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Hybris, aus dem Griechischen, bedeutet so viel

wie Hochmut oder Überheblichkeit.1 Die Hybris geht nicht selten einher mit


Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und gar Rücksichtslosigkeit heraus aus
reinem Egoismus. Maßlosigkeit unter dem Gefühl fehlender Grenzen führt
schnell zum Erreichen ebenderselben: ein grenzenlos Strebender stößt
schnell an seine Grenzen – mit fatalen Folgen. In diesem Aufsatz soll eine
moderne Les- und Interpretationsart von Goethes Faust beleuchtet
werden. Dabei werden einerseits dessen Streben nach geistiger
Vollkommenheit, andererseits aber auch Parallelen zur modernen
(westlichen) Kultur erörtert.

2. Faust I: Das grenzenlose Streben

„Das faustische Streben wurde sowohl als Merkmal seines Genies,


Übermenschentums und prometheischen Wesens, als auch seiner Torheit
und seines allzu menschlichen Charakters beschrieben.“2 Fausts Streben
besteht zum einen in dem Ver-langen nach göttlicher Weisheit als auch
aus dem Wunsch irdischer Genüsse.3 Seine berühmte Frage nach dem,
„was die Welt im Innersten zusammenhält“, verdeutlicht sein Begehren
einer allumfassenden Erkenntnis der Schöpfung. Es ist die Suche „nach
den Gesetzmäßigkeiten der Welt.“4 Sein Leben war ganz der Wissenschaft
gewidmet, doch seine Studien auf „konventionellem Wege“ haben ihn
nicht zu der Erkenntnis geführt, die er begehrt.5 So wendet er sich von der
rationalistisch analytischen Methodik ab und wendet sich der Magie
zu.6 Seine „verwerfliche Wissensgier“ ist daher als „eindeutiges Merkmal“
der Hybris zu bewerten, da „ihr wahres Ziel nicht in der Erkenntnis […],
sondern in der Selbstüberhebung des Menschen [besteht].“7 Fausts
Wunsch nach Erkenntnis besteht also nicht nur darin, Wissen theoretisch
zu erlangen, sondern er strebt nach einer Vereinigung von Theorie und
Wissen, wie sie nur Gott zukommt.8 Er strebt also danach, die Grenzen des
menschlichen Denkens und Wissens zu beseitigen9, um in höhere geistige
„Sphären reiner Tätigkeit“10 vorzudringen. Sein Wissen ist in seinem Ist-
Zustand nicht mehr zu steigern11. Er ist sogar bereit, den Freitod als Mittel
zu wählen, um sich von seiner irdischen Existenz, welche er als
kümmerlich betrachtet, zu verlassen.12 13 Die Herausforderung, die Grenzen
seines Wissens zu übersteigen, führt zu Mephistopheles Erscheinung.
„Faust will nun dem Leibhaftigen beweisen, dass er stärker ist und nie
genug bekommen kann. Der Pakt, den er eingeht, fußt auf dieser
Hybris.“14 Es ist Mephistos Aufgabe zu verhindern, dass der Mensch
selbstgenügsam wird und aufhört, nach Höherem zu streben15. Somit ist
das „Böse“ nur eine dem „Guten“ untergeordnete Instanz16. Faust ist ein
Prototyp eines Menschen, der bestrebt ist, alle bestehenden Grenzen
einzureißen, sein Denken ist bestimmt durch Maßlosigkeit und
Größenwahn17. Im zweiten Teil der Tragödie wächst dies zu globaler
Spannweite an. „Damit nimmt er die Wesenszüge des Menschen im 21.
Jahrhundert vorweg.“18 Das Streben Fausts ist ein Sinnbild für die Gier und
den grenzenlosen ökonomischen Expansionsdrang der modernen (west-
lichen) Gesellschaften. Der Kapitalismus, das Wirtschaftssystem, welches
von den Individuen immer mehr und mehr fordert und kein Ruhen und
kein Innehalten duldet, kennt ebenso wenig, wie Faust die Grenzen seines
Wissens kennt, die Grenzen der Realisierbarkeit dieses ökonomischen
Strebens, die durch die Knappheit der Ressourcen unseres Planeten
naturgemäß gegeben sind.

3. Metamorphosen: Das Schicksal des Erysichthon

Goethe selbst werden die Worte zugeschrieben: „In der Beschränkung


zeigt sich erst der Meister.“19 Doch nicht nur Goethe setzte sich
in Faust mit der menschlichen Hybris auseinander. Ein anderes Beispiel
maßloser Selbstüberhöhung und Miss-achtung der Natur beschrieb bereits
in der Antike der Dichter Ovid in seinen Metamorphosen. Erysichthon, ein
grausamer König, der weder seine Untertanen noch die Götter achtet,
setzt sich selbst den Göttern gleich und kennt keine Grenzen seines
erlaubten Handelns, bis er von Fames, der Hungergöttin, heimgesucht
wird. Zunächst wächst Erysichthons Gier, bis sie nach und nach unstillbar
wird. Er tauscht all seinen Besitz ein, verkauft sogar seine Tochter, um
seine Fresslust befriedigen zu können. „Doch seine Fresslust will nicht
enden und schlussendlich gibt es für ihn nichts mehr zu essen und er frisst
sich selbst auf. […] Sein unermesslicher Übermut kostet ihn das
Leben.“ 20 Die Erzählung des Erysichthons zeigt sehr deutlich, wie
übermäßiges Streben in Selbstzerstörung münden kann. Wie Faust achtet
auch Erysichthon nicht gegebene Grenzen.

4. Kapitalismus: Grenzenloses Wachstum?

Der Kapitalismus gilt oft als Ausdruck der menschlichen Hybris: immer
mehr, immer schneller, immer besser, immer weiter… Ein Stillstand
kommt einem Rückschritt gleich. Doch der Kapitalismus selbst ist nur eine
Erscheinungsform der viel um-fassenden modernen Kultur21. Entgrenzung
ist das Schlagwort, welches in fast allen Lebensbereichen Einzug gehalten
hat: „Menschen, die das verinnerlicht haben, müssen mobil und flexibel
sein, Bindungen vermeiden, konsequent ihren eigenen Vorteil suchen […].
Sie müssen jede Gelegenheit nutzen, auch wenn dies anderen zum
Schaden gereicht.“22 Aus dieser Hybris entstehen Krisen und Probleme.
„Probleme [jedoch] kann man niemals mit derselben Denkweise lösen,
durch die sie entstanden sind.“23 Doch der Kapitalismus kennt in seiner
Perversion nur eine Antwort als Lösung: mehr und immer mehr.
„Habsucht, Gier und Maßlosigkeit hat es schon immer gegeben. Aber sie
galten als Laster. Heute gelten sie als Tugend.“24 Die langfristigen Kosten,
die durch den Schaden dieser Hybris entstehen, – sowohl materieller als
auch menschlicher Natur – sind immens. Man kann leicht das Gefühl
bekommen, der Drang nach Wachstum sei ein Naturgesetz. Ist Wachstum
ein Naturgesetzt? Ist Fortschritt ein Naturgesetz? Wachstum und
Fortschritt gilt es zunächst als Begriffe näher
einzugrenzen. Fortschritt geht einher mit Veränderung, wobei
anzunehmen ist, dass jeder Beobachter eines Systems diese Veränderung
wahrnehmen kann, jedoch diese Veränderung nur dann als Fortschritt
bezeichnet, wenn es sich um Veränderungen zu seinen Gunsten handelt.
Ein Rückschritt kann auch dann ein Fortschritt sein, wenn dadurch ein
geordneter, im Vergleich zu dem Ausgangszustand besserer Zustand
erlangt wird. Tatsächlich könnte es ein Naturgesetz sein, dass es niemals
innerhalb einer Gesellschaft (im physikalischen Sinne: innerhalb eines
Systems) zu Stillstand kommt. „ Star Trek [etwa] zeigt eine Gesellschaft,
die hinsichtlich Wissenschaft, Technik und sozialer Organisation unserer
weit voraus ist. […] In der Zeit zwischen dem Hier und Jetzt und jener
fernen Zukunft müssen große Umwälzungen stattgefunden haben […]“25.
Stephen Hawking glaubt nicht, dass unsere Gesellschaft jemals
einen Steady State, einen stationären Zustand, erlangen wird, wie es etwa
in Star Trek gezeigt wird. Fortschritt wird es immer geben… Es ist die
Bedeutung der Kein-Rand-Bedingung, wie sie Hawking erfasste: Wie die
Erde kann auch das Universum grenzenlos sein, aber nicht unendlich. Ein
Reisender wird niemals vom Rand der Erde fallen, denn sie besitzt keinen.
Stattdessen wird er, wenn er sich lange genug (in einer Richtung)
fortbewegt, wieder an seinem Ausgangspunkt ankommen, obwohl er nie-
mals einen Schritt „zurück“ getan hat. So gesehen könnte ein Fortschritt
also auch ein Rückschritt sein, der aber jedoch als Fortschritt erkannt wird.
Doch wie ist dies möglich? Schon Aristoteles glaubte im politisch-
gesellschaftlichen Sinne an einen Verfassungskreislauf. Eine Staatsform
„entarte“ und werde in Folge dessen von einer anderen abgelöst26. Der
Übergang von der einen zur anderen Staatsform wird von seinen
Beobachtern i.d.R. als Fortschritt angesehen, denn der neue Zustand ist
geordneter als der zuvor „entartete“, verworrene Zustand. Doch innerhalb
eines Kreislaufes ist es gut möglich, dass nach einer gewissen Zeit es zu
einer politischen Ordnung kommt, wie es sie bereits lange Zeit zuvor
schon einmal gegeben hat. Die Bürger eines solchen Staates wären dann
in einer ähnlichen Lage wie der Reisende: Obwohl sie niemals umkehrten,
sondern immer vorwärts marschierten, kehren sie an ihren Ausgangspunkt
zurück. Der Begriff der Revolution, von lat. re-volvere, „zurückdrehen“,
bezeichnet jedoch erst seit der Französischen Revolution (1789) einen
solchen Übergangsprozess von einer Staatsform zu einer anderen. Zuvor
stand der Begriff für die „Wiederherstellung der alten Ordnung“. Dies
scheint dem obigen Gedanken zu widersprechen, doch wenn man
bedenkt, dass es auch bei einer Revolution im veralteten Sinne dazu kam,
dass ein neuer Zustand dadurch erreicht wurde, indem man eine neue
Ordnung eines Systems herstellte, obschon diese auch gleich der alten
Ordnung entsprach, so liegt nicht zwingenderweise ein solcher
Widerspruch vor. Eine andere Definition des Begriffs
der Revolution erfordert auch eine andere Bedeutung des
Begriffs Fortschritt. Fortschritt kommt zustande durch Veränderungen.
Diese Veränderungen bestehen eben darin, dass die alte
Ordnung „entartet“, sodass sie durch eben eine Revolution erst
wiederhergestellt werden muss. Ich glaube, dass Wachstum tatsächlich
grenzenlos ist und es immer Fortschritt geben wird. Doch es stellt sich die
Frage, aus wessen Perspektive dieser Fortschritt als solcher beurteilt wird
und werden kann. Einige Beobachter, eben die, zu deren Ungunsten
etwaige Veränderungen stattfinden, werden diese Perspektive sicher nicht
einnehmen (mehr einnehmen können?).
5. Folgen: Die Pranke der Natur

Herman Melvilles Roman Moby-Dick oder: Der Wal zählt zu den


bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Das Geschehen des Romans wird
von Ishmael, einem Besatzungsmitglied des Walfängersschiffs Pequod
erzählt. „Im Zentrum des Werkes steht der mythisch überhöhte
Zweikampf auf Leben und Tod zwischen Kapitän Ahab und dem weißen
Wal Moby-Dick.“27 Die detailreichen Beschreibungen von Proviant,
Ausrüstung und Geräten schildern deren Kostspieligkeit und ergeben
damit eine Überlegenheit der Walfänger über die von ihnen gejagten Wale,
oder globaler: die Überlegenheit des Menschen über die Natur. 28