gar kein Spielzeug, du
bist ein Schwamm – wieso bist du auch
hier?“ - „Ich bin etwas ganz Besonderes,
ich bin Pingu!“ Dabei wedelt er mit den
Flügeln, dass die Wassertröpfchen umher-
spritzen. „Vorsicht! Du darfst uns nicht
nass machen. Markus ist sehr krank, ich
muss ihn warm halten“, erklärt der große
braune Affe mit gewichtiger Miene. „Ich
bin fast so groß wie Markus, deswegen
kann er sich richtig an mich ankuscheln.“
- „Ich kann nicht raus aus dem Bett, Paul
hält mich so fest, er klammert sich richtig
an mich“, lässt sich Lapap vernehmen.
„Wir müssen darüber reden, was wir
tun können, damit Markus und Paul
schnell wieder nach Hause dürfen.“ - „Ist
doch klar, sie müssen brav ihre Medizin
nehmen und auf die Schwester hören.“ -
„Sagst du es deinem Markus? Ich hab es
meinem Paulchen schon gesagt, bevor er
das erste Mal untersucht wurde. Deswe-
gen war er auch ganz tapfer.“ Der alte
Plüschelefant ist stolz auf seinen kleinen
Jungen. „Und ich hab ihm die Stirn
gekühlt – ich, Pingu!“
Schwester Ingrid atmet tief durch.
Kneift sich in den Arm. Nein, sie schläft
nicht, also hat sie eben nicht geträumt.
Aber das kann doch nicht wahr sein.
„Pssst, ich glaube, die Schwester ist vor
der Tür, haltet ganz still.“ Doch sie hat es
genau gesehen, der Elefant hat mit
seinem Rüssel Pauls Wange gestreichelt
und der Pinguin ist vom Nachttisch auf
das Bett gehüpft.
Sie dreht sich um. Weit und breit kein
Mensch auf dem Flur. Gegenüber an der
Wand hängt die Weihnachtsdekoration
mit den vielen selbst gebastelten Sternen.
Der Spruch fällt Schwester Ingrid ins
Auge: „Weihnachten – Zeit der Wunder“.
Glaubt sie an Wunder?
Ganz vorsichtig, Millimeter für Milli-
meter, öffnet sie unhörbar die Tür und
traut ihren Augen kaum. Hat da nicht
eben der Frottee-Pinguin mit den Flügeln
gewackelt? Und das war doch... Der Rüs-
sel des Elefanten bewegt sich, streichelt
sanft über die Wange des Kindes.
„Psssssssst – wehe, Sie verraten et-
was!“, droht der große braune Affe aus
Markus‘ Bett mit einem Grollen in der
Stimme, das so gar nicht zu seinem
lächelnden Mund passen will. „Quatsch
mit Soße, das kann sie gar nicht verraten
– dann würden alle denken, jetzt ist sie
übergeschnappt“, mischt sich der Pinguin
ein. Wie angewurzelt steht Ingrid
minutenlang in der Tür, bevor sie ganz
langsam zu Pauls Bett geht und seine
Stirn befühlt. Dann wiederholt sie
dasselbe bei Markus. Hat sie der braune
Affe nicht eben triumphierend angesehen?
Und der abgegriffene Elefant – hat er
nicht gerade gelacht? Sie schüttelt den
Kopf. Das Fieber ist gesunken, bei allen
beiden.
Sie dreht sich vorsichtshalber noch einmal
um, niemand ist zu sehen. Sie schüttelt
über sich selbst den Kopf, kann nicht
fassen, was sie gerade tun will. Doch dann
streichelt sie dem Affen über den Kopf,
kitzelt den Pinguin launig am Bauch und
schaut dem alten Elefanten in die Knop-
faugen: „Keine Angst, ich verrate euch
nicht, helft nur den beiden Jungs, schnell
wieder gesund zu werden, es ist doch bald
Weihnachten.“ - „Ja, die Zeit der Wunder“,
hört sie die drei sagen, als sie die Tür
ganz leise hinter sich zumacht.
18. Dezember

Der
Wunschzettel
von Elisa Bergmann

Jedes Jahr die gleiche Prozedur. Die


Kinder in artig und ungezogen sortieren,
entscheiden, wer ein Geschenk unter dem
Weihnachtsbaum findet und wer die Rute
bekommt. Ist das endlich erledigt, und
diese Aufgabe beansprucht wirklich eine
hohe Anzahl meiner kostbaren Tage, 216
um genau zu sein, beginne ich damit, die
Wunschzettel der Kinder zu lesen. Die
bekomme ich übrigens nicht nur kurz vor
Weihnachten, sondern sie kommen das
ganze Jahr über hereingeflattert.
Das Problem ist aber nicht, dass sie sich
hier immer schon so zeitig ansammeln,
sondern eher, dass die Wünsche von Jahr
zu Jahr immer unerfüllbarer werden. Ein-
faches Holzspielzeug will keiner mehr,
Amazon, eBay und Ikea sind längst zu
meinen besten Freunden geworden, sonst
hätte ich ja gar keine Chance mehr, die
ausgefallenen Wünsche der Kinder zu er-
füllen.
Da ist es schon eine Überraschung,
wenn man einen Wunschzettel bekommt,
den man zur Abwechslung mal leicht er-
füllen kann. Schon komische Dinge, die
sich dieser Junge hier wünscht. Ein
Metallrohr? Zucker? Blumendünger und
Nägel? Hört sich ja eher wie die Einkauf-
sliste für einen Baumarkt an, aber der
Kleine ist immer brav und ordentlich,
macht seinen Eltern nie Kummer, räumt
sein Zimmer auf und erledigt seine Schu-
laufgaben gewissenhaft, nur Freunde hat
er keine, das macht mir ein bisschen Sor-
gen. Auf jeden Fall war er dieses Jahr ein
artiges Kind und bekommt deshalb auch
das was er sich gewünscht hat.
Vielleicht will er ja etwas basteln,
künstlerisch begabt ist er jedenfalls, denn
er hat mir sogar ein Bild gemalt. Wirklich
sehr hübsch, eine Weihnachtskugel mit
einem Faden dran, an dem ein Stern
hängt, ich mag es sehr, wenn die Kinder
mir etwas malen. Ich werde mal sehen,
dass der Junge Freude an seinen Bas-
telsachen hat, vielleicht finde ich ja ein
Rohr in einer tollen Farbe. Der wird sich
freuen… das wird ein Knaller!
19. Dezember

Dinge zwischen
Himmel und
Erde
von Johanna Marthens

Es begann wie jedes Jahr mit einem


langgezogenen Schrei. Ich hätte nie
gedacht, dass mir ein Geräusch einmal so
durch Mark und Bein gehen würde. Der
Schrei fing laut und kreischend an, bis er
leicht abflaute und zu einem erbärmlichen
Wimmern wurde.
„War es das?“, fragte ich atemlos. Ich
muss zugeben, dass mir in diesem Mo-
ment alle Haare zu Berge standen. Es
klang einfach zu schrecklich.
„Ja, das war es“, sagte Holm Helgard,
der Hausherr.
„Und dass es ein Fehler im
Heizungssystem ist?“, wollte ich wissen.
Er schüttelte den Kopf. „Haben wir
alles überprüft. Das ganze Haus haben
wir auf den Kopf gestellt. Wir haben vor
drei Jahren sogar einen Geräuschexper-
ten kommen lassen. Es ist definitiv ein
menschlicher Schrei.“
„Ein Nachbar mit makabrem Humor?“
Ich ließ nicht locker. Es musste doch eine
logische Erklärung für das Phänomen
geben.
Wieder Kopfschütteln. „Wir haben rund
ums Haus Videokameras aufgestellt.
Niemand kam, niemand ging, nur unsere
Familie.“
„Und die war es nicht. Auch die Kinder
nicht?“
„Nein!“ Die beiden Kinder, Sally und
Robbie, riefen fast im Gleichklang entset-
zt aus. „Wir machen es nicht! Wie auch –
wir sitzen doch hier.“
Damit hatten sie Recht. Der Schrei, der
vor wenigen Minuten noch durch das alte
Haus gehallt war, konnte nicht von ihnen
stammen, denn sie hatten direkt neben
mir gesessen.
„Dann weiß ich auch nicht.“ Ich gab auf.
Eigentlich wollte ich nicht so einfach
kleinbeigeben. Ich brauchte eine gute St-
ory für meine Zeitung, daher war ich bei
den Helgards gelandet. Sie bewohnten
seit einigen Jahren eine alte Villa und be-
haupteten, dass es darin spukte. Jedes
Jahr zur Weihnachtszeit würden Schreie
durch das Haus hallen, außerdem sei eine
weiße Erscheinung gesichtet worden. Sie
hatten sogar schon einmal versucht, mit
einem Geisterjäger in Kontakt zu treten,
aber das war wohl im Sande verlaufen.
Niemand glaubte ihnen – ich auch nicht,
ehrlich gesagt. Aber der Schrei eben hatte
wirklich ziemlich eindrucksvoll geklun-
gen. Viele Jahre waren die Helgards zur
Weihnachtszeit in den Urlaub geflüchtet,
um dem Spuk zu entgehen, aber inzwis-
chen hätten sie sich daran gewöhnt, mein-
ten sie. Niemand käme zu Schaden, und
nach Weihnachten sei sowieso alles
wieder wie gehabt. Doch auch sie waren
an einer Aufklärung mehr als interessiert,
weshalb sie mir gestatteten, Weihnachten
mit ihnen und dem Geist zu verbringen
Weihnachtsspuk eignete sich hervorra-
gend dafür, meine Leser an die Zeitung zu
fesseln. Noch besser hätte ich es allerd-
ings gefunden, wenn sich ein Schuldiger
oder eine logische Erklärung finden ließe.
Aber bisher ließen die noch auf sich
warten.
„Wann kommt die Erscheinung?“, wollte
ich wissen.
„Zur Mitternacht natürlich.“ Holm Hel-
gard sah mich an, als hätte ich etwas völ-
lig Dummes gefragt.
„Ich kenn mich nicht so aus mit
Geistern“, murmelte ich als Entschuldi-
gung. Ich wollte noch etwas hinzufügen,
als es plötzlich an der Tür läutete.
Sally sprang auf. „Ich gehe!“
Ich sah zur Uhr. Es war vier Uhr am
Nachmittag des Heiligen Abends. Wer
würde sich jetzt noch so spät zum Besuch
ansagen?
„Es ist Onkel Thomas!“, rief das Mäd-
chen aufgeregt und zerrte einen Mann in
einem langen, jedoch viel zu dünnen Man-
tel ins Wohnzimmer der Helgards. Der
Alte war um die siebzig, hatte weißes,
schütteres Haar und leuchtend blaue Au-
gen.
„Hallo Holm“, sagte er einfach, als er im
Raum stand.
Holm Helgard runzelte die Stirn und er-
hob sich von seinem Sessel.
„Onkel Thomas, dich habe ich ja ewig
nicht mehr gesehen. Wie viele Jahre sind
es? Vierzig? Fünfzig?“
„38, um genau zu sein. Du warst ein
fünfjähriger Bursche, als wir uns das let-
zte Mal begegnet sind. Du bist gewach-
sen.“ Der Alte grinste.
Holm Helgard reichte dem Ankömmling
die Hand, die dieser herzlich schüttelte.
„Und du bist grau geworden.“
„Das hat das Alter so an sich.“
Ich sah von einem zum anderen und
freute mich natürlich über die Familien-
zusammenführung, obwohl ich keine Ah-
nung hatte, wie alles zusammenhing.
Doch der Fremde klärte mich auf, als er
mir zur Begrüßung ebenfalls die Hand
reichte.
„Ich bin der Bruder des alten Helgards,
seines Vaters. Ich bin vor langer Zeit nach
Australien ausgewandert. Doch dieses
Jahr hätte ich Lust, Weihnachten mal
wieder in der Heimat zu feiern.“
Ich nickte freundlich, hörte jedoch, wie
der Hausherr im Hintergrund knurrte:
„Meldet sich ein halbes Jahrhundert nicht
und will dann einfach mit uns Weihnacht-
en feiern.“
Onkel Thomas tat so, als hätte er es
nicht gehört. Ich ebenfalls.
Dafür meldete sich Robbie zu Wort. „Du
musst dich auf etwas gefasst machen,
Onkel Thomas. Bei uns spukt es immer zu
Weihnachten.“
„Ein Spuk? Das ist ja fantastisch!“ Der
Alte sah nicht so aus, als würde er sich
fürchten. „Was ist das für ein Spuk?“
„Ein Schrei und eine weiße Erscheinung
in der Nacht“, hauchte der Junge ehr-
furchtsvoll.
„Und wer spukt?“, fragte Onkel Tho-
mas.
Sally zuckte mit den Schultern. „Das
wissen wir nicht.“
Der Alte stemmte die Hände in die
Hüften. „Das wisst ihr nicht? Habt ihr
noch gar nicht versucht, herauszufinden,
wer es ist? Ein Spuk bedeutet immer, dass
eine Seele noch etwas auf der Erde zu
erledigen hat. Wenn man das herausfind-
et, vergeht der Spuk.“
„Das wissen wir doch, Onkel Thomas“,
erwiderte Sally. „Aber wir wissen nicht,
wie wir das herausfinden sollen.“
„Habt ihr schon mal ein Geistometer ge-
baut?“
„Was ist das?“, fragte Robbie mit vor
Begeisterung roten Wangen.
Auch ich war gefangen von den Worten
des Gastes und beugte mich interessiert
nach vorn, um ihn besser verstehen zu
können.
„Ein Geistometer fängt die Essenz des
Geistes ein, die Moleküle und die Energie,
die er aussendet. Wenn man das dann
analysiert, kann man sehen, um wen es
sich handelt.“
„Das gibt es doch nicht“, flüsterte Sally,
obwohl ihr Gesicht etwas ganz anderes
ausdrückte.
„Doch, das gibt es“, entgegnete Onkel
Thomas ernst.
„Kannst du das bauen?“, fragte Robbie.
Genau das wäre auch meine nächste
Frage gewesen.
Er wiegte den Kopf. „Ich denke schon.
Dafür müsste ich die Werkstatt eures
Vaters nutzen, um ein paar Einzelteile zu
suchen und das Ganze dann zusammen-
zusetzen.“
Die Kinder sahen mit hoffnungsvollen
Augen auf Holm Helgard. Der wiederum
blickte kurz zu seiner Frau, Brigid, die
bisher stumm dem Geschehen gefolgt war
und in der Ecke den Weihnachtsbaum
schmückte.
Sie nickte kurz und verzog den Mund,
was wohl so viel bedeuten sollte wie: ‚Lass
ihn. Schaden kann es nicht, denke ich. Zu-
mindest sind er und die Kinder
beschäftigt und nerven mich nicht.‘ So
jedenfalls würde ich es deuten, aber das
war ja völlig subjektiv.
Robbie las etwas völlig anderes heraus,
denn er jubelte schon, bevor sein Vater die
Zustimmung gegeben hatte. Die folgte je-
doch auf dem Fuße.
„Gut. Aber bringt nichts durcheinander.
Und keine Spielereien mit Feuer,
elektrischem Strom oder dem Computer.“
Sally und Robbie nickten folgsam,
Onkel Thomas nicht, aber das sah außer
mir niemand.
Ich überlegte kurz, ob ich Holm und
Brigid zum wiederholten Male zum Spuk
interviewen oder lieber dem Onkel und
den Kindern folgen sollte. Ich entschloss
mich schließlich für Letzteres, was aber
auch daran gelegen haben konnte, dass
Brigid mir die ganze Zeit den Rücken
zuwandte und Holm angestrengt auf den
Kamin starrte, um meinen Blicken zu ent-
gehen. Sie waren offensichtlich nicht
scharf auf meine nachdrücklichen, invest-
igativen Fragen.
Ich will euch nicht mit technischen Ein-
zelheiten zu dem Geistometer langweilen,
den Onkel Thomas in einem langgezogen-
en Gebäude im Garten der Villa baute,
das früher mal ein Pferdestall gewesen
war, aber jetzt als Schuppen und
Werkstatt diente. Ich sage nur so viel: Es
sah beeindruckend aus. Er bastelte aus
den verschiedensten Dingen ein ehr-
furchteinflößendes Gerät, das auf die Ent-
fernung wie eine Mischung aus einem
Staubsauger und einem futuristischen
Rasenmäher aussah, bei näherer Betrach-
tung jedoch sehr viel Raffinesse offen-
barte. Es gab ein Display, das matt schim-
merte, ein Saugrohr, einen Filter, mehr-
ere blinkende Lämpchen und ein paar
wild durcheinandergesteckte Kabel.
„Und das funktioniert wirklich?“, fragte
Robbie zweifelnd. Wieder eine Frage, die
von mir hätte stammen können.
„Ja, kein Zweifel.“ Onkel Thomas schien
sich absolut sicher zu sein.
Immer noch skeptisch ging ich mit den
dreien wieder nach oben, wo es inzwis-
chen lecker nach Weihnachtsbraten roch.
Der Weihnachtsbaum war fertig
geschmückt, die Kerzen warteten
sehnsüchtig darauf, angezündet zu wer-
den.
„Jetzt können wir nur darauf hoffen,
dass der Spuk wiederkommt“, sagte der
Alte und setzte das Gerät neben dem
Tisch auf den Boden, damit es im Fall der
Fälle sofort griffbereit war.
„Oh, der kommt“, sagte Holm Helgard
und setzte sich an den Tisch. Das Zeichen,
dass das Essen gleich serviert wurde.
Wir mussten tatsächlich nicht lange
warten. Mitten im Essen ertönte erneut
der langgezogene Schrei, der mir die
Haare zu Berge stehen ließ. Noch ganz
schön flink für sein Alter sprang Onkel
Thomas auf und eilte mit dem Gerät
durch das Haus, um der Quelle des
Schreis so nah wie möglich zu kommen.
Der Rest der Familie und ich folgten ihm
atemlos, die Servietten noch an unserem
Hals. Robbie hielt sogar noch die Gabel in
der Hand.
Vor einer Wand blieb Onkel Thomas
stehen. Der Schrei war inzwischen ver-
stummt.
„Was ist hier?“, flüsterte Robbie.
„Von hier kommt der Schrei“, erwiderte
der Alte und starrte auf das Display
seines Geistometers. „Es ist eine Frau.“
„Woher wissen Sie das?“ Jetzt schaltete
ich mich ein.
„Hier, sehen Sie.“ Er deutete auf das
Display. Darin war das verschwommene
Gesicht einer schreienden Frau abgebil-
det. Es sah schrecklich aus. Eine Gänse-
haut lief über meinen Rücken.
„Und nun?“, fragte Sally. Verdammt
gute Frage. Auf die wäre ich auch gern
selbst gekommen.
„Ich denke, es ist am besten, wir halten
eine Séance“, erwiderte der Großonkel aus
Australien.
Ich muss zugeben, die Abbildung auf
dem Geistometer hatte mich noch nicht
ganz überzeugt, dass es sich tatsächlich
um einen Geist und nicht um ein Phäno-
men mit einer weltlichen Erklärung han-
delte, aber ich stand auf der Kippe. Noch
ein überzeugendes Argument, und ich
glaubte ihm.
„Eine Séance? Mit wem denn? Braucht
man dafür nicht ein Medium?“ Auf einmal
schaltete sich Brigid ein. Offenbar kannte
sie sich auch ein wenig mit der Geister-
materie aus.
„Nicht unbedingt“, sagte der Alte.
„Wenn Geister bereits in die andere Welt
übergegangen sind und eigentlich hier
nichts mehr zu suchen haben, braucht
man ein Medium. Aber wenn sie bei uns
gefangen sind und sich so lautstark Gehör
verschaffen wie dieser Geist, geht es auch
ohne.“
Der Mann klang wie ein echter Experte.
Ich gebe zu, ich fühlte mich immer mehr
von ihm beeindruckt.
„Dann machen wir jetzt die Séance“, rief
Sally. Ich schloss mich an. Der Grusel
machte süchtig.
Wir räumten alle gemeinsam die Reste
des Essens vom Tisch, dann setzten wir
uns. Ich will euch aber auch hier nicht mit
den Einzelheiten quälen. Von Séancen
habt ihr sicherlich schon zur Genüge ge-
lesen oder sie im Fernsehen gesehen. Das
ist nichts Neues.
Schließlich saßen wir alle um den Tisch
herum, hielten uns die Hände und star-
rten in das Licht einer einzelnen Kerze,
die in der Mitte stand. Im Hintergrund
brannte ein Schälchen mit Räucherzeug,
das uns die Sinne vernebelte.
Der Alte murmelte irgendetwas, ver-
mutlich auf Australisch oder in irgendein-
er Sprache, die ich nicht verstand. Es
klang unheimlich. Dann auf einmal
spürte ich, wie mein rechter Nachbar,
Holm Helgard, meine Hand stark drückte.
Ich sah zu ihm und entdeckte, dass er die
Gardine anstarrte. Ich starrte ebenfalls
dahin, und da sah ich sie. Sie schwebte in
der Luft wie ein Diabild, das von der Lein-
wand gerutscht ist.
Ich hielt die Luft an.
„Wer sind Sie?“, fragte Onkel Thomas.
Er saß neben Sally, die zu meiner Linken
Platz genommen hatte. Sein Gesicht glän-
zte unwirklich in dem Kerzenlicht. Wieder
rieselte ein Schauer meinen Rücken her-
unter.
„Mein Name ist Friderike“, sagte die
Geisterfrau. Ihre Stimme klang hell und
leicht, gar nicht gruselig oder erschüt-
ternd, wie ich mir die eines unheimlichen
Gespenstes vorgestellt hatte.
„Woher kommen Sie?“
„Ich lebe in diesem Haus.“
„Wann?“
„Jetzt.“
„Sie hat keine Ahnung, dass sie ein
Geist ist“, murmelte Onkel Thomas, so
dass nur ich und Sally es hören konnten.
„Woran erinnern Sie sich als Letztes?“,
fragte er laut.
„Ich bin am Weihnachtsabend im Stall.
Bei Tom, er ist der Stallbursche. Er ist…“
Sie brach ab und lächelte. Es leuchtete
richtig in der Dunkelheit.
„Er ist was?“, hakte der Alte nach.
Die Geistin kicherte verlegen.
„Ist er Ihr Freund oder Geliebter?“,
fragte Onkel Thomas ziemlich direkt
nach.
Er hatte Recht. Die Frau nickte. „Ich
habe ihm ein kleines Geschenk gegeben,
eine Uhr, die er sich gewünscht hat. Er
hat nicht viel Geld, müssen Sie wissen.“
„Was ist dann passiert?“
„Ich will zurück ins Haus gehen, da
sehe ich, dass mein Mann entdeckt hat,
dass ich bei Tom war. Er ist so wütend.“
Sie weitete ihre Augen, was einen weiter-
en Schauer über meinen Rücken jagte.
Die Augen sahen aus wie schwarze Löch-
er.
„Was hat er getan?“
„Er hat mich…“ Sie kämpfte offenbar
mit der Erinnerung. Oder mit der Fas-
sung. Gefühlsregungen sind bei Geistern
nicht immer so einfach zu identifizieren.
„Er hat was?“, bohrte der Alte.
„Er schlägt mich und zieht mich an den
Haaren. Dann steckt er mich in die
Mauer.“ Sie brach ab.
„Und dann?“ Die Stimme von Onkel
Thomas wurde leise, fast sanft.
„Er schlägt mich wieder. An mehr kann
ich mich nicht erinnern. Es ist alles
schwarz.“
„Danke“, sagte der Alte.
Die Geistin schwebt unschlüssig im
Raum. „Und nun?“, fragt sie.
Wieder eine verdammt gute Frage. Sog-
ar Geister wissen offensichtlich, sie zu
stellen.
„Wir gehen der Sache nach“, versprach
Onkel Thomas. Er sah zum Hausherren,
der mit bleichem Gesicht neben mir saß.
Wenn er meine Hand nicht so fest
gedrückt hätte, dass sie schmerzte, hätte
ich gedacht, dass er gleich in Ohnmacht
fällt. Holm Helgard wiederum sah zu sein-
er Frau, die genauso bleich wirkte und
wortlos nickte. Welcher Ausdruck dieses
Mal in ihrem Gesicht lag, konnte ich
leider nicht deuten.
Wir blickten wieder auf und wollten
dem Geist unsere Zustimmung geben,
doch Friderike schwebte da nicht mehr.
Sie war verschwunden.
Onkel Thomas blies die Kerze aus. Für
einen Moment saßen wir in völliger
Dunkelheit, bis Sally die Geistesgegen-
wart besaß, das Licht anzuschalten.
Wir standen auf, ich mit zitternden Kni-
en, obwohl ich das nur ungern zugebe.
Onkel Thomas wandte sich an seinen
Neffen. „Welche Mauer könnte das sein?“
Holm Helgard zuckte mit den Schul-
tern. „Keine Ahnung. Wir wohnen erst
seit ein paar Jahren in diesem Haus. Seit-
dem haben wir nichts daran verändert,
aber soviel ich weiß, wurde das Haus
früher öfter mal um- und ausgebaut. Du
hast leider vergessen, nach dem Datum zu
fragen.“
„Shit“, murmelte Onkel Thomas.
„Gibt es denn keine Unterlagen zu dem
Anwesen?“, mischte ich mich ein. „Einen
Grundriss? Grundbucheinträge der Vor-
gänger?“
Onkel Thomas strahlte mich an. „Wer
sind Sie nochmal? Ich glaube, ich habe
vorhin Ihren Namen nicht richtig ver-
standen.“
Ich nannte ihn ihm erneut, dann nickte
er glücklich. „Sie sind eine schlaue junge
Frau.“ Er wandte sich an den Hausher-
ren. „Also, Holm. Wo sind die Doku-
mente?“
Der Hausherr bedachte mich mit einem
nicht ganz so strahlenden Lächeln, um
ehrlich zu sein, hätten seine Blicke mich
am liebsten ebenfalls in eine Mauer des
Hauses verbannt. Er konnte sich sicher-
lich Besseres vorstellen, als am Weih-
nachtsabend nach alten Dokumenten oder
sogar nach Leichen zu suchen.
Aber er tat es. Er verschwand für etwa
zehn Minuten in seinem Arbeitszimmer,
um danach mit einer Mappe voller Unter-
lagen zurückzukehren. Dann blätterten
wir ebenfalls etwa zehn Minuten darin
herum, bis Robbie aufschrie.
„Hier!“, rief er und tippte auf eine Linie
im Grundriss. „Dieser Gebäudeteil wurde
später angebaut. Das ist die Mauer, vor
der wir vorhin gestanden haben, als der
Geistometer den Geist zeigte.“
Was für ein kalter Schauer jagte bei
diesen Worten meinen Rücken hinunter!
Das ist kaum zu beschreiben.
Holm Helgard schluckte. „Ich hoffe, ihr
erwartet jetzt nicht, dass ich die Mauer
aufbreche!?“
Doch genau das erwarteten alle. Jeder
sah ihn mit großen Augen an. Er blickte
hoffnungsvoll zu seiner Frau, die dieses
Mal jedoch den Kamin anstarrte, um
seinem Blick nicht begegnen zu müssen.
Sie ließ ihn mit dieser Entscheidung al-
lein.
Wieder schallte ein Schrei durch das
Haus, doch dieses Mal stammte er vom
Hausherrn, der einsah, dass er besiegt
worden war. Er zog sich eine alte Jeans
und ein Holzfällerhemd an, dann begann
er, die besagte Wand aufzuhacken.
Wieder erspare ich euch die Details.
Jeder weiß, wie viel Staub und Dreck her-
umfliegen, wie viel Schweiß vergossen
wird, wenn solch eine Arbeit ansteht. Es
dauerte mehrere Stunden. Draußen sch-
ritt der Weihnachtsabend voran, die Fam-
ilien der Republik feierten glücklich in
ihren gemütlichen Stuben, freuten sich
über ihre Geschenke, während die Hel-
gards noch nicht einmal über Geschenke
gesprochen hatten. Das Weihnachtfest
war völlig in den Hintergrund gerückt.
Schließlich rief Onkel Thomas, der im-
mer direkt neben der Hacke des Hausher-
rn gestanden und die Fortschritte aus
nächster Nähe beobachtet hatte, laut aus:
„Halt!“
Schweißgebadet hielt Holm Helgard
inne.
Und da sah ich sie auch: eine Hand, die
zwischen dem Staub und den Steinen lag.
Mit den Händen gruben wir alle ge-
meinsam vorsichtig weiter, bis wir ein
komplettes Gerippe freigelegt hatten. Es
war das Skelett einer Frau.
„Das ist Friderike“, sagte Onkel Thomas
leise.
„Lasst uns für sie beten“, meinte auf
einmal Brigid Helgard aus dem Hinter-
grund.
Wir falteten alle für einen Moment die
Hände und beteten, wobei ich zugeben
muss, dass ich viel zu verwirrt war, um
einen klaren Gedanken fassen zu können.
Aber der Moment ging schnell vorüber.
Und wir beratschlagten, was als nächstes
zu tun sei.
Schließlich siegte die Meinung des
Hausherrn. Er rief die Polizei an, die zu
dieser Stunde nicht sonderlich glücklich
über den Anruf war.
Als ein junger Beamter nur wenig
später eintraf und sich davon überzeugen
konnte, dass der Anruf wirklich war und
nicht von einem einsamen Spinner stam-
mte, der den Weihnachtsabend mit einem
jungen Mann in Uniform verbringen woll-
te, änderte sich seine Haltung und er
schwor hoch und heilig, den Schuldigen
hinter Gitter zu bringen.
Da sie aus den Unterlagen das Jahr des
Umbaus entnehmen konnten, ließ sich
derjenige leichter als gedacht ermitteln.
Nach einem Anruf hatte der Polizist ihn
sogar ausfindig gemacht. Er hieß Jan
Wolzow, saß jetzt im Altersheim, war
einst Eigentümer des Hauses gewesen
und mit einer Friderike Wolzow verheirat-
et, die aber eines Weihnachtsabends spur-
los verschwand. Sie sei mit dem Stall-
burschen durchgebrannt, hatte er damals
angegeben, da dieser nämlich kurz darauf
seine Anstellung aufgab und wegzog.
Nachdem der Beamte wieder ver-
schwunden war, saßen wir völlig erschöpft
im Wohnzimmer. Was für ein Weih-
nachtsabend!
Ich muss wohl nicht großartig aus-
führen, dass wir nicht richtig feierten,
sondern vielmehr ruhig dasaßen, uns leise
unterhielten und auf einen weiteren
Schrei und die Erscheinung warteten.
Aber nichts passierte. Es blieb still. Kein
Geist wanderte ruhelos umher.
Schließlich gähnte Onkel Thomas laut,
und wir gingen alle ins Bett. Sally konnte
sich noch nicht ganz von dem Geschehen-
en trennen und nahm die Dokumente mit
in ihr Zimmer, um sich in der Nacht der
Lektüre der Vergangenheit ihres Heims
zu widmen.
Auch ich ging in meine Kammer, die in
der Nähe der Mauer lag, was dafür sorgte,
dass mir permanent die Haare zu Berge
standen und ich kaum ein Auge schließen
konnte.
Irgendwie muss ich aber doch eingen-
ickt sein, denn am Morgen wurde ich von
Aufregung geweckt.
Die Aufregung stammte von Sally, die
im Wohnzimmer lauthals verkündete,
dass sie herausgefunden habe, dass es
sich bei Onkel Thomas um Tom, den Stall-
burschen, handele. Sie habe seinen Na-
men in den Unterlagen gefunden. Er habe
als junger Bursche unter Wolzow
gearbeitet.
Ich runzelte die Stirn. Das war ein
riesiger Zufall! Oder steckte etwa mehr
dahinter?
Ich sah mich um, um die Meinung von
Onkel Thomas dazu zu hören, doch er be-
fand sich nicht im Wohnzimmer.
„Wo ist Onkel Thomas?“, fragte Robbie.
Ich knurrte leise. Wieder war er mir mit
einer Frage zuvorgekommen.
„Er ist noch in seinem Zimmer“, er-
widerte Holm Helgard.
„Ich hole ihn“, rief Sally und lief los.
Mich hielt es nicht an meinem Platz.
Ich folgte ihr.
Als wir seine Zimmertür erreichten,
klopfte Sally artig an, doch er antwortete
nicht. Auch ein weiteres Klopfen brachte
keine Erwiderung oder Einladung, ein-
zutreten.
Schließlich betätigte Sally vorsichtig die
Klinke und lugte hinein.
Das Zimmer war leer. Das Bett, das die
Hausherrin gestern für ihn hergerichtet
und auf das er sich – unter Zeugen –
gelegt hatte, stand unberührt. Es schien,
als wäre er nie hier gewesen.
„Wo ist er?“, hauchte das Mädchen.
Ich zuckte ratlos mit den Schultern.
Leider konnte ich nicht bleiben, um dieses
Rätsel auch noch zu lösen. Ich musste
meinen Artikel schreiben.

Liebe, die Jahrzehnte hält


von Pippa Stoltz

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde,


die kann man sich einfach nicht erklären.
Wie das diesjährige Weihnachtsfest bei der
Familie Helgard.
Seit Jahren spukt es jedes Jahr zum
Weihnachtsfest in der Villa der Familie,
doch dieses Jahr offenbarte sich endlich
ein möglicher Grund dafür: Ein in den
Mauern verborgener Leichnam wurde ge-
funden. Ob er wirklich verantwortlich für
die unheimlichen Geistererscheinungen
war, wird sich wohl erst im nächsten Jahr
zu Weihnachten herausstellen. Doch das
ist nicht das einzig Ungewöhnliche an
diesem Weihnachtsfest. Denn der maßgeb-
liche Entdecker der Leiche, Großonkel
Thomas Helgard, gibt ebenfalls Rätsel auf.
Er stand am Weihnachtsabend vor der
Tür der Helgards, aß mit ihnen, sprach
mit ihnen, er sprach sogar intensiv mit der
Verfasserin dieses Artikels, die – das sei an
dieser Stelle hinzugefügt – keinen Alkohol
am Weihnachtsabend zu sich genommen
hat. Doch er war nicht wirklich da. Die
Videokameras am Haus zeigen keinen Be-
sucher. Und meine Recherchen haben
ergeben, dass Thomas Helgard seit über
zwölf Jahren tot ist. In Australien eines
natürlichen Todes gestorben.
Was diese ganze Geschichte wirklich
bedeuten mag, wie es diese beiden Seelen
geschafft haben, nach Jahrzehnten auf un-
gewöhnliche Weise endlich zueinander zu
finden, überlässt die Verfasserin der
Fantasie des Lesers.
Ansonsten: Frohe Weihnachten!
20. Dezember

Sinnlichkeit
Von Anne Brodzinski

Er hat aufgehört zu träumen. Mit müden,


schlurfenden Schritten quält er sich von
einem Stand zum nächsten. Hinter ihm
spielt die Blaskapelle verzweifelt einen
Tusch, erhöhen dann plötzlich das Tempo,
um mit aufgesetzter sinnlicher Vorfreude
„Ihr Kinderlein kommet“ zu spielen. Vor
ihm hetzen die Familien durch die sch-
malen Gänge, als ob es kein Ziel gäbe. Wie
verlorene Schafe ohne einen Hirten starren
sie alles an, was sich hinter der Absper-
rung befindet. Ein fremder Duft, ein frem-
dartiges besticktes Tuch, fremde De-
likatessen, nein, danke.
Die Marktschreie hallen in seinen
Ohren wider, betäuben ihn, machen ihn
ohnmächtig. Wie ein Schlafwandler setzt
er einen Fuß vor den anderen, bahnt sich
seinen Weg, und obwohl alles so voller
Trubel ist, wirkt es dennoch erschreckend
leer. Zu leer.
Die Blaskapelle wird ausgetauscht und
macht dem Flötenensemble Platz, welches
aus Kindern besteht. Anerkennendes
Gemurmel, ein kurzer Blick, ein lauter
Ruf, weiter, nur weiter. Quäkend be-
ginnen die Flöten zu ertönen, man hält es
nicht aus und trotzdem lauscht man ge-
bannt, hört es sogar zehn Stände weit ent-
fernt.
Er geht weiter, versucht dem zu en-
tkommen. Es kommt zu einem Wiederse-
hen; Familien geben sich an dem
Imbissstand einen gnadenlosen Kampf
hin. Sie kämpfen für einen Plastiknapf
Grünkohl, für lauwarmen Glühwein, sie
prügeln sich für den Pfand auf den Bech-
ern und tun es alljährlich wieder. Ohne zu
zögern.
Uniformierte Beamte laufen ihm über
den Weg, die Gesichter zu einer ausdruck-
slosen Grimasse erstarrt. Kälte von außen
und von innen; man kann ihr nicht ent-
fliehen. Sie überwachen den Tumult,
wollen sicherstellen, vielleicht wollen sie
auch teilhaben an der aufgesetzten Heit-
erkeit. Sie postieren sich an den Eingän-
gen, da, wo die bunt geschmückten
Tannenbäume stehen, auf deren Ästen
Schnee aus Watte liegt, um die Illusion
perfekt zu machen.
Verzweifelt stolpert er vorwärts, er will
fort, weit weg. Er überquert die Grenze,
den Ausgang; die Schreie verhallen nach
und nach in der Stille der Nacht. Auf ein-
er Bank lässt er sich nieder; sie ist mit
Reif bedeckt. Die wohltuende Kälte um-
mantelt ihn, hüllt ihn ein mit sanftem
Griff. Er kann nachdenken, Revue
passieren lassen, seit Langem mal wieder.
Vorher hatte er nie Zeit, weswegen auch,
war er doch stets immer eingespannt. Es
fällt ihm schwer, die Ruhe auszuhalten,
obwohl er sie sich so sehr gewünscht hat.
Aus einem Haus, links von ihm dringen
leise Klänge nach außen; weihnachtliche
Musik, andächtig. Er lauscht und die
Tränen bahnen sich ihren Weg, laufen
über seine Wangen und tropfen auf den
Boden. Sie hat ihn eingeholt, die Sinnlich-
keit. Und trotz seiner Trauer, seiner Em-
pfindungen und Ängste fühlte er sich noch
nie so frei.
21. Dezember

Ellie und die


Weihnachtszombi
Von Lily Beier

Für viele Kinder war die Weihnachtszeit


die schönste Zeit des Jahres. Nicht nur we-
gen der Geschenke, den Plätzchen und der
Schneeballschlachten, sondern auch, weil
alle Menschen während der Weihnacht-
stage besonders gute Laune zu haben
schienen. Freude lauerte in jeder Ecke und
kaum ein trauriges Gesicht war zu sehen.
Auch Elisabeth Fern, von ihren Freun-
den „Ellie“ genannt, konnte sich sehr gut
an die vergangenen Weihnachtsfeste erin-
nern. Um genau zu sein, zeigte ihre aller-
erste Erinnerung die knallroten Glasku-
geln, die an dem windschiefen Tannen-
baum ihrer Eltern hingen. Stundenlang
saß sie auf ihrer weichen, hellblauen Sch-
musedecke vor dem überladenen Baum,
beobachtete fasziniert, wie sich die
Kerzenflammen auf den runden Gebilden
spiegelten. Im Hintergrund sang ihre
Mutter fröhliche Weihnachtslieder,
während ihr Vater mit einem Buch in der
Hand vor dem Kamin saß und halbherzig
darauf achtete, dass seine Tochter keinen
Unfug anstellte.
Genau fünf Jahre war es nun her. In
ihrer Erinnerung hatte Ellie die Bilder
von vier weiteren Weihnachtsfesten ges-
ammelt. Jedes Jahr wurden die Szenen
klarer, detailreicher, ohne sich dabei
wesentlich zu verändern.
Doch in diesem unglückseligen achten
Jahr ihrer Existenz würde es keine weit-
ere glückliche Weihnachtserinnerung
geben. Obwohl heute Heiligabend war,
würde sie keine Lieder mit ihrer Mutter
singen und ihr Vater würde ihnen nicht
die Weihnachtsgeschichte vorlesen.
Stattdessen saß sie mitten in der Nacht
zitternd draußen auf dem gefrorenen
Boden der kargen Wiese, die an einen
Seitenweg des städtischen Friedhofs gren-
zte.
Auf der gegenüberliegenden Seite be-
fanden sich zwei frische Gräber, keine
zwei Monate alt. Neben dem üblichen
Winterwuchs steckten frische Tannenz-
weige in der gefrorenen Erde, an denen
die roten Glaskugeln aus Ellies Erinner-
ung hingen. Durch Zufall hatte sie den
Christbaumschmuck auf Tante Friedas
Dachboden gefunden und hielt sie seit
über drei Wochen in ihrem Zimmer ver-
steckt.
Weihnachten bei Tante Frieda war
schrecklich. Ihre beiden langweiligen
Söhne kamen mit ihren beiden ebenso
farblosen Frauen zu Besuch, tauschten
oberflächliche Höflichkeiten aus und
sahen ständig auf die große Uhr über dem
Kamin, um so schnell wie möglich zu ver-
schwinden. Ellie konnte es ihnen nicht
verübeln. Immerhin hatte sie auch gewar-
tet, bis die alte, taube Frau zu Bett ging,
um sich heimlich aus dem Staub zu
machen und noch einmal richtig Weih-
nachten zu feiern.
Ihre Eltern mochten im Himmel leben,
aber bestimmt durften sie zumindest
Weihnachten mit ihrer Tochter zusammen
verbringen. Ellie würde auf sie warten. In
der Zwischenzeit sang sie die Lieder ihrer
Mutter alleine, bis ihre Kehle heiser
wurde, versteckte sich vor den wenigen
spätabendlichen Besuchern und las
stockend im Schein der flackernden Grab-
lichter eine Weihnachtsgeschichte nach
der nächsten, bis die Kirchenuhr in der
Ferne Mitternacht schlug. Seitdem hatte
die Glocke noch zwei weitere Male
geläutet, ohne dass ihre Eltern auftaucht-
en.
‚Und was, wenn sie gar nicht kommen?’
Der Gedanke schlich sich ungebeten in
ihren Kopf. Tante Frieda hatte zwar
gesagt, dass sie niemals wiederkommen
würden, aber Ellie glaubte ihr nicht. Bes-
timmt, wenn sie es sich ganz fest wün-
schte, könnte sie die beiden noch ein let-
ztes Mal sehen. Am Heiligabend war
nichts unmöglich!
Auf einmal sah sie, wie eine Gestalt am
Ende des Pfades auftauchte. Rasch zog sie
sich in die Schatten zurück, rieb ihre kal-
ten Finger aneinander und hoffte, unent-
deckt zu bleiben. Langsam aber stetig
wankte der Fremde auf sie zu. Ellie kniff
die Augen zusammen, versuchte, den
Störenfried genauer zu erkennen.
Er schien nicht besonders groß zu sein.
Seine Arme schlackerten neben ihm her
als besäßen sie keine Muskeln, dafür aber
viel zu viele Gelenke. Der ganze Körper
hing merkwürdig schief auf seinen
stelzenartigen Beinen. Über seinen Schul-
tern hing ein zerfetzter, dunkelroter Man-
tel mit einem schmutzigweißen Fellkra-
gen, der im schwachen Licht zu glühen
schien.
Ein Schauder überlief ihren Körper. In-
stinktiv spürte sie, dass irgendetwas mit
dieser Person nicht stimmte. Und er
steuerte direkt auf sie zu! Ellie kauerte
sich hinter einem kahlen Strauch zusam-
men. ‚Vielleicht sieht er mich nicht und
geht einfach weiter.’
Doch das wäre wohl zu viel verlangt
gewesen. Die ungleichmäßigen Schritte
verstummten genau vor ihrem Versteck.
Sie erstarrte, wagte es kaum zu atmen.
‚Bitte, geh weiter! Bitte, geh einfach weit-
er! Ich will doch nur mit meinen Eltern
Weihnachten feiern.’
„Weih… nachten… feiern?“
Vor ihren Augen zerteilte sich das Ge-
büsch. Ein graues, eingefallenes Gesicht,
dessen karger Haarschopf unter einer
dunkelroten, halb vermoderten Strick-
mütze nur notdürftig verborgen wurde,
erschien in dem Spalt. Ellie unterdrückte
mühsam einen spitzen Schrei.
„Weih… nachten?“, wiederholte der
Fremde. Seine Stimme klang kehlig und
abgehackt, als bereitete es ihm große
Mühe, die Laute zu formen.
„Weihnachten“, bestätigte Ellie mit zit-
ternder Stimme. „Heute ist Heiligabend.“
„Hei… lig…“
Er brach ab, legte den Kopf schief und
sah sie aus nachtschwarzen, toten Augen
an. Kein Lebensfunken regte sich in
ihnen, keinerlei Emotionen. Noch nie
hatte sie sich so sehr gefürchtet wie in
diesem Augenblick. Ihre Knie fühlten sich
schwabbelig an wie Wackelpudding,
deswegen traute sie es sich nicht zu, weg-
zulaufen.
„Heiligabend“, sagte sie, um über die
Panik in ihrem Inneren hinweg-
zutäuschen. „Ich bin hergekommen, um
mit meinen Eltern Weihnachten zu feiern.
Da vorne liegen sie nämlich, weißt du?
Aber irgendwie will der Typ oben im Him-
mel sie nicht gehen lassen und ich muss
hier warten. Dabei will ich sie nur noch
einmal sehen. Es ist Weihnachten. Sie
sollten sich zumindest vernünftig von mir
verabschieden.“ Ellie schluckte nervös
und verstummte. Das Gebrabbel schien
auch nicht wirklich weiterzuhelfen. Der
zerfledderte Fremde musterte sie aus-
druckslos. Wahrscheinlich hatte er nicht
ein Wort von dem, was sie eben gesagt
hatte, verstanden.
Eine halbe Ewigkeit verging. Dann hob
ihr Gegenüber wie in Zeitlupe einen Arm
und deutete auf die beiden Gräber hinter
ihnen.
„El… tern?“, fragte er. Ellie nickte
stumm.
„Weih… nachten?“ Sie sah zu Boden.
„Ver… ab… schie… den?“
Ihr Herz pochte wie wild in ihrer Brust.
Zögerlich nickte sie erneut. „Ja, verab-
schieden. Ich will, dass sie sich von mir
verabschieden. Wenn sie mich schon ein-
fach so verlassen, sollen sie sich wenig-
stens verabschieden.“
Die Mundwinkel des unheimlichen
Mannes hoben sich zur Parodie eines
Grinsens. „Ver… ab… schie… den.“ Er
nickte mehrmals, bis seine Mütze ihm bei-
nahe von der Stirn rutschte. Schließlich
erhob er sich und wandte sich den
Gräbern ihrer Eltern zu. Ellie blieb, wo
sie war, beobachtete mit einer Mischung
aus Schrecken und Neugierde, was nun
geschah.
Der Fremde hob seine Arme in die Höhe
und blieb einige Sekunden lang stocksteif
stehen. Tiefe, gutturale Laute entkamen
seinem Mund, die einen Schauder nach
dem nächsten Ellies Rückgrat hinunter-
jagten. Dann spürte sie, wie die Erde
unter ihr bebte. Erschrocken kam sie auf
die Beine, blickte sich hektisch um. Das
Beben ging von der Stelle aus, wo der
Fremde stand. Der gefrorene Boden
bekam Risse, besonders dort, wo ihre El-
tern begraben lagen.
Genauso plötzlich wie es begann, endete
das Erdbeben auch wieder. Ein Seufzen
fuhr durch das gesamte Erdreich. Ein
tiefer Riss zerteilte den Grund genau über
der letzten Ruhestätte ihrer Eltern.
„Ver.. ab.. schie… den“, sagte der Frem-
de erneut, verbeugte sich vor dem vers-
chreckten Kind und trat in den Hinter-
grund.
Viel Zeit blieb Ellie nicht, um über sein
merkwürdiges Verhalten nachzudenken,
denn kurz darauf erschien eine bleiche,
knochige Hand an der oberen Erdkante
über dem Grab. Nun konnte sie sich einen
schockierten Schrei nicht länger
verkneifen. Mit großen Augen sah sie zu,
wie nacheinander zwei bleiche, einge-
fallene Körper aus dem Spalt hervork-
rochen. Sie erkannte das schicke, schwar-
ze Kleid, in dem ihre Mutter begraben
wurde, ebenso wie den dunkelgrauen An-
zug und die violette Krawatte ihres
Vaters. Beide waren schmutzig und zer-
rissen, bedeckten die Körper nur un-
zureichend.
„Was…?“, hauchte Ellie als die beiden
Gestalten sich kurz irritiert umblickten,
bis ihre Blicke auf dem verängstigten
Mädchen hängen blieben. Sie schluckte
schwer. Tatsächlich erkannte sie gewisse
Ähnlichkeiten zu ihren geliebten Eltern,
doch die Wesen, die nun vor ihr standen,
waren lediglich ein gruseliger Abklatsch.
Das goldbraune, hüftlange Haar ihrer
Mutter hing strähnig und ungepflegt an
ihrem Kopf. Auf der Glatze ihres Vaters
hatten sich ekelige, dunkelgraue Flecken
gebildet. Keinerlei Emotionen zeigten sich
auf ihren Zügen.
„E…“, stöhnte die Kopie ihres Vaters.
„E… llie?“
Tränen stiegen in ihre Augen.
Auch die Person, die einmal ihre Mutter
gewesen war, versuchte mühsam, einige
Worte zu formen. Es dauerte eine Weile,
bis es ihr gelang. „Fro… he… Weih…
Weih… nach… ten.“
„Frohe Weihnachten“, flüsterte sie leise
zurück. Tiefe Trauer breitete sich in ihr
aus. ‚Das sind nicht länger meine Eltern’,
musste sie sich letztendlich eingestehen.
‚Meine Eltern sind im Himmel und
können mich nie wieder besuchen kom-
men.’
„Ver… ab… schie… den“, grummelte ihr
Vater. Keiner der beiden wagte es, die
Distanz, die sie trennte, zu überwinden.
Vermutlich konnten sie sich ebenso wenig
dazu überwinden wie Ellie selber.
„Ver… ab… schie… den“, fiel ihre Mut-
ter mit ein.
„Ja, verabschieden“, sagte Ellie. Ener-
gisch wischte sie sich die Tränen von der
Wange und schenkte den beiden trauri-
gen, leblosen Gestalten ein wackeliges
Lächeln. Ein unheiliges Stöhnen erhob
sich, dann machten die beiden Gestalten
sich daran, in ihr eigenes Grab zurück-
zuklettern. Diesmal überraschte es Ellie
nicht, als die Erde erneut unter ihren
Füßen bebte und die Erdspalten sich
wieder schlossen. Bald schon war nichts
mehr von den merkwürdigen Geschehnis-
sen der letzten halben Stunde zu sehen.
Aus den Augenwinkeln nahm Ellie eine
Bewegung war. Der Fremde mit dem zer-
fetzten, dunkelroten Umhang stand in
einiger Entfernung und beobachtete sie
stumm. Zaghaft hob sie eine Hand zum
Gruß. Nach einigem Zögern erwiderte er
die Geste.
Lange blieb Ellie noch an Ort und Stelle
stehen. Kälte, Furcht und Trauer waren
vergessen. Ihre Gedanken kreisten, sie
versuchte zu begreifen, was eben ges-
chehen war. Der Morgen dämmerte
bereits, als sie den Friedhof verließ und in
ihr neues Leben in Tante Friedas Haus
zurückkehrte.
22. Dezember

Schöne
Bescherung?
Von Bernar LeSton

Lange waren wir unterwegs gewesen. Die


Mühsal unserer beschwerlichen Reise
hatte an unseren Kräften gezehrt. Viel-
leicht waren wir schon zu alt, um eine sol-
che Tortur auf uns zu nehmen. Aber je
näher wir unserem Ziel kamen, desto
freudiger wurde unsere Erwartung: Was
würde er zu unseren Geschenken sagen?
Mit Sorgfalt hatte jeder von uns Dreien
seines ausgesucht, um dem Herrn zu ge-
fallen. Goldgelb und wohlriechend war
meines; Miorchels rötlich-herzerwärmend
und beinahe rostbraun sowie erquickend
Basarthals. Uns würde es eine wahre
Freude sein, sie ihm darzubieten und eine
innere Befriedigung noch dazu, wenn sie
gefielen.
Dazu waren nur noch wenige Schritte
nötig, lediglich eine Tür trennte uns dav-
on. Wir schritten hindurch, verneigten
uns ehrfürchtig und gewahrten sein Antl-
itz. Der Blick seiner Augen, als wir unsere
Präsente niederlegten, drang bis in unser
Innerstes und auf mir, Carpas, schien er
einen winzigen Moment länger zu ruhen.
Deshalb sprach ich zu ihm: „Wir bieten
dir, Herr über alles, unterwürfig diese
Geschenke an.“
Ergriffenheit bemächtigte sich seiner
und Tränen stiegen ihm in die Augen.
„Und womit habe ich diese edlen Gaben
verdient?“, antwortete der derart Bes-
chenkte, nachdem ihm der Fluss seiner
Tränen auf den rot-glühenden Wangen
verdampft war: „Weil ihr mich für meine
Taten preisen und ehren wollt?“
„Weihnachten steht vor …“

PIFF! … PAFF! … PUFF! … machte es


nur kurz, während der rothäutige und ge-
hörnte Herrscher mit seinem Zeigefinger
in schneller Folge auf die nun qual-
menden Häufchen Asche gedeutet hatte,
die vormals noch seine Lakaien gewesen
waren.
„Ach DAS Fest!“, murrte der Teufel,
sich wieder beruhigend, als er auf seinem
schwarzen Thron aus Obsidian Platz
nahm. Gelangweilt, wie er zugeben
musste. Schließlich stieß er ein „Pah!“
hervor, das von einem heißen Lüftchen
begleitet herbeigefegt kam und die ver-
brannten Überreste zerstob. Zurück
blieben deren verschmähte Gaben. Alles
war wieder so, wie es der Herr der Fin-
sternis gerne hatte, und dies kam ihm im-
mer noch wie das beste aller Geschenke
vor.
23. Dezember

Geburtstagsständ
Von Martin Johannson

„Was an diesem Abend heilig sein soll,


frage ich mich.“ Der Typ in der Tankstelle
stand knurrend hinter dem Tresen. „Es ist
nur ein Geburtstag, ein alberner Ge-
burtstag. Andre fahren an ihrem Ge-
burtstag in den Urlaub, um nervende und
saufende Gäste zu vermeiden. Aber ich hab
mal wieder die Arschkarte gezogen.“
Ein Kunde trat ein, bezahlte seine Rech-
nung mit Kreditkarte. „Fröhliche Weih-
nachten“, sagte er gut gelaunt und sah auf
das Namensschild an der Jacke, „Jesus.“
„Ja ja, fröhlich wird es“, knurrte Jesus.
„Heute ist mein Geburtstag. Meine Mut-
ter kommt und singt mir ein Ständchen,
meine Ex heult mir die Ohren voll, weil
sie wieder mit mir zusammenkommen
will. Und irgendein entfernter Onkel
schickt mir eine Karte von irgendeinem
Ort, wo es immer warm ist.“
Der Kunde zuckte mit den Schultern.
„Ich habe morgen in einer Woche Ge-
burtstag, am Neujahrstag. Denkst du, zu
mir kommt jemand zum Feiern? Die sind
alle noch total blau und würden mir nur
die Bude vollkotzen. Kein Schwein singt
für mich, die schleppen sich nicht einmal
ans Telefon, um mir durch den Hörer zu
gratulieren. Das ist echt Scheiße.“
„Verdammt, das ist wirklich beschis-
sen.“
Jesus zog eine betrübte Miene, der
Kunde zuckte erneut mit den Schultern.
„So ist das Leben.“
„Und was machste heute? Einen auf
Familie?“
„Meine Frau ist abgehauen, mit ihrem
Yogalehrer durchgebrannt. Ich treff mich
mit einem Freund, der heißt Jim oder
Jack, weiß noch nicht.“
„Ich hätt nen Johnny. Trinkste jetzt
schon einen mit?“
„Klar.“ Der Mann lehnte sich auf den
Tresen, hinter dem Jesus ins Regal mit
den Whiskyflaschen griff und danach zwei
Gläser hervorholte. Das Getränk gluck-
erte leise, als es in die Gläser floss.
„Und deine Ex? Was macht die so?“,
fragte der Kunde.
„Sie ist Hostess, wie das jetzt auf
Neudeutsch heißt. Escort-Service. Sie
selbst bevorzugt es, als Model bezeichnet
zu werden, aber das interessiert eh kein-
en, was die denkt.“
„Escort, echt? So was lässt du gehen?“
„Musste ich. Sie nahm die Arbeit nie
mit nach Hause.“
Der Kunde lachte. „Das ist Scheiße.“
Jesus hob sein Glas. „Prost. Auf die Ex-
en.“
„Prost.“
Die beiden tranken ihr Glas leer.
Der Kunde blickte hinaus in den trüben
Tag, der immer dunkler wurde. Dürre
Schneeflocken flatterten durch die
rauchgeschwängerte Luft.
„Ich wäre jetzt auch lieber irgendwo, wo
es immer warm ist. Muss schön sein.“
„Ja, ich auch“, erwiderte Jesus. „Hab
einen Onkel, der es sich gut gehen lässt.
Das war das Beste, was ihm je passieren
konnte, dass er von der Familie verstoßen
wurde.“
Jesus goss Whisky in die Gläser nach.
„So richtig verstoßen? Ganz old school?“
„Ja, so richtig. Keiner will mehr was
mit ihm zu tun haben.“
„Was hat er gemacht?“
Jesus zuckte mit den Schultern. „Keine
Ahnung. Das ist schon lange her, vor
meiner Zeit. Wahrscheinlich war meine
Mutter sauer auf ihn wegen irgendwas,
was ihr nicht in den Kram gepasst hat.
Aber er ist zufrieden. Sitzt in der Wärme
und sammelt coole Typen um sich.“
„Da wird sich deine Mutter aber är-
gern.“
„Ich denke nicht. Die hat viel zu viel zu
tun, als dass sie sich darum schert, was
die Verwandtschaft so treibt.“
„Was macht sie?“
„Sie ist Schriftstellerin. Hat ein Buch
geschrieben, allerdings unter Pseudonym.
Es heißt ‚Die Bibel‘. Kennste vielleicht.“
„Hab ich schon mal gehört. Wie lautet
das Pseudonym?“
„Gott.“
„Was für ein scheiß Name. Ist ihr nichts
Besseres eingefallen?“
„Nee, aber das Buch ist ein Hammer-
Bestseller geworden. So ein Glück muss
man haben.“
„Verkauft sich’s besser als ‚Harry Pot-
ter‘?“
„Ja, besser.“
„Das ist echt gut, Mann.“
„Ja. Prost.“ Jesus hob sein Glas und
trank. Der Kunde ebenfalls.
„Schreib doch auch mal ein Buch“,
schlug der Kunde vor. „Nenn dich ‚Gottes
Sohn‘ und schreib was richtig Geiles. Ein-
en Porno oder so. Mit viel Gewalt und Ac-
tion.“
„Hm, vielleicht mach ich das mal. Will-
ste eigentlich noch was anderes?“
„Was denn?“
Jesus griff unter den Tresen und holte
eine kleine Tüte hervor, in der sich feines,
weißes Pulver befand. „Ist gutes Zeug.
Krieg ich immer zu meinem Geburtstag
von so einem Neger geschenkt.“
„Das heißt Afrikaner, Mann.“
„Aber der kommt aus Amerika.“
„Dann heißt er Afroamerikaner.“
„Aber der Stoff ist aus Kolumbien.“
„Zeig mal her.“
Der Kunde tippte seinen Finger in das
Pulver, dann schmierte er es auf sein
Zahnfleisch. Danach nickte er beifällig.
„Gutes Zeug.“
Jesus breitete zwei Linien auf dem
Tresen aus, die die beiden durch einen
Strohhalm in die Nase zogen.
„Und noch einen Johnny dazu, dann ist
das ein fetter Geburtstag für dich.“
Jesus goss nach. Die beiden grunzten
zufrieden, nachdem sie den Whisky
getrunken hatten.
„Cooler Job, wenn man immer den
Seelentröster bei sich hat.“
„Naja, könnt mir was Besseres vorstel-
len“, knurrte Jesus und wischte mit dem
Hemdsärmel über seine Nase. „Muss 24/7
auf Achse sein, das schlaucht. Früher
hatte ich ein cooleres Leben. War
Politiker, hab immer mal ein paar Reden
gehalten, und die Leute kamen mir hin-
terhergelaufen. Das war lässig.“
„Warum haste damit aufgehört?“
„Hab Mist gebaut und die falschen
Leute angepisst. Musste untertauchen.
Ich hab sogar meinen eigenen Tod vor-
getäuscht. Musste drei Tage in einer
Höhle aushalten, bis die mich geholt und
ins Zeugenschutzprogramm gesteckt
haben.“
„Krass.“
„Ja, krass.“
Er goss nach, obwohl er nicht mehr sehr
genau treffen konnte. Die Hälfte des
Whiskys ging auf den Tresen. Aber der
Kunde bemerkte es nicht. Er kippte den
Drink runter, dann studierte er den Sch-
neefall draußen vor der Tür, der immer
stärker wurde.
„Ist das ein Scheißwetter, Mann. Da
siehste ja die Hand vor Augen nicht.“
Seine Zunge hatte Schwierigkeiten,
geradeaus zu reden. Es klang wie „Hanf
or Augich.“
„Willste eine rauchen?“
„Klar.“
Jesus drehte mit ungeschickten Fingern
eine Tüte. „Das Gras ist von seinem an-
deren Typen, der mir an meinem Ge-
burtstag auch immer Geschenke macht.
Ich glaube, der ist schwul.“
„Solange die Tunte gutes Gras besorgt,
kann er rummachen, mit wem er will.“
„Seh ich auch so.“
Jesus zündete die Tüte an und nahm
einen intensiven Zug, dann reichte er sie
dem Kunden. Auch der sog tief den Rauch
ein, dann seufzte er zufrieden.
„Haste noch einen Typen, der dir ir-
gendwas schenkt, was man hier geb-
rauchen könnte? Ecstasy? Speed?“
„Nur so ein Penner, der mir Myrrhe an-
drehen will. Aber das braucht doch kein-
er.“
„So ein Scheiß. Den würd ich davonja-
gen.“
Jesus betrachtete jetzt auch ausgiebig
das Schneetreiben. „Mann, bei diesem
Wetter jagste keinen Hund mehr vor die
Tür. Da kommt doch keiner mehr her.“ Er
seufzte.
„Kannste die Bude eigentlich dicht-
machen.“
Jesus steckte die angefangene und eine
weitere Flasche Whisky ein. „Dann nimm
deinen Arsch hoch und lass uns eine Sch-
neeballschlacht machen.“
Der Kunde nickte und folgte Jesus
torkelnd hinaus in die Nacht.
Die beiden versuchten, den Schnee zu
Bällen zu formen und sich damit zu bew-
erfen. Als ein Schneeball Jesus voll auf
die Nase traf, ging er in die Knie.
„Mann, ich seh Sterne“, staunte er.
„Und weiße Gestalten, die um mich tan-
zen.“
„Geister?“
„Keine Ahnung, sie haben Flügel.“
„Dann war das Zeug von dem Neger vi-
elleicht doch nicht so gut.“
Der Kunde half Jesus auf die Beine,
und beide liefen stolpernd und rutschend
durch die Winternacht. Aus einem Fen-
ster schallte Musik: „Stille Nacht, Heilige
Nacht“.
Der Kunde brüllte dagegen an. „He, ihr
Penner, nichts mit ‚Stille Nacht‘, mein
Kumpel hat heute Geburtstag! Feiert das
anständig und singt lieber ‚Happy Birth-
day‘!“ Er begann, das Geburtstagslied zu
grölen.
„Happy Birthday to you.“ Jesus stimmte
mit ein.
Sie liefen torkelnd auf der Straße und
sangen lauthals. Die Straßen und Wege
waren zugeschneit und menschenleer.
Jedenfalls fast.
Als sie an einer Kreuzung zu einer sch-
malen Gasse ankamen und gerade „Hoch
soll er leben“ anstimmten, tutete es laut-
stark, und ein Güterzug raste auf sie zu.
Der Kunde wollte Jesus wegzerren und
zur Seite ziehen, doch Jesus breitete die
Arme aus.
„Komm zu mir, du beladenes Ungetüm.
Ich …“
Niemand konnte hören, was er noch
sagen wollte, denn in diesem Moment
rammte der Güterzug den Körper. Es
klatschte laut. Jesus wurde in die Luft
geschleudert und landete mehrere Meter
weiter im Schnee.
Der Kunde lief eilig zu ihm. Doch Jesus
rührte sich nicht mehr. Seine Arme waren
noch immer ausgebreitet. Sein Körper
hatte ein tiefes Kreuz im Schnee hinter-
lassen.
„Oh Mann“, seufzte der Kunde.
„Scheiße.“
Er schüttete Schnee auf den reglosen
Jesus, bis der Körper nicht mehr zu sehen
war. Die restlichen Spuren verdeckten die
tanzenden Schneeflocken. „So, Kumpel,
hast jetzt deine Ruhe. Dich entdeckt man
erst zu Ostern wieder.“
24. Dezember

Das
Flunkermärchen
von der
Weihnacht
Von Rolf Niebel

Dereinst da lebte im heiligen Land,


wo man das Weihnachtsfest erfand,
ein König, den hat man Herodes genannt.
Der hatte sich so ausgedacht,
das heilige Land braucht eine heilige
Nacht,
und hatte sich einen Plan gemacht.

In Wirklichkeit, das wusste er,


war die Weihnacht schon viel älterer,
und kam von den Germanen her.

Die Germanen wieder kamen ungefähr


von da, wo wir hier sitzen her,
und erfanden hier die Weihnachtsmär.

Als die auf Bärenfellen saßen,


und Blaubeerkuchen und Bärenfleisch
aßen,
und darüber des Nachts zu schlafen ver-
gaßen, …
… und tranken Wein bist tief in die
Nacht,
haben die längste Nacht zum Tage
gemacht,
und als sie es merkten – hoh, hoh, hoh –
laut WEIN-Nacht gelacht.

Herodes der Schlingel, der wusste dieses.


Der Neid zerfraß ihm sein Herz, sein
mieses.
Flugs was Neues ausgedacht, hieß es.

Denn das ging ja wohl nicht an,


die Germanen hatten den Wein-Nachts-
Mann,
der schleppte ihnen Geschenke an, …

… während er in seiner Wüste saß,


und trockne Fladenbröter aß,
derweil man ihn zu beschenken vergaß.

Nun könnte man, es war fast zum Schä-


men,
schlicht das Germanenfest übernehmen,
und doch, Herodes begann sich zu grä-
men.

Es gab zwar Wein in seinem Land,


doch wo man Bären und Blaubeeren fand,
das war ihm unbekannt.

Drum schickte er in seiner Pein


drei Botschafter tief in die Wüste hinein,
die seine Not in die Welt hinaus schrei´n.
Sie ritten nach Osten, nach Süden, nach
West
– nach Norden auch – da herrschte grad
Pest,
die gab zweien von ihnen den Rest.

Der dritte zog weiter von Land zu Land,


wo er irgendwo drei Könige fand,
denen er dies Märchen auf die Nase band.

Und eines Tag´s, wer hätt´ das gedacht,


haben sich die drei Könige aufgemacht,
und dem Herodes Geschenke gebracht.

Sie klopften an des Herodes Palast.


Der öffnete und rief: Kommt rein! Seid
mein Gast!
Was habt ihr in euren Säcken aus Bast?
Oh, riefen da die Könige laut,
fast hätten wir ´s nicht zu sagen getraut,
das haben wir andern Königen geklaut.

Mir doch egal, sprach Herodes gierig,


nun gebt es schon her, das ist doch nicht
schwierig!
Dafür spendier Wein und Bier ich.

Nun, so sprachen sie zu drein,


im ersten Sack soll Myrrhe sein,
in den zweiten taten wir Weihrauch
hinein …

Was soll denn das, ihr sollt euch was


schäm´!
Das könnt ihr Habenichtsen geben.
Schert euch hinaus nach Bethlehem!
Mein lieber Herodes, das ist was für Ken-
ner.
Wir sind doch keine Weihnachtsmänner
für jeden x-beliebigen Penner.

Mir doch egal. Macht was ihr wollt!


Was ich, Herodes, brauche, ist Gold.
Ach, dass euch der Teufel holt.

Da zogen sie weiter mit den Säcken drein,


des Nächtens tief in die Wüste hinein.
Dort hörten sie bald ein Kindlein schrei´n.

In einem Stalle da fanden sie dann


das Kindlein nebst Mutter und ihrem
Mann,
der zündete grad Kerzen an.
Ringsum im Stalle war´n Schafe und Zie-
gen,
die taten da rumsteh´n und -liegen,
und wollten was zu fressen kriegen.

Die Hirten lagen auf der faulen Haut,


und haben Kaugummi gekaut,
und gewartet, was da zusammen sich
braut.

Der Vater, die Mutter, das Kindlein auch,


auch die hatten böse Hunger im Bauch
und keinen Schluck Wasser mehr im Sch-
lauch.

Da packten die Könige die Säcke aus,


und holten Weihrauch und Myrrhe
heraus,
und bald roch danach das ganze Haus.

Das tat zwar den üblen Bockgestank dim-


men,
doch half es nicht gegen Magengrimmen.
Da erhob der Vater seine Stimmen:

Was sollen wir denn mit harzigen


Klumpen?
Könnt ihr uns nicht ein paar Goldtaler
pumpen?
Wir zahlen ´s auch zurück, wir sind keine
Lumpen.

Da taten die Kön´ge den dritten Sack auf,


und holten Taler um Taler herauf,
und packten sie auf den Gabentisch drauf.
Da sprach die Mutter, nun hört aber auf!
Hier gibt’s sowieso keinen Spätverkauf,
der Bäcker macht erst in zwei Tagen
wieder auf.

Oje, da war guter Rat teuer.


Es gab weder Brot noch Lebkuchen heuer,
und wärmen tat nur ein Kerzenfeuer.

Doch wenn du denkst, es geht nicht mehr,


kommt irgendwo ein Lichtlein her.
Wenn heut mal nicht Heiligabend wär.

Das Lichtlein, das da kam heran,


das war wohl der Weihnachtsmann,
der brachte Leckereien an.

Der kam auf seinem Ren geritten,


in der Wüste braucht man keinen Schlit-
ten,
und brachte Currywurst mit Fritten.

Und ein Fass Bier hatte er auch dabei,


für die Weihnachtsfeierei,
weil Fritten pur zu trocken sei.

Im Norden herrschte ja grade Pest


am diesjährigen Wein-Nachts-Fest,
und so dacht er, es wär´ wohl das Best,
wenn man den Norden schnell verlässt.

So saß man jetzt in trauter Runde


zur mitternächtlichen Weihnachtsstunde,
und hatte Bier und Pommes im Munde.

Man feierte noch lang und heiter,


doch Weihnachtsmann, der musste weiter,
und stieg aufs Rentier, seinen Begleiter.

Und dass er nachts was sehen kann,


drum zündete er Lichtlein an,
die war´n an Rentiers Hörnern dran.
Und wie der Blitz hat er zur Nacht
sich weiter auf den Weg gemacht,
und andre Kinderlein bedacht.

Und Herodes? Weil der so garstig war,


bekam vom Knecht Ruprecht die Rute
gar,
womit er gar nicht zufrieden war.

Was aber aus dem Kindlein geworden ist?


Die einen erzählen es wäre der Christ,
die anderen halten das für Mist,
womit die Weihnachtsmär zu Ende ist.
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