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Peter Weibel

Vom Rand der Realitât ^ ? r r )

Realitat, als Mythos, der Macht

I Warum malt man ebenso endlos wie ermüdend Blumen, Gârten,


Dieser Diskurs ist eine Art Schachspiel mit mir selbst, wobei allerdings Bâume, nackte Menschen, Sterne, aber keine unbezahlte Telefonrech-
aile Figuren nur eine Farbe haben. Es ist also weder Interesse noch Kon- nungen? Weil Malerei unter der Macht des Faktischen steht, auch die
trolle vorhanden für Sieg oder Niederlage. Auch werden die Regeln Abstrakte Kunst des Kalten KriegeS, und dieses Faktische von der
nicht genannt, nach denen gespielt wird, sofern überhaupt vorhanden. Hyperrealitât der Macht diktiert wird. Weil Malerei Reprâsentation ist,
Ich kenne sie — sie zeigen sich vielleicht. im Recht ist, und daher das Faktische nur aus der Sicht der Macht gese-
Ich spreche vom Rand der Realitat, deshalb habe ich auch nicht recht. hen werden kann. So wird das »ReaIe« ersetzt durch Natur. Der Blick
Ich beanspruche auch gar kein Recht.1 Denn Recht ist eine Operation auf die Natur kaschiert, dab das Auge des Malers von der Macht
^ aus der Mitte der Realitat, aus dem Imperium, aus der Herrschaft über geblendet und gerichtet ist, sodab das Faktische als natürlich ausgege-
J die Realitat. ben wird statt als konstruiert.
Recht wird dort gesprochen, wo die Macht ist. Recht ist eine Kategorie, Ist Idéologie die falsche Reprâsentation von Realitât, nâmlich geleitet
mit der Realitât abgerichtet und abgesichert wird, mit welcher der sta­ von Interesse, so sehen wir heute, dab in der geschlossenen Reprâsenta­
tus quo der Realitât aufrecht erhalten wird. Mit dem Recht adjustiert tion Idéologie und Realitât zusammenfallen.
man die Ereignisse an den status quo der Realitât und an die Auffassun-
gen derjenigen, welche die Macht über die Realitât haben. Mit dem III ( >
Recht geht man von der Wir-klichkeit aus, wie sie ist, und nicht wie sie Realitât hat kein Wort. Dtejenigen, die über kein Wort verfügen, haben
sein sollte. Recht ist retardierende Heiligsprechung der Wirklichkeit. auch keine Realitât.
Wer an das Recht glaubt, glaubt an die Wirklichkeit. Die am Rand der Realitât, am Rande der Gesellschaft leben, verfügen
Recht ist eine Kategorie, mit welcher der Mythos der Realitât als letzte über wenig Realitât. Sie existieren auch kaum. Sie sind auch kaum real
Bastion der Macht verteidigt wird, mit welcher Realitât als Mythos, als für diejenigen, die in der Mitte der Realitât stehen und die Realitât
absolut unverànderbarer Mythos verfestigt wird, gegen den Ansturm machen.
derjenigen vom Rand der Realitât, welche die allgemeine Realitât der Sie werden nicht mehr als Menschen geführt, hôchstens als Ziffer. Von
Macht zerfransen môchten in eine Vielzahl individueller Realitâten. diesen Zahlen (aus diesen Ziffern) spricht man als Minderheit. Der
Recht haben — Recht sein. Mythos Demokratie entziffert selbst seinen Abgrund, aus dem er
Sagten die Scholastiker: form est, quo ens est id, quod est, kônnen wir stammt: die Spuren seiner Geburt aus einer Sklavengesellschaft, indem
i heute sagen: wo es Rechtsanwâlte gibt, gibt es kein Recht. Wo es Recht er von Minderheit und Mehrheit spricht, indem er die Seins-, Realitâts-
gibt, gibt es keine Realitàt. und Wahrheitsfragen ziffernmâbig erfassen will.
Wer kein Wort hat, hat nicht nur keine Realitât, sondera auch kein
II Recht, kein Recht zu irgendwas.
\ Die Realitât hat kein Wort. Das Stimmrecht spricht vom Verlust der Stimme. Wo es ein Stimmrecht
Wer über das Wort verfügt, die Parole, hat Realitât. gibt, hat die Stimme kein Gewicht mehr, darum gibt man ihr ein Recht,
Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Nicht weil les extremes se tou­ und bindet sie damit an die Macht.
chent, sondera weil dieser Widerspruch den Kern unseres Realitâtsbe- Wo die Stimme gezâhlt wird, hat die Stimme an Realitât verloren. Jeder
griffs ausmacht. Dieser Kern trâgt den Namen Macht, und die Macht hat das Recht, seine Stimme in Form des Stimmrechts zu erheben, denn
ist es, welche diesen Widerspruch unterschlâgt, verschleiert, vertuscht. als Stimmrecht kann die Stimme als Kuriosum der Zahlenkunde ver-
Wir wollen nun diesem Wider-Spruch seine Stimme geben. bucht werden. Das Stimmrecht gibt der Stimme die Form einer statisti-
Sie glauben, eine Wohnung zu haben, solang Sie eine bestimmte Auf- schen Entscheidungsprozedur. Die Stimme kennt nur mehr die Realitât
fassung haben, was es bedeutet, eine Wohnung zu haben. Teilen Sie des Stimmrechts, so verliert sie an Realitât, so verstummt sie, ohne dab
diese Auffassung nicht mehr mit geltenden Richtlinien und dringen in aktenkundig wird, ohne dab es jemand hôrt.
andere Realitâtsschichten ihrer Realien vor, werden Sie bald merken, In der Stimme als numerisches Stimmrecht zeigt sich die zynische Dik-
dab Sie keine Wohnung haben, sondera nur einen Vertrag, der genau tatur der Demokratie und ihre Fiktionalitât. Deshalb konnte sich ja
festlegt, was es bedeutet, eine Wohnung zu haben. Die Grenzen Ihrer auch eine Radiostation »die Stimme Europas« nennen, obwohl es die
Wohnung sind die Grenzen Ihres Vertrags. Sie haben keine Wohnung Stimme Amerikas war.
in Wahrheit, sondera einen Vertrag. Das sind Worte. Die Verânderung Im Stimmrecht als Bruchteil numerischer Entscheidungsprozeduren
dieser Worte verândert Ihre Wohnungsrealitât. Da Realitât im Signum wird die private Stimme ôffentlich erhoben und in eine ôffentliche ver-
der Macht Reprâsentation ist, definieren Worte Ihre Realien.2 wandelt. Dabei wird der privaten Stimme nur soviel an Realitât und
Was ist real an einer unbezahlten Telefonrechnung? Das Papier. Der Wahrheit zugesprochen in dem Mabe sie Teil der ôffentlichen Stimme
Rest ist Idéologie und Hyperrealitât. Dab überhaupt und ab welcher ist. Im Mabe ihrer prozentualen Übereinstimmungmit der ôffentlichen
Hôhe Dir das Telefon abgesperrt wird, weil Du die Rechnung nicht Stimme, das ist die Stimme der Mehrheit, welche ja Ôffentlichkeit erst
bezahlst, ist Konstruktion, also variabel und verânderbar. konstituiert, gilt die private Stimme erst als Stimme. Hat die private

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Stimme eine prozentual âuBerst geringe Übereinstimmung mit der Âhnlich wie die Politik. Aus diesem konservierenden Moment gehë|i' S
ôffentlichen Stimmung, gilt diese Stimme nichts, ist sie nicht ernst zu ja auch der Darwinismus, der Kampf ums Dasein, um S t a a fï-
nehmen. Volk, Raum, Nation, zu den beliebtesten Metaphem und Mythen d|rj-;;
Dieser eigentliche Veriust der Stimme, diese Pathologie des Stimm- Politik. j '
rechts und der Politik kommt nicht nur im Ausdruck »Stimmvieh« zu
BewuBtsein, wo offenbar die Stimme mit der Würde des Menschen V
gleichgesetzt und der Veriust der Stimme als Veriust des Menschlichen Der Neodarwinismus ist weniger eine akkurate Beschreibung dèr^
beklagt wird, sondem insbesondere in einer »privaten« Pathologie, von Natur- und Gegenstandswelt aïs der Medienwelt.
der mir der befreundete Psychiater Dr. Ruhs erzàhlt hat. Ein Patient Es ist in der Tat nur ein ganz beilàufîges Korollar, daB Konrad Lorenf K'
nàmlich wurde interniert, weil er den O R F (den ôsterreichischen Rund- au f Seite 1 der Kronenzeitung die Leitartikel schreibt. In seiner Kritik
funk) mit Briefen überhàufte, worin er dem O R F vorwarf, ihm seine an »Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwârtiger Biologie^,
Stimme genommen zu haben, sodaB er nicht mehr sprechen kônne. bezeichnenderweise 1941 in den Blâttem für deutsche Philosophie ver-
StimmenmàBig sind wir aile seit langem schon interniert, vom Faschis- ôffentlicht — und ich weiB, es ist absolut unzeitgemâB, an diese Zeitd||:^
mus bis zum Konsumerismus (»100 Millionen Elvis Fans can’t be noch zu erinnem; es paBt nicht in unsere Zeit; es zeigt von wenig Zeit- 1
wrong«). geist und Anpassung in einer Zeit der kleinen Koalition, wo die Ewigge-
strigen das Morgen mitbestimmen —, hat Lorenz die menschlichen
IV Begriffe Raum und Zeit als »Anpassung« erklârt, andrerseits doch aî|f;.
E S gibt eine Théorie der Entwicklung der Realitàt in Formen der objektive Aspekte der ontologischen Wirklichkeit behandelt.
Anpassung von Lebewesen und Umwelt. Je dogmatischer eine Dok- Diese widersprüchliche Verbindung von Anpassung und Objektivitât, ‘ '
trin, desto mythischer, unantastbarer, substantieller ist ihr Realitàtsbe- von Konstruktion und Gültigkeit, von Subjektivitât und Ontologie;
griff. von Meinungsmache und Gesetz macht das Wesen der Medienwirk-
Darwins Evolutionstheorie und auch die der Neodarwinianer haben lichkeit aus.
eine Crux, nàmlich die Frage nach den Auswahlkriterien (der Anpas­ Die Scheinwirklichkeit der Medien lebt vom Mythos der Realitât. Die
sung und des Überlebens) selbst nur tautologisch beantworten zu kôn- Verwandlung des Realen in ein Gemisch von Idéologie, Scheinwirklich- •’
nen: «survival o f the fittest.« Wer überlebt in der Welt der Anpassung keit und Fakt bezeichnet den Beginn eines Übergangs von der Naturre- ■■
am sichersten und besten? D er am angepaBtesten ist. Wenn die Welt aus alitât zur künstlichen Realitàt.
einer fortschreitenden Anpassung besteht, einer Anpassung der Orga- M it dem Postulat einer künstlichen Realitàt ist es aber noch nicht getari
nismen an die Umwelt, um ihr Überleben zu sichern, so kann nattirlich wie wir bald sehen werden. Denn an ihr wie an der Hyperrealitât is lfï
dieses Überleben nicht anders beschrieben werden als fortschreitende nicht a priori das Moment der Progressivitàt oder des Utopischen'
Anpassung. gegeben.
In dieser Tautologie bleibt denn auch verschlossen, daB sich umgekehrt Künstliche Realitât stellt jedenfalls nicht den Anspruch ob jektiver Gül -
auch die Umwelt an die Organismen anpaBt. In dieser Tautologie ist tigkeit. Die Medien hingegen beziehen gerade die Kraft ihrer Suggesti- ■'
auch das U nbehagen verschlossen, welches das Wort Anpassung in den vitàt aus der Légitimation durch den Mythos Realitàt. Die Leser kaufeti
60er Jahren im Rahmen einer kritischen Gesellschaftstheorie konno- j a die Zeitungen, weil sie glauben, darin etwas über die Realitat zu
tierte. Anpassung in dieser Weise bedeutet nàmlich Agreement, Einver- erfahren. WüBte die Ôffentlichkeit, dafi es nichts Reales mehr gibl,
stàndnis mit dem status quo, ist also im eigentlichen Sinne gar nicht würden die Zeitungen nicht mehr emst genommen und nicht mehr ’
evolutionàr, sondem restaurativ. gekauft werden. D as Reaktionâre an den Medien ist gerade das Vertu-
Der grüne Schmetterling, der bei fortschreitender Industrialisierung schen der Künstlichkeit ihrer Konstruktion der Realitât. J e mehr sié 8
seiner Umwelt sich an die Farbe seiner Umwelt anpafit und grau wird, behaupten, was real sei, je mehr sie also Realitàt fiktiv setzen und her-
um zu überleben, unternimmt ja nichtsgegen die industriellen Umwelt- stellen, umso dünner wird ihre Konstruktion und umso fester muB
bedingungen, um als grüner Schmetterling zu überleben, sondem daher der Mythos herhalten, daB es so etwas wie eine objektive Realitàt
erklàrt sich mit der Verschmutzung der Umwelt einverstanden, indem gebe. Denn andemfalls wüBte ja jeder, daB die Medienrealitât eine fik-
er nachgibt und grau wird. tive ist.
Oder die grüne Blattpflanze, welche gelben Insekten als Nahrung dient Realitât ist Kaufkraft. Desto groBer sind daher die Auflagen jener ■'
und von diesen aufgefressen zu werden droht. Sie simuliert im Baudril- Tageszeitungen, die behaupten, Geschichten aus dem alltàglicheri
lardschen Sinne eine Hyperrealitât, tiàmlich: sie entwickelt gelbe Leben zu erzâhlen, die sie in Wahrheit meist selbst erfmden.
Flecken, sodaB die vorbeifliegenden Insekten glauben, ihr Nahtungs- D ie Codierung des Etfundenen als Realitàt, nicht das Erfmden selbst, ,8
platz sei schon besetzt und die Pflanze unberiihrt lassen. Ist das eigent- die Codierung des Fiktiven als Faktisches, nicht das Fiktive selbst, '{
lich noch dieselbe Pflanze, die überleben wollte? Ist sie nicht durch die­ machen die Medien so reaktionâr, so restaurativ, so tributâr dem Impe- ;
sen Überlebenswillen und ihre Anpassung eine andere geworden? Was rium, dem Inneren der M acht.
ist mit der Identitàt dieser Pflanze? H at nicht schon in der Natur sich Realitât ist Kaufkraft. Gilt also nicht nur für den Immobilien- und Rea- :
eine Verschiebung der Realitàt ergeben, von der eine âltere grüne Pflan- litâtenhandel, sondem auch für das G eschâft mit den Scheinw irklich :
zengeneration sagen würde: »wohin wird diese gelbe Post Punk Para­ keiten, für das Geschâft mit den Ideologien und Informationen.
noïa noch führen?« Die Medien überziehen die Welt mit einer zweiten Haut, aber so wie wir
Auch der Neodarwinismus unterschlâgt in seinem Anspruch auf aus Proteinen und Kohlehydraten bestehen, die wir dann wiederum als :
objektive Realitat den doppelten Boden seines Realitàtsbegriffs. Er solche analysieren, fallen auch Medienwelt und Gegenstandswelt ;
unterschlâgt, wie sehr Anpassung mit Tàuschung korreliert, wie sehr ineinander. J a es verkehrt sich das Verhàltnis ins Gegenteil: die M acht ;
Realitàt mit Fiktion operiert, wie sehr Realitât simulierte Hyperrealitât der Medien wird stârker als die M acht des Realen. Erfolgreiche Polit!- .
— realer als die Realitât — miteinschlieBt, wie sehr Trug und Irrealitât ker wissen das. Die Regierung Sinowatz ist gescheitert, nicht weil sie in
in der Realitàt inkapsuliert sind, wie sehr verânderbar und konstruier- Hainburg eine objektive Schlacht um Wahrheit und Realitàt verloreri ,
bar Realitàt ist. hàtte, sondern weil die Kronenzeitung die Politik Kreiskys besser fort-
Der Neodarwinismus und die evolutionâre Erkenntnistheorie tilgen gesetzt hat, die Schaupolitik, die Scheinpolitik.
paradoxerweise das utopische Potential, das im Begriff der Evolution Die Bewegung des Verhâltnisses von Real und Médial làBt sich modell- 8
enthalten wàre, indem sie sich auf das Reale als Déterminante beziehen. artig am Realitâtenbandel aufzeigen.

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VI kung des menschlichen Geistes, daB sich daraus die kategorische For-
Im 17. Jahrhundert ist das franzôsische Wort Môbel aus dem Wort derung ergibt, Kultur und Geist mit der Fragestellung der medizini-
nnobiie, mobil entstanden und bedeutete soviel wie bewegliches Hab schen Wissenschaft zu untersuchen«. Diesen Ru f nach dem Arzt in der
i i und Gut, Hausrat. Im 18. Jahrhundert entstand aus meuble, mobile, Kultur, der das Gesunde vor dem Kranken rettet, hat nicht Mengele aus-
- mobilia das deutsche Lehnwort Mobiliar. Res mobiles — das bewegli- gestofien oder Viktor Reimann oder »Staberl«, genauso wenig wie den
S che Vermôgen — würde eingedeutscht als Mobilien. Die Iiegenschaf- folgenden:
6:1 ten und Grundstücke, die res immobiles,' wurden die Immobilien. In »Die meisten unter den Geisteskrankheiten und Stôrungen, die den
, unserem Jahrhundert der Geschwïndigkeit und des Zeitgewinns haben Weiterbestand unserer Kultur in Frage stellen, betreffen das ethische
Sf sich aber die Signifîkate der Beweglichkeit antagonisiert. Heute sagen und moralische Verhalten des Menschen.«
ï| wir zu den Môbeln Immobilien. Das Unbewegliche wurde also mobili- Nein, das hat Konrad Lorenz geschrieben auf S. 32 seines Werkes »Die
|| siert bzw umgekehrt Môbel erscheinen uns heute als stabil, als immobil Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen
If wie ein Grundstück, weil die Môbelwelt selbst ein neues Stück bewegli- Erkennens«.
S ches Mobiliar geboren hat: Ein Môbel, das selbstbeweglich ist, nàmlich Das hat also einer geschrieben, der das Monopol au f Realitât, auf rich-
das Automobil. Die fahrende Wohnung, das fahrende Zimmer, die tige Darstellung der Realitàt gepachtet hat. Bei seinem Bündnis mit der
Jf eigenen vier Wânde auf Râdern hinterlassen natürlich das, was bisher Medienrealitât inskribiert sich die Macht der Realitàt mit der Realitât
mobil schien als immobil. Verglichen mit dem Auto als Môbelstück ist der Macht.
% natürlich jedes andere Môbelstück unbeweglich wie ein Grundstück. Es wundert nicht, sondem paBt, daB Lorenz sich bei anderer Gelegen-
|| Also wurden die Mobilien zu Immobilien. heit auf Hans Sedlmayrberuft, der in dermodemenKunstden «Veriust
der Mitte«, so der Titel seines Hauptwerks, beklagt hat. Die fortschrei­
1 vn tende Individuation in der Kunst, die nicht einmal vor den Mythen hait
So wie das Auto das Mobiliar als Bewegliches hinter sich gelassen hat, macht und individuelle Mythologien kreiert hat, kann natürlich zwei
3 so auch die Medienrealitât die Sachrealitât. W ie die berühmten karto- Ideologen, die dem Menschen so gerne seinen «natürlichen Ort«
3 graphischen Fetzen in Borges’ Eabel «Von der Strenge der Wissen- zuweisen, nicht gefallen. Dort, wo das Wesentliche unverânderbar sei
3 schaft« hat die Medienrealitât die Haut der sogenannten Wirklichkeit und von G ott, von der Natur, von der Phylogene, vom Erbe vorgegeben
| unwiderruflich zerfetzt. sei.
f Es geht aber gar nicht mehr, die Fetzen der realen Haut in der Medien- Sedlmayr: «Die dauemde Beschâfigung mit der Welt des Leblosen
2 haut zu entdecken, denn wir sind unterwegs in einer künstlichen Reali- zücbtet aber Denkformen und einen Geist, der dieser Welt wahlver-
tât, wir sind on the road, nomadische Existenzen im elektronischen wandt ist. Millionen von Technikem und Arbeitem haben ihr Leben
1 Palâolithikum, wo virtuell ailes in ailes transfbrmiert werden kann. Es Iang nur mit anorganischen Gebildgn zu tun, begegnen keiner Kreatur,
f geht aber auch gar nicht mehr darum, die Spuren des Eaktischen und sondem nur Schôpfungen-dér technisch-anorganischen Vernunft —
| Realen in der medialen Scheinrealitât zu sichem, denn dies wàre das kein Wunder, daB aile diese Menschen kein natürliches Verhâltnis zur
Geschâft der konservativen Kulturkritik, auch wiederum ein Geschâft Natur mehr haben«. Lorenz zitiert dies zustimmend in seiner Schrift
j mit der Realitàt.3 «Wissenschaft, Idéologie und das Selbstverstàndnis unserer Gesell-
f Und solche radikale Konservative béstimmen j a gerade heute das Profil schaft« (1972) und fahrt fort «diese recht schâdliche Denk-mode sei
i unserer Kultur, von Handke bis Bernhard, von Turrini bis Peymann. sogar in die Naturwissenschaft eingedrungen«.
; Küchentratsch à la »Holzfâllen« hat immer schon die Herrschaften Wenn sie nicht auf-passen, die Helden der An-passung, passiert es
J amüsiertunddieHerrschaftstabilisiert. Odererwartetsichjemandvon ihnen so wie Frischenschlagen der Kern ihrer Modelle tritt zutage. Wer
der Gesellschaftskolumne in einer Zeitung die Révolution? mit Anorganischem zu tun hat, verliert das Verhâltnis zur Natur, wird
Im Namen der Realitât gegen das Irreale zu kâmpfen ist deswegen selbst anorganisch, unnatürlich. So wie der Arzt, der mit Kranken zu
I unmôglich und konservativ, weil ohnehinschon jedermann im Namen tun hat, selbst krank wird, oder der Deutsche, der Juden die Hand gibt,
| der Realitàt oder im Namen der Révolution spricht. Insoferne hat Prà- selbst verjudet. Anpassung als Infektionsmodell, als Übertragung. Die
f sident Reagan »wirklich« — ich sage »wirklich« eben in diesem Sinne Ethologie folgt der Ontologie. In diese Àsthetik des Überlâufertums
f — wirklich recht, wenn er die anti-sandinistischen Kâmpfer mit den paBt, daB Hundertwasser die gesamte moderne Kunst als entartet
f amerikanischen Unabhângigkeitspioniern und den franzôsischen bezichtigt, noch dazu bei der Verleihung des ôsterreichischen Staats-
Revolutionàren vergleicht, genauso wie Moskau »wirklich« recht hat, preises, und kein sozialistischer Minister verlâBt protestierend den
wenn es Afghanistan im Namen der Befreiung kolonisiert. Das hat ja Raum, paBt, daB Handke sich auf das Wort »Instinkt« bei seiner
J auch Europa getan mit dem Rest der Welt, Solange es die M acht hatte, Unterstützung der Kronenzeitungs-Kampagne für Hainburg beruft,
| im Namen der Realitàt zu sprechen. Von Indien über A frika bis Süd- und daB der sozialdemokratische Staatskünstler Turrini die Kronenzei­
| amerika hat Europa im Namen der Realitât und eines aufgeklârten tung im Konrad-Lorenz-Volksbegehren unterstützt.
: • Bùrgertums in allen kolonisierten Kontinenten von der Freiheit
gesprochen. VIII
Konservative Kulturkritik will das Reale bewahren, weil es die Macht In der Skala der Realitàtsgrade folgt zwar die Medienrealitât auf
bewahren will. Im Namen der Realitât eine andere Realitàt zu kritisie- Scheinrealitât, auf Idéologie und Illusion, steht aber der Hyperrealitât
j ren ist wie die priesterlichen Segnungen au f beiden Seiten der gegneri- nàher als diesen. Denn Ideologien, falsche Hypothesen und Illusionen
schen Armeen, ist wie die Kritik an der Peep Show, aber mit dem Foto kônnen noch kolîabieren, die Medienrealitât nicht. Daher haben auch
der Peep Show die Basis für das Interesse am Artikel oder Film zu legen. die in der Medienrealitât aufgedeckten Skandale kaum noch eine Wir-
Ist wie: im »Falter« oder »Profïl« sich gegen das Engagement der «Kro- kung auf die Realitàt selbst.
nenzeitung« in Sachen Hainburg zu wenden, aber gleichzeitig au f den In der menschlichen Gesellschaft und Realitàt gilt nàmlich weder das
Plakaten der Kronenzeitung in Sachen Hainburg zu sprechen. Wir Selektionsprinzip der negativen Auslese des Darwinismus noch das
haben solche Kulturkritiker und -sângerinnen en masse, als Ergebnis Organisationsprinzip des Konstmktivismus, das Piaget so zusammen-
der sozialdemokratischen Education sentimental. gefaBt hat: «L’intelÈgence organise le monde en s’organisant elle-
Konservative Kulturkritik klingt so: même«. DaB Ratio und Realitàt irgendein Verhâltnis bzw. irgendeine
»Der fortschreitende Verfall unserer Kultur ist so offensichtlich patho- Wahlverwandtschaft hâtten, ist ebenso ein Mythos wie die Realitât
logischer Natur, trâgt so offensichtlich die Merkmale einer Erkran- selbst — es ist ein Mythos, den die Macht in die Welt gesetzt hat, um

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an der Macht zu bleiben. Schon die hôchste Macht, nàmlich Gott Das bringt uns zu dem Punkt, wo wir in Baudrillards einsichter Analyse
selbst, ist mit diesem Mythos gleichzeitig entstanden. Ebenso entstand der »Agonie des Realen« das Moment des Konservativen zu entdecken
gleichzeitig ein anderer Mythos, der diesen Mythos widerlegt, im glauben. Seine Beschwôrung der Hyperrealitàt scheint namlich den
Mythos selbst, namlich der Mythos vom Garten Eden, von der Vertrei- Verlust des Realen zu beklagen.
bung aus dem Paradies durch den BiB in die Frucht der Erkenntnis, »Die Macht besitzt nur eine Waffe, nur eine Strategie, um die Abkehr
nàmlich in die Erkenntnis der Machbarkeit der Wirklichkeit durch den des Realen zu verhindern: sie injiziert überall und immer wieder neuè
Menschen. Für dieses Sakrileg, die Schaffung der Realitàt nicht Gott Formen des Realen und Referentiale«, schreibt er in »Prâzession der'.
ailein als Monopoi zu überlassen, wurde der Mensch bestraft und zur Simulacra«.
fortgesetzten Drohung der Mythos der Vertreibung aus dem Paradies
oder vom gefallenen Engel erschaffen. Der Mythos von Luzifer, der, X
wie Prometheus das Feuer von den Gôttern, den Menschen das Die Hyperrealitàt ist die perfekte Simulation ohne Referentiale, der Ort
BevvuBtsein brachte, den absoluten Willen, das Wissen, auch selbst der Macht, der Medien und der Politik.
Realitàt schaffen zu kônnen. Siehe »Die Vertreibung der triumphieren- Gemeinsam errichten M acht, Medien und Politik eine Hyperrealitàt;
den Bestie« von Giordano Bruno (1584), welcher einegrôBere Umwâl- welche die Realitât vollkommen zudeckt. Dies ist nur môglich, weil sie
zung als Kopernikus eingeleitet hat, nàmlich den Menschen als den selbst in Besitz der Realitàt sind, weil das Realitàtsprinzip selbst schon
Lenker und Beweger des Himmels eingesetzt zu haben, wofür Bruno der Macht entspringt, weil das Reale selbst schon reaktionâr ist.
verbrannt wurde. Nur deswegen wollen die Medien und die Politik das Realitàtsprinzip
»Zeus ist die Seele, der Menschengeist, der sich in diesen ewig wechseln- retten, weil sie sich selbst retten wollen. Sie wollen nur deswegen
den Strom der Materie versetzt sieht. Ebenderselbe wird zugleich als »kaschieren, daB das Reale nicht mehr das Realeist« (Baudrillard), weil
Lenker und Beweger des Himmels aufgefaBt, um dadurch anzudeuten, ihre Macht untrennbar mit dem Mythos der Realitât, mit dem Mythos:!
daB sich in jedem Menschen, in jedem Individuum eine innere Welt der Konstanz der Realitât verbunden ist.
darstellt, ein Mikrokosmos, in dem Zeus, der Lenker, das Licht des ver- Würden sie zugeben, daB es keine Realitàt im Sinne ihrer Behauptung
nünftigen Willens repràsentiert, welches in ihm, in diesem wunderba- gibt, würden sie den Boden aufgeben, auf dem sie stehen. Die Macht
ren Staat herrscht und regiert und die Rangstufen und Sitze der Tugen- tanzt um das goldene Kalb Realitât — sowie der Tanz der Realitàt der
den und Laster verteilt«. Mélodie der Macht gehorcht.
W ir leben heute in einer Welt, wo die Macht des Imperiums, das Reich
ÏX der Macht so groB ist, daB das Reale durchlôchert ist vom Imaginèrent ;
Das Gute pflanzt sich nicht alleine fort in dieser Welt, es ist nicht ident in einer Weise, wo ihre Differenz nur mehr künstlich inszeniert werden
mit the fïttest. Keine genetische Verkodung sorgt für das Überleben des kann.
Guten, Schônen und Wahren. Im Gegenteil, immer wieder treten die Hyperrealitàt, die inszenierte Spiegelung der eigenen Darstellung der :
gleichen .'Programme auf, obwohl sie ailein in diesem Jahrhundert in Realitàt, und Realitât als Feld moglicher Fremd- und Anders- :
zwei Weltkriegen schon Niederlagen erlitten haben. Immer wieder tre­ Darstellungen der Realitàt fallen ineinander. Es gibt nur mehr eine Rea­
ten die gleichen Programme in anderen Nuancen auf, Konrad Lorenz litât: die Realitât der Politik, der M acht, des Gesetzes, der Medien, der
ist das beste Beispiel, ebenso sein Organ, die K.Z. Medienrealitât und Schrift. Im Raum der geschlossenen Reprâsentation der Hyperrealitàt,
Hyperrealitàt sterben nicht aus, sondern werden hôchstens wegen man- welche gleichzeitig das Reale ist, kann Realitàt nur mehr am Rande vor-
gelnden Publikumsinteresses geschlossen, sie bleiben als Ruinen und kommen, als Subrealitât.
Mumien-stehen. Realitât wird unter den Teppich der Hyperrealitàt gekehrt, das ist die
Unsere Welt wird in den nàchsten Jahrzehnten gezeichnet sein von den Lehre der politischen Skandale und Korruptionen, sodaB der Dreck der
Ruinen der Hyperrealitàt und den Spielplâtzen der Ideologien. Jede Realitàt hôchstens nur mehr am Rande zum Vorschein kommt. Als
Génération wird durch die Kulissenlandschaften wandern und sich die Subrealitât?
Spielplàtze für sein Überleben aussuchen.
Medienrealitât und Hyperrealitàt sterben nicht aus, weil sie »ein Reales XI
ohne Ursprung oder Realitàt generieren« wie Baudrillard sagt, von Es ist kein Zufall, sondern gehôrt zur Logik der Begriffsgeschichte, daB
dem der.Begriff Hyperrealitàt stammt. derjenige, welcher die Rückkehr zur Natur empfahl und von den
«Es geht nicht mehr um die Imitation, um die Verdoppelung oder um Dadaisten die Empfehlung erhielt «retour à la raison«, auch ein Werk
die Parodie. Es geht um die Substituierung des Realen durch Zeichen über den Ursprung der Sprache schrieb und den Gesellschaftsvertrag
des Realen. .. das Reale erhàlt nie wieder die Gelegenheit, sich zu pro- (contrat social) erfand, nàmlich J.J.Rousseau.
duzieren. Das Hyperrealeist vonnun an vor dem Imaginâren, vor jeder «Heute ist der Natur die Sprache genommen«, textet zeitgemâB der
Trennung von Realem und Imaginàrem sicher. Zugelassen wird nur grüne Dichter und wàhnt sich in der Nachfolge Rousseaus, so verelen-
noch ein orbîtaler Rücklauf von Modellen und die simulierte Generie- det ist sein Abstraktionsvermôgen, demi in Wahrheit hat Rousseau
rung von Differenzen«. Schrift und Sprache als Opponenten der Natur attackiert. Die Schrift
Die gesamte Welt wird eine Inszenierung zur Wiederbelebung der Fik- hat uns nachgerade die Natur genommen.
tion des Realen, das ist die Hyperrealitàt, realistischer als die Realitât Für Rousseau ist die Schrift der Ursprung der Ungleichheit. Die Schrift
selbst. ist für ihn die erste Form der politischen Repràsentanz. Die politische
Dieses Reich der Simulation ohne Referentiale, ohne Wahrheit, dieses Form der Repràsentanz (z.B. das Stimmrecht) wàchst Hand in Hand
Reich der Hyperrealitàt ist das Reich der Politik und der Medien, daher mit der Schrift als Form der Repràsentanz. Der MiBbrauch der Schrift
ist die Medienpolitik, von Kreisky bis Reagan, so erfolgreich. und Rede ist ein MiBbrauch der Politik. Die Propagierung der Schrift
Es gibt keinen Ort mehr, um das Wahre vom Falschen, das Reale vom durch den modernen Staat entspringt dessen Bedürfnis nach der Politi-
Ideologischen zu unterscheiden. Die Hyperrealitàt deckt die Realitât zu sierung der Realitât. Die politische Hyperrealitàt und Rationalitât wer­
wie bei Borges die Landkarte das Land. den so zur faktischen Rationalitât und Realitàt.
Nur dort, am Rande, am Ende der Landkarte, wo sie zerfranst ist, «Sobald das Volk gesetzmâBig als souverâner Kôrper versammelt ist,
schaut vielleicht noch die Realitàt hervor. hôrt die Befehlsgewalt der Regierung einstweilen auf: die vollziehende
Vom Rand der Realitàt aus erkennt man vielleicht noch die Modelle der M acht wird suspendiert, denn dort wo der Repràsentierte selbst zuge-
Hyperrealitàt. gen ist, gibt es keinen Reprâsentanten mehr.« (Contrat social, S.427).

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Der Regierung als Représentant entspricht der Gesetzeskôrper, wo tât aufzubauen ist.
schriftlich der Gesellschaftsvertrag fixiert ist. Die représentative Regie­ Der Totalisation der Hyperrealitàt entgeht ein Rest des Realen. Dieser
rung reprâsentiert sich also im Grande durch die Schrift. Die Schrift Rest am Rande der Realitât ist der Ort des Utopischen. G. Bruno
(das schriftliche Gesetz) ist der eigentliche Représentant. Wo allerdings beschreibt in seiner zitierten Schrift diese transitorische Realitât, die
das Volk selbst anwesend ist, bedarf es logischerweise keine diese repré- eine künstliche vom Menschen gemachte sein wird: »Sofia: So daB es
sentierende Regierung und daher auch keine diese Regierung Teprâsen- also, wenn die Kôrper, die Materie und das Seiende nicht der Verwand-
tierende Schrift. Wo das Volk selbst die M acht ist, bedarf es keiner lung, dem Wechsel und den Verànderangen unterworfen wâren, nichts
Macht des Gesetzes, bedarf es keiner Schrift. Weil die Schrift als Form Angenehmes, nichts Gutes, nichts Genuflreiches geben würde.« Das
der Repràsentanz j a nicht mehr nôtig ist, wenn der Reprasentierte selbst Glück und Das Gute sind an den Wechsel, an die Verwandlung gebun-
zugegen ist. Als Représentais ist die Schrift auch Differenz, die Diffe- den, nicht an das Konstante, und Determïnierende.
renz zum Volk, zur Realitât. In der Lücke dieser Differenz nistet die
Luge, die Unwahrheit, die Manipulation, die M acht der Regierung, die X III
Ausbeutung. Daher verlangte Rousseau, daB im politischen Bereich Die Realitât sagt seit meiner Kindheit: »Das muB sein«. Sie sagt selten:
nicht in schriftlicher Form verhandelt werden sollte, sondern der allge- »môglich«.
meine Wille solle sich nur durch Stimmen verlautbaren.4 Rousseaus Die Realitât befiehlt, nimmt Befehle entgegen und gehorcht (den
i Retour zurNatur war also der Versuch einer Rückkehr zum schriftlosen Naturgesetzen, den Sachzwângen, den Regeln, den Konventionen, den
Zustand der Gesellschaft, zur Stimme des Volkes,-zur Selbstreprâsen- Staatsgesetzen).
tanz. E r hat die Aporien der repràsentativen Demokratie von heute Die Realitât ist unerbittlich, hart, unverrückbar, determiniert. In der
frühzeitig erkannt und einen Ausweg vorgeschlagen, der, weil er retro- Realitât schaut ailes anders aus.
grad war, nicht akzeptabel ist, aber dessen ursprüngliche Problematik Wie wahr. Es ist nàmlich in Wahrheit nicht die Realitàt, sondern die
nichtsdestotrotz umso virulenter ist. Uns scheint gerade im Gegenteil Macht, die sagt: »Es muB sein«. Die Macht befiehlt. Die Macht ist
die Elektronik eine Môglichkeit zu versprechen, die représentative unerbittlich, streng, hart. Die Macht determiniert. Die schweigende
Demokratie in jenen von Rousseau ersehnten »natürlichen«, »schrift- Mehrheit, au f die sich die M acht so gerne beraft, ist nichts anderes als
losen« Zustand der direkten Demokratie transformieren zu kônnen. der ohnmàchtige Ausdruck der Macht.
Die Bedeutung des Stimmrechts entspringt also diesem Diskurs über Realitât ist ein Mythos, welcher dem Inneren der M acht entspringt.
das Gesetz als Stimme, als Wille des Volkskôrpers, über das Volk als Realitàt ist ein Mythos, tributàr der Macht.
souverâner Kôrper. Gerade deswegen kônnen wir heute in unserer Reel, real, realm — bescheinigt keine etymologische Verquastheit, son­
reprâsentativen Demokratie, wo Parteien den Willen des Bürgers sum- dern bezeugt in der Tat, das ReicÊ,der Macht ist das Reale
marisch reprâsentieren, verstehen, wie wenig wert das Stimmrecht ist. Ich sage nicht, es gibt nichts Reales oder es gibt keine Realitât, das wàre
Die Realitât h a t— noch immer — kein Wort. Die Realitât ist deswegen ja idealistischer Konservativismus. Nein, ich sage, es gibt das Reale wie
ohne Stimme, Solange das Volk keine reale Stimme hat. es die M acht gibt.
Die Kritik der Représentation, die Rousseau an der Regierung und an Aber ich sage auch, es gibt das Reale nur dort, wo es die Macht gibt.
der Schrift geübt hat, ist also der Ursprung seines Gesellschaftsvertra- Ich sage damit, es gibt das Reale nicht nur als Hyperrealitàt der Macht,
ges wie seiner Rückkehr zum Naturzustand. »D ie Souverânitât kann sondera auch als Subrealitât der Ohnmacht. Damit attackiere ich die
nicht reprâsentiert werden...« (C.s., S. 431). »Sobald ein Volk sich ver- Realitât als letzte Instanz der Macht, als Referential der M a ch t Ich ver-
treten lâBt, ist es nicht mehr frei... in den Gesetzen und Dekreten ver- lange die Auflôsung der Realitàt wie die Auflôsung der Macht.
stummt der allgemeine W ille... Der Souverân ist nur ein kollektives Ich sage: Realitât ist machbar, Herr Nachbar.
Wesen, das nur durch sich selbst reprâsentiert werden kann. Die Macht
kann wohl in andere Hânde übergehen, nicht aber der Wille.« (C.S., X IV
S. 368) D a die Gesetze und Dekrete, in denen der Wille und die Stimme Der deutsche Bundeskanzler H. Schmidt ist der Prototyp des Politi-
des Volkes verstummen, in der Schrift verfaBt sind, nimmt Rousseau kers, der sich selbst als Mâcher bezeichnet hat, stets von einer machba-
mit seiner Kritik vorweg, was spâter Lévi-Strauss in »TraurigeTropen« ren Politik gesprochen hat, von einer realistischen Einschàtzung der
»die Ausbeutung des Menschen durch die Schrift« nennen sollte. Das Lage, der also die Realitât gleichsam für sich gepachtet und monopoli-
MiBtrauen gegen den Buchstaben, der den Gesellschaftsvertrag siert hat.
bedroht, ist also der Ursprung seiner Sehnsucht nach dem Naturzu­ Aber genàuso wie die M acht als Strategie des Überlebens Reales überall
stand, ist also eigentlich GeseUschaftskritik au f der Suche nach einer nur mehr injiziert, um zu verbergen, daB das Reale nicht mehr das Reale
wahren Demokratie, hat also nichts mit gegenwârtiger Naturtümmelei ist, sondera das Hyperreale, genauso bezeichnet sich der Politiker als
zu tun.4 Mâcher, um zu kaschieren, das nicht ailes Machbare auch wirklich
gemacht wird, daB eben das Machbare gar nicht mehr gemacht wird.
XII E r beraft sich bei seiner Rhetorik der realistischen Einschàtzung auf
Die Politik kann heute vermôge der Hyperrealitàt die Realitât so dar- das Reàle, um das Môgliche zu verhindern!
stellen, ihr System der Pensionsversicherung, der W irtschaft, der Haft- Die Mâcher der Politik und der Medien sind diejenigen, die im Inner-
pflichtversicherung, der Produktion, der Krankenkassa, der Steuer, sten der M acht sitzen und denen die Realitàt zu dem gerinnt, was ihrer
der Parteien, der Justiz usw. so reprâsentieren, daB keine andere Reali­ Beschrànktheit und ihren Interessen machbar scheint.
tàt mehr môglich scheint. Gerade die M âcher zertreten das Machbare.
Nun kommen wir genau auf jenes Momentum zu sprechen, worauf es Wenn Politik zu einer Strategie der realistischen Einschàtzung und zu
uns ankommt und worin das Konservative und Reaktionâre des Realen einer Taktik dessen verkommt, was machbar und medienwirksam
und der Hyperrealitàt liegen, weswegen wir den Verlust des Realen scheint, verbündet sie sich mit der Meinungsmache der Medienrealitât,
nicht zu beklagen haben, was Baudrillard scheinbar nicht erkannt hat, mit der Lüge, reduziert sie die Welt auf die kleinbürgerliche Hypogra-
das Momentum nàmlich, das als Ende der Utopie sich enthüllt. Eine phie und -gryphie à la »Kronenzeitung« und »Wiener«.
unverrückbare Realitât, eine Realitât als Déterminante, eine Hyperrea­ Politische Mâcher und Meinungsmacher produzieren Machwerte als
litàt als geschlossene Représentation und Simulation ohne Referentiale Parasiten der Realitât. Die von ihnen konstruierte Lehn-Realitàt
sind insofeme restaurativ, da sie das Moment des Utopischen negieren, erzeugt zwar sàmtliche Zeichen des Realen, erzeugt aber gleichzeitig
auf dem gerade der Begriff einer künstlichen und transitorischen Reali­ auch durch die Négation des Utopischen am Rand der Realitât soviel

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Widerstand, daB ihre Macht in der Mitte der Realitât, wohin sie dràn- Dies dann, wenn etwas, das es nicht gibt, als seiend bzw. etwas, das es
gen, nicht ausreicht, um zu überleben. gibt, als nicht seiend ausgegeben wird.
Die représentative Demokratie hat mit der Diktatur eines gemeinsam, Fiktionalisierung von Realitât kann aber auch heifien, etwas ist da, w asEëjtë
daB Hyperrealitât und Realitât ineinander fallen. es gibt, aber es ist nicht so da, wie es normalerweise da ist. Es ist nicht! ftÿ ft
Der bewaffnete Kampf der R. A.F. in der BRD, der so irreal und irratio- »natürlich« entstanden, sondern als »künstliche« Kopievon etwas, da*#§%*
nal erscheint, ist die Antwort au f den Verlust von Rationale, Referen- es schon gibt, zum Beispiel ein geklontes Double. Diese Fiktionalisie­
tiale und Reale in der Hyperrealitât der repràsentativen Parteiendemo- rung von Realitât tendiert zur künstlichen Realitât, wo das Fiktive nicht ;fl>fI'.
kratie. Schein, Luge, Idéologie, Betrug ist, sondern wo das Fiktive eine and ereâl'fli
Die Sozialdemokratien in Deutschland und Ôsterreich haben diese A rt von Realitât ist, eine »geklonte Realitât«.
Wende nicht erkannt. Gerade in Ôsterreich betreibt die Sozialdemokra- Die von der genetischen Ingenieurskunst geschaffene Realitât, viel-
tie energisch eine Politik, welche das Hyperreale als Reales verklârt, mehr aïs die von der plastischen Chirurgie geschaffene, macht nicht die;!l|«l
jeden skandalôsen Tatbestand negiert und den Status quo des sozial Fiktion zur Realitât und verdoppelt auch das Reale nicht fâlschlich,
Erreichten als endgültig und paradiesisch deklariert. Jede Kritik am sondern fiktionalisiert das Reale zur perfekten Identitàt, zur geklonten
Status quo des Realen wird verdrângt, an den Rand der Realitàt Realitàt, die gleichsam ein ontologisches Versprechen für die psycho-
gedrângt. In diesem Verlôschen des Utopischen ist auch schon ihre tische Wunscherfüllung ist, wo die Realitàt jederzeit nach allen indivi-
Wahlniederlage inskribiert. duellen Bedürfnissen transformierbarist, das klassische Realitâtsprin-
In der BR D hat eine so schwache und matte Figur wie Kohl nicht zip sozusagen abgeschafft ist.
gewonnen, weil seine Partei das bessere Programm anzubieten hatte, Das Individuum, dessen psychotische Weltauffassung, dessen Halluzi-
nein, das rational U nvorstellbare, nâmlich der Wahlsieg Kohls, ist Rea­ nationen und Wahnvorstellungen mit der »natürlichen« Realitât, wel­
litât geworden, weil Kohl das Versprechen des Utopischen im Begriff che ja n u r EIN E ist, als nurE IN E vorhanden ist und dadurch als objek-
»Wende« simuliert hat, wàhrend Schmidt das Reale und Realmôgliche tive erscheint, kollodieren môgen, wird in der künstlichen geklonten
so eisern verteidigt und das Utopische so gebranndmarkt und ausge- Realitât, die es ja in mehreren Ausgaben, in Doubles und Replicas
brannt hat. geben wird, die Wahl haben, zwischen den mehreren, verschiede.nen
geklonten Realitâten frei flottieren zu kônnen.
XV Wenn man die Psychose als Strategie versteht, den/das Andere(n) zu
Die Unrealitât der elektronischen Bilder verweist auf die künftige Rea­ vermeiden, ist klar, da!3 sie endlich darauf hinauslàuft, die Realitàt zu
litât der elektronischen Welt. Diese Realitât wird durch zwei Merkmale vermeiden.
gekennzeichnet sein: 1. Arti fîzielle Dinge sind von Menschen gemacht. Wenn Filme wie »E.T.« und »Star Wars«, die der Morphologie der '
2. Artifizielle Dinge imitieren in einigen Aspekten die natürlichen infantilen Realitâtsvermeidung ihre Form verdanken, zu den erfolg-
Dinge, ermangeln in anderen Aspekten der Realitât dieser Dinge. reichsten Filmen der Geschichte werden, dann sprechen sie nicht nur t S I J
Eine Àsthetik des Artifiziellen ist der Vorschein einer artifiziellen Rea­ von der Verdunkelung der Vernunft in unserer Gesellschaft, sondern
litât, weil das Reale seine utopische Funktion verlôscht. Das Paradies auch von der fortschreitenden Hyperrealisierung und Psychotisierung ,.
der Bilder ist das künstliche Paradies. unserer Welt. Diese filmischen Beweise der Psychotisierung unserer
A uf die Ontologie der Wirklichkeit folgt eine Artifizialitât der Realitât, Gesellschaft verkünden aber auch die A nkunft der geklonten Realitat
keine natürliche Realitàt, wie Rousseau sie forderte, da wir auf einen und die Sehnsucht der Menschheit nach einer solchen. Denn obwohl.
Zustand vor der Schrift und der Reprâsentanznicht mehr zurückgehen Ratio und Reales gerade das Gegenteil von Geschwistem sind, wird das
kônnen, aber die Realitât vom M onopol der M acht befreien kônnen, Rationale verschwinden wie das Reale — trotz Hegels Heils-
indem wir die Simulation und Individuation der Realitât propagieren, Halluzinationen.
welche in der künstlichen technomorphen Realitât môglich wird. Die künstliche Realitàt der M ikro- und Makrowelt, die nur mehr durch;
Die Geschichte arbeitet an der Abschaffung des Staates, der Politik, der eine Techno-Apparatur erfaBbar und erfahrbar ist, bescheinigt die end-
Realitât durch Technologie. gültige Krise eines Beweises der Realitât, der Gültigkeit der objektiven
Vieles an der Realitât des 20. Jahrhunderts verdanken wir den Natur- Realitât. Makro- und Mikrophysik haben schon seit langem den klassi-
wissenschaften und Philosophien des 18. und 19. Jahrhunderts. Wir schen Realitâtsbegriff aufgelôst, den man einen »natürlichen« nennen
müssen also für das 21. Jahrhundert die Naturwissenschaften des 20. kônnte, da er von der Erfassung der Realitât durch unsere natürlichen
Jahrhunderts heranziehen und eine neue Morphologie schaffen. Diese Sinnesorgane ausging.
Morphologie hat das Referentiale abgenabelt und die Kraft des Symbo- In der geklonten Welt sind natürliche und geklonte Zellen ident, hat es
lischen wieder eingeführt. Die Selbstbeschàftigung der Kunst mit sich keinen Sinn mehr von natürlichen und künstlichen Zellen zu sprechen.
selbst, die Kunst als selbstreferentielles System im 20. Jahrhundert, In ihr spielt Widerspruchsfreiheit keine Rolle mehr. Die natürliche Welt; §||
ebenso wie die Verdoppelungen durch die Medienkünste wie Foto, wird zur künstlichen Welt, zur psychotischen Welt sogar, weil dort der
Film, Phono, Video sind allesamt Arbeitsmethoden zur Abschaffung psychotische Realitâtsverlust aufgefangen werden kann, da es ja keine
des Referentialen, zum Überflüssigmachen der Realitât. Selfmade rea- »eine«, natürliche Realitàt mehr gibt.
lity, künstliche menschengemachte Realitât kommt in jener schier Die zellulare Reproduktion, die Reproduktion durch Teilung, verweist
unendlichen Kette von synthetischen Organen, künstlichen Prothesen aïs Kernmodell der geklonten Realitàt eindringlich darauf, wie sehr in
wie künstliches Herz, Bein, künstliche Hand, Lunge, künstlicher Busen der geklonten Welt der/das Andere überflüssig ist, nicht gebraucht
etc., aber ebenso in den elektronischen Substitutionen und Extensionen wird, im Gegensatz zur sexuellen Reproduktion durch Vereinigung, wo
unserer Organe wie TV, Telefon, Radio, Kamera, Satelliten etc. über- wir ja gerade eine/n Andere/n brauchen. Baudelaire sprach schon von -,
deutlich zum Vorschein. Simulation ist das Herz der elektronischen der Liebe als von einem Verbrechen, wo wir leider einen Komplizen
Welt, welche die künstliche Realitàt vorbereitet. Das Dogma »Das sind brauchen.
die Realitâten des Lebens« wird durch die künstliche Realitàt korro- Das Leben in der realen Welt war ein geschlossener Raum, den die Poli­
biert wie das Hyperreale das Reale korrumpiert hat. tik in allen ihren Formen, von der Regierung bis zum Fernsehen, dik-
tierte. Die sublimste Form der Diktatur und des Totalitàrismus ver:
XV I schanzte sich hinter einer Wirklichkeit, die objektiv und einzig war und ■
Die Fiktionalisierung von Realitàt ist normalerweise das Make Up der keine andere Seite hatte. »Das ist irreal« — mit diesen Worten wird'
Politik, der Regierung, des Militârs und tendiert zur Hyperrealitât. keine andere Auffassung des Realen, werden keine anderen Modelle d en '. -.SE,
Realitât mehr diskreditiert werden kônnen, denn in der geklonten Welt geworden, sondern imGegenteil, das Rechtwarimmer auf Seiten der andern.
wird diese zweiwertige Logik (real — irreal) nicht mehr gelten. Wenn ich mich weigerte, lügnerische Protokolle zu unterschreiben, die Repe-
raturen von AuBenfenstem zu bezahlen, wenn ich Klage erhob, daB bei einer
Wir werden auBerhalb des Modells der Macht leben, auBerhalb jenes Exekution meine Video-Arbeitsgerate im Wert von 60.000,— SS beschlag-
Modells der Realitàt, welches sich die M acht gebaut hat. W ir werden nahmt und für 2.000,— SS versteigert wurden — stets bekam ich die Strafen
in künstlichen Realitâten leben, die gekennzeichnet sein werden durch und Kosten des Verfahrens zugesprochen, aber nie Rechi. Wer je den Weg der
persônlichen Zugang und persônliche Transformation. stàatlich sanktionierten und gesicherten Realitât verlassen hat, wer je den
Weg der Konsens-Realitât übertreten hat, wird erfahren haben, wie schmal
Die identische Wiederholung von Individuen aus einer Zelle, aus der dieser Weg ist, wie ein Seil über einem Abgrund, jederzeit von der Macht zu
Matrix einer Zelle, aus dem genetischen Code, wie es uns die genetische kappen. Wer keine Ameise auf diesem Seil sein wollte, sondern versuchte,
Ingenieurskunst verheiBt, hat für mich nichts Bedrohendes, sondern eine andere, vollere, grôBere, mehrdimensionale, individuellere, freiere Wirk­
sie zeigt, dafi das Ganze (das Individuum) durch einen Teil (den geneti­ lichkeit zu leben, hat schnell erfahren, wie eng die Grenzen der staatiich kon-
struierten Realitàt sind: Bondage.
schen Code) ersetzt werden kann, daB also der genetische Code «pro­ Bei meinem vorletzten ProzeB, wo ich 40.000,— oS Strafe und 60.000,— SS
thésiste Teil des Ganzen, ist, also selbst bereits eine A rt künstlicher Rechtsanwaltskosten zu tragen hatte, weil ich meine Stimme gegen einen
Prothèse ist. Das Künstliche ist bereits in das Natürliche inskribiert, so Polizisten erhoben hatte, sagte ich zum Richter. »ln Zukunft wird mir meine
wie das künstliche Licht in die natürliche Welt. Meinungsfreiheit vielleicht noch das Leben wert sein, aber sicher nicht mehr
100.000,— ÔS«.
Wenn jede Zelle aile Informationen enthâlt (àhnlich wie im Holo-
gramm, wo auch jeder Teil die Information des Ganzen besitzt) und 2 Die Schauspielerin R. E hat ihre Wohnung Kategorie D, d.h. ohne Heizung
daher aus jeder Zelle ein identes Individuum geschaffen werden kann, und Bad, W.C. im Gang, mit einer zweiten freigewordenen Wohnung der
verliert die Idee des Ganzen ihren Sinn. Ende des Totalitârismus: von Kategorie D zusammengelegt und durch Umbauten in eine Wohnung der
der Bildtechnologie (Laserplatte) zur Braintechnologie (Artifîcial Kategorie C (mit WC etc innen) verwandelt. Nicht nur, daB ihr dieseUmbau-
ten 250.000,— ô S kosteten, was der Qualitât des Hauses zugute kommt, da
Intelligence) — die Computertechnologie ist j a nur die aktuellste Pro­ sie ja nur Hauptmieterin und nicht Besitzerin der Wohnung ist, sondern für
thèse des menschlichen Kôrpers —, von der künstlichen Befruchtung diese von ihr selbst finanzierte Wohnungsverbesserung muB sie nun auch
bis zur künstlichen Energiequelle erkennen wir die Tendenz, die Reali­ noch mehr Zins zahlen, weil ihre Wohnung nun ja Kategorie C ist. Sie hat
tàt als Mastertape abzuschaffen. Wenn aus j eder Zelle eines individuel- also die ZinserhShung selbst verschuldet, weil sie auf eigene Kosten die
Wohnqualitât des Hauses verbesserte. Sie wird gleichsam dafür bestraft. Der
len Organismus der Bauch für ein identisches Individuum werden Hausherr trâgt überhaupt keine Kosten, dafür bekommt er eine wesentlich
kann, born from a single cell, wie es das Cloning intendiert, erkennen verbesserte Wohnung und eine wesentlich erhôhte Miete. Aufgrund des
wir als Wesen der zellularen Prokreation die Selbsterzeugung. Man neuen Mietgesetzes, das unter Minister Broda in der Ara der sozialistischen
braucht niemanden anderen mehr wie bei der sexuellen Prokreation. Alleinregierung beschlossen wurde, hat der Oberste Gerichtshof diese skan-
dalôse Praxis bestâtigt. Ein Mieter, d.er die Wohnqualitât erhôht (auf eigene
Dies ist auch der Kern der künstlichen Welt: die Selbsterzeugung. Was Kosten), muB dann auch noch den erhôhten Mietzins bezahlen— eine derar-
man nicht mehr braucht, ist dort die Realitât, die »natürliche« Realitât, tig perverse Praxis zugunstefl der Hauseigentümer sozial zu nennen, vermag
die Realitât der Macht. Cloning bedeutet Zurückdrângen der Reprâ- nur mehr eine sozialistische Regierung, deren Macht die Realitât vollkom-
sentanz, des Realen und des Natürlichen. Die geklonte Welt, die selb- men ausgehohlt hat. Ausbeutung der Mieter aïs verbesserte Sozialleistungzu
deklarieren, gehôrt zum Kern eines «sozialistischen Realitàtsbegriffs« einer
sterzeugte Welt ist eine multiple Realitàt statt Mono-Realismus, ist ein Partei, deren Mâcher von der Realitât keine Ahnung mehr haben, weil ihre
multiples polymorphes Environment statt ein monokausales, monot- Macht die Realitât wie ein Schimmel überzogen hat, wo nur mehr gelegentli-
heistisches, monomorphes. che Eiter-Blasen der Korruption die Differenz von Macht und Realitât auf-
Natürlich ist auch die geklonte Welt nicht frei von Gefahren. Die zeigen. Wo Fiktion und Reales sich unterschiedslos mischen in der geschlos-
senen Reprâsentation, wenn Journalisten Politiker werden und Blattmacher
unendliche Prolifération einer Basiszelle, wenn sie ohne Rücksicht auf PoJitiker sind, kann auch die grôbste Asozialitàt als Sozialleistung ausgege-
die organischen Gesetze des Ganzen geschieht, kann zur Metastasis, ben werden.
zum Krebs in der industriellen wie zellularen Organisation werden.
»Krebs der Stem e« ist dann die eigentliche Übersetzung für Star Wars. 3 Die Gemeinde Wien hat ja schon eine derart »liberale« Praxis, wie diverse
In dieser metastasierten Welt wird die Kunst den sozialen Atommüll Symposien im Künstlerhaus oder im Muséum für angewandte Kunst zeigen,
daB sie mit dem Erteilen von Bauauftrâgen an bekannte Stadtverschandler
aufbereiten, wird dié Kunst zum Ort der Endlagerung der sozial und gleichzeitig auch Auftrâge zu deren Kritik verteüt. So gibt sie Czemin & Co
psychisch D efekten... aber vielleicht gibt es nur mehr dort dann Reste einen Bauauftrag, aber gleichzeitig, denn Liberalismus und Pluralismus muB
des Lebens unter lauter Zombies und Replikanten?... aber vielleicht sein, gibt sie Turrini den Auftrag, bei einer sozialistischen Veranstaltung,
hat die Kunst jetzt schon diese Funktion? Aber dann lebten wir ja jetzt diese Bauten zu kritisieren. Das verhindert zwar nicht, daB diese entsetzli-
chen Bauten nicht gebaut werden, aber offensïchtlich beruhigt es das
schon in ... welcher Realitàt? BewuBtsein und dàmpft die Sffentliche Stimme Die Vereinnahmung derKri­
tik, ihre Wirkungslosigkeit zu bewïrken, indefrt man Kritik fôrdert, macht
eben die »Demokratie« nur überlebensfâhiger als die Diktatur und die kon-
servaüve Kulturkritik zu ihrem Komplizen. Wo Schein und Realitât ohnehin
einssind, wïe'rn der Hyperrealitât, wo dieMedienund die Politik sich mitein-
ander verbinden, wird konservative Kulturkritik eine das System stabilisie-
rende Spielregel. Siehe die Rolle von Bernards Stücken und Schriften für
Salzburgund den Kulturbetrieb, den er angeblich attackiert, in Wirklichkeit
aber perpetuiert. Kreisky hat Politik durch Taktik ersetzt und damit ein
Erfolgsrezept der Hyperrealitât eingeführt, das die Korruptionisten der
ANMERKUNGEN Gegenwart (1985) erfolgreich fortführen. Androsch ist wirklich sein Erbe
und Ziehsohn, auch wenn Kreisky sich in ihm nicht wieder erkennt.
1 Wie kônnte ich auch. In ca. einem Dutzend Prozessen, die ich als Künstler
oder Staatsbürgerwegen Stôruflgder ôffentlichen Ordnung, Pornographie, 4 Rousseau miBtraut der Schrift, dem Dekret, dem Gesetz in der Politik
Widerstand gegen die Staatsgewalt etc führen muBte, hat stets der Anklâger zutiefst und auf eine fur uns heute hôchst paradoxe Weise, da wir uns gerade
recht bekommen. In den angeblich so liberalen Kreisky- und Broda-Jahren jadem Glauben vollkommen hingegeben haben, je detaillierterundausführ-
bin ich fast jâhrlich wegen irgendwelcher künstierischen oder staatsbürgerli- licher schriftliche Vertrage und Gesetze sind, umso weniger Unrecht kann
chen Aktivitaten, wo ich versucht habe, meine verfassungsmâBigen Rechte geschehen. Rousseau hingegen lehnt schriftliche Formen im gesellschaftli-
zu realisieren, zu erheblichen Geld- und Gefangnisstrafen verurteilt worden. chen wie im politischen Bereich ab, weil in «Venedig: Hier verhandelt man
Fast 20 Jahre lang konnten Zeitungen meine Arbeit und meine Person mit einer unsichtbaren Regierung, und das immer nur auf schrifüichem
beschimpfen, schânden, làcherlich machen, meine Existenz bedrohen, wur- Wege, was zu grôBter Umsicht und Wachsamkeit zwingt.« Oder: »Ich weiB
den in Funk und Femsehen meine Beitrâge zensuriert, gekürzt oder in letzter zwar nicht, wie das gemacht wird, doch bin ich mir darüber im klaren, daB
Minute abgesagt, konnten Gerichte mich mit den dürftigsten und jâmmer- die Operationen, bei denen am meisten Buch geführt wird und Rechnungs-
lichsten legistischen Konstruktionen verurteilen — und nie ist mir recht zuteil bücher herangezogen werden, auch die betrügerischsten sind.«

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