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Rudolf Anthes: Das Sonnenauge in den Pyramiden texten

RUDOLF ANTHES

Das Sonnenauge in den Pjnramidentexten

1. Das Problem

In eine Diskussion über das Auge des Re und das Auge des Horus müssen die folgenden drei
Punkte eingeführt werden.
1. Coffin Texts II 5 a — b lautet: „Ich bin Schu, der Vater der Götter. Atum sandte sein (v'i-Auge
(Ύ^ Suche nach mir und meiner Schwester Tefnut". Hier ist also Atum der
Inhaber eines „einzigartigen" Auges. Angesichts der Tatsachen, daß in der Theologie des Alten
Reiches Re dem Atum angeglichen worden ist und nicht umgekehrt, daß Schu und Tefnut zunächst
die Kinder des Atum und nicht des Re waren (vgl. J N E S 18, S. 208—209 q), und daß Atum und
nicht Re genannt ist in diesem ältesten Zeugnis für die auch später bezeugte Verbindung von Schu
und Tefnut mit dem Sonnenauge, — angesichts dieser Tatsachen dürfen wir nicht daran denken,
daß etwa die Vorstellung von diesem „einzigartigen" Auge des Atum abgeleitet war von der schon
in den Pyramidentexten bekannten Vorstellung vom Auge des Re. Es ist das Auge des Atum aus
eignem Recht. — C. T. IV 85w lautet: „ E r (d. i. NN als Geb oder Atum) hat den Яф leben lassen
von dem „einzigartigen" Auge ^ ^ ^ das die Herrin der Neunheit und die Herrin des
Alls ist". Das Auge, das hier als Beherrscherin des Alls bezeichnet ist, und von dem Heb lebt, ist
gewiß die Maat, die nach C. T. II 35f—g Atums Tochter ist, von der ihr Vater lebt. Ebenso wie der
Himmelsträger Heb leben j a auch die vier Wächter oder mythologischen Begriffe der Himmels-
stuizen von der Maat (Pyr, 1483). So haben wir es auch hier zu tun mit einem „einzigartigen"
Àuge, das zwar als Maat und Tochter des Gottes offenbar der gleiche Begriff ist wie das Auge des
Re, wie es in späteren Zeugnissen vorkommt, aber dessen eignes Recht auf die Beziehung zu Atum
nicht angezweifelt werden kann. Eine Diskussion über das Auge des Horus und das Auge des Re
muß also auch das Auge des Atum einschließen als einen eignen und wesentlichen Begriff. Das ist
der erste Punkt, der zu beachten ist.
2. In einer Behandlung der di-Schlange, des ,,Schlangenleibes" göttlicher Wesen in den Pyra-
midentexten und der „Memphitischen Theologie" habe ich die Folgerung gezogen, daß Uräus-
Schlange, rfi-Schlange und Horusauge eine Wesensgemeinschaft haben, jedenfalls von Haus aus
so eng miteinander verbunden sind, daß ihre gelegentliche Gleichsetzung nicht beiläufig und speku-
lativ entstanden ist, sondern in ihrer Natur liegt. Da das Manuskript, das Anfang 1958 nach
Moskau als Beitrag zu einer Festschrift für W. Struwe gelangte, bisher nicht veröffentlicht worden
ist, muß ich den Leser bitten, diese Gleichsetzung bis auf weiteres anzunehmen, etwa als Arbeits-
hypothese. Angesichts dieser Gleichung dürfen wir folgern : da die á<-Schlange anscheinend identisch
ist mit der strahlend erscheinenden Urschlange (Pyr. 237), da der Uräus gewiß ursprünglich zum
irdischen König und nicht zu einem Gotte gehört, und da Horus zunächst als der irdische König
bezeugt ist mit einer Sicherheit, die im Gegensatz steht zu seiner offenbar sekundären, etwas un-
bestimmten Erscheinung als Himmelskönig in verschiedenen Himmelskörpern, werden wir zum
Schluß geführt, daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß das Auge dieses Horus ein aus dem Kosmos
entwickelter Begriff sei. Offenbar ist das Horusauge wie oder als der Uräus ein Zubehör des irdischen
Königs. Zu dem gleichen Schluß, daß das Horusauge ursprünglich dem irdischen König gehört,
ist auch S. Schott in seinem Buch Mythen und Mythenbildung (Leipzig 1945) gekommen, und
G. Rudnitzky, Die Aussage über das Auge des Horus (Kopenhagen 1956) hat richtig darauf weiter-
gebaut. So muß als zweiter Punkt in die Diskussion eingeführt werden die Feststellung, daß das
Horusauge anscheinend nicht in den Kosmos, sondern zum Königtum ursprünglich gehört.
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2 R u d o l f Λ η t h e s : Das Sunnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. Band

3. In meiner Behandlung der Kämpfe des Horns und Seth um das Horusauge ( JNES 18, S. 199
bis 202 n) habe ich die Folgerung aus dem Zeugnis der Pyramidentexte gezogen, daß der zweite
Kampf in Heliopolis, in dem Horns, der Sohn des Osiris das Auge von Seth zurückeroberte, um es
dem Osiris in Gehesti zurückzugeben, erfunden worden ist mit dem Ziele, das Thema л о т Horus-
auge einzubauen in das Thema von der Erbschaft des Osiris. Ich machte dabei aufmerksam darauf,
daß möglicherweise auch der erste Kampf in Heliopolis, in dem Horns, der dann Osiris wurde, das
Auge verlor, erfunden sein könnte, und zwar mit dem gleichen, aber weiter gesteckten Ziele, das
Thema л'от Horusauge. nämlich л оп seinem Verlust und seiner Wiedergewinnung, der Vorstellung
anzupassen, daß Seth der Feind des Horns war. Ich bin jetzt sehr geneigt, diese Deutung an-
zunehmen.
Ich muß versuchen, das etwas klarer zu machen durch eine Rekonstruktion, deren Richtigkeit
nicht bewiesen werden kann, die aber, soviel ich sehe, den Zeugnissen sich sehr wohl einfügt. Wir
müssen von der Gleichheit der beiden Begriffe Horns und Seth ausgehen, die im Horuskönig л ег-
einigt sind und so in Königsbezeichnungen der Frühzeit, in den Pyramidentexten und der mem-
phitischen Theologie und im Königinnentitel des A. R. bezeugt ist. Zum Feind des Horns wurde
Seth nur im Osirismythos, da er als einziger mächtig genug erschien, den Tod des Horus durch
Mord zu bewirken. So standen in der Mythologie die Vorstellungen von Seth als der Ergänzung
des Horus und als dem Todfeind des Horus ebensogut vereinbar nebeneinander wie etwa die beiden
Vorstellungen vom Himmel als Gewässer und als Nut. Die Verbindung des Seth mit Wüste und
Wetter und dabei vielleicht auch seine Identifizierung mit dem Seth-Tier könnte aus der Feind-
schaft gegen Osiris, die Vegetation, im Rahmen des Osirismythos entstanden sein, aber das ist
zunächst nur geraten. Im Grunde war ja der Mythos von Osiris und Seth eine Wirklichkeit nur
in der beschränkten Zeitspanne zwischen dem Tode des alten Königs und dem Thronantritt des
neuen, der mit der Verklärung des Osiris zum himmlischen Horus verbunden war; ich habe schon
an anderer Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß nach der Memphitischen Theologie Zeile 15c
Seth seinen Charakter als Feind A-öllig verliert, sobald einmal die endgültige Entscheidung zu
Gunsten des Horus gefallen ist. In genau der gleichen Zeitspanne, in welcher der Osirismythos
Wirklichkeit war, war auch der Mythos vom Verlust und der Wiedergewinnung des Auges gültig,
also in der königslosen Zeit zwischen dem Tode des alten und dem Regierungsantritt des neuen
Königs, der seinen Vater zum himmlischen Horus verklärte. Denn solange Horns, der König,
existierte, so lange war er auch ,,gebannt zum Schutze seines Auges" (Pyr. 195e, 198d ; siehe meine
Besprechung von mi ,,umschließen, bannen"), das Auge ging also nicht verloren. Schon die Gleich-
zeitigkeit der Gültigkeit des Osirismythos und des Mythos vom verlorenen Horusauge legte eine
Art Verschmelzung dieser beiden mythologischen Begriffe vom Thronwechsel nahe, und Seth, der
Feind im Osirismythos, mußte nun auch die Schuld am Verlust des Auges tragen. So entstand die
Vorstellung von den beiden Kämpfen zwischen Seth und Horus; der erste, in dem Seth dem Horus
das Auge raubte, aber selbst seine Hoden verlor, so daß, wie wirs A'ielleicht ausdrücken können,
seine Feindschaft gegen Horus ohne Folge bleiben mußte, was auch zum unfruchtbaren Charakter
der Wüste paßte; und der zweite Kampf, in dem Horus dem Seth das Horusauge wieder entriß,
um es sich selbst und auch seinem Vater Osiris einzuverleiben; nebenbei entstand auch der Ge-
danke, daß das Auge dem Horus und die Hoden dem Seth wiedergebracht wurden, und das war
sinnvoll, da ja Seth aufhörte, ein Feind zu sein, sobald das Horusauge wieder am rechten Platze war.
Die Verschmelzung der beiden mythologischen Vorstellungen von Osiris und vom Auge konnte
einigermaßen gelingen hinsichtlich ihres Abschlusses in dem Sinne, daß Horus dem Seth das Auge
entriß, vom Gerichtshof des Geb als König ausgerufen wurde und das Auge einerseits sich selbst
an die Stirn setzte als den Uraus, und andererseits dem Osiris darbrachte. Die beiden Anfangs-
ereignisse aber, der Raub des Horusauges durch Seth, der, wie wir gesehen haben, nur als Tod des
Horus verstanden werden kann, und die Ermordung des Horus, der dadurch Osiris wurde, durch
Seth blieben verständlicherweise unvereinbar, aber nebeneinander bestehen. Zur Bezeugung aller
hier genannten mythologischen Tatsachen darf ich auf meine Untersuchung dieses Themas, JNES

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1961J H u d о И Λ 11 t h e s : D a s S o m i e n a u g c in den P y r a m i d e n t e x t e i i .1

18, S. 199—202 η verweisen. Ob meine Deutung dieser Tatsachen in der eben ausgeführten Re-
konstruktion richtig oder falsch ist, kann, soviel ich sehe, nicht bewiesen werden. Worauf es mir
hier ankommt, ist aber folgendes: da meine Rekonstruktion richtig sein kann, können wir in Bezug
auf einen ursprünglichen Mythos vom Horusauge nur die Feststellung als gesichert ansehen, daß
das Auge von Horus entfernt wurde, was das Aufhören des Königtums bedeutete, und daß das
Königtum wiederhergestellt wurde dadurch, daß das Auge wieder zu Horus gelangte. Die Fest-
stellung, daß diese einfache Tatsache als die Quintessenz des Mythos vom Horusauge angesehen
werden muß, falls wir dessen ursprünglich selbständige Existenz annehmen, ist der dritte Punkt,
der m. E. in die Diskussion über das Auge des Horus, des Atum und des Re eingeführt werden muß.
Die Richtigkeit des zweiten und des dritten der hier aufgezählten drei Punkte mag bestritten,
wenn auch kaum widerlegt werden. Es kann uns genügen, sie als sog. Arbeitshypothesen anzu-
nehmen, d. h. als Voraussetzungen, die im Laufe der Arbeit als richtig oder als falsch sich erweisen
müssen. So dürfen wir die Entscheidung über ihre Gültigkeit hier zurückstellen.
Das Verständnis des Horusauges als Uräus und mehr noch das als di-Schlange verhindert, daß
wir es als eines der beiden Augen des Horus verstehen, wie J. Gwen Griffiths es лΌraussetzt in
seiner sorgfältig durchgeführten Studie „Mythology of the Eyes of Horus" (Chronique d'Egypte
t. 33 (1958), S. 182—193). Die Vorstellung von zwei Stirnschlangen, der oberägyptischen und der
unterägyptischen, kann wohl auf zwei Augen, wie die der Nut (Pyr. 823) übertragen werden. Auf
das Horusauge scheint diese Doppelung der Stirnschlange nicht angewandt zu sein, aber wenn in
Pyr. 33 die beiden gleichartigen, aber durch ihre Farbe unterschiedenen Gegenstände als das linke
und das rechte Horusauge bezeichnet werden, so ist das hier ähnlich wie in 823 eine Übertragung
der Doppeltheit des Gegenstandes auf das Auge, also eine aus der zufälligen Situation, nicht
aus dem Wesen des Auges entstandene Verdoppelung. Das gleiche gilt gewiß auch für Pyr. 69b
und 71a. Dagegen ist, wie wir unten sehen werden, in Pyr. 451a und 1231c nicht vom linken
Horusauge, sondern von dem im Osten befindlichen Horusauge die Rede. Die Füllung des leeren
Horusauges durch das volle Horusauge (Pyr. 1682b) ist nur ein Spiel mit Worten über die Ein-
setzung des Horusauges in die leere Augenhöhle. Die beiden roten Augen eines Horus und die beiden
blauen Augen eines anderen Horus (Pyr. 253a) haben mit^dem Horusauge anscheinend nichts zu
tun, sind jedenfalls vier Augen, die schon durch ihre Zahl für das Horusauge nichts besagen. Soviel
ich sehe, sind das alle Hinweise in Sethes Ausgabe der Pyramidentexte, die auf eine Zweiheit des
Horusauges schließen lassen könnten, und zwar fälschlich. Wohl aber zeigen einige dieser Stellen,
daß das Horusauge nicht etwa das einzige Auge ist, das dem Horus zugestanden wird. Horus hat
zwei natürliche Augen, und „das Horusauge" ist demgemäß ein zusätzliches, ein eigenartiges
drittes, was auch immer damit gemeint sein mag.
Das Auge des Atum ist ausdrücklich bezeichnet als w4y, das heißt ,,das einzigartige", nicht etwa
,,das einzige" (s. J N E S 18, S. 191 d zur Übersetzung von w4y). Jedenfalls also gehört es nicht zu
einem Paar. Da das Auge des Re offenbar gleichartig dem des Atum ist, sollten wir also auch bei
ihm nicht nach einer Ergänzung durch ein zweites Auge suchen. Eine etwaige Vorstellung, daß
das Auge des Re die Sonne neben dem Auge des Horus als Mond sei, oder daß ,,die beiden Augen"
Sonne und Mond seien, kommt in den Pyramidentexten nicht vor und verträgt sich auch nicht mit
dem Begriff des „einzigartigen" Auges, der in den Sargtexten vorkommt.
Über die drei Inhaber des ,,Auges", Horus, Atum und Re, können wir in diesem Zusammenhang
folgendes sagen: Horus war der König von Ägypten, Atum wurde zu einem König durch Assi-
milierung an Horus ( J N E S 18, S. 212 v), und Re wurde als König begriffen in Nachfolge von Horus
und Atum. Horus war sicher nicht ein Begriff, der dem Kosmos entnommen war, sondern der Be-
griff seines Königtums wurde auf den Kosmos übertragen ( J N E S 18, S. 185—188a). Die himmlische
Existenz des Atum, die ich nur auf seine Gleichsetzung mit Chepre und seine Assimilierung an den
irdischen und himmlischen Horus zurückführen kann, ist jedenfalls nur einer seiner geringsten
Charakterzüge (a. a. 0 . S. 210 t). So ist das Königtum einerseits von Horus auf Atum und Re
übertragen worden, andererseits steht es so, daß keine Gottheit außer diesen dreien König ist;

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4 R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den Pyramidentexten [86. Band

denn Osiris, Seth und Geb sind König nur in bestimmten Zusammenhängen des Königtums
des Horus.
So führt auch diese Überlegung dazu, das Auge des Horus, das des Atum und das des Re als
Königsauge zu deuten. Die Frage, w e der Begriff des Auges in die ägyptische Mythologie ge-
kommen ist, können wir zunächst auf sich beruhen lassen, aber die Einheitlichkeit dieses Begriffes
erscheint deutlich, ob er nun auf Horus, Atum oder Re angewandt ist.
Zur Einheitlichkeit des Begriffes als Königsauge stimmt auch eine gewisse Einheitlichkeit in
Verhalten und Wirkung des Auges des Horus, des Atum und des Re in der Mythologie. Als ein-
ziges gesichertes Charakteristikum des Horusauges haben wir festgestellt, daß es den Horuskönig
verläßt, um wieder zu ihm zurückzukommen, und zwar war diese Abwesenheit naturgemäß gleich-
zeitig mit dem königslosen Zustand der Thronwechselzeit, deren Länge oder Kürze hierbei keine
Rolle spielen kann. Anscheinend kann Thot als ein Treuhänder es in der Zwischenzeit bewahren
(Pyr. 594 u. a. ; vgl. die neuägyptische Erzählung von Horus und Seth 1,3), und vermutlich wird
dadurch verhütet, daß es aus Ägypten entweicht und das Land dem Chaos, der Unordnung über-
läßt. Die Furcht, die wegen des Horusauges entsteht, ist ja so alt wie Erde und Himmel (Pyr. 1040d).
Die Fürchterlichkeit des Horusauges ist verständlich aus seiner Identität mit dem feuer- oder gift-
speienden Uräus. Das einzigartige Auge des Atum wird, wie wir am Anfang dieses Aufsatzes ge-
sehen haben, ausgesandt zur Suche von Schu und Tefnut, deren Noch( ?)-nicht-vorhandensein einen
unvollkommenen Zustand bedeutet; jedenfalls das gleiche einzigartige Auge ist die Maat, also
Recht und Ordnung, von der Heb lebt, der, um es vorsichtig zu sagen, eng verbunden ist mit Schu.
Verließ das Auge auf der Suche nach Schu und Tefnut Ägypten, so war Ägypten ohne Maat, also
in einem Chaos. Nach dem ersten Teil der Geschichte von der allerdings nicht durchgeführten Ver-
nichtung des Menschengeschlechtes (Maystre in BIFAO 40 (1941)) erweckt das Auge des Re, das
durch das Determinativ als Uräus gekennzeichnet ist, Furcht vor Re, wenn es sich gegen die Ver-
schwörer wendet (Text Sety I., Zeile 11), es wird nach außerhalb Ägyptens gesandt, um die auf-
rührerischen Menschen zu strafen, und es kehrt zurück zu Re ,,in Frieden" (ibid. Zeile 13; siehe
Sethe, Zur Sage vom Sonnenauge S. 18). Die späte von Junker erschlossene Sage von Hathor-
Tefnut in Nubien ist von Sethe in jenem Buche ergänzt worden zur Sage vom Sonnenauge, das
in der Fremde war. Dieses Sonnenauge ist nach Sethe die Uräusschlange des Re (a. a. О. S. 39,
Nr. 2) und entfernt sich als solche zeitweilig vom Gotte (S. 18) ; es wurde ausgesandt, um die Feinde
des Re niederzuschlagen, und zurückgeholt (S. 17). Das Auge ist von Sethe im Kreise dieses
Mythos identifiziert als ,,die feurige Schutzgöttin des oberägyptischen Königs" (S. 39, Nr. 3), die
Löwin Tefnut, die Tochter des Re (ibid. Nr. 4); und Hathor (ibid. Nr. 5). Auf Sethes auf den
Pyramidentexten beruhende Identifizierung des Sonnenauges als die Sonne selbst (ibid. Nr. 1)
kommen wir noch zurück. Thot befriedet das Sonnenauge, Schu holt es zurück (S. 16; 39, Nr. 2
und 4). Auf die verschiedenen anderen von Sethe dargelegten Beziehungen zu Nubien und den
Fremdländern brauche ich hier nicht einzugehen, wohl aber muß gesagt werden, daß Nubien nicht
ein wesentliches Element des Mythos ist, sondern es steht für die Fremde ; so hat Sethe auch Punt
und sogar die Hathor von Byblos in Beziehung zu diesem Mythos gesetzt (S. 30—36). Natürlich
hat Sethe auch den Zusammenhang mit der „Vernichtung des Menschengeschlechts" klargemacht
(S. 18). Gelegentliche Vermischung der Elemente des Horusauges und des Sonnenauges hat er aber
auf die ,,äußerliche Ähnlichkeit, die zwischen beiden Sagen in dem Verlust und Wiederbringen
eines Auges besteht" zurückgeführt, da ,,offenbar kein Zusammenhang" zwischen diesen beiden
Sagenkreisen zu bestehen schien (S. 36—37). Aber die scheinbare Vermischung ist doch älter, als
es nach Sethe der Fall zu sein scheint. P i a n k o f f , The Shrines of Tutankhamon S. 29, Anm. 76
hat das Auge des Re der ,,Vernichtung des Menschengeschlechtes" durch Totb. Kap. 167 erläutert,
den Spruch vom Bringen des Uzat-Auges, das Thot zurückbrachte und befriedete, nachdem Re es
ausgesandt hatte, und das sehr wütend gewesen war. Da haben wir, ebenso wie im Kommentar zu
Totb. 17 (Urk. V S. 34—36) und in „Horus und Seth" 1,3, das Uzatauge, das wir üblicherweise
als das Horusauge ansehen, und es erscheint hier als das ,,Auge", das mythologisch vom Horusauge

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1961] RudolfAnthes: Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n 5

der Pyramidentexte bis hin zur Heimholung der Hathor-Tefnut aus Nubien eine Einheit ist. Dabei
darf ich darauf hinweisen, daß m. E. unsere Übersetzung des wdi mit Bezug auf das Horusauge
als „unverletzt" kaum richtig sein kann, denn bei dem Augenraub wurde nicht das Auge, sondern
Horus selbst verletzt. W B I 400 s. v. wd3 A I I b und с zeigt für wdS mit Bezug auf Mund und Herz
eine Bedeutung wie ,,am richtigen Platz, in guter Funktion sein", und das scheint ausgezeichnet
auch für das Horusauge zu passen, wenn es bei Horus und nicht unterwegs ist.
Sethes im Jahre 1912 dargelegte Auffassung, daß der Mythos vom Horusauge nichts mit dem
vom Sonnenauge zu tun habe, ist in der Tat allgemein fallen gelassen, wohl seitdem Junker 1934
seine Deutung des himmlischen Horus als eines über der Erde mit ausgebreiteten Flügeln schwe-
benden Falken veröffentlichte, dessen Augen, eben die Augen des Horus, die beiden Himmels-
leuchten seien. Am eindeutigsten ist, soviel ich sehe, die Erklärung des Horusauges wie des Sonnen-
auges aus dem kosmischen Bestand von Bonnet in seinem Reallexikon s. v. „Horusauge", „Mond-
auge" und ,,Sonnenauge" dargelegt worden. Meine hier vorgelegte Untersuchung hat, wie unten
gezeigt wird, zu einer klaren Ablehnung dieser kosmischen Deutung des Ursprunges der Begriffe
von Horusauge und Sonnenauge geführt. Bevor ich darauf eingehe, möchte ich mich auseinander-
setzen mit Schott, der neuerlich, soviel ich sehe, als einziger den Ursprung des Horusauges im
irdischen Königtum erkannt und seine Ansicht in seinem Buche, Mythe und Mythenbildung, dar-
gelegt hat. Mit dieser Voraussetzung versteht er den Begriff der ,,Fremde", wie er im Mythos vom
Sonnenauge erscheint, als eine historisch zu erklärende Erscheinung, entstanden aus der früh-
geschichtlichen Eroberungszeit : ,,Aus der eroberten Fremde des zweiten Landes (auf die Sch. vorher
hingewiesen hatte. R. A.) ist das Horusauge als Dogma in die grenzenlose Ferne der Mythe ge-
rückt" (a. a. O. S. 79 unten). Bei seinem Versuch, den Begriff „Auge" aus dem irdisch geschicht-
lichen Bereich zu erklären, denkt er an die Blickschärfe der Augen des Falken, also des Horus, der
der König ist (S. 72 oben). In Gestalt der beiden Augen des himmlischen Horus sei der Begriff
dann auf die Himmelsleuchten übertragen worden (S. 76 oben); dabei ergibt sich klar aus dem Zu-
sammenhang, daß Schott nicht an den in Junkers Deutung über der Erde schwebenden Falken
denkt, sondern richtig, wie ich denke, an den im Boot aufgerichtet dahinfahrenden ; mit dem etwas
unklaren Ausdruck „Himmelsleuchten" denkt er (nach S. 73—74) offenbar zunächst an eine Art
zweifache Sonne, dann Tages- und Nachtgestirn. Von vornherein erhebt sich ein Einwand gegen
diese Deutung der himmlischen Horusaugen damit, daß sie konstruiert und unwahrscheinlich
klingt. Während die Vorstellung, daß Sonne und Mond die Augen eines über der Erde schwebenden
Falken seien, wunderschön bildhaft einleuchtet, ist es schwer denkbar, wie die Augen des majestä-
tisch aufgerichteten Falken, dessen Boot seine Bahn dahinzieht über den Himmel, als Sonne und
Mond gedeutet werden könnten.
Soviel ich sehe, ist in den Pyramidentexten das Auge des Horus niemals als die Sonne identifi-
ziert, obgleich das Horusauge am Himmel oft genug genannt wird. Auch Schott sieht die Entwick-
lung vom Horusauge des Falken zur Sonne am Himmel nur auf dem Wege über die beiden Augen,
ihre Gleichsetzung mit den Sonnenbarken des Morgens imd des Abends und mit den Gestirnen des
Tages und der Nacht, Sonne und Mond (a. a. O. S. 73—74). Dazu ist zu sagen, daß zwar die Me-
sektet-Mandjet-Barke die Schlange enthält (Pyr. 335b—336a), und es ist wohl möglich, daß
damit eine Gleichsetzung der Barke mit der Uräusschlange ausgesprochen ist; aber das bedeutet
noch nicht eine Gleichsetzung der Barke mit dem Horusauge, und Schott erwähnt diese Stelle
auch nicht. Sein Argument liegt vielmehr darin, daß ,,die beiden Augen . . . in den Verklärungen
die beiden Barken des Sonnengottes bedeuten" (S. 73 unten mit Anm. 4). Für die Pyramidentexte
jedenfalls trifft das nicht zu, denn die von Kees, Götterglaube 235 Anm. 3 dafür herangezogene
Textstelle Рут. 1981b—1982b muß auf Grund von Pyr. Aba Zeile 369—370*80 verstanden werden,
wie es dem unvoreingenommenen Übersetzer stets hätte natürlich erscheinen müssen: „(Isis hat
dir gespendet, Nephthys hat dich gereinigt,) deine mächtigen großen Schwestern, die dein Fleisch
zusammensetzen, deine Glieder zusammenfügen und deine beiden Augen in deinem Kopf er-
strahlen lassen, Mesektet und Mandjet. Atum hat dir eine Zuteilung gemacht, die beiden Neun-

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б к u <1 o l f А η t h e s : D a s S o n n e n a u g e in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. Band

heiten haben für dich gehandelt usw." Mesektet und Mandjet sind also hier wie auch sonst iden-
tifiziert als Isis und Nephthys, wobei die hier vorliegende übliche Namenfolge in beiden Gruppen
л-erständlicherweise gewählt ist, obgleich sonst Isis mit Mandjet und Nephthys mit Mesektet
identifiziert ist. Damit dürfte auch Schotts merkwürdiger Vorschlag hinfällig geworden sein, daß
die Spaltung des an den Himmel versetzten Horusauges in zwei Sonnen ,,die Ursache der später
auf Tag und Nacht bezogenen Verdoppelung des Sonnenschiffes gewesen sein d ü r f t e " (S. 74 oben) ;
dieser Satz rufte eine Gedankenassoziation von den zwei Sonnenbarken mit den beiden Gestirnen
des Tages und der Nacht hervor, die geradezu gefährlich erscheint.
Die Diskussion des H orusauges und des Sonnenauges ist meistens, und so auch bei Schott, verquickt
mit Diskussionen und Beantwortungen wesentlicher angeschlossenen Fragen, vornehmlich denen
nach dem Verhältnis von dem einen zu den beiden Augen, nach dem Charakter des Thot in diesem
Zusammenhang und, besonders wichtig, nach dem Wesen des Mechenti-irti. Die erste dieser Fragen
habe ich, was die Augen, nicht die Gestirne betrifft, nicht vermeiden können; für die zweite habe ich
mich mit einer allgemeinen Feststellung begnügt, und die dritte lasse ich hier ganz unbeachtet. Meine
Untersuchungen zur Mythologie wurden begonnen in der Absicht, zunächst einen festen Halt für
den Fuß zu finden, und im gleichen Sinne werden sie langsam schrittweise fortgeführt. So versuche
ich auch die Frage nach dem Sonnenauge an nur einem, möglichst dem entscheidenden Punkt zu
klären. Ergibt sich eine sichere Antwort in dieser Beschränkung, so ist der Boden fest für die Be-
handlung des nächsten; ergibt sich keine sichere Antwort, so muß ein anderer Weg gefunden werden.
Die entscheidende Frage für mich ist hier die, ob das Sonnenauge die Sonne ursprünglich ist.
Bisher habe ich hier zu zeigen versucht, daß der Begriff des Sonnenauges, wie er in den mytholo-
gischen Berichten erscheint, vorgezeichnet ist durch den des Horusauges, wie es im Osirismythos er-
scheint. Während ich in dieser Annahme mich treffe mit Schott, so kann ich ihm, wie gesagt, nicht
folgen darin, wie er den Übergang vom Begriff des Horusauges zu dem des Himmelskörpers sieht.
So war ich durchaus bereit, mit Sethe, Sonnenauge S. 18, auf Grund der Pyramidentexte anzu-
erkennen, daß zwei verschiedene Vorstellungen vorhanden waren und gemischt wurden, nämlich
daß erstens das Sonnenauge die Uräusschlange an der Stirn des Sonnengottes sei, und daß zweitens
die Sonne als Gestirn das Auge des Sonnengottes sei. Das letztere hat natürlich nur dann Sinn, wenn
wir den Sonnengott in diesem Zusammenhang nicht als Re, die Sonnenscheibe, verstehen, sondern
entweder mit Sethe a. a. 0 . S. 5 an einen unsichtbaren Gott, mit Junker an den über der Erde
schwebenden Falken oder sonst einen Himmelsgott denken. Meine Diskussion der Himmelsaugen
in MDAIK 15 (1957) „Das Problem des Allgottes . . ." S. 4 und 8 war zwar auf dem richtigen Wege,
ist aber völlig veraltet.
Was den Himmelsfalken betrifft, so hat schon Schott, wie oben gesagt, ihn verstanden als den
stehenden Falken im Boot, in Einklang mit der Darstellung auf dem Kamm des Königs Djet, und
ich bin zu dem gleichen Ergebnis gekommen, daß das himmlische Gegenstück des irdischen Königs
ebenso wie dieser der stehende Falke ist ( J N E S 18, S. 190). Mit diesem Ergebnis ist die nur in
späten Texten bezeugte Vorstellung, daß Horus als schwebender Falke den Himmel darstelle,
unvereinbar. Die Flügel auf dem Elfenbeinkamm des Djet sind die Flügel des Geiers getragen von
den d'm-Stützen, also der Himmel, und weder die geflügelte Sonnenscheibe noch der Behdeti, der
in den Pjoser-Scheintüren dem Horus als Behdeti-Horus angeglichen erscheint, sind unseres Wis-
sens im A. R. als Himmel dargestellt oder erwähnt. So kann die Vorstellung vom schwebenden
Hinunelsfalken für die Frühzeit und das Alte Reich nicht angenommen werden, und die Vorstellung
vom stehenden himmlischen Falken im Boot kann, wie gesagt, schwerlich den Gedanken hervor-
rufen, daß seine Augen Sonne und Mond seien. Auch haben wir nicht den geringsten Anlaß zur
Annahme, daß eine der Vorstellungen vom Himmel, also Kuh, Geier oder Frau, Anlaß zur Auf-
fassung der Sonne als Auge gegeben hätte. Die Idee von den beiden Augen, die aus dem Kopf
der Nut hervorgingen als Horus und Seth und ihre «ri-Ä/ci«'-Kronen oder Uräen (Pyr. 823) beruht
nicht auf kosmischen, sondern auf genealogischen Begriffen, ebenso wie dieselben Kronen aus dem
Kopfe des Geb entsprossen sein sollen (Pyr. 1624).

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1961] H u d o l f Λ τι t h e s : Das Sonnenauge in den Pyrainidentexleii 7

Die Bezeichnung ,,Himmelsauge" geht uns leicht ein, aber wir vergessen ebenso leicht, daß sie
sich keineswegs aus dem Wesen der Gestirne unmittelbar ergibt. Sie setzt doch wohl notwendig die
Vorstellungeines wachenden und sorgenden, rächenden und schützenden Gottes im Himmel voraus.
Diese Überlegung führte wohl auch Sethe dazu, einen ,,augenscheinlich unsichtbaren Gott", der
dann als Re und Horus begriffen wurde, für die Urzeit anzunehmen. Aber die Vorstellung von
einem solchen Gott hat unseres Wissens weder im dritten Jahrtausend noch vorher in Ägypten be-
standen. Im Gegenteil habe ich am Ende meiner oben zitierten Behandlung des Problems des All-
gottes im vorgeschichtlichen Ägypten und in J N E S 18, S. 178—179 zu zeigen versucht und für
mein Urteil unausweichlich klar gemacht, daß der Begriff eines Herrschers des Alls zum erstenmal
mit dem Himmelskönig Horus in frühdynastischer Zeit in Ägypten entstand und in der Ahnen-
tafel des Horus festgelegt wurde. Da dieser Himmelsherr nur als himmlisches Gegenstück des
irdischen Königs begriffen wurde, ist es von vornherein unwahrscheinlich, daß die Sorge für die
•Menschen, die dem irdischen König zufiel, von dem himmlischen so ausdrücklich erwartet wurde,
daß Sonne und Mond in einer ganz unbildhaften Weise dazu bemüht wurden, als Augen des auf-
gerichtet dahinfahrenden Himmelsherrschers zu dienen. Der himmlische Horus war den Ägyptern
ein mythologischer Begriff, aber ihre religiöse Ehrfurcht sah, soviel wir erkennen können, nur im
irdischen Horus, in Osiris und dann in Re den Großen Gott (s. J N E S 18, S. 191 f.). So ist meine
Ausgangsstellung in der folgenden Diskussion der von Sethe genau entgegengesetzt: während er es
für natürlich hielt, daß das Sonnenauge die Sonne selbst bezeichne, halte ich das für unwahrschein-
lich, wenn nicht unmöglich. Da Sethe eine Stütze für seine Ansicht in den Pyramidentexten zu
finden glaubte, müssen die von ihm angeführten Stellen hier noch einmal untersucht werden.

2. Das Zeugnis der Pyramidentexte


,,Ιη seiner ursprünglichen Bedeutung als Bezeichnung des Tagesgestirnes selbst tritt uns der
Ausdruck ,Sonnenauge' nur noch in den Pyramidentexten einige Male entgegen", während aller-
dings ,,die allgemeine Vorstellung, daß die Sonne ein Auge sei, . . . den Ägyptern zu allen Zeiten
geläufig gebheben" ist ( S e t h e , Sonnenauge S. 6 mit Anm.4). Ich muß gestehen, daß ich mir nicht
die Zeit genommen habe, die inzwischen л'оп Jéquier veröffentlichten Pyramidentexte daraufhin
durchzusehen, ob andere Belege für das Sonnenauge zu Tage gekommen sind, seitdem Sethe dies
vor 50 Jahren schrieb, aber es genügt zweifellos, die von Sethe aufgeführten Zitate hier zu be-
sprechen. Nach Sethe a. a. 0 . bedeutet ,,das Auge des Re" die Sonne, sicher in Pyr. 698d und 705a,
wahrscheinlich in Pyr. 1734a und vielleicht in Pyr. 1231b. So seien zunächst die beiden erst-
genannten Zitate in Ubersetzung mit Anmerkungen im vollen Textzusammenhang hier vorgelegt.

Spruch 402 = Pyr. 698 Τ Ρ M N


,,(698a) Der Sitz des NN zusammen mit Geb ist weit gemacht, (b) der sM-Stern des NN zu-
sammen mit R e ' ist hoch gemacht, (c) NN wandelt umher im Gefilde der Befriedung, (d) Jenes
Auge des Re^ ist NN, das nachtsüber empfangen und geboren wird (sdrt iwrt(i) mst(i)) alle Tage."

Spruch 405 = Pyr. 703—705 Τ Ρ N


„(703a) О Re, о WShti, о WShti, о Pndti, о Pndti: (b) du bist NN, NN ist du. (704a) Jubel sei
dem NN, Jubel sei seinem Ka®. (b) Du leuchtest als (in) NN, NN leuchtet als du (in dir), (c) Laß
den NN wohlbehalten sein, so wird NN dich wohlbehalten sein lassen; (d) laß den NN gedeihen,
so wird NN dich gedeihen lassen. (705a) Jenes dein Auge ist NN, das oben auf dem Scheitel
(? Gehörn?) der Hathor sich befindet (tpt wpt Ht-Hr), (b) das wiederkehrt (?) * und die Jahre

') N liest „Nut" statt „Re". η N liest „Horus" statt „Re".


ä) Für diese Übersetzung statt Sethes „Jauchzet zu dem NN . . s. J N E S 13 (1954), S. 29 in „The Original
Meaning of mi'-hrw".
Sethe: „das sich umwenden läßt ein Umwenden die Jahre über NN". Ich habe auf gut Glück angenommen,
daß die Bedeutung dieses inn (WB I 97, 7—9) der von 'n(n) (WB I 188—189) entspricht, das erst seit dem M.R.

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8 R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den Pyramidentexten [86. Band

wiederkehren(?) läßt auf NN {innt innt rnpwt ÄrNN) ; (c) NN wird nachtsüber (sdr) empfangen
und geboren alle Tage."
Die folgenden vier Punkte müssen besprochen werden : das Sonnenauge auf dem Scheitel oder
Gehörn der Hathor (705a), das Wiederkehren ( ?) des Auges und der Jahre (705b), „nachtsüber
empfangen und geboren alle Tage" (698d und 705c) und schließlich der Textzusammenhang in
beiden Sprüchen.
Tpt wpt Hthr ist von Sethe in Sonnenauge S. 28 und im Kommentar zur Textstelle besprochen
und mit Hinweis auf die Sonnenscheibe zwischen den Hörnern der Hathor übersetzt worden mit
„auf dem Gehörn der Hathor". Ich möchte als wörtliche Übersetzung entweder „oben auf dem
Scheitel der Hathor" oder „auf der Spitze des Gehörns der Hathor" vorziehen, und es ist mir
nicht sicher, ob dieser Ausdruck sich auf die Sonnenscheibe zwischen den Hörnern beziehen kann;
würde das nicht besser imywt wpt (vgl. 979c) heißen, wenn nicht einfach m wpt (vgl. 396b) ? Jeden-
falls steht uns als Illustration der Textstelle mehr zur Verfügung als nur die Sonnenscheibe der
Hathor, die unter Mykerinos bezeugt ist. Wir dürfen jetzt an die beiden Darstellungen eines Kuh-
kopfes mit Sternen aus der frühgeschichtlichen Zeit denken, nämlich die von Arkell in J E A 4 1
(1955) S. 125 f. und 44 (1958) S. 5 mit Taf. 9 veröffentlichte und die von ihm damit erklärte in
Petrie u. a., Labyrinth, Gerzeh and Mazghuneh Taf. 6, Nr. 7. Da ist je ein Stern auf der Spitze
der Hörner eines Kuhkopfes, einer auf der Scheitelmitte und je einer an der Spitze der Ohren dar-
gestellt, und keine Sonne. Ich möchte denken, daß in unserm Text das Auge des Re einen der
Sterne, die auf dem Scheitel und auf den Hornspitzen der Hathor sitzen, bezeichnet. Die Un-
bestimmtheit der Identifizierung spricht, wie wir sehen werden, nicht dagegen, zumal da die
verschiedenen Sterne auf dem Bilde auch für den Ägypter vielleicht gar nicht, jedenfalls nicht als
individuelle astronomische Einheiten einzeln bestimmbar waren.
Der Ausdruck ,,Wiederkehren" oder ,,Umwenden" mit Bezug auf die Jahre und das Auge
des Re mag bedeuten, was er will, jedenfalls aber enthält er den Gedanken, daß das Auge des Re
irgendwie die Jahre bestimmt. Darauf hat Sethe im Kommentar hingewiesen und gleichzeitig be-
tont, daß nach seinen früheren Untersuchungen den Ägyptern dieser Zeit nicht die Sonne, sondern
der Siriusstern als die Bestimmerin der Jahre galt. Die ihm sich daraus ergebende Unstimmigkeit
mit der ihm sicheren Deutung des Auges des Re als Sonne hat er auf sich beruhen lassen müssen.
So darf ich mich hier darauf beschränken, auf seine Behandlung der Frage in seiner Abhandlung
über die Zeitrechnung der Ägypter zu verweisen, die er im Kommentar zitiert. Das Auge der Sonne
ist demnach in Pyr. 705b der Sirius, und zwar in seiner für den Beginn des Jahres charakteristi-
schen Eigenschaft als Morgenstern.
,,Nachtsüber empfangen und geboren alle Tage" enthält zwei Bestimmungen, die zunächst un-
vereinbar erscheinen. ,,Nachtsüber empfangen und geboren" scheint mir zur Sonne gar nicht zu
passen, wohl aber zu einem Stern: ,,(Pyr. 132a) NN wird in der Nacht (m grh) empfangen, NN
wird in der Nacht geboren, (b) Er gehört zu denen (oder: ihm gehören die), welche dem Re folgen
und die dem Morgenstern (ntr dwi(y)) voraufgehen". Da ist NN ein Stern, sicher nicht die Sonne,
der in der Nacht empfangen und geboren wird, also ein abendlicher Stern, der bald nach der Sonne
untergeht, und ein morgendlicher Stern, der kurz vor der Sonne aufgeht: Untergang und Aufgang
finden in der Nacht statt. Natürlich aber gibt es astronomisch keinen Stern, der in der gleichen
Nacht empfangen und geboren, also untergehen und aufgehen würde, und noch weniger einen, der
das alle Tage t u t ; die Zirkumpolarsterne, bei denen Untergang und Aufgang im Laufe einer Nacht,
aber nicht täglich, wohl gefunden werden kann, dürfen wir hier ja unberücksichtigt lassen, da sie
in keiner Beziehung zu Morgen- und Abendstern stehen. In der Tat würde der Ausdruck ,,alle
Tage" zunächst an die Sonne denken lassen, die aber wegen der Bestimmung ,,in der Nacht" aus-
geschlossen ist. Nach der Ausdrucksweise der Pyramidentexte aber kommt das tägliche Erscheinen

nachgewiesen ist. Aber auch so bleibt mir der Sinn des Satzes verschlossen : wieso geschieht dieses Umwenden
oder Wiederkehren usw. des Auges, das N N ist, über, auf, wegen oder, als ein Abkehren, von NN ? Siehe weiteres
hier unten.

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1961] R u d o l í A η t h e s : Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n 9

eines einzelnen Sternes, und zwar nicht des Polarsternes und Zirkurapolarsterne, eben doch vor:
in Pyr. 263a ist NN bezeichnet als „der Stern mit scharfer Stirn {ápd hit) und langen Schritten,
der alle Tage den Wegebedarf des Re bringt". Da haben wir also auch den Abend- und Morgenstern
als eine tägliche Erscheinung, d. h. nicht einen astronomisch bestimmten Stern, sondern den jeweils
hellsten Stern in der Nähe der untergehenden oder aufgehenden Sonne; siehe R. E. Briggs in
Mercer, The Pyramid Texts IV, S. 46 zu diesen Sternen. Nur so können wir auch das ,,Auge des Re"
verstehen, das täglich in der Nacht empfangen und geboren wird : es ist nicht ein bestimmter Stern,
der gegen die Naturgesetze täglich verschwände und erschiene, sondern dieser und jener Stern, der
gerade die Funktion entweder des Ab.endsterns oder Morgensterns ausübt. Auf die gleiche Spur,
aber im mythologischen Bereich, scheint Pyr.'^49—450 zu führen: „(449b2) Horus, der über dem
éhdw des Himmels ist und Re leben macht {s'nh) alle Tage, (450a) er wird den NN aufbauen
und ihn leben machen alle Tage". Horus hry shdw pt ist hier anscheinend der Vater von vier Ur-
götterpaaren, ähnlich wie der Ptah der „Memphitischen Theologie", aber nicht, wie Sethe annimmt,
identisch mit ihm. Er ist eine Form des himmlischen Horus und gibt Leben dem Re und damit auch
dem NN. So haben wir hier einen himmlischen Horus, der nicht die Sonne ist, und in dem oben
gegebenen Zitat Pyr. 263 einen Stern, die beide das gemeinsam haben, daß sie täglich vorhanden
sind und Re leben lassen (449b) oder ihm Lebensunterhalt geben (263a). Ob etwa mit diesem
Leben geben an Re und dem urgöttlichen Horus auch 132c—d, die Fortsetzung des oben gegebenen
Zitates, zusammenhängt, muß ganz offen bleiben: ,,(132c) NN wird empfangen im Nunu, er wird
geboren im Nunu. (d) Er kommt und hat euch das Brot dessen gebracht, den er dort gefunden hat
{iyn.f inn.f n.tn ti ny gmwn.f im)"; ob die ntyw (131c) angeredet sind, und ob etwa ,,der, den er
dort (im Nunu?) fand" Re sein kann, wage ich nicht zu entscheiden. In J N E S 18, S. 185—188a
habe ich darauf hingewiesen, daß der himmlische Horus sicher in diesem oder jenem Stern, etwa
dem jeweils hellsten, verkörpert war. Wie wir deswegen im himmlischen Horus von Pyr. 449b den
Stern von Pyr. 263 a und wohl auch 132 b erkennen können, so liegt es nahe, auch in dem Auge des
Re von Pyr. 698d und 705 nicht nur denjenigen Stern zu sehen, der jeweils eine tägliche Sternfunk-
tion ausübt, sondern darüber hinaus eine Verkörperung des himmlischen Horus, in den NN in
diesen Texten verklärt ist, während er in 450 a anscheinend mit Re identifiziert ist. Wie dem auch
sei, jedenfalls ist das Auge des Re in 698 und 705 durch die Bezeichnung „nachtsüber empfangen
und geboren alle Tage" unzweifelhaft als Stern, und zwar als Morgen- und Abendstern gekenn-
zeichnet.
Der Textzusammenhang in beiden Sprüchen spricht gegen die Gleichung von Sonnenauge
und Sonne. Sethe hat deswegen Pyr. 698d und 705 für unvereinbar mit den ersten Teilen beider
Sprüche angesehen und daraus geschlossen, daß Kompilatoren heterogener Sätze am Werke
waren ohne zu merken, daß diese Kompilation keinen Sinn gab. Diesen Ausweg brauchen wir nicht
zu suchen, wenn wir das Auge des Re als Stern verstehen. Dann werden die beiden Sprüche klar,
d. h. nicht mehr und nicht weniger als andere auch. Das Nebeneinander zweier verschiedener
Gleichsetzungen des NN, nämlich als Re und als Auge des Re, ist nichts Auffälliges. Jedoch ist
bemerkenswert, daß N in 689b und d das Wort ,,Re" einmal durch ,,Nut", das andere Mal durch
,,Horus" ersetzt hat. Da Sethe diese Varianten im Kommentar gar nicht erwähnt hat, will ich sie
nicht ungebührlich betonen, doch werde ich auf sie zurückkommen müssen; ob sie auf einem Miß-
verständnis seitens des Redaktors von N beruhen oder nicht, jedenfidls erscheinen sie überlegt.
Die vorliegende Besprechung hat doch wohl meine Ausgangsstellung durchaus bestätigt, näm-
lich die Ansicht, daß ,,Auge des Re" nicht die Sonne bezeichnet. Vielmehr bezeichnet es einen
Stern, und zwar in 705 b den Sirius, in 705 c und 698 d allgemeiner einen Morgenstern und einen
Abendstern, also einen astronomisch unbestimmbaren Stern, der nur um den Jahreswechsel
herum der Sirius ist. Wir haben Grund zur Annahme gefunden, daß der verstorbene Osiriskönig
in diese himmhsche Verkörperung der Horus-Trinität eingeht. Für die Verklärung des Osiris in den
himmlischen Horus darf ich auf den etwa gleichzeitig mit dem vorliegenden fertiggestellten Aufsatz
„Beiläufige Bemerkungen zum Mythos von Osiris und Horus" Abschnitt I l o verweisen.

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10 Rudolf A nthes: D a s Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. Band

Die Feststellung, daß das Auge des Re der Morgen- oder Abendstern oder beides ist, mag zu-
nächst merkwürdig und schwer verständlich erscheinen. Aber „das A u g e " ist in diesem Zusammen-
hang ja nicht ein Bild, das etwa aus der Anschauung der kosmischen Erscheinungen gewonnen
wäre. Vielmehr kann diese Identifizierung des Auges anscheinend gut A erstanden werden, wenn
wir daran denken, daß das Horusauge einerseits wesensgleich erscheint mit dem l'räus und der
d<-Schlange, andererseits aber auch mit dem Auge des Re. Nur zwei Punkte möchte ich hier er-
wähnen, die uns das Verständnis der Vorstellung, daß das Sonnenauge ein nahe der Sonne er-
scheinender Stern ist, erleichtern. Erstens ist in dieser Vorstellung das Auge des Re nicht wie sonst
an der Stirn des Gottes, sondern in seinem Gefolge, ähnlich wie nach Pyr. 697 e die durch das
Determinativ als Uräus gekennzeichnete Л-Schlange auch hinter dem König sich befinden kann.
Zweitèns hat der Stern, in dem der verstorbene König verklärt ist, ,,seinen Schlangenleib", das
heißt, daß er zur rfi-Schlange geworden ist oder die rf/-Schlange ist: N N ist ,,dieser einzigartige
Stern, der im Osten des Himmels hervorkommt, und der seinen (strahlenden) Schlangenleib nicht
dem Horus der Dat übergibt" ( P y r . 877c—d) das heißt wohl entweder, daß er diese Übergabe so
lange als möglich hinauszögert oder daß er offenbar am Tage am Himmel bleibt, jedenfalls also
der Morgenstern ist. So werden wir zur Vermutung geführt, daß wohl auch das Auge des Re in
die Gleichung von di-Schlange, Uräusschlange und Horusauge gehört, wie es der oben entwickelten
Ansicht von der Einheit des mythologischen Begriffes л ' о т (königlichen) Auge entspricht.
In das hiermit gewonnene Verständnis des Auges des Re als eines Sternes, und zwar des Morgen-
und des Abendsternes, fügen sich die beiden anderen von Sethe zitierten Textstellen leicht ein.
Aber eine neue Frage erwächst mit ihnen.

Spruch 523 = Pyr. 1231—1232 Ρ M Ν, übersetzt nach M.


„(1231 a) Der Hjmmel macht das Morgen]icht( ? ) ' fest^ für dich, (b) Erhebe dich doch (swi.k r.k)
zum Himmel als das Auge des Re (irt R' is)^. (c) Stelle dich doch an {ir) jenes östliche Auge des
Horus, (d) in^ welchem man das W o r t der Götter hört. (1232a) So stehst du an der Spitze (hnt;
N hnty) der Verklärten (b) wie Horus an der Spitze der Lebenden steht, (c) und so stehst du an der
Spitze der Verklärten (d) wie Osiris an der Spitze der Verklärten steht".

Pyr. 1734 M N.
,,(1734a) Erhebe dich doch (¡wy.k r.k, Var. swir.k) zum (ir) Auge des Re, zu jenem deinem
Namen, den die Götter machen (irn ntrw), (b) (dem) des (ny) Hr D^ty, (dem) des Hr Sksn, (c) (dem)
des Hr " (Dieser Satz steht zwischen größeren Lücken in Spruch 612, in dem Pyr. 1730
bis 1733 von der Wiederbelebung des Osiris N N , 1735 von seinem kommenden Königtum handelt.)
Trotz der Verschiedenheit der Ausdrucksweisen in 1231b und 1734 a erscheint es deutlich, daß
nach beiden Texten N N zum Auge des Re werden oder gelangen, jedenfalls mit ihm eins werden
soll. Die Bedeutung des Auges als Morgenstern paßt hier ebensogut, wie Sethe in diesen beiden

' ) í í A w í W B I S 33, 3 — 5 ) . Sethes B e m e r k u n g im K o m m e n t a r zu 3 0 4 c , d a ß die ί ί Λ » · - S t r a h l e n ( ? ) „ b e i hellem,


lichten T a g e " vorhanden sind, hat sich mir in den T e x t e n nicht bestätigt. Ich f i n d e v i e l m e h r f o l g e n d e B e s t i m -
m u n g e n : P y r . 324b (nach 3 2 6 b ) , 507c und 1231a deuten anscheinend auf den Osten, 304c (nach 3 0 6 a — b ) w o h l
auf Osten und W e s t e n wie auch der Dual in 5 1 3 a ; 852e, 1078d und 1680c beziehen sich deutlich auf den M o r g e n ,
751a anscheinend auf das Z w i e l i c h t [ihhw) ·, 889, 1061, 1108 und 1781 ergeben nichts für diese F r a g e nach der
Bedeutung. Ich möchte schließen, daß ishtv das Morgenlicht und луоЬ1 auch das A b e n d l i c h t bedeutet, möglicher-

Aveise, wegen des D e t e r m i n a t i v s die allerersten oder allerletzten Sonnenstrahlen, die den Stern noch oder
schon erkennen lassen.
snijt. G e m e i n t ist w o h l : so fest, daß N N auf den Strahlen schreiten kann w i e auf einer B r ü c k e ; s. 751a und
1680c, und v g l . auch 852e, 1078d und 1 1 0 8 a — b .
Zum enklitischen is als Bezeichnung einer mythologischen I d e n t i f i z i e r u n g ,,als" und nicht eines Vergleiches
i m Sinne v o n „ a l s ob er w ä r e " , s. Z Ä S 82 (1957), S. 88 zu P y r . 1429c. Dieses Verständnis v o n is hat sich mir
seitdem i m m e r wieder bestätigt.
*) Da ,,das östliche A u g e des Horus"" o f f e n b a r etwas Konkretes darstellt, kann ni. E. die I d e n t i f i z i e r u n g
durch im. s nicht anders als durch „ i n i h m " übersetzt werden.

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I9til] H u d о 1 f Λ 11 I 11 t> s : D a s S o n i i e n a u g e in d e n P y r a n i i d e n t e x l e i i It

Stellen seine Deutung als Sonne bestätigt fand, sogar wohl besser, wenn wir das Auge mit Hr Dity
und HrSksn (1734) gleichsetzen dürfen. Jedenfalls ist deutlich, daß NN vermittels seiner \'er-
einigung mit dem Auge des Re zu Horus werden soll, in diesen beiden und vermutlich noch zwei
anderen Formen des Horus. Die Schwierigkeit liegt in dem Ausdruck ,,jenes östliche Auge des
Horus, in welchem man das Wort der Götter h ö r t " (1231c—d).
Die Worte sdmtw mdw ntnv ,,das \\'ort der Götter wird gehört" können leicht mißverstanden
werden. Als gerichtliche Fachausdrücke sind sdm c. obj. einer Person, „jmd. verhören" und sdni
mdw ,,das Wort anhören" bekannt; siehe WB IV 386, Belegst. 10—12. Die Frage, ob in sdm mdw
das ,,Wort" des Klägers, des Angeklagten oder des Richterkollegiums gemeint ist, oder die ganze
Verhandlung, muß soviel ich sehe offen bleiben. Jedenfalls ist die Erklärung a. a. 0 . Belegst. 13,
daß sdni mdw in dieser gerichtlichen Bedeutung auch mit dem Genitiv der л^егЬ0г1еп Person vor-
käme, und zwar ausschließhch in den Pyramidentexten, ein Irrtum. Ich wenigstens kann das ein-
zige dort gegebene Zitat, Рут. 511c, nicht wesentlich anders übersetzen als Sethe es getan h a t :
,,(die sieben Götterneunheiten,) die das Wort (Sethe: die Rede) des Königs (mdw itiw) hören".
Diese Stelle gehört zu den in W B IV 384, Belegst. 10 zitierten Pyr. 1231 und 1279: „ein Wort
hören (nicht in gerichtlicher Spezialbedeutung)"; das ergibt sich schon aus einem Vergleich mit
den ebendort zitierten Stellen aus der 18. Dynastie. Zusätzlich zu Pyr. 511, 1231 und 1279 gehören
auch Pyr. 1027c und 1168c zu WB IV 384, 10, in denen aber Sethe nach seinem Kommentar zu
511c die Bedeutung ,,jmd. verhören = über ihn zu Gericht sitzen" sehen wollte, wie er das auch
in 1279 getan hat. In Wirklichkeit haben alle diese fünf Stellen, Pyr. 511, 1027, 1168, 1231 und
1279, den Genitiv oder Suffix dessen, der das Wort ausspricht, also der Bedeutung nach wie mit
der Bestimmung durch Relativsatz in 1445a („das Wort, das er spricht") und in klarem Gegen-
satz zu 347 b, wo sdm mdw ohne solche Bestimmung der gerichtliche Fachausdruck ist. Die Spre-
chenden sind in den sechs genannten Stellen der itiw-König (511), die /mwrni-Menschen oder
-Geister (1168), die Götter (1231) und NN (1279. 1445); in 1027 ist der Genitiv zerstört. Bei 511
und 1445 wird, so hoffe ich, niemand mehr auf den Gedanken kommen, daß sie auf eine Gerichts-
verhandlung gegen den König oder NN sich beziehen könnten; in 1168 wird ein Zuruf gemeint
sein, ähnlich wie in 1231 und wohl auch 1027, die beide hier gleich besprochen werden sollen. 1279
aber muß so ausführlich besprochen werden, daß ich es zweckmäßig in einen Anhang zu diesem
Aufsatz verbannt habe. Übersetzung und Kommentar, wie sie dort vorgelegt sind, zeigen deutlich,
daß das Wort des NN hiej ähnlich wie in 511 das Königswort ist, das von der Götterneunheit an-
gehört wird: der König hat im himmlischen Hause des Horus seine Herrschaft angetreten. Zu-
sammenfassend müssen wir also sagen: während das bloße sdm mdw ein gerichtlicher Fachausdruck
etwa im Sinne eines Verhörs ist, heißt sdm mdw c. gen. oder c. suff. in den Pyramidentexten, wo
allein es л ' о г г и к о т т е п scheint, immer ,,das Wort jmds. hören", und zwar handelt es sich in allen
Fällen um ein gewichtiges, autoritatives Wort. WB IV 386, Belegst. 13 muß gestrichen werden.
NN steigt auf ,,zum Himmel als das Auge des Re" und stellt sich ,,an jenes östliche Auge des
Horus, in welchem man das Wort der Götter h ö r t " (1231), und er steigt auf ,,zum Auge des Re,
zu jenem seinem (des NN) Namen, den die Götter machen, dem des Horus . . . ." (1734). Wir dürfen
wohl annehmen, daß das Ziel des Aufstieges nach beiden Textstellen im wesentlichen das gleiche
ist, nämlich die Identifizierung des NN als ,,Auge des Re", die in 1734 schon vorweggenommen ist
im Aufstiege selbst. Dieses Werden zum Auge des Re bedeutet das Treten an das östliche Auge
des Horus, in dem man das Wort der Götter hört (1231) und die Zuerteilung des Namens als Horus,
den die Götter herstellen (1734). Wir dürfen folgern, daß das Wort der Götter in 1231 dasjenige
ist, mit dem sie in 1734 den Horusnamen dem NN zuerteilen. Das macht sehr guten Sinn, wie folgt.
In meiner Behandlung der ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks mB'-hrw ( J N E S 13 (1954))
habe ich auf S. 49 gefolgert, daß die Rechtmäßigkeit des NN als himmlischer König durch den
Zuruf der Götter im himmhschen ,,Haus des Horus" anerkannt wird, und daß dies ,Haus des
Horus" dementsprechend das vorläufige Ziel seines Aufstieges ist. Das „Haus des Horus" in diesem
Zusammenhang ist am klarsten bezeugt in Pyr. 1327, wo nach der immer wieder betonten Fest-

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12 R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den Pyramidentexten [86. Band

Stellung, daß „NN aufsteigt (pri) und sich erhebt {éwi) zum Himmel", jeder Gott, der den NN zum
Himmel zu leiten bereit ist, aufgefordert wird: ,,gehe zu ihm (besser vielleicht: für ihn, in seinem
Interesse; ism n.f, seil, des NN) zum {ir) Hause des Horus, das im ^iÄiv-Himmel ist; der Zuruf zu
seinem Ka in der Gegenwart von (Ar) Geb ist (oder: sei) ,der Richtige'"; dabei sei eingefügt, daß
der Zuruf an den Ka des NN in diesem Zusammenhang gleichbedeutend ist mit dem an NN selbst —
vgl. Pyr. 354, 356, 357 mit Varr. nach J N E S 13, S. 32. Die gleiche Situation, so sagte ich a. a. 0 .
zu Pyr. 1327, ist offenbar geschildert in Pyr. 1027c, wo von jedem Gotte, der sich weigert, denNN
zum Himmel zu bringen, gesagt wird (und so ergänze ich jetzt das Fehlende nach Pyr. 1231 d): „er
soll nicht aufsteigen zum Hause des Horus, das im Himmel ist (irtpt), an jenem Tage, [da] man
das Wort [der Götter] hört". Nehmen wir die in eckige Klammern gesetzte Ergänzung an, so können
wir sagen, daß das Wort der Götter im himmhschen Hause des Horus gehört wird (1027), wenn
sie dort unter dem Vorsitz von Geb den NN als den rechten König Horus durch Zuruf anerkennen
(1327). Offenbar deckt sich diese Schilderung mit der, die wir aus Pyr. 1231 und 1734 kombiniert
haben, daß nämlich das Wort der Götter den Namen des NN als Horus schafft. Das heißt, daß
das Werden des NN zum Auge des Re am Himmel sich deckt mit seiner Anerkennung als himm-
lischer Horns duich den Zuruf der Götter. Das stimmt dazu, daß wir bereits aus den zuerst be-
sprochenen Pyramidenstellen (698 und 703—705) geschlossen haben, daß wahrscheinhch das Auge
des Re als Morgenstern gleichbedeutend ist mit der Erscheinungsform des himmlischen Horus als
Morgenstern.
Nach diesem m. E. sicheren Verständnis unserer Textstellen können wir weiter schließen, daß
,,das östliche Horusauge" in 1231c kaum etwas anderes sein kann, als ,,das Haus des Horus" in
1027 und 1327. Das erscheint durchaus möglich, denn ähnlich werden ja auch Pyramide und Gottes-
haus des NN, wenn sie ihm geweiht werden, als Horusauge bezeichnet (Pyr. 1277; siehe unten den
Anhang). Die ungewöhnliche Bezeichnung von irdischen und mythischen Bauten als Horusauge
ist verständlich aus der Bedeutung, die die Darbringung des Horusauges durch Horus an Osiris
hat. Das Horusauge ist unabdinglicher Bestandteil des Königtums. Nur dadurch, daß Horus dem
Osiris das verloren gegangene Horusauge zuteilt, kann Osiris zum jenseitigen König, als König
Osiris oder als himmlischer Horuskönig, werden. Aber auch nur dadurch, daß Horus dem ver-
storbenen Vater Totengaben bringt, andere Zeremonien vollzieht und Verklärungen zuruft, kann
Osiris zum Leben gebracht werden und das Königtum erhalten. So kann jede der unabdinglichen
Totengaben, sei sie ein greifbarer oder ein mythologischer Gegenstand, als Horusauge bezeichnet
werden. Das gilt verständlicherweise für die dem Verstorbenen geweihte Pyramide mit Tempel,
aber eben anscheinend auch für das himmlische Haus des Horus, das dem toten König vermittels
der Verklärungstexte seines Sohnes, des Horus, zuteil wird. Immerhin, die Bezeichnung des himm-
lischen Hauses des Horus als Horusauge war gewiß ungewöhnlich und auch dem Theologen nicht
ohne weiteres verständlich. Deswegen ist ,,Horusauge" in Pyr. 1231c—d näher erläutert; es ist
„jenes östliche Auge des Horus, in welchem das Wort der Götter gehört wird". Das erscheint un-
mißverständlich. Übrigens darf das ,,östlich" natürlich nicht im Gegensatz zu einem westlichen
Horusauge verstanden werden, sondern eben als Erläuterung; es ist ein Horusauge, das sich im
Osten, also nicht hier auf Erden befindet.
Von diesem Verständnis des „Horusauges im Osten, in dem das Wort der Götter gehört wird"
fällt nun auch Licht auf die Verschiedenheit der Art, in der das Auge des Re in den Text von 1734
und 1231 eingeführt wird. In 1734 ist das Auge des Re, der Morgenstern, das Ziel, zu welchem NN
sich erhebt, um durch den Ausspruch der Götter mit ihm eines zu werden als Horus Dati. Nach 1231
aber ist das Ziel der Erhebung das Auge des Horus, also das Haus des Horus, in dem der Zuruf
der Götter gehört wird ; da h a t der Autor das Verständnis der Situation dadurch erleichtert, daß
er die Einswerdung mit dem Auge des Re als bereits vollzogen vorwegnimmt ,,ΝΝ erhebt sich als
das Auge des Re zum Auge des Horus". Was dem Wortlaut nach als eine Verschiedenheit in der
Charakterisierung des Auges des Re erscheinen kann, ist also nur eine Verschiedenheit des Aus-
drucks, nicht des Inhalts. Darüber hinaus liegt in der Nebeneinanderstellung der beiden Ausdrücke

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1961] R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den Pyramidentexten 13

„Auge des Re" und „Auge des Horus" in 1231 vielleicht auch dichterische oder theologische Ab-
sicht, die wir nicht verstehen.
Zwar geht uns das Horusauge hier nur soweit an, als es den Begriff des „Auges des Re" klärt,
aber zwei weitere Hinweise erscheinen in dem besprochenen Zusammenhange doch nützlich. In
Pyr. 451a ist „dein großes östliches Auge", das NN dem östlichen Horus bringt, gewiß nicht das
Haus des Horus, sondern wohl der Uräus oder Schlangenleib, der blutvoll und atmend mit NN
identisch ist und nun eins werden soll mit dem östlichen Horus und schließlich mit Re. Ähnlich
muß das Horusauge am Himmel auch sonst verstanden werden. Ferner müssen wir noch einmal
auf den oben besprochenen Spruch 402 = Pyr. 698 zurückkommen. Da heißt es in der Fassung
Pepis II. (N), daß NN zusammen mit Geb weit ist und zusammen mit Nut hoch ist, und daß er
jenes Auge des Horus ist, das nachts empfangen und geboren wird. Damit steht N im Gegensatz
zu Τ und P, die „Re" statt „Nut" und „Auge des Re" statt ,,Auge des Horus" haben. Da die
jüngste Fassung N zunächst leichter verständlich erscheint, hat Sethe sie mit gutem Grunde für die
schlechtere gehalten und unberücksichtigt gelassen. Aber beide Fassungen ergeben guten Sinn. TP
stellen Geb dem Re gegenüber und bezeichnen den Verklärten als das Auge des Re, den Morgen-
stern. N sieht die näherliegende Zusammengehörigkeit von Geb und Nut und läßt den Verklärten
das Auge des Horus sein, das nach Pyr. 976c ebenfalls mit NN und der di-Schlange identifiziert
am Himmel erscheint, gewiß mit gutem Recht auch als Morgenstern. So kann es wohl sein, daß
N eine korrekte alte Fassung ist, die aus der Zeit stammen kann, in der Re noch nicht als König in
die Pyramidentexte eingeführt war. Bei dieser Gelegenheit ist es wohl ganz gut, wenn wir uns einmal
die sehr komplizierten Beziehungen vergegenwärtigen. Der Morgenstern, und das gilt wohl auch für
den Abendstern, kann der himmlische Horus selbst sein als der verklärte NN, aber er kann auch
das Auge des Horus sein, da er wie wir sahen mit der ¿¿-Schlange identisch ist, die ihrerseits wesens-
gleich mit dem Auge des Horus aber zugleich auch der Schlangenleib, d. h. die verklärte Form, des
verstorbenen Königs ist; und in seiner Eigenschaft als Horusauge kann der Morgenstern dann auch
einmal zum „Haus des Horus" werden, in dem NN durch Zuruf zum himmlischen Horus erklärt
wird. Im Grunde lassen sich alle diese mannigfaltigen und zunächst verwirrenden Beziehungen
leicht zurückführen auf die Grundtatsache, daß der König Ägyptens der Gott ist, der nach seinem
irdischen Tode zum himmlischen Königtum verklärt wird.
Unter diesen mannigfachen Beziehungen scheinen auch solche aufzuleuchten, die nicht auf die
Entstehung, sondern auf die Weiterentwicklung der Vorstellung vom Sonnenauge und seines
Mythos möglicherweise sich beziehen. An zwei Beispielen möchte ich mythologische Figuren, die
uns später im Mythos vom Sonnenauge begegnen, aus einschlägigen Stellen der Pyramidentexte
heraufzubeschwören. Das erste Beispiel ist der Textgruppe entnommen, deren Besprechung wir
eben abgeschlossen haben. Wir haben gesehen, daß das Horusauge in so enger Parallele mit dem
Sonnenauge steht, daß wir den Begriff des Sonnenauges aus dem des Horusauges entwickelt ver-
stehen müssen. Andererseits aber sahen wir, daß dieses selbe Horusauge auch das himmlische
Haus des Horus bezeichnen konnte in bestimmtem Zusammenhang. Vielleicht beruht die Beziehung
zwischen Horusauge und Haus des Horus doch auf einer breiteren Grundlage als die ist, die wir
festgestellt haben, nämlich das Verständnis des Horusauges als Gabe des Horus an Osiris. Wie ich
in JNES 18, S. 193 ausgeführt habe, machen die Pyramidentexte keinen Unterschied zwischen dem
„Haus des Horus" und der Göttin Hathor; diese beiden Begriffe sind das gleiche: sie bezeichnen
das himmlische Gegenstück der Halle, in der der König durch Zuruf von der Körperschaft von
Heliopolis anerkannt wurde, und gleichzeitig die vergötthchte Form dieser Halle, die Göttin Ha-
thor. Somit haben wir in Pyr. 1231c—d eine unleugbare Identifizierung des Horusauges mit der
Hathor, und wir dürfen uns dabei wohl erinnern daran, daß in der ,,Vernichtung des Menschen-
geschlechtes" das Auge des Re die Hathor ist, ähnlich wie in der Geschichte von der Rückkehr der
Hathor-Tefnut aus Nubien. Auch dürfen wir in diesem Zusammenhang daran denken, wenn auch
zunächst ohne Begreifen, daß das Auge des Re sich oben auf dem Gehörn der Hathor befindet als
einer der Sterne auf dem frühgeschichtlichen Bilde des Kuhkopfes (siehe oben zu Pyr. 705 a). —

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14 R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den l'yrainidentexten [86. Band

Das zweite Beispiel für mögliche, aber schwer faßbare Beziehungen ist Spruch 683 (Pyr. 2047 bis
2050): ,,(2047a) ,Siehe Dieses da (nre)', so sagen sie betreffend N N , so sagen die Götter betreffend
N N , (b) und so ist das Wort der Götter betreffend N N gefallen: (c) ,Dieses da ist Horus, der aus
dem Nil hervorgekommen ist; Dieses da ist der /igi-Stier, der aus 4nbt (Memphis ?) hervorgekom-
men ist; (d) Dieses da ist die di-Schlange, die aus Re hervorgekommen ist; Dieses da ist die Vrt-
Schlange, die aus Seth hervorgekommen ist. (2048a) Alles, was dem N N geschehen wird, wird
ebenso geschehen sein der Mddtit (b) der Tochter des Re, die auf seinem Schöße sitzt; (c) alles,
was dem N N geschehen wird, wird ebenso geschehen sein der -V/rfi, (d) der Tochter des Re, die
auf seinem Schöße sitzt, (2049) denn N N ist der Wdi, der Sohn des Wdi, der hervorgekommen ist
aus der Wdit. (2050a) Heil {wdS) ist NN, und ist NN heil, so ist das Horusauge, das in Heliopolis
ist, heil; (2050b) lebend ist N N , und ist N N lebend, so ist das Horusauge, das in Heliopolis ist,
l e b e n d ' " . Zwei Punkte meiner Übersetzung sind diskutierbar. Erstens nehme ich an, daß der ganze
Hauptteil des Spruches, von 2047c bis zum Ende, die Rede der Götter ist, weil es mir unwahr-
scheinlich ist, daß in diesem kurzen Spruch an den Zuruf der Götter, die den N N als Horus be-
grüßen, eine Verklärung durch den Priester angehängt sein sollte; diese würde überflüssig er-
scheinen, da ja schon die Götter die Verklärung anerkannt haben. Zweitens nehme ich an. daß
,,Tochter des Re" eine Apposition zu Mddtit und Md3 ist, obgleich der letztere Name männlich ist;
wahrscheinlich ist die Verbindung nicht eine Koordination (der Mddtit und der Tochter des Re")
und wegen des Götterdeterminativs bei Mddtit und Mdi wohl auch nicht eine genitivische Ver-
bindung („Mddtit der Tochter des Re"). Sethe, Sonnenauge S. 19 betont durchaus mit Recht, daß
in diesem T e x t die Tochter des Re ,,deutlich von der ,Schlange die aus Re kam', das ist die Uräus-
schlange, das Auge des Re, unterschieden" ist. Aber ebenso richtig ist es, zu betonen, daß, wenn
meine Auffassung des Ganzen als der Rede der Götter richtig ist, die Uräusschlange, die Tochter
des Re und das Auge des Horus parallel stehen in ihrer Gleichsetzung mit dem verklärten NN, die
zweifellos auf einen gewissen Zusammenhang dieser drei mythologischen Begriffe hinweist. Wir
dürfen sehr wohl daran denken, daß nach den zu Beginn dieser Untersuchung zitierten Stellen aus
den Sargtexten (C. T. II 5 a — b . 3 5 f — g . IV 8 6 w ) das einzigartige Auge des Atum, das er zur
Suche aussandte, zugleich die Maat, die Tochter des A t u m ist. Auch hier also könnten wohl ver-
bindende Fäden sich hinziehen von dem Auge des Horus in den Pyramidentexten zu dem Sonnen-
auge, der Tochter des Re, in den späteren mythologischen Erzählungen. Dazu sei erwähnt, daß
Sethe in seinem Kommentar zu 192b eine Bezeichnung des ,,Horusauges" als ,,Tochter des Osiris
N N " für möglich hält; wir können jetzt hinzusetzen, daß Osiris N N ja der ursprüngliche Besitzer
des Horusauges war als Horus; so wäre das Horusauge die Tochter des Horus?
Hinsichtlich der Methode, die in den letzten beiden Abschnitten angewandt worden ist, möchte
ich darauf aufmerksam machen, daß jeder Versuch, den Gedankengängen der ägyptischen Theo-
logen nachzuspüren, verlockend, nützlich, aber auch gefährlich ist. Solche Versuche dürfen dazu
benutzt werden, die auf wissenschaftlichem Wege erarbeitenden Resultate zu bestätigen, nicht
aber Resultate zu gewinnen. Denn die Methode dieser alten Theologen führte ins Uferlose und луаг
dazu bestimmt, ins Uferlose zu führen, mit aller Logik.
Außer in Pyr. 6 9 8 , 7 0 5 , 1 2 3 1 und 1734, die wir hier besprochen haben, kommt das „Auge des Re",
soviel ich sehe, noch zweimal in Sethes Ausgabe der Pyramidentexte vor. In 124 steht imy irt R'
,,der( ?) im Auge des Re Befindliche" anscheinend parallel zu imy irt ntr und in einem Anruf, der
anscheinend eine Darbringung begleitet; ich verstehe die Sätze nicht, aber das ,,Auge des Re" und
das ,,Auge des Gottes" scheinen irdische Objekte zu sein. Nach 2206e, das nur aus dem M.R. er-
halten ist, ist N N „der lebende Uräus, der aus dem Auge des Re hervorgekommen ist (i'rt 'nht prt
min R')"; das kann wohl als eine Art Gleichsetzung von Uräus und Auge des Re verstanden
werden, ähnlich wie Uräus und Horusauge gleichgesetzt sind; die Uräusschlangen sind auch die
Augen der N u t (823), des Geb (1624) oder des N N (1287) ; vgl. 1820) ; zu prt m im Sinne von „heraus-
kommen als" siehe J N E S 18, S. 211. Von anderen Erwähnungen des Auges als eines mytholo-
gischen Begriffes seien das des ТЫ, das stark ist (290), das des N'wti, das im Feuer ist (702) das

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1961] R u (I о I f A η t li e s : D a s S o n n e n a u g e in den P y r a i i i i d e i i t e x t e n 15

große Auge (509b) und nwit mit dem Auge determiniert (1782) genannt, von denen Sethe die in
290 und 702 für die Sonne hält, nicht aber das in 509; siehe den Kommentar.
Die letzte dieser Erwähnungen eines ,,Auges", die für unsere Frage nach dem Sonnenauge
beachtet werden müssen, obgleich sie nichts zu ihrer Lösung beizutragen scheinen, hat mich un-
erwartet in eine Verteidigungsstellung gedrängt, nachdem alles vorhergehende endgültig nieder-
geschrieben war; es handelt sich um Pyr. 513a. Durch die Anwendung unserer bisher gewonnenen
Resultate zum Sonnenauge ist es nun gelungen, den Spruch, zu dem Pyr. 513 gehört, aus einem
Problem in ein sinnvolles Ganzes zu wenden, das nun geradezu als ein zusätzliches Beweisstück
für die Richtigkeit unserer Ergebnisse benutzt werden kann. So möchte ich am Schluß der Dis-
kussion der Textstellen für das Sonnenauge den Spruch 319 ausführlich besprechen. Da die Lösung
nicht auf philologischer Neuinterpretation beruht, sondern vor allem auf sachlicher Deutung, gebe
ich hier Sethes Übersetzung in extenso wieder; leichte Abweichungen, die mir berechtigt und not-
wendig erscheinen, habe ich in den Anmerkungen vorgeschlagen.

Spruch 319 = Pyr. 513—514 W (Sethe)


,,(513a) NN ist der Stier des (doppelten?) Lichtglanzes, der inmitten seines Auges wohnt
{kS iShw hr(y) ib irt.f). (b) Heil ist der Mund des NN durch den Gluthauch, das Haupt des NN
durch das Gehörn, (als) der Herr von Oberägypten (Haroëris von Kus) {wdS rs NN m hh, tp NN
m wptnbàm\ mit als Determinativ zu пЫт'^у. (с) NN leitet (sèm) den Gott, NN gebietet
über (áhm m) die Götterneunheit. (d) NN läßt den Lapislázuli wachsen, NN läßt die oberägyptische
íH^n-Pflanze sprießen. (514a) NN hat die Stricke aus der ¿/riimi-Pflanze geknüpft, (b) NN hat die
Himmel vereinigt, NN gebietet über dieLänder, die südlichen und die nördlichen, (c) (als) der Gott
derer, die vorher waren, (d) NN hat (sich) eine Gottesstadt gebaut, gemäß ihren Belangen (d.h. wie
sie sein muß)^ {iw kdn NN niwt ntr r sdì .s). (e) NN ist ein dritter (d. h. Gefährte von zwei anderen ?)
bei seinem Erscheinen (als König in der neuerbauten Stadt)' (NN pi hmtnw m A'./)."
Es scheint sehr nahezuliegen, den ,,Stier des (doppelten ?) Lichtglanzes" (513a; ÍÍAÍV, das als Dual
geschrieben ist, könnte Nisbe-Bildung sein) als die Sonne zu verstehen; 513b spricht nicht dagegen,
513 d spricht sehr dafür. Es besteht j a wohl Grund zur Annahme, daß die Sonne seit der Vorzeit
als Stier begriffen worden ist, der sich täglich aus dem Kalb entwickelt, das nach Pyr. 1029 morgens
vom Himmel geboren wird. Auf diese Vorstellung angewandt würde unser Text zeigen, daß nicht
nur der Stier, sondern auch sein Auge als Sonne begriffen worden sei. Das würde dann der bisher
üblichen Deutung des Sonnenauges als Sonne entsprechen, von der wir doch am Ende dieses langen
Aufsatzes mit Sicherheit sagen können, daß sie für das ,,Auge des R e " falsch ist. Wir halten uns
daran auch hier um so lieber, als die Vorstellung von der Sonne als eines Stieres, der in seinem
eigenen Auge wohnt, bildhaft unmöglich zu begreifen und auch sonst Unsinn sein würde. Da wir
nun gesehen haben, daß das ,,Auge des R e " der Sirius der Jahreswende ist, wobei wir die anderen
Möglichkeiten von Morgen- und Abendstern einmal beiseite lassen dürfen, so müssen wir zunächst
fragen, ob auch „der Stier des (doppelten) Lichtglanzes, der in der Mitte seines Auges wohnt", sich
auf den Sirius beziehen kann. Die Bestimmung des Stiers durch den Ausdruck ,,des (doppelten)
Lichtglanzes" widerspricht dieser Auffassung nicht, denn wir haben oben bei der Besprechung von
Pyr. 1231 festgestellt, daß iShw eine bestimmte Bezeichnung des Morgen- wie wohl auch des Abend-
lichtes ist. Eine Bezeichnung des Sirius als „Stier des Morgen- und Abendlichtes" würde ihn als
Hüter oder Beherrscher deuten, ähnlich wie der,,Stier des Himmels {ki ptY'' als Wächter vorkommt

') S e t h e b e t o n t , d a ß d e r G e b r a u c h des wdi als sdm. f-Form m t t zwei f o l g e n d e n S u b j e k t e n , , b e t n e r k e n s w e r t


und e t w a s u n g e w ö h n l i c h i s t " . Deswegen ziehe ich die A u f f a s s u n g als P s e u d o p a r t i z i p v o r : ,,der S t i e r . . . d e r
i n m i t t e n s e i n e s A u g e s w o h n t , i n d e m e r heil i s t , und d e r M u n d des N N i s t v e r s e h e n m i t G l u t h a u c h , der K o p f
des N N m i t d e m , , G e h ö r n " des ( f a l k e n g e s t a l t i g e n ) H e r r n v o n O b e r ä g y p t e n " ; a u f das , , G e h ö r n " k o m m e i c h
unten zurück.
r sdì.s i s t von mir u n t e n ü b e r s e t z t m i t ,,um sie heil zu m a c h e n " .
Zu S e t h e s F r a g e z e i c h e n h i n t e r ,,zwei a n d e r e n " s i e h e seine B e m e r k u n g zu P y r . 1 0 8 2 d , die wir h i e r auf s i c h
b e r u h e n l a s s e n k ö n n e n . A u f die B e d e u t u n g des „ E r s c h e i n e n s " k o m m e n wir u n t e n z u r ü c k .
Zeitechr. f. Ägypt. Sprache. S6. Band. •>

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16 RudolfAnthes: Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. Band

(1432), vermutlich dort wie in 332 als Stern. 513d paßt für den Sirius, den Bringer der Fruchtbar-
keit, nicht schlechter als für die schöpferische Sonne. Daß nach 513c NN ,,den Gott (Re nach Sethe)
leitet", paßt für den Morgenstern und nicht für die Sonne. Auf 514 e, wo wir an den Siriusstern als
„den dritten" in 822 Ρ (mase.), 1082 und gewiß auch 1152 denken können, werden wir unten zu-
rückkommen. So dürfen wir zwanglos folgern, daß der Ausdruck ,,Stier des Morgen- und Abend-
lichtes" hier den himmlischen Horus bezeichnet, der als Sirius-, Morgen- und Abendstern er-
scheint. Dann ist ,,sein Auge", in dessen Mitte er sich befindet, nicht das Auge des Stiers, sondern
des Horus, das ja selbst, wie wir gesehen haben, Schlange und Morgenstern ist. Die nicht bildhaft,
sondern rein spekulativ entstandene Idee, die 513 a zu Grunde liegt, ist die, daß der himmlische
Horus in dem von der Erde zum Himmel aufgestiegenen Horusauge sich befindet. So ist auch 513b,
der Gluthauch des Mundes, aus dem Begriff des Uräus leicht verständlich. Das „Gehörn" in 513b
ist allerdings nicht so einfach erklärbar. Sethe verweist dazu auf 546 a, wo nach seiner Ansicht
wpt R' wohl nicht das Gehörn, sondern die Sonnenscheibe als „Scheitelschmuck" bedeutet. Dar-
nach können wir unseren Text vielleicht in dem Sinne verstehen, daß der Scheitelschmuck des NN
statt des beim Stier zu erwartenden Gehörns etwa die Doppelfeder ist, die der goldene Falkenkopf
von Hierakonpolis trägt, der dem „Herrn von Oberägypten" des Textes entsprechen würde. Ferner
passen 514b—с zum himmlischen Horus sehr gut, aber gar nicht zu einer Sonne, die nicht als der
Himmelskönig Re bezeichnet ist; das gleiche dürfen wir wohl auch für 514a annehmen, das auf
eine mir unbekannte Vorstellung anspielt. Es sind nur zwei Punkte, die mir bis zuletzt unlösbar
geblieben waren, nämlich das hry-ib in 513 a und die Erwähnung einer Stadt in 514 d. Vor allem
hry-ibirt.f hat mir Schwierigkeiten gemacht. Es ist schwer vorzustellen, daß es die gleiche Be-
deutung haben sollte wie ein etwaiges imy irt.f, das auch nach den von Sethe angeführten Par-
allelen zu erwarten sein würde; es schien sich hier doch deutlich um eine Gleichsetzung von Horus
und Horusauge zu handeln, nicht um ein Bewohnen. Nun haben wir aber in Pyr. 1231 с das ,,Horus-
auge" als Bezeichnung eines Gebäudes, des Hauses des Horus gefunden, und das Gleiche wird auch
hier vorliegen. Dann können wir 513a so paraphrasieren : „NN ist der Stier des Morgen- und Abend-
lichtes, also der himmlische Horus, der sich in dem ein Gebäude im himmlischen Licht darstellenden
Horusauge befindet, indem er heil ist". Und es ist dieser Anfangsgedanke, der am Ende des
Spruches in 514d—e wieder aufgenommen wird: ,,Es ist j a so, daß NN einen Aufenthaltsplatz des
Gottes (auf der Erde und somit auch im Himmel) gebaut hat, damit er es heil mache; und so ist
er der dritte neben dem himmlischen Horus, der der Stier des Lichtglanzes ist, und dem Sirius,
der als Horusauge der Schlangenleib des Königs oder sein Uräus oder ein Gebäude ist, wenn NN
als Stern und damit als König erscheint". So bezeichnet gewiß hier wie in 1231 с „Horusauge" das
Haus des Horus, und diese ungewöhnliche Bedeutung des Horusauges ist hier wie dort dem ägyp-
tischen Theologen eindeutig erkennbar gemacht, hier durch den Ausdruck hry-ibirt.f, ,,der in
seinem Auge sich aufhält". — Für wd3 „heil" (513b), das sich nach meiner zum Text gegebenen
Anmerkung auf den ,,Stier des Lichtglanzes", also den himmlischen Horus bezieht, und für das
sdi des Hauses des Horus (514d; siehe ebenfalls meine Anmerkung) möchte ich daran erinnern,
daß ich wie oben gesagt eine Bedeutung ,,am richtigen Platz, in richtiger Funktion sein" für wdS
mit Bezug auf das Horusauge der üblichen Auffassung als „unverletzt sein" vorziehe. Das gleiche
Verständnis des vt>d3 und des kausativen ádS scheint auch hier sinnvoll zu sein.

So denke ich, daß die Deutung des ,,Auges des R e " als Sirius uns ermöglicht hat, dem Spruch 319
Sinn zu geben, während er bisher wie die meisten Pyramidensprüche uns etwas sinnlos erscheinen
mußte; das ist um so netter, als hier das Sonnenauge j a gar nicht vorkommt, sondern nur das
Horusauge. Diese Klärung des Spruches kann uns willkommen sein als eine Art Gegenprobe auf
die Richtigkeit unserer Deutung, obgleich solche Probe aufs Exempel nicht erforderlich war.

3. Zusammenfassung
Im 1. Abschnitt dieses Aufsatzes habe ich zu zeigen versucht, daß die Vorstellungen vom Auge
des Horus, dem des Atum und dem des Re eine Wesensgemeinschaft zeigen, die uns berechtigt.

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1961] R u d o l f A n t h e s : Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n 17

alle drei als Formen des mythologischen Begriffes vom einzigartigen, zusätzlich zu den beiden
natürlichen Augen bestehenden Königsauge anzusehen. Deswegen und auf Grund meiner Ansicht
über den Mythos von Horus und seinem Stammbaum habe ich die bisherige Ansicht, daß das Auge
des Re in den Pyramidentexten die Sonne sei, abgelehnt. Im 2. Abschnitt habe ich aus den Py-
ramidentexten erwiesen, daß das Auge des Re der Sirius ist, d. h., der Morgen- und Abendstern der
Zeit um die Jahreswende, und darüber hinaus anscheinend der Morgen- und Abendstern jedes
Tages. Im Verlauf aller jener bisherigen Untersuchungen haben wir die mannigfachen Beziehungen,
die zwischen dem einzigartigen Königsauge und dem Sirius als Sonnenauge liegen, diskutieren
müssen unter Heranziehung der einschlägigen Bezeugungen aus den Texten, die in Abelen Fällen
direkt, sonst aber durch Hinweise auf frühere Untersuchungen zitiert worden sind. Es scheint mir
nützlich, hier ein Bild dieser Beziehungen kurz zusammenfassend zu zeichnen, wie es sich bei dem
gegenwärtigen Stand unserer Untersuchungen vorläufig gestaltet hat.
Aus meiner ohne mein Zutun bisher unveröffentlichten Untersuchung der rfi-Schlange, deren
Wesen anscheinend von Ursprung her sich teilweise deckt mit gleichen Wesenszügen von Uräus
und Horusauge, und aus früheren Schlüssen aus dem Osirismythos sind wir zu der Folgerung ge-
langt, daß ursprünglich die Vorstellung bestanden hat, daß „das Auge", was auch immer damit
gemeint war, ein der Uräusschlange wesensähnliches königliches Attribut war. Aus der Rolle des
Horusauges im Osirismythos erschlossen wir den folgenden Grundgedanken der Vorstellung vom
Auge, den wir dann auch im späteren Mythos vom Sonnenauge wiederfanden: Solange der König
Horus lebte, war er „gebannt zum Schutze seines Auges", das Auge haftete an ihm, die Königs-
herrschaft war ungestört, und Maat, Recht und Ordnung, herrschten im Lande. Die Trennung des
Auges vom Horus bedeutete, daß der König tot war, der Weg war frei für Anarchie und Chaos;
das Auge konnte wohl treuhänderisch bewahrt werden, wurde es aber losgelassen, so daß es in die
Ferne ging, so wurde es furchtbar, und mit ihm verließ die Maat Ägypten. Erst durch die Vereini-
gung des Auges mit dem neuen König, durch die Wiedervereinigung des Auges mit Horus, wurden
Friede und Ordnung wiederhergestellt. Diese Vorstellung vom Auge des Horus wurde in den My-
thos, nach dem der Horus-König durch den an ihm durch Seth begangenen Mord zum Osiris woirde,
folgendermaßen eingebaut: Das Horusauge wurde im Kampfe zunächst von Seth geraubt; der
beraubte Horus wurde zum Osiris, und das Auge wurde dann von Horus, dem Sohn des Osiris,
wiedergewonnen ; dabei scheint dem Thot die Rolle eines Treuhänders des Auges zugefallen zu sein.
Horus gewann in dem zweiten Kampfe das Auge nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen
Vater, der Horus gewesen war. So wurde Horus König, aber gleichzeitig wurde dadurch, daß er
das Horusauge auch dem Osiris gab, dessen erneutes Leben und Königtum als himmlischer Horus
hergestellt. Damit wurde die Darbringung des Horusauges durch Horus an Osiris zum Sinnbild jeder
Darbringung und jeder Zeremonie, durch welche der Horuskönig die Wiederherstellung des Lebens
seines Vaters Osiris und seine Verklärung zum himmlischen Horus bewirkte; „Horusauge" konnte
zur Bezeichnung wohl jeder dem Osiris von Horus dargebrachten Sache und darüber hinaus viel-
leicht aller, jedenfalls gewisser Opfer im allgemeinen Gottesdienst werden. Kein Grund besteht für
die Annahme, daß der himmlische Horus ein eigenes, von dem des irdischen Horus unterschiedenes
Horusauge gehabt habe, denn der himmlische und der irdische Horus waren eine Einheit, und es gab
eben nur ein Auge des Horus; das in den Pyramidentexten vorkommende Horusauge am Himmel
ist an sich die di-Schlange, der Schlangenkörper des verklärten, vormals irdischen Königs, aber es
ist uns auch als das Haus des Horus begegnet, in dem das himmlische Königtum des Horus durch
den Zuruf der Götter festgestellt wurde. Alle diese Erscheinungen, der himmlische Horus selbst, das
Horusauge, die ¿«-Schlange und das Haus des Horus sind zusammen verkörpert im Sirius der Jahres-
wende oder Morgen- und Abendstern. Im Gegensatz zum himmlischen Horus war Atum zwar ein
Doppel des Horus und damit des irdischen Königs, aber er wurde nicht als eine Einheit mit diesem
begriffen. So mag der Begriff des Auges des Atum, den wir aus den Sargtexten kennen, schon in
der Frühzeit bestanden haben, aber wenn das so war, haben wir nach dem Charakter des Atum
keinen Anlaß zur Annahme, daß es am Himmel gedacht oder gar mit einem Himmelskörper

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18 R u d o l f A n t l i e s : Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. Band

identifiziert wurde. Zur wesenhaft himmlischen Erscheinung aber wurde das Auge, als die Sonnen-
scheibe Re als König am Himmel die Begriffe des himmlischen Horus und des Atum in sich ver-
einte. Das ,,Auge des R e " wurde nun in Sirius und den anderen Morgen- und Abendsternen jeweils
gesehen; diese Identifizierung geschah gewiß in Fortsetzung der Tradition, daß sowohl das Horus-
auge am Himmel als auch der himmlische Horus im Siriusstern erschienen waren. Aber erst als
Auge des Re wurde das Auge wesenhaft und endgültig zum Himmelskörper. Es konnte wohl nur
eine Frage der Zeit sein, wann und in welcher Form der Begriff des Auges vom Stern auf die beiden
großen Himmelskörper, Sonne und Mond, übertragen wurde. Aber Sethes Feststellung, die doch
wohl noch gültig ist, daß nämlich nach der Zeit der Pyramidentexte die Sonne niemals als das
Auge des Re bezeichnet worden ist, zeigt, daß die Begriffe ,,Sonnenauge" und ,,Sonne als Auge"
sorgfältig auseinandergehalten wurden; Sethes Annahme, daß in den Pyramidentexten die Sonne
als ,,Auge des R e " bezeichnet worden sei, denke ich oben in Abschnitt 2 endgültig widerlegt zu
haben.
Ob die hier vorgetragene Ansicht von der Entwicklung des Mythos vom Auge voll oder nur teil-
weise sich bestätigen wird, ist eine Frage der Zeit im Verlauf weiterer Untersuchungen; zunächst
scheint sie dadurch gestützt zu sein, daß sie uns das Verständnis von Pyr. Spruch 319 ermöglichte.
So dürfen wir j e t z t auch die Frage überlegen, wie der Begriff des ,,Auges" entstanden sein kann,
auch wenn wir eine sichere Antwort nicht geben können. W i r finden das Auge zunächst als ein
Kennzeichen des Königs, ein einzigartiges Auge zusätzlich zu dem üblichen Augenpaar, und in
wesentlichen Punkten übereinstimmend mit di-Schlange und Uräus. Ich habe eine Zeitlang daran
gedacht, daß dieses dritte, dem König allein eigene Auge etwas ähnliches sein könnte wie das rot
aufgemalte Kennzeichen der Frauen der Brahmanenklasse in Indien, das wie ich hörte als ein
drittes Auge aufgefaßt wird, dessen Sehkraft über den Bereich der Sinneswerkzeuge hinaus in
sonst unzugängliche Bezirke dringt. Aber weder ist mir gelungen, etwas wissenschaftlich Authen-
tisches über dieses dritteAuge festzustellen, noch ist irgend einGrund erkennbar, warum wir aus dem
indischen Auge auf das des frühägyptischen Königs Schlüsse ziehen dürften. Die zweite und mehr
beachtliche Möglichkeit einer Erklärung schien mir die zu sein, daß wir gar nicht von einem Mythos
des Auges, sondern von dem der Uräusschlange sprechen sollten. W i r könnten denken, daß der
Uräus erst dann Auge genannt wurde, als er als mythologischer Begriff in den Mythos von Horus,
Osiris und dem Erzfeind Seth eingeführt wurde. W i r könnten etwa so zu argumentieren versuchen,
daß der Mythos von Osiris vielleicht sehr früh zum mythologischen Bericht aus der Vergangenheit
wurde, wie er uns in den Pyramidentexten schon entgegentritt zusammen mit dem in der Gegen-
wart erlebten Mythos, und daß zu dem rein menschlichen Charakter der handelnden Personen in
der mythologischen Erzählung die Schlange nicht gepaßt habe, so daß sie durch das menschliche
Auge ersetzt worden sei, ungeachtet dessen, daß die Einzigartigkeit des Horusauges doch immer
wieder zum Durchbruch kam. Aber dieses Argument ist schlecht. Erstens wäre es schwer begreif-
bar, daß die mythologische Erzählung den Kern des Mythos in solcher Art beeinflußt hätte, und
zweitens haben doch auch in der Erzählung alle drei Hauptfiguren des Mythos ihren königlichen
Charakter soviel wir sehen bewahrt, so daß die Uräusschlange ganz gut auch in die Erzählung ge-
paßt haben müßte. Und ein weiterer gewichtiger Einwand gegen die Annahme, daß der Begriff
des Auges aus dem der Uräusschlange entstanden sei, ergibt sich aus meiner schon öfters genannten
Untersuchung der di-Schlange, des Schlangenkörpers der Götter. Sie hat nämlich gezeigt, daß die
Verbindung zwischen Horusaugé und di-Schlange im Sprachgebrauch sehr eng ist, während dies
Anzeichen der Wesensgleichheit nicht besteht zwischen dem Uräus einerseits und dem Horusauge
und der di-Schlange andererseits. Das zeigt sich einmal darin, daß das Horusauge selbst seinen
„Schlangenkörper" besitzt und dadurch ebenso wie andere Gottheiten, NN und der Morgenstern als
di-Schlange selbst ausgewiesen ist; von einem „Schlangenkörper" des Uräus wissen wir aber nichts.
Zweitens besteht ein bemerkenswerter Zusammenhang zwischen di-Schlange und Horusauge
darin, daß diese beiden Ausdrücke gleichermaßen als Objekt bestimmter Verben vorkommen, die
mit dem Urälis als O b j e k t nicht gebraucht werden. Diese Verben sind iti ,,an sich n e h m e n " , wnh

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1961] К u d о 1 f A η t h e s : Das Sonnenauge in den P y r a m i d e n t e x t e n 19

,,anziehen, sich bekleiden m i t " , nd ,,retten( ?)", shm m ,,sich bemächtigen", nhm „frei machen"
und, wie sich das erst durch die Bearbeitung von Pyr. 1277b—1279 hier unten im Anhang heraus-
gestellt hat, auch wnm ,,essen". Diese Verben kommen, wie gesagt, mit dem Horusauge als Objekt,
nicht mit dem Uräus vor, und mit der Л-Schlange als Objekt bezeichnen sie zusammen mit mdw
,,anreden" den entscheidenden Vorgang der Verwandlung oder Verklärung des NN in den Gott,
also den himmlischen Horus. Die Übereinstimmung der Verwendung dieser Verben mit dt und
irt Hr ist doch wohl nicht reiner Zufall, und ihr Fehlen mit Vrt und anderen Wörtern für den Uräus
erscheint auffallend. Ich möchte aus den vorgelegten Voraussetzungen und Tatsachen etwa fol-
genden Schluß ziehen. Es ist denkbar, und im Grunde erscheint es einleuchtend, daß der Ausdruck
„ A u g e " erst dadurch entstanden ist, daß der Begriff der Götter- und Königsschlange als der eines
Auges in den Mythos von Osiris und Horus und dem damit unlöslich verbundenen Begriff des Erz-
feindes Seth eingeführt wurde. Wenn das wirklich der Fall gewesen ist, so müssen wir aber schließen,
daß der so entstandene mythologische Begriff „Auge" nicht eine Abwandlung des Begriffes „ ü r ä u s "
war, sondern des Begriffes di-Schlange, die unter anderen den Schlangenleib als göttliches Kenn-
zeichen und die Urschlange bezeichnet. Die wenigstens teilweise Identität von rf<-Schlange, Uräus
und Horusauge könnte dann darauf zurückgeführt werden, daß der Begriff der di-Schlange sich
gegabelt h a t in die beiden Begriffe von Uräus und Horusauge. Die hiermit angedeutete historische
Situation kann dadurch etwas verständlicher werden, daß wir uns wohl vorstellen müssen, daß
der Mythos von den einander ergänzenden Horus und Seth, der Mythos von Osiris und von Seth
als dem Erzfeind des Horus, der mythologische Begriff von der Urschlange als dt, Schlangenleib,
und die Schaffung der Königsschlange, des Uräus, nicht Produkte einer Entwicklung über einen
längeren Zeitraum waren, sondern gleichzeitig ans Licht t r a t e n mit der Vorstellung, daß der König
von Ägypten, Horus, ein Gott, der Sohn des ersten Lebewesens, des A t u m , und zugleich der Herr-
scher des Alls war. Soviel wir sehen, wurde dieser Komplex von Vorstellungen geschaffen spätestens
in der Zeit des Königs Schlange, vermutlich aber sobald der König von Ägypten als Horus be-
zeichnet wurde.
Zum Schluß darf ich eine mehr verallgemeinernde Bemerkung anfügen. In J N E S 18, S. 193
habe ich darauf hingewiesen, daß wir uns davor hüten müssen, mythologische Örtlichkeiten am
Himmel einfach als freie Erfindungen der Theologen anzusehen. Das geschah im Zusammenhang
mit dem ,,Haus des Horus", Hathor, am Himmel, das als himmlisches Gegenstück eines irdischen
,,Hauses des H o r u s " verstanden werden muß, und ich konnte mich darauf berufen, daß eine gleich-
artige Übertragung von irdischen Gegebenheiten auf den Himmel auch bei dem himmlischen Horus,
der Maatbarke und, wie es bisher den Anschein h a t , der Mesektet-Mandjet-Barke des Re vorliegt.
Weder dachte ich damals an das ,,Auge des Re" noch dachte ich bei der Durcharbeitung des vor-
liegenden Problems an meine damalige Warnung, aber sie bestätigen einander. Das Sonnenauge
erscheint nun wie jene anderen Begriffe charakteristisch für den Teil der ägyptischen Kosmologie,
der aus dem mythologischen Begriff des Horus entstanden ist. Was ich bisher davon verstanden
zu haben glaube ist nicht entstanden aus dem angeblichen Wundern des Primitiven über die all-
täglichen und nicht-alltäglichen Erscheinungen der Welt wie Sommer und Winter, Tag und Nacht,
Geburt und Sterben, Abnahme und Zunahme des Mondes oder Sonnenfinsternis. Ich möchte zur
Zeit vielmehr sagen, daß solche kosmologische Mythen entstanden zu sein scheinen aus der Not-
wendigkeit, das ägyptische Königtum als eine neue soziale Form in die altgewohnten Tatsachen
des Kosmos als ein gleichermaßen gesichertes F a k t u m zu verankern, und zwar geschah das u n t e r
Beihilfe überlieferter kosmogonischer Vorstellungen durch eine auf Glauben gegründete und logisch
geführte theologische Spekulation.

Anhang: Pyr. 1277 b—1279 F.


Die Besprechung dieser Pyramidenstelle habe ich hier ausgesondert, weil sie in der Besprechung
von ádm mdw n(y) „das (autoritative) W o r t jemds. h ö r e n " oben zu Pyr. 1231 in Abschnitt 2 zu
viel Platz weggenommen haben würde, und weil ich hiermit einen früheren Fehler richtig stellen

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20 R u d o l f A n t h e s : D a s S o n n e n a u g e in den P y r a m i d e n t e x t e n [86. B a n d

will. In meinem schon öfters genannten Aufsatz über die rfi-Schlange habe ich die Schlußworte von
1279 nicht nur falsch übersetzt, sondern in Ubersetzung und Kommentar geradezu unverantwort-
lich flüchtig behandelt. Dieser Fehler kann nicht entschuldigt werden damit, daß die Stelle mir
sinnlos erschien, denn ich hätte sie schon damals nach dem, was ich über den ¿í-Schlangenleib fest-
gestellt hatte, richtig verstehen müssen; nun hat das Verständnis des édm mdw ny den Ausschlag
dafür gegeben, daß der Spruch von 1278a an nicht mehr wie bisher, wohl von uns allen, als ein
Fluch gegen einen Übertreter gedeutet werden darf, sondern es ist einer der Verklärungstexte für
den verstorbenen König. Mir erscheint die folgende Übersetzung richtig.
,,(1277b) Diese Pyramide, dieses Gotteshaus wurden geweiht (wdn(w) mr pn ht ntr tn) für
den NN, für seinen Ka. (c) Man bannt {§nnt(w)^ diese Pyramide, dieses Gotteshaus, für den NN, für
seinen Ka. (d) Dieses Horusauge ist rein, (1278a) es gehöre dem zu eigen^, der seinen Finger legen
wird^ an diese Pyramide, dieses Gotteshaus des NN, seines Kas. (b) Nun( ?) legt er seinen Finger
{rdn.f db'.f) an das Haus des Horus im ÄiÄw-Himmel*, (c) (Da) eilen Nephthys und Isis geschäftig
für ihn, (da) Geb für(?) ihn®. (1279a) Sein (Königs)wort wird gehört von der Neunheit.
(b) Niemand (oder: nichts) existiert, der (oder: das) ihn von unten her stützt( ?), niemand (oder:
nichts) existiert, der (oder: das) sein Haus von unten her stützt( ?)®. (c) Das ist der Bezwinger^,
das ist der, welcher seinen Schlangenleib gegessen hat
Auf den Zusammenhang, in dem dieser Spruchabschluß steht, kann ich hier nicht näher ein-
gehen. Ich möchte denken, ohne es wirklich geprüft zu haben, daß die Übergabe von Pyramide

Vgl. meine e t w a gleichzeitig h i e r m i t erscheinende B e s p r e c h u n g des V e r b u m s Sni ,,umschließen, b a n n e n "


in den P y r a m i d e n t e x t e n .
w'b irtHrtw, hw nhh η rdtiji db'.f. Zu hw nhh siehe Sethes K o m m e n t a r zu 2 1 6 c ; g r a m m a t i s c h k a n n nhh
hier wohl n u r als s d m . / - F o r m m i t Ausfall des s e l b s t v e r s t ä n d l i c h e n S u f f i x e s s v e r s t a n d e n w e r d e n . E s ist mir n i c h t
g a n z klar, wie S e t h e diese Stelle inhaltlich v e r s t e h e n wollte, u n d a n s c h e i n e n d h a t t e er noch keine E n t s c h e i d u n g
g e t r o f f e n : er g i b t bei d e r B e s p r e c h u n g von 2 1 6 c den W o r t l a u t v o n 1 2 7 8 a v o l l s t ä n d i g in H i e r o g l y p h e n u n d f ü g t
den W ö r t e r n mr pn ht ntr tn a n : ,,(folgt F l u c h ) . Vielleicht h i n t e r η (in nhh η rdtifi. R . A.) zu t r e n n e n , d a s als
n.i , m i r ' zu fassen i s t ? " V e r m u t l i c h g e h t diese U n k l a r h e i t des K o m m e n t a r s auf ein M i ß v e r s t ä n d n i s f r ü h e r e r
N o t i z e n z u r ü c k , die er g e m a c h t h a t t e , als er noch n i c h t die B e d e u t u n g des hw nhh in d e r K l a r h e i t h e r a u s g e a r b e i t e t
h a t t e , wie sie j e t z t in d e r zitierten Stelle des K o m m e n t a r s v o r l i e g t ; d e n n w e n n 1278 b f f . a l s F l u c h v e r s t a n d e n wird,
m u ß rdtifi n o t w e n d i g die B e z e i c h n u n g dessen sein, d e m d e r F l u c h gilt, u n d die L e s u n g n.i , , m i r " s t a t t η rdtifi
ist d a n n die einzig mögliche.
' ) rdtifi db' .f ir mr pn.rdi db' ist mir s o n s t u n b e k a n n t . Mit f o l g e n d e m ir wird es e b e n s o w e n i g einen feindseligen
A k t b e d e u t e n wie rdi'wy (drt) ir ( W B II 465, Belegst. 15). W a s i m m e r ,,seinen F i n g e r geben o d e r l e g e n " be-
d e u t e n m a g , d a s g r a m m a t i s c h e S u b j e k t d e r H a n d l u n g m u ß d e r E i g e n t ü m e r der P y r a m i d e , also N N sein.
Z u m H a u s des H o r u s im ÄdAw-Himmel vgl. P y r . 1 3 2 7 b u n d die B e s p r e c h u n g v o n 1231 u n d 1734 hier oben
in A b s c h n i t t 2.
') Sis n.f Nbt-ht ist к (?) fGb. Zwischen k, d a s a u c h der F o r m n a c h nb sein k ö n n t e , u n d / ist nach d e r
T e x t a u s g a b e eine L ü c k e v o n e t w a 1 y^ G r u p p e n ; eine E r g ä n z u n g k a n n ich n i c h t v o r s c h l a g e n ; S e t h e , P y r a m i d e n -
t e x t e B a n d I I I zu dieser Stelle hilft mir n i c h t w e i t e r ; im T e x t h a t S e t h e einen kleinen Z w i s c h e n r a u m zwischen
N e p h t h j ' s u n d Isis gelassen, als o b er Isis zum F o l g e n d e n ziehen Avollte. iis η wird e t w a die gleiche B e d e u t u n g
h a b e n wie phr n, das S e t h e i m K o m m e n t a r zu P y r . 304e b e s p r o c h e n h a t .
·) n[n) br{y)-f n{n) hr(y) pr.f. V e r m u t l i c h weisen diese W o r t e d a r a u f hin, d a ß N N u n d sein H a u s , also wohl
sein königlicher Besitz, v o n d e r E r d e gänzlich gelöst sind.
') niiw pw. Zu niêw vgl. P y r . 440 b, wo S e t h e m i t gleicher B e r e c h t i g u n g „ g e w a l t t ä t i g " ü b e r s e t z t , a b e r diese
Ü b e r s e t z u n g auf die vorliegende Stelle n i c h t a n w e n d e n will.
') wnm dt.f pw. Aus diesem A u s d r u c k k o n n t e ich in m e i n e r f r ü h e r e n B e s p r e c h u n g dieser Stelle n u r schließen,
d a ß der, d e m d e r angebliche F l u c h galt, K ö n i g o d e r G o t t sein m u ß t e . W a s a b e r d a s scheußliche ,.seinen (eignen)
Schlangenleib e s s e n " b e d e u t e n sollte, k o n n t e ich m i r n i c h t vorstellen. N u n ist es d u r c h a u s klar, d a ß wnm hier
im Sinne von ,,sich e t w a s einverleiben u n d d a d u r c h eine E i n h e i t m i t i h m w e r d e n " v e r s t a n d e n ist. Ich h a b e
s c h o n oben im v o r l e t z t e n A b s a t z v o n A b s c h n i t t s d a r a u f hingewiesen, d a ß wnm dt.f e b e n s o wie iti dt.f,
wnh 4t. f , èhm m Л / u n d a n d e r e ä h n l i c h e A u s d r ü c k e v e r s t a n d e n w e r d e n m u ß als eine B e z e i c h n u n g d e r G e w i n n u n g
des g ö t t l i c h e n Schlangenleibes d u r c h den v e r s t o r b e n e n König, den Osiris, in seiner V e r k l ä r u n g z u m h i m m l i s c h e n
H o r u s . Das V e r s t ä n d n i s dieser W o r t e als Hinweis auf die vollzogene V e r k l ä r u n g p a ß t a u c h g u t d a z u , d a ß sie d e n
A b s c h l u ß des langen S p r u c h e s 534 bilden, d e n n die B e s i t z n a h m e des Schlangenleibes als Vollziehung d e r Ver-
k l ä r u n g s t e h t a u c h s o n s t gern a m E n d e eines S p r u c h e s .

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1961] H e n r y G. F i s c h e r : Three Old Kingdom Palimpsests in the Louvre 21

und Pyramidentempel durch Horns an Geb gemäß einem zu Beginn des Spruches stehenden Ver-
merk (Pyr. 1264 a) erfolgt, und zwar ausschließlich an Geb unter Verscheuchung aller Gestalten
vornehmlich des Osirismythos und solcher, die sich auf sie berufen. Darnach erfolgt anscheinend
in 1277 a 2 ein ähnlicher Vermerk, der das Folgende, also unseren Textabschnitt, als die Übergabe
von Pyramide und Pyramidentempel durch Geb an Atum bezeichnen könnte, durch die dem NN
die volle Verfügung darüber sichergestellt wird als über ein Symbol auf Erden für das himmlische
Haus des Morus. Eine Erklärung des Spruches 534 in dieser Richtung würde sinnvoll erscheinen
und zugleich die m. E. unmögliche Vorstellung überflüssig machen, daß in diesem Spruche eine
„Osirisreligion" und ihre Anhänger verflucht würden. Eine „Osiris"- oder „Horas-Religion" hat es
im dritten Jahrtausend v. Chr. ebensowenig gegeben wie eine „Re-Religion". Und die Vorstellung
von einer wenn auch nur mythischen Strafe des Sich-selbst-aufessen-müssens ist nun sicher hin-
fällig geworden, Spruch 534 scheint sich als ein ungewöhnlicher, aber schöner und einleuchtender
Text zu entpuppen, in dem vielleicht die Verklärung des Königs zum himmlischen Horus abhängig
gemacht wird von einer vorherigen bedingungslosen Ubergabe seiner Pyramide an Geb.

H E N R Y G. F I S C H E R

Three Old ICingdom Palimpsests in the Louvre

While erasures and revisions are common on ancient Egyptian monuments of all periods, the
three examples of such changes that are to be found on Old Kingdom inscriptions in the Louvre are
uncommonly interesting, the more so as they have not been noticed previously, or if noticed, have
at any rate not been discussed in print. The drawings utilized here were made from the originals
at the beginning of 1957, after the events of the previous fall had curtailed plans for a Guggenheim
fellowship in Egypt. I should like to thank Mile. Janine Monnet for facilitating my work in the
museum, and Professor Vandier for giving his permission to publish the results. May this modest
study be received as a tribute to him, on his return to the Louvre after long illness'.

I
The first example to be considered. Louvre 13441, occurs on a large tubular seal of blue frit^,
measuring 7.8 cm. in length and 3.1 cm. in diameter; the diameter of the hole is 2 cm. Figure 1
shows a tracing of the inscription taken directly from the surface of the seal itself, and oriented
accordingly. As in nearly all Egyptian cylinder seals of the Old Kingdom, a royal name is the
dominant element. Four serekh facades indentify the king as the Horus Mry-tS .wy, Pepy [I], each
serekh surmounted by a falcon with the cobra before him and wearing one or another of the royal
crowns: the ram's horns and straight plumes, the red crown of Lower Egypt, the atef crown, and
again the crown of Lower Egypt. Between the first and last serekhs the Náwt-bity name, Pepy,
is followed by "beloved of Hathor, Mistress of Dendera," an epithet recalling the special favor
which the Denderite cult enjoyed under his patronage®. But Hathor of Dendera is by no means

') The article was initially presented, in briefer form, at the annual meeting of the American Oriental Society
at New Haven, March 30, 1960.
') For the material and its designation see L u c a s , Ancient Egyptian Materials, 3rd ed., 394. Other examples
of comparable blue frit seals are known from the reign of Pepy I: H a l l , Catalogue of Scarabs, nos. 2603, 2604,
2 8 6 5 ; Metropolitan Museum of Art, acc. no. 07.228.95; P e t r i e , Scarabs, PI. 10, 6.3 (5,6).
») For recent discussions see Labib H a b a c h i , Tell Basta, 17, 42, and F. D a u m a s , B I F A O 52, 166ff. The
subject is dealt with at length in my doctoral dissertation on Dendera's early history.

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