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Herbert Sigloch

Technische
Fluidmechanik
10. Auflage
Herbert Sigloch

Technische Fluidmechanik
Herbert Sigloch

Technische Fluidmechanik
10., aktualisierte Auflage
Herbert Sigloch
Eningen, Deutschland

ISBN 978-3-662-54466-2 ISBN 978-3-662-54467-9 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-662-54467-9

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Vorwort zur zehnten Auflage

Gegenüber der vorhergehenden Auflage waren entsprechend dem Stand von Wissenschaft und
Technik keine prinzipiellen Änderungen notwendig. Verschiedene, früher noch vorhandene Un-
schärfen und Unzulänglichkeiten wurden beseitigt sowie einige Erweiterungen durchgeführt. Zu-
dem sind bisher leider übersehene sowie neu eingeschlichene Fehler eliminiert. Dies auch in der
Hoffnung, dass jetzt keine mehr vorhanden sind.
Auch zukünftig sind Verbesserungsvorschläge und Anregungen erwünscht, werden dankbar
entgegengenommen und bei den weiteren Auflagen eingearbeitet. Für die bisher erhaltenen wird
vielmals gedankt.
Der Springer-Verlag unterzog sich freundlicherweise wieder erheblicher Mühe und Verant-
wortung für die Herausgabe des Buches. Dafür gebührt ihm großer Dank. Das gilt auch für die gute
Zusammenarbeit und das Verwirklichen der Änderungswünsche sowie die hervorragende Ausstat-
tung des Buches.

Eningen, Sommer 2017 Herbert Sigloch

V
Vorwort zur ersten Auflage

Das Buch ist aus der Vorlesung „Technische Fluidmechanik für Maschinenbauingenieure“ an der
Hochschule Reutlingen – Fachhochschule für Technik und Wirtschaft – hervorgegangen. Der Ver-
fasser hat den Stoff so ausgewählt und dargestellt, wie er nach seiner Meinung für ein praxisbe-
zogenes Hochschulstudium notwendig ist. Weitgreifende theoretische Erörterungen und Ableitun-
gen wurden nur insoweit aufgenommen, wie es zum Einblick in die Zusammenhänge des Wis-
sensgebietes und damit zum Verständnis notwendig erscheint. Außer den im Text eingefügten 37
Beispielen sollen 77 vollständig durchgerechnete Übungsbeispiele die Anwendung der Strömungs-
gleichungen veranschaulichen.
Das Werk soll nicht nur dem Studenten an Berufsakademien, Fachhochschulen und Techni-
schen Universitäten das weitgehende Eindringen in den ebenso umfangreichen wie interessanten
Wissenszweig Fluidmechanik ermöglichen, sondern ebenso dem praktisch tätigen Ingenieur als
Gedächtnisstütze und Arbeitsgrundlage für strömungstechnische Berechnungen dienen. Hierbei
wird insbesondere der Anhang des Buches vorteilhafte Hilfestellungen leisten können. Zudem sind
Hinweise für die moderne computergestützte Strömungsberechnung (-mechanik), die sog. Compu-
tational Fluid-Dynamics (CFD) enthalten.
Die Inhaltsgliederung ist eng ausgeführt, um durch Auswahl entsprechender Abschnitte
Schwerpunkte setzen zu können.
Wichtige Begriffe, Phänomene und Zusammenhänge der Fluidphysik werden nur soweit an-
gedeutet, wie diese zum Verständnis des behandelten Stoffes notwendig sind. Zudem sollten die
Mathematik bis einschließlich Vektor-, Differential- und Integralrechnung sowie die technische
Mechanik der festen Körper und die Grundlagen der Thermodynamik bekannt sein.
Das Buch ist modern ausgestattet und verwendet ausschließlich genormte Formelzeichen und
Dimensionen. Möge es alle Ansprüche und Erwartungen erfüllen. Verbesserungsvorschläge aller
Art sind immer willkommen und werden dankbar entgegengenommen.
Dem Verlag gebührt Dank für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die gute Ausstattung
des Buches. Den zahlreichen Erweiterungen, Ergänzungen sowie Änderungswünschen in Bezug
auf Inhalt und Gestaltung brachte er großes Verständnis entgegen.

Reutlingen, Sommer 1980 Herbert Sigloch

VII
Benutzer-Hinweise

Kursiv gedruckte Wörter sind häufig Stichwörter, halbfett gedruckte sind es in der Regel. Das
umfangreiche Sachwortverzeichnis erleichtert den Zugang zu Einzelfragen. Es sollte jedoch auch
genutzt werden, um die unter demselben oder ähnlichen Sachwörtern an verschiedenen Stellen des
Buches zu findenden Informationen zu verknüpfen.
Gleichungen, Bilder und Tabellen sind durch Nummern gekennzeichnet, deren erste Zahl
(vor dem Bindestrich) jeweils die Nummer des Hauptabschnittes angibt, zu welchem sie gehören.
Die zweite Zahl (nach dem Strich) ergibt sich aus der fortlaufenden Nummerierung, jeweils ge-
trennt für Gleichungen, Bilder und Tabellen. Die Führungszahl 6 verweist dabei immer auf den
Anhang. Näherungsbeziehungen werden auch als Formeln bezeichnet.
Bezugssysteme sind immer so angeordnet, dass die z-Achse beim (x, y, z)-Koordinatensystem
vertikal verläuft mit der Plusrichtung nach oben (Höhe) und der Minusrichtung (Tiefe) nach unten.
Die (x, y)-Fläche liegt deshalb in der waagrechten Ebene gemäß dem mathematischen Rechtssy-
stem (Gegenuhrzeigerdrehsinn) mit x-Achse nach rechts und y-Achse nach hinten. Verschiedent-
lich werden auch verwendet: h für Höhenkoordinate (positive z-Achse) und t für Tiefenrichtung
(negative z-Achse).
Das Symbol Δ (großes griechisches Delta) für Differenz wird in zweifacher Weise verwendet:
Einerseits als Unterschied von End- und Anfangswert, andererseits für den Abstand von oberem
und unterem Wert, d. h. von Größt- und Kleinstwert. Weitere Bedeutungen von Δ sind L APLACE-
Operator und B OOLE-Matrix.
Unvermeidlich ist, dass fast alle Abkürzungssymbole mehrere Bedeutungen haben. In jedem
Einzelfall empfiehlt sich daher genaues Prüfen und Zuordnen.
Bild-Nummern mit nach einem Komma ohne Leerstelle angehängtem Buchstaben bedeuten
den Teil des betreffenden Bildes, der aber auch durch den direkt angefügten Buchstaben gekenn-
zeichnet sein kann, z. B. Bild 2.14a. Hier ist Bildteil a von Bild 2-14 gemeint.
Beispiele im Text werden verschiedentlich mit B , Übungsbeispiele immer mit Ü bezeich-
net. Die Beispiele sind zur Veranschaulichung eingefügt und sofort gelöst. Die Übungsbeispiele
sollen dem Leser das selbständige Bearbeiten von Strömungsproblemen ermöglichen.
Zur Übersichtlichkeit wurden bei den Lösungen der Beispiele und Übungsbeispiele folgende
kennzeichnende Abkürzungen verwendet:

D für Durchflussbeziehung
K für Kontinuitätsbedingung
E für Energiegleichung idealer Strömung
EB für Energiebilanz
EE für Energiegleichung realer Strömung, sog. Erweiterte Energiegleichung
ER für Energiegleichung der Relativbewegung idealer Strömung
IS für Impulssatz
DS für Drallsatz
KR für Kontrollraum
DP für Drehpunkt

IX
X Benutzer-Hinweise

Bezugsstellen, die zur sinnvollen Anwendung der zuvor aufgelisteten Fluidmechanikgesetze


erforderlich sind, werden durch in Kreise gesetzte Ziffern gekennzeichnet.
Bei Mittelwerten sind exakt zu unterscheiden [120]:
– durchsatzgemittelte Geschwindigkeit → lineares Mittel

– energiegemittelte Geschwindigkeit
→ quadratisches Mittel
– impulsgemittelte Geschwindigkeit
Oft jedoch nicht unterschieden und überwiegend überall die durchsatzgemittelte Geschwindigkeit
(arithmetischer Mittelwert) verwendet, da meist turbulente Strömung, weshalb geringer – vernach-
lässigbarer – Unterschied. Besondere Kennzeichnung daher in der Regel nicht notwendig.
Eckige Klammern mit Zahlen kennzeichnen Literaturstellen, die dem Schrifttumverzeichnis
im Abschnitt 8 entnehmbar sind.

Bemerkungen:
Wenn die Werte verschiedener Tabellen und Diagramme für den gleichen Stoff bzw. den gleichen
Fall nicht übereinstimmen, liegt dies an den Rand-, d. h. Versuchsbedingungen, die bei der experi-
mentellen Werte-Ermittlung zugrunde gelegt wurden und an Aufbau- sowie Messungenauigkeiten.
Berechnungen nur so genau, wie es den Ausgangs- und Tabellen-, bzw. Diagrammwerten
entspricht. Die Genauigkeit von Berechnungsergebnissen ist daher der Genauigkeit der Vorgaben
anzupassen.
Durch Überschlags- und Vergleichsrechnungen sollte die Richtigkeit von Berechnungen ge-
prüft werden. Solche Abschätzrechnungen sind notwendig, da elektronische Rechner den von ihnen
durchgeführten Rechnungsprozess nicht auf Richtigkeit überprüfen können. Nur wenn zufällig ei-
ne Nulldivision auftritt, steigt der Rechner aus, d. h. er beendet den Berechnungslauf und gibt eine
Fehlermeldung aus.
Allgemein ist eine Dimension eine physikalische Größe (Zahlenwert mit Einheit), die der
menschlichen Wahrnehmung zugänglich ist. Meist können physikalische Größen nicht direkt, son-
dern nur indirekt wahrgenommen werden, d. h. durch ihre Wirkungen, z. B. Kräfte, Energien usw.
Die Physik beruht letztlich auf Axiomen und Erfahrungssätzen: Axiom. . . Grundsatz, der
keines Beweises bedarf. Naturgesetze sind Erfahrungssätze, also Erkenntnisse, die auf Erfahrung
und Messungen beruhen.
Bei Energie (Abkürzung E) werden unterschieden:
– gespeicherte E, das sind potentielle, kinetische und innere thermische (latente)
– transportierte E, das sind Arbeit und Wärme (äußere thermische, sog. fühlbare)
des Systems.
Jede Materie besitzt Masse, aber nicht jede Masse ist Materie. Masse ist, was Beschleunigun-
gen Wiederstand entgegensetzt.
Der Anhang (Abschnitt 6) enthält Hinweise, Tabellen und Diagramme für die Lösung techni-
scher Strömungsprobleme.
Die vollständigen Lösungen der 77 Übungsbeispiele sind im Abschnitt 7 zusammengefasst
und beruhen immer nur jeweils auf dem Kenntnisstand, der bis zum betreffenden Beispiel vom
Buch vermittelt wird.
Fehlt bei Übungsbeispielen die Angabe des Mediums und/oder dessen Zustandswerte, ist bei
Flüssigkeiten Wasser von 20 ◦ C mit der Dichte von rund 1000 kg/m3, bei Gasen Luft von 20 ◦ C
und 1 bar zugrunde zu legen. Bei nicht angegebenem Atmosphärendruck gilt pb = 1 bar.
Empfohlen wird, für die Übungsbeispiele Computer-Programme zu erstellen.
Benutzer-Hinweise XI

Hinweise:
zum physikalischen Kennzeichen von Stoffen dienen die drei Größen Masse, Volumen, Form:
– Festkörper sind masse-, volumen- und in der Regel, d. h. ohne Krafteinfluss, formstabil.
– Flüssigkeiten sind masse- und in der Regel, d. h. meist volumenstabil.
– Gase/Dämpfe sind nur noch massestabil, also massekonstant (-unveränderlich).
Deshalb steigt wegen der wachsenden Anzahl von Freiheitsgrade der mathematische Aufwand
zum physikalischen Beschreiben entsprechend von Festkörpern über Flüssigkeiten zu Gasen und
Dämpfen.

Die Fluidmechanik fußt auf den Gleichgewichtsbedingungen der drei N EWTONschen Axio-
men – Trägheit, Wechselwirkung, Aktion – und den Erhaltungsbedingungen von Masse sowie
Energie. Axiome sind Fundamentalsätze, die auf Erfahrung beruhen und letztlich nicht beweisbar,
bzw. berechenbar sind.
Es gilt der Grundsatz: Alles was nicht berechnet werden kann, da oft zu komplex, wird ge-
messen. Das führt dann zu Erfahrungs- und Richtwerten.
Was exakt berechenbar, wird daher durchgeführt. Falls das jedoch nicht möglich, was oft der
Fall, ist mit Meß- oder Näherungswerten (Richt- bzw. Erfahrungswerten) zu arbeiten (rechnen).
Konstruktion ist die Verbindung (Symbiose) von Berechnung und Gestaltung zum Erreichen
optimaler Verhältnisse. Nur durch deren sinnvolles Zusammenwirken sind günstige Vorgaben für
die Fertigung effektiver Produkte möglich.

Feststellungen von deutschen Physikern, die Nobelpreisträger waren (auch Seite XI):
Albert EINSTEIN (1879 . . . 1955)
– Materie und Masse sind zweierlei. Jede Materie hat Masse, aber nicht jede Masse hat Materie.
– Beide „Medien“ aus denen das Weltall besteht, Materie und Strahlung, besitzen Energie. Ge-
mäß Relativitätstheorie besitzt alles was Energie hat auch Masse in dem Sinne, dass es der
Gravitation unterliegt.
– Masse und Energie sind gleichwertig. Ihr Gesamtwert besteht dabei jeweils immer aus der
Summe von Ruhe- und Bewegungsanteil.
Werner HEISENBERG (1901 . . . 1976)
Am Ende seines Lebens hatte er noch zwei wichtige Fragen, die er Gott stellen wollte: warum
Relativität und warum Turbulenz? Er glaubte, dass Gott nur eine Antwort auf die erste Frage – die
Relativität – geben könne.

Weitreichende Feststellungen (auch Seite XI): Erkenntnisse von Dr. Robert M AYER (1848 bis
1878), deutscher Arzt und Physiker:
– Wärme ist eine Form von Energie.
– Nichts wird aus nichts und nichts wird zu nichts.
Das sind in Kurzform die Erhaltungssätze für Energie und Masse.
Aussage von Prof. Dr. Max B ORN (1882 bis 1970), Nobelpreis 1954, deutscher Physiker:
Anschaulichkeit ist Gewöhnung; Vertrautheit entsteht nicht beim ersten Kontakt.
Inhaltsverzeichnis

1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Begriffe, Dimensionen, Formelzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Aufgabe und Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.3.1 Kompressibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.3.2 Stoffarten und -kombinationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.3.3 Teilchenkräfte, Kapillarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3.3.1 Teilchenkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3.3.2 Kapillarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.3.3 Krümmungsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.4 Mittlere freie Teilchenweglänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.3.5 Viskosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.3.5.1 Definition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.3.5.2 Fluidreibungsgesetz nach Newton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.5.3 Dynamische Viskosität η . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
1.3.5.4 Kinematische Viskosität ν . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.3.5.5 Viskositätseinheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.3.6 Schallgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.4 Fluidkräfte, reale und ideale Fluide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

2 Fluid-Statik (Hydro- und Aerostatik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31


2.1 Grenzflächen (Trennflächen, freie Oberflächen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.2 Fluid in Ruhe oder konstanter Translationsbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.3 Fluid in beschleunigter Translationsbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.4 Fluid in Rotationsbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2.1.5 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2 Fluid-Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2.1 Druck-Definition (Druckspannung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2.2 Richtungsabhängigkeit des Druckes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
2.2.3 Druck-Fortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.2.4 Technische Anwendung der Druck-Fortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.2.5 Druckenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.2.6 Druckkraft auf gekrümmte Flächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.2.7 Gleichgewichtszustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.2.8 Druck-Ausbildung durch Schwerewirkung (Schweredruck) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
2.2.8.1 Inkompressible Fluide (Hydrostatisches Grundgesetz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
2.2.8.2 Kompressible Fluide (Luft- oder Barometerdruck) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.3 Kommunizierende Gefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.4 Saugwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.5 Fluidkräfte auf Wandungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5.2 Fluidkräfte gegen ebene Wandungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

XIII
XIV Inhaltsverzeichnis

2.5.2.1 Bodenkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5.2.2 Seitenkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.5.2.3 Aufkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.5.3 Fluidkräfte gegen gekrümmte Wandungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.5.4 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.6 Auftrieb und Schwimmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.6.1 Auftrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.6.2 Schwimmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.6.2.1 Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.6.2.2 Stabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.6.3 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

3 Fluid-Dynamik, Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.1 Strömungseinteilung und Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.1.1 Strömungseinteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.1.2 Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.2 Fluid-Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3.2.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3.2.2 Eindimensionale Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.2.2.1 Bewegungszustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.2.2.2 Grundgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
3.2.2.3 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.2.3 Mehrdimensionale Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
3.2.3.1 Bewegungszustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
3.2.3.2 Grundgleichung (Kontinuität) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
3.2.3.3 G AUSSscher Integralsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.3 Fluid-Kinetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.3.1 Ähnlichkeitstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.3.1.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.3.1.2 Strömungskennzahlen aus Dimensionsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
3.3.1.3 Bedeutung der Ähnlichkeitsgesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
3.3.1.4 Anwendung der Kennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
3.3.1.5 Herleitung der Kennzahlen durch Vergleichen gleichartiger Größen . . . . . . . . . . 86
3.3.2 Strömungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.3.2.1 Laminare Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.3.2.2 Turbulente Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.3.3 Grenzschichttheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
3.3.3.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
3.3.3.2 Grenzschichtdicke δ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
3.3.3.3 Verdrängungsdicke δ1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
3.3.3.4 Grenzschichtströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
3.3.3.5 Kompressible Grenzschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
3.3.4 Strömungs-Ablösungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
3.3.5 Unstetigkeitsflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
3.3.6 Eindimensionale Strömung idealer Fluide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
3.3.6.1 E ULERSCHE Bewegungsgleichung der Absolutströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
3.3.6.2 E ULERsche Bewegungsgleichung der Relativströmung in waagrechter Ebene . 112
Inhaltsverzeichnis XV

3.3.6.3 Energiegleichungen der Absolutströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115


3.3.6.4 Energiegleichung der Relativströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

4 Strömungen ohne Dichteänderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131


4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) . . . . . . . . . . 131
4.1.1 Innenströmungen (Rohrströmungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4.1.1.1 Erweiterte Energiegleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4.1.1.2 Energieliniengefälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.1.1.3 Gerade Rohre mit Kreisquerschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.1.1.4 Gerade Rohre mit beliebigem Querschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
4.1.1.5 Rohreinbauten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.1.1.6 Strömungen mit Energiezufuhr und/oder Energieabfuhr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.1.1.7 Kennlinie von Rohrsystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
4.1.1.8 Versuchswesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
4.1.1.9 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
4.1.2 Ausfluss aus Öffnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
4.1.2.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
4.1.2.2 Kleiner Ausflussquerschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
4.1.2.3 Großer Ausflussquerschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
4.1.2.4 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.1.3 Strömungen in Gerinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
4.1.3.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
4.1.3.2 Gleichförmige stationäre Gerinneströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
4.1.3.3 Ungleichförmige stationäre Gerinneströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
4.1.4 Plattenströmungen (eindimensionale Außenströmungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
4.1.4.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
4.1.4.2 Glatte Platte (technisch glatt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
4.1.4.3 Raue Platte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
4.1.4.4 Zulässige Rauigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
4.1.4.5 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
4.1.5 Rotierende Scheibe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
4.1.5.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
4.1.5.2 Freie Scheibe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
4.1.5.3 Umschlossene Scheibe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
4.1.5.4 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
4.1.6 Strömungskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
4.1.6.1 Impulssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
4.1.6.2 Drallsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
4.1.6.3 Hauptgleichung der Kreiselradtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
4.1.6.4 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
4.2 Mehrdimensionale Strömungen idealer Fluide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
4.2.1 E ULERsche Bewegungsgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
4.2.2 Linienintegral und Zirkulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
4.2.2.1 Linienintegral Λ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
4.2.2.2 Zirkulation Γ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
4.2.2.3 Vergleich von Strömungsfeld mit elektromagnetischem Feld . . . . . . . . . . . . . . . . 230
4.2.3 Satz von T HOMSON . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
XVI Inhaltsverzeichnis

4.2.4 Integralsatz von S TOKES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233


4.2.5 Potenzial- und Stromfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
4.2.6 Komplexes Potenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
4.2.7 Konforme Abbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
4.2.8 Strömungsklassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
4.2.8.1 Potenzialströmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
4.2.8.2 Wirbelströmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
4.2.8.3 Zusammengesetzte Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
4.2.9 Umströmung von Schaufeln und Profilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
4.2.9.1 M AGNUS-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
4.2.9.2 Tragflügeltheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
4.3 Mehrdimensionale Strömungen realer Fluide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
4.3.1 Bewegungsgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
4.3.1.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
4.3.1.2 NAVIER-S TOKES-Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
4.3.1.3 Wirbeltransportgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
4.3.1.4 Grenzschicht-Gleichung nach P RANDTL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
4.3.1.5 Schmierschichttheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
4.3.1.6 R EYNOLDS-Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
4.3.1.7 Turbulenz-Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
4.3.1.8 Numerische Strömungsmechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
4.3.2 Körper-Umströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
4.3.2.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
4.3.2.2 Flächenwiderstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
4.3.2.3 Formwiderstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
4.3.2.4 Gesamtwiderstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
4.3.2.5 S TOKESsches Widerstandsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
4.3.2.6 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
4.3.3 Kräfte an umströmten Tragflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
4.3.3.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
4.3.3.2 Bezeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
4.3.3.3 Kräfte am unendlich breiten Tragflügel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
4.3.3.4 Erzeugung der Zirkulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
4.3.3.5 Druckverteilung am Tragflügel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
4.3.3.6 Tragflügeleigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
4.3.3.7 Gleitflug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
4.3.3.8 Polarendiagramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
4.3.3.9 Kräfte an endlich breiten Tragflügeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348
4.3.3.10 Flugbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
4.3.3.11 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354

5 Strömungen mit Dichteänderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355


5.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
5.2 Kleine Druckstörungen (Schall) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
5.2.1 Schallgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
5.2.2 Schallausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
5.3 Eindimensionale kompressible Strömungen (Stromfadentheorie) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
Inhaltsverzeichnis XVII

5.3.1 Grundgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362


5.3.1.1 Durchfluss und Kontinuität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
5.3.1.2 Energiesatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
5.3.1.3 Impuls und Drall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
5.3.2 Unterschall-Rohrströmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
5.3.2.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
5.3.2.2 Polytrope Rohrströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
5.3.2.3 Isotherme Rohrströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
5.3.2.4 Adiabate Rohrströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
5.3.2.5 Rohrreibungszahl λ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
5.3.2.6 Drosselung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
5.3.2.7 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
5.3.3 Ausströmungen (Expansionsströmungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
5.3.3.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
5.3.3.2 Mündung (einfache Düse) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380
5.3.3.3 L AVAL-Düse (erweiterte Düse) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
5.3.4 Einströmungen (Verdichtungsströmungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
5.3.4.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
5.3.4.2 Unterschalldiffusor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
5.3.4.3 Überschalldiffusor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
5.3.4.4 Stoßdiffusor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
5.3.5 Transsonische Rohrströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
5.3.6 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406
5.4 Große Druckstörungen (Stoß, Welle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
5.4.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
5.4.2 Verdichtungsstöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412
5.4.2.1 Senkrechter Verdichtungsstoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413
5.4.2.2 Schräger Verdichtungsstoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420
5.4.3 Verdünnungswellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 428
5.4.4 Zusammenstellung der Beeinflussungen von Überschallströmungen
durch Wellen und Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430
5.4.5 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
5.5 Mehrdimensionale kompressible Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
5.5.1 Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
5.5.2 Umströmung mit (reinem) Unterschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
5.5.3 Umströmung mit Überschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 434
5.5.3.1 Örtlicher Überschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435
5.5.3.2 Reiner Überschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437
5.5.4 Blockierung (Choking) überschallschnell angeströmter Öffnungen . . . . . . . . . . . . 447
5.5.5 Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448

6 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451
6.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451
6.2 Tabellen und Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452

7 Lösungen der Übungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489


XVIII Inhaltsverzeichnis

8 Schrifttum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 567
8.1 Lehrbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 567
8.2 Übungsbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 567
8.3 Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 568
8.4 Handbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571
1.1 Begriffe, Dimensionen, Formelzeichen 1

1 Allgemeines Außer Geschwindigkeit und Beschleuni-


gung werden alle auf die Zeit bezogenen, d. h.
nach der Zeit differenzierten Größen mit dem
1.1 Begriffe, Dimensionen, Wortzusatz „Strom“ versehen und durch einen
Formelzeichen hochgestellten Punkt gekennzeichnet; z. B.:

Jeder Zweig der Wissenschaft prägt seine ei- V . . . Volumen L . . . Drall


gene Sprache. So auch die Fluidmechanik. Die V̇ . . . Volumenstrom L̇ . . . Drallstrom
wichtigsten Begriffe, Einheiten und Formelzei-
chen sind genormt. Die Normen, die das Gebiet
der Technischen Fluidmechanik berühren, sind Tabelle 1-2. Wichtige Größen G mit den von den
im Anhang (Tabelle 6-1) aufgeführt. Basiseinheiten abgeleiteten Dimensionen.
Alle in der Mechanik verwendeten dimen- Größe SI-Einheit (Dimension)
sionsbehafteten Größen G (Länge, Zeit, Masse, Kraft Newton N = kg · m/s2
Kraft, Impuls, Energie, Leistung u. dgl.) lassen Druck Pascal Pa = N/m2
sich durch die des Internationalen Einheiten- Bar bar = 10 N/cm2
2
systems (SI . . . Système International d’Uni- Energie, Wärme, Joule J = N m = kg · ms2
tés) ausdrücken. Alle anderen Dimensionen (SI- Arbeit
Einheiten) sind von den Basiseinheiten abgelei- Leistung Watt W = J/s = N m/s
tet (DIN 1301), Tabelle 1-1 und Tabelle 1-2. (Energiestrom)

Tabelle 1-1. SI-Basiseinheiten [E], mks-System. Physikalische Größen:


SI-Basiseinheiten Grundgrößen
– kennzeichnen die physikalischen Eigenschaften
Meter m Länge L
von Stoffen
Kilogramm∗) kg Masse m
– der Wert jeder physikalischen Größe, der Grö-
Sekunde s Zeit t
Kelvin K Temperatur T ßenwert G, ist das Produkt aus Zahlenwert Z und
∗) bzw. Grundeinheit Gramm g. Einheit E (Dimension), also G = {Z} · [E].

Abkürzungen: Tabelle 1-3 bis Tabelle 1-9 enthalten eine Zusammenstellung der wichtigsten verwendeten
Symbole und Formelzeichen nach DIN 5492 sowie DIN 1303:

Tabelle 1-3. Geometrische Größen.


Symbol Größe Symbol Größe
x, y, z Rechtwinklige Koordinaten k Absolute Rauigkeitshöhe (Rauheit,
(Orthogonal-Koordinaten; Rauigkeit). Entspricht Rt bzw. Rmax
orthogonal...rechtwinklig) nach DIN 4768
r, ϕ (Phi) Polarkoordinaten ks Äquivalente Sandrauigkeit
s, x Weg bzw. Koordinate A Fläche, Querschnitt
längs der Strömungsrichtung U Umfang
n Normalenkoordinate, -richtung α, β , γ Strömungswinkel
D, d Durchmesser e Einheitsvektor (allgemein)
Dgl Gleichwertiger Durchmesser |e| = e = 1
R, r Radius, Halbmesser ex ,ey ,ez Einheitsvektoren in den Koordinaten-
B, b Breite richtungen x, y, z
H, h Höhe |ex | = |ey | = |ez | = ex = ey = ez = 1
L, l Länge ni Richtungscosinus zur i-Richtung
T,t Tiefe, tief: Tangentenrichtung z Komplexe Größe

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017 1


H. Sigloch, Technische Fluidmechanik, DOI 110.1007/978-3-662-54467-9_1
2 1.1 Begriffe, Dimensionen, Formelzeichen

Tabelle 1-4. Thermische und J OULE sche Größen.


Symbol Größe Symbol Größe
t, T Temperatur s, S Entropie
q, Q Wärme G ,WG Gasarbeit
h, H Enthalpie t ,Wt Technische (Gas-)Arbeit
u,U Innere Energie ΔhV ,YV (spezifische) Verlustenergie

Tabelle 1-5. Kinematische Größen.


Symbol Größe Symbol Größe
c Tatsächliche (lokale) Geschwindigkeit a Schallgeschwindigkeit
c̄ Mittlere Geschwindigkeit Ψ (Psi) Stromfunktion
(Volumenstromdichte) Φ (Phi) Potentialfunktion, Strömungspotential,
cx , cy , cz (Ortho-)Komponenten der Geschwindigkeitspotential
Strömungsgeschwindigkeit c X (Chi) Komplexes Strömungspotential
in Richtung der Koordinaten x, y, z Λ (Lambda) Linienintegral
cx , cy , cz Turbulente Γ (Gamma) Zirkulation
Schwankungsgeschwindigkeiten V̇ Volumenstrom
in x-, y- und z-Richtung δ (Delta) Grenzschichtdicke
cL L AVAL -Geschwindigkeit δ1 Verdrängungsdicke der Grenzschicht
u Umfangsgeschwindigkeit δ2 Impulsverlustdicke der Grenzschicht
aB Beschleunigung δ3 Energieverlustdicke der Grenzschicht
(Index B nur bei Verwechslungsgefahr) t, T Zeit

Tabelle 1-6. Kinetische Größen.


Symbol Größe Symbol Größe
F Kraft (allgemein) H, h Druckhöhe
FG Gewichtskraft m Masse, Menge
FA Dynamische Auftriebskraft (Auftrieb), ṁ Massenstrom, Mengenstrom
Querkraft W Arbeit
Fa Archimedische Auftriebskraft  Spezifische Arbeit
(statischer Auftrieb) E Energie
Fw Widerstandskraft (kurz Widerstand) Ė Energiestrom (Leistung)
T Drehmoment P Leistung, dimensionsloser Druck
θ (Theta) bezogenes (dimensionsloses) Y Spezifische Energie, d. h. Energie
Drehmoment je Masseneinheit; E/m Spezifische
τ (Tau) Schubspannung Leistung, d. h. Leistung
p Druck (allgemein) je Massenstromeinheit; P/ṁ
pb Atmosphärendruck, Barometerdruck, YV Spezifische Verlustenergie, kurz
Luftdruck Verlustenergie
pstat Statischer Druck, Piezodruck J Energieliniengefälle
pdyn , q Dynamischer Druck, Staudruck I Impuls
pges Gesamtdruck, Totaldruck, I˙ Impulsstrom
P ITOT -Druck L Drall, Impulsmoment
pü Überdruck L̇ Drallstrom, Impulsmomentstrom
pu Unterdruck M, T Moment (allgemein), Drehmoment
1.1 Begriffe, Dimensionen, Formelzeichen 3

Tabelle 1-7. Verhältnisgrößen, Beiwerte und Kenngrößen. Für die Beiwerte sind auch die Bezeichnungen
Zahlen oder Koeffizienten üblich, z. B. Geschwindigkeitszahl oder Geschwindigkeitskoeffizient.
Symbol Größe Symbol Größe
α (Alpha) Kontraktionsbeiwert ζM , CM Momentenbeiwert
ϕ (Phi) Geschwindigkeitsbeiwert ε (Epsilon) Gleitzahl
η (Eta) Wirkungsgrad Eu E ULER-Zahl
μ (My) Ausflussbeiwert Fr F ROUDE -Zahl
λ (Lambda) Rohrreibungsbeiwert Ma M ACH-Zahl
ζ (Zeta) Widerstandsbeiwert Re R EYNOLDS-Zahl
(für Innenströmungen) Sr S TROUHAL -Zahl
ζA , CA Auftriebsbeiwert We W EBER-Zahl
ζW , CW Widerstandsbeiwert
(für Außenströmungen)

Tabelle 1-8. Stoffgrößen.


Symbol Größe Symbol Größe
 (Rho) Dichte R (spezifische) Gaskonstante
r Verdampfungs- bzw. Kondensationswärme Z Realgasfaktor
 Spezifisches Volumen κ (Kappa) Isentropenexponent
cp Spezifische Wärme (Wärmekapazität) σ (Sigma) Oberflächenspannung,
bei konstantem Druck Grenzflächenspannung
cv Spezifische Wärme (Wärmekapazität) η (Eta) Dynamische Viskosität
bei konstantem Volumen ν (Ny) Kinematische Viskosität
Id Verdampfungswärme ϕ (Phi) Fluidität

Tabelle 1-9. Indizes.


Symbol Größe Symbol Größe
x, y, z Koordinatenrichtungen v Viskosität, viskos
k konvektiv V Verlust
l lokal, laminar W Widerstand
n Normalenrichtung Wa Wasser
m Meridianrichtung Wd Wand
u Umfangsrichtung We Wellen
t Tangentialrichtung, turbulent, technisch Wi Wirk
B Beschleunigung id ideal
Br Brennstoff kr kritisch
D Druck (-Kraft) stat statisch
Da Dampf dyn dynamisch
Dü Düse ges gesamt
Fl Flüssigkeit abs absolut
L L AVAL 1, 2, 3 Bezugsstellen
Lu Luft 0, r Ruhezustand
M Mündung u unter, unten
O, o Oberfläche ü über
Q Querschnitt e Eintritt
R Reibung, Ruhezustand, Ruhegröße a Austritt
s Konstante Entropie, isentrop, Entropie ∞ in großem (theor. unendlich großem)
S Schub, Saughöhe, Schwerpunkt Abstand von Wand, Hindernis, Körper
T Turbulenz, Trägheit, isotherm ∼ Kopfzeiger, Tilde
4 1.2 Aufgabe und Bedeutung

1.2 Aufgabe und Bedeutung Strömungsproblemen von Satellitenbewegun-


gen in der Atmosphäre in Höhen über ca. 50 km
Die Technische Fluidmechanik (früher Tech- notwendig.
nische Strömungsmechanik) ist ein Teilgebiet Bei 20 ◦ C und 1 bar, dem sog. technischen
der Technischen Mechanik; diese wiederum ein Norm- oder Normalzustand, beispielsweise ent-
Teil der angewandten Physik. hält ein Volumen von 1 mm3 bei Luft ca. 2,7 ·
Die Mechanik ist die Wissenschaft, die 1016 Moleküle, bei Wasser etwa 3,3 · 1019 und
sich mit Kräften sowie mit Wirkungen von bei Quecksilber sogar etwa 4,1 · 1019 Moleküle
Kräften auf Körper und Stoffen aller Art (Abschnitt 1.4). Damit bestätigt sich, dass Flüs-
befasst, die dabei sowohl in Ruhe als auch in sigkeiten immer und Gase meistens als Konti-
Bewegung sein können. nuum betrachtet werden können, d. h. homoge-
Die Fluidmechanik, die sich erst in den ner stetiger Stoffaufbau sowie gleiches Verhal-
letzten hundert Jahren zu einer selbstständigen ten.
Wissenschaft entwickelte, erforscht die Gesetz-
Zu unterscheiden ist zwischen:
mäßigkeiten der Bewegungen und des Kräfte-
gleichgewichtes sowohl von ruhenden als auch – inkompressiblen Fluiden, die massebestän-
bewegten Fluiden. Viele der Zusammenhänge dig und annähernd volumenbeständig sind,
sind bis heute noch nicht oder nur unvollständig den Flüssigkeiten, sowie
geklärt. Wo eine exakte Klärung noch nicht er- – kompressiblen Fluiden, die massebeständig,
folgte, müssen Versuchsergebnisse die Lücken jedoch nicht volumenbeständig sind: Gase,
möglichst gut schließen. Dämpfe (Heiß-, Satt- und Nassdämpfe).
Nach DIN 5492 wird unter einem Fluid1
Beide Fluid- oder Stoffgruppen sind nicht
(das Fluid, die Fluide) eine Flüssigkeit, ein Gas
formbeständig. Dies ist der wesentlichste
oder ein Dampf verstanden, also ein nichtfestes
Unterschied zum Festkörper.
Kontinuum (das Kontinuum, die Kontinua),
Bild 1-1 zeigt die Stellung der Fluidmecha-
auf welches die Gesetze der Fluidmechanik
nik innerhalb der Technischen Mechanik.
anwendbar sind.
Das Forschungsgebiet Fluidmechanik
Als Kontinuum2 wird ein zusammen-
verzweigte sich bald in zwei Richtungen, die
hängendes Medium bezeichnet, z. B. eine
sich jedoch nicht unabhängig voneinander
Flüssigkeit. Ein Gas gilt als Kontinuum, falls
weiterentwickelten:
das Verhältnis von der mittleren freien Weg-
länge der Gasteilchen zur charakteristischen – Theoretische Fluidmechanik
Länge (Durchmesser, Länge) des durch- oder Mathematisches Durchdringen fluidmecha-
umströmten Körpers, die sog. K NUDSEN-Zahl, nischer Phänomene. Es werden möglichst
klein gegenüber eins ist. Dies ist in der Regel exakte, mathematische Darstellungen ange-
erfüllt. Andernfalls muss das Gas als aus ein- strebt, ohne Rücksicht auf Lösbarkeit, Prak-
zelnen diskreten Teilchen (Atome, Moleküle) tikabilität und Anwendung. Zum Lösen der
bestehend betrachtet werden. Dies ist z. B. bei Differentialgleichungen dienen analytische
1)
Vom englischen Schrifttum übernommen. Dort
und numerische Methoden. Analytische
wurde zuerst „fluid“ als Sammelbegriff für „liquid“ Verfahren ermöglichen Ergebnisse nur bei
(flüssig) und gasförmig verwendet. Sonderfällen. Numerische Methoden sind
2)
Ein Kontinuum ist ein ausgedehnter stoffhomoge- aufwändig und erfordern oft Großcomputer.
ner Bereich (fest, flüssig, gasförmig), der keine Neuerdings wird dieser Bereich auch als
oder wenige ausgezeichnete Punkte hat. z. B. an eigenständiges Forschungsgebiet „Nume-
seinen Rändern, also ein Gebiet mit theoretisch un- rische Strömungsmechanik“ betrachtet
endlich vielen Freiheitsgraden. (Abschn. 4.3.1.8).
1.2 Aufgabe und Bedeutung 5

Bild 1-1. Gliederung der Technischen Mechanik.


Die dicken Linien kennzeichnen die Gebiete, die in diesem Buch angesprochen oder behandelt werden.
1) Festigkeitslehre, Maschinenteile und Thermodynamik sind im weiteren Sinne ebenfalls Teilgebiete der
Technischen Mechanik. S ZABÒ [45] unterteilt in Kinematik (Bewegungslehre) und Dynamik (Kraft-
lehre). Die Dynamik (Kraftwirkung) unterteilt er weiter in Statik (Kraftwirkung bei Ruhe) und Kinetik
(Kraftwirkung bei Bewegung). Hier wird, wie dargestellt, die meistens übliche, für die Fluidmechanik
günstigere Unterteilung verwendet.
2) Hydro (gr. hydor) . . . Wasser; Aero (gr. aēr) . . . Luft.
3) Im engeren Sinne wird unter Technischer Strömungslehre (auch mit Hydraulik bezeichnet) die Mechanik
eindimensionaler inkompressibler Strömungen (Flüssigkeiten) verstanden.

– Technische Fluidmechanik
Die weitgehende Bedeutung der Fluid-
Äquivalente Bezeichnungen:
mechanik ist offenkundig. Immer wenn sich
Angewandte Fluidmechanik
Systeme in Fluiden (z. B. Fahrzeuge, Schiffe,
Praktische Fluidmechanik
Flugzeuge) oder Fluide in Systemen (z. B.
Auf praktische Anwendung ausgerichtete,
Rohrleitungen, Strömungsmaschinen) bewegen,
vielfach auf experimentelle Ergebnisse
sind, um optimale Verhältnisse, d. h. geringe
fußende mathematische Darstellung der Er-
Verluste und niedriger Herstellungsaufwand zu
scheinungen der Ruhe und Bewegung von
erreichen, die Strömungsgesetze zu erfüllen.
Fluiden, deshalb auch als experimentelle
Innenströmungen dienen zum Stofftrans-
Fluidmechanik bezeichnet.
port. Bei technischen Fortbewegungsmitteln
Gemäß dem Titel des Buches wird nur die Tech- und Bauwerken aller Art erfolgt (Außen-)
nische Fluidmechanik dargestellt und etwas auf Umströmung.
die Grundlagen der Numerischen Fluidmecha- Unter den Begriffen Hydraulik (Fluid:
nik eingegangen. Dabei erfolgt, wie das Inhalts- Flüssigkeit, meist Öl) und Pneumatik (Fluid:
verzeichnis zeigt, keine so enge Eingrenzung, Luft) werden heute Techniken verstanden, die
wie dies bei der Technischen Strömungslehre „Kraftbewegungen“ verwirklichen und steuern.
(Hydraulik) vielfach üblich ist. Bei der Hydraulik sind größere Kräfte erreich-
6 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

bar; bei der Pneumatik elastisches Verhalten – extensive Größen:


und schnelle Bewegungen. Hydraulik und physikalische, von der Masse abhängige
Pneumatik werden neuerdings auch zusam- Größen, z. B. Kraft, Volumen, Energie.
mengefasst unter den Begriffen Fluidik oder Extensive Größen sind somit Quantitätsgrö-
Fluidtechnik. Diese beiden Gebiete sind nicht ßen.
Gegenstand dieses Buches. – spezifische Größen:
Die Fluidmechanik fußt, wie praktisch physikalische Größen, die auf Länge,
alle Gebiete der Naturwissenschaften, auf Fläche, Volumen oder Masse bezogen sind,
Gleichgewichts- und Bilanz-Ansätzen bzw. z. B. Oberflächenspannung, Druck, Dichte,
-Bedingungen. Das sind Kräfte- und Momen- Feldstärke.
tengleichgewichte, Stoff-, Massen-, Energie-,
Impuls- sowie Drall-Bilanzen bzw. -Erhal- 1.3 Wichtige Eigenschaften
tungen. der Fluide
Die in der Technik auftretenden Probleme
der angewandten Physik lassen sich auf zwei 1.3.1 Kompressibilität
verschiedenen Wegen mathematisch bearbei- Die Kompressibilität bezeichnet allgemein
ten. Der erste besteht darin, das physikalische die Zusammendrückbarkeit eines Fluides.
Verhalten eines infinitesimal kleinen Bereiches Analog zum im elastischen Bereich gül-
durch Differentialgleichungen zu beschreiben tigen H OOKEschen Gesetz für Festkörper
und diese unter Berücksichtigung der Anfangs- ΔL/L0 = ε = σ /E wird definiert:
sowie Randbedingungen zu lösen. Wenn dabei
die exakte Lösung nicht möglich ist, erfolgen ΔV /V0 = −Δp/E (1-1)
entsprechende, oft zulässige Vereinfachungen
oder Näherungen mit Hilfe experimentell ermit- Dabei bedeutet ΔV /V0 die relative Volu-
telter Werte. Der zweite Weg geht von einem menänderung (Volumendilatation), d. h.
Variationsprinzip aus. Dabei wird das insge- Volumenverkleinerung (also negativ), welche
samt untersuchte Gebiet in seiner Gesamtheit durch die Drucksteigerung Δp (positiv) bewirkt
erfasst. Die exakte Lösung ist hierbei diejenige, wird. Deshalb ist eine Kompensation durch das
die den zugehörigen Ausdruck, der sich in angefügte Minuszeichen in (1-1) nötig. Es gilt
bestimmter Weise aus einem Integral anderer mit den Werten von Druck p und Volumen V
unbekannter Größen ergibt, zum Minimum vor (Index 0) und nach (ohne Index) der
macht (Variationsrechnung). Ein derartiger Kompression:
Integralausdruck, dessen Integrand unbekannte
Δp = p − p0 (Zunahme, also positiv)
Funktionen enthält, wird als Funktional be-
zeichnet. Die Variationsrechnung ist somit ΔV = V − V0 (Abnahme, deshalb negativ)
ein Verfahren zum Bestimmen einer Funktion
Als Differenz wird somit, wie meist üblich, der
durch Ermitteln des Extremals eines von dieser
Unterschied zwischen End- und Anfangswert
unbekannten Funktion abhängigen Integrals,
gesetzt; nicht umgekehrt, was auch möglich
des Funktionals (Energieminimum-Prinzip,
wäre.
Abschnitt 4.3.1.8.1).
Flüssigkeiten: Der Volumenelastizitäts- oder
Kompressionsmodul (Kompressibilitätsmo-
Oft werden physikalische Größen unterteilt in
dul) E von tropfbaren Fluiden, also Flüs-
– intensive Größen: sigkeiten, ist kleiner als der (lineare) Elasti-
physikalische, von der Masse unabhängige zitätsmodul von Festkörpern. Deshalb sind
Größen, z. B. Temperatur, Länge, Zeit. In- Fluide elastischer als Festkörper. Bei Was-
tensive Größen sind somit Qualitätsgrößen. ser z. B. ist E ≈ 2000 N/mm2 = 20 000 bar
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 7

(Tabelle 1-10), und bei Öl ist E ≈ 10 000 bar. Tabelle 1-11. Kompressibilität K verschiedener
Öl ist somit etwa doppelt so elastisch (kom- Flüssigkeiten bei 20 ◦ C und 1 bar Anfangsdruck.
pressibel) wie Wasser. Hierzu vergleichsweise Flüssigkeit Kompressibilität K
hat Stahl einen (Linear-)Elastizitätsmodul Quecksilber ≈ 0,4 · 10−5 bar−1
von E = 200 000 N/mm2 . Wasser ist somit Wasser ≈ 4,9 · 10−5 bar−1
ca. 100-mal elastischer als Stahl. Das bedeutet Maschinenöl ≈ 9,6 · 10−5 bar−1
auch: Durch eine Druckerhöhung von 1 bar Glyzerin ≈ 12,8 · 10−5 bar−1
wird bei Wasser eine relative Volumenänderung Ethanol ≈ 18,7 · 10−5 bar−1
von 1 /20 000 =  0,05%0 hervorgerufen. Oder
200 bar sind notwendig, wenn Wasser um 1%
zusammengepresst werden soll. Ähnliches gilt von Wasser bei 20 ◦ C enthält Tabelle 1-10. Bis
für die anderen Flüssigkeiten. Bei tropfbaren etwa 500 bar ist der E-Modul etwa konstant
Fluiden ist somit die Kompressibilität so (Abweichung ca. 15%), weshalb hier fast
gering, dass sie in der Regel vernachlässigt linearelastisches Verhalten zwischen Druck-
werden kann. Flüssigkeitsströmungen verhalten und Volumenänderung besteht.
sich daher im Allgemeinen quasi d. h. fast Gase: Bei nichttropfbaren Fluiden kann, wenn
inkompressibel. Erst bei höheren Drücken die Volumenänderung relativ klein bleibt, nähe-
(ab ca. 500 bar) muss die Kompressibilität bei rungsweise die Temperatur T als konstant an-
Flüssigkeiten berücksichtigt und damit von der genommen werden. Dann folgt aus der Gasglei-
ungefähr inkompressiblen Betrachtungsweise chung p ·  = R · T , da meist R = konst, das Ge-
abgerückt werden, z. B. in Hochdruckanlagen. setz von B OYLE -M ARIOTTE1 p ·  · m = p ·V =
konst, also:
Tabelle 1-10. Volumen-Elastizitätsmodul E von
Wasser bei 20 ◦ C, abhängig vom Druck p; E = f (p).
p ·V = p0 ·V0
Druck p [bar] Elastizitätsmodul E [bar] (p0 + Δp) · (V0 + ΔV ) = p0 ·V0 ausgewertet:
1. . . 50 20 400 p0 · ΔV + Δp ·V0 + Δp · ΔV = 0
50 . . . 100 21 740
Wird Δp · ΔV als Glied (Term) klein von 2. Ord-
100 . . . 200 22 220
200 . . . 300 22 730
nung vernachlässigt (zulässig), ergibt sich:
300 . . . 500 23 810
ΔV Δp 1
500 . . . 1000 26 320 ≈− = − · Δp (1-2)
1000 . . . 2000 30 300 V0 p0 p0
2000 . . . 3000 37 040 Das Minus-Zeichen bedeutet wieder: Das Volu-
3000 . . . 5000 41 670 men wächst um ΔV , also positiv, bei abnehmen-
dem Druck (Δp negativ) und umgekehrt.
Der Kehrwert des Volumenelastizitätsmo- Der Volumen-Elastizitätsmodul ist, wie
duls E wird auch als Kompressibilität K be- der Vergleich der Beziehungen (1-1) und (1-2)
zeichnet: zeigt, gleich dem Druck p0 des Gases im
Anfangszustand. Für Luft vom Normzustand
K = 1/E = −(1/Δp) · ΔV/V0 (1-1a) (0 ◦ C; 1,0133 bar nach DIN 1343) ist somit
E = p0 = 10,133 N/cm2 ≈ 0,1 N/mm2. Luft ist
Tabelle 1-11 enthält die Kompressibilität ver-
demnach ungefähr 20 000-mal so kompressibel
schiedener Flüssigkeiten.
wie Wasser. Ähnliches gilt für die anderen
Wie alle Stoffwerte – sind experimentell
nichtvolumenbeständigen Fluide (Gase und
zu ermitteln – ist auch die Kompressibilität und
Dämpfe).
damit der (Volumen-)Elastizitätsmodul E von
Flüssigkeiten abhängig von Temperatur und 1)
B OYLE , R. (1627 bis 1691).
Druck. Die Druck-Abhängigkeit des E-Moduls M ARIOTTE , E. (1620 bis 1684).
8 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

Ob bei Gasströmungen die Kompressibi- Dies ist somit dann gegeben, wenn in der Strö-
lität, wie vielfach der Fall, vernachlässigt wer- mung der Staudruck q sehr klein gegenüber dem
den kann, hängt ab vom Strömungsvorgang so- Elastizitätsmodul E bleibt, d. h. im Vergleich
wie der Größe der durch die dabei auftretende zum statischen Druck p0 , was oft der Fall.
Druckänderung bewirkten relativen Volumen- Mit der L APLACE1 -Beziehung für die Schallge-
und damit Dichteänderung. schwindigkeit a (Abschnitt 1.3.4)
Nach dem Massenerhaltungssatz gilt:
m = m0 a2 = E/0 (1-6)
V ·  = V0 · 0 kann die Bedingung für quasi-inkompressibles
(V0 + ΔV ) · (0 + Δ) = V0 · 0 Gas-Verhalten Δ/0 weiter umgeschrieben
werden
Hieraus:  
Δ c2 1 1 c 2
≈ 0 = (1-7)
V0 · 0 + V0 · Δ + ΔV · 0 + ΔV · Δ = V0 · 0 0 2 E 2 a

Wird wieder Glied ΔV · Δ, da klein von 2. Ord- mit Δ =  − 0 als Dichteänderung (Zunahme).
nung, vernachlässigt, ergibt sich:
ΔV Δ Die M ACHzahl (Abschnitt 3.3.1.2)
≈− (1-3) c
V0 0 Ma = (1-8)
a
Eingesetzt in (1-2) liefert mit p0 = E von zuvor:
eingeführt, ergibt:
Δ Δ Δ p
Δp=E oder = (1-4) Δ 1 2
0 0 E = Ma (1-9)
0 2
Ein Strömungsvorgang kann, wie (1-4) zeigt,
üblicherweise als inkompressibel behandelt Die Kompressibilität bei Gasströmungen kann
werden, solange die relative Dichteänderung somit vernachlässigt werden, falls gilt:
sehr klein bleibt, also Δ/0  1. 1 2
Die mit einer Strömung verbundenen Ma  1 (also < 0,1) (1-10)
2
Druckänderungen Δp sind, wenn der Reibungs-
Für Luft (Schallgeschwindigkeit a ≈ 340 m/s
einfluss unberücksichtigt bleibt, von der Größe
bei Normzustand) erweisen sich Strömungsge-
des später – Abschnitt 3.3.6.3.3 – noch zu
schwindigkeiten bis 100 m/s, d. h. Ma ≈ 0,3, als
behandelnden Staudruckes q = 0 · c2 /2, also
praktisch noch zulässig für annähernd inkom-
Δp ≈ q. Hierbei ist c die Strömungsgeschwin-
pressibles Verhalten, da:
digkeit des Fluids (Tabelle 1-5). Damit ergibt
 2
sich nach Beziehung (1-4): Δ 1 1
≈ · ≈ 0,05 =  5%
Δ q 0 2 3
≈ (1-5)
0 E
Ma = 0,3 wird deshalb als obere Grenze
Bemerkung: Das Ungefährzeichen ≈ wird dabei angesehen, bis zu der Gasströmungen als
meist durch das Gleichheitszeichen = ersetzt. inkompressibel behandelt werden können.
Gasströmungen können mit E = p0 dem- Werte darüber werden auch als hohe M ACH-
nach in guter Näherung inkompressibel behan- Zahlen bezeichnet, weil Kompressibilitäts-
delt werden, wenn: Einfluss nicht mehr vernachlässigbar.
Δ q 1)
L APLACE , P. S. (1749 bis 1827), frz. Mathemati-
≈ 1
0 E ker.
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 9

Ergänzung: wenn kein äußerer Druck (Gegendruck) vorhan-


Volumenänderung ΔVT infolge Temperaturän- den ist. Sie sind daher nur in geschlossenen Sy-
derung ΔT (= Δt): stemen, z. B. in Behältern, im Gleichgewicht.
Die meisten Stoffe treten, bestimmt durch
ΔVT = V0 · β ·ΔT oder ΔVT /V0 = β ·ΔT
Druck und Temperatur, in einer oder zwei
Hierbei ist der Volumen- oder kubische Ausdeh- Phasen auf. In Sonderfällen sogar gleichzei-
nungskoeffizient β = 3 · α mit α als dem linea- tig in allen drei Phasen (Tripelpunkt), z. B.
ren Ausdehnungsbeiwert. Beispiele: Öle β = Eis/Wasser/Wasserdampf bei 0 ◦ C; 0,0612 bar
(5 . . . 7) · 10−4 K−1 , Wasser β ≈ 2 · 10−4 K −1 . (physikalischer Bezugspunkt). Manche Stoffe
Mit Gleichung (1-3) gilt auch für den ther- überspringen die Liquidphase und gehen sofort
mischen Einfluss: von fest in gasförmig über oder umgekehrt, je
nach Ausgangszustand. Dieser Vorgang wird
ΔT /0 = −β · ΔT (1-9a) auch als Sublimation bezeichnet. Kristalline
Festkörper, z. B. Metalle, Salze, Eis, ändern
wobei wieder ΔT =  − 0 und ΔT = T − T0 ,
ihren Aggregatzustand sprunghaft bei der zuge-
da Differenz ΔT = Δt = t − t0 .
hörigen Temperatur. Bei amorphen Stoffen wie
Wachs, Glas u. a. dagegen erfolgt der Phasen-
1.3.2 Stoffarten und -kombinationen
wechsel mit steigender Temperatur allmählich.
Die Physik unterscheidet zwischen den drei Die Fluidmechanik untersucht in der Re-
Phasen oder Aggregatzuständen fest (solid), gel nur das physikalische Verhalten der Stoffe in
flüssig (liquid) und gasförmig. Gase sind hoch- flüssigem und gasförmigem Aggregatzustand.
überhitzte Dämpfe, oder umgekehrt: Dämpfe Ein Sonderfall ist der sog. fluidische Feststoff-
sind Gase, deren Zustand (Druck und Tempera- transport. Hier liegt die Solidphase in Pulver-
tur) relativ dicht bei der Siedegrenze, d. h. der oder Körnerform im gasförmigen oder flüssigen
flüssigen Phase liegt. Unterschieden wird zwi- Trägermedium vor.
schen Nass-, Satt- und Heißdampf. Sattdampf Insgesamt sind in der Fluidmechanik un-
liegt unmittelbar an der flüssigen Phase (Tau- terscheidbar:
bzw. Siedelinie). Überhitzter Dampf (Heiß-
– Ein- und Mehrphasen-Strömungen,
dampf) ist unsichtbar, oberhalb der Siedelinie
– Ein- und Mehrstoff-Strömungen,
und nähert sich mit wachsender Überhitzung
– Mehrstoff-Mehrphasen-Strömungen.
immer mehr dem reinen Gasverhalten. Um-
gekehrt ist es beim Nassdampf (Nebel). Er ist Das Buch befasst sich nur mit den Einphasen-
sichtbar, unterhalb der Siedelinie, ein Gemisch strömungen. Ausnahme: Nassdampf.
von Sattdampf und mikroskopisch kleinen, Die Naturwissenschaft unterscheidet bei
gleichmäßig verteilten Wassertröpfchen. Mehrstoff-Gemischen zwischen echter Lösung,
Flüssigkeiten sind nur wenig zusam- Kolloidallösung und Aufschlämmung gemäß
mendrückbar (Abschnitt 1.3.1) und werden Tabelle 1-12.
deshalb meist als quasi inkompressibel be- Bei echten Lösungen besteht molekulare
zeichnet, kurz als inkompressibel, was bei Verteilung der Mischungsbestandteile ineinan-
kleineren Drücken ( 500 bar) genügend der. Es liegt somit feinste Verteilung vor, und
genau ist. Sie können auch freie Oberflä- das Gemisch verhält sich physikalisch wie ein
chen (Abschnitt 2.1.1) bilden, bei denen der einheitlicher Stoff, also vollständig homogen.
Druck nach unten (Minimalwert) durch ihren Da Licht an einzelnen Molekülen nicht gebro-
stoff- und temperaturabhängigen Dampfdruck chen (abgelenkt) oder reflektiert wird, durch-
(Abschnitt 2) begrenzt ist. dringt es reine Stoffe und damit auch echte Lö-
Gase dagegen sind stark kompressibel und sungen, ohne seine Bahn anzuzeigen. Deshalb
streben in ihrer Ausdehnung gegen unendlich, bleiben die unterschiedlichen Teile unsichtbar.
10 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

Tabelle 1-12. Mehrstoff-Lösungsarten mit Unter- Suspension: Disperses System, in dem feste
scheidungskennzeichen. Teilchen in einer Flüssigkeit
Merkmal echte kolloide Auf- fein verteilt sind. Auch als Auf-
Lösung Lösung schlämmung schlämmung bezeichnet.
Zerteilung feinste feine grobe Emulsion: Disperses System, in dem klei-
Teilchen- < 10−9 m 10−9 . . . > 10−6 m ne Flüssigkeitstropfen in einer
größe 10−6 m zweiten Flüssigkeit gleichmä-
Sichtbarkeit unsichtbar mit Elek- mit Mikro- ßig fein verteilt sind.
tronen- skop Kolloid: Disperses System, in dem die
mikroskop Teilchen der dispersen Phase li-
Trennung keine Ultrafilter Papierfilter, neare Abmessungen von etwa
durch Filter Tonfilter 10−9 bis 10−6 m haben (kollida-
Diffusion stark schwach keine
le Größe).
Bei Kolloiden oder kolloidalen Lösungen Nebel: Flüssige Phase in gasförmiger
sind die vorhandenen Bestandteile des Gemi- Phase.
sches nicht in einzelne Moleküle aufgeteilt, son- Rauch: Feste Phase in gasförmiger Pha-
dern bestehen aus größeren Teilchen, die von se (Kolloid).
Molekülgruppen gebildet werden. Infolge der Aerosole: Luftgetragene Teilchen: Gase,
jedoch bestehenden feinen Verteilung – selbst Flüssigkeiten (Nebel), Fest-
mikroskopisch kaum erkennbar – verhalten sich stoffe (Staub) entsprechender
kolloide Mischungen physikalisch ebenfalls im- Kleinheit und Form.
mer wie homogene Stoffe.
Als Aufschlämmung werden Gemische
Dispersionen sind somit Stoffgemische feiner
bezeichnet, bei denen die Aufteilung der
Verteilung. Die feinst pulverisierten Feststoff-
einzelnen Bestandteile relativ grob ist. Die
teilchen (disperse Phase) schweben unaufgelöst
Teilchen der vorhandenen Mischungsbestand-
gleichmäßig verteilt in einem Trägermedi-
teile bestehen aus Molekülpaketen und sind
um (Dispersionsmittel; meist flüssig), z. B.
daher vergleichsweise groß. Physikalisch ver-
Lacke, Kreide- und Kalkaufschlämmungen.
halten sich Aufschlämmungen verschiedentlich
Die disperse Phase (nicht gelöst) ist dabei
inhomogen. Diese Inhomogenität wirkt sich be-
vom Dispersionsmittel gleichmäßig umschlos-
sonders auf das Reibungsverhalten strömender
sen. Suspensionen sind Aufschlämmungen
Aufschlämmungen aus.
kleinster unlöslicher fester Stoffe in flüssiger
In der Physik sind bei Gemischen von Stof-
Phase (Feststoffteilchen in Flüssigkeiten), oder
fen unterschiedlicher Art und/oder verschiede-
flüssige Phase in gasförmiger, z. B. Nebel (auch
ner Phasen insgesamt auch folgende Bezeich-
Dispersion). Emulsionen sind Gemenge von
nungen üblich:
sich nicht lösenden Flüssigkeiten in feiner
Lösung: Homogenes Gemisch verschiede- gleichmäßiger Verteilung. Die eine Flüssigkeit
ner Stoffe mit atomarer bzw. mo- schwebt in kleinen Teilchen (oft kolloider Grö-
lekularer Verteilung der Kompo- ße) in der anderen, der sog. Trägerflüssigkeit,
nenten. z. B. Öl in Wasser. Beide Stoffe sind somit in
Dispersion Besteht aus mindestens zwei Stof- flüssiger Phase.
(Oberbe- fen, wobei in dem einen Stoff, Bei Aerosolen ist der eine Stoff ebenfalls
griff): dem Dispersionsmittel, die ande- fein verteilt in einem anderen und dabei oft in
ren Stoffe – disperse Phase – fein kolloider Größe, entweder mikroskopisch klei-
verteilt sind. Auch als disperses ne Flüssigkeitströpfchen in Gas, z. B. Wasser-
System bezeichnet. tröpfchen in Luft, oder kleinste Festkörperteil-
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 11

chen in Gas, wie beispielsweise bei Rauchgasen bei konstantem Volumen für die Druckänderung
von Verbrennungsprozessen. ΔpT = p0 · β · ΔT und damit p = p0 + ΔpT , wo-
Die wichtigsten das Verhalten von Gemen- bei p der Enddruck und p0 der Anfangsdruck.
gen bestimmenden Gesetze sind aufzuführen:
AVOGADRO1 -Gesetz: Gleiche Volumina H ENRY4 -Gesetz: Gemäß dem Absorptionsge-
verschiedener Gase enthalten bei gleicher setz von H ENRY ist die Löslichkeit der Kom-
Temperatur und gleichem Druck die gleiche ponenten eines Gasgemisches in einer Flüssig-
Anzahl Moleküle. Ausgedrückt wird dies in keit bei jeder Temperatur dem jeweiligen Parti-
der auf den physikalischen Normzustand 0 ◦ C aldruck der Mischungskomponenten direkt pro-
und 1,0133 bar bezogenen AVOGADRO-Zahl portional. Das von einer Flüssigkeit absorbierte
NA = 2,69 · 1019 Moleküle je cm3 Gasvolu- Gasvolumen ist somit von seinem Zustand ab-
men. Das bedeutet, dass sich bei Gasen und hängig, d. h. von Druck und Temperatur. Das in
unzersetzt verdampfenden Flüssigkeiten die einer Flüssigkeit bis zur Sättigungsgrenze lös-
Molekülmassen wie die Massen im gleichen bare Gasvolumen ist demnach bei unveränderter
Volumen verhalten. Umgerechnet ergibt sich Temperatur für jeden Druck gleich groß. Des-
bei gleichem Zustand (p; T ) ein gleicher halb nimmt gemäß dem allgemeinen Gasgesetz
Molraum aller Gase. Diese Molvolumen die absorbierte Gasmenge m = (p · V )/(R · T )
betragen 22,418 m3 /kmol beim Norm- oder mit steigendem Druck zu und verringert sich mit
Normalzustand 0 ◦ C; 1,0133 bar [75]. Demnach zunehmender Temperatur.
wiegen 22,418 m3 Gas so viel in kg, wie seine Osmose: Die Osmose bewirkt durch Diffusion
Molekularmasse angibt. einen Konzentrationsausgleich in Gemischen,
DALTON2 -Gesetz: Enthält ein Raum meh- auch durch semipermeable (halbdurchlässige)
rere verschiedene Gase, so hat jedes einen Membranen hindurch. Dabei gilt für den osmo-
Teildruck, der gerade so groß ist, als ob der be- tischen Druck, der den Ausgleich der ursprüng-
treffende Gasanteil alleine im Raum bestände. lich ungleichen Konzentration des Fluidgemen-
Die Summe der Partialdrücke der Einzelgase ges bewirkt:
ergibt den Gesamtdruck des Gemisches. Der a) Der osmotische Druck von Lösungen ist der
Gemisch-Gesamtdruck setzt sich somit additiv Konzentrationshöhe des gelösten Stoffes
aus den Einzel-Teildrücken des Gemisches proportional. Das entspricht dem Gesetz von
zusammen. B OYLE -M ARIOTTE (Abschnitt 1.3.1).
b) Der osmotische Druck von Lösungen ist der
G AY-L USSAC3 -Gesetz: Alle Gase dehnen sich
absoluten Temperatur proportional. Das ent-
unter konstantem Druck bei Erwärmung um
spricht dem Gesetz von G AY-L USSAC.
denselben Bruchteil ihres Anfangsvolumens V0
c) Die osmotischen Drücke von Lösungen glei-
aus. Der zugehörige Volumenausdehnungs-
cher molarer Konzentration sind gleich.
koeffizient aller (idealen) Gase beträgt
d) Der osmotische Druck einer Lösung von
β = 1/273 K−1 . Damit ist die Volumenän-
1 mol in 22,4 Liter Lösungsmittel beträgt
derung ΔVT = V0 · β · ΔT bei der Tempera-
bei 0 ◦ C gerade 1 bar.
turänderung ΔT = T − T0 und deshalb das
Endvolumen V = V0 + ΔVT. Entsprechendes gilt 1.3.3 Teilchenkräfte, Kapillarität
1)
AVOGADRO; Graf Amadeo di Quaregna e Ceretto 1.3.3.1 Teilchenkräfte
(1776 bis 1856), ital. Physiker und Chemiker. Die Massenanziehungskräfte, welche die
2)
DALTON; John (1766 bis 1844), engl. Chemiker Teilchen (Atome bzw. Moleküle) von Stoffen
und Physiker.
3)
G AY-L USSAC; Joseph Louis (1778 bis 1850), frz. 4)
H ENRY; William (1774 bis 1836), engl. Physiker
Chemiker und Physiker. und Chemiker.
12 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

aufeinander ausüben, werden als Teilchenkräf- Adsorption4 . . . Wirkung zwischen fest/gas-


te1 (Atom- bzw. Molekularkräfte) bezeichnet. förmig. Anlagern von Gasen oder Dämpfen an
Sie sind bei Fluiden sehr viel kleiner als bei der Oberfläche fester Körper.
Festkörpern, weshalb auch, gegensätzlich zu Absorption5 . . . Aufnahme von Gasen und
diesen, keine Gitterstruktur besteht. Die Folge Dämpfen durch Flüssigkeiten oder Feststoffe
ist, dass sich die Teilchen der Fluide vergleichs- (Einlagern). Das zugehörige Absorptionsgesetz
weise leicht gegeneinander verschieben lassen. nach H ENRY enthält Abschnitt 1.3.2. Demnach
Fluide haben daher keine feste Gestalt. Sie nimmt die in Flüssigkeiten gelöste Gasmenge
passen sich jeder Gefäßform an. Es genügen mit steigendem Druck und/oder sinkender
kleinste Kräfte, um die Form eines Fluids Temperatur zu.
zu ändern (Abschnitt 1.3.5). Die Teilchen-
kräfte bestimmen jedoch die Form der freien Diese Kräfte treten an den Trennflächen ver-
Fluid-Oberfläche (Bild 1-2). schiedener Stoffe als sog. Grenzflächenkräfte
deutlich in Erscheinung. Der Wirkungsbereich
der Grenzflächenkräfte erreicht einen Radius
kleiner ≈ 10−6 cm (kugelige Wirkungssphäre).
Der stabile Abstand zwischen Fluidteilchen
beträgt dagegen etwa 10−8 cm und deren
Durchmesser ca. 10−9 cm (Abschnitt 1.4).
Dabei sind folgende Erscheinungen zu beobach-
ten:
1. Zwei Gase bilden meist keine Grenzflächen,
sondern mischen sich sofort. Grenzflächen-
kräfte sind deshalb nicht vorhanden.
2. Grenzfläche zwischen Gas und Flüssigkeit:
Kohäsionskräfte der Flüssigkeit überwie-
Bild 1-2. Formen der freien Oberfläche von Flüs- gen und bestimmen allein das Verhalten der
sigkeiten an festen Wänden. Am Fluidrand (Trenn-
Grenzfläche. Dies führt zur Kapillarspan-
fläche) wird F > 0, ergibt Oberflächenspannung.
nung (Oberflächenspannung).
a) Randwinkel α < 90◦ , z. B. Wasser/Glas → Adhä-
sion größer Kohäsion.
3. Grenzfläche zwischen Gas und Festkörper:
b) Randwinkel α > 90◦ , z. B. Quecksilber/Glas → Ausschließlich der Festkörper bestimmt
Kohäsion größer Adhäsion. durch seine Form die Grenzfläche.
4. Grenzfläche zwischen Flüssigkeit und Fest-
körper:
Zu unterscheiden sind: a) Kohäsion größer als Adhäsion, ergibt
Kohäsionskräfte2 . . . Kräfte zwischen glei- ein nichtbenetzendes Fluid (zieht sich
chen Teilchen. zusammen → kugelförmige Oberflä-
Adhäsions-3 und Adsorptionskräfte . . . Kräfte che, Bild 1-3a)
zwischen verschiedenartigen Teilchen. b) Kohäsion kleiner als Adhäsion, ergibt
Dabei bezeichnet: benetzendes Fluid (breitet sich aus,
Adhäsion . . . Wirkung zwischen fest/fest und Bild 1-3b) bzw. Bild 1-3c).
fest/flüssig 5. Flüssigkeiten verhalten sich meist wie Gase
1)
und bilden keine Grenzfläche, sondern mi-
Teilchen . . . Sammelbegriff für Moleküle und Ato-
schen sich. Im Sonderfall nichtmischbarer
me.
2) 4)
cohaerére (lat.) . . . zusammenhängen. adsorbieren . . . anlagern.
3) 5)
adhaerére (lat.) . . . festhängen, anhaften. absorbieren . . . einlagern, aufsaugen.
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 13

Flüssigkeiten ergeben sich Verhältnisse wie In Bild 1-4 ist ΔE = F · Δs und ΔA = l · Δs.
unter Punkt 4.
Kapillarspannungen sind sehr klein (Tabel-
le 1-13) und nehmen mit steigender Fluidtem-
peratur ab. Auch verringern bereits geringfügige
Verunreinigungen die Oberflächenspannung
merklich.

Bild 1-3. Benetzungsarten von Flüssigkeiten auf


Festkörpern (bzw. auf Flüssigkeit).
a) nichtbenetzend, z. B. Quecksilber/Glas.
b) wenig benetzend, z. B. Wasser/Glas.
c) stark benetzend (Fluid breitet sich aus), z. B. Pe-
troleum/Glas oder Öl auf Wasser.

1.3.3.2 Kapillarität
Kapillarität wird verursacht durch die Grenz- Bild 1-4. Modellversuch zur Bestimmung der
flächenkräfte, und zwar: Oberflächenspannung σ = F/l mit Kapillarspannung
≤ Kapillarwirkung. Der Weg Δs, bewirkt durch die
a) Kapillarspannung (Oberflächenspannung) Kraft F, ergibt Vergrößerung der Fluidhaut um Flä-
durch Kohäsion. che ΔA = l · Δs.
b) Kapillarwirkung durch Adhäsion.
Tabelle 1-13. Oberflächenspannungen verschiede-
Kapillarspannung σ: ner Fluide.
Die Kapillarspannung oder Kapillarkonstante Fluide (Temperatur 20 ◦ C) σ in N/m
ist bedingt durch die nicht kompensierten Teil- Luft gegen: Quecksilber 0,47
chenkräfte am Fluidrand (F > 0, Bild 1-2) und Wasser 0,073
definiert als Quotient aus der am Flüssigkeits- Ethanol 0,025
rand angreifenden Kraft F mit der Randlänge l Ethylether 0,016
entsprechend Bild 1-4: Öl 0,028
Wasser gegen: Quecksilber 0,38
Öl 0,02
F Ethanol 0,002
σ= (1-11a)
l
Die Kapillarspannung kann auch als spezifische
Kapillarwirkung:
Grenzflächenenergie definiert oder bezeichnet
Die Flüssigkeit steigt im Rohr in Bild 1-5
werden. Das ist die potentielle Energie dE, wel-
und Bild 1-6 so weit hoch (bzw. senkt sich
che die Grenzfläche A um den Betrag dA ver-
so tief ab), bis Gleichgewicht zwischen der
größert (infinitesimale Größen):
durch Adhäsion bewirkten Kapillarkraft (Ka-
σ = dE/ dA (1-11b) pillarwirkung) und dem angehobenen (bzw.
verdrängten) Flüssigkeitsgewicht besteht. Es
Bei linearem Verhalten ergibt sich dann aus den kann deshalb unter der zulässigen Annahme,
Differenzenwerten ΔE und ΔA: dass die freie Oberfläche etwa die Form einer
Halbkugelschale aufweist, in der die Spannung
σ = ΔE/ΔA (1-11c) gemäß Festigkeitsmechanik überall gleich groß
14 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

und damit die Oberflächenspannung gleich der 1.3.3.3 Krümmungsdruck


Kapillarwirkung ist, gesetzt werden: Eine gekrümmte Grenzfläche wird durch den
Gewichtskraft = Kapillarkraft auf der konkaven (hohlen) Seite wirkenden
Überdruck stabil gehalten. Gleichgewicht
D2 · π besteht so lange, wie die Kapillarspannung
· z̄ ·  · g = σ · D · π
4 des Mediums dabei nicht überschritten wird.
Hieraus ergibt sich die mittlere Anhebung bzw. Dieser Überdruck wird als Krümmungs- oder
Absenkung z̄: Kapillardruck bezeichnet.
Mit Hilfe der Oberflächenspannung σ
4·σ
z̄ = (1-12) gemäß Definition (1-11b) lässt sich der zugehö-
D··g rige Überdruck pü in einem Flüssigkeitstropfen
(Kugelform angenommen) oder einer Gas-
blase vom Radius R bestimmen. Unter der
Wirkung des Überdruckes vergrößert sich
die anfängliche Kugeloberfläche um den Be-
trag dA0 , wozu die potentielle Energie dE
notwendig ist. Auf die ursprüngliche Bla-
senoberfläche A0 = D2 · π = 4 · R2 · π wirkt
infolge des inneren Überdruckes pü die Kraft
F = pü · A0 = pü · 4 · R2 · π . Dadurch vergrößert
sich der Blasenradius um den differentiellen
Wert dR. Die infinitesimale Grenzflächenener-
gie beträgt dann dE = F · dR = pü ·4 ·R2 · π · dR.
Für die zugehörige Oberflächenvergröße-
Bild 1-5. Kapillarwirkung verschiedener Flüssig- rung (Index 0 für Oberfläche) ergibt sich:
keiten.
a) Kapillaraszension, z. B. Wasser in Glasrohr dA0 = (A0 + dA0 ) − A0
b) Kapillardepression, z. B. Quecksilber in Glasrohr.
= 4 · (R + dR)2 · π − 4 · R2 · π
= 4 · π · [(R2 + 2 · R · dR + (dR)2) − R2 ]
= 4 · π · [2 · R · dR + (dR)2]

Bei zulässigen näherungsweisen Vernachlässi-


gen des Gliedes (dR)2 (klein von zweiter Ord-
nung) gilt:

dA0 = 8 · π · R · dR

Dann wird gemäß (1-11b):

dE pü · 4 · R2 · π · dR R
σ= = = pü ·
dA0 8 · π · R · dR 2

und hieraus der im Tropfen herrschende Über-


Bild 1-6. Kapillar-Steighöhen verschiedener Flui- druck:
de bei Raumtemperatur in Abhängigkeit vom Rohr-
durchmesser. pü = 2 · σ /R (1-12a)
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 15

Der Druck nimmt demnach mit abnehmendem Spurenelemente näherungsweise vernachläs-


Tropfenradius zu. Der Druck in kleinen Bla- sigt.
sen ist somit höher als in größeren. Umgekehrt mMol,Lu = mN2 + mO2 = 0,79 · 28 + 0,21 · 32
sinkt der Druck mit wachsender Tropfengröße, ≈ 28,8 g/mol (auch Tabelle 6-20)
und zwar umgekehrt proportional zum Radius.
Diese Erscheinung begrenzt wegen der zudem Lu = 1,293 kg/m3 = 1,293 · 10−3 g/cm3
vorhandenen Wirkungen von Tropfengewichts- (Tabelle 6-8)
kraft und Umgebungsdruck den maximal stabi-  
mMol,Lu 28,8 g/mol
len Tropfendurchmesser, z. B. bei Wasser auf et- VMol,Lu = =
Lu 1,293 · 10−3 g/cm3
wa 6,5 mm. Wassertropfen von mehr als 6,5 mm
Durchmesser zerfallen unter der Wirkung des = 2,23 · 104 cm3 /mol
 
umgebenden Luftdruckes [51]. Deshalb kom- Lo 6,023 · 1023 Tl/mol
L̃o = =
men beispielsweise größere Tropfen auch bei VMol,Lu 2,23 · 104 cm3 /mol
starkem Regen nicht vor.  
Tl
= 2,70 · 10 19
= 2,7 · 1019 cm−3
cm3
1.3.4 Mittlere freie Teilchenweglänge
lTl = L̃o−1/3 = (2,7 · 1019)−1/3 [(cm−3 )−1/3 ]
Für die mittlere freie Weglänge lTl , der = 3,33 · 10−7 cm ≈ 3 · 10−9 m = 3 nm
Fluidteilchen (Moleküle, Atome) gilt mit der
L OSCHMIDTschen Zahl L̃o [75] der Dimension Bei anderen Drücken p gelten dementsprechend
cm−3 , d. h. Teilchen Tl je cm3 Volumen, also die Werte:
[Tl/cm3 ]: p/p0 1 2 5 10 100 1000
107 · lTl [cm] 3,33 2,65 1,95 1,55 0,72 0,33
lTl = L̃o−1/3 = (Lo/VMol )−1/3 [cm] (1-12b) Wasser: H2 O = H2 + (1/2) · O2
H2 Molekülmasse 2 g/mol
Die Ursprung- oder Original-L OSCHMIDT1- O2 Molekülmasse 32 g/mol
Zahl Lo = 6,023 · 1023 [Tl/mol] – Teilchen
je mol – beim physikalischen Normzustand mMol,Wa = 2 + (1/2) · 32 = 18 g/mol
0 ◦ C und 1,0133 bar ist dabei entsprechend Wa = 1000 kg/m3 = 1 g/cm3
umzurechnen. Lo wird auch als AVOGADRO-  
m 18 g/mol
Konstante bezeichnet. VMol,Wa = Mol,Wa = = 18 cm3 /mol
Wa 1 g/cm3
Bei gleichbleibender Temperatur, also  
6,023 · 1023 Tl/mol
T = T0 = konst (Isotherme), gilt mit dem L̃o =
18 cm3 /mol
Gesetz nach B OYLE -M ARIOTTE beim Druck p
Tl
und Anfangsdruck p0 = 1,0133 bar: = 3,35 · 1022
cm3
  
lTl ≈ [(p/p0 ) · L̃o] −1/3 1 −1/3
(1-12c) LTl = (3,35 · 1022 )−1/3
cm3
= 3 · 10−8 cm = 30 nm
B Luft: 0 ◦ C; 1,0133 bar. Wasser 4 ◦ C.
1.3.5 Viskosität
Luft: 1.3.5.1 Definition
Stickstoff N2 ≈ 79%; Molekülmasse 28 g/mol Nach DIN 1342 ist Viskosität definiert als die
Sauerstoff O2 ≈ 21%; Molekülmasse 32 g/mol Eigenschaft eines fließfähigen (vorwiegend
flüssigen oder gasförmigen) Stoffsystems, beim
1)
L OSCHMIDT ; Josef (1821 bis 1895), österr. Physi- Verformen eine Spannung aufzunehmen, die
ker. von der Verformungsgeschwindigkeit abhängt.
16 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

Ebenso kann die Spannung (Schub-, also


Tangentialspannung) als Ursache angesehen
werden, durch die eine Verformungsgeschwin-
digkeit im Fluid hervorgerufen wird.
Die Stoffgröße „Viskosität“ ist demnach
ein Maß für die durch innere Reibung bestimm-
te Verschiebbarkeit der Fluidteilchen gegenein-
ander. Die früher für die Viskosität übliche Be-
zeichnung Zähigkeit sollte nicht mehr verwen-
det werden, da Verwechslungsgefahr mit ande-
ren Stoffeigenschaften besteht, z. B. zähes Me-
tall oder Leder.

1.3.5.2 Fluidreibungsgesetz nach Newton


Bild 1-7. Scherströmung zwischen parallelen Flä-
Auf N EWTON1 geht die Vorstellung zurück,
chen.  1 und  2 Bezugsstellen. Platte (Fläche A)
dass die Friktion2 zwischen zwei sich „berüh-
schwimmt (taucht nicht ein → Folie).
renden“ Fluidteilchen, weitgehend unabhängig a) linearer, b) nichtlinearer Geschwindigkeitsverlauf
vom herrschenden Druck, jedoch proportional im Medium, c) in Behälter B mit translar bewegter
der Geschwindigkeitsänderung zwischen den Deckplatte P. SB Sekundär-Bewegung.
Teilchen ist. Völlig gegensätzlich verhält sich
die Reibung zwischen Festkörpern, bei denen
die Normalkraft, nicht jedoch das Geschwin- scheinung wird als Haftbedingung3 bezeichnet
digkeitsgefälle bestimmend ist. Um über einem und ist ein wichtiges Kennzeichen der Fluide.
Fluid, wie Bild 1-7 zeigt, eine aufliegende, je- Ein Beweis für die Haftbedingung ist bei-
doch nicht eintauchende ebene Platte (benetzte spielsweise, dass in staubiger Atmosphäre sich
Fläche A) parallel zu einer ruhend angenomme- selbst an schnell drehenden Ventilatorflügeln
nen Wand (cx,1 = 0), z. B. dem Gefäßboden, im ein Belag bildet, der durch die Strömung nicht
Abstand Δz mit konstanter Geschwindigkeit cx,2 „weggepustet“ wird, oder Wasserfilm auf Auto-
entlang zu bewegen, ist die Kraft F notwendig. Windschutzscheiben auch bei Fahrt im Regen,
Für diese Kraft F gemäß Versuchen: weshalb Scheibenwischer notwendig sind. Es
handelt sich demnach nicht um die Friktion
F ∼A (Reibung) zwischen festen und flüssigen bzw.
F ∼ Δcx = cx,2 − cx,1 gasförmigen Körpern, sondern um die Reibung
zwischen benachbarten Fluidschichten. Die
F ∼ 1/Δz
Scherkraft F ist notwendig zum Verformen und
Zusammengefasst : F ∼ A · Δcx /Δz Trennen (Auseinanderreißen) der durch die
Mit dem Proportionalitätsfaktor η , der von der Molekularkräfte zusammengehaltenen Fluid-
Art des Fluides abhängig ist, ergibt sich das sog. teilchen. Die Gesamtbewegung der Fluidteilchen
N EWTONsche Fluidreibungs-Gesetz: besteht dabei aus der immer vorhandenen ther-
mischen Bewegung (mikroskopisch) und dem
F = η · A · Δcx /Δz (1-13) eigentlichen Fließvorgang (makroskopisch).
Bemerkung: Fluidpartikel sind kleinste
Die an Wand und Platte jeweils angrenzenden Teilmengen eines Fluides, die noch eine ge-
Fluidschichten (Partikelschichten) haften an
3)
diesen. Diese durch Adhäsion verursachte Er- Diese Annahme wurde für die meisten unter nor-
malen Drücken stehenden Fluide experimentell be-
1)
N EWTON, Isaac (1643 bis 1727); engl. Physiker, stätigt und gilt deshalb als Erfahrungstatsache. Bei
Mathematiker und Astronom. stark verdünnten Gasen dagegen können gewisse
2)
Friktion (lat.) . . . Reibung. Gleitbewegungen längs fester Wände auftreten.
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 17

nügende Anzahl von Molekülen enthalten, so Wird die Scherkraft F auf die Fläche A bezo-
dass statistisch eine kontinuierliche Deutung gen, ergibt sich die durch Fluidreibung bedingte
möglich ist. Die detaillierte Molekularstruktur Tangentialspannung τ , auch als Widerstands-,
ist dadurch völlig verwischt, und diese makro- Reibungs-, Scher- oder Schubspannung be-
skopischen Teilchen geben das Fluidverhalten zeichnet:
wieder.
Zur physikalisch-mathematischen Er- τ = η · dcx /dz = η · D (1-15)
klärung des als Fluidreibung bezeichneten Das Geschwindigkeitsgefälle dcx /dz,
Phänomens wird auch auf die späteren Ab- auch Scherrate oder Geschwindigkeitsgradi-
schnitte 3.3.3.4 Grenzschichtströmung und ent genannt, wird oft mit D abgekürzt. Also
besonders bei 4.1.6.2 Turbulente Kreisströ- D = dcx /dz und damit wie in (1-15) aufge-
mung verwiesen. führt τ = η · D. Zu betonen ist noch, dass die
Zwischen ruhender und bewegter Wand betrachtete Bewegung nach Bild 1-8a einen
bildet sich innerhalb des Fluides bei nicht zu wichtigen Spezialfall darstellt. Diese parallele
großer Schichtdicke ein lineares Geschwindig- Schichtenströmung wird auch als einfache
keitsgefälle Δc/Δz, Bild 1-8, Teil a). Je größer Scher- oder C OUETTE1 -Strömung bezeichnet,
dieses Gefalle, desto größer die Fluidreibung. mit dcx / dz = Δcx /Δz, also linear.
Bei großer Schichtdicke entsteht immer eine Die Verallgemeinerung des elementa-
nichtlineare Geschwindigkeitsverteilung gemäß ren Reibungsgesetzes nach Newton (1-14)
Bild 1-7 Verlauf b), bzw. Bild 1-8b, je nach ergibt den S TOKES2 schen Reibungsan-
Strömungsverhältnissen, d. h. ob sich der satz (Abschnitt 4.3.1) für Raumströmungen
Körper oder das Fluid bewegt. (3-dimensional → 3D).
Alle Fluide, die dem N EWTONschen Reibungs-
gesetz bei konstantem Proportionalitätsfaktor η
entsprechen, werden als N EWTONsche Flui-
de bezeichnet. Die technisch wichtigen Fluide
(Wasser, Öle, Wasserdampf, Luft, Erdgas usw.)
sind N EWTONsche Fluide.
Die Technische Fluidmechanik im enge-
ren Sinne ist die Mechanik der N EWTONschen
Fluide. Bei ihnen ändert sich die Viskosität
nicht mit dem Schergeschwindigkeitsgefälle D,
also η = konst bei Temperatur T = konst.
Bild 1-8. Geschwindigkeitsverteilung in an ruhen- Die Rheologie ist die Wissenschaft aller an-
der Wand (schraffiert) entlangströmendem Fluid: a) deren Fluide, den sog. Nicht-N EWTONschen
linear (nur vorhanden bei kleinem Δz); b) nichtlinear
Fluiden, bei denen sich die Viskosität mit
(meist der Fall).
dem Geschwindigkeitsgradienten D ändert

= konst).
Ist das Geschwindigkeitsgefälle im Fluid Das Viskositäts-Verhalten verschiede-
nicht konstant, was bei größerer Schichtdicke ner Fluidtypen zeigt indirekt Bild 1-9. Nach
fast immer vorliegt, tritt an Stelle des Differen- DIN 1342 ist ein Fluid linearviskos und wird
zenquotienten Δcx /Δz der Differentialquotient somit als N EWTONsches Fluid bezeichnet,
dcx / dz (Dimension s−1 ) und damit statt (1-13) wenn es den folgenden Bedingungen genügt:
die allgemeine Definition für das N EWTON-
1)
Fluidreibungsgesetz: C OUETTE ; Maurice (1858 bis 1943), frz. Forscher.
2)
S TOKES; George (1819 bis 1903), engl. Mathema-
F = η · A · dcx /dz (1-14) tiker und Physiker.
18 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

Bild 1-10. Elastische Verformung eines Festkörpers


durch Scherspannung τ . Strichlinien-Teilchen (ge-
strichelt) unbelastet. Volllinien-Teilchen beansprucht
durch τ .

Bild 1-9. Fließkurven. Reibungsverhalten ver- Während bei Festkörpern die Schubspannung
schiedener Fluide bzw. Phasen (prinzipieller Ver- proportional der Größe der elastischen Form-
lauf). τF Schwell- oder Fließgrenze der Scherspan- änderung γ ist, verhält sie sich nach Über-
nung, Ds Schwellwert des Schergefälles, bei Druck legungen von S TOKES2 bei den Fluiden pro-
p = konst und Temperatur T = konst. Abszisse: idea-
portional zur Formänderungsgeschwindigkeit
les Fluid (viskositätsfrei), Ordinate: Feststoff.
dγ/ dt – auch als Deformationsgeschwindig-
keit bezeichnet –, und an Stelle des Schubmo-
duls G tritt, wie sich noch zeigt, die Fluidvis-
– Schubspannung τ und Geschwindigkeitsge- kosität η . Für Fluide gilt demnach – vorerst
fälle D = dcx / dz sind direkt proportional mit dem Proportionalitätsfaktor ψ – der S TO -
(linear). KES sche Analogieansatz:
– In der Schichtenströmung sind die Normal-  
spannungen in allen drei Koordinatenrich- dγ d dx
τ =ψ· =ψ·
tungen x, y, und z gleich groß, d. h. der dt dt dz
  (1-17)
Druck ist richtungsunabhängig. d dx
– Eine elastische Verformung der Flüssigkeit =ψ·
dz dt
muss bei zeitlich veränderlicher Schubspan-
nung so klein sein, dass die das Geschwin- Stetige Funktion, weshalb Differentationsfolge
digkeitsgefälle nicht beeinflusst. vertauschbar. Mit dx/ dt, der Verschiebege-
schwindigkeit cx , wird:
Die Scherspannung τ , (1-15), ist verwandt mit
dem Elastizitätsgesetz elastischer fester Körper. τ = ψ · dcx / dz (1-18)
Bei Festkörpern ist nach dem H OOKE1 schen
Mit ψ ≡ η geht (1-18) in (1-15) über und bestä-
Gesetz die Schubspannung τ proportional der
tigt damit auch auf diesem Wege über den S TO -
Formänderung γ :
KES schen Analogieansatz. (1-17), zum H OO -
τ = G·γ (1-16) KE -Gesetz, (1-16), das N EWTON sche Fluidrei-
bungsgesetz.
Dabei ist G der Schubmodul, und nach Der Differentialquotient dcx / dz, das
Bild 1-10 bedeutet die Formänderung γ die Geschwindigkeitsgefälle D, wird auch als
Winkeländerung des ursprünglichen rechten Schergeschwindigkeitsgradient oder -gefälle
Kantenwinkels beim unbeanspruchten Teilchen: bezeichnet, kurz und unscharf jedoch auch als
Schergefälle oder Deformationsgeschwindig-
dx keit. Dimension von D:
γ ≡ γ̂ = tan γ =
dz 2)
S TOKES, George Gabriel (1818 bis 1903), engl.
1)
H OOKE , Robert (1635 bis 1703), engl. Physiker. Mathematiker und Physiker.
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 19
 
dcx m/s 1 wachsendem Schergeschwindigkeitsgefälle.
[D] = = =
dz m s Solches Verhalten zeigen z. B. Stärkesuspen-
sionen (Klebstoffe u. a.) sowie nasser Sand.
Das N EWTONsche Fluidreibungsgesetz ergibt Bei geringem Schergeschwindigkeitsgradienten
auch, dass bei ruhenden Fluiden im Gegensatz füllt das Wasser bei nassem Sand die Zwischen-
zu Festkörpern keine Reibung vorhanden ist. räume der Sandschüttung (-körner) vollständig
Diese S TOKES-Betrachtung zeigt die Ana- und wirkt deshalb als Gleitmittel. Je größer das
logie zwischen Festkörper-Verformung und Schergeschwindigkeitsgefälle wird, desto mehr
Fluidströmung hinsichtlich der Scherspannung. reißt die Wasserumhüllung auf. Die Sandkörner
berühren sich dann zunehmend direkt, weshalb
Bemerkung: Gemäß (1-14) tritt bei Fluiden die Schmierwirkung des Wassers zurückgeht
Friktion nur bei Bewegung auf. Je größer und die Scherspannung stark ansteigt.
Strömungsgeschwindigkeit (bzw. deren Unter-
schied) und Berührfläche sind, desto stärker Pseudoplastisches Verhalten: Diese Erschei-
wird die Fluidreibung. Dies ist gegensätzlich nung wird auch als strukturviskoses Verhalten
zur Festkörperreibung. Bei Festkörpern be- bezeichnet. Die Scherspannung solcher Fluide
steht Ruhereibung (FR,0 = μ0 · Fn ), die sogar steigt degressiv mit wachsendem Scherge-
größer ist als beim Gleiten (FR = μ · Fn mit schwindigkeitsgradienten. Die zugehörige Vis-
μ < μ0 ), und die Reibungskraft ist zudem kosität nimmt somit relativ ab. Solche Medien
unabhängig von der Berührfläche A, dage- sind beispielsweise Schmelzen sowie Lösungen
gen abhängig von der Normalkraft Fn . Bei von Hochpolymeren (Polymerschmelzen und
Fluiden andererseits ist der der Normalkraft -lösungen) oder anderen markromolekula-
entsprechende Druck p ohne direkten Einfluss ren Substanzen, als auch Dispersionen mit
auf die Reibung, allenfalls über die Viskosität länglichen Partikeln u. a. Die Teilchen sind
(η = f (p)). im Ruhezustand kräftig miteinander verhakt.
Insgesamt lassen sich die Fluide bzw. Aggregat- Sie widersetzen sich deshalb erheblich der
phasen aufteilen in die drei Klassen: wirkenden Scherung. Mit zunehmender Scher-
bewegung richten sich die länglichen Teilchen
– viskose Fluide immer mehr in Scherrichtung aus, weshalb der
– Fluide mit Gedächtnis Widerstand relativ zurückgeht. Dadurch be-
– viskoelastische Fluide gründet sich ihr degressives Reibungsverhalten.

Viskose Fluide
Das Fließverhalten der verschiedenen unter vis- Plastisches Verhalten: Stoffe dieser Art ver-
kosen Medien zusammengefassten Fluidgrup- halten sich bis zu einer bestimmten charakte-
pen ist in Bild 1-9 prinzipiell dargestellt. Sie ristischen Scherspannung, der sog. Schwell-
sind generell unterteilbar in oder Fließspannung σF , wie Festkörper. Erst
– N EWTONsche Fluide (häufig auftretender nach diesem endlichen Spannungsschwell-
Sonderfall), wert beginnen derartige Medien, fluidartig zu
– nicht-N EWTONsche Fluide fließen, wobei dann die Scherspannung mit
wachsendem Schergeschwindigkeitsgradien-
Zu den nicht-N EWTONschen Fluiden bzw. ten weiter ansteigt. Das zugehörige weitere
Phasen gehören: Reibungsverhalten kann dann pseudoplastisch,
Dilatantes1 Verhalten: Die Viskosität und newtonisch oder dilatant verlaufen. Ruß,
damit die Scherspannung steigt progressiv mit Ölfirnis, viele industrielle Schlämme, Honig,
Wachse, Teer, Fette wie auch Suspensionen
1)
dilatabel (lat.) . . . dehnbar. von Kalk sowie Kreide (Zahnpasta) u. ä. sind
20 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

solche Stoffe. Plastische Medien werden auch Unterschieden wird bei diesem Fließver-
als B INGHAM1 -Fluide bezeichnet. halten zwischen Thixotropie und Rheopexie.
Sogenannte elektroviskose Fluide, Bei thixotropen Medien nimmt die Scherspan-
abgekürzt EVF, haben ebenfalls B INGHAM- nung von einem Anfangswert ausgehend mit
Verhalten. Zudem ändert sich bei diesen die der Bewegungszeit ab. Derartige Fluide werden
Viskosität beim Anlegen einer elektrischen bei längerem Rühren dünnflüssiger. Lacke und
Spannung entsprechender Stärke (mehrere kV). Farben beispielsweise gehören zu dieser Grup-
Die Viskosität wächst ab einer Schwellfeld- pe. Das umgekehrte Verhalten zeigen rheopexe
stärke in begrenztem Maße mit steigender Medien. Unter dem Einfluss gleichbleiben-
elektrischer Spannung. Dabei muss ein klei- dem Schergeschwindigkeitsgefälle steigt bei
ner elektrischer Strom fließen (mA-Bereich), ihnen die Scherspannung mit zunehmender
welcher das viskositätsverändernde Ausrichten Zeit. Der Stoff verfestigt sich somit unter
der Fluidionen im bestehenden elektrischen dem Einfluss der Scherung. Gipssuspensionen
Feld bewirkt. Solche meist auf Siliconölbasis zeigen z. B. solches Verhalten, d. h., sie ver-
mit suspendierten Aluminiumpartikeln be- festigen sich durch Rühren schneller als bei
ruhenden Medien sind also hochohmig. Bei Ruhe.
ca. 4 bis 6 kV elektrischer Spannung kommt
es bei Fluidschichtdicken von etwa 1 mm in
Viskoelastische Fluide
der Regel zum elektrischen Durchschlagen,
Derartige Medien, die auch als elastoviskose
wodurch das Medium meist geschädigt wird.
Fluide bezeichnet werden, zeigen M AX -
Der Anwendung sind deshalb Grenzen gesetzt.
WELL 3 -Verhalten: Die Hauptvalenzbindungen

O STWALD2 -Verhalten: Solche äußerst selten der Makromoleküle können theoretisch un-
auftretenden Phasen verhalten sich bis zu behindert um die Nachbarvalenzen rotieren.
einem endlichen Geschwindigkeitsgefälle- In Wirklichkeit bestehen aber außer den Va-
Schwellwert (Ds in Bild 1-9) fluidmechanisch lenzkräften4 zwischen benachbarten Gruppen
ideal, d. h. reibungsfrei. Anschließend tritt derselben oder verschiedener Moleküle noch
pseudoplastisches, newtonsches oder dilatantes C OULOMB5 -Kräfte (Abschnitt 1.4), welche die
Verhalten auf. freie Rotation behindern [26].
Beim langsamen gleichmäßigen Bewegen
Fluide mit Gedächtnis (Rühren) verhalten sich elastoviskose Stoffe
Diese Stoffe sind durch die Zeitabhängigkeit viskos (newtonisch). Bei starkem zeitlichem
der aufgebrachten Scherspannung gekennzeich- Ändern der Schergeschwindigkeit (Schla-
net. Wird ein solches Medium zum Fließen ge- gen) dagegen verhalten sich solche Fluide
bracht, verändert sich mit der Zeit der Reibungs- überwiegend elastisch. Kriechende Medien
widerstand. Die Änderung ist dabei meist stark und Teige beispielsweise sind elastoviskose
(großer Gradient) kurz nach Beginn der Bewe- Stoffe.
gung. In der Regel geht die Scherspannung bei Die Beziehung für die Scherspannung nach
anhaltender Bewegung dann anschließend all- N EWTON, (1-15), lässt sich entsprechend auf
mählich, d. h. asymptotisch, in einen gleichblei-
3)
benden Wert über. Wenn die Bewegung aufhört M AXWELL , James Clerk (1831 bis 1873), engl.
und neu beginnt, wiederholt sich der Gesamt- Physiker.
4)
vorgang. Valenz (lat.) . . . chemische Wertigkeit. Ionenbin-
dung (-Wertigkeit).
1)
B INGHAM, E. C. (1878 bis 1945). Valenzelektronen . . . gemeinsame Bindungselek-
2)
O STWALD, Wolfgang (1883 bis 1945), dt. Chemi- tronen der Atome von Molekülen.
5)
ker, Sohn von Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932), C OULOMB, Charles Augustin de (1736 bis 1806),
dem Begründer der modernen Elektrochemie. frz. Physiker.
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 21

Tabelle 1-14. Grundsätzliche Größenwerte für die – Rheologie: Behandelt


verschiedenen Medium-Gruppen zu (1-18a). nichtNEWTONsche Fluide.
Fluide-Typ n τF DS Allgemeiner Fall. Äußerst
N EWTONsche =1 =0 =0 schwer theoretisch behan-
pseudoplastische <1 =0 =0 delbar, weshalb meist nur
dilatante >1 =0 =0 experimentell möglich und
plastische =1 >0 =0 dabei oft nur unzureichend.
O STWALDsche =1 =0 >0
1.3.5.3 Dynamische Viskosität η
alle Fluide erweitern: Der Proportionalitätsfaktor η ist eine Stoffgröße
und ein Maß für die Verschiebbarkeit der Fluid-
τ = τF + [η · (D − DS )]n (1-18a) teilchen gegeneinander, also die mit Viskosi-
tät bezeichnete Kenngröße. Zur genauen Kenn-
Die zugehörigen Werte dieses Ansatzes sind zeichnung wird η als dynamische Viskosität
für jeden Stoff, abhängig von Druck und Tem- oder auch als Scherviskosität bzw. absolute
peratur, jeweils experimentell zu bestimmen Viskosität bezeichnet. Die Viskosität ist durch
(Tabelle 1-14). die sog. VAN - DER -WAALS1 schen Kräfte (Teil-
chenkräfte) und die B ROWN2 sche Molekularbe-
Zusammengefasst gilt:
wegung bedingt (Abschnitt 1.4).
Fluide sind bis auf das Anfangsverhalten von
B INGHAM-Medien (Fließspannung τF ) Stoffe, Dimension von η (Hinweis auf Fußnote 3 ):
die – unabhängig von der Viskosität – unter  
τ N/m2 N
der Einwirkung einer noch so kleinen Kraft [η ] = = m = 2 · s = Pa · s
dauernd fließen. Dagegen benötigt jeder Fest- Δc/Δz /m m
s
stoff – unabhängig von seiner Verformung –
eine Kraft bestimmter Größe, bevor er anfängt Oder in den Grundeinheiten:
zu fließen. Die Scherspannung in Fluiden Mit Pa = N/m2 = kg/(m · s2 ) wird
verschwindet, wenn die Bewegung aufhört.
Bei Feststoffen dagegen bleibt die Tangen- [η ] = kg/(m · s) = kg · m−1 · s−1
tialspannung auch nach dem Aufhören der
Verformungsbewegung erhalten und versucht Frühere Dimension: Poise P
diese gemäß des elastischen Anteils in Richtung 1 P = 100 cP = 0,1 Pa · s
seiner Ursprungsform zurückzubringen.
Hochviskose Fluide: η ≈ 200 . . . 800 Pa · s Einen Überblick über die Größenordnung der
im Temperaturbereich von ca. −20 . . . + 80 ◦ C dynamischen Viskosität verschiedener Medien
und Scherrate D ≈ 80 s−1 gibt Bild 1-11. Die Spanne ist sehr groß (viele
Dekaden).
Die Fließtechnik lässt sich somit, wie erwähnt, Der Kehrwert der dynamischen Viskosität
aufteilen in wird mit Fluidität ϕ bezeichnet, also:
– Fluidmechanik: Behandelt NEWTONsche
Fluide. Sehr wichtiger, 1
ϕ= (1-19)
häufig vorhandener Son- η
derfall. Teilweise nur 1)
VAN DER WAALS, Johannes Diderik (1837 bis
schwer theoretisch behan- 1923), niederl. Physiker.
delbar, weshalb vielfach 2)
B ROWN, R. (1773 bis 1838).
Versuche und/oder Nähe- 3)
Eckige Klammer bedeutet Dimension des Einge-
rungsrechnungen (Nume- klammerten. Dadurch optische Abgrenzung bzw.
rik) notwendig. Kennzeichnung.
22 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

Bild 1-11. Dynamische Viskosität einiger Medien bei 20 ◦ C und 1 bar (Größenordnungen).

1.3.5.4 Kinematische Viskosität ν Die Dimension der kinematischen Viskosität v


In der Fluidmechanik tritt sehr häufig der Quoti- enthält nur die kinematischen Einheiten von
ent von dynamischer Viskosität und Dichte auf. Länge und Zeit. Damit lässt sich begründen,
Dieses Verhältnis η / erhielt den Namen ki- warum die Stoffgröße v auch die Bezeichnung
nematische Viskosität ν . Die Bezeichnung ist „kinematische Viskosität” erhielt.
missverständlich, da der Wert η / von Gasen Wie jede Stoffkonstante ist auch die Visko-
infolge ihrer sehr viel kleineren Dichte wesent- sität (absolute und spezifische) nicht konstant,
lich größer ist als der von viskoseren Flüssigkei- sondern von den primären Zustandsgrößen
ten (Tabelle 1-15). Druck und Temperatur abhängig, weshalb die
Bezeichnung Stoffgröße zutreffender ist. Das
gilt deshalb auch für NEWTONsche Fluide.
Tabelle 1-15. Dichte und Viskositäten von Wasser Während die Abhängigkeit vom Druck –
und Luft bei 20 ◦ C; 1 bar (Näherungswerte). gegensätzlich zu Gasen – bei Flüssigkeiten nur
Fluid  in kg/m3 η in Pa · s ν in m2 /s gering ist (Tabelle 6-5; Bild 6-1), weshalb übli-
Wasser 1000 1000 · 10−6 1 · 10−6 cherweise vernachlässigbar (bis etwa 1000 bar),
Luft 1,2 18 · 10−6 15 · 10−6 verändert sich die Viskosität aller Fluide sehr
stark mit der Temperatur, z. B. Bild 6-9. Dabei
zeigen Flüssigkeiten und Gase entgegengesetz-
Am besten wären die Benennungen: Für η ab- tes Verhalten (Bild 1-12, VT-Diagramm).
solute Viskosität und für ν spezifische Viskosi-
tät.
Definition und Dimension der kinematischen
Viskosität:
η
ν= (1-20)

 
η Pa · s N/m2 · s
[ν ] = = =
 kg/m3 kg/m3
m2
Also [ν ] =
s Bild 1-12. Prinzipielles Viskositätsverhalten in Ab-
Frühere Dimension: Stokes St hängigkeit von der Temperatur T bei konstantem
Druck (Viskosität-Temperatur-Diagramm, sog. VT-
1 St = 100 cSt = 10−4 m2 /s; 1 cSt = 1 mm2 /s Blatt), hier kinematische Viskosität ν = f (T ).
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 23

Die Viskosität der Flüssigkeiten sinkt mit Hierbei bedeuten:


wachsender Temperatur, da bei Temperatur-
B OLTZMANN1 -Konstante [75]
steigerung die Kohäsionskräfte zwischen den
Fluidteilchen infolge Ausdehnung abnehmen J g · m2
und somit auch die gegenseitigen Behinderun- Bo = 1,38 · 10−23 = 1,38 · 10−20 2
K s ·K
gen bei Strömungsvorgängen geringer werden.
Zudem finden infolge der mit der Temperatur Teilchenmasse mTl = mMol /Lo
steigenden Molekularbewegung häufigere Dazu nach Abschnitt 1.3.4 L OSCHMIDT-Zahl
Platzwechsel der Teilchen statt. Lo = 6,023 · 1023 Tl/mol → Tl . . . Teilchen
Die Viskosität der Gase steigt mit wach-
sender Temperatur, da die bei höheren Tempe- Eingesetzt ergibt:
raturen sich schneller und weiter bewegenden 
cTl ≈ 30 · Bo · Lo · T /mMol
Gasteilchen (kinetische Gastheorie) öfter und
heftiger gegeneinander stoßen, sich also stär- Mit (Kennzeichen Tl weggelassen)
ker behindern – wobei die Scherung auch we-
gen Querdiffusion ansteigt – und dadurch einen 30 · Bo · Lo = 30 · 1,38 · 10−20 · 6,023 · 1023
 
größeren Strömungswiderstand bewirken. Das g · m2 1
Viskositätsverhalten von Gasen ist daher gegen- · 2 ·
s · K mol
sätzlich zu dem von Flüssigkeiten.
Ständig gelangen Moleküle bestimm- ≈ 0,25 · 106 [(g · m2 )/(s2 · K · mol)]
ter Geschwindigkeit in Zonen höherer oder wird:
niedrigerer mittlerer Geschwindigkeit. Infolge 
der dadurch unvermeidlichen Zusammen- cTl ≈ 500 · T /mMol [m/s] (1-20c)
stöße (teilelastische Stöße) werden Moleküle
beschleunigt bzw. verzögert. Dieser verlustbe- Wobei Molmasse mMol in g/mol und die abso-
haftete Impulsaustausch bewirkt hauptsächlich lute Gastemperatur T in K einzusetzen sind.
die Scherspannung und damit die Friktion.
Die Verluste ergeben sich dadurch, dass bei Luft 0 ◦ C; 1,0133 bar (physikalischer
B
den Zusammenstößen die Bewegungswege von Normzustand)
Teilchen immer kleiner werden und so letztlich mMol = 28 g/mol (Abschnitt 1.3.4)
in die der thermischen Bewegung übergehen 
(Wärme → kinetische Gastheorie). cTl = 500 · 273/28 = 1560 m/s
Für die kinematische Viskosität von Gasen gilt lTl = 3,33 · 10−7 cm = 3,33 · 10−9 m
gemäß der kinetischen Gastheorie: (Abschnitt 1.3.4)
ν = 3 · cTl · lTl = 3 · 1560 · 3,33 · 10−9
ν ≈ 3 · cTl · lTl (1-20a)
· [(m/s) · m]
mit cTl . . . mittlere thermische Teilchen- = 15,6 · 10−6m2 /s
Geschwindigkeit (hierzu Bilder 6-7; 6-8)
lTl . . . mittlere freie Weglänge der Teil-
chen Tl. 1.3.5.5 Viskositätseinheiten
Neben den genormten Einheiten (DIN 1301)
Für die mittlere thermische Teilchengeschwin- Pa · s für die dynamische und m2 /s für die ki-
digkeit cTl gilt mit Absolut-Temperatur T [K]: nematische Viskosität sind in der Praxis noch
immer einige empirische Größen gebräuchlich:

cTl ≈ 30 · (Bo · T )/mTl (1-20b) 1)
B OLTZMANN (1844 bis 1906).
24 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

– Englergrad E (DIN 51 560) Zwischen 10 und 80 ◦ C gilt näherungsweise


Anhaltswert ab ca. v ≥ 20 mm2 /s:
E ≈ (0,13 . . . 0,14) · v mit v in mm2 /s νt = ν20 · (20/t)α
– Saybold-Sekunden (USA) mit α = 1,6 bis 2,5 je nach Öl-Zusammen-
– Redwood-Sekunden (England) setzung
– SAE-Viskositätsklassen für Öle (DIN t . . . Öl-Temperatur in ◦ C
51 511 und 51 512). SAE . . . Society of
Automotive Engineers Die Viskositätwerte einiger technisch wichtiger
Wichtige Verfahren zur Bestimmung der Visko- Fluide sind im Anhang aufgeführt (Tabelle 6-5
sität: bis 6-8 und Bilder 6-1 bis 6-10).

– Kapillarviskosimeter nach U BBELOHDE 1.3.6 Schallgeschwindigkeit


(DIN 51 562)
Die Schallgeschwindigkeit a ist die Ausbrei-
Messung der Durchflusszeit einer bestimm-
tungsgeschwindigkeit, mit der sich kleine
ten Fluidmenge durch eine Kapillare.
Druckstörungen (Schall) – und damit Dichte-
– Kugelfallviskosimeter nach H ÖPPLER
änderungen – in einem Medium fortpflanzen.
Messung der Fallzeit einer Kugel in einem
Schallwellen sind deshalb eine periodische
mit dem Messfluid gefüllten Rohr.
Aufeinanderfolge von kleinen Verdichtungen
– Rotationsviskosimeter
und Verdünnungen im Fluid. Diese elastischen
Messung des Drehmoments, das durch ei-
Längswellen werden auch als Longitudinalwel-
ne erzeugte C OUETTE-Strömung in einem
len bezeichnet.
Ringspalt verursacht wird.
Herleitung der Schallgeschwindigkeit a:
Während des gesamten Messvorganges sind bei
In einer gedachten Röhre (Bild 1-13) mit
der Bestimmung der Viskosität Temperatur und
konstantem Querschnitt A wird der masse- und
Druck (bei Gasen) jeweils konstant zu halten.
reibungsfreie Kolben K in der Zeit dt durch
Die Messergebnisse werden dann meist im
die Kraft dF um den Weg dx verschoben. Die
sog. VT-Blatt nach U BBELOHDE aufgetragen.
dadurch bewirkte Druckerhöhung dp = dF/A
Die Maßstabsteilung der Diagramm-Achsen ist
– und damit auch Dichteänderung d – pflan-
hierbei so gewählt, dass über die T-Koordinate
zen sich mit Schallgeschwindigkeit im Rohr in
die V-Kurven N EWTONscher Fluide sich als
Achsrichtung fort.
gerade Linien abbilden. Dabei steht V für
Es gelten:
Viskosität (η bzw. ν ) und T für Temperatur (◦ C
oder K). Schallgeschwindigkeit:
Die USA-Gesellschaft der Kraftfahrzeug- a = ds/ dt
Ingenieure teilt die Viskosität der Öle in Fluidbeschleunigung:
SAE-Klassen ein (Bild 6-3), die in die DIN- d2 s dx
Norm übernommen wurden. aB = ċ = s̈ = = 2
dt 2 dt
Bei Schmierölen wird das VT-Verhalten mit d2 s = d(ds) = dx (Bild 1-13)
(Bild 1-12) oft auch durch den sog. Viskosi-
tätsindex VI angegeben. Je höher der Index, Nach dem N EWTONschen Grundgesetz und
desto temperaturabhängiger ist die Viskosität wieder wegen Stetigkeit vertauschbaren
des Öles: Ableitungen wird:

Unlegierte Öle VI = 65 bis 75 dF = dm · s̈


Legierte Öle (HD-Öle) 80 bis 95 dx
A · dp =  · A · ds ·
Mehrbereichsöle 90 bis 110 dt 2
1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide 25

Dieser Quotient, eingesetzt in die Beziehung für


dp, liefert die L APLACEsche1 Gleichung:

dp = a2 · d oder

dp
a= (1-21)
d

Bemerkung: Die durchgeführte Herleitung für


die Schallgeschwindigkeit ist zur Veranschau-
lichung und da durch den bisherigen Buchtext
noch keine fluidmechanischen Gleichungen
zur Verfügung stehen, stark vereinfacht. Sie
enthält daher physikalische und mathematische
Bild 1-13. Schallausbreitung (Signaltransport). Unschärfen. Dennoch ergibt sich das richtige
Ergebnis (1-21). Diese simplifizierte Ableitung
ist, um nicht auf viel später verweisen zu
dx dx ds
dp =  · ds · =  · ds · 2 · müssen, hier eingefügt, da die Schallgeschwin-
dt 2 dt ds
 2 digkeit schon in Abschnitt 1.3.1 verwendet
ds dx wurde. Die physikalisch-mathematisch strenge
= · ·
dt ds Herleitung enthält Abschnitt 5.2.1.
dx
dp =  · a2 · Die L APLACE-Gleichung (1-21), auf die zwei
ds Fluidtypen angewandt, ergibt für:
Da sich durch die Druckerhöhung dp das Fluid-
a) Quasi2 inkompressible Medien
volumen dV – nicht jedoch die Fluidmasse
(Flüssigkeiten und hier auch Feststoffe)
(Massenerhaltung) – verändert, führt folgende
Herleitung zum Differentialquotienten dx/ ds: Δp E
Vor der Druckstörung: dm = dV ·  Nach (1-4) ist: =
Δ 0
Nach der Druckstörung:
dm = ( dV − d( dV ))( + d) Da bei tropfbaren Fluiden im Schallbereich Li-
Gleichgesetzt: dV ·  = ( dV − d( dV ))( + d) nearität (E-Modul konstant) zwischen Druck-
Hieraus: 0 = dV · d −  · d( dV ) − d · d( dV ) und Dichteänderung besteht, gilt:
Das Glied d · d( dV ) ist klein von höherer
Ordnung und kann deshalb vernachlässigt dp Δp
=
werden. d Δ
d( dV ) d
Dann wird: = Damit ergibt (1-21):
dV 
Andererseits d( dV ) = A · d( ds) = A · dx
E
und dV = A · ds a= (1-22)
0
d( dV ) dx
Dividiert ergibt =
dV ds Die Schallgeschwindigkeit wird also durch
Diesen Ausdruck mit dem zuvor gewonnenen die Kompressibilität (Elastizität) des Mediums
gleichgesetzt ergibt: 1)
L APLACE , Pierre Simon (1749 bis 1828).
dx d 2)
quasi [lat.] . . . wie, gleichsam, gewissermaßen, so-
=
ds  zusagen.
26 1.3 Wichtige Eigenschaften der Fluide

bestimmt. Bei völliger Inkompressibilität, also Mit wachsendem Abstand vom Explosionsherd
E → ∞ – theoretischer Fall – würde auch a → ∞ fällt die Stärke der Druckwelle und damit die
gehen. Fortpflanzungsgeschwindigkeit immer mehr
Beziehung (1-22) gilt, da die Herleitung ab, bis letztlich Schallgeschwindigkeit erreicht
hinsichtlich Stoffart keine Einschränkungen wird, Tabelle 1-16 bis Tabelle 1-18.
enthält, auch für Festkörper (Tabelle 1-16).
P RANDTL [51] definiert:
b) Kompressible Fluide (Gase, Dämpfe) Explosion: Schnelle, fast plötzliche Verbren-
Die beim Schall auftretenden Druckänderun- nung von Brenn-, besser Sprengstoffen. Das
gen sind sehr klein und von so geringer Dau- dabei entstehende große Verbrennungsgas-
er, dass ideales Gasverhalten angenommen wer- Volumen verdrängt die umgebende Luft mit
den kann (quasi reibungsfrei; R ≈ konst) und großer Intensität.
bei der bewirkten Kompression sowie Expansi- Detonation: Mit Überschallgeschwindigkeit
on für den Wärmeaustausch mit der Umgebung unter starkem Druckanstieg ablaufender Ver-
praktisch keine Zeit bleibt (adiabat). Die schall- brennungsvorgang.
bedingte Verdichtung/Expansion kann deshalb
Die Schallgeschwindigkeiten in verschiedenen
praktisch exakt als isentrope Zustandsänderung
Stoffen sind aus Tabelle 1-16 zu entnehmen.
angesehen werden:
Schallgrößen für den Einfluss auf den
p · κ = konst Menschen enthält Tabelle 6-13.
mit  = 1/ und konst ≡ K (Abkürzung)
wird p = K · κ → K = p/κ Tabelle 1-16. Schallgeschwindigkeit verschiedener
Stoffe. Gase bei 20 ◦ C; 1 bar.
dp Stoff 0 κ R E a
Differenziert: = K · κ · κ−1 (Temperatur kg
d – J N m
20 ◦ C) m3 kg·K m2 s
= K · κ · κ · −1
Stahl 7850 2,1 · 1011 5170
dp 1 Grauguss 7250 0,75 · 1011 3210
= p·κ· = κ · p·
d  Beton 2300 0,32 · 1011 3730
mit Gasgesetz p· = R·T Kunst- PVC 1400 3,0 · 109 1462
stoffe PE 950 0,9 · 109 973
dp
ist = κ· p· = κ·R·T Holz 600 12,2 · 109 4500
d Glas 2500 70,2 · 109 5300
Eingesetzt in die L APLACE-Beziehung, (1-21), Wasser 998 2,06 · 109 1437
ergibt für kompressible Fluide: Quecksilber 13 595 28,3 · 109 1440
√ Rohöl 900 1,69 · 109 1370

a = κ· p· = κ·R·T (1-23) Diesel 860 1,25 · 109 1206
Benzin 780 0,88 · 109 1062
Die Schallgeschwindigkeit ist demnach abhän- Luft 1,4 287,1 343
gig von der Gas(Dampf)-Temperatur, a = f (T ). (trocken)
Helium 1,66 2078,7 1005
Gleichung (1-23) gilt, gemäß ihrer Ableitung, Wasserstoff 1,4 4123,1 1300
nur für kleine Druckstörungen. Bei großen Argon 1,66 208 318
Druckstößen ist deren Fortpflanzungsge- Stickstoff 1,4 297 349
schwindigkeit wesentlich größer. Dies kann Kohlen- 1,4 297,1 350
bei Explosionen und Detonationen beobachtet monoxid
werden. Beispielsweise ergeben sich bei De- Kohlendioxid 1,3 188,8 268
tonation von Nitroglycerin Geschwindigkeiten Ammoniak 1,31 488,3 433
von ca. 7500 m/s bei Drücken bis 100 000 bar. Methan 1,32 518,9 446
1.4 Fluidkräfte, reale und ideale Fluide 27

Tabelle 1-17. Verbrennungsarten mit Richtwerten. dessen Volumen ΔV beziehen. Dadurch ergeben
Verbrennungs- Verbrennungs- Druckanstieg sich die volumenbezogenen, meist unscharf
vorgang geschwindigkeit∗ [bar] bezeichnet als spezifische Kräfte:
Verbrennung 0,1 bis 50 m/s bis ca. ≈ 0 ΔFG
Verpuffung >≈ 0,01 km/s bis ca. 10 Spezifische Gewichtskraft: fG = ΔV = ·g
Explosion >≈ 0,1 km/s bis ca. 103 (Wichte, spez. Feldkraft)
ΔFB
Detonation >≈ 1 km/s bis über 105 Spezifische Trägheitskraft: fB = ΔV = − · dc
dt
ΔFD
Verbrennung: „normale“ Verbrennung Spezifische Druckkraft: fD = ΔV
Verpuffung: schnelle Verbrennung ΔFV
Spezifische Viskositäts- fV = ΔV
Explosion: unterschallschnelle Verbrennung
Detonation: überschallschnelle Verbrennung
kraft:
Spezifische Turbulenzkraft: fT = ΔF
ΔV
T

Tabelle 1-18. Druckwirkungen (Richtwerte). Minuszeichen bei fB , da entgegen Beschleu-


Druckanstieg Zerstörung nigung ċ gerichtet. FG wirkt in Richtung der
≈ 0,05 bar Fensterscheiben Schwerkraft. Je nach Anordnung des Koordina-
≈ 0,1 bar Fachwerkbauten tensystems ist dann das Vorzeichen von fG fest-
≈ 0,3 bis 0,8 bar Betonwände, Dicke 12 bis 24 cm zulegen (Abschnitt 2.2.7).
Nach dem Prinzip von D’A LEMBERT ist
ein System im dynamischen Gleichgewicht,
1.4 Fluidkräfte, wenn die Vektorsumme aller beteiligten Kräfte
reale und ideale Fluide zu null wird (Nullvektor 0). Demnach gilt für
das dynamische Kräftegleichgewicht in:
Die auf ein sich bewegendes Fluidelement a) Vektordarstellung:
(massefestes Volumenelement) mit dem Volu- n
men dV wirkenden Kräfte sind: ∑ fi = 0
i=1
– Masse- oder Volumenkräfte:
Schwere- oder Gewichtskraft (normal)
ΔFG = Δm · g = ΔV ·  · g fG + fB + fD + fV + fT = 0 (1-24a)
Trägheits- oder Beschleunigungskraft (tan-
gential) oder − fB = fG + fD + fV + fT
ΔFB = −Δm · aB = −ΔV ·  · ċ fB = − ·ċ = − · dc/ dt
mit
Bemerkung: Obwohl ebenfalls Trägheits-
kraft, wird die Schwerewirkung, da immer wird  ·ċ = fG + fD + fV + fT (1-24b)
vorhanden, getrennt ausgewiesen.
– Oberflächenkräfte: b) Matrixdarstellung:
Druckkraft (Normalkraft) ΔFD = p · ΔA ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
ċx fG,x + fD,x + fV,x + fT,x
Widerstand (Scherkraft) ΔFW = ΔFV + ΔFT ⎜ ⎟ ⎜ ⎟
mit Viskositätskraft ΔFV , und Turbulenzkraft  · ⎝ ċy ⎠ = ⎝ fG,y + fD,y + fV,y + fT,y ⎠
ΔFT (auch als Reibungskräfte bezeichnet). ċz fG,z + fD,z + fV,z + fT,z
Mit Δm =  · ΔV als zeitlich unverän- (1-24c)
derlicher Masse des strömenden Fluid- c) Komponentendarstellung in kartesischen Ko-
Volumenelementes lassen sich die Kräfte auf ordinaten:
∗)
Ausbreitungsgeschwindigkeit (Größenordnungen)
Verpuffung (Deflagration) . . . „langsam“ erfolgen-
 · ċ j = fG, j + fD, j + fV, j + fT, j (1-24d)
de Explosion. mit j = x, y, z
28 1.4 Fluidkräfte, reale und ideale Fluide

Gleichung (1-24) stellt entsprechend (1-24) vereinfacht sich und wird in dieser
dem allgemeinen N EWTONsche Grundgesetz Grundform als N AVIER -S TOKESsche Bewe-
(2. Axiom) die dynamische Grundgleichung gungsgleichung bezeichnet.
der Fluidmechanik dar. Dabei ist c = f (s;t)
(Komponenten cx , cy , cz ) die Geschwindigkeit Reibungsfreie Strömung (Idealfall):
des strömenden Fluid-Volumenelementes;
Weg s = (x y z). Bei stationären Strömungen fV = 0; fT = 0
(c = f (s), also unabhängig von Zeit t) ist die
spezifische Beschleunigungskraft fB = 0, da Solche Strömungen sind in der Wirklichkeit
keine Beschleunigung, also ċ = 0. nicht zu finden, oftmals jedoch gut angenähert
Die dynamische Grundgleichung der (quasi-reibungsfreie Strömungen). Bei vielen
Fluidmechanik, welche die allgemeine Fluid- Strömungsproblemen führt diese Annahme
bewegung mathematisch beschreibt, ist für deshalb zu brauchbaren Näherungslösungen.
die realen Fluide so schwierig, dass sie bis Die Haftbedingung wird dann allerdings
heute noch nicht allgemein analytisch exakt nicht mehr erfüllt. P RANDTL2 schaffte hier-
gelöst werden konnte. Bei diesen sind da- für durch seine Grenzschichttheorie (wird
her immer nur Sonderfälle durch mehr oder später behandelt) Abhilfe. Diese führt zu den
weniger gute Näherungen lösbar. Vielfach P RANDTLschen Grenzschichtgleichungen (ver-
müssen die Lösungen durch Ergebnisse aus einfachte NAVIER -S TOKES-Gleichungen).
umfangreichen Versuchen ersetzt werden. Gleichung (1-24) vereinfacht sich bei Rei-
Allgemeine Strömungsprobleme bedingen für bungsfreiheit, wobei Wirbelfreiheit nicht not-
gute Näherungslösungen über Modellansätze, wendig, sehr stark, ist dann oft geschlossen lös-
sog. moderne numerische Rechenverfahren bar und wird als E ULERsche Bewegungsglei-
(FD, FV, FE), die oft Großcomputer erfordern chung bezeichnet. Besteht zudem auch Wirbel-
(Abschnitt 4.3.1.8). freiheit, ergibt sich die nochmals einfachere Po-
Deshalb wird unterschieden: tenzialgleichung.
Fluide, welche die E ULERsche Bewe-
Turbulente Strömung (allgem. Fall): gungsgleichung exakt erfüllen, sind die sog.
idealen Fluide.
fV
= 0; fT
= 0

Die sehr komplizierte Gleichung (1-24) bleibt Demnach ist das Kennzeichen des strömungs-
dann voll bestehen und wird als Bewegungsglei- technisch
chung der turbulenten Strömung bezeichnet, die idealen tropfbaren  = konst und η = 0
sog. R EYNOLDSschen Bewegungsgleichungen Fluides:
(umgebaute NAVIER -S TOKES-Gleichungen)1. idealen allgemeinen η =0
In der Technik sind über 90% der Strö- Fluides:
Zu unterscheiden ist bei kompressiblen Fluiden
mungsvorgänge turbulent. Widerstandskraft,
zwischen
bestehend aus Viskositäts- (Reibungs-) und
Turbulenzanteil (Impulsaustausch) hier nicht – strömungsmechanisch ideal → reibungsfrei,
vernachlässigbar. also Stoffwert η = 0; auch als nichtviskos
Laminare Strömung (viskose, d. h. Schichten- bezeichnet,
Strömung) → keine turbulente Vermischung: – thermodynamisch ideal → Stoffwerte R und
κ je konst, wobei κ = konst meist erfüllt.
fV
= 0; aber fT = 0 Ausnahme: Dämpfe (6-18)
2)
1)
NAVIER, Claude Louis Marie Henri (1785 bis P RANDTL , Ludwig (1875 bis 1953), dtsch. Physi-
1836), franz. Ingenieur. ker und Ingenieur.
1.4 Fluidkräfte, reale und ideale Fluide 29

Oft ist eine Kombination von beiden Idealfor- (Atome, Moleküle) eines Stoffes und abhängig
derungen notwendig, also η = 0 und R = konst von ihrem gegenseitigen Abstand t (Bild 1-14).
sowie κ = konst. Diese Molekularkräfte werden auch als VAN -
Die Mechanik des idealen Fluides er- DER -WAALS sche- oder C OULOMB-Kräfte
möglicht oftmals schnellen Einblick in das bezeichnet. Die intermolekularen Kräfte
Strömungsgeschehen. Viele Strömungsgesetze (Teilchenkräfte) bewirken, wie erwähnt, die
werden am idealen Fluid abgeleitet und dann Adhäsion und die Kohäsion (Abschnitt 1.3.3.1).
durch experimentell bestimmte Faktoren dem Bei dem stabilen Abstand t0 der Teilchen
Verhalten der realen Fluide möglichst gut ange- (Bild 1-14) kompensieren sich die abstoßen-
passt (übliche Vorgehensweise der Technischen den und anziehenden Wirkungen, weshalb
Fluidmechanik). die resultierende Molekularkraft null ist und
damit Gleichgewicht besteht. Je mehr der
Abstand vermindert wird (t < t0 ), desto stärker
Fluid in Ruhe:
überwiegt die abstoßende Wirkung. Die resul-
fB = 0, fV = 0 und fT = 0 tierende Abstoßkraft steigt steil an. Wächst
andererseits der Teilchenabstand t über die
Gleichung (1-24) ergibt dann die E ULERsche Gleichgewichtslage hinaus (t > t0 ), ergibt
Grundgleichung der Fluidstatik, kurz als hydro- sich als Resultante eine Anziehungskraft.
oder fluidstatisches Grundgesetz bezeichnet Diese steigt mit wachsendem Abstand zuerst
(Abschnitt 2.2.8). an, nimmt dann aber wieder ab und strebt
Ruhe bedeutet in diesem Zusammenhang, asymptotisch gegen null. Der stabile Teilchen-
die Fluidteilchen dürfen ruhen oder sich be- abstand im Normalzustand liegt allgemein in
wegen, und zwar gemeinsam, jedoch nicht zu- der Größenordnung von 10−10 bis 10−8 m.
bzw. voneinander (relativ). Deshalb fV = 0 Zum Vergleich weitere Größenordnungen:
und fT = 0 gemäß (1-14) keine Fluidreibung Teilchendurchmesser1 10−11 bis 10−10 m
(dcx = 0). freie mittlere Teilchenweglänge
10−9 bis 10−6 m
Bemerkungen: turbulenter Schwankungsweg
Volumenkräfte sind sog. Fernwirkungskräfte. 10−4 bis 10−3 m.
Sie nehmen mit der Entfernung nur relativ
schwach ab. Abgesehen von der unmittelbaren
Umgebung der Körper nimmt die Wirkung der
Volumenkräfte mit dem Quadrat des Abstandes
ab. Volumenkräfte beruhen physikalisch auf der
Massenanziehungswirkung (Gravitationskraft)
und den Anziehungs- bzw. Abstoßungskräften
elektrischer sowie magnetischer Ladungen.
Oberflächenkräfte sind sog. Nahwir-
kungskräfte. Sie nehmen mit der Entfernung
Bild 1-14. Resultierende Kraft zwischen den
sehr stark ab. Abgesehen von der unmittel-
Teilchen (Atome, Moleküle), abhängig von ihrem
baren Umgebung, dem Nahbereich, nimmt Abstand (prinzipieller Verlauf). Teilchenkraft:
die Wirkung etwa mit der siebten bis achten +Anziehung; −Abstoßung. t0 Gleichgewichtsab-
Potenz des Abstandes ab. Oberflächenkräfte stand.
beruhen auf der Wirkung intermolekularer
Anziehungskräfte. 1)
Durchmesser eines Moleküls ≈ 10−10 m, eines
Inter- oder zwischenmolekulare Kräfte Atoms ≈ 10−11 m und der eines Atomkernes etwa
sind die Wirkungen zwischen den Teilchen 10−15 m (Größenordnungen).
2.1 Grenzflächen (Trennflächen, freie Oberflächen) 31

2 Fluid-Statik
(Hydro- und Aerostatik)

2.1 Grenzflächen
(Trennflächen, freie Oberflächen)
2.1.1 Grundsätzliches
Bild 2-1. Freie Oberfläche kleiner Ausdehnung in
Fluide bilden Begrenzungsflächen (Grenzflä- ruhendem Gefäß.
chen) gegenüber festen Körpern und gegenüber
solchen anderen Fluiden, mit denen ein
Vermischen nicht stattfindet. Dabei sind zu seitiges Dreieck, das auf der freien Oberflä-
unterscheiden: che mit einer Spitze aufsitzt, Bild 2-1.
– Trennfläche: Grenzfläche zwischen zwei
sich nicht mischenden Flüssigkeiten. 2.1.2 Fluid in Ruhe oder konstanter
– Freie Oberfläche (Spiegel): Translationsbewegung
Grenzfläche einer Flüssigkeit gegenüber ei-
nem Gas. Die häufigste freie Oberfläche ist Resultierende Kraft ist die allein wirkende,
die von Wasser gegenüber Luft (Umgebung). zum Erdmittelpunkt gerichtete Schwer- oder
Gewichtskraft FG . Freie Oberflächen von Flüs-
Die leichte Verschiebbarkeit der Fluidteilchen sigkeiten in ruhenden Gefäßen sind deshalb –
hat in der Statik zur Folge: entsprechend der Erdgestalt – Kugelflächenaus-
1. Fluide passen sich vollständig den begren- schnitte von annäherndem Erdradius mit zum
zenden Festkörpern (Gefäßwänden) an. Erdmittelpunkt gerichteten Normalen. Daher
2. Die Fluidteilchen, die in diesem Zusammen- sind freie Oberflächen von kleiner Ausdehnung
hang als viele, sehr kleine, reibungsfreie praktisch waagrechte Ebenen, Bild 2-1.
Kügelchen vorstellbar sind, verschieben sich Erstarrungsprinzip: Ein sich im Gleich-
unter den tangentialen Kraftkomponenten so gewicht befindendes Fluid bleibt im Gleich-
lange gegeneinander, bis diese verschwin- gewicht, auch wenn Teilbereiche davon
den. Reibung besteht deshalb praktisch erstarren. Diese Tatsache ist z. B. nützlich
nicht, weil letztendlich keine Bewegung bei komplizierten Berandungsflächen. Die
(c → 0; (1-13)) vorhanden ist. Die Fluid- Kraftverteilung im Medium ändert sich durch
teilchen kommen zur Ruhe, wenn nur noch die Teilerstarrung nicht, erleichtert jedoch den
Normalkräfte zwischen ihnen wirken. physikalisch-mathematischen Ansatz.
Hieraus ergibt sich:
2.1.3 Fluid in beschleunigter
– Freie Oberflächen stellen sich in jedem
Translationsbewegung
Punkt senkrecht (normal) zur Richtung der
jeweiligen Kraftresultierenden. Ein Behälter (Bild 2-2), der eine beschleunigte
– An freien Oberflächen (und Trennflächen) Translationsbewegung ausführt, sei teilweise
ist der Druck konstant. Sie werden deshalb mit Flüssigkeit gefüllt. Die Fluidmenge un-
auch als Niveauflächen (Flächen konstan- terliegt somit insgesamt einer beschleunigten
ten Druckes = Isobaren) oder Äquipoten- Bewegung, während die einzelnen Fluidteil-
tialflächen (Flächen konstanten Potentials) chen zueinander in Ruhe sind (deshalb Statik!).
bezeichnet. In grafischen Darstellungen er- Auf jedes Fluidteilchen dm im Bereich der
folgt ihre Kennzeichnung durch ein gleich- freien Oberfläche wirken die Gewichtskraft

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017 31


H. Sigloch, Technische Fluidmechanik, DOI 110.1007/978-3-662-54467-9_2
32 2.1 Grenzflächen (Trennflächen, freie Oberflächen)

Der Einfluss der Gefäßrandhöhe auf die


Spiegelausbildung geht aus Bild 2-3 hervor.
Die notwendige Gefäßwandhöhe – es darf
kein Medium „verlorengehen“ – folgt aus der
Volumenkonstanz-Bedingung. Das bedeutet,
dass die „verschobene“ Fluidmenge ΔV gemäß
Bild 2-2 am neuen Ort innerhalb des Gefäßes
Platz finden muss.

2.1.4 Fluid in Rotationsbewegung


Bild 2-2. Freie Oberfläche einer Flüssigkeit in ei- Ein zylindrisches Gefäß, Bild 2-4, wird bis
nem Gefäß unter der Translationsbeschleunigung aB zur Höhe H0 mit Flüssigkeit gefüllt und durch
(Index B zur Unterscheidung gegenüber der a). kleine Beschleunigung auf die konstante
Winkelgeschwindigkeit ω gebracht. Infolge
dm · g, und der Beschleunigungsrichtung Reibung wird die Flüssigkeit allmählich mitge-
entgegen die Trägheitskraft dm · aB . Zusam- nommen. Sie rotiert nach entsprechender Zeit
mengefasst ergeben diese Komponenten den ebenfalls mit der Winkelgeschwindigkeit ω .
resultierenden Kraftvektor dFRes , zu dem die Der Fluid-„Körper“ führt eine Drehbewegung
freie Spiegelfläche senkrecht verläuft. In den aus, wobei die einzelnen Fluidteilchen im
tieferliegenden Schichten kommt noch die Stationärzustand relativ zueinander in Ruhe
Massenwirkung der darüberliegenden Fluid- sind. Auf jedes Fluidteilchen mit der Masse dm
teilchen hinzu, was hier jedoch nicht gesondert wirken dann im Bereich des freien Spiegels nur
betrachtet werden muss. die Gewichtskraft dm · g und die vom variablen
Nach Bild 2-2 ist der Neigungswinkel α Radius r abhängige Fliehkraft dm · ω 2 · r.
der freien Oberfläche: Diese beiden Kräfte bestimmen die Form der
dm · aB aB
tan α = =
dm · g g
α = arctan(aB /g) (2-1)

Bild 2-3. Freie Oberfläche (Spiegel) bei verschiede-


nen Gefäßhöhen und Beschleunigungen.
A: Spiegel bei aB = 0
B: Spiegel bei aB > 0 und der Gefäßhöhe B
C: Spiegel, wenn bei aB > 0 die Gefäßrandhöhe von
B auf C abgesenkt wird. Das Volumen ΔV zwischen Bild 2-4. Flüssigkeit in rotierendem Gefäß bei sta-
den Spiegeln B und C läuft dann vom Behälter aus. tionärem Betriebszustand.
2.1 Grenzflächen (Trennflächen, freie Oberflächen) 33

freien Oberfläche. An jeder Stelle muss die fäßbodens gelegt, führt zu folgenden Rand-
zugehörende Tangentenebene der Spiegelfläche bedingungen:
senkrecht zur Resultierenden der beiden Kräfte
1. bei r = 0 ist z = zS = H0 − h1
verlaufen.
2. bei r = R ist z = zR = H0 + h2
In jedem Punkt der freien Oberfläche gilt
daher für den Neigungswinkel α der Kraftresul- Randbedingung 1 in (2-3) eingesetzt liefert:
tierenden dFRes : zS = C und damit:
dFF dm · ω 2 · r ω 2 ω2 2
tan α = = = · r = f (r) z= · r + zS (2-4)
dFG dm · g g 2·g
Da α andererseits der Steigungswinkel der Tan- Die Scheitelhöhe zS und damit die Spiegelab-
gente an die Spiegelfläche z = f (r) ist, gilt des senkung h1 sowie die Randhöhe zR , also der ma-
weiteren gemäß Mathematik: ximale Spiegelanstieg h2 der freien Oberfläche,
dz ergeben sich aus:
tan α =
dr a) der 2. Randbedingung, eingesetzt in (2-4):
Durch Gleichsetzen ergibt sich die Differential-
ω2
Gleichung der Spiegelfläche: zR = H0 + h2 = · R2 + zS
2·g
dz ω 2 zS = H0 − h1
= ·r (2-2) Mit
dr g
ω2
Trennen der Variablen und Integration führt zur wird zR = H0 + h2 = · R2 + H0 − h1
2·g
Meridiankurve der freien Fluid-Oberfläche bei
ω2
ω = konst (stationär): Hieraus h1 + h2 = · R2 (2-5)
2·g
ω2
dz = · r · dr b) der Volumenkonstanz, das bedeutet, das
g
  Flüssigkeitsvolumen VZ (Zylinder) vor
ω2
dz = · r · dr mit ω = konst Beginn der Rotation ist so groß wie das
g unter dem Rotationsparaboloid VP , also
ω2 2 u2 VZ = VP .
z= · r +C = +C (2-3)
2·g 2·g
Hierbei sind mit den Größen von Bild 2-4:
Die Rotationskurve (Meridianlinie) des Spie-
gels ist, wie (2-3) zeigt, eine Parabel, die freie VZ = R2 · π · H0
Oberfläche selbst die Fläche eines Rotationspa-  R
raboloids zweiten Grades. Bemerkenswert ist und VP = dVP = 2 · r · π · z · dr
dabei, dass die Paraboloid-Form nicht von der
(VP ) 0
Art der Flüssigkeit abhängt, da die Gleichung
keine Stoffgrößen, wie beispielsweise , ent- Ausgewertet mit z nach (2-4) ergibt sich:
hält.
R 2 
Die Integrationskonstante C ergibt sich aus ω
VP = 2π r + zS r dr
2
den Randbedingungen. Diese wiederum sind 2g
abhängig von der Festlegung des Koordi- 0

naten-Ursprungs. Den Nullpunkt 0 des (r, z)- R 


ω2 3
Koordinatensystems. Dieser, wie in Bild 2-4 = 2π r + zS r dr
2g
eingezeichnet, in den Drehmittelpunkt des Ge- 0
34 2.2 Fluid-Druck

 
ω 2 r4 r2 R Das in Bild 2-5 dargestellte Gefäß: Hö-
= 2π + zS Ü2
2g 4 2 0 he 150 mm; Durchmesser 250 mm; ist
 2 4  bis zur Höhe von 100 mm mit Wasser gefüllt
ω R und rotiert um seine Achse. Gesucht:
=π + zS R2
2g 2
1. Drehzahl, bei der das Fluid bis zum Gefäß-
Mit zS = H0 − h1 wird rand hochsteigt.
 2 2  2. Drehzahl, bei der der Gefäßboden beginnt
ω R
VP = π R2 + H0 − h1 sichtbar zu werden.
2g 2 3. Ausfließende Fluidmenge bei der Drehzahl
von Frage 2.
Gleichgesetzt: VZ = VP 4. Notwendige Gefäßrandhöhe, bei der kein
  Fluid ausfließt und der Gefäßboden gerade
ω 2 R2
R π H0 = π R
2 2
+ H0 − h1 sichtbar wird.
2g 2
5. Drehzahl, die bei Frage 4 notwendig ist.
ω 2 R2
h1 = (2-6)
2g 2
Gleichung (2-6) eingesetzt in (2-5) ergibt:
ω 2 R2 ω2
· + h2 = · R2
2·g 2 2·g
ω 2 R2
h2 = · (2-7)
2·g 2
ω 2 R2
Also h1 = h2 = (2-8)
2g 2
Bild 2-5. Wasser in zylindrischem Gefäß.
Diese Ergebnisse in die früheren Gleichungen
eingesetzt, führt zu:
  2.2 Fluid-Druck
ω 2 2 R2
z= r − + H0 (2-9)
2·g 2
2.2.1 Druck-Definition (Druckspannung)
ω 2 R2
zS = H0 − · (2-10) In einem sich in Ruhe und damit im Gleich-
2·g 2
gewicht befindenden N EWTONschen Fluid
ω 2 R2
zR = H0 + · (2-11) können nur Druckkräfte auftreten. Zugkräfte
2·g 2 dagegen sind in der Regel nicht übertragbar
2.1.5 Übungsbeispiele1 und Schubkräfte bei Ruhe nicht vorhanden,
(1-14).
Der oben offene Rechtecktransportbe- E ULER definierte als erster den Begriff
Ü1 hälter (Quader) eines Wagens hat die „Druck“. Nach dem Freilegungsprinzip der
Innenabmessungen: Länge L = 15 m; Breite Mechanik wird ein Schnitt geführt und die
B = 2,8 m; Höhe H = 2,5 m und ist mit 50 m3 inneren Kräfte durch äußere, die sog. Schnitt-
Wasser gefüllt. kräfte, ersetzt, Bild 2-6. Als Druckspannung
Welche Wassermenge geht verloren, wenn (Normalspannung) wird dann der Quotient aus
der Wagen gleichmäßig mit aB = 3 m/s2 be- Normalkraft und Fläche definiert:
schleunigt wird? F
dF
p= (2-12)
1)
Vollständige Lösungen in Abschnitt 7. A
dA
2.2 Fluid-Druck 35

Bild 2-6. Freilegungsschnitt zur Druckdefinition.

Die Druckspannung wird auch als E ULERscher


Druck, E ULER-Druck, oder meist nur kurz als
Druck p bezeichnet. Druck ist also eine Nor-
malspannung (Abschnitt 1.4).
Druck-Dimension:
 
Kraft N
[p] = = 2
Fläche m Bild 2-7. Beliebiges Teilchen (raumfestes Volu-
menelement, erstarrt) in ruhendem Fluid.
Druckeinheiten nach DIN 1314:

PASCAL 1 (Pa): 1 Pa = 1 N/m2 (Erstarrungsprinzip, Abschnitt 2.1.2). Die Mas-


Bar (bar): 1 bar = 10 N/cm 2 sewirkung (Gewichtskraft) des Teilchens bleibt
dabei, wie noch begründet, unberücksichtigt.
N
= 105 2 = 10 5 Pa Der groß herausgezeichnete Tetraeder, Bild 2-8,
m ist so angeordnet, dass je eine Kante in den drei
= 100 kPa = 0,1 MPa Achsrichtungen des Koordinatensystems liegt.
1 mbar = 10−3 bar Die Schnittkräfte werden als äußere Kräfte dFx ,
= 100 Pa = 1 hPa dFy , dFz senkrecht auf die in den Koordinate-
nebenen liegenden Flächen dAx , dAy , dAz und
1 N/mm = 106 Pa = 10 bar
2
dF normal auf die schräg liegende Fläche dA
wirkend eingetragen. Die Normale der schräg
Frühere Dimension: Atmosphäre at:
kp liegenden Tetraederfläche dA bildet mit den
1 at = 1 cm 2 = 9,81 cm2 = 0,981 bar ≈ 1 bar
N
Koordinatenrichtungen die Winkel αx , αy
und αz .
Druck kann verursacht werden durch:
Die außerdem auf das Teilchen wirkenden
a) äußere Kraft (Pressungen), z. B. Kolben Massenkräfte, wie die Gewichtskraft, sind
b) innere Kraft (Gewicht, Trägheit) proportional dem Tetraedervolumen und somit
klein von 3. Ordnung. Die Normalkräfte da-
gegen verhalten sich proportional zu den Tetra-
2.2.2 Richtungsabhängigkeit des Druckes
ederflächen und sind damit nur klein von
Um zu untersuchen, in welcher Weise der Druck 2. Ordnung. Daher sind die Massenkräfte bei
richtungsabhängig ist, d. h. Vektor oder Skalar, dieser Betrachtung vernachlässigbar. Dies
wird in einem Fluid an einer beliebig gewählten ist auch deshalb gerechtfertigt, da nur die
Stelle P(x, y, z), Bild 2-7, ein tetraederförmiges Richtungs-, jedoch nicht die Massenabhängig-
Teilchen gedanklich in günstiger Konfigura- keit des Druckes untersucht werden soll.
tion herausgeschnitten und erstarrt gedacht
Mit diesen Festlegungen gemäß Bild 2-8 lässt
1)
PASCAL , Blaise (1623 bis 1662), frz. Mathemati- sich der Spannungszustand von Fluiden darstel-
ker und Philosoph. len:
36 2.2 Fluid-Druck

a) ∑ Fx = 0
dFx − dF · cos αx = 0 → dFx = dF · cos αx
b) ∑ Fy = 0
dFy − dF · cos αy = 0 → dFy = dF · cos αy
c) ∑ Fz = 0
dFz − dF · cos αz = 0 → dFz = dF · cos αz

Andererseits gilt unter Verwendung von (2-13):


dFx = px · dAx = px · dA · cos αx
dFy = py · dAy = py · dA · cos αy
dFz = pz · dAz = pz · dA · cos αz
dF = p · dA
Durch Einsetzen dieser Gleichungen in die Be-
ziehungen unter a), b) und c) ergibt sich:
px = py = pz = p (2-14)
Bild 2-8. Raumfestes Teilchen nach Bild 2-7
mit eingetragenen Kräften auf die Schnittflächen An allen Flächen des beliebigen Teilchens
(Schnittkräfte). herrscht demnach der gleiche Druck. Hieraus
folgt der fluidstatische Spannungszustand:

Der Druck ist ein Skalar (richtungsunab-


Geometrische Beziehungen (Projektionen): hängig) und nur eine Funktion des Ortes.
dAx = dA · cos αx Bemerkungen:
dAy = dA · cos αy (2-13) Jede andere Lage und Form des ausgegrenzten
dAz = dA · cos αz Teilchens führt zum selben Ergebnis. Der ma-
thematische Aufwand ist jedoch entsprechend
Gleichgewichtsbedingungen der Mechanik: größer und die Herleitung unübersichtlicher.
Da – auf den jeweiligen Punkt bezogen – die
 = 0
1. ∑ M
 ∑ Mx = 0; ∑ Fx = 0 Flächen und damit das Teilchenvolumen gegen

 = 0
2. ∑ F

→ ∑ My = 0; ∑ Fy = 0 null gehen (Grenzübergangs-Betrachtung), ist
die Massenkraft in diesem Zusammenhang ex-
∑ Mz = 0; ∑ Fz = 0 akt ohne Einfluss. Sie geht ebenfalls gegen null.
Momente nach Bedingung 1 sind nicht vorhan- Der Druck ist an jeder Stelle nach allen Richtun-
den, falls sich die Wirkungslinien der Kräfte gen gleich groß; gilt deshalb uneingeschränkt.
dFx , dFy , dFz , und dF in einem Punkt schnei-
den. Dies ist erfüllt, da die Kräfte jeweils senk- 2.2.3 Druck-Fortpflanzung
recht auf den Flächen dAx , dAy , dAz sowie dA
Ein durch einen Kolben abgeschlossenes Ge-
stehen und in deren Schwerpunkt wirken. Die
fäß, Bild 2-9, ist vollständig mit Fluid gefüllt.
Wirkungslinien aller Kräfte gehen daher durch
Durch die Kolbenkraft F wird das Fluid ge-
den Teilchen-, d. h. Tetraederschwerpunkt.
presst. Der durch die Kolbenfläche A auf das
Nach Bild 2-8 ergibt die 2. Gleichgewichtsbe- Fluid wirkende Druck (exakt Überdruck) be-
dingung die drei Komponentenforderungen: trägt p = F/A.
2.2 Fluid-Druck 37

Fluide in der Regel als masselos betrachtet


werden. Fluidreibung ist nicht vorhanden, da
letztlich keine Bewegung (Strömung) vorliegt.
Für die in Bild 2-10 im Prinzip dargestellte, rei-
bungsfreie hydraulische Presse ergeben sich fol-
gende Zusammenhänge:
Druckfortpflanzung:
Bild 2-9. Fluid unter Pressung.
p2 = p 1 = p
Infolge der leichten Verschiebbarkeit (keine Volumenkonstanz (da Dichte  = konst; wegen
Reibung) der Fluid-Teilchen stützt sich jedes p = konst):
Teilchen an seinen Nachbarn ab und leitet
dadurch die Pressung weiter. Der Druck pflanzt ΔV2 = ΔV1 = ΔV (je Hub)
sich deshalb nach allen Seiten gleichmäßig Kraftübersetzung (Dichtungsreibung unberück-
fort. Wird die Masse des Fluids vernachlässigt, sichtigt):
was bei Gasen fast immer zulässig ist oder  2
die aufgebrachte Pressung im Vergleich zur F2 A2 · p 2 A2 d2
= = = = ϕth (2-15)
Fluidmasse so groß, dass die Gewichtskraft F1 A1 · p 1 A1 d1
bedeutungslos, z. B. bei der Ölhydraulik, gilt Wegübersetzung:
allgemein das Druckfortpflanzungsgesetz von
 2
PASCAL: Δs2 ΔV2 /A2 A1 d1 1
= = = = (2-16)
Wird auf ein vollständig umschlossenes
Δs1 ΔV1 /A1 A2 d2 ϕth
Fluid an einer Stelle eine Pressung ausgeübt, Arbeitsumsetzung (Wirkungsgrad):
pflanzt sich der Druck – ohne Berücksich-
ΔW2 F2 · Δs2 1
tigung der Dichte-, d. h. Schwerewirkung – = = ϕth · =1=η (2-17)
nach allen Richtungen gleichmäßig und un-
ΔW1 F1 · Δs1 ϕth
vermindert durch das gesamte Fluid fort. Theoretisches Kraftübersetzungsverhältnis:
Überall im Innern des Fluids und an der Be-  2
randung herrscht dann der gleiche Druck. A2 d2
ϕth = = (2-18)
A1 d1
Bemerkung:
Unter Berücksichtigung der Schwerewir-
kung des Fluids ändert sich der Druck im
Medium mit der Ortshöhe und ist daher nur
noch in waagrechten Ebenen jeweils konstant
(Abschnitt 2.2.8).

2.2.4 Technische Anwendung


der Druck-Fortpflanzung
Ein wichtiger technischer Anwendungsbereich
des Druckfortpflanzungsgesetzes ist die im
vorhergehenden Abschnitt erwähnte Ölhydrau- Bild 2-10. Prinzip der hydraulischen Presse. Venti-
lik und Pneumatik. Hier wird in vielfältiger le und sonstiges notwendiges Zubehör sind wegge-
Form das Prinzip der fluidstatischen Presse lassen, da diese ohne Einfluss auf die Fluidwirkung.
(Bild 2-10) verwirklicht. Dabei können die A2 /A1 = (d2 /d1 )2 bei Kreiszylinder.
38 2.2 Fluid-Druck

Bei technisch ausgeführten fluidstatischen Pres- 2.2.5 Druckenergie


sen liegt der Wirkungsgrad infolge der unver-
Zur Kurzzeitspeicherung begrenzter Men-
meidlichen Reibung (Friktion) in den Kolben-
gen mechanischer Energie bei Hydraulik-
dichtungen unter eins (η < 1). Dies hat eine
Anlagen werden vielfach Druckflüssigkeits-
Verringerung der Presskraft F2 durch die Kol-
Akkumulatoren eingesetzt. Die Speicherung
benreibungskräfte FR, 1 und FR, 2 zur Folge; da-
erfolgt, indem die unter Pressung stehende
gegen hat die Fließreibung des Fluides hierauf
Flüssigkeit in einem Raum mit veränderbarem
keinen Einfluss, denn sie ist wegen des stati-
Volumen gesammelt wird. Der prinzipielle Auf-
schen Endzustandes nicht vorhanden. Daher:
⎫ bau der möglichen Ausführung eines solchen
F1 − FR, 1 ⎪ Druckflüssigkeits-Speichers geht aus Bild 2-11
p1 = ⎪

A1 hervor.
mit p1 = p2 Ist das an Stelle 
F2 + FR, 2 ⎪
⎪ 1 zufließende Flüssig-
p2 = ⎭ keitsvolumen größer als das bei Stelle  2 ab-
A2
F2 + FR, 2 F1 − FR, 1 gerufene, wird der gewichtsbelastete Kolben K
= angehoben. Der dadurch freiwerdende Zylin-
A2 A1
A2 derbereich nimmt das unter dem Druck p ste-
F2 = (F1 − FR, 1 ) − FR, 2 hende Differenzvolumen ΔV = V1 −V2 des Flui-
A1
des auf. Ist umgekehrt die bei  2 abfließende
F2 = ϕth · (F1 − FR, 1 ) − FR, 2 Flüssigkeitsmenge größer, als die bei 
1 ankom-
 
ϕth · FR, 1 + FR, 2 mende, wird der Fehlbedarf durch den Speicher
F2 = ϕth · F1 1 −
ϕth · F1 gedeckt. Der Kolben K sinkt entsprechend ab.
F2 = ϕth · F1 · η = ϕe · F1 (2-19) Die speicherbare Fluid- und damit Energiemen-
ge bestimmt der maximale Kolbenweg bei vor-
Hierbei sind: gegebener Kolbenfläche, welche zusammen mit
Der Wirkungsgrad dem zu verwirklichenden Druck die notwendi-
gen Belastungsgewichte festlegen.
ϕth · FR, 1 + FR, 2 FR, 1 FR, 2 Die Energiespeicherung erfolgt daher
η = 1− = 1− −
ϕth · F1 F1 ϕth · F1 letztlich durch Heben der Belastungsgewichte,
(2-20) also in potentieller Form. Druckenergie ist

Die tatsächliche (effektive) Kraftübersetzung

ϕe = η · ϕth

Der entscheidende Vorteil des Prinzips der


hydraulischen Presse ist die große verwirk-
lichbare Kraftübersetzung auch bei großem
räumlichen Abstand zwischen Pumpenkolben
(Druckerzeuger) und Arbeitskolben. Das gilt
sowohl für Flüssigkeiten als auch Gase, da die
Fluiddichte bei den Betrachtungen ohne Ein-
fluss ist und daher nicht in die Kraft-Beziehung
eingeht. Bei der Wege-Gleichung jedoch ist
bei Gasen besser von der Massenkonstanz Bild 2-11. Prinzip eines Druckflüssigkeits-Spei-
(Δm =  · ΔV =  · A · Δs) auszugehen. Wenn chers (Gewichts- oder Kolbenspeicher). Gewichts-
aber p = konst, wie in diesem Fall, bleibt auch kraft FG wird gebildet von Belastungsgewichten und
 = konst, weshalb (2-16) allgemein gilt. Kolben.
2.2 Fluid-Druck 39

demnach eine Art der potentiellen Energie; Energiemenge über einen Summations-, d. h.
wird auch als Verschiebearbeit bezeichnet. Integrationsvorgang, ermittelt werden. Dann
Die Wortbildung Druckenergie als Verbin- gilt:
dung von Druck und Energie ist unglücklich.
dW = p · dV (2-25)
Trotzdem wird dieser Terminus, da griffig, häu-
fig verwendet. Im Gegensatz hierzu ist der eben- Während das infinitesimale Volumen dV einge-
so ungünstige Begriff Kraftenergie als Produkt bracht oder entnommen wird, ändert sich der
aus Kraft und Weg für potentielle Energie nicht Druck p auch theoretisch nicht.
gebräuchlich. Die Integration von (2-25) liefert dann die
allgemeine Beziehung für die Druckenergie
Zusammenhänge nach Bild 2-11 mit Belas-
(Hinweis auf Thermodynamik → Gasarbeit):
tungsgewicht FG und Kolbendurchmesser D: 
W= p · dV (2-26)
2 · FG/2 FG FG
Druck: p = = = 2 = konst (V)
A A D · π /4
(2-21) Zwei grundsätzliche Typen von Druckenergie-
speicher sind möglich und werden technisch
verwirklicht:
Energie: W = FG · s
Wmax = FG · smax a) Gewichtsspeicher (entsprechend Bild 2-11).
Vorteil: Druck konstant
ΔW = FG · Δs = p · A · Δs
Nachteile: Große Abmessungen und Mas-
ΔW = p · ΔV (2-22) sen
Bewegte Teile
Gleichung (2-22) umgestellt:
Dichtungen zwischen den gegen-
ΔW W W max einander bewegten Teilen
Druck p= = = (2-23) b) Druckgasspeicher (Windkessel)
ΔV V V max
Meist Trennung von Druckgas und Spei-
p ΔW ΔW
= = (2-24) cherflüssigkeit durch elastische Wand
  · ΔV Δm (Membran).
Gleichungen (2-23) und (2-24) ermöglichen es, Vorteile: Kleine Abmessungen
dem Druck – außer der bisherigen Definition als Praktisch keine bewegten Teile
Kraft je Flächeneinheit – weitere Bedeutungen (außer Membran)
zuzumessen: Nachteile: Druck nicht konstant (abhängig
vom Ladezustand).
Nach (2-23) ist Druck der Quotient aus Ener-
gie und Volumen.
2.2.6 Druckkraft auf gekrümmte Flächen
Nach (2-24) ist Druck, bezogen auf die Fluid-
dichte, der Quotient aus Energie und Mas- Der in Bild 2-12 dargestellte Behälter mit der
se. gekrümmten Fläche A ist vollständig mit einem
Fluid gefüllt. Auf den Kolben K mit der Flä-
Diese Erkenntnisse – Druck ist Energie – sind,
che AK wirkt die Presskraft FK . Das Fluid kann
wie später beschrieben, besonders wichtig bei
im Vergleich zur Presskraft meist als masselos
kompressiblen Fluiden, aber auch bei der Strö-
angesehen werden, und Reibung ist nicht vor-
mung raumbeständiger Medien.
handen, da das Fluid sich nicht bewegt.
Ist während des Lade- bzw. Entladevorganges Die auf die Fläche A in Richtung z wirken-
des Energiespeichers der Druck nicht konstant, de Kraft Fz muss bekannt sein, z. B. zum Ausle-
muss die aufgenommene bzw. abgegebene gen der Schrauben S.
40 2.2 Fluid-Druck

Bild 2-12. Druckkraft auf eine gekrümmte Flä-


che A.

Es gilt: dFn = p · dA mit p = FK /AK


dFz = dFn · cos α = p · dA · cos α
Mit dAPro = dA · cos α
wird dFz = p · dAPro
  Bild 2-13. Kräfte an einem Fluidteilchen im all-
und Fz = dFz = p · dAPro gemeinen Kraftfeld, z. B. Schwere- plus Fliehkraft-
(A) (APro ) wirkung. Der Druck p ändert sich in x-, y- und
Fz = p · APro (2-27) z-Richtung, also p = f (x, y, z). Auf Flächen durch
Punkt P mittlerer Druck p.

Die Druck- oder Presskraft auf eine gewölbte f = FM /V bzw. f = dFM / dV (auf die Volu-
Fläche in einer bestimmten Richtung ergibt
meneinheit bezogene Massenkraft) eingetragen.
sich demnach aus dem Produkt von Fluid-
f = |f | wird auch als spezifische Feldkraft be-
druck und Projektionsfläche APro der gepres-
zeichnet und Quotient f / = FM /m als Feld-
sten Fläche in der betrachteten Richtung,
stärke oder Felddichte.
d. h. auf eine dazu senkrechte Ebene. Das gilt
Für die Koordinatenrichtungen ergeben
für alle Richtungen.
sich zusammengefaßt letztlich:
Bemerkung: Die Integration der differentiellen ∂p
Waagrechtkomponenten in Bild 2-12 über die a) x-Achse ∑ Fx = 0: fx −
∂x
=0
gesamte gekrümmte Fläche A führt zur Hori- (2-28)
zontalkraft, die jedoch in der Regel null ist. Inte-
∂p
grationsgrenzen eingeklammert, da symbolisch. b) y-Achse ∑ Fy = 0: fy −
∂y
=0
(2-29)
2.2.7 Gleichgewichtszustand
∂p
Ein Fluid bleibt in Ruhe oder gleichbleibender c) z-Achse ∑ Fz = 0: fz −
∂z
=0
Geschwindigkeit und damit im Gleichgewicht, (2-30)
wenn die Summe der an ihn angreifenden Kräf-
te verschwindet, also gleich dem Nullvektor 0 Hinweis: Die zweite statische Gleichgewichts-
bedingung ∑ M  = 0 ist gemäß Abschnitt 2.2.2
ist (Abschnitt 1.4). Die Beschleunigung ist null,
es liegt also Statik vor. In Bild 2-13 sind die ebenfalls erfüllt.
an einem Fluidteilchen angreifenden Oberflä- Weitere sinnvolle partielle Ableitungen zum
chenkräfte (Druckkräfte) p · dA und die allge- Eliminieren von Druck p wobei deren Reihen-
mein angenommene, spezifische Volumenkraft folge vertauschbar, da stetige Funktionen:
2.2 Fluid-Druck 41

(2-28) partiell nach y⎪
⎪ erhaltende oder konservative Kräfte, was in


∂ fx ∂2p ⎪
⎪ der Regel Massenkräfte sind. Energieerhaltend
− = 0⎪⎪
⎬ bezieht sich dabei auf mechanische Ener-
∂y ∂x∂y ∂ fx ∂ fy
= gie. Minuszeichen, weil Potential-Zunahme
(2-29) partiell nach x⎪


∂y ∂x


bei Fortschrittsrichtung entgegen der Kraftwir-
∂ fy ∂ p
2 ⎪

= 0⎪
kungs-Richtung des Feldes.
− ⎭
∂x ∂y∂x Damit ergibt sich die wichtige Bedingung:
(2-31)

(2-28) partiell nach z⎪ Ein Fluid kann sich nur dann im Gleichge-


∂ fx ∂2p ⎪
⎪ wicht, also in Ruhe, befinden, wenn seine Vo-

− = 0⎪⎬ lumenkraft konservativ ist – von einem Po-
∂z ∂x∂z ∂ fx ∂ fz
= tential ableiten lässt.
(2-30) partiell nach x⎪


∂z ∂x


∂ fz ∂ p
2 ⎪
⎪ Die Physik bezeichnet Größen als Potenziale,
− = 0⎭ deren Wert nur vom Ort abhängt, also zwischen
∂x ∂z∂x
Anfangs- und Endzustand unabhängig vom da-
⎫ (2-32)
zwischen reibungsfrei durchlaufenen Weg sind.
(2-29) partiell nach z⎪


⎪ Potentiale sind somit reine Ortsgrößen (Orts-
∂ fy ∂2p ⎪

− = 0⎪⎪

funktionen). Die Potentialdifferenz ist der Be-
∂z ∂y∂z ∂ fy ∂ fz tragsunterschied zwischen Anfangs- und End-
=
(2-30) partiell nach y⎪


∂z ∂y wert. Das Potential U lässt sich, wie erwähnt,

⎪ anschaulich als potentielle Energie (Arbeitsver-
∂ fz ∂ p
2 ⎪

− = 0⎪⎭ mögen) interpretieren.
∂y ∂z∂y Die allgemeine spezifische Volumenkraft
(2-33) hat folgende Darstellungsarten:
Gleichungen (2.2.7) bis (2.2.7), je aus Substrak- Vektorform:
tion, sind gemäß C OUCHY1 -R IEMANN2 die
notwendigen und hinreichenden Bedingungen, f = +fx + fy + fz =ex · fx +ey · fy +ez · fz
 
f = − ex · ∂ U +ey · ∂ U +ez · ∂ U
um die Komponenten der allgemein angesetzten
Volumenkraft f · dV (Massenkraft) und damit ∂x ∂y ∂z
diese selbst aus einer anderen Größe, dem sog. (2-35a)
Kräftepotential U(x; y; z) abzuleiten. Dieses
Kraft-Potenzial U ist als der Quotient von Vektoranalysis-Form3:
Arbeitsvermögen und Masse definiert und hat
daher die Dimension N m/kg = m2 /s2 , weshalb f = − · gradUU = − · ∇U
(2-35b)
als spez. potentielle Energie bezeichnet. Daraus ∇ ·U )
≡ − · (∇
folgt für die Komponenten der spezifischen
Volumenkraft f (Dimension N/m3 ):
3)
Nabla-Operator (symbolischer Vektor), mit Hin-
weis auf Tabelle 6-21:
∂U ∂U ∂U ∂ ∂ ∂
fx = − ; fy = − ; fz = − ∇ = ex · +ey · +ez · = grad
∂x ∂y ∂z ∂x ∂y ∂z
(2-34) Dient zur Darstellung von vektoriellen Differen-
Kräfte, die ein Potential besitzen, d. h. von tialoperationen. Durch formale Multiplikation die-
einem solchen ableitbar sind, heißen energie- ses Vektors mit einem Skalar ergibt sich der Gra-
dient in kartesischen Koordinaten. |ex | = |ey | =
1)
C OUCHY, A.L. (1789 bis 1837). |ez | = 1; Einheitsvektoren in x-, y- und z-Richtung
2)
R IEMANN, B. (1826 bis 1866). (orthogonale Basisgrößen).
42 2.2 Fluid-Druck

Matrizen-Form: Gleichung (2-36) eingesetzt in die Gleichge-


⎛ ⎞ ⎛ ⎞ wichtsbedingungen ((2-28) bis (2-30)) liefert
fx ∂ U/∂ x
⎝ fy ⎠ = − · ⎝∂ U/∂ y⎠ für das Schwerefeld folgende Beziehung,
(2-35c)
wobei, wie begründet, wieder partielle Diffe-
fz ∂ U/∂ z
rentialsymbole ∂ nicht mehr notwendig sind,
Die Bedeutung der Matrizensymbole enthält Ta- da nur noch eine Koordinatenabhängigkeit für
belle 6.21 (Anhang). den Druck verbleibt, und zwar p(z):
Die Beziehung (2-35a–c) wird auch als Potenti- dp
− · g − =0
alfunktion bezeichnet. dz
An einem ruhenden Fluid wirkt als Volumen- dp = − · g · dz (2-39)
kraft in der Regel nur die in der negativen z-
Eine weitere Auswertung dieser Beziehung ent-
Achse liegende Gewichtskraft ΔFG = g ·  · ΔV ,
hält Abschnitt 2.2.8.
die durch das Schwerefeld der Erde verursacht
wird. Dann sind: Gleichung (2-37) eingesetzt in (2-39) ergibt:
dp = − · dU. Hieraus
fx = 0; fy = 0; fz = −ΔFG /ΔV = − · g
dp
(2-36) + dU = 0 (2-40)

Minuszeichen auch in diesem Fall, weil Wir- Integriert
kung von Kraft fz entgegen der z-Richtung  
(Höhenkoordinate). In der waagerechten (x, y)- dp
+ dU = konst. Teilausgewertet ergibt:
Ebene besteht gemäß (2-28) und (2-29) keine 

Druckänderung. dp
+ U = konst (2-41)
Das Kräftepotential, das dadurch zum 
Schwere-, also Gravitationspotential wird, ein-
gesetzt in (2-34) ergibt: Mit der sog. Druckfunktion (technische Druck-
 energie):
fz = − · g = − · ( dU dz) (2-36a)  
dp
Y= =  · dp (2-42)
Da nur noch eine Variable vorkommt, sind die 
partiellen Differentialsymbole nicht mehr not-
wird
wendig. Die Beziehung vereinfacht und umge-
stellt liefert: Y + U = konst (2-43)
dU = g · dz (2-37) Diese Beziehung ist die allgemeine Gleichge-
Integriert: wichtsbedingung für Fluide im Gravitationsfeld
der Erde. Die Druckfunktion Y ist dabei
U = g · z +C auswert-, d. h. integrierbar, wenn die Druckab-
hängigkeit der Dichte (p) bekannt.
Wird, wie meist, allgemein üblich, gesetzt:
2.2.8 Druck-Ausbildung durch
U =0 bei z = 0 (Erdoberfläche)
Schwerewirkung (Schweredruck)
so ist C=0
2.2.8.1 Inkompressible Fluide
Damit wird: U = g · z
(Hydrostatisches Grundgesetz)
Exakter: U(x; y; z) = U(z) = g · z Bild 2-14a dient auf andere Weise als Herlei-
(2-38) tung von (2-39) zur Aufstellung der Ortsfunk-
2.2 Fluid-Druck 43

und mit Überdruck pü = p − pb (Ab-


schn. 2.2.8.2.5)

Δp = pü =  · g (z0 − z) + pK =  · g · t + pK
(2-46)

Beim Regelfall pK = 0, d. h. freier Oberflä-


che, von der ab Tiefe t gemessen wird, ist:

p ü = p − p b = Δ p =  · g (zz 0 − z ) =  · g · t (2-47)
Die Ortsfunktion des Druckes (Überdruck pü )
ist also linear, Bild 2-14b. Der Schwere-
Bild 2-14. Druckverlauf in einem inkompressiblen
Fluid. z Höhenkoordinate (auch mit h bezeichnet);
druck wächst gleichmäßig mit zunehmender
t Tiefenkoordinate mit Nullpunkt in höchster Fluid- Tiefe t.
trennfläche. Das fluidstatische Grundgesetz folgt auch
aus (2-40) bzw. (2-43), zusammen mit (2-37)
(Abschnitt 2.2.7). Gleichung (2-37) in (2-40)
tion des Druckes. Durch den Kolben K wird eingesetzt und integriert zwischen den Grenzen:
der eingeschlossenen Flüssigkeit der äußere Druck p bei Höhe z und pK + pb bei z0 :
Druck pK = FK /AK aufgeprägt. Zudem wirkt  pK +pb  z0
über den Kolben der Druck pb der umgebenden dp = −g  · dz
Luft (Atmosphärendruck, Barometerdruck von p z
barys (griech.) . . . schwer). Da  = konst. wird:
Für den abgegrenzten kleinen Flüssigkeits- p | ppK +pb = − · g · z |zzo
zylinder liefert das Kräftegleichgewicht pK + pb − p = − · g (z0 − z)
∑ dF = 0 unter Berücksichtigung der Dichte-, p =  · g (z0 − z) + pK + pb (2-48)
d. h. Schwerewirkung (Fluid-Gewichtskraft
dFG ): In jedem anderen Kräftefeld, z. B. ein dem
Schwerefeld überlagertes Fliehkraftfeld (Zen-
dF − dFG − dFK − dFb = 0
trifuge), ermöglichen die Gleichungen des
mit dF = p · dA Abschnittes 2.2.7 eine entsprechende Ablei-
dFG =  · g · dA (z0 − z) =  · g · dA · t tung. Die Gleichungen dieses Abschnittes sind
dFK = pK · dA = (FK /AK ) · dA allgemein anwendbar.
Das fluidstatische Grundgesetz, angewen-
dFb = pb · dA
det auf zwei sich nicht mischende Flüssigkei-
wird p −  · g (z0 − z) − pK − pb = 0 ten, zeigt Bild 2-15. Die leichtere Flüssigkeit
wird infolge der in ihr mit der Tiefe geringeren
Umgestellt ergibt sich das hydrostatische Druckzunahme von der schwereren nach oben
Grundgesetz, besser fluidstatisches Grund- verdrängt (Auftriebswirkung). Sie sammelt sich
gesetz, in allgemeiner Form bei Dichte deshalb über dieser an. In der schwereren Flüs-
 ≈ konst: sigkeit wächst der Druck entsprechend der hö-
+ pb + pK
p =  · g (zz 0 − z )+ (2-44) heren Dichte schneller als in der leichteren.
Bei völlig störungsfreier Situation (z. B.
oder mit Tiefe t = z0 − z ohne Erschütterungen), wäre es theoretisch
möglich, dass sich die leichtere Flüssigkeit
p =  · g · t + pb + pK (2-45) unter der schwereren befindet. Die geringste
44 2.2 Fluid-Druck

 
105 N/m2
hLu = = 8321,4 m
1,225 · 9,81 kg/m3 · m/s2
Zusammengefasst gilt damit:
1 bar =
 10,2 mWS =  752 mmQS =  8320 mLS
1 mmWS =  10 Pa = 10 · 10−5 bar
Bemerkungen:
Druckhöhenangaben werden kaum noch
verwendet. Sie sind nicht mehr genormt.
Bei Luft und sonstigen Gasen kann für Hö-
Bild 2-15. Druckverlauf als Funktion der Höhe z henunterschiede bis etwa 200 m in ausreichend
bzw. Tiefe t in zwei sich nicht mischenden inkom- guter Näherung die Dichte konstant ( ≈ konst)
pressiblen Fluiden. gesetzt werden.
Bezugsrichtungen (vertikal):
z oder h Höhenkoordinate, wobei Nullstelle
zufällige Einbuchtung – auch durch Molekular- (Bezugspunkt) festgelegt gemäß Situation, d. h.
bewegung – der ebenen Trennfläche zwischen Anwendungsfall.
den beiden sich nicht mischenden Fluiden be- t Tiefenkoordinate, vom Fluidspiegel aus-
wirkt jedoch, dass dieses labile Gleichgewicht gehend und nach unten gerichtet.
nicht haltbar ist und die Fluide in den zuvor
beschriebenen sicheren Aufbau übergehen: 2.2.8.2 Kompressible Fluide
schwereres unten, leichteres oben. (Luft- oder Barometerdruck)
Das hydrostatische Grundgesetz ermöglicht es, 2.2.8.2.1 Grundsätzliches
Drücke durch Flüssigkeitssäulen zu messen Im Gasvolumen kleiner Ausdehnung, z. B. Be-
und darzustellen. Durch Umstellen der phy- hältern aller Art, ist die Druckänderung infol-
sikalischen Beziehung, (2-47), kann die sog. ge Fluiddichte (Schwerewirkung) unbedeutend
Druckhöhe h definiert werden: und kann deshalb meist vernachlässigt werden.
p − pb pü Der Druck ist dann nach dem Druckfortpflan-
h= = (2-49) zungsgesetz in sehr guter Näherung im Behälter
·g ·g
überall gleich groß.
Die Druckhöhe verschiedener Fluide ist z. B. für Bei Gasschichten großer Ausdehnung, ins-
einen Druckunterschied von 1 bar = 105 Pa bei: besondere der Atmosphäre, darf die Druckände-
rung bei größeren Höhenänderungen, z. B. Ge-
a) Wasser (15 ◦ C; Wa = 999 kg/m3) birge, Flug- und Raketentechnik, dagegen nicht
  vernachlässigt werden.
105 N/m2
hWa = = 10,203 m
999 · 9,81 kg/m3 · m/s2 Der Barometerdruck pb , auch mit Atmosphären
oder Luftdruck bezeichnet, wird durch das Ge-
b) Quecksilber (15 ◦ C; Q = 13 560 kg/m3) wicht der die Erde umgebenden Lufthülle ver-
  ursacht. Er schwankt infolge Witterungseinflüs-
105 N/m2 sen (Temperatur, Feuchtigkeit) und hängt von
hQ = = 0,752 m
13 560 · 9,81 kg/m3 · m/s2 der geographischen Ortshöhe ab:

c) Luft (15 ◦ C; Lu = 1,225 kg/m3) pb = f (Ortshöhe, Klima)


Obwohl nicht zulässig, wird zum Vergleich
mit Wasser und Quecksilber die Luftdichte Der Verlauf des Luftdruckes pb lässt sich grund-
als konstant angenommen: sätzlich wie bei den inkompressiblen Fluiden
2.2 Fluid-Druck 45

(Abschnitt 2.2.8.1) durch Verbinden von (2-37) als Funktion der Ortshöhe z, die als barome-
und (2-40) bzw. (2-39) von Abschnitt 2.2.7 be- trische Höhenformel der isothermen Schich-
stimmen. tung, (2-52), bezeichnet wird:
 
b, 0 · g
dp = − · g · dz oder mit  = 1/ pb = pb, 0 · exp − ·z (2-52)
pb, 0
 · dp = −g · dz (2-50)
2.2.8.2.3 Isentrope Schichtung
Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich die Luft- Erfahrungsgemäß nimmt die Lufttemperatur
dichte, bzw. das spezifische Luftvolumen, mit mit wachsender Höhe stark ab; im Mittel
der Luftfeuchte, der Temperatur (Witterung) 0,66 ◦ C je 100 m Höhenzunahme (Bild 2-16
und dem Druck, d. h. der Ortshöhe, verändert: und (2-54)).
Die isotherme Schichtung ist deshalb nur
b = f (pb ;tb )
innerhalb kleinerer Höhendifferenzen (bis ca.
Da keine exakte Beziehung hierfür verfügbar 400 m) brauchbar.
ist, muss auf Messwerte oder Näherungen Ein besserer Ansatz für größere Höhenun-
zurückgegriffen werden. Je nach Anforde- terschiede ist reibungsfreies Verhalten im adia-
rung werden der Berechnung verschiedene baten System. Wärmezu- und -abfuhr wird so-
Schichtungen der Atmosphäre zugrundegelegt. mit ausgeschlossen und Reibungswärme zwi-
schen den Luftteilchen entsteht nicht. Für diese
dann isentrope Schichtung gilt:
2.2.8.2.2 Isotherme Schichtung
Die isotherme Schichtung wird auch als baro- p0 · κ0 = p · κ (Isentropenbeziehung)
trope Schichtung bezeichnet; Dichte nur abhän-
p0 · p−1/κ
1/κ
gig vom Druck. Hieraus:  = 0 ·
Innerhalb eines nicht zu großen Höhenbe- In (2-50) eingesetzt und wieder integriert ergibt
reiches kann die Temperatur näherungsweise als den Druckverlauf als Funktion der geographi-
konstant betrachtet und durch die mittlere Tem- schen Höhe z bei isentroper Schichtung. Werte
peratur ersetzt werden. Dann gilt die Beziehung mit Index 0 beziehen sich ebenfalls wieder auf
von B OYLE -M ARIOTTE p ·  = C = p0 · 0 als die Erdoberfläche (z0 = 0):
Sonderfall des Gasgesetzes p · = R ·T bei Tem-  pb  z
peratur T ≈ konst (Isotherme). 1/κ
b, 0 · pb, 0 p−1/κ dp = −g dz
Eingesetzt in (2-50) und integriert ergibt: pb, 0 0

 pb  z 1/κ p−(1/κ)+1  pb
dp b, 0 · pb, 0 · = −g · z
C· = −g · dz −(1/κ) + 1  pb, 0
pb, 0 p z0
−1/κ
κ−1 κ−1 κ − 1 pb, 0
C· ln p | ppbb, 0 = −g · z |zz0 pb κ − pb,κ0 = · ·g·z
κ b, 0
pb g ⎡ ⎤ κ−1
κ
ln = − · (z − z0 ) κ−1
κ
pb, 0 C κ−1 κ − 1 b, 0
p
pb = ⎣ pb, 0 κ
− · ·  · g · z⎦
  κ pb, 0 b, 0
pb − Cg (z−z0 ) g
=e = exp − (z − z0 ) (2-51)   κ
pb, 0 C κ − 1 b, 0 · g κ−1
pb = pb, 0 1 − · ·z (2-53)
κ pb, 0
Werden als Bezugsgrößen (Index 0) die Werte
auf der Erdoberfläche z0 = 0 und zugehörig für Diese Beziehung wird auch als barometrische
Konstante C = pb, 0 · b, 0 = pb, 0 /b, 0 gesetzt, Höhenformel der isentropen Schichtung be-
ergibt sich eine Gleichung für den Luftdruck pb zeichnet.
46 2.2 Fluid-Druck

Temperatur und Dichte als Funktionen der Orts-


höhe z lassen sich entsprechend ermitteln, d. h.
über Gasgleichung und Isentropenbeziehung.
Entsprechendes gilt für die Dichte auch
bei isothermer Schichtung. Hier über B OYLE -
M ARIOTTE-Gesetz, da Temperatur T = konst
angenommen gemäß vorhergehendem Ab-
schnitt.

2.2.8.2.4 Normatmosphäre
Da Dichte, Temperatur und Feuchtigkeit der Bild 2-16. Normatmosphäre nach DIN 5450.
Luft ständig sowohl örtlich als auch zeitlich
schwanken, liefern die angenommenen Schich-
tungen (isotherm oder isotrop) oft zu grobe
Ab z = 11 km Höhe bleibt die Lufttemperatur
und damit unbrauchbare Näherungswerte.
konstant und beträgt gemäß Festlegung:
Außerdem fehlt eine Vergleichsgrundlage für
die verschiedensten Betrachtungen. Deshalb
Tb = 216,5 K (tb = −56,65 ◦ C)
wurde die auf Messwerten fußende Normat-
mosphäre festgelegt. Die Normatmosphäre
Nullhöhe (NN . . . Normal Null):
wird z. B. Berechnungen in der Ballistik,
Bezugspunkt (Nullpunkt) für geodätische
Flug- und Raketentechnik zugrundegelegt.
Höhenangaben ist für Europa der Nullpegel
Die internationale Normatmosphäre der ICAO
(Meeres-Bezugspegel) von Amsterdam.
(International Civil Avitation Organisation)
und die Normatmosphäre nach DIN 5450 sind
Mit der Polytropenbeziehung p · n = konst
in Tabellen oder Diagrammen niedergelegt
ergibt sich entsprechend (2-53) und  = 1/:
(Bild 2-16 und Tabelle 6.4).
 
Die Werte der Normatmosphäre am Erdboden n − 1 b, 0 · g n/(n−1)
(z0 = 0) betragen: pb = pb, 0 1 − · ·z (2-54a)
n pb, 0
Luftdruck pb, 0 = 1,01325 bar Diese Beziehung gilt gemäß dem Vorstehenden
≈ 1,0133 bar bei n = 1,235 für Höhen bis ca. z = 11 km.
= 1013,25 mbar
= 101 325 Pa Näherungsbeziehungen, d. h. Formeln für den
= 1013,25 hPa höhenabhängigen Barometerdruck pb :
Nach P FLEIDERER bis z ≈ 2500 m:
Lufttemperatur Tb, 0 = 288,15 K(tb, 0 = 15 ◦ C)

Luftdichte b, 0 = 1,225 kg/m3 pb = (1 − 2,4 · 10−5 · z)5 · pb, 0 [bar] (2-54b)

Zustandsänderung: In Höhenrichtung poly- Nach K ÄPPELI bis z ≈ 4000 m:


tropisch mit Polytropenexponent n = 1,235.
Gültig bis ca. 11 km Höhe (Troposphäre). pb = (1 − 1,16 · 10−4 · z) · pb, 0 [bar] (2-54c)
Temperaturverlauf:
jeweils mit
Temperaturgradient bis z = 11 km Höhe:
dTb K Ortshöhe z in m über NN
= −0,0066 (2-54)
dz m Nullhöhendruck pb,0 = 1,0133 bar .
2.3 Kommunizierende Gefäße 47

2.2.8.2.5 Druckbegriffe
In der Technik werden sehr häufig die Begriffe

absoluter Druck pabs


Überdruck pü
Relativdrücke
Unterdruck pu
verwendet.
Hinweis: Der Index „abs“ als Kennzeichen des
absoluten Druckes beim p-Symbol wird ein-
fachheitshalber meist weggelassen. Bei Druck-
angaben ohne Bezugsindex (abs; ü; u) handelt Bild 2-17. Absoluter Druck pabs , Überdruck pü ,
es sich deshalb fast immer um Absolutdrücke. Unterdruck pu . Üblicher Atmosphären- oder Luft-
Bei Zweifel sind entsprechende Nachprüfungen druck pb = 1 bar.
notwendig.
Diese Begriffe werden abhängig vom Bezugs- demnach der theoretisch maximal mögliche
druck definiert und sind bezogen auf: Unterdruck pu ≈ 1 bar bzw. der negative
– luftleeren Raum . . . Absolutdruck Überdruck pü = −1 bar und kennzeichnet das
(Vakuum) (absoluter Druck) absolute Vakuum.
– herrschenden Luftdruck . . . Relativdruck Als relatives Vakuum wird definiert:
(Über-
pu pb − pabs pabs p
bzw. Unter- = = 1− = 1− (2-57)
pb pb pb pb
druck)
pu
Dabei gilt für die Relativdrücke: Meist erfolgt Angabe in Prozent: 100 · [%]
pb
Absoluter Druck > Luftdruck → Überdruck
Absoluter Druck < Luftdruck → Unterdruck Beispiel: pb = 1 bar, pabs = 0,3 bar
Unterdruck: pu = pb − pabs = 0,7 bar
Die Zusammenhänge zwischen den verschie- pu
Relatives Vakuum: 100 · = 70%
denen Druckangaben sind in Bild 2-17 darge- pb
stellt. Bezeichnung: 70% Vakuum
Es gilt: Hinweis: Technische Druckmesser – Mano-
meter – können gemäß ihrer Bauweise meist
Überdruck p ü = p abs − p b (2-55)
nur Relativdrücke messen.
Unterdruck p u = p b − p abs (2-56)
Die Umstellung von (2-56) ergibt: 2.3 Kommunizierende Gefäße
pu = −(pabs − pb ) = −pü Das Verhalten von Fluiden in verbundenen
Gefäßen wird ausschließlich von den physi-
Unterdruck kann demnach als negativer Über-
kalischen Erscheinungen bestimmt, die sich
druck bezeichnet werden. Die Norm kennt des-
durch das hydrostatische Grundgesetz und das
halb den Begriff des Unterdruckes nicht mehr.
Druckfortpflanzungsgesetz ausdrücken, wenn
von der hier vernachlässigbaren Adhäsion
Der theoretisch erreichbare maximale Unter- abgesehen wird.
druck ist pu = pb . Dabei ist der Absolutdruck Die Zusammenhänge zwischen den Spie-
pabs = 0. Beim üblichen Luftdruck beträgt gelhöhen in kommunizierenden Gefäßen sind
48 2.4 Saugwirkung

Gefäße. Durch eine separate Druckluftleitung


wird dem Förderrohr am unteren Ende ständig
Luft zugeführt (eingedüst). Die Dichte des
im Förderrohr entstehenden Flüssigkeit-Luft-
Gemisches ist kleiner als die Dichte der das
Rohr umgebenden Flüssigkeit. Infolgedessen
steigt das Flüssigkeit-Luft-Gemisch im Förder-
rohr hoch und tritt bei günstiger Anordnung –
bei nicht zu großer Förderhöhe – am oberen
Rohrende aus. Der große Vorteil dieser Pumpe
Bild 2-18. Kommunizierende Gefäße, gefüllt mit ist ihre Einfachheit, da keine Ventile oder
zwei sich nicht mischenden Flüssigkeiten verschie- sonstige bewegten Teile im Förderbereich
dener Dichte. notwendig sind. Sie eignet sich daher besonders
zur Förderung verunreinigter Flüssigkeiten,
mittels Bild 2-18 aufzeigbar. Das linke Gefäß  1 z. B. Schmutzwasser. Nachteilig ist der hohe
ist teilweise mit einem Fluid der Dichte 1 ge- Pressluftbedarf.
füllt. Die sich mit dem Fluid 1 nicht mischende Kaminzug: Auch der Kaminzug beruht entspre-
und schwere Flüssigkeit 2 des rechten Gefäßes chend den kommunizierenden Röhren auf dem
2 dringt auch teilweise durch die horizonta-
fluidstatischen Grundgesetz. Die Temperatur
le Verbindungsröhre V in das linke Gefäß  1
der Rauchgase im Inneren des Kamines ist
ein und verdrängt dort die Flüssigkeit 1 bis zur höher als die der Luft auf der Kaminaußenseite
Trennfläche T. Auf waagrechter Linie, der Null- (Umgebung). Entsprechend ist die Dichte des
linie, ist infolge fehlenden Höhenunterschiedes Mediums im Kamininneren geringer als die
nach (2-47) der Druck gleich groß (p2 = p1 ). der Umgebung. Am Kaminaustritt muss aus
Ableitung mit (2-47): Gleichgewichtsgründen der Druck innen und
Strecke 1–1: p1 = pb + 1 · g · h1 + 2 · g · h0 außen gleich groß sein. Ab hier nimmt der
Strecke 2–2: p2 = pb + 2 · g · (h2 + h0 ) Druck im Kamininneren abwärts weniger zu als
Gleichgesetzt, da p1 = p2 (Bezugshöhenlinie): außen. Am Kaminfuss ist der Druck somit au-
1 · g · h1 + 2 · g · h0 = 2 · g(h2 + h0 ) ßen (pU,a ) größer als innen (pU,i ). Die Differenz
Δp = pU,a − pU,i ist der Kaminzug (Naturum-
1 · h 1 = 2 · h 2 lauf, Schwerkraftwirkung), der das Eindringen
h2  von Gas am unteren Ende (Sole) und damit
= 1 (2-58)
h1 2 die Durchströmung des Kamines bzw. den
„Naturumlauf“ bewirkt (Index U für unten).
Regelfall: Gleiche Flüssigkeit, also 2 = 1
dann wird h2 = h1 2.4 Saugwirkung
Die Flüssigkeit steigt in beiden Gefäßen gleich
Das sog. Saugen ist ebenfalls eine Folge der
hoch. Die Spiegel liegen damit in einer gemein-
Wirkung, welche das hydrostatische Grundge-
samen waagrechten Ebene.
setz beschreibt. Es kann direkt mittels dieser
Mammutpumpe: Das Gesetz der verbundenen Beziehung hergeleitet oder als Ergebnis der
Gefäße mit Medien verschiedener Dichte (2-58) kommunizierenden Gefäße betrachtet werden,
findet z. B. auch technische Anwendung bei der indem das eine Gefäß die Atmosphäre und das
sog. Mammutpumpe. Dabei bilden das in die zu andere die mit ihr über das Fluid verbundene
fördernde Flüssigkeit (meist Wasser) ragende, Saugleitung darstellt.
unten offene Förderrohr zusammen mit der Mit Hilfe von Bild 2-19 lässt sich das Phä-
umgebenden Flüssigkeit der Grube verbundene nomen „Saugwirkung“ aufzeigen:
2.4 Saugwirkung 49

Bild 2-20. Dampfdruckkurve von Wasser.


Bild 2-19. Saugwirkung (Prinzipdarstellung). Dampfdruckhöhe HDa = f (t) in Meter Wassersäule
gemäß Tabelle 2-1.

In die Flüssigkeit Fl (Dichte ) ragt eine


oben mit dem Ventil V abschließbare Röhre R. von der Art des Fluides, dessen Temperatur
Durch eine Pumpe kann das Rohr R über die sowie vom Umgebungsdruck begrenzt.
Leitung L auf den Absolutdruck pS,abs (zur ex- Bild 2-20 zeigt den Verlauf der Dampf-
akten Kennzeichnung hier Index abs angefügt) druckhöhe HDa = f (t) für die wichtigste
und damit auf den Unterdruck pS,u = pb − pS,abs Flüssigkeit, das Wasser. Tabelle 2-1 enthält für
evakuiert werden. Dabei steigt die Flüssigkeit verschiedene Temperaturen t die Dichte, den
im Rohr R um die Höhe HS . Dampfdruck und die zugehörige Dampfdruck-
Herleitung der Saughöhe HS : höhe von Wasser.

Strecke 1–1 p1 = pS, abs +  · g(HS + h)
p1 = p2 Tabelle 2-1. Dichte , Dampfdruck pDa und
Strecke 2–2 p2 = pb +  · g · h Dampfdruck HDa = pDa /( · g) von Wasser als Funk-
tion seiner Temperatur t (nicht Tiefe, Bild 2-14).
Gleichgesetzt: pS, abs +  · g · HS = pb Hieraus
Temperatur Dichte Dampfdruck Dampfdruck-
pb − pS, abs pS,u t  pDa höhe HDa
HS = = (2-59)
·g ·g in ◦ C in kg/m3 in bar in mWS
0 999,8 0,006 0,06
Nach (2-59) wird die Saughöhe umso größer,
5 1000,0 0,009 0,09
je höher der Atmosphärendruck und je geringer 10 999,6 0,012 0,12
der absolute Evakuierungs-, d. h. Saugdruck 20 998,2 0,024 0,24
ist. Der Luftdruck ist nicht beeinflussbar 30 995,6 0,042 0,43
und der Saugdruck wird begrenzt durch den 40 992,2 0,074 0,75
Dampfdruck der angesaugten Flüssigkeit. Bei 50 988,0 0,123 1,25
Erreichen des Dampfdruckes pDa beginnt die 60 983,2 0,198 2,02
Flüssigkeit zu verdampfen, so dass eine weitere 70 977,7 0,311 3,17
Druckabsenkung nicht möglich ist. Da der 80 971,3 0,473 4,82
Dampfdruck außer vom Fluidtyp sehr stark von 90 965,3 0,700 7,14
100 958,3 1,013 10,33
der Temperatur abhängt, wird die Saughöhe
50 2.5 Fluidkräfte auf Wandungen

Mit der Bedingung nicht angesaugt werden. Es ist nur möglich,


durch Herausfördern von Luft den Druck über
pS, abs ≥ pDa (t) dem Fluidspiegel in der Saugleitung, d. h. deren
Oberkante, unter den Atmosphärendruck abzu-
wird die maximale theoretische Saughöhe:
senken. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht.
pb − pDa pb pDa Der Barometerdruck drückt deshalb von außen
HS, max, th = = −
·g ·g ·g so viel Flüssigkeit in die Saugleitung, bis die
= Hb − HDa (2-60) zugeordnete Höhe HS und dadurch das Gleich-
gewicht wieder erreicht ist (kommunizierende
Die maximale tatsächliche Saughöhe ist, Röhren).
bedingt durch die Strömungsverluste in den
Saugleitungen, kleiner als die theoretische nach 2.5 Fluidkräfte auf Wandungen
Beziehung (2-60):
2.5.1 Grundsätzliches
HS, max < HS, max, th
Fluidkräfte auf Wandungen werden durch die
Beispiel: Wasser  ≈ 1000 kg/m3 Schwerewirkung verursacht, falls äußere Press-
Atmosphärendruck pb ≈ 1 bar = kräfte nicht vorhanden sind oder unberücksich-
105 Pa tigt bleiben. Die hydrostatischen Fluidkräfte auf
Wände oder Wandbereiche sind daher nur bei
Nach (2-60):
  inkompressiblen Medien (Flüssigkeiten) infolge
105 N/m2 pDa
HS, max, th = 3 − ihrer relativ hohen Dichte bedeutungsvoll. Das
10 · 9,81 kg/m · m/s
3 2 ·g hydrostatische Grundgesetz ermöglicht wieder
pDa das Berechnen dieser Kräfte.
HS, max, th = 10,2 m − = 10,2 m − HDa
·g
2.5.2 Fluidkräfte gegen ebene Wandungen
Für Wasser von 20 ◦ C ergibt Tabelle 2-1:
2.5.2.1 Bodenkraft
pDa = 0,024 bar; HDa = 0,24 mWS
Nach Bild 2-21 ergibt sich für die Bodenkraft:
Dann wird hierzu (WS . . . Wasser-Säule): F = A·(pi − pa ) mit i . . . innen, a . . . außen

HS, max, th ≈ 10 mWS pi = pabs = pb +  g H
pi − pa =  g H = pü
pa = pb
Wasser mit Temperaturen bis ca. 20 ◦ C kann
also theoretisch maximal 10 m hoch gesaugt
werden. Technisch sind bei gut ausgeführten F = pü · A =  · g · H · A =  · g · V A = F G, A
Saugleitungen sowie Pumpen maximale Saug- (2-61)
höhen HS, max von 6 bis 8 m erreichbar. Bei
größer ausgeführten Saughöhen reißt die Da der Überdruck pü infolge der Fluid-Schwere
Strömung in der Saugleitung ab, das bedeutet, nur von der Flüssigkeitshöhe über der gedrück-
ab der Höhe, in welcher der Dampfdruck ten Fläche abhängt (2-47), kann gemäß Bezie-
erreicht wird, beginnt Dampfblasenbildung. hung (2-61) formuliert werden:
Das Saugleitungsvolumen über HS, max füllt
Die Boden- oder Abkraft wird ausschließ-
sich dann mit Wasserdampf und die Pumpe
lich von der Größe der belasteten Boden-
kann nicht mehr fördern.
fläche und der Höhe der darüber befindli-
Bemerkung: Die Begriffe Saugdruck und Saug- chen tatsächlichen, oder fiktiven Fluidsäule
höhe sind eigentlich falsch, zumindest missver- bestimmt. Die Form des Gefäßes dagegen ist
ständlich. Streng betrachtet kann Flüssigkeit vollkommen ohne Einfluss.
2.5 Fluidkräfte auf Wandungen 51

Kraft: Auf das Flächenelement dA wirkt an der


Fluidseite der Absolutdruck pabs = pü + pb , wo-
bei Index abs einfachheitshalber meist wieder
weggelassen wird.
Da an dessen Außenseite von dA normal-
erweise etwa der gleiche Umgebungsdruck pb
wie auf der Fluidspiegelfläche herrscht, ist
die resultierende infinitesimale Kraft:
Bild 2-21. Bodenkraft (PASCAL sches Paradoxon). dF = pü · dA =  · g · t · dA =  · g · sin α · y · dA
Gefäße mit gleicher Bodenfläche und gleich hohem
Fluidstand. FG,A Gewichtskraft des Fluidzylinders Unter Verwendung der Beziehungen t = y · sin α
vom Volumen VA = A · H. und dA = dx · dy ergibt sich durch Integrieren
die normal auf die Fläche A wirkende Gesamt-
Gefäße der verschiedensten Formen, jedoch kraft F:
 
gleicher Bodenfläche, erfahren bei gleicher
F= dF =  g sin α y dA
Spiegelhöhe, trotz unterschiedlichster Flüssig-
keitsmenge, die gleiche Bodenkraft. Dieser (A) (A)
widersinnig erscheinende, jedoch richtige x2 y2
Tatbestand wird als hydrostatisches oder =  g sin α y dx dy
PASCALsches Paradoxon bezeichnet. x1 y1

Das Integral y · dA ist dabei das statische Mo-
2.5.2.2 Seitenkraft (A)
Um Flüssigkeits-Begrenzungswände oder ment 1. Ordnung der gedrückten Fläche A in Be-
Wandteile, z. B. Schleusentore, Ablassklap- zug auf die Spiegelschnittlinie (x-Achse). Für
pen, Staumauern und vieles andere mehr zu dieses gilt nach dem Momentengleichgewicht
dimensionieren, müssen Größe, Richtung mit der Flächenschwerpunkts-Koordinate yS der
und Angriffspunkt der wirkenden Fluidkräfte gedrückten Fläche A:
(Flächen- oder Einzelkraft) bekannt sein. 
Die Herleitung ist über Bild 2-22 möglich y · dA = yS · A
(Neigungswinkel α = konst, da ebene Fläche). (A)

Bild 2-22. Seitenkraft auf einen beliebigen Wandbereich der ebenen Fläche A mit Winkel α = konst. Die
Spiegelschnittlinie wird als die x-Achse gewählt, die y-Achse in Wandebene abwärts und die t-Achse vertikal
abwärts (Tiefe). S Flächenschwerpunkt, D Druckpunkt. t = y · sin α
52 2.5 Fluidkräfte auf Wandungen

In die Beziehung der Normalkraft F eingesetzt: ergeben sich:


Druckmittelpunktsabstand
F = ·· g · yS · sin α · A
=  · g · t S · A = p S,ü · A (2-62) IS, x + y2S · A IS, x
yD = = yS + (2-63)
yS · A yS · A
Die Seitenkraft F lässt sich nach (2-62) als iden- Exzentrizität
tisch der Gewichtskraft FG eines Flüssigkeitsvo- IS, x
lumens V = A · H interpretieren mit der Grund- e y = yD − y S = (2-64)
yS · A
fläche A und der Höhe H gemäß Schwerpunkt-
stiefe tS , also H = tS . b) x-Koordinate: 
Bemerkung: Das Flächensymbol A ist bei der xD · F = x · dF
Integral-Grenzenangabe eingeklammert, da es
(A)
keine direkte Grenze angibt. Es ist nur ein Hin- 
weis auf den Integrationsbereich, hier auf Flä- xD ·  · g · yS · sin α · A = x ·  · g · y · sin α · dA
che A.
(A)
Angriffspunkt: Die Angriffsstelle (Druck- 
1
mittelpunkt D) der Kraft F, die infolge des xD = · x · y · dA
yS · A
linear mit der Tiefe ansteigenden Schwe- (A)

redrucks nicht mit dem Schwerpunkt S der Hierbei ist das Integral x · y · dA das Flächen-
Fläche A zusammenfällt, ergibt sich aus dem moment 2. Ordnung (Zentrifugal- oder Deviati-
Momentensatz: Gesamtmoment gleich Summe onsmoment) Ixy , bezogen auf die Koordinaten-
(Integral) der Einzelmomente. achsen x und y. Daraus folgen Abstände von:
I xy
a) y-Koordinate: Druckmittelpunkt: x D = (2-65)
yS · A

Exzentrizität: e x = xD − x S (2-66)
yD · F = y · dF
(A) Der Druckmittelpunkt D(xD ; yD ) (Kraftangriff)
 liegt um die Exzentrizität E(ex , ey ) „tiefer“
yD ·  · g · yS · sin α · A = y ·  · g · y · sin α · dA und „seitlicher“ als der Flächenschwerpunkt
(A) S(xs , ys ).

1 Allgemein gilt für die resultierende Seitenkraft:
yD = · y2 · dA
yS · A
(A) 1. Ihre Größe ist gleich dem Integral des
 Druck-Profils p = f (t) über der gedrückten
Dabei ist das Integral y2 · dA das statische Fläche.
(A) 2. Ihre Wirkungslinie geht durch den Schwer-
Moment 2. Ordnung (Flächenträgheitsmoment) punkt des Druckprofils der gedrückten Flä-
Ix der Fläche A, bezogen auf die x-Achse (Spie- che. Exakt müsste es Überdruckprofil hei-
gelschnittlinie). Demnach wird: ßen.
Ix Meist sind die Begrenzungswände, bzw. die
yD =
yS · A belasteten Wandbereiche, symmetrisch zu einer
Parallelen der y-Achse. Auf dieser Symmetrie-
Mit dem Satz von S TEINER1 [109] achse der Fläche liegen dann Schwerpunkt S
und Druckmittelpunkt D im Abstand ey . Der
Ix = IS, x + y2S · A
Exzentrizitätsabstand ex ist in diesen Fällen
1)
S TEINER, J. (1796 bis 1863). nicht vorhanden (ex = 0).
2.5 Fluidkräfte auf Wandungen 53

Einige Beispiele sollen die Anwendung der


Gleichungen veranschaulichen.
Senkrechte, rechteckige Wand,
B1
Bild 2-23.
Bekannt: H, B, , α = 90◦
Gesucht: F, e, tD
H
Mit t ≡ y, tS = , A = B · H und
2 Bild 2-24. Seitenkraft F auf einen rechteckigen
B · H3
IS, x = werden: Wandbereich (α = 90◦ ).
12
1
F = pS, ü · A =  · g · tS · A = ·  · g · B · H 2
2
IS, x B · H 3 /12 1 Kreisförmige Platte in einer Wand un-
e= = = H B3
ter dem Neigungswinkel α , Bild 2-25.
yS · A (H/2) · B · H 6
H 1 2 Bekannt: H, d, , α
tD = tS + e = + H = H
2 6 3 Gesucht: F, e, tD

d2 · π π · d4
Mit tS = H, A = , IS, x = werden:
4 64
F = pS, ü · A =  · g · tS · A
d2 · π
= ·g·H ·
4
IS, x π · d 4 · sin α · 4
e= =
yS · A 64 · H · π · d 2
d2
= sin α ·
Bild 2-23. Kraft auf eine rechteckige Seitenwand 16 · H
(α = 90◦ ). d2
tD = tS + e · sin α = H + sin2 α ·
16 · H
Rechteckige Fläche A in senkrechter
B2
Wand, Bild 2-24.
Bekannt: tOK , h, b, , α = 90◦
Gesucht: F, e, tD
h
Mit t ≡ y, tS = tOK + , A = b · h und
2
b · h3
IS, x = werden
12
 
h
F = pS, ü · A =  · g · tS · A =  · g tOK + b · h
2
IS, x b · h3 h2
e= = =
yS · A 12(tOK +h/2) · b · h 6(2 · tOK +h)
 
h h2 Bild 2-25. Seitenkraft auf eine kreisförmige Platte
tD = tS + e = tOK + +
2 6(2 · tOK +h) (α < 90◦ ).
54 2.5 Fluidkräfte auf Wandungen

2.5.2.3 Aufkraft
Im Einfüllstutzen eines beliebigen Behälters,
Bild 2-26, steht die Flüssigkeit um die variable
Höhe gemäß Tiefe t über dem Deckel mit
der Fläche A. Zur Dimensionierung, z. B. der
Befestigungsschrauben, ist es notwendig, die
auf den Deckel wirkende Kraft F zu kennen.
Nach dem hydrostatischen Grundgesetz ist
in der Tiefe t der Überdruck pü =  · g ·t vorhan-
den. Dieser Druck herrscht wie bei den kommu-
nizierenden Gefäßen auch an der entsprechen-
den Stelle der Deckelunterseite. Der Überdruck
auf die Deckelunterfläche verändert sich des- Bild 2-26. Aufkraft F auf eine beliebige Fläche A,
halb mit der Tiefe t. Die kleine Aufkraft dF auf analog zur Druckkraft Fz gemäß Bild 2-12.
die infinitesimale Fläche dA beträgt:
dF = pü · dA =  · g · t · dA =  · g · dV 2.5.3 Fluidkräfte
Hinweis: Da infinitesimal, ist die schräge Flä- gegen gekrümmte Wandungen
che dA zugleich Grundfläche vom fiktiven dif- Der Behälter in Bild 2-27 ist rechts durch eine
ferentiellen Volumen dV bzw. Projektionsfläche zur vertikalen Tiefenkoordinate (t-Achse) sym-
gemäß Abschnitt 2.2.6. metrische, räumlich gekrümmte Seitenwand be-
Die gesamte Aufkraft F auf die Fläche A grenzt. Die bis zur Höhe H reichende Flüssig-
ergibt sich durch Integration: keit übt auf diese Begrenzung die Kraft F aus,
  die nach Größe, Richtung und Angriffspunkt zu
F= dF =  · g · dV bestimmen ist.
(A) (V )
Um die Ableitung zu vereinfachen und über-
F =  · g ·V = F G (2-67) sichtlich zu gestalten, wurde die Fläche sym-
metrisch ausgebildet. Dies schränkt jedoch nur
Die Aufkraft ist nach (2-67) identisch der vordergründig die Gültigkeit der sich ergeben-
Gewichtskraft FG des (fiktiven) Flüssigkeits- den Gleichungen ein. Es wird sich zeigen, dass
zylinders (-körpers), der sich über der ge- die Ergebnisse der folgenden Erörterungen ohne
drückten Fläche bis zum freien Flüssigkeits- weiteres verallgemeinert werden können.
spiegel aufbauen lässt, Bild 2-26. Die Kraft- Auf den schmalen Flächenstreifen dA,
wirkungslinie geht deshalb auch durch den dessen Tangente unter dem Neigungswinkel α
Schwerpunkt SV dieses virtuellen Flüssig- verläuft, wirkt senkrecht die infinitesimale Kraft
keitszylinders mit dem Volumen V . Diese Er- dF. Diese fluidische Kraft dF wird in ihre waag-
kenntnis gilt allgemein, d. h. für jede Form rechte (y-Richtung) und vertikale (t-Richtung)
und Lage der gedrückten Fläche. Komponente zerlegt. Die Projektionen der klei-
nen Fläche dA auf die Koordinatenrichtungen
Bemerkung: sind dAy und dAt . Der Index kennzeichnet die
Die Herleitung wurde allgemein für die ge- Richtung der Projektionsflächennormalen. Da
krümmte Wand durchgeführt. Trotzdem ist die der Barometerdruck pb sowohl auf der freien
Aufkraft einfachheitshalber unter dem Haupt- Oberfläche der Flüssigkeit, als auch auf der
abschnitt Fluidkräfte gegen ebene Wände Außenseite der Seitenwand wirkt, werden die
eingeordnet. Grund: Überlegung einfach und wirkenden Wandkräfte ausschließlich wieder
vorbereitend für den folgenden Abschnitt. durch den Fluid-Überdruck verursacht.
2.5 Fluidkräfte auf Wandungen 55

Für die infinitesimalen Projektionsflächen, Somit wird die Horizontalkraft:


welche den veränderlichen Neigungswinkel α
berücksichtigen gelten: F y =  · g · t S, y · A y = p S, y,ü · A y (2-68)

dAy = dA · sin α Der Vergleich von (2-62) und (2-68) zeigt:


Zwischen der Seitenkraft auf die ebene Fläche
dAt = dA · cos α und der Horizontalkraft gegen die beliebig
gekrümmte Wand besteht volle Analogie.
da sich die zur Projektionsrichtung quer verlau-
fenden Seitenkanten (Breite) der Fläche dabei Deshalb gelten:
nicht ändern.
1. Die Horizontalkraft gegen eine gekrümm-
Damit folgt für die Kraftkomponenten:
te Fläche ist identisch mit der Druckkraft
dFy = dF · sin α = pü · dA · sin α =  · g · t · dAy gegen die Projektion der gedrückten Fläche
in waagrechter Richtung (vertikale Projek-
dFt = dF · cos α = pü · dA · cos α =  · g · t · dAt
tionsfläche).
Durch Integration ergeben sich: 2. Die Wirkungslinie der Horizontalkraft geht
durch den Druckmittelpunkt Dy , der ver-
Horizontalkraft Fy (Kraftkomponente in tikalen Projektionsfläche, (2-64), mit dem
y-Richtung): Flächenträgheitsmoment IS, y der Projekti-
  onsfläche Ay in Bezug auf die Achse in x-
Fy = dFy =  · g · t · dAy Richtung durch den Schwerpunkt Sy .
(A) (Ay )
IS, y
ey = tD, y − tS, y = (2-69)
Entsprechend Abschnitt 2.5.2.2 ist das Integral tS, y · Ay

t · dAy das 1. statische Moment der Projek-
(Ay ) Vertikalkraft Ft (Kraftkomponente in t- bzw.
tionsfläche Ay in Bezug auf die Spiegelschnitt- z-Richtung):
linie (x-Achse). Mit der Tiefe ts, y des Schwer-  
punktes Sy der Projektionsfläche Ay gilt: Ft = dFt =  · g · dV =  · g ·V
 (A) (V)
t · dAy = tS, y · Ay Ft =  · g · V = FG (2-70)
(Ay ) bzw. Fz = −Ft = −FG

Bild 2-27. Kraft auf symmetrische, räumlich nach außen gekrümmte Fläche mit vergrößerter Darstellung
der infinitesimalen Teilfläche dA im Seitenriss, weshalb diese sich als Strecken darstellt mit unveränderter
Breite senkrecht zur Bildebene. Neigungswinkel α der Fläche veränderlich, also α
= konst.
56 2.5 Fluidkräfte auf Wandungen

Zwischen der in der Regel nach unten gerich- c) Angriffspunkt:


teten Vertikalkraft, (2-70) und der Aufkraft
((2-67), Abschnitt 2.5.2.3) besteht somit Schnittpunkt von Fy und Ft bzw. Fz (2-73)
ebenfalls volle Analogie.
Verallgemeinerung:
Allgemein gelten (Bilder 2-27; 2-28): Für eine beliebige, also unsymmetrische, räum-
1. Die Vertikalkraft gegen eine gekrümmte lich gekrümmte Fläche ergibt sich zusätzlich
Fläche wird durch Gewichtskraft FG der zu den beiden Kraftkomponenten in y- und t-
seitlich senkrecht begrenzten Flüssigkeits- bzw. z-Richtung noch eine dritte Komponente
säule verursacht, die über der gedrückten in x-Richtung. Für diese wie Fy ebenfalls waag-
Fläche steht und bis zum Spiegel reicht. recht wirkende Kraftkomponente (allerdings
2. Die Wirkungslinie der Vertikalkraft geht senkrecht zu Fy ) gelten zur y-Richtung, (2-68)
durch den Schwerpunkt des Flüssigkeits- und (2-69), analoge Beziehungen. Dabei ist der
körpers mit Volumen V , gemäß Pkt. 1, der Index y jeweils durch den Index x zu ersetzen:
über der gedrückten Fläche bis zum Spiegel
steht. Fx =  · g·· tS, x · Ax = ps, x, ü · Ax (2-74)
IS, x
Verläuft die räumlich gekrümmte Fläche ent- ex = tD,x − tS, x = (2-75)
sprechend Bild 2-28, wirkt die Vertikalkraft von tS, x · Ax
unten nach oben, also in positiver z-Richtung, Die Gesamtkraft ist dann die Raumdiagonale
und ist identisch dem Gewicht des gedachten mit zwei Richtungswinkeln, gebildet aus den
(fiktiven) Flüssigkeitsvolumens V über der ge- Komponenten in den drei Koordinatenrichtun-
drückten Fläche bis zum Spiegel mit unterer gen.
Begrenzung entsprechend der äußeren Flächen-
kontur und seitlich senkrechtem Verlauf.
2.5.4 Übungsbeispiele

Seitliche Klappe als Überlaufschutz,


Ü3 Bild 2-29.
Bekannt: t1 = 60 cm, a = 40 cm, b = 30 cm,
l1 = 50 cm, l2 = 80 cm, Wasser 15 ◦ C
Gesucht: 1. Kraft auf die Klappe
2. Masse des Gegengewichtes

Bild 2-28. Vertikalkraft Fz auf eine räumlich nach


innen gekrümmte Fläche. V fiktives Fluidvolumen.

Gesamtkraft F:
Die Gesamtkraft wird gebildet als Resultierende
von Horizontal- und Vertikalkraft (Komponen-
ten):
a) Betrag:
 
F = Fy2 + Ft2 = Fy2 + Fz2 (2-71)

b) Richtung:
tan β = Ft /Fy = |Fz |/Fy (2-72) Bild 2-29. Seitliche Klappe als Überlaufschutz.
2.5 Fluidkräfte auf Wandungen 57

Rechteckiger Kanal mit Sicherheits- flüssigem Grauguss ausgegossen. Der Oberka-


Ü4 klappe, Bild 2-30. sten ist H = 400 mm hoch.
Bekannt: B = 200 cm, l1 = 30 cm, l2 = 200 cm, Gesucht: Maximale Schraubenkraft zum
h1 = 100 cm, h2 = 40 cm Zusammenhalten des Formkastens
Gesucht: Masse m, damit die Wehrplatte in der während des Gießvorganges.
gezeichneten Lage im Gleichgewicht.

Walzenwehr, Bild 2-32.


Ü7
Bekannt: Walzendurchmesser D und -länge L.
Gesucht: a) Wirkende Fluidkräfte
b) Resultierendes Moment
c) Was folgt aus dem Ergebnis von
Frage b?

Bild 2-30. Rechteckiger Kanal mit vertikaler Si- OW


cherheitsklappe.
D Länge L

Halbkugelförmiger Abschlussdeckel H2O ϱ


Ü5 eines mit Wasser von 20 ◦ C gefüllten
Behälters, Bild 2-31. UW
ϱ
Bekannt: H = 300 cm, Kugelradius R = 20 cm
Gesucht: Kraft auf Abschlussdeckel.
Bild 2-32. Walzenwehr.

Kreisförmiger, durch Kugel geschlos-


Ü8 sener Bodenablass, Bild 2-33.
Bekannt: R, H, H0 , m, D, 

Bild 2-31. Kraft auf einen halbkugelförmigen


Deckel D mit vertikaler Symmetrieachse.

Ein waagrecht angeordneter Körper,


Ü6 bestehend aus drei koaxialen kreiszy-
lindrischen Abschnitten mit den Durchmessern
und Längen D1 = 200 mm, l1 = 250 mm,
D2 = 300 mm, l2 = 120 mm, D3 = 240 mm,
l3 = 180 mm ist in einem Formkasten einge- Bild 2-33. Kreisförmiger, durch eine Kugel ver-
formt. Der Formkasten wird vollständig mit schlossener Bodenablass.
58 2.6 Auftrieb und Schwimmen

Gesucht: a) Kraft F, mit der die Kugel auf


die Dichtkante gedrückt wird, bei
H0 ≥ H.
b) Überdruck im Rohr vom Durch-
messer D, damit Ventilkugel ge-
rade öffnet.
c) Verhältnis H/R, damit bei H0 =
H die Dichtkante nur durch die
Kugelmasse belastet wird.

2.6 Auftrieb und Schwimmen


Bild 2-34. Auftrieb auf den Körper K.
2.6.1 Auftrieb
Die Kraft, die ein Fluid auf einen eingetauchten Eingesetzt für Körperstellen 1 und 2, ergibt:
Körper ausübt, wird exakt als (fluid-)statischer dFa = ( · g · t2 + pb) · dA2 · cos α2
Auftrieb, kurz jedoch nur als Auftrieb bezeich- − ( · g · t1 + pb) · dA1 · cos α1
net und ist nach A RCHIMEDES1 so groß wie
die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mit dA2 · cos α2 = dA1 · cos α1 = dA wird:
Fluidvolumens (Uminterpretation!). dFa = (p2 − p1) · dA.
Der A RCHIMEDES-Auftrieb – bedingt
durch den Druckunterschied von Unter- und dFa =  · g · (t2 − t1 ) · dA =  · g · dVK und
 
Oberseite des Körpers – wird demnach durch Fa = dFa =  · g · dVK
die Schwerewirkung des Fluides verursacht,
(VK ) (Vk )
weshalb mittels des hydrostatischen Grundge-
setzes herleitbar (Aufkraft minus Abkraft). Fa =  · g · V K (2-76)
Auf das infinitesimale Körper-Scheibchen Es ergibt sich das Gesetz von A RCHIMEDES.
in Bild 2-34 mit Querschnitt dA wirken vertikal
von oben die Abkraft dF1, z und von unten die Der (fluid)statische Auftrieb (Kraft) oder auch
Aufkraft dF2, z . A RCHIMEDESauftrieb, meist kurz Auftrieb
Hierzu folgt der Auftrieb dFa als resultie- genannt, wirkt auf jeden in ein Fluid einge-
rende Vertikalkraft dFz auf das zugehörige Kör- tauchten Körper. Er ist nach (2-76) nur von der
pervolumen dV (infinitesimal): Fluiddichte und dem vom Körper verdrängten
Fluidvolumen abhängig, nicht jedoch von
dFa = dFz = dF2, z − dF1, z der Tiefe, in der sich der Körper im Fluid
= dF2 · cos α2 − dF1 · cos α1 befindet, wenn von der Änderung der Fluid-
dichte  = f (Tiefe t) infolge Kompressibilität
Hierbei allgemein, d. h. für jede Körperstelle: abgesehen wird.

dFz = p · dA = (pü + pb ) · dA Bemerkungen:


= ( · g · t + pb ) · dA 1. Der Körper dreht sich solange, bis die Auf-
triebskraft im Körperschwerpunkt angreift,
d. h. die Integrale der Kräfte in der waag-
1)
A RCHIMEDES (287 bis 212 v. Chr.), griech. Ma- rechten Ebene (x- und y-Koordinaten) über
thematiker. Heureka . . . ich hab’s (gefunden); Aus- die Körperoberfläche verschwinden.
ruf von A RCHIMEDES bei der Entdeckung des 2. Bei vollständig in Fluid eingetauchten Kör-
Auftriebs. pern mit der Gewichtskraft FG wird unter-
2.6 Auftrieb und Schwimmen 59

schieden: praktisch nicht zu verwirklichen ist. Bei der


FG = Fa Körper schwebt (Gleichgewicht) geringsten störungsbedingten Einbeulung der
FG > Fa Körper sinkt ab Trennfläche zwischen den zwei Flüssigkeits-
FG < Fa Körper steigt auf schichten ergeben sich lokal unterschiedliche
fluidstatische Drücke, wodurch das System
3. Sitzt ein Körper entsprechend Bild 2-35 so
instabil wird und dadurch in Bewegung kommt.
exakt auf dem Gefäßboden auf, dass kein
Diese hält so lange an, bis sich die Fluid-
Fluid zwischen Körperunterfläche und Be-
schichtung vollständig umgekehrt hat, also
hälterbodenfläche dringen kann, auch nicht
das schwerere Fluid unten und das leichtere
in molekularer Schichtdicke, was meist
oben angeordnet ist, wodurch dann der stabile
unerreichbar, ist keine Aufkraft – unten
Gleichgewichtszustand erreicht.
fehlt der Fluiddruck – und somit auch kein
Auftrieb vorhanden. Der Körper wird dann
2.6.2 Schwimmen
mit der von oben wirkenden Abkraft auf den
Gefäßboden gedrückt. Diese Bodenkraft ist, 2.6.2.1 Gleichgewicht
wie abgeleitet, gleich der Gewichtskraft des Ein Körper (homogen oder inhomogen) kann
auf dem Körper ruhenden Fluidvolumens nur schwimmen, wenn die auf sein äußeres Ge-
gemäß Bild 2-26. Diese Erscheinung kann samtvolumen bezogene Dichte kleiner ist, als
in der Technik z. B. am Aneinanderhaften die des Fluides, in das er eintaucht. Der Körper
von Endmaßen (Messklötzchen) beobach- taucht so weit in das Fluid ein, bis das von ihm
tet werden. Der Effekt wird dabei durch verdrängte Flüssigkeitsgewicht  · g · VK gerade
Adhäsion etwas verstärkt. so groß, wie seine Gewichtskraft FG .
4. Bei sich nicht mischenden Fluiden ver-
Deshalb gilt:
drängt das schwerere infolge Auftriebs-
Gleichgewichtsbedingung für Schwimmen
wirkung das leichtere nach oben (Ab-
(Schwimmbedingung):
schnitt 2.2.8.1). In homogenem Fluid
oder Fluidgemisch (Dispersion) (ohne Fa = FG
eingetauchten Stoff) sind Auftrieb und
Verdrängung daher nicht vorhanden, bzw. 2.6.2.2 Stabilität
Auftrieb und Adhäsion gleichen sich aus. Wie allgemein in der Mechanik wird auch beim
Schwimmen zwischen drei Stabilitätsfällen un-
Nur in völlig erschütterungsfreiem Zustand ist, terschieden, Bild 2-36.
wie erwähnt, ein Aufbau möglich, bei dem das
schwerere über dem leichteren Fluid geschich- a) stabile Schwimmlage
tet ruht (labiler Gleichgewichtszustand). Hier b) labile Schwimmlage
handelt es sich um einen theoretischen Fall, der c) indifferente Schwimmlage
In Bild 2-36 bedeuten:
As Schwimmfläche. Das ist die Körperquer-
schnittsfläche in der Spiegelflächen-Ebene.
α Auslenkungswinkel aus der stabilen
Schwimmlage.
0 Drehachse des Körpers, liegt in der
Schwimmfläche und geht durch deren
Schwerpunktslinie.
SK Körperschwerpunkt; unabhängig von α .
Bild 2-35. Körper K ohne Auftrieb, da unten keine SV Schwerpunkt der verdrängten Fluidmenge
Fluidbenetzung. vor der Drehung um α , also bei α = 0.
60 2.6 Auftrieb und Schwimmen

Bild 2-37. Stabiles Schwimmverhalten.


Bild 2-36. Stabilitätsfälle: a) stabil, b) labil, c) in-
different.

Das Moment des Auftriebes nach Auslen-


SV Schwerpunkt der verdrängten Fluidmenge kung um Winkel α lässt sich wie folgt zusam-
nach der Auslenkung um α → SV = f (α ). mensetzen:
V Vom Körper verdrängtes Fluidvolumen, un- Wirkung der Auftriebskraft am ursprüng-
abhängig von α (Schwimmbedingung). lichen Angriffspunkt SV vor der Auslenkung
M Metazentrum, Schnittpunkt der Wirkungsli- (α = 0) zuzüglich des Einflusses des infolge
nie von Fa mit der Körpersymmetrieachse. Auslenkung zusätzlich verdrängten Flüssig-
hm metazentrische Höhe. keitskörpers abzüglich der Momentwirkung des
e Exzentrizität; Abstand zwischen SK und SV . ausgetauchten Körpervolumens (eingeführt als
negative Auftriebswirkung):
Bei vielen praktischen Fällen, z. B. Schiffen,
ist stabile Schwimmlage von grundlegender Be- 0 b
deutung. Stabiles Schwimmverhalten ist gege- MA = Fz · x1 − x · dFa − x · dF−a
ben, wenn der Schwimmkörper nach Wegfallen a 0
störender Kräfte bzw. Momente wieder in seine
Ausgangslage, die Gleichgewichtslage, zurück- Wenn stabiles Schwimmverhalten (hm > 0)
strebt. erreicht werden soll, muss dieses Moment
einem Rückdrehmoment Fz · x2 (negative
Die notwendige und hinreichende Bedingung Drehrichtung) identisch sein. Fz · x2 ist das
für stabiles Schwimmverhalten bei Auslen- tatsächlich vorhandene Rückstellmoment der
kungswinkel α bis ungefähr 12◦ ergibt folgende Auftriebskraft Fz = Fz , wirkend im Schwer-
Herleitung: punkt SV  des verdrängten Flüssigkeitskörpers

Mit den in Bild 2-37 eingezeichneten Volumen- nach der Auslenkung:


elementen gilt:
0 b
dFa = dV ·  · g = dA · z ·  · g −Fz · x2 = Fz · x1 − x · dFa − x · dF−a
z = x · α für α ◦ < 12◦ (Grad!)
)

Mit a 0

α < 0,21
)

also
(Bogenmaß!) Dabei sind: Fz = Fz =  · g ·V
dFa =  · g · α · x · dA dF−a = dFa =  · g · α · x · dA
)
)

wird
2.6 Auftrieb und Schwimmen 61

Eingesetzt und nach Zusammenfassen der


Integrale ergibt sich:
b
V ·  · g(x1 + x2 ) =  · g · α · x2 dA

)
a

Mit x1 + x2 = α · (hm + e)
)

b
und IS = x2 · dA
a
IS
wird hm = −e (2-77)
V
IS ist dabei das Flächenträgheitsmoment der
Schwimmfläche AS bezüglich der Drehachse 0
und daher abhängig von der Auslenkung α ,
also IS = f (α ).
Stabiles Schwimmverhalten gemäß der
durchgeführten Herleitung nur dann gegeben,
wenn das bei der Auslenkung um α auftretende
Moment MA ein Rückstellmoment ist, dadurch
gekennzeichnet, dass das Metazentrum M
Bild 2-38. Perpetuum Mobile? (Prinzipdarstellung)
oberhalb 0 liegt (hm > 0). Dies muss immer
Dichtschiene automatisch gesteuert und reibungsfrei.
der Fall sein, auch bei der ungünstigsten Stel-
lung mit IS, min . Hieraus folgt die allgemeine
Stabilitätsbedingung:
IS, min Zu beweisen ist, dass die Apparatur auch
− e > 0 oder unter Vernachlässigung aller Reibungsverluste
V
IS, min kein Perpetuum Mobile sein kann.
>e (2-78) Eine gelenkig, oberkantig, längsseitig
V Ü 10 gelagerte homogene Platte von der
Je nach Schiffstyp liegt die metazentrische
Länge L, Breite B, Dicke s – vergleichsweise
Höhe hm bei Hochseeschiffen meist etwa
gering – und Dichte Pl ragt mit dem unteren
zwischen 0,4 und 1,2 m.
(Längen-)Ende in eine Flüssigkeit (Dichte Fl ).
Der Plattengelenkpunkt liegt um den Abstand H
2.6.3 Übungsbeispiele oberhalb des Flüssigkeitsspiegels.
Perpetuum Mobile, Bild 2-38, infolge Bekannt: L, B, s, Pl , Fl
Ü9 Fluidauftrieb. Gesucht: a) Plattenauslenkungswinkel α ge-
Die im Wasser eingetauchten Kugeln sind genüber der Vertikalen als Funk-
um den Auftrieb leichter als die gleiche An- tion des Drehpunktabstandes H
zahl der außen hängenden. Dadurch müsste ei- von der Flüssigkeitsoberfläche.
ne freie Drehkraft links abwärts vorhanden sein b) Höhe H = H0 , damit die vertikale
und die Apparatur in Bewegung setzen, also Ar- Gleichgewichtslage (α = 0) sta-
beit verrichten. Es wäre ein Perpetuum Mobile! bil ist.
3.1 Strömungseinteilung und Begriffe 63

3 Fluid-Dynamik, Grundlagen Fluidmodelle


– Ideales Fluid: η = 0 (viskositätsfrei und da-
(Hydro- und Aerodynamik) mit reibungslos)
3.1 Strömungseinteilung – Reales Fluid: η
= 0, d. h. η > 0 (viskos und
und Begriffe deshalb reibungsbehaftet)
Fluidarten
3.1.1 Strömungseinteilung – Inkompressible Fluide (exakt  = konst):
Flüssigkeiten fast immer genügend genau
Strömungsgruppen (Bild 1-1)  = konst, sowie näherungsweise Gase und
Eindimensionale (Linien-)Strömungen Dämpfe bei Ma ≤ 0,3.
Zweidimensionale (Flächen-)Strömungen – Kompressible Fluide (
= konst): Gase und
Dreidimensionale (Raum-)Strömungen Dämpfe ab Ma > 0,3. Außer dem Druckfeld
ist dann auch das zugehörige Temperaturfeld
Strömungsarten zu berücksichtigen.
Instationäre Strömungen:
3.1.2 Begriffe
Strömungsgrößen c, p, , T sind abhän-
gig von Ort und Zeit, z. B. Geschwindigkeit Strömungsgeschwindigkeit c (Massetrans-
c = f (s,t). port)
– Lokale Strömungsgeschwindigkeit c. Ist die
Stationäre Strömungen: Geschwindigkeit der einzelnen Fluidteilchen
Strömungsgrößen sind nur ortsabhängig, bzw. -bereiche.
z. B. c = f (s), und somit zeitlich konstant. – Mittlere Strömungsgeschwindigkeit:
Nach der Geschwindigkeit werden dabei

unterschieden: 1
c̄ = · c · dA
– Gleichförmige Strömungen: c(s) = konst A
– Ungleichförmige Strömungen: c(s)
= (A)

konst
c̄ . . . Mittelwert der Geschwindigkeiten über
Viele praktische Strömungsvorgänge lassen dem Strömungsquerschnitt, d. h. des Ge-
sich exakt oder in guter Näherung (quasi!) als schwindigkeitsprofiles (durchsatzgemittelt).
stationär betrachten. Oftmals lässt sich eine Bemerkung: Einfachheitshalber wird vielfach
instationäre Strömung durch Mitbewegen des der Querstrich auf den Geschwindigkeits-
Bezugssystems (relatives Koordinatensystem) Symbolen als Kennzeichen für die mittlere
in eine stationäre überführen → Relativbetrach- Strömungsgeschwindigkeit weggelassen. Trotz-
tung. dem handelt es sich bei den c -Werten auch
ohne diesen Hinweis gewöhnlich um die
Strömungsformen
mittlere Geschwindigkeit der Strömung. Je-
– Laminare (Schichten-)Strömung
weiliges Vergewissern ist jedoch angeraten
– Turbulente (Wirbel-)Strömung
(Benutzer-Hinweise).
Strömungsklassen Mit Hilfe von Bild 3-1 stellt sich die Ge-
– Potenzialströmungen sind reibungsfrei und schwindigkeit der Fluidteilchen in jedem Punkt
drehungs-, d. h. wirbelfrei (Potenzialglei- entlang ihres Weges mathematisch allgemein
chung) wie folgt dar:
– Wirbelströmungen
ds ds
• reibungsfrei (E ULER-Gleichung) c = = e ·
dt dt
• reibungsbehaftet (NAVIER-S TOKES-, bzw.
R EYNOLDS-Gleichung) Mit ds =e · ds = ex · dx +ey · dy +ez · dz

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017 63


H. Sigloch, Technische Fluidmechanik, DOI 110.1007/978-3-662-54467-9_3
64 3.1 Strömungseinteilung und Begriffe

sierten. Die zugehörige Streichlinie geht des-


halb durch diese Stelle.
Stromlinie
Eine Stromlinie ist die Tangentenkurve an
zusammenpassende Geschwindigkeitsvektoren
des Strömungsfeldes, Bild 3-2. Stromlinien
können durch fotografische Momentaufnah-
men von – dem Strömungsfeld zugegebenen –
Schwebeteilchen dargestellt werden. Jedes
Schwebeteilchen bestreicht ein kurzes Weg-
stückchen. Insgesamt bestimmen zusammenge-
Bild 3-1. Strombahn (Fluidteilchen-Weg).
hörende bzw. -passende Stückchen das Rich-
dx dy dz tungsfeld der Stromlinien. Somit sind Strom-
wird c =e · c = ex · +ey · +ez · linien Integral-, d. h. Tangentenkurven des Rich-
dt dt dt
tungsfeldes der Geschwindigkeitsvektoren. Je-
= ex · cx +ey · cy +ez · cz des Strömungsfeld lässt sich daher zu jedem
Hierbei sind mit Richtungs-Index i = x; y; z zu Zeitpunkt durch eine Schar von Kurven veran-
unterscheiden: schaulichen, die in jedem Ortspunkt des Feldes
den zugehörigen Geschwindigkeitsvektor tan-
Einheitsvektoren gieren, d. h. in dessen Richtung weisen. Strom-
s-Richtung e linien sind also Tangenten-Kurven, die beim
e = |e| = |ei | = ei = 1 jeweils festgehaltenen Zeitpunkt zum Ge-
i-Richtung ei
schwindigkeitsfeld passen.
Richtungscosinusse
i-Richtung ni =ei · cos αi
ni = |ni | = cos αi

e = |e| = Σ(n2i )

= n2x + n2y + n2z

Strombahn (Fluidteilchen-Bahn)
Die Bahnlinie oder Strombahn ist der Weg s,
den ein Fluidteilchen(-bereich) mit der Ge-
schwindigkeit c in der Zeit t zurücklegt:
t t Bild 3-2. Stromlinien (Geschwindigkeitsfeld).
s = c · dt =e · c · dt
0 0
Strombahnen können durch Zugabe von Schwe- Bemerkungen:
beteilchen, z. B. Aluminiumflitter, oder Farb- 1. Stromlinienverdichtung(-verengung)
stoff in das strömende Medium sichtbar ge- bedeutet Beschleunigung der Strömung.
macht und durch fotografische Langzeitauf- 2. Stromlinienverdünnung(-auffächerung)
nahmen festgehalten werden. bedeutet Verzögerung der Strömung.
Streichlinie 3. Stromlinien können nicht geknickt sein und
Verbindungslinie all der Fluidteilchen, die den sich nicht schneiden, da an einem Punkt
betreffenden Ort zu verschiedenen Zeiten pas- nicht zugleich zwei verschiedene resul-
3.1 Strömungseinteilung und Begriffe 65

tierende Fluidgeschwindigkeiten möglich Dichte und Temperatur sind dann über dem
sind. Stromfadenquerschnitt jeweils konstant. Außer-
4. Bei stationären Strömungen fallen Strom- dem treten keine Geschwindigkeitskomponen-
bahnen, Streichlinien sowie Stromlinien zu- ten quer zur Stromfadenachse auf. Das Fluid
sammen und sind in ihrer Gestalt zeitlich bewegt sich ausschließlich in Strömungs-,
unveränderlich. d. h. Stromfadenrichtung. Dies alles muss, wie
erwähnt, für die Stromröhre nicht zutreffen.
Isotachen
Durch die Mantelfläche des Stromfadens
Kurven gleicher Geschwindigkeit. Isotachen
und meist auch der Stromröhre tritt kein Mas-
(iso . . . gleich; Tachen . . . Geschwindigkeit)
senfluss hindurch, da die Geschwindigkeits-
sind im Strömungsfeld die Verbindungslinien
vektoren tangential verlaufen. Der Massenfluss
jeweils aller Punkte mit gleicher Fluidge-
kann nur über den Ein- und Austrittsquerschnitt
schwindigkeit.
erfolgen.
Hodograf Stromfadentheorie
Kurve, welche die Endpunkte der von einem frei Anwendung der Strömungsgleichungen auf den
gewählten Bezugspunkt aus aufgetragenen Ge- Stromfaden. Es ergeben sich relativ einfache
schwindigkeitsvektoren einer Strömung verbin- Beziehungen. Die Strömung erfolgt eindimen-
det. sional entlang dem Stromfaden. Häufig auch
Stromröhre angewendet auf endliche und teilweise große
Gebildet durch ein Bündel von Stromlinien, die Querschnitte A. Liefert hierfür jedoch verschie-
eine ortsfeste, geschlossene Raumkurve berüh- dentlich unbefriedigende Ergebnisse.
ren, Bild 3-3. Als Strömungsgeschwindigkeit Staupunkt
wird dabei jeweils die mittlere Geschwin- Staupunkt ist die Körperstelle, an der das strö-
digkeit über dem Querschnitt der Stromröhre mende Medium zur Ruhe kommt, also c = 0
bezeichnet. Die lokale Geschwindigkeit über wird. Der Staupunkt ist demnach die Stelle,
den Stromröhrenquerschnitt braucht dabei nicht an der eine Stromlinie senkrecht auf den Kör-
konstant, sondern kann nach Betrag (Größe) per trifft, bzw. von ihm abgeht. Die zugehöri-
und/oder Richtung verschieden sein. ge Stromlinie wird auch als Staupunktstromlinie
oder kurz Staustromlinie bezeichnet. Sie teilt
das ebene Strömungsfeld in zwei Teile.
Bild 3-4 zeigt das Stromlinienbild eines
stationär umströmten, rotationssymmetrischen
Körpers in reibungsfreiem Fluid. Es gibt ei-
ne Stromlinie, die den Körper vorne senkrecht
trifft, sich dort teilt, der Körperkontur folgt, sich
hinten wieder vereinigt und senkrecht von der
Körperoberfläche abgeht. Der Teilungspunkt ist
der vordere (SPv ), die Vereinigungsstelle der
hintere Staupunkt (SPh ).
Stromfläche
Bild 3-3. Stromröhre. Ein umströmter Körper (Bild 3-4) wird durch
Stromlinien eingehüllt. Die umhüllenden
Stromlinien insgesamt bilden eine Fläche, die
Stromfaden sog. Stromfläche. Liegt die Strömung an der
Stromröhre mit infinitesimalem Querschnitt dA Körperoberfläche vollständig an, ist die Strom-
(Grenzübergang). Geschwindigkeit, Druck, fläche mit der Körperoberfläche identisch. Löst
66 3.2 Fluid-Kinematik

Globale Aussagen
Betreffen den ganzen Fluidbereich, also das ge-
samte Fluid im festgelegten Bezugsgebiet, dem
sog. Kontrollraum. Einzelheiten der Strömung
im Innern des Kontrollraumes bleiben unbe-
rücksichtigt. Nur die Größen an der Kontroll-
raumberandung (Druck, Dichte, Geschwindig-
keit, Fläche) gehen in die Berechnung ein. Die-
se Methode wird insbesondere bei Massen-,
Impuls-, Drall- sowie Energieflussbetrachtun-
gen vorteilhaft angewendet.

Lokale Aussagen
Betreffen Einzelheiten der Strömung in der un-
Bild 3-4. Körperumströmung (ideal), Prinzipdar- mittelbaren Umgebung jedes zur Untersuchung
stellung.
gewählten Punktes.
Diese Methode wird bei den Erhaltungs-
sätzen für Masse, Impuls und Energie in diffe-
sich die Strömung vom Körper ab, unterschei- renzieller Form angewendet und führt zu parti-
den sich Stromfläche und Körperoberfläche. ellen Differenzialgleichungen.
Entsprechend der Definition der Stromlinie
besitzen die Geschwindigkeiten keine Kompo-
3.2 Fluid-Kinematik
nenten normal zur Stromfläche, sondern nur tan-
gential. An der Stromfläche muss deshalb cn = 0
3.2.1 Grundsätzliches
sein.
Die Kinematik beschreibt mathematisch die Be-
Wirbel wegungsvorgänge ohne die dabei auftretenden
Rotation einzelner Fluidteilchen (Molekülgrup- Kräfte zu berücksichtigen. Wege, Geschwindig-
pe), Kleinwirbel, bzw. Fluidbereiche (Singula- keiten, Beschleunigungen, Volumen- und Men-
ritäten), Großwirbel, in einem Strömungsfeld. genströme werden zueinander in Beziehung ge-
setzt. Alle Größen sind Eigenschaften der Mate-
rie oder an diese gebunden. Die Kinematik steht
Strom daher in der Mitte zwischen Geometrie und Ki-
Alle Größen (außer Geschwindigkeit und Be- netik. Sie untersucht die zeitliche Aufeinander-
schleunigung), die aus Ableitungen nach der folge räumlicher Konfigurationen.
Zeit hervorgehen (gekennzeichnet durch hoch-
gestellten Punkt), erhalten den Zusatz „Strom“, Zur analytischen Darstellung der Fluidbewe-
z. B. gung stehen zwei Methoden zur Verfügung:

dV 1. L AGRANGEsche Betrachtungsweise
Volumenstrom V̇ = Entsprechend der Punktmechanik wird bei die-
dt
ser Methode der Weg jedes Fluidteilchens
dm
Massenstrom ṁ = (-elementes) – wenigstens jedoch eines stell-
dt vertretend für alle – bezüglich eines Koordi-
dI natensystems analytisch beschrieben; ergibt die
Impulsstrom I˙ =
dt sog. Materie- oder Substanzgrößen. Die meist
dL vielen sich dadurch ergebenden L AGRANGE-
Drallstrom L̇ =
dt schen Bewegungsgleichungen sind oft sehr
3.2 Fluid-Kinematik 67

kompliziert und erfordern deshalb erheblichen Unterschieden wird, wie zuvor verwendet, zwi-
mathematischen Aufwand. Aus diesem Grun- schen Substanz- und Feldgrößen. Substanziel-
de wird die L AGRANGEsche Betrachtungs- le Größen sind physikalische Eigenschaften des
weise nur in Sonderfällen angewendet. Jedes Mediums. Feldgrößen sind physikalische Ei-
Teilchen Tl oder Element, also Teilchengrup- genschaften des Raumes (Ortsgrößen).
pe, ist dabei durch seine Anfangskoordina-
ten (sTl ; tTl ) gekennzeichnet, z. B. Teilchen Tl0 3.2.2 Eindimensionale Strömungen
durch (s0 ; t0 ). Da die Lagekoordinaten jedoch
ebenfalls von der Zeit abhängen, verbleibt diese 3.2.2.1 Bewegungszustand
letztlich als wichtigste Funktionsgröße. Reine Stromfadenströmung. Bewegung somit
nur in Stromfadenrichtung. Querbewegung da-
2. E ULERsche Betrachtungsweise her nicht vorhanden. Nach der E ULER-Darstel-
Während L AGRANGE alle Strömungsgrößen je- lung interessiert nicht das Schicksal des einzel-
weils an ein Fluidteilchen(-Gruppe) bindet, be- nen Fluidteilchens, sondern nur der Bewegungs-
schreibt E ULER diese Größen nur orts- und zustand des Fluids an jedem Punkt des Stromfa-
zeitabhängig. Für vorgegebene Stellen (einzelne dens, bzw. an ausgewählten Bezugsstellen.
oder mehrere) des festgelegten Koordinatensy- Die eindimensionale Strömung ist Inhalt
stems werden Geschwindigkeit c, Beschleuni- der Stromfadentheorie.
gung a, Dichte , Temperatur T analytisch dar-
gestellt und in Beziehung zueinander gesetzt.
Die Werte beziehen sich nicht auf das einzel-
ne, sondern jedes Teilchen (Element), das am
betreffenden Punkt (Bezugsstelle) ist bzw. hin-
kommt → Feldgrößen.
Das lokale Einzelschicksal der Fluidteil-
chen interessiert demnach nicht, sondern le-
diglich das Verhalten der ständig wechselnden
Fluidteilchen, welche die festgelegte Stelle pas-
sieren. Die Größen c, a, p, , T sind in der Bild 3-5. Bewegung im Stromfaden.
allgemeinsten Form durch Funktionen des Or-
tes sowie der Zeit festgelegt und gelten für al-
le Teilchen, die den Ort erreichen. Die sich er-
gebenden E ULERschen Bewegungsgleichun- Weg s:
gen sind einfacher und bilden überwiegend die Dem Stromfaden, Bild 3-5, entlang.
Grundlage der Strömungsmechanik. Geschwindigkeit c:
Kurz zusammengefasst gilt bei den Betrach- Dem Stromfaden entlang
tungsweisen nach:
ds
L AGRANGE1 Geschwindigkeitsbeschreibung c= = ṡ = F(s, t)
dt
ist teilchengebunden (Teilchen- bei instationärer Strömung
koordinaten, also Substanzgrö-
ds
ßen). Mit Bezugskoordinate s0 c= = ṡ = f (s) bei stationärer Strömung
zur Zeit t0 des Teilchens (s0 ; t0 ): dt
c = f (s0 ; t0 ; t)
E ULER2 Geschwindigkeitsbeschreibung 1)
L AGRANGE , Josef-Louis (1736 bis 1813), frz. Ma-
ist ortsgebunden (Raumkoordi- thematiker.
naten, d. h. Feldgrößen): 2)
E ULER, Leonhard (1707 bis 1783), Schweizer Ma-
c = f (s,t) thematiker und Physiker.
68 3.2 Fluid-Kinematik

Beschleunigung a (Hinweis auf Fußnote1): ∂c dc ds dc dc


a = c· = c· = · = = ċ
Dem Stromfaden entlang ∂s ds dt ds dt
dc Bemerkungen:
a= = ċ (3-1) Hinweis auf das 1. Axiom (Trägheitsgesetz) von
dt
N EWTON [27].
Mit dem vollständigen, d. h. totalen Differen-
Zeit t wird auch als Einbahn- oder Einrich-
zial aus der allgemeinen, also instationären Ge-
tungskoordinate bezeichnet.
schwindigkeit c = f (s, t):
∂c ∂c 3.2.2.2 Grundgleichungen
dc =
· dt + · ds wird 3.2.2.2.1 Durchfluss
∂t ∂s
dc ∂ c ∂ c ds ∂ c ∂c In Bild 3-6 ist c die mittlere Geschwindigkeit
a= = + · = +c· (3-2) über dem Querschnitt A der Stromröhre.
dt ∂ t ∂ s dt ∂ t  ∂! s"
Richtwerte für mittlere Fluidgeschwindig-
al ak
keiten enthält Tabelle 6-10.
Bezeichnungen: Dargestellt sei die vereinfachte Herleitung,
Allgemeine Strömungen: bei der in Bild 3-6 die Querschnittsänderung
der Stromröhre entlang der differenziellen Län-
dc Totale, gesamte, vollständige, ge ds vernachlässigt wird. Wegen des infinitesi-
a=
dt substanzielle oder materielle mal kleinen Weges ergibt sich das richtige Er-
Beschleunigung, gebnis. Die Vereinfachung begründet sich auch
ist gesamte Beschleunigung, die dadurch als zulässig, dass entlang des differen-
Fluidteilchen erfahren können. tialen Wegelementes ds die infinitesimale Quer-
Eindimensionale Strömungen: schnittsänderung dA ∼ ( ds)2 ist und damit klein
Außer den vorhergehenden Be- von zweiter Ordnung.
griffen hier auch mit Bahnbe-
schleunigung bezeichnet.

∂c Lokale oder transiente2 Be-


al =
∂t schleunigung,
ist die Beschleunigung, der die
Fluidteilchen am jeweiligen Ort,
also lokal, unterliegen.

∂cKonvektive oder longitudinale


ak = c ·
∂sBeschleunigung,
Bild 3-6. Durchfluss durch Stromröhre. Quer-
ist die Beschleunigung, welche
schnitt A immer senkrecht zur Mittenstromlinie.
die Fluidteilchen während ihrer
Ortsveränderung (Konvektion)
erfahren.
∂c Volumenstrom V̇ :
Bei stationären Strömungen ist = 0. Dann
∂t dV
wird: V̇ =
dt
1)
Index B an Beschleunigungssymbol a nur noch
dann angebracht, wenn Verwechslungsgefahr mit Hierbei nach Bild 3-6:
Schallgeschwindigkeit besteht, für welche eben-
dV = d(A · s) = A · ds + s · dA ≈ A · ds
falls Buchstabe a zu verwenden ist.
2)
transient . . . zeitabhängig. da gemäß zuvor dA  ds → dA ∼ ( ds)2
3.2 Fluid-Kinematik 69

Deshalb: Gleichung (3-7) ist die Kontinuitätsgleichung


ds für Gase und Dämpfe, (3-9) die für Flüssigkei-
V̇ = A · = A·c (3-3) ten.
dt
Wird (3-7) differenziert, ergibt sich differenzi-
Mengenstrom ṁ :
elle Kontinuitätsgleichung, (3-10):
Für allgemein, d. h. 
= konst, gilt:
 · A · c = konst
dm d d dV
ṁ = = ( ·V ) = V · +· A · c · d +  · c · dA +  · A · dc = 0 |: ( · A · c)
dt dt dt dt
d dA dc
ṁ = V · ˙ +  · V̇ (3-4) + + =0 (3-10)
 A c
Da die Fluiddichte  bei stationären Strömun- Bemerkung:
gen an verschiedenen Stellen möglicherweise Die Kontinuitätsgleichung wird auch abgekürzt
unterschiedlich (konvektiv variabel), an jeder als Kontigleichung bezeichnet.
beliebigen Stelle der Stromröhre jedoch jeweils
zeitlich konstant ist, also ˙ = 0, geht (3-4) über Ergänzung:
in: Verkürzte, physikalisch-mathematisch strenge
Herleitung der Kontinuitätsgleichung in Anleh-
ṁ =  · V̇ =  · c · A (3-5) nung an T RUCKENBRODT [50]:

Gleichung (3-5) wird als allgemeine Durch- Festlegungen gemäß Bild 3-6:
flussgleichung der Stromfadentheorie bezeich- Stelle 
1 : s1 (t); c1 = c(s1 ,t); A1 = A(s1 ,t)

net und gilt somit sowohl für inkompressible Stelle 


2 : s2 (t); c2 = c(s2 ,t); A2 = A(s2 ,t)
Fluide (Flüssigkeiten) als auch für kompressible Stelle s : s(t); c(s,t); A(s,t)
(Gase, Dämpfe). Bei Flüssigkeiten kann (3-3)
als spezielle Form der Durchflussbeziehung ver- zwischen Stellen 
1 und 2

wendet werden. differenzielles Volumen


dV (s;t) = A(s;t) · ds
3.2.2.2.2 Kontinuität
endliches Volumen ΔV (t) zwischen den
Nach dem Massenerhaltungssatz muss in jeder
Stellen s1 (t) und s2 (t).
Stromröhre (Bild 3-6) erfüllt sein:
Dann gilt:
ṁ1 = ṁ2 s2 (t) s2 (t)

Oder allgemein (
= konst): ΔV (t) = dV (t, s) = A(s,t) · ds
s1 (t) s1 (t)
ṁ = konst (3-6)
Hiermit die zeitliche Ableitung:
ṁ =  · V̇ =  · A · c = konst (3-7)
 s2 (t) 
d(ΔV ) d
= A(s,t) · ds
1 · A1 · c1 = 2 · A2 · c2 = 3 · A3 · c3 = . . . dt dt
s1 (t)
für Bezugsstellen ; 1 ; 2 3 ...
Umgeformt nach der L EIBNIZ-Regel [120]:
s2 (t) s2 (t)  
Bei Flüssigkeiten ( = konst) lässt sich verein- d(ΔV ) ∂A ds
= · ds + d A·
fachen: dt ∂t dt
s1 (t) s1 (t)
V̇ = konst (3-8) s2 (t)  
d(ΔV ) ∂A ds s2 (t)
V̇ = A · c = konst (3-9) = · ds + A ·
dt ∂t dt s1 (t)
A1 · c1 = A2 · c2 = A3 · c3 = . . . s1 (t)
70 3.2 Fluid-Kinematik

s2 (t) Die L EIBNIZ-Regel liefert jetzt:


d(ΔV ) ∂A
= · ds s2 (t)
dt ∂t
s1 (t) d(Δm) ∂ ( · A)
  = · ds
ds2 ds1 dt ∂t
+ A(s2 ,t) · − A(s1 ,t) · s1 (t)
dt dt
+ (2 · c2 · A2 − 1 · c1 · A1 )
Mit A(s2 ,t) = A2 ; A(s1 ,t) = A1 ; ds2 / dt = c2 Hierbei bedeuten entsprechend zuvor:
und ds1 / dt = c1 ergibt sich letztlich:
d(Δm/ dt) vollständige zeitliche Änderung der
s2 (t) Masse des Volumens ΔV infolge
d(ΔV ) ∂A d/ dt
= 0
= · ds + (A2 · c2 − A1 · c1 )
dt ∂t Integral lokaler Massenänderungsanteil
s1 (t)
Klammer konvektiver Anteil
Dabei stellen dar: Bei stationärer Strömung entfallen wieder die
– Linke Gleichungsseite die zeitliche Ände- zeitlichen Ableitungen. Es sind dann also
rung des materiellen Volumens. ∂ ( )/∂ t = 0 und d( )/ dt = 0. Dafür ergibt sich
– Integral auf der rechten Seite der Gleichung somit wie zuvor (Gleichung ((3-7))):
den lokalen Volumenänderungsanteil. 2 · c2 · A2 = 1 · c1 · A1 → ṁ =  · c · A = konst
– Die Klammer auf der rechten Gleichungs- 3.2.2.3 Übungsbeispiele
seite die Differenz der Volumenströme
In der Rohrverzweigung nach Bild 3-7
durch die Flächen A2 an Stelle s2 und A1 an Ü 11 teilt sich der im Rohr 1, NW 100 →
Stelle s1 .
D1 = 100 mm, ankommende Wasserstrom von
Bei zeitunabhängiger, also stationärer Strö- 42,4 m3 /h auf im Verhältnis V̇2 : V̇3 = 2 : 1.
mung besteht keine transiente materielle Vo-
Gesucht:
lumenänderung, und auch die lokale Flächen- a) Durchmesser D3 der Abzweigleitung bei
Zeitableitung entfällt (∂ A/∂ t = 0). Dafür ver- gleichbleibender Strömungsgeschwindig-
einfacht sich dann die Beziehung zu: keit.
b) Geschwindigkeit im Hauptrohr nach der Ab-
0 = A 2 · c2 − A 1 · c1 → A 1 · c1 = A 2 · c2
zweigung (Stelle 2).
Allgemein gilt somit wie zuvor für die
Kontinuitäts-Beziehung (3-9) bei  = konst:

V̇ = A · c = konst

Entsprechend für die Masse:

dm(s,t) = (s,t) · dV (s,t) = (s,t) · A(s,t) · ds


s2 (t) s2 (t)

Δm(t) = dm(s,t) = (s,t) · A(s,t) · ds


Bild 3-7. Rohrverzweigung.
s1 (t) s1 (t)
Im Dauerbetrieb benötigt eine pneu-
Ü 12 matische Presse stündlich 225 kg
Hierzu die Zeitableitung:
Druckluft von 8 bar Überdruck. In der nicht
 s2 (t)  isolierten Zuleitung nimmt die Luft die Raum-
d(Δm) d
= (s,t) · A(s,t) · ds temperatur von 22 ◦ C an. Gesucht: Leitungs-
dt dt
s1 (t) durchmesser.
3.2 Fluid-Kinematik 71

3.2.3 Mehrdimensionale Strömungen dz


z-Richtung cz =
3.2.3.1 Bewegungszustand dt
= f3 (x, y, z,t)
Wegen einfacherer zeichnerischer Darstellun- 
gen erfolgen die Überlegungen am ebenen Strö- Resultierende: Betrag c = c2x + c2y + c2z
mungsfeld. Entsprechende Erweiterung der Er-
(3-11)
gebnisse auf räumliche Strömungen ist ohne
Einschränkung möglich und zulässig. Vektor c =ex · cx +ey · cy
Bei inkompressiblen Fluid wird ein qua- +ez · cz
dratisches Teilchen abgegrenzt und dessen Ver- Problem: Die drei Funktionen f1 bis f3
halten bei verschiedenen Strömungszuständen
sind oft nicht bekannt, sondern
beobachtet.
meist gesucht.
Die Gesamtbewegung ist aus Teilbewegun-
gen zusammensetzbar (vektoriell). Beschleunigung:
3.2.3.1.1 Translation Zum Beispiel Komponente in der x-Richtung
Das Fluidteilchen ABCD, Bild 3-8, bewege sich (Hinweis auf Fußnote1):
in einem Strömungsfeld mit den Geschwin- dcx
digkeitskomponenten cx bzw. cy in den Ko- ax = ċx =
dt
ordinatenrichtungen x bzw. y des Bezugssys-
∂ cx ∂ cx
tems. Das Teilchen verschiebt sich demnach Mit dcx = · dt + · dx
∂t ∂x
in Richtung der Geschwindigkeitsresultieren-
∂ cx ∂ cx
den des Strömungsfeldes, wobei seine Diago- + · dy + · dz
nalen ihre Lage beibehalten. Kennzeichen der ∂y ∂z
reinen Translation ist demnach: Die Richtungen dcx ∂ cx ∂ cx dx
wird = + ·
der Diagonalen bleiben erhalten. dt ∂t ∂ x dt
∂ cx dy ∂ cx dz
+ · + ·
∂ y dt ∂ z dt
dcx ∂ cx ∂ cx
ax = ċx = = + cx ·
dt ∂t ∂x
∂ cx ∂ cx
+ cy · + cz · (3-12)
∂y ∂z
Hierbei sind wieder, gemäß Abschnitt 3.2.2.1:

dcx totale, vollständige oder substanti-


ax =
dt elle Beschleunigung

Bild 3-8. Translation. lokale oder transiente Beschleunigung


∂ cx
(bei stationärer Strömung nicht vorhan-
∂t
Geschwindigkeiten: den)
dx
Komponenten: x-Richtung cx = ∂ cx ∂ cx ∂ cx konvektive
dt cx · + cy · + cz ·
∂x ∂y ∂z Beschleunigung.
= f1 (x, y, z,t)
1)
dy Um Verwechslungen mit dem partiellen Differen-
y-Richtung cy = zial ∂ /∂ t zu vermeiden, wird vielfach das voll-
dt ständige Differenzial d / dt auch als D /Dt be-
= f2 (x, y, z,t) zeichnet.
72 3.2 Fluid-Kinematik

Entsprechende Ableitungen führen zu den Be- Gemäß der E INSTEINschen Summationskon-


schleunigungskomponenten ay und az in der y- vention gilt:
und z-Koordinate. a) Indizes, die in jedem Ausdruck der Glei-
Gesamtbeschleunigung (substanzielle): chung nur jeweils einmal vorkommen, sind
 freie Indizes.
Betrag a = a2x + a2y + a2z (3-13a) b) Indizes, die in mindestens einem Ausdruck
der Beziehung mehr als einmal auftreten,
Vektor a =ex · ax +ey · ay +ez · az (3-13b)
sind gebundene Indizes. Gebundene Indizes
werden verschiedentlich auch als Scheinin-
In Matrizen-Darstellung1:
dizes bezeichnet.
⎧ ⎫ ⎧ ⎫ ⎧ ⎫
⎨ax ⎬ ⎨ dcx / dt ⎬ c) Der gleiche Index darf in jedem Ausdruck
d ⎨ x⎬
c
a = ay = dcy / dt = cy der Gleichung nicht mehr als je zweimal vor-
⎩ ⎭ ⎩ ⎭ dt ⎩ ⎭ kommen.
az dcz / dt cz
⎧ ⎫ d) Es gibt so viele Gleichungen, wie der freie
⎪ ∂ cx ∂ cx ∂ cx ∂ cx ⎪ Index zählt, also z. B. bei i = 3 sind es drei

⎪ + · + · + · ⎪
∂z ⎪
c c c

⎪ ∂t
x
∂x
y
∂y
z

⎪ unabhängige Gleichungen. In jeder Glei-

⎨∂c ⎪
y ∂ cy ∂ cy ∂ cy ⎬ chung werden dabei die Glieder der gebun-
= + cx · + cy · + cz ·

⎪ ∂t ∂x ∂y ∂z ⎪⎪ denen Indizes aufsummiert, d. h. bis zu deren

⎪ ⎪

⎪ ∂ c ∂ c ∂ c ∂ cz ⎪

⎪ oberer Grenze wird summiert. Bei j = 4 sind
⎩ z
+ cx ·
z
+ cy ·
z
+ cz · ⎭
∂t ∂x ∂y ∂z das somit in jeder der i-Gleichungen jeweils
⎧ ⎫ ⎧ ⎫ 4 Glieder.
⎪ ∂ cx ⎪ ⎪ ∂ cx ∂ cx ∂ cx ⎪ ⎧ ⎫

⎪ ⎪
⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪cx ⎪ e) Wenn es nur einen freien Index gibt, stimmt


⎪ ∂t ⎪ ⎪


⎪ ∂x ∂y ∂z ⎪ ⎪ ⎪
⎪ ⎪ ⎪ ⎪
⎨ ⎪
⎬ ⎨ ∂c ∂c ∂c ⎪ ⎬ ⎪ ⎨ ⎪ ⎬ die Anzahl der Gleichungen mit der oberen
∂ cy y y y Grenze dieses freien Index überein. Gibt es
= + · cy

⎪ ∂t ⎪ ⎪
⎪ ∂x ∂y ∂z ⎪ ⎪ ⎪ ⎪




⎪ ⎪
⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪
⎪ jedoch mehr als einen freien Index, ergibt

⎪ ∂ c ⎪
⎪ ⎪
⎪ ∂ cz ∂ cz ∂ cz ⎪ ⎪


⎩ ⎪ ⎭ sich die Gesamtzahl der Gleichungen aus
⎩ z ⎭ ⎩ ⎭ cz
∂t ∂x ∂y ∂z dem Produkt der oberen Grenzen aller frei-
(3-13c) en Indizes.
f) Da der gleiche Index in jedem Ausdruck
Darstellung in Index-Schreibweise: der Gleichung höchstens zweimal auftreten
darf, ist z. B. aii · bi = ci nicht definiert. Hier
dci ∂ ci ∂ ci
ċi = = + cj · (3-13d) kommt Index i in den Ausdruck auf der lin-
dt ∂t ∂ xj ken Gleichungsseite dreimal vor, was nicht
Mit i; j als Platz- oder Statthalterindizes, wo- zulässig ist.
bei g) Des Weiteren müssen in einer Beziehung die
i freier Index freien Indizes in allen Gliedern übereinstim-
j gebundener Index; auch als Scheinindex men, d. h. die gleichen sein. aij · bj = ck ist
bezeichnet deshalb unzulässig, da die freien Indizes i
i; j = 1; 2; 3 entspricht oder bedeutet: und k, falls vorhanden, nicht übereinstim-
men; aij · bj = ci wäre dagegen richtig.
x1 = x; x2 = y; x3 = z
c1 = cx ; c 2 = cy ; c 3 = cz 3.2.3.1.2 Deformation
a1 = ax ; a2 = ay ; a3 = az Das Teilchen ABCD, Bild 3-9, erfährt eine reine
usw. Verformung ohne Volumenänderung und nimmt
dabei, der Kraftwirkung entsprechend, die Form
1)
Die Bedeutung der Matrix-Symbole enthält Tabel- A B C D nach Bild 3-9a oder Bild 3-9b an oder
le 6-21 (Anhang). eine Kombination aus beiden Teilbildern.
3.2 Fluid-Kinematik 73

Nach Bild 3-9 ergibt sich als Kennzeichen der Meist verwendet, da auch bei ωAD
= ωAB
reinen Deformation: Die Gesamtdrehung der gültig:
Diagonalen bleibt null, d. h. die Drehung der
1
Diagonalen ist null oder gleich groß und entge- ωres = (ωAB + ωAD ) (3-14)
2
gengesetzt gerichtet (−α = β → |α | = |β |).
3.2.3.1.4 Allgemeine Bewegung
Die allgemeine Bewegung entsteht durch Über-
lagerung (Superposition) von Translation, De-
formation und Rotation. Hinzu kommt noch als
vierte Teilgröße die Dilatation (Volumenände-
rung), falls vorhanden. Zur Vereinfachung hier
weggelassen, was bei inkompressiblen Medien
( ≈ konst) ohnehin zutrifft.

Bild 3-9. Deformation.

3.2.3.1.3 Rotation
Das Fluidteilchen ABCD in Bild 3-10 führe ei-
ne Drehbewegung um den Eckpunkt A aus. Da-
bei ergeben sich jeweils gleiche Winkel, um die
sich die Seiten AB und AD sowie die Diago-
nale AC drehen. Außerdem bleiben die Schnitt-
winkel der Diagonalen unverändert.

Bild 3-11. Allgemeine Bewegung einer ebenen


Strömung. Verhältnisse aus Darstellungsgründen
stark vergrößert und verzerrt gezeichnet. Wegen Vo-
lumenkonstanz Geschwindigkeitsänderung teilweise
evtl. negative Richtung, obwohl zeichnerisch, da ein-
facher, positiv dargestellt, was jedoch ohne Einfluss
auf die zugehörige Herleitung ist. A0 B0 C0 D0 Fluid-
teilchen zur Zeit t und A B C D Fluidteilchen zur
Zeit (t + dt).
Bild 3-10. Rotation.

Kennzeichen der reinen Rotation ist demnach: In Bild 3-11 ist der allgemeine Bewegungs-
Die Schnittwinkel der Diagonalen bleiben un- zustand für eine inkompressible ebene statio-
verändert. näre Strömung dargestellt. Das Fluidteilchen
ABCD habe im Punkt A die Translationsge-
Es gilt:
1
γ = α = β → γ = (α + β ) schwindigkeiten cx = cx (x, y) und cy = cy (x, y).
2 Zudem wandern die Kanten AB und AC um
dα dβ die Winkel α bzw. β aus ihren Ursprungsla-
ωAB = und ωAD =
dt dt gen.
74 3.2 Fluid-Kinematik

Für den Punkt C ergibt sich dann die Ge- schwindigkeiten cx und cy auf den Wegen
schwindigkeit der stationär angenommenen Be- dx bzw. dy dar. Da jedoch Geschwindigkeit
wegung, wobei c(x, y) mit Komponenten cx und gleich dem Quotient aus Weg und Zeit ist,
cy in Punkt A: geben b1 · dx und b2 · dy die zeitlichen Än-
derungen der Kontur des betrachteten Teil-
cC =c + dc und dc = dcx + dcy bei Punkt C chens (Bild 3-11) in den beiden Koordina-
tenrichtungen an gemäß Bild 3-9a. Die Glie-
mit den Komponenten der b3 · dy und b3 · dx kennzeichnen dagegen
die Richtungsänderungen der Seitenkanten
in x-Richtung cx, C = cx + dcx
des Teilchens entsprechend Bild 3-9b.
in y-Richtung cy, C = cy + dcy – Die Terme mit ωz (Rotation) kennzeichnen
die Drehung des Teilchens nach Bild 3-10.
∂ cx
Wegen cx = f (x, y) ist dcx = · dx
∂x Für die zeitliche Änderung des ursprünglich
∂ cx rechten Winkels an der Ecke A des Fluidteil-
+ · dy chens (Bild 3-11) ergibt sich:
∂y
∂ cy ∂ cy ∂ cx
und cy = f (x, y) ist dcy = · dx Mit α̇ = und β̇ = (3-17)
∂x ∂x ∂y
∂ cy
+ · dy ∂ cy ∂ cx
∂y wird α̇ + β̇ = + = 2 · b3
∂x ∂y
∂ cx ∂ cx
Eingesetzt cx, C = cx + · dx + · dy Die Größen b1 , b2 , b3 in (3-16a) bestimmen so-
∂x ∂y
mit die Formänderung, d. h. Deformation des
∂ cy ∂ cy Fluidteilchens gemäß Bild 3-9, und zwar Über-
cy, C = cy + · dx + · dy
∂x ∂y lagerung der Vorgänge gemäß den zugehörigen
(3-15) Teilbildern a und b.
Werden die Abkürzungen Wäre das Fluidteilchen völlig starr, müssten
 
∂ cx ∂ cy 1 ∂ cy ∂ cx β = −α → β̇ = −α̇ also ∂ cx /∂ y = −∂ cy /∂ x
b1 = ; b2 = ; b3 = +
∂x ∂y 2 ∂x ∂y und b1 = 0 sowie b2 = 0 sein.
 
1 ∂ cy ∂ cx
und ωz = − Damit würde auch b3 = 0.
2 ∂x ∂y
(3-16) Dies bedeutet jedoch nicht, dass gleichzeitig ωz
verschwindet. Vielmehr wird, da β̇ = −α̇ , dann
eingeführt, lassen sich die Beziehungen, (3-15), nach (3-16) und (3-17):
wie folgt darstellen:
ωz = (1/2) · (α̇ − β̇ ) = α̇ (3-18)
cx, C = cx + b1 · dx + b3 · dy − ωz · dy
(3-16a)
cy, C = cy + b2 · dy + b3 · dx + ωz · dx Das Teilchen erfährt dabei offenbar eine Dre-
hung um eine Momentanachse, die parallel zur
Dazu gelten: z-Achse verläuft und durch seinen Eckpunkt A
geht.
– Bei b1 = b2 = b3 = ωz = 0 liegt reine Trans-
lationsströmung vor. Aus (3-17) ergibt sich, dass α̇ und β̇ je die Di-
– Die Glieder b1 · dx und b2 · dy stellen we- mension 1/s haben, also die zeitlichen Winkel-
gen (3-16) zunächst die Änderungen der Ge- änderungen sind. Die aus ihnen gebildete Grö-
3.2 Fluid-Kinematik 75

ße ωz , (3-18), stellt daher eine Winkelgeschwin- Hierbei ist der Rotor1 von c:
digkeit dar. ωz = (α̇ − β̇ )/2 ist die Winkelge-
schwindigkeit, mit der sich das Teilchen im ma- rotc = ∇ ×c
 
thematisch positiven Drehsinn um die zur z- ∂ ∂ ∂
Koordinate parallele Achse durch seine Ecke A = ex +ey +ez
∂x ∂y ∂z
dreht. ωz ist also eine Komponente der Gesam-
× (ex cx +ey cy +ez cz )
trotation des Teilchens, d. h. der resultierenden
 
Winkelgeschwindigkeit ω , welche die Gesamt-  ex ey ez 
 
Drehung des Fluides kennzeichnet.  
 ∂ ∂ ∂  (Determinanten-
= 
Bei einer räumlichen Strömung ergeben sich ∂x ∂y ∂z darstellung!)
 
für die beiden anderen Koordinatenrichtungen x  cx cy cz 
und y analoge Ausdrücke.    
Die Komponenten somit für die gesamte ∂ cz ∂ cy ∂ cz ∂ cx
= ex − −ey −
Rotation entsprechend (3-16): ∂y ∂z ∂x ∂z
 
  ∂ cy ∂ cx
1 ∂ cz ∂ cy +ez −
x-Achse ωx = − ∂x ∂y
2 ∂y ∂z
 
1 ∂ cx ∂ cz Matrizen-Darstellung:
y-Achse ωy = − (3-19)
2 ∂z ∂x ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
  ωx (∂ cz /∂ y − ∂ cy /∂ z)
1 ∂ cy ∂ cx
z-Achse ωz = −  = ⎝ωy ⎠ = ⎝ −(∂ cz /∂ x − ∂ cx /∂ z) ⎠
ω
2 ∂x ∂y ωz (∂ cy /∂ x − ∂ cx /∂ y)
Sie ergeben sich also durch rollierendes Vertau-
Eine Fluidbewegung ist in dem betrachteten Ge-
schen von x, y und z bei ω und im Nenner. Ent-
biet wirbel- und damit drehungsfrei, wenn der
sprechend auch im Zähler.
Wirbelvektor verschwindet, d. h. seine Kompo-
Eine Fluidströmung, bei der die Ausdrücke ωx , nenten ωx , ωy , ωz , (3-19), überall null sind:
ωy , ωz , (3-19), oder wenigstens einer von ihnen,
einen von null verschiedenen Wert haben, wird ∂ cz ∂ cy ∂ cz ∂ cx ∂ cy ∂ cx
− =0; − =0; − =0
als Wirbelbewegung bezeichnet. ∂y ∂z ∂x ∂z ∂x ∂y
Der Vektor (3-23)

 =ex · ωx +ey · ωy +ez · ωz


ω (3-20) Gleichung (3-23) wird auch als H ELM -
HOLTZ2 sche Bedingung der Drehungsfreiheit
heißt Wirbelvektor mit den Komponenten bezeichnet.
ωx , ωy und ωz in den drei Koordinatenrichtun- Den Gleichungen (2.2.7) bis (2.2.7) aus Ab-
gen x, y und z. Sein Betrag, die gesamte Win- schnitt 2.2.7 entsprechend, folgt aus den Be-
kelgeschwindigkeit, ist: ziehungen von (3-23), dass sich die Ge-
 schwindigkeit c und damit ihre Komponen-
ω = |
ω| = ωx2 + ωy2 + ωz2 (3-21) ten cx , cy , cz unter dieser Voraussetzung (Dre-
hungsfreiheit) als partielle Ableitungen einer
Mit Hilfe der Vektoranalysis lässt sich der Wir- Potenzial-Funktion Φ = Φ (x, y, z) nach den
belvektor, die Wirbelstärke (Rotation), auch 1)
Rotor „rot“ ist als „Dreh“-Vektor eines Vektorfel-
wie folgt darstellen: des ein Begriff der Vektoranalysis (Tabelle 6-21).
2)
H ELMHOLTZ , Hermann Ludwig, Ferdinand von
 = (1/2) · rotc = (1/2) · ∇ ×c
ω (3-22) (1821 bis 1894) dt. Physiker und Militärarzt.
76 3.2 Fluid-Kinematik

Koordinatenrichtungen x, y, z darstellen lassen.


Analog zum Kräftepotenzial U von Ab-
schnitt 2.2.7 wird die Funktion Φ als Ge-
schwindigkeits- oder Strömungspotenzial be-
zeichnet. Es gilt daher Fußnote1:
∂Φ ∂Φ ∂Φ
cx = cy = cz = (3-24)
∂x ∂y ∂z
c = ex · cx +ey · cy +ez · cz
∂Φ ∂Φ ∂Φ
= ex · +ey · +ez ·
∂x ∂y ∂z
Bild 3-12. Raumelement durchströmt, d. h. raum-
c = gradΦ = ∇Φ ≡ ∇ · Φ (3-25a) oder ortsfestes Volumenelement in dreidimensionaler
oder in Matrix-Darstellung: Strömung, auch als Bezugs- oder Kontrollvolumen
⎛ ⎞ ⎛ ⎞ KV bezeichnet.
cx ∂ Φ /∂ x
⎝ cy ⎠ = ⎝ ∂ Φ / ∂ y ⎠ (3-25b)
cz ∂ Φ /∂ z Mit Hilfe des in Bild 3-12 dargestellten Raum-
Dass die Beziehungen (3-24) die von (3-23) er- elementes in einem allgemeinen Strömungsfeld
füllen, bestätigt sich durch partielles Differen- soll die analytische Darstellung der Kontinui-
zieren von (3-24) und Einsetzen in (3-23). tätsbedingung für mehrdimensionale Strömun-
gen hergeleitet werden:
Da bei wirbelfreien Strömungen ohne Frikti-
on die Geschwindigkeit c, wie gezeigt, aus ei- Der Massenerhaltungssatz und damit die Kon-
nem Potenzial Φ ableitbar ist, werden derarti- tinuität ist erfüllt, wenn bei raumbeständigem
ge Bewegungen als Potenzialströmungen (me- Fluid ( = konst) das in der Zeit dt in das
chanische Energie erhaltend) bezeichnet (Ab- Raumelement insgesamt einströmende Volu-
schnitt 3.1.1). men dVEin so groß ist wie das gesamte, gleich-
zeitig ausströmende Volumen dVAus , also
3.2.3.2 Grundgleichung (Kontinuität)
Die Kontinuitätsgleichung ist, wie in Ab- dVEin = dVAus oder dVEin − dVAus = 0
schnitt 3.2.2.2 für eindimensionale Strömun-
gen gezeigt, die mathematische Formulierung Nach der Auswertung, Tabelle 3-1, muss dann
des Massenerhaltungssatzes, einem Grundge- bei stationärer Strömung sein:
setz (Axiom → Erfahrungssatz) der Physik.  
∂ cx ∂ cy ∂ cz
In Bild 3-12 ist ein raumfestes Volumen- + + · dx · dy · dz · dt = 0
∂x ∂y ∂z
element dargestellt. Ein solches Element oder
Volumen besteht immer aus den gleichen orts- Oder, weil dx, dy, dz, dt ungleich null sind, er-
festen Punkten, während es von Fluid durch- gibt sich als allgemeine Bedingung für die Kon-
strömt wird, d. h., die Massenteilchen wechseln. tinuität strömender raumbeständiger Fluide:
Hiervon ist das sog. materielle fluid- oder mas-
sefeste Volumen zu unterscheiden, das immer ∂ cx ∂ cy ∂ cz
+ + =0 (3-26)
aus den gleichen Masseteilchen besteht und sich ∂x ∂y ∂z
daher mit der Fluidströmung bewegt, weshalb Dies ist die allgemeine Kontinuitätsgleichung
es auch als flüssiges Volumen bezeichnet wird. inkompressibler Fluide, kurz Kontigleichung.
1)
Gradient „grad“ ist als „Richtungs“-Vektor eines Da die Gleichung von der Wahl des Koordina-
Skalarfeldes ebenfalls ein Begriff der Vektorana- tensystems unabhängig ist, wird sie auch als in-
lysis (Anhang Tabelle 6-21). variante Beziehung bezeichnet.
3.2 Fluid-Kinematik 77

Tabelle 3-1. Zusammenfassung der in das Raumelement nach Bild 3-12 in der differenziellen Zeit dt ein-
und austretenden Volumen infolge der Durchströmung.
Achsrichtung einströmendes Volumen ausströmendes Volumen Differenz
& '
x cx · dt · dy · dz cx + ∂∂cxx · dx · dt · dy · dz ∂ cx
∂x · dx · dy · dz · dt
& '
∂c ∂ cy
y cy · dt · dz · dx cy + ∂ yy · dy · dt · dz · dx ∂y
· dy · dx · dz · dt
& '
z cz · dt · dx · dy cz + ∂∂czz · dz · dt · dx · dy ∂ cz
∂z · dz · dx · dy · dt

Zusammengefasst dVEin dVAus 0

In vektorieller Schreibweise lautet die Kontinui- sche Gleichung oder seltener als Potenzialglei-
tätsgleichung für  = konst (Fußnote 1 ): chung bezeichnet.
divc = 0 (3-27) Mit diesen Erkenntnissen können die Strömun-
gen auch eingeteilt werden in:
mit divc = ∇c = ∇ ·c
Quellfreie Strömungen
Bei 
= konst ergibt sich entsprechend: ΔΦ = 0 L APLACE-Gleichung
div ( ·c) = 0 (3-27a) Nichtquellfreie Strömungen
Werden bei wirbelfreien Strömungen für die ΔΦ = q (x, y, z, t) P OISSON2 -Gleichung
Geschwindigkeitskomponenten in (3-26) die
Bedingungen nach (3-24) eingesetzt, ergibt Die P OISSON-Gleichung unterscheidet sich von
sich: der L APLACE-Gleichung dadurch, dass auf der
      rechten Seite eine Funktion q steht, welche die
∂ ∂Φ ∂ ∂Φ ∂ ∂Φ Quelldichte (Diffusionsterm) beschreibt und
+ + =0
∂x ∂x ∂y ∂y ∂z ∂z ungleich null ist. Bei negativem q wird auch von
Senkendichte gesprochen (negative Quelle). Vo-
∂ 2Φ ∂ 2Φ ∂ 2Φ
+ + 2 =0 lumen „erscheint” oder „verschwindet”.
∂ x2 ∂ y2 ∂z
Potenziale Φ zu finden, die (3-28) erfüllen und
ΔΦ = 0 (3-28) dabei den vorgegebenen Randbedingungen ge-
nügen, ist meist schwierig. Für ebene Strömun-
Mit ΔΦ ≡ Δ · Φ , wobei
gen bestehen jedoch zwei andere, einfachere
∂2 ∂2 ∂2 Möglichkeiten:
Δ= + + (3-28a)
∂ x2 ∂ y2 ∂ z2 Die erste Methode nützt die Tatsache, dass
die allgemeine Lösung der Potenzialgleichung,
den L APLACE-Operator bezeichnet, der zur
(3-28), für zweidimensionale Strömungen in der
gerafften Darstellung von skalaren Differenzial-
Komplexdarstellung nach G AUSS die Form
operationen dient (Tabelle 6-21).
Deshalb wird die Kontinuitätsgleichung Φ = f (x + i · y) + g(x − i· y)
für Potenzialströmungen auch als L APLACE-
hat. Das bedeutet, die Verfahren der Funk-
1)
Divergenz „div“ (Quelldichte) ist als Skalar eines tionentheorie und der konformen Abbildung für
Vektorfeldes ebenfalls ein Begriff der Vektorana-
lysis. c(x, y, z) ist dabei das Vektorfeld, hier Strö- 2)
P OISSON, Denis (1781 bis 1840), frz. Mathemati-
mungsfeld (Anhang Tabelle 6-21). ker und Physiker.
78 3.3 Fluid-Kinetik

die Lösung solcher Strömungsprobleme sind (3-27) ist somit die gesamte Geschwindigkeits-
anwendbar. Quelldichte des Volumens gleich dem Durch-
fluss durch dessen Umrandungsfläche (Oberflä-
Die zweite Methode geht von der Erkennt-
che). Der G AUSSsche Satz ist in der theoreti-
nis aus, dass die Überlagerung (Superpositi-
schen Fluidmechanik sehr bedeutungsvoll. Das
on) von Einzellösungen Φ1 , Φ2 , Φ3 . . . Φn wie-
Volumenintegral der Quelldichte (∇ ·c) · dV ist
der eine Lösung der Potenzialgleichung ist.
also gleich dem Flächenintegral des Durchflus-
Das Strömungspotenzial ist ein Skalar, wes-
ses (c · dA0 ) = (c ·n · dA0 ) = c · cos α · dA0 über
halb die Überlagerung durch arithmetische Ad-
die das Volumen umschließende (Ober-)Fläche.
dition Φges (x, y, z) = ΣΦi (x, y, z) mit i = 1 . . . n
Hierbei ist n der Normaleneinheitsvektor (senk-
erfolgt und zulässig ist. Bei diesem Verfah-
recht auf die Fläche dA0 nach außen gerichtet)
ren wird der Strömungskörper oder kompli-
sowie α der zwischen den beiden Vektoren n
zierte Strömungen aus einzelnen Bauelementen
und c eingeschlossene Winkel.
(einfache Einzelströmungen) mit Hilfe des sog.
Singularitäten-Verfahren durch entsprechen- Merkhilfe:
de Superposition aufgebaut (Abschn. 4.2.8.3.1). GFV . . . G AUSS, Fläche, Volumen oder
Die Potenzialtheorie befasst sich mit der Lö- G AUSS verbindet Ober-Fläche mit da-
sung der Potenzialgleichung ΔΦ = 0, (3-28). von umschlossenem Volumen.
Ein Geschwindigkeits-Vektorfeld c(x, y, z) ist
eine Potenzial-Strömung, falls es eine Funktion
Φ (x, y, z) – Potenzial – gibt, wodurch dann grad 3.3 Fluid-Kinetik
Φ = c erfüllt wird.
3.3.1 Ähnlichkeitstheorie
Bemerkung: Allgemein gilt das auf ein Kon-
trollvolumen KV (Bild 3-12) anwendbare Er- 3.3.1.1 Grundlagen
haltungsprinzip. Dies führt für jede physikali- Viele Strömungsprobleme können letztlich
sche Größe zu folgendem Bilanz-Ansatz: nicht exakt analytisch gelöst werden. Deshalb
(zeitliche Änderung im KV) sind auch Experimente notwendig, die vielfach
= (Strömungstransport ein–aus) aus Aufwandgründen an der Apparatur nach-
+ (Molekültransport ein–aus) gebildeten Modellen durchgeführt werden müs-
+ (Quellen–Senken) sen. Damit die Versuchsergebnisse vom Modell
+ (sonstige Wirkungen, falls vorhanden) auf die Großausführung übertragbar sind, sog.
Scale-up-Vorgang, muss zwischen den Strö-
3.2.3.3 G AUSSscher Integralsatz mungen Ähnlichkeit bestehen.
Strömungen werden als ähnlich bezeich-
Nach dem G AUSSschen Satz, dem ersten Inte-
net, wenn die geometrischen und charakteri-
gralsatz der Feldtheorie, gilt:
stischen physikalischen Größen für beliebige,
 
einander jedoch zugeordneten Stellen der zu
divc · dV = c · dA0 (3-28b) vergleichenden Strömungsfelder zu entspre-
(V ) (A0 )
chenden Zeiten jeweils ein festes Verhältnis bil-
Der G AUSSsche Satz bringt prägnant zum den, d. h. proportional sind. Strömungsmecha-
Ausdruck: Das Integral der Geschwindigkeits- nische Ähnlichkeit besteht somit, wenn sowohl
Quelldichte divc = ∇ · c über das Volumen geometrische als auch physikalische Proportio-
V (Volumenintegral) ist gleich dem Integral nalität (Ähnlichkeit) vorliegt, also geometrische
der Geschwindigkeit über die Oberfläche A0 und dynamische Skalierung. Die Ähnlichkeits-
(Flächenintegral), welche das betrachtete Vo- theorie führt somit zur Maßstabsinvarianz, d. h.
lumen V umschließt. Bei quellfreier Strömung Maßstabsunabhängigkeit.
3.3 Fluid-Kinetik 79

Geometrische Ähnlichkeit, Bild 3-13, ist ge- proportionale Verkleinerung dieser Rauigkeiten
geben, wenn gleiche Proportionalität besteht beim kleinen Modell kaum noch verwirklichbar
ist.
– zwischen den Abmessungen (Längen, Flä-
chen, Volumen) Physikalische Ähnlichkeit ist gegeben, wenn
– zwischen den Rauigkeiten (Oberflächenbe- Proportionalität zwischen den physikalischen
schaffenheit). Größen besteht, die den Strömungsverlauf be-
stimmen. Dies sind:
– mechanische Größen
Zeit, Weg, Geschwindigkeit, Kräfte, Ener-
gie, Temperatur u. a.
– Stoffeigenschaften
Dichte, Viskosität, Wärmeleitfähigkeit u. a.
Die Temperatur und die Stoffwerte Wärmeka-
pazität sowie Wärmeleitfähigkeit sind jedoch
nur bei thermodynamischer, nicht dagegen bei
strömungstechnischer Ähnlichkeit wichtig.
Vollkommene physikalische Ähnlichkeit
von Strömungsvorgängen, die bei geometri-
scher Proportionalität der um- oder durch-
strömten Körper unter der Wirkung gleichar-
Bild 3-13. Geometrische Ähnlichkeit (Prinzipdar- tiger strömungsmechanischer und thermodyna-
stellung). mischer Einflüsse stehen, ist meist kaum zu er-
zielen. Es ist vielmehr nur möglich, die jeweils
wesentlichen physikalischen Größen miteinan-
Geometrische Ähnlichkeit ist demnach vorhan-
der vergleichend in Proportionalität zu brin-
den, wenn (Bild 3-13) erfüllt sind:
gen (physikalischer Maßstab oder physikali-
Längen LG /LM = D1 /D2 sche Skalierung). Hierzu dienen dimensionslo-
Flächen AG /AM = D21 /D22 se, voneinander unabhängige Ähnlichkeitsgrö-
ßen, die auch als Kenngrößen oder Kennzah-
Volumen VG /VM = D31 /D32
len bezeichnet werden. Solche sind in der Regel
Rauigkeiten kG /kM = D1 /D2 oder dimensionslos. Diese Kennzahlen lassen sich
kG /D1 = kM /D2 d. h. gleiche neben Erfahrungsansätzen durch drei Methoden
relative Rauigkeiten. bestimmen:

Zusammengefasst ist also notwendig ein maß- – Dimensionsanalyse


stabsgetreuer Aufbau mit Längen-Maßstab Verwendet die Bedingung, dass Kennzahlen
(Längen-Skalierung): dimensionslose Produkte verschiedener di-
mensionsbehafteter Größen sind.
ML = LG /LM = kG /kM = D1 /D2 (3-28c) – Vergleich gleichartiger Größen
Aus der Erkenntnis, dass physikalische
In der Praxis ist es jedoch oftmals nicht mög- Ähnlichkeit vorliegt, wenn Proportionalität
lich, geometrische Ähnlichkeiten in allen Ein- der mechanischen Größen gegeben ist, wer-
zelheiten und vor allem in den Oberflächenrau- den gleichartige Größen zueinander ins Ver-
igkeiten von Modell- und Großausführung zu hältnis gesetzt. Da Wege durch Geschwin-
erreichen. Die Lackoberflächen von Autos und digkeiten zurückgelegt, Geschwindigkeiten
Flugzeugen sind z. B. schon so glatt, dass eine durch Beschleunigungen erzeugt, und diese
80 3.3 Fluid-Kinetik

durch Kräfte verursacht werden sowie Ar- Π-Theorem (Lehrsatz)


beit das Produkt aus Weg und Kraft ist, wer- Liegt die mathematische Formulierung eines
den in der Regel Kräfte zueinander in Bezie- Problems nicht vor, sind jedoch die Einfluss-
hung gebracht (→ Kräfte-Maßstab; seltener größen bekannt, lassen sich die Ähnlichkeits-
Geschwindigkeiten). gesetze (Kennzahlen) dennoch mit dem Haupt-
Bei dem Verfahren des Kräftevergleichs satz der Dimensionsanalyse, dem sog. Π-
werden verschiedene, am Problem beteiligte Theorem von B UCKINGHAM (1914) bestim-
Kräfte meist auf die Trägheitskraft bezogen. men, das bis auf wenige Ausnahmen allgemein
In Fällen ohne Trägheitskraft wird auf den gilt.
Energievergleich zurückgegriffen. Nach dem Π -Theorem kann die allgemei-
– Differenzialgleichung dimensionsloser Vari- ne Funktion
ablen
f (a1 , a2 , a3 , . . . , an ) = 0 (3-29)
Werden die mechanischen Größen in Dif-
ferenzialgleichungen durch konstante Be- mit den n geometrischen und physikalischen
zugsgrößen jeweils gleicher Art – z. B. Systemgrößen a1 bis an bei allgemein i Grund-
Geschwindigkeit dividiert durch Bezugs- einheiten dargestellt werden in der Funktions-
geschwindigkeit – dimensionslos gemacht form:
(entdimensioniert), stellen sich Kennzahlen F(Π1 , Π2 , Π3 , . . . , Πk , . . . , Πn-i ) = 0 (3-30)
ein. Bei Strömungsvorgängen handelt es
sich dabei fast immer um Systeme partieller Hierbei sind Π1 bis Πn-i insgesamt (n − i) Kenn-
Differenzialgleichungen für Bewegung und zahlen, die jeweils als dimensionslose Produk-
Energie (Abschnitt 4.3.1.2). te aus den Systemgrößen a1 , . . . , an an gebildet
werden.
In der Fluidmechanik treten die geometrische
3.3.1.2 Strömungskennzahlen Größe Länge l und die dynamischen Grö-
aus Dimensionsanalyse ßen Zeit t, Geschwindigkeit c, Beschleunigung,
Die Dimensionsanalyse ist Grundlage der Ähn- insbesondere Schwerebeschleunigung g und
lichkeitstheorie, und auf dieser beruht die Mo- Druck p sowie die Stoffgrößen Dichte , kine-
delltheorie. matische Viskosität ν und die Schallgeschwin-
Jede Größe setzt sich bekanntlich aus Zah- digkeit a auf; insgesamt somit acht Größen, d. h.
lenwert (Maßzahl) und Dimension (Maßeinheit) n = 8. Die dabei vorkommenden drei Einheiten
zusammen. Beispiel: Geschwindigkeit 20 m/s. (i = 3) sind: Kilogramm kg, Meter m und Se-
Exakt müsste 20 · m/s geschrieben werden. Der kunde s. Demzufolge muss es n − i = 5 vonein-
Multiplikationspunkt wird, wie in der Mathe- ander unabhängige Kennzahlen geben. Die dy-
matik meist üblich, im praktischen Gebrauch namischen Größen können noch unterteilt wer-
weggelassen, so auch hier. den in kinematische (t, c, g) und kinetische (p).
Werden alle acht Größen zusammenge-
Die ähnlichkeitstheoretische Methodologie fasst, ergibt sich ein homogenes Gleichungssys-
kennt zwei Verfahren zur Herleitung von tem von drei linearen Gleichungen (i = 3) mit
Kennzahlen Π (großes griechisches Pi) mit acht Unbekannten (n = 8). Dieses System hat
Hilfe der Dimensionsanalyse. Diese verwenden genau (n − i) = 5 voneinander unabhängige Lö-
einerseits das sog. Π -Theorem und anderer- sungen, die den Kennzahlen entsprechen. Die
seits die Matrizen-Methode. Dabei ist immer (n − i) Lösungen ergeben sich nacheinander,
die Kohärenz des verwendeten Maßsystems wenn jeweils (n − i) Unbekannte vorgegeben
wichtig, d. h., die Dimensionen sind aus den werden. Das sich dann immer ergebende in-
Grund-Maßeinheiten (Tabelle 1-1, Abschnitt 1) homogene Gleichungssystem von i Gleichun-
zu bilden. gen mit den restlichen i Unbekannten ist jeweils
3.3 Fluid-Kinetik 81

in bekannter Weise lösbar und liefert je eine se Festlegung die Allgemeingültigkeit der Ab-
Kennzahl. Um das Verfahren abzukürzen, wer- leitung nicht, sondern prägt nur den grundsätz-
den, wie von T RUCKENBRODT [50] durchge- lichen Charakter der Kennzahlen. Jede ande-
führt, die drei wichtigsten strömungsmechani- re sinnvolle Festlegung wäre möglich, ohne die
schen Größen c, l,  festgehalten und die rest- Verwendbarkeit der Ähnlichkeitsgesetze prinzi-
lichen fünf (t, p, v, g, a) durch εk variiert. Die piell zu schmälern.
Kennzahl der mechanischen Ähnlichkeit erhält
Die Lösung des linearen Gleichungssystems
demnach mit der jeweils festzulegenden Varia-
(3-33) ergibt dann:
blen εk die allgemeine Form:
a+b+3·c c 1
Πk = cα · l β · γ · εkδ (3-31) α = 1; β = − ; γ =− ; δ =
b b b
(3-34)
Die Variable εk – gleicher Index wie bei Kenn-
zahlen Πk – wird nacheinander jeweils durch Der Reihe nach für εk die bisher nicht verwen-
eine der in (3-31) bisher nicht verwendeten deten Größen t, p, v, g und a einschließlich zu-
fünf Größen t, p, v, g, a ersetzt. Die Exponen- gehöriger Dimension eingesetzt, liefert die in
ten α , β , γ , δ ergeben sich dann jeweils über Tabelle 3-2 ermittelten und zusammengestellten
die Dimensionsanalyse aus der zugehörenden Ähnlichkeitsgesetze (Kennzahlen Πk ):
Einheiten-Gleichung:
 α  γ  Tabelle 3-2. Kennzahlen Πk gemäß Ansatz (3-31)
m β kg c δ
[1] = ·m · · (m · s · kg )
a b mit Beziehungen (3-34). Exponent c nicht verwech-
s m3 seln mit der Geschwindigkeit c!
Nach gleichen Potenzen zusammengefasst und Nr. k 1 2 3 4 5
ersetzt
εk t p ν g a
[1] = [m0 · s0 · kg0 ]
[εk ] s kg/(m · s2 ) m2 /s m/s2 m/s
führt zu:
a 0 −1 2 1 1
m0 · s0 · kg0 = mα +β −3·γ +a·δ · s−α +b·δ · kgγ +c·δ
(3-32) b 1 −2 −1 −2 −1

Für εk wurde dabei die allgemeine Dimension c 0 1 0 0 0


[ma · sb · kgc ] eingesetzt. Die Exponenten a, b, c α 1 1 1 1 1
sind durch die Dimension der jeweils für εk ein-
gesetzten Größe festgelegt. β −1 0 1 −1/2 0
Der Exponentenvergleich bei (3-32) ergibt: γ 0 1/2 0 0 0
Einheit m: α +β −3·γ +a·δ = 0 δ 1 −1/2 −1 −1/2 −1
Einheit s: −α + b · δ = 0 (3-33) (
c·t  c·l c c
Πk c· √
Einheit kg: γ +c·δ = 0 l p ν g·l a

Für die vier Unbekannten α , β , γ , δ ergeben sich


drei Gleichungen. Das System ist lösbar, sofern Matrix-Methode
noch eine der Unbekannten von vornherein fest- An Stelle der direkten Größen-Kombination
legbar. Wenn sinnvollerweise die Strömungs- des Π -Theorems geht das Matrizen-Verfahren
geschwindigkeit c als strömungsmechanische nach PAWLOWSKI [28] über den Rang der
Hauptgröße, d. h. als allerwichtigste Größe, li- erstellten Dimensionsmatrix. Dieser kann mit
near, also α = 1 gesetzt wird, beeinträchtigt die- der üblichen Determinanten-Methode oder dem
82 3.3 Fluid-Kinetik

Eliminationsverfahren des G AUSS-Algorithmus Am Fall der Rohrströmung soll das Matrix-


[99] gemäß PAWLOWSKI über die Matrizen- Kennzahlenverfahren gemäß Z LOKARNIK
Hauptdiagonale (Tabelle 6-21) bestimmt wer- verdeutlicht werden:
den. Der G AUSSsche Algorithmus macht auch
sichtbar, ob die Dimensionen des zugehörigen a) Relevanzliste
Teiles der Dimensionsmatrix, der sog. Kern- Einflussgrößen sind
matrix, voneinander linear unabhängig sind • geometrische → Durchmesser D [m] und
oder nicht. Länge L [m] des Rohres,
Z LOKARNIK1 stellt die Vorgehensweise wobei ein Abmessungs-
des Verfahrens der Kennzahlenermittlung über maß oft charakteristisch
die Matrizenrechnung ebenso ausführlich wie für alle steht; meist D[m]
sorgfältig dar. • mechanische → Druckverlust Δpv [Pa =
N/m2 = kg · m−1 · s−2 ]
Die Matrizenmethode gliedert sich in die
und Strömungsge-
Schritte:
schwindigkeit c [m · s−1 ]
a) Erstellen und Ordnen der Relevanzliste im Rohr,
durch • stoffliche → Dichte  [kg · m−3 ] und
– Aufführen aller relevanter Variablen des dynamische Viskosität
Systems, d. h. Erfassen und Festhalten η [Pa · s = (N/m2 ) · s =
aller Einflussgrößen (geometrische, me- kg · m−1 · s−1 ] des strö-
chanische, stoffliche), menden Mediums (Flu-
– Festlegen der Zielgröße durch Aufteilen id).
der Variablen in unabhängige und abhän- Zielgröße ist hierbei der Druckverlust Δpv ,
gige. Die Zielgröße ist dann der gesuchte da meist gesucht.
Wert, d. h. die abhängige Variable. Jede
zu untersuchende Fragestellung, die je- b) Kennzahlensatz
weils durch eine Zielgröße gekennzeich- Dimensionsmatrix mit Unterteilung in Kern-
net ist, bedarf dabei einer eigenen geson- und Festmatrix:
derten Referenzliste. In der Restmatrix sind die Größen der
b) Bestimmen des vollständigen Kennzahlen- Relevanzliste anzuordnen, die je einzeln
satzes durch im Zähler der zu bildenden Kennzahlen
– Aufstellen der Dimensionsmatrix, unter auftreten sollen. Die Kernmatrix wird mit
Aufteilen in Kern- und Restmatrix. den übrigen Größen, den sog. Füllgrößen
– Umwandeln der Kernmatrix in die Ein- der Relevanzliste gebildet, die später in allen
heitsmatrix, Kennzahlen auftreten dürfen. Die Elemente
– Feststellen des Ranges der Dimensions- von Kern- und Restmatrix sind dabei die
matrix, Exponenten der zur Dimension der zugehö-
– Feststellen der Anzahl der möglichen rigen Größe gehörenden Maß-Grundeinhei-
Kennzahlen, ten. Zur Kennzeichnung stehen dazu stell-
– Bilden, Bewerten und gegebenenfalls vertretend:
Umformen der Kennzahlen durch ent-
sprechende Kombination, um zum Dar- M für die Masseneinheit kg
stellen des Sachverhaltes günstige Aus- L für die Längeneinheit m
drücke zu erhalten. Z für die Zeiteinheit s
1)
Z LOKARNIK, M.: Modellübertragung in der Ver-
fahrenstechnik. Chem.-Ing.-Tech. 55 (1983) Nr. 5, Die Relevanzliste führt zur Start- oder Anfangs-
S. 363 bis 372. Dimensionsmatrix:
3.3 Fluid-Kinetik 83

Anfangs-Dimensionsmatrix Durch Vertauschen von Spalte 1 mit Spalte 2


Lfd. Einheits- Kernmatrix Restmatrix geht die Kernmatrix in die Einheitsmatrix und
Nr. Kenn- damit letztlich die Dimensionsmatrix in den
k zeichen D  η Δpv c L Grund- oder Endzustand über. Das Vertauschen
⎡ ⎤ der Zeilen 1 und 2 wäre auch möglich. Es
1 M 0 1 1 1 0 1 
⎣1 −3 −1 −1 1 1⎦ m würde zum gleichen Ergebnis führen, ist jedoch
2 L
=3
Z 0 0 −1 −2 −1 0 aufwendiger, da sowohl Kern- als auch Restma-
3 ⊥
trix betroffen. Den ersten Vorschlag ausgeführt,
n=6 liefert folgende End-Dimensionsmatrix:
Die sich ergebende (m; n)-Matrix besteht aus
m = 3 Zeilen (k = 1 . . . 3) und n = 6 Spalten. End-Dimensionsmatrix
Lfd. Linear- Kernmatrix Restmatrix
Kernmatrix-Überführung in die Einheitsmatrix: Nr. operationen
Die Dimensionsmatrix ist so aufzubauen, dass k  D η Δpv c L
durch Anwenden des Eliminationsprozesses ge- ⎡ ⎤
1 M+Z 1 0 0 −1 −1 0
mäß des G AUSS-Algorithmus die Anfangs-
2 3 · M + L + 2 · Z ⎣0 1 0 −2 −1 1⎦
Dimensionsmatrix möglichst einfach in den −Z 0 0 1 2 1 0
3
Grundzustand, genannt End-Dimensionsmatrix,
überführt werden kann. Diese Bedingung wird
erfüllt, wenn die Kernmatrix durch ein Mi- Rang der Dimensionsmatrix:
nimum von gleichartigen Umformungen, d. h. Der Matrix-Rang r ist festgelegt durch die An-
Äquivalenztransformationen in die Einheitsma- zahl der linear voneinander unabhängigen Zei-
trix übergeht. Die Umwandlungsvorschrift be- len einer Matrix, weshalb r ≤ m mit m Ord-
steht somit darin, in sinnvoller Weise jede Zeile nung der Matrix, d. h. ihre Zeilenanzahl. Zei-
der gesamten Dimensionsmatrix durch Linear- len sind unabhängig voneinander, wenn die eine
kombinationen (Addieren, Subtrahieren) aus ei- nicht durch lineare Kombinationen in die andere
ner oder mehrerer ihrer anderen Zeilen bzw. ein übergeht, also ihr identisch wird.
entsprechendes Vielfaches davon so umzuwan- Zum Feststellen des Matrizenranges be-
deln, dass in der Kernmatrix die Elemente der stehen zwei Wege, die meist verwendete
Hauptdiagonale (Tabelle 6-21) je zu eins und Determinanten-Methode und das PAWLOWSKI-
alle übrigen null werden. Gegebenenfalls sind Verfahren.
noch Zeilen und/oder Spalten der gesamten Di- Determinanten-Verfahren: Der Rang r wird
mensionsmatrix so zu vertauschen, dass dieses durch die Ordnung (Zeilenzahl) der Matrix
Ziel erreicht wird. (Ausgangs-bzw. Untermatrix) bestimmt, deren
Das Durchführen solcher Lineartransfor- Determinante nicht verschwindet, d. h. ver-
mationen (Zeilenadditionen) führt zu folgender schieden von null bleibt. Dies ist gegeben, wenn
umgewandelter Diagonalmatrix der Rohrströ- die Zeilen der betreffenden Matrix linear unab-
mung: hängig voneinander sind. Das wird, wie zuvor
Umgewandelte erwähnt, erfüllt, wenn sich aus ihnen, d. h. ihren
Dimensionsmatrix Koeffizienten, durch Linearkombinationen kei-
Lfd. Linear- Kernmatrix Restmatrix ne Nullzeile erzeugen lässt, also nicht alle Ele-
Nr. operationen mente einer Zeile, oder gar mehrerer, null sind.
k D  η Δpv c L Durchführung dieses Verfahrens am vorliegen-
⎡ ⎤ den Fall der Rohrströmung:
1 M +Z 0 1 0 −1 −1 0
Kernmatrix: Da Einheitsmatrix, ist Rang r
2 3 · M + L + 2 · Z ⎣1 0 0 −2 −1 1⎦
−Z 0 0 1 2 1 0
so groß wie ihre Ordnung (keine Nullzeile vor-
3
handen), also r = 3. Dies bestätigt auch die De-
84 3.3 Fluid-Kinetik

terminante der Kernmatrix, die Untermatrix der In der Kernmatrix sind als Einheitsmatrix diese
Dimensionsmatrix ist. Bedingungen automatisch erfüllt. Hier ist z = 3,
  weshalb r = 3, wie zuvor.
1 0 0
 
0 1 0 entwickelt über die erste Zeile! Anzahl i der möglichen Kennzahlen: Diese er-
 
0 0 1 gibt sich als Differenz von Prozessparameter-
      Anzahl der Relevanzliste, hier n = 6, und Rang
1 0    
= 1 ·   − 0 · 0 0 + 0 · 0 1 der Dimensionsmatrix, hier r = 3. Also:
0 1  0 1 0 0
= 1 · (1 − 0) − 0 + 0 = 1
= 0  r = 3 i = n − r = 6 − 3 = 3 → Πj mit j = 1 bis 3
Restmatrix: Ist ebenfalls Untermatrix der Di- Bilden der Kennzahlen:
mensionsmatrix. Rangsuche erübrigt sich ei- Erfolgt gemäß PAWLOWSKI nach der Regel: Je-
gentlich, da Restmatrix nicht von höherer Ord- de physikalische Größe der Kopfzeile der Rest-
nung als Kernmatrix, weshalb Rang nicht hö- matrix tritt getrennt nacheinander im Zähler ei-
her sein kann und geringerer, falls vorhanden, nes Bruches auf. Der Nenner wird dabei je-
nicht interessiert. Zur Veranschaulichung soll weils gebildet von den Füllgrößen (Kopfzeile
dennoch die Determinante der Restmatrix be- der Kernmatrix), versehen in der Elementfolge
rechnet werden, und dieses Mal über die erste von Kernmatrix-Kopfzeile mit zugeordnet den
Spalte entwickelt: Spaltenkoeffizienten aus der Restmatrix, die zu
  der verwendeten Größe im Zähler des Bruches
−1 −1 0    
  
−2 −1 1 = −1 · −1 1 −1 0
 
gehören.
− (−2) · 

 2 1 0
  1 0 1 0 Gemäß dieser Vorgehensweise nach
PAWLOWSKI ergeben sich folgende zu den
 
−1 0 Restmatrix-Spalten j = 1 bis 3 gehörenden
+ 2 
−1 1 Kennzahlen der End-Dimensionsmatrix für die
Rohrströmung:
= −1 · (0 − 1) + 2 · (0 − 0)
+ 2 · (−1 + 0) Δpv
j = 1; Spalte 1: Π1 =
= −1
= 0  r = 3 −1 · D−2 · η 2
Δpv ·  · D2
=
Bemerkung: Die Determinantenbildungen η2
an der Anfangs-Determinantenmatrix wür- c
j = 2; Spalte 2: Π2 = −1 −1 1
den zwangsläufig zum selben Rang-Ergebnis  ·D ·η
führen, da an den Matrizen ausschließlich c·D c·D
= =
mathematisch korrekte Umwandlungen vorge- η / ν
nommen wurden. L L
j = 3; Spalte 3: Π3 = 0 1 0 =
 ·D ·η D
PAWLOWSKI-Rangmethode: Bei diesem Ver-
fahren wird der Rang einer Matrix über deren Bewerten der erhaltenen Kennzahlen und ge-
Hauptdiagonale festgestellt. Mit dem G AUSS- gebenenfalls Umwandeln in anwendungsgüns-
Algorithmus (Linearkombinationen) muss hier- tigere Ausdrücke:
zu die Matrix so lange umgeformt werden, bis Kennzahl Π1 : Gemäß Erfahrung ist die Struk-
unterhalb ihrer Hauptdiagonalen nur noch Nul- tur dieser Kennzahl für die praktische Anwen-
len vorkommen. Die Anzahl z der danach nicht dung nicht vorteilhaft, weil sich mit dem Än-
verschwundenen Elemente der Hauptdiagonale, dern der dynamischen Viskosität η , z. B. durch
die eine lückenlose Folge bilden, bestimmt dann Übergehen auf ein anderes Medium, auch Kenn-
den Rang r der Matrix, also r = z. zahl Π2 ändert. Dies ist im Versuchswesen un-
3.3 Fluid-Kinetik 85

günstig. Deshalb verwendet man eine entspre- erster Schritt möglichst alle Einflussgrößen der
chende Kombination (Produktbildung) von Π1 Aufgabenstellung aufzuspüren. Gegebenenfalls
mit Π2 , sodass sich eine neue, von der Viskosi- können später erkannte Einflussgrößen oft ent-
tät unabhängige Kennzahl ergibt: sprechend noch nachgefügt werden, wie bei-
  spielsweise die Wandoberflächen-Rauigkeit als
Δpv ·  · D2 c · D ·  −2 Parameter (Bilder 6-11; 6-38; 6-42).
Π4 = Π1 · Π2−2 = ·
η2 η
Δpv 3.3.1.3 Bedeutung der Ähnlichkeitsgesetze
Π4 = Die ermittelten Kennzahlen Πk (Tabelle 3-2),
 · c2
ein Vielfaches oder der Kehrwert davon, wer-
Dies ist die E ULER-Zahl gemäß (3-36), also den mit den Namen der Forscher bezeichnet,
Π4 = Eu. die sich zuerst mit den Problemen beschäftig-
Kennzahl Π2 : Dies ist nach (3-37) die ten, auf die sich das jeweilige Ähnlichkeitsgesetz
R EYNOLDS-Zahl, also Π2 = Re. bezieht:
l
Kennzahl Π3 : Das ist als Geometrieverhält- k = 1: S TROUHAL-Zahl Sr = (3-35)
c·t
nis ein triviales Ergebnis und bestätigt nur p
die ohnehin notwendige Ähnlichkeitsforde- k = 2: E ULER-Zahl Eu = (3-36)
 · c2
rung nach geometrischer Proportionalität (Ab-
c·l
schnitt 3.3.1.1). k = 3: R EYNOLDS-Zahl Re = (3-37)
ν
Ergebnis: Der vollständige Kennzahlensatz c
k = 4: F ROUDE-Zahl Fr = √ (3-38)
(Π -Satz) für die reale Fluidströmung in geraden g·l
glatten Rohrleitungen lautet demnach: k = 5: M ACH-Zahl Ma = c/a (3-39)
{Eu; Re; L/D} Für die in den Kennzahlen auftretenden Größen
sind die Werte einzusetzen, die das betreffende
Das ist die maximale Auskunft, welche die Di- Strömungsproblem charakterisieren.
mensionsanalyse über das Matrixverfahren auf- Charakteristische Größen sind bei:
grund der vorab festgelegten Relevanzliste ge- a) Innenströmungen
ben kann.
Für c: Die mittlere Strömungsgeschwindig-
Abschlussbemerkungen: Es sei in diesem Buch keit c̄ (Querstrich auf c meist wieder
nicht tiefer auf die Matrizenmethode zur Kenn- weggelassen; Abschnitt 3.1.2).
zahlenermittlung, das ein elegantes, allgemein Für l: Bei Kreisrohren der Rohrdurchmes-
anwendbares Verfahren darstellt, eingegangen. ser D. Bei beliebigen Rohrquerschnit-
Ausführliches findet sich im zugehörigen Spezi- ten der gleichwertige Durchmesser Dgl
alschrifttum (Abschnitt 8), besonders PAWLOW- (Abschnitt 4.1.1.4).
SKI [28] und Z LOKARNIK (vorhergehende Fuß-
note). b) Außenströmungen
Probleme und mögliche Fehler der Ähn- Für c: Die ungestörte Anströmgeschwindig-
lichkeitstechnik sind fast ausschließlich mit der keit c∞ .
Relevanzliste verbunden. Die größte Schwierig- Für l: Bei Profilen die Profiltiefe L (Bild 6-47).
keit der ähnlichkeitstheoretischen Behandlung Bei Kugeln und quer angeströmten Zy-
besteht darin, möglichst alle problemrelevan- lindern der Durchmesser D.
ten Einflussgrößen vorab zu finden, um die- Bei Fahrzeugen und Körpern deren Län-
se dann bei der Ähnlichkeits-Verarbeitung be- ge L.
rücksichtigen zu können. Durch theoretische Bei längs angeströmten Platten die Län-
Überlegungen und Vorversuche sind deshalb ein ge L in Strömungsrichtung.
86 3.3 Fluid-Kinetik

Bei quer angeströmten Platten und Pris- Ma  0,3 ist hierbei jedoch zudem auch die
men die Höhe h (Bild 6-46). M ACH-Zahl möglichst einzuhalten.
Bei Grenzschichtströmungen die Grenz- Die F ROUDE3 -Zahl Fr ist das Kriterium für
schichtdicke δ (Abschnitt 3.3.3.2). die Ähnlichkeit von Strömungsvorgängen, die
3.3.1.4 Anwendung der Kennzahlen im Wesentlichen durch die Schwerewirkung des
Die S TROUHAL1 -Zahl Sr tritt bei der Be- Fluids verursacht werden. Sie ist deshalb be-
rechnung instationärer Strömungsvorgänge auf. sonders bei der Wellenbildung von Strömungen
Sie ist ein Maß für die Instationarität einer mit freier Oberfläche (Kanäle, Flüsse) wichtig,
Strömung. Dabei ist l/c die Zeit, die ein Fluid- d. h. bei den sog.
√ Schwerewellen. Dabei bedeu-
teilchen benötigt, um mit der Geschwindig- tet die Größe g · l die Grundwellengeschwin-
keit c den Weg l zurückzulegen. Ist diese Zeit digkeit in flachem Wasser mit der Tiefe l. Bei
dabei klein im Vergleich zur Größenordnung der Wellenbewegung verbleiben die einzelnen
der Zeit t, in welcher sich der instationäre Vor- Fluidteilchen jeweils im Mittel am gleichen Ort.
gang abspielt, wird auch Sr klein. Die Strömung Sie durchlaufen beim Schwingen geschlossene
kann dann als quasistationär betrachtet werden Bahnen (kreis- oder ellipsenförmig).
(Sr → 0). Die M ACH4 -Zahl Ma kommt zur R EYNOLDS-
Zahl als weitere wichtige Kenngröße für die
Die E ULER-Zahl Eu kann als Verhältnis von Beschreibung und die Ähnlichkeit kompressi-
Druckkraft zur Trägheitswirkung, oder dem der bler Strömungen. Nach Abschnitt 1.3.1 (1-10)
Arbeiten dieser beiden Kräfte gedeutet wer- kann bei Strömungen kompressibler Fluide bis
den. Sie kennzeichnet z. B. zusammen mit der Ma ≈ 0,3 die Kompressibilität vernachlässigt,
R EYNOLDS-Zahl Re den Druckverlust Δpv in das Gas somit als quasi-inkompressibel be-
Rohrleitungen bei vorgegebenen Abmessungen trachtet werden. Die M ACH-Zahl kennzeichnet
(Durchmesser D; Länge L) und Strömungsver- den Abstand der Strömungsgeschwindigkeit zur
hältnissen (Dichte ; Fließgeschwindigkeit c). Schallgeschwindigkeit des Fluides.
Dabei steht dann in der Eu-Zahl an Stelle des
Druckes p der Druckverlust Δpv gemäß (4-5), Die Kennzahl-Beziehungen werden auch als
Abschnitt 4.1. Modellgesetze bezeichnet. So steht z. B. für
R EYNOLDS-Beziehung auch R EYNOLDS-
Die R EYNOLDS2 -Zahl Re ist, wie sich später Modellgesetz. Entsprechendes gilt für Sr, Eu,
zeigen wird, die wichtigste Ähnlichkeitsgröße Fr und Ma.
der Fluidmechanik. Sie charakterisiert die Strö-
Die R EYNOLDS-Zahl als wichtigste Kenngrö-
mungsform, bedingt auch durch die Einflüsse
ße ist immer zu erfüllen. Je nach Strömungsfall
von Trägheit und Viskosität des Fluides, und be-
müssen zudem die zugehörigen anderen Kenn-
stimmt deshalb maßgeblich die Übertragbarkeit
zahlen ebenfalls erfüllt sein.
von Versuchswerten auf andere Verhältnisse.
Kennzahlen dienen oft auch zum Normie-
Der Grenzfall sehr kleiner R EYNOLDS-
ren, d. h. dimensionslosen Darstellen (sog. Ent-
Zahlen (Re ≤ 1) beschreibt die sog. schlei-
dimensionieren) von Variablen in Diagrammen.
chenden Bewegungen, z. B. Schmierschichtströ-
mung in Gleitlagern. In der Versuchstechnik er- 3.3.1.5 Herleitung der Kennzahlen durch
möglicht das R EYNOLDSgesetz freie Wahl der Vergleichen gleichartiger Größen
Abstimmung von Modellgröße, Geschwindig- R EYNOLDS-Zahl
keit und Fluid, wenn dabei die Re-Zahlen von Gemäß Erfahrung sowie Formelaufbau (3-37)
Modell- und Großausführung gleich sind. Bei beschreibt die R EYNOLDS-Zahl auch den Zu-
1) 3)
S TROUHAL , V. (1850 bis 1922). F ROUDE , W. (1810 bis 1879).
2)
R EYNOLDS, Osborne (1842 bis 1912), engl. Phy- 4)
M ACH, Ernst (1838 bis 1916), österr. Physiker u.
siker. Philosoph.
3.3 Fluid-Kinetik 87

sammenhang zwischen Trägheit (falls vorhan- FW, G D2 · η1 · c1 · D2 D1 · η1 · c1


= 12 = (3-42)
den, d. h. aB
= 0) und Viskosität der Strömung. FW, M D2 · η2 · c2 · D1 D2 · η2 · c2
Sie folgt daher aus dem Vergleich der beiden zu-
gehörigen Kräfte. b) Verhältnis der Trägheitskräfte der Strömun-
An Strömungsvorgängen realer Fluide sind die gen:
dcx
drei Kräfte Mit allgemein FT = m · aB =  ·V · wird
dt
– Druckkraft FD = p · AQ
FT, G  ·VG · dcx, G · dtM
– Viskositätskraft FW = τ · A0 (Widerstands- = G
oder Reibungskraft) FT, M M ·VM · dcx, M · dtG
– Trägheitskraft FT = m · aB = m · ċ Unter Verwendung der Ähnlichkeitsbeziehun-
beteiligt, die nach dem N EWTONschen Grund- gen
gesetz über dem D’A LEMBERT-Prinzip im
V ∼ D3 und Δt = Δs/c ∼ D/c → dt ∼ D/c
Gleichgewicht stehen.
Mechanische Ähnlichkeit ist nach Ab- ergibt sich wieder mit den Bezugsstellen 
1 in
schnitt 3.3.1.1 gegeben, wenn die Kräfteverhält- G und  in M gemäß Bild 3-13:
2
nisse an den geometrisch proportional zugeord-
neten Punkten PG und PM (Bild 3-13) der zu FT, G  · D3 · c 1 · c 1 · D2  · D2 · c 2
vergleichenden Strömungen gleich sind: = 1 13 = 1 12 12
FT, M 2 · D2 · c2 · D1 · c2  2 · D2 · c 2
FD, G /FD, M = FW, G /FW, M = FT, G /FT, M (3-40) (3-43)

Diesem Kräftemaßstab gemäß (3-40) ist ent- c) Zusammengefasst:


sprochen, wenn zwei der drei Verhältnisse er- Die beiden Kräfteverhältnisse (Proportionalitä-
füllt werden, da dann nach dem N EWTONschen ten), (3-42) und (3-43) gemäß Beziehung (3-41)
Grundgesetz das dritte mitberücksichtigt ist. gleichgesetzt, liefert:
Die Quotienten der Kräfte infolge Trägheit und D1 · η1 · c1 1 · D21 · c21
Viskosität werden, wie zuvor erwähnt, weiter =
D2 · η2 · c2 2 · D22 · c22
untersucht:
η1 1 · D1 · c1
FW, G /FW, M = FT, G /FT, M oder =
(3-41) η2 2 · D2 · c2
FT, M /FW, M = FT, G /FW, G
Werden jeweils die Größen mit gleichen Indizes
Ausgewertet: zusammengefasst, was gleichbedeutend ist mit
a) Verhältnis der Viskositätskräfte der Fluide: dem Verhältnis von Trägheit- und Viskositäts-
kraft, ergibt sich mit der kinematischen Visko-
dcx sität ν = η /:
Nach (1-14) ist FW = A0 · η ·
dz
FW, G A0, G · ηG · dcx, G · dzM c1 · D1 /ν1 = c2 · D2 /ν2 (3-44)
Damit wird : =
FW, M A0, M · ηM · dcx, M · dzG
oder allgemein c · D/ν = konst = Re
Mit den geometrischen Ähnlichkeitsbedingun- Die Ähnlichkeitsbedingung fordert demnach
gen gleich große R EYNOLDS-Zahlen
z ∼ D; A0 ∼ D2 ; dcx / dz ∼ cx /z und cx = c Re = c · D/ν (3-45)

sowie den Bezugsstellen 1 von G und ,


2 geo- der zu vergleichenden Strömungsvorgänge,
metrisch proportional in M gemäß Bild 3-13, z. B. bei der Übertragung von Versuchsergeb-
folgt: nissen.
88 3.3 Fluid-Kinetik
   
Die R EYNOLDS-Zahl folgt auch aus dem Ver- m · aB m · aB
=
hältnis von Stau- und Viskositätskraft, bzw. von m·g m·g M
  G 
Staudruck q (Abschnitt 3.3.6.3.3) und Viskosi- aB aB
tätsscherspannung τ (1-14). Kurzherleitung: =
g G g M
q  · c2 /2 Übergang auf Bezugsstelle 1 an Großausfüh-
= → mit dc/ dr ∼ c/r
τ η · dc/ dr rung G und der geometrisch proportional gele-
 · c2 /2 c·r c·D c·D genen 
2 am Modell M gemäß Bild 3-13:
= = → = Re
η · c/r (η /) · 2 4 · ν ν c c c2
Mit aB ∼ = = werden
Diese Verhältnisbildung ist allgemeiner, da t l/c l
   
beispielsweise bei stationären Strömungen in aB c21 /l1 aB c2 /l2
= sowie =
 2
Rohren von gleichbleibendem Durchmesser g G g g M g
(c = konst) keine Trägheitskräfte auftreten. Gleichgesetzt gemäß Ansatz:
M ACH-Zahl c21 c2
Folgt aus Geschwindigkeits-Vergleich, und = 2 oder radiziert
l1 · g l2 · g
zwar von Strömungs- bzw. Bewegungsge-
c c
schwindigkeit mit der Fluid-Schallgeschwin- √ 1 = √ 2 → Fr1 = Fr2
l1 · g l2 · g
digkeit → Geschwindigkeits-Maßstab:
    Das bedeutet wieder: √ Es muss die gleiche
c c F ROUDE-Zahl Fr = c/ l · g an Großausfüh-
= → MaG = MaM
a G a M rung und Modell vorliegen, damit physikalische
Bemerkungen: Wie die R EYNOLDS-Zahl phy- Ähnlichkeit der zugehörigen Vorgänge besteht.
sikalisch als Quotient von Trägheitskraft der E ULER-Zahl
Strömung und Viskositätskraft (Reibungskraft) Sie folgt aus dem Verhältnis von Druckenergie
des Fluides aufgefasst werden kann, ist die ED (Abschnitt 2.2.5) und kinetischer Energie
M ACH-Zahl deutbar als Verhältnis von Träg- Ekin der Strömung → Energie-Maßstab:
heitskraft der Strömung zu Elastizitätskraft des ED p ·V p ·V
strömenden Mediums, da die Schallgeschwin- = =
Ekin m · c /2  ·V · c2 /2
2
digkeit durch die Kompressibilität und die Strö- p p
mungsgeschwindigkeit durch die Trägheit des = → = Eu
 · c2 /2  · c2
Fluides bestimmt wird. Die M ACH-Zahl kenn-
zeichnet somit das elastische Verhalten des be- Bemerkung: Die E ULER-Zahl folgt auch aus
teiligten Fluides: dem Quotienten von Druckkraft FD und Träg-
Die Re-Zahl wird umso größer, je mehr die heitskraft FT der Strömung.
Trägheitswirkung die Reibungskraft (Viskosi- S TROUHAL-Zahl
tätseinfluss) übersteigt. Die Ma-Zahl wird umso Sie ist der Quotient von lokaler und konvekti-
größer, je mehr die Strömungsträgheit die Flui- ver Beschleunigung (Abschnitte 3.3.3; 3.3.4) →
delastizität übertrifft (Überschall). Beschleunigungsmaßstab. Nach (3-2) gilt:
F ROUDE-Zahl al ∂ c/∂ t ∂s s
Ergibt sich aus Vergleich von Trägheitskraft = = →
ak c · ∂ c/∂ s c · ∂ t c·t
FT = m · aB und Schwer-, d. h. Gewichtskraft
entsprechend Sr = L/(c · t)
FG = m · g. Ansatz somit:
    Die S TROUHAL-Zahl enthält somit nur kinema-
FT FT
= tische Größen, die ausschließlich bei instatio-
FG G FG M nären Strömungen auftreten, besonders Zeit t.
3.3 Fluid-Kinetik 89

3.3.2 Strömungsformen

Vorbemerkungen:
Beim Untersuchen von Strömungen realer Flui-
de sind zwei Strömungsformen zu beobachten:
– Schichtströmung oder laminare1 Strömung
– Wirbelströmung oder turbulente2 Strömung
Die beiden Strömungsformen unterscheiden
sich grundsätzlich, sowohl hinsichtlich des Er- Bild 3-14. Laminare Strömung, d. h. makrosko-
scheinungsbildes als auch der physikalischen pisch geordnete Bewegung.
Bedingungen. Die jeweilige Strömungsform
wird dabei von der Strömungsgeschwindigkeit hohen Grad an Ordnung aus, und diffuser Trans-
wesentlich beeinflusst. port erfolgt nur durch Teilchenbewegung, die
sog. B ROWNsche Molekularbewegung.
3.3.2.1 Laminare Strömung 3.3.2.2 Turbulente Strömung
Die Fluidteilchen bewegen sich in wohlgeord- 3.3.2.2.1 Grundsätzliches
neten, nebeneinanderlaufenden Schichten, die Wird die Strömungsgeschwindigkeit eines la-
sich weder durchsetzen, noch miteinander mi- minaren Strömungsfeldes gesteigert, ändert sich
schen. Dabei können die einzelnen Schich- das Strömungsbild ab einem kritischen Wert er-
ten verschiedene Geschwindigkeiten haben und heblich. Die ursprünglich stabile laminare Strö-
sich aneinander vorbeibewegen. R EYNOLDS mung wird instabil. Der eingebrachte Farbstoff-
hat als erster diese Strömungsform durch Ein- „Faden“ führt immer stärkere unregelmäßige
leiten von Farbstoff mittels einer feinen Kanü- Querbewegungen aus, Bild 3-15, bis er sehr
le nachgewiesen. Dabei zieht sich von der in schnell vollständig zerflattert. Bei der turbulent
die Strömung eingebrachten Kanüle ein farbi- gewordenen Strömung überlagern sich der ge-
ger Stromfaden zwischen den Schichten ent- ordneten Grundströmung ungeordnete stocha-
lang der Strömung, ohne seine Form zu ändern, stische, d. h. statistisch zufallsbedingte Schwan-
Bild 3-14. Laminare Strömung entsteht vor al- kungsbewegungen in Quer- und Längsrichtung
lem bei kleinen Strömungsgeschwindigkeiten. (Strömungsrichtung). Die turbulente Strömung
Ein Vermischen (Diffusion) der Strombahnen ist deshalb durch eine intensive Durchmischung
findet nur im mikroskopischen Bereich statt, be- charakterisiert. Turbulente Strömungen, immer
dingt durch die thermische Molekularbewegung lokal instationär, sind gut korreliert (wechsel-
(freie Weglänge) der Teilchen. Die thermische bezogen), jedoch nicht deterministisch (vorbe-
Teilchengeschwindigkeit beträgt etwa 1000 bis stimmt), also zufällig ungeordnet, aber nicht
2000 m/s (Abschnitt 1.3.5.3). Die Fluidreibung völlig chaotisch. Die wohlgeordnete lamina-
kommt durch den molekülbedingten Impulsaus- re Schichtströmung ist in die irreguläre tur-
tausch zustande. Dieser wirkt sich als Scher- bulente Strömung (ungeordnet) übergegangen.
spannung (Viskosität) aus. Dem molekularen Impulsaustausch der lamina-
Allgemein wird eine Struktur mit regelmä- ren Strömung überlagert sich der makroskopi-
ßiger Ordnung als laminar bezeichnet. Lamina- sche der Turbulenzbewegung.
re Strömungen zeichnen sich daher durch einen Ständig wird makroskopische Schwan-
1)
lamina (lat.) Schicht, geordnet. kungsbewegung (Turbulenz) durch Impulsüber-
2)
turbo (lat.) Wirbel, ungeordnet. Turbulenz . . . un- trag letztlich in mikroskopische Bewegung
regelmäßige, nicht exakt reproduzierbare Variation (Wärme) umgewandelt (Dissipation). Dadurch
in Raum und Zeit; nur Mittlung. schwächt sich die Turbulenz fortwährend ab,
90 3.3 Fluid-Kinetik

Bild 3-16. Turbulenz (unregelmäßiges Verhalten).


Messgröße an festgehaltener Orts-Stelle als Funktion
Bild 3-15. Turbulente Strömung (makroskopisch
der Zeit t (Prinzipdarstellung)
ungeordnete Bewegung), besteht aus Haupt- und
Störbewegung. a) statistisch stationäre Strömung
b) statistisch instationäre Strömung.
Statthaltergröße Θ steht dabei für Geschwindigkeit c
wenn sie nicht von außen durch Energiezufuhr
oder Druck p. Θ̄ Mittelwert, bei Fall a) zeitlicher
immer neu angefacht wird, was meist der Fall. Mittelwert, bei Strömung b) sog. Ensemble-
Auswirkung der Viskosität somit Mittelwert (Orts-Mittelwert). Θ = Θ̄ + Θ  Moment-
– makroskopisch betrachtet: Reibung anwert, jeweils zur Zeit t
– mikroskopisch betrachtet: Impulsaustausch
Bei Strömungen ändert sich der Druck oft stischen Schwankungswerte c , p sind bei la-
in Strömungsrichtung (Abschnitt 3.3.6.3), al- minarer Strömung mikroskopisch klein und be-
so konvektiv mit dem Strömungsweg. Senk- wirken durch Querdiffusion nur den Ausgleich
recht zur Strömung (Querrichtung) dagegen ist von Konzentrations- sowie Temperaturunter-
der makroskopische Druckgradient jedoch im- schieden. Die Strömung ist jedoch stabil und die
mer null, d. h., es besteht hier keine Druckände- Reibung daher gering.
rung. Bei turbulenter Strömung sind die Schwan-
Die Aufrechterhaltung der Turbulenz er- kungswerte dagegen von makroskopischer Grö-
folgt besonders durch die Fluidreibung an den ße, also wesentlich größer als bei laminarer
Begrenzungen (meist Wände) des Strömungs- Strömung, wenn auch um Dekaden, kleiner als
feldes. Von den Wänden lösen sich fortlau- die Strömungsmittelwerte. Die turbulente Strö-
fend dort gebildete kleine Wirbel (Fluidteil- mung ist daher nur in ihren Mittelwerten stabil.
chengruppen mit Drehung) ab, die ins Flui- Die unregelmäßigen Schwankungswerte sind
dinnere eindringen und dadurch die Schwan- das Charakteristikum der turbulenten Strömung
kungsbewegungen (Mischbewegungen) haupt- und bewirken durch den starken Impulsaus-
sächlich verursachen. Im Kleinen (lokal) sind tausch die wesentlich erhöhte Reibung (Schub-
turbulente Strömungen infolge der unregelmä- spannung).
ßigen Schwankungen instationär. Unter Beach- Die Fluktuationen (Schwankungen) der
ten der zeitlichen Strömungsmittelwerte, d. h. Turbulenz erfolgen im Kilohertz- und Millime-
im Großen (global) betrachtet, können sie je- terbereich. Sie werden auch als Kleinturbu-
doch als stationär angesehen werden. lenz bezeichnet, im Gegensatz zur Großturbu-
Den Mittelwerten von Geschwindigkeit lenz (Wirbelbereiche, Ablösegebiete, Toträume
und Druck (c̄, p̄) sind unregelmäßige Schwan- → Abschnitt 3.3.4).
kungen (c , p ) überlagert. Die Momentanwerte Wie die Turbulenz aus der Laminarbewe-
von Geschwindigkeit und Druck betragen daher gung entsteht, ist letztlich noch nicht einwand-
c = c̄ + c und p = p̄ + p (Bild 3-16). frei analytisch geklärt (Stabilitätsproblem).
Die etwas chaotischen (Chaostheorie), d. h. P RANDTL entwickelte die Theorie, nach der
regellosen, letztlich nicht berechenbaren stati- Turbulenzen aus dünnen Fluid-Randschichten
3.3 Fluid-Kinetik 91

des Strömungsfeldes entstehen, die sich entlang schwindigkeit c und cx , cy , cz die zugehöri-
der Begrenzungswände bilden, den sog. Grenz- gen Schwankungs-Mittelwerte, die gemäß Defi-
schichten (Grenzschichttheorie). nition null sind, da positive und negative Wer-
Beim Entstehen der Turbulenz wird zwi- te (Richtungen) sich ausgleichen (aufheben).
schen drei Phasen unterschieden: Dagegen sind die zeitlichen Mittelwerte der
1. Anfachen kleiner Störungen. Quadrate dieser Schwankungsgeschwindigkei-
2. Entstehen örtlicher Turbulenzstellen. ten, also cx 2 , cy 2 und cz 2 praktisch immer un-
3. Anwachsen und Ausbreiten der lokalen gleich null. Die Minuszeichen der negativen
Turbulenzbereiche bis zur voll ausgebilde- Werte entfallen durch das Quadrieren vor der
ten turbulenten Strömung. Die Viskositäts- Mittelwertbildung.
kräfte steigen linear, die Turbulenzkräfte Wie bereits erwähnt, ist die turbulen-
quadratisch mit der Geschwindigkeit, wes- te unregelmäßige Schwankungsbewegung (Ne-
halb diese bei höheren Geschwindigkeiten benströmung) der Grundströmung (Hauptströ-
(gemäß ≥ Rekr , Abschnitt 3.3.2.2.4) über- mung), als zeitlicher Mittelwert der Strömungs-
wiegen und die Strömung turbulent bleibt. geschwindigkeit, überlagert. Die turbulente
Strömungsgeschwindigkeit c hat demnach die
Zusammenfassung: Form:
Turbulente Strömungen sind insgesamt durch
folgende Eigenschaften gekennzeichnet: c = c̄ + c (3-47)

– zeitabhängig – dreidimensional Bei isotroper Turbulenz, die meist näherungs-


– unregelmäßig – drehungsbehaftet weise vorliegt, ist
– mischungsintensiv – dissipativ   
cx2 = cy2 = cz2 und dazu der Turbulenzgrad:

Die charakteristischen makroskopischen Län- 
Tu = cx2 /c∞ (3-48)
gen (Abmessungen des Strömungsgebietes)
sind meist sehr viel größer als die kleinsten Bei üblichen turbulenten Strömungen hat der
Wirbel der turbulenten Strömung. Die Größe Turbulenzgrad Werte von Tu ≈ 0,1. Turbu-
der kleinsten Turbulenzelemente verringert sich lenzarme Strömungen haben Werte von Tu ≤
mit wachsender R EYNOLDS-Zahl. Die theore- 0,01. Gute Windkanäle beispielsweise errei-
tische und numerische Behandlung des Phäno- chen Tu ≈ 0,5 · 10−3, verwirklicht durch meh-
mens Turbulenz ist daher äußerst schwierig so- rere, quer zur Strömungsrichtung hintereinan-
wie aufwendig, wenn letztlich überhaupt mög- der angeordnete feinmaschige Beruhigungsgit-
lich (siehe Benutzer-Hinweise). ter (Siebe).
Die kritische R EYNOLDS-Zahl, bei welcher
3.3.2.2.2 Turbulenzgrad
der Übergang laminar-turbulent erfolgt, ist in
Der Turbulenzgrad Tu ist das Maß für die In- großem Bereich vom Turbulenzgrad abhängig.
tensität der Turbulenz und definiert: Erreicht der Turbulenzgrad jedoch den gerin-
( & '
1 2   gen Wert von 0,1 %, sog. kritischer Turbu-
cx + cy2 + cz2 lenzgrad, bleibt Rekr auch bei weiter fallendem
3
Tu = (3-46) Turbulenzgrad konstant. Das bedeutet, oberhalb
c∞
Tu = 0,1% wird der Umschlag durch äuße-
Dabei sind cx , cy , cz die Komponenten der
re Störungen herbeigeführt, z. B. durch turbu-
stochastischen1 turbulenten Schwankungsge- lente Schwankungsbewegungen der Windkanal-
1)
stochastisch . . . zufallsbedingt Zuströmung, unterhalb durch die nach der
Stochastik . . . Teilgebiet der Statistik, das sich mit Theorie von T OLLMIEN vorausgesetzten in-
der Analyse zufallsbedingter Ereignisse befasst. neren, etwa sinusförmigen Störungswellen.
92 3.3 Fluid-Kinetik

Die kritische R EYNOLDS-Zahl beträgt dabei et- Fluidteilchen verursachen, dass mechanische
wa im Bereich Rekr = (1 . . . 3) · 106. Energie verloren geht, die in Wärme umge-
setzt wird (Dissipation). Bei diesen Stoßvorgän-
Um die Schwankungsgeschwindigkeiten cx , cy ,
gen wird also kinetische Energie der (geordne-
cz zu messen, werden hauptsächlich Hitz-
ten) Strömung in kinetische Energie der (unge-
drahtanemometer eingesetzt. Prinzip solcher
ordneten) Wärmebewegung – molekularkineti-
Messsonden: Ein dünner elektrischer Draht
sche Gastheorie – überführt. Aus makroskopi-
(meist Gold von ungefähr 2 μm Durchmesser)
schen Schwankungen werden mikroskopische.
ist der Strömung ausgesetzt. Er kühlt sich, ab-
Die Turbulenz bewirkt dadurch einen zusätzli-
hängig von der Umströmungsgeschwindigkeit,
chen Strömungswiderstand, eine sog. turbulente
mehr oder weniger stark ab und verändert da-
Scheinreibung. Außerdem besteht die Vorstel-
durch seinen elektrischen Widerstand, der da-
lung, dass in einem turbulent strömenden Me-
mit ein Maß für die Strömungsschwankung ist.
dium ständig kleine „Fluidballen“ von wandna-
Nach entsprechender Kalibrierung misst er in-
hen Stromlinien (Grenzschicht) von solchen der
folge seiner sehr geringen Masse praktisch träg-
Kernströmung (Außenschicht) verdrängt wer-
heitslos die normal zu seiner Achse auftreten-
den und umgekehrt. Beschleunigung, bzw. Ver-
den Geschwindigkeitsschwankungen. Anwend-
zögerung der kleinen verdrängten Fluidballen
bar sind solche Geräte bei Strömungsgeschwin-
ist die Folge, was mechanische Energie ver-
digkeit über etwa 1 m/s.
braucht (Impulsaustausch). Die ständig neu
Ein anderes Verfahren ist die LASER-
entstehenden Turbulenzballen zerfallen ebenso
D OPPLER1 -Anemometrie, abgekürzt LDA, bei
wieder fortlaufend unter Wärmeerzeugung. Die
dem kein Messgeber in die Strömung einge-
turbulente Strömung verhält sich daher so, als
bracht werden muss. Hier wird die Geschwin-
ob sie eine zusätzliche Viskosität (Reibung) zu
digkeit über Laserstrahlablenkung (D OPPLER-
überwinden habe.
Effekt) durch in der Strömung sich mitbewe-
Basierend auf diesem Wirbelviskositäts-
gende kleinste Verunreinigungen gemessen, die
prinzip (Hypothese) von B OUSSINESQ2 kann
meist vorhanden sind. Das erfordert jedoch
entsprechend dem N EWTONschen Fluidrei-
durchsichtige Wände und aufwendige Appara-
bungsgesetz, (1-15), formal gesetzt werden:
turen sowie gegebenenfalls Beigabe von Streu-
teilchen. τt = ηt · ∂ c/∂ n (3-49)
Turbulenzfrequenzen (Geschwindigkeits- und
Druckschwankungen, teilweise im hörbaren Be- In diesem Spannungsansatz sind:
reich) betragen bei τt . . . Schubspannung, durch die Turbulenz
Flüssigkeiten ca. 5 bis 50 kHz hervorgerufen (Abschnitt 4.1.6.1.2)
Gasen, Dämpfen ca. 10 bis 100 kHz ηt . . . scheinbare Viskosität infolge Turbulenz
Dabei gibt es Schwankungswege in der Größen- n . . . Normalrichtung zur mittleren Strö-
ordnung von ca. 10−3 m. mungsgeschwindigkeitc

Die Scheinviskosität ηt , auch als turbulente


3.3.2.2.3 Scheinbare Viskosität ηt Austauschgröße oder Turbulenzviskosität be-
Durch die bei der Turbulenz vorhandenen sto- zeichnet, ist keine physikalische Stoffgröße,
chastischen Quer- oder Mischungsbewegungen sondern als sog. Impulsaustauschgröße maß-
erfolgt ein Impulsaustausch. Die dabei auf- geblich von der Turbulenzstärke und damit vom
tretenden teilelastischen Stöße zwischen den örtlichen Strömungszustand (Turbulenzstruk-
1)
D OPPLER, Christian (1803 bis 1858), österr. Phy- 2)
B OUSSINESQ, Valientin-Josef (1842 bis 1929), frz.
siker und Mathematiker. Mathematiker und Physiker.
3.3 Fluid-Kinetik 93

tur) abhängig, also vom Turbulenzgrad. Allge- fluktuierende Wirbel in turbulenten Strömun-
meingültige Zahlenwerte anzugeben ist deshalb gen, analog dem Impulsaustausch der Moleküle
nicht möglich. Meistens ist jedoch ηt  η . Der bei laminaren Strömungen, der molaren Vis-
Strömungswiderstand infolge Turbulenz ist so- kosität. Größere Wirbel zerfallen ständig in
mit wesentlich größer als der infolge (lamina- immer kleinere, bis letztlich nur die ther-
rer) Reibung (Viskosität). Der Strömungsverlust mische Bewegung der Moleküle (Wärme)
turbulenter Strömungen ist daher in der Regel gemäß der kinetischen Stoff-Theorie ver-
bedeutend größer als der laminarer. Oftmals be- bleibt → Energiekaskade. Die Wirbel und da-
trägt ηt das 100- bis über 1000-fache von η ; mit die Turbulenz muss daher ständig neu
beim Freistrahl z. B. 1400-fach. Deshalb ist bei angefacht werden, was entsprechenden Ener-
turbulenter Strömung die Laminar-, d. h. Mole- gieaufwand erfordert, der sich als Verlust aus-
kularviskosität η meist vernachlässigbar. drückt. Mechanische Energie wird in thermi-
sche transferiert (makroskopische in mikrosko-
νt = ηt / Turbulenz- oder Wirbelviskosität pische Bewegung).

Die gesamte Schubspannung, die Gesamtscher- Strömungsumschlag: Nach Versuchen ist die
spannung τges einer turbulenten Strömung ist Strömungsform und damit der Übergang von
daher: laminarer zu turbulenter Strömung maßgeblich
durch folgende Einflussgrößen bestimmt:
∂c
τges = (η + ηt ) · = ηges · D (3-50) – Strömungsgeschwindigkeit c,
∂n – Fluidart, gekennzeichnet durch die Eigen-
Hierbei könnte (η + ηt ) = ηges als Effektiv- schaften Dichte  und dynamische Viskosi-
oder Gesamtviskosität bezeichnet werden. Ge- tät η ,
mäß Abschnitt 1.3.5.1 ist D = ∂ c/∂ n das Ge- – Geometrische Abmessungen des Strö-
schwindigkeitsgefälle. mungsfeldes bzw. -vorganges,
Es werden auch bezeichnet: – Störungen der Strömung, wie z. B. zufällige,
τ = η · ∂ c/∂ n als laminare, mikrosko- praktisch immer vorhandene Unregelmäßig-
pische oder molekulare Schubspannung. Sie keiten, Erschütterungen, Schallwellen.
ist, wie erwähnt, bedingt durch den laminaren Durch diese Größen wird jedoch auch die
Impulsaustausch (mikroskopisch) infolge mo- R EYNOLDS-Zahl gebildet. Die R EYNOLDS-
larer (thermischer) Schwankungsbewegungen, Zahl ist daher die hauptsächliche Kenngröße für
die immer vorhanden sind und deshalb auch bei die Strömungsform und den Umschlag von la-
laminarer Strömung (Abschnitt 1.3.5.1). minarer in turbulente Strömung. Der Umschlag
τt = ηt · ∂ c/∂ n als turbulente oder erfolgt bei der sog. kritischen R EYNOLDS-
makroskopische Schubspannung, bedingt Zahl Rekr .
durch die turbulenten (makroskopisch) Schwan-
kungsbewegungen (Abschnitte 4.1.6.1.2 und 3.3.2.2.4 Kritische R EYNOLDS-Zahl
4.3.1.6). Der Umschlag laminar-turbulent ist ein Stabi-
litätsproblem und auf die entstehende Instabi-
Das Prinzip der Wirbelviskosität τt nach B OUS - lität der Laminarströmung zurückzuführen. Er
SINESQ beruht auf der Annahme, dass – ana- ist von der Art des Strömungvorganges abhän-
log zu den laminaren Schubspannungen – die gig, der Vorturbulenz des Fluids und anderen
turbulenten Spannungen ebenfalls proportional Einflüssen, z. B. Erschütterungen, Oberflächen-
zu den Deformationsgeschwindigkeiten (Scher- rauigkeit. Die kritische R EYNOLDS-Zahl muss
gefälle) der Strömung sind. Der Hintergrund experimentell ermittelt werden. Für die beiden
der Wirbelviskositätsannahme ist also die Mo- Gruppen Innen- und Außenströmungen ergibt
dellvorstellung des Impulsaustausches durch sich aufgrund von Messwerten:
94 3.3 Fluid-Kinetik

Innenströmungen (Rohr- und Kanalströmun- laminar. Technische Innenströmun-


gen): gen sind daher bei Re > Rekr immer
turbulent; überkritischer Fall.
ckr · D Re = Rekr
Rekr = = 2320 ≈ 2300 (3-51) kritischer Fall. Dieser Grenzfall
ν wird meist beim überkritischen ein-
Mit ckr . . . kritische Strömungsgeschwindig- gruppiert.
keit
Außenströmungen (Umströmungen)
D . . . Rohr- oder gleichwertiger Durch-
messer Dgl (Vergleichsdurchmesser, Rekr = (c · Lkr )/ν (3-52a)
Abschnitt 4.1.1.4.1).
Widerstandskörper (Hinweis auf Fußnote 1 ):
Daraus folgt Re < 2320 Laminarströmung
Rekr = 3 · 105 bis 5 · 105 (bis 3 · 106) (3-52b)
Re ≥ 2320 Turbulenzströmung
Auftriebskörper (Flügel-Profile):
Hinweis: Tabelle 6-11.
Rekr = (0,5 bis 1,5 bis 5) · 105 (3-52c)
Unter günstigen Bedingungen, d. h. Strömun-
gen ohne jede Vorturbulenz bei völlig erschütte- Lkr . . . kritische Körpertiefe in Strömungsrich-
rungsfreier Anordnung und ohne sonstigen stö- tung, davor laminar, danach turbulent.
renden Einflüssen, kann laminares Verhalten bis Während bei technischen Innenströmungen ei-
Re-Zahlen von ca. 10 000 aufrechterhalten wer- ne relativ scharfe Grenze für den Umschlag
den. Manche Forscher verwirklichten laminare festliegt, ist dies bei Außenströmungen nicht
Strömung sogar bis Re = 50 000. Bei der gering- der Fall. In der Regel erfolgt der Umschlag an
sten Störung, z. B. Erschütterung, schlägt diese der Stelle des Druckminimums am umströmten
labile laminare Strömung jedoch in turbulente Körper.
um und kehrt nicht mehr zurück. Oberhalb die-
ser Werte liegt demnach immer turbulente Strö- Widerstandskörper sind solche, die nur Strö-
mung vor. Dagegen besteht in der Technik erst mungswiderstand verursachen. Profil- oder
unterhalb Re = 2320 immer laminare Strömung, Auftriebskörper (Tragflügel) dagegen erzeugen
was allerdings nur selten auftritt. Die Strö- sowohl Auftrieb (Querkraft), ihre eigentliche
mung ist hier stabil laminar. Durch äußere Ein- Aufgabe, als auch unvermeidlichen Widerstand
flüsse verursachte Störungen (Wirbel) „beruhi- (Abschnitt 4.3.3).
gen sich“, d. h. sie verschwinden langsam und Bei technischen Umströmungen von Wider-
die Strömung wird wieder laminar (sie kehrt zu- standskörpern mit der Länge L in Strömungs-
rück). richtung liegt der Umschlagspunkt normaler-
Allgemein kann deshalb definiert werden: weise zwischen Re = 3 ·105 bis 5 ·105, also Um-
strömung meist:
Re < Rekr stabiles laminares Verhalten; unter-
kritischer Fall. Wird in diesem Be- Re = c · L/ν < 3 · 105 bis 5 · 105 laminar
reich eine Strömung gestört, z. B. Re = c · L/ν ≥ 3 · 105 bis 5 · 105 turbulent
durchgerührt, so klingt diese Stö-
rung mit wachsender Entfernung Turbulente Umströmung bedeutet laminare An-
von der Störstelle ab und die Strö- fangsströmung bis Weglänge (kritischer Wert):
mung wird wieder laminar. Lkr = (Rekr · ν )/c
Re > Rekr labiles laminares Verhalten. Bei der
geringsten Störung schlägt die lami- dann Umschlag und danach turbulentes Weiter-
nare Strömung, sofern vorhanden, in strömen.
turbulente um und wird nicht mehr 1)
Der eingeklammerte Bereich gilt für Sonderfälle.
3.3 Fluid-Kinetik 95

Je stärker die Vorturbulenz, desto früher erfolgt Von einem N EWTONschen Fluid darf ange-
der Umschlag. Bei besonders störungsfreier Au- nommen werden, dass es sich in genügender
ßenströmung kann der Umschlagspunkt bis auf Entfernung von einer festen Begrenzungswand
Rekr = 3 · 106 hinausgeschoben werden. bzw. von der Oberfläche eines eingetauchten
Körpers nahezu wie ein ideales Fluid verhält,
Bemerkungen:
wenn von der Turbulenzwirkung abgesehen
1. Da sich die R EYNOLDS-Zahl auch aus dem wird. Bei geringer Viskosität kann die Fluid-
Verhältnis von Trägheits- und Viskositäts- reibung nach dem N EWTON-Reibungsgesetz
kraft, (3-41), ergibt, kann festgestellt wer- nur dann einen merklichen Einfluss ausüben,
den: Bei Strömungen mit sofern ein großes Geschwindigkeitsgefälle vor-
kleinen Re-Werten: Viskositätskraft über- handen ist. Im äußeren Strömungsbereich ist
wiegt (viskose Strö- dies im Allgemeinen nicht der Fall, wohl aber
mungen), also η be- im Randbereich, d. h. in unmittelbarer Wandnä-
stimmende Stoffgröße. he. Während also das Fluid an der Wand haf-
großen Re-Werten: Trägheitskraft über- tet und dort deren Geschwindigkeit annimmt,
wiegt (träge Strö- erreicht diese schon in geringem Wandabstand
mungen), d. h.  be- fast den Wert der reibungsfreien Bewegung.
stimmende Stoffgröße. Zwischen der Wand einerseits und der äuße-
2. Schleichende Strömungen ren, annähernd reibungsfreien Strömung ande-
Schleichende Fluidbewegungen sind Strö- rerseits befindet sich daher eine dünne Über-
mungen mit sehr kleinen Re-Zahlen. Im gangsschicht, die sog. Reibungs-, Rand- oder
Allgemeinen wird Re ≤ 1 als Grenze festge- Grenzschicht. In dieser relativ dünnen Grenz-
legt. Solche vollausgebildeten Viskositäts- schicht vollzieht sich somit der Übergang von
störungen sind z. B. der Wandgeschwindigkeit etwa zum Wert der
– Kapillarströmungen (eindimensional). äußeren Strömung.
– Schmierschichtströmungen Nach dieser sog. Grenzschichttheorie kann
(zweidimensional), demnach das Strömungsfeld in zwei, allerdings
– S TOKESsche Kugelumströmung nicht scharf voneinander getrennte Bereiche
(dreidimensional). eingeteilt werden:
3. Technische Strömungen sind, wie die Be-
rechnung ergibt und die Erfahrung, bzw. der a) Äußerer Bereich (Außenströmung), in dem
Versuch bestätigt, fast durchweg turbulent. angenähert konstante Geschwindigkeit und
Eine der wenigen technischen Ausnahmen damit nahezu reibungsfreie Bewegung
ist die Strömung in Warmwasserheizungen. herrscht. Hier gelten bei Wirbelfreiheit die
Grund: Geräuschvermeidung, da Turbu- Gesetze der Potenzialströmung → nichtvis-
lenz-Druckschwankungen hörbar. koses Gebiet. Bei Turbulenz ist jedoch der
dadurch bedingte, verlustbehaftete Impuls-
3.3.3 Grenzschichttheorie austausch vorhanden (Abschnitt 3.3.2.2.3).
b) Grenzschicht (Randströmung) mit steilem
3.3.3.1 Grundsätzliches Geschwindigkeitsanstieg, in welcher die Ge-
Nach der Haftbedingung (Abschnitt 1.3.3) setze der viskosen Fluidbewegung – exakt
nimmt die eine Begrenzungswand berührende durch NAVIER-S TOKES-Gleichungen be-
Fluidschicht (Monomolekularschicht) infolge schrieben – maßgebend sind. Infolge des ho-
Adhäsionswirkung deren Geschwindigkeit an. hen Geschwindigkeitsgradienten treten trotz
Bei den üblichen Fluiden geht der Wandeinfluss kleiner Fluidviskosität in der Grenzschicht
jedoch sehr schnell zurück und hört in meist meist erhebliche Reibungswirkungen auf
vergleichsweise kleinem Abstand praktisch auf. (viskoses Gebiet).
96 3.3 Fluid-Kinetik

Auch Großwirbel-Gebiete gehören, falls vor- 3.3.3.3 Verdrängungsdicke δ1


handen, zu den Reibungsbereichen, die meist er- Statt der Grenzschichtdicke δ wird oft auch
hebliche Strömungsverluste bewirken. die Verdrängungsdicke δ1 verwendet. Diese ist
Innerhalb der Grenzschicht sind bei kleiner Vis- nach S CHLICHTING [53] definiert:
kosität, d. h. üblichen Fluiden, Reibungs- und ∞
Trägheitskräfte, besonders bei Turbulenz, etwa 1
δ1 = (c∞ − c (n)) dn (3-53)
von gleicher Größenordnung. Außerhalb (Kern- c∞
n=0
strömung) ist praktisch nur noch die Turbulenz-
Trägheitskraft von Bedeutung und die Viskosi- Mit c∞ . . . Geschw. bei n → ∞. Praktisch ist
tätskraft vernachlässigbar. c ≈ c∞ mit c bei n ≥ δ .
Die Fluidviskosität wirkt sich deshalb di- n . . . Normalenrichtung zur Wand
rekt fast ausschließlich in der Grenzschicht aus, (Bild 3-17).
während ihre Wirkung in der Außenströmung
direkt ohne Bedeutung ist, aber von indirek-
tem Einfluss über die Turbulenz. Auch bleibt
der Druck in der Grenzschicht in Querrichtung
praktisch konstant. Der Druck wird der Grenz-
schicht gleichsam von der Außenströmung auf-
geprägt [53].
Das große Verdienst von L. P RANDTL1 be-
steht darin, diese Trennung zwischen Außen-
und Randströmung erstmals vorgenommen und
damit die Strömungsvorgänge insbesondere in
der Grenzschicht einer theoretischen Behand-
lung, der Grenzschichttheorie, zugänglich ge- Bild 3-17. Grenzschichtdicke δ und Verdrängungs-
macht zu haben. Die Überlegungen führen dicke δ1 .
zu der sog. P RANDTLschen Grenzschichtglei-
chung (Abschnitt 4.3.1.4). Die Verdrängungsdicke δ1 gibt an, um welchen
Betrag die Stromlinie der äußeren Strömung
3.3.3.2 Grenzschichtdicke δ durch die Grenzschicht nach außen verscho-
ben werden (Verdrängungswirkung der Grenz-
Die Definition der Grenzschichtdicke ist in ge-
schicht). Infolge der geringeren Geschwindig-
wisser Weise willkürlich, da sich der Über-
keit in der Grenzschicht ist hier die strömen-
gang der Geschwindigkeit in die Außenströ-
de Fluidmenge kleiner als im Außenbereich.
mung asymptotisch vollzieht. Praktisch ist dies
Dieser Versperrungseffekt lässt sich bei unver-
jedoch bedeutungslos, da die Geschwindigkeit,
ändert angenommener Geschwindigkeit (dünne
wie erwähnt, in der Grenzschicht i. Allg. be-
Linie in Bild 3-17) interpretieren als Erhöhung
reits in sehr kleinem Wandabstand fast die Ge-
der Wand um die Verdrängungsdicke. Bei längs
schwindigkeit der Außenströmung erreicht.
angeströmten Platten z. B. beträgt die Verdrän-
Als Grenzschichtdicke δ wird in der Regel
gungsdicke δ1 bei laminar etwa 1/3 und bei tur-
der Wandabstand definiert, an dem sich die Ge-
bulent ca. 1/8 der Grenzschichtdicke δ .
schwindigkeit nur noch um 1% vom Wert der
Außenströmung unterscheidet, Bild 3-17.
3.3.3.4 Grenzschichtströmung
1)
Vortrag über Grenzschichttheorie auf dem Inter- Die Strömung in der Grenzschicht selbst
nationalen Mathematiker-Kongress in Heidelberg kann ebenfalls laminar oder turbulent sein,
1904. P RANDTL , Ludwig (1875 bis 1953), dt. Phy- Bild 3-18. Dabei ist der Geschwindigkeits-
siker und Ingenieur. anstieg in der turbulenten Grenzschicht und
3.3 Fluid-Kinetik 97

Bild 3-18. Laminare (– – –) und turbulente (––––)


Grenzschichtströmung (Geschwindigkeitsverlauf Bild 3-19. Turbulente Grenzschicht.
oder -profil). Indizes: l laminar; t turbulent.
werden, hergeleitet mit Impuls- und Energie-
satz. Diese logarithmische Verteilung ist zu-
damit die Strömungsenergie (kinetische Ener-
dem vollständig stetig. Das bedeutet z. B. ohne
gie) wesentlich größer als in der laminaren.
Knick in der Mitte von Rohren, der beim 1/7-
Dies hat zur Folge, dass der Strömungswi-
Potenzgesetz auftritt.
derstand nach dem N EWTONschen Reibungs-
Wie bei der turbulenten Außenströmung,
gesetz bei turbulenter Grenzschicht erheb-
sind auch bei der turbulenten Grenzschichtströ-
lich größer ist als bei laminarer (Nachteil),
mung entlang der Wand der Grundgeschwin-
und zwar bis ca. fünffach. Da der turbulen-
digkeit Schwankungskomponenten in Längs-
ten Grenzschicht durch Impulsaustausch mit
und Querrichtung überlagert. Infolge Haftbe-
der Außenströmung andererseits immer wie-
dingung, des dämpfenden Einflusses und Un-
der Energie zugeführt wird, wodurch sich
durchlässigkeit verschwinden diese jedoch di-
der steilere Geschwindigkeitsanstieg begründet,
rekt an der Wand. Darüber hinaus sind die-
ist sie weniger ablösungsgefährdet, d. h. ablö-
se in unmittelbarer Wandnähe sehr klein und
sungsunempfindlicher als eine laminare Grenz-
gehen gegen null. Hieraus folgt, dass bei je-
schicht (Vorteil). Die turbulente Grenzschicht
der turbulenten Grenzschicht unmittelbar in
überwindet deshalb ohne Ablösung etwa den
Wandnähe eine sehr dünne laminare Unter-
dreifachen Druckanstieg der laminaren, falls
schicht (viskose Schicht) vorhanden ist, deren
vorhanden. Zudem ist der Wärmeübergang bei
Dicke etwa 2 bis 5% der gesamten Grenz-
turbulenter Strömung, bedingt durch die über-
schicht beträgt. Bei N EWTONschen Fluiden ist
lagerte Schwankungsbewegung, ein Vielfaches
dabei der Einfluss der Viskosität auf die Unter-
des bei laminarer.
schicht beschränkt, während im Hauptbereich
Geschwindigkeitsverteilung, Potenzgesetze: der Grenzschicht (Oberschicht) die Turbulenz
von Bedeutung ist. Den Aufbau der turbulen-
laminar cl (n)/c = 1 − [(δ − n)/δ ]2 (3-54)
ten Grenzschicht zeigt Bild 3-19. Der Um-
turbulent ct (n)/c = (n/δ ) m
(3-55) schlag der Grenzschicht von laminar in turbu-
mit Exponent m ≈ 1/7 → lent ist ein Stabilitätsproblem. Die Berechnung
1/7-Geschwindigkeits-Gesetz des Umschlagpunktes stellt sich als eines der
schwierigsten Probleme der Fluidmechanik dar
Die Geschwindigkeitsverteilung der turbulen- (Grenzschicht-Differenzialgleichungen) und ist
ten Grenzschicht kann oft besser durch eine deshalb mathematisch noch nicht exakt gelöst.
entsprechend gestaltete logarithmische Funkti- Meist sind langwierige komplizierte Experi-
on, das sog. Logarithmusgesetz, angenähert mente notwendig. Dies ist auch durch die lami-
98 3.3 Fluid-Kinetik

nare Unterschicht und deren Übergang zur tur- cher Bewegung sowie Drehung veranlasst wer-
bulenten Hauptschicht bedingt. Die Zwischen-, den, also Turbulenz verursachen.
d. h. Übergangszone laminar/turbulent ist ma- Bei ungünstiger, d. h. schräger Anströ-
thematisch kaum zu fassen. Als Anhaltspunkt mung kann es sogar zur Strömungsablösung di-
kann gelten: Der Umschlagspunkt liegt annä- rekt ab der Körpervorderkante kommen. Die
hernd an der Stelle des Druckminimums der Au- Grenzschicht entfernt sich dabei von der Wand,
ßenströmung, die oft, wie erwähnt, genügend und ein Wirbel-Rückströmgebiet entsteht, das
genau als Potenzialströmung aufgefasst werden sich zwischen Wand und gesunder Außenströ-
kann. mung legt. Die spitze Körpervorderkante wird
Bei laminarer Grenzschicht wird von un- dann zur Abreißstelle für die Strömung.
terkritischer Strömung gesprochen. Überkriti- Insgesamt ist somit zwischen Turbulenz-
scher Zustand besteht, wenn sich außer der la- und Abreißkanten(-stellen) zu unterschei-
minaren Grenzschicht infolge Umschlag auch den. An Turbulenz- oder Stolperkanten(-stellen)
noch turbulente anschließt (Bild 3-20). Der wird die Grenzschicht turbulent (Umschlag la-
Übergang vom unter- zum überkritischen Zu- minar in turbulent), an Abreißkanten(-stellen)
stand erfolgt bei umso kleinerer R EYNOLDS- löst sie sich vom Körper ab.
Zahl (3-52), je schlanker der umströmte Kör- Das Entstehen und der Umschlag von la-
per oder/und je turbulenter die Zuströmung ist. minarer zu turbulenter Grenzschicht lassen sich
Bei scharfkantigen Körpern dagegen erfolgt der am besten an der Plattenströmung verdeutli-
Umschlag sofort an dessen Spitze, welche im- chen. Eine angerundete (Nase), theoretisch un-
mer als Turbulenzkante wirkt (Abschnitt 3.3.4). endlich große Platte soll so in ein Strömungs-
An dieser Stolperkante wird die Grenzschicht feld eingebracht werden, dass sie in Längs-
schlagartig turbulent. Eine Schneide kann im richtung angeströmt wird. Von der angeström-
Vergleich zur Größe der Moleküle bzw. Mole- ten Plattennase (Staupunkt S) ausgehend bil-
külgruppen nicht so scharf sein, dass Fluidteil- det sich beiderseits der Platte eine Grenzschicht
chen nicht dagegenstoßen und dadurch zu seitli- aus. In Bild 3-20 ist nur auf einer Plattensei-
te die Grenzschicht in maßstäblich vergrößer-
ter Dicke gezeichnet. Die sich entwickelnde
Grenzschicht ist auch bei turbulenter Außen-
strömung anfänglich laminar, da durch den Vis-
kositätseinfluss in Wandnähe die Schwankungs-
komponenten unterdrückt werden. Die Grenz-
schicht wächst in Strömungsrichtung entlang
der Wand ständig. Nach einer gewissen Lauf-
länge wird die Grenzschichtströmung instabil,
da die in der Strömung wirkenden Reibungs-
kräfte nicht mehr zur Dämpfung der immer vor-
handenen und größer werdenden Störungen, der
sog. T OLLMIN-S CHLICHTING-Instabilität, aus-
reichen. Es kommt zum Umschlag laminar in
turbulent. Hinter dem Umschlagspunkt U ist
die Grenzschicht turbulent. Sie besteht aus der
Bild 3-20. Grenzschichtausbildung an ebener Plat- turbulenten Oberschicht mit laminarer Unter-
te. S Staupunkt, auch als Anlegestelle(-kante) be- schicht, die auch als viskose (Unter-)Schicht
zeichnet. U Umschlagpunkt. bezeichnet wird. Hier überwiegen die viskosen
Index: l laminar, t turbulent, kr kritisch. Kräfte, ja sogar ausschließlich vorhanden.
3.3 Fluid-Kinetik 99

Genähert δu /δ = 77 · Re−0,7
x (3-55a) schichtdicken ergeben sich aus folgenden Nähe-
mit Rex = c∞ · x/ν der sog. Lauflängen rungsformeln nach S CHLICHTING [53], die teil-
weise von der P RANDTLschen Grenzschicht-
REYNOLDS-Zahl ReL
gleichung abgeleitet sind mit Res = ReL · (s/L):
wobei x Laufweg der Strömung, zugehörig
zu δu , Bild 3-19. Laminare Grenzschichtdicke
( (
Bei der ausgebildeten Turbulenz lösen sich ν · sl sl sl · Lkr
δl ≈ 5· = 5· √ = 5· ∼ s0,5
l
laufend Fluidteile mit Drehbewegung ab, die c∞ Res, l Rekr
von der Hauptströmung beschleunigt werden, (3-56)
während gleichzeitig andere Teilchenballen von
Turbulente Grenzschichtdicke
der Grenzschicht zwischen Grenzschicht und
Hauptströmung erfasst und abgebremst werden. ν · s4t st
δt ≈ 0,37 ·
5
= 0,37 · √
5
Dieser fortlaufende Mediumsaustausch bildet c∞ Res, t
dann die eigentliche Ursache des Strömungs-
5 st · Lkr
4
widerstandes – Scheinreibung durch turbulente = 0,37 · ∼ s0,8
t
Vermischung, sog. Impulsaustausch oder besser Rekr
Impulsübertragung, bei Abschn. 4.1.6.2, turbu- (3-57)
lente Rohrströmung. Er erstreckt sich über die Die Dicke der turbulenten Grenzschicht wächst
gesamte Strömung, sodass sich über die geord- mit dem Strömungsweg s, also wesentlich
nete Parallelbewegung eine unregelmäßig wir- schneller (δt ∼ s0,8 , d. h. fast linear) als die der
belnde Nebenbewegung lagert. Die Loslösung laminaren (δl ∼ s0,5 ) Grenzschicht.
des Hauptstromes von der Grenzschicht bewirkt Die Näherungsbeziehungen ergeben sich
einerseits, dass die Wandschubspannung sich über die Annahme, dass innerhalb der Grenz-
vergrößert, also auch der Widerstand höher ist schicht Viskositäts- und Trägheitskraft von glei-
als bei laminarer Strömung. Sie hat aber auch cher Größenordnung sind (Abschnitt 3.3.3.1).
die Folge, dass die Geschwindigkeit, d. h. der Infinitesimale Trägheitskraft dFT =  · cx ·
an einer bestimmten Stelle vorhandene zeit- (∂ cx /∂ x) · dV und die differenzielle Viskosi-
liche Mittelwert sich viel gleichmäßiger über tätskraft (Widerstand) dFW = (∂ τ /∂ y) · dy ·
den Querschnitt verteilt als bei laminarer Bewe- dx · dz = μ · (∂ 2 cx /∂ y2 ) · dV werden somit
gung, z. B. bei der Rohrströmung. gleichgesetzt ( dFT = dFW ) und mit den Strö-
Winzige zufällige Störungen, z. B. Ober- mungshauptgrößen, Außenströmungsgeschwin-
flächenrauigkeiten und sonstige Unregelmäßig- digkeit c∞ und Strömungsweg L (Körperlän-
keiten, die immer vorhanden sind, versetzen die ge), in Verbindung gebracht → ∂ cx /∂ x ∼ c∞ /L
Strömung in kleine Schwingungen, die sich all- und ∂ 2 cx /∂ y2 ∼ c2∞ /L. Zudem sind die Beson-
mählich aufschaukeln. Je weiter stromabwärts derheiten von laminarer und turbulenter Grenz-
diese sind, desto stärker werden die Verwirbe- schicht zu berücksichtigen.
lungen, bis sie plötzlich sprunghaft ihre Intensi-
Luftströmung: c∞ =20 m/s; ReL =Rekr
tät vervielfachen und ein völlig unregelmäßiges B
Strömungfeld verursachen: Der Umschlag lami-
ν = 15 · 10−6 m2 /s; Rekr = 4 · 105;
sl = 0,3 m; st = 0,3 m.
narer in turbulente Strömung hat stattgefunden.
Die turbulente Grenzschicht ist dicker als die la- Dazu sind nach (3-56), (3-57) und (3-52a):
minare, weist jedoch ein Geschwindigkeitspro- δl ≈ 2,4 mm; δt ≈ 8,4 mm; Lkr = 300 mm; bei
fil mit steilerem Randanstieg (Wand) auf, was
auch zur höheren Reibung beiträgt (1-14). δl /sl = 0,008 =
 0,8%; δt /st ≈ 0,03 =
 3%.
Die Lage des Umschlagpunktes ist durch Bei 10 m Lauflänge, falls möglich, d. h. wenn
die kritische R EYNOLDS-Zahl für die Außen- Umschlag vermeidbar wäre, würde δl ≈ 14 mm
strömung, (3-52), gekennzeichnet. Die Grenz- und δt ∼ 140 mm betragen.
100 3.3 Fluid-Kinetik

In der laminaren Grenzschicht wird durch strömter Körper kommen, z. B. bei Ma ≈ 3


Fluidreibung und in der turbulenten hauptsäch- um ca. 400 ◦ C (Abschnitt 5.5.3.2). Das erfor-
lich beim Impulsaustausch (teilelastische Stö- dert bei Überschallflugkörpern hinsichtlich der
ße) kinetische Energie der Strömung in Wär- Materialbeanspruchung entsprechende Gegen-
me umgesetzt. Dadurch entstehen Verluste, die maßnahmen (Kühlung). Alle Überlegungen gel-
sich als Strömungswiderstände darstellen. Da ten jedoch nur, wenn das Medium, meist die
die Verluste beim Impulsaustausch (scheinba- Luft, als Kontinuum betrachtet werden kann
re Viskosität), wie erwähnt, wesentlich höher (K NUDSEN-Zahl, Abschnitt 1.2), was in Erd-
sind als die Reibungsverluste und die turbulente nähe auch bei hohen Geschwindigkeiten zu-
Grenzschicht beachtlich dicker ist als die lami- trifft. Bei Fluggeschwindigkeiten in großen Hö-
nare, ist der Strömungswiderstand bei turbulen- hen (ab ca. 50 km) jedoch ist die Luft so
ter Grenzschicht bedeutend größer als bei lami- stark verdünnt, dass die mittlere freie Weglän-
narer Grenzschicht (ca. 5-fach). ge ihrer Moleküle von der Größenordnung der
Für die Dicke δu der laminaren Unterschicht gilt Körperabmessungen (etwa Grenzschichtdicke)
nach S CHLICHTING: wird. In derartigen Fällen ist die Haftbedingung
(Abschnitt 1.3.5) nicht mehr erfüllt. An Stelle
δu = 100 · ν /c∞ (3-57a) des Haftens tritt an den Wänden entsprechen-
des Gleiten auf. Grenzschichtüberlegungen sind
dann nicht mehr zulässig.
3.3.3.5 Kompressible Grenzschichten
Die Behandlung der Grenzschichten kompres-
3.3.4 Strömungs-Ablösungen
sibler Strömungen (kompressible Grenzschich-
ten) verursachen wesentlich größere Schwie- Grenzschichten lösen sich unter bestimmten
rigkeiten, die noch nicht hinreichend über- Bedingungen von den Begrenzungswänden ab.
wunden sind. Der Grund liegt hauptsächlich Die „gesamte“ Strömung wird dadurch von
in der Temperaturabhängigkeit der Stoffwerte der Oberfläche des umströmten Körpers oder
(, ν , λ , cp , cv ) des strömenden Mediums. Die der Wand des durchströmten Rohres, bzw. Ka-
Temperatur ihrerseits ändert sich bei kompres- nals, abgedrängt. Die verzögerte Grenzschicht
siblen Fluiden mit dem Druck. wandert in das Innere der Strömung, verstärkt
Außer der Strömungsgrenzschicht bildet die Turbulenz und erhöht dadurch die Verlu-
sich zudem eine Temperaturgrenzschicht, die ste. Zwischen Wand und der abgelösten gesun-
sich gegenseitig beeinflussen. Neben R EY - den Strömung bildet sich ein mit Wirbel durch-
NOLDS - und M ACH -Zahl ist daher jetzt auch setzter Bereich, ein sog. Wirbel- oder Tot-
noch die P RANDTL-Zahl [75] zu beachten (Ab- raum, d. h. ein mit Großwirbeln durchsetztes
schnitt 4.3.1.7). Gebiet, deshalb auch als Ablösegebiet oder
Sollen die P RANDTLschen Vorstellungen Großturbulenz bezeichnet.
der Grenzschicht auch bei kompressiblen Strö- Toträume sind die Ursache der größten
mungen beibehalten werden, sind die Grenz- Strömungsverluste. Zu verhindern, dass sich
schichtgleichungen von P RANDTL entspre- Strömungen ablösen, ist deshalb praktisch sehr
chend zu erweitern (Abschnitt 4.3.1.4 und [53]). bedeutungsvoll und stellt daher eine wichtige
Die Theorie ergibt – was die Praxis be- Aufgabe für den Ingenieur dar. Oftmals lassen
stätigt –, dass durch die kompressible Grenz- sich Ablösungen durch konstruktive Maßnah-
schicht ein Aufheizen der angrenzenden Wand men wenigstens teilweise oder sogar vollständig
stattfindet, verbunden mit weiter erhöhter Rei- vermeiden.
bungswirkung. Bei großen Anströmgeschwin- Wenn in Strömungsrichtung längs der Kör-
digkeiten kann es dadurch zu erheblichen Tem- perkontur ein Gebiet mit Druckanstieg vorhan-
peraturerhöhungen an der Oberfläche derart um- den ist, kann meist das in der Grenzschicht
3.3 Fluid-Kinetik 101

Bild 3-21. Geschwindigkeitsprofile bei Druckabfall (Bereich B) und Druckanstieg (V). Ablösungspunkt der
Grenzschicht (A). Grenzschicht: Mit Kleinwirbeln durchsetztes Gebiet (Mikroturbulenz). Totraum: Mit Groß-
wirbeln durchsetztes Gebiet (Makroturbulenz). Je steiler der Druckanstieg, desto größer die Ablösegefahr.

abgebremst strömende Fluid infolge seiner ge- besonders in den grundlegenden Werken von
ringeren kinetischen Energie nicht allzuweit in S CHLICHTING [53] und T RUCKENBRODT [50].
den Bereich des höheren Druckes eindringen. In Bild 3-21 ist der Vorgang dargestellt. Im
Die Grenzschicht weicht deshalb diesem Gebiet Bereich B wird das Fluid infolge Druckabfall
seitlich aus, löst sich dazu von der Wand ab und beschleunigt (Begründung Abschnitt 3.3.6.3.3
wird in das Innere der Strömung gedrängt. Nach und 4.3.3). Die Beschleunigung wirkt der Ver-
der Grenzschichtablösung strömen im Wand- zögerung entgegen, welche die Fluidteilchen in
bereich die Fluidteilchen, dem Druckgradien- der Grenzschicht infolge Wandreibung erfah-
ten folgend, der Hauptströmung entgegen. Als ren. „Beschleunigte“ Grenzschichten lösen sich
Ablösungspunkt ist die Grenze zwischen Vor- deshalb nicht ab, und die Verluste sind gering
und Rückströmung der wandnächsten Schicht (ca. 2 bis 10%). In Punkt G ist der niedrig-
definiert. Dies ist die Wandstelle, bei der die ste Druck und zugehörig die höchste Geschwin-
Tangente an das Geschwindigkeitsprofil nor- digkeit im Strömungsfeld erreicht. Im Bereich
mal auf der Körper-Oberfläche steht (Bild 3-21, V wird die Strömung verzögert und der Druck
Stelle A). Die mathematisch-analytische Dar- steigt daher wieder an. Die infolge der Wandrei-
stellung ist mit der P RANDTLschen Grenz- bung stärker abgebremste Grenzschicht wird
gleichung möglich, die sich aus den NA - von der äußeren Strömung anfänglich noch mit-
VIER-S TOKES -Gleichungen durch entsprechen- geschleppt. Sie büßt jedoch ständig an kineti-
de Vereinfachungen ergibt. Weitere Hinweise scher Energie ein. Die Grenzschichtdicke nimmt
auf diese Zusammenhänge befinden sich in Ab- deshalb ständig zu. Bei dem weiter steigen-
schnitt 4.3.1. Nähere Ausführungen finden sich den Druck kommen die Fluidteilchen in Wand-
102 3.3 Fluid-Kinetik

nähe schließlich völlig zur Ruhe und werden anfänglich zwangsläufig eine laminare Grenz-
sogar zur Umkehr gezwungen. Diese rückläu- schicht.
fige Strömung schiebt sich zwischen Körper- Bleibt die Grenzschicht laminar (sog. un-
oberfläche und Grenzschicht, wodurch die Au- terkritischer Fall), löst sie sich etwa an der Stelle
ßenströmung, wie geschildert, vom Körper ab- kleinsten Druckes, also beim Kugeläquator, ab,
gedrängt wird. Die Ablösung beginnt in Punkt meist sogar etwas davor, Bild 3-22, Teil a. Die
A. Die Außenströmung prägt der Grenzschicht laminare Grenzschicht kann infolge ihrer gerin-
ihren Druckverlauf auf. Dieser Druckentwick- gen kinetischen Energie nicht gegen den stei-
lung muss sich die langsamer strömende Grenz- genden Druck hinter dem Kugeläquator anströ-
schicht anpassen. Zwischen beiden Strömungen men. Es bildet sich ein sehr großer Totraum, der
entsteht eine Unstetigkeitsfläche (Bild 3-23), erhebliche Verluste verursacht. Der Strömungs-
die sich jedoch wegen ihrer Labilität spiralför- widerstand ist entsprechend groß, was auch der
mig in Einzelwirbel auflöst, die von der äußeren in Bild 3-22a auf der Körperoberfläche einge-
Strömung mit fortgeführt werden. Die zur Er- tragene Druckverlauf verdeutlicht.
zeugung der Wirbel verbrauchte Energie ist im Wird dagegen durch einen aufgelegten
Wesentlichen mechanisch verloren. Sie findet Drahtring, den sog. Stolperdraht, (Bild 3-22b),
ihr Äquivalent in einem entsprechenden Strö- die Grenzschicht absichtlich zum Umschlagen
mungswiderstand und einer meist vernachläs- von laminar in turbulent veranlasst, d. h. über-
sigbaren Temperaturerhöhung des strömenden kritischer Fall, liegt sie infolge ihrer größeren
Fluides. Da das Geschwindigkeitsprofil der tur- kinetischen Energie bis weit über den Äqua-
bulenten Grenzschicht völliger ist, Bild 3-18, tor hinaus an der Kugeloberfläche an. Aufge-
als das der laminaren, d. h. die Geschwindig- raute und genoppte Oberflächen wirken in glei-
keit bis dicht an die Wand größer bleibt, kann cher Weise. Bei genügend großer R EYNOLDS-
sie infolge dieser höheren kinetischen Energie Zahl erfolgt der Übergang vom unter- zum
länger gegen den steigenden Druck anlaufen. überkritischen Zustand auch ohne Stolperstel-
Turbulente Grenzschichten lösen sich deshalb len. Die Re-Zahl für den Umschlag wird je-
erst wesentlich später von den Wänden ab, wes- doch umso kleiner, je größer die Rauigkeit ist.
halb das Wirbelgebiet kleiner bleibt. Der Rei- Die turbulente Grenzschicht kann sehr weit ge-
bungswiderstand durch Fluidviskosität und Im- gen ansteigenden Druck anlaufen, bis sie sich
pulsaustausch ist zwar höher, der Gesamtwider- ablöst. Das Wirbelgebiet ist klein und der ge-
stand infolge wesentlich kleinerem Wirbelge- samte Strömungswiderstand entsprechend nied-
biet (Totraum) jedoch geringer als bei laminarer rig, etwa halb so groß wie der bei laminarer
Grenzschicht. Deshalb wird bei Strömungspro- Grenzschicht. Grundsätzlich ähnliche Verhält-
blemen mit Ablösungsgefahr turbulente Grenz- nisse ergeben sich bei anderen Körperformen
schicht angestrebt, die oftmals durch besonde- mit stumpfer, abgerundeter Vorder- und Rück-
re Vorkehrungen, also Stolperstellen, künstlich seite.
erzeugt wird. Infolge ihrer kleineren Geschwindigkeit
Dieses Weiter-nach-hinten-Verlagern des unterliegen die Grenzschichtteilchen in der
Ablösungspunktes bei turbulenter Grenzschicht Strömung längs konvex gekrümmter Wand ge-
und der damit verbundene starke Widerstands- ringeren Zentrifugalkräften als die Außenteil-
abfall wurde erstmals von P RANDTL an einer chen. Diese Stabilisierungswirkung der Grenz-
umströmten Kugel demonstriert. Bei beiden, in schicht ergibt ein Abschwächen der turbulenten
Bild 3-22 dargestellten Kugeln, kommt die Strö- Vermischung. Bei konkav gekrümmten Wänden
mung im vorderen Staupunkt S zur Ruhe. Von tritt das Umgekehrte auf. Infolge ihrer größeren
hier aus teilt sich die Strömung und wird an- Fliehkraft, bedingt durch die höhere Geschwin-
fänglich der Kugeloberfläche entlang beschleu- digkeit, drängen die Teilchen der Außenströ-
nigt. Vom Staupunkt ab bildet sich deshalb mung in die langsamer fließende Grenzschicht
3.3 Fluid-Kinetik 103

Bild 3-23. Profilumströmung. S Stau- und


Anlegepunkt(-stelle).

– Schwingungsanregung des Fluides durch


Schall (lauter Pfeifton)
– Aufheizen der Körperoberfläche (thermi-
sche Auftriebswirkung).
Bei Stromlinienkörpern, z. B. Tragflächenprofi-
len, bei denen keine wesentliche Grenzschich-
tablösung und Totraumbildung (Wirbelschlep-
pe) auftritt, ist der Strömungswiderstand ent-
sprechend niedrig. Der sanfte Druckanstieg
auf der Rückseite des Körpers, Bild 3-23,
nach dessen Höchstpunkt, wird von der Grenz-
Bild 3-22. Kugel- oder Zylinderumströmungen mit schicht normalerweise ohne Ablösung über-
prinzipiellem Stromlinien- und Druckverlauf. Druck- wunden. Im Druckabfallgebiet von der Profil-
auftragung mit Pfeilen normal zur Oberfläche. nase bis zum Druckminimum am Profilhoch-
a) Laminare Grenzschicht (unterkritisch), Ablöse- punkt ist die Grenzschicht laminar, im nach-
winkel α ≈ 70 bis 80◦ . folgenden Druckanstiegsgebiet meist nach Um-
b) Turbulente Grenzschicht nach Stolperdraht (über- schlag turbulent. Da die laminare Grenzschicht,
kritisch), α ≈ 110 bis 120◦ . wie erwähnt, nur einen außerordentlich klei-
nen Druckanstieg erträgt, löst sie sich selbst
ein und verdrängen dort Teilchen nach außen. bei schlanken Körperformen ab. Dies muss
Dadurch kommt es zu verstärktem Durchmi- besonders bei der Tragflügelumströmung be-
schen. achtet werden. Hier ist die Ablösungsgefahr
an der sog. Saugseite (Oberseite) am größten.
Turbulenzstellen(-kanten), auch als Stolper- Die glatte, ablösungsfreie, auftriebserzeugende
kanten bezeichnet: Bei turbulenzfreier Haupt- Strömung ist daher meist nur bei turbulenter
strömung, d. h. Anströmung, lässt sich der über- Grenzschicht sicher gewährleistet. Ausnahmen
kritische Zustand somit insgesamt durch folgen- sind Sonderausführungen, sog. Laminarprofile
de Möglichkeiten erreichen: (Abschnitt 4.3.3.8.8).
Zusammenfassend kann festgestellt wer-
– Anbringen von Turbulenzkanten, wie Zu- den:
spitzen der Körpervorderkante oder Stolper-
stellen. 1. Ablösungsgefahr besteht überall, wo ein
– Raue Körperoberfläche Fluid gegen steigenden Druck strömt.
104 3.3 Fluid-Kinetik

2. Bei Tragflügelprofilen sind sowohl Wi-


derstand (meist gering) als auch Auftrieb
(Querkraft) letztlich der Grenzschicht und
damit dem realen Verhalten der Fluide zu
verdanken.
3. Bei Beschleunigung wird die Turbulenz
kleiner, bei Verzögerung größer.

Außer den erwähnten Stolpermöglichkeiten ist


besonders die Grenzschicht-Absaugung ein
sehr wirksames Mittel, die Ablösung zu verhin-
dern. Hierbei wird durch schmale Schlitze in
der Körperwand das verzögerte Grenzschicht-
Bild 3-24. Ablösung bei Eckenumströmung. Tot-
fluid in das Körperinnere abgesaugt. Dadurch
räume werden auch als Ablöseblasen oder Großtur-
kann der Strömungswiderstand halbiert werden. bulenzgebiete bezeichnet.
Die Grenzschichtabsaugung wurde bereits 1904
von P RANDTL bei Versuchen, z. B. der Kuge-
tung ein sich öffnender Keil entsteht, tritt fol-
lumströmung, eingesetzt. gende Erscheinung auf: Durch „mitreißen“ des
Auch Zu- und Vorleitflächen, wie z. B.
zwischenliegenden Totraumgebietes (zwischen
Vorflügel, Hilfsflügel, Spoiler, Umlenkschau- Strahl und Wand) wird der Fluid(frei-)strahl zur
feln und Leitbleche, die vor dem Körper oder an angrenzenden Wand hin abgelenkt und bleibt
entsprechenden Stellen angebracht werden, ver- bei günstigen Verhältnissen (Abstand, Winkel,
ringern bei richtiger Gestaltung die Gefahr von Strömungsgeschwindigkeit) stromabwärts an
Wirbelbildung und Strömungsablösung. Falls
ihr anliegen, strömt somit ihr entlang. Die
jedoch keine Ablösungsgefahr besteht, sind sol- Literatur bezeichnet diese Strahlablenkungs-
che Maßnahmen nicht von Vorteil, sondern in- Erscheinung als C OANDA1 -Effekt. Durch ent-
folge ihrer unvermeidlichen Reibungsverluste
sprechend angebrachte Wände lassen sich al-
sogar nachteilig (aufwendig und Verluste). so Fluidstrahlen beeinflussen, d. h. ihre Strö-
Die Umströmung von scharfen konkaven und mungsrichtung „berührungslos“ ändern.
konvexen Ecken ist ebenfalls nicht ohne Ablö-
Bemerkung: Praktisch jede Strömungsablen-
sen möglich, Bild 3-24, auch nicht bei idealem
kung führt zu einer Kurvenbahn mit entspre-
Fluid, falls es solches gäbe.
chendem Krümmungsradius, der sich zudem
Begründung: Das waagrecht zuströmende
meist entlang des Strömungsweges ändert. Das
Medium müsste in der Ecke A in der Zeit
hat wegen Fliehkraftwirkung gemäß (3-65) ei-
null von der endlichen Geschwindigkeit c∞
ne Druckänderung quer zur Strömungsrichtung
(ungestörte An- oder Zuströmgeschwindigkeit)
zur Folge. Diese wiederum ist nach (3-83) mit
auf null verzögert und in senkrechter Richtung
einer Geschwindigkeitsänderung gekoppelt. Zu
plötzlich von null wieder auf die endliche Ge-
kleinerem Druck gehört größere Geschwindig-
schwindigkeit c∞ beschleunigt werden. Dassel-
keit und umgekehrt. An der Krümmungsinnen-
be gilt für die Kante B. Um diese dann un-
seite, d. h. dichter beim Krümmungsmittelpunkt
endlichen Beschleunigungen zu verwirklichen,
ist der Druck am kleinsten und wächst radial
wären nach dem N EWTONschen Grundgesetz
nach außen, verbunden mit gegensätzlicher Ge-
ebenfalls unendlich große Kräfte notwendig, da
schwindigkeitsverteilung (Abschnitte 3.3.6.1.2
alle Fluide massebehaftet sind.
und 4.1.1.5.2).
Ist entlang eines Fluidstrahles eine abgeknick- 1)
C OANDA, Henri-Maria, 1885 bis 1972, rum. Inge-
te Wand so angeordnet, dass zur Strahlrich- nieur und Naturwissenschaftler.
3.3 Fluid-Kinetik 105

3.3.5 Unstetigkeitsflächen immer vorhanden. Da diese Unregelmäßigkei-


ten reibungsbedingt auch seitwärts (senkrecht
Trennflächen: Werden in Strömungsrichtung
zu Hauptstromrichtung) erfolgen, kommt es zu
unsymmetrische, jedoch in dazu senkrechter
kleinen Aus- und Einbuchtungen der Trennflä-
Richtung zylindrische Körper mit scharfer
che in der Art von Transversalwellen (Sinuskur-
Hinterkante umströmt, können die von der
ven). Mit den Geschwindigkeitsschwankungen
Ober- und Unterseite ankommenden Fluid-
sind gemäß Energiesatz (Abschnitt 3.3.6.3.2)
ströme, wenn sie sich wieder vereinigen, mit
Druckschwankungen gekoppelt. Auf den zuerst
verschieden großen Geschwindigkeiten auf-
kleinen Wellenbergen ist daher der Druck klei-
einandertreffen. Eine solche Diskontinuitäts-
ner als in den Wellentälern. Hierbei sind Wel-
oder Unstetigkeitsfläche zwischen zwei sich
lenberge der auf der einen Seite der Trennflä-
berührenden Parallelströmungen verschiedener
che verlaufenden Strömung zugleich Wellentä-
Geschwindigkeiten wird auch als Trennfläche
lern für die auf der anderen Trennflächensei-
bezeichnet, Bild 3-25. Die Vorgänge bei der
te vorhandenen Strömung und umgekehrt. Da-
diskontinuierlichen Flüssigkeitsbewegung wur-
durch entsteht an der Trennfläche eine ungleiche
den zuerst von H ELMHOLTZ untersucht. Des-
Druckverteilung. Unter- und Überdrücke ste-
halb werden solche Trennflächen auch
hen sich gegenüber, sodass der Zustand und da-
als H ELMHOLTZsche Unstetigkeitsflächen
mit die Strömung instabil ist. Die Wellung der
bezeichnet.
Trennfläche wird fortlaufend stärker, bis sie sich
Beim idealen Fluid wäre wegen der feh-
letztlich in einzelne Wirbel auflöst. Dieser Vor-
lenden Reibung die Trennfläche stabil. Die sich
gang tritt auch im Kleinen auf, was dann zur
berührenden Schichten unterschiedlicher Ge-
Turbulenz führt und diese aufrecht erhält. Dage-
schwindigkeit strömten parallel nebeneinander,
gen werden die Ungleichmäßigkeiten bei lami-
ohne sich zu beeinflussen.
narer Strömung durch die hier überwiegenden
Bei realen Fluiden treten statt theoreti-
Viskositätskräfte gedämpft und zum Abklingen
schen Trennflächen wirkliche Trennschich-
gebracht.
ten auf. Diese sind, wie alle Wirbelschich-
ten (Schicht aus dicht nebeneinanderliegenden
Freistrahl: Strömt ein Fluid aus einer Öffnung
Wirbelfäden), instabil. Sie rollen sich schon
in eine meist ruhende Umgebung, bildet sich
bei sehr geringen Störungen (Erschütterungen,
ein sog. Freistrahl (Bild 3-26). Am Strahlrand
Ausbuchtungen u. dgl.) in immer enger wer-
kommt es infolge des Geschwindigkeitssprun-
dende spiralförmige Windungen auf und zer-
ges (Unstetigkeitsstelle) zu starker Wechselwir-
fallen schließlich vollständig in einzelne Wir-
kung mit der Umgebung. Durch die wegen der
bel. Solch kleine Störungen, d. h. Unregelmä-
Unstetigkeit große Reibung reißt der Freistrahl
ßigkeiten in der Geschwindigkeit sind praktisch
Umgebungsluft mit und gibt dadurch Energie an
diese ab. Daher kommt es zu immer stärkerem
Vermischen zwischen Strahl- und Umgebungs-
medium. Der Strahl wird ständig breiter, seine
Geschwindigkeit nimmt ab, weshalb er zuneh-
mend an Energie verliert und sich letztlich ganz
auflöst. Das Geschwindigkeitsprofil im Strahl
wird daher mit wachsendem Strömungsweg
ständig flacher. Der Strahl breitet sich etwa
in Form eines Kegels aus. Zudem besitzt er
einen sich kegelförmig verengenden Kern-
Bild 3-25. Unstetigkeitsflächen: oder Primärbereich von etwa gleichbleibender
a) Trennfläche, b) Wirbelschicht. Geschwindigkeit, die der entspricht mit wel-
106 3.3 Fluid-Kinetik

cher der Strahl aus der Öffnung tritt. Gemäß


Bild 3-26 wird der Strahl in verschiedene
Zonen unterteilt, deren Längen wesentlich von
der Ausströmungsgeschwindigkeit und der Art
des Mediums abhängen, weshalb nur grobe
Richtwert-Angaben möglich sind:
Kern-oder Primärbereich xp /D ≈ 10 bis 100
Kontinuierlicher Bereich xK /D ≈ bis 500
Hauptbereich xH /D ≈ bis 1000
Bild 3-27. Wirbelschicht-Modell zum Erfüllen der
Der Hauptbereich wird auch in einen konti- Wand-Haftbedingung realer Strömung.
nuierlichen und einen Tropfenbereich aufge- a) eine Wirbelschicht, b) mehrere Wirbelschichten.
teilt mit in Strömungsrichtung nachfolgendem cm mittlere Geschwindigkeit. cWir Wirbeldrehge-
Zerstäubungsbereich, einem etwa homogenen schwindigkeit. cres = cm + cWir resultierende Ge-
Zweiphasengemisch aus Strahl- und Umge- schwindigkeit.
bungsmedium.

kann die Haftbedingung auch erfüllt werden,


wenn entlang der Wand Wirbelschichten an-
geordnet wären, deren Drehung (Zirkulation)
je Längeneinheit an jeder Stelle gerade gleich
der Geschwindigkeit bzw. dem Geschwindig-
keitsanstieg der vorhandenen Außenströmung
entspräche. Diese Modellvorstellung versucht
Bild 3-27 darzustellen.
Parallelströmung plus Wirbelschicht erfül-
len somit zusammen die Haftbedingung. Dabei
löst sich ständig Wirbelschicht von der Wand
ab und neue wird gebildet, besonders an den
praktisch immer vorhandenen Rauigkeitsspit-
zen, was den Reibungswiderstand wesentlich
Bild 3-26. Freistrahl (Prinzipdarstellung) mit einge- bedingt. Die abgelösten Wirbel werden von der
tragenen Geschwindigkeitsverläufen und Strahlberei- Strömung weggetragen, wobei sie sich allmäh-
chen. K kontinuierlicher Bereich, T Tropfenbereich, lich auflösen. Bei dem Gesamtvorgang diffun-
Z Zerstäubungsbereich. diert also einerseits ständig Wirbelstärke von
der berührten Wandfläche in die Strömung und
Haftbedingungs-Modell: Strömungen idea-
andererseits wird ständig Wirbelstärke mit der
ler Fluide gleiten an Wänden. Reale Fluid-
Strömung weggeschwemmt. Zum Aufrechter-
Strömungen müssen die Haftbedingung erfül-
halten der Haftbedingung bei reibungsbehafte-
len. Der dabei notwendige Geschwindigkeits-
ter Strömung muss somit an der Wand stän-
übergang zur Außenströmung erfolgt in der
dig verlustverursachende Wirbelstärke erzeugt
Grenzschicht. Da Wirbel (Bild 3-25) Geschwin-
werden. Deshalb kann auch die Strömung ent-
digkeitssprünge (Unstetigkeiten) induzieren1,
lang von Wänden aufgeteilt werden in die
1)
induzieren (lat.) . . . verursachen, bewirken, erzeu- näherungsweise reibungsfreie Außenströmung,
gen. wenn von dem Turbulenzeffekt abgesehen wird,
indizieren (lat.) . . . anzeigen. und die stark reibungsbehaftete Grenzschicht.
3.3 Fluid-Kinetik 107

Bild 3-28. K ÁRMÁNsche Wirbelstraße (Prinzipdarstellung). Voraussetzung ist die entsprechende Relativ-
bewegung zwischen Körper und Fluid. Somit ist gleichgültig, ob sich der Körper oder das Fluid translato-
risch bewegt, oder sogar beide in entgegengesetzter Richtung. Auch als Laminarfall bezeichnet, da regel-
mäßige Großwirbel-Anordnung. Verhältnis h/L ≈ 0,28 notwendig. Geschwindigkeitsverlauf im Abströmfeld
ungleich, sog. Delle.

Wirbelstraße: An der Hinterkante umström- das Strömungsbild einer Wirbelstraße nur dann
ter zylindrischer Körper kommt unter bestimm- stabil bleibt, wenn das Verhältnis h/L den Wert
ten Bedingungen von Querschnittsabmessun- 0,28 annimmt. Wie das Wirbelsystem mit den
gen, Fluid und Geschwindigkeit eine regelmä- Abmessungen des Körpers zusammenhängt,
ßig pendelnde Bewegung zustande, bei der ab- ließ sich bisher allerdings noch nicht theoretisch
wechselnd links- und rechtsdrehende, kräftige fassen. Unter gegebenen Bedingungen bleibt
Wirbel erzeugt werden. Von der einen Körper- die Wirbelteilung stromabwärts nahezu gleich,
rückseite bzw. -kante, gehen linksdrehende, von während die Breite der Wirbelstraße wächst.
der anderen rechtsdrehende Wirbel ab, die sich Dabei nimmt die Zirkulation der Wirbelkerne
in einer mehr oder weniger regelmäßigen Rei- infolge Reibung allmählich ab. Wirbelstraßen
he anordnen, Bild 3-28. Ausgelöst wird diese – bei Re ≈ (0,05 . . . 1) · 104 – können als
Erscheinung durch praktisch immer vorhandene Endprodukt zweier zerfallender H ELMHOLTZ-
geringe Unregelmäßigkeiten (kleine Störungen) Unstetigkeitsflächen aufgefasst werden, die sich
in der Strömung. hinter dem Körper in seiner Relativbewegung
K ÁRMÁN1 untersuchte erstmals dieses zum umgebenden Fluid ausbilden und wegen
Phänomen. Deshalb wird diese Erscheinung als ihrer Instabilität nicht erhalten bleiben können.
K ÁRMÁNsche Wirbel, oder auch als Wirbel- Wenn bei in Querrichtung luftangeström-
straße bezeichnet. ten Zylindern die Frequenz der Wirbelablö-
Das Verhältnis vom Wirbelabstand h sungen, welche die K ÁRMÁN-Wirbelstraße bil-
senkrecht zur Strömungsrichtung und Wirbel- den, im Hörbereich (ca. 18 Hz bis 18 kHz,
teilung L in Strömungsrichtung hängt auch bei Tabelle 6-13) liegt, kommt es zu einem wahr-
großen Re-Zahlen von Anströmgeschwindigkeit nehmbaren Pfeifton. Das ist die Ursache des
und Körperform ab. Berechnungen und Versu- Pfeifens von querangeströmten Drähten im
che, die K ÁRMÁN durchführte, ergaben, dass Wind, z. B. Telefon- und Elektrizitätsleitungen.
Wirbelstraßen können hinter allen Wi-
1)
K ÁRMÁN, Todor (1881 bis 1963), ungar. Aerody- derstandskörpern entstehen. Der Geschwindig-
namiker. keitsverlust in der (Nachlauf-)Delle (Bild 3-28)
108 3.3 Fluid-Kinetik

gilt als Maß für den durch die K ÁRMÁN-


Wirbelstraße verursachten Energieverlust und
damit dem Strömungswiderstand; auch Auslö-
sung von Schwingungen.
Der K ÁRMÁN-Effekt wird über
Schwankungsfrequenz-Bestimmung auch zur
Durchflussmessung (Volumenstrom V̇ ) in
Rohren eingesetzt. Diese Geräte sind genau,
einfach und robust.
Bild 3-29. TAYLOR-Wirbel im Zylinderspalt Wel-
Turbulenzsiebe: Kleine Wirbel laufen sich in-
le–Gehäuse (Lagerschale oder Dichtring).
folge geringen Energieinhaltes schneller tot als
große, d. h. sie werden letztlich in Wärme um- 3.3.6 Eindimensionale Strömung
gesetzt. Hierauf beruht beispielsweise die Wir- idealer Fluide
kung der beim Düseneinlauf von Windkanälen
eingesetzten engmaschigen sog. Turbulenzsie- Vorbemerkung:
be, die große Wirbel in kleine auflösen. Um die prinzipiellen Zusammenhänge aufzu-
zeigen, ist es gemäß der Stromfadentheorie
TAYLOR-Wirbel im Zylinderspalt: Eine drei- vorteilhaft, zuerst das Strömungsverhalten idea-
dimensionale Störung oder Instabilität sind die ler Fluide zu untersuchen und mathematisch zu
sog. TAYLOR1 -Wirbel (engl. Vortex), die sich beschreiben.
unter entsprechenden Voraussetzungen im fluid-
gefüllten Kreisringspalt zwischen einem rotie- 3.3.6.1 E ULERSCHE Bewegungsgleichung
renden Zylinder und einer umschließenden ru- der Absolutströmung
henden Hülse ausbilden können, z. B. drehende Mit Absolutströmung wird die Bewegung eines
Welle in Gehäuse (Bild 3-29). Infolge Haftbe- Fluides gegenüber einem ruhenden Koordina-
dingung nimmt der rotierende Zylinder die an- tensystem bezeichnet. Ruhebezugspunkt ist die
grenzende Fluidschicht mit. Innerhalb des Zy- Erde (Umgebung).
linderspaltes bildet sich etwa eine C OUETTE-
Strömung aus. Warum diese Strömung unter 3.3.6.1.1 Kraftwirkung
entsprechenden Umständen instabil wird, lässt in Bewegungsrichtung s
sich qualitativ einfach verdeutlichen. Infolge
In Bild 3-30 sind alle Kräfte eingetragen, die auf
der schnelleren Rotation wirkt auf die Fluid-
das dargestellte Fluidteilchen (massefestes Vo-
teilchen in der Nähe des inneren Zylinders ei-
lumenelement) in Bewegungsrichtung s wirken.
ne größere Fliehkraft als auf die langsameren
Das N EWTONsche Grundgesetz auf dieses infi-
im äußeren Teil des Spaltes, d. h. in Gehäusenä-
nitesimale Fluidelement angewendet, ergibt:
he. Das entspricht der instabilen Schichtung ei-
nes leichteren Mediums unter einem schwereren dc dc
(Inversion). TAYLOR beobachtete, dass ab ei- Σ dFs = dm · ċ = dm · =  · dAs · ds ·
dt dt
ner bestimmten R EYNOLDS-Zahl regelmäßige
(3-58)
Ringwirbel der Grundströmung überlagert sind.
Längs der Achse treten diese Wirbel in gleichem Bemerkung: Infolge Normalkraft (senkrecht zur
Abstand, aber mit wechselndem Drehsinn auf Strömungs-Tangente, Bild 3-31) ist der Druck
(Bild 3-29). über den Stirnflächen des Fluidelementes in
Bild 3-30 jeweils nicht konstant, sondern ver-
1)
TAYLOR, Brook (1685 bis 1731), engl. Mathema- läuft in Normalenrichtung abfallend. Dies ist
tiker. berücksichtigt durch Auftragen der Mittelwerte
3.3 Fluid-Kinetik 109

Die Geschwindigkeit c ist allgemein (instatio-


näre Strömung) eine Funktion des Ortes s und
der Zeit t, wenn s die Lage des Fluidteil-
chens auf der Stromlinie zur Zeit t angibt, also
c = f (s, t). Deshalb gilt für das totale Differen-
zial von c:
∂c ∂c
dc = · ds + · dt
∂s ∂t
Damit wird die Beschleunigung ċ (3-2):
Bild 3-30. Kräfte auf massebehaftetes Fluidteilchen dc ∂ c ds ∂ c
as = ċ = = · +
(Feldelement) in Bewegungsrichtung s. dt ∂ s dt ∂ t 
∂c ∂c 
= c· + · ∂ s
(Flächenschwerpunktsdrücke) über den Flächen ∂s ∂t 
dAs . Der Druck ist zudem wegabhängig, also dc ∂c
p = p(s) und p(s + ds) = p(s) + (∂ p/∂ s) · ds. Hieraus ∂ s · = c·∂c+∂s·
dt ∂t
 2
Die Kraftresultierende zu (3-58) in s-Richtung c ∂c
=∂ + ·∂s
setzt sich dabei gemäß Bild 3-30 wie folgt zu- 2 ∂t
sammen mit FG =  · g · dAs · ds:
  Eingesetzt in (3-60) ergibt die E ULERsche
∂p Strömungsgleichung in Stromlinienrichtung
Σ dFs = p · dAs − p + · ds dAs
∂s von instationärer eindimensionaler Strö-
− dFG · sin α mung c = c(s,t) mit p = p(s):
∂p  2
Σ dFs = − · ds · dAs −  · g · dAs · ds · sin α 1 c ∂c
∂s  g·∂z+ ·∂ p+∂ + · ∂ s = 0 (3-61)
  2 ∂t
∂p
Σ dFs = − dAs · · ds +  · g · ds · sin α
∂s Für stationäre eindimensionale Strömung
(3-59) c = f (s) hat, da ∂ c/∂ t = 0, die E ULERsche
Strömungsgleichung die Form:
Wiedergegeben sei nachfolgend eine verein-
 2
fachte mathematische Umformung, die jedoch 1 c
zum richtigen Ergebnis führt: g · dz + · d p + d = 0 oder (3-62)
 2
Gleichungen (3-58) und (3-59) gleichgesetzt er-
gibt mit sin α = dz/ds ≡ ∂ z/∂ s, gemäß Geome- 1
trie ( d und ∂ Kennzeichen für Differenzial): g · dz + · dp + c · dc = 0 (3-63)

 
∂p ∂z Partielle Differenziale sind nicht mehr notwen-
− dAs · · ds +  · g · ds ·
∂s ∂s dig, da nur noch die eine unabhängige Variable s
dc vorhanden ist. Der transiente Anteil ∂ c/∂ t ent-
=  · dAs · ds · fällt deshalb.
dt
Beziehung umgestellt und vereinfacht: Ergänzungen:
 Mathematische Umformung der Beziehung
∂z 1 ∂p dc  ∂s
g· · ds + · · ds + ds · =0 · (3-59) mit (3-58) nach T RUCKENBRODT:
∂s  ∂s dt  ds
1 dc ∂z 1 ∂p dc
g·∂z+ ·∂ p+∂s· =0 (3-60) g· · ds + · · ds + · ds = 0
 dt ∂s  ∂s dt
110 3.3 Fluid-Kinetik

dc ∂c ∂c α = α (s,t). Hierzu gemäß Bild 3-30, wobei


Mit Beschleunigung = c· +
dt ∂s ∂t jetzt partielle Differenziale notwendig:
∂z 1 ∂p
g· · ds + · · ds sin α = ∂ z/∂ s
∂s  ∂s
z = z(s,t) differenziert
∂c ∂c
+c· · ds + · ds = 0 (3-63a) ∂z ∂z
∂s ∂t dz = · ds + · dt
Ausgangspunkt für die Umformung: ∂s ∂t
hieraus wieder mit dt = (1/c) · ds
c = c(s,t); p = p(s,t); z = z(s,t)
∂z 1 ∂z
Betrachtung längs Stromlinie s (Bild 3-30): · ds = dz − · · ds
∂s c ∂t
Vollständige Differenziale: Alle Terme eingesetzt in (3-60) ergibt letztlich
∂c ∂c die E ULER-Strömungsgleichung idealer transi-
dc = · ds + · dt enter Strömung allgemeinster Form:
∂s ∂t
   
∂p ∂p 1 ∂z 1 1 ∂p
dp = · ds + · dt g· dz − · · ds + · dp − · · ds
∂s ∂t c ∂t  c ∂t
∂z ∂z  2
dz = · ds + · dt c ∂c
∂s ∂t +∂ + · ds = 0 (3-63b)
2 ∂t
Bei festgehaltener Zeit t, also dt = 0, werden:
Diese Gleichung ist nur bei außergewöhnlichen
∂c ∂p ∂z
dc = · ds; dp = · ds; dz = · ds Sonderfällen notwendig.
∂s ∂s ∂s
Damit geht Beziehung (3-63a) über in 3.3.6.1.2 Kraftwirkung
1 ∂c in Normalenrichtung n
g · dz + · dp + c · dc + · ds = 0
 ∂t In Bild 3-31 sind alle auf das infinitesimale
Fluidteilchen in Normalenrichtung n wirkenden
Hierbei noch c· dc = d(c2 /2) eingeführt, liefert:
 2 Kräfte eingetragen. Das N EWTONsche Grund-
1 c dc gesetz
g · dz + · dp + d + · ds = 0
 2 dt Σ dFn = dm · an angewendet, liefert mit
Prinzipiell ergibt sich derselbe Aufbau wie
an = ω 2 · R = c2 /R
(3-61). Der Unterschied in den Differenzialsym-
bolen ist in diesem Zusammenhang ohne Be- dm =  · dAn · dn und
 
deutung. ∂p
Σ dFn = p · dAn − p + · dn · dAn
Wird die zeitliche Druckänderung ∂ p/∂ t (lo- ∂n
kaler Anteil) berücksichtigt und zudem die − dFG · cos α
Stromlinien-Neigung (Winkel α in Bild 3-30) ∂p
ebenfalls als transient betrachtet (allgemeinster =− · dn · dAn −  · g · dAn · dn · cos α
∂n  
Fall), erweitert sich (3-61) wie folgt:
∂p
p = p(s,t) differenziert und umgestellt: = − dAn +  · g · cos α dn
∂n
∂p ∂p wenn eingesetzt, die Beziehung:
· ds = dp − · dt
∂s ∂t  
ds 1 ∂p
mit c = → dt = · ds folgt − dAn +  · g · cos α dn
dt c ∂n
∂p 1 ∂p c2
· ds = dp − · · ds =  · dAn · dn ·
∂s c ∂t R
3.3 Fluid-Kinetik 111

wurde, wie dort erwähnt, in Bild 3-30 ersatz-


weise der mittlere Druck, der an der Mitten-
Strombahnlinie herrscht, über die gesamte Flä-
che dAs wirkend eingetragen.
Die Querumströmung eines sehr lan-
B
gen vertikal angeordneten Zylinders –
Index Z für Zylinderoberfläche – erfolgt quer
senkrecht zu seiner Achse. Die Druckänderung
in radialer Richtung ist zu bestimmen.
Bekannt: Strömungsgeschwindigkeit 12 m/s
Zylinderdurchmesser 500 mm
Medium Luft 80 ◦ C; 1,8 bar
Bild 3-31. Kräfte auf massefestes Fluidteilchen in Gesucht: Druckdifferenz in der Strömung zwi-
Normalenrichtung n. schen Zylinderoberfläche und radia-
lem Abstand von 20 mm.
∂p c2
+  · g · cos α +  · = 0 Ansatz: Ausgangspunkt ist (3-64), also Diffe-
∂n R
renzialgleichung (abgekürzt D’Gl.):
Mit cos α = dz/ dn ≡ ∂ z/∂ n ergibt sich letzt- 1 c2
lich: g·∂z+ ·∂ p+ ·∂n = 0
 R
1 c2 Ansatz-Auswertung: Anpassung gemäß Pro-
g·∂z+ ∂ p+ ·∂n = 0 (3-64)
 R blembedingungen
Gleichung (3-64) ist die E ULERsche Strö- a) z = konst → ∂ z = 0, da waagrechte ebene
mungsgleichung der eindimensionalen Strö- Strömung.
mung in Normalrichtung. b) Geringe Druckdifferenz erwartet. Daher
 ≈ konst gesetzt.
Bei manchen Strömungsvorgängen ist der Ein-
c) Kleine Weg-Erstreckung, weshalb Krüm-
fluss der Schwere g · ∂ z ohne praktische Be-
mung der Strömung näherungsweise kon-
deutung. Bei Strömungen in horizontaler Ebe-
stant und gleich dem Zylinderradius Rz ge-
ne verschwindet der Schwereeinfluss ohnehin:
setzt. Bei größerer radialer Erstreckung Δn
z = konst → ∂ z = 0. Gleichung (3-64) verein-
wird sinnvollerweise der mittlere Radius
facht sich in diesen Fällen zu:
verwendet, also R = R̄ gesetzt.
1 c2 Dann geht die Differenzialgleichung (D’Gl.)
·∂ p+ ·∂n = 0 (3-65)
 R über in die Differenzengleichung. Dabei ist zu
beachten, dass Normalenrichtung n zum Krüm-
Gleichung (3-64) und besonders (3-65) zei-
mungsmittelpunkt führt (Bild 3-31), d. h. zum
gen, dass in jeder gekrümmten Strombahn im-
Zylindermittelpunkt. Das gilt daher auch für
mer ein Druckabfall quer zur Stromlinien-
die Integrationsrichtung n (Grenzenfestlegung),
richtung nach dem Krümmungsmittelpunkt hin
und zwar von pΔn = p(Δn) bis pz = p(0):
stattfindet. Bei geradliniger Strömung ist in
Querrichtung kein Druckabfall vorhanden, da pΔn 0  2 Δn 
1 c2 c
Strombahn-Krümmungsradius R → ∞. · ∂p≈− · ∂n = − − · ∂n
 Rz Rz
Der Druck ändert sich bei stationärer Strö- pz Δn 0
mung linear mit dem Krümmungsradius R der  
1  pΔn c2 Δn
Strombahn, da nach (3-65) ∂ p/∂ n =  · c2 /R = ·p ≈ ·n
 · ω 2 · R. Dieses Ergebnis vorwegnehmend   pz Rz 0
112 3.3 Fluid-Kinetik

1 c2 zeichnet, das mit dem sich drehenden System


· (pΔn − pz ) ≈ · Δn
 Rz mitrotiert.
c2
Δp ≈  · · Δn
Rz
Zahlen-Auswertung: Wertberechnung gemäß
Vorgaben, notwendigen Festlegungen oder An-
nahmen und zugehörigen Stoffwerten, die aus
Tafeln (Tabellen, Diagrammen) zu entnehmen
sind.
Für Luft nach
Tabelle 6-8: Bei 0 ◦ C; 1,0133 bar →
 = 1,293 kg/m3
Tabelle 6-20: R = 287 J/(kg · K); κ = 1,4
Da Luft in weitem Bereich thermodynamisch
ideales Gasverhalten (R = konst; κ = konst)
zeigt, gelten die Werte für Gaskonstante R und
Isentropenexponent κ auch außerhalb der Be-
Bild 3-32. Kräfte an Fluidteilchen (Masse dm) mit
zugswerte von Tabelle 6-20 (1 bar; 20 ◦ C) in gu-
Relativbewegung entlang der Bahnlinie s in rotie-
ter Genauigkeit.
rendem System um senkrechte Achse durch Dreh-
Umrechnung der Luftdichte mit der Gasglei- punkt M0 (Draufsicht).
chung p ·  = R · T :
p 0 · 0 p· 1
= Hieraus mit  = : In Bild 3-32 sind die Zusammenhänge in einem
T0 T  waagrechten Strömungsfeld dargestellt. Das ge-
 
p T0 1,8 273 kg zeichnete Fluidteilchen der Masse dm bewegt
 = 0 · · = 1,293 · ·
p0 T 1,0133 353 m3 sich der (Relativ-)Bahnlinie s entlang und rotiert
 = 1,776 kg/m3 mit ihr zusammen zudem um den Drehpunkt M0
(Winkelgeschwindigkeit ω ) gegenüber der ru-
Damit wird die Druckdifferenz Δp = pΔn − pz henden Umgebung.
für Δn = (Δn + Rz ) − Rz = 0,02 m; c = 12 m/s
 Relativgeschwindigkeit des Fluidteilchens in
und Rz = 0,25 m:
Bezug auf die mitrotierenden Bezugskoordi-
 
122 kg (m/s)2 naten. Deshalb Bezeichnung  statt c.
Δp = 1,776 · · 0,02 3 · ·m R Krümmungsradius der Relativ-Bahnlinie s
0,25 m m
im Schwerpunkt S des materiellen Fluidteil-
Δp ≈ 20,46 Pa chens.
r Radius der Kreisbahn der Grund- oder Haupt-
Das bedeutet: Druckanstieg radial nach außen, bewegung.
bzw. Druckabnahme nach innen. Die Rückwir- TR Tangente im Schwerpunkt S des Fluidteil-
kung der Druckänderung auf die Geschwindig- chens an den Kreis mit Radius R.
keit wurde bei diesem Beispiel nicht untersucht. Tr Tangente im Schwerpunkt S an den Kreis mit
Radius r.
3.3.6.2 E ULERsche Bewegungsgleichung dFC C ORIOLIS-Kraft.
der Relativströmung dFF, r Fliehkraft infolge Rotation auf Kreisbahn mit
in waagrechter Ebene Radius r.
Mit Relativströmung wird die Bewegung eines dFF, R Fliehkraft infolge Relativ-Kreisbogen-Bahn
Fluides gegenüber einem Koordinatenkreuz be- mit Krümmungsradius R.
3.3 Fluid-Kinetik 113

p · dA Druckkräfte. Oder mit u = ω · r


∂ p/∂ s Druckänderung (Druckgradient) in relativer  2  2
Strömungsrichtung s. 1 u  ∂
∂ p/∂ n Druckänderung in Normalrichtung n. ·∂ p−∂ +∂ + ·∂s = 0
 2 2 ∂t
β Neigungswinkel der relativen Strombahn.
(3-69)

3.3.6.2.1 Dynamisches Kräftegleichgewicht Beziehung (3-68) bzw. (3-69) ist die E U -


in der relativen LER sche Gleichung der Relativbewegung in
Strömungsrichtung s Strömungsrichtung bei instationärer Rela-
tivströmung.
Nach N EWTON gilt: Σ dFs = dm · ˙
Für stationäre Relativströmung  = f (s) erhält
d
= dm · . die Bewegungsgleichung, da dann ∂ /∂ t = 0,
dt die Form:
Mit dm =  · dV =  · ds · dn · db und  2  2
1  r
Σ dFs = dFF, r · sin β + p · dn · db ·∂ p+∂ − ω2 · ∂ =0 (3-70)
   2 2
∂p
− p+ · ds dn · db
∂s Wie bei (3-63) sind auch hier keine partiellen
∂p Differenzialsymbole notwendig, sodass gilt:
Σ dFs = dm · ω 2 · r · sin β − · ds · dn · db
∂s  2  2
1  r
folgt · dp + d −ω · d
2
=0 (3-71)
 2 2
∂p d
dm · ω 2 · r · sin β − · ds · dn · db = dm ·  2  2
∂s dt 1  u
·dp+d −d =0 (3-72)
1 ∂p d  2 2
ω 2 · r · sin β − · = (3-66)
 ∂s dt

Für instationäre Relativströmung  = f (s,t) 3.3.6.2.2 Dynamisches Kräftegleichgewicht


gilt: in der relativen
∂ ∂ Normalenrichtung n
d = · ds + · dt
∂s ∂t
Gleichgewichtsbedingung ∑ dFn = 0 mit
d ∂  ds ∂  ∂ ∂
= · + = · +
dt ∂ s dt ∂t ∂t ∂t Σ dFn = dFC − dFF, R − dFF, r · cos β
 
∂p
und mit sin β = ∂ r/∂ s ≡ dr/ ds ergibt (3-66) + p · ds · db − p + · dn · ds · db
∂n
∂r 1 ∂ p ∂ ∂
ω2 · r · − · = · + Hierbei ist dFC die C ORIOLIS1 -Kraft, die auf
∂s  ∂s ∂s ∂t jeden Körper wirkt, der in einem rotierenden
1 ∂ System in irgend einer Richtung mit der Ge-
· ∂ p − ω2 · r · ∂ r +  · ∂  + ·∂s = 0
 ∂t schwindigkeit w Relativbewegungen ausführt.
(3-67) Die C ORIOLISkraft wirkt senkrecht zur Rela-
 2  2 tivbewegung sowie entgegen der Rotationsrich-
1 r  ∂
· ∂ p − ω2 · ∂ +∂ + ·∂s = 0 tung, d. h. in Richtung zum Mittelpunkt Mrel
 2 2 ∂t
(3-68) 1)
C ORIOLIS (1792 bis 1843), frz. Physiker.
114 3.3 Fluid-Kinetik

der Relativbahnkrümmung, und hat die Grö- Bei vorwärts gekrümmter Relativstrombahn
ße 2 · ω ·  · dm. Diese Kraft rührt daher, dass (Krümmung umgekehrt zu der in Bild 3-32)
bei einer Relativbewegung zum einen die Um- wirkt dFF, R in entgegengesetzter Richtung.
fangsgeschwindigkeit u des Fluidteilchens dm Ebenfalls kehrt sich die Normalenrichtung n
dauernd einer Änderung unterliegt und zum an- um.
deren die Relativgeschwindigkeit w ständig ih- Für die Vorwärtskrümmung liefert die ana-
re Richtung ändert, was Beschleunigungen der loge Ableitung:
Masse dm bedeutet. Beide Einflüsse bewirken  2 
Kräfte jeweils von der gleichen Größe ω ·· dm. ∂p 
= − ω 2 · r · cos β + 2 ω ·  (3-76)
Ihre Summe ist deshalb doppelt so groß. ∂n R
  
Die Zentrifugalkräfte sind: ∂p 
= − ω · r · cos β −  2 ω +
2
Relativbewegung mit  und Krümmung R: ∂n R
dFF, R = dm · 2/R (3-77)
Grundrotation mit ω um Radius r: Wird zum Vergleich Beziehung (3-70) nach der
dFF, r = dm · u2/r = dm · ω 2 · r Normalrichtung n partiell differenziert, ergibt
Die analytischen Ausdrücke für die Kraft in die sich:
Gleichgewichtsbedingung eingesetzt, ergibt:
1 ∂ p ∂ (2 /2) ∂ (r2 /2)
2 · + − ω2 · =0
2 ω  dm − dm − ω 2 r dm cos β  ∂n ∂n ∂n
R
1 ∂p ∂ ∂r
∂p · +· − ω2 · r · =0
− dn ds db = 0  ∂n ∂n ∂n
∂n

2 1∂p Mit ∂ r/∂ n = − cos /β folgt (∂ r+; ∂ n−):


2ω − − ω 2 r cos β − =0 (3-73)
R  ∂n  
∂p ∂
= − ω · r · cos β −  ·
2
(3-78)
 2  ∂n ∂n
∂p 
Hieraus = − + ω r cos β − 2 ω 
2
∂n R Für die verschiedenen Bahnkrümmungen gilt
(3-74) also:
  
∂p  Rückwärts gekrümmte Bahn, (3-78) mit (3-75)
oder = − ω 2 r cos β −  2 ω −
∂n R  
∂ 
(3-75) = 2ω − (3-79)
∂n R
Beziehung (3-73) ist die E ULERsche Gleichung
der Relativbewegung quer zur Strömungsrich- Vorwärts gekrümmte Bahn, (3-78) mit (3-77)
tung.  
∂ 
Entsprechend (3-65) zeigen die Beziehungen = 2ω + (3-80)
∂n R
(3-74) bzw (3-75), dass ein Druckanstieg
(Druckgradient) quer zur Relativströmungsrich- Dies sind die Differenzialgleichungen der ro-
tung vom Krümmungsmittelpunkt weggerich- tierenden Relativströmung. Mit ihrer Hilfe
tet, d. h. in negativer n-Richtung, auftritt. kann die Strömung idealer Fluide in den beweg-
Gleichungen (3-73) bis (3-75) gelten für ten Schaufelkanälen der Strömungsmaschinen
die sog. rückwärts gekrümmte Relativstrom- behandelt werden. Zu beachten ist dabei, dass
bahn entsprechend Bild 3-32, also Krümmung der Geschwindigkeitsabfall immer in Richtung
entgegen der Drehrichtung. der C ORIOLISkraft erfolgt.
3.3 Fluid-Kinetik 115

3.3.6.3 Energiegleichungen wa so groß wie die Schallgeschwin-


der Absolutströmung digkeit a des Fluides, also: ac ≈ a
Die Energiegleichungen ergeben sich durch In- ((1-22) und Tabelle 1-16).
tegrieren der aus den Kräftegleichgewichten her- Δc = c0 − c . . . plötzliche Geschwindig-
geleiteten Bewegungsgleichungen von E ULER. keitsänderung von c0 auf c
3.3.6.3.1 Instationäre Strömung Plötzlich bedeutet hierbei, wenn Schließzeit
Die Integration der Differenzialgleichung t ≤ 2 · L/ac (3-82a)
(3-61) führt zur Energiegleichung der instatio-
nären Absolutströmung idealer Fluide: mit L . . . Rohrlänge des am Absperrorgan ent-
p s gegen der Strömungsrichtung an-
1 c2 ∂c schließenden geraden Rohrstückes.
g·z+ ·∂ p+ + · ∂ s = konst
 2 ∂t
0 0 (3-81) Druckstoßgefahr besteht somit, wenn Zeit T
s für die Änderung der Strömungsgeschwindig-
Das Integral (∂ c/∂ t) · ∂ s beschreibt den Ein-
0 keit um Δc kleiner ist als t = 2 · L/ac nach
fluss der lokalen Beschleunigung ∂ c/∂ t und da- (3-82a). Somit notwendig T > t. Erforderliche
mit den instationären, also transienten Anteil. Gegenmaßnahmen sind z. B. Ausgleichbehäl-
Es ist nur exakt lösbar, wenn ∂ c/∂ t = f (s) be- ter (Windkessel) oder gesteuerte Umgehungs-
kannt, was oft nicht der Fall. leitungen.
Gleichung (3-81) zwischen den Bezugsstellen Druckstoßgefahr besteht, wie (3-82) bestä-

1 und 2 bei  = konst angewendet, ergibt die
tigt, in der Regel nur bei Flüssigkeiten, da ihre
Beziehung: Dichte etwa das 1000-fache der von Gasen und
Dämpfen beträgt.
s1
p1 c21 ∂c
g · z1 + + + ∂s 3.3.6.3.2 Stationäre Strömung
 2 ∂t
0 (B ERNOULLI-Gleichung)
s2
p2 c22 ∂c Die Energiegleichung der stationären Abso-
= g · z2 + + + ∂s (3-81a)
 2 ∂t lutströmung idealer volumenbeständiger Fluide
0
( = konst) ergibt sich durch Integration der
Ergänzung: E ULERschen Strömungsgleichung, (3-62), also
Eine wichtige instationäre Strömung ist ne- ohne Transientanteil.
ben Fluidschwingungen u. a. der sog. Druck- g · z + p/ + c2 /2 = konst (3-83)
oder Stromstoß (J OUKOWSKY-Stoß), der beim
schnellen Abstellen von Flüssigkeitsströmun- Oder zwischen den Bezugsstellen  1 und ;
2

gen in Rohren auftritt, z. B. bei Wasserturbinen- gekennzeichnet durch E– 1 : 2

Druckleitungen [91] und Wasserrohrnetzen. Bei p1 c21 p2 c22


g · z1 + + = g · z2 + + (3-84)
Gasen ist er trotz hoher Strömungsgeschwindig-  2  2
keit infolge der geringen Dichte meist ohne Be- Diese Gleichung wurde erstmals von DANIEL
deutung. B ERNOULLI1 in der Form
p c2
J OUKOWSKY-Stoß: Drucksprung Δp bei z+ + = konst (3-85)
plötzlicher Änderung der Strömungsgeschwin- ·g 2·g
digkeit um Δc gemäß Rampen-, d. h. Sprung- aufgestellt und wird deshalb als B ERNOULLI-
funktion beträgt nach J OUKOWSKY [91]: Gleichung oder Druckhöhen- bzw. Energie-
höhen-Gleichung der stationären Strömung be-
Δp ≈  · ac · Δc (3-82)
1)
B ERNOULLI, Daniel (1700 bis 1782), schweizer
mit ac . . . charakteristische Schall- d. h. Druck- Physiker.
wellengeschwindigkeit. Ist meist et- Hinweis auf Seite 448f.
116 3.3 Fluid-Kinetik

zeichnet. Exakt ausgedrückt wäre daher we- Dies, Gl. (3-86) bzw. (3-87), ist die Energie-
gen  ≈ konst der Zusatz „für Flüssigkeiten“ gleichung strömender Fluide in allgemeiner um-
notwendig, der einfachheitshalber jedoch meist fassender Form; erster Strömungs-Hauptsatz
weggelassen wird. Dies wegen der Annahme, aller Systeme ohne äußere Energiezu- oder
dass auch so Klarheit besteht. -abfuhr z. B. durch Wärme. Gilt bei entspre-
chender Anwendung sowohl für alle idealen als
Die Energiegleichung der reibungsfreien Strö-
auch realen Fluide ohne äußeren Wärmeaus-
mung ergibt sich in erweiterter Form auch aus
tausch, d. h.
dem Energieerhaltungs-Satz, einem weiteren
Axiom (Erfahrungsgesetz) der Physik. Da die – Strömung ohne oder mit Reibung,
Energiegleichung neben Durchfluss- und Kon- – Strömung inkompressibler und kompressi-
tinuitätsbeziehung sowie dem hydrostatischen bler Fluide
Grundgesetz die wichtigste Grundgleichung der in adiabatem, also wärmedichtem Gebiet (Sys-
Fluidmechanik ist, soll auch diese Herleitung tem).
durchgeführt werden, und zwar mit Druck- oder
Verschiebeenergie nach (2-22): Nach dem 1. Hauptsatz der Thermodynamik
Bei einem strömenden Fluid treten folgende
dq = du + p · d = dh −  · dp
Energieformen auf:
⎧ ⎧
⎪ ⎪
⎪ Lage- gilt ohne Wärmetausch (adiabates System), d. h.

⎪ poten- ⎪ ⎨ energie: dq = 0:
⎪ FG · z = m · g · z
Mecha- ⎪ ⎨ zielle
⎪ Druck-
nische
⎪ Energie: ⎪

⎩ energie: p ·V =
m
·p du + p · d = 0

Energie: ⎪ 


⎩ Nun sind zu trennen:
kinetische Energie: m · c2 /2
Thermische oder innere Energie: m · u Flüssigkeiten: Quasi inkompressibel, d. h.  ≈
konst, also  = 1/ ≈ konst. Damit d ≈ 0, also
Die sonst noch möglichen Energiearten, wie
vernachlässigbar, weshalb auch
elektrische, magnetische, chemische und
du = cv · dT ≈ 0
Kernenergie sind bei strömenden Fluiden
Hieraus folgt: u ≈ konst und damit T ≈ konst
in der Regel nicht vorhanden bzw. müssen
gegebenenfalls entsprechend berücksichtigt Aus (3-86) ergibt sich damit wieder die
werden. Energiegleichung idealer inkompressibler Flui-
Der Energieerhaltungssatz ∑ E = konst ange- de, (3-83).
wendet ergibt:
Gase und Dämpfe: Kompressibel, weshalb
m · g · z + (m/) · p + m · (c2/2) + m · u = konst Dichte 
= konst, also auch  = 1/
= konst und
Diese Gleichung, bezogen auf die Massenein- damit d
= 0 sowie du
= 0. Die Konsequenzen
heit (dividiert durch m), führt für die spez. Ge- sind Inhalt von Abschnitt 5.
samt oder Totalenergie einer Strömung zu:
Die B ERNOULLI-Gleichung, (3-85), ermöglicht
g · z + p/ + c2 /2 + u = konst (3-86) analog zur Punktmechanik eine weitere Deu-
tung: Alle drei Glieder haben die Dimension ei-
Oder zwischen den Bezugsstellen 
1 und :
2
ner Länge. Deshalb bezeichnen:
p1 c21 p2 c22 z . . . Ortshöhe (Einheit m) des Fluides
g · z1 + + + u1 = g · z2 + + + u2
1 2 2 2 über einer beliebig, aber zweckmäßig
(3-87) gewählten horizontalen Bezugsebene.
3.3 Fluid-Kinetik 117

Bild 3-34. Staupunktströmung. Staukörper in waa-


gerechtem Strömungsfeld. –
1  2 Stromfaden (Stau-
linie), SP Staupunkt. Bezugssystem: Nulllinie (Ab-
szisse) für z-Achse (Ordinate) entlang Stromfaden
–
1  2 festgelegt.

Bild 3-33. Bildliche Darstellung der B ERNOULLI-


Gleichung. abgerundeter Körper eingebracht, Bild 3-34.
Beim Umströmen dieses Hindernisses staut sich
c2 das Fluid teilweise auf. Die in der Mitte
. . . Geschwindigkeitshöhe (Dim. m)
2·g Entspricht der Höhe, die das Fluid im des Staugebietes verlaufende Stromlinie, die
reibungslosen, freien Fall herabstür- Staustromlinie, trifft senkrecht auf den Stau-
zen müsste, um die Geschwindigkeit c körper. Das Medium kommt in diesem ausge-
zu erreichen. zeichneten Punkt, dem Staupunkt SP, völlig zur
Ruhe.
p
. . . Druckhöhe (Dimension m) Bemerkung: Stauströmungen sind immer la-
·g Entspricht nach dem hydrostatischen minar – zumindest kurz vor dem Körper bis
Grundgesetz der Höhe, die eine Fluid- zum Staupunkt – und deshalb auch bei rei-
säule der Dichte  haben muss, da- bungsbehafteter Strömung sicher berechenbar
mit sie auf ihre Unterlage den Druck p und für Messverfahren geeignet. Am Staupunkt
ausübt. herrscht Ruhe, weshalb da keine Fluidreibung
Bei stationärer Bewegung eines idealen Fluids mehr vorhanden (Beziehung (1-14)).
ist für alle Punkte einer Stromlinie die Sum- Die Energiegleichung E, auf den eingezeichne-
me aus Orts-, Druck- und Geschwindigkeitshö- ten Staupunkt-Stromfaden –1 2 angewendet:
he eine konstante Größe, die sog. hydraulische p1 c 2 p 2 c2
Höhe oder ideelle bzw. ideale Gesamthöhe, E –
1 :2 z1 · g + + 1 = z2 · g + + 2
 2  2
Bild 3-33. Der Wert ändert sich bei allgemeiner
Strömung in der Regel beim Übergang von ei- Mit z1 = 0 ; z2 = 0 und
ner Stromlinie zur anderen. Bei stationären Po- c1 = c ; c2 = 0
tenzialströmungen dagegen hat die ideelle Ge-
c2
samthöhe im ganzen Strömungsgebiet die glei- wird p2 = p1 +  · (3-88)
che Größe. 2
Bezeichnungen der Glieder dieser Gleichung:
p1 . . . Statischer Druck pstat
3.3.6.3.3 Anwendungen c2
der Energiegleichungen  · . . . Dynamischer Druck oder Stau-
2
Stau(punkt)strömung, statischer und dyna- druck pdyn bzw. q
mischer Druck: In eine Parallelströmung mit p2 . . . Gesamtdruck pges oder Total-
der Geschwindigkeit c wird ein stirnseitig druck ptot
118 3.3 Fluid-Kinetik

Bild 3-35. Messen von statischem Druck und Ge-


samtdruck.

Demnach gilt: pges = pstat + pdyn = pstat + q


(3-89) Bild 3-36. P RANDTL -Rohr (prinzipieller Aufbau).
Wenn es gelingt, den Gesamtdruck und den sta-
tischen Druck zu messen, ermöglicht (3-88), die Der Nachteil dieses Messverfahrens ist der
messtechnisch nur schwer fassbare Strömungs- meist kleine Messeffekt (q klein). Deshalb
geschwindigkeit zu berechnen: günstig anwendbar für Strömungsgeschwindig-
( ( keit größer etwa 5 m/s. Das ergibt z. B. bei
pges − pstat q  Luftströmung (20 ◦ C) einen Staudruck von ca.
c= 2 = 2 = 2 · g · Hdyn
  15 Pa. Kleinere Strömungsgeschwindigkeiten
(3-90) erfordern noch empfindlichere Druckmessgerä-
te entsprechender Genauigkeit.
Der statische Druck kann mit dem Piezo1 -
Besonderheiten bei Messungen in kompressi-
Rohr, der Gesamtdruck mit dem P ITOT2 -Rohr
blen Medien:
gemessen werden. Die Messanordnung zeigt
Bei Ma > 0,3 an Stelle 1 in Bild 3-34 (unge-
Bild 3-35.
störte Strömung) ist eine Dichtekorrektur ge-
Das Messen mit getrennt anzubringenden
mäß (1-9) in der Beziehung für den Staudruck
Piezo- und P ITOT-Rohr ist sehr umständlich.
notwendig. Es gilt dann:
Bei einem in die Strömung geschobenen
Piezorohr muss eine quergestellte, d. h. in Strö-  
c2 c2 Ma2
mungsrichtung verlaufend, Scheibe angebracht q = 1 · (1 + Δ) = 1 · 1 · 1 +
2 2 2
werden, auch als S ERsche Scheibe bezeichnet,
an der sich die Grenzschicht ausbilden kann, (3-90a)
da der statische Druck nur exakt in ruhendem Im Überschallbereich (Ma > 1) kann das
Fluid messbar ist. Die Bohrung – Durchmes- P ITOT-Rohr unter Beachten entsprechender Be-
ser D ≤ 1 mm, meist 0,2 bis 0,8 mm – muss dingungen (5-231) angewendet werden, nicht
gratfrei sein, damit die Strömung nicht beein- jedoch das P RANDTL-Rohr. Die Messung des
flusst wird (Wirbelbildung → Falschmessung). statischen Druckes ist dabei wegen der Kopf-
P RANDTL vereinte beide Rohre in einem Ge- welle Bild 5-58 auf diese Weise nicht mehr
rät. In Bild 3-36 ist der prinzipielle Aufbau möglich.
eines solchen Staugerätes dargestellt, das sog. Düse, Diffusor: Kontinuitätsbedingung, (3-9)
P RANDTL-Rohr, auch kurz nur als Staurohr und Energiesatz, (3-83),
bezeichnet.
1)
K –
1 2 A 1 · c1 = A 2 · c2
Piezo (gr.) . . . Druck.
2)
P ITOT , Henry (1695 bis 1771), frz. Physiker u. Ing. E –
1 2 p1 /1 + c21 /2 = p2 /2 + c22 /2
3.3 Fluid-Kinetik 119

rät) entsprechend Bild 3-38 verwendet. Hier-


bei handelt es sich um eine vorteilhafterwei-
se waagrecht angeordnete kegelige Rohrveren-
gung (Düse) mit anschließender, ebenfalls koni-
scher Erweiterung (Diffusor) auf den ursprüng-
lichen Rohrdurchmesser. An der Zuströmseite
(Stelle )
1 und am engsten Querschnitt (Stelle
)
2 sind Druckmessbohrungen für Manometer-
anschluss angebracht.

Die folgende Ableitung zeigt, dass mit die-


ser Einrichtung bei idealem, inkompressiblem
Fluid der Volumenstrom im Rohr über zwei
Druckmessungen und der Kenntnis der geome-
Bild 3-37. Strömungs-Verengung (Düse) bzw. -Er- trischen Abmessungen (Durchmesser D1 , D2 )
weiterung (Diffusor). exakt ermittelt werden könnte. Oftmals sind
G Geometrie, K Kontinuität, E Energie. die zwei getrennten Druckmessungen zu einer
Zeichen bedeutet Konsequenz, also für K wegen Differenzdruckmessung zusammengefasst, da
G und für E wegen K. nur dieser Differenzdruck Δp =  · g · Δh,
der sog. Wirkdruck bzw. die zugehörige
begründen Konsequenzen-Eintragungen in (Wirk)druckhöhe Δh, bekannt sein muss. Bei
Bild 3-37. Druck und Geschwindigkeit sind so- horizontaler Anordnung entfällt die geodätische
mit bei Strömungen gekoppelt wie siamesische Wirkung z · g.
Zwillinge. Was der eine verliert, gewinnt der
andere und umgekehrt.
Kanalverengung (Düse) in Strömungsrich-
tung bewirkt Geschwindigkeitserhöhung, ver-
bunden mit Druckabfall. Bei solchen Dü-
sen-Strömungen wird somit Druckenergie in
Geschwindigkeitsenergie umgesetzt. Kurz:
Druck in Geschwindigkeit. Verwendet z. B. bei
Turbinen und Strahldüsen.
Kanalerweiterung (Diffusor) entlang der Strö- Bild 3-38. V ENTURI-Rohr (Prinzip). Wirkdruckhö-
mung führt entsprechend zum Umwandeln von he Δh = h1 − h2 . Druckmessstellen 
1 und  2 mit

kinetischer Energie der Strömung in Druck- „Manometerrohren“ ausgerüstet. Öffnungsverhältnis


energie → Geschwindigkeit in Druck. Einge- m = A2 /A1 = (D2 /D1 )2 bei üblicherweise Kreis-
querschnitten.
setzt z. B. bei Strömungspumpen (Kreiselpum-
pen und -verdichter).
Bei realen Fluiden ist das Messergebnis
Geschwindigkeit und Druck sind gekop- durch Einführen von Korrekturfaktoren den tat-
pelt wegen Energieerhaltung. sächlichen Bedingungen anzupassen. Die Ge-
räte sind hierfür entsprechend zu kalibrieren.
V ENTURI-Prinzip(-Rohr): Um den Fluid-
Bei Flüssigkeiten wird dazu die sog. Durch-
durchsatz in Rohrleitungen zu messen, wird
flusszahl α und bei Gasen sowie Dämpfen zu-
vielfach das sog. V ENTURI1 -Rohr (Drosselge-
dem noch die sog. Expansionszahl ε einge-
1)
V ENTURI, Giovanni-Batista (1746 bis 1822), ital. führt, die durch Versuche zu bestimmen sind
Physiker und Ingenieur. (Abschnitt 4.1.1.5.6).
120 3.3 Fluid-Kinetik

Dieses Verfahren der Volumen- oder Massen- Klarstellung ist oft der Index Wi angefügt, al-
strombestimmung wird auch als Durchfluss- so ΔpWi und ΔhWi = ΔpWi /( · g) gemäß (2-47)
messung nach dem V ENTURI-Prinzip be- und (4-69).
zeichnet. Das Öffnungsverhältnis m = A2 /A1 , bei Krei-
Mit den Grundgleichungen – Kennzeichnung sen m = (D2 /D1 )2 , ist hier eigentlich ein Ver-
gemäß Benutzerhinweise – und Flächenverhält- engungsverhältnis, eine Bezeichnung, die aller-
nis m = A2 /A1 ergibt sich gemäß Bild 3-38: dings nicht mehr verwendet werden soll.
D’A LEMBERTsches1 Paradoxon: Ein zylin-
D: V̇ = A · c drischer, schwebefähiger Körper, sowie vorne
p1 c21 p 2 c2 und hinten gleichmäßig abgerundet, wird in
E –
1 :
2 z1 · g + + = z2 · g + + 2
 2  2 eine translatorische Potenzialströmung gemäß,
K –
1 :
2 A 1 · c1 = A 2 · c2 Bild 3-39 gebracht.
z1 = 0; p1 =  · g · h1 + pb A2
Mit ; m=
z2 = 0; p2 =  · g · h2 + pb A1
wird c1 = c2 · A2 /A1 = c2 · m
p1 c2 p2 c22
und + m2 · 2 = +
 2  2
Umgestellt führt zu:

2 p1 − p2
c2 = · Bild 3-39. Schwebender Körper symmetrisch in ei-
1 − m2 
) nem strömenden idealen Fluid (Parallelströmung).
* SPV vorderer Staupunkt, SPH hinterer Staupunkt.
=*
2
+ · g · (h1 − h2 )
1 − m2  ! "
Δh Die Staustromlinie des idealen Fluides teilt sich
(
1  im vorderen und vereinigt sich wieder im hin-
= · 2 · g · Δh teren Staupunkt. Es ergibt sich an der Ab-
1−m 2
strömseite das gleiche symmetrische Stromlini-
Mit dieser Strömungsgeschwindigkeit folgt für enbild wie an der Anströmseite. Die sich durch
den Durchfluss: die Umströmung einstellenden Druckprofile an
( Vorder- und Hinterseite des umströmten Kör-
1 
V̇ = A2 · c2 = A2 · · 2 · g · Δh pers sind daher gleich. Die Strömung kann des-
1−m 2
halb keine resultierende Kraft auf den Körper
(
1  ausüben. Dies führt zu dem Ergebnis:
= m · A1 · · 2 · g · Δh Ein schwimmender oder schwebender Körper
1−m 2
in der Strömung eines idealen Fluides bleibt in
1  Ruhe. Er wird durch die Strömung nicht beein-
V̇ = A1 · · 2 · g · Δh (3-91) flusst.
(1/m2 ) − 1
Die Umströmung von Körpern durch ideale
Das Ermitteln des Volumenstromes lässt sich al- Fluide führt zu einem Ergebnis, das in der Na-
so wieder auf zwei Druckmessungen, das Mes- tur nicht zu beobachten ist. Diese paradoxe, von
sen des Wirkdruckes Δp = gΔh bzw. der Wirk- 1)
D’A LEMBERT , Jean (1717 bis 1783), frz. Mathe-
druckhöhe Δh, zurückführen. Zur eindeutigen matiker und Schriftsteller.
3.3 Fluid-Kinetik 121

D’A LEMBERT begründete Erscheinung wird als abhängig. Prinzipiell ist die Lage des Koor-
D’A LEMBERTsches Paradoxon bezeichnet. In dinatensystems frei wählbar. Vorteilhafterwei-
der Natur gibt es allerdings auch keine idealen se wird die Bezugsebene bzw. -linie jedoch in
Fluide. Die Reibung verändert das Bild und da- die tiefste Stelle des Strömungsproblems gelegt.
mit die Wirkung entscheidend (Bild 3-22 und Dadurch ergeben sich keine negativen Höhen-
Abschnitt 4.3.2). werte. Auch Bezugsstellen festlegen.
Wasserstrahlpumpe (Ejektor oder Injektor): Vorgehensweise: Allgemein ist beim Lösen von
Das Düsen-Prinzip, also die Druckabsenkungen Problemen insgesamt folgende Vorgehensweise
durch Rohreinschnürung, wird in der Technik angezeigt:
auch eingesetzt, um Unterdruck zu erzeugen. 1. Anfertigen einer möglichst wirklichkeitsge-
Die erzielbare Saugwirkung kann zur Flüssig- treuen Problemskizze mit Bezugssystem.
keitsförderung oder Evakuierung dienen. 2. Erstellen des Berechnungsansatzes gemäß
Geräte, die diese Erscheinung nutzen, wer- den physikalischen Bedingungen und Pro-
den als Wasserstrahlpumpe oder Injektor, blemforderungen für die Bezugsstellen; in
bzw Ejektor bezeichnet. Nachteilig ist der ho- Anlehnung an die Systemskizze.
he Trägerfluid-Verbrauch. In Bild 3-40 ist der 3. Mathematisches Auswerten des Lösungs-
prinzipielle Aufbau eines Injektors dargestellt. ansatzes unter Verwenden der zum Pro-
Durch entsprechende Gestaltung (Abmessun- blem gehörenden Zusammenhänge – exak-
gen) und Zuströmbedingungen (p1 , c1 , 1 ) wird te und/oder experimentell abgesicherte; nö-
der Druck am Düsenaustritt (Stelle 2) kleiner als tigenfalls Annahmen.
der Umgebungsdruck pb , was die Saugwirkung 4. Größen1-Auswertung des Ergebnisses der
(Abschnitt 2.4) verursacht. mathematischen Auswertung – wenn sinn-
voll, mit Computer – unter Verwenden ge-
gebenenfalls notwendiger Stoff- und Er-
fahrungswerte. Nötigenfalls sind vorab an-
schließend zu überprüfende Schätzwerte
einzuführen (Iterationsverfahren).
5. Überprüfen der Größen-Ergebnisse durch
Plausibilitätsbetrachtungen, Erfahrung,
Vergleich mit den Ergebnissen ähnlich
gelagerter Probleme oder Versuche.
Ausfluss aus Gefäß.
B1
In einem zylindrischen Behälter,
Bild 3-41, mit Bodenöffnung von konstan-
tem Querschnitt (Durchmesser D) reicht die
Bild 3-40. Wasserstrahlpumpe (Ejektor oder Injek- unter gleichbleibendem Überdruck stehende
tor), Prinzipaufbau. Flüssigkeit bis zur Höhe H0 .
Gesucht sind:
Beispiele:
Grundsätzliches: Um Strömungsprobleme zu a) Ausströmgeschwindigkeit, wenn der Flüs-
lösen, ist es normalerweise sinnvoll, eine mög- sigkeitsspiegel durch Zufluss in gleichblei-
lichst wirklichkeitsgetreue Systemskizze anzu- bender Höhe gehalten wird (H0 = konst) und
fertigen und alle wichtigen Größen einzutra- Überdruck pü > 0 ist.
gen. Notwendig ist dabei insbesondere die Fest- 1)
Größen sind Zahlenwerte mit, bzw. ohne Einheiten
legung des Bezugssystems. Von diesem sind (Seite X und Abschnitt 1.1), auch Dimensionen ge-
dann die Randbedingungen (Höhenquoten usw.) nannt.
122 3.3 Fluid-Kinetik


1/ 1 − m2 = 1,03. Die Geschwindigkeit nach
(3-94) weicht dann, d. h. schon bei D1 = 2 · D2
(Kreisquerschnitte), nur um 3% vom theoreti-
schen Wert nach (3-93) ab. Dieses Abweichen
ist bei technischen Problemen mit ihren vielen
sonstigen, nur unvollkommen zu berücksichti-
genden Einflüssen meist vertretbar.
Das bedeutet: Der Einfluss der Anfangs-,
Bild 3-41. Ausfluss aus einem Gefäß. bzw. Zuströmgeschwindigkeit ist in der Regel
vergleichsweise gering, weshalb diese bei sol-
chen Berechnungen meist vernachlässigt wer-
b) Zeit für Spiegelabsenkung um ΔH von H1
den kann, also c21 /2 ≈ 0 gesetzt.
auf H2 , wenn der Zufluss unterbrochen wird
und Überdruck pü = 0 ist (Behälterdeckel Gleichung (3-94) wird auch als T ORRICEL -
geöffnet). LI sche1 (Ausfluss-)Formel der reibungsfreien
Strömung bezeichnet und mit (2-47) – Indi-
Lösung: zes i . . . innen, a . . . außen – als B UNSEN-
a) Stationäres Problem (da H0 und pü je konst): Beziehung:
 
p1 c21 p 2 c2 c = 2(pi − pa )/g = 2Δp/g (3-94a)
E –
1 :
2 z1 · g + + = z2 · g + + 2
 2  2
b) Instationäre Strömung:
K –
1 :
2 c1 · A 1 = c2 · A 2 (da H0 → H bzw. z
= konst)
z1 = H0 ; p1 = pb + pü ; Bei diesen Strömungsproblemen ist die Fluid-
Mit c2 = c austrittsgeschwindigkeit aus der Bodenöffnung
z2 = 0; p2 = pb ;
nicht konstant, sondern ändert sich funktionell
und c1 = c2 · A2 /A1 = c · m mit der durch den Ausfluss ständig absinkenden
p b + p ü c2 2 Spiegelhöhe z. Entsprechend (3-93) gilt:
wird H0 · g + + ·m (
 2 1  2g √ √
= pb / + c2/2 c (z) = √ 2gz = z=K z
1−m 2 1 − m 2
  
1 pü
c= √ · 2 g · H0 + (3-92) mit Abkürzung Faktor K = 2 g/(1 − m2)
1 − m2 
Zur Aufstellung einer Beziehung der Ausfluss-
Bei Kreisquerschnitten ist das Öffnungsverhält- zeit T für die Spiegelabsenkung um ΔH von H1
nis m = A2 /A1 = (D2 /D1 )2 . auf H2 gibt es zwei Möglichkeiten:
Sonderfälle: Möglichkeit 1 Möglichkeit 2
dV
1. pü = 0 (freie Oberfläche) V̇ = = A2 · c2 = A2 · c V̇ = A1 · c1 = A2 · c2
dt
 dz
1 dV = A2 · c · dt Mit c1 =
c= √ · 2 · g · H0 (3-93) dt
1 − m2
Andererseits nach nach Bild 3-37 und

2. pü = 0 und A1  A2 , also m2  1 Bild 3-37: dV = A1 · dz c2 = c = K · z
 Gleichgesetzt: dz √
c ≈ 2 · g · H0 (freier Fall!) (3-94) A1 · = A2 · K · z
A2 · c · dt = A1 · dz dt

A2 · K · z · dt = A1 · dz A1 · dz = A2 · K
Bemerkung: √
· z · dt
A1  A2 ist bereits gegeben ab etwa A1 ≥
4 · A2 . Für A1 = 4 · A2 , also m = 0,25 ist 1)
T ORRICELLI (1608 bis 1647), ital. Forscher.
3.3 Fluid-Kinetik 123

Die einfache Differenzialgleichung der Spiegel-


absenkung als Funktion der Zeit z = f (t) somit:

A2 · K · z · dt = A1 · dz
Mit m = A2 /A1 ergibt sich
m · K · dt = z−1/2 · dz Integriert:
T H1
m·K dt = z−1/2 dz
0 H2
 & '
z1/2 H1
 = 2 H 1/2 − H 1/2
m·K ·T =  1 2
1/2 H2

Mit K = 2g/(1 − m2) folgt letztlich:

 
2 1 √ √
T= 2
− 1 · ( H1 − H2 ) (3-95)
g m

Hinweise:
Bild 3-42. Ausfluss aus einem Hochbehälter:
Zugehörig zum Zeitablauf t = 0 bis t = T senkt
a) Aufbau
sich der Fluidspiegel durch die Ausströmung b) Druckverlauf (Lösungs-Ergebnis)
von H1 auf H2 . Da das Wegintegral dadurch ent- –––––– wenn Ausströmdüse vorhanden (A4 < A3 )
gegen der z-Richtung erfolgt, wird es negativ. – – – wenn keine Ausströmdüse vorhanden
Um dies zu umgehen, da nur der Betrag des Er- (A4 = A3 = A3 ) mit Strömungsabriss ab 
2
gebnisses wichtig ist (Zeit T positiv), wurden
die Integrationsgrenzen vertauscht.
schen dem Behälter-Ansatz des senkrechten
Bei Behältern mit A
= konst, also A = f (z),
Abflussrohrs und dessen Austritt-, d. h. Mün-
ist die Querschnittsänderung vor dem Auswer-
dungsquerschnitt abhängig.
ten des zugehörigen Integrales in die Berech-
nung einzuführen, z. B. über Strahlensatz oder Der Druckverlauf (Bild 3-42) bei Ausström-
Winkelfunktionen. Düse (dick gezeichnet) folgt aus der E U -
LERschen Strömungsgleichung stationärer Strö-
Ausfluss aus Hochbehälter mung, (3-62). Die Gleichung umgestellt er-
B2
Ein längeres Abflussrohr ist mit einem gibt entsprechend den Druckgradienten in z-
Hochbehälter verbunden. Bild 3-42, Teil a zeigt Richtung:
den vereinfachten Aufbau.
Gesucht: Ausströmungsgeschwindigkeit und dp  dc2
= − · g − ·
Grenzen für Gefälle (Höhe) H. dz 2 dz
Die Strömung reißt dort ab, d. h. wird unste- Hieraus folgt:
tig, wo in ihr der Fluid-Dampfdruck pDa er- Höhenbereich – 1 :
2
reicht wird oder unterschritten würde, es kommt Seitlich, damit Einfluss der Einströmöffnung
zur Dampfbildung. An der Stelle  2 herrscht, des Abflussrohrs gering ist und deshalb nähe-
wie sich noch zeigt, der niedrigste Druck. Hier rungsweise außer Betracht bleiben kann. Dann
besteht deshalb Strömungs-Abreißgefahr. Der gilt:
Druck an dieser Stelle ist wegen der Fluid- c = konst und vernachlässigbar klein, da Quer-
schwerewirkung vom Höhenunterschied H zwi- schnitt A1 sehr groß, also dc = 0 → dc2 = 0.
124 3.3 Fluid-Kinetik

Dafür wird dp/ dz = − · g p2 c22 p4 c24


E –
2 :
4 gz2 + + = gz4 + +
Der Druckgradient hat im (p, z)-Bezugssystem  2  2
eine negative Steigung, d. h. der Druck steigt K –
2 :
4 c 2  A 2  = c4 A 4
mit der Tiefe an, und zwar linear (Fluidstati-
Mit z2 = H; p2 =?; A2 = A3
sches Grundgesetz).
z4 = 0; p4 = pb
Höhenbereich – 1 :
2
c = konst, also ebenfalls dc2 = 0, und des- A4 A4 
wird c2  = c4 = 2gH0
halb dp/ dz = − · g bis kurz vor Stelle , 2 A3 A3
dann starker Druckabfall infolge Fluidbeschleu-  2
p 1 A4
nigung bis auf die Geschwindigkeit im Ab- und gH + 2 + · · 2gH0
flussrohr, also hier dc2 > 0, wobei der genaue  2 A3
pb
Bereich unbekannt und theoretisch-analytisch = + gH0
kaum zu fassen ist, sondern nur experimentell. 
  2 
A4
Höhenbereich –2 :
3 Hieraus p2 = pb + gH0 1 −
A3
c = konst, also wieder dc2 = 0 und deshalb
dp/ dz = − · g. Gefahr, dass Strömung abreißt. − gH

Höhenbereich – 3 :4 Die Strömung reißt nicht ab, d. h., es findet kei-
Der Querschnitt nimmt mit kleiner werdendem ne Dampfbildung statt, wenn p2 ≥ pDa ,
z ab. Infolge der Kontinuitätsbedingung wächst    2  
A4
c wegen der mit fallendem z sich verengen- also pDa ≤ pb + g H0 1 − −H
A3
den Ausströmdüse. Deshalb ist dc/ dz und da-   2 
mit auch dc2 / dz negativ und − dc2 / dz posi- pb − pDa A4
Hieraus H ≤ + H0 1 −
tiv. − dc2 / dz ist größer als  · g und daher der g A3
Druckgradient dp/ dz > 0. Die Steigung ist im
Sonderfall: Abflussrohr mit konstantem
(p, z)-Koordinatensystem positiv.
Querschnitt auf gesamter Länge, d. h. ohne
Wie bereits erwähnt, tritt an der Stelle 
2 der Ausström-Düse. Dafür wird mit A4 = A3 :
niedrigste Druck im System auf (vgl. auch
H ≤ ( pb − pDa )/( · g) (3-96)
Bild 3-42b). Dieser Druck muss, wenn die
Strömung nicht abreißen, also Dampfbildung Bei Wasser bis 20 ◦ C (pDa ≈ 0, Tabelle 2-1)
vermieden werden soll, größer als der Fluid- muss bei Atmosphärendruck (pb ≈ 1 bar) dem-
Dampfdruck pDA sein. Der Druck an der Stelle nach H ≤ 10 m sein, andernfalls reißt die Strö-

2 und damit die maximal zulässige senkrechte mung an Stelle 
2 ab.
Rohrlänge H ergibt sich zusammen aus Energie-
und Kontinuitätsgleichung, wobei Werte von
Fluidschwingung im U-Rohr.
1 ≡ :
1 B3
Ein oben offenes U-Rohr, Bild 3-43,
p1 c21 p4 c24 von konstantem Querschnitt ist bis zur Höhe
E –
1 :
4 gz1 + + = gz4 + + H mit idealem Fluid gefüllt (Mittellage). Das
 2  2
Fluid wird aus der Ruhelage gebracht. Die Be-
Mit z1 = H0 ; p1 = pb ; wegungsgleichung des Fluides ist aufzustellen.
c1 ≈ 0, da A1  A4
Es gilt: p1 = p2 = pb (freie Oberfläche)
z4 = 0; p4 = pb
K –
1 : 2 c1 · A1 = c2 · A2 = c · A;

wird c4 = 2gH0 da A1 = A2 = A
(T ORRICELLI-Formel!) wird c1 = c2 = c
3.3 Fluid-Kinetik 125

Nach Bild 3-43: c = ds/ dt = − dζ / dt, da s- und


ζ -Richtung gegensätzlich.

dc d2 s d2 ζ
Deshalb = 2 =− 2
dt dt dt
Damit in (3-97), ergibt:

d2 ζ 2 · g
+ ·ζ = 0 (3-98)
dt 2 l
Gleichung (3-98) ist die Differenzialgleichung
der instationären reibungsfreien Fluidbewegung
Bild 3-43. Fluidschwingung in U-Rohr. Entlang im U-Rohr mit konstantem Querschnitt. Es han-
der Fluid-Mittellinie s-Koordinate. Mittellage kenn- delt sich um die Differenzialgleichung einer ein-
zeichnet stationäre Gleichgewichtsposition. ζ -Au- fachen, ungedämpften, harmonischen Schwin-
genblicks- oder Transientenkoordinate entlang der
gung. Das Integral (Lösung) dieser Gleichung
Bewegungsrichtung, je von Mittellage bis Spiegel.
ist bekanntlich [120]:

Damit folgt aus (3-81a) für die Stellen K –


1 :
2
ζ = Â · sin ω t (3-99)
s2 s1 mit
∂c ∂c
g(z1 − z2 ) = ·∂s− ·∂s
∂t ∂t ζ . . . Schwingungsweg von Ruhelage (Mittel-
0 0
lage)
Mit z1 − z2 = 2 · ζ nach Bild 3-43 ergibt sich: Â . . . Amplitude, also größter Schwingungs-
ausschlag ζmax um die Gleichgewichtsla-
s2
∂c ge z = H
2·g·ζ = ·∂s
∂t ω . . . Kreisfrequenz der harmonischen
s1
Schwingung ω = 2g/l
Da A = konst zwischen s1 und s2 , ist c und Für die Schwingungsdauer gilt:
damit auch ∂ c/∂ t unabhängig von s, weshalb 
aus dem Integral nehmbar. T = 2π /ω = 2π l/(2g) (3-99a)
s2
∂c Beim idealen Fluid, wie hier zugrundegelegt,
Dann wird 2 · g · ζ = · ∂s
∂t dauert die Schwingung unendlich lange, kommt
s1 somit nicht zur Ruhe. Der Schwingungsaus-
 l schlag (Amplitude Â) bleibt unverändert, also
∂ c s2 ∂ c ! "
Integriert: 2·g·ζ = ·s = (s2 − s1 ) konstant. Bei realen Fluiden ergibt sich infol-
∂ t s1 ∂ t ge Reibung eine gedämpfte Schwingung, deren
l . . . Länge der gesamten Flüssigkeitssäule im Amplitude nach einer Exponentialfunktion (e-
U-Rohr. Funktion) abklingt.

Da die Geschwindigkeit unabhängig vom Weg s Bemerkungen:


und damit nur eine Funktion der Zeit (c = f (t)) a) U-Rohr-Schenkel nicht lotrecht: Verlaufen
ist, sind keine partiellen Differenziale mehr not- die beiden Schenkel des U-Rohres schräg,
wendig, also ergibt sich in der Herleitung und damit im
Ergebnis folgende Änderung:
dc Festlegung: Neigungswinkel – Schrägstel-
2·g·ζ = l · (3-97)
dt lungswinkel gegenüber der Waagrechten –
126 3.3 Fluid-Kinetik

des linken U-Rohrschenkels α und des Aus (3-81a) mit entfallenden z-Anteilen, da
rechten β . Dabei kann es sich durch- z1 = z2 (waagrechte Anordnung) und c1 = c2 ,
aus um Raumwinkel handeln. Beide U- wegen D = konst, folgt:
Rohrschenkel müssen also nicht in einer ge- s2 s1 
meinsamen Ebene liegen.
p1 − p2 =  · (∂ c/∂ t) · ∂ s − (∂ c/∂ t) · ∂ s
Konsequenz: ζ -Koordinate gemäß Bild 3-43
verläuft schräg unter Winkel α im lin- 0 0
s2
ken und Winkel β im rechten Schenkel in
Rohrachse von Mittellage zur Zeit t nach = · (∂ c/∂ t) · ∂ s
oben bzw. unten. Damit ist der Höhenunter- s1
schied der Fluidspiegel: Da D = konst, ist ∂ c/∂ t nicht vom Strömungs-
weg s abhängig, weshalb sich mit Weggrenzen
z1 − z2 = ζ · sin α + ζ · sin β
s1 = 0 bis s2 = L ergibt:
= ζ · (sin α + sin β ) L
Δp = p1 − p2 =  · (∂ c/∂ t) · ∂s
Dieser Ausdruck tritt dann in der gesamten
0
zuvor durchgeführten Herleitung an die Stel- L
le von 2 · ζ . 
=  · (∂ c/∂ t) · s =  · (∂ c/∂ t) · L
Ergebnis: Die Kreisfrequenz ω der reibungs- 0
freien Schwingung verändert sich zu: Die partiellen Differenzialsymbole sind jetzt
 überflüssig, da nur noch eine Variable, die Zeit t
ω = (g/l) · (sin α + sin β )
vorhanden, also:
Diese Beziehung geht bei α = 90◦ und auch Δp =  · L · dc/dt
β = 90◦ in den Wert von vorher über, der
sich somit hieraus als Sonderfall ergibt. Infolge gleichmäßigem Schließen, also linea-
rem Verhalten, gilt mit den Differenzen Δt und
b) U-Rohr-Querschnitt nicht konstant: Verän-
Δc = c0 − c = c0 , da hier c = 0:
dert sich der Strömungsquerschnitt entlang
des Rohres, muss das über die Kontinuitäts- Δp =  · L · Δc/Δt
gleichung in die Betrachtung eingeführt wer-
den. Die Fließgeschwindigkeit c ist dann so- Andere Überlegung, ohne (3-81a) zu verwen-
wohl von der Zeit, als auch vom Weg s ab- den:
hängig. Die Herleitung wird daher zwangs- Nach dem N EWTON-Grundgesetz:
läufig entsprechend komplizierter und oft
nur bei einfachen Querschnittsverläufen des F = m·a
U-Rohres mathematisch noch lösbar.
Mit
F = Δp · A der Verzögerungskraft, die durch
In einem Rohr von gleichbleibendem
B4 Druckerhöhung Δp aufgebracht
Durchmesser D und Länge L strömt
werden muss, bzw. diese im Rohr
ein Medium der Dichte  mit der Geschwindig-
bewirkt
keit c0 .
m =  · A · L der zu verzögernden Fluidmasse
Gesucht: Welche Druckerhöhung tritt im Rohr im Rohr
auf, wenn es mit der an seinem En- a = Δc/Δt der konstanten Beschleunigung
de vorhandenen Absperrvorrichtung (Verzögerung) bei gleichmäßiger,
langsam und gleichmäßig in der d. h. zeitlinearer Strömungsge-
Zeit Δt vollständig geschlossen wird. schwindigkeitsabnahme
3.3 Fluid-Kinetik 127

wird: Im Druckwindkessel (Abschnitt 2.2.5)


Ü 16 einer Pumpe steht das Wasser unter
Δp · A =  · A · L · Δc/Δt hieraus: dem konstanten Überdruck von 4 bar. Von die-
Δp =  · L · Δc/Δt sem Windkessel geht eine Leitung von 150 mm
Es ergibt sich dasselbe Ergebnis, das gemäß Durchmesser 2 m unter dem Wasserspiegel ab
den Voraussetzungen nur für eine kleinere und führt zum Boden eines höher liegenden,
gleichbleibende Verzögerung, d. h. langsames oben offenen Behälters mit 3 m Wassertiefe. Die
gleichmäßiges Schließen gilt, ein Vorgang, bei freie Oberfläche des Hochbehälters liegt 28 m
dem Fluidkompressibilität und Rohrmaterial- über dem Wasserspiegel des Windkessels. Ge-
Elastizität nicht berücksichtigt werden müssen. sucht:
Bei schnellem Schließen (3-82a) dagegen ist a) Wasserstrom
dies nicht mehr zulässig. Es entstehen Druck- b) Wasserdruck im Rohr, am Abgang vom
stöße, weshalb dann (3-82) verwendet werden Windkessel.
muss. Hingewiesen wird auch auf [91].
Von einem Behälter mit großem Quer-
3.3.6.3.4 Übungsbeispiele Ü 17 schnitt, in dem die Flüssigkeit die Hö-
Ein senkrechtes Rohr mit NW 100 he H0 erreicht, geht am Boden ein Rohr senk-
Ü 13 (Nennweite NW = D[mm], lichter recht nach unten ab. In diesem Abflussrohr, das
oder Innen-Durchmesser) biegt unten in die am Eintritt einen Durchmesser von 80 mm hat
Waagrechte ab und erweitert sich dabei auf NW und sich zum Austritt hin konisch verengt, strö-
200. Der Wasser-Volumenstrom in der Leitung men 200 m3 /h Wasser. Die Austrittsgeschwin-
beträgt 170 m3 /h. In einer Höhe von 50 cm über digkeit aus dem Rohr beträgt 25 m/s. Unter
der Mittellinie des waagrechten Abflussrohrs ist der Forderung, dass am Rohreintritt gerade der
am senkrechten Rohrteil eine Druckmessboh- gleiche Druck wie auf der freien Oberfläche
rung angebracht. Das waagrechte Rohr enthält herrscht, sind zu berechnen:
ebenfalls eine Messbohrung. Gesucht ist der a) Rohraustritts-Durchmesser
Druckunterschied zwischen den zwei Messboh- b) Flüssigkeitshöhe H0 im Behälter
rungen. c) Gesamtgefälle
In einem Rohr von NW 100 strömen
Ü 14 150 m3 /h Wasser unter einem Abso- Von einem oben offenen Behälter, der
Ü 18 bis zur konstanten Höhe H0 = 4 m mit
lutdruck von 5 bar. An das Rohr soll ein Mund-
stück (Düse) angebaut werden. Wasser von 50 ◦ C gefüllt ist, geht waagrecht
Gesucht: in Bodenhöhe eine Überleitung – üblicherweise
a) Ausströmungsgeschwindigkeit mit Heberleitung bezeichnet – ab, die zu einem
b) Austrittsdurchmesser

Ein Behälter mit großem Querschnitt


Ü 15 und konstanter Spiegelhöhe hat ein
von seinem Boden senkrecht nach unten abge-
hendes Abflussrohr. Dieses Abflussrohr endet
in einem 90◦-Krümmer, 2 m unter dem Wasser-
spiegel des Sees, über dem der Behälter ange-
bracht ist. Die freie Behälteroberfläche (Ober-
wasserspiegel OW) liegt 4 m über der Seeober-
fläche (Unterwasserspiegel UW). Welcher Was-
serstrom fließt bei einem Abflussrohrdurchmes- Bild 3-44. Behälter-Verbindung durch Heberlei-
ser von 80 mm? tung.
128 3.3 Fluid-Kinetik

zweiten, ebenfalls großen Behälter führt, dessen wegung eindimensionaler instationärer in-
freie Oberfläche 1,5 m unter dem Spiegel des kompressibler Strömung in waagrechter
anderen Behälters liegt, Bild 3-44. Gesucht: Ebene (z = konst):
a) Wasserstrom in der Heberleitung von 50 mm
s
Durchmesser. p u2 2 ∂
− + + · ∂ s = konst (3-100)
b) Maximal zulässige Höhe H der Heberleitung  2 2 ∂t
0
über dem höchsten Wasserspiegel.
Die Energiegleichung der Relativbewegung
eindimensionaler stationärer inkompres-
Eine Rohrleitung von 2,5 km Länge sibler Strömung in waagrechter Ebene
Ü 19 und NW 250 führt Wasser mit 1,5 m/s ( = konst; ω = konst; z = konst) ergibt
mittlerer Geschwindigkeit, bei einem mittleren sich entsprechend durch Integration der
Überdruck von 4,2 bar. E ULERschen Bewegungsgleichung der Relativ-
Um wie viel bar steigt der Druck, wenn das Ab- bewegung, (3-72):
sperrventil am Ende der Leitung innerhalb von
10 s gleichmäßig geschlossen wird? p u2 2
− + = konst (3-101)
 2 2
Eine Wasserturbinen-Anlage muss we- Dabei sind u = ω · r = f (r) die Umfangsge-
Ü 20 gen plötzlichem Netzausfall schnell schwindigkeit, mit der sich das Fluid zusam-
entlastet werden. Die Strömungsgeschwindig- men am Radius r mit dem System bei Winkel-
keit beträgt 8 m/s in der etwa 1,85 km langen geschwindigkeit ω = konst dreht, und  die re-
Zuleitung. Abzuschätzen sind: lative Strömungsgeschwindigkeit des Fluids in
a) Möglicher Druckanstieg bei schnellem Bezug auf das rotierende System.
Schließen.
b) Zulässige Schließzeit, damit Druckstoß un- Gleichung (3-101) folgt auch aus Superposition:
terbleibt. Mit dem ersten Druckanteil p ergibt sich
gemäß Energiegleichung (3-83) bei Relativ-
An einem bis zur Höhe H0 gefüll- Strömungsgeschwindigkeit  in einer waag-
Ü 21 ten Behälter (Wasser 20 ◦ C) mit freier rechten Ebene (z = konst):
Oberfläche geht am Rand im Bodenbereich ein p / + 2 /2 = konst (3-102)
waagrechtes Abflussrohr (Durchmesser D, Län-
ge L) ab, dessen freies Ende durch ein Ventil ge- Für den zweiten Druckanteil p gilt nach (2-3)
schlossen ist. Bekannt: H0 , , D, L bei einem um eine senkrechte Achse rotieren-
Gesucht: Zeitliche Entwicklung der Aus- des, nicht strömendes Fluid:
flussgeschwindigkeit c = f (t) nach p / − u2 /2 = konst (3-103)
plötzlich geöffnetem Ventil bei
angenommen gleichbleibender Flüs- Hierbei ist in (2-3) nach dem hydrostatischen
sigkeitsspiegel-Höhe (H0 = konst). Grundgesetz zu setzen:
z · g = p /
3.3.6.4 Energiegleichung Dazu hier z Steighöhe, Bild 2-4, und nicht Orts-
der Relativströmung höhe.
3.3.6.4.1 Herleitung Gleichung (2-3) gilt, da ohne Einschrän-
Die Integration der aus der Stromfadentheo- kung abgeleitet, allgemein für jedes um eine
rie folgenden Differenzialgleichung (3-69) führt Achse rotierende, jedoch nicht strömende Fluid
bei  = konst und ω = konst (Winkelgeschwin- (Statik) und damit auch für den Druckverlauf in
digkeit) zur Energiegleichung der Relativbe- zur Rotationsachse senkrechten Ebenen. Insbe-
3.3 Fluid-Kinetik 129

sondere auch exakt dann, wenn die Drehachse b) Zur Drehung des Rohres erforderliche Leis-
vertikal verläuft. tung.
Die Überlagerung (Superposition), d. h. c) Wirkungsgrad der Fördereinrichtung.
Addition von (3-102) und (3-103), führt mit
p = p + p wiederum zu (3-101). Arithmeti- Lösung:
sche Addition ist zulässig, da Druck und Ener- a) Nach der allgemeinen Energiegleichung der
gie Skalare sind. Relativströmung ER, (3-104), gilt:

Ist die Ortshöhe z zu berücksichtigen, nicht p 2 u 2


ER: g·z+ + − = konst
verwechseln mit Steighöhe z nach (2-3), muss  2 2
(3-101) entsprechend der Energiegleichung der Angewendet auf den Stromfaden – 1 
2 in dem
Relativströmung, (3-83), um die spezifische La- mit ω mitrotierenden Relativsystem (Bild 3-45),
geenergie g · z ergänzt werden. Die allgemeine d. h. Stelle 
2 dreht sich mit:
Energiegleichung der Relativströmung, Abkür-
p1 21 u21
zung ER, hat dann für den stationären Fall bei ER –
1 :
2 g · z1 + + −
inkompressiblem Fluid die Form:  2 2
p2 22 u22
p 2 u 2 = g · z2 + + −
g·z+ + − = konst (3-104)  2 2
 2 2
Mit z1 = −h; p1 = pb +  · g · h; u1 = 0;
3.3.6.4.2 Beispiel
In einem mit Wasser gefüllten Behälter gleich- 1 so unterhalb Rohr, dass 1 ≈ 0

bleibender Spiegelhöhe befindet sich ein um die z2 = H; p2 = pb ; 2 = ?; u2 = R · ω


Hochachse mit konstanter Winkelgeschwindig-
keit ω drehendes, gebogenes Rohr, Bild 3-45. pb +  · g · h
Das Rohr ist bereits zu Anfang mit Wasser ge- wird − gh +

füllt und wird reibungsfrei durchströmt.
pb 22 R2 · ω 2
= g·H + + −
Gesucht:  2 2
a) Volumenstrom im Rohr. 
Hieraus: 2 = R2 · ω 2 − 2 · g · H (3-105)
Damit ergibt sich:

d2 · π  2 2
V̇ = A2 · 2 = · R ·ω −2·g·H
4
(3-106)
b) Die durch die Rotation des Rohres dem Fluid
zugeführte spezifische Energie ist im Abso-
lutsystem dem Stromfaden – 1  2 entlang,
wobei jetzt Punkt  2 kurz außerhalb der
Ausströmöffnung liegt und deshalb ruht:

p 2 c2
e12 = e2 − e1 = z2 · g · + + 2
 2
 
p 1 c2
Bild 3-45. Gebogenes Rohr, das rotiert (Winkelge- − z1 · g + + 1
schwindigkeit ω ), gefüllt und in Wasser eintaucht.  2
130 3.3 Fluid-Kinetik

Mit z2 = H; p2 = pb ; c22 = 22 + u22 P = ṁ · R2 · ω 2 =  · V̇ · R2 · ω 2


z1 = −h; p1 = pb +  · g · h; c21 ≈ 0 Mit V̇ = A2 · 2 und (3-105) wird:

wird: 
P =  · R2 · ω 2 · A2 · R2 · ω 2 − 2 · g · H (3-108)
pb 22 + u22
e12 = g · H + +
 2
 
pb +  · g · h c) η = Pnutz /Pzu (3-109)
− −g · h +

22 + u22 2 + ω 2 · R 2 Die Nutzleistung Pnutz ist durch Abheben des
e12 = g · H + = g·H + 2 Wasserstroms V̇ um die Höhe H bedingt:
2 2
Gleichung (3-105) eingesetzt, führt letztlich zu: Pnutz = g · ṁ · H = g ·  · V̇ · H (3-110)

e12 = R2 · ω 2 (3-107) Die zugeführte Leistung ist die in Frage b) be-


rechnete:
Damit ergibt sich für die Gesamtenergie und die
Leistung: Pzu =  · V̇ · R2 · ω 2

Damit wird der Förder-Wirkungsgrad:


Energie: E12 = m · e12 = m · R2 · ω 2
dE12 d H ·g
Leistung: P = = (m · e12) = ṁ · e12 η= (3-111)
dt dt R2 · ω 2
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 131

4 Strömungen
ohne Dichteänderung
(quasi-inkompressible
Strömungen)
4.1 Eindimensionale Strömungen
realer inkompressibler Fluide
(Flüssigkeiten)

4.1.1 Innenströmungen (Rohrströmungen)


4.1.1.1 Erweiterte Energiegleichung
Bild 4-1. Innenströmung eines realen inkompressi-
Bei der Strömung realer Fluide, mit oder ohne
blen Fluides von 
1 nach .
2
Energieumsetzung, treten Verluste durch Rei- Y spezifische mechanische Gesamtenergie der Strö-
bung und Turbulenz (Wirbel) auf. Die dabei ver- mung.
loren gehende Strömungsenergie (Verlustener-
gie) wird in Wärme- und meist unbedeuten-
de Schallenergie umgesetzt. Während die Ge- energie YV, 12 , die unterwegs durch Dissipation
räuschenergie stört, beeinflusst die Erwärmung, verloren geht, kleiner als an Stelle ,
1 gemäß
insbesondere bei inkompressiblen Fluiden, den Bild 4-1.
Strömungsverlauf meistens nicht. Diese durch
innere Reibung und Impulsaustausch (Turbu- Die Energiebilanz der mechanischen Energie
lenz) letztlich in Wärme umgesetzte mecha- zwischen Stelle 1 und  2 ist erfüllt, wenn zur

nische Energie, die Dissipation (dissipieren), verbleibenden Strömungsenergie an Stelle  2

wird als Verlustenergie YV bezeichnet. YV ist die Verlustenergie hinzugerechnet wird. Ge-
dabei ebenfalls auf die Masseneinheit bezogen, mäß den Bilanzbedingungen bedeutet dies, das
also die spezifische Verlustenergie. Mechani- Energiegleichgewicht ist dann erfüllt, wenn die
sche Energie wird auch als geordnete Ener- Summe der Abgänge so groß ist wie die der Zu-
gie (hochwertig) und Wärme als ungeordnete gänge. Was hinausgeht, muss also gleich dem
Energie (geringerwertig) bezeichnet. Dissipati- sein, was hineingeht (Erhaltungssatz). Glei-
on ist daher, molekular betrachtet, die Umset- chung (3-83) des idealen Fluides erweitert sich
zung von kinetischer Energie der geordneten deshalb für die in Bild 4-1 eingetragene Strö-
Teilchenbewegung der Strömung in die unge- mungsrichtung (gekennzeichnet durch einen
ordnete der Thermik (molekülbedingter Impuls- Pfeil) zu:
übertrag, Abschnitte 1.3.3.1 und 3.3.2). Dissipa-
EE  1 − 2 Y1 = Y2 + YV, 12
tion ist somit – thermodynamisch ausgedrückt −−−−→
– die Umwandlung von entropiefreier Energie p 1 c2 p 2 c2
(mechanischer) in entropiebehaftete (Wärme). z1 · g + + 1 = z2 · g + + 2 + YV, 12
 2  2
Analog zum idealen Fluid ergibt sich die Ener- (4-1)
giegleichung realer Fluide, die sog. Erweiter-
Gleichung (4-1) ist die Erweiterte Energieglei-
te Energiegleichung, abgekürzt EE, ebenfalls
chung realer inkompressibler Fluide (Flüs-
aus der Energiebilanz. Strömt ein Medium in
sigkeiten).
einen abgegrenzten Raum (Kontrollraum), z. B.
in einem Rohr, von der Stelle  1 nach Stelle Bei entgegengesetzter Strömungsrichtung, al-
, ist die gesamte Strömungsenergie (mechani-
2 so in Bild 4-1 von Stelle 
2 nach Stelle 
1 ist
sche Energie) nach (3-83) an 2 um die Verlust- gemäß Energiebilanz die mechanische Verlust-

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017 131


H. Sigloch, Technische Fluidmechanik, DOI 110.1007/978-3-662-54467-9_4
132 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)
 
energie YV dann auf der Gleichungsseite von Y1 YV, 12 z1 − z2 p1 − p2
=g +
hinzuzufügen. L L ·g·L
 
Entsprechend sind auch die anderen Energie- p1 − p2
= g sin α + (4-2)
gleichungen, (3-81) und (3-104), zu erweitern ·g·L
→ EER. YV, 12
= g · J12 (4-3)
Die gesamte spezifische Strömungsener- L
gie Y auch als Totalenergie bezeichnet be-
Hierbei ist J12 das Energieliniengefälle zwi-
steht jeweils wieder aus der Summe von Lagen-
schen den Stellen 
1 und :
2
, Druck- und kinetischer Energie (spezifische
Werte). z1 − z2 p1 − p2 p1 − p2
J12 = + = sin α +
Die Diskussion der Summanden der Erweiterten L ·g·L ·g·L
Energiegleichung (4-1) mit Bild 4-1 ergibt: (4-4)
– Die Höhen z1 und z2 sind durch örtliche Ge-
gebenheiten festgelegt. Sonderfall: Horizontale Rohrleitung (α = 0),
– Die Strömungsgeschwindigkeiten sind mit Druckänderung dann nur infolge Verlust YV .
den Querschnitten durch die Kontinuitäts- p1 − p2 YV, 12
gleichung gekoppelt. Dafür wird J12 = =
·g·L L·g
Geschwindigkeiten und Höhen sind hier des- p1 − p2 ΔpV, 12
oder YV, 12 = = (4-5)
halb durch die Strömungsverluste nicht beein-  
flussbar. Die Verlustenergie geht daher voll zu
Lasten der Druckenergie. Bei der Innenströ- 4.1.1.3 Gerade Rohre mit Kreisquerschnitt
mung (Rohrsysteme) realer Fluide ist somit der 4.1.1.3.1 Grundsätzliches
Druck in Strömungsrichtung, an der Stelle , 2 Für die durch die Strömungsverluste (Rei-
kleiner als bei idealem Fluid. Es gilt also: bung, Wirbel) bedingte Verlustenergie sind
Strömungsverlust in Rohrleitungen beim einfachsten Fall, der geraden Rohrleitung
verursacht Druckverlust. mit kreisförmigem Querschnitt, entsprechend
dem N EWTONschen Reibungsgesetz, (1-13)
Bemerkung: Querstriche auf den Geschwindig- und (1-14), folgende Einflussgrößen bestim-
keitssymbolen als Kennzeichen für Mittelwer- mend:
te (energiegemittelt) werden wieder, wie meist
üblich, weggelassen, wenn keine Verwechslung – Berührungsfläche zwischen Fluid- und
möglich (Benutzer-Hinweise). Rohrwand (Länge L, Durchmesser D), die
sog. Benetzungsfläche
4.1.1.2 Energieliniengefälle – Strömungsgeschwindigkeit c (mittlere!)
Das Energiegefälle J oder Energieliniengefäl- – Fluid-Art (Eigenschaften , η )
le, das auch mit Drucklinien- oder Gesamtge- – Strömungsform (laminar, turbulent)
fälle bezeichnet wird, ist die Summe von Orts- – Wandrauigkeit k
höhengefälle und Druckhöhengefälle einer sta-
also YV = f (L, D, c, , η , Strömungsform, k)
tionären Strömung in einem Rohr konstanten  ! "
Querschnittes. Re
Wenn in Bild 4-1 A2 = A1 und damit c2 = Die Verlustenergie ist demnach u. a. sicher ab-
c1 wäre, liefert (4-1), da (z1 − z2 )/L = sin α : hängig von der R EYNOLDS-Zahl Re, (3-45).
p1 p2 4.1.1.3.2 Laminare Rohrströmungen
z1 · g + = z2 · g + + YV, 12 Hieraus
  Infolge der Haftbedingung (Abschnitt 1.3.3.1)
p1 − p2 hat das Fluid direkt an der Rohrwand keine Strö-
YV, 12 = g(z1 − z2 ) + und
 mungsgeschwindigkeit. Zur Rohrmitte muss die
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 133

Geschwindigkeit ansteigen. Dieses Geschwin- zylinders in Bild 4-2 steigt daher der Druck
digkeitsgefälle verursacht nach N EWTON eine jeweils linear von oben nach unten. Ersatzweise
Scherspannung zwischen den sich aneinander, eingetragen sind deshalb die zugehörigen Mit-
infolge Symmetrie konzentrischen Schichten. telwerte (p1 und p2 ) über den Querschnitten,
die jeweils an der Rohrachse auftreten. Wegen
Das Verhalten der laminaren Strömung erlaubt
des proportionalen Druckverlaufs in Quer-
eine rein theoretische Behandlung. Um die
richtung ist dies zulässig und führt daher zum
Verlustenergie analytisch darzustellen, wird in
richtigen Ergebnis (Hinweis auf Bild 3-30).
Strömungsrichtung das Kräftegleichgewicht an
einem koaxialen Fluidzylinder, Bild 4-2, mit Bei stationärer Strömung (aB = 0 → nach
Radius r aufgestellt, wobei 0 < r < R. Dies ist N EWTON ΣF = m·aB = 0) treten in Strömungs-
zulässig, da bei laminarer Strömung alle Fluid- richtung s auf:
teilchen, die an der Zuströmfläche, Stelle ,1
in den abgrenzenden Zylinder eintreten, diesen Komponente der Gewichtskraft:
nur durch die Abströmfläche  2 wieder ver-
Ft = FG · sin α =  · g · π · r2 · L · sin α
lassen. Ein Fluid- und damit energiebehafteter
Impulsaustausch durch die Zylindermantelflä- Druckkräfte:
che findet wegen fehlender turbulenter Misch- 
bewegung nicht statt. Bedingt durch die la- Stelle 
1 Fp, 1 = p1 · A1 = p1 · π · r12 r = r1
minare Reibung (Scherspannung τ ) ändert sich Stelle 
2 Fp, 2 = p2 · A2 = p2 · π · r22 = r2
der Druck jedoch in Strömungsrichtung.
Widerstandskraft infolge Fluidreibung, eben-
falls nach N EWTON → (1-14):
dc
FW = τ · A0 = −η · ·2·r·π ·L
dr
Das Minuszeichen bei der Widerstandskraft ist
zur Kompensation des negativen Geschwindig-
keitsgefälles notwendig, dc/ dr ist negativ, da,
wie zuvor und in Abschnitt 3.3.3 begründet,
die Strömungsgeschwindigkeit c im Rohr mit
wachsendem Radius r abnimmt.

Kräftegleichgewicht in s-Richtung aufgestellt:

Bild 4-2. Kräfte auf einen Fluidzylinder, Durch- ΣFs = 0 → Ft + Fp, 1 − Fp, 2 − FW = 0
messer r; Länge L, in stationärer laminarer Rohrströ-
mung mit Komponenten-Zerlegung in die Richtun- Die obigen Beziehungen für die Kräfte einge-
gen des festgelegten (s, r)-Koordinatensystems. setzt und vereinfacht (r · π gekürzt), führt zu:
dc
 · g · r · L · sin α + r · (p1 − p2 ) + η · ·2·L
Infolge Radialkraft Fr (Komponente der Ge- dr
wichtskraft FG ) ist der Druck auch über den = 0 |: L und umgestellt, ergibt:
 
Rohrquerschnitt nicht konstant. Da in Radial- dc p1 − p2
richtung jedoch keine Strömung besteht, verän- 2·η · +  · g · r sin α + = 0 |: 
dr ·g·L
dert sich hier der Druck in jedem Querschnitt
gemäß dem fluidstatischen Grundgesetz (2-47). Mit Beziehung (4-2) und der kinematischen
Über die Querschnitte  1 und  2 des Bezugs- Viskosität v = η / ergibt sich die Differenzial-
134 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

gleichung für die Strömungsgeschwindigkeit c eine reine Grenzschichtströmung mit der Grenz-
als Funktion vom Radius r: schichtdicke δL = R und der (ungestörten) An-
strömgeschwindigkeit c∞ = cmax .
2 · ν · ( dc/ dr) + (YV/L) · r = 0
Die auf der Rohrachse liegende maximale Strö-
Die Variablen c und r getrennt sowie integriert: mungsgeschwindigkeit cmax ergibt sich aus (4-6)
  mit r = 0 zu:
YV
dc = − · r · dr YV YV
2·ν ·L cmax = · R2 = · D2 (4-7)
4·ν ·L 16 · ν · L
YV r2
c=− · +C Der Volumenstrom kann durch Integrieren,
2·ν ·L 2
auch Aufleiten genannt, über den Rohrquer-
Die Integrationskonstante C folgt aus der Rand- schnitt A ermittelt werden:
bedingung (Haftbedingung): 
V̇ = dV̇ hierbei nach Bild 4-3
c = 0 für r = R
(A)
YV
Damit wird C = · R2 dV̇ = dA · c(r) = 2 · r · π · dr · c(r)
4·ν ·L
Eingesetzt in die Gleichung für c ergibt das Ge- Mit (4-6) ergibt sich:
setz von S TOKES für die Geschwindigkeitsver-  ,
R
-
teilung c = f (r) der laminaren Rohrströmung: YV
V̇ = 2 · π · · R2 · r − r3 · dr
4·ν ·L
YV , - 0
c= · R2 − r 2 (4-6)  
4·ν ·L π YV r 2 r4 R
= · R 2

Dies ist die Gleichung einer Parabel. Die 2 ν ·L 2 4 0
Geschwindigkeitsverteilung bei vollausgebil- π YV
V̇ = · · R4 (4-8)
deter laminarer Innenströmung ist also parabo- 8 ν ·L
lisch. Beim Kreisrohr liegen die Spitzen aller
Wird der Volumenstrom V̇ = ΔV /Δt bei statio-
Geschwindigkeitsvektoren also auf einem Ro-
närer Strömung durch Messung des Ausflussvo-
tationsparaboloid, Bild 4-3, mit dessen Scheitel
lumens ΔV während der Zeit Δt bestimmt,
auf der Rohrachse.
kann mit (4-8) die kinematische Viskosität v er-
mittelt werden. Die schon in Abschnitt 1.3.3
erwähnten Kapillarviskosimeter nach U BBE -
LOHDE 1 arbeiten nach diesem Verfahren. Da-
bei wird die kinematische Viskosität abhängig
von der Fluidtemperatur bestimmt und in ei-
nem sog. Viskositäts-Temperatur-Blatt (V T -
Blatt) nach U BBELOHDE aufgetragen. Die Ko-
ordinaten des V T -Diagramms sind dabei so ge-
Bild 4-3. Geschwindigkeitsverlauf c = c(r) bei la- teilt, dass sich der Viskositätsverlauf von N EW-
minarer Innenströmung (Rohrströmung). Paraboloid- TON schen Fluiden als Gerade darstellt (Ab-
Mantel. . . Hüllfläche der rotationssymmetrischen schnitt 1.3.5.2).
räumlichen Geschwindigkeitsverteilung, mit einge-
tragenem Zylinder der mittleren Geschwindigkeit c̄. Gleichung (4-8) lässt sich weiter umschreiben:
YV YV
V̇ = · R2 · π · R2 = · R2 · A (4-9)
8·ν ·L 8·ν ·L
Nach der Definition der Grenzschicht (Ab-
schnitt 3.3.3.2) ist die laminare Rohrströmung 1)
U BBELOHDE , Leo (1876 bis 1964), dt. Chemiker.
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 135

Mit der mittleren Strömungsgeschwindigkeit c̄ die Praxis bestätigen. Bei größerer Rauigkeit
gilt andererseits die Bedingung (3-3): Umschlag in Turbulenz (Abschnitt 4.1.1.3.4).
Bei laminarer Strömung ist die Verlust-
V̇ = A · c̄ (4-10) energie nach (4-13) proportional der Geschwin-
Aus Gleichsetzen von (4-9) mit (4-10) folgt: digkeit. In (4-14) und (4-16) ist dieser linea-
re Zusammenhang zwischen YV und c̄, obwohl
YV YV vorhanden, infolge obiger Erweiterung (c̄/c̄),
c̄ = · R2 = · D2 (4-11)
8·ν ·L 32 · ν · L nicht mehr direkt erkennbar.
Querstrich über c-Symbol wird bequemer-
Der Vergleich mit (4-7) liefert:
weise meist wieder weggelassen.
1 Infolge des fehlenden makroskopischen
c̄ = · cmax (4-12) Queraustauschs (Abschnitt 3.3.2.2.1) hängt die
2
Reibung bei laminarer Strömung theoretisch
Die Verlustenergie YV ergibt sich durch Um-
nicht und praktisch vernachlässigbar von der
stellen von (4-11) und sinnvollerweise anschlie-
üblichen Wandrauigkeit ab. Die Schichtenbewe-
ßendem Erweitern mit c̄/c̄:
gung deckt die Rauigkeiten ab und schafft sich
dadurch selbst eine quasi glatte Wand.
c̄ ν L c̄2
YV = 32 · ν · L · = 64 · · · (4-13)
D2 c̄ · D D 2 4.1.1.3.3 Laminare Strömung
zwischen parallelen Platten
Mit der R EYNOLDS-Zahl Re = c̄ · D/ν wird:
Entsprechend der laminaren Rohrströmung lässt
64 L c̄2 sich die stationäre Laminarbewegung eines
YV = · · (4-14) Fluides zwischen zwei parallelen Platten be-
Re D 2
handeln (Bild 4-4 mit b → ∞). Da es sich
Gleichung (4-14) wird nach ihren Entdeckern um eine ebene Strömung in Plattenrichtung (x-
als H AGEN1 -P OISEUILLE2 sches Gesetz be- Koordinate) handelt, sind cy = 0, cz = 0 sowie
zeichnet. δ p/δ y = 0 und δ p/δ z = 0, weshalb keine par-
tiellen Differenziale notwendig.
Mit der Abkürzung λ = 64/Re (4-15) Gleichgewichtsansatz für das in Bild 4-4
eingetragene Fluidteilchen:
der sog. Rohrreibungszahl λ , erhält das Gesetz Da stationär, also Beschleunigung a = 0, gilt
von H AGEN -P OISEUILLE die Form: ΣF = 0. Deshalb:
L c̄2 p · dA − (p + dp) · dA − τ · dA0
YV = λ · · (4-16)
D 2 + (τ + dτ ) · dA0 = 0
Die Rohrreibungszahl λ und damit die Ausgewertet mit Stirnfläche dA = dz · b (Quer-
Verlustenergie YV ist bei laminarer Strömung ei- schnitt) und Scherfläche dA0 = dx · b (eine seit-
ne direkte Funktion der R EYNOLDS-Zahl sowie liche Fläche → Oberfläche):
theoretisch völlig unabhängig von der üblichen
Rohr-Rauigkeit, was auch Experimente und − dp · dz · b + dτ · dx · b = 0
dp dτ
1)
H AGEN, Gotthilf (1797 bis 1884), dt. Wasserbau- =
meister. dx dz
2)
P OISEUILLE , Jean Louis Maria (1799 bis 1869), Mit (1-15) ergibt sich, wobei η = konst
frz. Mediziner, Untersuchung der Strömung des (NEWTONsches Fluid):
Blutes in Adern.  
Beide Forscher entdeckten das o.g. Gesetz unab- dp d dcx d 2 cx
= η· =η· 2 (4-16a)
hängig voneinander. dx dz dz dz
136 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Zwei Fälle sind zu unterscheiden: Analog zu (4-6) ergibt sich wieder ein pa-
rabolischer Geschwindigkeitsverlauf, also
a) Beide Wände bewegen sich nicht. cx = cx (z) = f (z2 ).
Das Fluid strömt zwischen den Platten in- Der Volumenstrom V̇ zwischen den Platten
folge linearem Druckabfall in x-Richtung, ist durch Integration (Aufleitung):
also dp/ dx = konst, weshalb ! Zeichen.  h
Dann gilt gemäß (4-4): Das Energiegefälle
V̇ = dV̇ = cx · b · dz (4-16b) eingesetzt:
ist konstant. Angewendet auf das Teilchen in
(A) 0
Bild 4-4, liefert:
h , -
p − (p + dp) 1 dp ! J ·g
J= =− · = konst V̇ = b · · h · z − z2 dz
 · g · dx  · g dx 2·ν
0
 
J ·g z2 z3 h
V̇ = b · · h· −
2·ν 2 3 0
 
J ·g h2 h3 J · g b · h3
V̇ = b · · h· − = ·
2·ν 2 3 2·ν 6
J · g · h2 J · g · h2
V̇ = ·b·h = ·A (4-16c)
12 · ν 12 · ν
mit der Querschnittsfläche A = b · h, wobei
b  h.
Bild 4-4. Stationäre Laminarströmung (eindimen-
sional → 1D) zwischen zwei parallelen Platten von Aus V̇ = c̄ · A folgt mit (4-16c) für die globa-
Abstand h und Breite b, letztere senkrecht zur Bild- le mittlere Geschwindigkeit c̄, d. h. der über
ebene (y-Richtung). den Strömungsquerschnitt A gemittelte Wert
(Globalmittelwert):
Umgestellt nach dp/ dx und eingesetzt in J · g · h2
(4-16a), ergibt mit ν = η /: c̄ = (4-16d)
12 · ν
d 2 cx 1 g·J Das Energieliniengefälle J gemäß (4-5) in
= − · g · J · = −
dz 2 η ν Beziehung (4-16d) eingeführt, ergibt:
Diese Differenzialgleichung für cx = f (z), g · h2 YV Hieraus spez.
c̄ = ·
zweimal integriert (aufgeleitet), führt zu: 12 · ν L · g Verlustenergie:
J · g z2 12 · ν L mit Strömungsweg
cx = − · + C1 · z + C2 YV = · · c̄ L = x2 − x 1
ν 2 h h
Die Integrationskonstanten C1 und C2 folgen Erweitert mit c̄/c̄ und (c̄·h)/ν = Reh gesetzt,
aus den Randbedingungen: also die auf den Plattenabstand h bezogene
R EYNOLDS-Zahl eingeführt, liefert:
Bei z = 0 ist cx = 0 ergibt:
24 L c̄2 24 L c̄2 L c̄2
C2 = 0 YV = · · = · · =λ· ·
c̄ · h/ν h 2 Reh h 2 h 2
Bei z = h ist cx = 0 ergibt: (4-16e)
C1 = (J · g/ν ) · (h/2)
Es ergibt sich zwangsläufig der zu (4-16)
Eingesetzt liefert: entsprechende Aufbau. Hierbei beträgt je-
doch die laminare Platten-Reibungszahl λ =
J·g, - 24/Reh , die von der für Rohre abweicht, ge-
cx = h · z − z2 (4-16b)
2·ν mäß (4-15).
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 137

Bemerkung: Bequemerweise wird der Quer- Ergebnis: Schubspannung τ ist im ge-


strich über dem Geschwindigkeitssymbol c samten Fluid gleich groß (Ab-
meist wieder weggelassen (Abschnitt 3.1.2). schnitt 1.3.5.1).
b) Eine Wand steht, die andere bewegt sich.
Festgelegt wird hierzu: Die untere Platte 4.1.1.3.4 Turbulente Rohrströmungen
ruht, die obere bewegt sich mit Geschwin- Technische Rohrströmungen sind, bis auf weni-
digkeit cx, 0 in Plattenrichtung (x-Koor- ge Ausnahmen, turbulent. Turbulente Rohrströ-
dinate). mung ist daher nicht nur wesentlich wichtiger,
Infolge Haftbedingung verursacht die Plat- sondern infolge der makroskopischen Mischbe-
tenbewegung im Fluid eine Schleppströ- wegung zudem ungleich komplizierter als die
mung. Durch das Haften ergeben sich jetzt laminare. Bis heute ist eine theoretische Darstel-
folgende Randbedingungen: Bei z = 0 ist lung der Gesetzmäßigkeiten turbulenter Strö-
cx = 0 und bei z = h ist cx = cx, 0 . Des mung noch nicht gelungen. Ein analytischer
Weiteren sind jetzt, da das Fluid nur durch Turbulenzansatz fehlt noch (Abschnitt 4.3.1.7).
Mitschleppen bewegt wird, keine Druckge- Erst umfangreiche experimentelle Untersuchun-
fälle vorhanden. Das gilt sowohl für die gen und numerische Modellansätze ermöglich-
Quer- (z-Achse), als auch Längsrichtung ten eine brauchbare Klärung der turbulenten
(x-Koordinate), weshalb dp/ dz = 0 und Strömung. Die auf der Grundlage von Versu-
dp/ dx = 0. Damit ergibt (4-16a): chen erarbeiteten Näherungsformeln, Tabellen
d 2 cx und Diagramme liefern für die technische An-
=0 wendung meist zufriedenstellende Ergebnisse.
dz2
Wie bereits in Abschnitt 3.3.2.2 aus-
Diese einfache Differenzialgleichung zwei- einandergesetzt, sind die Mischungsverluste
mal integriert (aufgeleitet), führt zu: beim Impulsaustausch infolge der Geschwin-
digkeitsschwankungen fast immer wesentlich
cx = K1 · z + K2
größer als die gleichzeitig vorhandenen N EW-
Die Randbedingungen ergeben für die Inte- TON schen Reibungsverluste. Beide Erschei-
grationskonstanten: nungen sind zur Gesamtviskosität, der sog.
scheinbaren Viskosität (Abschnitt 3.3.2.2.3),
z = 0; cx = 0 → K2 = 0 zusammenfassbar und ergeben die gesam-
z = h; cx = cx, 0 → K1 = cx, 0 /h te Schubspannung, (3-50). Außerdem beein-
flusst die Wandbeschaffenheit den Strömungs-
Eingesetzt, ergibt: widerstand. Die Geschwindigkeitsverteilung ist
cx = cx, 0 · (z/h) (4-16f) infolge des turbulenten Mischungsvorganges
zwangsläufig gleichmäßiger und die Verlust-
Der Geschwindigkeitsverlauf ist jetzt energie wesentlich größer als bei laminarer
– gegenläufig zu Fall a – linear. Diese Strömung.
Fluidströmung wird gewöhnlich als C OUET-
TE -Strömung (Abschnitt 1.3.5.1) bezeichnet.
Geschwindigkeits-Verteilung: Nach N IKU -
RADSE , der weitgehende Versuchsreihen aus-

Für Scherspannung τ sowie Reibungskraft wertete, gilt:


FR ergeben sich dann nach (1-15) und (1-14): Für den Geschwindigkeitsverlauf:
dcx cx, 0 c(r) = (1 − (r/R))n · cmax (4-17)
τ =η· =η· = konst (4-16g)
dz h
cx, 0 Potenzgesetz des Geschwindigkeitsverlaufes.
FR = τ · A0 = η · ·b·L (4-16h)
h Wird auch als 1/71/7-Potenzgesetz der Ge-
138 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Tabelle 4-1. Exponent n und Faktor K zum Potenz-


gesetz des turbulenten Geschwindigkeitsverlaufs bei
Rohrströmungen in Abhängigkeit von der Re-Zahl
Re 4 · 103 2,3 · 104 1,1 · 105 1,1 · 106 (2. . . 3,2) · 106
n 1/6 1/6,6 1/7 1/8,8 1/10
K 0,791 0,807 0,817 0,850 0,865

Bild 4-5. Geschwindigkeitsverlauf c(r) bei turbu-


lenter Innenströmung (Rohrströmung). δ1 Dicke der
schwindigkeits-Verteilung bezeichnet, da viskosen Unterschicht.
n ≈ 1/7. Nachteil des im Wesentlichen auf
Messergebnissen beruhenden empirischen
Potenzgesetzes: Der sich ergebende angenä- Außenbereich hauptsächlich Mischungsverluste
herte Geschwindigkeitsverlauf ist unstetig. In entstehen (Abschnitte 3.3.3 und 4.1.6.1.2).
der Rohrmitte, also bei r = 0, tritt ein Knick Versuche ergeben, dass die Geschwindig-
(Unstetigkeit) auf, was mit der Wirklichkeit keitsprofile rauer Rohre in Wandnähe meist
nicht übereinstimmt. einen weniger steilen Abfall aufweisen als bei
Für die mittlere Geschwindigkeit gesetzt: glatter Rohrwand. Mit zunehmender Rauig-
keit wächst der Exponent n (wenn auch nur
c̄ = K · cmax (4-18) geringfügig) des Potenzgesetzes, (4-17). Die
Mit dem Faktor: Wandrauigkeiten wirken jedoch turbulenzanre-
gend und -verstärkend.
2
K= (4-19) Ebenso wie die laminare, ist auch die turbulen-
(n + 1) · (n + 2)
te Rohrströmung gemäß Grenzschichtdefinition
Exponent n und Faktor K sind von der (Abschnitt 3.3.3.2) eine reine Grenzschichtströ-
R EYNOLDS-Zahl und in geringem Maße auch mung mit der Grenzschichtdicke δT = R und
von der Wandrauigkeit abhängig. Tabelle 4-1 cmax als ungestörter Anström- oder Außenströ-
enthält Werte von n und K für verschiedene Re- mung c∞ (Geschwindigkeit).
Zahlen. Statt des Potenzgesetzes nach (4-17) wird der
Mittelwert von Faktor K: Geschwindigkeitsverlauf auch vorteilhaft durch
ein asymptotisch-logarithmisches Gesetz an-
K̄ ≈ 0,83 ± 4% (4-20) genähert. Nach S CHLICHTING [53] gilt mit der
sog. Schubspannungsgeschwindigkeit cτ (4-41)
Die mittlere Geschwindigkeit beträgt demnach als logarithmisches Geschwindigkeitsgesetz:
etwa 83% von der maximalen; bei lamina-
  (  ( 
rer sind dies, wie zuvor begründet, nur 50%. cmax − c(r) 1 r r
Auch hieraus ergibt sich, dass der Geschwin- = − · ln 1 − +
cτ κ R R
digkeitsverlauf, Bild 4-5, bei turbulenter Strö-
(4-20a)
mung im mittleren Bereich (Rohrmitte) wesent-
lich flacher ist als bei laminarer und zwangs- Hierbei handelt es sich um eine semiempiri-
läufig einen steileren Randabfall aufweist. Die sche Beziehung. Dieses halbexperimentelle Ge-
Geschwindigkeit steigt in der dünnen lamina- setz beruht somit auf theoretischen Überlegun-
ren Unterschicht (Viskosschicht) sehr steil an gen, das durch experimentell ermittelte Größen
und bleibt dann im Außenbereich ungefähr kon- (Konstante κ) den tatsächlichen Verhältnissen
stant. In der laminaren Unterschicht treten nur angepasst ist. Die empirische Anpassungskon-
N EWTONsche Reibungskräfte auf, während im stante κ liegt im Bereich κ = 0,35 bis 0,45.
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 139

Es ergibt sich durch das Logarithmusgesetz überlagerten Querbewegungen würde ein Fluid-
ein wirklichkeitsgetreuer stetiger Geschwindig- und damit Energieaustausch durch den Bezugs-
keitsverlauf. Das Geschwindigkeitsprofil weist zylindermantel erfolgen, der analytisch letztlich
deshalb keine Unstetigkeit in der Rohrmitte auf. nicht exakt erfassbar ist. Die Untersuchungen
Die Formel gilt jedoch nur bis etwa r/R ≤ 0,95, müssen deshalb auf den ganzen Rohrquerschnitt
also nicht in der viskosen Unterschicht. Der ausgedehnt werden.
große Vorteil des logarithmischen Gesetzes ge-
Nach Erfahrung bzw. Versuchen gilt für die
genüber dem Potenzgesetz besteht zudem darin,
Widerstandskraft:
dass es auch für sehr große R EYNOLDS-Zahlen
asymptotisch verläuft. Deshalb kann es auf be- FW ∼ der benetzten Rohrwand D · π · L
liebig große Re-Zahlen, auch über den durch ∼ der kinetischen Energie c2 /2
Messungen überspannten Bereich hinaus, extra- ∼ der Fluidart, gekennzeichnet durch deren
poliert werden. Bei dem Potenzgesetz dagegen Dichte 
ändert sich entsprechend Tabelle 4-1 der Ex- Hierbei steht das Zeichen ∼ für proportional.
ponent mit der Re-Zahl. Das universelle loga-
rithmische Geschwindigkeitsgesetz ermöglicht Mit dem Proportionalitätsfaktor Ψ ergibt sich:
als weiteres die Abgrenzung der Strömungs- FW = Ψ · π · D · L ·  · (c2 /2)
form. Gemäß S CHLICHTING [53] gilt hiernach
für sog. technisch (hydraulisch) glatte Strömun- Andererseits kann gesetzt werden mit (4-5):
gen: FW = ΔpV · A = ΔpV · D2 · π /4 =  ·YV · D2 · π /4
Rein laminare Reibung (laminarer Bereich ge- Gleichgesetzt:
mäß Bild 4-6):
   ·YV · D2 · π /4 = Ψ · π · D · L ·  · c2 /2
r
1− · Re0,875 < 50 (4-21) L c2
R Hieraus: YV = 4 · Ψ ·
·
D 2
Laminar-turbulente Reibung, d. h. laminare und Mit der Zusammenfassung λ = 4 · Ψ ergibt sich
turbulente Reibung von gleicher Größenord- die Formel von DARCY1 , kurz DARCYformel:
nung (Übergangsbereich, Bild 4-6):
  L c2
r YV = λ · · (4-25)
50 < 1 − · Re0,875 < 700 (4-22) D 2
R
Rein turbulente Reibung („rauer“ Bereich nach Zu beachten ist, dass die Rohrrei-
Bild 4-6): bungszahl λ bei dieser Formel von
  DARCY, entgegen der für laminare
r
1− · Re0,875 > 700 (4-23) Strömung (4-15), nur experimentell
R bestimmt werden kann.
Außerdem ergibt sich nach [53] bei turbulenter
Strömung an glatter Wand für die Dicke δl der Im Gegensatz zur laminaren Rohrströmung
laminaren Unterschicht (Bild 4-5): (4-13) wächst die Verlustenergie gemäß (4-25)
50 25 bei turbulenter quadratisch mit der Strömungs-
δl ≈ · R = 0,875 · D (4-24) geschwindigkeit (Abschnitt 4.1.6.1.2). Dabei
Re0,875 Re
zeigt sich, wie auch Versuche bestätigen, dass
Verlustenergie YV : Entgegen der laminaren
die Rohrreibungszahl λ der turbulenten Strö-
Strömung kann bei turbulenter infolge der
mung von der R EYNOLDS-Zahl Re und infol-
Mischbewegung kein koaxialer Fluidzylinder
ge des makroskopischen Mischungsvorganges
gemäß Bild 4-2 herausgegriffen werden, um
Kräftebetrachtungen durchzuführen. Durch die 1)
DARCY, Henry (1803 bis 1855), frz. Ingenieur.
140 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

(Abschnitt 3.3.2.2.1) zudem von der Rohrrau- Sandrauigkeit ks bis zum 1,6-fachen der vorhan-
igkeit k abhängt. Während die normale Rauig- denen absoluten Rauigkeit k. Für technisch er-
keit – sie wirkt turbulenzerzeugend oder ablö- zeugte und gleichmäßig verschmutzte Flächen
send – bei laminarer Strömung ohne Einfluss ist, gilt deshalb: ks = (1 . . . 1,6) · kk. Oft kann hier je-
wirkt sie sich bei turbulenter Strömung wesent- doch ks ≈ k gesetzt werden.
lich aus. Die außerhalb der laminaren Unter- Verkleinern der Oberflächenrauigkeit lohnt
schicht liegenden Rauigkeitsspitzen wirken wie sich zur Verlustminderung umso mehr, je höher
Stolperstellen (Abschnitt 3.3.4), welche die Tur- die Strömungsgeschwindigkeit ist, da die turbu-
bulenz anfachend erhöhen und damit die Im- lente Reibung proportional zu ihr ansteigt.
pulsaustauschgröße (Abschnitt 3.3.2.2.3) ver-
Tabelle 6-14 sowie Bild 6-44 enthalten die ab-
stärken. Bei laminarer Strömung dagegen wirkt
soluten Rauigkeiten k für technisch wichtige
die Viskosität auf die Wanderhebungen glät-
Rohrmaterialien und Flächen unterschiedlicher
tend. Zweckmäßigerweise wird bei turbulenter
Herstellung sowie verschiedenen Gebrauchszu-
Rohrströmung gesetzt:
standes.
λ = f (Re; D/ks ) (4-26)
Es wird also nicht die Rauigkeit direkt, sondern Bemerkung: k =
ˆ Rt bzw. Rz gemäß DIN 4762.
die inverse relative Rauigkeit D/ks als zwei- Den durch umfangreiche Versuche ermittelten
te Variable verwendet. Grund: Zweckmäßig, da Verlauf der Rohrreibungszahl λ als Funkti-
sich für Quotient D/ks größere Zahlen ergeben. on der R EYNOLDS-Zahl Re mit dem Kehr-,
Wegen der großen Mannigfaltigkeit der geo- d. h. Inverswert der relativen Rauigkeit D/ks
metrischen Formen, Anordnungen und Abmes- bzw. D/k als Parameter zeigt Bild 4-6 in
sungen ist die Anzahl der Rauigkeitsparameter prinzipieller Darstellung. Wegen des großen
sehr groß und daher kaum bestimmbar. Deshalb Re-Bereiches wird dieses sog. Rohrreibungs-,
musste eine Vergleichsgröße gefunden werden. C OLEBROOK- oder M OODY-Diagramm vor-
Als Ersatzgröße für die natürliche Rauigkeit teilhaft in doppellogarithmischem Maßstab auf-
wurde von N IKURADSE die sog. äquivalen- getragen.
te Sandrauigkeit, oder kurz Sandrauigkeit ks , Bild 6-11 enthält ein ausführliches Arbeits-
geschaffen. Die Sandrauigkeit wird künstlich diagramm, dessen Genauigkeit bei den meisten
durch Aufkleben einer geschlossenen Schicht Anwendungsfällen ausreicht, um die Rohrrei-
von Sandkörnern gleicher Dicke ks erzeugt. bungszahl λ zu bestimmen. „Computer benöti-
Dann gilt: gen jedoch Formeln“ → (4-27) bis (4-35).
Ein Rohr mit der natürlichen Rauigkeit k Das Diagrammfeld lässt sich in die folgenden
hat den gleichen Rauigkeitswert wie ein Rohr vier Kurven bzw. Bereiche aufteilen:
mit der künstlichen Sandrauigkeit ks , wenn
1. Laminares Gebiet, Re < Rekr , λ = f (Re)
es bei gleichen geometrischen Abmessungen,
2. Turbulentes Gebiet, Re ≥ Rekr
gleichem Volumenstrom und gleichem Medi-
a) Glattes Verhalten;
um den gleichen Druckverlust aufweist. Dann ks ≈ 0: λ = f (Re)
sind auch R EYNOLDS- und Rohrreibungszahl b) Übergangsgebiet λ = f (Re, D/ks )
jeweils gleich. c) Raues Verhalten λ = f (D/ks )
Bei technisch erzeugten Flächen durch Gie-
Die verschiedenen Bereiche sind durch folgen-
ßen, Walzen, Ziehen, Pressen, Bearbeiten usw.
de wichtige Merkmale gekennzeichnet:
sind die sich zwangsläufigergebenden absoluten
Rauheiten k regelmäßig. Dies gilt ungefähr auch 1. Laminares Gebiet (Re < Rekr = 2320)
für gleichmäßige Abnutzung oder Verschmut- Die laminare Rohrströmung ist in Ab-
zung (Rost, Ablagerungen). Für derartige Ober- schnitt 4.1.1.3.2 dargestellt. Als Ergebnis
flächen beträgt nach Versuchen die äquivalente kann nochmals festgehalten werden:
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 141

λ = 0,0054 + 0,396/Re0,3 (4-28a)


Nach R ICHTER für 105 ≤ Re ≤ 106
λ = 0,007 + 0,596 · Re−0,35 (4-28b)
Nach N IKURADSE für 105 < Re ≤ 108
0,221
λ = 0,0032 + (4-29)
Re0,237
Nach P RANDTL gilt für alle Re ≥ Rekr

1 & √ '
√ = 2 · lg Re · λ − 0,8
λ

Re · λ
= 2 · lg (4-30)
Bild 4-6. M OODY- oder C OLEBROOK-Diagramm 2,51
der Rohrreibung (prinzipieller Aufbau). Rohrrei-
bungszahl λ abhängig von R EYNOLDS-Zahl Re und Infolge der impliziten Form ist diese Be-
inverser relativer Rohrrauigkeit D/ks als Parameter. ziehung von P RANDTL nur umständlich
Laminar: λ = 64 Re−1 (Exponent −1) durch Iteration lösbar. Stattdessen wird
Turbulent: λ = 0,316 Re−1/4 (Exponent −1/4) für deshalb häufig folgende, durch meist
glatt nach B LASIUS. brauchbare Vereinfachungen (Näherun-
gen) entstandene Formel verwendet:
0,309
Die übliche Rohrrauigkeit beeinflusst den λ≈ (4-31)
Strömungsverlust nicht. Die Rohrreibungs- (lg Re − 0,845)2
zahl ist durch die Beziehung (4-15) λ =
Die P RANDTLsche universelle Wi-
64/Re nur von der R EYNOLDS-Zahl abhän-
derstandsbeziehung, (4-30) bzw.
gig.
P RANDTL-Formel (4-31), gelten für be-
2. Turbulentes Gebiet (Re ≥ Rekr = 2320)
liebig große R EYNOLDS-Zahlen, wobei
a) Glattes Verhalten (ks ≈ 0)
in der Nähe von Rekr Vorsicht geboten
Glattes Verhalten liegt vor, wenn die
ist. Die aus Versuchen abgeleiteten
vorhandenen Rauigkeitserhebungen in-
Formeln von B LASIUS, (4-28), und
nerhalb der laminaren Unterschicht lie-
N IKURADSE, (4-29), stimmen in den
gen, d. h. wenn ks ≤ δl ist. Mit dieser
angegebenen Gültigkeitsbereichen mit
Bedingung liefert Formel (4-24) die Ab-
der Beziehung von P RANDTL gut
grenzung für glattes Verhalten:
überein. Ihr Vorteil ist die explizite
ks Darstellung für die Rohrreibungszahl.
· Re0,875 < 25 (4-27) Sie ermöglichen deshalb, λ direkt zu
D
berechnen. Das Gleiche gilt für die
Für die Rohrreibungszahl gilt dann: Näherungsbeziehungen (Formeln) von
Nach B LASIUS1 für Rekr ≤ Re ≤ 105 H ERMANN und R ICHTER.
0,316
λ= √4
= (100 · Re)−1/4 (4-28) Bemerkungen:
Re – Glatte Rohre, wie in der Pra-
xis verschiedentlich verwendet, ver-
Nach H ERMANN für Re ≤ 106 halten sich durchaus nicht immer
1)
B LASIUS, H. (1883 bis 1970). strömungstechnisch glatt.
142 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

– Nach neueren Untersuchungen von Auch diese Formel enthält λ ebenfalls


ROTTA ist die Dicke der laminaren nur implizit, da nicht explizit auflösbar
Unterschicht bei rauer Wand gerin- und ist deshalb nur aufwändig zu hand-
ger als bei glatter. haben → Iterationsvorgehen notwendig,
mit Startwert aus Bild 6-11 oder nach
b) Übergangsbereich Erfahrung.
Der Übergangsbereich liegt zwischen
c) Raues Verhalten.
glattem und rauem Verhalten. Die
Ist die laminare Unterschicht so dünn
Grenzkurve, die den Übergangsbereich
geworden, dass die gesamten Rauig-
nach oben abgrenzt verbindet die Kur-
keitserhebungen strömungstechnisch
venpunkte, ab denen die (D/ks )-Kurven
nahezu gänzlich zur Geltung gekommen
etwa waagrecht, d. h. gut angenähert
sind, verändert ein weiteres Erhöhen
parallel zur Re-Achse (Abszisse) verlau-
der R EYNOLDS-Zahl die durch diese
fen.
Einflüsse gekennzeichnete Rohrrei-
Die Wandrauigkeit kommt zur Wir-
bungszahl λ praktisch nicht mehr,
kung, wenn die Rauigkeitserhebungen
weshalb dann vollständig raues Verhal-
höher sind als die laminare Unter-
ten vorliegt.
schicht und deshalb in den turbulen-
Der Bereich „vollkommen raues Verhal-
ten Grenzschichthauptbereich hineinra-
ten“ ist gemäß Erfahrung und [53] nach
gen. Die aus der viskosen Unterschicht
unten abgegrenzt durch die Bedingung
herausragenden Körner-, d. h. Rauig-
(entsprechend (4-23)):
keitsspitzen bewirken als Stolperstellen
das Bilden kleiner örtlicher Wirbel (Vor- (ks /D) · Re0,875 ≥ 350 (4-34)
tex) und erhöhen dadurch die Reibung,
Für die voll ausgebildete Rauigkeits-
den sog. Turbulenz- oder Wirbelwider-
strömung ist die Rohrreibungszahl
stand. Da die Dicke der laminaren Un-
bestimmbar nach:
terschicht mit wachsender R EYNOLDS-
K ÁRM ÁN-N IKURADSE
Zahl dünner wird, ragen die Rauigkeits-
spitzen immer mehr heraus. Mit steigen- 1
λ= 2 (4-35)
der Re-Zahl kommt die Rauigkeit daher D
im Übergangsbereich immer mehr zur 2 · lg + 1,14
ks
Geltung und beeinflusst den Strömungs-
M OODY
widerstand entsprechend stärker.
Der Übergangsbereich ist gekennzeich- λ = 0,005 + 0,15 · (D/ks)−1/3 (4-35a)
net durch die Bedingung [53]:
Für die Grenzkurve gilt gemäß:
ks T RUCKENBRODT [50]
25 < · Re0,875 < 350 (4-32) √ √
D
1/ λ ≈ 2 · lg(Re · λ ) − 3,5 (4-35b)
Für die Rohrreibungszahl gilt in die- B LASIUS
sem Bereich die Interpolationsformel
nach C OLEBROOK → C OLEBROOK- λ ≈ [(200 · D/ks)/Re]2 (4-35c)
Formel:
Mit diesen Beziehungen lässt sich eben-
  falls feststellen, ob der Reibungsfall im
1 2,51 k rauen Gebiet, d. h. rechts von der Grenz-
√ = −2 · lg √ + 0,27 s
λ Re · λ D kurve liegt und damit λ ≈ konst ist,
(4-33) oder im Übergangsbereich (λ
= konst).
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 143

Wie in Abschnitt 4.1.4.4 ausgeführt, kann durch Aus dem Druckverlust ΔpV nach (4-5), der
die sog. Kornkennzahl k · c/ν gekennzeichnet DARCY-Formel (4-25) und der E ULER-Zahl
werden, ob die Rauigkeit von Einfluss auf die (Abschnitt 3.3.1.3) lässt sich die Rohrreibungs-
Reibung (Friktion) ist. Die Kornkennzahl ist ei- zahl λ auch wie folgt darstellen:
ne besondere Form der R EYNOLDS-Zahl. Lie- L c2
gen die Rauigkeiten innerhalb der viskosen, d.h. ΔpV =  ·YV =  · λ · · Hieraus
D 2
laminaren Unterschicht (ks ≤ δ1 ; Bild 4-5), ha- D ΔpV
ben diese, wie begründet, keinen Reibungsein- λ = 2· ·
L  · c2
fluss. Gemäß Experimenten ist diese Bedingung
erfüllt, wenn die äquivalente Kornkennzahl Mit der E ULER-Zahl Eu = ΔpV /( · c2 ) gemäß
ks · c/ν unterhalb folgender Werte bzw. Berei- (3-36) gilt dann:
che bleibt: λ = 2 · (D/L) · Eu (4-35f)
Rohrströmungen ks · c/ν ≤ 100 oder
Tragflügel und Schaufelgitter Eu = (1/2) · λ · (L/D)
ks · c/ν ≤ (20 bis 120)
Wird hier gemäß (4-26) λ = f (Re; D/ks ) einge-
Der große Bereich im zweiten Fall ist, wie
führt, ergibt sich bei Rohren der Funktionszu-
auch die zugehörige kritische R EYNOLDS-Zahl
sammenhang:
(3-52), durch die unterschiedlichen, oft un-
bekannten Anströmbedingungen (Vorturbulenz) Eu = F(Re; D/ks ; L/D) (4-35g)
bestimmt. Die jeweilige Grenze kann hier nur oder
durch spezielle Einzelversuche geklärt werden. f (Re; Eu; D/ks ; L/D) = 0 (4-35h)
Ergänzung: Mit c = V̇ /A (aus (3-9)) und dem
Zusammenhang zwischen Widerstandsge-
Druckverlust ΔpV = ·YV lassen sich Beziehun-
setz und Geschwindigkeitsverteilung:
gen (4-25) und (4-16) wie folgt umschreiben:
Die Verbindung zwischen Schubspannung τ
L 1
ΔpV =  ·YV =  · λ · · · V̇ 2 und Verlustenergie YV lässt sich mit Hilfe von
D 2 · A2 Bild 4-7 finden. Es gilt:
ΔpV = R · V̇ 2 (4-35d)
L c2
Hierbei ist analog Elektrotechnik (O HMsches ΔpV, 1 2 = p1 − p2 =  ·YV, 1 2 =  · λ · ·
D 2
Gesetz) R der Widerstand (dimensionsbehaf- (4-36)
tet):
  Das Gleichgewicht zwischen Widerstands- und
ζR ·  kg
R= (4-35e) Druckkräften der stationären Strömung, bezo-
2 · A2 m 7 gen auf den Fluid-Zylinder mit Radius r und
mit ζR = λ · (L/D) als Widerstandszahl von Länge L, führt zu:
geraden Rohren ΣF = 0:
Dichte  in kg/m3
Querschnitt A in m2 p1 · r 2 · π − p2 · r 2 · π − τ · 2 · r · π · L = 0
L
Der Druckverlust ΔpV ergibt sich nach (4-35d) p1 − p2 = 2 · · τ (4-37)
r
in Pa = N/m2, wobei der Volumenstrom V̇ in
m3 /s einzusetzen ist. Beziehungen (4-36) und (4-37) gleichgesetzt
und mit 2R = D nach der Schubspannung τ auf-
Auf der Rohrlänge entsprechend D/λ geht
gelöst, ergibt:
laut Widerstandsbeziehungen durch Reibung
gerade der Druck in Höhe des zugehörigen λ r c2
τ= ·· · (4-38)
Staudruckes  · c2 /2 verloren. 4 R 2
144 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Zusammenhang zwischen Verlustenergie YV


und Rohrdurchmesser D :
Um die volle Abhängigkeit der Verlustener-
gie vom Durchmesser klar darzustellen wird in
der Formel von DARCY, (4-25), die Rohrrei-
bungszahl einfachheitshalber aus dem Gesetz
von B LASIUS (grobe Näherung) und die Strö-
mungsgeschwindigkeit aus der Durchflussglei-
Bild 4-7. Schubspannung in turbulenter Rohrströ- chung ersetzt.
mung.
L c2
Für r = R führt (4-38) zur Wandschubspan- Aus YV = λ · ·
D 2
nung τ0 :
V̇ 4 · V̇
mit c= = 2
λ c2 A D ·π
τ0 = ·  · (4-39)
4 2 0,316 ν 0,25
λ = 0,25 = 0,316 · 0,25 0,25
Unter Verwenden des Widerstandsgesetzes von Re c ·D
B LASIUS, (4-28), lässt sich (4-39) näherungs- ν 0,25 ·π 0,25
weise weiter umschreiben: = 0,316 · 0,25 0,25 · D0,25
4 · V̇
 0,25
1 0,316 c2 0,0395 2 ν
τ0 = · √
4
·  · = · √4
·c = 0,3 · · D0,25
4 Re 2 Re V̇
= 0,0395 · · ν 1/4 · D−1/4 · c7/4 (4-40)  0,25
ν
wird: YV = 0,3 ·
Mit der sog. Schubspannungsgeschwindigkeit V̇
 
L 1 4 · V̇ 2
0,0395 2 · D0,25 · · ·
cτ = √ · c ≈ 0,2 · Re−0,125 · c (4-41) D 2 D2 · π
4
Re 1
YV = 0,24 · ν 0,25 · L · V̇ 1,75 ·
kann gesetzt werden: D4,75
(4-44)
τ0 =  · c2τ (4-42) Hieraus grobe Näherungsformel:
7/4 1/4
Weiter mit c2τ = cτ ·cτ folgt aus Gleichsetzen YV ≈ 0,2 · ν 0,25 · L · V̇ 2/D 5 ∼ 1/D 5 (4-45)
von (4-40) und (4-42):
Damit lässt sich der Einfluss von Rohrleitungs-
0,0395 · · ν · D
1/4 −1/4
·c =
7/4 7/4 1/4
 · cτ · cτ verkrustungen erfassen. Wird eine Rohrleitung
gemäß Bild 4-8 mit konstantem Durchsatz be-
 7/4  
c 1 cτ · D 1/4 trieben, steigt, wenn das Rohr durch Ablagerun-
Hieraus: = ·
cτ 0,0395 ν gen langsam zuwächst, die Verlustenergie und
 1/7 damit der Druckverlust umgekehrt etwa mit der
c cτ · D 1/7 5. Potenz des Durchmesserverhältnisses:
= 6,33 = 6,33 · Reτ (4-43)
cτ ν
ΔpV, 2 /ΔpV, 1 = (D1 /D2 )5 (4-46)
Die Beziehung nach (4-43) wird verschiedent-
lich ebenfalls als 1/7
1/7-Potenzgesetz der Ge- Strömungsgeräusche:
schwindigkeit bezeichnet, mit c als mittlerer Für den Schallpegel LSL (Tabelle 6-13) in gera-
Geschwindigkeit. den Rohren gilt erfahrungsgemäß:
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 145

Bild 4-8. Rohrverkrustung durch Ablagerungen.


Bild 4-9. Anlaufströmung (hier laminar).
.
LSL = 10 + 50 · lg(c/[m/s]) Bei gut ausgebildetem Rohreinlauf ist die
, / 0-1
+10 · lg A/ m2 [dB] (4-46a) Strömungsgeschwindigkeit über den ganzen
Eintrittsquerschnitt nahezu konstant. Dadurch
Das bedeutet, der Schallpegel LSL steigt mit der ist das Geschwindigkeitsgefälle an der Rohr-
5. Potenz der Strömungsgeschwindigkeit c[m/s] wand wesentlich größer als bei der voll ausge-
des Fluides im Rohr vom Querschnitt A[m2 ]: bildeten Strömung. Die Folge ist erhöhte Rei-
, - bungswirkung, die ihrerseits die Geschwindig-
LSL = 1 + lgc5 + lg A = lg 10 · A · c5 [B] keitsverteilung beeinflusst. Stromabwärts ver-
(4-46b) ändert sich das Geschwindigkeitsprofil so lan-
ge, bis nach der Anlaufstrecke der Gleich-
In (4-46b) sind im Gegensatz zu Beziehung gewichts- oder Beharrungszustand erreicht ist.
(4-46a) die in eckige Klammern gesetzten Di- Die Strömung kann deshalb in zwei aufeinan-
mensionsangaben weggelassen. Trotzdem müs- derfolgende Bereiche, die Einlaufströmung und
sen auch hier die Strömungsgeschwindigkeit c die ausgebildete Strömung, unterteilt werden,
in m/s und die Querschnittsfläche A in m2 ein- Bild 4-9. Die Anlaufströmung verursacht er-
gesetzt werden. höhten Energie- und damit Druckverlust, der
Bei Außenströmungen wächst der Schallpegel maßgeblich von der Form des Einlaufs be-
nach L IGHTHILL sogar meist ungefähr mit der stimmt wird.
6. bis 7. Potenz der Strömungsgeschwindigkeit Als Anlauf- oder Einlaufstrecke gilt die
(Abschnitt 4.3.2.4). Strömungslänge, bis zu der das Geschwindig-
keitsprofil weniger als etwa 1% vom end-
4.1.1.3.5 Anlaufstrecke, Ergänzungen gültigen (stationären) Zustand abweicht.
Anlaufstrecke:
Die in den vorhergehenden Abschnitten auf- Laminare Anlaufstrecke: Der Einlaufstrecke
gestellten Gleichungen für Geschwindig- entlang muss die anfänglich gleichmäßige in pa-
keitsprofile und Rohrreibungszahlen gelten rabolische Geschwindigkeitsverteilung umge-
nur für die vollständig ausgebildete Rohr- bildet werden. Die Randströmung wird verzö-
strömung. Diese liegt vor, wenn sich bei gert und die Kernströmung wegen der Kontinui-
einem Rohr von konstantem Querschnitt das tätsbedingung beschleunigt.
Geschwindigkeitsprofil der Strömung längs Nach S CHILLER gilt für die Länge L1 der
der Achse nicht mehr ändert. Voll ausgebil- laminaren Anlaufstrecke:
dete Strömung wird nach einer bestimmten L1 /D = 0,03 · Re (4-47)
Wegstrecke, der Einlauf- oder Anlaufstrecke,
hinter der Rohreintritts- oder Störstelle er- Übereinstimmend mit anderen Forschern dage-
reicht. Hinweis auch auf Abschnitt 4.1.1.5.7, gen bestätigt T IETJENS
Beruhigungsstrecke. L1 /D = 0,06 · Re (4-48)
146 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Der große Unterschied (über 100%) zwischen der Rohrreibungszahl λ bis etwa 50% gegen-
den beiden Formeln gründet darin, dass die über unbeeinflusster Rohrströmung muss bei
rein theoretische Ableitung von S CHILLER, kurzen Anlaufstrecken den Berechnungen zu-
(4-47), im Kern völlig reibungsfreie Strömung grundegelegt werden.
annimmt. Dies trifft auch am Ende der Anlauf-
strecke nicht genügend genau zu. Die tatsäch- Ergänzungen:
liche Größe der laminaren Anlaufstrecke wird
deshalb durch (4-48) besser wiedergegeben. Trägheitsablösung: Bei drallbehafteten Rohr-
strömungen, d. h. Transportströmungen mit
Turbulente Anlaufstrecke: Das vollere Ge- überlagerter Drehbewegung, sog. Korkenzie-
schwindigkeitsprofil der turbulenten Strömung herströmungen, bildet sich nach Feststellungen
wird auf geringerer Weglänge erreicht als bei von S TRSCHLETZKY oft ein Kerntotgebiet, das
laminarer Strömung. Die turbulente Anlauf- an der Strömung nicht teilnimmt und unab-
strecke ist daher durchweg kürzer. hängig von Druckverteilung sowie Reibung ist.
Bei scharfkantigem Einlauf hängt die An- Diese Kernbildung wird als Trägheitsablösung
laufstrecke kaum von der R EYNOLDS-Zahl ab. bezeichnet, die dadurch bedingt ist, dass jede
Aufgrund von Messungen beträgt die turbulen- Strömung versucht, sich nach dem Gesetz der
te Anlaufstrecke Lt , abhängig vom Rohrdurch- kleinsten Wirkung einzustellen. Als Wirkung
messer, nach: wird das Produkt aus kinetischer Energie und
K IRSTEN Lt /D = 50 bis 100 Zeit bezeichnet, in der diese auftritt, oder, was
N IKURADSE Lt /D = 25 bis 50 dasselbe ist: Masse mal Geschwindigkeit mal
Weg.
Infolge großer Abweichung dieser Beziehun-
gen ist im Einzelfall versuchsmäßig zu prü- Polymerbeimischung: Der Widerstand bei tur-
fen, welche richtige Werte liefert. In prakti- bulenter Rohrströmung kann durch gewisse Zu-
schen Fällen genügt in der Regel Lt /D ≈ 10 sätze (Additive) in geringer Konzentration im
bis 20. Danach ist der Ausgleich schon groß- ppm1 -Bereich oft um die Hälfte reduziert wer-
teils erfolgt, weshalb die dann noch bestehende den. Hierfür sind Polymere geeignet, z. B. Po-
Abweichung meist vernachlässigt werden kann. lyethyloxide. Die langen Kettenmoleküle dieser
Das Gleiche gilt für Beruhigungsstrecken (Ab- Stoffe (Molekülanzahl in Größenordnung 106 )
schnitt 4.1.1.5.7). richten sich in Strömungsrichtung aus und ver-
Bei abgerundetem Einlauf und hoher mindern dadurch den verlustreichen turbulenten
R EYNOLDS-Zahl sind die Einlaufverhältnisse Schwankungsaustausch. Die Viskosität dagegen
der Grenzschichtentwicklung an der parallel an- ändert sich praktisch nicht. Auch bei Freistrah-
geströmten Platte (Bild 3-20) sehr ähnlich. In len (Abschnitt 3.3.5) wird durch Additive bes-
diesem Fall kann für die turbulente Anlauf- sere Strahlbündelung erreicht.
strecke Lt der Rohrströmung gesetzt werden:
Optimaler Rohrdurchmesser: Der günstigs-
Lt 3 · 105 te, d. h. wirtschaftliche und damit optimale
= (4-49)
D Re Durchmesser eines Rohrsystems folgt aus
Nach Messungen bei einer Anlaufstrecke von einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Je grö-
etwa 25 · D wird die Rohrreibungszahl λ durch ßer der Rohrdurchmesser bei vorgegebenem
die Einlaufströmung um etwa 13% höher. Bei Durchsatz V̇ , desto geringer ist die Strömungs-
sehr kurzen Kanälen von etwa (3 bis 6)·D, wie geschwindigkeit und damit der Druckverlust,
sie z. B. in Strömungsmaschinen sehr häufig also der Energieaufwand.
vorkommen, sind erhebliche Widerstandsstei- 1)
ppm . . . parts per million, d. h. Teile je Million Tei-
gerungen zu berücksichtigen. Eine Erhöhung len.
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 147

Die durch die Beziehung ausgedrückte enge


Verwandtschaft von Fluidströmung und Elektri-
zitätsleitung kann zur elektrischen Simulation
von Fluidströmungsproblemen eingesetzt wer-
den.

4.1.1.3.7 Rohrleitungsberechnungen
Bei der Berechnung geradliniger technischer
Rohrleitungsprobleme treten insgesamt sieben
Größen auf:
– Mittlere Strömungsgeschwindigkeit c
– Rohrdurchmesser D, bzw. gleichwertiger
Durchmesser Dgl (Abschnitt 4.1.1.4)
– Volumenstrom V̇
– Verlustenergie YV
Bild 4-10. A NGLERSche Kurve. Darstellung ei- – Rauigkeit k, bzw. Sandrauigkeit ks
nes Wirtschaftlichkeitsuntersuchungs-Ergebnisses. – Kinematische Viskosität ν
D Rohrdurchmesser, K Kosten, EK Energiekosten, – Rohrlänge L
AK Annuitätskosten (Amortisation + Zinsen) we-
gen Investitionsaufwendungen, GK Gesamtkosten → Durch die Art des geförderten Fluides und das
GK = EK + AK. Rohrmaterial sind die Viskosität ν und die äqui-
valente Sandrauigkeit ks von vornherein angeb-
Andererseits steigen die Investitionsaufwen- bar. Außerdem ist meist die Rohrlänge L durch
dungen mit wachsendem Durchmesser der örtliche Gegebenheiten festgelegt.
Rohranlage. Der optimale Rohrdurchmes- Zwischen den verbleibenden vier Größen
ser Dopt liegt daher beim Minimum der Summe bestehen:
aus Annuitäts- und Energiekosten (Betriebs-
kosten). Dargestellt wird dieser Zusammenhang – Durchflussgleichung V̇ = A · c
durch die sog. A NGLER-Kurve (Bild 4-10). – Kontinuitätsgleichung A · c = konst
Dieses Prinzip gilt im Grundsatz für jedes – Erweiterte Energiegleichung
technisch-wirtschaftliche Handeln. z · g + (p/) + (c2 /2) + YV = konst
– Verlustenergie-Formel
4.1.1.3.6 Analogie zwischen Rohrströmung
YV = λ · (L/D) · (c2 /2)
und Elektrizitätsleitung
Wie folgende Gegenüberstellung zeigt, sind die Da die Rohrreibungszahl λ ebenfalls meist un-
Bewegung von Fluid in einem Rohr und die Be- bekannt, ist zur Berechnung der fehlenden Wer-
wegung von freien Elektronen in einer Elektri- te noch eine weitere Angabe notwendig. Die
zitätsleitung weitgehend analog. Rohrreibungszahl λ ist je nach Strömungsform
und -gebiet mit einer der in den vorhergehen-
Fluid-Strom Elektrizitäts-Strom
den Abschnitten 4.1.1.3.2 und 4.1.1.3.4 angege-
Druckverlust: Spannungsverlust: benen Formeln zu berechnen, oder aus dem Dia-
ΔpV =  ·YV ΔU = R · I gramm, Bild 6-11, abzulesen. Hierzu müssen je-
doch die R EYNOLDS-Zahl Re = c · D/ν und die
L c2 L
ΔpV =  · λ · · ΔU = R · · I inverse relative Rauigkeit D/ks bzw. D/k bere-
D 2 A chenbar sein. Dies ist nur möglich, wenn au-
Verlustenergie: Stromwärme (oft Verlust!) ßer der Viskosität zwei der drei Größen V̇ , c
L c2 L und D bekannt sind. In jedem anderen Fall wird
YV = λ · · PV = ΔU · I = R · · I 2
D 2 A zum sog. Schließen des Gleichungs-Systems (so
148 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

viele Gleichungen wie Unbekannte) nach einem Der waagrechte, in Glattstrich-Beton


Ü 24 ausgeführte Druckstollen einer Tur-
der folgenden beiden Wege vorgegangen:
binen-Anlage hat eine Länge von 800 m und
a) D/ks bzw. D/k ist bekannt: einen Durchmesser von 2,4 m. Welcher
Aus dem M OODY-Diagramm Reibungs- Druckverlust tritt bei einem Durchsatz von
wert λ = f (Re, D/ks ), Bild 6-11, wird der 36 000 m3/h Wasser mit 10 ◦ C auf?
zugehörige Grenzwert, d. h. Minimalwert für
λ abgelesen und als 1. Näherung in die Be- Für ein geplantes Dampfkraftwerk
rechnung eingesetzt. Ü 25 werden vier große geschleuderte Be-
b) D/ks ist unbekannt: tonleitungen zur Kondensator-Kühlwasser-Ver-
Rohrreibungszahl λ wird geschätzt: sorgung von je 800 mm Durchmesser und 600 m
Guter Richtwert: λ = 0,02 . . . 0,04 . . ..0,06
0,06 Länge benötigt.
Mit dem geschätzten Richtwert wird die Mit welchem Gefälle müssen die Leitun-
Rechnung in 1. Näherung durchgeführt. gen verlegt werden, wenn stündlich 15 000 m3
Wasser von 30 ◦ C druckfrei abgeführt werden
Mit den in der ersten Näherungsrechnung ermit-
sollen?
telten Werten wird dann eine neue (verbesserte)
Rohrreibungszahl λ mit Hilfe von Re und D/ks Der Hochbehälter einer Wasserversor-
ermittelt und damit der Rechnungsgang in zwei- Ü 26 gungsleitung steht auf einer Anhöhe.
ter Näherung (Iteration) ausgeführt. Die freie Oberfläche des oben offenen Behälters
Das Rechenverfahren ist in gleicher Wei- befindet sich 25 m über der Ausflussstelle der
se so lange zu wiederholen, bis die entsprechen- von ihm abgehenden Hauptleitung. Das gerade
den Ergebnisse der aufeinanderfolgenden Nähe- Grauguss-Hauptrohr (gebraucht, mäßig angero-
rungsrechnungen nur noch praktisch zulässige stet) ist 240 m lang und hat einen Durchmesser
Abweichungen aufweisen → Iterationsablauf. von 300 mm.
Welcher Wasserstrom fließt aus der Haupt-
4.1.1.3.8 Übungsbeispiele leitung ins Freie, wenn die Höhe des Behälter-
spiegels als konstant gelten kann?
An ein zylindrisches Gefäß vom
Ü 22 Durchmesser D = 60 mm ist in einer Welcher Zusammenhang für c = f (t)
Tiefe von H = 50 mm unter der Spiegelfläche Ü 27 in Übungsbeispiel Ü 21 ergibt sich
des Fluides ein waagrechtes Haarröhrchen mit beim Berücksichtigen der Reibung?
d = 1 mm Durchmesser und L = 100 mm Län-
ge angeschlossen. Die freie Fluid-Oberfläche
wird durch einen Zulauf auf konstanter Höhe 4.1.1.4 Gerade Rohre
gehalten. Durch Messen wird festgestellt, dass mit beliebigem Querschnitt
innerhalb 20 min eine Flüssigkeitsmenge von 4.1.1.4.1 Gleichwertiger Durchmesser
150 cm3 ausfließt. Welche kinematische Visko- Die bei Rundrohren gültigen Beziehungen
sität hat das Fluid? für Verlustenergie, Rohrreibungszahlen und
R EYNOLDS-Zahl sind nicht ohne weiteres auf
Das horizontal liegende Grund- nichtkreisförmige Querschnitte anwendbar.
Ü 23 ablassrohr einer Staumauer soll so Versuche zeigen, dass die Gleichungen umso
bemessen werden, dass der Wasserstand bei der bessere Ergebnisse bei praktisch vorkommen-
maximalen Zuflussmenge von 5 m3 /s nicht hö- den, unrunden Querschnitten liefern, je mehr
her als 35 m über die Rohrachse ansteigt. Wel- sie sich dem Kreis nähern und je höher die
che Länge muss das Graugussrohr (mäßig ange- Re-Zahl ist.
rostet) bei einem Durchmesser von 600 mm Um die Kreisrohrformel jedoch möglichst
erhalten? allgemein anwenden zu können, wird für un-
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 149

runde Querschnitte ein solches Ersatzrund-


rohr gesucht, das strömungsmechanisch gleich-
wertig ist. Der sog. gleichwertige Durchmes-
ser Dgl (Vergleichsdurchmesser) des Ersatz-
rundrohres ergibt sich aus der Bedingung glei-
chen Druckabfalles. Das äquivalente Ersatz-
rundrohr ist also so festzulegen, dass es bei glei-
cher Länge L und gleicher Strömungsverhält-
nisse den gleichen Druckverlust ΔpV aufweist
wie das technisch eingesetzte Rohr beliebigen
Querschnitts (sog. Unrundrohr). Demnach gilt
die Bedingung:
Bild 4-11. Verschiedene unrunde Querschnitte.
ΔpV, UR = ΔpV, ER für LUR = LER = L
Hierbei gilt für den Druckverlust:
c) Ellipsen-Rohr, Bild 4-11c:
– Unrundrohr (Index UR): 
FW, UR τUR ·U · L A = π ·a·b 4·a·b
ΔpV, UR = = Dgl =
A A U = π (a + b) a+b
– Ersatzrundrohr (Index ER) mit UR = Dgl · π :
FW, ER τER · Dgl · π · L 4 · τER · L d) Wärmetauscher. Bestehend aus Außenrohr
ΔpV, ER = = = mit Innendurchmesser D und n Innenrohren
AER D2gl · π /4 Dgl
mit Außendurchmesser d. Das Fluid strömt
Gleichgesetzt ergibt sich unter der nicht im- im freien Querschnitt zwischen Außenrohr
mer ganz zutreffenden Näherungsannahme et- und Innenrohren, Bild 4-11d:
wa gleicher Wandschubspannungen also bei ⎫
τUR ≈ τER : D2 · π d2 · π ⎬
A= −n· D2 − n · d 2
4·A 4 4 Dgl =
⎭ D+n·d
Dgl = (4-50) U = D·π +n·d·π
U
Dabei sind entsprechend der Herleitung: Bei der strömungstechnischen Berechnung von
A . . . Strömungsquerschnitt des nichtkreisför- Rohren und Kanälen beliebigen Querschnitts ist
migen Rohres (Unrundrohr). zu beachten:
U . . . Benetzter Umfang des nichtkreisförmi- 1. In die Gleichungen für R EYNOLDS-Zahl,
gen Rohres, d. h. die Umfangslänge, an Rohrreibungszahl λ und Verlustenergie YV
der das Fluid die Berandung berührt. ist der gleichwertige Durchmesser Dgl ein-
zusetzen. Dgl tritt dabei an die Stelle von D.
Beispiele für Vergleichsdurchmesser Dgl : 2. Bei Durchfluss- und Kontinuitätsgleichung
a) Rechteckrohr, Bild 4-11a: ist mit dem tatsächlichen Strömungsquer-
 schnitt zu rechnen.
A = a·b 2·a·b 3. Der gleichwertige Durchmesser ist, wie
Dgl =
U = 2(a + b) a+b Versuche bestätigen, bei kompressiblen
Strömungen bis zu Geschwindigkeiten mit
b) Rechteck-Kanal, Bild 4-11b: M ACH-Zahlen Ma ≤ 1 (Unterschall) ent-

A = a·b sprechend verwendbar.
4·a·b
Dgl = 4. Experimente zeigen außerdem, dass die
U = a + 2b a + 2b
Rohrreibungszahl λ , insbesondere bei lami-
150 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

narer Strömung, außer von der R EYNOLDS- der Kreisrohre (Abschnitt 4.1.1.3) verwendet
Zahl Regl – Index gl hier meist weggelas- werden. Dabei ist wieder in den Gleichungen
sen – auch von der Form des Strömungs- für die Rohrreibungszahl λ und Re der Durch-
querschnittes abhängt (wegen verwendeter messer D des Rundrohres durch den gleich-
Näherung τUR ≈ τER ). Die für laminare wertigen Durchmesser Dgl des beliebigen Quer-
und turbulente Strömungen gültigen Ab- schnitts zu ersetzen. Im Einzelnen gilt:
weichungen enthalten die beiden folgenden
Glatte Rohrwand:
Abschnitte.
Statt der Formel nach B LASIUS, (4-28), gibt N I -
5. Rekr = 400 . . .1200 . . .2320; Tab. 6-11.
KURADSE /S CHILLER für unrunde Querschnitte
folgende Beziehung:
4.1.1.4.2 Laminare Strömung 
λ = 0,2236 4 Regl (4-52)
Rohrreibungsziffer λ = (C/Regl ) (4-51)
Raue Rohrwand:
Die Einflussgröße C ist für technisch wichti-
ge Querschnittsformen bei laminarer Strömung; λ = f (Regl , Dgl /ks ) mit Regl = Dgl · c/ν
Bild 4-12: Hierbei Rohrreibungszahl λ ohne Einschrän-
kung nach Beziehungen von Abschnitt 4.1.1.3.3
und/oder M OODY-Diagramm, Bild 6-11.

4.1.1.5 Rohreinbauten
4.1.1.5.1 Grundsätzliches
Technische Rohrleitungen enthalten neben ge-
raden Leitungsabschnitten Einbauteile verschie-
denster Form und Art. Diese Rohreinbauten
Bild 4-12. Wichtige unrunde Strömungsquerschnit- können, ihrer Form und Funktion entsprechend
te. zusammengefasst, unterteilt werden:
a) Rechteckquerschnitte (Bild 4-12a): – Formteile für Richtungsänderungen
– Formteile für Querschnittsänderungen
b/a ≈0 0,1 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 – Formteile für Durchflussänderungen
– Armaturen
C 96 86 77 65 60 58 56
b/a ≈ 0 entspricht dem ebenen Spalt In den Einbauten treten teilweise erhebliche
Strömungsverluste auf. Die Verlustenergie wird
b) Kreisquerschnitte (Bild 4-12b):
durch erhöhte Reibung und Impulsaustausch
D/d ≈ 1 3 5 10 50 100 →∞ (Querbewegung) infolge Um- und Ablenkung
sowie Verwirbelung (Ablösungen) verursacht.
C 96 95 93 90 82 80 64
Besonders hohe Energieverluste werden durch
D/d ≈ 1 entspricht dem Kreisringspalt Strömungsablösung hervorgerufen. Dabei ent-
D/d → ∞ entspricht dem Kreisrohr stehen meist große, mit Wirbel durchsetzte
c) Dreiecksquerschnitte (Bild 4-12c): Toträume. Hieraus folgt, dass die theoretische
Gleichschenklig-rechtwinkliges Dreieck C = 53 Ableitung der Strömungsverluste von Rohr-
Gleichseitiges Dreieck C = 57 einbauten fast immer wesentlich komplizierter
ist als bei der turbulenten Rohrströmung (Ab-
4.1.1.4.3 Turbulente Strömung schnitt 4.1.1.3.3), für welche die allgemeine
Für die technisch wichtigeren turbulenten Strö- Lösung ebenfalls noch aussteht. Nur in wenigen
mungen in Unrundquerschnitten können, wie Sonderfällen ist es möglich, die Verlustenergie
Messungen bestätigen, die Widerstandsgesetze von Rohreinbauteilen analytisch herzuleiten.
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 151

Fast immer muss auf Versuchswerte zurückge- Bei praktischen Rohrleitungs-Problemen sind,
griffen werden. wie bereits ausgeführt, die Re-Zahlen in der Re-
In Anlehnung an die Strömungsverluste gel wesentlich größer als die kritische Re-Zahl
bei geraden Rohrleitungen lässt sich experimen- in den Einbauten (Tabelle 6-11) und somit tur-
tell bestätigen, dass die Verlustenergie von Ein- bulente Strömung vorhanden. Meist liegt sogar
bauten ebenfalls von der R EYNOLDS-Zahl, der (hydraulisch) raues Verhalten vor. Die Wider-
Strömungsenergie und den geometrischen Ab- standszahl ist dann, analog zur Rohrreibungs-
messungen, einschließlich Rauigkeit, abhängt: zahl, nicht mehr von der R EYNOLDS-Zahl ab-
, - hängig. Im Schrifttum werden deshalb größten-
YV = f Re, (c2 /2), L, ks (4-53)
teils von der Re-Zahl unabhängige ζ -Werte an-
Die Länge L steht dabei stellvertretend für geo- gegeben.
metrische Abmessungen. Für Bezugsabmes- Die folgenden Unterabschnitte enthalten
sung L gilt dabei der Durchmesser (tatsächli- Widerstandsbeiwerte für die wichtigsten Rohr-
cher, bzw. gleichwertiger) am Einbauteilaustritt einbauten bei turbulenter Strömung. Diese Auf-
und R EYNOLDS-Zahl ohne Einfluss Re  Rekr stellung muss aus Platzgründen unvollständig
(raues Verhalten gemäß Bilder 4-6 und 6-11). sein. Widerstandszahlen für andere Strömungs-
Der Widerstandsformel nach DARCY, (4-25), bereiche, z. B. Laminar- oder Übergangsgebie-
entsprechend wird für die Verlustenergie von te, sind aus einschlägiger Literatur zu entneh-
Rohreinbauten angesetzt, deshalb als Ansatz men oder beim Gerätehersteller zu erfragen. Er-
festgelegt: satzweise können die Widerstandswerte aufge-
führter, etwa vergleichbarer Einbauten verwen-
Widerstandsformel für Rohreinbauten: det werden. Die sich dabei ergebenden Nähe-
rungswerte sind dann umso besser, je geringer
YV = ζ · (c2 /2) (4-54)
die Bauartabweichung ist.
Für die Strömungsgeschwindigkeit ist da- Hinweis: Die Abweichungen der aus Mess-
bei immer die mittlere Geschwindigkeit ein- ergebnissen folgender Widerstandswerte ver-
zusetzen, die am Austritt des Einbauteiles schiedener Forscher an vergleichbaren Objek-
herrscht. ten begründen sich durch die unterschiedlichen
Versuchsbedingungen. Diese sind bedingt durch
Gemäß Aufbau von (4-35d) lässt sich auch For- Aufbau und Anordnung der Experimentierob-
mel (4-54) entsprechend umformen: jekte sowie die Randbedingungen, wie z. B.
 
1 V̇ 2 Vorturbulenz und Anfangswerte. Im Einzelfall
ΔpV =  ·YV =  · ζ · · sind gegebenenfalls Nachmessungen notwen-
2 A
dig, wenn entsprechende Genauigkeit gefordert
ΔpV = R · V̇ 2 in [Pa] (4-54a) wird.
 
ζ · kg/m3
Mit Widerstand R = (4-54b) Bemerkung: Im Vergleich zwischen den bei-
2 · A2 m4 den Ansätzen (4-25) und (4-54) könnte, wie
Volumenstrom V̇ [m3 /s] erwähnt, für gerade Rohrleitungen die Wider-
standszahl ζR = λ · L/D definiert werden.
Bei dem Näherungsansatz nach (4-54) sind alle
Probleme in der sog. Widerstandszahl ζ ein-
Rohrführungsarten:
gebunden. Die Widerstandszahl ζ ist für jedes
Die einzelnen Rohrleitungsteile können analog
Einbauteil, bezogen auf die Austrittsgeschwin-
zur Elektrotechnik
digkeit, experimentell zu bestimmen. Entspre-
chend (4-53) gilt: hintereinander
ζ = f (Re, L, ks ) (4-55) Uges = ΣU1 mit l = 1 . . . n → Rges = ΣRl
152 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

oder parallel
Uges = UL mit L = I, II, . . . N → Iges = ΣIL
geschaltet werden. Meist liegt jedoch eine Hin-
tereinanderschaltung (H-Sch) von nλ geraden
Rohrabschnitten und nζ Einbauteilen, also ins-
gesamt n = nλ + nζ Teilen, vor. Der Gesam-
tenergieverlust YV, ges ist dabei die algebrai-
sche Summe der Einzelverlustenergien YV, i mit
YV, λ , j = λj (Lj /Dj ) · c2j /2 und YV, ζ , k = ζk · c2k /2.
Parallelschaltung (P-Sch) dagegen tritt seltener
auf. Innerhalb der Parallelzweige sind dabei
Hintereinanderschaltungen möglich und oft vor-
handen. Für die beiden Rohranordnungen gilt
daher:
H-Sch:
n nλ nζ Bild 4-13. Strömung in einem Rohrkrümmer.
YV, ges = ∑ YV, i = ∑ YV, λ , j + ∑ ·YV, ζ , k (4-56) Krümmungsradius R, Krümmungs- oder Umlenk-
i=1 j=1 k=1 winkel δ (Krümmerwinkel) und Krümmungsverhält-
nis R/D.
Oder nach Beziehungen (4-35d) und (4-54a):
ΔpV, ges = Rges · V̇ 2 (4-56a) Die durch die Krümmung der Stromlinien
n
auftretenden Fliehkräfte bedingen Druckände-
mit Rges = ∑ Ri rungen im Krümmerquerschnitt (3-64). We-
i=1 gen Energiekonstanz (Abschnitt 3.3.6.3.2) muss
P-Sch: dort, wo der Druck ansteigt, die Geschwindig-
YV, ges = YV, ges, I = YV, ges, II = YV, ges, III = . . . keit abfallen. Bedingt durch die Richtungsän-
(4-57) derung der Strömung treten also zwangsläufig
gegensätzliche Druck- und Geschwindigkeits(-
I; II; III; . . . L . . . N betrags)-Änderungen auf:
parallelgeschaltete Zweige
– Entlang der Krümmeraußenseite steigt der
In den einzelnen Zweigen YV, ges, L dabei jeweils Druck infolge Stromlinienablenkung (Flieh-
entsprechend (4-56). kraft) ab der Einlaufstelle A an und er-
Oder entsprechend Beziehungen (4-35d), reicht bei der weiter innen liegenden Stel-
(4-35e) und (4-56a): le B sein Maximum. Das Fluid strömt al-
so im Bereich von A nach B gegen stei-
ΔpV, ges = Rges · V̇ 2 = Ri · V̇i2 = ΔpV, i (4-57a)
genden Druck bei sinkender Strömungsge-
n n 
V̇ges = ∑ V̇i = ∑ Δpi /Ri schwindigkeit. Die Folge ist das Anwach-
i=1 i=1 sen der Grenzschicht mit Ablösungsgefahr
 n √ (Totraumbildung). Ab etwa Stelle C fällt der
= ΔpV, ges · ∑ (1/ Ri ) (4-57b) Druck zum Austritt hin wieder ab, wo keine
i=1 Fliehkraft mehr wirkt.
4.1.1.5.2 Formteile für Richtungs- – Entlang der Krümmerinnenseite dagegen
änderungen (Krümmer) fällt der Druck, vom Einlauf E beginnend,
Einzelkrümmer: Wie verwickelt die Strö- zunächst ab und steigt ab Stelle F wieder
mungsvorgänge selbst in einem einfachen 90◦ - an auf den Abström- oder Gegendruck. Das
Krümmer sind, zeigt Bild 4-13. Fluid strömt somit vom Punkt F an wieder
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 153

gegen steigenden Druck. Die Geschwindig- trifugalkräfte verursachten Sekundärströmung


keit verhält sich, wie erwähnt, jeweils umge- (Querwirbel). Diese sind selbst bei Laminar-
kehrt. Deshalb besteht im Bereich F–G ne- strömung vorhanden. Dadurch wird auch die zur
ben starker Grenzschichtbildung ebenfalls Turbulenzerzeugung verfügbare Energie gemin-
die Gefahr der Strömungsablösung. Infol- dert.
ge größerer Krümmung (Radius kleiner!) ist
Bei Krümmern mit großem Querschnitt werden,
das Totraumgebiet F–G meist größer als das
um die Fliehkraftwirkungen aufzufangen und
von A–C.
die Umlenkung zu verbessern, gebogene Leit-
– Der Hauptströmung in Krümmerrichtung
bleche, sog. Umlenkschaufeln, in den Krüm-
überlagert sich eine Querbewegung in Form
mer eingebaut, Bild 4-14. Durch die verbesser-
eines Doppelwirbels. Es ergibt sich da-
te Führung der Strömung kann die Verlustener-
durch eine Gesamtströmung mit doppel-
gie meist erheblich herabgesetzt werden. Vor-
schraubenförmig verlaufenden Stromlinien.
aussetzung ist allerdings richtige Formgebung
Diese Sekundärströmung entsteht ebenfalls
der Umlenkschaufeln, die zweckmäßigerweise
durch die Fliehkräfte, welche das Druck-
durch Versuche bestimmt wird.
gefälle von innen nach außen quer zur
Strömungsrichtung verursachen. Die Flieh-
kraft kommt in der radialen Zentrumsebene
des Krümmers voll zur Auswirkung, wäh-
rend in den Randzonen des Krümmerquer-
schnittes die Wandreibungskräfte hemmend
wirken (Geschwindigkeit kleiner). Deshalb
strömt im Querwirbel das Fluid in der
Querschnittsmitte nach außen und wegen
der Verdrängungswirkung (Volumenerhal-
tung) und Druckgefälle in den Randberei-
chen wieder nach innen zurück → verstärkte
Vermischung. Bild 4-14. Umlenkbleche in einem großen, engen
Am Rand ist wegen der geringeren Strö- Krümmer zur Verminderung der Strömungsverluste,
mungsgeschwindigkeit (Bild 4-5) der Druck und zwar bis um den Faktor 5.
wegen entsprechend niedrigerer Fliehkraft-
wirkung kleiner als im Kern des Krüm-
mungsquerschnittes. Das begünstigt die Über die Potenzialtheorie ergibt sich näherungs-
Doppelwirbel-Bildung. weise:

Die Krümmerverluste setzen sich deshalb zu- ci − ca ≈ cm (b/R); c i + c a = 2 · cm


sammen aus den Verlusten durch Totraumbil- p= pges −  · (cm /2) · (1 ± b/R)
2
dung (Wirbel), Sekundär-Strömung und Wand-
+ für Außenrand (a → pa )
reibung. Rechnerisch-analytische Erfassung da-
her nicht möglich, sondern nur experimentell − für Innenrand (i → pi )

Allgemein gilt: Jede gekrümmte Strömung ist pges = pStat +  · c2 /2, nach (3-87).
von einer verlustbringenden Sekundär-Quer-
Index a . . . außen, m . . . mitten, i . . . innen im
strömung überlagert, welche durch Fliehkräfte
Krümmer.
verursacht wird. Bei Versuchen ist die Abnahme
der kritischen Re-Zahl mit verstärkter Krüm- A. H OFMAN führte umfangreiche Versuche an
mung auffallend (Tabelle 6-11). Dies erklärt glatten und rauen 90◦ -Krümmern mit Kreis-
sich aus dem Energieverzehr der durch die Zen- querschnitt durch. Dabei zeigte sich, dass
154 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

die Widerstandszahl bei glatter Rohrwand mit Die ζ -Werte enthalten, wie erwähnt, al-
wachsender Re-Zahl stärker abnimmt, während le Verlustanteile, also durch Wirbel und
sie sich bei rauen Rohren sehr schnell einem auch die Reibung entlang der Krüm-
etwa konstanten Wert nähert. Das Diagramm, merwandung.
Bild 4-15 gibt Anhaltswerte, die für praktische
Rechnungen meist genügend genau sind. Wei- Bei Messungen ist zu beachten, wenn die Krüm-
tere und genauere Werte enthalten Bild 6-12 bis merströmung in die normale Parallelströmung
Bild 6-27. des geraden Rohres zurückgebildet werden soll,
dass eine gerade Rohrlänge von theoretisch et-
wa 25- bis 50-fachem Durchmesser D hinter
dem Krümmer notwendig ist die sog. Beru-
higungsstrecke (Abschnitt 4.1.1.5.7). Praktisch
sind als Beruhigungsstrecke meist mindestens
≈ 10 · D ausreichend. Erst anschließend darf ein
Messgerät eingebaut werden.
Bei Umlenkungen für Krümmer-Winkel zwi-
schen δ = 0 . . . 180◦ kann der Widerstandsbei-
wert berechnet werden zu:
ζ = K · ζ90◦ (4-58)

Bild 4-15. Widerstandsziffern ζ von glatten und


Dabei gilt für den Faktor K:
technisch rauen 90◦ -Kreisrohr-Krümmern (δ = 90◦ ; K ≈ (δ ◦ /90◦ )3/4 (4-59)
Bild 4-13) mit konstantem Querschnitt in Abhängig-
keit vom mittleren Krümmungsverhältnis R/D. Prak- Für verschiedene Krümmer-Winkel δ◦ errech-
tisch übliche Krümmungsverhältnisse sind in der Re- net sich (Hochsymbol ◦ für Grad):
gel R/D = 2 bis 4.
δ ◦ 30 45 60 75 90 120 135 150 180
K 0,44 0,59 0,74 0,87 1,0 1,24 1,36 1,47 1,68
Die Kurven der Widerstandsziffern ζ von
Krümmern (Bild 4-15), die alle Reibungsein-
flüsse enthalten, zeigen ein deutliches Mini- Für quadratische Krümmerquerschnitte
mum bei Krümmungsverhältnissen von R/D = können die Widerstandsziffern von Kreis-
6 bis 8. Begründung: Bei kleinen R/D- querschnitten verwendet werden, oder nach
Werten überwiegen infolge der starken Krüm- Bild 4-17.
mung (Radius R klein) die Sekundäreinflüs- Bei rechteckigen Krümmerquerschnitten
se (Querwirbel, Toträume). Bei großen Wer- ist der ζ -Wert von der Form des Querschnit-
ten von R/D dagegen überwiegen Fluid- tes abhängig, d. h. vom Seitenverhältnis,
reibung und turbulenter Impulsaustausch auf Bild 6-27.
dem für die 90◦ -Umlenkung dann vorhande-
Bild 4-16 und Bild 4-17 zeigen die Verlust-
nen langen Strömungsweg. Beide sich überla-
koeffizienten ζ für Krümmer nach N IPPERT1 .
gernden Einflüsse führen bei günstigen Verhält-
Bild 4-16 gilt für düsenförmige Krümmer, de-
nissen des Krümmers zu dem Minimum der
ren Austrittsquerschnitt halb so groß ist wie der
ζ -Widerstandskurve. Da der Energievorteil ab
Eintrittsquerschnitt. Bild 4-17 gilt für rechtecki-
Krümmungsverhältnissen von etwa 2 bis 4 nur
ge Krümmer mit gleichem Ein- und Austritts-
noch gering ist, der Bauaufwand und Platzbe-
querschnitt.
darf dagegen stark ansteigt, werden praktisch
meist angewendet R/D ≈ 2 bis 4. 1)
N IPPERT : VDI-Forschungsheft Nr. 320.
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 155

dius bzw. das Verhältnis Ri /bE einen günstig-


sten Außenradius, gekennzeichnet durch Quoti-
ent Ra /bE. Das Optimum ist umso ausgepräg-
ter, je kleiner der Innenradius. Dieser Zusam-
menhang ist bei praktischen Problemen zu be-
achten, wenn große Verluste vermieden werden
sollen. Bild 4-17 enthält zudem die Werte „nor-
maler“ Krümmer (strichpunktierte Linie). Die
Kurve zeigt, dass diese Krümmer nicht die ge-
ringsten Verluste aufweisen.
Da das Verhältnis

Ra /bE = Ra /b = Ra /(Ra − Ri ) = 1/(1 − Ri/Ra )

Bild 4-16. Widerstandsziffer ζ rauer düsenförmi- mit kleiner werdendem Ra größer wird, liegt das
ger 90◦ -Krümmer, deren Austrittsquerschnitt halb so Minimum des Verlustbeiwertes ζ bei kleine-
groß ist wie der Eintrittsquerschnitt (nach N IPPERT ). rem Außenradius. Dies hat jedoch eine Vergrö-
ßerung des Krümmer-Scheitelquerschnittes zur
Folge.
Hieraus folgt: Bei Krümmern mit gleichem
Ein- und Austrittsquerschnitt ist eine gewis-
se Querschnittserweiterung im Scheitel vorteil-
haft.
Hintereinandergeschaltete Krümmer, Bild
4-18: Einbauteile, die aus mehreren 90◦ -
Krümmern aufgebaut sind, ergeben Gesamtwi-
derstände, die teilweise beträchtlich höher als
die Summe der Einzelwiderstände liegen. Dies
ist neben der Störung durch die zweite Naht-
stelle (Flanschverbindung) vor allen dadurch
bedingt, wie stark die nachfolgende Störung
(Querwirbel) im zweiten Krümmer die vorher-
Bild 4-17. Widerstandsziffer ζ rauer, rechteck- gehende des ersten Krümmers bei Überlagerung
querschnittiger 90◦ -Krümmer mit gleichem quadrati- überproportional verstärkt.
schen Ein- und Austrittsquerschnitt (nach N IPPERT ).
Im Einzelnen gilt für die Widerstandszahl:
Doppelkrümmer, Bild 4-18a),
Die Diagramme können auch für Krümmer mit
nicht zu stark abweichenden Bauverhältnissen
ζges ≈ 1,0 · Σζeinzel = 2 · ζ90◦ (4-60)
näherungsweise entsprechend angewendet wer-
den. Raumkrümmer, Bild 4-18b),
Bei Beschleunigung (Bild 4-16) ist der
kleinste ζ -Wert mit nur ≈ 0,03 kaum größer als ζges ≈ 1,5 · Σζeinzel = 3 · ζ90◦ (4-61)
bei normalen Düsen. Bei konstanter Geschwin-
digkeit, d. h. Betrag davon (Bild 4-17), dagegen Etagenkrümmer, Bild 4-18c),
wird ζ ≈ 0,1 nicht unterschritten. Wie die Kur-
ven zeigen, gibt es wieder für jeden Innenra- ζges ≈ 2,0 · Σζeinzel = 4 · ζ90◦ (4-62)
156 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Bild 4-18. Krümmer-Kombinationen:


a) Doppelkrümmer (δ = 180◦ )
b) Raumkrümmer
c) Etagenkrümmer.

Der Unterschied der Ergebnisse von (4-60) ge-


genüber Beziehung (4-58) bei δ = 180◦ ist
wahrscheinlich durch den Einfluss der Flansch-
Verbindung mit Dichtung beim Doppelkrüm-
mer (Bild 4-18, Teil a) bedingt. Hier sind oft
Absätze oder andere Störstellen, z. B. vorste- Bild 4-19. Rohreinläufe.
hende Dichtung, nicht zu vermeiden.
Widerstandszahlen weiterer Richtungsän-
derungen enthalten Bild 6-27 und Bild 6-34. Rohreinläufe, Bild 4-19:
a) Senkrechter Einlauf und nicht abgerundet,
Bild 4-19a. Verweis hierbei auch auf Ab-
4.1.1.5.3 Rohrein- und Rohrausläufe schnitt 4.1.6.1.2:
Beim Eintritt eines Fluides von einem größe- Einlaufstelle A scharfkantig: ζ = 0,5
ren Raum, z. B. von einem Behälter, in ein an- Einlaufstelle A gebrochen: ζ = 0,25
geschlossenes Rohr, treten infolge starker Um- b) Senkrechter Einlauf, abgerundet,
lenkung der Fluidteilchen in der Regel Ablösun- Bild 4-19b:
gen an der Eintrittsstelle auf, die zur Wirbelbil- Kleine glatte Abrundung: ζ = 0,15 bis 0,2
dung und Einschnürung der Strömung führen. Große glatte Abrundung: ζ = 0,005
Die Totraumbildung, die abhängig von der Form bis 0,06
des Einlaufes ist, verursacht Verluste in zweifa- c) Senkrechter Einlauf hineinragend gemäß
cher Hinsicht durch: Bild 4-19c, einspringende oder B ORDA-
Mündung:
– Reibung infolge Sekundärströmung Einlaufstelle B scharfkantig: ζ = 3,0
(Wirbel) Einlaufstelle B gebrochen: ζ = 0,6
– Verstärkte Reibung der Hauptströmung in- d) Senkrechter Einlauf mit Verengung nach
folge erhöhter Geschwindigkeit an der Ein- Bild 4-19d:
schnürstelle (Kontinuitätsbedingung).
Auch an Rohrausläufen treten durch Einschnü- (D/DE)2 1 1,25 2 5 100
ren wegen der laminaren Unterschicht Strö- ζ 0,5 1,2 5,5 55 250
mungsverluste auf, die jedoch schwer erfassbar
und meist von geringer Bedeutung sind. e) Schiefwinkliger Einlauf und scharfkantig,
Bild 4-19e:
Für die verschiedenen Ein- und Ausläufe gilt
gemäß Versuchen: ζ = 0,5 + 0,3 · sin δ + 0,2 · sin2 δ (4-63)
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 157

Für verschiedene Neigungswinkel δ errech-


net sich nach (4-63):
δ◦ 0 15 30 45 60
ζ 0,5 0,59 0,7 0,81 0,9

Rohrausläufe, Bild 4-20: Bild 4-21. Unstetige Erweiterung (C ARNOT -


Öffnung).
ζ = (D/DStr )2 − 1 (4-64)

Strahldurchmesser DStr nur experimentell be- Strömungsverluste sind umso höher, je grö-
stimmbar. Meist jedoch DStr ≈ D, also ζ ≈ 0. ßer die Querschnittserweiterung ist und stellen
die Hauptverluste der unstetigen Querschnitts-
erweiterung dar. Die Wandreibungsverluste sind
hierzu vergleichsweise gering und deshalb hier-
bei meist vernachlässigbar.
Die unstetige Erweiterung, auch als
B ORDA1 - oder C ARNOT2 -Stoß bezeichnet,
stellt eine der Ausnahmen dar, bei der es mög-
Bild 4-20. Rohrauslauf. lich ist, den Strömungsverlust mit Hilfe von
Impuls- und Energiesatz theoretisch herzulei-
4.1.1.5.4 Formteile ten. Diese Ableitung, die in Abschnitt 4.1.6.1.2
für Querschnittsänderungen durchgeführt wird, ergibt für die Widerstands-
Erweiterungen ziffer der plötzlichen Erweiterung:
Erweiterungen sollen entsprechend der Energie-
gleichung hauptsächlich kinetische Strömungs- ζ = (m − 1)2 (4-65)
energie in Druck-, d. h. in potenzielle Energie
umwandeln. Das Medium muss deshalb in Er- mit Öffnungsverhältnis m = A2 /A1 (Bild 4-21).
weiterungen gegen steigenden Druck strömen, Diese theoretisch ermittelte Beziehung wird
was vergrößerte Ablösegefahr bedeutet (Ab- auch als B ORDA-C ARNOTsche Gleichung be-
schnitt 3.3.3). zeichnet und wurde experimentell gut bestätigt.
Unstetige Erweiterung, Bild 4-21 Bemerkung: Als C ARNOTscher (Stoß-)Energie-
Wollte ein strömendes Fluid einer sprungar- verlust wird der beim vollkommen unelasti-
tigen Querschnittserweiterung folgen, müsste schen Stoß zweier Massen m1 und m2 eintreten-
es plötzlich zwei scharfkantige 90◦ -Ecken um- de Verlust an kinetischer Energie ΔE = (m/2) ·
strömen, was unendlich große Beschleunigun- (21 − 22 ) bezeichnet. Hierbei sind allgemein 1 ,
gen erforderte. Da dies nicht möglich ist (vgl. 2 die Bewegungsgeschwindigkeiten der sto-
Abschnitt 3.3.4), erweitert sich die Strömung ßenden Massen m1 , m2 , mit Äquivalenzmasse
langsam und erreicht erst nach entsprechen- m = (1/m1 + 1/m2)−1 .
der Weglänge die Wand des größeren Roh- Stetige Erweiterung (Diffusor), Bild 4-22
res. Zwischen den Stellen der sprungartigen Er- Bei richtiger Ausführung kann in Diffusoren
weiterung und dem Wiederanlegen des Strah- die bei unstetiger Querschnittserweiterung stets
les entsteht ein Totraum mit intensiver Wir- auftretende Strömungsablösungvermieden wer-
belbildung. Die Wirbel werden durch Vermi-
schen mit dem sich erweiternden Strahl stän- 1)
B ORDA, J.C. (1733 bis 1799).
dig neu angefacht. Die hierdurch entstehenden 2)
C ARNOT , S. (1797 bis 1832).
158 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Bild 4-22. Stetige Erweiterung (Diffusor).

den. Der Strömungs- und damit der Druckver-


lust ist entsprechend geringer. Wird der Erwei-
terungswinkel δ jedoch zu groß, löst sich die
Strömung auch bei Diffusoren ab. Infolge des Bild 4-23. Widerstandszahlen ζ einschließlich
Geschwindigkeitsprofils (Bild 4-3 und Bild 4-5) Wandreibung für stetige Querschnittserweiterungen
reicht die in Wandnähe abfallende kinetische (Diffusoren) in Abhängigkeit vom zugehörigen Öff-
Energie c2 /2 des Fluides nicht mehr aus, um ge- nungsverhältnis m = A2 /A1 und dem Öffnungswin-
gen den steigenden Druck „anlaufen“, d. h. an- kel δ .
strömen zu können. Die Strömung wird daher
von der Wand abgedrängt (Bild 3-21), weshalb Vergleich von plötzlicher mit stetiger Erwei-
es zu einem Totraum mit Rückstrom-Wirbeln terung:
kommt. Entsprechend große Verluste sind die Wird gleicher Druckverlust in sprungartiger Er-
Folge. Bedingt durch die Schwerkraft liegt das weiterung (Bild 4-21) und Diffusor (Bild 4-22)
Totraumgebiet bei waagrecht angeordneten Dif- zugelassen, ergibt das Gleichsetzen der beiden
fusoren meist am oberen Wandbereich. Ande- zugehörigen Beziehungen (4-65) und (4-66):
rerseits wird der Diffusor sehr lang wenn bei
kleinem Öffnungswinkel ein bestimmtes Erwei- (m − 1)2 = η · (m2 − 1)
terungsverhältnis verwirklicht werden soll. We- (m − 1) = η · (m + 1)
gen des langen Strömungsweges steigen dann m(1 − η ) = (1 + η )
die Strömungsverluste infolge Reibung eben-
1+η
falls. Es gibt deshalb einen günstigen Öffnungs- m= (4-66b)
1−η
winkel, der bei δ = 8 . . . 12◦ liegt. Auf jeden
Fall sollte δ ≤ 15◦ sein. In diesem Bereich kann Mit η = 0,15 bis 0,2 und m = A2 /A1 wird
gesetzt werden [110]: A2 /A1 = 1,35 bis 1,5.
Das bedeutet: Bis Flächenverhältnisse m =
ζ ≈ η · (m2 − 1) (4-66) A2 /A1 ≈ 1,5 – Kreisquerschnitt entsprechend
dem Durchmesser-Verhältnis ca. 1,2 – weisen
Hierbei: Öffnungsverhältnis m = A2 /A1 plötzliche Erweiterungen geringeren Druckver-
(4-66a) lust auf, als stetige. Des Weiteren bestätigen
Anpassungs-Faktor η = 0,15 Versuche, dass es bei starken Erweiterungen
bis 0,22 zweckmäßig ist, den Diffusor dort zu been-
den, wo die Ablösung der Strömung einsetzt,
Widerstandszahlen ζ für verschiedene Öff- um dann sprungartig auf den Endquerschnitt
nungswinkel δ und Öffnungsverhältnisse m überzugehen. Bei einem derartigen Aufbau sind
sind aus Bild 4-23 oder Bild 6-37 zu entneh- die Strömungsverluste geringer als bei vollstän-
men. dig stetiger Erweiterung. Deshalb werden auch
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 159

Kurzventuridüsen (Bild 4-31, Teil e) derartig In Bild 4-25 sind die Widerstandszahlen unste-
ausgebildet. tiger Querschnittsverengungen ohne Abrundun-
Verengungen gen, abhängig vom zugehörigen Öffnungsver-
Unstetige Verengungen, Bild 4-24 hältnis m = A2 /A1 (Verengungsverhältnis), auf-
Die plötzliche Querschnittsverengung kann als getragen.
senkrechter, nicht abgerundeter Rohreinlauf Stetige Verengung, Bild 4-26
angesehen werden, Bild 4-19a. Durch die Einbauten mit stetiger Querschnittsverminde-
analoge Strahleinschnürung zu Beginn des rung werden meist als Düsen oder Kon-
engeren Abflussrohrs treten entsprechende fusoren bezeichnet. Bis auf eine Austritt-
Strömungsverluste auf. seinschnürung entsprechend den Rohrausläu-
fen (Bild 4-20) tritt bei Düsen keine Strahl-
ablösung auf. Die Strahleinschnürung am Dü-
senaustritt wächst mit zunehmendem Veren-
gungswinkel δ , ist jedoch meist vernachläs-
sigbar. Die Verlustenergie von Düsen daher
insgesamt wesentlich kleiner als bei Diffuso-
ren.

Bild 4-24. Unstetige Querschnittsverengung.


Öffnungs-(Verengungs-)Verhältnis m = A2 /A1 .

Da bei Verengungen nach der Kontinuitäts-


und Energiegleichung Druckenergie in kineti-
sche umgewandelt, die Strömung also beschleu-
nigt wird, ist das mit Wirbel durchsetzte To-
traumgebiet bedeutend kleiner als bei entspre-
chenden Erweiterungen. Die Verluste bei un- Bild 4-26. Stetige Querschnittsverminderung (Dü-
stetigen Querschnittsverengungen sind deshalb se).
wesentlich geringer als bei plötzlichen Erwei-
terungen. Durch gute Abrundungen, die jedoch
fertigungstechnisch oft schwer zu verwirklichen Allgemein gilt (Abschnitt 3.3.6.3.3):
sind, kann hierbei der Strömungsverlust weiter Der Energieumsatz in Düsen (beschleunigte
stark herabgesetzt werden (Bild 4-19b). Strömung, „Druck in Geschwindigkeit“) erfolgt
wesentlich einfacher und verlustärmer als in
Diffusoren (verzögerte Strömung, „Geschwin-
digkeit in Druck“). Auch hier gilt wieder: Be-
schleunigte Strömungen können leichter ohne
Ablösung und laminar gehalten werden als ver-
zögerte.
Deshalb erreichen Turbinen, bei denen Dü-
senströmung vorliegt, bei gleich qualitativer
Ausführung immer einen höheren Wirkungs-
grad als Pumpen, bei denen Diffusorströmung
notwendig ist.
Bild 4-25. Widerstandszahlen ζ von unstetigen
Querschnittsverengungen als Funktion des Öffnungs- Die Energiegleichung auf die Querschnitte 1
verhältnisses m = A2 /A1 (Bild 4-24). und 
2 der idealen Strömung in einer waagrech-
160 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

ten stetigen Querschnittsänderung, Bild 4-26,


angewendet, ergibt:

p1 c21 p2 c22
E
1 − :
2 + = + Hieraus
 2  2
2 · ((p1 − p2 )/) = c22 − c21

Mit dem Druckgefälle Δp = p1 − p2 wird


c22 = c21 + 2 · Δp/ (P YTHAGORAS !)
Diese Gleichung ermöglicht die geometrische
Konstruktion des Geschwindigkeitsprofils an
der einen Bezugsstelle, wenn es am anderen
Bezugsquerschnitt bekannt ist. Die Konstruk-
Bild 4-28. Düsen-Reibungsfaktor α als Funktion
tion in Bild 4-27 durchgeführt, gilt für beide von dem Öffnungsverhältnis (Verengungsverhältnis)
Strömungsrichtungen. Die Veränderung des Ge- m = A2 /A1 und vom Öffnungswinkel (Verengungs-
schwindigkeitsprofils zeigt: Durch Beschleuni- winkel) δ , Bild 4-26.
gung wird das Geschwindigkeitsprofil voller;
durch Verzögerung spitzer (bewirkt Ablösungs-
gefahr!). Diese Erscheinung wurde von N IKU - λ1 . . . Rohrreibungszahl vom Zuflussrohr mit
RADSE auch für reale Fluide bestätigt. Querschnitt A1
λ2 . . . Rohrreibungszahl vom Abflussrohr mit
Fläche A2 (gedachtes und tatsächlich
vorhandenes)
Faktor α (experimentell bestimmt) berücksich-
tigt die erhöhte Reibung infolge der stetigen
Verengung und die Ablösungsgefahr durch Ein-
schnürung am Düsenaustritt.
Bei Winkel δ ≈ 20 bis 30◦ erreichen gute Düsen
ζ = 0,01 bis 0,02
Auch Bild 6-36 enthält ζ -Werte von Düsen.
Bild 4-27. Graphische Ermittlung des Geschwin-
digkeitsprofils in einem Kanal mit Querschnittsände- 4.1.1.5.5 Formteile
rung. für Durchflussänderungen
Formteile für Durchflussänderungen sind Rohr-
einbauten, die je nach Strömungsrichtung Volu-
Für die Widerstandsziffer von Düsen wird ge- menströme aufteilen oder zusammenfassen.
setzt: Bei Verzweigung einer Strömung oder Ver-
einigen von Teilströmen treten durch Umlenken
ζ = α · (λ1 + λ2)/2 (4-67) und Ablösen an der Verzweigungs- bzw. Verei-
nigungsstelle meist erhebliche Verluste auf. Der
dadurch entstehende Druckabfall hängt weitge-
Hierbei sind:
hend von der geometrischen Gestaltung und der
α ... Reibungsfaktor nach Bild 4-28 Rauigkeit der Rohrverzweigungen ab sowie
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 161

(wegen des Vermischungs- bzw. Trennungsvor-


gangs) von den Mengenstromverhältnissen der
Teilströme.
In einem der beiden Abzweigströme kann
jedoch unter bestimmten Bedingungen sogar
ein Druckgewinn stattfinden. Er tritt auf, wenn
der Fluiddruck des anderen Stromes infolge
Strömungseinschnürung absinkt und dadurch
eine Injektorwirkung hervorruft (Abschnitt
3.3.6.3.3) oder Impulswirkungen auftreten. Das
drückt sich wegen der Verlustenergie-Definition
gemäß (4-54) in einer negativen Widerstands-
zahl ζ für den Strömungsweg aus, auf den diese
Effekte wirken (Bilder 6-31 und 6-32).
Die Verlustenergie wird gemäß Festlegung
auf die Geschwindigkeit des Gesamtstromes be-
zogen (entsprechend ist ζ ermittelt).
Widerstandszahlen von Formteilen für
Durchflussänderungen enthalten Bild 6-30 bis
Bild 6-34.

4.1.1.5.6 Armaturen
Absperr- und Regelorgane: In Rohrleitungen
werden Absperr- und Regelorgane, Bild 4-29,
unterschiedlichster Ausführung eingesetzt, um
den Volumenstrom zu ändern, und zwar durch
Querschnitt und Druckverlust. In solchen Ge-
räten unterliegt die Strömung mehr oder weni-
ger großen Querschnitts- und Richtungsände-
rungen. Entsprechende Reibungs- und Wirbel-
verluste sind die Folge.
Die Verlustenergie und damit der Druck-
verlust werden auch nach (4-54) berechnet. Die
zugehörigen Widerstandsbeiwerte sind eben-
falls experimentell ermittelt und daher aus ent-
sprechenden Tabellen bzw. Diagrammen zu ent-
nehmen oder beim Gerätehersteller zu erfragen.
Die im Schrifttum (Abschnitt 8) angegebenen
Werte, die immer nur für den vollgeöffneten Zu-
stand gelten (im geschlossenen wäre ζ → ∞),
weichen teilweise erheblich voneinander ab. In
der Regel sind die Widerstandszahlen ebenfalls
auf die mittlere Austrittsgeschwindigkeit c aus Bild 4-29. Absperr- und Regelorgane:
der jeweiligen Armatur bezogen. Diese ist des- a) Durchgangs- oder DIN-Ventil, b) Rhei-Ventil,
halb in die Verlustenergie-Formel, (4-54), ein- c) Koswa-Ventil, d) Patent-Ventil, e) Eck-Ventil,
zusetzen. Für die wichtigsten grundsätzlichen f) Hahn mit Kegelküken, g) Schieber mit Keilschließ-
Bauformen gilt: platte.
162 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

1. Ventile, Bild 4-29a bis 4-29e. Verwendet für 3. Schieber, Bild 4-29g. Eingesetzt bei grö-
alle technischen Drücke und Temperaturen bis ßeren und größten Nennweiten sowie für
etwa NW 300. Als Verschlussstück dient eine alle Drücke. Als Verschlussstück dient eine
tellerförmige Platte, ein Kegel oder eine Kugel. planparallele oder keilförmige Platte, die quer
Beim Öffnen wird das Verschlussstück in zur Strömungsrichtung in den Leitungsquer-
Achs-Richtung vom Ventilsitz abgehoben. Im schnitt eingeschoben wird. Das strömende
Gegensatz zu Schieber und Hahn darf das Ventil Fluid wird in geöffneten Schiebern nicht um-
nur in der konstruktiv vorgesehenen Richtung, gelenkt und nur bei Hochdruckschiebern durch
immer durch Pfeil gekennzeichnet, durchströmt geringe Querschnittsänderung eingeschnürt.
werden. Meist ist die Schließrichtung entgegen- Die Widerstandszahlen von Zylinderschiebern
gesezt zur Durchströmrichtung im Dichtquer- (Parallelschließplatte) sind deshalb klein, die
schnitt. Bei Ventilen muss deshalb das Ver- von Hochdruckschiebern (Keilschließplatte)
schlussstück gegen den vollen Strömungsdruck etwas größer. Durch Einbauen eines Leitrohres
schließen. Um die hohen Stellkräfte zu vermei- (bei paralleler Schließplatte möglich), das bei
den, werden manchmal sog. Doppelsitzventi- geöffnetem Schieber den Schließplattenspalt
le eingesetzt, z. B. bei Dampfturbinen, die je- überbrückt, können die Strömungsverluste
doch wesentlich höhere Druckverluste verursa- weiter herabgesetzt werden. Der Bauaufwand
chen. ist jedoch entsprechend größer.
Im Ventil besteht dann keine Querschnitts-
verengung mehr, wenn der Öffnungsweg der Die Widerstandszahlen für Hähne, ver-
Ventilplatte s = D/4 mit D dem lichten Strö- schiedene Ventiltypen und Schieber, die, wenn
mungsdurchmesser am Ventilplattensitz ent- nicht anders angegeben, immer auf den voll ge-
spricht. Eine stärkere Öffnung bringt keinen öffneten Zustand und auf die Austrittsgeschwin-
Durchsatz-Vorteil, sondern meist nur höhere digkeit bezogen sind, enthält Bild 4-30. Die ζ -
Verluste (C ARNOT-Stoß, Abschnitt 4.1.1.5.4). Werte gelten für normale technische Ausführun-
Von allen Absperr- und Regelorganen er- gen gemäß Bild 4-29.
fährt das Medium in Ventilen die größten
Strömungsausbildung beim Öffnen eines Ab-
Querschnitts- und Richtungsänderungen, also
sperrorganes: Wenn z. B. ein Kessel über ei-
auch den höchsten Strömungsverlust. Zur Ver-
ne Rohrleitung entleert werden soll, wobei der
minderung der Druckverluste wurden mehre-
Kesseldruck nur allmählich absinkt, stellt sich
re Ventil-Sonderformen (Bild 4-29b bis 4-29d)
beim Öffnen des Absperrorganes nicht sofort
entwickelt.
ein stationärer, genauer quasistationärer, Zu-
stand ein. Hin- und herlaufende Verdichtungs-
2. Hähne, Bild 4-29f. Mit Kegelküken meist
und Verdünnungswellen schaffen erst den Be-
für kleine Nennweiten und niedrige Drücke ein-
harrungszustand. Der Ausgleich, d. h. der Über-
gesetzt. Hähne werden in Sonderausführung je-
gang in den stationären Ausflusszustand er-
doch auch bei größten Nennweiten und Drücken
folgt etwa innerhalb der Zeit, in der die Wel-
verwendet, z. B. Kugelhähne (bis ungefähr NW
len das Ausströmrohr fünf bis sechs Mal durch-
10 000). Der volle Strömungsquerschnitt wird
laufen haben (Druckstoß). Entsprechende Vor-
durch geringes Drehen des Hahn-Kükens (meist
gänge treten in Rohrsystemen beim plötzlichen
90◦ ) vollständig freigegeben oder abgesperrt.
Schließen eingebauter Absperrorgane auf. Hin-
Nach Durchströmrichtung sind zu unter-
weis auf Abschnitt 3.3.6.3.1 und [91].
scheiden: Durchgangshähne, Winkelhähne und
Schalthähne (Dreiwegehähne). kV -Wert: Bei Stellgliedern (Armaturen) wird
Nach Ausführung des Kükens wird unter- nach Richtlinie VDI/VDE 2173 auch der sog.
schieden: Einfache Hähne mit Kegelküken und kV -Wert verwendet. Dieser gibt den Durchfluss
Kugelhähne mit Kugelküken. in m3 /s bzw. m3/h von Wasser bei 5 bis 30 ◦ C
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 163

 
kV = A · 2/ζ · 105 / 103
  
m2 · (N/m )/(kg/m )
2 3


kV = A · 200/ζ [m3 /s] (4-68)
/ 20
bei A m . . . Stellglied-Durchtrittsquer-
schnitt an Drosselstelle

Saugkörbe: Zum Schutz und besseren Ansaug-


verhalten von Pumpen werden deren Sauglei-
tungen an der Eintrittsstelle meist mit einem
Saugkorb einschließlich Fußventil ausgerüstet.
Übliche technische Ausführungen dieser Geräte
aus Sieb plus Ventil haben Widerstandszahlen
ζ zwischen 2 und 4, Tabelle 4-2.
Die Widerstandsbeiwerte sonstiger Siebe,
Bild 6-22, und Filter können aus Platzgründen
nicht aufgenommen werden. Es wird auf
das einschlägige Schrifttum und Hersteller-
Angaben verwiesen.
Bild 4-30. Widerstandszahl ζ üblicher, d. h. rauer Tabelle 4-2. Widerstandsziffern ζ von Saugkörben
Absperr- und Regelorgane in Abhängigkeit von der mit Fußventil.
Nennweite NW in mm bei voll geöffnetem Zustand.
Strömungs- NW 50 bis 80 NW 100 bis 500
Statt der Nennweite am Austritt wird oft auch der Be-
geschw.
griff Nenndurchmesser DN verwendet.
c < 2 m/s ζ =4 ζ =3
c ≥ 2 m/s ζ =3 ζ =2
an, der beim Druckverlust von 1 bar durch das
Stellglied beim jeweiligen Stellhub hindurch-
Drosselgeräte (Messorgane): Wie in Ab-
fließt. Der kV -Wert ist somit ein auf die genann-
schnitt 3.3.6.3.3 beschrieben, werden zur
ten Bedingungen bezogener Durchfluss, der nur
Messung des Durchsatzes (Mengenstrom)
experimentell bestimmt werden kann, da Wider-
durch Rohrleitungen vielfach sog. Drosselge-
standziffer ζ querschnittsabhängig, das bedeu-
räte, Bild 4-31, eingesetzt. Diese Messorgane
tet, hubabhängig.
sind in DIN 1952 genormt. Neben dem von den
Geräten als Messwert erzeugten sog. Wirkdruck
Aus ΔpV =  ·YV =  · ζ · c2 /2
ΔpWi , verursachen sie einen Energieverlust
mit c = V̇ /A wird: durch verstärkte Reibung und Ablösungswirbel.
ΔpV =  · ζ · (1/2) · V̇ 2 /A2 Hieraus: Diese Verlustenergie drückt sich wieder in
 einem bleibenden Druckverlust ΔpV aus. Die
V̇ = 2 · A2 · ΔpV /( · ζ ) zugehörige Widerstandsziffer nach DIN 1952
  enthält Bild 6-21 (Anhang).
= A · 2/ζ · ΔpV / Um die Messwerte (Wirkdruck ΔpWi )
Gemäß kV − Definition: kV = V̇ in m3 /s bei nicht zu beeinflussen, d. h. zu verfälschen, sind
vor und hinter dem Messorgan zur Strömungs-
ΔpV = 1 bar = 105 Pa und  ≈ 103 kg/m3 : beruhigung gerade, möglichst glatte Rohrstücke
164 4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten)

Bild 4-31. Drosselgeräte nach DIN 1952:


Bild 4-32. Prozentualer Druckverlust der Norm-
a) Norm-Blende, b) Norm-Düse, c) Norm-Venturi-
Drosselgeräte. ΔpV Druckverlust, ΔpWi Wirkdruck.
Düse kurz, d) Norm-Venturi-Düse lang.
↓ Druckmessstellen. Indexstelle 1 Zuströmung.
1 . . . Fluiddichte im Zuströmrohr
ΔpWi . . . Wirkdruck, Differenz der Drücke
der Länge entsprechend L/D ≥ (10 bis 20) an- zwischen den Messbohrungen (Verti-
zuordnen (Abschnitt 4.1.1.5.7). kalpfeile in Bild 4-31) des Drosselge-
rätes. Index Wi wird oft weggelassen.
Allgemein gilt: Die Blende, das Drosselgerät
mit dem größten Messeffekt (Wirkdruck), Die Durchflusszahl α berücksichtigt den Un-
verursacht auch den größten Druckverlust. terschied zwischen realer und idealer Strömung
Die wesentlich teurere Venturidüse hat eine sowie die Abweichung infolge der tatsächli-
erheblich geringere Verlustenergie, ergibt dafür chen statt theoretischen Anordnung der Mess-
aber auch einen niedrigeren Wirkdruck. Aus stellen für den Wirkdruck am Drosselgerät. Ge-
Bild 4-32 ergibt sich der auf den Wirkdruck mäß Bild 6-39 wird die Durchflusszahl α meist
bezogene Druckverlust für die verschiedenen dargestellt als Funktion der R EYNOLDS-Zahl
Drosselgeräte, abhängig vom Öffnungsverhält- Re ≡ Re1 = c1 · D1 /ν1 der Zuströmung (Stelle 1
nis m = A2 /A1 , nicht verwechseln mit Masse m. in Bild 4-31) als Abszisse und dem Öffnungs-
In Anlehnung an (3-91) gilt bei realen Flui- verhältnis m = A2 /A1 als Parameter.
den für den durchfließenden Massenstrom ṁ: Die Expansionszahl ε berücksichtigt den Ein-
 fluss der Expansion kompressibler Medien
ṁ = V̇1 · 1 = α · ε · A1 · m · 2 · 1 · ΔpWi (4-69)
infolge des Druckabfalles im Drosselgerät.
Dabei sind: Bei inkompressiblen Fluiden (Flüssigkeiten) ist
ε = 1. Die Ausdehnungszahl ε wird meist dar-
α . . . Durchflussziffer gestellt in Abhängigkeit vom Öffnungsverhält-
ε . . . Expansionszahl nis m = A2 /A1 , dem Zuströmdruck p1 und dem
A1 . . . Querschnittsfläche des Zuströmroh- Wirkdruck ΔpWi ; z. B. Bild 6-40.
res Durchfluss- und Expansionszahl werden
m . . . Öffnungsverhältnis zwischen Dros- experimentell ermittelt. Sie sind für die genorm-
sel-, d. h. engstem Querschnitt A2 und ten Drosselgeräte ebenfalls in DIN 1952 nieder-
Zuströmquerschnitt A1 (Messstellen), gelegt. Bild 6-39 bis Bild 6-41 enthalten die zu-
also m = A2 /A1 = (D2 /D1 )2 gehörigen Werte für α und ε .
4.1 Eindimensionale Strömungen realer inkompressibler Fluide (Flüssigkeiten) 165

Bemerkung: Der Wirkdruck ist bei Düsen ge- – turbulenter Beruhigungsstrecke: λ - als auch
ringer als bei Blenden. Andererseits sind Dü- ζ -Werte selten mehr als 10% über den Nor-
sen weniger korrosions- und verschleißemp- malwerten.
findlich als Blenden mit ihrer scharfen Kante.
Düsen können daher auch bei „schmutzigen“ Der Mehrverlust ist also in der turbulenten Be-
oder „abrasiven“ Strömungsmedien angewendet ruhigungsstrecke wesentlich kleiner als in der
werden, sind allerdings aufwändiger. laminaren und deshalb oft vernachlässigbar.

4.1.1.5.7 Beruhigungsstrecke 4.1.1.5.8 Verlustleistung


Vergleiche auch Abschnitt 4.1.1.3.5. Infolge des Druckverlustes ΔpV entsteht in
Die Strömung wird durch jedes Einbauteil ge- Rohrleitungen die Verlustleistung PV . Diese
stört. Erst nach einem gewissen Strömungs- Leistung muss von Pumpen oder einem Gefäl-
weg, der sog. Beruhigungsstrecke, hinter dem le aufgebracht werden, um den fließenden Me-
Einbauteil ist die Störung abgeklungen, d. h. diumstrom V̇ mit der gewünschten Geschwin-
das normale Geschwindigkeitsprofil wieder er- digkeit c zu bewegen und wird letztlich in Wär-
reicht. Die Störung beginnt jedoch schon vor me umgesetzt. Die Temperatur des strömenden
dem Einbauteil, gewissermaßen als Vorankün- Fluides erhöht sich dadurch jedoch nur gering-
digung. Das Bauteil wirkt durch gewissen fügig. Mit der Verlustenergie EV gilt:
Rückstau auch stromabwärts. Dies ist beim An-
PV = dEV / dt
bringen von Beruhigungsstrecken und Mess-
stellen zu beachten. Entsprechend der Anlauf- Hierbei gemäß (2-23) EV = V · ΔpV . Da der
strecke (Abschnitt 4.1.1.3.5) gilt als Beruhi- Druckverlust ΔpV durch die vorhandenen Ver-
gungsstrecke nach P RANDTL diejenige Rohr- hältnisse (Rohrdurchmesser, Rohrlänge, Volu-
länge, hinter der sich das Geschwindigkeitspro- menstrom) festliegt (ΔpV nicht f (t)), wird:
fil um weniger als 1% vom endgültigen, d. h. des
beruhigten Zustandes, unterscheidet. Die Beru- dEV d dV
higungsstrecke LB ist vom Rohrdurchmesser D = (V · ΔpV ) = ΔpV · = ΔpV · V̇
dt dt dt
(bzw. Dgl ) abhängig und wird deshalb meist im
Verhältnis zu diesem angegeben: Eingesetzt in die Ausgangsbeziehung ergibt mit
ΔpV =  ·YV, ges :
Laminare Strömung LB, l/D ≈ 0,06 · Re
(4-70) PV = V̇ ·ΔpV = (ṁ/)·ΔpV = ṁ·YV, ges (4-71a)

Turbulente Strömung LB, t /D ≈ 25 . . . 50 Oder einfach gemäß Leistung als Produkt von
(4-71) Kraft und Geschwindigkeit, mit Kraft FV aus
Druckverlust ΔpV und Rohrquerschnitt A:
Die turbulente Beruhigungsstrecke ist somit we-
sentlich kürzer als die laminare. Praktisch reicht PV = FV ·c = ΔpV ·A·c = ΔpV · V̇ (wie zuvor!)
hier oft LB,t /D ≈ 10 bis 20.
In der Beruhigungsstrecke ergeben sich höhe- 4.1.1.6 Strömungen mit Energiezufuhr
re Strömungsverluste. Die Rohrreibungszahl λ und/oder Energieabfuhr
bzw. die Widerstandszahl ζ eines Einbauteils, Wird einem strömenden Fluid mechanische
das in die Beruhigungsstrecke eines anderen Energie zugeführt, z. B. durch eine Pumpe,
eingebaut ist, wird deshalb größer, und zwar bei und/oder an anderer Stelle durch eine Turbi-
ne sowie Verluste Strömungsenergie entzogen,
– laminarer Beruhigungsstrecke: λ - sowie ζ - Bild 4-33, ermöglicht die Energiebilanz den