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WILHELM SCHUBART

21. O k t o b e r 1873 bis 9. A u g u s t 1960

Wenige Wochen vor der Vollendung seines 87. Lebensjahres ist Wilhelm Schubart, Senior und Meisler
der Papyrologie, Mitglied und Ehrenmitglied zahlreicher Akademien und gelehrten Gesellschaften, Ehren-
doktor der Rechte ( F r a n k f u r t 1920), zuletzt emeritierter Ordinarius der Alten Geschichte an der Univer-
sität Leipzig, in Altenhof (Schorfheide) gestorben und in Halle-Trotha beigesetzt worden. Pfarrer H. Möller,
Sohn unseres frühvollendeten Georg Möller und einstiges Pflegekind des Ehepaares Schubart, sprach am
Grabe den 126. Psalm und ein Gedicht des Verstorbenen. Bis zum letzten Atemzug im Besitz seiner gei-
stigen Kräfte, von Schmerzen verschont und liebevoll umsorgt von seiner Gattin, schaute Wilhelm Schu-
bart dem Tod, den er seit langem auf sich zukommen sah, klar ins Auge. Mit ihm verlor der weite Kreis
seiner älteren und jüngeren Schüler den gütigen und weisen Freund, die Altertumswissenschaft der W'elt
einen ihrer Großen, seine engere Heimat den letzten Historiker von Rang und die Ägyptologie den hervor-
ragenden Kenner und Erforscher der griechisch-römischen Phase des Gegenstandes ihrer Wissenschaft.
Schubart wurde am 21. Oktober 1873 in Liegnitz als Sohn eines Pfarrers geboren, s t a m m t e aber väter-
licherseits aus westfälischem, von der Mutter her aus sächsischem Geschlecht. Seine hohen pädagogischen
Qualitäten und seine fast seelsorgerliche Einfühlung und Güte scheinen vom Elternhause her vorbestimmt,
das der Inneren Mission (Breslau und Halle) verbunden war. Der Primus omnium des Breslauer König-
Wilhelms-Gymnasium studierte von 1892 bis 1897 in Tübingen, Halle, Berlin und Breslau klassische
Philologie, Geschichte (U. Wilcken) und Philosophie (B. E r d m a n n ) ; diese Disziplinen h a t er in seinem
Schaffen später immer geistig zusammengehalten, wobei man Philosophie freilich nicht als Rechthaberei
oder Tüftelei, sondern eben als Liebe zur Weisheit definieren muß. Nach kurzer Lehrtätigkeit, vor allem
am Gymnasium zum Grauen Kloster, wurde er, der große Schüler und Mitarbeiter Ulrich Wilckens, auf
Vorschlag seines Lehrers und angezogen durch die Reize des noch fast unberührten Stoffes, zunächst (1898)
Hilfsarbeiter, dann von 1900 an Direktorialassistent und später Kustos der Papyrusabteilung der Staat-
lichen Museen zu Berlin (Emeritierung 1937). Damit nahm er die Stelle ein, mit der sein Name im Bewußt-
sein der gelehrten W'elt vor allem verbunden ist. Der wissenschaftliche Kosmos der Museen auf der „ I n s e l " ,
zu seiner Zeit nicht nur eine imponierende Versammlung hochwertiger Kulturschätze, sondern nicht we-
niger eine solche bedeutender Geister, h a t sein Weesen nach seinem eigenen Zeugnis tief geprägt und ihm
den Blick für das Einzelne geschärft und zugleich für das große Ganze geweitet. Als sein Berliner Heim im
Krieg zerstört worden war (1943), siedelte der 70jährige nach Sachsen über (Zwickau), und an der alten
Sächsischen Landesuniversität Leipzig erstand für ihn eine zweite große.Aufgabe: Er übernahm 1945 den
vakanten Lehrstuhl für Alte Geschichte und ließ nun ex professo die heranwachsende Generation an den
kostbaren Früchten teilhaben, die in seinem Geiste in der Fülle gereift waren. 1952 bat er, fast 80 jährig
und inzwischen nach Halle übergesiedelt (1949), um E n t b i n d u n g von seinen Amtspflichten, nahm aber an
Ausbildung und Schicksal seiner letzten Schüler unvermindert liebevollen und hilfsbereiten Anteil, zumal
nachdem sein auch bereits in den Siebzigern stehender Amtsgenosse verstorben war und ein Nachfolger f ü r
Schubart nicht einmal im Sinne des E t a t s gefunden werden konntei.
Schubarts Bedeutung für die Ägyptologie (und darin eingeschlossen die seiner Mitarbeit an unserer Zeit-
schrift) besteht hauptsächlich in jenem wesentlichen Teil seines Gesamtwerkes, der die Edition und Inter-
pretation, z. T. auch die Erwerbung griechischer Papyri aus Ägypten umschließt, besonders natürlich der
privaten und offiziellen Urkunden, die Geschichte und Verwaltung, Recht und Gesellschaft des Nillandes
unter den Ptolemäern sowie den römischen und byzantinischen Kaisern betreffen. Kein Agyptologe kann
ohne Schaden für seine Arbeit an dieser bunten und uns oft zum Greifen nahegebrachten Alltagswelt
staatlichen und privaten Lebens vorübergehen, und Schubart selbst ist nicht müde geworden, umgekehrt
auf die durch Land und Volk gegebene Tradition hinzuweisen, die vom pharaonischen Ägypten in das

1) Die für Leben und Werk Wilhelm Schubarts gleichgültigen, jedoch für die dem Toten geschuldete historisch
treue Berichterstattung notwendigen Daten findet man leider nicht in dem von einem Kollektiv verfaßten und
von Dr. G. Schrot namentlich verantworteten Bericht, der vielmehr von Entstellungen und Verunklärung von
Dokumenten getrübt ist: ,,Forschung und Lehre zur Alten Geschichte an der Universität Leipzig" = Wiss.
Ztschr. d. K.-M.-Universität 8, 1958/9, S. 323ff. (siehe besonders S. 328 links).

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II Wilhelm Schubart

spätere mächtig und breit hineinreicht. Man lese etwa seine Würdigung der ersten Hefte von VVreszinsitis
„Atlas" (OLZ 19, 1916, Sp. 1/9) oder sein freudiges Willkommen für die „Kulturgeschichte" von Kees
(ebd. 37, 1934, Sp. 675/9). Unmittelbar anschaulich wird seine Mitarbeit an ägyptologischer Forschung in
seinem Beitrag zu Schäfers „Ägyptischen Goldschmiedearbeiten" (1910), in seinen Untersuchungen zur
Dodekaschoinos (ZÄS 47, 1910, S. 154/7) und zu „Orakelfragen" (ebd. 67, 1931, S. 110/5) sowie in seinem
für den Koptologen bemerkenswerten „Griechisch-koptischen Kirchengebet" (ebd. 40, 1902/3, 5.1/31,
zusammen mit H. Junker). Was spezifische Verhältnisse des griechischen und römischen Ägypten anlangt,
so darf für die ältere Zeit an seine „Verfassung und Verwaltung des Ptolemäerreiches" (AO 35,4, 1937)
erinnert werden, und im Blick auf die römische Epoche m u ß auch der Ägyptologe den berühmt gewordenen
„Gnomon des Idios Logos" zur Kenntnis nehmen, einen P a p y r u s übrigens, den Schubart nicht nur edierte
und dann auch interpretierte (ZÄS 56, 1920, S. 80/95), sondern selbst im Antikenhandel erworben hatte.
Er erzählte im Alter gern davon, w i e d e r Händler ihn dabei einst zur Diskretion ermahnt h a t t e : „Das dürfen
nur Drei wissen: Allah, Du und ich". Noch stärker aber ist für die letzten Jahrhunderte des vorislamischen
Ägypten die mittelbare Wirkung, die Schubart als Historiker zunächst durch seine geographisch gegliederte
Schrift „Ägypten von Alexander dem Großen bis auf Mohammed" (1922), später durch sein meisterhaftes
Werk „Justinian und Theodora" (1943) und dann als Schriftkenner namentlich durch seine „Griechische
Paläographie" (1925) geübt h a t bzw. üben sollte (vgl. das Vorwort zu Stegemanns „Koptischer Paläo-
graphie", 1936). Indem wir die beiden letzten Titel nannten, machen wir uns freilich bewußt, daß der Ent-
schlafene von seinen Beiträgen zur Ägyptenwissenschaft her keineswegs ausreichend gewürdigt werden
kann. Auf seine eminenten Leistungen für die klassische Philologie durch die Edition griechischer litera-
rischer Papyri^ kann hier nur summarisch hingewiesen werden. Daß er jenseits des achten Jahrzehnts die
letzte Lieferung der monumentalen „ U P Z " seines alten Lehrers Wilcken besorgt hat (II, 3. Lieferung,
1957), gereicht dem greisen Meister zur höchsten Ehre. Die ungewöhnliche Weite seines Blickes aber be-
kundet nichts besser als seine knappe, doch überall aus echter Begegnung mit dem Stoff gezeugte und bis
zu dem von ihm hochverehrten Albert Schweitzer hinführende Darstellung „Christentum und Abend-
land" (1947).
Das Größte indes war für jeden, der Wilhelm Schubart begegnen durfte, nicht das geistig und numerisch
wahrhaftig schwergewichtige Werk, sondern der Mensch. Der Entschlafene verband unbedingte intellek-
tuelle Redlichkeit mit unendlich gütiger Weisheit. Was ihn als Historiker befähigte, Menschen und Dinge
ferner Vergangenheit mit feinster Einfühlung und scharfem Verstand realistisch zu schildern, das zeichnete
ihn im Umgang mit seiner eigenen Umwelt aus. Es verlieh ihm jene Einheit von Verzeihung und innerer
Überlegenheit, die im Falle des Unrechts dem Menschen vergibt, ohne den Sachverhalt zu beschönigen. Das
haben wir mit tiefer Bewunderung erfahren, wenn das makabre Gemenge von Dummheit und Frechheit,
das man auch bei jahrelanger E r f a h r u n g nur schwer auf seine Bestandteile hin analysieren kann, vor seiner
ehrwürdigen Person zuzeiten nicht haltmachen wollte. Mit tiefer Ergriffenheit aber vernahmen wir aus
dem Munde des 85jährigen ein Bekenntnis, in dem Wahrhaftigkeit und Weisheit auf die höchste Höhe
letzter Einsicht gehoben waren. Er erzählte dem kleinen Kreise seiner Gratulanten mit leiser Stimme,
doch in seiner freien, klaren Rede, daß er vor kurzem einen P a p y r u s wieder vorgenommen habe, den er
einst in jungen Jahren mühelos gelesen h a t t e ; nun aber sei es nicht mehr so recht gegangen, er werde sich
daher hinfort nur noch wenig zumuten können, doch erfülle ihn das nicht mit Bitterkeit, denn es sei der
Lauf der Welt. Wer eines solchen γνώθι σεαυτόν fähig ist, der hat sein Leben von innen her vollendet,
und als ein w a h r h a f t Vollendeter ist Wilhelm Schubart in die Ewigkeit eingegangen. „Die mit Tränen
säen, ernten mit Freuden. Es geht weinend, der den Samen auswirft, er kommt heim mit Jauchzen, tragend
seine Garben" (Ps. 126,5f.).
S. Morenz

') Zuletzt in den Berichten der Leipziger Akademie: B S A W 97,5, 1950; man vergleiche im übrigen die über
300 Titel umfassende,,Bibliographie... W. Schubart" in der zu seinem 75. Geburtstag herausgegebenen Festschrift,
1950. Schubart ist danach vor allem als Rezensent (DLZ, OLZ, ThLZ) noch unermüdlich tätig gewesen; für
den Ägyptologen bedeutsam unter der Nachlese ist sein gehaltvoller und klarer Artikel „Alexandria" in RAG
I, 1950, S. 271/83.

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