Sie sind auf Seite 1von 18

126 D i e t e r M ü l l e r : Der g u t e Hirte [86.

Band

DIETER MÜLLER

Der gute Hirte

Ein Beitrag zur Geschichte ägyptischer Bildrede

Die Formung menschlichen Lebens durch Gebot, Leitung und Eingebung ist für den gläubigen
Menschen eine der fundamentalen Wirkungsweisen Gottes'. Seit eh und je hat sich der Mensch
daher bemüht, das Wunder dieses göttlichen Handelns im Gewand bildlicher Rede sinnfällig zu
machen, und eines der einprägsamsten dieser Bilder ist das von Gott als Gutem Hirten.
Uns ist dieses Bild am vertrautesten aus der Sprache des Alten und Neuen Testaments, dabei
aber keineswegs auf diese beschränkt, sondern über die ganze Alte Welt von Sumer® über Israel
und Ägypten bis hin nach Griechenland® und darüber hinaus verbreitet. Dabei hat die enge Ver-
bindung zwischen Gott und König und deren — von den Untertanen her gesehen — funktionelle
Verwandtschaft stets auch den König unter dem Bilde des Hirten erscheinen lassen und dergestalt
die Auffassung des Volkes als Herde Gottes oder des Königs bedingt. So heißt es etwa in den
Psalmen: ,,Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide (in·'»"!^ DP) und das Kleinvieh
(·)Ν2) seiner Hand""». Ähnlich lesen wir Jer 13,17: „ J a in Tränen zerfließen wird mein Auge, weil
Jahwes Herde ( m r f TT3?) gefangen fortgeführt wird"®. Schon hier wird der politische Bezug
deutlich, den das Bild vom Hirten und seiner Herde haben kann. Das tritt noch deutlicher bei Jer
31,10 hervor, wo der Prophet von Jahwe sagt: ,,Der Israel zerstreute, sammelt (V^p) und behütet
(τατώ) es wie ein Hirt (ПУП) seine Herde ("17.?)"®. Warum hier gerade das Bild vom Hirten ange-
wendet wird, zeigt die Gestaltung des gleichen Motivs Ps 78,52—53 (,,Und er ließ ausziehen wie
Kleinvieh [·)Νϊ] sein Volk und führte [5ПЭ] sie wie eine Herde [">"[.?] in der Wüste ; leitete [лп:] sie
mit Sicherheit [ПИЗ], daß sie sich nicht fürchteten [ i n s ] " ) : es ist die Gestalt des Hirten als eines
Sammlers und Hüters, auf die es dem Israeliten ankommt'.
Neben dem politischen steht der individuelle Bezug, neben Jahwe als Herrn der Geschichte
Jahwe als Schöpfer, der für seine Kreatur sorgt — wie eben ein Hirt für seine Herde®. ,,Er weidet
(TOI) wie ein Hirt (n»h) seine Herde ("i'T??),mit seinem Arm sie sammelnd (упр); die Lämmer trägt er
im Gewandbausch, leitet (Ьлз), die da säugen". „Sie sollen nicht hungern noch dürsten, und nicht
Glutwind noch Sonne soll sie stechen, denn ihr Erbarmer (ΠΠΊΤ2) wird sie hüten (^ПЗ) und an Wasser-
quellen (П^И •'»12'a) wird er sie leiten (Ьлз)." „Siehe, nicht schlummert (013) noch schläft (TO'') er,

1) Vgl. S. M o r e n z , Ä g y p t i s c h e Religion ( S t u t t g a r t 1960), Kap. I V ( „ G e b o t , L e i t u n g und E i n g e b u n g , Schik-


k u n g — Wirkungsarten der Götter").
Vgl. L. D ü r r , U r s p r u n g und A u s b a u der israelitisch-jüdischen H e i l a n d s e r w a r t u n g (Berlin 1925) S. 116ff.
124.
') So h e i ß t der König s e i t H o m e r ποιμην λαών; v o n einem θ-εΐο; νομεΰς spricht ζ. В. P l a t o n Polit. 271 E und
275 С: К. S t e g m a n n v o n P r i t z w a l d , Zur Geschichte der Herrscherbezeichnungen v o n H o m e r bis P i a t o n
(Forschungen zur V ö l k e r p s y c h o l o g i e und Soziologie V I I , 1930, S. 1 5 — 2 1 ) ; W . J o s t , ΠΟΙΜΗΝ (Diss. Gießen 1939)
S. 6 f f . ; vgl. a u c h J. J e r e m i a s , Art. ποιμήν usw. bei G. K i t t e l , Theol. W ö r t e r b u c h z. N T V I ( S t u t t g a r t 1957)
S. 4 8 4 — 5 0 1
*) P s 95,7; der gleiche Ausdruck P s 100,3. D e m Anliegen dieser Arbeit e n t s p r e c h e n d , die es m i t der Gestalt
des G u t e n Hirten in Ä g y p t e n zu tun h a t , k a n n es hier nicht d a r u m gehen, das Hirtenbild in Israel ausführlich
zu b e h a n d e l n oder gar die d a m i t v e r b u n d e n e P r o b l e m a t i k zu erörtern; hierfür sei vielmehr ein für allemal auf
den e n z y k l o p ä d i s c h e n Artikel v o n J e r e m i a s und die dort g e n a n n t e Literatur verwiesen. I m folgenden soll
lediglich auf die w i c h t i g s t e n F u n k t i o n e n des G u t e n Hirten in A T und N T h i n g e w i e s e n werden, u m einen Aus-
g a n g s p u n k t für die U n t e r s u c h u n g des äg. Materials zu g e w i n n e n .
») Vgl. a u c h P s 78,52; S a c h 10,3.
β) Vgl. S a c h 10,8.
') Vgl. P s 80,2; Jer 23,3.
«) Vgl. Gen 48,15: „. . . der Gott, der mich weidete, seit ich lebe bis auf diesen Tag".

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 127

der Hüter Israels ( n i i t ì ) . Jahwe ist dein Hüter, der Schatten zu deiner rechten H a n d " К So sehr hier
noch die Gemeinschaft des ganzen Volkes (und damit der politische Bezug) im Mittelpunkt steht,
so stark tritt durch die Zuspitzung des Bildes auf das kreatürliche Wohl^ die Sorge Gottes für den
einzelnen nach vorn, um in den W o r t e n des 23. Psalms ihren schönsten Ausdruck zu finden:

,, Jahwe ist mein Hirte ( Π Ρ Ί ) , mir wird nichts mangeln ( i c n ) .


Auf grünen Auen ( Π Ό " ΓΝ3) läßt er mich lagern (V^"!).
Zu erquickenden Wassern ( n i n * ^ '^'Ç) leitet ( Ь п з ) er mich.
Er erlabt (З'ЛГ) meine Seele;
er führt ( п п з ) mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen.
Auch wenn ich im dunklen T a l wandle, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei m i r : dein
Stecken ( ü n c ) und dein Stab (гзэтртз) die trösten (апз) m i c h . "

So umfaßt für den gläubigen Sohn Israels die Fürsorge des göttlichen Hirten die wichtigsten
Bereiche seines Lebens. Jahwe ist als Hirte ( Π 5 Ί ) sein Führer р п з , Ь л з , ППЗ) und Hüter ("l'ari).
Er sammelt ( V ^ p ) seine Herde, damit kein Stück vermißt (^pэ) werde, und schützt sie gegen Angst
(ГПП, ППЭ) und sorgt für ihre Sicherheit (nD3), bewahrt sie vor Mangel (ЮП), Hunger (з:?"!)
und Durst (N732) und führt sie zu frischen Quellen (»1372, ппзтз •''а) und grünen Auen ( n t ì T ΓΝ3), denn
er ist wachsam und sie seine Herde ( Π ί ' , l ^ í í ) .
W i e Jahwe, so erscheint auch der politische Führer, insbesondere der K ö n i g , unter dem Bild
des Hirten. Er wird von Jahлve gegeben ( р з ) ^ , um Israel zu weiden (Πϊ?Ί)^ und zu führen (ппз)®.
Deshalb ist er ihm verantwortlich®, und wenn er seine Pflicht nicht tut, zerstreut ( y i s ) ' sich die
Herde, und das Volk ist — wie eben eine Herde ohne Hirten®.
Besonders über die große Bilderrede E z 34,1 ff. und die dort vollzogene messianische Anreiche-
rung des Bildes® hat das Hirtenmotiv hinübergewirkt auf das Neue Testament mit seinen Gleich-
nissen v o m verlorenen Schaf (Matth. 18,12—14; Luk. 15,4—7) und Christus als Herren des eschato-
logischen Jenseitsgerichtes (Matth. 25,32)'®. Er erscheint als der ,,große H i r t e " " und ,,Hirt und
Aufseher euerer Seelen"'^, ja, er ist der Hirte schlechthin", der v o n sich sagen kann: έγώ εΐμι ó
ποιμήν δ καλός.
T r o t z oder gerade wegen der Geläufigkeit und des weiten Anwendungsbereichs ist das Bild v o m
Guten Hirten in Israel — im Gegensatz zu Sumer oder Babylon — nie zur ,,formelhaften orienta-
lischen Gottesprädikation" oder zum Königstitel erstarrt, sondern hat sich seinen Platz in der
lebendigen Frömmigkeit Israels bewahrt^^. Gerade seine Einprägsamkeit, die ihre Lebenskraft aus
der Lebensweise der israelitischen Bauern und Nomaden zog, hat es gestattet, das alte T h e m a v o m
Guten Hirten als des Symbols treuer Leitung, wachsamen Schutzes und liebevoller Fürsorge für
Hungernde und Bedrängte durch K ö n i g und G o t t in immer neuen Ausformungen und Gestaltungen
zu variieren. Das gleiche t r i f f t nun zu für einen Israel benachbarten und v o n ihm keineswegs iso-
lierten, vielmehr für seine politische und' kulturelle Entwicklung außerordentlich bedeutsamen

Jes 40,11. 49,10; Ps 121,4.


Vgl. das Nebeneinander des nationalen und individuellen Bezugs in Ps 121,4!
Jer 3,15. ··) 2. Sam 5,2. 7,7; Jer 23,2; Mich 5,4.
») Ps 77,21. ·) Jes 44,28.
') Jer 10,21; vgl. auch Jer 2,8 (schlechte Hirten).
8) Num 27,16—17; 1. Reg 22,17; 2. Chron 18,16; Ez 34,8; Matth 9,36; Mark 6,34: ПЭТ ОпЪ i t í N ^NS?
b z w . ώσεί πρόβατα μή έχοντα ποιμένα.
' ) J e r e m i a s а. О. S. 487. J e r e m i a s a. О. S. 489ff.
H e b r 13,20 (τον ποιμένα τ ω ν προβάτων τάν μέγαν).
1. P e t r 2,25 (τον ποιμένα χαΐ επΐσχοπον τ ω ν ψυχών ίιμών) ; v g l . d a n e b e n E p h 4,11.
Joh 10,1—30, bes. v. 11 ; vgl. dazu J e r e m i a s a. О. S. 493ff. und die dort genannte Literatur. Hier sei noch-
mals darauf hingewiesen, daß die Belege aus A T und N T hier nach Sachgruppen, nicht etwa nach ihrer chrono-
logischen Reihenfolge gegliedert wurden. Ebenfalls nur hingewiesen sei auf die große Beliebtheit des Motivs in
hellenistischer Zeit und in der bildenden Kunst ( J e r e m i a s a. O. S. 497f. bzw. 496).
" ) J e r e m i a s a. O. S. 486.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
128 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte [86. Band

Bereich, nämlich Ägypten. Die ägyptischen Variationen des Hirtenthemas sind daher von der alt-
und neutestamentlichen Forschung als Parallelen zum hebräischen Sprachgebrauch viel beachtet
worden Ч Ihre Bedeutung ist mit der Notiz der Parallelität und der Erwägung möglicher Ab-
hängigkeit der einen von den anderen aber keineswegs erschöpft. Vielmehr gestatten es die Wand-
lungen gerade dieses Bildes, die Entwicklung ägyptischen Denkens über nahezu zweieinhalb Jahr-
tausende zu verfolgen, und dies zu tun, soll die Aufgabe vorliegender Arbeit sein^.

Die ersten Belege für den bildlichen Gebrauch des Wortes ,,Hirt" stammen aus der Zeit des Alten
Reichs. Da heißt es in den Pyramidentexten: ГО ^ (Ш^ ^

,,0h (Osiris) NN, dich hüte der Mechenti-irti, dein Hirt (mnjw),
f.
der hinter deinen Kälbern (bhs.w) ist"·''. Zugrunde liegt diesem Bild die Vorstellung von dem
blinden Himmelsgott, der des Nachts die Sterne, also auch den zu einem Stern gewordenen toten
König, behütet wie ein Hirt seine Kälber^. In dieser Form bleibt das Bild freilich an eben jene
Situation gebunden. Das zeigt das Suffix der 2. sing. maso, ebenso wie die Nennung gerade der
Kälber: es ist ein bestimmter Gott (Mechenti-irti) und es sind bestimmte Kälber (die Sterne). Die
enge Verwandtschaft in der Wortwahl bei den beiden folgenden Belegen läßt deshalb vermuten,
daß ihnen die gleiche Vorstellung zugrunde liegt. Das muß berücksichtigt werden, wenn es Pyr

1 8 6 4 a — 1 8 6 5 b heißt:
в
i ö w
,,Siehe, er ist gekommen! Siehe, er ist gekommen! Siehe, dein Bruder
ist gekommen! Siehe, Mechenti-irti ist gekommen! (Auch) wenn du ihn nicht erkennst, dann
schläfst du in seiner Umarmung (hnw-'. wj). Wenn dein Ausfluß beseitigt wird, ist er wie dein Kalb
(bhs.w), wie dein Hirte (mnjw)". Die angeredete Person ist dabei anscheinend der tote König,
der als Stern von dem Himmelsgott Mechenti-irti in die Arme geschlossen wird, auch wenn er ihn
nicht erkennt, weil die Augen des ,, Auger losen" im Dunkeln nicht leuchten; die genauen Bezüge
und Eirzelheiten der Übersetzung bleiben leider unklar®. Noch stärker verdunkelt ist das Bild
Pyr 1533a—b. Hier heißt es von den Götterboten: („Oh Osiris NN . . .) —т- ^ I лллллл
• áf
η du kennst
ö л\\
sie nicht und freust dich über sie. Du hast sie in deine Umarmung (hnw-'.wj) genommen wie der
Hirt deiner Kälber (mnjw bhs.w)". Jetzt erscheint als Hirte Osiris, während unter den Götterboten
wohl die Sterne zu verstehen sind®: Nachdem Osiris durch seine Gleichung mit Orion zum Stern-
gott geworden war, scheint die Vorstellung vom Himmelsgott als Hüter der Sterne auf ihn über-
tragen worden zu sein^.

Ч D ü r r a. O. S. 1 2 0 f . ; J e r e m i a s a. O. S. 4 8 5 ; A. J e r e m i a s , Das AT im Lichte des Alten Orients (Leipzig


1930*) Motivregister s. v. , , H i r t e " u. a.
An Vorarbeiten sind vor allem zu nennen : H . G r a p o w , Die bildlichen Ausdrücke des Ägyptischen (Leipzig
1924) S. 156 f. und J . M. J a n s s e n , De F a r a o als Goede Herder (Mensen Dier = Fs. F . L . R . S a s s e n , Amsterdam
1954, S. 7 1 — 7 9 ) , dem ich zugleich für die Liebenswürdigkeit danke, mit der er mir seine an für mich schwer
zugänglicher Stelle erschienene Arbeit zugänglich machte. Weitere Literatur folgt in den Anmerkungen. Herrn
Prof. H. G r a p o w danke ich herzlich für die freundliche Erlaubnis zur Benutzung des Berliner Wörterbuch-
materials. ' ) P y r 771 a — b .
·) Die hier gegebene Deutung folgt der Interpretation von H. J u n k e r , Der sehende und blinde Gott
( S B A W 7, München 1942) S. 82 ff.
') Vgl. die ausführliche E r ö r t e r u n g der damit verbundenen Problematik bei J u n k e r a. O. S. 89 ff.
') J u η к 8 r a. O. S. 86 mit Belegen.
') J u n k e r a. O. S. 89. Anders deutet K. S e t h e , K o m m e n t a r zu den P y r ΠΙ S. 420 die genannten Belege.
E r sieht in Mechenti-irti eine Verkörperung des Todes, vor dem sich der König zu hüten habe, weil er ihn sonst

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
19611 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 129

So ist offensichtlich an allen Stellen der Vergleich mit dem Hirten an eine bestimmte Handlung
des Mechenti-irti gebunden, der die Sterne wie ein Hirt seine Kälber in die Arme schließt. Das
tertium comparationis ist also eine bestimmte Handlung (wdj m hnw-'.wj) eines bestimmten Gottes
in einem bestimmten Falle oder, mit anderen Worten: das Bild bleibt ein Vergleich, ohne zum
Gleichnis, zum Symbol überhöht zu werden'.
Doch diese Überhöhung zum Symbol ist vollzogen worden, wenn auch erst in einer späteren
Generation. Der Zeitpunkt, zu dem, und die Art, wie das geschehen ist, sind nun ungemein charak-
teristisch. Da heißt es: (]® -л- ^

41
ö I^ ^ „Man sagt, er ist der Hirte (mnjw) für
O N @ΘΙ
jedermann, und nichts Böses ist in seinem Herzen. Seine Herde {idr) ist gering, und doch hat er den Tag
damit verbracht, sie zu sammeln (nwjY^^. Die ersten Bearbeiter dieses schwierigen Textes haben den
vorliegenden Passus auf den König bezogen und als Weissagung eines zukünftigen Herrschers gedeu-
tet, unter dem in Ägypten wieder Glück und Wohlstand einziehen werden®. Wesentlich richtiger hat
dann später Sir Alan Gardiner^ in seiner Ausgabe der ,,Admonitions" in dem Hirten den Sonnengott
Re gesehen, unter dessen Herrschaft am Anfang der Welt das Goldene Zeitalter geherrscht habe. Das
genaue Verständnis der Stelle wird jedoch erst einer kleinen Schrift E. Ottos® verdankt, der mit
Recht feststellte, daß hier in Kontrast zu den darauf folgenden Klagen® über die Unzulänglichkeit
der Schöpfung das Idealbild des Herrschers gezeichnet wird, an den sich der Weise wenig später

unter seine Kälber (die Toten) einreiht, anstatt ihn als seinen Herren anzuerkennen. In jedem Falle aber ist
das tertium comparationis das wdj m hnw-'. wj, was als liebevoll-schützende Gebärde gut zum Bild des Hirten
paßt (vgl. Jes. 4 0 , 1 1 ) . J u n k e r hat in diesem Zusammenhang mit R e c h t auf die Darstellungen von kälber-
tragenden Hirten im AR aufmerksam g e m a c h t (a. O. S. 86).
1) Vgl. allerdings Pyr 1345 ff., wo es im Anschluß an die Schilderung der Bemühungen verschiedener Götter

um den toten König von Kbh.t heißt:


• tk ^ Í4 ж^^ъ. I
_
,,sie setzt ihn unter die hnt/.w-è als (seine?) Kälberhirten (mnjw bhs.w)". Hier ist mög-
л
licherweise an deren Rolle als Güterverwalter zu denken, denen die Versorgung mit Nahrungsmitteln oblag
und die für den König sorgen sollen wie Hirten für ihre Kälber ( J u n k e r a. O. S. 84 f.).
Admonitions 12,1. Für nwj gibt das W b . als Grundbedeutung „für etwas sorgen" an; das Wort bezeichnet
jedoch nicht selten das Zusammentreiben des Viehs: A. H. G a r d i n e r , The Inscription of Mes (Unters. Gesch. u.
Altertumsk. Äg. IV 3, Leipzig 1905) S. 19 A n m . 48; ders., The Admonitions of an Egyptian Sage (Leipzig 1909)
S. 67. Ein besonders typisches Beispiel findet sich Pap. Chester-Beatty III r VI 3 (A. H. G a r d i n e r , Hieratic
Papyri in the Brit. Mus. — Third Series, London 1935, pi. V I ) : ,,Wenn sich ein Mann im Traume sieht | Π
— Das hieratische Zeichen
=>ì I г
für „ H i r t " ist nicht ganz sicher zu deuten und wird in den einzelnen Publikationen verschieden transkribiert; im
Anschluß an A. H. G a r d i n e r , The Egyptian Word for „herdsman" etc. (ZÄS 42, 1905, S. 119) wird dafür im
folgenden stets die hierogl. Entsprechung ^^^ eingesetzt und mn/w gelesen (vgl. auch G. M ö l l e r , Hieratische
Paläographie II, Leipzig 1909, No. 48).
') H. О. L a n g e , Die Prophezeiungen eines äg. Weisen ( S P A W 27, 1903) S. 7; A. E r m a n , Die Mahnworte
eines äg. Propheten ( S P A W 42, 1919) S. 806f.
A. O. S. 13ff. und 79f.; vgl. J. H. B r e a s t e d , Development of Religion and Thought in Ancient E g y p t
(New York 1912, 1959') S. 211 ff.
») Der Vorwurf an Gott (Hildesheim 1951).
°) ,,Aber die Glut des Herzens dabei! Ach, hätte er doch ihren Charakter im ersten Geschlecht erkannt; dann
hätte er gegen es den Fluch geschleudert und den Arm erhoben! Seinen Samen, ihre Erben hätte er zerstört.
Hingegen wünschte er, daß weiterhin geboren würde. So entstand Herzlosigkeit, und Bedrückung ist allerwegen.
Das ist es! Es konnte nicht zu Ende gehen, so lange diese Götter dabei waren. Der Same geht nun weiterhin aus
den ägyptischen Frauen hervor; man findet (ihn) doch nicht auf der Straße! Handgemenge und Gewalttätigkeit
gegen den Schwachen, das haben sie geschaffen. Einen Lotsen gab es nicht zu ihrer Zeit!" (Admon. 12,2ff.;
vgl. O t t o , Vorwurf S 6).

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
130 Dieter Müller: Der g u t e Hirte [86. Band

mit den Worten wendet: „ H u , Sia und Ma'at sind mit dir. Aber Umsturz ist es, was du über das
Land gebracht hast, und der Lärm des Aufruhrs. Siehe, einer erschlägt den anderen, und man
übertritt, was du befohlen hast. Wenn drei Männer auf einem Wege gehen, so findet man (nur noch)
zwei Männer: Die Mehrzahl erschlägt die Minderzahl.
! I <•
i о IIP (D
П'
-esï>
η ö Gibt es
© I I I I © I o I e 1 I I ι
denn aber einen Hirten {mnjw), der das Sterben liebt ? Nun aber sollst du befehlen, daß man darauf
antworte! Die Liebe ist es des einen, der Haß des anderen. Daß ihre Gestalten gering sind, ist es,
auf allen Seiten; daß du doch so gehandelt hast, um dies entstehen zu lassen, ist es. Du hast Lüge
gesprochen!"! Otto hat nun mit zwingenden Gründen dargelegt, daß der angeredete Herrscher nie-
mand anders als der Schöpfergott ist. Was hier vorliegt, ist also nicht mehr und nicht weniger als
der Vorwurf an Gott, er habe die Welt nicht nur falsch geschaffen, sondern, obwohl doch Hu,
Sia und Ma'at bei ihm sind, Lüge (grg) gesprochen und zugelassen, daß Umsturz (SÄ') und Auf-
ruhr (hnn) im Lande herrschen. Der Hirte, der für das W^ohl seiner Herde sorgen sollte, t u t es
nicht, und klagend fragt der Weise: a
e
w e il η
,,W^o ist er heute? Schläft er etwa? Seht,
^ @ JXXl ' I 11 W
man sieht seine Macht nicht
Damit tritt uns das Bild des Guten Hirten erstmals in einer Ausgestaltung entgegen, die uns
schon von Israel her vertraut ist: Gott ist der Hirte, der nicht schlafen und für seine Herde wachen
soll, auch wenn sie klein ist®. Er muß sie sammeln und für ihr Wohlergehen sorgen*. Das völlig neue
Verhältnis, in dem sich der Mensch damit Gott® gegenüber sieht, ist außerordentlich bemerkens-
wert. Da Gott den Menschen nun einmal geschaffen hat, fühlt sich der Mensch berechtigt, von ihm
zu fordern, daß er auch für ihn sorge, oder, mit anderen Worten, Gott h a t dem Menschen gegenüber
Pflichten, und zwar eben die eines Hirten, auf daß seine Herde nicht sei ,,wie eine Herde ohne
Hirten"®. Damit aber wird das Bild vom Hirten zum Symbol einer neuen Sicht der Welt.
Daß dieser Schritt gerade hier vollzogen wurde, ist keineswegs ein Zufall. Voraussetzung dafür
waren der Zusammenbruch einer Weltanschauung, die in naivem Vertrauen auf die Stabilität und

1) A d m o n . 1 2 , 1 4 f f .
2) A d m o n . 1 2 , 5 — 6 .
Vgl. a u c h die W e i s s a g u n g e n des Neferti 21: „ S e i nicht m ü d e l " und d a z u S. H e r r m a n n , U n t e r s u c h u n g e n
zur Ü b e r l i e f e r u n g s g e s t a l t m i t t e l ä g y p t i s c h e r Literaturwerke (Berlin 1957) S. 2 2 f . ; P s 121,4; Jes 40,11 ; Jer 31,10.
Die Ü b e r h ö h u n g des Bildes ist u m so bemerkenswerter, als der Hirt keineswegs eine g e a c h t e t e soziale S t e l l u n g
e i n n a h m : A. E r m a n - H . R a n k e , Ä g y p t e n und ä g y p t i s c h e s L e b e n im A l t e r t u m (Tübingen 1923) S. 5 2 5 f . ;
H. K e e s , K u l t u r g e s c h i c h t e des A l t e n Orients I ( Ä g y p t e n ) , München 1933, S. 19; W. W o l f , Die Kunst Ä g y p t e n s
( S t u t t g a r t 1957) S. 379. Z u m evtl. V o r k o m m e n in der Ständesatire 5,5 vgl. H. B r u n n e r , Lehre des Cheti ( Ä g F o
13, 1944) S. 31. 61.
*) Vgl. o. S. 126 f.

τ
U n t e r „ G o t t " ist dabei A t u m bzw. R e zu v e r s t e h e n : O t t o , Vorwurf S. 8.

«) A d m o n . 9,2

e
lili I I I
ii'
A Π'
m
„ S e h e t jedes A m t : es ist nicht an s e i n e m P l a t z e wie eine verwirrte Herde (idr), die
Oí/ I I I
ihren Hirten nicht h a t " ; Urk. III 87 η e
^ _ I I _л ι ι ι · III: Ω
—Λ.
^ ( \ I I " K o m m t , laßt uns unseren Herrn krönen wie eine Herde (idr), die ihren H i r t e n

(mnjw) nicht h a t . " G a r d i n e r , A d m o n . S. 67, h a t in d e m P a s s u s aus der Stele der Königswahl ein Zitat a u s den
A d m o n . v e r m u t e t ; die w e i t e Verbreitung des M o t i v s auch im A T (s. o. S. 127) spricht aber dafür, daß es sich
lediglich u m eine sprichwörtliche R e d e w e n d u n g h a n d e l t (vgl. D ü r r a. O. S. 121).

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 131

Richtigkeit der bestehenden Ordnung (Ma'at) die Schattenseiten des Daseins i g n o r i e r t e u n d die
Erkenntnis, ,,daß geschichtliche Wirklichkeit und die Verwirklichung der gottgewollten Gesetzlich-
keit in der Geschichte sich nicht immer d e c k e n " G e r a d e dieses Erlebnis aber hatten dem Ägypter
der politische und wirtschaftliche Zusammenbruch des Alten Reiches und die daraus resultierenden
Wirren der 1. Zwischenzeit gebracht. Sie hatten ihn л ог die Notwendigkeit gestellt, sich innerhalb
der aus den Fugen geratenen Welt neu zu orientieren und seinen Platz in ihr neu zu bestimmen.
Die Konzeption Gottes als eines Guten Hirten zeigt, daß der Ägypter dieser an ihn gestellten For-
derung gerecht geworden ist.
Die Verantwortung, die Gott dem Menschen dieser Zeit gegenüber hat, ist in erster Linie
sozialer Natur: es ist die Sorge für die politische Stabilität nach außen, vor allem aber nach innen.
In einem Lande, dessen Wohlergehen von der Nilüberschwemmung und deren ReguHerung abhängt,
brachte aber ein Zusammenbruch der politischen und sozialen Ordnung mit Notwendigkeit wie
kaum irgendwo anders Hunger und Elend für alle®. Deswegen mußte die Verantwortung Gottes
gegenüber dem Menschen die Gesamtheit des menschlichen Lebens einbeziehen. Auch diese Konse-
quenz ist gezogen worden, und zwar in einem Abschnitt aus der Lehre für Merikare, der wie eine
Rechtfertigung gegen die Vorwürfe der ,,Admonitions" klingt (und wohl auch eine ist)* und mit
den berühmten Worten beginnt: \ ^ ^ ^ ^^Wohl versorgt sind
die Menschen {rmt.w), das Kleinvieh Çw.t) Gottes"®. Im folgenden werden dann die Werke
aufgezählt, die Gott für seine Herde vollbracht h a t : „ E r h a t Himmel und Erde um ihretwillen
(re ib.én) geschaffen. E r b a t für sie das Untier des Chaos® beseitigt. Er hat die Luft geschaffen, damit
ihre Nasen leben können. Seine Ebenbilder {έηή) sind sie, die aus seinem Leibe hervorgegangen
sind. Er geht am Himmel auf um ihretwillen (n ib.sn). Er hat die Pflanzen für sie geschaffen, das
Kleinvieh, die Vögel und die Fische, um sie zu ernähren. Er tötete seine Feinde und vernichtete
seine Kinder, weil sie daran dachten, sich aufzulehnen^. Er hat das Licht um ihretwillen (re ib.én)
geschaffen und segelt am Himmel, damit sie sehen können. Er hat sich eine Kapelle hinter ihnen®
erschaffen, (und) wenn sie weinen, dann hört er es. Er hat ihnen Fürsten im Ei {hk\w m swh.t)'
geschaffen, Befehlshaber, um den Rücken des Schwachen zu stützen. Er hat ihnen den Zauber als
Waffe geschaffen, um den Arm der Ereignisse abzuwehren'", und Träume in der Nacht wie am Tage.
Er hat die Frevler unter ihnen getötet, wie ein Mann seinen Sohn wegen seines Bruders schlägt.
Gott kennt jeden Namen". Damit erscheint die Welt als Ganzes als ein in sich geschlossener Kos-
mos, in dem auch die Erscheinungen der Natur, vom Sonnenlicht bis hin zu Vogel, Fisch und Pflanze«-
ihren festen Platz haben — um des Menschen willen. Gerade das immer wiederkehrende η ib.sn
(„um ihretwillen") zeigt, daß dieses neue Weltbild bei all seiner Weite letztlich anthropozen-
trisch — und das heißt ägyptozentrisch" — bleibt und ebenso Elemente der alten wie der neuen

1) Vgl. etwa R. A n t h e s , Lebensregeln und Lebensweisheit der Alten Ägypter (Alter Orient 32,2; Leipzig
1933) S. 12ff.; freilich hat schon das AR die Möglichkeit prädestinierter Verdammnis in sein Weltbild ein-
bezogen: S. M o r e n z - D . M ü l l e r , Untersuchungen zur Rolle des Schicksals in der ägyptischen Religion (ASAW
52,1; Berlin 1960) S. 8ff.
E. O t t o bei B. S p u l e r , Handbuch der Orientalistik I 2 (Ägyptologie-Literatur; Leiden 1952) S. I I I .
') Vgl. etwa E. Otto, Ägypten — Der Weg des Pharaonenreiches (Stuttgart 1953) S. 95f.
<) O t t o , Vorwurf S. 9ff.
') Merikare S. 130ff.; Text u. a. bei A . V o l t e n , Zwei altägyptische politische Schriften (Analecta Aegyp-
tiaca IV, Kopenhagen 1945) S. 73 ff.
·) G. P o s e n e r , La légende égyptienne de la mer insatiable (Annuaire de l'Inst. de Philol. et d'Hist. Orient,
et Slaves XIII, Brüssel 1955) S. 472 f.; О. K a i s e r , Die mythische Bedeutung des Meeres in Ägypten, Ugarit und
Israel (Beihefte z. ZAW 78, Berlin 1959) S. 36 f.
') Vgl. A. E r m a n , Die Literatur der Ägypter (Leipzig 1923) S. 119 Anm. 1.
») Ob eine Anspielung auf Asylrecht? Vgl. auch Pap. Chester-Beatty IV г XI 11 (s. u. S. 141).
») D. H. legitime Könige; vgl. u. a. M o r e n z - M ü l l e r a. О. S. 13 Anm. 4. '») M o r e n z - M ü l l e r a. O. S. 31 f.
") M o r e n z , Religion S. 44ff. ; diese Definition dürfte daher der O t t o s („Kosmisch-natürliches Weltbild" Vor-
wurf S. lOff.) vorzuziehen sein.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
132 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte [86. Band

„Weltanschauung" enthält. Alt daran ist, daß als eigentlicher Gegenstand der Schöpfung und der
göttlichen Fürsorge ausschließlich Ägypten gesehen wird. Neu ist das Verhältnis zwischen Gott,
Schöpfung und Mensch. Drehte sich bisher die Welt um den Horuskönig, der als König einzig
wesentlicher Repräsentant Ägyptens gegenüber den Göttern, als Gott aber Herr des um seinet-
willen geschaffenen Landes w a r ' , gilt nunmehr umgekehrt der König als um der Menschen
( = Ägypter) willen geschaffen^: ,,Er hat ihnen Fürsten im Ei geschaffen, Befehlshaber, um den
Rücken des Schwachen zu stützen." Damit offenbart sich uns eine neue Seite des ägyptischen
Hirtenbildes. Während nämlich der göttliche Hirt nur noch in der Bezeichnung der Menschen als
,,Kleinvieh Cw.i) G o t t e s " ' anklingt und die meisten seiner Werke nicht zum Hirten, sondern nur
zum Schöpfergott passen, werden die Menschen als Zentrum der Schöpfung und Ebenbilder Gottes
gerade in ihrer Eigenschaft als ,,Göttliches Kleinvieh" zu dessen unantastbarem Eigentum, für
das der König zu sorgen hat^. So tritt neben den göttlichen Hirten der hütende König. Ihren wohl
deutlichsten Ausdruck hat diese neue Sicht in jener bekannten Stelle aus den Erzählungen des
Pap. Westcar gefunden, wo der Zauberer Djedi den König Cheops, der interessanterweise in der
Literatur dieser Zeit geradezu das Gegenteil des Guten Hirten gewesen zu sein scheint®, scharf rügt,

als der an ihn das Ansinnen richtet, an einem Gefangenen zu experimentieren: — (

О
Ί ^ ,,АЬег doch nicht an Menschen, Herrscher (er lebe, sei heil und gesund!), mein Herr! Siehe,
nie befahl man Gleiches zu tun am edlen Kleinvieh ( V . i ) ! " '
Damit aber hat die Zeit der großen geistigen Auseinandersetzung nicht nur ein neues Verhältnis
zwischen Mensch, König und Gott konzipiert, sondern es zugleich verstanden, ihm in einem
sprachlichen Bilde prägnanten Ausdruck zu verleihen: dem vom Guten Hirten als Symbol für
Wachsamkeit und liebevolle Fürsorge. Man kann diesen Sachverhalt wohl nicht besser ausdrücken
als mit den Worten, die John A. Wilson dafür gefunden h a t : ,,The concept of the good shepherd
rather than the distant and lordly owner of the flocks shifted the idea of kingship from possession
as a right to responsibility as a duty. Property itself had rights, and the possessor was obliged
to exert himself to the point of pain in protecting and nurturing his flocks"^. So ist es denn kein
Wunder, daß die Pharaonen der beginnenden 12. Dyn. bei ihren Bemühungen um eine propagan-
distische Festigung der frisch errungenen Herrschaft sich eben dieser Topoi bedienten. Sie waren
jene „Herrscher im Ei", die der Schöpfergott für die Menschen geschaffen hatte^, und sie waren
') Vgl. etwa Pyr Spr. 587 (ich zitiere den von O t t o , Vorwurf S. 13 sehr treffend herangezogenen Spruch
in der von ihm gegebenen Übersetzung): ,,Heil dir, A t u m ! Heil dir, Chepré, der Selbstentstandene ! Du bist
hoch in diesem deinem N a m e n ,Hügel', du bist entstanden in diesem deinem N a m e n .Entstehender'! Heil dir,
Auge des Horus ( = Ägypten), das er durchaus ausgestattet hat mit seinen beiden Händen. Er läßt nicht zu, daß
du den Westlichen gehorchst; er läßt nicht zu, daß du den Östlichen gehorchst, er läßt nicht zu, daß du den
Südlichen gehorchst; er läßt nicht zu, daß du den Nördlichen gehorchst; sondern du gehorchst dem Horus
( = König). Er ist es, der dich ausstattet; er ist es, der dich baut; er ist es, der dich begründet. Und du leistest
ihm jeden Dienst, den er dir befiehlt an jedem Ort, wo er geht. Du trägst ihm die Wasserwelt, die in dir ist und
in dir sein wird. Du trägst ihm jedes Holz, das in dir ist und in dir sein wird. Du trägst ihm das Brot, das in
dir ist und in dir sein wird. Du trägst ihm die Spende, die in dir ist und in dir sein wird. Du trägst ihm jedes
Ding, das in dir ist und in dir sein wird."
2) rml = ,,Mensch" meint in dieser Zeit noch ausschließlich den Ägypter (u. a. M o r e n z , Religion S. 44ff.).
Vgl. den genau entsprechenden Terminus nirr" l « ^ und zuletzt F. H i n t z e , Noch einmal die Menschen als
„Kleinvieh Gottes" (ZÄS 78, 1942, S. 55—56).
Vgl. K. s t e g m a n n v. P r i t z w a l d a. O. S. 20: ,,Die Wahl eines ποιμήν-Gleichnisses stellt die Handlung des
Schützens, Behütens, Schirmens in den Vordergrund, ποιμήν gilt also als konkrete Formung für die Idee des
beauftragten Schützers, indem der Auftraggeber Besitzer (ίναξ) des zu schützenden Gutes ist."
') G. P o s e n e r , Littérature et Politique dans l ' E g y p t e de la XII® dynastie (Paris 1956) S. lOf.
«) Pap. Westcar V I I I 17.
') The Burden of E g y p t (Chicago 1951) S. 120.
') Vgl. etwa Sinuhe В 69 und P o s e n e r а. О. S. 136ff.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] Dieter Müller: D e r g u t e Hirte 133

es, die Gott mit der Verantwortung für Ägypten betraut h a t t e : @ ^ @


• ,,Er (Re-Harachte) hat mich zum Hirten (mnjw)
dieses Landes gemacht, denn er wußte, daß ich es ihm in Ordnung halten {s'k) w ü r d e " ' . So ver-
standen es auch seine Untertanen oder hatten es so zu verstehen; jedenfalls heißt es in einem
Hymnus auf Sesostris III. : ^ ^ , , , ^ y ^ „Unser Hirte {mnjw), der Atem zu
geben versteht
Es kann bei der verantwortungsvollen Aufgabe, die den Gaufürsten und hohen Beamten der
1. ZwZt. und des frühen MR übertragen war, nicht wundernehmen, daß auch sie als Hirten ihrer
Untergebenen gesehen wurden oder sich zu sehen liebten. Das wird deutlich, wenn in den Klagen
des Bauern die Pflichtvergessenheit des Obergütervorstehers Rensi mit den Worten gegeißelt wird:
(,,Siehe, du bist ein Koch, dessen Freude das Schlachten ist: die Verstümmelung dabei geht
nicht gegen ibn)· ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^-"^Ci^ ^ Siehe,
du bist ein Hirt (mnjw): das Böse . . . nicht und du zählst nicht"®. Deutlicher noch ist
ein anderer, bereits aus der Zeit der 11. Dyn. stammender Beleg, wo jemand berichtet:
(,,[Ich ernährte] meine Stadt in einem schlimmen Jahre, damit mein Name schön werde)
^ ^ i ^ i O J ^ ^ ^ ^ ЛЛЛЛЛЛ ich war ein Hirte {mnjw) seiner Leute und
mein Name war schön im Munde seiner S t a d t " *. Gerade die beiden letztgenannten Stellen zeigen
nun, daß es sich bei der Deutung des Bildes vom Guten Hirten als eines Symbols des neuen Den-
kens keineswegs um eine Überinterpretation einiger Belege handelt, atmen doch die Idealbio-
graphien des MR, das „Negative Sündenbekenntnis" des 125. Totenbuchkapitels u. ä. Texte®
den gleichen Geist. Auf die Topoi, die sich dabei herausbildeten und die eigentlich hierher gehörten,
kann in diesem Rahmen nicht weiter eingegangen werden; wir müssen uns hier mit einem, aller-
dings sehr instruktiven Beispiel begnügen. Da heißt es in den Klagen des Bauern, die als Literatur-
werk, das gleichsam als „Beamtenspiegel" dienen sollte®, ein besonders typischer Vertreter der
„Standesethik" jener Zeit sind: „Denn du bist der Vater der Waise, der Gatte der Witwe, der
Bruder der Geschiedenen, der Schurz des Mutterlosen. Gib, daß ich deinen Namen in diesem Lande
entsprechend jeder guten Vorschrift mache, du Führer, frei von Habgier, du Großer, frei von
Niedrigkeit, der die Lüge vernichtet und die Wahrheit werden läßt, der kommt auf die Stimme
des Rufenden"'. Wie sehr alle diese Aussagen in das Bild vom Guten Hirten passen, ohne daß
dieser selbst genannt wird, ist auf den ersten Blick einsichtig und beweist, daß jenes Symbol zwar
nur eines unter vielen, unter diesen vielen aber eines der prägnantesten und charakteristischsten ist.
Es ist sicher kein Zufall, daß nach dem Fortissimo der 1. ZwZt. und der ersten Generationen des
MR Bezeugungen des göttlichen und königlichen Hirten dann lange Zeit fehlen: „Pharao no longer
needed to be sleepless and hungry in the herding of his flocks; the flocks were too fat to stray far
away from his throne"®. Neue Belege bringt erst das Ende des MR. Da ist uns ein

Ч Berliner Lederhs. 1 6 (A. de B u c k , The Buüding Inscription of the Berlin Leather Roll = Analecta Orien-
talia 17, Rom 1938, S. 48—57). Zu s'ìf als part. imp. act. vgl. A. H. G a r d i n e r , Egyptian Grammar (Oxford
1957») § 399; de Buck a. O. S. 54.
") F. LI. G r i f f i t h , Hieratic Papyri from Kahun and Gurob (London 1898) III 14.
Bauer В 177.
*) Kairo 20503 (Η. О. L a n g e - Η . S c h ä f e r , Grab- und Denksteine des MR II, Berlin 1908 = Catal. Gén.,
S. 94).
η ζ . в . Urk. VII 16,Iff. usw.; vgl. J. S p i e g e l , Die Idee vom Totengericht i. d. äg. Religion (LAS 2, 1935)
bes. S. 26f.
·) H e r r m a n n a. O. S. 79ff.
') В 1,62—66; der Passus ist nach dem Schema einer Königstitulatur gestaltet: H. R a n k e , ZÄS 79, 1954,
S. 72 f.
«) W i l s o n a. O. S. 144.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
134 Dieter Müller: Der gute Hirte [86. B a n d

¡ Û о I 1 ль
hirt (nr ih.w) aller kostbaren Steine, Leiter [hrp) von Unendlichen, Hirte [mnjw) von Mengen,
Führer {ssm) der Menschheit S o b e k - n a c h t " bezeugt*, aber die Stelle bleibt vereinzelt. In der

18. Dyn. wird der Topos wieder häufiger. T h u t h m o s i s I. beispielsweise heißt


I I u

kîl ' I· I
fi-
I I I ÌV ,,der die Grenzen

der beiden L ä n d e r erreicht mit gesenktem H a u p t e ; der Hüter {nr) Ägyptens, der seine Grenzen
weit und sein Übel gering m a c h t " ^ . Dabei deutet die W e n d u n g w'h-tp „gesenkten Hauptes"® eine
neue Verlagerung des Akzentes an, deren Verständnis durch einen weiteren Beleg erleichtert wird.

Hatschepsut nämlich l ä ß t sich als


H Q ^ [ì
fl — Ч |\
^ •
^ ,,die, die Amun selbst auf seinem T h r o n in Her-

monthis erscheinen ließ, die er auserwählt h a t zum Hirten {mnjw) Ägy ptens, zum Hüter {nr) des Vol-
kes {p'Л) und der L e u t e {rhjj.ty· bezeichnen"·. Hier ist stp „ w ä h l e n " der bezeichnende T e r m i n u s :
W a h l bedeutet Auswahl, und der Gebrauch des V e r b u m s stp zeigt, daß es hier weniger auf den
Herrscher als Hirten und Hüter als vielmehr darauf a n k o m m t , daß gerade sie, Hatschepsut, zur
W a h r u n g des ägyptischen Wohles bestellt wurde. D a m i t aber werden wir auf das eigentliche Motiv
für j e n e Wendung verwiesen: es ist die Auseinandersetzung zwischen Hatschepsut und T h u t h -
mosis I I I . , die sich auch in den konkurrierenden Legenden von der göttlichen Geburt der ersteren
(Urk. I V 216 ff.) und der göttlichen Erwählung des letzteren (Urk. I V 156 ff.) spiegelt. E s scheint je-
doch erlaubt, auch hier nach tieferen Wurzeln zu suchen. Sie liegen recht offen zutage: in der
Formel von der gegenseitigen Erwählung zwischen G o t t und König®. In ihr dokumentiert sich das
neue Persönlichkeitsgefühl der Herrscher gerade der frühen 18. Dyn., für die das Empfinden der per-
sönlichen Qualifikation die B e d e u t u n g der Heiligkeit des Herrscheramtes überwiegt und die deshalb
eine neue A r t der Bindung an den Reichsgott suchen (die in Ägypten natürlich neben, n i c h t an
Stelle der anderen t r i t t ) . Diese neue Bindung liegt in der persönlichen E r w ä h l u n g : , , W a s ihm die
Amtsweihe ex opere operato nicht mehr geben kann, das gibt ihm j e t z t ein persönliches Verhältnis
zur G o t t h e i t , die ihn erwählt und mit der Formulierung ihrer besonderen Gunst als Herrscherpersön-
lichkeit bestätigt"®. Dies ist der historische R a h m e n , innerhalb dessen die Verwendung des Hirten-
bildes in der 18. Dyn. gesehen werden muß. W e n n T h u t h m o s i s I. die Grenzen seines L a n d e s ,,ge-
senkten H a u p t e s " , also in Demut, abschreitet, so deutet das auf die Verpflichtung hin, die der König
G o t t gegenüber auf sich ruhen fühlt, und Hatschepsut sieht im H i r t e n a m t e eben die speziell ihr
übertragene Aufgabe. Auch hier ist das Anliegen wieder weitgehend politisch-propagandistisch,
aber nicht, wie im M R , im Sinne der Verwirklichung eines von den U n t e r t a n e n aufgestellten
Ideals, sondern im Sinne der Abgrenzung gegen andere Ansprüche und als Ausdruck der neuen,
persönlichen Bindung des Herrschers an G o t t . T r o t z der fast gleichen Formulierung b e s t e h t also
letztlich ein tiefer Unterschied zu den W o r t e n Sesostris' I., wenn Amenophis I I . in K a r n a k von sich

sagt: d О! -^•íjíí: u
D ii ,, ^ „Mein V a t e r war es, der befahl, daß ich dies t ä t e , Amun, der (meine) Schön-
heit schuf. E r h a t mich zum Hirten {mnjw) dieses Landes gemacht, denn er wußte, daß ich es für

1) L D I I I 1 3 c (El K a b ) ; vgl. zu sim.w Num 2 7 , 1 7 ; Ps 23,3. 77,21. 78,52. 8 0 , 2 ; J e s 4 0 , 1 1 . 49,10 usw. und
unten S. 141 f.
2) Urk. IV 2 6 8 , 1 5 — 1 7 .
K. S e t h e , Urkunden der 18. Dyn. Bearbeitet und übersetzt (Leipzig 1914) S. 1 2 4 : ,,in D e m u t " .
Urk. IV 361,16—362,1.
S. M o r e n z , Die Erwählung zwischen Gott und König in Ägypten (Sino-Japónica = Fs. Α. W e d e m e y e r ,
Leipzig 1956, S. 1 1 8 — 1 3 7 ) .
») S. M o r e n z , Erwählung S. 133.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 135

i h n l e i t e n {hrp) w ü r d e " ' . D a s g l e i c h e gilt für e i n e a n d e r e Stelle a u s d e n I n s c h r i f t e n v o n K a r n a k , w o

es v o n A m e n o p h i s I I I . h e i ß t : ^ J ^ f ® ^ I Й ! ^ ^ ΙΆ Á^ ^
I ' Δ fl о <=
i l und weiter unten: •
Vf I
„ D e r g u t e H i r t e (mnjw nfr), der für alle M e n s c h e n w a c h t (rs-tp) ; d e n der g e g e b e n h a t , der sie u n t e r
seine A u f s i c h t s t e l l t e * ; der Herr der N a h r u n g . . . d e s s e n M a c h t w e g f ü h r t , w a s v o n A r t b ö s e i s t ;
der S c h ü t z e r (hwj) d e s F u r c h t s a m e n , auf d e s s e n M u n d der L e b e n s o d e m i s t " ' . G a n z o f f e n s i c h t -
lich ist es n i c h t nur die W a c h s a m k e i t (vgl. P s 1 2 1 , 4 ) d e s H i r t e n , der für s e i n e L e u t e s o r g t (vgl.
P s 23 ; Jes 4 9 , 1 0 ) u n d sie v o r B ö s e m s c h ü t z t (vgl. P s 7 8 , 5 2 ; Jer 2 3 , 3 ) , auf die e s d e m V e r f a s s e r a n k a m ,
sondern a u c h der A s p e k t der V e r a n t w o r t u n g d e s K ö n i g s g e g e n ü b e r G o t t u n d der R e c h t m ä ß i g k e i t
d e s Herrschers, d e n G o t t s e l b s t e i n g e s e t z t hat*.
N e b e n d e m k ö n i g l i c h e n H i r t e n s t e h t a u c h i m N R der h o h e B e a m t e , w e n n g l e i c h er w e s e n t l i c h
seltener u n t e r d i e s e m T i t e l e r s c h e i n t , u n d der sehr k o n k r e t e B e z u g , d e n d a s B i l d g e r a d e für i h n i n
der 1. Z w Z t . u n d d e m f r ü h e n M R h a t t e , f e h l t . S o h e i ß t es u n t e r A m e n o p h i s IV. in einer T o t e n -
klage v o n R a m o s e : ^ ^ ^ ^ ^ {mnjw") ist d a v o n g e g a n -
g e n " , u n d bei N e f e r h o t e p k l a g t m a n :
, W e h über d e n V e r l u s t : der g u t e H i r t e {mnjw nfr) ist z u m L a n d der E w i g k e i t g e g a n g e n " b z w .

Α . ^ I „Geraubt
О l-J
i s t mir u n s e r H i r t e {mnjw); er h a t s e i n e D i e n e r verlassen"®. Zu e i n e m a n d e r e n B e a m t e n s c h l i e ß l i c h
R ЛЛАЛЛ»^^^ ^ rv ρ
sagt m a n : " ^ „ D u b i s t der H i r t e {mnjw),
(5
d e n G o t t g e g e b e n h a t ( ! ) " ' , u n d n o c h i n der S p ä t z e i t s p r i c h t m a n v o n d e m H e e r f ü h r e r P e k r u r
als ,,/7' mnjw nfr η re' Gl-èrj'·'·, d. h. „ d e m g u t e n H i r t e n der K a l a s i r i e r " ' .

Urk. IV 1326—1327,1; zu dem unterschiedlichen Gehalt entsprechender Formeln des MR und N R vgl.
M o r e n z , Erwählung S. 132 Anm. 58. Aus dem oben Gesagten mag der Eindruck entstehen, als finde nur im
Bild vom Guten Hirten die Geisteshaltung des MR oder N R ihren Niederschlag. Das ist selbstvei-ständlich nicht
so: Dieses Bild ist nur eine von vielen Ausdrucksformen, muß aber stets im Rahmen des Textganzen gesehen
werden, von dem es seinen Sinngehalt erhält. Daß es sich bei all diesen E p i t h e t a keinesfalls um bloße Phrasen
handelt, hat jüngst E. H o r n u n g in überzeugender Weise dargetan (Zur geschichtlichen Rolle des Königs i. d.
18. Dyn., MDAIK 15, 1957 = Fs. H. J u n k e r I, S. 120—133). Um dem Stoff voll gerecht zu werden, ist jedoch
eine motivgeschichtliche Sichtung und Durcharbeitung des gesamten vorhandenen Materials notwendig; wir
dürfen diese Arbeit von einer Leipziger Dissertation von Elke B l u m e n t h a l erwarten. — Zum Topos vgl.
Jes 44,28; Jer 3,15.
Oder: „die der gegeben h a t . . . "
ä) Urk. IV 1723,19—1724,2 bzw. 1724,9—11.
Etwas aus dem Rahmen fällt Urk. IV 545,1 4 (von Osiris) :
I -, ААЛЛАЛП.
,,Großer Gott, der unter den Göttern ist,
! «cir»^^ ^^ ООО
erster Fürst der Fürstenheit und der Vorfahren seit der Urzeit der Erde als König und Hirt der Menschen."
Da es sich um Osiris handelt, k ö n n t e man hier an den Tod als Hirten (s. unten S. 143) denken. Vielleicht müßte
eine Interpretation aber von dem Begriff rhjj.t ausgehen, der ursprünglich wohl eine ziemlich unzuverlässige
Gruppe unter den Untertanen des ägyptischen Königs bezeichnete (A. H. G a r d i n e r , Ancient Egyptian Ono-
mastica I, Oxford 1947, S. 98*ff., bes. S. 106*ff.). Man mag dann erwägen, ob die Gruppe ^ L—J hier
nicht doch s > „ W ä c h t e r " an Stelle von mnjw „ H i r t " zu lesen ist (vgl. A. H. G a r d i n e r , The Egyptian Word
for „ h e r d s m a n " etc., ZÄS 42, 1905, S. 116—123, bes. S. 118). Oder ist das E p i t h e t o n nur auf Osiris in seiner
Eigenschaft als König der Toten übertragen worden ?
») E. L ü d d e c k e n s , Unters, über relig. Gehalt, Sprache u. Form d. äg. Totenklagen (MDAIK 11, 1943)
S. 97, 112 und 115; beim 2. Beleg ist das л vor p'jj.n zu streichen.
·) Pap. Anast. V 15,3.
') W. S p i e g e l b e r g , Der Sagenkreis des Königs Petubastis (Leipzig 1910) S. 28 (Sp. XII lOf.).

Zeitschr. für Ägypt. Sprache. 86. Band 10

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
136 Dieter Müller: Der gute Hirte [86. Band

Die überwiegende Mehrzahl der Belege für die Darstellung Gottes oder des Königs als eines
Guten Hirten stammt jedoch aus der Zeit des Endes der 18. und der darauffolgenden 19. und
20. Dyn. Es waren freilich auch Zeiten, da Ägypten eines wachsamen und starken Hirten, der es
mit Krummstab und Geißel — den alten Hirtensymbolen* — weidete, wohl bedurfte. „Wachsam"
(rá-tp) und „stark" (knj) sind denn auch die häufigsten Epitheta. Da ist Tutanchamun, der
wenigstens der Idee nach dazu berufen war, nach dem Zusammenbruch des Regimes Echnatons

die innere Ordnung wiederherzustellen, ein ,,wachsamer {rs-tp)


König und Schützer {mkj) Ägyptens"^. Da ist Haremhab, der die ägyptische Macht nach außen
stabilisierte,
IM;
HO,

ZI W Чη
,,ein Schützer (hwj) der Menschen und Bewahrer

(mkj) Ägyptens", | EL ,,ein starker (knj) und wachsamer (rs-tp) Herr-


<® 1.

scher" und ^ ^ ^ te ,,Hirt (mnjw), der für die Menschen wacht (rá-tpY^^.

Und er erfüllte seine Pflicht, denn siehe : [ Ì с | ^ 'Φ- ®ΟΫ8 δ w


wΘ I ЯЯ о
О ,Es war nun Seine Leiblichkeit^ wachsam
ι I I LI
(rs-tp) zu beiden Zeiten des Tages und suchte Nützliches für das Land Ägypten und ersann
wohltätige W e r k e " A l s unter den nachfolgenden Pharaonen л'оп Sethos I. bis Ramses V. die
außenpolitische Bedrohung durch die Ausläufer der großen europäischen Völkerwanderung
(Libyer, Seevölker usw.) immer ernstere Formen annimmt, mehren sich die Epitheta, die den
König als Schützer, Hüter und Hirten Ägyptens preisen®. Da ist Sethos L , den man in Abydos
alsf ,,starken und wachsamen Hirten (mnjw knj rs-tp) bezeichnet'. Merenptah
eröffnet die Thronsitzung vor der Schlacht gegen die verbündeten Libyer und Seevölker mit
d , „ Worten: - й Т - в ^ - ^ — Ц . . · Λ bin
der Herrscher, der euch weidet (mnjw), und verbringe den Tag damit, zu zerbrechen . . Be-
sonders unter Ramses I I I . häufen sich die Hinweise auf den Schutz, den er Ägypten angedeihen
läßt. Da heißt es dann etwa: ( „ E r wurde als Jüngling befohlen, die ganze Erde zu regieren)

der große Schild (ikm),


О β'
I ι le
/И c?^ © ,
c^W mi
о \\
der Ägypten birgt in seiner Zeit: sie ruhen unter dem Schatten (h'jb.t)
seiner beiden starken Arme"®; ähnlich sagt man an anderer Stelle: J ¡ Y ^ ^ L - Í j J [ od
Ω (] „Mauer (sbtj), die Schatten (h'jb.t) wirft auf das Volk"»». So ist er auch

der Hüter in bedrängter Situation, als in Syrien ein Angriff bevorsteht: eüíiíi ]j |
e
лллллл
Ί I I <c
Vgl. J . Z a n d e e , De hymnen aan Amon van P a p . Leiden I 350 (Leiden 1948) Stellingen 1, dem ich für
diesen wie für verschiedene andere Hinweise zu herzlichem Danke verpflichtet bin.
U r k . IV 2 0 5 8 , 1 4 .
' ) Urk. IV 2143,3. 2 1 4 2 , 1 0 und 2 1 7 4 , 7 .

Zur Übersetzung von hm mit ,,Leiblichkeit" vgl. J . S p i e g e l , Die Grundbedeutung des Stammes ^ hm
(ZÄS 75, 1939, S. 1 1 2 — 1 2 1 ) und die Ergebnisse von H. G o e d i c k e , Die Stellung des Königs im Alten Reich
(Ägyptologische Abhandlungen 2, Wiesbaden 1960).
η Urk. I V 2 1 4 3 , 4 — 6 .
«) Treffend beobachtet von J a n s s e n a. O. S. 74. ') L D I I I 1 3 8 d .
») A. M a r i e t t e , Karnak (Leipzig 1875) pl. L H 1 6 ; vgl. 2. Sam 5,2 und 7,7.
») Medinet Habu I (Oriental Institute Publications V I I I , Chicago 1930) pl. X L V l 1 1 ; vgl. Ps 8 4 , 1 2 .
'») ibid. X X V I I I 6 7 — 6 8 ; vgl. Ps 121,4.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 137

^ III I II II „indem ich auf seinem Thron zum Frieden eingesetzt worden bin, als Ägypten geflohen war
und keinen Hirten (mnjw) hatte und sie in Not waren beiden Neun-Bogen-Völkern"'. Ramses IV.

führt als Nb.</-Namen geradezu — ^ ^ ^ - y ^ ^ ^ ^ ι (щ „Schützer (wÄ:/) Ägyptens, der die


Neun-Bogen-Völker bändigt"®, und Ramses V. preist man in überaus vielsagender Weise:
E=e<I о
Ol? I I I le (Ρ
w
y}
• ^

Ό Q „ J e d e r Leib ist voll von deiner Schönheit. Jede Truppe freut sich, und alles Jungvolk,
das aufwächst, und jedermann: sie kommen und erbitten für dich Jubiläen jeden Tag, du Hirte
(mnjw) des Landes Ä g y p t e n " ' .
Wie sehr der auf den ersten Blick rein phrasenhaft erscheinende Gebrauch des Bildes vom Hirten
letztlich in ganz konkreten Situationen verwurzelt sein kann, zeigt seine Verwendung in den
Inschriften von Redesieh. E s war Merenptah, der an der Karawanenstraße nach den Goldminen
vom Gebel Zebâra eine Quelle hatte graben lassen, die die außerordentlich beschwerliche Reise
wesentlich erleichterte und den erschöpften Truppen einen Ruheplatz gewährte. In der dritten
Inschrift preisen nun die Untergebenen den König für diese T a t : „ E r hat uns den W e g geöffnet,
um darauf zu marschieren, als er vor uns verschlossen war. Wir ziehen vorüber und sind wohl-
behalten; wir kommen an und sind am Leben erhalten worden (á'nh). Der schwierige Weg, der
in unseren Herzen war, ist ein guter Weg geworden". In diesem Zusammenhang nennt man

Merenptah: J j Í^ „Guter Hirte (mnjw nfr), der sein Heer^


am Leben erhält (á'nh), Vater und Mutter für jedermann"*.
Somit gehört es nicht nur zu den Aufgaben des königlichen Hirten, wachsam (rs-tp), stark
(knj) und ein Schützer (mkj) zu sein, sondern auch, seine Untertanen zu „beleben" (é'nh). E n t -

sprechend heißt es denn auch von Sethos I . : . Δ—Ο


I V
• о ' с
ra Si .
© φ
л ζ) ! ^ ¡¡а I ^тг~д·

А ^ I „Trefflicher
τ I I Π τ ^ ϋ ® I I I

König, der Nützliches t u t für seinen Vater, der ihm jedes Land gegeben hat. E r hat ihn einge-
setzt, um dieses Land zu weiden (mnjw) und das Volk (p'. t) und die Leute (rhjj. t) am Leben zu
erhalten (é'nh). E r schläft nicht bei Tage und bei Nacht und sucht jedes wohltätige Werk und
ersinnt nützliche Dinge"®. Was ihm am Herzen liegt, ist die Sorge auch für das persönliche Wohl-
ergehen seiner Untertanen, denen er die Mühsal ihres Daseins erleichtert und die er gleichsam
,,auf grünen Auen sich lagern läßt und zu erquickenden Wassern leitet" (vgl. Ps 23,2 und Jes
49,10). Nicht nur Schützer ist der Gute Hirte, sondern auch Mehrer und Nährer®.

M ibid. X L V I 15.
ä) H. G a u t h i e r , Le Livre des Rois d'Egypte III (Mém. Inst. 19, Kairo 1914) S. 1 7 9 « .
Α. Η. G a r d i n e r , The Chester-Beatty Papyri, No. 1 (London 1931) pi. X I X 1 0 — X X 13.
') LD III 140 d 3; S a n d e r - H a n s e n , Histor. Inschriften d. 19. Dyn. I (Biblioth. Aegypt. IV, Brüssel 1933)
S. 2 7 , 3 — 4 ; vgl. H. B r e a s t e d , Ancient Records of Egypt III (Chicago 1906) S. 78ff.
') S a n d e r - H a n s e n a. O. S. 1, 10—12; vgl. Ps 121, 4.
·) Vgl. die Bezeichnung als „Vater und Mutter" u. S. 141 und das häufig wiederkehrende Verbum é'nh,
dessen kopt. Derivat (сллм^а) geradezu „ernähren" heißt; so wird hebr. nP~i (weiden) Gen 48,15 griech.
mit τρέφειν, kopt. mit сдлы^з Übersetzt (A. E r m a n , Bruchstücke der oberäg. Übersetzung d. AT = Nachr.
Kgl. Gesellsch. Wissensch. Göttingen 12, 1880, S. 6). — Bemerkenswerterweise begegnet in den ägypt. Texten
dieser Zeit sogar die uns aus dem eben zitierten 23. Psalm vertraute Wendung vom „Wandern im finsteren T a l " :

„Nicht soll Osiris NN wandeln im Tal der Finsternis


10*

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
138 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte [86. Band

Damit erfährt das Bild л о т Hirten seine letzte, umfassendste Deutung. Für die 1. ZwZt. und
das M R war die Gestalt des Hirten das Symbol sozialer Verantwortlichkeit Gottes oder des Königs
gegenüber den Ägyptern gewesen. In der frühen 18. Dyn. hatte sich das Schwergewicht auf die
Verantwortung verlagert, die der König dem Gotte gegenüber hatte, der ihn zum Hirten seines
Volkes einsetzte, also die ganz persönliche Bindung verkörpert, in der sich der König seinem Gott
gegenüber fühlte. Das späte N R hatte schließlich den königlichen Hirten zum Sinnbild des
Schützers gegen eine feindliche Umwelt gemacht. Zugleich damit aber wird er nun zum Typus
des liebevollen Fürsorgers für die Kreatur. Es liegt in der Natur der Dinge, daß unter dem Bild
des Erhalters (á'nh) vor allem Gott erscheint und dieser Zug beim König nur hin und wieder
anklingt, also gleichsam eine Funktion bezeichnet, die er mit Gott gemeinsam hat. In recht

bezeichnender Weise nennt sich daher Ramses I I . : ^ ^ ^ ^ ^ ^ jj

— i n ^ Л Й ^ Г Т ^ я Inkarnierter Gott, Re für das Land, lebender Atum für Ä g y p -

ten, guter Hirte {mnjw nfr) für die Menschen: wenn er aufgeht, leben ihre H e r z e n " i .
Nun sind selbstverständlich die verschiedenen Elemente, die das Hirtenbild enthält, in diesem
stets latent vorhanden, und der Unterschied liegt vor allem im verschieden starken Hervor-
treten der einzelnen Züge zu verschiedenen Zeiten. So schwingt der Gedanke der liebevollen
Fürsorge für die göttliche Schöpfung auch im Preis des Sonnengottes aus der Lehre für Merikare
mit. Gerade ein Vergleich dieser Darstellung mit der Gestalt des Guten Hirten, wie sie uns aus
den Texten des späten N R entgegentritt, zeigt aber, daß der Unterschied nicht nur in jenem
verschieden starken Hervortreten der einzelnen Züge liegt, sondern sich ein tiefgreifender Wandel
vollzogen hat — hervorgerufen durch die Änderung der politischen Verhältnisse in weitestem
Sinne und die dadurch bedingte Wandlung des Weltbildes. Das lehrt schon eine flüchtige Prüfung

der Belege. Da ruft man etwa Amun an : ^ ^ ^ ^ ^ ^ Í ^

,,Jeder, der deinen Namen nennt: du bist sein Hirte (mn/w)"^. Denn: ^ ( ( ^ ^ ^ g ®
I I — — ΛΛΑΛΛΑ pj-,

I
ΛΛΛΛΛΛ
ra „ O h wie ist doch der Fall
dessen besser als Millionen von Fällen, der sich auf dich verläßt, dessen, der sein Herz mit dir
gefüllt hat!"® Daß in diesen Fällen dem angerufenen Gott (Amun) ein Einzelner, nicht eine
Gemeinschaft gegenübertritt und daß das Wohlergehen des Einzelnen nicht von einer Verpflich-
tung Gottes gegen eine Gemeinschaft, sondern von dem persönlichen Verhalten des Einzelnen
gegen Gott abhängig gemacht wird, ist kein Zufall. Zu Beginn des N R hatte Ä g y p t e n im Gegenstoß
gegen die Hyksos seinen Machtbereich bis zum Orontes im N und Euphrat im 0 ausgedehnt
und stand seit der späten 18. Dyn. in stetem Kampf um dessen Behauptung. Die so bedingte
Berührung mit gleichwertigen militärischen, politischen und kulturellen Partnern fand ihren
geistigen Niederschlag in der fortschreitenden Anerkennung der ,,Fremdvölker" als ,,Menschen":
gerade an der Bedeutungserweiterung des Wortes rmt von „ Ä g y p t e r " zu ,,Mensch" läßt sich die
Weitung des geistigen Horizonts gut a b l e s e n N i c h t zuletzt sie bedingte nun ihrerseits eine Inter-
nationalisierung des ägyptischen Pantheons und seines Wirkungsbereichs. A m sinnfälligsten

( T B 130,9)"; vgl. S. M o r e n z , A r t . „ Ä g y p t e n und die B i b e l " R G G P , 1956, Sp. 119. Ob und inwieweit hier
Ä g y p t e n von Israel abhängig ist, kann in diesem Zusammenhang nicht erörtert werden.
1) B M M A 1 9 3 5 Fig. 9 Z. 2; zur Übersetzung von ntr nfr vgl. H. S t o c k , N T R N F R = Der gute G o t t ? (Hildes-
heim 1951) bes. S. 11 ff.
' ) Reliefs and Inscriptions at Karnak — Ramses I l l ' s Temple I (Oriental Institute Publications 25, Chicago
1936) pi. X X I I I В 14.
' ) W . H e l c k , Ramessidische Inschriften I I ( Z Ä S 83, 1958) pl. I I I 10. Helck hat dort hn.k n.k gelesen; das
sinngemäß zu fordernde hn.f n.k bietet die Abschrift, die weiland K . Sethe für das Wörterbuch hergestellt hatte
( W B - Z e t t e l Karnak 190).
*) W i l s o n bei F r a n k f o r t - W i l s o n - J a c o b s e n , Frühlicht des Geistes (Stuttgart 1954) S. 39f.; Morenz,
Religion S. 44ff., bes. 49ff.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 139

wird diese in den sich seit Amenophis I I I . häufenden hymnischen Aussagen über das weltum-
spannende Wirken des Sonnengottes, die im großen Hymnus Echnatons mit der ausdrücklichen
Anerkennung göttlicher Fürsorge auch für die Fremdvölker ihren ersten großen Höhepunkt
finden'. Es ist wiederum kein Zufall, daß gerade die Sonne, also eine kosmische Gottheit, diese
Rolle übernahm: ,,It was universalism expressed in terms of imperial power which first caught
the imagination of the thinking men of the Empire, and disclosed to them the universal sweep of
the Sun-god's dominion as a physical fact"^. In diesem Zusammenhang hat denn auch das Bild
vom göttlichen Hirten einen neuen Inhalt bekommen. Jetzt sind es nicht mehr allein die Ä g y p t e r
wie bei Merikare, die als sein „ K l e i n v i e h ( ' w . t ) " bezeichnet werden, sondern die Gesamtheit aller
Menschen, repräsentiert von den Ägyptern (rmt.w), Asiaten ( " m . w ) , Negern ( n M j . w ) und Libyern

{ f m h . w ) , von denen gesagt wird, sie seien "["щ ^ © „das

Kleinvieh { ' w . t ) des Re, das in der Unterwelt ist, nämlich Ä g y p t e n und das Ausland"®. W a r
bei Merikare das Weltbild anthropozentrisch, ist es jetzt kosmisch-universalistisch: nicht nur den
Ägypter umfaßt die göttliche Fürsorge, sondern alle Menschen, ja, alle Kreatur bis hinab zur Maus
in ihrem Loche und dem Kücken in seinem Ei*. Wurde Gott aber zum Hirten aller Menschen,
ja, jedes Lebewesens überhaupt, mußte sich das Verhältnis des einzelnen zu Gott grundlegend
ändern, da nach dem Zurücktreten der nationalen Züge der Religion die bloße Verehrung der
Götter im Staatskult für den einzelnen nicht mehr genügen konnte. Damit erscheint als Pendant
zum Universalismus die persönliche Frömmigkeit, in der der Mensch Gott ganz als Kreatur ent-
gegentritt und die ihren vollkommensten Ausdruck in Hymnus und Gebet findet®. So heißt es in
einem Lied auf Amun, das aus der Zeit kurz nach Amarna stammt und auf diese Epoche Bezug

nimmt- ® ^ к ^ra
1 ΑΛννΑΛ ~ N JÌ J. Ol
^ O
ΑΛΛΛΛΛ ra ,·^—Si
> ψ =>n f i i ^
АЛЛЛЛГ ,,Amon, Hirte, der
I I с1

sich früh um seine Rinder kümmert, der den Hungrigen zum Kraute treibt: es treibt der Hirte
{ m n j w ) die Rinder (zum) Kraute — Amun, du treibst mich, den Hungrigen, zur Speise, denn Amun

ist ja ein Hirte, ein Hirte, der nicht träge (gn ?) ist"^. Diese Strophe, das ägyptische Gegenstück
zum 23. Psalm, steht nun keinesfalls allein. Da heißt es in dem Hohelied auf den Guten Hirten,

dem großen Sonnenhymnus des Pap. Chester-Beatty IV® aus dem späten N R :
© J

f
-CS>- о ЛЛЛЛЛЛ л ^ ÍVWVN"
О <=. © лллллл ^ ^ I /V^лллл
ЛЛЛЛЛЛ Q АЛЛЛАЛ
W α
Al
- Δ—ΰ.
,Wie schön ist dein Erscheinen, Re,
H I T ^ e l ' Δ_α

Ч и . а. M o r e n z , Religion S. 53ff.
B r e a s t e d , Development S. 314; vgl. die Tatsache, daß auch im babylonisch-assyr. Bereich gerade der
Sonnengott Samas als Hirte erscheint: Ζ a n d е е , Hymnen S. 134 f.
Pfortenbuch 5. Stunde untere Reihe; vgl. dazu J. Z a n d e e , Death as an Enemy (Leiden 1960) S. 238ff.
Ähnlich die Stele Berlin 7317 (Äg. Inschriften aus den Staatl. Mus. Beri. I I , Leipzig 1924, S. 139), wo von
I[Зт о
„dem Kleinvieh {'tv.t), das aus seinem Auge hervorgekommen
I < = > -/Л о I
i s t " gesprochen wird (dazu F. H i n t z e a . O.).
*) Vgl. etwa A . S c h a r f f , Ägyptische Sonnenlieder (Berlin 1922) S. 50f. 63. 69. 74 usw.
') prayer becomes a revelation of inner personal experience, an expression of individual communion
with God. I t is a communion in which the worshipper discerns in his god one nourishing the soul as a shepherd
feeds his f l o c k " ( B r e a s t e d , Development S. 355, vgl. auch W i l s o n , Burden S. 229).
«) A . E r m a n , Z Ä S 42, 1905, S. 106ff.
' ) Ostracon Brit. Mus. 5656 a (Inscriptions in the Hieratic and Demotic Character . . ., London 1868, pi. X X V I ,
6-7).
®) A . H. G a r d i n e r , Hieratic Papyri in the British Museum — Third Series (London 1935) pi. X I I I — X V I I .

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
140 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte [86. Band

mein Herr, der handelt als Hirte (mnjw) in seinem Kraute! Man trinkt an seinem Wasser. Siehe,
ich atme von der L u f t , die er g i b t ! " ' Es ist unendlich bezeichnend für den Geist jener Zeit, daß es
= ¿Ii
gleich darauf heißt: ¡ ^ ¿ © J q ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ΑΛ/νΝΛΛ
I I I I I
о
, - < = >(Э -_ »л^ .VAW *
Л77 _ I I I : I I ci a Θ Il ι ι
π ^^ e ,Wie schön ist dein Erscheinen, Re, großer Hirte (mnjw
")!
Q ι ι ι Ω
K o m m e ( ?), du Gesamtheit von all euch Rindern! Seht doch: ihr verbringt den T a g an seinem
Futter vor ihm, nachdem er alles Böse entfernt hat"^. Er ernährt sie alle, ob Tiere, ob Menschen,
( 2 Ci ( 1
denn I @. Îiï 0 I I I

^ \ • ,,man trinkt nach seinem Befehl, man ißt Brot nach seinem Belieben: jedes
' 4

Herz und jeder Leib sind in seinem G r i f f t . So preist man ihn denn auch: ©
О
,,Wie schön ist dein Erscheinen, Re, geliebter Hirte!"^, denn er
w
ist der ® ^ - „ H i r t e , der seine Herde (idr) liebt"®. Stets bleibt er aber
ci \i I I
daneben die Verkörperung des wachsamen Schützers®, nur eben jetzt des Individuums, nicht des

Gemeinwesens. Amun ist


Iii oW I I I
,,. . . der Hirte, der keine Er-

müdung kennt"^ und man begrüßt ihn: J Ч ^ ] ^ ^ л ^ ^ 3 willkom-

men als starker {knj) und wachsamer (rá) Hirte!"® W e n n es nun in einem unveröffentlichten

Leidener Papyrus heißt: ö „Hirte, der

wacht für das, was er geschaffen hat, wenn er am Himmel f ä h r t " *, und man an anderer Stelle fragt :
о ©
„Verbringst du
о ι • kf
nicht den Tag, um alles Volk zu weiden (mnjw), bis du lebend untergehst so mag der Eindruck
entstehen, daß der bildliche Gebrauch des Wortes , , H i r t " hier im Vordergründigen stehenbleibe
und alle Hinweise auf seine lebensspendende Tätigkeit nur auf die belebende Wirkung der Sonne zu-
rückgingen. So sicher nun die Bezeichnung Amuns als ,,Führer" (sSm) von der Helligkeit des Son-
nenlichts ausgegangen i s t " , so sicher ist man über den vordergründigen Gebrauch des Hirtenbildes
hinausgegangen und hat es vertieft zum Symbol des fürsorglichen Vaters (s. o. S. 137), der auch
sonst seine Kinder nicht im Stich läßt. Das muß beispielsweise bei einer Stelle aus dem Kaire-

ner Amunshymnus berücksichtigt werden, wo es heißt
ä ^ ι
Ч Pap. Beatty I V r X I 12.
2)Pap. Beatty I V r X I 13.
η Pap. Beatty I V r V I I I 12.
*)Pap. Beatty I V г X I I 4. ») Pap. Beatty I V г V I I I 6.
Vgl. auch die Verwendung des Bildes im Zauber Mag. Pap. Harris X 37 und X I 29f. (H. O. L a n g e , Der
magische Papyrus Harris, Kopenhagen 1927) : „ D u bist der starke Hirte (mnjw knj) Churuna" und W . P l e y t e -
F. R o s s i , Papyrus de Turin (Leiden 1869—76) pl. C X X X V 7. Beide Male geht es aber um einen Spruch zum
Schutze des Feldes, so daß die Verwendung des Bildes anderweitig bedingt sein kann.
' ) Pap. Beatty I V r I V 3.
' ) Pap. Beatty I V r I V 10, vgl. V I I 9: „Mögest du stark (knj) sein als Hirte (mnjw), indem du sie (die Lebenden
seil.) weidest (mnjw) bis in alle Ewigkeit".
' ) Pap. Leiden I 344 I I 4 (unveröffentl.). Ich verdanke die Kenntnis dieser interessanten Stelle und die
Erlaubnis zu ihrer Benutzung der Güte von J . Z a n d e e . d e m ich hiermit meinen herzlichsten Dank aus-
sprechen möchte.
1») Pap. Beatty I V r I X 5.
" ) Z a n d e e , Hymnen S. lOOf.; s. u. S. 141.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 141

I I I
I I Û А Л а ; ^ „der wachend (rs) die Nacht verbringt, wenn jedermann schläft,
um Nützliches zu suchen für sein Kleinvieh ('w. ty· Man mag hier darauf hinweisen, daß das wache
Verbringen der Nacht auf das Mondauge zurückgehen kann, das der Sonnengott nachts über die
Welt scheinen läßt^, doch zeigt die gerade für Amun so häufig bezeugte Apostrophierung als Not-
helfer, daß hier an weit mehr als das Mondlicht gedacht ist. So heißt es etwa Pap. Chester-Beatty
IV r IX 1 3 :
ЛЛЛЛЛЛ
О Ψ

,,Du bist schön für jedermann, Hirte


ι II
(mnjw), der Vergebung® kennt, der die
πι X:

Bitte (sbh) eines jeden erhört, der ihn ruft", und wenig vorher: ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^
—^^ ^ -—- - ^ ' '
,. . . der Hirte : man ist л'ог ihn gestellt, bis man den Tempel er-
reicht hat"^. Er gewährt aber nicht nur Asyl, er ist selbst eine ,,feste Burg" für die Bedrängten':

" S t - k e r Hirte ^mnj. der sein

Kleinvieh ('w.t) antreibt, dessen Zufluchtsstätte, die sie leben läßt"®. Stellen wie ^

(..DU bist vate.


dessen, der keine Mutter hat, der Gatte der W i t w e " ) ' zeigen, wie sehr sich die Terminologie hier
mit der der Texte der 1. ZwZt. berührt, ohne daß man den Unterschied zwischen beiden übersehen
darf: W a s dort Ausdruck einer Standesmoral war, ist jetzt als Zeugnis persönlicher Frömmigkeit
gleichsam vertieft.
Weniger deutlich, aber doch wohl unverkennbar, ist der Schritt vom Vordergründigen zum
Symbolischen bei der dem Hirtenbild eng verwandten Darstellung Amuns als „Führer"®. So ist
Amun sicher mehr „Leuchter" als Leiter auf dem Lebensweg, wenn es im Leidener Amunshymnus
с η
von ihm heißt: —Ж- O l - П' Π'
ΛΎ I I I I I I

^ „Er läßt jedermann den Weg wissen, um darauf zu gehen; ihre Herzen leben, wenn sie

ihn sehen", oder wenn man wenig später von ihm sagt: ^ ^ ^ "- ®
ννΛΛΛΛ ^Π
,,Sein linkes Auge ist der Tag, sein rechtes ist die Nacht:
¿Ii I
er ist es, der die Menschen auf allen Wegen führt (áím)"®. Schon Pap. Chester-Beatty IV r X 11
• V
ü ΑΛΛΛΛΑ D (5 X ; I
w : ì ^ ^ I „Du hast alle Wesen erweckt und ihre Wege geöffnet, [indem] du sie weidest

Ч Amunshymnus Kairo (A. M a r i e t t a , Les Papyrus Egyptiens du Musée de Boulaq II, Paris 1872, Pl. XX).
Vgl. Z a n d e e , Hymnen S. 101.
Zu'nn.w (eigentl. „Umkehr") im Sinne von „Vergebung" vgl. G a r d i n e r , Hieratic Papyri II S. 3 3 A n m . l 2 ;
die gleiche Wendung Pap. Anast. II 9,6.
Pap. Beatty IV r XI 11 ; zum „Asyl" s. o. S. 131.
') E. D r i o t o n , Amon, Refuge du Cœur (ZÄS 79, 1954, S. 3—11); M o r e n z , Religion S. 112.
') Stele Brit. Mus. 826 Z. 11 = Urk. IV 1945, 1 5 — 1 6 ; die Bearbeitung von A. V a r i l l e , BIFAO 41, 1942,
S. 25—30 war mir nicht zugänglich. Vgl. auch Pap. Berol. 3053 X I V 6—7 (Mutritual):
X ААллллц (Э i j f ^ I I • Pf Od
г η U ifí^ u "ûl U ^ "Vfcr? ^f .. „Erhalte den Rest von uns am Leben : es ist
der Hirte, der sein Kleinvieh schützt (m/r/)": Hierat. Pap. Kgl. Mus. Beri. I (Leipzig 1901) pl. 47.
') J E A 14, 1928, S. 10 und pl. V ; vgl. B r e a s t e d , Development S. 3 1 8 : „The human aspects of the Sun-god's
sway, to which the social thinkers of the feudal age chiefly contributed, have not disappeared among the powerful
political motivs of this new universalism".
«) S. 0. S. 1 2 6 f . und 134, vgl. M o r e n z , Religion S. 66f.
') Amunshymnus Leiden 90 ( Z a n d e e , Hymnen pl. IV 8, vgl. S. 71) bzw. 600 (pl. V 20).

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
142 D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte [86. Band

[mnjw]; du hast sie belebt, indem du ihren Schutz gemacht hast") klingt aber der Gedanke vom
Führer auf allen Lebenspfaden an. Das bestätigen weitere Belege. Da spricht Thuthmosis III. von

r> I I I i j ^ l ^ » — „ A m u n , der mich


führt {¿Sm) auf schönem Wege, durch alle seine guten Pläne, die er für meine Leiblichkeit ge-
macht h a t " ' , und bisweilen sagt man vom König:
I II
( ^ ^ ^^ ^ ^ ^ ^ i ^ Gott ist er, unter dessen Führung man lebt ;
Vater und Mutter ist er für die Menschen" ^ ; die Art der Apostrophierung läßt dabei darauf schlie-
ßen, daß man speziell in der Führung (áSm. w) eine göttliche Funktion des Königs sah. So ist es
denn sicher vor allem in übertragenem Sinne zu verstehen, wenn man den Sonnengott mit den
Worten besingt:
e ' (Э ~
η ι II
w -
ψ (Э
ο
ol? o I I I Ι- ' i k ö Ω I I Ö@

к
,,Hirte {mnjw), der zu hüten (mnjw) versteht! Sind nicht deine beiden Ohren
eine Zuflucht® ihrer Herzen ? (Deine) Führung (éSm.w) ist in jedem Leibe, während deine Macht
bereit ist gegen das, was böse in seinem Wesen ist. Keinen gibt es auf der Erde, den du nicht
kennst" ^
Kein anderes Dokument hat der Darstellung Gottes als eines Guten Hirten so viel Platz ein-
geräumt wie der Hymnus von Pap. Chester-Beatty IV. Er ist das Hohelied vom Guten Hirten,
und so nennt der Dichter den Gott geradezu den ,,Hirten, der zu hüten versteht"', also den Hirten
par excellence, und preist ihn in einer noch bedeutsameren Formulierung ^ ^ ^ ^ ^ ® ^
,,in deiner Erscheinungsform des ,Guten Hirten {mnjw n/r)'"®. Seit der
1. ZwZt. war die Gestalt des Hirten ein Sinnbild, das mit verschiedenen Inhalten angereichert
werden konnte, aber immer eines unter vielen blieb. Erst das Zeitalter der persönlichen Frömmig-
keit aber hat die Möglichkeiten, die dieses Bild bot, voll verwirklicht: Erst jetzt wird es von
einem Symbol zum Symbol schlechthin, zum Sinnbild der Frömmigkeit einer ganzen Epoche, die
man danach geradezu das Zeitalter des Guten Hirten zu nennen versucht ist.
Lebendig geblieben ist dieses Bild bis zum Ende der ägyptischen Kultur. Da nennt sich in der
y
22. Dyn. ein hoher Würdenträger
Ι ί - Ξ ^ Ϊ Ρ Τ Ι Ϊ Λ , ' Ö ,,Inkar-

1) Urk. IV 767, 12—13.


2) Urk. IV 1077, 5—6, ergänzt durch A. H. G a r d i n e r , ZÄS 60, 1925, S. 69; die gleiche Wendung F. LI.
G r i f f i t h , The Inscriptions of Siût and Dêr Rîfeh (London 1889) pl. XVII 56—57.
Lies phr(.t) ib.w.sn? (vgl. D r i o t o n a. O. S. 4). G a r d i n e r , Hieratic Papyri II S. 34: „Are (not) thine
ears inclined (to?) their hearts?"
<) Pap. Beatty IV r X 12; vgl. Ps 78,52. ") Pap. Beatty IV r X 12 und XI 6.
·) Pap. Beatty IV r III 4. Der Terminus (ir.t) hpr.w ist im Anschluß an H. R a n k e (ZÄS 79, 1954, S. 52—54)
untersucht worden von S. M o r e n z , Ägyptische Ewigkeit des Individuums und indische Seelenwanderung
(Asiatica = Fs. Fr. W e l l e r , Leipzigl954, S. 414—427) bes. S. 421 f., der dabei zu dem Ergebnis kommt, daß die
Wendung die Fähigkeit eines höheren Wesens bezeichnet, sich in einem niedrigeren zu manifestieren, das dann
seinerseits als ,,Erscheinungsform" des höheren begriffen wird. Dieser Gebrauch ist aber nicht auf die relativ
eng begrenzte Verwendung im Tb. beschränkt. So heißt es z. B. in einem Gebet an Amun um Beistand vor
а,
Gericht Pap. Anast. II 8,7—9,1:
ЙЛЛЛЛЛ I
^ ^ I ^ ^ ^ ^ findet man, daß Amun seine Erscheinungsform (hpr.w) als'
Vezier annimmt, um den Schwachen hinausgehen zu lassen". Hier aktualisiert sich im Vezier gleichsam die Po-
tentialität Amuns als Rechtshelfer; man könnte hpr.w daher in dem Hymnus von Pap. Beatty IV geradezu
mit ,,Wirkungsweise" oder ,,Funktion" übersetzen.

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM
1961] D i e t e r M ü l l e r : Der gute Hirte 143

nierter Gott für die Menschen, Hirte (mnjw) der Gesundheit seines Bruders, der nicht flieht"',
und in der Äthiopenzeit heißt die Gottesgemahlin^hepenupet II ^ ^ О ^ Í ^Ξ· '
„Abbild des Re, guter Hirte {mnjw nfr) für die Menschen"^ Noch die Ptolemäer aber lassen sich
bezeichnen als nKönig, Hirt {mnjw) von Millionen,

Rinderhirt (nr ih.w) von Hunderttausenden", ^ (j ^ ! "f" ^ j ^

Τ Τ i f i „Rinderhirt (nr ih.w) von Hunderttausenden, Leiter {hrp) der Lebenden


auf der ganzen Erde", f ^ ^ J / ^ "Inkarnierter Gott,

Hirt (mnjw) von Millionen, Hüter (nr) und Leiter (hrp) von Hunderttausenden" und
„König, Rinderhirt (nr ik.w)"^. So unverkennbar dabei die fortschreitende
Erstarrung des Bildes ist, so wenig darf übersehen werden, daß es trotzdem immer neuer Aus-
gestaltungen fähig blieb. So sagt der Mythus vom Sonnenauge über den Greifen: „hr ir.f ir sjh' η
ntj nb ntj hr p' Í' m ktj p' mwt, p' tb\ ntj iw p' mnj η ntj nb ntj hr p' V 'n p' [hrw ?] „ E r hat die
Macht über alles, was auf der Erde ist, wie der Tod, der Vergelter, welcher auch der Hirt von allem
ist, was (heute?) auf der Erde i s t " ^ Hier ist das Bild freilich ganz ins Düstere gewendet: Es
bezeichnet nicht den liebevollen Hüter, sondern den absoluten Herrn über seine Schafe: es ist
der Tod, der in dunkler und unheimlicher Weise in der Gestalt des Hirten erscheint.

Es bleibt abschließend nur noch eine Frage zu erörtern: die nach dem Verhältnis des ägyptischen
zum alttestamentlich-christlichen Hirtenbild. Daß das Bild selbst in Ägypten fest verwurzelt und
keinesfalls auf semitisch-vorderasiatische Einflüsse zurückzuführen ist, dürfte vor allem aus der
Darlegung stetiger innerägyptischer Bezüge einsichtig geworden sein. Trotzdem erschöpft sich seine
Bedeutung für den Historiker nicht im Konstatieren einer bloßen Parallelentwicklung. Das wird
deutlich, wenn man einen Blick auf seine außerordentlich weite Verbreitung in der christlich-
gnostischen Literatur koptischer Zeit wirft®. Sie hat ihren Grund natürlich vor allem im engen
Anschluß der koptischen Literatur an die Bücher des Alten und Neuen Testaments und darüber
hinaus in der großen Beliebtheit, derer sich die Figur des Hirten im ganzen Mittelmeergebiet seit
hellenistischer Zeit erfreute". Wenn es aber im Triadon heißt: UToq πθ n ^ u j c ипогв er-h ипшмг
UM плгв ,,Er ist der Hirt der Herde, der Leben und Lebenszeit g i b t " ' , so erinnert der Nachhall
der altägyptisehen Formulierungen über die Schicksalsüberlegenheit Gottes und seine Herrschaft ge-
rade über die Lebenszeit daran, daß auch das Bild vom Hirten schon den vorkoptischen Ägyptern
längst vertraut war®. Man mag aus alldem ermessen, was es für ein Volk, in dem eben jene Gestalt

1) ZÄS 28, 1890, S. 40.


Ree. Trav. 22, 1900, S. 128.
») Urk. V I I I 6 3 g ; M. R o c h e m o n t e i x , L e Temple d'Edfou I (Mém. Miss. 10, Paris 1897) 143 und 3 1 6 ;
J . de M o r g a n , Kom Ombos I I I ( = Catal. Mon. I I I , Wien 1909) S. 341 Nr. 1064.
*) W . S p i e g e l b e r g , Der ägyptische Mythus vom Sonnenauge (Straßburg 1917) X V 4ff. Das Bild vom Tod
als Hirten findet sich im Anschlu߻an P s 4 9 , 1 5 auch im 1. Clemensbrief 51.
5) Vgl. etwa O. v. L e m m , D a s J W a d o n J P e ^ b u r g 1903) 6 8 5 , 1 . 718,2 u. ö . ; C. R . C. A l l b e r r y , A Mani-"
chaean P s a l m - B o o k ( S t u t t g a r t 1938) S. 136 Z T Í Í T S . IVb Z. IV—19. S. 198 Z. 9 u. ö . ; W . E . C r u m , Der Papyrus-
c o d e x saec. V I — V I I der Phillipsbibliothek in Cheltenham (Straßburg 1915) S. 69 (20). S. 96 (28) und viele
andere.
·) Vgl. etwa die Terrakotta-Darstellungen des Guten Hirten aus Kehnas (A. E r m a n , Die Religion der Ägyp-
ter, Leipzig-Berlin 1934, S. 413) und im übrigen C ^ S c h n e i d e r , Die grieehisehen Grundlagen der hellenistischen
Religionsgeschichte ( A R W 36, 1939, S. 300—348).^
^ L e m m , Triadon 138,1 ; vgl. die Ausdrücke dj 'nh (Leben geben) und dj 'h'.w (Lebenszeit geben) : M o r e n z -
M ü l l e r a. O. S. 27ff. mit Belegen.
' ) Daß im Kopt. für „ H i r t " vorzugsweise nicht mnjw, sondern das erst im NÄ auftauchende W o r t h's.w
( ^ c u c ) verwendet wird, darf nicht irremachen, da auch Ableitungen von mnjw, bes. in den Dialekten, noch

Brought to you by | The University of Texas at Dallas (UTDALLAS)


Authenticated
Download Date | 2/28/19 9:49 PM