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RÖMISCHE

RECHTSGESCHICHTE

Von

~1ax Kaser
Professor an der UniverstAt Harnburg

Zweite, neubearbeitete Auflage


6.-9. Tausend

GÖTTINGEN · VANDENHOECK & RUPRECHT· 1967


C Vandenhocclt & Ruprecht in Göttingen 1950- Printcd in Germany
Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das
Buch oder Teile daraus auf foto- oder akustomcchanischcm Wege zu ver-
viclnltigeo. Gcsamthcrstcllung: Hubcrt & Co., Göttingen
6760
VORWORT ZUR 2. AUFLAGE

Die erste Auflage ist seit Jahren vergriffen und wurde in der
Zwischenzeit, zuletzt 1965, nachgedruckt. Die längst fällige Neubearbei-
tung mußte ich wegen der Arbeiten am römischen Privatrecht und
Zivilprozeßrecht zunächst zurückstellen, obschon ich die seit der Erst-
auflage erschienene, sehr reichhaltige und wichtige Literatur ständig
weiterverfolgt habe.
Die Neuauflage hält sich in Zweckbestimmung und Anlage an ihre
Vorgängerin. Durch den Wiederaufschwung, den die Wissenschaft vom
römischen Recht in allen Kulturländern nach dem zweiten Weltkrieg in
einer geradezu stürmischen, alle Erwartungen übertreffenden Weise
genommen hat, sah ich mich jedoch dazu veranlaßt, alle Teile neu zu
bearbeiten, teils um Einzelheiten zu berichtigen, teils um den vielfältigen
Fortschritt der Erkenntnis zu berücksichtigen. Am stärksten umgestaltet
wurden§ 38 (Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz) und die
§§ 49-54 über die nachklassischen Schicksale der römischen Rechts-
quellen. Die neu eingefügte übersieht über die historisch-kritische Er-
forschung der römischen Rechtsquellen in§ 59 ist zugleich als Einführung
in die Quellenexegese gedacht. Der Inhalt des bisherigen § 59 (über die
Merkmale des nachklassischen Rechts) wurde, soweit nötig, in die
§§ 49 ff. einbezogen. Eine knappe Skizze über die Gegenstände der
heutigen römisch-rechtlichen Wissenschaft wurde als § 62 angefügt. Die
Literaturübersicht habe ich ergänzt, doch wurde die im Vorwort zur
1. Auflage angegebene Beschränkung beibehalten.
Auf mehrfach geäußerten Wunsch habe ich die Druckanordnung
stärker dem didaktischen Zweck angepaßt, wobei zu berücksichtigen war,
daß die "Römische Rechtsgeschichte" überall, mindestens in allen deutsch-
sprachigen Ländern, zu den Gegenständen gehört, die der Student bereits
im 1. Semester hört. Im Interesse der Obersichtlichkeit und leichteren
Verständlichkeit habe ich die Darstellung stärker durchgegliedert, außer-
dem die erforderlichen Hervorhebungen in Sperrsatz, die Terminologie
der lateinischen Quellen dagegen, wie üblich, in Kursivsatz genommen.
Hamburg, im März 1967.
MaxKaser
VORWORT ZUR 1. AUFLAGE

Dieses Buch gibt in etwas erweiterter Gestalt meine Vorlesung wieder,


wie ich sie, seitdem nach Kriegsende dem römischen Recht wieder zwei
Hauptvorlesungen zukommen, zu halten pflege. Es war bereits begonnen
und schon weit gefördert, als die Grundrisse der Römischen Rechts-
geschichte von Kunkel und Kreller (2. Aufl.) erschienen. Mit der Dar-
stellung Kunkels stimmt die meine in der Anlage und Stoffabgrenzung in
vieler Hinsicht überein; doch war mein Entwurf, als ich sein Werk zu
sehen bekam, bereits abgeschlossen und wurde nur noch in Einzelheiten
verbessert und ergänzt.
Meine Schrift wendet sich in erster Linie an den Studenten, aber auch
an jeden sonstigen interessierten Nichtfachmann, dem sie ein lebendiges
und lesbares Bild von der allgemeinen Entwicklung des römischen
Staates und seines Rechts und von den Kräften, die hinter dieser Ent-
wicklung stehen, zu bieten versucht. Aus diesem Grunde ist auf Einzel-
heiten von rein antiquarischer Bedeutung, wo sie nicht für das .Gesamt-
bild wesentlich oder doch zu seiner Belebung geeignet sind, im allgemeinen
verzichtet. Auch die Literaturübersicht im Anhang verfolgt, weit entfernt
von Vollständigkeit, nur den Zweck, dem deutschen Leser, der seine
Kenntnisse weiter zu vertiefen wünscht, die Werke zu nennen, aus denen
er sich weiter orientieren kann.
Sollte es meiner Darstellung gelingen, vor allem unsere akademische
Jugend wieder stärker für das römische Recht und seine unvergängliche
geistige Kraft zu interessieren, hat sie ihren Zweck erreicht.
Münster (Westf.), im August 1949.
Max Kaser
INHALT

Vorwort. 5
Einleitung
§ 1. Wesen und Bedeutung des römischen Rechts. 11

ERSTER TEIL

Das bäuerliche Zeitalter: Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. 19


§ 2. Kennzeichnung. Oberlieferung 19

I. Abschnitt. Volk und Staat . . . . 23


§ 3. Die Völker Italiens . . . . 23
§ 4. Die Anfänge Roms. Wirtsmaft und Gesellschaft 25
§ 5. Der Staatsaufbau. Die politische Gliederung . 31
§ 6. Der Staat der Königszeit . 34
§ 7. Die Anfänge der Republik . . . . . . 37
§ 8. Die Staatsämter . . . . . . . . . 40
§ 9. Der Ständekampf und die Plebsverfassung 46
§ 10. Volk und Volksversammlungen . 49
§ 11. Der Senat . . 52
§ 12. Rom und Italien . . . . . . 55

Il. Abschnitt. Das Recht und seine Quellen 59


§·13. Die Anfänge des Rechts 59
§ 14. Die Remtsquellen 63
§ 15. Die Zwölf Tafeln 66

ZWEITER TEIL

Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft: Von der


Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. bis zum Ende des 3. Jahrhunderts
n.Chr. . . . . . . . . . . . . 74
§ 16. Kennzeimnung. Oberlieferung . . . . . . . . . . 74
8 Inhalt

I. Abschnitt. Volk und Staat 78


A. Die jüngere Republik 78
§ 17. Der Niedergang des Bauerntums 78
§ 18. Die neuen wirtschaftlichen Kräfte 81
§ 19. Die gesellschaftliche Umschichtung 84
§ 20. Die Krise der republikanischen Verfassung 88
§ 21. Das Reich: Italien und die Provinzen . 91
B. D er P r i n z i p a t . . . . . . . . . . 96
§ 22. Die Vorstufen der Prinzipatverfassung 96
§ 23. Der Prinzipat des Augustus . . . . 99
§ 24. Die weitere Entwicklung des Prinzipats 104
§ 25. Die fortbestehenden republikanischen Einrichtungen. Gren-
zen der Prinzipatsgewalt . . . . . . . 106
§ 26. Die kaiserliche Verwaltung . . . . . . 111
§ 27. Die Verwaltung Italiens und der Provinzen . 114
§ 28. Die Leistung des Prinzipats im Rückblick . 119

C. A n h a n g . . . . . . • • • • • • . 121
§ 29. Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht (Übersicht) 121

Il. Abschnitt. Das Recht und seine Quellen . . . . 128


A. D i e R e c h t s s c h i c h t e n der v o r k la s s i s c h e n u n d k 1a s -
sischen Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . 128
§ 30. Die Privatrechtsordnung im allgemeinen. Das ius civile . 128
§ 31. Das ius gentium . . . . . . . . . . . . . . 134
§ 32. Die Gerichtsbarkeit des Prätors und das ius honorarium . 138
§ 33. Fortsetzung. Die Edikte der Gerichtsmagistrate 144
§ 34. Die kaiserliche Rechtsetzung . . . . . 149
§ 35. Die oströmischen Volksrechte. Vulgarrecht 155
B. Die Rechtswissenschaft . . . . 159
§ 36. Die Vorstufen der Jurisprudenz . . 159
§ 37. Die vorklassische Rechtswissenschaft 164
§ 38. Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz 170
§ 39. Stellung und Aufgaben der klassischen Juristen . 178
§ 40. Die klassische Rechtsliteratur . . . . . . . 182
§ 41. Die Frühklassiker und die beiden Rechtsschulen 186
§ 42. Die Hochklassiker 188
§ 43. Die Spätklassiker . . . . . . . . . . . 194
Inhalt 9

DRITTER TEIL

Das Zeitalter des Niedergangs: Vom Ende des 3. bis zum Ende des
6. Jahrhunderts . . . . . 198

I. Abschnitt. Volk und Staat 198


§ 44. Der Zusammenbruch des Prinzipats. Die Ursachen 198
§ 45. Die Neuordnung. Allgemeines 203
§ 46. Die Dominatverfassung 206
§ 47. Die Verwaltung . . . . . 208
§ 48. Die Untertanen. Wirtschaft und Gesellschaft . 213

li. Abschnitt. Das Recht und seine Quellen . . . . 217


§ 49.Die nachklassischen Entwicklungen. Allgemeines 217
§ 50.Die nachklassische Rechtsordnung . . . . . 222
§ 51.Die frühnachklassische Rechtsliteratur . . . . 225
§ 52.Die Zitiergesetze. Codex Theodosianus und Novellen 229
§53. Die weströmische Entwicklung. Vulgarrecht. . 232
§ 54.Die oströmische Entwicklung. Die Rechtsschulen 237
§55. Das Gesetzgebungswerk Justinians 241
§56. Der Hergang der Gesetzgebung . . . . . . 243
§ 57.Die Digesten (Pandekten) . . . . . . . . 246
§ 58.Institutionen, Codex, Novellen. Rückblick auf das Gesetzes-
werk im ganzen . . . . . . . . . . . . . . . 252
§59. Die historisch-kritische Erforschung der römischen Rechts-
quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256

Anhang
§ 60. Die Fortentwicklung im byzantinischen Kaiserreich . . . 268
§ 61. Das Nachleben des römischen Rechts im Abendland während
des Mittelalters . . . . . . . . . . . . . . 273
§ 62. Die Gegenstände der Wissenschaft vom römischen Recht . 278

Zeittafel . . 286
Schrifttum 295
Sachregister 314
EINLEITUNG

§ 1 Wesen und Bedeutung des römischen Rechts


I. Das römische Recht hat in der Geschichte der abendländischen
Rechtskultur zwei Zeitalter beherrscht. Es war im Altertum die
Lebensordnung des römismen Volkes und offenbart als Ausdruck des
römischen Rechtsbewußtseins ebenso die Eigenart des römischen Geistes
wie Religion und Sitte, Sprache, Kunst und Literatur. Wie diese Äuße-
rungen geistigen Lebens hat es seine Geschichte, deren Ablauf dem
Werden, Wachsen und Vergehen des römischen Volkes folgt.
Dem römischen Recht war es jedoch beschieden, Jahrhunderte nach
dem Zusammenbruch der Antike im Mitte 1alter in großen Teilen
Europas zu neuem Leben zu erstehen. Diese Wiedererweckung des
römischen Rechts beruht nicht auf einer Erneuerung seiner natürlichen
Entwicklungskräfte; denn die waren an das römische Volk gebunden und
mit diesem ins Grab gesunken. Die Wiedergeburt des römischen Rechts
im Mittelalter ist vielmehr eine Neuentdeckung der römischen Rechts-
w i s s e n s c h a f t , deren wichtigste Ergebnisse am Ende seiner antiken
Entwicklung im "Corpus iuris civilis", einem großen Sammelwerk mit
Gesetzeskraft aus dem 6. Jh. n. Chr., zusammengetragen worden waren.
Hauptsächlich in dieser Verkörperung hat das römische Rechtsdenken
auf das Rechtsleben der mittelalterlichen und neuzeitlichen Staaten ein-
gewirkt. Seitdem haben die Errungenschaften der römischen Jurisprudenz
an den meisten Rechtsordnungen des europäischen Festlandes und der
von dort aus kolonisierten überseeischen Gebiete bis zur Gegenwart
einen maßgebenden Anteil.
li. Die B e d e u tu n g des römischen Rechts für die Gegen wart liegt
teils in seinen inneren Eigenschaften, teils in äußeren Umständen
begründet.
1. Wie schon im Mittelalter beruht noch heute das Streben nach der
Erkenntnis und Nutzbannachung des römischen Rechts vornehmlich auf
seinem inneren Reichtum. Unter den Völkern der Antike war das
römische mit einer einzigartigen praktisch-politischen Begabung aus-
gestattet. Sie verlieh ihm die Kräfte, ein Weltreich aufzurichten, das
nahezu den gesamten antiken Kulturkreis unter seine Herrschaft zwang.
Mit den militärischen und politischen Fähigkeiten, denen die Römer
ihre außerordentlichen Erfolge verdankten, verband sich jedoch auch ein
ungewöhnliches Feingefühl für die Bedürfnisse der staatlichen Ordnung.
12 Einleitung

Aus ihm leitet sich ihre Gabe her, ihr Recht zu hoher Vollendung zu
entwickeln und es den Anforderungen der Zeit, die sich mit dem kul-
turellen und politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel steigerten,
so vollkommen anzupassen, daß es dem Ideal der Gerechtigkeit nahekam.
Als erste abendländische Nation schufen sie eine Rechtswissen-
s c h a f t, die zu den fruchtbarsten Schöpfungen der juristischen Geistes-
geschichte gehört, weil sie in enger Verbindung mit der Praxis diejenige
juristische Methode entwickelt hat, auf der noch unsere heutige auf-
baut. Wir nennen die römische Rechtswissenschaft der höchsten Blütezeit,
die etwa die ersten zweieinhalb Jahrhunderte der christlichen Zeit-
rechnung umfaßt, die k 1a s s i s c h e; hat sie doch überzeitliche Werte
hervorgebracht, die auch nach dem Wegfall der Verhältnisse, aus denen
und für die sie geschaffen worden waren, ihre Geltung behalten haben.
2. Aber diese inneren Vorzüge allein vermöchten die Stellung des
römischen Rechts in der heutigen Rechtswissenschaft noch nicht zu recht-
fertigen, stünde es nicht zum Recht unserer Tage noch in einer unmittel-
bareren Beziehung. Um sie zu erfassen, müssen wir kurz den Schicksalsweg
der römischen Rechtslehre in unserer eigenen Geschichte betrachten.
Wir dürfen uns dafür mit einer knappen Skizze begnügen; die Einzel-
heiten sind den Darstellungen der Rechtsgeschichte der Neuzeit, vor
allem der Privatrechtsgeschichte dieses Zeitalters, zu überlassen.
a) Mit der Wiederentdeckung und wissenschaftlichen Durchdringung
der römischen Rechtsquellen im Mittelalter beginnt das römische Recht
auf das juristische Denken aller Kulturnationen einzuwirken. Dieser
Einfluß beruht auf der Einsicht in die geistige Bedeutung der im Corpus
iuris zusammengetragenen Errungenschaften der römischen Rechtswissen-
schaft, aber auch auf der Idee des fortbestehenden "Imperium Romanum",
in dem das antike römische Kaiserreich weiterlebt. Das Maß dieses
Einflusses war nicht in allen Ländern das gleiche, es richtete sich haupt-
sächlich danach, ob es in ihnen eine bodenständige Rechtswissenschaft
gab, die ihre aus dem heimischen Recht gewonnenen Ergebnisse dem
hochentwickelten römischen entgegensetzen konnte. Während aus diesem
Grunde etwa England von der Einwirkung des römischen Rechts weit-
hin frei blieb, war ihr Deutsch 1an d am stärksten unterworfen. Hier
vollzog sich im Lauf des 15. und 16. Jh. die "Rezeption der fremden
Rechte", mit der das römische, das kanonische Recht und das lango-
bardische Lehensrecht so, wie sie von der oberitalienischen Schule der
Kommentatoren (u. § 61 IV) seit dem 13. Jh. fortgebildet worden
waren, als in Deutschland geltende Ordnung anerkannt wurden; ein
komplexer Vorgang aus vielfältigen Ursachen und von örtlich verschie-
denem Ablauf und wechselnder Intensität. Die Gründe der Rezeption,
ihre Einzelheiten und ihre Auswirkungen sind hier nicht darzustellen.
S 1. Wesen und Bedeutung des römischen Rechts 13

Zu ihrer Kennzeichnung sei nur soviel bemerkt, daß sie nicht auf einem
Gesetzesbefehl der Staatsgewalt beruht, sondern auf dem Wandel der
Rechtsanschauung. Die deutschen "gelehrten" Richter, die ihre wissen-
schaftliche Ausbildung regelmäßig an der Universität Bologna empfangen
hatten und dort im römischen Recht geschult worden waren, urteilten
künftig nicht mehr ausschließlich nach deutschem Herkommen, sondern,
wo dieses keine Auskunft bot, nach dem römischen Recht, weil sie davon
überzeugt waren, daß auch dieses Recht in Deutschland galt; denn es war
kaiserliches Recht, hinter dem die Autorität des Imperium Romanum
stand, und es erschien ihnen als v o 11 kommen es Recht, in dem sie die
Schöpfung der im Zeitalter des Humanismus verherrlichten römischen
Kultur bewunderten. Die h um an ist i s c h e Rechtswissenschaft, die im
16. und 17 Jh. namentlich in Frankreich und Holland, aber auch in
Deutschland darauf hinwirkte, die römischen Rechtsquellen mit ver-
feinerten Methoden philologisch und historisch zu durchdringen, hat
trotz dieser theoretischen Betrachtungsweise die Rezeption begünstigt;
doch trugen bei dieser schließlich die p r a k t i s c h e n Interessen den
Sieg davon.
Die Rezeption hat das bodenständige deutsche Recht nicht vollständig
verdrängt, aber seine Fortentwicklung gehemmt. Zwar galt das rezipierte
Recht nur subsidiär, es sollte das heimische nicht ersetzen, sondern
nur seine Lücken füllen. Dennoch hat sich das rezipierte Recht in einem
darüber hinausreichenden Umfang durchzusetzen vermocht, weil es dem
deutschen überlegen war. Es hatte vor ihm die Vorzüge wissenschaft-
licher Durchbildung, klarer Begriffe und eines sie ordnenden Systems
voraus, die jenem fehlten. Es brachte ferner die für den wirtschaftlichen
Aufstieg unerläßliche Rechtssicherbei t durch seine autoritative Auf-
zeichnung gegenüber den vielfach ungeschriebenen heimischen Rechten.
Und es bot vor allem auch den Vorteil der Rechtseinbei t und trat
damit als "g e m e i n es", d. h. überall geltendes Recht den territorial
und ständisch stark zersplitterten deutschen Part i k u 1a r rechten
gegenüber. Für eine Verpflanzung auf den fremden Boden war es
dadurch tauglich, daß es schon in seiner spätantiken, auf das Weltreich
berechneten Gestalt viel von der nationalrömischen Eigenart abgestreift
hatte, außerdem von den Kommentatoren für die Zeitbedürfnisse fort-
gebildet worden war. So kam es, daß die deutsche Rezeption in ihrer
Heftigkeit nicht nur die juristische Denkmethode der Römer, sondern
vielfach auch die Substanz, die konkreten Rechtseinrichtungen und
Rechtssätze, hereinbringen und die heimischen zurückdrängen konnte.
Dennoch darf die Wirkung der Rezeption nicht überschätzt werden.
Häufig hat sie wohl nur Ergebnisse vorweggenommen, zu denen die
deutsche Rechtsentwicklung bei ungehemmtem Eigenleben später eben-
14 Einleitung

falls gelangt wäre, wie in der Überwindung des primitiven Formalismus


und in der feineren Differenzierung der Begriffe. Dazu kommt, daß
sie neben fremdem Rechtsgut auch langobardisches und damit ger-
manisches umfaßt hat, das gleichfalls von den Kommentatoren ver-
arbeitet worden war.
Ihrem Gegenstand nach hat sich die Rezeption in ihrem wichtigsten
Wirkungsbereich, dem Privatrecht, abgesehen vom persönlichen Eherecht,
für das das kanonische Recht maßgebend wurde, am stärksten auf den
durch die Verkehrsbedürfnisse bestimmten Gebieten ausgewirkt, im
Schuld- und im Mobiliarsachenrecht. In den Bereichen des Personen-,
Boden-, Familiengüter- und Erbrechts dagegen vermochte sich die
deutsche Eigenart zäher zu behaupten.
b) In der Folgezeit blieb dann der römische Einfluß weithin konstant.
Die praktische Jurisprudenz des 16.-18. Jh. hat die weiterentwickelte
römische Methode, den usus modernus pandectarum (so benannt nach
den "Pandekten" oder "Digesten", dem wichtigsten Teil des Corpus
iuris), auch auf die fortbestehenden deutschrechtlichen Einrichtungen an-
gewandt und damit ihre Einhaltung gesichert. Auch die Naturrechts-
sc h u 1e des 17. und 18. Jh. hat, indem sie sich von den geschichtlichen
Gegebenheiten abwandte und das Recht allein aus der natürlichen
Vernunft herleiten wollte, bei der Konstruktion dieses Vernunftrechts
bisweilen Gedanken deutschen Ursprungs gegen die römischen Quellen
geltend gemacht. Naturrechtlich beeinflußt sind sodann die Kodifika-
tionendes späten 18. und frühen 19. Jh., mit denen die Landesherren
im Zeitalter der Aufklärung den Untertanen das geltende Recht in
ihrer eigenen Sprache zugänglich und verständlich machen wollen. Von
ihnen haben das preußische Allgemeine Landrecht (1794), der Code civil
(1804/7, er galt im linksrheinischen Gebiet und seit 1809 in deutscher
Fassung als Badisches Landrecht in Baden), das Allgemeine bürgerliche
Gesetzbuch für das Kaisertum Osterreich (1811) und das sächsische
Bürgerliche Gesetzbuch (1863) in ihren Ländern zwar das Partikular-
und das gemeine Recht abgelöst. Inhaltlich übernahmen sie aber im
ganzen, wenn auch mit Unterschieden im einzelnen, die überkommenen
Grundsätze deutschen und römischen Ursprungs im bisherigen Verhält-
nis, so daß der Anteil des römischen Rechts auf ungefähr die gleichen
Gegenstände beschränkt blieb wie zuvor. Gleiches gilt auch noch vom
heutigen Bürgerlichen Gesetzbuch für das Deutsche Reich, dessen Inkraft-
treten am 1. 1. 1900 der unmittelbaren Geltung des römisch-gemeinen
Rechts ebenso wie des Partikularrechts in den Ländern, in denen das
eine wie das andere noch fortbestanden hatte, ein Ende setzte.
c) Eine erneute Hinwendung zum römischen Recht brachte die von
Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) begründete historische
§ 1. Wesen und Bedeutung des römischen Rechts 15

Sc h u 1e, die in ihren bedeutendsten Köpfen der deutschen Rechts-


wissenschaft in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. eine in der ganzen
Welt führende Stellung verschaffi: hat. Hatte die Naturrechtslehre, dem
Rationalismus der Aufklärung folgend, als alleinige Rechtsquelle die
natürliche Vernunft anerkannt, so geht Savigny, geleitet von den klassi-
zistischen und romantischen Idealen seiner Zeit, von der Anschauung aus,
daß, wie jede Kulturentfaltung, so auch das Recht eine Schöpfung des
individuellen Volksgeistes sei. Da ihm das Volk aber nicht ein ethnolo-
gisch, sondern ein kulturell bestimmter Begriff ist, erscheint ihm das
römische Recht nicht als dem deutschen Volksgeist gegensätzlich. Viel-
mehr sieht er im "reinen" römischen Recht, dem des Corpus iuris, die
vollkommenste Erscheinungsform des Rechtsgedankens schlechthin und
darum in der Rezeption eine glückliche Schick.salsfügung, die das deutsche
Rechtsdenken an der Läuterung durch das römische Recht teilhaben ließ.
Von diesem humanistischen Leitgedanken aus vermochte die historische
Schule das Ansehen des antiken römischen Rechts, wieder losgelöst von
den Fortbildungen der mittelalterlichen Kommentatoren und der neu-
zeitlichen deutschen Praxis, so stark von neuem zu beleben, daß man
geradezu von einer "zweiten Rezeption" gesprochen hat. Sie hat das
Corpus iuris erneut mit ihrer Geisteskraft durchdrungen und ihm eine
Reihe von Denkformen abgewonnen, die heute zu den Grundlagen der
abendländischen Rechtswissenschaft gehören. Ihr verdanken wir die
scharfgeschliffenen Rechtsbegriffe und ihre Ordnung in einem logisch
aufgebauten System, die vor allem unser bürgerliches Recht und
darin besonders den Allgemeinen Teil kennzeichnen. Diese methodischen
Grundlagen sind also zwar nicht selbst römisch, aber von der an den
römischen Quellen geschulten neuzeitlichen Wissenschaft errungen
worden. Der Ertrag dieser Geistesarbeit steckt in den Lehrbüchern des
Pandektenrechts, d. h. den Werken, die das im 19. Jh. unmittelbar
geltende römisch-gemeine Recht darstellen, und deren reifstes von
Bernhard Windscheid stammt. 1 Die Früchte dieser Erkenntnis sind
aber auch in das Bürgerliche Gesetzbuch eingegangen, in dem die
historische Schule ihr Schaffen gekrönt sieht.
Das Bürgerliche Gesetzbuch ist demnach römisch beeinflußt vor allem,
wenn auch nur mittelbar, in der Methode, die es im ganzen und in
allen seinen Teilen beherrscht. In seinem konkreten In h a 1t dagegen
folgt es den bisherigen Rechtszuständen und enthält neben vielen Ge-
danken deutscher Herkunft einen ungefähr ebenso großen Bereich solcher
Einrichtungen römischen Ursprungs, die im Lauf der Jahrhunderte

1 B. W i n d s c h e i d , Lehrbuch des Pandektenrecbu, 3 Bde.; 1. Aufl. 1862, 9. Aufl.

(von Th. Kipp) 1906.


16 Einleitung

völlig in unser eigenes Rechtsbewußtsein eingegangen sind. Zu ihnen


gehören beispielsweise: der Begriff des Eigentums als dingliche Voll-
herrschaft, genau abgegrenzt vom Besitz und von den beschränkten
Sachenrechten; der scharfe Gegensatz zwischen den obligatorischen und den
dinglichen Geschäften und Ansprüchen; die durch formlos erklärte
Willensübereinstimmung verbindlichen Schuldverträge; die typisierten
Tatbestände der Schuldbegründung, besonders aus Verträgen, Geschäfts-
führung, Bereicherung und unerlaubten Handlungen; im Erbrecht das
Testament und die Testierfreiheit sowie der Gedanke der Gesamtnach-
folge im Gegensatz zur Einzelnachfolge; nicht zuletzt die wichtigen "Ge-
neralklauseln", die eine Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles
ermöglichen: "Treu und Glauben" (bona fides), die Einrede der Arglist
( exceptio doli), die "guten Sitten" (boni mores). Diese Beispiele ließen sich
leicht vermehren.
III. Fassen wir hiernach die Gründe zusammen, die uns noch heute
zur Pflege des römischen Rechts in Forschung und Lehre bestimmen.
1. Das römische Recht ist, vor allem in der Überlieferung seiner
großen Klassiker, ein geschichtliches Denkmal von höchstem
Wert. Wie die Griechen in der Kunst und der Philosophie, namentlich
auch in der Theorie des Staates, unvergängliche Werke hervorgebracht
haben, deren befruchtende Wirkung sich im Geistesleben der späteren
Jahrhunderte bis auf unsere Tage offenbart, so wurde die Schöpfung der
großen römischen Juristen zum Zeugen höchster praktischer Staatskunst
und zum Vorbild für künftige Geschlechter.
2. In engem Zusammenhang damit steht der schon seit der Spätantike
anerkannte B i I d u n g s w e r t des römischen Rechts. Es genießt im
Rechtsunterricht als Bildungsmittel ein ähnliches Ansehen wie die lateini-
sche Sprache für alle geistigen Gebiete. Die Streitformeln des römischen
Zivilprozesses und die Rechtsfälle der Klassiker, die einen komplizierten
Tatbestand in äußerster Klarheit und Kürze darlegen, den Fall ent-
scheiden und die Entscheidung begründen, sind durch ihre Schärfe der
Gedanken und ihre Genauigkeit des Ausdrucks vorzüglich geeignet, die
Scheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen und die klare For-
mulierung der Gedanken zu schulen. Die Begabung der Römer zur
Aufstellung und Verwendung logischer und praktischer Begriffe offen-
bart sich gleichermaßen in ihrem Recht wie in ihrer Sprache.
3. über diese seine inneren Vorzüge hinaus haben wir das römische
Recht als einen noch immer lebhaft fortwirkenden Bestand t e i I u n-
s er es heutigen Rechts erkannt, das nur aus seinen geschichtlichen
Grundlagen voll zu begreifen ist. Mag auch die praktische Anwendung
unserer Gesetze nur selten auf die Hilfe der Rechtsgeschichte angewiesen
sein, so gewinnen wir doch ein vertieftes Verständnis unseres geltenden
§ 1. Wesen und Bedeutung des römischen Rechts 17

Rechts nur mit der Erkenntnis der Ursachen und der Vorstufen, aus
denen es geworden ist.
4. Wie auf unser Recht, so hat das römische seit dem Mittelalter auch
auf das der meisten anderen europäischen Staaten einen stärkeren
oder schwächeren Einfluß ausgeübt. Diese Schicksalsgemeinschaft ist für
uns in mehrfacher Hinsidtt bedeutsam.
a) Einmal erleidttert uns die gemeinsame geschichtlidte Wurzel das
gegenseitige Vers t ä n d n i s , zeigt sidt doch immer wieder, daß in den
Geist eines anderen Redtts, wenn es vom römischen beeinflußt ist, sehr
viel leichter einzudringen ist als in den der übrigen Rechte; etwa in den
der Länder des englischen und anglo-amerikanischen Redttskreises, die
sich von einer Rezeption des römischen Rechts im ganzen ferngehalten
haben. Der Einarbeitung in fremde Rechte bedarf es mithin für die
Theorie und Praxis des internationalen Rechts, also in den nicht seltenen
Fällen, in denen audt der deutsche Richter ausländisches Recht anwenden
muß.
b) Die vergleichende Betrachtung anderer zeitgenössisdter Rechte der
Gegenwart wie der Vergangenheit gewährt uns aber außerdem die
Fähigkeit, das eigene Recht gleichsam von außen zu betrachten und
damit den für die Rechtsfortbildung unerläßlichen Zugang zu vertiefter
Erfassung und nutzbringender Kritik des eigenen Rechts zu gewinnen.
c) Schließlich macht die weltweite Wirkung des römischen Rechts die
Pflege seiner wissen s c h a f t 1ich e n Erkenntnis zu einem gemein-
samen Anliegen aller Kulturvölker, auch derer, die es nicht rezipiert
haben, und schafft damit über die Grenzen der Länder hinweg eine
geistige Brücke. Unter allen Gebieten der Rechtsgelehrsamkeit hat die
moderne Wissensdtaft vom römisdten Recht in besonderem Maß einen
internationalen Charakter, um ihren Gegenstand zeigen sich die Länder
des Westens wie des Ostens gerade heutzutage mit gesteigertem Eifer be-
müht.
5. Die angedeutete weltgesdtichtliche Rolle kennzeichnet endlidt das
römische Recht als ein Stück unserer a bendl ändi sehen Ku I tur,
das wir nicht opfern können, ohne die Zugehörigkeit zu ihr selbst zu
verlieren. Wie das Christentum, mit dessen Geschichte sidt die seinige
vielfach berührt, reichen seine Wurzeln ins Altertum zurück, hat es
aber im Mittelalter und in der Neuzeit bei allen Kulturnationen und
vornehmlich auch bei der deutschen eine starke Klärung und Läuterung
erfahren, mit der seine überzeitlichen Werte aufgedeckt und für die
Gegenwart fruchtbar gemadtt worden sind. Die abendländische Kultur
aber beruht stärker als jede andere auf dem Bewußtsein ihrer gemein-
samen Geschidtte. So bedeutet das römische Recht für die Länder, auf
deren Entwicklung es gestaltend eingewirkt hat, ein kostbares Gut
2 6760 K01scr, Römische Rcchtsgeuhicntc
18 Einleitung

kultureller Gemeinsmaft, dessen völkerverbindende Kraft ebenso, wie sie


sim bisher bewährt hat, aum nom in der Zukunft dem Nutzen der Mensm-
heit dienstbar gemamt werden kann.
IV. Die Darstellung des römismen Rechts hat die Aufgabe, seine
Entwicklung von den Anfängen bis zu seinen letzten Verkörperungen
im Ausgang der Antike vorzuführen. Die Wiederbelebung der römi-
sd:ten Remtswissensmaft im Mittelalter und ihre Namwirkung bis zur
Gegenwart gehört dagegen in den Zusammenhang unserer eigenen
neueren Remtsgesmimte.
Nam dem Herkommen gliedert sim die Darstellung des römismen
Remts in die "Remtsgesmimte" und das "Privatremt". Die "Rechts-
geschichte" folgt den Stufen des Gesmehens mit einem doppelten
Anliegen: Sie smildert den SdJ.icksalsweg des römismen S t a a t s w es e n s
als Leistung des politismen und juristismen Talents der Römer; und sie
zeimnet die Entwicklung des römismen Rechtsdenken s nam, wie
sie sim in den Rech t s q u e 11 e n widerspiegelt. Dabei soll der etwas
undeudime Begriff der Remtsquelle hier sowohl im Sinn der E n t-
steh ungsq uellen des Remts (Gesetz, Gewohnheit usw.) wie der
Erkenntnis q u e 11 e n, also unserer heutigen Informationsmittel,
verstanden werden. Mit den genannten beiden Zielen legt die Dar-
stellung der Rechtsgesmimte zugleim den Grund für die des "Privat-
r e c h t s", die, zumeist in systematismem Aufbau, dem Remtsgebiet
gewidmet ist, auf dem sich die Größe der klassischen Juristen am
stärksten praktism entfaltet hat, und das aum in den neuzeitlichen
Remten am namhaltigsten fortlebt.
ERSTER TEIL

Das bäuerliche Zeitalter

Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr.

§ 2 Kennzeichnung. Oberlieferung

I. Bis etwa zum Beginn der Punischen Kriege um die Mitte des
3. Jh. v. Chr. war Rom im ganzen ein Bauernstaat. Das Bauerntum
bestimmt, wie die wirtschaftlichen und sozialen, so auch die ideologischen
Grundlagen, auf denen Recht und Staat gewachsen sind. Die Geschichte
dieses Zeitalters ist gewiß reich an Ereignissen, die tief in das Leben
des Volkes eingreifen. Nach außen hin hat Rom zumeist mit kriege-
rischen Mitteln bis zum Ausgang dieser Periode die Vorherrschaft im
italischen Raum errungen; und auch die innere Geschichte ist fast
ohne Unterbrechung von heftigen und zuweilen gewaltsamen Aus-
einandersetzungen zwischen den politischen Machtgruppen erfüllt. Sie
führen gegen 500 sogar zum Wechsel der Staatsform mit dem Obergang
vom Königtum zur Republik, ohne daß damit die inneren Kämpfe
beendet würden. Alle diese Wandlungen ändern gleichwohl nichts an
dem einheitlichen bäuerlichen Charakter des römischen Volkes und seines
Staates. Auch das Recht und seine Einrichtungen zeigen im Lauf dieser
Periode zwar einen allmählichen und stetigen Fortschritt, dem aber doch
durch den Weiterbestand der bäuerlichen Lebensform Grenzen gezogen
sind. Erst der Obergang zur folgenden Periode führt im Gesamt-
charakter des römischen Gemeinwesens aus vielfältigen Ursachen eine
Umwälzung herbei, die dann auch das Recht und seine Erscheinungs-
formen von Grund aus umformt. Das bäuerliche Zeitalter dagegen kann,
wie für die allgemeine, so auch für die Rechtsgeschichte als Einheit
betrachtet werden. Daß wir für die Verfassungsgeschichte eine Zäsur
mit dem Wechsel vom Königtum zur Republik eintreten lassen werden,
ist damit vereinbar.
II. Eine genauere Betrachtung des Rechts der altrömischen Periode
erscheint uns trotz der ungünstigen Quellenlage deshalb unerläßlich,
weil auf dieser Stufe bereits die Grundlagen geschaffen wurden, auf
denen die spätere Entwicklung aufbaut. Zu vielen Gedanken, die das
Wesen und die Eigenart des römischen Rechts noch in der Blüte- und
20 I. Das bäuerliche Zeitalter

in der Spätzeit bestimmen, sind die Keime schon in der altrömischen


Zeit angelegt und nachher mit dem den Römern eigentümlichen
Traditionsgefühl bewahrt und fortentwickelt worden. Zum Verständnis
der inneren Ursachen für die eigentümliche Gestaltung des römischen
Rechts bildet die altrömische Ordnung den wichtigsten Schlüssel.
111. Die Erkenntnis des altrömischen Rechts wird indessen durch den
unsicheren und lückenhaften Quellenstand stark erschwert. So
reichlich die Quellen im ganzen für die spätere Entwicklung fließen, so
spärlich sind sie für die Frühzeit. Unmittelbare Zeugnisse aus dieser
Periode besitzen wir fast überhaupt nicht. Eine Literatur, die diesen
Namen verdient, hat es noch nicht gegeben; und die äußerst seltenen
Inschriften auf Stein aus dieser Zeit sind wenig aufschlußreich.
1. Für die Entwicklung des römischen Staates ist unsere Haupt-
quelle die Geschiehtschreibung der Römer selbst, die indes für unser
Zeitalter nur mit äußerster Vorsicht heranzuziehen ist. Die Historiker
aus der augusteischen Zeit, Livius, Diodor, Dionysius von Halikamaß
usw., schöpfen aus der Annalistik, d. h. aus der seit dem 2. Jh. v. Chr.
geübten trockenen Aneinanderreihung der wichtigeren Ereignisse in ihrer
zeitlichen Abfolge. Die Annalisten aber, von deren Werken wir nur
geringe Reste unmittelbar besitzen, haben von den älteren Geschehnissen,
vor allem von der Zeit vor dem gallischen Brand (387 v. Chr.), keine
quellenmäßige Kenntnis mehr. Sie ergänzen ihr Wissen teils aus
Legenden, teils aus freier Erfindung, so daß es oft überaus schwierig ist,
Wahrheit und Dichtung zu trennen. Nicht selten werden politische
Errungenschaften einer späteren Stufe zu ihrer Verherrlichung in die
Frühzeit zurückverlegt und mit den Namen nachmals berühmt gewor-
dener Familien verbunden. Auch die fasti Capitolini, eine für die Ver-
fassungsgeschichte wichtige Liste der Konsuln und anderen höchsten
Amtsträger angeblich seit 509 v. Chr., die uns inschriftlich erhalten ist,
muß für die ältere Zeit als unzuverlässig gelten. Nach alldem nimmt es
nicht wunder, daß Fragen von grundlegender Bedeutung für die alt-
römische Staatsgeschichte heutzutage Gegenstand heftig umkämpfter
Hypothesen sind.
2. über privat- und strafrechtliche Verhältnisse der Frühzeit
unterrichten uns die Geschiehtschreiber und die sonstigen Profanschrift-
steller seit der ausgehenden Republik - die Dichter, die Redner, die
Grammatiker - nur nebenbei, wo sie zufällig Anlaß haben, Gegen-
stände aus diesen Rechtsgebieten zu berühren. Obschon sie insoweit
keinen Anlaß zu absichtlichen Fälschungen haben, verlegen sie doch
zuweilen auch dabei spätere Verhältnisse in die ältere Zeit zurück oder
zeigen von den Einrichtungen der Vergangenheit willkürliche oder naive
Vorstellungen. Für das Privatrecht und den Zivilprozeß unserer Periode
§ 2. Kennzeichnung. Oberlieferung 21

sind die gelegentlichen historischen Hinweise in den Schrifien der


klassischen Juristen von hohem Wert. Aber auch diese Bemerkungen
sind nicht immer aus verläßlichen Quellen geschöpfi, zuweilen aus
eigener Phantasie ergänzt und bei dem geringen historischen Sinn der
römischen Juristen im ganzen selten.
IV. So sind wir für die Rechtsgeschichte der altrömischen Periode in
der Hauptsache auf zwei Methoden angewiesen, deren Gefährlichkeit
klar zutage liegt.
1. Den einen Weg weist uns die Morphologie: Wir müssen versuchen,
aus der Beschaffenheit der späteren Rechtseinrichtungen selbst, aus
ihrem Namen, ihren Eigenschafien und ihren Funktionen, mit aller
Behutsamkeit auf die Umstände zu rück zu s c h 1 i e ß e n , unter
denen sie in der altrömischen Periode entstanden und gewachsen sind. Da-
bei bietet uns die erwähnte Neigung der Römer, nach Bauernart an den
überkommenen Einrichtungen festzuhalten und wenig zu neuern, eine
gewisse, wenn auch nicht immer verläßliche Sicherung. Bisweilen wird es
uns freilich nicht erspart bleiben, eine Hypothese auf die andere zu
stützen. Im ganzen werden wir uns häufig mit dem Versuch begnügen
müssen, die spärlichen Zeugnisse zu einem konstruktiven Erkenntnisbild
zusammenzufügen, dem jeweils nur ein größeres oder geringeres Maß
von geschichtlicher Wahrscheinlichkeit zuzubilligen ist. Es ist vom Stand-
punkt wissenschafilicher Ehrlichkeit aus richtiger, den falschen Eindruck
einer nicht erreichbaren Sicherheit zu meiden und das wirklich Sichere
vom bloß Wahrscheinlichen und das Wahrscheinliche vom nur Mög-
lichen offen zu scheiden.
Ein Beispiel für die "morphologische" Methode: Zum Ritual der mancipatio, eines
formgebundenen Obereignungsgeschäfts an Grundstücken und bestimmten wertvollen
beweglichen Gegenständen (res mancipi), wird im klassischen Recht gefordert, daß der
Erwerber mit einem Kupferstückehen oder einer kleinen Münze an eine Waage klopft
und dieses Metall dem Veräußerer übergibt mit der Erklärung, daß der veräußerte
Gegenstand um dieses Kupfer gekauft sei. Aus diesem Formerfordernis läßt sich er-
schließen, daß in früher Zeit, als das Geld noch in ungeformten Kupferbarren bestand,
die bei der Zahlung zugewogen wurden (u. § 4 II 2b), zur mancipatio die Bezahlung
eines wirklichen Kaufpreises gehörte. Die mancipatio war also vormals ein Barkauf-
geschäft, bei dessen Abschluß Ware und Preis gegeneinander ausgetauscht wurden. Erst
mit der Zeit ist dieser effektive Kaufpreis zu einem bloßen Symbol zusammen-
geschrumpft, um die mancipatio auch für andere Zwecke (Kreditkauf, Schenkung, Mit-
giftbestellung usw.) anwendbar zu machen (manc. n11mmo 11no = "um einen Pfennig").
2. Nicht weniger Gefahren birgt der andere Weg, den die histori-
sche Rechtsver g I e i c h u n g eröffnet. Die vergleichende Geschichts-
forschung hat beobachtet, daß zahlreiche Kulturerscheinungen, darunter
besonders auch zahlreiche Rechtseinrichtungen, bei verschiedenen Völkern
mehr oder weniger weitgehend übereinstimmen. Diese Gemeinsamkeit
kann mehrere Ursachen haben.
22 I. Das bäuerliche Zeitalter

a) Sie kann einmal darauf beruhen, daß die Völker miteinander in


friedliche oder kriegerische Berührung getreten sind und es dabei zu
einer Aufnahme fremder Einrichtungen und Vorstellungen gekommen
ist. Eine solche unmittelbare Beeinflussung, die auf allen Entwicklungs-
stufen denkbar ist, treffen wir auch in Rom an, doch hat gerade das
römische Recht vermöge seiner urwüchsigen Krafl: solcher Einwirkung
von außen her im allgemeinen stark widerstanden. Während Rom dazu
neigt, den bereits hochentwickelten Geist des Griechentums auf allen
Kulturgebieten bereitwillig aufzunehmen, zeigt sich dieser Einfluß auf
das römische Recht nur in seiner allgemeinen Geisteshaltung.
Griechische Rechtseinrichtungen sind in das römische nur ganz ver-
einzelt rezipiert und dabei in römischem Geist umgeprägt worden. Erst
in der letzten Periode macht sich eine etwas stärkere Einwirkung des
Hellenismus geltend, die aber gleichwohl den römischen Grundcharakter
des Rechts dieser Zeit keineswegs aufhebt.
b) Die Gemeinsamkeit der Rechtsgedanken mehrerer Völker kann
ferner darauf zurückgehen, daß sie durch gemeinsame Abstammung
miteinander verwandt sind, also ein einheitliches juristisches Erbgut
mitbekommen haben. Die hierauf beruhenden Übereinstimmungen, die
sich vor allem in der Frühzeit zeigen, dürfen aber nicht überschätzt
werden. Obschon etwa Italiker, Griechen und Germanen derselben
Völkerfamilie angehören, sind sie doch nach ihrem Volkscharakter und
demgemäß auch nach Religion, Sitte und Recht stark voneinander ver-
schieden. Es steht mit ihren Rechten nicht viel anders als mit ihren
Sprachen, die nur in bestimmten Wurzeln und Denkformen indo-
germanischen Ursprungs übereinstimmen, im übrigen aber, seitdem sich
die Völker verselbständigt haben, getrennte Wege gegangen sind.
Andererseits lehrt die Erfahrung, daß gerade manche frührechtliche Ein-
richtungen in ähnlicher Gestalt auch bei nicht "indoeuropäischen" Völkern
anzutreffen sind.
Ein lehrreiches Beispiel bietet die formelle Verfolgung und die Haussuchung bei dem,
der eines Diebstahls verdächtig ist. Dafür gibt es neben der römischen, sehr altertümlichen
quaestio lance et licio gewisse ihr entsprechende, wenn auch in der Ausgestaltung
abweichende Einrichtungen nicht nur in griechischen und germanischen, sondern auch
in altorientalischen Rechten.
c) Häufiger wird ein dritter Grund für eine Rechtsübereinstimmung
heranzuziehen sein, nämlich der auf den Ethnologen Adolf Bastian
zurückgehende Erfahrungssatz, daß gleiche Lebens b e d in g u n g e n
auch bei verschiedenen Völkern häufig gleiche Kulturerscheinungen
zeitigen. Aber auch dieser Satz darf nicht dazu verleiten, Lücken in der
altrömischen Überlieferung ohne weiteres mit dem Hinweis auf andere
Rechte zu füllen; besteht doch, selbst wenn wir sicher wüßten, daß die
§ 3. Die Völker Italiens 23

Rechtsbedürfnisse in Rom und bei den anderen Völkern die gleichen


waren, nur eine mehr oder minder begrenzte Wahrscheinlichkeit dafür,
daß sie auch wirklich mit den gleichen Rechtseinrichtungen befriedigt
wurden. Die historische Rechtsvergleichung darf daher nur mit großer
Vorsicht und in ständiger Verbindung mit den unmittelbaren römischen
Zeugnissen für die Erschließung des altrömischen Rechts verwertet
werden.

I. Abschnitt

Volk und Staat


§ 3 Die Völker Italiens
Wer waren die Römer? Die Frage kann nur durch einen Blick auf die
Bevölkerung ganz Italiens beantwortet werden.
I. Die Frühgeschichte Italiens wird dadurch gekennzeichnet, daß sich
dort eine V i e 1h e i t von Völkern verschiedenen Ursprungs und ver-
schiedener Kulturstufen überlagert und durchdrungen hat. In der ältesten
uns erkennbaren Zeit war die Apenninenhalbinsel wie der größte Teil
des Mittelmeergebietes von Völkern der Mittelmeerrasse bewohnt,
zu der im Norden die später auf den Küstenstrich um Genua beschränk-
ten Ligurer, im Süden und in Sizilien die Sikuler (und ihre Vorläufer)
gehören. Im Kerngebiet Italiens dagegen wird diese Urbevölkerung haupt-
sächlich von den einwandernden Italikern zurückgedrängt oder aufge-
sogen.
II. Das volksgeschichtliche Schicksal Italiens wird entscheidend
bestimmt durch die Einwanderung der Italiker, ebenso wie die
dorische Wanderung in Griechenland eine Teilerscheinung innerhalb der
großen Wanderungsbewegung, die im 2. Jahrtausend v. Chr. Völker-
schaften der indogermanischen Sprachengruppe von Mitteleuropa nach
Süden führte. Mit der italischen Wanderung gelangten, wohl gegen
1000 v. Chr., aus dem ungarisch-serbischen Donaugebiet kommend, die
Latiner bis nach Mittelitalien. Sie bildeten nachmals den Kern der
römischen Bevölkerung; ihre Sprache, das Latein, stand dem Keltischen
nahe. Sprachlich zur oskisch-umbrischen Gruppe gehören im Bereich
Roms die Sabiner, ferner die Samniten und Sabeller; diese Stämme
breiteten sich bis nach Unteritalien aus.
Die einzelnen italischen Stämme, zusammengehalten durch die Ge-
Gemeinsamkeit ihrer Sprache und Kultur und vor allem auch durch die
24 I. Das bäuerlic:he Zeitalter

gemeinsame Verehrung bestimmter Gottheiten, leben noch nicht in einer


festen staatlichen Organisation, sondern in offenen, autonomen und
miteinander verbündeten Gaudörfern (pagi), die teils Einzelhöfe, teils
Geschlechtersiedlungen umschließen und ihren Mittelpunkt regelmäßig
in der befestigten Gauburg (oppidum, ähnlich wie die Akropolis in
Athen) als Zufluchtsstätte für Menschen und Vieh in Notzeiten haben.
111. Auf das weitere Schicksal der italischen Bauernvölker haben
fremde Völkerschaften von überlegener Kultur einen starken und nach-
haltigen Einfluß gewonnen. Wir heben daraus hervor:
1. Die Etrusker (Tyrrhener, Tusker), das Rätselvolk der römischen
Geschichte, das man den Sauerteig der italischen Entwicklung genannt
hat, sprechen eine nichtindogermanische Sprache, sie sind vermutlich
kein Oberrest der Urbevölkerung Italiens, sondern wohl auf dem Seeweg
aus Kleinasien zugewandert. Ihre hochentwickelte Kultur hebt sich durch
den trüben, phantastischen und grausamen Charakter der Gottes-
verehrung und durch den stark ausgeprägten Toten- und Ahnenkult
scharf von der italischen ab. Da sie, mindestens von Haus aus, kein
Bauern-, sondern ein Seefahrervolk waren, sind auch ihre sozialen
Anschauungen von den italischen verschieden, was sich u. a. in der
freieren Stellung der Frau zeigt.
Die Etrusker beherrschten auf dem Höhepunkt ihrer Macht im 6. Jh.
den ganzen Raum von der Poebene bis Kampanien, also auch das Gebiet
von Rom, an dessen Gründung sie cntsdteidenden Anteil hatten (u. § 4 1).
Ihre typische Siedlungsform ist die nach festem Plan angelegte, durch
sakralen Ritus gegründete, mit Steinmauern umgebene Stadt; wie es
scheint, mit straffer, auf machtvoller Führung durch einen Stadtkönig
beruhender Verfassung. Ihre Stadtstaaten sind in einem Zwölfstädte-
bund vereinigt. Ober den Italikern bilden sie eine Oberschicht, ähnlich
wie die Normannen über den Angelsachsen. Mit den Etruskern war ein
einziges Mal noch auf vorgerückter Stufe ein fremdstämmiges Volk zur
Herrschaft über die italischen Bauern berufen und beinflußte ihre
Geschichte nachdrücklich, ohne doch ihre jugendkräftige Eigenart brechen
zu können. Schon früh mit den Italikern vermischt, wurden sie allmäh-
lich von diesen aufgesogen. In Rom tragen das Königsgeschlecht der
Ta r q u in i er und mehrere Adelsfamilien etruskische Namen. Doch
wurde dort die etruskische Vorherrschaft: (gegen 500) durch die Vertrei-
bung der Tarquinier beseitigt; die politische Macht fiel danach an die
überwiegend italischen Adelsgeschlechter. Der etruskische Volksteil, der
die Verbindung mit dem Heimatvolk verloren hatte, ging rasch im
latinischen Kernvolk auf, während sich im Norden Italiens das
etruskische Volkstum noch jahrhundertelang erhielt. Rom ist schon in
der frühen Republik eine Stadt von ausgeprägt latinischem Charakter.
§ 4. Die Anfänge Roms. Wirtsc:haft und Gesellsc:haft 25
Auf kulturellem Gebiet wirkt die etruskische Oberlagerung vor allem
im religiösen Leben nach: die Trias der kapitolinischen Götter (Juppiter,
Juno, Minerva) geht auf sie zurück, ebenso die Zukunftsdeutung aus den
Eingeweiden der Opfertiere (durch die haruspices ). Inwieweit dagegen
auch gewisse Erscheinungsformen des staatlichen und rechtlichen Lebens
auf etruskischem Einfluß beruhen, ist beim Stand unserer Kenntnis der
etruskischen Einrichtungen ungewiß. Man hat vor allem die Befehls-
gewalt der obersten Machtträger im römischen Staat, das imperium, aus
etruskischem Einfluß zu erklären versucht, sind doch die Symbole dieser
Macht, besonders die Rutenbündel mit den Beilen ( fasces und secures ),
sicher etruskischen Ursprungs (u. § 8 II 1). Auch die Machtfülle des
römischen paterfamilias, die weit über die des germanischen und grie-
chischen Hausvaters hinausgeht (u. § 4 II 1), hat man aus etruskischer
Einwirkung ableiten wollen; doch bleibt dies fraglich.
2. Eine bedeutende kulturelle Befruchtung ging ferner schon in dieser
Periode von den Griechen aus. Sie gründeten im 8. und 7. Jh. an der
unteritalischen und sizilischen Küste eine Reihe rasch aufblühender
Kolonien, die später als "Großgriechenland" (Graecia Magna) bezeichnet
wurden. Ihr erfolgreiches Handelsleben konkurrierte lebhaft mit dem
der Etrusker im Norden und der phönikischen Karthager im Süden, die
ihre Macht nach Sizilien erweitert hatten. Die griechische Kultur
wirkte auf das jugendliche Rom zunächst nicht unmittelbar, sondern
vermittelt durch die Etrusker ein, die sich die kulturellen Errungen-
schaften der Griechen aneigneten und, wenn auch entstellt und ver-
gröbert, an Rom weitergaben. So wurden gewisse Gottheiten der
römischen Religion, wie Apollo, Diana, Merkur, dann die lateinische
Schrift, die Bautechnik und andere Errungenschaften auf diesem Umweg
aus dem griechischen Kulturbereich eingeführt. Erst später kam es auch
zu einer unvermittelten Einwirkung der großgriechischen auf die
römische Kultur, als deren wichtigstes Zeugnis wir um die Mitte des
5. Jh. die Zwölftafelgesetzgebung noch genauer zu würdigen haben
werden (u. § 15). Im Ausgang unserer Periode verfällt dann die Kultur
der süditalischen Griechenkolonien durch die mangelnde Verbindung mit
dem Mutterland der Erstarrung. Der starke Einfluß des Hellenismus in
der jüngeren Republik geht nicht von diesen Kolonien, sondern vom
Griechentum als Ganzem aus und hat damit selbständige Wurzeln.

§ 4 Die Anfänge Roms. Wirtschaft und Gesellschaft


I. Nach der sagenhaften Oberlieferung wurde Rom 753 v. Chr.
gegründet. Den Ausgrabungen zufolge ist jedoch zweierlei auseinander-
zuhalten: Die italische Be siede 1u n g des Kerngebiets der späteren
26 I. Das bäuerliche Zeitalter

Stadt ist bereits älter; sdton seit dem 10. Jh. ist eine Siedlung der
Latiner auf den Höhen des Palatin, etwas später eine der Sabiner
auf dem Quirinal und Esquilin nadtweisbar. Beide Siedlungen wurden
dann zu einer Doppelgemeinde zusammengefaßt, nadt der Sage unter
dem Doppelkönigtum des Iatinismen Stadtgründers Romulus und
des Sabiners Titus Tatius, nadt dessen Tod Romulus allein weiterregiert
habe. Dieses Gemeinwesen folgt nodt der offenen Gausiedlungsform der
Italiker. Davon zu sdteiden ist die feierlidte Stadtgründung nadt
etruskischem Ritus durdt Anlegung des geheiligten Grenzsaums
(pomerium), innerhalb dessen Burgfriede herrsdtt. Sie wird mit der
etruskisdten Eroberung um die Wende vom 7. zum 6. Jh. anzusetzen
sem.
Am Ende der Königszeit werden wir uns das römisdte Gemeinwesen
schätzungsweise als ein Gebiet mit einem Durdirnesser von etwa 15 km
und einer Bevölkerung von 10-15 000 Köpfen vorzustellen haben,
neben dem in der Ebene von Latium nodt andere stadtstaatliche Gebilde
von ähnlicher Größenordnung bestanden. Ein Jahrhundert später war das
Gebiet mehr als verdoppelt. Das 5. und 4. Jahrhundert bringen dann die
starke Erweiterung der römischen Herrschaft, die Rom im Ausgang
unserer Periode die Vorherrschaft über ganz Mittel- und Süditalien
sichert; davon wird nodt die Rede sein (u. § 12).
II. 1. Trotz der zeitweiligen Überlagerung durdt die nichtbäuerlichen
Etrusker ist Rom in unserer Periode eine Bauerngemein d e. Landbau
und Viehzucht bestimmen im wesentlichen die Lebensaufgabe des Volkes.
Als wirtschaftliche und soziale Einheit hat sich die Ein z e I f a m i I i e
(Kleinfamilie) herausgebildet, die auf dem Ein z e I h o f lebt; diese Auf-
gliederung wird mindestens so alt sein wie die Seßhaftmadtung der
Italiker.
Die familia ist nadt dem patriarchalisdten Prinzip als Hausverband
straff organisiert; sie umfaßt das männliche Oberhaupt (paterfamilias)
und die unter seiner Hausgewalt stehenden freien Personen, also die Kin-
der (liberi = "Freie" und "Kinder") und regelmäßig die Ehefrau.
(Dieser Kleinfamilie sind vielleicht größere Einheiten, entweder Agnaten-
verbände mit Einschluß der Seitenverwandten oder die gentes
[ u. § 5 II 1] vorangegangen.) Der Hausvater hat über alles, was zum
Hausverband gehört, die freien, halb- und unfreien Hausgenossen, die
Tiere und das leblose Gut, eine absolute und souveräne Vollgewalt. Sie
gibt ihm die Macht, die Hauskinder und die gewaltunterworfene Ehefrau
sogar zu töten (ius vitae necisque), zu verstoßen oder zu verkaufen.
Durch Mißbräuche dieser Gewalt wird er nicht vor dem Staat, sondern
nur vor den Göttern verantwortlidt; gewisse sdtwere Vergehen gegen
die Gewaltunterworfenen, wie grundlose Tötung oder Mißhandlung,
§ 4. Die Anfänge Roms. Wirtsdtaft und Gesellsdtaft 27

gelten als Beleidigung der schützenden Gottheiten und machen den Täter
friedlos (sacer), so daß jedermann die Gottheit rächen und den
Schuldigen töten darf. Zwar scheinen die XII Tafeln dem Hausvater
vorgeschrieben zu haben, daß er ein Hauskind nur töte, nachdem es vor
einem Hausgericht der Verwandten und Freunde für schuldig befunden
worden war; doch erfahren wir von keiner Sanktion, die auf die Ver-
letzung dieser Norm gesetzt war. In einem Zivil- oder einem weltlichen
Strafprozeß konnte er dieserhalb offenbar nicht verfolgt werden; und
auch als die Friedlosigkeit schon frühzeitig außer Übung kam, wurden
die Mißbräuche der Hausgewalt nicht der staatlichen Strafgerichtsbarkeit
überwiesen, sondern nur als Verstöße gegen die "Sitte der Väter"(mos
maiorum) aufgefaßt, die freilich auch von der Staatsgewalt, den
Zensoren, verfolgt wurden (u. § 8 IV 4).
Der Hausverband bildet zwar einen kollektiven Verband der freien
Hausgenossen, der aber unter der monokratischen Führung des Hausvaters
steht. Er allein verfügt über das Vermögen; die seiner Gewalt Unter-
worfenen gelten als vermögensunfähig, sie können also keine eigenen
Vermögensrechte haben. Der Hausvater vertritt die Familie nach außen,
schließt die Rechtsgeschäfte ab und führt die Zivilprozesse; nur in engen
Grenzen handeln die Hauskinder für ihn rechtlich als seine Organe.
Zum Vermögen gehört anfangs vielleicht nur das bewegliche Gut. Am
Boden vermutet man für die Frühzeit noch kein (frei veräußerliches)
Privateigentum, sondern eine Hoheitsgewalt der Geschlechtsverbände
(gentes, u. § 5 II 1), die mehrere Familien umschließen. Doch hat sich in
Rom jedenfalls schon bald, vergleichsweise früher als im germanischen
Bereich, auch ein privates Grundeigentum des einzelnen Hausverbandes
entwickelt; zuerst am Hof- und Gartenland, also an der innerhalb der
Stadtmauer liegenden geschlossenen Stadtsiedlung (urbs), später, aber
noch vor den XII Tafeln, auch am offenen Ackerland (ager). Das Weide-
land (compascua), auf das jeder Bürger sein Vieh treiben durfte, blieb wie
die deutsche Allmende noch jahrhundertelang ungeteilt.
2. a) Der altrömische Bauernhof ist weithin autark, er beschaffi
seinen Bedarf durch Eigenerzeugung und ist insoweit vom Markt
unabhängig. Dennoch haben auch Handwerk und Hand e 1 in Rom
ein hohes Alter. Die wichtigsten Handwerker, nämlich Zimmerleute,
Schmiede, Gerber, Töpfer, Färber und sogar Goldarbeiter, soll nach der
Legende schon der Nachfolger des Romulus, Numa Pompilius, in
Zünfte geordnet haben. Der Handel wurde notwendig durch den Bedarf
an Salz (woran die via Salaria, die uralte Salzstraße, erinnert) und an
Metallen. Er wurde durch die günstige Verkehrslage Roms als Umschlags-
platz zwischen den handeltreibenden und seefahrenden Griechen und
Karthagern im Süden und den Etruskern im Norden gefördert. Doch ist
28 I. Das bäuerliche Zeitalter

der angeblich schon 509 v. Chr. geschlossene erste Handelsvertrag


zwischen Rom und Karthago vielleicht nur eine sagenhafte Vorweg-
nahme des Vertrages von 348.
b) Mit dem frühen Aufkommen des Handels erklärt es sich, daß auch
das Geld in Italien schon früh bekannt ist. Seit etwa 1000 v.Chr. findet
sich Kupfer (aes) als allgemeines Tauschmittel, und zwar in Form von
Barren (aes rude), die zur Zahlung gewogen werden (daher pendere =
zahlen). Seine Einheit bildet das as librae = 1 Pfund Kupfer (ursprüng-
lich etwa 270 g). Erst seit 335 gibt es staatliches Geld, indem Stücke
gleichen Gewichts eine staatliche Prägung erhalten (aes signatum). Daraus
entwickelt sich dann neben dem Barren- allmählich das Münzgeld. Das
As wurde in Zwölftel (unciae) geteilt. Auch ausländisches, besonders
griechisches Geld mag bereits umgelaufen sein.
Das Metallgeld dient in der Frühzeit mehr dem Güterumsatz als der
Kapitalansammlung; bestand doch der Kern des altbäuerlichen Ver-
mögens im Besitz an Boden und Vieh und daneben noch an landwirt-
schaftlicher Ausrüstung und persönlichem Bedarf. Der Name pecunia
(von pecus = Vieh) leitet sich von den wertvollsten Stücken des
beweglichen Vermögens her, aus denen auch die Viehbußen zur Sühne
für begangene Delikte entrichtet wurden. Daß dagegen ein Viehgeld
einmal als allgemeines Tauschgeld gedient hätte, ist unwahrscheinlich.
c) Auch ein Zinsennehmen ist gestattet, offenbar für jedes As eine
uncia, also ein Zwölftel, pro Monat. Dieser uns Heutigen wucherisch
erscheinende Satz ist bei der Naturalwirtschaft und dem bäuerlichen
Mißtrauen jener Zeit weniger befremdlich. 347 wurde der Satz auf die
Hälfte herabgesetzt (/enus semiunciarum); die Iex Genucia von 342, die
das Zinsennehmen ganz verboten haben soll, ist zweifelhaft.
3. Den bäuerlichen Ackerbürgern dienen in Rom, wie überall in der
Antike, Unfreie, Sklaven (servi, homines, mancipia), die im privaten
Eigentum ihres Herrn stehen. Sie rekrutieren sich aus den Kriegsgefange-
nen, die volksmäßig in dieser Zeit zumeist noch gleichfalls Italiker sind,
und aus den von Sklavinnen geborenen Kindern. Die Zahl der Sklaven ist
zunächst gering, ihre Behandlung im ganzen milde. Als landwirtschaftliche
Hilfskräfte teilen sie das Leben der bäuerlichen Familie und stehen unter
der absoluten Gewalt des paterfamilias nicht wesentlich schlechter da als
die freien Hauskinder. Vor der Rechtsordnung gelten sie nicht als Sachen,
sondern als Menschen. Ihre Verletzung wird in den XII Tafeln mit der
Hälfte der Buße, die dem verletzten Freien zukommt, geahndet; anders
jedoch bereits die Iex Aquilia von 286 v. Chr., die den Handelswert des
Sklaven zugrundelegt.
4. Nicht im Eigentum, sondern in einer milderen Herrschafts- und
Schutzgewalt (patronatus) stehen die Hörigen (clientes, Halbfreie).
§ 4. Die Anfänge Roms. Wirtschaft und Gesellschaft 29

Ihr Patron ist ihnen zur Treue (fides) verpflichtet, deren Bruch die
Verletzung einer Schutzgottheit bedeutet und ihn darum friedlos (sacer)
macht (XII Taf.: Patronus si clienti fraudem fecerit sacer esto). Sie werden
von ihrem Patron zu Frondiensten und zur Heerfolge herangezogen und
schulden ihm Treue und Beistand, wie ihnen umgekehrt auch der Schutz-
herr Hilfe vor Gericht und in der Not zu leisten hat. Doch kann der Patron
seine Rechte gegenüber dem Klienten unmittelbar und außergerichtlich
vermöge der Patronatsgewalt durchsetzen, während der Klient nur durch
die erwähnte sakrale Banndrohung gegen den untreuen Patron geschützt
ist. Der Ursprung des Verhältnisses wird hauptsächlich darin zu suchen
sein, daß verarmte Bürger sich unter wirtschaftlichem Zwang in die Schutz-
gewalt der Reichen begaben (in fidem se dare) und ihnen dabei ihren
Grundbesitz übertrugen, der ihnen dann auf freien Widerruf als eine Art
Lehen (precarium, "Bittleihe") zurückgegeben wurde, ähnlich wie den
fränkischen "Hintersassen". Auch zugewanderte Landfremde werden den
Schutz mächtiger Bürger durch Eintritt in ihre Klientel gesucht haben. Die
Klienten sind rechtsfähig, auch voll vermögensfähig. Sie zählen zum
Geschlechtsverband (gens) des Patrons und nehmen kraft Bürgerrechts
an der Volksversammlung teil. Doch war die Stellung der Klienten nicht
in allem einheitlich. Als mit der Zeit die Freilassung der Sklaven aufkam,
gerieten auch die Freigelassenen in ein derartiges Treuverhältnis zu ihrem
früheren Herrn, sie erhielten aber zunächst kein Bürgerrecht. Erst 312
werden auch sie kraft einer Reform des Zensors Appius Claudius in die
Tribuslisten eingetragen (u. § 10 I 3) und damit des Bürgerrechts teil-
haftig.
5. Die Fremden (hostes, peregrini) standen in Rom zunächst außer-
halb des rechtlichen Schutzes, wenn sie sich nicht gleichfalls unter die
Treugewalt eines römischen Bürgers (oder einer gens) stellten. Doch galten
Ausnahmen für die Angehörigen der Gemeinden des latinischen Städte-
bundes (u. § 12 III 2), ferner für die bestimmter anderer Gemeinden,
denen die Römer die Gleichordnung mit den eigenen Bürgern für be-
stimmte Privatrechtsgeschäfte einräumten ( commercium, conubium). Die
Belebung des Handelsverkehrs zwischen den zahlreichen italischen Klein-
staaten führte frühzeitig zur gegenseitigen Anerkennung der Rechtsfähig-
keit. (Näheres u. § 12.)
111. Die innere Geschichte Altroms wird von der sozialen und
politischen Spannung beherrscht, die sich zwischen den beiden Gruppen
der Patrizier und P 1e b e je r entwickelt, steigert und schließlich in
einem jahrhundertelangen "Ständekampf" entlädt. Die Wurzeln dieser
Gegnerschaft sind dunkel und umstritten; ob bei ihrem Ursprung der Ge-
gensatz zwischen den Latinern, Sabinern und Etruskern eine Rolle gespielt
hat, ist ungewiß.
30 I. Das bäuerliche Zeitalter

1. In geschichtlicher Zeit bilden die Patrizier eine Herrenschicht


von Großbauern, hervorgegangen aus der Verschmelzung der etruskischen
mit den latinisch-sabinischen Adelsfamilien. Sie lassen nur ihre eigenen
Familien und Geschlechtsverbände gelten und nennen sich im Sinne der
patriarchalischen Familienordnung "Väter" (patres), während die plebs
in ihren Augen nur eine vater- und sippenlose "Menge" ist. Die Ehe
zwischen Patriziern und Plebejern war nach den XII Tafeln verboten;
vielleicht aus Gründen der Stammesverschiedenheit, vielleicht aber auch
aus dem Absonderungsstreben der Herrenschicht. Doch soll schon eine
Lex Canuleia von 445 das Verbot aufgehoben haben.
Den Patriziern gehört der größte Teil des Grundbesitzes, den sie
aber nicht vollständig selbst bewirtschaften können, und von dem sie
deshalb große Stücke an die (plebejischen) Klienten als precarium ver-
geben (o. II 4). Zum Heer stellen die Patrizier die Reiterei (equites)
und damit in alter Zeit die Kerntruppe, neben der die Plebejer zunächst
nur als Hilfssoldaten verwendet wurden.
2. Die P 1e b s geht nach der Sage auf einen zugewanderten Haufen
auswärtiger Flüchtlinge zurück, denen Romulus das Asylrecht gewährt
habe. Dazu würde stimmen, daß die Plebejer ihre eigene, von den
Patriziern abgesonderte Siedlung auf dem Aventin (außerhalb des
pomerium) und ihre eigenen Gottheiten hatten. In der Königszeit bilden
die Plebejer die Masse der Kleinbauern, die zumeist als Klienten das
Land ihrer Patrone bewirtschaften, nur selten als Unabhängige ihr
eigenes Land. Hinzu kommen frühzeitig die städtischen Handwerker und
Kaufleute.
Der p o 1i t i s c h e Einfluß der Plebejer war, auch wenn sie schon seit
früher Zeit der Bürgerschaft (civitas) und den engeren Verbänden
(tribus, curiae, u. § 5 II 2, 3) angehört haben sollten, durch die über-
macht der Patrizier stark eingeschränkt. Zu einer politischen Spannung
zwischen den beiden Gruppen kam es jedoch erst, als sich mit dem
Aufblühen des römischen Gemeinwesens eine 0 b er s c h ich t innerhalb
der Plebs entwickelte, namentlich aus den wohlhabend gewordenen
Händlern und Handwerkern, die durch Zuzug angesehener Familien aus
den Nachbargemeinden neue Kräfte gewannen. Die Ansprüche der
Plebejer auf politische Sicherung und Beteiligung an der Macht wurden
laut, als diese Schicht mit der Heeresreform (Ende des 6. Jh. oder
bald danach) steigende Bedeutung gewann. Bis dahin waren die Plebejer,
nicht oder nur leicht bewaffnet und nicht in militärische Einheiten
gegliedert, als bloße Troßknechte und Hilfssoldaten eingesetzt worden.
Als die militärische Lage zur Übernahme der griechischen, von den
Etruskern vermittelten "Hoplitentaktik" (von Ö7tALTl)c; = lanzen-
tragender, schwergerüsteter Fußsoldat) zwang, erlangte jedoch die
§ 5. Der Staatsaufbau. Die politische Gliederung 31

plebejische Fußtruppe die Rolle einer wohlgegliederten Haupttruppe,


die dem patrizischen Reiteradel an Kopfzahl vielfältig überlegen und an
Kampfkraft mindestens vergleichbar war. Es ist begreiflich, daß die
plebejische Oberschicht, die sich die kostspielige Hoplitenausrüstung aus
eigenen Mitteln leisten konnte, gestützt auf den starken Anteil der
Plebejer an der militärischen Sicherung des Staates, nun auch nach
politischer Gleichstellung verlangte. Doch soll von dieser Auseinander-
setzung erst später die Rede sein (u. § 9).

§ 5 Der Staatsaufbau. Die politische Gliederung


I. 1. In der Frühzeit seiner Geschichte war Rom nur eines jener
kleinen staatlichen Gebilde, die in reicher Zahl in Italien wie auch in
Griechenland bestanden. Die Römer nennen sie civitas, d. h. eine
souveräne (nach außen unabhängige) und autonome (sich selbst
regierende) Gemeinschaft freier Bürger auf begrenztem Raum, ver-
gleichbar - trotz der andersartigen Atmosphäre - der griechischen
Polis; oder auch populus, das Volk verstanden als die Heergemein-
schaft der wehrfähigen Bürger und, was sich damit deckt, als die
politische Gemeinde des Volksstaates. Davon leitet sich dann res publica
(= poplica) her, die" Volkssache", der Staatsverband, im Gegensatz zum
Hausverband (familia), dem das Attribut privatus zugeordnet ist (von
privus = einzeln; vgl. res privata, res familiaris = Hausvermögen). Der
römische Staat ist mithin vornehmlich personell bestimmt, er wird als
eins gedacht mit dem berechtigten Staatsvolk (der Staat heißt offiziell
senatus populusque Romanus = SPQR, worin neben dem Volk auch der
Senat genannt wird). Wir können bei diesen antiken Gemeinwesen von
einem "Gemeinde s t a a t" sprechen, weil die berechtigte Bürgerg~­
meinde ihr politisches Geschick im wesentlichen selbst bestimmt; im Falle
Roms auch von einem "Stadtstaat", obschon nicht alle derartigen Klein-
staaten einen städtischen Mittelpunkt haben, der das umgebende Land be-
herrscht.
2. In den meisten dieser Staatsgebilde ist die politische Macht auf
drei Organe verteilt, ein oder mehrere Oberhäupter, einen Rat der
Alten und eine Volksversammlung der vollberechtigten Bürger; mag
auch der Schwerpunkt der politischen Gewalt innerhalb dieser Trias
örtlich und zeitlich verschieden gewesen sein. Auch in Rom treffen wir
diese charakteristische Dreiheit an. Dabei sei indes vorweg die Aus-
sichtslosigkeit vermerkt, diese Verfassung in eines der Systeme einzu-
ordnen, die die moderne Staatstheorie im Anschluß an die griechische
Staatsphilosophie entwickelt hat; etwa im Sinn der aristotelischen
Staatstypen Monarchie, Aristokratie und Demokratie. In den antiken
32 I. Das bäuerliche Zeitalter

Staatsgebilden zeigen sich vielmehr Elemente aller drei Verfassungs-


formen in eigentümlicher und wechselnder Weise vermischt. Wir müssen
darum die altrömische Staatsordnung unter Verzicht auf eine
Klassifizierung, die ihrem Wesen zuwiderliefe, in ihrer Eigenart auf uns
wirken lassen. Dabei müssen wir uns davor hüten, unsere Anschauung
der Tatsachen durch die subjektiv gefärbten Berichte der Schriftsteller aus
der späteren Republik und ersten Kaiserzeit irreleiten zu lassen, die den
altrömischen Verhältnissen bisweilen ihre zeitgenössischen Verfassungs-
ideale aufzwingen wollen.
II. Das Bild der antiken Verfassung wird außerdem dadurch
beeinflußt, daß der Staat erst allmählich den Inbegriff von Funktionen
erwirbt, der ihm auf entwickelter Stufe eigentümlich ist. Viele der
nachmals staatlichen Aufgaben werden zunächst von engeren Ver-
bänden wahrgenommen, die dem Staat gegenüber ein größeres oder
geringeres Maß von Unabhängigkeit genießen; ob sie ihm allerdings
überhaupt als seine Vorläufer vorangegangen sind, bleibt fraglich. Wir
haben bereits der eigentümlichen Selbständigkeit der altrömischen
Familie gedacht (o. § 4 II 1), die als fester Verband organisiert ist und
nach innen autonom auftritt, weil der paterfamilias ihre inneren
Angelegenheiten nach seinem Ermessen ordnet, nach außen souverän
insofern, als es dem Staat nur in beschränktem Umfang zukommt, in
ihre Verhältnisse einzugreifen. Eine ähnliche Unabhängigkeit genießt
auch der nächsthöhere Verband über der Familie, der Ge s c h 1echt s-
verband ( gens), der aber viel stärker als jene auch einen politischen
Machtfaktor und damit einen wichtigen Bestandteil in der Ordnung des
öffentlichen Lebens bedeutet.
Betrachten wir die für den politischen Aufbau kennzeichnenden Ver-
bände näher. Nach der Oberlieferung soll Romulus die Gemeinde in
drei tribus gegliedert haben, jede weitergeteilt in zehn curiae, jede curia
in zehn gentes. Außerdem habe er einen Senat als Rat der Alten und
eine nach Kurien gegliederte V o I k s ver s a m m 1u n g, die comitia
curiata, eingerichtet.
1. Von den genannten Verbänden hat die g e n s eine naturgewachsene
Grundlage; die feste Zahl von 300 wird daher nur annähernd richtig
sein. Die gens entspricht dem griechischen yevoc;, der germanischen Sippe
und besonders dem keltischen ,. clan". Sie ist eine Gemeinschaft mehrerer
Familien verbände, die sich auf einen gemeinsamen Stammvater ( pater
gentis) zurückführen. Diese Abstammungsgemeinschaft drückt sich im
Gentilnamen aus 1, der vielleicht älter als der Familienname ist. Mit

1 Die Römer unterscheiden pra~nomen (z. B. GaiNs), nom~n g~ntil~ (INliNs) und

cognomen (Ca~sar).
§ 5. Der Staatsaufbau. Die politische Gliederung 33

dieser Herkunft ist jedoch vereinbar, daß sich die gens als politischer
Verband organisiert hat, der, wenn sich die wandernden Italiker
geschlechterweise niedergelassen haben, alle Familien eines Ansiedlungs-
bezirkes umfaßt hat. Dabei hat sich das Bewußtsein einer ursprünglichen
Stammverwandtschaft allmählich verloren, und die ohnedies nicht mehr
beweisbare Abstammungsgemeinschaft wird nur mehr fingiert. Von der
Rolle der gens als Siedlungsgemeinschaft zeugt noch die Benennung der
römischen Landbezirke (tribus rusticae) nach den Namen einzelner gentes,
obschon jede Tribus eine Vielzahl solcher Geschlechter umschlossen haben
muß. Auch die zu vermutende Hoheitsgewalt dergentesüber den Boden,
solange es daran noch kein Privateigentum gab (o. § 4 II 1}, mag auf
die Geschlechtersiedlung zurückgehen.
Ob die gens monokratisch oder genossenschaftlich (mit Gleichberechti-
gung der mehreren patresfamilias) organisiert war, ist ungewiß; jeden-
falls waren für bestimmte Aufgaben Repräsentanten bestellt. Im Kampf
zwischen dem patrizischen Adel und den Königen um die politische
Führung waren die gentes die Träger der patrizischen Macht, die ihren
Willen im Senat als der Versammlung der Gentilhäupter geltend
machten. Einzelne gentes betrieben bisweilen ihre eigene Politik; so
unternahm die gens Fabia (angeblich 477 v. Chr.) eine für sie vernich-
tende Privatfehde gegen die etruskische Stadt Veji.
Neben dieser politischen hatte die gens auch eine sakrale Funktion
als Kultverband mit gemeinsamen Gottheiten, Festen, Grabstätten und
Bräuchen. Auch die Blutrache, die ihr zugestanden hat, wenn eines
ihrer Mitglieder von einem Außenstehenden getötet worden war, hat
eine sakrale Wurzel. überhaupt bestand unter den Gentilgenossen eine
starke sittliche Pflicht zu g~genseitigem Beistand, die auf sakrale Bin-
dungen zurückgeht.- Im Privatrecht hatte diegensein Erbrecht
und ein Vormundschaftsrecht (über die hinterbliebenen unmündi-
gen Kinder und die Witwe), wenn nach dem Tod despaterfamiliaskeine
berechtigten Seitenverwandten eintraten.
Mit dem Erstarken der Staatsgewalt verblaßt die politische Funktion
der gentes; ihre politischen Aufgaben gehen auf den Staat über. Auch
die Hoheitsgewalt am Boden wandelt sich teils zu Staatseigentum (so
am ager publicus), teils zu Privateigentum der Familien (am ager
privatus). Außer dem Gentilnamen und gewissen Kulteinrichtungen
leben nur das Vormundschafts- und das Erbrecht der gens bis in die
späte Republik fort.
2. Auch die 30 c ur i a e, deren Name wohl auf co-viriae= Mannschaften
zurückgeht, und von denen jede 10 gentes umfaßt haben soll, haben
vermutlich stammes-und siedlungsmäßige Wurzeln; sie wurden teils mit
Orts-, teils mit Gentilnamen bezeichnet. Sie stehen unter der Führung
3 6760 Kaser, Römische Rechtsgeschichte
34 I. Das bäuerliche Zeitalter

eines curio und sind örtliche Kultverbände, zugleich aber auch militärische
Aushebungsbezirke, indem nach der erwähnten Heeresreform (o. § 4 a. E.)
jede Kurie eine Hundertschaft (centuria) Fußvolk und eine Zehnerschaft
( decuria) Reiterei zu stellen hat. Politische Bedeutung haben sie durch
die Teilnahme der Kurienversammlung ( comitia curiata) als der ältesten
Volksversammlung an bestimmten Staatsakten (u. § 6 III).
3. Je 10 Kurien waren zu einer der dreitri b us vereinigt, die gleichfalls
örtliche Verwaltungsbezirke bildeten. Für das Heer stellte jede Tribus
1000 Fußsoldaten und eine Reiterzenturie. Ob die überlieferten, wohl
etruskischen Namen für die drei Tribus alten Stils, Ramnes, Titienses und
Luceres, Bezeichnungen für den latinischen, sabinischen und etruskischen
Teil der Stadtbevölkerung waren, ist fraglich; nachmals heißen so die
ältesten Einheiten der adeligen Reiterei.
Die Tribusorganisation wird später von der der Kurien losgelöst. Im
5. Jh. gibt es 21 Tribus, 4 städtische (tribus urbanae) und 17 ländliche
(tribus rusticae). Die ländlichen waren zwar an Kopfzahl geringer, um-
faßten aber die politisch einflußreichen Großgrundbesitzer.

§ 6 Der Staat der Königszeit


I. 1. Von den sieben K ö n i g e n , die die römische Geschiehtschreibung
nennt, haben die ersten latinische, die letzten aus der Tarquinierdynastie
etruskische Namen. Das Wort rex (von regere = ordnen, leiten) geht
auf eine indogermanische Wurzel zurück und ist daher voretruskisch.
Dagegen sind die überlieferten Attribute der königlichen Gewalt, die
Rutenbündel mit den Beilen (fasces et secures) als Zeichen der Gewalt
über Leben und Tod, weiter der Purpurmantel und der elfenbeinerne
Thron (sella curulis), etruskischen Ursprungs. Danach ist denkbar, daß
das Königtum in der etruskischen Zeit eine Steigerung seines Macht-
inhalts empfangen hat. Auch die griechischen und germanischen Parallelen
legen es nahe, daß das Königtum, wenigstens nach seiner ursprüng-
lichen Idee, durch seine Abhängigkeit von den führenden Patrizier-
geschlechtern in seiner Macht beschränkt war. Zu einer Vollherrschaft
hat es sich hiernach vielleicht erst später entwickelt.
2. Gekennzeichnet wird das römische Königtum durch das s a k r a I e
Element, das bei seinem Ursprung wie bei seinem Inhalt zutage tritt.
Sieht man auf den Vorgang, der zur Einsetzung des Königs führt, so
war es weder ein Wahl- noch ein Erbkönigtum. Wenn wir vom "Opfer-
könig" (rex sacrorum), der noch in der Republik als bloßer Priester ohne
politische Gewalt fortlebt, auf den ursprünglichen rex zurückschließen
dürfen (W. Kunkel}, wurde die Person des neuen Königs aus den
von den Göttern gewiesenen Zeichen ermittelt, besonders durch die
§ 6. Der Staat der Königszeit 35

Beobachtung des Vogelflugs (auspicatio). Der so Bezeichnete wurde dann


vom ponti/ex maximus, dem Vorsteher desPriesterkollegiums, "gegriffen"
( capere regem) und vor den comitia curiata den Göttern vorgestellt,
damit sie ihn durch bestimmte weitere Zeichen bestätigen (inauguratio).
- Die traditionelle Lehre dagegen stützt sich auf das interregnum,
die Zwischenherrschaft des Senats, die von dessen Mitgliedern als
interreges in fünftägigem Wechsel wahrgenommen wurde. Wenn die
Person des neuen Königs nach Befragung der Götter ermittelt war,
ernannte der interrex den König, der von den comitia curiata in der
lex de imperio bestätigt wurde (u. III).
Das sakrale Element ist beiden Deutungen gemeinsam. Aus ihm leitet
sich auch die Vorstellung her, daß der König über ein religiös bestimmtes
Charisma, eine von den Göttern verliehene, den anderen Menschen
überlegene magische Gewalt verfüge. Damit ist freilich vereinbar, daß
ihr Schranken gesetzt sind: Mißbraucht er die Gewalt, so verwirkt er sie
und darf, wie es dem Tarquinius Superbus geschehen ist, abgesetzt
werden.
3. Seinem In h a I t nach bedeutete das Königtum eine umfassende
Gewalt, die nicht von vomherein auf bestimmte Funktionen beschränkt
war, sondern die Befugnis zu allen Maßnahmen in sich schloß, die das
Gemeinwohl erheischte. Sie enthielt namentlich die Entscheidung in allen
politischen Fragen, freilich eingeengt durch die Funktionen des Senats
und des Volks (u. II, III). Sicher eingeschlossen war in der Königs-
gewalt ein dreifaches Aufgabengebiet: die Heerführung, die Priester-
schaft und die Gerichtsbarkeit.
a) Als Heerführer hat der König den Oberbefehl über das Volks-
heer, der sich im ursprünglichen Sinn des (offenbar indogermanischen)
Worts imperium ausdrückt. Ihm sind die Unterführer der einzelnen
Einheiten unterstellt.
b) Der König ist oberster Staatspriester, er hat das (gleichfalls
urtümliche) auspicium, die Befugnis zur Einholung der Götterzeichen
durch auspicatio (o. 2). Er bedient sich außerdem des Rats der pontifices,
also des im Sakralrecht fachkundigen Priesterkollegs. Da man es für
geboten hält, vor jeder wichtigen staatlichen Maßnahme die Staatsgötter
zu befragen, und die Ausdeutung ihrer Zeichen Sache der Priester ist,
kommt der priesterlichen Funktion hohe staatspolitische Bedeutung zu.
c) Mit der sakralen Funktion hing ursprünglich vielleicht auch die
Gerichtsbarkeit des Königs eng zusammen, sofern man annehmen
darf, daß bei den Römern, ähnlich wie bei den meisten jugendlichen
Völkern, auch die Rechtsfindung anfänglich auf Götterzeichen gestützt
war, besonders auf "Gottesurteile" (Ordalien) über die Schuldfrage.
36 I. Das bäuerliche Zeitalter

Doch sind die Römer jedenfalls schon auf früher Stufe zu einer Urteils-
findung nach sachlich-juristischen Kriterien fortgeschritten.
Die Aufgabe des römischen Gerichtsherrn war, ähnlich wie in den
altbabylonischen, griechischen und germanischen Rechten, keine "Voll-
gerichtsbarkeit", die auch die Urteilsfindung eingeschlossen hätte, sondern
auf die Einsetzung, Überwachung und Durchführung des Verfahrens
beschränkt. Die Urteilsfindung selbst hat man besonderen Urteilsrichtern
(iudices, Geschworenen) anvertraut; in wichtigeren Sachen einer Mehr-
zahl, sonst dem Einzelrichter. Diese Handhabung zielte offensichtlich
darauf ab, die Unparteilichkeit der Richter sicherzustellen, indem den
Parteien eine Einwirkung auf die Besetzung des Gerichts, mindestens
durch ein begrenztes Ablehnungsrecht, offenstand. Die Zweite i 1u n g
des Verfahrens in die Abschnitte vor dem Gerichtsherrn (in iure, d. h.
auf der Gerichtsstätte) einerseits und vor dem Urteilsgericht (iudicium)
andererseits hat sich noch bis in die klassische Zeit behauptet.
Der Gegensatz zwischen Straf- und Zi viigerichtsbar kei t
besteht schon im altrömischen Recht, doch verläuft dort die Grenzlinie
zwischen ihnen anders als später. Die "öffentliche" Strafgerichtsbarkeit,
die von Staats wegen in Gang gesetzt wird, ist hauptsächlich auf das
Staatsverbrechen, den Hochverrat und Landes-, besonders Kriegs-
verrat (perduellio, sprachverwandt mit belZum und "Duell"), daneben
auf rein sakrale Vergehen, beschränkt. Der Staatsverbrecher hatte sich
selbst aus der RechtsgemeinschaR ausgestoßen; den Überführten hat man
von Staats wegen hingerichtet. Die sakralen Straftaten, zu denen wohl
auch das Staatsverbrechen gehörte, bewirkten, daß der Täter der
rächenden Gewalt des Gottes verfallen (sacer) war und damit friedlos
(vogelfrei) wurde, so daß den Schuldigen, wer wollte, töten durfte.
Dagegen lag die Verfolgung des Tötungsverbrechens ( parricidium) in
alter Zeit offenbar nicht beim Staat, sondern bei den Gentilen, später
bei den nächsten Verwandten (adgnati); ob sich daraus schon frühzeitig
eine öffentliche Strafverfolgung entwickelt hat, ist umstritten
(u. § 29 III 2).
Die 1eichte r e n Straftaten begründeten nur einen Strafanspruch des
individuellen Verletzten; sie wurden ebenso wie alle übrigen privat-
rech t1 ich e n Streitigkeiten im Zivi 1pro z e ß verfolgt. Wir kommen
darauf noch zurück (u. § 29 II).
II. Dersenat u s, ein "Rat der Alten" (von senex, wie die spartanische
yepoua(cx von ytpcuv ), umfaßt die Häupter des patrizischen Adels; angeb-
lich zuerst 100, dann 300. Nach der Oberlieferung hatte der Senat eine
beratende Funktion; das bedeutet, daß er keine festen Zuständig-
keiten hatte, und daß es beim König lag, ob er ihn hören und inwieweit
er seine Meinung beachten wollte. Da jedoch im Senat die einflußreichen
S7. Die Anfänge der Republik 37

Adelsgeschlechter vertreten waren, kam diesem ein starkes politisches


Gewicht zu, so daß sich der König über seinen Willen nicht leicht hinweg-
setzen durfte. Ob sich der König gegenüber dem Senat durchsetzen
konnte, hing von der Stärke seiner Persönlichkeit ab und von den mit
der Zeit sich wandelnden Machtverhältnissen.
I II. Die älteste V o 1k s ver s a m m 1u n g sind die comitia curiata, die
in Kurien gegliederte Gesamtheit der vollberechtigten Bürger, die -
vielleicht allerdings erst seit der Heeresreform des 6./5. Jh. (o. § 4 a. E.)
- auch Plebejer mitumfaßt hat. Ob die Kuriatkomitien jemals eine
Beschlußversammlung gewesen sind, können wir nicht entscheiden. Bei
der Einsetzung des neuen Königs wirkten sie mit, sei es bei der
inauguratio, sei es bei der Lex de imperio (o. I 2); doch werden wir uns
auch die älteste Lex als einen einseitigen Erklärungsakt des staatlichen
Gewalthabers vor dem versammelten Volk vorzustellen haben
(u. § 14 111 1). Der Akt hatte jedenfalls sakralen Charakter; und Gleiches
gilt (wegen der Rücksicht auf die Hausgötter) von zwei familienrecht-
lichen Geschäften, die vor die comitia curiata kamen: Mit der adrogatio
konnte jemand, der keine erbberechtigten Söhne hatte, einen pater-
familias (oder einen sonstigen keiner Hausgewalt unterworfenen Mann)
schon unter Lebenden an Kindes Statt annehmen. Mit dem in gleicher
Form errichteten testamenturn calatis comitiis führte er offenbar eine
gleichartige Adoption mit Wirkung erst für die Zeit nach seinem Tod
herbei. Eine gewisse Willenskundgabe liegt immerhin darin, daß die
versammelte Körperschaft den Vorgang stillschweigend und duldend
hinnimmt. Ob die Kuriatkomitien jemals auch über politische Entschei-
dungen befragt worden sind, muß offenbleiben.

§ 7 Die Anfänge der Republik


I. Die Vertreibung des letzten Königs, nach der Überlieferung 510,
aber vielleicht etwas später, beruht auf einem Aufstand des Patrizier-
adels, mit dem zugleich die Etruskerherrschaft über die Stadt ab-
geschüttelt wurde. Das Königtum mit seiner Gefahr der Willkürherr-
schaft wurde endgültig beseitigt; angeblich hat die Bürgerschaft einen
Kollektiveid geschworen, daß friedlos (sacer) werde, also von jedermann
getötet werden dürfe, wer künftig wieder nach Aufrichtung des König-
tums strebe (occupare, a/fectare regnum). Nur für gewisse sakrale
Funktionen, zu denen ein König unentbehrlich erschien, hat man einen
Opferkönig (rex sacrorum) beibehalten, der jedoch jeglicher politischen
Macht entbehrte.
38 I. Das bäuerliche Zeitalter

Die Beseitigung des Königtums, mit der die römische Tradition den
Beginn der Republik gleichsetzt, bedeutet keine Demokrat i sie r u n g
im heutigen Sinn, sondern die Aufrichtung einer Adelsherrschaf t.
Die siegreichen Patrizier (hauptsächlich latinischen und teilweise etrus-
kischen Geblüts), die schon bisher dem König zuweilen die Allein-
herrschaft streitig gemacht hatten, übernahmen jetzt die alleinige
politische Führung.
II. 1. Die umfassende politisch-militärische Führungsgewalt des
Königs wird auf neue Organe übertragen, die magistratus ("Obrigkeit",
von magis) heißen. Doch schränkt man diese Gewalt, um eine allzugroße
Machtkonzentration in einer Hand zu verhüten, auf dreierlei Weise ein:
a) Die Amtsgewalt wird zeitlich begrenzt, meist auf ein Jahr
(Annuität). b) Das Amt wird mit mehreren Trägern besetzt
(Kollegialität) , mögen sie einander gleich- oder übergeordnet sein.
c) Jeder Amtsträger kann wegen seiner Amtsführung im Zivil- oder
Strafprozeß verantwortlich gemacht werden; regelmäßig nach Be-
endigung, vor einem Magistrat höheren Ranges auch während der
Amtszeit.
2. Wie das Königtum hat zunächst auch die republikanische Magistra-
tur alle Aufgaben der Staatsführung eingeschlossen. Doch hat man im
Lauf der Zeit eine Reihe von Sonderämtern für bestimmte Auf-
gabenkreise eingerichtet (Zensur, Quästur usw.), um bei der ständigen
Vermehrung der Geschäfl:e im wachsenden Staat das Oberamt zu ent-
lasten. Da hierdurch die Machtbefugnis der obersten Amtsträger aber
nicht verkürzt werden sollte, konnten diese, soweit nicht das Her-
kommen Ausnahmen schuf, jederzeit in den Bereich der ihnen nach-
geordneten ~mter eingreifen. Eine allgemeine Ausnahme galt insoweit
für die Zensoren (u. § 8 IV 4).
3. Seit dem Beginn der Republik hat man ferner die priester-
1ich e n Funktionen von der politischen Staatsführung abgetrennt und
den Priesterkollegien (unter dem pontifex maximus) vorbehalten. Mit
dieser Beschränkung der Magistratur auf den weltlichen Bereich ist
vereinbar, daß einerseits die Magistrate befugt blieben, die Götter-
zeichen (Auspizien) einzuholen, andererseits die Priester dadurch, daß
sie die Ausdeutung der Götterzeichen in ihrer Hand behielten, auch
politische Entscheidungen wesentlich beeinflussen konnten.
111. Der geschichtliche Weg, der vom Königtum zu der für
die spätere Republik charakteristischen Konsulatsverfassung führt,
gehört zu den dunkelsten und umstrittensten Problemen der römischen
Staatsentwicklung.
Die römische T r a d i t i o n behauptet, die oberste Gewalt sei nach
dem Sturz des Königtums sogleich auf zwei gleichgeordnete, jährlich
§ 7. Die Anfänge der Republik 39
wechselnde Konsuln übergegangen. An ihrer Statt wurden dann, was
glaubwürdig ist, für 452 und vielleicht für 451 Zehnmänne r für die
XII-Tafelgesetzgebung (decemviri legibus scribundis) gewählt, denen
man zur Sicherung ihrer Unabhängigkeit die oberste Gewalt unter
zeitweiliger Aussetzung aller anderen Ämter verlieh. Zwischen 445 und
367 wurden sodann für viele Amtsjahre wegen der Kriege und der
durch den Ständekampf verursachten inneren Unsicherheit statt der
Konsuln hohe Offiziere, die 3, später 4, seit 405 6 Obersten (Tausend-
schaftsführer) als K o n s u I a r tri b u n e ( tribuni militum consulari
potestate) an die Spitze des Staates berufen. Erst seit den Leges Liciniae
Sextiae von 367 soll die wiederhergestellte Konsulatsverfassung ständig
eingehalten worden sein.
Diese Überlieferung stützt sich jedoch hauptsächlich auf die fasti
consulares (o. § 2 111 1), deren Zuverlässigkeit gerade für die älteste
Republik sehr zweifelhaft ist. Manche Gründe sprechen dafür, daß der
regelmäßige Doppelkonsulat, wenn auch vielleicht nach Vorstufen, über-
haupt erst 367 eingerichtet worden ist. Bei wem am Anfang der Republik
die Staatsführung lag, ist hiernach fraglich; vielleicht bei zwei oder
allenfalls drei Amtsträgern, die als praetores oder iudices bezeichnet
werden, und aus denen einer als praetor maximus, also als der mächtigste
oder vielleicht auch nur als der älteste, herausgehoben wurde. Im Namen
praetor (von praeire = vorangehen; ähnlich im deutschen "Herzog")
drückt sich die militärische Führung aus, in iudex (hier im Sinn des
Gerichtsherrn, qui ius dicit, nicht des Urteilsrichters, s. o. § 6 I 3c)
die Gerichtsbarkeit. War die Kollegialität zwischen diesen Prätoren eine
ungleiche, so ließen sich dafür Parallelen in anderen italischen Staats-
gemeinden anführen. Als Ausnahme ist die ungleiche Kollegialität auch
noch der späteren Konsulatsverfassung bekannt; jedesmal, wenn in
Notzeiten ein dictator oder magister populi als höchster Amtsträger
bestellt wird, muß dieser einen ihm unterstellten Reiterführer (magister
equitum) ernennen. Vielleicht hängen diese späteren außerordentlichen
Kmter mit den anfänglichen regelmäßigen zusammen; doch ist in diesen
Fragen alles unsicher und umstritten.
IV. In der Königszeit hatte das monarchische Element gegenüber dem
oligarchischen, das vom Senat repräsentiert wurde, und erst recht gegen-
über dem demokratischen stark überwogen. In der älteren Republik
dagegen verschob sich der Schwerpunkt der politischen Macht in dem
durch Magistratur, Senat und Volksversammlung gebildeten Dreieck mit
den Einschränkungen, die den Magistraten auferlegt waren, zugunsten
der beiden zuletzt genannten Faktoren. Die auf dem Herkommen
beruhenden Grundsätze für die Gestaltung und die Funktionen dieser
Organe verfestigten sich allmählich zu einer als bindend anerkannten,
40 I. Das bäuerliche Zeitalter

wenn auch ungeschriebenen Verfassung. Aber auch jetzt kann weder


von einem Gleichgewicht noch von einer wahren Volksherrschaft nach
dem demokratischen Ideal die Rede sein; die "Republik" bedeutet keine
"Demokratie". Vielmehr führt die Vorherrschaft der patrizischen Adels-
geschlechter zu einem deutlimen Obergewicht des Senats, der die
einflußreichsten und politisch fähigsten Köpfe in sich vereinigt. Dabei
bleibt es auch, als mit der Zeit führende Plebejer in diese Körperschaft
aufgenommen werden. Wir werden den Gesamtcharakter dieser Ver-
fassung nach der Kenntnisnahme von ihren Einrichtungen noch zu
würdigen haben (u. § 11 III).

§ 8 Die Staatsämter
I. Die Magistrate sind Organe, mit denen der römische Staat
(populus Romanus) rechtlich handelnd auftritt. Das Wort magistratus
drückt die Oberordnung aus (o. § 7 II 1) und bezeichnet sowohl das
Amt als Einrichtung wie seinen persönlichen Träger. Der Name honor
kennzeichnet das Amt für den dazu Ausersehenen als eine Ehre.
Von den römischen Magistraturen haben wir alle Vorstellungen aus
unsrem modernen Beamtenstaat fernzuhalten. Das römische Staatsamt
begründet keinen Lebensberuf, für den man fachmäßig vorgebildet wird
und aus dem man seinen Lebensunterhalt erwirbt, sondern es bedeutet
einen p o I i t i s c h e n Wirkungskreis, in den man wegen seiner staats-
männischen Befähigung vom Vertrauen der führenden Schicht berufen
wird. Die Magistrate sind daher nicht mit unseren Beamten zu ver-
gleichen, sondern eher mit den Ministern, die gleichfalls aus politischen
Gesichtspunkten bestellt werden. Der Nachweis einer besonderen Fach-
ausbildung oder eines in der Praxis erworbenen Fachwissens wird nicht
verlangt. Für das Fachwissen sorgt ihr Consilium, der freigewählte Kreis
fachkundiger Ratgeber, den sie zu ihrer Amtsführung zuziehen (vgl. zum
consiliumdes Prätors u. § 33 II). Wie die heutigen Minister werden auch
die römischen Magistrate regelmäßig durch Volksbeschluß bestätigt, spä-
ter gewählt und nehmen ihren Aufgabenbereich mit selbständiger Ent-
scheidungsgewalt wahr. Für ihre Tätigkeit erhalten sie zwar Aufwen-
dungsersatz, aber kein Entgelt; vielfach mußten sie auch ihre privaten Mit-
tel angreifen, um die teilweise bedeutenden wirtschaftlichen Lasten des
Amtes zu tragen.
Was die Magistraturen weiterhin von den Einrichtungen des modernen
Beamtenstaats unterscheidet, ist das Feh 1e n des Instanzenzuges,
das sich aus der stadtstaatliehen Größenordnung erklärt. Der Magistrat
entscheidet stets endgültig, seine Zuständigkeit ist innerhalb seines
Aufgabengebietes weder örtlich noch sachlich beschränkt. Auch fehlt den
§ 8. Die Staatsämter 41

republikanischen Magistraten die Behörde, der nachgeordnete Be-


amtenapparat. Es gibt zwar Unterbeamte (apparitores) als besoldete
Staatsangestellte, die die Befehle der Magistrate ausführen, vor allem
Schreiber (scribae), die sich in langjähriger Amtszeit die Technik der
Verwaltungspraxis aneignen und damit zur Gleichförmigkeit der Ge-
schäftsführung beitragen, ferner die lictores als eine Art Verwaltungs-
und Justizpolizei, Herolde (praecones), Boten (viatores) u. a. Aber sie
haben keine eigene Entscheidungsgewalt und genießen als bloße Voll-
zugsorgane kein gehobenes soziales Ansehen. Die Einrichtung des
modernen Staates, daß höhere Beamte die Aufgaben des Ressorts nach
Weisungen der Minister oder anderer übergeordneter Dienststellen mit
größerer oder geringerer Selbständigkeit zu verwalten haben, ist un-
bekannt. Der Magistrat entscheidet immer selbst. Der Mehrbelastung,
die das Anwachsen der Amtsaufgaben mit sich bringt, begegnet man
entweder durch eine Ver v i e 1f a c h u n g der gleichgeordneten Amts-
stellen oder durch die Abzweigung von Sonderämter n.
II. 1. Der Inhalt der magistratischen Gewalt (potestas) war am
Beginn der Republik umfassender als später, weil aus dem (mehrfach
besetzten) Oberamt erst allmählich einzelne Aufgabengebiete abgesondert
und besonderen Magistraten von geringerem Rang übertragen wurden.
Von der umstrittenen Frage, bei welchen Trägem die Führungsgewalt
in der frühen Republik lag, war schon die Rede (o. § 7 111). Eine feste
Gestalt nahm die Ordnung der obersten Magistratur erst 367 mit der
1i c i n i s c h- s e x t i s c h e n Gesetzgebung an. Danach kam die oberste
Gewalt, die als imperium bezeichnet wird, den beiden Konsuln zu,
von denen künftig einer aus den Plebejern gewählt werden durfte,
daneben als drittem Magistrat von nachgeordnetem Rang dem Prätor.
In Notzeiten kann als außerordentlicher Magistrat mit erweiterter
Machtvollkommenheit ein Diktator eingesetzt werden.
a) Das imperium schließt neben dem m i 1i t ä r i s c h e n Oberbefehl,
von dem der Begriff ausgeht, eine polizeiliche Zucht g ewa 1t ( coercitio)
ein, d.h. die Befugnis, Befelile und Verbote mit Androhung von Zwangs-
mitteln bei Ungehorsam zu erlassen. Als Zuchtmittel stehen den Im-
periumsträgern nicht nur Pfändung ( pignoris capio) und Geldbuße
(multa), sondern auch Fesselung (vincula) und Auspeitschung (verbera),
ja sogar die Tötung zu Gebote (zu einer Einschränkung u. 2). Als Sinn-
bild dieser Zuchtgewalt werden den Imperiumsträgem von den Liktoren
die Rutenbündel ( Jasces) vorangetragen, in die an Orten, an denen sie
die Gewalt über Leben und Tod haben (u. 2), die Beile (secures) ein-
gefügt sind.
Mit dem imperium ist ferner die Gerichtsbarkeit (iurisdictio)
verbunden (Näheres u. § 32 II). Die magistratus cum imperio konnten
42 I. Das bäuerliche Zeitalter

außerdem Anträge (besonders für Gesetze und Wahlen) bei der


V o 1k s ver s a m m 1u n g einbringen (ius agendi cum popuLo ); Gegen-
stände zur Verhandlung vor den Senat bringen (ius referendi ad
senatum); allgemeine oder besondere Kundmacbungen erlassen (ius
edicendi). Sie konnten bestimmte Magistrate - den Nachfolger oder
einen Amtsgenossen - (mit Einverständnis des Senats) ernennen.
Schließlidt kamen ihnen bestimmte Ehrenredtte zu.
b) Die potestas der niederen Magistrate (ohne imperium) gibt ihnen
zwar audt eine Koerzitionsgewalt, die aber nur Geldbuße und Pfändung
umfaßt. Von den übrigen angeführten Rechten kam einigen von
ihnen ein ius edicendi zu.
2. Eine eigentümliche Einschränkung hat sich für die Koerzitions-
gewalt über Leib und Leben mit dem Provokationsrecht heraus-
gebildet. Hatte ein Imperiumsträger, ohne daß ein gerichtliches Todes-
urteil vorangegangen war, die Hinrichtung über einen männlichen römi-
schen Bürger innerhalb des Stadtgebiets verhängt, so konnte dieser ad
popuLum provocare, also "das Volk anrufen". Das wird gegenüber dem
Entscheid der duoviri perduellionis (u. § 29 111 1) wegen Staatsverbrechens
schon für die Königszeit behauptet 1 ; doch wird die Provokation eher erst
auf den Ständekampf zurückgehen, indem ein Plebejer, der vom patrizi-
schen Magistrat mit Tötung bedroht wurde, die Masse der Plebs um Bei-
stand anrufen konnte. Schloß sich diese demonstrativ dem Hilferuf an, so
wird der Magistrat es nicht mehr leicht gewagt haben, sich darüber hin-
wegzusetzen. Auf dieser Stufe war mithin die Provokation noch ein politi-
scher, kein juristischer Akt.
Als feststehende Einrichtung einer Anrufung des Volks gegen eine
magistratische Strafandrohung ist die Provokation mit der Zeit institu-
tionalisiert worden. Davon zeugt namentlich die Lex VaLeria de
provocatione von 300 (die älteren Gesetze gleichen Namens von 509
und 445 sind nicht glaubhaft). Daß uns keine einzige Entscheidung der
Komitien über einen derartigen Fall überliefert ist, wird sich damit
erklären, daß die Lex VaLeria die Hinrichtung ohne Gerichtsentscheid als
improbe factum mißbilligte. Daraus zog man immerhin die Folgerung,
daß ein Magistrat, der die Hinrichtung des nicht Verurteilten anordnete,
wegen Amtsverbrechens vor den Komitien angeklagt werden konnte.
Unter dem Eindruck dieser Drohung haben die Magistrate daraufhin
die schwersten Strafen nur mehr vollstreckt, wenn der Täter in einem
Geridttsverfahren schuldig gesprochen war.

' In einer vielumstrittenen Formel bei Livius (1,26,6, sog. Iu horrtndi canninis),
die zwar nicht schon in die Königszeit zurüdtgehen, aber auch nicht völlig frei erfunden
sein wird.
§ 8. Die Staatsämter 43

Das Provokationsrecht gilt nur domi (im Stadtgebiet), nicht miLitiae


(im Kriegsgebiet, d. h. außerhalb der Stadtgrenze, weil dort der Ma-
gistrat als Feldherr auftritt); es ist ferner Frauen, Ausländern und
Sklaven versagt. Aber auch im Stadtgebiet ist es ausgeschlossen, wenn ein
Diktator eingesetzt ist, weil dann eine Art Ausnahmezustand besteht.-
Die Leges Porciae von 198/195 haben auch die Auspeitschung von Bürgern
verboten und außerdem die Provokation auf das Kriegsgebiet erstreckt.
Noch später hat man das Recht auch Ausländern zugestanden.
3. a) Von den Beschränkungen der Magistraturen durch Annuität
und Kollegialität war schon die Rede (o. § 7 II 1). Die Amtsdauer
deckt sich regelmäßig mit dem Kalenderjahr; eine Verlängerung
( prorogatio) wird später ausnahmsweise gewährt, namentlich dem Feld-
herrn im KriegsfalL Zur besonderen Amtsdauer des Diktators und des
Zensors s. u. IV 3, 4.
b) Die K o 11 e g i a 1i t ä t ist bei den beiden Konsuln und häufig auch
sonst eine gleichrangige und beruht auf dem Gedanken, daß jeder
Amtsträger dem anderen für den ganzen Aufgabenbereich, also ohne
eine gegenständliche Abgrenzung, gleichgeordnet ist. Jeder Magistrat hat
die volle mit seinem Amt verbundene Gewalt, sie wird jedoch durch die
inhaltsgleiche Gewalt des anderen eingeschränkt. (Ein gleichartiges Ver-
hältnis besteht bei der altrömischen Gemeinschaft ercto non cito im
Privatrecht.)
Im Konfliktsfall greift das Interzession s recht ein: Die noch
nicht vollzogene Anordnung eines Magistrats kann von jedem gleich-
oder übergeordneten Magistrat durch sein Dazwischentreten (inter-
cedere), d. h. durch Widerspruch (veto), entkräftet werden. Praktisch
wurde damit erreicht, daß sich die Amtsgenossen über ihre Amtsführung
verständigen mußten; zumeist, indem sie die Aufgaben durch Verein-
barung oder durch das Los unter sich verteilten. Beim Konsulat hat nach
dem Herkommen die oberste Führung im zivilen Bereich monatlich
gewechselt; im militärischen Oberbefehl sogar täglich, sofern nicht jeder
Konsul ein eigenes Heer zu führen hatte. Die ernsten Konflikte, die aus
diesem System drohten, liegen auf der Hand.
111. 1. Beste 11 t werden die ordentlichen Magistrate anfangs durch
Ernennung (creatio) vom Vorgänger, aber schon seit dem 5. Jh. durch
Volkswahl in den Komitien; doch ist diese bis ins 3. Jh. dadurch stark
beschränkt, daß das Volk nur über Jie vom Antragsteller vorgeschlage-
nen Kandidaten abzustimmen hat (u. § 10 II 2). Durch diesen Wahl-
vorgang wird die sich daran anschließende Erteilung des Imperiums mit
der Lex de imperio zu einer bloßen Formalität.
2. Die Zu 1a s s u n g zum Staatsamt verlangt rechtlich im allgemeinen
nicht mehr als Vollbürgerrecht, Volljährigkeit, männliches Geschlecht
44 I. Das bäuerliche Zeitalter

und Unbescholtenheit. Die Beschränkung auf Patrizier und später auf


die patrizisch-plebejische Nobilität beruht auf der bloßen Machtlage. In
der Praxis hat sich ferner eine bestimmte }i. m t er f o I g e ( cursus honorum)
herausgebildet; außerdem die Einhaltung eines zeitlichen Abstandes
zwischen den }i.mtern, um den gewesenen Magistrat zur Rechenschaft
ziehen zu können. Die Amtswiederholung wurde erschwert. Eine Lex
Villia annalis von 180 v. Chr. sieht die Reihenfolge Quästur, 1\dilität
(oder Volkstribunat), Prätur, Konsulat vor. In der 1. Hälfte des 1. Jh.
v. Chr. wird man }i.dil frühestens im 37., Prätor im 40., Konsul im
43. Lebensjahr.
IV. überblicken wir nun die Magistraturen der entwickelten Repu-
blik im einzelnen.
1. Die K o n s u In sind, mindestens seit 367 (o. II 1), die ordentlichen
Höchstmagistrate, sie haben ein imperium maius gegenüber allen ordent-
lichen Magistraten und können ihnen daher interzedieren. An ihrer Zwei-
zahl hat man immer festgehalten. Ihre alle Gebiete umfassende Amtsge-
walt wird durch die Schaffung neuer .i\mter entlastet, doch bleibt ihnen stets
die Führung der äußeren und inneren Politik und mit dieser eine
oberste Polizeigewalt, außerdem der militärische Oberbefehl. Die
Ausübung der Gerichtsbarkeit überlassen sie dem Prätor und behalten
nur eine außerordentliche, in Zivilsachen auch eine "freiwillige" Gerichts-
barkeit.
2. Der Prätor, dessen Name auf den ältesten Träger der republika-
nischen Höchstgewalt (o. § 7 III) zurückgeht, wird 367 (o. II 1) für die or-
dentliche Gerichtsbarkeit eingesetzt, und zwar in Straf- und Zivilsachen.
Den Konsuln gegenüber hat er ein imperium minus; er ist aber ihr ver-
fassungsmäßig berufener Vertreter, besonders wenn sie von der Haupt-
stadt abwesend sind, die er selbst nicht länger als 10 Tage verlassen darf.
Um 242 erhält er einen Amtsgenossen, doch teilt man jetzt die Aufgaben,
indem der praetor urbanus für Prozesse unter Bürgern, der praetor
peregrinus für solche zwischen Bürgern und Ausländern oder unter
diesen bestimmt ist (u. § 31 I 2b). Auf den starken Einfluß, den der Prätor
als Gerichtsmagistrat auf die Rechtsentwicklung genommen hat, kommen
wir zurück (u. §§ 32, 33).
3. Mit dem Diktator oder magister populi (als Kommandant des
Fußvolks), einer außerordentlichen Magistratur, kehrt auch die Kon-
sulatsverfassung in Notzeiten ausnahmsweise zur Alleinherrschaft
zurück. Bei äußer~r oder innerer Staatsnot kann ein Konsul (oder Kon-
sulartribun) im Einvernehmen mit dem Senat, aber ohne Volksbefragung
einen dictator ernennen, der dann allen ordentlichen Magistraten vor-
gesetzt ist und auch im Stadtgebiet die Befugnisse des Feldherrn im
Kriegsgebiet hat; gegen seine Entscheidungen und Anordnungen gibt es
§ 8. Die Staatsämter 45

keine provocatio ad popuLum und keine Interzession. Die Einsetzung


des Diktators bei inneren Unruhen bedeutet den Belagerungszustand zur
Wiederherstellung der Ordnung. Damit die Diktatur nicht in Monarchie
umschlägt, ist sie doppelt beschränkt: zeitlich, den Bedürfnissen der
Sommerfeldzüge entsprechend, auf sechs Monate und funktionell durch
die Pflicht des Diktators, als minor collega einen Reiterführer (magister
equitum) zu bestellen.
4. Eine zwar ordentliche, aber nicht ständig besetzte Magistratur ist
die des Zensors, die angeblich 44 3, vermutlich aber erst 366 vom
Höchstamt abgespalten wurde. Wohl schon in der älteren Republik hat
man für die Einteilung der Bürgerschaft in die Bevölkerungsklassen
(u. § 10 I) und die Tribus den census eingeführt, eine alle fünf Jahre
(jedes Lustrum) abgehaltene Bürgerversammlung zu dem Zweck, die
Person jedes römischen Hausvaters, seine Familie, seine Klienten und
Sklaven, seine Waffen und sein Vermögen zu überprüfen. Ziel dieser
Kontrolle war es, seine Wehrtüchtigkeit zu ermitteln und danach seine
Einreihung in die erwähnten Gliederungen und seine Steuerpflicht fest-
zusetzen. Bei dieser Heer- und Waffenschau konnten Bürger, die im
abgelaufenen Lustrum wider die gute Sitte der Väter (den mos maiorum)
verstoßen hatten, aus Senat oder Ritterstand ausgestoßen, in eine minder
angesehene Tribus versetzt (tribu movere) oder auch durch bloßen Ver-
merk in der Bürgerliste (nota censoria) öffentlich gemaßregelt werden.
Hieraus entwickelte sich eine Art zensorischer Strafgewalt, die freilich,
indem man Recht (ius) und Sitte (mores) insoweit auseinanderhielt, nicht
als Gerichtsbarkeit angesehen wurde. Gleichwohl haben die Zensorischen
Maßnahmen auch die Rechtsentwicklung beeinflußt und besonders auf eine
Bekämpfung unsozialen Verhaltens durch Mißbrauch der Hausgewalt und
des Privateigentums hingewirkt (u. § 13 IV).
Den Zensoren kam seit etwa 312 (Lex Ovinia) auch die Ernennung der
Senatoren (Lectio senatus) zu. Zusammen mit der Steuerschätzung oblag
ihnen ferner die Aufstellung des Staatshaushalts, der Abschluß von
Verträgen des Staates mit einzelnen Personen über Vergebung öffent-
licher Arbeiten und die Verpachtung der Steuereinziehung und von
Staatsland (u. § 18 III).
Die beiden Zensoren hatten kein Imperium, waren aber regelmäßig
der Interzession und damit der Einmischung der ordentlichen Höchst-
magistrate entzogen. Ihr Amt, das in das öffentliche und private Leben
tief eingriff, galt als das ehrenvollste, es wurde seit dem 3. Jh. fast nur
mit ehemaligen Konsuln besetzt. Die Zensoren wurden alle fünf Jahre
auf höchstens 18 Monate vom Volk gewählt. Solange ihr Amt unbesetzt
war, fielen ihre Aufgaben den amtierenden Konsuln zu.
46 I. Das bäuerliche Zeitalter

5. Auf das Vorbild plebejischer Amtsträger (u. § 9 II 2) gehen die


a e d i l es c ur u l es zurück, die seit 367 in der Zweizahl als Magistrate
ohne Imperium für die Aufsicht über die (im Tempelbezirk abgehalte-
nen) Märkte eingesetzt werden. Sie haben neben einer Polizeigewalt
auch eine begrenzte Gerichtsbarkeit und sitzen darum auf der sella
curulis.
6. Die Quästoren als Verwalter der Staatskasse waren anfangs
vielleicht vom Konsul ernannte Hilfsbeamte. Seit 447 werden sie vom
Volk gewählt; zunächst zwei, später vier, seit 267 acht. Mit den schon
der Frühzeit angehörigen quaestores parricidii (Untersuchungsrichtern
in Mordsachen, dazu u. § 15 II 5) haben sie offenbar nichts zu tun.
7. Zu den V o 1k s tri b u n e n, die später zu Magistraten werden,
s. u. § 9 II 1; zu weiteren magistratus minores u. § 20 111 2 h.

§ 9 Der Ständekampf und die Plebsverfassung


I. Die Verschärfung des Gegensatzes zwischen Patriziern und Ple-
bejern (o. § 4 111 2) geht offenbar weniger auf eine Steigerung der
plebejischen Notlage zurück als vielmehr auf den Machtzuwachs bei der
wohlhabend gewordenen plebejischen Führungsschicht aus Kaufleuten
und Handwerkern, verstärkt durch Zuzug von Adelsfamilien aus den
Nachbargemeinden. Für ihre berechtigten Ansprüche auf Beteiligung an
der politischen Macht fanden diese Führungskreise willige Hilfe bei den
Kleinbauern, die vor allem durch die häufigen Kriege stark benachteiligt
waren. Denn die Dienstpflicht zwang sie dazu, bei jedem Aufgebot Hof
und Acker zu verlassen, während die reichen Patrizier die Wirtschaft
durch ihre Hilfskräfte weiterführen konnten. Von der Verteilung des
Beutelandes blieben die Plebejer dagegen ausgeschlossen, hätten ihnen
doch auch die Mittel zu seiner Bewirtschaftung gefehlt. Die Beseitigung
des Königtums, das oftmals ausgleichend gewirkt haben mag, steigerte
die patrizische übermacht; und die bald danach durchgeführte Heeres-
reform (o. § 4 a. E.), nach der die aus Plebejern rekrutierte Fußtruppe
einen wichtigen und fest organisierten Teil der Streitmacht bildete,
verstärkte die Spannung.
Da die bestehenden Staatseinrichtungen den Plebejern keinen legalen
Weg eröffneten, konnten sie ihre Ansprüche nur mit revolutionären
Mitteln durchsetzen. Die Überlieferung berichtet von einer angeblichen
ersten secessio piebis in montem sacrum (494 ), also einem bewaffneten
Aufstand, mit dem die Plebs die Anerkennung von Schutzorganen in
Gestalt der tribuni plebis erzwungen haben soll.
II. Hiernach schuf sich die Plebs, vielleicht aus älteren Ansätzen, eine
Organisation, die sich zeitweilig zu einer Art "Staat im Staate• mit
§ 9. Der Ständekampf und die Plebsverfassung 41
autonomen Organen entwickelte, den tribuni und den aediles piebis und
den Plebsversammlungen.
1. a) Die "Volkstribune", tribuni plebi(s), so benannt wohl im
Gegensatz zu den tribuni militum, sind die Führungs- und Schutzorgane
der Plebejer; anfangs zwei, später vermehn und seit 449 ständig zehn.
Sie werden von der Plebsversammlung gewählt, berufen diese ein und
sitzen ihr vor. Neben Aufgaben der inneren Verwaltung, für die ihnen
eine Straf- und Polizeigewalt über die Plebejer zukam, war ihre älteste
Aufgabe das Beistandsrecht (ius auxilii), der Schutz einzelner
Plebejer gegen Maßnahmen der Magistrate. Sie übten es zunächst durch
bloße Vorstellungen aus, schon bald aber durch das Interzession s-
recht (ius intercedendi), also das "Dazwischentreten" zwischen den
vollziehenden Liktor und den bedrohten Plebejer. Mit diesem Wider-
standsrecht konnten sie Anordnungen aller Magistrate, sogar der Konsuln,
aber nicht des Diktators, vereiteln - ein seltsamer Fremdkörper in der
sonst so streng auf dem Prinzip der magistratischen Autorität aufgebau-
ten römischen Verfassung. Diese Waffe gab ihnen die Macht, nicht nur
Willkürakte gegen einzelne Plebejer zu verhüten, sondern allmählich
in die gesamte Politik der Magistrate lähmend einzugreifen, ja seit dem
4. Jh. sogar Anträge auf Volksbeschlüsse zu verhindern.
Die Tribune waren u n ver 1e t z 1ich ( sacrosancti ), jede Störung in
der Amtsausübung, schon bloßes Inswortfallen bei der öffentlichen Rede,
war mit Tötung bedroht. Das beruht auf einem kollektiven, auch die
Erben bindenden Eid (einer Lex sacrata), mit dem die Plebejer ge-
schworen hatten, jeden zu töten, der das Verbot übertrat.
b) Als die Plebs allmählich die Gleichberechtigung mit den Patriziern
erreichte, so daß das Schutzbedürfnis zurücktrat, wurden die Volks-
tribune, obschon nach wie vor nur von der Plebs gewählt, als
Magistrate des Gesamtvolks anerkannt. Sie behalten ihre Aufgaben
und Befugnisse, besonders ihr lnterzessionsrecht, das nun von verschie-
denen Interessengruppen als politisches Kampfmittel verwendet und
später, seit dem 2. Jh., gelegentlich für demagogische Zwecke miß-
braucht wird. Zu seiner Abwehr konnte man jedoch die Tribune gegen-
einander ausspielen, indem man sie uneinig machte und einen von ihnen
zur Interzession gegen den anderen bewog. Auch die Anklage
gewesener Magistrate vor den Komitien wegen Amts m i ß brauchsund
anderer Staatsverbrechen lag bei den Tribunen und gab ihnen eine bis-
weilen gefährliche Machtstellung. An den Sitzungen des Senats durfl:en
sie zunächst als bloße Zuhörer teilnehmen, erhielten aber gegen Ende des
2. Jh. die volle Mitgliedschaft.
2. Als Organe von geringerem Rang bestehen seit alters zwei
plebejische Adilen (von aedes = Tempel; ursprünglich Verwalter des
48 I. Das bäuerliche Zeitalter

Cerestempels auf dem A ventin). Sie haben die gleichen Aufgaben wie die
aediles curules (o. § 8 IV 1), denen sie als Vorbild gedient haben, doch
fehlt ihnen die Gerichtsbarkeit.
3. ZurPlebsversammlung (concilia piebis tributa) s. u. § 10 III.
III. Kehren wir zum Beginn des Ständekampfs zurück und über-
blicken wir die wichtigsten Etappen seines Ablaufs.
1. Außer der Anerkennung ihrer Sonderorganisation unter der Füh-
rung der Tribune erreiduen die Plebejer einen weiteren Schutz gegen die
Willkür der patrizischen Magistrate mit der Aufzeichnung der wichtig-
sten Rechtssätze im XII-Tafelgesetz (452-450, u. § 15). Obschon
darin hauptsächlich nur das geltende Recht ohne einschneidende Refor-
men in verbindlicher Gestalt verkündet wurde, hat man damit die
Rechtssicherheit beträchtlich verstärkt. Bald darauf, angeblich schon 445,
wurde das Eheverbot mit den Patriziern beseitigt (o. § 4 III 1).
2. In der Folgezeit errangen die Plebejer stufenweise den Zugang zu
den Staatsämtern ; zunächst (um 409) zur Quästur, 400 zum Kon-
sulartribunat. Seit einer Lex Licinia Sextia von 367 galt auf Grund einer
Vereinbarung der beiden Stände, die als abschließende Beilegung ihres
Kampfes verstanden werden kann, daß eine der beiden (neu oder wieder
geschaffenen) Konsulstellen mit einem Plebejer besetzt werden darf.
Zuletzt (durch eine Lex Ogulnia von 300) erhielten die Plebejer einige
der als Hort des patrizischen Konservativismus geltenden, politisch
unbedeutenden Priesterstellen.
3. Zur Mitgliedschaft im Senat gelangten die Plebejer ohne weiteres
durch den Zugang zur Magistratur, weil alle gewesenen Magistrate ein
Anrecht auf Aufnahme in diese Körperschaft hatten; doch standen die
plebejischen Senatoren den patrizischen zunächst an Einfluß nach
(u. § 11 I).- Auch auf die Volksversammlungen erlangten die
Plebejer eine Einwirkung mit dem Zutritt zu den Ämtern, indem dort
Anträge von allen Höc:hstmagistraten, auch den plebejischen, eingebracht
werden konnten (u. § 10 II 2, 3). Von der provocatio ad populum, die
als Anrufung des Volks zur Abhilfe gegen schwere Strafmaßnahmen der
Magistrate gleichfalls auf den Ständekampf zurückgehen wird, war schon
die Rede (o. § 8 II 2).
4. Aus dem zunehmenden Obergewicht der Plebejer erklärt sich
schließlich die l e x Horten s i a von 286 ut quod plebs iussisset omnes
Quirites teneret (die Vorläufer von 449 und 339 sind, mindestens mit
diesem Inhalt, unglaubwürdig): Waren die Beschlüsse der Plebs
(plebiscita) bisher nur für ihre eigenen Mitglieder verbindlich, so werden
jetzt auch die Patrizier an sie gebunden, obwohl sie an ihnen gar nicht
beteiligt sind. Diese Majorisierung der ehemaligen Oberschicht wird nur
durch ihren starken zahlenmäßigen Rückgang verständlich. Außerdem
S 10. Volk und Volksversammlungen 49

hatten die Patrizier die Möglimkeit, gegen mißliebige Anträge an die


Plebsversammlung ihren Einfluß im Senat geltend ZU mamen, dessen
Macht auch die Volkstribune zu respektieren hatten.
Im Ergebnis behalten die Patrizier nur gewisse politism bedeutungs-
lose Ehrenrechte sakralen Ursprungs oder Charakters. Andererseits
bleiben sie vom Volkstribunat dauernd ausgesmlossen.
IV. Die rechtlime Ausgleimung zwismen den beiden Ständen führt
indessen nimt zu einer Demokratisierung, sondern zur Ausbildung einer
neuen Oberschicht. Während der Patriziat keinen neuen Zugang erhält
und durm das Aussterben einzelner Familien allmählim zusammen-
schrumpft, wämst die Plebs durm die Aufnahme neueroberter Gebiete
in den römischen Bürgerverband ständig an und empfängt damit aus
dem Hinzutritt angesehener italismer Familien eine wertvolle Blut-
zufuhr. Ihre tümtigsten Köpfe gelangen in der aufblühenden Wirtschaft
zu bedeutendem Reimturn und in den Staatsämtern zu starkem politi-
schem Einfluß. So bildet sim aus ihnen und dem alten Patriziat eine
neue Führungssmicht, der Amtsadel der No b i I i t ä t (nobiles ). Ihr
gehören die senatorischen Familien an, die ein Mitglied oder einen
Vorfahren aufweisen können, der den Konsulat bekleidet hat ( con-
sularis). Auch die Zugehörigkeit zu dieser patrizism-plebejischen Adeis-
smimt wird vererblich; damit kapseit sie sim gegenüber dem übrigen
Volk (plebs) ab. Die Magistraturen werden künftig nur nom aus diesen
"senatorismen" Familien besetzt. Die Auswirkungen dieser neuen stän-
dismen Schichtung zeigen sich vornehmlim in der folgenden Periode.

§ 10 Volk und Volksversammlungen


I. 1. Die frühe Republik bringt aum im politismen Aufbau des
Gesamtvolks tiefgreifende Wandlungen, die teils auf dem Bevölkerungs-
zuwams, teils auf dem Ständekampf beruhen. Die Oberlieferung weist
dem vorletzten König Se r v i u s Tu 11 i u s einen Neuaufbau des gesamten
Staatswesens in militärismer, finanzieller, politischer und administra-
tiver Hinsicht zu. Dom wissen wir heute, daß die Späteren diesem
"guten" König manche staattimen Errungensmaften zusmreiben, deren
Ursprung man nimt kennt, und werden anzunehmen haben, daß diese
sog. "servianische Verfassung" in Wahrheit in mehreren Etappen
geschaffen wurde.
Grundlage dieser angeblim servianismen Gliederung der Bürgerschaft
ist die smon erwähnte Heeresreform des späten 6. oder frühen 5. Jh.
(o. § 4 a. E.) und damit der Heeresaufbau auf der Einheit der Hundert-
schaft (centuria). Die ursprünglimen Zahlen kennen wir nimt.
4 6760 Kaser, Römische Rechtsgeschichte
so I. Das bäuerliche Zeitalter

Vermutet werden 30 Zenturien Fußvolk (3 Regimenter zu 1000 Mann unter 3 trib11m


militum), gegliedert in zwei Gruppen: die Vollbewaffneten (cLusis) und die Leicht-
bewaffneten (infra classem); dazu 3 Zenturien adelige Reiterei (equites). 405 (Krieg
gegen Veji) wurden die Zahlen verdoppelt, 367 wurde der Gesamtbestand in zwei
Legionen geteilt. Später kamen weitere Vermehrungen hinzu.
Oberliefert sind uns Zahlen, die nicht schon auf Servius Tullius, dem
sie zugeschrieben werden, zurückgehen können. Danach wird die Bürger-
schaft in fünf Klassen eingeteilt, von denen die erste 80, die zweite bis
vierte je 20, die fünfte 30 Zenturien umfaßt. Dabei besteht in jeder
Klasse die eine Hälfte aus Zenturien der iuniores (bis 45 Jahre), die
andere aus denen der seniores, jene für den Felddienst, diese für die
Landwehr zur Stadtverteidigung. Vor der ersten Klasse stehen noch
18 Reiterzenturien (equites), hinter der fünften noch weitere fünf Zen-
turien Unbewaffnete (accensi velati): Kriegshandwerker, Musiker und
andere Hilfssoldaten. Die Zugehörigkeit zu den Klassen richtete sich
nach dem Vermögen, dem Grund- und Mobiliarbesitz der einzelnen
Bürger, zu dessen Schätzung der Zensus eingeführt wurde (o. § 8 IV 4).
Die 80 Zenturien der ersten Klasse ( classici) bestanden aus Bürgern, denen
ihre Mittel die Ausrüstung für die schwerbewaffnete Legionsinfanterie
gestatteten, während aus den nachfolgenden Klassen nur Bürger mit
schwächerer Ausrüstung oder als Hilfssoldaten gestellt wurden. Daraus
folgt, daß die Zenturien ungleich stark besetzt waren; die letzten Zentu-
rien der grundbesitzlosen proletarii werden zahlenmäßig die stärksten
gewesen sein. Zur Ritterschaft rechnete man schon seit alters die adelige
Reiterei, der das Staatspferd zustand, später auch sonstige Wohlhabende,
die mit eigenem Roß und Streitwagen zu Felde zogen.
Diese übersieht zeigt zweierlei: Einmal bedeutet centuria nicht nur die
militärische Einheit von 100 Mann, sondern auch die Aushebungseinheit,
also eine Bevölkerungsgruppe, die 100 Mann stellen und ausrüsten kann.
Zweitens entspricht der komplizierte Aufbau sowie die überlieferte Zahl
von insgesamt 193 Hundertschaften erst einem weit fortgeschrittenen
Bevölkerungsstand von rund 100 000 Köpfen, sie wird am ehesten ins
4. Jh. gehören. Später wurde die Zahl auf 373 Zenturien (350 Zenturien
Fußvolk, 18 Zenturien Reiterei, 5 Zenturien Hilfstruppen) erhöht.
2. Von den übrigen Gliederungen (o. § 5 II 2) wird die Kurie auf
den unpolitischen Sakralbereich beschränkt.
3. Die Einteilung in Tribus (o. § 5 II 3) als örtlich bestimmte
Personalverbände behält dagegen ihre Bedeutung. In der frühen Repu-
blik bestehen neben 4 städtischen Tribus mit der nicht landbesitzenden
Bevölkerung 17 ländliche mit den Grundbesitzern. Mit der Ausweitung
des römischen Gemeindegebiets wurden die tribus rustici auf 31 ver-
mehrt, so daß im Jahr 241 die endgültige Zahl von 35 Tribus erreicht ist.
§ 10. Volk und Volksversammlungen 51

II. Nach den genannten Gliederungen des Volkes richtete sich auch die
Kundgabe seines politischen Willens in der V o I k s ver s a m m I u n g. Sie
ist keine bloße Volksvertretung, sondern umfaßt im Sinn der unmittel-
baren Demokratie die Gesamtheit aller politisch berechtigten Bürger,
ebenso wie in allen stadtstaatliehen Gemeinwesen der Antike, in den
Landsgemeinden (Thingen) der deutseben Frühzeit und noch heute in
Schweizer Kantonen. Zu unterscheiden sind die formlose contio, in der die
öffentliche Meinung durch politische Reden beeinflußt wird, und die comi-
tia, die nur der förmlichen Abstimmung dienen. Rechtserheblich sind nur
die Komitien, in denen die berechtigten Bürger in ihren Gliederungen
auftreten.
1. Die ältesten Komitien sind die nach Kurien gegliederten comitia
c ur i a t a, die auf die schon erwähnten sakral beeinflußten Akte, lex de
imperio, adrogatio, Komitialtestament (o. § 6 111), beschränkt sind. Sie
verkümmern praktisch dadurch, daß, mindestens für die lex de imperio,
auf die Einberufung der 30 Kurien verzichtet wird, indem man sie durch
die der 30 Liktoren, gleichsam der Versammlungspolizei, ersetzt.
2. Die politisch wichtigste Beschlußversammlung werden jetzt die
c o mit i a c e n tu r i a t a, die auf der Zenturienverfassung beruhen und
in der frühen Republik aus einer Heeresversammlung entwickelt wurden.
(u. § 11 II 2). Die Willensbildung geschieht hier durch Abstimmung nach
dem Mehrheitsprinzip. Dabei entscheidet aber nicht einfach die Mehrheit
aller Stimmen, sondern der Zenturien: Zuerst wird aus den Einzelstimmen
der Mitglieder einer Zenturie die Stimme dieser Zenturie ermittelt. Stellt
man sodann fest, daß sich die Mehrheit der Zenturien für oder gegen
einen Gesetzesantrag oder für einen bestimmten Wahlkandidaten ent-
schieden hat, wird die Abstimmung abgebrochen. Hieraus folgt, daß die
reichsten und angesehensten Bürger, die equites und die der ersten Klasse,
mit ihren 98 Zenturien, wenn sie einig waren, die anderen überstimmen
konnten. Das Obergewicht der Nobilität, also der Patrizier und der
reich gewordenen Plebejer, war hiernach sichergestellt, so daß man für
die Wahlen von einem "Klassenwahlrecht"' sprechen kann. Die Zen-
turienverfassung kennzeichnet sich als eine "timokratische"', die den
Reichsten auch die stärkste politische Macht gab. Das ließ sich damit
rechtfertigen, daß sie im Kriegsdienst und bei der Besteuerung auch die
schwersten Lasten für das Gemeinwohl trugen.
Die Zuständigkeit der Zenturiatkomitien umfaßt dreierlei: a) die
W a h I der ordentlichen Höchstmagistrate, die schon im 5. Jh. an die
Stelle der Ernennung durch den Vorgänger tritt; in der entwickelten
Republik die der Konsuln (Konsulartribune), der Prätoren, auch der
Zensoren. Doch war diese Wahl bis ins 3. Jh. keine freie, sondern nur
eine Abstimmung über die vom Antragsteller, regelmäßig vom Vor-
....
52 I. Das bäuerliche Zeitalter

gänger im Einvernehmen mit dem Senat, aufgestellten Kandidaten. Bis


dahin konnte das Volk also noch nidlt eigene Kandidaten wählen,
sondern nur mißliebige ablehnen. - b) Gesetzes b es c h 1ü s s e (Leges,
dazu u. § 14 Ill 1), zu denen auch der Entscheid über Krieg und Frieden
gehört. Auch hier konnten die von den Imperiumsträgern, regelmäßig
nach Vorberatung mit dem Senat, eingebrachten Anträge nur unverän-
dert angenommen oder abgelehnt werden. Anders als etwa in Athen, gab
es keine Eigeninitiative der Komitien zu Anträgen oder auch nur zu
Xnderungen.- c) Eine Strafgerichtsbarkeit haben die Komitien
jedenfalls über politische Verbrechen (Hoch- und Landesverrat, Amts-
mißbrauch usw.) auf Anklage der Volkstribune gehabt, ferner über
gewisse gemeinschädliche Straftaten (Korn- und Zinswucher, bestimmte
Sittlichkeitsverbrechen) auf Anklage der j\dilen. Ob den Komitien
darüber hinaus eine umfassendere Strafgerichtsbarkeit zukam, ist neuer-
dings zweifelhaft geworden; vgl. u. § 29 Ill.
3. Die vielleicht jüngste Erscheinungsform der Komitien sind die
c o mit i a tri b u t a, die nach Tribus gegliedert abstimmen. Auch dort
haben die Grundbesitzer, wie wir sahen (o. I 3), das Übergewicht. Die
Tributkomitien werden von den Höchstmagistraten einberufen und sind
zuständig für die W a h I der Magistrate ohne Imperium und für die
Gesetzgebung ; vielleicht auch für die Entscheidung über die oben-
erwähnten Straf anklagen der kurulischen j\dilen. In der jüngeren
Republik sind die Tributkomitien das Hauptorgan für die Gesetzgebung.
III. Keine Komitien sind die Versammlungen der P 1eb s,
concilia plebis tributa, in denen gleichfalls nach Tribus abgestimmt wird.
Sie stehen unter dem Vorsitz der Tribune und sind zuständig für die
W a h 1 der Tribune und plebejischen j\dilen, sowie für die g es e t z es-
ähnlichen Beschlüsse der Plebs ( plebis scita ), die zunächst nur die
Plebejer binden. Für den Gesamtstaat waren diese Beschlüsse zu Anfang
staatsrechtlich bedeutungslose Kundgebungen des revolutionären Willens
der Plebs, doch wurden sie mit dem fortschreitenden Ständekampf als
Einrichtungen der plebejischen Selbstverwaltung anerkannt. Seit der Lex
Hortensia (o. § 9 III 4) banden die Plebiszite das Gesamtvolk.

J 11 Der Senat
I. 1. Auch der Senat ist keine Volksvertretung, sondern nur ein
Ausschuß der führenden Gesellschaftsschicht. Seine 300 Mitglieder
werden zunächst von den Höchstmagistraten auf Lebenszeit, seit der
Lex Ovinia von etwa 312 von den Zensoren auf jeweils fünf Jahre
ernannt (o. § 8 IV 4). Dabei dürfen die gewesenen Konsuln (Konsular-
tribune) und Prätoren, später auch die kurulischen 1\dilen und allmäh-
§ 11. Der Senat 53

lieh alle übrigen Magistrate nicht übergangen werden. Seine Zusammen-


setzung war bis ins 4. Jh. auf die Patrizier beschränkt. Erst als Plebejer
zu Konsulartribunen bestellt werden konnten und in der Folgezeit auch
zu den anderen Magistraturen Zutritt erhielten, wurden auch sie nach
der Amtszeit Senatoren.
2. In den Senatssitzungen wurden die Mitglieder vom vorsitzenden
Magistrat zur Meinungsäußerung nach einer Rangfolge aufgerufen;
zuerst die gewesenen Zensoren (censorii) nach dem Alter, dann die
gewesenen Konsuln (consulares) usf. Damit kamen die plebejischen
Senatoren zunächst nur selten zum Wort, sie konnten aber an der
Abstimmung mitwirken. Erst als sich das zahlenmäßige Verhältnis der
beiden Stände stärker zugunsten der Plebs verschob, stieg ihr Einfluß
auch in dieser Körperschaft, die die Patrizier im Ständekampf noch als ihre
stärkste Machtinstanz benutzt hatten. Die Anrede patres conscripti
bezeichnet wohl alle (in die Liste) "eingeschriebenen"' Senatoren, auch
wenn man sie später dahin auslegte, es sollten neben den "Patriziern"'
die "hinzugeschriebenen"' Plebejer genannt werden.
3. Der Senat war stets der Hort bäuerlich-konservativer Tradition.
Da es üblich war, die Staatsämter nur aus bestimmten, durch politische
Begabung und reichen Landbesitz ausgezeichneten Familien zu besetzen,
blieb die politische Führung auf eine Oberschicht beschränkt, in der die
politischen Talente geradezu hochgezüchtet wurden. Dies galt für den
Patriziat, aber, seitdem man den Zugang zu den Staatsämtern zugunsten
der führenden plebejischen Familien gelockert hatte, auch für die
patrizisch-plebejische Nobilität. Von den Senatoren verlangt es die
Sitte, daß sie ihr Vermögen in Grundbesitz anzulegen haben; nach einer
Lex Claudia von 218 dürfen sie keine Seeschiffe haben und sich vermut-
lich auch nicht an Geldgeschäften und Staatspachten beteiligen. Indem
man so ihr Vermögen den Gefahren der Konjunktur entzieht, sichert
man ihr Ansehen und fördert zugleich ihre konservative Gesinnung.
II. Die Zuständigkeit des Senats, deren Anfänge, wie wir sahen
(o. § 6 II), bei der Beratung des Königs lagen, war nur zu einem
kleinen Teil rechtlich festgelegt.
1. Wie einst, kommt ihm auch jetzt das interregnum zu, die Zwischen-
herrschaft, wenn beide Konsuln gestorben oder sonstwie ausgeschieden
sind (o. § 6 I 2).
2. Ein wichtiges politisches Machtmittel ist die auctoritas patrum:
Die Wahl- und Gesetzesbeschlüsse der comitia centuriata bedürfen zu
ihrer Verbindlichkeit der Genehmigung der patres, also wohl aller
Senatoren (nicht nur der patrizischen). Das wird sich damit erklären,
daß die Zenturiatkomitien zunächst als bloße Heeresversammlung über-
haupt nicht zu staatlicher Willensbildung legitimiert waren, so daß ihre
54 I. Das bäuerlidte Zeitalter

Beschlüsse erst durm die Bestätigung des Senats remtlime Wirksamkeit


erlangten. Dieser hatte dabei mithin nimt nur die Verfassungsmäßigkeit
der Volksbesmlüsse ZU prüfen, sondern konnte ihnen aum aus politischen
Gründen die Wirkung versagen. Später mußte jedoch die auctoritas
patrum schon vor den Komitien, also für die bloßen Anträge an das
Volk, eingeholt werden; das galt für Gesetzesanträge nach einer Iex
Publilia Philonis von 339, für Wahlanträge seit einer Lex Maenia aus
dem 3. Jh. Da es aber ohnehin zu allen Zeiten üblich war, Anträge an
die Volksversammlung mit dem Senat vorzuberaten, verliert daneben die
auctoritas patrum (im technischen Sinn) ihre politische Bedeutung und
verblaßt zu einer Formalität. Für die Beschlüsse der Plebskonzilien
und offenbar auch der Tributkomitien war die förmliche auctoritas
patrum nicht erforderlich.
3. Außerdem hat der Senat für die Magistrate nach wie vor eine
beratende Funktion von höchstem politischen Gewicht; ja bei dieser
Rolle als consilium der Magistrate sieht man seit alters seine wichtigste
Funktion. Obschon er nur auf ihre Einberufung hin zusammentritt und
sim seine Beschlüsse als bloße Gutachten (senatus consulta) bezeichnen,
hängen die Magistrate praktisch doch nahezu völlig von seinem Willen
ab, weil sie es kaum wagen dürfen, sich mit der einflußreichsten und
wohlhabendsten Schicht zu entzweien. So war es vor allem, wie gesagt,
üblich, für die Anträge an das Volk das Einverständnis des Senats ein-
zuholen, was dann gleichfalls als auctoritas patrum oder senatus bezeich-
net wurde. Diese Übung wurde mit der Zeit auch auf die Plebiszite
erstreckt.
4. In der Hand des Senats liegt ferner die Außenpolitik, er
verhandelt mit auswärtigen Mächten, entsendet und empfängt Gesandte.
Ihm steht auch der Entsmeid über die oberste Kriegführung zu,
indem er die Feldherren bestellt und abberuft und ihnen den Plan der
Kriegführung mehr oder minder genau vorschreibt sowie von ihnen
Rechenschaft fordert.
5. Eine besondere Macht gibt dem Senat die Verfügung über die
Finanzen und das sonstige Staatsgut, so daß die Magistrate bei jeder
mit staatlichem Vermögensaufwand verbundenen Maßnahme - und das
sind die meisten - von der Senatsbilligung abhängig sind.
6. Auf die Senatsmitglieder war schließlich seit alters der Kreis der
Personen beschränkt, die in den Listen für die Richterfunktion (als
Geschworene) geführt wurden. Doch betriffi: dieses Vorrecht die
Senatoren als einzelne, nicht den Senat als Körperschaft.
III. Im ganzen erweist sich der Senat als der machtvolle Gestalter
einer weitschauenden Staatspolitik, die durch Jahrhunderte das römische
Schicksal nach den strengen sittlichen Idealen der altbäuerlichen Tra-
S12. Rom und Italien 55

dition zu stetigem und sicherem Aufstieg führt. Feste, durch das Her-
kommen erhärtete Grundsätze schließen, mehr unbewußt befolgt als laut
verkündet, die Mißgriffe Unfähiger aus, zwingen aber auch die über-
ragenden Leistungen einzelner Genies in den bewährten Rahmen der
Verfassung. Magistrate und Volk treten an Einfluß hinter den Senat
zurück. Den Magistraten läßt nicht nur ihre kurze Amtszeit für eine
Planung auf weite Sicht keinen Raum; auch ihre machtmäßige Abhängig-
keit vom Senat bestimmt sie zu bloßen Vollstreckern seiner Politik.
Das Volk hat, vor allem bei den Wahlen, gewiß einen Einfluß darauf,
sich selbst die politische Führung zu geben, eine Macht, die auch vom
Senat geachtet werden muß. Da aber die Komitien zur Kundgabe ihres
Willens nur über die Fragen aufgerufen werden, die man ihnen vorlegt,
und da auch die Ausführung ihrer Beschlüsse in die Hände der Magistrate
und des sie überwachenden Senats gelegt sind, läßt sich in dieser Periode
das Volk nicht als der Träger der letzten und höchsten Staatsgewalt
verstehen.
Zwar geht in der Verfassung der älteren Republik formal alle Gewalt
vom Volk aus, weil es die Magistrate wählt und damit auch die Zu-
sammensetzung des Senates bestimmt. Machtpolitisch gesehen aber über-
wiegt gegenüber den demokratischen und monarchischen Elementen die
oligarchische Aristokratie im strengen Wortsinn, also die Herr-
schaft der durch ihr politisches Können zur Führung berufenen Besten.

§ 12 Rom und Italien


I. Das Bedürfnis nach Sicherung und Befestigung drängte die Römer
schon früh dazu, den Machtbereich ihres Stadtstaates zu erweitern. Ihre
außenpolitischen Erfolge steigerten sich vor allem gegen das Ende
unserer Periode hin, so daß um 265 nahezu die ganze Apenninenhalb-
insel unter römischer Oberherrschaft stand. Das ihrer Macht gehorchende
Gebiet vereinigten die Römer aber nicht in einem einheitlichen Terri-
torialstaat. Sie fügten vielmehr nur einen Bruchteil des unterworfenen
Gebiets in den römischen Stadtstaat ein und begnügten sich im übrigen
damit, die abhängig gemachten Gemeinden durch das v ö I k er recht-
I ich e Mittel des Staatsvertrages ihrem Willen unterzuordnen. Ihre
Annexions- und Bündnispolitik folgt darin dem ökonomischen Prinzip,
mit geringstem Aufwand an Machtmitteln den größten Erfolg zu er-
ringen; teils aus dem Zwang der Verhältnisse, überwiegend aber aus
politischer Klugheit. Sie befolgen die Regel, die ein unrömischer Aus-
druck auf die Formel .divide et impera" gebracht hat, indem sie ihre
Gegner zu entzweien wissen, Gutwillige zu sich herüberziehen und Un-
56 I. Das bäuerliche Zeitalter

botmäßige mit eigenen oder fremden Kräften unterwerfen. Nach dem


Ausmaß an Machtaufwand, das ihnen erforderlich erscheint, um die
anderen Mächte an Rom zu binden, wählen sie dann auch die Rechts-
form, in die sie diese Abhängigkeit kleiden, von völliger Eingliederung
bis zum freien Bundesvertrag; daher die bunte Vielgestaltigkeit dieser
sorgfältig abgestuften Machtmittel, bei deren Einsatz es ihnen besonders
darauf ankommt, jeden gegen Rom gerichteten Zusammenschluß zu
verhindern. Die gleiche Selbstbeschränkung auf das Mindestmaß des
Notwendigen offenbart sich in dem weiteren Grundsatz, sich in die
inneren Angelegenheiten des abhängig gemachten Gebietes nicht stärker
einzumischen, als es das Interesse der römischen Politik erfordert. Die
Schonung des Eigenlebens anderer Völker in ihrer Sprache, ihrer Religion,
ihren Lebensgewohnheiten und teilweise auch in ihrer Verwaltung und
Wirtschaft ließ sie die römische Hand minder drückend empfinden und
machte sie gefügiger, sich ihr aus eigenem Willen unterzuordnen.
li. Für diese Abhängigkeitsverhältnisse haben nun die Römer
bestimmte Rechtstypen entwickelt. a) Ist die fremde Gemeinde, wie es die
Regel ist, militärisch unterworfen worden, so nimmt ihr die Ergebung
aufGnadeund Ungnade ( deditio) ihre Souveränität und Autonomie.
Ihre Bürger werden ursprünglich als erbeutete Kriegsfeinde Sklaven,
später erhalten sie eine beschränkte Rechtsfähigkeit (als dediticii), sie
haben aber ihr angestammtes Bürgerrecht durch die Aufhebung ihrer
Gemeinde verloren, ohne das römische zu erwerben. Ihre Habe fällt
als Beute an den römischen Staat, ihr Boden wird ager publicus
Romanus. - b) Die Unterwerfung kann durch Übernahme in die Treue
der Römer, deditio in fidem, gemildert werden, wenn sich der Gegner frei-
willig ergeben hat. Die Römer sind dann durch eine sakral geschützte
Treupflicht gebunden.
III. Regelmäßig belassen aber die Römer die Unterworfenen nicht in
dieserungesicherten Rechtslage, sondern geben ihnen wieder ein Bürger-
recht und setzen sie auch, mindestens zum Teil, in ihr Vermögen ein.
Hierfür bieten sich ihnen drei Rechtsformen an: Sie machen sie entweder
zu römischen Bürgern oder zu solchen latinischen Rechts oder
sie stellen die frühere Gemeinde mit ihrem eigenen Bürgerrecht wieder
her und schließen mit ihr einen Bündnisvertrag (foedus), der sie aber stets
in größere oder geringere Abhängigkeit von Rom bringt. Solche Bündnis-
verträge gehen sie auch mit anderen Staaten ein, die sie nicht zuvor mili-
tärisch zur Übergabe gezwungen haben. Betrachten wir diese Rechtsfor-
men im einzelnen.
1. a) Die Gebiete römischen Rechts (ager Romanus) bilden am
Ende unserer Periode einen großenteils geschlossenen, aber mehrfach durch
Enklaven und Exklaven verzweigten Bereich Mittelitaliens von etwa
§ 12. Rom und Italien 57

25 000 qkm. Ihre Städte sind Landstädte mit römischem Bürgerrecht


(municipia civium Romanorum, von munia capere, Leistungen, nämlich an
Rom, übernehmen). Sie haben ihre selbständige Staatseigenschaft einge-
büßt und gehen im römischen Gemeindestaat auf. Ihre Bürger werden
cives Romani, womit für sie das (allerdings mehr oder minder stark
lokal abgewandelte) römische Recht gilt. Die politischen Rechte erhalten
sie freilich nur in der älteren Zeit (sog. Vollbürgergemeinden); den Bür-
gern der später eingegliederten Gemeinden wird das Stimm- und Wahl-
recht in den römischen Komitien versagt ( cives sine suffragio; sog. Halb-
bürgergemeinden). Eine Selbstverwaltung behalten die Munizipien, teil-
weise in römischer Umformung, nur für minder wichtige Angelegenhei-
ten (polizeiliche, wirtschaftliche, sakrale); doch bestehen örtlich und zeit-
lich Unterschiede. Die römische Aufsicht wird von praefecti (iure dicundo)
als Delegierten des Prätors wahrgenommen, den sie auch (bis auf gering-
fügige Sachen, die vor die lokalen Gerichte kommen) in der Gerichtsbar-
keit vertreten.
b) Eine etwas andere Stellung haben die K o 1o n i e n , die von den
Römern, ähnlich wie von den Griechen, als militärische und wirtschaft-
liche Stützpunkte außerhalb des Mutterlandes gegründet werden;
allerdings nicht, wie von diesen, im ganzen Küstengebiet des Mittelmeers,
sondern zunächst im näheren Bereich Italiens selbst, sei es durch Umgrün-
dung bestehender eroberter Städte, sei es durch Neugründung. Die Kolo-
nien römischen Rechts ( coloniae civium Romanorum) liegen zumeist in der
Nähe Roms und sind ein Stück Heimat in der Fremde, ihr Boden ist römi-
scher Boden, ihre Bürger sind römische Vollbürger, die in Rom mitstim-
men dürfen, wenn sie sich gerade dort aufhalten; vom Heeresdienst sind
sie befreit. Auch die Kolonien haben eine beschränkte Selbstverwaltung.
2. a) Das latinische Recht hat seine geschichtliche Wurzel beim
latinischen Städtebund (nomen Latinum), der Rom schon in seiner
Frühzeit mit seinen stammverwandten Nachbargemeinden verbindet. Er
geht, ebenso wie die griechischen Städtebünde {etwa der delische), auf
die Verehrung einer gemeinsamen Gottheit, des Juppiter Latiaris, zurück,
brachte seinen Mitgliedern aber auch militärische Hilfe und wirtschaft-
liche Vorteile. Die Bundesstädte haben ihr eigenes Recht, das freilich
dem römischen nahesteht. Ihre Bürger (sog. Latini prisci, Altlatiner)
leben nach der Rechtsordnung ihrer Heimatgemeinde, sie haben aber mit
den Bürgern der anderen Bundesstädte das commercium, d. h. die
Fähigkeit zu bestimmten förmlichen Verkehrsgeschäften nach den
Rechten beider Gemeinden (insbes. zur römischen mancipatio), und das
conubium, die beiderseitige Anerkennung der untereinander abgeschlos-
senen Ehen. Dadurch wird eine beschränkte Rechtsgemeinschaft im
Privatrecht hergestellt. Die Bürger der anderen Latinerstädte dürfen
58 I. Das bäuerliche Zeitalter

auch in den römischen Komitien mitstimmen und werden durch Ober-


siedlung nach Rom römische Bürger.
Der latinische Bund stand schon im 5. Jh. unter der pulitischen
Führung Roms und wurde nach dem Bundesgenossenkrieg 338 von Rom
aufgelöst. Die meisten Bundesstädte wurden in römische Vollbürger-
gemeinden (o. la) umgewandelt; nur wenige blieben als Landstädte mit
latinischem Bürgerrecht bestehen. Diese municipia Latina behalten ihre
Selbständigkeit als Stadtstaaten mit eigenem Bürgerrecht und damit
eigener Rechtsordnung; auch ihr commercium und conubium mit Rom
bleibt bestehen. Sie werden aber jetzt als Bundesgenossen Roms
behandelt und damit bestimmten politischen Beschränkungen und
militärischen Verpflichtungen gegenüber Rom unterworfen (unten 3).
b) Dieses jüngere latinische Recht der municipia Latina erhielt jedoch
dadurch eine allgemeine Bedeutung, daß die Römer diese Rechtsstellung
als Modell benutzten und auf andere, außerhalb Latiums liegende
Gemeinden übertrugen. So haben sie die meisten später geschaffenen
Kolonien, vor allem die, die sie gemeinsam mit ihren italischen
Bundesgenossen gründeten, nicht mehr zu coloniae civium Romanorum
gemacht, sondern dem latinischen Recht unterstellt. Im ganzen umfassen
die Gebiete latinischen Rechts am Ende unserer Periode etwa 8000 qkm.
Die größere Selbständigkeit dieser coloniae Latinae, die meist weiter von
Rom entfernt liegen, bewährte sich in der Verteidigung, aber auch in der
Verwaltung. Die von Rom dorthin ziehenden römischen Bürger erwerben
das Bürgerrecht der neuen Gemeinde, während umgekehrt deren Bürger
durch Zuzug nach Rom römische Vollbürger werden. Das commercium
und das conubium mit Rom haben diese Latini coloniarii aber nur aus-
nahmsweise.
3. Die (sonstigen) Bundesgenossen (socii populi Romani), die
um 265 etwa 90 000 qkm bewohnen, behalten ihre staatliche Autonomie
und regelmäßig ihre volle Selbstverwaltung, sie haben ihr eigenes
Bürgerrecht und ihre eigene Rechtsordnung. Ihre Rechtsstellung gegen-
über Rom richtet sich nach dem Bündnisver trag. Dieser kann ganz
verschiedene Inhalte haben, legt aber dem anderen Teil stets außen-
politische Schranken und militärische Verpflichtungen auf, meist die
Stellung eines Heereskontingents auf eigene Kosten. Die Römer unter-
scheiden zwischen Bündnisverträgen auf der Grundlage der Gleichord-
nung (/oedus aequum) oder der Unterordnung (foedus iniquum). -
a) Bei jenem Verhältnis, das im Einzelfall wieder mannigfache Abstufun-
gen zuläßt, im günstigsten Fall sogar die Freundschaft (amicitia) des römi-
schen Volks einschließt, behalten die Bundesgenossen zwar rechtlich ihre
Souveränität; doch können die ihnen von Rom auferlegten Bindungen
und Pflichten gleichwohl so weit gehen, daß sie machtpolitisch völlig von
S 13. Die Anfänge des Rechts 59

Rom abhängen. - b) Im ungleichen Bündnis müssen sie dagegen die


maiestas populi Romani anerkennen, also auf ihre Souveränität ver-
zichten. Sie werden "Klientelstaaten" und erhalten ihre staatliche Selb-
ständigkeit, wie es dem mit der Hörigkeit verbundenen precarium ent-
spricht (o. § 4 II 4), von Rom nur auf freien Widerruf.
IV. Im ganzen zeigt die politische Landkarte Italiens am Ausgang
unserer Periode ein überaus buntes Bild. Sieht man von den haupt-
sächlich auf Mittelitalien beschränkten, stark durcheinandergewürfelten
Gebieten römischen und latinischen Rechts ab, so beruht Roms Herr-
schaft über die äußeren Bezirke seiner Macht auf einer Vielheit
verschiedenartiger Bündnisse, deren einer Vertragsteil stets Rom ist.
Gleich einer Spinne im Netz beaufsichtigt der römische Stadtstaat das
völkerred1tlich abhängig gemachte Hinterland. Nur ein Bruchteil der
im Außengebiet lebenden freien Menschen hat das römische Bürgerrecht
und untersteht damit der römischen Rechtsordnung. Diese Sparsamkeit
der Machtmittel ist mit ihrer Toleranz zunächst gewiß geeignet, den
Erfolg der römischen Politik zu steigern. Die Gefahren, die gleichwohl
mit diesem lockeren System verbunden sind, zeigen sich erst in späterer
Zeit.

II. Abschnitt

Das Recht und seine Quellen


§ 13 Die Anfänge des Rechts
Das Bewußtsein vom Recht als einem Inbegriff von Geboten und
Verboten, die den Menschen sagen, was sie tun und was sie lassen sollen,
ist im Wesen des Menschen begründet und darum uralt. Dagegen ist
der abstrakte Begriff des Rechts als einer Ordnung, die alle bindet, erst
das Ergebnis einer langen Geistesentwicklung.
I. 1. Die geschichtlichen Anfänge des römischen Rechtsdenkens liegen
bei den Begriffen ius und fas. Mit ihnen wird noch nicht, wie sehr viel
später, ein Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Ordnungen, dem
menschlichen und dem göttlichen Recht, ausgedrückt, sondern beide
beziehen sich auf die Erlaubtheit eines konkreten Verhaltens, wie über-
haupt am Beginn des juristischen Denkens die Beurteilung des Einzel-
falles steht.
a) die Wurzeln des i u s liegen in Rom wie wohl bei allen Völkern
nicht beim Gesetz, sondern beim Gericht. Das Wort ius bezeichnet in
unserer ältesten Oberlieferung den Ort, an dem der Gerichtsherr das
60 I. Das bäuerliche Zeitalter

Recht weist (daher in ius vocatio = Ladung vor Gericht, in iure cessio
Abtretung vor Gericht usw.). Das ius als "Recht" wird vor Gericht
gefunden. Dabei sagt man ius est von einer Handlung, die keinen
anderen Menschen verletzt, und denkt sich als Gegensatz dazu die
iniuria, die Menschenverletzung, die dem Betroffenen die Befugnis gibt,
das erlittene Unrecht am Täter zu rächen. Er darf ihn ursprünglich töten;
später wird diese Folge, wie die Geschichte des Deliktsrechts zeigt,
abgemildert, vor allem ein Verzicht des Verletzten auf sein Racherecht
gegen Empfang einer Sühnegabe (poena) begünstigt.
b) Fa s est dagegen bedeutet, daß eine Handlung keine Gottheit
kränkt. Hier ist der Gegenbegriff das nefas, die Gottesverletzung, die
die Gottesrache begründet. Wer aus seiner Tat einem Gott verfallen ist
(sacer), wird nicht nur von diesem vernichtet, sondern jedermann darf
ihn als vogelfrei töten (o. § 6 I 3c). Doch wird auch hier zuweilen die
Befreiung von der Gottesrache durch ein Sühneopfer (piaculum)
zugestanden.
2. Bei der Verletzung des ius liegt die Verfolgung in der Hand des
einzelnen Verletzten oder seiner Gruppe. Und da ursprünglich wohl jedes
private Unrecht als (deliktische) Verletzung eines anderen Menschen galt,
ist dieses Verfolgungsrecht des einzelnen gegen den Verletzer der Aus-
gangspunkt für das Privatrecht, mag sich der Deliktsgedanke bei
vielen Fällen privaten Unrechts auch schon früh verloren haben.
Das Privatrecht schließt aber bei den Römern, wie wir sahen (o. § 6 I 3c),
auch das Recht des einzelnen ein, für zugefügtes Unrecht Sühne und
Buße zu fordern; mithin Funktionen, die heute zumeist von der
öffentlichen Strafgerichtsbarkeit wahrgenommen werden. Ja, mindestens
auf früher Stufe war sogar die Verfolgung des Mordes (parricidium)
den nächsten Angehörigen (gentiles, adgnati) überlassen. Wenn sich
mithin das ius noch an den Anfängen der uns quellenmäßig erfaßbaren
Zeit nur auf die Gegenstände bezieht, die der verletzte Mensch oder die
verletzte Gruppe in einem gerichtlichen Verfahren verfolgen können,
so sind darin vornehmlich das Privatrecht, aber auch Stücke dessen
inbegriffen, was später und noch heutzutage zum Strafrecht gerechnet
wird (zu seiner Entwicklung s. u. § 29). Noch bis in die Spätzeit heißt
iniuria sowohl das Unrecht schlechthin wie auch besonders das im Zivil-
prozeß verfolgbare Delikt der Personenverletzung (Beleidigung).
3. Das ius im ältesten Sinn wird im privaten Rechtsstreit, der Ur-
stufe des Zivilprozesses, gefunden. Dabei ist denkbar, wenn auch nicht
mehr sicher zu beweisen, daß man auf früher Stufe den Entscheid über
die schuldhaftbegangene Unrechtstat einer Person durch ein Gottesurteil
(Ordal) herbeigeführt hat. Noch im geschichtlich überlieferten Zivil-
prozeß des alten Rechts, der legis actio sacramento, mußte jede Streit-
§ 13. Die Anfänge des Rechts 61

parteiein sacramentum einsetzen. Das sacramentum bedeutet später eine


eingesetzte Geldsumme, ursprünglich aber wohl einen feierlichen Eid,
mit dem jede Partei ihre Rechtsbehauptung zu beschwören hatte; und
da der Eid die Anrufung einer Gottheit zum Zeugen für die eigene
Behauptung ist, läßt sich vermuten, daß die im sacramentum ange-
rufene Gottheit bewirken sollte, daß der Teil, der falsch geschworen
hat, im Ordalverfahren unterliegt. Daß diese Partei wissentlich falsch
geschworen habe, hat man auf dieser primitiven Stufe offenbar unter-
stellt. Gab es wirklich Gottesurteile, wie bei den meisten frühzeitliehen
Völkern, auch in Rom, dann war dies die urtümlichste Art der Rechts-
findung. Das auf diesem Weg für den Einzelfall gefundene Recht war
ius, das die Götter den Menschen zu erkennen gaben. Doch wie dem
sei, fest steht jedenfalls, daß gerade die Römer eine solche rohe und will-
kürliche Rechtsfindung rasch überwunden haben müssen und schon früh
zu sachlich-juristischen Maßstäben vorgedrungen sind. Nur das
sacramentum, das in fortgebildeter Gestalt noch jahrhundertelang
weiterlebt, gibt auf die ursprüngliche Handhabung vielleicht noch einen
Fingerzeig.
II. Das Recht, das mit dem geschilderten Verfahren ermittelt wird,
ist zunächst Fa 11 recht, es muß in jedem einzelnen Streitfall neu
gefunden werden. Das ist für das Gottesurteil selbstverständlich, galt
aber zunächst auch für die richterliche Rechtsfindung. Doch begann man
früh damit, ältere Entscheidungen aus anderen, gleichartigen Prozessen
zur Richtschnur zu nehmen, so daß sich eine gleichförmige Recht-
sprechung entwickelt: Das Fallrecht wird zum Präjudizienrecht.
Dieser Fortschritt wurde dadurch begünstigt, daß die Priester als die
ersten Schriftkundigen im Volk die Entscheidungen aufzeichneten und
in ihrem Archiv sammelten. Auf noch höherer Stufe geht man dazu
über, aus der Reihe der gleichartigen Entscheidungen einen abstrakten
Obersatz zu bilden, und schaffi: damit Normenrech t. Die Anfänge
der Nonnenbildung, die freilich zunächst noch stark kasuistisch gestaltet
ist, also engbegrenzte Tatbestände aneinanderreiht, reichen wohl bis in
die Königszeit zurück. Neben dem Nonnenrecht bestehen das Prä-
judizienrecht und ausnahmsweise auch noch das für den Einzelfall
gefundene Recht weiter. Das gilt für Rom nicht anders als für unsere
Tage; ja gerade das römische Recht hat bis in die Spätzeit überwiegend
einen "fallrechtlichen" Charakter behalten (s. u. § 38 II 1).
111. 1. Die Einrichtung der Streitverfahren zur Rechtsfindung geht
auf die Priester (pontifices) zurück, die durch ihre geistige Über-
legenheit und besonders durch ihr Fachwissen um die Riten zur Götter-
befragung hohe Autorität genießen. Ihr Wirken greift aber in alle Zweige
des Rechtslebens ein. Auch für die Rechts g es c h ä f t e stellen sie die
62 I. Das bäuerlidte Zeitalter

Voraussetzungen auf, von denen ihre Gültigkeit und damit ihre Berück-
sichtigung im Fall künftigen Rechtsstreits abhängt. Sie schreiben bestimmte
Formeln vor, die zunächst für den Einzelfall geschaffen werden, und aus
denen sich in gleichförmiger Übung feste Formulare entwickeln. Ober die
Geschäfts- und über die Streitformeln erteilen sie den Rechtsuchenden
Gutachten.
2. Bei der Schöpfung der Formalakte bedienen sich die Priester
begreiflicherweise häufig der Denkformen, die ihnen von ihrem sakralen
Aufgabenbereich her geläufig sind. So ist ihnen die Methode der
Gottesbefragung von den Auspizien her vertraut. Aber auch der
Form a I i s m u s, der dem altrömischen Recht anhaftet, beruht nicht bloß
auf dem bei allen jugendlichen Völkern sichtbaren Streben nach äußerer
Sinnfälligkeit, sondern hat bei den Römern noch eine besondere priester-
liche Färbung. Dies zeigt sich vor allem in der S y m b o I i k der früh-
römischen Rechtsformen, die sich in dem primitiven Zauberglauben,
wie er den Vorstufen der Götterreligion entspricht, gewisser magischer
Mittel bedient zu haben scheint; doch sind diese Vorstellungen im
geklärten Rechtsbewußtsein der XII-Tafelzeit schon weithin über-
wunden. Die Schwerfälligkeit der Rechtsformen verrät, daß die Rechts-
akte im Leben der selbstgenügsamen bäuerlichen Wirtschaft noch zur
Ausnahme gehören. Aber schon die XII-Tafelzeit läßt auch formfreie
Geschäfte des täglichen Lebens, wie Käufe geringerwertiger Güter und
kleinere Darlehen, als Rechtsakte gelten und hält an den Formen nur
für die wichtigen und seltenen Handlungen fest. Man wird diese Fort-
schrittlichkeit sowohl mit dem wirtschaftlichen Aufstieg wie mit dem
ausgeprägten Nützlichkeitssinn der Römer zu erklären haben.
3. Trotz seiner Betreuung durch die Priesterschaft ist das ius im
altrömischen Sinn seinem Wesen nach n ich t s a k r a I. Der Schluß vom
denkbaren göttlichen Anteil an der Methode der Rechtsfindung auf den
Charakter des Rechts selbst wäre verfehlt. Nur wenige konkrete Ver-
hältnisse, ein paar familienrechtliche Akte (con/arreatio, adrogatio usw.)
und solche, die sich des Eides bedienen (wie vermutlich die sponsio),
stellen eine Beziehung zu den Göttern her. Wäre auch jede iniuria
zugleich eine Götterverletzung gewesen, dann hätte es für den privaten
Rechtsstreit des Sakramentseides nicht bedurft. Die pontifices wußten
mithin in ihrem Aufgabengebiet genau zu scheiden, was den Göttern
und was den Menschen zukommt.
IV. Ist ius ursprünglich nur das Recht, das im privaten Rechtsstreit
gefunden wird, dann folgt daraus, daß sich sein Gegenstand auf den
Erwerb, Verlust und Schutz privater Zugriffsrechte auf Per-
sonen und Sachen beschränkt hat. Nur über diese wird im Zivilprozeß
entschieden. Auch die persönliche Haftung aus Delikt oder Rechtsgeschäft
S 14. Die Rechtsquellen 63

wird man ursprünglich noch nicht als relatives Recht (Anspruch) des
Gläubigers gegen den Schuldner, sondern als ein Herrschaftsrecht des
Gläubigers an der Person des Haftenden verstanden haben.
Das ius hat also nur die Aufgabe, die Rechtsmacht zu verteilen, es
sagt nur, wer die Gewalt über eine andere Person oder Sache haben
soll, äußert sich aber nicht über die Schranken dieser Gewalt im
Interesse der Allgemeinheit. So gibt· das ius dem paterfamilias über die
von ihm beherrschten Personen und Sachen eine scheinbar unbeschränkte
Macht, über die Personen, wie wir sahen, sogar das Recht über Leben
und Tod (o. § 4 II 1). Aber diese Gewalt war seit alters durch sakrale
Gebote und Verbote beschränkt, die an bestimmte Mißbräuche sakrale
Strafen, regelmäßig die Sakration (o. I 1), knüpften. Als mit der allgemei-
nen Verweltlichung diese Strafdrohungen ihre Wirksamkeit verlieren, tritt
die z e n so r i s c h e Sitten p r ü f u n g, das regimen morum (o. § 8 IV 4 ),
an ihre Stelle. Mißbrauch privater Rechte gilt als Sittenverstoß und wird
mit den zensorischen Zwangsmitteln wirksam bekämpft. Da hiernach dem
ius von Haus aus nur die Funktion zukommt, die Rechtsmacht zu vertei-
len, während die sozialen Pflichten von der Vätersitte (mores maiorum)
bestimmt werden, hat man zuzeiten dem römischen Recht den Gemein-
schaftsgeist absprechen wollen. Aber erstens sehen die Römer ihre Lebens-
ordnung als ein Ganzes (Leges moresque); und zweitens hat man den ius-
Begriff allmählich über die Gegenstände des privaten Rechtsstreits hinaus
auf mannigfache Pflichtbereiche erstreckt. Im Ergebnis betrifft das ius
wie unser heutiger Rechtsbegriff a 11 e Zweige der Rechtsordnung: das
ganze Privatrecht, aber auch das öffentliche Strafrecht und die gesamte
Ordnung des Staates mit seiner Verfassung und Verwaltung.
Vom Ge 1tun g s b er eich des römischen Rechts und von seinen
Schichten und Einteilungen soll bei der kommenden Periode ausführlich
gehandelt werden (u. §§ 30 ff.).

§ 14 Die Rechtsquellen
I. Wie bei allen frühzeitliehen Völkern ist auch bei den Römern das
älteste Recht Gewohnheitsrecht. Es lebt im Bewußtsein des Volks
unter der Obhut der Priesterschaft und wird im Rechtsstreit gefunden.
Dieses frühzeitliche Gewohnheitsrecht ist freilich vom modernen ver-
schieden. Während man heute zu seiner Entstehung verlangt, daß es sich
in fortgesetzter Ausübung allgemeine Anerkennung als Recht erworben
hat, denkt man es sich zu Anfang als dem Volk von vornherein mit-
gegeben; es kommt nur darauf an, es richtig zu erkennen. Auch schon
der erste Entscheid, der einen bestimmten Rechtsgedanken ausdrückt,
findet Recht, selbst wenn er später wieder aufgegeben wird.
64 I. Das bäuerliche Zeitalter

II. 1. Die ältesten Ein r ichtun g e n des Rechts sind die im Her-
kommen gefestigten Erscheinungsformen des Zusammenlebens der
Gemeinschaft. Dieses Recht fügt sich noch nicht zu einem System
zusammen, sondern ist der bloße Inbegriff dieser Einrichtungen, mit
denen das Volk lebt, und die man mehr oder minder vollkommen
aufeinander abzustimmen sucht. Dieses Recht ordnet das Leben der Ge-
sam tgemeinde; nicht nur der einzelnen Verbände (gentes usw.), obschon
sie im noch unentwickelten Staat zunächst größere Selbständigkeit genie-
ßen.
2. Das Recht und seine Einrichtungen werden als von Anbeginn
vorhanden betrachtet; man fragt nicht nach ihrer Herkunft. Der
Gedanke, daß Recht von Menschen geschaffen werden könne, ist noch
unbekannt. Dem widerstreitet scheinbar die römische Überlieferung,
die an die Spitze der Rechtsentwicklung Königsgesetze, Ieges regiae,
stellen will. Aber diese Berichte verdienen nur begrenzten Glauben.
Was uns davon hauptsächlich bei den Historikern überliefert wird,
läßt sich in zwei Hauptgruppen scheiden. a) Die eine versucht, die
elementaren Einrichtungen des Gemeinschaftslebens, wie Ehe,
väterliche Gewalt, Gentilverband, Komitien, Senat, als Schöpfung der
Könige hinzustellen. Diese Sätze sind frei erfunden in dem naiven Glau-
ben einer fortgeschrittenen Zeit, daß alles Recht auf Gesetzen beruhen
müsse, die man zur Hebung des geschichtlichen Ansehens namentlich den
ersten Königen Romulus und Numa Pompilius andichtet.- b) Zur ande-
ren Gruppe gehören s a k r a 1e Satzungen über Opfer, Begräbnisse
und sakrale Vergehen, die aber auch nicht durch Gesetze geschaffen, son-
dern aus der pontifikalen Praxis als Normen abstrahiert sein werden. Als
Quelle dieser angeblichen Gesetze wird eine Sammlung genannt, die ein
Pontifex maximus Papirius vor oder bald nach Vertreibung der Könige
angefertigt habe (ius Papirianum); doch ist die Überlieferung in manchem
fragwürdig. Immerhin scheint die Sammlung der unstreitig alten sakralen
Satzungen noch den klassischen Juristen vorgelegen zu haben.
III. 1. Wirkliche Gesetze (Ieges publicae), zu deren Wesen die
Mitwirkung der Volksversammlung gehört, sind in der Königszeit
vermutlich nur für konkrete Einzelfälle ergangen, wie die Iex de imperio,
die adrogatio, das testamenturn calatis comitiis (o. § 6 III). Diese
ältesten Gesetze sind mithin ebenso Fallrecht wie das älteste im Gericht
gefundene ius. Die Vorstellung, daß auch die Gesetze ius schaffen, wird
aber wohl erst möglich, seitdem man abstrakt gefaßte, also eine Mehrheit
gleichartiger Fälle regelnde Gesetze kennt. Den Anfang solcher
Normgesetze haben wir, vielleicht nach vereinzelten Vorläufern, haupt-
sächlich erst in den XII Tafeln zu sehen.
S14. Die Rechtsquellen 65

Lex gehört sprachlich zu legere, AiytLv und bedeutet das Sprechen der
Gesetzesformel als den rechtlichen Schöpfungsakt, zu dem dann, wenn-
gleich wohl nicht schon von Anfang an, die Annahme durch den Gegner
kommen muß. Dieser Sinn drückt sich im Begriff der lex publica aus,
mit der sich die Gesamtheit des Staatsvolkes unterwirft, ebenso wie in
dem der lex privata (lex contractus, Vertragsklausel), mit der sich der
einzelne vermöge seiner Privatautonomie durch Rechtsgeschäft bindet.
Den technischen Begriff der lex publica populi Romani haben die
Römer bis zum Ende der Prinzipatszeit auf solche Normen beschränkt,
die durch Befragung des V o 1k s ( rogatio legis) und seinen Beschluß
geschaffen wurden. Der Hergang der Gesetzgebung ist uns nur aus
späterer Zeit überliefert, er scheint aber in allem Wesentlichen auf alter
ungeschriebener Verfassungspraxis zu beruhen. Der Gesetzesantrag wird
vom zuständigen Magistrat (o. § 10 II) bei den Zenturiat-, später
häufiger den Tributkomitien eingebracht (legem ferre, rogare), sei es aus
eigenem Antrieb, sei es auf Anregung des Senats, vor dem der Antrag
regelmäßig vorberaten wird. Da der Senat hiermit und bei den Be-
schlüssen der Zenturiatkomitien außerdem durch die auctoritas patrum
(o. § 11 II 2) an der Gesetzgebung beteiligt ist, kommen die Gesetze
durch das Zusammenwirken aller drei staatlichen Machtträger zustande.
Der Entwurf wird öffentlich angeschlagen (prom11lgatio) und der Abstimmungstermin
festgesetzt. Während der mindestens dreiwöchigen Zwischenfrist wird der Entwurf,
der zwar widerruflich, aber nicht mehr abänderlich ist, in formlosen Volksversamm-
lungen (contiones) in Rede und Gegenrede beraten. Der antragstellende Magistrat führt
den Vorsitz und begründet den Antrag, dcxh konnte mit seiner Erlaubnis, wer wollte,
für oder wider den Antrag sprechen. Der Antrag bat Frageform: .velitis iubeatis
Quiritts .. . haec ita uti dixi vos Quiritts rogo•. In den Komitien, die der letzten contio
unmittelbar folgen konnten, wurde dann - nach Einholung der Auspizien - lediglich
abgestimmt, und zwar, wie wir sahen, nach den Gliederungen, den Zenturien oder
den Tribus (o. S 10 II, 2,3). Die Abstimmung (suffragium) war anfangs öffentlich, erst
seit der lex Gabinia von 139 v. Chr. geheim mit Abgabe des Stimmtäfelchens (tabella)
in die Urne (cista). Die Stimmen lauteten ja (VR = uti rogas) oder nein (A =
antiquo). Abänderung des Antrags war ausgeschlossen. Das beschlossene Gesetz wurde
durch einen Herold verkündet (rtnuntiatio), eine Ausfertigung im Archiv (aerarium)
aufbewahrt, eine andere meist auf hölzerner, später kupferner Tafel öffentlich aus-
gestellt. Benannt wird das Gesetz mit dem Gentilnamen des oder der Antragsteller;
Gesetze mit Doppelnamen weisen also auf Komitialgesetze (beantragt von den beiden
Konsuln) hin, solche mit Einzelnamen auf Plebiszite (u. IV). Der Text der Gesetze
beginnt mit der Einleitung über Antragsteller, Abstimmungstag usw., dann folgen im
Imperativ oder Konjunktiv die einzelnen Satzungen und am Schluß die sanctio legis,
Anordnungen über die Folgen der Verletzung des Gesetzes (Strafen, Unwirksamkeit
usw.). Dabei zeigt sich, daß die älteren Gesetze noch keine sanctio haben (leges
imperfectae), sondern ihre Verwirklichung dem Ermessen der Magistrate überlassen.
Erst spätere Gesetze drohen für Zuwiderhandlung eine Strafe an (leges minus q~~am
perfectae), noch jüngere, wohl erst seit der ausgehenden Republik, die Nichtigkeit des
verbotenen Geschäfts (leges perfectae).
5 6760 Kascr, Römisdte Rechugesdtidtte
66 I. Das bäuerliche Zeitalter

In seinem Inhalt strebt nur das XII-Tafelgesetz, das aber eine


Sonderstellung einnimmt, eine umfassende Regelung an (u. § 15). Die
meisten späteren Gesetze sind nur zur Lösung politischer Fragen
bestimmt; oft betreffen sie bloße Tagesfragen von rasch vorübergehender
Bedeutung. Gesetze über Gegenstände des Privatrechts und Zivilprozeß-
rechts sind an Zahl gering und behandeln nur engbegrenzte Teil-
probleme; im Bereich der Strafgerichtsbarkeit steht es damit nicht viel
anders. Wir kommen darauf zurück (u. § 15 V,§ 30 III 2d).
Aufgehoben oder abgeändert werden Gesetze wieder nur durch
Gesetze. Unpraktisch gewordene Leges geraten durch fortgesetzte Nicht-
anwendung außer Übung (in desuetudinem); das bedeutet aber nicht,
daß sie durch Gewohnheitsrecht völlig außer Kraft gesetzt werden.
2. Leges datae sind Gesetze, die zwar ohne Volksbeschluß, aber auf
Grund einer volksgesetzlich erteilten Ermächtigung vom Magistrat
erlassen werden. Zu ihnen gehören besonders die in der späteren
Republik geschaffenen Provinzial- und Gemeindeordnungen.
IV. Bei den Plebsbeschlüssen (plebiscita) war der Hergang der
Einbringung ähnlich, doch minder förmlich. Seit der Lex Hortensia
(o. § 9 111 4) ist ihre Wirkung der der Leges angeglichen. Die zahlreichen
Gesetze, die sich seitdem als Leges bezeichnen (und den Namen nur
eines Magistrats nennen), sind in Wahrheit Plebiszite.
V. Keine Gesetze sind die Senatsgutachten (senatus consulta),
obschon ihnen die Autorität des Senats praktisch ähnliches Gewicht
verleiht wie den Leges. Allgemeine Anordnungen enthielten sie offenbar
erst in der folgenden Periode (u. § 25 I 2b, § 30 111 2e). Bezeichnet
werden sie regelmäßig nach dem Namen des antragstellenden Magistrats.

§ 15 Die Zwölf Tafeln


Die XII Tafeln sind die älteste uns einigermaßen sicher greifbare
römische Rechtsquelle und zugleich eines der wichtigsten Rechtsdenk-
mäler überhaupt. Sie bedeuten bis in die Spätzeit den einzigen Versuch
der Römer, das gesamte Recht oder wenigstens eine Reihe wichtiger
Sätze aus den meisten Rechtsgebieten zusammenfassend aufzuzeichnen.
Obschon sie von erschöpfender Regelung weit entfernt sind, erschienen
sie den Späteren als fons omnis publici privatique iuris (Liv. 3, 34, 6).
Ihre privatrechtliehen und prozessualen Bestimmungen, die den übrigen
Inhalt an Umfang und Gewicht stark überwiegen, bilden den Kern
noch des klassischen ius civile (u. § 30 111 2b). Gegolten haben sie
formell, da sie nie ausdrücklich aufgehoben wurden, bis zum Corpus
iuris. Schon diese äußeren Anzeichen bezeugen ihre hohe Bedeutung.
S 15. Die Zwölf Tafeln 67

I. 1. Ihre Entstehung verdanken die XII Tafeln dem Ständekampf.


Solange die Magistrate als Träger der Gerichtsbarkeit und die Priester
als die einzigen sachverständigen Rechtskenner und Gutachter noch
ausschließlich Patrizier waren, drohte den Plebejern die mißbräuchliche
Handhabung des ungeschriebenen und damit willkürlicher Auffassung
freigegebenen Gewohnheitsrechts. Das Ziel des Gesetzes war demnach
die Sicherung des einzelnen Bürgers gegen Obergriffe der patrizischen
Machthaber, namentlich, wie auch der Inhalt erkennen läßt, in den
Bereichen des Privatrechts und Strafrechts und der dazugehörigen Ver-
fahren. Zu diesem Zweck, die Rechts g I eich h e i t sicherzustellen, die
die XII Tafeln mit ihren griechischen Vorbildern gemeinsam haben,
wird sich das Gesetz im wesentlich mit der Aufzeichnung der bisherigen
Rechtsgrundsätze begnügt haben. Doch sind einzelne Neuerungen, vor
allem solche, die den sozialen Schutzzweck verfolgen, nicht aus-
geschlossen.
2. Die römische 0 b er I i e f er u n g berichtet, der Volkstribun
C. Terentilius Arsa habe schqn 462 die Aufzeichnung des Rechts gefor-
dert.INach langem erbittertem Widerstand der Patrizier habe man drei
Bürger nach Athen geschickt, die die solonischen Gesetze abschreiben
und die Einrichtungen anderer griechischer Stadtstaaten erkunden
sollten. 452 habe man dann zehn Patrizier auf ein Jahr gewählt (decem-
viri legibus scribundis), die das Gesetz entwerfen, außerdem statt aller
Magistrate die oberste Staatsgewalt ausüben sollten (o. § 7 III). Sie
hätten zehn Tafeln verfaßt, die von den Komitien angenommen worden
seien. Im folgenden Jahr habe man nochmals zehn Männer gewählt,
darunter auch Plebejer, sie hätten zwei Nachtragstafeln entworfen, mit
unbilligem Inhalt, die nicht den Komitien vorgelegt worden seien.
Wegen verschiedener Verfassungsbrüche und Gewalttaten habe dann
ein Aufstand diese Dezemvirn beseitigt und die alte Verfassung wieder-
hergestellt. Schließlich habe man aber doch auch die letzten beiden
Tafeln in Kraft gesetzt.
Die Einzelheiten dieser vielfach unklaren und in sich widerspruchs-
vollen Oberlieferung sind großenteils Legende. Vor allem ist die Glaub-
würdigkeit der Gesandtschaft nach Athen bis heute umstritten.
Angebliche sachliche Entlehnungen aus dem solonischen Gesetz (Gai. D.
10, 1, 13; D. 47, 22, 4) mögen vielmehr auf dem Umweg über die unter-
italischen Griechenkolonien nach Rom gelangt sein. Daß die Anregung
zu dem umfassenden Gesetzgebungsakt selbst aus dem g riech i s c h e n
Umkreis nach Rom getragen wurde, ist dagegen höchst wahrscheinlich;
finden wir doch ähnliche Gesetzestafeln auch noch in anderen griechischen
Stadtstaaten. Aus der Stadt Gortyn auf Kreta sind uns Bruchstücke
solcher Tafeln aus dem 6./5. Jh. sogar inschriftlich erhalten und für
68 I. Das bäuerliche Zeitalter

den Vergleich mit dem XII-Tafelrecht und anderen frühen Rechten


bedeutsam. Auf den Inhalt der XII Tafeln haben derlei Vorbilder
freilich nur in Einzelheiten eingewirkt; der wesentliche Kern des
römischen Gesetzes ist unverfälscht römisch.
3. Glaubwürdig ist, daß das Gesetzeswerk von Dezemvirn um die
Mitte des 5. Jh. geschaffen wurde.
Dagegen ist fragwürdig, was über die Bestätigung durch die Komitien, und alles,
was über das zweite Dezemvirnkolleg überliefert ist. - Darüber hinaus hat man aber
um die letzte Jahrhundertwende sogar die XII-Tafelgesetzgebung als Ganzes ange-
zweifelt: Der italienische Historiker E. Pa i s nahm schichtweise Entstehung und Schluß-
redaktion erst um 312 an, der französische Jurist Ed. La m b er t leugnete sogar die
geschichtliche Wirklichkeit des Gesetzes überhaupt und wollte darin nur eine private
Sammlung alter Rechtsregeln aus der ersten Hälfte des 2. Jh. erkennen. Die heutige
Forschung lehnt jedoch diese hyperkritischen Vermutungen nahezu einmütig ab.
Zuzugeben ist, daß man am XII-Tafeltext, wie das auch bei anderen
alten Gesetzen vorkam, nachträglich einzelnes geändert, auch manches
hinzugefügt haben wird. Aber soviel steht fest, daß die Hauptmasse
der überlieferten Bestimmungen gerade diejenigen politischen, wirtschaft-
lichen und sozialen Verhältnisse voraussetzen, die im 5. Jh. bestanden
haben. Wenn beispielsweise der Verkauf des zahlungsunfähigen Schuld-
ners ins Ausland (zur Versklavung) als Verkauftrans Tiberim bezeichnet
wird, verweist dies in eine Zeit, in der der Tiber Roms Grenze war
(vor 395). Viele Einzelheiten, wie etwa die genauen Regeln über das
Nachbarrecht und die strengen Strafvorschriften gegen Feldfrevel,
gehören in eine noch überwiegend bäuerliche Wirtschaft.
II. über den Inhalt der XII Tafeln ist ein Urteil dadurch erschwert,
daß wir nicht sicher übersehen können, wieviel uns verlorengegangen
ist. Doch lassen die auf uns gekommenen Bruchstücke erkennen, daß der
Hauptanteil offenbar dem Privatrecht und seinem Verfahren zu-
kommt; daneben dem Strafrecht und seiner Gerichtsbarkeit und
zu einem kleinen Teil dem Polizeirech t. Auf allen diesen Rechts-
gebieten werden aber die Rechtsein r ichtun g e n als solche nicht wirk-
lieh geregelt, sondern als bestehend und bekannt vorausgesetzt. Das
Gesetz beschreibt z. B. weder die privatrechtliehen Formalakte (man-
cipatio, in iure cessio, sponsio usw.) noch die strafbaren Handlungen
noch die Akte des Prozeßverfahrens (legis actiones), sondern greift nur
mit einzelnen Normierungen in ihre Behandlung ein. Ebenso wird die
allgemeine Sakralordnung vorausgesetzt. Offensichtlich beschränkt sich
das Gesetz auf solche Einzelfragen, aus denen die meisten Streitfragen
zu entstehen pflegten, und läßt dabei den Schutzzweck deutlich hervor-
treten: Wo die Gefahr der Unterdrückung des sozial und wirtschaftlich
Schwachen am größten ist, da wird auch das Gesetz am ausführlichsten.
§ 15. Die Zwölf Tafeln 69

Andererseits handeln von den Einrichtungen der staatlichen Ver f a s-


sung nur wenige Sätze. In diesem hochpolitischen Bereich sollte, solange
die Gegensätze zwischen den beiden Ständen nicht ausgetragen waren,
der Gestaltungsfreiheit nicht durch gesetzliche Bindungen vorgegriffen
werden.
Für denprivatrech t 1ich e n Inhalt der XII Tafeln und ihre verfah-
rensrechtliche Regelung verweisen wir auf die Darstellungen des "Römi-
schen Privatrechts" (vgl. im Anhang das Schrifttum unter I 6) und be-
gnügen uns hier mit einer knappen übersieht.
1. Das Gesetzeswerk beginnt mit der gerichtlichen Verfolgung,
hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, für die privatrechtliehen An-
sprüche. Es stellt Einzelheiten über Ladung (dazu vgl. den Wortlaut,
u. III), Haftungsbefreiung und Versäumnisfolgen voran zu dem offen-
sichtlichen Zweck, den Schuldner vor Mißbrauch der Gläubigergewalt zu
schützen. Das gleiche Motiv beherrscht die Sätze über die Schuld-
v o 11 streck u n g, die trotz ihrer Härte den Schuldner durch Gerichts-
kontrolle, durch Lösungsfristen, durch Milderung der Schuldhaft (mit
genauen Einzelheiten über das Gewicht der Fesseln des Häftlings und
über den ihm zu gewährenden Unterhalt) und durch öffentliche Auf-
forderung zu seiner Auslösung vor den schlimmsten Folgen, Tötung oder
Versklavung, bewahren wollen.
2. Nur wenige Vorschriften regeln das Familien- und Erbrecht:
die nach wie vor fast unbeschränkte Hausgewalt des paterfamilias
(o. § 4 II 1), ferner die gesetzliche Erbfolge. Wer keine dem eigenen Haus-
verband angehörigen Erben hinterläßt, dessen Gut fällt an die nächsten
Seitenverwandten und in deren Ermangelung an die Gentilen (Si intestato
moritur, cui suus heres nec escit, adgnatus proximus familiam habeto; si
adgnatus nec escit, gentiles familiam habento). Ähnlich geregelt wird die
Vormundschaft über die unmündigen und die weiblichen Hinterbliebenen
sowie die Pflegschaft über den Geisteskranken. Daneben wird die letzt-
willige Verfügung über Nachlaßgegenstände durch Vermächtnis und die
letztwillige Ernennung eines Vormunds anerkannt (Uti legassit super
pec•mia tutelave suae rei, ita ius esto).
3. Auch die Sachgüterordnung wird nur in spärlichen knappen
Sätzen berührt: über die Wirkung der formalen Erwerbsakte (cum nexum
faciet mancipiumque, uti lingua nuncupassit, ita ius esto), über die Er-
sitzung (usus auctoritas fundi biennium, ceterarum rerum annus esto)
und über die Samverfolgung (rei vindicatio). Ausführlicher handelt das
Gesetz jedoch vom Nachbarrecht, und zwar vom ländlichen- wie bei
Grenzstreit, Wegerecht, Überhang, Oberwuchs, Oberfall und Ableitung
des Regenwassers, aber auch vom städtischen, wie beim Einbau fremder
Balken und beim Zwischenrain zwischen den Häusern.
70 I. Das bäuerliche Zeitalter

4. Viel reichhaltiger wird die Satzung beim Recht der Privat-


delikte, die im Zivilprozeß verfolgbar sind. Für die meisten sieht das
Gesetz eine Sühneleistung (poena) in Geld vor, die bald in fester Höhe
bestimmt, bald durch den einfachen oder vielfachen Wert des verletzten
Gutes berechnet ist. Auch diese Bußsätze bezwecken den Schutz des
Haftenden, weil das_ Gesetz ihm zusichert, daß er durch Bezahlung der
Buße vor dem ihm drohenden vergeltenden Zugriff des Verletzten
bewahrt wird. Nur bei den schwersten Privatdelikten geht das Rache-
recht weiter. Bei der Verstümmelung (membrum ruptum) droht dem
Täter die Vergeltung mit der gleichen Verletzung, die er dem anderen
zugefügt hat ( talio ), eine Folge, die wir in den meisten jugendlichen
Rechten, aum im biblischen, antreffen ("Auge um Auge, Zahn um
Zahn ... "'). Doch ist in den XII Tafeln auch diese Folge wohl schon
eine Milderung gegenüber dem ursprünglichen Tötungsrecht und tritt
nur ein, wenn die Parteien nicht doch noch einen Sühnevergleich
schließen. Knochenbruch (os /ractum) wird, wenn dem Freien zugefügt,
mit 300 As, wenn dem Sklaven, mit 150 As gesühnt; die iniuria, also
Persönlichkeitsverletzung schlechthin (o. § 13 I 1a), mit 25 As.
Bezeichnend für die bäuerliche Ordnung ist es, daß der schwere
Diebs t a h 1 strenger bestraft wird als die Körperverletzung. Den nächt-
lichen Dieb und den, der sich mit der Waffe verteidigt, darf der
Betroffene sofort töten und muß dann nur durch ein "Gerüft"' (endo-
plorare = implorare ), wie es auch den germanischen Rechten bekannt
ist, die Nachbarn herbeiholen, um vor ihnen die Rechtmäßigkeit der
Tötung festzustellen. Im übrigen wird, wie im germanischen und grie-
chischen Recht, zwischen dem offenkundigen ("handhaften") und dem
sonstigen Dieb unterschieden. Den Dieb, dessen Tat ohne Beweisführung
zutage liegt (/ur manifestus), darf der Verletzte nach Zuweisung ( addictio)
durch den Gerichtsherrn, gleichfalls nach Aufruf der Nachbarzeugen,
töten. Das furtum nec manifestum wird dagegen durch eine bloße Buß-
zahlung im doppelten Wert des Diebsgutes gesühnt. Als offenkundiger
Dieb gilt auch derjenige, dessen Tat durch eine förmliche Haus-
such u n g festgestellt worden ist, wie sie sich gleichfalls in den
meisten anderen frühzeitliehen Rechten findet. Dabei muß der Verletzte
das Haus des der Tat Verdächtigen nackt und nur mit einer Schüssel
und einem Strick (lance et licio, nach uraltem Stabreim) betreten; doch
ist der Sinn dieser Requisiten nicht mehr sicher erklärbar. Daneben
stehen noch zahlreiche, oft sehr kasuistisch gefaßte Deliktstatbestände,
darunter Zinswucher und verschiedene Beschädigungen von Vermögens-
gütern.
Wohl als private Straftaten galten auch nächtlicher Feldfrevel, Brand-
stiftung und Saatzauber, weiter Richterbestechung und falsches Zeugnis.
§ 15. Die Zwölf Tafeln 71

Auf den urtümlichen Zauberglauben, das Beschwören der magischen


Kräfte, an deren Wirken die primitiven Menschen glauben, ehe sie zur
Vorstellung persönlicher Gottheiten fortschreiten, weist noch die Schädi-
gung durch böse Zaubersprüche hin ( qui malum carmen incantassit), das
Besprechen der Feldfrucht auf dem Halm (qui /ruges excantassit) und
das Herüberzaubern der Fruchtbarkeit vom Nachbarfeld auf das eigene
(neve alienam segetem pellexeris).
5. Das Verbrechen der Tötung des Freien (parricidium, o. § 6 I 3c)
war zunächst der Blutrache der nächsten Angehörigen überlassen. Dabei
hat schon ein angebliches Königsgesetz den Mord auf die Absichtstat
beschränkt (si qui hominem liberum dolo sciens morti duit, paricidas esto).
Für den Gegenfall, daß "die Waffe der Hand mehr entflohen als
geworfen" ist (si telum manu /ugit magis quam iecit), gestattet ein den
XII Tafeln zugeschriebener, vielleicht schon älterer Satz die Befreiung des
Täters dadurch, daß an seiner Stelle ein Widder ("Sündenbock") der Sippe
des Verletzten hingegeben wird. Außerdem verlangt man bereits auf
dieser Stufe für die Blutrache, daß die Tat zuvor gerichtlich (unter Mit-
wirkung von quaestores parricidii, dazu u. § 29 III 2) festgestellt werde:
Wer einen Nichtverurteilten tötet, wird selbst als Mörder behandelt.
6. Für das Staatsverbrechen (perduellio, o. § 6 I 3c) blieb es
bei der öffentlichen Verfolgung. Auf diese Taten mögen sich die
XII-Tafelsätze beziehen, wonach Sondergesetze gegen einen einzelnen
nicht eingebracht werden dürfen ( privilegia ne inroganto ), und daß über
den Kopf des Bürgers nur die Zenturiatkomitien (centuriatus maximus)
entscheiden dürfen; das richtet sich wohl gegen die im Ständekampf ein-
gesetzen Revolutionstribunale.
7. Einige Bestimmungen p o 1i z eire c h t 1ich e n Charakters regeln
die Bestattung (außerhalb der Stadtmauern) im sanitären, die Begräbnis-
feier (durch Verbot übermäßiger Trauer und übertriebenen Aufwandes)
im sozialen und wirtschaftlichen Interesse.
Im ganzen zeigt das XII-Tafelrecht mit anderen Rechten auf jugend-
licher Stufe in charakteristischen Einzelheiten noch viel mehr Überein-
stimmungen als das entwickelte römische Recht der späteren Zeit. Dabei
lassen sich gemeinsame Züge nicht nur mit den stammesverwandten
Rechten der Griechen und Germanen, sondern auch mit orientalischen
Rechten wiederfinden. In der juristischen Technik beweist die Ka-
suistik, also die Aneinanderreihung begrenzter Tatbestände, daß die
Methode der Abstraktion zwar bereits bekannt, aber noch nicht bis zur
Bildung von Allgemeinbegriffen entwickelt ist.
III. Die Fassung der Sätze beweist noch das unbeholfene Ringen mit
der ungelenken Sprache bei dem Versuch, das juristisch Wesentliche klar
72 I. Das bäuerliche Zeitalter

und scharf herauszuarbeiten. Kennzeichnend die lapidare und eindrucks-


volle Kürze, unter der freilich für den heutigen Betrachter das Verständ-
nis des Sinnzusammenhangs nicht selten leidet.
Das zeige als Beispiel der Anfang der ersten Tafel, der von der Ladung im Privat-
prozeß handelt. Die Sprache ist zwar bei den Schriftstellern, die uns diese Sitze über-
liefern, bereits stark modernisiert, läßt aber doch die Gedankenfassung und die Aus-
drucksform offenbar unverfälscht erkennen. 1. Si in ius tJocat [ito], ni it anttstamino:
igitur tm capito. 2. Si caltJitur ptdtmtJt struit, manum tndo iacito. 3. Si morbus attJitawt
[tJitium] tscit, iumtntum dato. Si noltt, arctram nt sternito. - • Wenn einer den
anderen vor Gericht lädt, und der nicht geht, soll jener Zeugen zuziehen. Dann soll
er ihn ergreifen. Wenn er zögert oder fliehen will, soll er ihm (förmlich) die Hand
anlegen. Wenn er krank oder altersschwach ist, soll er ihm ein Zugtier geben. Einen
Wagen braucht er, wenn er nicht will, ihm nicht zu geben.• Man beachte den altertüm-
lichen Stil mit dem häufigen Subjektswechsel und die Ausführlichkeit, wo es um den
Schutz des hilfsbedürftigen Schuldners geht.

Ober die S t o ff a n o r d nun g sind wir, von wenigen Einzelbei ten


abgesehen, nicht unterrichtet. Auch aus dem Kommentar des Gaius aus
klassischer Zeit, von dem wir einige Bruchstücke in den Digesten
besitzen, sind keine sicheren Schlüsse möglich. Da der Text auf die Tafeln
vielleicht fortlaufend geschrieben wurde, ist nicht einmal anzunehmen,
daß den einzelnen Tafeln abgeschlossene Stücke zugewiesen wurden. Auf
keinen Fall ist anzunehmen, daß die Dezemvirn den Stoff bereits plan-
mäßig nach rechtsdogmatischen Gesichtspunkten geordnet haben; war
doch die Fähigkeit zu systematischem Denken jener geistig ungeschulten
Zeit sicher noch völlig fremd. Am ehesten wird man die Gegenstände
so aneinandergereiht haben, wie es sich aus ihrer sachlichen Ass o z i a-
t i o n ergab, also indem man sich von einem Gegenstand zum anderen
weiterführen ließ.
IV. Unsere Kenntnis der XII-Tafelsätze beschränkt sich auf die
Stücke, die uns von späteren Schriftstellern, also außer bei den klassischen
Juristen etwa bei Cicero, Gellius, Festus u. a., überliefert sind; teils mit
ihrem (sprachlich verjüngten) Wortlaut, teils als bloßer Inhaltsbericht.
Die ursprünglichen Tafeln wurden angeblich beim gallischen Brand (387)
vernichtet, auch wohl nicht erneuert; doch lebte der Text in der litera-
rischen Oberlieferung fort und wurde noch zu Ciceros Zeit in den Schulen
auswendig gelernt. Dabei wurde die Sprache abgeschliffen und dem Zeit-
verständnis angepaßt. Aber auch sachliche Veränderungen, besonders
Zusätze, mit denen man gefestigten Rechtssätzen durch ihre Zurück-
führung auf die XII Tafeln ein gehobenes Ansehen geben wollte, sind
nicht ausgeschlossen. Kommentare schrieben zur Zeit des Augustus Labeo,
im 2. Jh. n. Chr. Gaius (u. § 41 II, § 42 111 2).
Eine Rekonstruktion, wenigstens eine Verteilung der erhaltenen
Stücke auf die verschiedenen Tafeln, wurde mehrfach versucht, im 19. Jh.
§ 15. Die Zwölf Tafeln 73

hauptsächlich von Dirksen und Schoell, nach deren Vorbild herkömm-


licherweise zitiert wird 1• Doch sind diese Zuweisungen großenteils frag-
würdig, zuweilen sicher unrichtig, so daß sich nur ein sehr unvoll-
kommenes Bild gewinnen läßt.
V. Die Weiteren t w i c k I u n g des Rechts, besonders die Fortbildung
der in den XII Tafeln niedergelegten Grundsätze, lag bis gegen 300
noch in den Händen der Priester. In ihrer Rolle als Kenner und Hüter
des Rechts waren sie auch zur Auslegung des Gesetzes berufen und dabei
bestrebt, es dem Fortschritt der Bedürfnisse anzupassen (u. § 30 111 2c).
Die Gesetzgebung selbst hat dagegen nur noch vereinzelt in die von den
XII Tafeln geregelten Gegenstände eingegriffen. Die wichtigsten Gesetze
aus dieser Zeit sind eine Lex Poetelia (Papiria) von 326, die die Fesselung
der Schuldknechte verbot, und die Lex Aquilia, ein Plebiszit von 286 mit
einer Bußhaftung aus widerrechtlicher Tötung fremder Sklaven und
Nutztiere sowie aus bestimmten anderen Vermögensschädigungen. Wir
betrachten das weitere Schicksal des Rechts im Zusammenhang mit der
großen und in sich einheitlichen Entwicklung, die zu den Gipfeln des
klassischen Zeitalters hinaufführt (u. §§ 30 ff.).
1 Vgl. B r uns-Graden w i tz, Fontes 7 (im Anhang: Schrifttum I 8a), Bd. I S. 15 ff.;
Fontes iuris Romani antejustiniani 1 (ebenda) Bd. I S. 21 ff.
ZWEITER TEIL

Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft


Von der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr.
bis zum Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr.

§ 16 Kennzeichnung. Oberlieferung
I. 1. Wir haben das altrömische Zeitalter als ein bäuerliches gekenn-
zeichnet. Darin lag nicht nur ein Hinweis auf die wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, sondern zugleich eine Aussage über
den Gesamtcharakter der Lebensform des römischen Volkes in dieser
Periode. Die Merkmale der altrömischen Gemeinschaft zeigen, wie es
bäuerlichem Wesen entspricht, das Streben nach Stetigkeit und Beharrung.
Die Einzelpersönlichkeit geht in den auf dauernden Bestand gerichteten
Verbänden wie Familie, Sippe und Staat noch auf. Die von den Vor-
fahren übernommenen Grundsätze des religiösen, sittlichen und recht-
lichen Lebens werden streng festgehalten, Neuerungen nur nach bedäch-
tigem Zögern und nur dort vollzogen, wo ein offenkundiges Bedürfnis
nach ihnen verlangt. In der gesellschaftlichen und politischen Ordnung
strebt man nach einem gesunden Gleichgewicht der staatstragenden
Kräfte. In der Wirtschaft verbleibt neben dem stetig aufblühenden
Handwerk und Handel das Schwergewicht bei Landbau und Viehzucht,
die das Dasein des Volks aus eigenen Mitteln sichern. Diese Charakter-
züge bleiben für das Gesamtbild trotz der geschilderten inneren und
äußeren Veränderungen bis ins 3. Jh. bestimmend. Denn der auf allen
Gebieten beobachtete Fortschritt bedeutet gleichsam nur ein natürliches
Wachstum aus den bisherigen Kraftquellen.
Schon im Ausgang der altrömischen Periode werden jedoch diese
Bestrebungen von andersartigen Kräften, die sich auf neue Ziele
richten, zurückgedrängt und abgelenkt. Sie setzen sich im Lauf des 3. Jh.
machtvoll durch und leiten damit den Beginn eines neuen Zeitalters ein.
An die Stelle der bisherigen Beharrungstendenzen treten Kräfte, die
einen Wandel des römischen Menschen in seinem Verhältnis zu den
gesamten Daseinsgrundlagen herbeiführen und damit auf alle Erschei-
nungsformen des kulturellen und politischen, wirtschaftlichen und gesell-
schaftlichen Lebens von Grund aus umgestaltend einwirken. Sie lösen auf
S 16. Kennzeichnung. Oberlieferung 75

allen Gebieten eine kräftige Aufwärtsentwicklung aus, die im Zeitalter


des Prinzipats ihren Höhepunkt erreicht, aber zugleich ihre eigenen
Schöpfungskräfte aufzehrt und damit den späteren Niedergang vor-
bereitet.
2. Die Wandlung, die zu unserem Zeitalter führt, hat vielfältige Ur-
sachen. Ein starker Anstoß geht zunächst von der äußeren Macht-
e n t f a 1tun g aus. Schon am Ende unserer ersten Periode ist Rom durch
seine Herrschaft über Italien in die Reihe der antiken Großmächte auf-
gestiegen. Es tritt damit in Wettstreit mit der anderen Großmacht im
westlichen Mittelmeerraum Karthago. Die Auseinandersetzung mit ihr
in den beiden ersten Punischen Kriegen in der zweiten Hälfte des 3. Jh.
wird zwar weniger vom Streben nach Machtvergrößerung als nach
Erhaltung und Sicherung des eigenen Besitzes bestimmt, bringt aber den
Römern gleichwohl zuerst Sizilien und Sardinien, dann Spanien und die
Vorherrschaft in Nordafrika ein. Ist damit die Westhälfte des Mittel-
meergebietes der römischen Gewalt unterworfen, so stellen die Kriege,
die Rom im 2. und 1. Jh. mit anderen Großmächten, namentlich
Makedonien, Syrien, Agypten, führt, auch den gesamten Ostbereich bis
Armenien und Mesopotamien unter seine Botmäßigkeit. An ihrem Ende
hat Rom im Lauf zweier Jahrhunderte eine militärische und politische
Machtstellung errungen, die im Bereich der alten Welt nicht nur keinen
ebenbürtigen Gegner mehr findet, sondern bereits das gesamte Gebiet
des antiken Kulturkreises umspannt. Das römische Reich und der Erd-
kreis des antiken Weltbildes sind eins geworden.
Mit dieser ungeheuren Machtsteigerung verbindet sich auch eine
innere Wandlung des römischen Menschen. Sie ist gekennzeichnet vom
Erwachen des Gefühls für die individuelle Pers ö n 1ich k e i t, die ihre
Eigenart zu erkennen beginnt. Diese Einsicht verdankt sie nicht nur dem
äußeren Geschehen, also dem vom Machterwerb getragenen Bewußt-
werden der eigenen geschichtlichen Sendung, sondern vor allem auch der
Begegnung mit dem Geist des Griechentums. Zwar war in dieser Zeit
die Hochkultur des griechischen Mutterlandes schon längst verfallen, wie
auch die hellenische Freiheit der makedonischen Eroberung zum Opfer
gefallen war (seit der Schlacht bei Chaeronea, 338 v. Chr.). Aber die
vom Griechentum hervorgebrachten geistigen Werte feierten eine Nach-
blüte im He 11 e n i s m u s, jener Spätkultur, in der die griechischen
Geistesschöpfungen auf dem fremden Boden der Nachfolgestaaten des
großen Alexanderreiches in den östlichen Randgebieten des Mittelmeeres
sich mit den dort einheimischen orientalischen Elementen vermischen und
das gesamte geistige Leben durchdringen. Zwar hat die Berührung Roms
mit dem Griechentum durch die Handelsbeziehungen zu den unter-
italischen Griechenkolonien schon lange bestanden. Den Reifezustand
76 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

aber, dessen es zu einer fruchtbaren Begegnung mit der griechischen


Geisteswelt bedarf, erreicht das römische Volk erst in dieser Zeit, als
es die Länder, in denen der Hellenismus heimisch ist, unter seine Macht
zwingt. Die Einwirkung, die in Rom jetzt einen aufnahmebereiten Boden
findet, hat indes das fremde Kulturelement nicht einfach rezipiert, son-
dern die in den Römern selbst lebendigen, noch unentwickelten Kräfte
freigemacht und damit die römische Eigenart erst zu voller Ent-
faltung gebracht. Die römische Kultur dieses Zeitalters ist trotz der
Einschmelzung zahlreicher fremder Kulturelemente in ihren wesentlichen
Zügen nicht hellenistisch, sondern spezifisch römisch. Dies gilt in beson-
derem Maße, wie sich noch zeigen wird, von der römischen Rechts-
kultur.
Daß die gewaltige Ausbreitung der römischen Herrschaft tiefgreifende
Veränderungen auch in der W i r ts c h a ft und Ge s e 11 s c h a ft nach sidt
zieht, liegt auf der Hand; ebenso, daß alle diese Erscheinungen auch
einen Wandel in den Formen des staatlichen Lebens erforderlich
machen. Diese Umwälzungen bilden den Gegenstand unserer weiteren
Betrachtung.
3. Oberblicken wir die Periode dieser Neugestaltung im ganzen, so
zeigt sich eine deutliche Gliederung in zwei Te i I p er i o den, die sidt
zueinander verhalten wie Vorbereitung und Verwirklichung.
Die beiden ersten Jahrhunderte (Mitte des 3. bis 2. Hälfte des 1. Jh.
v. Chr.) sind ausgefüllt nach außen hin von den großen Eroberungen,
nach innen von der Oberwindung der altrömischen Lebens- und Denk-
formen durch die des neuen Zeitalters. Mit dem Ende des letzten Jahr-
hunderts v. Chr. ist dieses Ringen abgeschlossen. Das Römerturn hat
im Prinzipat des Augustus seine neue innere und äußere Gestalt
gefunden, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung
weiter durchgeformt wird, wenngleich auch hier allmählich wieder die
Zeichen einer Rückbildung sichtbar werden.
Das erwähnte Verhältnis von Obergang und Vollendung zeigt sich
uns einmal im Schicksal des Staates, indem die Re p u b I i k, die mit
ihrer stadtstaatliehen Struktur den Anforderungen der Großmacht nicht
mehr genügen kann, abgelöst wird von der formell gemäßigten
Monarchie des Augustus und seiner Nachfolger. Das gleiche Verhält-
nis offenbart sidt aber auch in der Entwicklung des Rechts: Nach den
vorbereitenden Jahrhunderten der vorklassischen Teilperiode, in der
die juristische Begabung der Römer aus den sidt durchringenden Trieb-
kräften allmählich zu vollem Leben erwacht, setzt unter Augustus die
Blütezeit der Klassik ein, die freilich im 3. Jh. n. Chr. mit einem
allmählichen Versiegen der Schöpfungskraft wieder zum Abstieg
überleitet.
S 16. Kennzeidmung. Oberlieferung 77

II. Werfen wir noch einen Blick auf die Quellen, aus denen wir
unsere Kenntnis dieses großen Zeitalters schöpfen, so dürfen wir uns hier
auf die allgemeine Geschichtsüberlieferung beschränken, da von den
spezifischen Rechtsquellen im II. Abschnitt noch genauer zu handeln
sein wird.
1. Die wichtigste zusammenhängende Unterrichtung über die politische
Entwicklung und ihre Grundlagen empfangen wir aus den Werken der
Historiker, also für die ältere Zeit hauptsächlich aus Polybios, Livius
und Diodor, für die des Prinzipats aus Tacitus, Cassius Dio und den
Scriptores historiae Augustae. Diese Werke sind freilich von ganz unter-
schiedlicher Zuverlässigkeit und uns außerdem sämtlich nur in - wenn
auch großen- Bruchstücken für einzelne Zeitabschnitte erhalten, so daß
uns manche wichtigen Zwischenstücke fehlen. Am besten unterrichtet
sind wir über die weltgeschichtlich und zugleich staatsrechtlich besonders
bedeutsame Zeit der ausgehenden Republik und des frühen Prinzipats,
weil wir für diesen Zeitabschnitt über die Werke des Caesar, Cicero,
Sallust, Tacitus und anderer verfügen, die aus der unmittelbaren An-
schauung der Zeit geschöpft sind. Von diesen Werken sind die Reden
und die philosophischen und rhetorischen Schriften Ciceros für die
Staats- wie überhaupt für die Rechtsgeschichte besonders ergiebig.
2. Neben diesem literarischen steht ein vielseitiges ur kund 1ich es
Material, das uns unmittelbar über die staatlichen Verhältnisse und
Vorgänge Aufschluß gibt. Wir besitzen eine Reihe von Inschriften
auf Kupfer und Stein, teils aus Rom, teils aus allen Teilen des Welt-
reichs, die uns bald mehr, bald weniger ausführlich über Einzelheiten des
staatlichen Lebens unterrichten. Am wertvollsten sind für uns solche
Inschriften, die unmittelbar den Wortlaut von Gesetzen, Senatsbeschlüs-
sen und anderen Quellen des gesetzten Rechts mitteilen; doch können
auch Inschriften nichtjuristischen Charakters wie Ehrentafeln, Grab-
steine, Grenzzeichen usw. manche für das Rechtsleben bedeutsame Auf-
schlüsse bieten. Urkunden auf vergänglicheren Materialien sind uns
dagegen im allgemeinen nur in seltenen Ausnahmefällen erhalten
geblieben; so mitWachs überzogeneHolztäfelchen, derenSchriftteilweise
noch lesbar ist, über privatrechtliche Vorgänge in Pompeji und Her-
kulaneum sowie in einem Goldbergwerk in Siebenbürgen. Ein überaus
reiches und vielseitiges Material liefern jedoch die ägyptischen Papyri,
die unter den günstigen klimatischen Bedingungen des Landes vor der
Verwesung verschont geblieben sind. Von ihrer hohen Bedeutung für die
Erkenntnis des Rechtslebens wird noch zu handeln sein (u. § 35 II 2).
Für die allgemeine staatliche Entwicklung der Zeit seit der Einverleibung
.i\gyptens in das römische Weltreich sind sie deshalb besonders auf-
78 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

schlußreich, weil sie das von den Historikern für die Verhältnisse der
römischen Hauptstadt entworfene Bild durch eine Beleuchtung der pro-
vinziellen Einrichtungen und Zustände ergänzen und teilweise nicht
unerheblich berichtigen.

I. Abschnitt

"olk tund Staat


A. Die jüngere Republik

§ 17 Der Niedergang des Bauerntums


Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Verfall der bäuerlichen
Lebensordung, die das Wesen des altrömischen Sozialgefüges bestimmt
hatte, hängt mit der Ausbreitung der römischen Herrschaft ebenso wie
mit den erwähnten geistigen Wandlungen eng zusammen.
I. Schon im Ausgang der altrömischen Periode hat sich mit dem
patrizisch-plebejischen Amtsadel, der Nobilität, eine neue Oberschicht
gebildet, die, gestützt auf ihren reichen Bodenbesitz, die römische Politik
in Magistratur und Senat beherrscht. Diese Großgrundbesitzer sind dem
Bauerntum längst entfremdet und an städtische Lebensformen mit ihren
wachsenden Ansprüchen und ihrem steigenden Kapitalaufwand gewöhnt.
Um ihre Geldeinnahmen zu erhöhen, trachten sie, ihren Landbesitz
weiter zu vermehren, wofür ihnen zwei Wege offenstehen.
1. Einen Zuerwerb des im privaten Eigentum stehenden Boden-
besitzes erstreben sie auf Kosten der vor allem durch Kriegsdienst
geschwächten Kleinbauern, indem sie sie auskaufen oder ihnen unter
wucherischen Bedingungen Kredit gewähren und sodann mit Hilfe der
sehr harten Personalexekution ihre Habe nehmen.
2. Ein sehr viel größerer Landerwerb eröffnet sich ihnen jedoch mit
der Ergreifung ungenutzten Staats Ia n des. Das eroberte Feindesland
fiel als Beute dem römischen Staat zu (ager publicus) und wurde
zunächst, soweit es nicht den bisherigen Bewohnern zurückgegeben
wurde, den römischen Bürgern teils als Eigentum zugeteilt, teils (von
den Zensoren) verpachtet. Mit der starken. Zunahme der italischen
Eroberungen blieb jedoch ein großer Teil des Staatslandes unverteilt und
wurde dann den Bürgern und Bundesgenossen zur Besitznahme frei-
gegeben. Dieser ager occupatorius, meist Brachland, das erst gerodet
werden mußte, blieb Staatseigentum, doch erhielt der Okkupant daran
den Besitz ( possessio) und damit die volle vererbliche und veräußerliche
S17. Der Niedergang des Bauerntums 79

Nutzung. Ein Bodenzins wurde vom Staat in der Regel offenbar erst
dann erhoben, wenn der Boden ertragsfähig geworden war. Der Staat
behielt das Recht, das Land einzuziehen, machte davon aber nur selten
Gebrauch. Da jedoch die Bewirtschaftung dieses Landes nur Kapital-
kräftigen möglich war, kam die Okkupation wieder nur der ObersdUcht
zugute, die sich damit riesiger Ländereien bemächtigte.
Dieser ungeheure Bodenbesitz, der teils als privates Eigentum, teils als
possessio von Staatsland einer kleinen Gruppe von Großkapitalisten
zustand, war, volkswirtschaftlich gesehen, schädlich; lehrt doch ein
elementarer Erfahrungssatz, daß in der Landwirtschaft der Klein- und
Mittelbetrieb die günstigste Wirtschaftsform ist, weil er zwar ein Höchst-
maß von Intensität in der Bewirtschaftung fordert, aber bei ihrem
Einsatz den höchsten möglichen Ertrag verspricht. In der Tat verfielen
große Stücke dieser "La t i fundien" durch mangelnde Ausnutzung der
Bodenkräfte als Brachland; beispielsweise östlich von Rom ein ehemals
reiches Kornland, das nach seinem Verfall die "pontinischen Sümpfe"
bildete und erst neuerdings mit den Mitteln der modernen Technik
wieder fruchtbar gemacht werden konnte. In der Hauptsache ging
man an Stelle der vormals üblichen bäuerlichen Wirtsc:haftsweise, die
auf Erhaltung und organische Entwicklung des Besitzes gerichtet war,
zu k a p i t a l i s t i scher Bewirtschaftung über, indem man als einziges
Ziel den Gewinn einer möglichst hohen Bodenrente verfolgte. Nach dem
Vorbild des von den Karthagern erlernten Plantagensystems sollte mit
einem Mindestaufwand ein möglichst hoher Geldgewinn erreicht werden.
Und da der Hauptaufwand in der Antike, die noch keine Maschinen
kannte, in der menschlichen Arbeitskraft lag, ersetzte man die bisherigen
freien und hörigen Pächter und Lohnarbeiter durch Sklaven, denen man
die härtesten Lebensbedingungen vorschreiben konnte. Die vertriebene
Landbevölkerung strömte dann nach der römischen Hauptstadt, wo sie
alsbald der Proletarisierung anheimfiel.
Aber auch die bisher bevorzugte Art der Bodennutzung, der Getreide-
bau, versprach nicht mehr den angestrebten Geldertrag, seitdem der
Oberseehandel die Einfuhr viel billigeren Getreides ermöglichte. Das
damals (anders als heute) noch besonders fruchtbare Sizilien und später
Agypten wurden die Kornkammern Roms. Die italische Landwirt-
schaft wurde dagegen teils auf Viehzucht für die Fleisch- und Wolle-
gewinnung, teils auf Wein- und ölbau umgestellt. Nur ein geringer Teil
von Mittel- und Kleirtbetrieben, der dieser Entwicklung standzuhalten
vermochte, verblieb noch beim altbewährten Getreidebau.
Im ganzen findet man mithin den Hauptbestand des ursprünglichen
Bauerntums zerschlagen, das italische Hinterland durch Landflucht ent-
völkert, die Hauptstadt selbst, deren Bevölkerung auf 300 000-400 000
80 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft:

Köpfe anwächst, von einem besitzlosen Proletariat bäuerlicher Herkunft


überflutet und in der Versorgung von der überseeischen Getreideeinfuhr
abhängig.
II.l. An staatlichen Maßnahmen zur Rettung der italischen Bauern-
wirtschaft hat es nicht völlig gefehlt; doch beschränken sie sich auf Ein-
griffe in das im Besitz der Großgrundbesitzer stehende Staatsland, da
man an ihr Privateigentum nicht zu rühren wagt. Angeblich schon eine
Iex Licinia Sextia von 367, in Wahrheit wohl erst ein Gesetz aus dem
Anfang des 2. jh., soll eine Einschränkung des Okkupationsbesitzes auf
500 iugera (= Morgen; rund 125 Hektar) versucht, außerdem die
Nutzung des staatlichen Weidelandes auf 100 Stück Groß- oder
500 Stück Kleinvieh beschränkt sowie die Haltung freier Arbeiter neben
den unfreien angeordnet haben. Doch sind Überlieferung und Erfolg
dieser Maßnahmen fraglich.
2. Einen einschneidenden Eingriff und damit einen denkwürdigen
Versuch zur Erneuerung des italischen Bauerntums bringt erst die
Bodenreform des Tiberius Sempronius Gracchus, die er 133
als Volkstribun gegen den schärfsten Widerstand der Nobilität durch-
setzt. Auf Grund des erwähnten Gesetzes (angeblich von 367) soll
niemand mehr als 500 iugera Okkupationsland behalten, für einen oder
zwei Söhne gegebenenfalls weitere 250 oder 500 iugera; der Mehrbesitz
soll eingezogen, in Hufen zu 30 iugera verteilt und landlos gewordenen
Bürgern in unveräußerlidte Erbpadtt gegeben werden. Nadtdem Tib.
Gracdtus einen interzedierenden Tribunen auf Grund eines Sonder-
gesetzes hatte absetzen lassen, wurde er bei einem von senatorischen
Kreisen angezettelten Gewaltakt erschlagen. Die Durchführung des
Gesetzes, die später ins Stocken geriet, wurde 123 von seinem Bruder
Gaius Sempronius Gracchus in erweiterter Gestalt wieder auf-
genommen. Die Neubesitzer erhielten privates, aber zinspflichtiges Eigen-
tum (ager privatus vectigalisque ). Außerdem wurden neue Kolonien in
Italien und auf dem Boden des zerstörten Karthago gegründet. Aber
auch C. Gracchus, der die Vorherrschaft des Senats auch noch mit anderen
Gesetzen brechen wollte (u. § 22 II 1), wurde von seinen Gegnern getötet.
Mehrere Ackergesetze (Ieges agrariae) zwischen 122 und 111, von
denen uns das von 111 in großen Bruchstücken inschriftlich erhalten ist 1
(vielleicht eine Iex Thoria), hoben die Zinspflicht auf und machten den
Boden frei veräußerlich, so daß er wieder den Spekulationsbestrebungen
der wirtschaftlich Mächtigen ausgeliefert wurde. Auch die Altbesitzer,
also die Okkupanten, erhielten innerhalb des gesetzlichen Rahmens

1 Vgl. B r uns-Graden w i t z, Fontes 7 (im Anhang: Schrifttum I 8a), Bd. I S. 73 ff.;


Fontes iuris Romanis antejwt. 1 (ebenda) Bd. I S. 102 ff.
§ 18. Die neuen wirtschaftlichen Kräfte 81

freies Privateigentum, während der noch verbleibende Staatsboden nicht


mehr verteilt, sondern zu allgemeiner unentgeltlicher, von bestimmten
Viehzahlen ab entgeltlicher Weidenutzung bestimmt wurde. Damit war
die verheißungsvoll begonnene gracchische Reform begraben. Spätere
minder energische Maßnahmen zur Wiederbelebung des italischen Land-
baues, besonders unter Caesar, blieben ohne nachhaltigen Erfolg.

§ 18 Die neuen wirtschafllichen Kräfte


I. 1. Stärker noch als durch den Latifundienbesitz kennzeichnet sich
dieses Zeitalter durch die Entwicklung eines mächtigen Unternehmer-
tums, das vor allem aus Handel und Geld verkehr reiche Gewinne
schöpft. Von der Rolle des Oberseehandels in der altrömischen Periode,
der auf der günstigen Verkehrslage Roms zwischen Etrurien, den Grie-
chenkolonien und Karthago beruht hat, war schon die Rede. Mit dem
Wachsen der römischen Macht und dem Obergreifen auf überseeische
Besitzungen empfängt dieser Handel kräftigen Auftrieb und umspannt
allmählich den ganzen Mittelmeerraum. Die Steigerung der römischen
Bevölkerungszahl und der großstädtischen Bedürfnisse sichert ihm auch
in Rom selbst einen wichtigen Markt. Römische Handelsherren errichten
jetzt Großuntemehmungen, die sich auf ihren starken Kapitalbesitz und
ihre an überseeischen Plätzen gegründeten Zweigstellen stützen und trotz
der Gefahren, die die unentwickelte Schiffstechnik und das Seeräuber-
unwesen mit sich bringen, hohe Gewinne erzielen.
Dieser Aufschwung des Handelsverkehrs begünstigt die Fortbildung des
Pr i v a t rech t s. Daß es in Rom nicht zur Ausbildung eines Handels-
rechts als Sonderrechts der Kaufleute kommt, beruht darauf, daß schon
das regelmäßige Verkehrsrecht so fortschrittlich gestaltet ist, daß es allen
Bedürfnissen genügt. Dies gilt besonders von Kauf, Miete (locatio
conductio, einschl. Pacht, Dienst- und Werkvertrag) und Gesellschaft, die
nach der bona fides, also ähnlich wie nach unserer Generalklausel "Treu
und Glauben" beurteilt werden. Die römischen Juristen haben daraus
eine Reihe wichtiger und noch bis heute fortwirkender Grundsätze und
Regeln abgeleitet. Daneben wird als ein sehr elastisches und vielseitig
verwendbares Schuldversprechen die stipulatio ausgestaltet, deren man
sich unter anderem beim Darlehen, für die Bürgschaft und für die
Vertragsstrafen bedient. Einen Versicherungsschutz gegen die hohen
Risiken des Oberseeverkehrs kennt die Antike zwar noch nicht, sie läßt
aber für das Seedarlehen (/enus nauticum, pecunia traiecticia), das nur
bei glücklicher Ankunft zurückzuzahlen ist, einen Zinssatz von un-
begrenzter Höhe als Risikoprämie zu und sieht außerdem eine
6 6760 Kaser, Römische Redttsgescbidne
82 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Schadensaufteilung bei Havarie nach dem rezipierten Seerecht der Insel


Rhodos (sog. Lex Rhodia de iactu) vor; beides offenbar Einrichtungen
hellenistischen Ursprungs.
2. Die Handelsunternehmungen bedienen sich in allen ihren Zweigen
der S k 1a v e n. Sie werden als Massenarbeiter auf den Lagerplätzen,
Häfen und Schiffen verwendet. Daneben beschäftigt man aber befähigte
Sklaven und Freigelassene auch als Angestellte (institores) zur Leitung
eines Ladens oder Gewerbebetriebs oder als Kapitäne von Handels-
schiffen (magistri navis). Das Privatrecht berücksichtigt diese Verhält-
nisse, indem es aus Geschäften der Sklaven in wohlabgestuften Fällen den
Unternehmer haften läßt (sog. adjektizische Klagen); ein wichtiger An-
satzpunkt für die von den Römern noch nicht entwickelte unmittelbare
Stellvertretung. Doch blieben solche Fälle seltene Ausnahmen; im ganzen
hat sich die Lage der Sklaven erheblich verschlechtert (u. § 19 IV).
II. 1. Der aufblühende Handel bringt eine lebhafte Steigerung des
Geldverkehrs mit sich. Münzeinheit ist zunächst noch das As, das
ursprünglich gleich dem Pfund Kupfer ist (o. § 4 II 2b). Im Lauf der
Zeit werden jedoch mehrere Münzreduktionen durchgeführt, d. h.
Gewichtsherabsetzungen bei gleichbleibendem Nennwert, um dem
steigenden Geldbedarf des Staates zu genügen. Schon am Ende des 3. Jh.
ist das As auf ein Zwölftel des Pfundes Kupfer herabgesetzt, seit
89 v. Chr. auf ein Vierundzwanzigstel und damit zum Kleingeld ent-
wertet. Seit dem 3. jh. gibt es auch Silbermünzen, denarius (X) zu 10,
quinarius (V) zu 5, sestertius (1/S) zu 21/2 Asses, doch wird der Denar
bald darauf in 16, der Sesterz daher in 4 Asses geteilt. Seit Caesar tritt
nach vereinzelten Vorläufern auch die Goldprägung hinzu. Im Prinzipat
herrscht als Grundsatz das Münzverhältnis 1 aureus = 25 Denare =
100 Sesterzen = 400 Asses. Besonderes Geschick entfalteten die Römer in
der Anpassung ihrer Wirtschaft an die zahlreichen fremden Geldsorten,
die in den ihrer Herrschaft untertänigen Ländern umliefen, und die sie
dort in Geltung beließen.
2. Für die Zinsen bürgert sich an Stelle der hohen Sätze, die in der
Zeit der Naturalwirtschaft galten (o. § 4 II 2c), ein Satz von 1 °/o im
Monat (centesimae usurae) ein, der als "gesetzlicher" (wenn kein anderer
vereinbart ist) und zugleich als Höchstsatz gilt.
3. In der Entwicklung des Geldverkehrs zeigt sich ein deutlicher
Einfluß des Hellenismus. Geldverleiher (fenerator) und Bankier
(argentarius) werden, wohl nach griechischen Vorbildern, selbständige
Gewerbe. Die Bankiers übernehmen die Kassenführung der Groß-
kapitalisten, gewähren und vermitteln Kredite und führen Geldgeschäfte
aller Art im In- und Ausland aus. Indem auch sie an auswärtigen Orten
ihre Zweigstellen errichten und ihre Beziehungen ausbreiten, nehmen sie
S 18. Die neuen winscbaftlicben Kräfte 83

allmählich den gesamten in- und ausländischen Geldverkehr unter ihre


Aufsicht und verschaffen der römischen Wirtschaft ein KreditmonopoL
Aus dem Geldverkehr des Bankiers stammen die Klagen aus seinem
formlosen Zahlungsversprechen (receptum argentarii) auf den Saldo
nach Abzug der Gegenforderungen (Kontokorrent), auf Zahlung mit
Berücksichtigung des Ortsinteresses (actio de eo quod certo loco) und
andere Einrichtungen, die einen hochentwickelten Stand der Rechts-
technik bezeugen. Soweit hierauf griechische Vorbilder eingewirkt haben,
wurden sie jedoch im Geist der römischen Rechtsordnung umgestaltet
und organisch in diese eingefügt.
111. Ein weiterer für die römische Wirtschaft kennzeichnender Unter-
nehmertypus geht aus der Vergebung größerer Leistungen durch Ver-
pachtung hervor, deren sich besonders audt der Staat bedient. Dieser
zieht seine Steuern und Zölle nidtt mit einem eigenen Verwaltungs-
apparat ein, weil es Behörden im modernen Sinn und damit auch
Finanzämter noch nicht gibt (o. § 8 I 2). Vielmehr wählt er den privat-
wirtschaftlichen Weg, die Einziehung dieser Staatseinkünfte mittels
Versteigerung (auctio, licitatio) an den Meistbietenden zu ver-
pachten. Dabei wird den Pächtern gestattet, von den Zahlungspflichtigen
mehr einzuziehen, als sie an den Staat abzuführen haben; die Differenz
verbleibt den Pächtern als Gewinn. Es versteht sich, daß dieser Weg
volkswirtschaftlich schädlich ist, weil er dem Staat beträchtliche Summen
vorenthält, während die Steuerpächter (publicani), die sich in
einem Verband zusammenschließen, dabei bedeutende Reichtümer
erwerben.
Auch die Ausführung öffentlicher Bauten und anderer Arbeiten
wurden vom Staat durch Verpachtung an den Mindestfordernden
vergeben. Aber auch private Kapitalisten haben sich soldter Verpachtung
bedient, etwa zur Einbringung einer Ernte, zur Abwicklung einer Erb-
schaft usw. Im Konkursverfahren, das den ordentlidten Weg der
Vermögensvollstreckung bildet, werden die Aktiven des Schuldners an
denjenigen versteigert, der den Gläubigern den höchsten Bromteil ihrer
Forderungen bezahlt (venditio bonorum).
IV. Geringere Bedeutung erlangt in Rom die Großherstellung von
Gebrauchsgütern. Zwar wird das Handwerk durch das Wachsen der
Stadt und die Steigerung dP.r Lebenshaltung stark begünstigt. Doch
kommt es hier offenbar nidtt wie in Syrien und A.gypten zur Bildung
von Großbetrieben (etwa für die Herstellung von keramischen Erzeug-
nissen oder Textilien). Diese Betriebe entsprechen freilidtauch dort nicht
dem modernen Typ der Industrie, sondern des zentralisierten Groß-
handwerks (Manufaktur), weil sie die Güter nidtt mit Maschinen,
84 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

sondern mit der in der Sklaverei reichlich vorhandenen menschlichen


Arbeitskraft herstellen.
V. Im ganzen kennzeichnet die römische Wirtschaft dieser Zeit der
Obergang von der bäuerlichen zu einer ausgeprägten Ge 1d wir t-
s c h a f t. Ihre Grundlage ist der Geld besitz, ihr Ziel die Vermehrung
des Geldkapitals. Diese auf Gelderwerb gerichtete Einstellung beherrscht
auch die Landwirtschaft. Vom modernen Kapitalismus unterscheidet
sich jedoch die antike Geldwirtschaft einmal durch das Fehlen des
produktiven Sac:hkapitals, der Maschinen, und zum anderen durch den
nahezu völligen Verzicht auf die Beschäftigung vertraglich gebundener
freier Lohnarbeiter. Der Antike stehen statt ihrer die Sklaven zu Gebote,
deren Massenverwendung die Maschine ersetzt, und denen ihr Herr die
Lebensbedingungen diktiert. Aus der Beschäftigung der Sklaven in allen
Wirtschaftszweigen erklärt sich auch die geringe Durchbildung des freien
Dienstvertrages (locatio conductio operarum) und das Fehlen eines
sozialen Schutzes der Arbeitnehmer.

§ 19 Die gesellschaflliche Umschichtung


Mit der geschilderten Umstellung der römischen Wirtschaft vollzieht
sich zugleich ein tiefgreifender Wandel im Gesellschaftsaufbau, der auch
auf das staatliche Schicksal starken Einfluß gewinnt. Die politische und
die wirtschaftliche Macht beschränkt sich immer stärker auf die wenigen
Familien der beiden führenden Stände (ordines) Nobilität und Ritter-
schaft, während sich die Lage der übrigen Bevölkerung fortschreitend
verschlechtert.
I. Von der Rolle der No b i 1i t ä t als des ersten Standes im Staate,
dessen soziale Machtstellung auf Staatsamt, Senatsmitgliedschaft und
Landbesitz sowie auf den Klientelverhältnissen beruht, war bereits
die Rede (o. § 9 IV, § 11 I, § 17 I). Der Reichtum der nobiles, soweit
er nicht ererbt ist, gründet sich, da den Senatoren spekulative Geschäfte
verboten waren (o. § 11 I 3), auf die Zuweisung von Kriegsbeute, auf
die Ausbeutung der von ihnen als Statthalter verwalteten Provinzen
oder doch auf heimliche Geldoperationen und Wuchergeschäfte. Daß die
allgemeine Bürgersteuer (tributus) seit 167 v. Chr. nicht mehr ein-
gehoben wurde, setzten sie durch, um sich ihre Riesenvermögen
ungeschmälert zu erhalten. Die meist zahlreichen Klienten aus dem
Kleinbürgertum, die mit den nobiles durch ein wechselseitiges Treu-
verhältnis verbunden sind (o. § 4 II 4), erhöhten ihre gesellschaftliche
Macht. Obwohl Inzucht und Wohlleben diese einflußreiche, nach außen
hin abgeschlossene Schicht schwächten, behielt sie doch ihren entschei-
denden Anteil an der Gestaltung der Geschicke des Weltreichs. Augustus
S19. Die gesellschaftliche Umschichtung 85

verlangt für den aus der Nobilität hervorgegangenen Senatorenstand


( ordo senatorius) einen Mindestzensus von 1 Million Sesterzen (ver-
gleichsweise etwa 500 000 DM).
II. Neben diesem Amtsadel entwickelt sich aus dem geldwirtschaft-
lichen Unternehmertum eine zweite Oberschicht, die ihre Macht auf ihr
Ge I d kapital stützt, die Ritterschaft ( equites). Diese Bezeichnung be-
ruht auf der Zenturienverfassung, die die wohlhabendsten Bürger den
Reiterzenturien zuwies (equo publico, mit der Zeit auch equo privato, s.o.
§ 10 I 1). Die Nobilität kapselte sich gegen Zuzug aus der Ritterschaft
ab; und diese Absonderung wurde zur Gracchenzeit noch dadurch
verstärkt, daß den Senatoren der Erwerb des Ritterpferdes gesetzlich
verboten wurde. Die Ritterschaft ihrerseits empfing dagegen aus den
angesehensten und reichsten Familien der italischen Landstädte eine
wertvolle Blutzufuhr. Ihre Reichtümer erwarben die Ritter hauptsäch-
lich durch Handel, Geldverkehr und Staatspacht, daneben auf den
gleichen mehr oder minder dunklen Wegen wie die nobiles. Wie diese
legten auch sie ihre Vermögen vornehmlich in Landbesitz an. Nach
Augustus erfordert auch die Zugehörigkeit zur Ritterschaft einen
Mindestzensus, und zwar von 400 000 IIS (etwa 200 000 DM). Die
Staatslaufbahn blieb nahezu ausschließlich den nobiles vorbehalten
(unter den Konsuln gab es nur ganz vereinzelte homines novi, wie Cato,
Marius und Cicero), doch standen den Rittern die höheren Offiziers-
stellen offen. Auf die Politik übten sie ihren Einfluß hauptsächlich
durch Finanzierung einzelner Persönlichkeiten oder Unternehmungen
aus. Ihre politischen Interessen gingen mit denen der Senatoren zunächst
Hand in Hand. Erst der jüngere Gracchus hat die Ritter für seine Ziele
gegen die Senatspolitik ausgespielt und damit den Anstoß zu getrennten
politischen Zielsetzungen der beiden führenden Gruppen gegeben
(u. § 22 II 1).
~ußere Abzeichen waren bei den Senatoren der breite Purpurstreifen an der Tunika
und rote Schuhe, bei den Rittern der schmale Purpurstreifen und der goldene Ring.
Ill. 1. Sammeln sich so in einem kleinen Kreis senatorischer und
ritterlicher Familien ungeheure Reichtümer an, so verfällt die große
Masse des V o I k es (die jetzt plebs heißt) einer zunehmenden Ver-
armung. Ein sozial gesunder gehobener Mittelstand fehlt. Aber auch
das Kleinbürgertum aus Gewerbetreibenden, Handwerkern und
Händlern wird durch die Kriege und inneren Unruhen geschwächt und
der Aufstiegsmöglichkeiten beraubt. Aus ihnen und aus den vertriebenen
Kleinbauern rekrutiert sich ein immer zahlreicheres arbeits- und besitz-
loses Proletariat, das gleichwohl mit seinem Stimmrecht in den
Komitien immer noch über bedeutende politische Macht verfügt. Um
die Massen für sich zu gewinnen, sucht zunächst die Nobilität sie in
86 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Welthemdtaft

ihre Klientel zu ziehen und sorgt insoweit auch für ihren Lebensbedarf.
Ein Getreidegesetz des C. Gracchus bestimmt dann, um den Einfluß des
Senatsadels zu brechen, daß jeder römische Hausvater eine bestimmte
Menge Weizen monatlich für einen ganz geringen, später noch herab-
gesetzten Schleuderpreis vom Staat empfangen dürfe. Mit diesen
staatlichen "Frumentationen• wird jene Entwicklung eingeleitet, die in
der Kaiserzeit in der unentgeltlichen Versorgung und Unterhaltung der
Bürger gipfelt ( .panem et circenses!" ). Der Eintritt des Staates in die
öffentliche Fürsorge hat die Anziehungskraft der römischen Hauptstadt
noch mehr gesteigert, andererseits das soziale Verantwortungsgefühl
untergraben und den Massenegoismus gefördert.
Auf andere Weise dient der Massenversorgung die Heeresreform
des Mari u s (1 07/6 ), wenngleich sie in erster Linie durch militärische
Motive veranlaßt ist. Er hebt das Heer nicht mehr nur aus den begüter-
ten, sondern gerade aus den besitzlosen Schichten aus, führt ohne Rück-
sicht auf Krieg oder Frieden eine Dienstzeit von 16 Jahren ein, die
später auf 20 Jahre verlängert wird, und läßt die Kosten der Ausrüstung
den Staat tragen. Damit wird das Volksheer in ein Berufsheer um-
gewandelt, das zugleich den veränderten Bedürfnissen der Kriegführung
entspricht. Dieses Söldnerheer wird zwar proletarisiert, fängt aber einen
Teil des erwerbslosen Bevölkerungsüberschusses auf.
2. Die ungeheure wirtschaftliche und soziale Spannung zwischen
überreich und Bettelarm bringt einen Rückgang der s i t t I ich e n
Grundsätze mit sich, auf deren Strenge die Kraft der bäuerlichen
Sozialordnung beruht hat. Zwar sind in dieser Periode die Bindungen
unter einzelnen Menschen aus gesellschaftlicher Pflicht (officium)
in allen und besonders den gehobenen Ständen immer noch stark leben-
dig. Ohne diese Pflichtbindungen zu wechselseitigem Beistand in allen
Lebenslagen sind die Privatrechtsverhältnisse, die auf der "guten Treue•
(fides bona) beruhen, namendich die alltäglichen Schuldverträge wie Kauf,
Miete, Dienst- und Werkvertrag, Auftrag, Gesellschaft, Verwahrung,
nicht voll verständlich; ebensowenig etwa das differenzierte Bürgschafts-
recht oder die Haftung aus auftragloser Geschäftsführung ( negotiz1m
gestum) und aus Vormundschaft. Es galt als selbstverständlich, dem
anderen den Beistand nicht zu versagen, um seiner Hilfe im Fall eigener
Bedürftigkeit gewiß zu sein. Diese gesellschaftliche Verflechtung wird
man sich noch viel inniger vorzustellen haben als heutzutage.
Das Pflichtbewußtsein gegenüber der Allgemeinbei t dagegen
weicht in allen Schichten allmählich der rücksichtslosen und kurzsichtigen
Verfolgung eigensüchtiger Interessen des einzelnen. Gerade die Reichen,
die durch ihre wirtschaftliche und politische Macht zu erhöhter Selbst-
disziplin verpflichtet gewesen wären, haben diese Macht zum Nachteil
§ 19. Die gesellschaftliche Umschichtung 87

der Gemeinsc:haA: am schlimmsten mißbraucht. Mit der Untergrabung


des religiösen und sittlichen Bewußtseins wird die gesunde Tradition der
Vorfahren, der mos maiorum, mißachtet, die altrömische Sparsamkeit
zugunsten einer genußsüchtigen und verweichlichenden Lebensführung
aufgegeben, die durch die Berührung mit dem Lebensstil der hellenisti-
schen und orientalischen Kulturen noch begünstigt wird. Zwar haben
verantwortungsbewußte Männer wie der ältere Cato (Zensor 184)
wiederholt zur Rückkehr zu den strengen Grundsätzen der Väter auf-
gerufen. Um das gleiche Ziel bemüht sich die Sittenaufsicht der Zensoren
und eine umfassende "Luxusgesetzgebung" mit strengen und ausführ-
lichen VorschriA:en gegen übertriebenen Aufwand in Nahrung und
Kleidung und gegen sonstige Mißbräuche. Wie der fortschreitende
Rückgang der sittlichen Bindungen zeigt, war jedoch diesen Maßnahmen
ein bleibender Erfolg versagt.
IV.l. Mit der dargestellten Entwicklung stimmt schließlich die
zunehmende Verschlechterung in der durchschnittlichen sozialen Stellung
der S k I a v e n zusammen. Die sei tene Begünstigung einzelner, wie sie
uns in kaufmännischen und sonstigen Vertrauensstellungen entgegentritt
(s.o. § 18 I 2), darf an diesem ungünstigen Bild nicht irremachen. Hatte
man in altrömischer Zeit die Unfreien als bäuerliche HilfskräA:e ver-
hältnismäßig gut behandelt (o. § 4 II 3), so führt die GeldwirtschaA: zu
ihrer immer rücksichtsloseren Ausbeutung. Auch die zensorische Sitten-
gerichtsbarkeit vermochte die Mißbräuche des Sklaveneigentums, beson-
ders in der späten Republik, nicht wirksam zu bekämpfen. In den
Massenbetrieben leben die Sklaven an der Grenze des Existenzminimums
unter menschenunwürdigen Bedingungen und werden nur so weit ernährt
und versorgt, wie erforderlich ist, um ihre ArbeitskraA: zu erhalten. In
einzelnen Fällen kommt es dahin, daß Sklaven massenweise entfliehen,
sich zu Heeren zusammenrotten und Aufstände unternehmen, die die
Staatsgewalt bedrohen und blutig unterdrückt werden müssen; doch
bleiben diese "Sklavenkriege" hauptsächlich auf die Provinzen
beschränkt.
2. Soweit die Herren einzelne Sklaven für treue Dienste mit der
Freiheit belohnen, gehen diese Freigelassenen (liberti, libertini)
regelmäßig in dem erwähnten kleinbürgerlichen Mittelstand auf. Nur
einzelne vermögen dank ihrer persönlichen Fähigkeiten ebenso wie
einzelne Sklaven in angesehene Vertrauensstellungen aufzusteigen. Da
die Sklaven in dieser Zeit großenteils volksfremde Kriegsgefangene,
besonders aus dem hellenistischen Osten sind, dringt mit den Frei-
gelassenen fremdes Volkstum in die hauptstädtische BürgerschaA: ein;
ihre Zusammensetzung erhält damit allmählich ein ähnlich buntes
Aussehen wie das römische Imperium selbst.
88 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

§ 20 Die Krise der republikanischen Verfassung


I. Die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen
bringen es mit sich, daß der bisherige Staatsaufbau mit seiner Verteilung
der staatlichen Macht auf Senat, Volksversammlung und Magistrate den
steigenden Anforderungen des öffentlichen Lebens immer weniger gerecht
wird. Das hat hauptsächlich zwei Ursachen. Einmal war die republi-
kanische Verfassung mit allen ihren Einrichtungen auf die Verhältnisse
eines Stadtstaats zugeschnitten, nicht eines Großreichs. Von den
hieraus folgenden Gefahren und Schäden für das Gemeinwesen ist noch
besonders zu handeln (u. § 21). Zum anderen stellt dieses Verfassungs-
system bei allen daran Beteiligten vom Konsul bis zum letzten Stimm-
berechtigten hohe Anforderungen an das p o 1i t i s c h e Ver an t-
wortungsbewußtsein. Diese Staatsgesinnung hat sich jedoch mit
den angeführten sozialen Wandlungen immer stärker verflüchtigt. Auch
damit geriet die Leistungsfähigkeit des Staates in seiner bisherigen Form
in eine zunehmende Bedrohung. Betrachten wir das Schicksal der einzel-
nen Machtorgane.
II. Die Komitien und die Plebskonzilien haben nicht nur ihre
alten Zuständigkeiten für die Gesetzgebung, die Wahlen und zunächst
auch in der Strafgerichtsbarkeit behalten (o. § 10 II 2, 3, 111). Ihre
politische Macht nimmt vielmehr dadurch zu, daß einmal die Gesetz-
gebung in dieser Zeit allgemein an politischer Bedeutung gewinnt; daß
ferner über Anträge an das Volk nicht mehr immer, wie früher üblich
(o. § 11 II 3), der Senat befragt und seine Meinung befolgt wird;
schließlich damit, daß schon seit dem 3. Jh. die Wahlen nicht mehr an
bestimmte Vorschläge gebunden sind (§ 10 II 2). Die Verfassung der
ersten Jahrhunderte dieser Periode verdient darum von allen Zeitaltern
der römischen Geschichte am ehesten den Namen der Demokratie.
Aber dieser politischen Machtsteigerung des Volkes zeigte sich sein
Verantwortungsbewußtsein für das Gemeinwohl auf die Dauer nicht
mehr gewachsen. Die proletarisierten Massen geben in den Beschluß-
versammlungen ihre Stimme demjenigen, der ihnen die meisten Ver-
günstigungen verspricht, ohne danach zu fragen, ob die beantragten
Maßnahmen dem Staatsinteresse förderlich sind. Zur demagogischen
Stimmungsmache dient die Volksrede in den Kontionen, man schreckt
aber auch vor der Massenbestechung nicht zurück. Die Versuche, durch
Einführung der geheimen Abstimmung dem Übel zu steuern (Lex
Gabinia von 139 u. a.), bleiben ohne durchgreifenden Erfolg.
War es zunächst nur der Amtsadel selbst, der sich der Volksver-
sammlungen für seine politischen Absichten bedient hat, so beginnt
unter den G r a c c h e n eine neue Phase, indem diese das Volk gegen
§ 20. Die Krise der republikanischen Verfassung 89

den Senat ausspielen und seine Entscheidung anrufen, ohne den Senat
zu fragen. Damit wird das Volk in der Hand der Führer, die es für
ihre Zwecke benutzen, zu einem selbständigen Machtfaktor; die
"Volkspartei" (populares) und die "Senatspartei" (optimates)
treten sich seitdem als Machtgruppen gegenüber. Doch gehört diese
Zweiung bereits der Phase an, in der sich der revolutionäre Bruch mit
der alten Verfassung vorbereitet (u. § 22 II 1).
I II. Der Senat, vormals die Körperschaft der politisch Fähigsten
und Besten, wird immer mehr zur bloßen Interessenvertretung des
Amtsadels. Da die Auswahl der Senatoren beim Zensor lag, der selbst
aus der Nobilität gewählt war, und da Männer außerhalb dieses Standes
nur noch äußerst selten Zutritt zur Magistratur und damit zum Senat
erhielten (o. § 19 II), war für eine Beschränkung des Senats auf die
angestammten Adelsfamilien gesorgt.
Seinen umfassenden Aufgabenbereich in den Kernpunkten des
staatlichen Lebens, vor allem die Kontrolle über die Magistrate und
die Entscheidung über Außenpolitik und Finanzen, hat der Senat
behalten. Ja, er beansprucht seit der Gracchenzeit einen wichtigen
Machtzuwachs mit der Befugnis, das senatus consultum ultimum zu
beschließen: .,videant consules, ne quid detrimenti res publica capiat•
und damit die Konsuln mit ähnlichen außerordentlichen Vollmachten
auszustatten, wie sie vormals der dictator hatte (o. § 8 IV 3). Diese
Ausrufung des Staatsnotstandes richtete sich regelmäßig gegen einen
bestimmten innenpolitischen Gegner, der zum Staatsfeind (hostis)
erklärt wurde.
Die richterliche Funktion der Senatoren (o. § 11 II 6) wird
erweitert mit der Einrichtung der Schwurgerichte in Strafsachen
(quaestiones perpetuae, u. § 29 III 6), die um 150 v. Chr. zunächst für
die Prozesse aus Erpressungstaten der Beamten ( repetundae) und sodann
durch weitere Gesetze für die meisten anderen Verbrechen geschaffen
werden. Die Fähigkeit zur Richterfunktion bleibt bis zu den Gracchen
den Senatoren vorbehalten (u. § 22 II 1).
Einen Rückgang erleidet die politische Vormachtstellung des Senats
damit, daß, wie erwähnt, die Volksversammlung seit den Gracchen der
Beherrschung durch den Senat entgleitet und von den Führern der
"Popularen• gegen den Senat ins Treffen geführt wird.
IV.t. Der Niedergang der politischen Leistungskraft traf, wie die
Komitien und den Senat, auch die dritte Machtinstanz, das Staatsam t.
Abgesehen davon, daß auch die Magistrate regelmäßig aus der degenerie-
renden Adelsgruppe stammten, war ihre Position zu wirksamer Be-
kämpfung der Mißstände zu schwach. Vor allem die verfassungsmäßigen
Schranken der Amtsgewalt, die Kollegialität und die einjährige Amts-
90 11. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

dauer, zu denen noch das umfassende lnterzessionsrecht der Tribune


hinzutrat (o. § 9 II 1), standen einer durchgreifenden Reform und einer
Planung auf lange Sicht ständig im Weg. Auch die Gesetze, die in dieser
Periode über runterfolge und Mindestalter ergingen (o. § 8 I 3), haben die
Magistratur eher beschränkt als gestärkt. Durch Gesetz von 151 wird
sogar die Wiederwahl verboten, unter Sulla nur nach zehnjähriger
Unterbrechung zugelassen. Auch eine Amtsverlängerung durch prorogatio
war nur in engen Grenzen zulässig.
2.a) Von den ein z e 1n e n Amtsträgern waren die K o n s u 1n nach
wie vor die beiden ordentlichen Inhaber des höchsten Imperiums und
dazu berufen, im Zusammenwirken mit dem Senat die innere und
äußere Politik zu führen. Bis zur Reform Sullas (u. § 22 II 3) kam ihnen
der Oberbefehl über die Heere zu. Ihre Zuständigkeit war unbeschränkt,
soweit nicht andere .i\mter einen ausschließlichen Aufgabenbereich hatten,
in den die Konsuln nur vermöge ihres lnterzessionsrechts eingreifen
konnten. Soweit die runter dagegen nur zur Entlastung der Konsuln
geschaffen waren, wie z. B. die Quästur, konnten die Konsuln auch ihre
Geschäfte an sich ziehen. Obschon hiernach der Konsulat noch am meisten
politische Macht vereinigte, bot er doch wegen der erwähnten allgemei-
nen Schranken der Magistratur für eine Staatsreform keine taugliche
Anknüpfung.
b) Eher wäre dafür der Diktator, der außerordentliche Retter in
der Staatsnot, in Betracht gekommen, obschon auch er vornehmlich als
militärischer Führer gedacht war. Die Diktatur im Stil der alten Ver-
fassung stirbt jedoch schon um 200 überhaupt ab; die außerordentlid1en
Gewalten Sullas und Caesars (u. § 22 II 3, 5) knüpfen nur dem Namen,
nicht der Sache nach bei ihr an.
c) Der Volkstribunat, der seit dem Ende des Ständekampfs seine
Aufgabe als Schützer der Plebs erfüllt hatte, erhielt nunmehr als (nie-
dere) Magistratur des Gesamtvolks (o. § 9 II 1b) hauptsächlich eine
politische Kontrollfunktion im demokratischen Sinn, daneben eine
(niedere) Gerichtsbarkeit. Die Tribune verfügen zwar über starke
politische Machtmittel durch ihr scharfes lnterzessionsrecht, das sogar
gegen die Konsuln wirkt, und durch ihre Rolle als strafgerichtliche
Ankläger (o. § 10 II 2c), besonders wegen Amtsmißbrauchs. Aber diese
Machtbefugnisse eignen sich hauptsächlich negativ zur Verhütung
unerwünschter Neuerungen, nicht positiv zu eigenen durchgreifenden
Reformen. Das Amt wird jetzt häufig zu übler Demagogie mißbraucht;
zunächst von der Nobilität, später zumeist von der Volkspartei.
d) Von den übrigen runtem war die Prä tu r als höchste ordentliche
Magistratur nach den Konsuln für die streitige Gerichtsbarkeit bestimmt
(Näheres u. § 32 II). Sie erhielt jetzt neue Zuständigkeiten mit dem
S21. Das Reich: Italien und die Provinzen 91

Vorsitz in den Schwurgerichten (u. § 29 III 6) und mit der Verwaltung


der Provinzen (u. § 21 II 3). Für die neuen Aufgaben wurde die Zahl
ihrer Stellen allmählich bis auf 16 erhöht.
e) Auch die Zensoren behielten ihren Aufgabenkreis bei der
periodischen Bürgerprüfung und bei der Verwaltung der Staatswirt-
schaft. Der Zensus wurde aber im letzten Jh. v. Chr. immer seltener
abgehalten, so daß auch die zensorische Sittengerichtsbarkeit und damit
ein wertvolles staatliches Instrument zur Mäßigung der individuellen
Willkür allmählich verfiel.
f) Die Ä d i 1e n waren nach wie vor überwiegend für Marktangelegen-
heiten zuständig, außerdem für die Versorgung der Hauptstadt mit
Lebensmitteln, eine zur Beschwichtigung der Massen politisch bedeut-
same Aufgabe. Die kurulischen Ädilen behielten ihre Zivilgerichtsbarkeit
für bestimmte Marktprozesse.
g) Die Quästoren, deren Zahl bis auf 20 erhöht wurde, waren
hauptsächlich für die Verwaltung der Staatskasse (aerarium) bestimmt.
h) Geringere Magistrate (z. B. die tresviri capitales mit einer Straf-
gerichtsbarkeit über gewisse Gewaltverbrechen, u. § 29 III 4) waren mit
verschiedenen Aufgaben der Rechtspflege und der Verwaltung befaßt.

J 21 Das Reich: Italien und die Provinzen


I. 1. Die Erweiterung der äußeren Macht des römischen Staates wirkt
notwendig auf die Stellung I t a 1i e n s zurück. Wir haben gesehen, daß
das Land am Beginn dieser Periode noch kein geschlossener Territorial-
staat war, sondern zum einen Teil aus Gebieten römischen Bürgerrechts
(municipia und coloniae civium Romanorum, o. § 12 III 1) bestand,
deren Umfang seither stark vergrößert wurde, zum anderen Teil aus
mehr oder minder autonomen, mit Rom durch völkerrechtlidte Verträge
verbundenen Gemeinden der Bundesgenossen (socii) (o. § 12 III 2, 3).
Zwischen diesen und Rom entwickelte sich allmählidt eine starke Span-
nung. Hatten die socii vormals für die übernommenen Pflidtten und
Lasten von Rom militärischen Schutz und wirtschaA:liche und kulturelle
Vorteile empfangen, so wird ihnen jetzt von Rom der Anteil an den mit
ihrem Blut und ihrer Hilfe eroberten Gebieten verweigert. Von den
Landverteilungen der Ackergesetze waren sie ausgesdtlossen, ja sie
mußten den von ihnen besetzten ager publicus teilweise wieder räumen.
Sie verlangten deshalb jetzt Gleichstellung mit den römischen Bürgern,
um auf die römisdte Politik Einfluß zu gewinnen.
Nach wiederholter Ablehnung erreichten sie ihr Ziel 90/88 nadt dem
verlustreichen Bundesgenossenkrieg: Alle Gemeinden Italiens außerhalb
92 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der W eltherrscbaft

Roms, fast 150 Städte, wurden zu municipia civium Romanorum


gemacht, alle freien Bewohner erhielten das römische Vollbürger-
rech t, wenngleich mit Stimmrecht nur in einer Minderheit der
römischen Tribus. Damit wird ganz Italien, in das unter Caesar auch
die Poebene einverleibt wird, dem römischen Stadtgebiet (domi,
o. § 8 II 2) rechtlich gleichgestellt; der Boden wird des römischen Privat-
eigentums fähig und bleibt damit grundsteuerfrei. Italien wird ein
Territorialstaat, dessen Volksbewußtsein immer stärker im römischen
Sinn vereinheitlicht wird; doch behält die Verfassung Roms ihren
stad tstaa tlichen Typus.
2. DieLandstädte werden nicht wie die municipia civiumRomanorum
alten Stils (o. § 12 111 1a) durch Präfekten verwaltet, sondern erhalten
eine Selbstverwaltung in Gemeindeordnungen, die in manchem
wohl bei den vorgegebenen örtlichen Einrichtungen anknüpfen und -
bei unterschiedlicher Behandlung im einzelnen - eine Dezentrali-
sierung anstreben. Eine von Caesar 45 eingebrachte Lex lulia
municipalis 1 stellt mindestens teilweise eine Vereinheitlichung her.
Danach sind die Gemeindeverfassungen verkleinerte Nachbildungen der
römischen Stadtverfassung, die dort länger fortleben als in der Haupt-
stadt selbst. An der Spitze stehen duoviri iure dicundo, die den Konsuln
entsprechen; unter ihnen duoviri aediles. Der ordo decurionum (Ge-
meinderat) ist dem Senat, die comitia curiata sind den römischen
Komitien vergleichbar.
Die Gerichtsbarkeit wird in mehreren Gesetzen neu geordnet,
von denen wir eine sog. Lex Rubria (zwischen 49 und 42 v. Chr.) für das
zisalpinische Gallien (im Pogebiet) aus einem Inschriftenfragment
kennen 2 • Die Zivilgerichtsbarkeit kommt für die geringeren Sachen den
Munizipalmagistraten zu, für die höheren den römischen Prätoren, die
sie (bis Augustus) durch Vertreter, praefecti iure dicundo, ausüben. Auch
eine Strafgerichtsbarkeit der Munizipalorgane ist überliefert. Alle
Jurisdiktion besteht, wie in der römischen Ordnung auch sonst, in der
Einsetzung von Geschworenen als Urteilsrichtern (u. § 32 II).
3. Der praktische Anteil der römischen Neubürger an der römischen
Politik darf indessen nicht überschätzt werden. Da den meisten von
ihnen die Teilnahme an den römischen Volksversammlungen faktisch
unmöglich war, man aber eine parlamentarische Vertretung durm
Abgeordnete nicht kannte, blieb alle politische Willensbildung nach wie
vor auf die Hauptstadt beschränkt. Ein Bundessenat mit Vertretern der

t Vgl. das Fragment einer Inschrift bei B r uns-Graden w i t z, Fontes 7 (u. Schrifl-
tum I Sa) Bd. I S. 101 ff.; Fontes iuris Rom. anteiust. 1 Bd. I S. 140 ff.
1 Ebenda S. 97 ff. bzw. 169 ff.
S21. Das Reich: Italien und die Provinzen 93

einzelnen Gemeinden, den die Aufständischen angestrebt hatten, wurde


nicht geschaffen.
II. 1. Für die außer i t a 1i s c h e n Gebiete, die der römischen Herr-
schaf\: unterworfen wurden, bedurA:e es neuer Formen. Die Praxis der
FreundschaA:s- und Bündnisverträge, die man den italischen Gemeinde-
staaten gegenüber seinerzeit angewandt hatte (o. § 12 III 3), reichte
hierfür nicht aus. Denn hier ging es um ausgedehnte und volkreiche
Gebiete am Außenrand der römischen HerrschaA:, die die Römer gegen
innere Unruhen, gegen Erhebung wider Rom und gegen Verbindung mit
seinen Feinden militärisch und politisch sichern mußten. Die Bewohner
dieser Gebiete waren nicht stammverwandte Italiker, sondern Volks-
fremde, denen die kulturelle GemeinschaA: mit Rom fehlte. Ihre Staats-
form war von der römischen zumeist verschieden, mag es sich etwa um
die Republik Karthago handeln oder um die großen hellenistischen
Königreiche des Ostens. Hier galt es zunächst, jegliche Gefahr einer
politischen Wiedererhebung endgültig zu beseitigen, wofür man sich
verschiedener Mittel bediente. Im Fall Karthagos ging man schließlich
bis zur völligen Vernichtung (146}, in anderen Fällen hat man die
gefährlichen KräA:e durch alle Künste einer oA:mals grausamen und
gewissenlosen Politik gebrochen, die vor allem auch soziale und politische
Spannungen innerhalb dieser Länder hervorzurufen oder auszunutzen
verstand. Das Ziel war regelmäßig die Einverleibung dieser Gebiete als
Provinz; nur selten hat man sich damit begnügt, sie in eine allerdings
völlig unselbständige BundesgenossenschaA: zu zwingen (etwa Rhodos
163; vgl. u. Sc).
2. Unter den Provinzen hat man sich nicht wie heutzutage
Verwaltungsgebiete eines einheitlichen T erri torialstaa ts vorzustellen,
sondern ständige Besatzungsgebiete außerhalb Italiens; unter-
worfenes Ausland ohne Eigenstaatlichkeit, das vom römischen Staat
durch seine Statthalter nach Kriegsrecht beherrscht wird. Das Wort
provincia bedeutet ursprünglich allgemein den sachlichen Aufgabenkreis
eines Magistrats, später technisch den räumlichen Verwaltungsbezirk des
Statthalters. Die ersten Provinzen waren Sizilien (241) und Sardinien
(237}, denen dann Spanien (206) und im 2. Jh. Afrika (das heutige
Tunesien}, Makedonien und Griechenland, noch später die übrigen
Länder des westlichen, mittleren und südöstlichen Europas sowie Klein-
asiens, des vorderen Orients und Nordafrikas folgten.
Die HerrschaA:sform über diese Gebiete hat sich im Lauf der Zeit
immer mehr gefestigt. Ihren Hauptzwe<k sehen die Römer darin, um
Italien einen völlig entmachteten Schutzgürtel zu errichten, der der
selbständigen Politik und der einheimischen WaffenkräA:e beraubt ist
und von den römischen Heeren besetzt gehalten wird. Die Römer ver-
94 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

zichten im allgemeinen darauf, diese Gebiete einer durchgreifenden


Verwaltung zu unterstellen, die ihre wirtschaftlichen Kräfte gepflegt und
erhalten hätte, sondern begnügen sich mit dem Mindestmaß staatlidter
Vorsorge, das für ihre eigenen militärischen und außenpolitischen Zwecke
erforderlich war. Die Aufgaben des Statthalters waren darauf be-
schränkt, mit seinem kleinen Kreis untergebener Mitarbeiter die römi-
schen Interessen zu wahren, außerdem die römischen Bürger und
Bundesgenossen in diesen Gebieten zu schützen und dort Gericht zu
halten. Im übrigen waren die Provinzen der nahezu unbeschränkten
Herrschaft dieser Statthalter ausgeliefert, die ihre Macht zuweilen zu
schamloser Ausbeutung mißbrauchten. Die Steuereinziehung lag zumeist
in den Händen römischer Steuerpächter (o. § 18 111), die auf diesem
unwirtschaftlichen Weg gleichfalls ungeheure Reichtümer gewannen. So
sind die Provinzen bloße Objekte der römischen Herrschaft, ohne als
organische Glieder in das Reich eingefügt zu sein. Auch in ihnen erweist
sich die Unzulänglichkeit der alten stadtstaatliehen Verfassung.
3. Die Statt h a I t er s c h a f t ist zunächst Aufgabe besonderer
Prätoren, deren Stellenzahl für diesen Zweck erhöht wird. Als sich
die Zahl der Provinzen weiter vennehrt, wird es jedoch für ihre Ver-
waltung nötig, die Statthalterschaft von den hauptstädtischen Amtern zu
trennen. Unter Sulla (um 80 v. Chr.) wird sie neu geregelt: Die
gewesenen Konsuln und Prätoren übernehmen in einem zweiten
Amtsjahr die Statthalterschaft in je einer Provinz "an Stelle eines
Konsuls oder Prätors• (pro consule, pro praetore). Eine fünfjährige
Frist zwischen dem hauptstädtischen Amt und der Statthalterschaft
(seit 53/51) dient dem Zweck, den gewesenen Magistrat in der amtlosen
Zwischenzeit allenfalls gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Ein
Gesetz unter Caesar (46) setzt die Amtsdauer für gewesene Prätoren auf
ein Jahr, für gewesene Konsuln auf zwei Jahre fest.
Ober die Statthalter führt der Senat eine Oberaufsicht kraft seiner
außenpolitischen Zuständigkeit, die er indes zumeist sehr lässig gehand-
habt hat. Die gewesenen Höchstmagistrate benützen häufig die
Gdegenheit, nachdem sie in Rom für ihr Amt erhebliche Mittel an
Bestechungsgeldem und anderen Aufwendungen aus der eigenen Tasche
entrichtet hatten, sich durch Ausplünderung an den Provinzen schadlos
zy halten. Gegen diese Erpressungen wenden sich seit Mitte des 2. Jh.
die Repetundengesetze (Leges repetundarum, eigentlich Gesetze über
"Rückforderungen"), von denen die Schwurgerichte in Strafsachen
( quaestiones perpetuae, u. § 29 111 6) ausgegangen sind.
Als Hilfsmagistrate der Statthalter, besonders für die Finanzverwal-
tung, dienen Quästoren.
S21. Das Reich: Italien und die Provinzen 95

4. Die rechtliche Stellung der Provinzen knüpft an das Kriegs-


beuteredtt an, wonach die eroberten Gebiete der römischen Herrschaft
bedingungslos unterworfen sind (o. § 12 II). Dies gilt (trotz einzelner
Milderungen) auch dann, wenn die Provinz durch .,Rechtsgeschäft"
erworben wurde, wie das von König Attalos 111. dem römischen Staat
(unter Druck) ,.testamentarisch" hinterlassene Pergamon, die Provinz
Asia (133). Der Boden wird römisc:her ager pubLicus, die freien Bewohner
werden zwar nicht römisc:he Sklaven, verlieren aber als dediticii ihr
Bürgerrecht und damit ihre bisherige Rechtsordnung (o. § 12 II). Doch
stellen die Römer die ursprünglic:hen Gemeinden regelmäßig dadurch
wieder her, daß sie ihnen ihr bisheriges Bürgerrecht, die Selbstverwaltung
und einen Teil des Bodens zurückgeben; freilic:h ohne rechtliche Bindung
Roms, so daß Rom diese Gewährungen jederzeit frei widerrufen kann.
Auch die bisherige Verwaltung lassen sie zuweilen bestehen. So treten
sie z. B. in Sizilien in die von König Hieron II. von Syrakus erlassene
Steuerpac:htordnung, die sog. Lex Hieronica, ein, die für Streitigkeiten
zwisc:hen Steuerpäc:hter und Steuerschuldner ein fortschrittlic:hes, dem
Zivilprozeß ähnliches Verfahren vorsieht. Die Rechtsstellung der Pro-
vinzen im allgemeinen ric:htet sic:h nac:h der individuellen Provinzial-
ordnung (Lex provinciae), die der erobernde Feldherr mit einer
Kommission von 10 Senatoren erläßt.
Den Grundstücken wird seit C. Gracc:hus eine für den Soldatensold
bestimmte Grundsteuer (stipendium) auferlegt (ager stipendiarius),
die zugleich als Bodenzins verstanden werden kann. Auf Grund dieser
Besteuerung entwickelt sic:h, wohl unter hellenistischem Einfluß, später die
Auffassung, daß der Provinzialboden römisc:hes Staatseigentum sei
und der einzelne daran nur ein eigentumsähnlic:hes Nutzungsredtt (Gaius
2, 7: possessio vel ususfructus) habe.
5. Manc:hen Gemeinden oder Ländern gestanden die Römer aus-
nahmsweise eine bessere Rechtslage zu: a) Gegen Ende der Republik
legten sie einzelne coloniae civium Romanorum an und statteten sie
regelmäßig mit dem ius ltalicum aus, d. h. mit dem gleic:hen Vollrecht,
wie es seit 88 für Italien galt, also mit Befreiung von den Eingriffs-
rechten der Statthalter und von der Grundsteuer. b) Andere Gemeinden
erhielten die Stellung von coloniae Latinae (o. § 12 111 2). Sc:hließlich
genossen c) diejenigen Gebiete eine mehr oder minder beschränkte
Autonomie, mit denen Rom, wie erwähnt, ein gleic:hes oder ungleic:hes
Bündnis abschloß; sie waren socii, ähnlic:h wie vormals die italisc:hen
Bundesgenossen, und galten teils als Glieder des römischen Herrschafts-
verbandes ( civitates foederatae), teils als ,.frei"' ( civ. Liberae), sei es mit,
sei es ohne Steuerpflic:ht ( civ. stipendiariae, civ. immunes). Doc:h konnte
Rom die Freiheit jederzeit einseitig widerrufen.
96 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

B. Der Prinzipat
§ 22 Die Vorstufen der Prinzipatver/assung
I. Unsere übersieht über die Entwicklung in den beiden letzten
Jahrhunderten v. Chr. hat ergeben, daß die auf einen Stadtstaat
berechnete Verfassung der Republik, die das Wohl und Wehe des
Weltreichs den Machtkämpfen der hauptstädtischen Führungsgruppen
auslieferte, den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ver-
hältnissen nicht mehr entsprach. Zur Abhilfe stand die Schaffung einer
gewählten Volksvertretung den Römern nicht offen, da, abgesehen von
der tatsächlichen Machtlage, die eine solche Lösung nicht zugelassen
hätte, der Antike die Idee der parlamentarischen Demokratie noch fremd
war. Vielmehr drängte die fortschreitende Zuspitzung der Machtkämpfe
immer deutlicher nach einer monarchischen Lösung hin. Für sie
standen Vorbilder in den damals unterworfenen hellenistischen Groß-
reichen zur Verfügung; auch hatte die Rechtfertigung der Alleinherr-
schaft in der aristotelischen und hellenistischen Staatsphilosophie den
Abscheu vor der Monarchie, mindestens in den gebildeten Schichten,
vermindert. Andererseits waren die Grundsätze der republikanischen
Verfassung, obschon sie ungeschrieben blieb, doch so tief im allgemeinen
Bewußtsein verwurzelt, daß man es für unzulässig ansah, an ihnen zu
rütteln. Vor allem eine starke Machtkonzentration in einer Hand galt
seit der Vertreibung der Könige als schlimmstes Staatsverbrechen. Auch
der Weg, die Verfassung durch Gesetze zu ändern, der in den modernen
Staaten in gewissen Grenzen offenzustehen pflegt, war der römischen
Vorstellung versperrt, weil man die Prinzipien, auf denen die Macht-
verteilung beruhte, offenbar als unabänderlich ansah. Damit war jede
Reform, bei der tiefe Eingriffe in die bestehenden Machtlagen nicht zu
umgehen waren, auf den Weg der Re v o I u t i o n verwiesen; dies umso
mehr, als die bisherigen Machthaber durchaus nicht gewillt waren, auf
ihre Positionen zu verzichten. Verfolgen wir die wichtigsten Etappen,
in denen sich die neue Staatsform vorbereitet und durchgesetzt hat.
II. 1. Einen ersten Vorstoß gegen die bisherige Lage unternahmen die
Brüder Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus. Tiberius, 133
Volkstribun, erstrebt die Gesundung des römischen Volks durch die
bereits beschriebene Bodenreform (o. § 17 II). Da er dabei, obschon
selbst aus altem Adel stammend, auf den erbitterten Widerstand der
adeligen Großgrundbesitzer stößt, sucht er die Hilfe des Volks, dem ja
die Neuerung zugute kommen soll. Nach seinem gewaltsamen Ende
nimmt sein Bruder Gaius, Volkstribun 123 und 122, den Reformplan
wieder auf. Er sucht außerdem durch mehrere andere Gesetze die Lage
des Volks zu bessern und mit Unterstützung der Ritterschaft den Einfluß
§ 22. Die Vorstufen der Prinzipatverfassung 97

des Adels zu smwächen. So wird vor allem die bisher den Senatoren
vorbehaltene Geschworenenfunktion (o. § 20 III) erstmals - zunächst
vielleicht nur für Repetundensachen - den Rittern zugänglich gemacht.
Diese Gesetze werden gegen den Willen des Senats als Plebiszite ein-
gebracht. Sie bedeuten eine Wendung im demokratismen Sinn, weil sie
das Volk als Machtfaktor gegen den bisher allmächtigen Senatsadel ins
Treffen führen.
Beide Brüder haben ihre aus edlen Motiven unternommenen Neue-
rungsversuche mit dem Leben bezahlt. Die von ihnen zwischen Volk
und Senat aufgerissene Kluft aber besteht fort. Die politischen Führer
der Folgezeit gruppieren sich je nachdem, auf welche Körperschaft sie
ihren Einfluß stützen, in die Senatspartei (optimates) und die
Volkspartei (populares); doch ist hier der Parteibegriff nicht im Sinn
unserer modernen Demokratien als eine Gruppe politischer Gesinnungs-
genossen im ganzen Volk, sondern nur unter den führenden Politikern
aus den obersten Ständen zu verstehen. Die Machtkämpfe unter den
Führungsgruppen waren keine Klassenkämpfe.
In den nächsten Jahrzehnten macht sich der Druck gegen die alte
Staatsform immer stärker geltend; in der Verabsäumung verfassungs-
gemäßer Erfordernisse bei den Wahl- und Gesetzesbeschlüssen, in
mannigfachem Mißbrauch amtlicher Gewalten, in terroristischen Zwangs-
maßnahmen gegen die staatlichen Körperschaften oder einzelne Persön-
lichkeiten, ja in offenem Aufruhr, in der Aufstellung von Gegensenaten,
in Verselbständigung der auf die Heere gestützten Feldherren (Sullas
"Marsch auf Rom", 88 v. Chr.), schließlich bisweilen in gemeinem Mord.
Wir haben die Maßnahmen dieser Zeit, in der die Revolution allmählich
zum Dauerzustand wird, nur insoweit zu betrachten, als sich in ihnen
eine neue staatsrechtliche Konzeption, der Versuch einer konstruktiven
Neuordnung, offenbart.
2. C. Mari u s, ein Papularenführer aus ritterlichem Geschlecht und
hervorragender Feldherr und Heeresreformator (o. § 19 III), wurde 105
bis 100 immer wieder zum Konsul gewählt, obwohl die Wiederholung
des Konsulats seit 151 verboten war (o. § 20 IV 1). Diese außerordent-
liche Maßnahme rechtfertigte sich hauptsächlich mit dem durch den ersten
Germaneneinbruch der Kimbern und Teutonen begründeten Staatsnot-
stand, für den man nicht mehr auf die alte bloß halbjährige Diktatur
zurückgriff. - Dem Beispiel des Marius folgte 87 v. Chr. L. Cornelius
Ci n n a, der sich vier Jahre lang zum Konsul wählen ließ und die Stadt
diktatorism regierte.
3. Einen umfassenderen Neuaufbau vollführt 82-79 L. Cornelius
S u 11 a, der eine Genesung des Staates von einer Regeneration des
Senats erwartet. Er läßt sich auf Grund eines Volksgesetzes zum
7 6760 Kaser, Römische Rechtsgeschichte
98 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrsdtaft

dictator legibus scribundis et rei publicae restituendae ernennen, eine


außerordentliche Gewalt, die am ehesten mit dem alten Dezemvirat
(o. § 15 I 2, 3) vergleichbar ist, sich von der früheren Diktatur aber durch
das Fehlen der zeitlichen Begrenztheit unterscheidet; außerdem dadurch,
daß Sulla sich daneben noch zum Konsul wählen ließ. Er verstärkt den
Senat um 300 neue Mitglieder aus dem Ritterstand auf 600 und schaltet
für die Besetzung des Senats den Zensor dadurch aus, daß die gewesenen
Magistrate vom Quästor an ohne weiteres Senatoren werden. Dagegen
schwächt er den Volkstribunat, der vor allem der Volkspartei als
Machtinstrument diente: Alle Anträge der Tribune werden an vorherige
Senatszustimmung gebunden, die Interzession wird auf den Schutz des
einzelnen Bürgers beschränkt, die Bekleidung dieses Amts, das nur noch
den Senatoren zugänglich ist, macht zu allen anderen A.mtern unfähig.
Auch die Volkswahlen werden eingeschränkt, ebenso die Volksgerichts-
barkeit durch Einrichtung neuer Schwurgerichte (u. § 29 111 6). Die
Geschworenenfunktion wird den Rittern wieder genommen und den
Senatoren vorbehalten. Der Konsulat wird gleichsam "entmilitarisiert",
indem die Heerführung in den Provinzen den Statthaltern oder beson-
deren Feldherren zugewiesen wird. Die Konsuln regieren in Rom und
Italien ohne Heer, die gewesenen Konsuln und Prätoren gehen erst im
nächsten Amtsjahr als Statthalter in die Provinzen (§ 21 II 3).
Im ganzen bedeutet die Staatsreform Sullas in wesentlichen Stücken
bereits eine Vorwegnahme des Prinzipats. Doch wurden in den Jahren
nach Sullas freiwilliger Abdankung (79) viele seiner Neuerungen wieder
aufgehoben; insbesondere wurden die von den Zensoren veranstaltete
lectio senatus und die frühere Rechtsstellung der Volkstribune wieder-
hergestellt. In den Geschworenenlisten wurde der Anteil der Senatoren
auf ein Drittel beschränkt (Lex Aurelia, 70 v. Chr.).
4. Gnaeus Pompei us (Magnus) ließ sich 70 zum Konsul wählen,
ohne zuvor die 1i..mterlaufbahn durchschritten zu haben. Durch Volks-
gesetz ließ er sich verfassungswidrig außerordentliche Machtvollkommen-
heiten für drei Jahre verleihen, besonders das Recht zur Ernennung von
Unterfeldherren (legati) in prätorischem Rang (dazu u. § 27 II 4 b).
Dagegen bedeutete der (erste) Triumvirat des Caesar, Pompeius und
M. Licinius Crassus (60156) zwar einen gewichtigen politisch-mili-
tärischen Zusammenschluß, aber keine staatsrechtliche Neuerung.
5. Die bedeutendste Vorstufe des Prinzipats war jedoch die Staats-
schöpfung Gaius Iulius Ca es a r s. Nach seinen als Feldherr und als
Staatsmann mit gleicher Genialität errungenen Erfolgen empfing er 48
die Diktat u r (wohl rei gerundae causa ), die, als Jahresamt gedacht,
ihm 46 vorweg für zehn Jahre, dann 44 auf Lebenszeit verliehen wurde.
Damit verbunden wurde die durch die Unverletzlichkeit (o. § 9 II 1)
§ 23. Der Prinzipat des Augustus 99

gesicherte Stellung des Volkstribuns, ferner 48, 46 und 45 die Wahl zum
Konsul, ja 45 zum Alleinkonsul (wie schon Pompeius 52), und zwar
gleichfalls vorweg für zehn Jahre unter Bestellung zweier Substituten.
Zu diesen Gewalten traten außerdem das Sittenrichteramt (praefectus
moribus) hinzu, das später zur vollen Zensur (mit lectio senatus)
erweitert wurde, ferner das Recht der Patrizierernennung (eine vorher
unbekannte Art der Adelsverleihung) und gewisse äußere Ehrenrechte.
Die Vereinigung aller dieser Befugnisse, mit denen auch die alleinige
Verfügung über die Heere und die Finanzen verbunden war, bedeutet
praktisch bereits die Einsetzung der Monarchie. Ihr entspricht die
Ausschaltung der bisherigen Machtinstanzen: Den Senat vergrößert
Caesar zwar auf 900 Mitglieder, teilweise aus Angehörigen des italischen
Adels und angesehener Familien der gallischen und spanischen Provinzen.
Er machte ihn aber eben durch diese Zusammensetzung zu seinem will-
fährigen Werkzeug. Die Volkswahlen wurden eingeschränkt durch sein
Recht, für die Hälfte der Magistraturen mit Ausnahme der Konsuln
Kandidaten bindend zu empfehlen, womit der Wahlakt zur bedeutungs-
losen Formalität wurde.
Caesars Plan ging aber über diese einmalige Vereinigung einer in Rom
unerhörten Machtfülle noch hinaus und zielte auf eine offizielle und
dauernde Anerkennung der Monarchie. Ihm schwebte wohl die Wieder-
aufrichtung des altrömischen Königtums auf sakraler Grundlage vor,
wobei er zugleich von Vorbildern aus den hellenistischen Königreichen
seiner Zeit beeinflußt war. Von seiner Idealgestalt Romulus übernahm
er den Ehrentitel eines "Vaters des Vaterlandes" (parens patriae), nach
hellenistischen Mustern ließ er sich göttliche Verehrung gefallen. Seine
dynastischen Absichten zeigen sich im Willen, den Imperatortitel, der
ursprünglich nur triumphierenden Feldherren von den Heeren zuerkannt
wurde, erblich zu machen, vor allem aber in der Adoption seines Groß-
neffen C. Octavius, des späteren Augustus. Sein politisches Lebensziel
durch Ausrufung als König (rex) verwirklicht zu sehen, blieb ihm jedoch
versagt. Sein Streben nach der Königsmacht, ein Verbrechen, das seit den
Anfängen der Republik nach einer lex sacrata (o. § 7 I) jedermann zur
Tötung eines Usurpators verpflichtete, rief seine Mörder auf den Plan.
Ihre Bluttat an den Iden des März 44 vereitelte die Erfüllung seiner
auf das höchste Ziel gerichteten Wünsche.

J 23 Der Prinzipat des Augustus


Machtpolitisch gesehen, war mit der Monarchie Caesars die Republik
zu Ende, beginnt mit ihm die Zeit der "Kaiser•, deren Bezeichnung sich
von seinem Namen herleitet. Staatsrechtlich geht jedoch die Prinzipat-
100 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

verfassung erst auf die von August u s geschaffene Konstruktion zurück.


Er vermied den gewaltsamen Brum mit der Vergangenheit, an dem sein
Vorgänger gesmeitert war, und sumte den Ansmluß an die dem Zeitgeist
vertrauten Denkformen der Republik. Diese feinere psymologisme An-
passung schließt freilich nicht aus, daß im Ergebnis seine Mamtfülle
hinter der eines Monarchen nidtt zurückstand.
Unsere Kenntnis der staatlichen Neuordnung des Augustus beruht hauptsädUich
auf zwei Quellen: dem Bericht des Historikers Cassius Dio aus dem Anfang des 3. jh.,
der aber zuweilen die Dinge nach den Verhältnissen seiner Zeit irrig oder tendenziös
beurteilt, und außerdem auf einer berühmten (fragmentarischen) Inschrift, dem
,.Monumentum Ancyranum• (ergänzt durch das "Monumentum Antiochenum•) t, ent-
haltend den Selbstbericht des Augustus über seine geschichtlichen Taten, den er in
allen Hauptstädten (und so auch in Ancyra, heute Ankara, und in Antiochia in Klein-
asien) aufstellen ließ. Freilich ist auch dieser Bericht von der Tendenz nicht frei, die
Vereinigung der Madlt in seiner Hand hinter der behaupteten Wiederaufridltung der
Republik zu verbergen.
I. Nach der Ermordung Caesars verlangte der Kampf gegen die
inneren und äußeren Feinde zunächst wieder eine "absolutistische•
Regierungsform. Octavianus (wie Octavius nach der Adoption durch
Caesar hieß), M. Antonius und M. Aemilius Lepidus vereinigten sim 43
zum sog. zweiten Triumvirat. Das neue Dreihaupt empfing durm
Volksgesetz unter dem Namen triumviri rei publicae constituendae eine
fünfjährige, dann auf weitere fünf Jahre verlängerte außerordentliche
Vollgewalt, die sich von der Diktatur Caesars hauptsächlich nur durch die
Kollegialität unterschied. Den Lepidus zwang Oktavian 36 zur Abdan-
kung. Den Antonius, der gemeinsam mit der ägyptischen Königin
Kleopatra eine Monarchie nach östlichem Muster aufrichten wollte, ließ
er 32 zum Staatsfeind erklären und vernichtete diesen letzten Gegner 31
in der Schiamt bei Actium. Damit wurde Oktavian alleiniger Inhaber
der den Triumvirn verliehenen Vollgewalt. Als diese Gewalt nach dem
Ablauf ihrer Frist ihre formale Rechtsgrundlage verloren hatte und nur
durd:t einen Treueid der italischen Bevölkerung sowie durch eine formlose
Kundgebung des Volkswillens bestätigt worden war, gab Oktavian sie
in der Senatssitzung vom 13. Januar 27 in feierlimer Geste an Senat
und Volk zürück.
II. 1. An Stelle dieser allzu stark an die Monarchie Caesars erinnern-
den Vollgewalt empfing er jedoch von Senat und Volk stufenweise
mehrere begrenzte Einzelgewalten, die den herkömmlichen Verfassungs-
einrimtungen besser entsprachen.

1 Ausgaben des Monumentum Ancyranum von Tb. Mo m m s e n, 1865; E. Die h 1,

Res gestae divi Augusti (Kleine Texte f. Vorlesungen u. Übungen, 6. Aufl. 1935);
des Monumentum Antiochenum von W. Ramsay und A. v. Premerstein, Klio,
Beiheft 19, 1927. S. jetzt J. Gag~, Res gestae divi Augusti (2. Aufl. 1950).
§ 23. Der Prinz.ipat des Augustus 101

a) Nach dem erwähnten feiertimen Rücktritt erhielt er sogleich ein


zehnjährig befristetes, später befristet verlängertes, nicht näher bezeich-
netes imperium, das ihm den Oberbefehl über sämtliche Heere, das
Bündnisrecht und damit die Außenpolitik sowie die ausschließliche
Gewalt über die noch nicht befriedeten Provinzen (u. § 27 II 4 b) gab.
Diese vielumfassende Gewalt knüpft immerhin bereits an Verleihungen
des militärischen Imperiums in republikanischer Zeit an (s.o. § 22 II 4
zu Pompeius). Der stadtrömischen Bürgerschaft erschien sie milder als
die Diktaturen Sullas und Caesars und die Triumviratsgewalt des
Oktavian selbst, weil sie sich praktisch nur auf die Außengebiete, nicht
auf die Hauptstadt, bezog.
b) Für Rom besaß er gewisse ihm verliehene tri b unizische Rechte,
nämlidt seit 36 die Unverletzlidtkeit, seit 30 das ius auxilii. Außerdem
ließ er sich, wenngleich verfassungswidrig, von 31 bis 23 alljährlich zu
einem der beiden Konsuln wählen.
c) Im Jahr 23 legte er auch dieses Amt nieder und ließ sich dafür durch
Gesetze auf Lebenszeit die beiden Gewalten verleihen, die künftig das
Kernstück der Prinzipatsgewalt ausmachen, nämlich für Rom die volle
tri b uni c i a p o t es t a s, für Italien und sämtliche Provinzen das
imperium proconsulare, das ihm zum militärischen Oberbefehl
und zur Herrschaft über die neuen Provinzen hinzu den Vorrang vor
allen Statthaltern der senatorischen Provinzen (der älteren, u. § 27 II 4a)
gab, so daß er nunmehr auch die zivile Höchstgewalt im ganzen Reich
besaß.
d) Schließlich erhielt er 19 noch ein lebenslängliches imperium con-
sulare, dessen er sich künftig neben der Tribunsgewalt für die zivile
Herrschaft in Rom und zur Ausübung der zensorischen Befugnisse
bediente; fielen doch die Aufgaben des Zensors während der Zeiten, in
denen dieses Amt unbesetzt war, an den Konsul zurück (o. § 8 IV 4).-
Daneben stehen noch vielfältige Ein z e I befugnisse, die er sich über-
tragen ließ; so seit 30 die Patrizierernennung, seit 12 v. Chr. der Ober-
pontifikat und damit die höchste geistliche Würde. Zu seinen richterlichen
Funktionen s. u. § 25 II 3.
2. Das diplomatische Meisterstück des Augustus bestand nach all dem
darin, daß er nicht die verhaßte Monarchie als einheitliche und ständige
Vollherrschaft anstrebte, sondern die Konzentration der obersten Staats-
gewalt durch eine Vereinigung solcher Gewalten erreichte, die schon in
der Republik anerkannt oder wenigstens in Einzelfällen verliehen
worden waren. Er schaffte die bisherigen Einrichtungen der Republik-
verfassung nicht ab, sondern stellte nur seine Person mit einer auf ihn
allein bezogenen Machtausrüstung neben die überlieferten Organe.
Indem er dabei die durch die Vergangenheit belasteten Machtformen des
102 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Königtums, der Diktatur und des Alleinkonsulats vermied, vermochte er


seine Verfassung seit 27 den Zeitgenossen wirklich als "Wiederherstel-
lung der Republik" darzustellen. Freilich ist diese Legitimität nur eine
scheinbare, weil seine Machtanhäufung, auch wenn sie nicht als Schöpfung
eines dauernden zusätzlichen Staatsorgans gedacht war, in Wahrheit
doch einen revolutionären Bruch mit den Prinzipien der alten Verfassung
bedeutete.
Daß er gleichwohl mit seiner Neugestaltung so glänzenden Erfolg
hatte, beruht nicht nur auf der schonenden Form, in die er seine um-
fassende Gewalt kleidete, sondern zugleich auf dem Zeitgeist, der einer
maßvollen und gerechten Monarchie günstiger war als einer zerrütteten
und korrupten Republik. Die von der griechischen Staatsphilosophie
geläuterte Idee der Führungsgewalt des einzelnen begegnete sich mit
dem im Volk lebendigen Bewußtsein von der Sendung Roms zur Herr-
schaft über die Welt. Augustus wußte diese Anschauungen durch eine mit
äußerstem Geschick betriebene Propaganda zu fördern, in deren Dienst
er nicht nur seine äußeren und inneren Erfolge, sondern das ganze
geistige Leben seiner Zeit, auch die Künste und die Geschichtschreibung,
stellte. In den Provinzen aber, denen die römische Auseinandersetzung
zwischen Republik und Monarchie überhaupt fernlag, und denen zum
Teil die Alleinherrschaft seit alters vertraut war, fand ein menschlicher,
gerechter und friedfertiger Prinzipat von vornherein bereitwillige
Aufnahme.
III. Die Gewalten des Augustus sind, abgesehen vom (regulären)
Konsulat (bis 23) und Oberpontifikat, zwar nach dem Modell der repu-
blikanischen lünter gestaltet, aber von ihnen doch verschieden. Das 23
und 19 verliehene prokonsularische und konsularische Imperium bedeu-
ten nicht, daß er Prokonsul oder Konsul, die tribunicia potestas besagt
nicht, daß er wirklich Volkstribun gewesen wäre. Seine Gewalten haben
nur die Inhalte mit denen der Prokonsuln, Konsuln und Tribune
gemein; er wird aber nicht ihr überzähliger Amtsgenosse, sondern steht
über ihnen, so daß er ihnen allen interzedieren kann. Die den Magistra-
turen zukommende einjährige Befristung wird für ihn dadurch aus-
geschaltet, daß er seine Gewalten durch Vorwegnahme für mehrere
Jahre oder auf Lebenszeit im voraus empfängt. Dabei läßt die Lebens-
länglichkeit auch für eine Verantwortlichmachung keinen Raum. Im
ganzen ist mithin die augusteische Gewalt, obschon sie aus Elementen
der magistratischen aufgebaut ist, keine neue Magistratur, sondern ein
einmaliges Staatsorgan von eigener Art, dem die typischen Beschränkun-
gen der Magistratur fremd sind, und das sämtlichen Magistraten
übergeordnet ist.
S 23. Der Prinzipat des Augustus 103

IV. Augustus verzichtete darauf, seiner Herrschaft durch die Erhebung


unter die römischen Staatsgötter die sakrale Gestalt eines Gottkönig-
tums zu geben. Der im Jahr 27 ihm verliehene Titel August u s hat
primär sakrale Bedeutung, drückt aber nicht mehr aus als den von den
Göttern Erwählten, den Geheiligten, Erhabenen. Die göttliche Verehrung
ließ er in Rom nur für seinen Schutzgeist (genius) zu und sah sich afs
Abkömmling des vergöttlichten Caesar (divi filius) an. In den Pro-
vinzen dagegen duldete er, ebenso wie seine Nachfolger, die göttliche
Verehrung, besonders in denen des Ostens, wo sie schon den vor-
römischen Herrschern gegenüber üblich gewesen war und nun dazu
diente, die Macht der römischen Kaiser als Nachfolger der orientalischen
Gottkönige zu stärken.
V. Die Bezeichnung Imperator geht auf einen Ehrentitel zurück,
den die Soldaten dem siegreichen Feldherrn (meist mit nachträglicher
Bestätigung durch den Senat) erteilten. Caesar führt die Bezeichnung als
erblichen Vornamen, und Augustus übernimmt dies 38 als sein Adopciv-
sohn (er nennt sich Imperator Caesar divi filius Augustus). Seit 28 ist er
auch princeps senatus, der als Angesehenster im Senat zuerst das Wort.
ergreifen darf. Daran knüpft wohl die (auch schon in der Republik
gebrauchte) Heraushebung als princeps ( civitatis ), "erster Bürger unter
seinesgleichen" an; sie drückt nur eine politisch, keine staatsrechtlich
gehobene Stellung aus und erschien darum Augustus propagandistisch
besonders nützlich. Seine Ausrufung zum pater patriae durch Senat,
Ritterschaft und Volk (2 v. Chr.) ist nur eine ihm als äußere Ehrung
verliehene persönliche Vergünstigung.
VI. In seinem Rechenschaftsbericht (Mon. Ancyr.) erklärt Augustus, er
habe seit der Wiederherstellung der Republik im Jahre 27 an potestas
nicht mehr besessen als seine magistratischen Amtskollegen, an auctoritas
aber alle überragt. Daß die erste Behauptung die Wirklichkeit verhüllt,
weil die Fülle seiner Gewalt der magistratischen in Wahrheit doch weit
überlegen ist, haben wir bereits gesehen. Die auctoritas aber, die er
offen für sich beansprucht, kann nach diesem Zusammenhang kein Mehr
an staatsrechtlicher Macht ausdrücken. Obschon das Wort in anderen
Fällen einen juristischen Sinngehalt hat, und zwar als Zustimmung eines
Veräußerers, Vormunds, des Senats, ja auch des Kaisers (u. § 39 I 2),
meint es hier keinen staatsrechtlichen, sondern einen politischen und
sozialen Begriff. Wie unser Wort "Autorität" bedeutet es das von
jedermann freiwillig anerkannte Ansehen seiner Persönlichkeit, das nicht
nur auf dem Amt, sondern auch auf Charakter, Fähigkeiten, Leistungen
und Vermögen beruht; nicht zuletzt auch auf seinem persönlichen Glück,
mit dem ihn die Götter in seinem langen Leben (63 v. bis 14 n. Chr.) so
sichtbar begünstigt haben.
104 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

§ 24 Die weitere Entwicklung des Prinzipates

I. Augustuserhielt seine Machtfülle nur für seine Person. Nach seinem


Tod wie nach dem seiner Nachfolger fielen die Gewalten des Princeps,
der Idee der wiederhergestellten Republik gemäß, an Senat und Volk
zurück. Doch lag es weder im Sinn der Prinzipatsgewalt noch im Willen
der einzelnen Kaiser, die Frage nach dem Schicksal des Staates diesen
beiden geschwächten Körperschaften anzuvertrauen. Da Augustus und
die meisten seiner Nachfolger schon zu ihren Lebzeiten für die Fort-
setzung des Kaisertums vorsorgten und die öffentliche Meinung dies
hinnahm, setzte sich die Prinzipatverfassung als Dauereinrichtung
gewohnheitsrechtlich durch.
2. Die Auswahl der Person des Nachfolgers blieb jedoch
dauernd problematisch. Nahm man die wiederhergestellte Republik
ernst, dann lag es bei Senat und Volk, wem sie diese umfassende
Führungsgewalt einräumen wollten. Aber die Volksversammlung verlor
alsbald alle staatsrechtlidte Bedeutung (u. § 25 I 1}, und auch der
Senat war nur mehr selten in der Lage, einen eigenständigen politischen
Willen zu fassen und durchzusetzen. So lag die Entscheidung über die
Nachfolge regelmäßig bei den Instanzen, die die wirkliche Macht in
Händen hatten: bei dem Princeps selbst und allenfalls bei den Heeren.
Eine Erbfolge nach privatrechtliehen Regeln war mit der Idee der
Republik nicht vereinbar. Wenn Augustus und andere Kaiser nach einer
Bindung an ihre Familie strebten und es zeitweilig zur Bildung von
"Dynastien" kam, wie der julisch-klaudischen und der flavischen, so
beruht das auf der Macht der Tatsachen, nicht auf einem Rechtsgebot.
Immerhin konnte der Vorgänger durch Adoption einen Nachfolger
designieren, der dann auch privatrechtlich erbberechtigt war; so adop-
tierte bereits Augustus den Tiberius; und dies wiederholte sich nament-
lich in der Blütezeit seit dem späten 1. Jh., als die "Adoptivkaiser"
Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius und Mark Aurel einander
folgten. Doch wirkte die natürliche wie die künstliche Verwandtschaft
nur als unverbindliche Empfehlung.
Stärkere Kraft hatte die Verleihung einer Mitberechtigung zu
Lebzeiten. So hatte schon Augustus dem Agrippa und später dem
Tiberius eine tribunizische Gewalt und ein prokonsularisches Imperium
von Senat und Volk erteilen lassen, nicht nur um die Nachfolge zu
sichern, sondern um einen Teil seiner eigenen Aufgaben dem Mitregenten
zu seiner Entlastung zu übertragen. Später wiederholten sich solche
Beteiligungen an der Kaisergewalt, ja vereinzelt kam es sogar zu einem
Doppelprinzipat nacn dem Prinzip der gleichberechtigten Kollegialität,
§ 24. Die weitere Entwicklung des Prinzipates 105

wie unter den Brüdern Mark Aurel und Lucius Verus (161-169, den
nachmals so genannten divi fratres ).
Da es in allen diesen Fällen der Bestätigung durch Senat und Volk
bedurfte, konnte es geschehen, daß der durch den Wegfall des Gewalt-
habers eingetretene Schwächezustand von den Heeren , sei es von der
kaiserlichen Leibgarde der Prätorianer oder von anderen Truppenteilen,
die einen Thronanwärter begünstigten, dazu benutzt wurde, die Ent-
schlußfreiheit des Senats durch terroristische Einschüchterung zu beein-
flussen. So kam es nach der Ermordung des Commodus 192 zur Schild-
erhebung von nicht weniger als fünf Kaisem durch die in verschiedenen
Außengebieten des Reichs stehenden Heere, bis schließlich Septimius
Severus seine Gegenkaiser überwältigte.
II. 1. Die Ver 1e i h u n g der kaiserlichen Gewalten lag, der Idee der
wiederhergestellten Republik entsprechend, bei Senat und Volk. Sie
erforderte einen Senatsbeschluß, bestätigt durch eine (von der alten Lex
curiata inhaltlich verschiedene) Lex de imperio; doch hat man dabei die
förmliche Abstimmung der Komitien, die im Lauf des 1. Jh. n. Chr.
verfielen (u. § 25 I 1), durch formlose Akklamation ersetzt. Wie uns
der inschriftlich (als Bruchstüc:k) erhaltene Wortlaut der Lex de imperio
Vespasiani (69) zeigt 1, pflegte man darin die einzelnen Gewalten und
Befugnisse aufzuzählen, die der Vorgänger gehabt hatte, und neue
hinzuzufügen.
2. Das Kernstück der Prinzipatsgewalt bilden die tribunicia
potestas und das imperium proconsuLare. Dieses Imperium gab dem
Princeps die Herrschaft über alle Provinzen und Heere und sicherte
damit seine Machtstellung. Die tribunizische Gewalt verlieh ihm für
Rom die Unverletzlichkeit und das Interzessionsrecht sowie das Bei-
standsrecht (ius auxiLii) zugunsten des einzelnen Bürgers. Dagegen war
ein hauptstädtisches Imperium, das von der dortigen Bevölkerung als
Inbegriff der Herrschaftsgewalt mißbilligt werden konnte, in den an-
geführten Machtvollkommenheiten nicht enthalten. Ein konsularisches
Imperium ließen sich nur einzelne Nachfolger des Augustus erteilen;
andere begnügten sich mit dem regelmäßigen Konsulat und der Zensur.
Domitian erhielt 84 die Zensur auf Lebenszeit, mit seinem Sturz wurde
sie beseitigt; seitdem ist auch die Auswahl der Senatoren mit dem
Prinzipat vereinigt. Seit den Severem deutet man dann unter helleni-
stischem Einfluß die kaiserliche Gewalt immer stärker als eine einheitliche
im monarchischen Sinn.
3. Die Kaiser führen die Ti te 1 Imperator, Augustus, princeps; auch
die nichtjuliseben behalten den Namen Caesar bei, der seit Hadrian auf
1 Bruns-Gradenwitz, Fontes 1 (u. Schrifttum I Sa), Bd. I S. 202 ff.; Fontes
iuris Rom. anteiust. 1 Bd. I S. 154 ff.
106 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

die designierten Nachfolger beschränkt wird. Dominus, von den ersten


Kaisern streng gemieden, wird nur von Despoten geduldet; von
Domitian (81-96) als dominus et deus, eine Vorwegnahme des Domi-
nats (u. § 46 1).
4. Ihre g ö t tl ich e Ver eh r u n g schon zu Lebzeiten ließen die Kaiser
zumeist nur in den Provinzen zu. Nur die despotism regierenden wie
Gaius (Caligula) und Domitian duldeten sie auch in Rom. Nach dem
Tod dagegen pflegte schon seit dem Beginn des Prinzipats der Senat zu
entscheiden, ob der Kaiser als divus unter die Götter erhoben (kon-
sekriert) oder ob seine Amtshandlungen aufgehoben (Tiberius) oder gar
das Andenken an ihn als einen Staatsfeind (hostis) verflucht werden
sollte. Mit dieser damnatio memoriae war dann auch die Zerstörung
seiner Bildsäulen und die Auslöschung seines Namens auf den Inschriften
verbunden (Caligula, Nero, Domitian). In diesem Strafverfahren gegen
den Toten klingt noch die alte magistratische Verantwortlichkeit an.

§ 25 Die fortbestehenden republikanischen Einrichtungen.


Grenzen der Prinzipatsgewalt.
I. Mit dem Prinzipat wurde die republikanische Verfassung nicht
beseitigt, sondern ihr nur der Princeps als neues Organ aufgepfropft.
Gleichwohl hat die Machtfülle des Princeps alle bisherigen Staatsorgane
in Mitleidenschaft gezogen und manchen von ihnen Sinn und Bedeutung
genommen. Daß dabei die mit besonderer politischer Macht ausgestatte-
ten Einrichtungen stärker ausgehöhlt wurden als die unpolitischen, liegt
auf der Hand. Betrachten wir sie im einzelnen.
1. Die V o I k s ver s a m m I u n g hat ihre Eignung zum Staatsorgan
schon in der späten Republik eingebüßt (o. § 20 li). Unter dem
Prinzipat hat sich das sittliche und soziale Niveau der hauptstädtischen
Massen, auf die die Komitien und die Plebsversammlung praktisch
beschränkt waren, durch den Zuzug eingebürgerter Provinzialen und die
Freilassung volksfremder Sklaven weiter verschlechtert. Daß das arbeits-
scheue, vom Staat ausgehaltene Proletariat, das den Staat als bloße
Fürsorgeanstalt ansah, in den Volksversammlungen aber die Mehrheit
bildete. zu politischer Verantwortung für das Weltreich nicht mehr fähig
war, haben die Machthaber nicht verkannt. Da man indes die Volks-
versammlung ohne Staatsstreich nicht abschaffen konnte, ließ man sie
allmählich absterben.
a) Von den ursprünglichen drei Gruppen von Aufgaben der Komitien
(o. § 10 II) blieb die Volksgesetzgebung am längsten erhalten.
Volksgesetze kommen unter den ersten Kaisem noch mehrfach zustande;
§ 25. Die republikanischen Einrichtungen. Grenzen der Prinzipatsgewalt 107

als letztes wird uns eine Lex agraria des Nerva (96-98) genannt. -
b) Volks w a h 1e n finden unter Augustus noch statt, werden aber durch
sein Recht eingeschränkt, für bestimmte Stellen Kandidaten teils bindend
zu empfehlen (commendare), was den Wahlakt zur bloßen Formalität
macht, teils unverbindlich vorzuschlagen (su/lragari), was indes bei der
Stärke der kaiserlichen Autorität gleichfalls einer Ernennung praktisch
nahekommt. Ein Gesetz von 5 n. Chr. schuf für die vorzuschlagenden
Konsuln und Prätoren besondere Wahlkörper aus Senatoren und
Rittern, die die Kandidaten durch Vorwahl bestimmten (destinatio
magistratuum) 1• Tiberius dagegen überläßt den Vorschlag der Kan-
didaten, die er nicht selbst bindend empfiehlt, dem Senat. Das Volk
erhält nach dem einen wie nach dem anderen System immer nur eine
Einmannliste zur Zustimmung vorgelegt. Es pflegt sie bedenkenlos
anzunehmen, weil es auch hinter ihr den Willen des Kaisers vermutet.
Spätestens im 2. Jh. verkümmern die Wahlkomitien zu Versammlungen,
in denen das Volk die Verkündungen entgegennimmt und ihnen akkla-
miert; damit werden sie vollends zur inhaltlosen Form. - c) Die
Volksgerichtsbarkeit war durch die Schwurgerichte schon im letzten
Jahrhundert der Republik vollständig verdrängt worden (s. u. § 29
III 6).
2. Der Senat gewinnt scheinbar an Bedeutung, weil er gewisse Funk-
tionen der Komitien mitübemimmt. In Wahrheit ist jedoch auch er nur
eines der vielfältigen Mittel, über die der Kaiser zur Verwirklichung
seiner politischen Ziele verfügt. Die ernstgemeinten Versuche namentlich
des Augustus und des Tiberius, ihn zu selbständiger Aktivität anzuregen,
scheitern am Fehlen jeglicher eigener Initiative bei den Senatoren.
Freilich haben die Kaiser selbst die Unterwürfigkeit des Senats begün-
stigt; entscheiden sie doch sowohl über die Bestellung der Magistrate, die
nach ihrer Amtszeit Senatoren werden, wie auch über die sonstige
Senatsauslese (o. § 24 II 2}, so daß nur ihre Anhänger in diese Körper-
schaft gelangen.
Von den Aufgaben, die in der älteren Republik den Senat in den
Schwerpunkt der staatlichen Machtkonstellation gestellt haben, gehen die
wichtigsten, nämlich die weitschauende politische Planung, vor allem in
der Außenpolitik, und die Verfügung über die Heere, auf den Kaiser
über. Von den neueroberten, den sog. "kaiserlichen" Provinzen (u. § 27
II 4 b) und von dem vom Kaiser allein verwalteten Teil des Staats-
vermögens (fiscus, u. ebenda) ist der Senat von 'V'ornherein ausgeschlos-
sen. So verbleibt ihm nur die Verwaltung der älteren, sog. "senatorischen"
Provinzen und die Verfügung über den allmählich zugunsten des fiscus
1 Darüber unterridttet uns jetzt die 1947 aufgefundene lnsdtriA: von Heba (Tabula
Hebana), abgedrudtt (von H. Ne s seIhau f) in der ZeiuchriA: Historia 1 (1950) 105 tf.
108 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

eingeschränkten Teil des Staatsschatzes, der aus den bisherigen Quellen


fließt (aerarium). Aber auch in die Verwaltung der Senatsprovinzen
haben die Kaiser vermöge ihres prokonsularischen Imperiums, das vor
dem der Statthalter den Vorrang genießt, wiederholt eingegriffen.
Ebenso haben sie zunehmend über das aerarium verfügt.
Neu hinzu gewinnt der Senat von den Komitien: a) einen stärkeren
formalen Einfluß auf die Wah 1 der Magistrate, soweit es üblich wird,
den Senat an der Aufstellung der Vorschläge zu beteiligen (ob. 1). Aber
in der Praxis folgt er auch darin dem erklärten oder erschlossenen
Wunsch des Kaisers. - b) Was die Gesetzgebung betrifft, so kann
der Senat zwar nicht Ieges schaffen, dodt treten die Senatsgutachten
(senatus consulta), die häufig als Empfehlungen an die Magistrate gefaßt
sind, besonders seit dem Versiegen der Volksgesetzgebung an ihre Stelle.
Im 2. Jh. wird den Senatsbeschlüssen gesetzesgleiche Wirkung zuerkannt
(legis vicem optinent). Soweit sie von den Kaisern angeregt oder ein-
gebracht werden, pflegen sie ohne ernstgemeinte Erörterung angenommen
zu werden. Seit dem Ende des 2. Jh. sieht man dann nicht mehr die Senats-
abstimmung, sondern den kaiserlichen Antrag, die oratio principis, als
den entscheidenden Akt an und zitiert sie unter dieser Bezeichnung.
Damit ist der Senat auch äußerlich zu einem Gesetzgebungsorgan für den
Kaiser geworden.- c) Eine Strafgerichtsbarkeit hatte der Senat
zunächst nur als außerordentliche in der Befugnis, Staatsverbrecher zum
Staatsfeind (hostis) zu erklären (o. § 20 111). Tiberius wies dem Senat
eine Strafgerichtsbarkeit über Personen senatorischen Ranges (als Stan-
desprivileg) zu. Der Senat trat hier als beratendes Organ (consilium) des
vorsitzenden Konsuls auf, den man insoweit als an den Entscheid des
Senats gebunden ansah. Dodt kam dieses senatorische Strafgericht bereits
nach wenigen Jahrzehnten wieder außer Übung. Im übrigen lag die
ordentliche Strafjurisdiktion seit der späten Republik bei den Schwur-
gerichten (o. § 20 111), die schon seit 70 v. Chr. (o. § 22 II 3) nicht mehr
ausschließlich mit Senatoren besetzt werden. Mit diesen Gerichten kon·
kurriert jetzt zunehmend die außerordentliche Strafgerichtsbarkeit des
Kaisers (u. II 3).
Um des beschriebenen selbständigen Wirkungskreises willen, der dem
Senat zukommt, hat Th. Mommsen den Prinzipat als "Zweiherrschaft"
( D y a r c h i e) des Kaisers und des Senats bezeichnet. Dafür läßt sich
besonders das Nebeneinander der fortbestehenden republikanisch-sena-
torischen und der neu hinzutretenden kaiserlichen Einrichtungen an-
führen (u. § 26 1): der Magistrate neben den kaiserlichen Beamten, der
senatorischen neben den kaiserlichen Provinzen, des aerarium neben dem
/iscus. Dabei ergibt sich jedoch, daß zwar dem Senat eine Einwirkung
auf den kaiserlichen Bereich vollständig versagt ist, nicht aber umgekehrt
§ 25. Die republikanischen Einrichtungen. Grenzen der Prinzipatsgewalt 109

dem Kaiser eine Einwirkung auf den Senatsbereich. Stellt man sich unter
der Doppelherrschaft, wie es am nächsten liegt, eine gleichmäßige Teilung
der Staatsaufgaben zwischen Kaiser und Senat vor, dann stünde diese
Bezeichnung mithin zur wahren Machtlage in einem handgreiflichen
Widerspruch.
3. Ein ähnliches Schicksal wie der Senat erleiden die aus der Republik
fortbestehenden Magistraturen. Soweit sie vordem einen mili-
tärischen und politischen Aufgabenbereich hatten, verlieren sie diesen an
den Kaiser. Nur die minder politische Gerichtsbarkeit, vor allem in
Zivilsachen, sowie gewisse technische Verwaltungszweige bleiben im
wesentlichen unangetastet.
a) Am stärksten gelitten hat der Konsulat, der die politische und
militärische Führung an den Kaiser abgibt. Diesem Amt verbleiben nur
der Senatsvorsitz und äußere Ehren, weshalb es von den Kaisem ver-
dienten Männem als Belohnung zugewandt wird. Außerdem übt der
Konsul in Zivilsachen eine freiwillige und neuerdings eine engbegrenzte
außerordentliche streitige Zivilgerichtsbarkeit aus. In Strafsachen leitet
er das Senatsgericht (o. 2). An der Zweizahl hält man fest, doch werden
jetzt häufig mehrere Konsulpaare für das Jahr ernannt, von denen aber
nur das erste dem Jahr den Namen gibt (Eponymie).
b) Die Prätoren behalten die politisch weniger gewichtige ordent-
liche Zivilgerichtsbarkeit (u. § 32). Ihre Zahl wird für Sonderaufgaben in
der späteren Republik und im beginnenden Prinzipat allmählich auf 16
erhöht, von denen einige den Vorsitz in den Schwurgerichtshöfen für
Straf- und manche Zivilsachen führen, andere für die außerordentliche
Rechtsprechung in Fideikommiß-, Fiskal-, Vormundschafts- und Freiheits-
sachen bestimmt sind.
c) Den kurulischen K d i 1e n verbleibt die Marktgerichtsbarkeit und
Marktpolizei, doch geht die politisch wichtige staatliche Vorratswirtschaft
für die Lebensmittelspenden auf kaiserliche Beamte über (u. § 26 II lc).
d) Von den Quästoren, bei Beginn des Prinzipats 20, später 40,
verwalten einige das aerarium, in dem sich auch das Staatsarchiv
befindet; doch wird die Kassenverwaltung 23 v. Chr. auf zwei praetores
aerarii, von Nero auf kaiserliche praefecti aerarii übertragen. Andere
Quästoren sind Hilfsbeamte des Kaisers und der Statthalter.
e) Völlig entkräftet wird außer dem Konsulat der Volkstribunat,
dessen Funktion als demokratisches Kontrollorgan (o. § 20 IV 2c) nun
hinfällig geworden ist. Den Tribunen kommt hauptsächlich nur noch
ein kleiner gerichtlicher und administrativer Aufgabenkreis zu.
f) Die Zensur wurde von 22 v. Chr. bis zu ihrem Aufgehen in der
Prinzipatsgewalt unter Domitian (o. § 24 II 2) nicht mehr selbständig
besetzt, wohl aber von manchen Kaisern bekleidet.
110 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

II. Blicken wir auf diese aus der Republik fortlebenden Einrichtungen
zurück, so bestätigt sich der Eindruck, daß die Prinzipatverfassung
zwischen der tatsächlichen Machtlage und der Redttsform eine starke
Spannung schafft, die mit dem Begriff der "konstitutionellen Monarchie•
nicht richtig erfaßt würde. Der Princeps vereinigt in sich de facto die
Machtvollkommenheit eines absoluten Monarchen; de iure freilich sind
seiner Gewalt aus dem Fortbestand der Republik Grenzen gezogen:
1. Ein Gesetzgebungsrecht steht ihm nicht zu. Augustus hat die
ihm angetragene cura Legum et morum und damit eine Normensetzung
ohne Mitwirkung des Volks abgelehnt. Gesetzesanträge (zu seinen zahl-
reichen Leges Iuliae), die er kraft seiner tribunizischen Gewalt bei den
Plebskonzilien einbringt, stehen denen jedes anderen Magistrats gleich.
Den einseitigen kaiserlichen Erlassen ( constitutiones) wird erst allmäh-
lich gesetzesgleiche Kraft zugebilligt (u. § 34). Vielmehr sind die Kaiser
selbst den Gesetzen unterworfen; wo dies im Einzelfall nicht gelten
soll (wie bei den augusteischen Ehegesetzen: princeps legibus solutus est),
bedarf es der Ausnahme durch Gesetz oder gesetzesgleiche Norm. Auch
die Senatsbeschlüsse kann der Kaiser nicht aufheben. Er kann nur den
Magistraten Weisungen erteilen, außerdem ihre Anordnungen durch
Interzession entkräften.
2. In der Auswahl der Magistrate ist sein bindendes Empfehlungs-
recht auf bestimmte Stellen beschränkt. Soweit er auch auf die Besetzung
der anderen Stellen bestimmenden Einfluß genommen hat, beruht das
auf der faktischen Machtlage.
3. In der Gerichtsbarkeit sind die im ordentlichen Verfahren in
Zivil- und Strafsachen von Geschworenen gefällten Urteile zunächst
seinem Eingriff entzogen. Er kann nur auf die Gestaltung ihres Inhalts
durch seine Gutachten (rescripta) einwirken, die aber erst mit der Zeit
als verbindlich angesehen wurden (u. § 34 III 4).
Eine eigene Gerichtsbarkeit in Zivil- und Strafsachen beansprucht er
nur außerhalb des Wirkungskreises der ordentlichen Gerichte für beson-
dere, erst von ihm als gerichtlich verfolgbar anerkannte Tatbestände
( cognitio extra ordinem), dazu u. § 34 IV 2. Nur in den seiner aus-
schließlichen Verfügung vorbehaltenen, den sog. kaiserlichen Provinzen
ist er der alleinige Gerichtsherr für alle Sachen. Die Gerichtsbarkeit hat
der Princeps in den Provinzen (auch den senatorischen) vermöge seines
imperium proconsulare, in Rom (und Italien) als Konsul oder kraft des
imperium consulare. Außerdem gibt ihm (wie schon zuvor den Volks-
tribunen) die tribunicia potestas eine Aufsicht über die ordentlichen
Gerichtsmagistrate, vermöge deren er ihre Dekrete durch Interzession
aufheben kann. Augustus, dem bereits 30 v. Chr. zusammen mit der
tribunizischen Gewalt das Recht verliehen worden war, "auf Anrufen"
§ 26. Die kaiserliche Verwaltung 111
(appellatus) zu entscheiden, geht auch darüber noch hinaus, indem er die
magistratischen Dekrete durch seine eigenen Anordnungen ersetzt. Er
führt damit eine Berufung (appellatio) ein, die nicht nur aufhebende
(kassatorische), sondern neu festsetzende (reformatorische) Wirkung hat.
Sie richtet sich a) im Bereich der extraordinaria cognitio gegen Urteile
aller Art, weil in der Kognition alle Gerichtsbarkeit als eine vom Kaiser
delegierte aufgefaßt wird; b) in der ordentlichen Gerichtsbarkeit nur
gegen Dekrete der Magistrate, aber zunächst nicht gegen Urteile der
Geschworenen. Gegen diese gewährt erstmals Claudius eine Aufhebung
durch in integrum restitutio, so daß ein neues ordentliches Verfahren
ermöglicht wird. Daß das Geschworenenurteil durch das kaiserliche
ersetzt wird, kommt erst um die Mitte des 2. Jh. auf. In den Bereich
der ordentlichen Gerichtsbarkeit der Prätoren in Rom greift die außer-
ordentliche des Kaisers in Zivilsachen in der späteren Klassik nur
zögernd über. Dagegen wird in Strafsachen die ordentliche Jurisdiktion
der Schwurgerichte spätestens unter den Severern in der Praxis von der
kaiserlichen verdrängt (u. § 29 IV). Die Senatsg~richtsbarkeit war bereits
Mitte des 1. Jh. von der kaiserlichen abgelöst worden.

§ 26 Die kaiserliche Verwaltung


I. 1. Für die Verwirklichung ihrer umfassenden Aufgaben auf allen
Gebieten des staatlichen Lebens haben sich Augustus und seine Nach-
folger einen umfangreichen Verwaltungskörper geschaffen, der sich mit
der Zeit zu einem neuen staatlichen Organismus neben dem aus der
Republik überkommenen entwickelt. Diese Einrichtungen stammen
teilweise aus der privaten Sphäre des Princeps, sie werden aher mit
der rasch fortschreitenden Festigung des Prinzipats als staatliche an-
erkannt. Die kaiserliche Verwaltung war der republikanischen dadurch
überlegen, daß sie von vornherein auf die Zwecke des kaiserlichen
Regiments zugeschnitten war, während die Einrichtungen aus der Repu-
blik mit den Schwächen belastet blieben, die ihnen aus ihrem Ursprung
in einem von der Dreiheit Senat, Volk und Magistrat geleiteten Stadt-
staat anhafteten. Da außerdem, wie wir sahen, die Aufgaben des
Princeps die den republikanischen Einrichtungen belassenen an staats-
politischer Bedeutung weit überragten, ist es begreiflich, daß die kaiser-
liche Verwaltung die republikanische mehr und mehr zurückdrängte.
Obwohl wir die Prinzipatverfassung nicht als Doppelherrschaft von
Kaiser und Senat verstehen (o. § 25 I 2), folgt aus dem Nebeneinander
der alten und der neuen Verwaltungseinrichtungen doch ein eigentüm-
licher Dualismus zwischen dem, was wir nach dem verfassungsrecht-
lichen Schwerpunkt den "Senatsbereich• nennen können, und dem
112 li. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

neugeschaffenen "kaiserlichen Bereich". Zu jenem gehören vornehmlieb


die dem Senat verantwortlichen, aus der Republik fortbestehenden
Magistrate, der vom Senat verwaltete Staatsschatz (aerarium populi
Romani) und die vom Senat verwalteten Provinzen. Zur kaiserlichen
Sphäre rechnen dagegen die kaiserlichen Beamten, der fiscus Caesaris
und die Kaiserprovinzen. Doch erklärt sich diese Scheidung nur aus dem
Hereinragen einer teilweise überlebten Vergangenheit in eine neue,
werdende Staatsform; sie bleibt darum auf die genannten Gebiete
beschränkt, in denen die Aufgaben auf Kaiser und Senat verteilt sind.
Der formale Dualismus darf nicht darüber täuschen, daß dem Kaiser
vermöge seiner überlegenen Gewalt der Eingriff auch in den Senats-
bereich weithin offenstand.
2. Der f i s c u s (wörtlich Geldkorb) Caesaris, aus dem u. a. die Kosten
der kaiserlichen Verwaltung getragen werden, ist aus dem Privat-
vermögen des Kaisers hervorgegangen, so daß er teilweise dem Privat-
recht untersteht. Er entwickelt sich aber zu einem der kaiserlichen Ver-
fügung vorbehaltenen staatlichen Zweckvermögen (Krongut), das vom
persönlichen Vermögen unterschieden wird. Dieses wird nach privat-
rechtlichen Grundsätzen vererbt, jenes geht auf den Nachfolger über.
Für seine Verfügung über den Fiskus ist der Kaiser in der Praxis nicht
verantwortlich. Gespeist wird der Fiskus hauptsächlich aus den Abgaben
der kaiserlichen Provinzen, dem tributum soliund capitis (u. § 27 li 4b)
und weiteren Steuern und Zöllen.
II. Die kaiserlichen Kmter sind keine Magistraturen im Sinn
der Republik (o. § 8 I), ihre Inhaber sind nicht den Ministern vergleich-
bar, sondern wirkliche Berufsbeamte. Diese Kmter beruhen auf der
Befugnis des Princeps, seine Gewalten anderen Personen zur Ausübung
zu übertragen ( delegare, mandare ). Demgemäß steht es auch bei ihm,
welche Kmter er einrichten und mit wem er sie besetzen will. Die
kaiserlichen Beamten werden ohne Beschränkung auf das Amtsjahr und
zumeist ohne Kollegialität vom Kaiser nach freiem Ermessen ernannt
und entlassen. Doch erlischt ihre vom Kaiser delegierte Amtsgewalt mit
seinem Tod, wenn sie nicht der Nachfolger ausdrücklich oder still-
schweigend bestätigt. Ihre Stärke gegenüber den Magistraten liegt darin,
daß sie nicht wie diese die ganze Kmterfolge (o. § 8 III 2) mit ihren
wechselnden Ressorts durchschreiten müssen, sondern nach ihren fach-
lichen Fähigkeiten ausgesucht werden und sich in längerer Dienstzeit in
ihr begrenztes Aufgabengebiet einarbeiten können. Für ihre Dienste
erhalten sie, anders als die Magistrate, eine Vergütung (salarium), nach
deren Höhe sich ihre Rangordnung richtet. Der Kaiser ernennt seine
Beamten teils aus dem Senatorenstand, teils, um ein Übergewicht der
Senatsgruppe zu verhindern, aus der Ritterschaft
§ 26. Die kaiserliche Verwaltung 113

In der kaiserlichen Verwaltung wird ferner für jeden leitenden


Beamten allmählich ein Stab von H i 1f s b e amten eingerichtet, die mit
größerer Selbständigkeit als die republikanischen apparitores (o. § 8 I)
die Aufgaben bearbeiten und die Anordnungen des Behördenleiters
vollziehen. Damit wird es vor allem in der Finanzverwaltung möglich,
die Steuern, die bisher auf dem staatswirtschaftlich schädlichen Weg
der Verpachtung an die publicani eingetrieben wurden (o. § 18 lll),
nun unmittelbar durch staatliche Organe einzuziehen.
III. Wir betrachten im folgenden zunächst die zentrale Verwaltung,
sodann (in § 27) die der Außengebiete. Die gleichfalls wichtige Heeres-
reform mag hier beiseite bleiben.
la) Unter den Zentralämtern in der unmittelbaren Umgebung des
Kaisers ist das machtvollste das der p r a e f e c t i p r a e t o r i o, die, zu-
nächst Befehlshaber der Leibgarde (Prätorianer), später zu ständigen Ver-
tretern des Kaisers in der obersten Zivilverwaltung und RechtspreChung
werden (" Vizekaiser"). Unter den Severern sind sie die Mächtigsten nach
dem Princeps. Sie erhalten im 3. Jh. eine Strafgerichtsbarkeit für Italien,
daneben entscheiden sie in Zivil- und Strafsachen aus dem ganzen Reich
über Berufungen. Ihre Urteile stehen (wohl erst im 4. Jh.) denen des
Kaisers gleich und unterliegen keiner weiteren Berufung. Das Amt wird
zwei- oder dreifach besetzt, um einen Kaisersturz durch einen Garde-
präfekten, der selbst nach der Kaiserwürde strebt, zu verhüten, und
zwar aus dem Ritterstand. - b) Der praefectus ur b i ist Polizeipräfekt
von Rom und Umgebung und verfügt, obwohl er Zivilbeamter ist, über
eine starke Polizeitruppe. Auch er hat eine außerordentliche Straf- und
Zivilgerichtsbarkeit, von der indes die Berufung an den Kaiser möglich
ist. Sein Amt steht an Macht und Rang dem des Gardepräfekten nur
wenig nach; es wird aber aus dem Senatorenstand besetzt. - c) Auf der
Sorge für Ruhe und Ordnung in der Hauptstadt beruht ferner die
Einsetzung des praefectus annonae (annona = Jahresernte), der von
den kurulischen ~dilen die städtische Ernährungswirtschaft, besonders
die Lebensmittelspenden an das Volk, übernimmt. - d) Auch der
praefectus vigil um befehligt eine Polizeitruppe, der die Aufsicht über
das bei der leichten Bauweise besonders wichtige Feuerlöschwesen, aber
auch über die sonstige Sicherheit obliegt. - e) Der praefectus
v eh i c u l o rum steht der vom Kaiser eingerichteten Post ( cursus publicus)
vor. Diese drei Amter werden aus dem Ritterstand besetzt. Neben ihnen
bestehen noch weitere kaiserliche praefecti, procuratores und curatores für
begrenzte Aufgaben, besonders in der Finanzverwaltung.
2. Da die kaiserliche Verwaltung anfangs von der Erledigung der
persönlichen Angelegenheiten des Princeps nicht getrennt ist, ziehen die
Kaiser in ihren K an z 1e i e n auch Personen ihrer nächsten Umgebung für
8 6760 Kaser, Römisdte Rechtsgeschidtte
114 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Staataufgaben heran. So werden wichtige Staatsgeschäfte häufig den


Freigelassenen des Kaisers, zumeist hochgebildeten Griechen, übertragen.
Diese Einrichtung hat zunächst privaten Charakter, sie gleicht der
Bestellung von Privatsekretären anderer wohlhabender Römer. Unter
Claudius (der sich stark von seinen freigelassenen Kanzleivorständen
beherrschen ließ) gewinnen die Kanzleien eine feste organisatorische
Form, indem besondere Sekretäre mit ihren Hilfskräften für die Be-
arbeitung von Eingaben Privater (a libellis) und von Berichten der
kaiserlichen Beamten (ab epistulis) eingesetzt werden, ferner für die
Verwaltung des kaiserlichen Fiskus (a rationibus, von ratio = Rech-
nung) und für die Bestallung der kaiserlichen Beamten (a memoria).
Hadrian überträgt die überaus einflußreichen Funktionen dieser kaiser-
lichen Kanzleivorstände auf ritterliche Beamte.
3. Daneben steht dem Kaiser, wie schon vordem jedem Magistrat, ein
selbstgewählter Kreis von Ra t gebe r n (Consilium) aus den beiden
obersten Ständen zur Seite, in den er hervorragende Politiker und
Fachleute beruft. Hadrian oder eher Antoninus Pius gestaltet dieses
consilium zu einem ständigen Staatsrat mit besoldeten Mitgliedern aus.
Bei Abwesenheit des Kaisers führt der Prätorianerpräfekt den Vorsitz.

§ 27 Die Verwaltung Italiens und der Provinzen


Neben dem Neuaufbau der Zentralgewalt oblag den Kaisern die
zweite große Aufgabe, den stadtstaatliehen Aufbau des römischen
Gemeinwesens endgültig zu überwinden und das zum Weltreich
angewachsene Hinterland unter eine Verwaltung zu stellen, die das
wirtschaftliche und soziale Leben dieser Gebiete stärkt und sie aus
bloßen Herrschaftsobjekten zu lebenskräftigen Gliedern des Reiches
macht. Die kaiserlichen Reformen haben diese Entwicklung zum
Territorialstaat weithin gefördert, wenn auch noch nicht vollendet.
I. An der unterschiedlichen Behandlung Italiens und der Provinzen
hält man in diesem Zeitalter noch fest. I t a I i e n genießt die bevor-
rechtete Stellung des ius ltalicum, also die Freiheit von der Grundsteuer
und von militärischen Lasten; es wird als das zentrale und damit un-
gefährdete Kernland des Reichs, abgesehen von der kaiserlidien Leib-
garde, nicht mit stehenden Heeren belegt.
1. Den italischen Gemeinden hatte bereits Caesar für ihre Selbst-
verwaltung eine Gemeindeordnung nach dem verkleinerten Modell der
römischen Republik verliehen (o. § 21 1), die später auch auf die Pro-
vinzialstädteübertragen wird. Sie strebt eine Vereinheitlichung an, ohne
sie doch vollständig durchzuführen. Unter dem Prinzipat tritt auch hier
die kaiserliche Verwaltung und Rechtsprechung ergänzend und teilweise
S27. Die Verwaltung Italiens und der Provinzen 115

ändernd hinzu. Für die höhere Zivilgerichtsbarkeit (neben der niederen


der Gemeindeorgane) bestellt Hadrian vier Legaten von konsularischem,
Mark Aurel iuridici von prätonsehern Rang mit örtlichen Bezirken,
deren Einrichtung die Territorialstaadichkeit fördert. Auch in Straf-
sachen liegt die Gerichtsbarkeit bei den Gemeindebehörden, sie wird
aber von der cognitio des kaiserlichen Beamten allmählich verdrängt
(o. § 25 II 3).
2. Die wirtschaftliche und soziale Lage Italiens leidet nach
wie vor unter den schweren Schäden, die die Entwicklungen im Lauf der
jüngeren Republik dort verursacht haben (o. § 17 1), und die auch der
allgemeine Aufschwung am Beginn der Prinzipatszeit nicht behoben hat.
Beherrschendes Merkmal bleibt die Latifundienwirtschaft mit ihren
übermäßigen Spannungen zwischen den wenigen unermeßlich reichen
Großgrundbesitzern und einer spärlichen und ärmlichen Landbevölke-
rung. An kaiserlichen Maßnahmen zur Besserung der Lage hat es gewiß
nicht gefehlt. Augustus erstrebte mit seinen Siedlungsplänen neben der
Veteranenversorgung auch die Schaffung eines neuen Kleinbauemtums.
Trajan und andere Kaiser suchen die Kinderlosigkeit in den ärmeren
Schichten durch "Alimentarstiftungen" zu bekämpfen, die zugleich der
Landwirtschaft zugute kommen: Die Grundbesitzer erhalten vom Staat
Kapitalien gegen Hypothek und bezahlen dafür an die Gemeinden
eine Rente, die an die Kinder bedürftiger Eltern verteilt wird; der
niedrige Rentensatz macht das Geschäft auch für die Grundbesitzer
vorteilhaft. Aber diese und andere Einzelmaßnahmen können nicht
verhindern, daß die italische Wirtschaft hinter der der stärker aufblühen-
den Provinzen allmählich zurückbleibt. So erklärt es sich auch von der
wirtschaftlichen Seite her, daß Italien aus seiner führenden Rolle im
römischen Imperium vom griechischen Osten, der ihm kulturell eben-
bürtig und teilweise überlegen ist, allmählich zurückgedrängt wird.
3. Der wirtschaftliche Rückschritt macht mit der Zeit verstärkte Ein-
griffe der Zentralgewalt notwendig. Trajan bestellt zur Verbesserung
der zerrütteten Gemeindefinanzen curatores rerum publicarum als Auf-
sichtsbeamte. Noch stärker wird die Selbstverwaltung durch die Ernen-
nung von correctores für einzelne Bezirke seit Caracalla eingeschränkt.
Damit wird die Verwaltung Italiens der der Provinzen angenähert und
die am Beginn der folgenden Periode vollzogene Vereinheitlichung
vorbereitet.
II.l. In den Provinzen lag die Hauptaufgabe darin, das bisherige
System der Ausplünderung durch die Statthalter zu beseitigen, das wirt-
schaftliche Eigenleben dieser Gebiete wiederherzustellen und damit ihre
natürlichen Kräfte für die dortige Bevölkerung ebenso wie für das
Gesamtreich nutzbar zu machen. Dieses Ziel wird, abgesehen von einer
116 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

verschärften Aufsicht der Zentralgewalt über die Statthalter, haupt-


sächlich durch zwei eng miteinander zusammenhängende Mittel ange-
strebt: die von Rom immer bewußter geförderte Ausbreitung der
römischen Kultur und die Neuorganisation der Verwaltung.
Diese Maßnahmen, die bereits in der Republik mit der Errichtung
römischer und latinischer Kolonien begonnen haben (o. § 21 II 5),
werden unter dem Prinzipat tatkräftig fortgesetzt, indem auch außer-
halb Italiens zahlreiche Munizipien und Kolonien nach dem Muster der
italischen Gemeinden errichtet werden. Sie dienen als Stützpunkte für
die römische Verwaltung und Wirtschaft und zugleich für die Durch-
dringung des Landes mit der römischen Zivilisation. Dabei vollzieht sich
die Romanisierung in der westlichen Reichshälfte im ganzen rascher und
vollständiger als im Osten, wo die griechische Kultur dem römischen
Einfluß einen stärkeren Widerstand entgegensetzt.
2. Ihren staatsrechtlichen Ausdruck findet die Durchdringung des
Reichs mit der römischen Kultur in der fortschreitenden Ausbreitung des
römischen Bürgerrechts. Schon seit Caesar wurde einzelnen ver-
dienten Personen oder gehobenen Personengruppen das römische oder
das latinische Recht als Auszeichnung verliehen. So wurde den Pro-
vinzialen, die im römischen Söldnerheer gedient hatten, bei der ehren-
vollen Entlassung (als veterani) regelmäßig das römische Bürgerrecht
gewährt. Ferner erhielten es die gewesenen Magistrate und teilweise
auch die Gemeinderäte der latinischen Gemeinden. Mit der fortschrei-
tenden Romanisierung wird einzelnen Gemeinden und später bisweilen
auch großen geschlossenen Gebieten das römische oder latinische Recht
zugewendet, wie z. B. 74 n. Chr. Spanien das latinische.
Den Abschluß dieser Entwicklung bringt die sog. c o n s t i tut i o
Antoniniana, ein Edikt des Kaisers Antoninus Caracalla von 212,
das allen freien Reichsangehörigen das römische Bürgerrecht verlieh. Nur
für die Gruppe der dediticii galt ein Vorbehalt; doch läßt sich weder
sicher entscheiden, wer damit gemeint war (vgl. o. § 12 II; jetzt vielleicht
unterjochte Barbaren und entsprungene Verbrecher), noch ob sie völlig
ausgenommen waren oder nur Beschränkungen unterlagen. Das Kaiser-
edikt ist uns in griechischer Obersetzung auf einem stark verstümmelten
Papyrus der Gießener Sammlung (Pap. Giss. 40) überliefert, dessen
immer wieder versuchte Ergänzung indessen über Spekulationen nicht
hinauskommt. - Das Edikt hatte offenbar einen speziellen fiskalischen
Anlaß, die Einkünfte aus gewissen nur den römischen Bürgern auf-
erlegten Steuern zu vermehren, und wollte zugleich Italien durch eine
Einschränkung seiner Vorrechte treffen. In seiner großen Tragweite aber
zog es nur eine Folgerung aus einer offenkundig gewordenen Entwick-
lung. Denn die zahlreichen in den Provinzen zusammengefaßten Ge-
S27. Die Verwaltung Italiens und der Provinzen 117

meinden, denen Rom einst ihr eigenes Bürgerrecht wiedergegeben hatte


(o. § 21 II 4), waren mit der fortschreitenden kulturellen und wirt-
schaftlichen Vereinheitlichung des Reichs in diesem aufgegangen. Je
stärker und wirksamer die römische Provinzialverwaltung wurde, desto
geringere Bedeutung hatte die alte Abstufung in autonome, latinische
und römische Gemeinden. Die Schonung des Eigenlebens der nicht-
römischen Untertanen, vormals ein weises und fruchtbares Prinzip der
römischen Politik (o. § 12 1), verlor ihren Sinn, seitdem die Bewohner
der abhängigen Gebiete selbst nach dem römischen Bürgerrecht be-
gehrten. Dieses Bürgerrecht hatte seine begriffliche Beziehung zur stadt-
staatlichen Gemeinde Rom längst eingebüßt; es gewann jetzt den
kosmopolitischen Sinn der vollberechtigten Zugehörigkeit zum welt-
beherrschenden römischen Imperium.
Mit der Ausbreitung des römischen Bürgerrechts wurde zugleich der
Anwendungsbereich des römischen ius civile (u. § 30 111) und damit das
Kernstück der römischen Rechtsordnung auf alle Neubürger erweitert.
Die Praxis zeigt jedoch, daß man die einheimischen Rechte, nach denen
die Provinzialen bisher gelebt hatten, auch nach der const. Antoniniana
in weitem Umfang fortbestehen ließ. Das gilt namendich von den
hellenistischen "V o 1k s r e c h t e n • in der östlichen Reichshälfte; wir
kommen auf die Schicksale des römischen Rechts in den Provinzen noch
zurück (u. § 35).
3. An der wirtschaftlichen Gesundung der Provinzen war dem Staat
auch deshalb gelegen, weil sie seine wichtigsten Einnahme q u e 11 e n
waren. Denn Rom und Italien waren von der Grundsteuer befreit, aus
ihnen waren daher hauptsächlich nur gewisse indirekte und Sonder-
steuern zu ziehen, darunter eine schon in die Republik zurückgehende
Freilassungssteuer und die von Augustus (durch seine Iex lulia
vicesimaria) geschaffene fünfprozentige Erbschaftssteuer. Darüber hinaus
standen aus dem Kernland im wesentlichen nur die Zölle und als
unregelmäßige Einkünfte die dem Staat verfallenen oder durch Beschlag-
nahme eingezogenen Vermögen zur Verfügung. Auf der anderen Seite
wuchs der Geldbedarf der Kaiser nicht nur durch ihre prunkvolle Hof-
haltung und ihre umfassende Unternehmertätigkeit, besonders als Bau-
herren, sondern vor allem durch den Aufwand für die besoldete
Beamtenschaft und die Heere.
4. In der Verwaltung der Provinzen folgt aus _dem erwähnten
Dualismus (o. § 26 I) die Scheidung in die senatorischen und die kaiser-
lichen Provinzen, die sich jedoch allmählich verflüchtigt.
a) Senatsprovinzen ( provinciae populi Romani) sind die bereits
befriedeten, in denen keine stehenden Heere mehr gehalten zu werden
brauchen, also hauptsächlich der innere Kranz der schon in der Republik
118 11. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

erworbenen Gebiete. Ihre Statthalter, praesides provinciarum, die keine


militärischen Aufgaben haben, sind gewesene Konsuln oder Prätoren
(o. § 21 II 3), die aber jetzt immer proconsules heißen. Sie sind Magistrate
für Jahresdauer; seit Augustus werden sie besoldet. Ihnen werden legati
für die Rechtsprechung unterstellt, ferner Quästoren für die Finanzverwal-
tung. Die Statthalter haben die ordentliche Gerichtsbarkeit in Zivil- und
Strafsachen, die sie nach allgemeinem römischem Prinzip durch Ein-
setzung von Geschworenengerichten wahrnehmen. Doch ließ sich dieses
Prinzip nicht überall mit voller Reinheit bewahren, so daß sich das
Verfahren mit der Zeit einer Beamtenkognition (u. § 34 IV 2) nähert.
Daneben entwickelt sich in der Prinzipatszeit ein rein amtliches Ver-
fahren nach Kaiserrecht für Sonderfälle, also als extraordinaria cognitio.
Politische Verbrechen (wie das crimen laesae maiestatis, u. § 29 IV 3)
wurden offenbar regelmäßig in Rom verfolgt.
Der Boden der senatorischen Provinzen gilt als öffentliches Eigentum
des populus Romanus (o. § 21 II 4) und ist deshalb mit der Grundsteuer
(stipendium) belegt (ager stipendiarius), die auf die Gemeinden umgelegt
wird. Sie fließt dem Staatsschatz, aerarium populi Romani, zu, über den
der Senat verfügt. Doch haben die Kaiser, wie in die Verwaltung der
Senatsprovinzen, so auch in das aerarium wiederholt eingegriffen.
b) Kaiserprovinzen ( provinciae Caesaris) sind die noch nicht
befriedeten, in denen noch stehende Heere gehalten werden müssen; sie
überragen die anderen an Zahl und Bedeutung. Ihre Statthalter sind
regelmäßig legati Augusti pro praetore (vgl. die Vorläufer schon unter
Pompeius, o. § 22 II 4), meist ebenfalls gewesene Konsuln oder Prätoren
und daher senatorischen Standes; sie erhalten vom Kaiser ein über-
tragenes Imperium. Einige minder angesehene Provinzen werden von
procuratores aus dem Ritterstand verwaltet (z. B. Pontius Pilatus in
Judaea). Als kaiserliche Beamte werden diese Statthalter, ebenso wie
die übrigen Beamten der Provinzen, vom Kaiser ohne Zeitbegrenzung
ernannt und sind nur ihm verantwortlich. Ihnen stehen kaiserliche
procuratores für die Finanzverwaltung und legati iuridici für die Rechts-
pflege zur Seite. Die Gerichtsbarkeit der kaiserlichen Provinzen gleicht
im wesentlichen der der Senatsprovinzen, doch ließ sich in jenen die
Einsetzung von Geschworenen im ganzen wohl noch schwerer durch-
führen als in diesen, so daß dort entweder von Anfang an (wie in
A.gypten) oder doch allmählich das Kognitionsverfahren, also eine
Urteilsfindung durch beamtete Richter, die Jurisdiktion beherrscht hat.
Der Boden der Kaiserprovinzen gilt als Teil desjenigen Staats-
vermögens, über das der Kaiser allein verfügt, und unterliegt einer
Grundsteuer (tributum soli), die durch Beamte unmittelbar eingezogen
wird (ager tributarius ). Diese Steuer und einige andere, etwa die der
S28. Die Leistung des Prinzipats im Rüdtblidt 119

niederen Landbevölkerung auferlegte Kopfsteuer ( tributum capitis ),


fließen in den kaiserlichen Fiskus.
Eine Sonderstellung unter den Kaiserprovinzen haben die, in denen
der Kaiser als Rechtsnachfolger der bisherigen Herrscher regiert. So hat
Augustus in .itgypten die Nachfolge der Ptolemäerkönige angetreten.
Das Land wird durch eine Art Personalunion mit Rom verbunden, der
Princeps hat die Stellung eines Königs von .itgypten. Die hohe Bedeutung
des Landes als Komkammer Roms führt zu besonderen Sicherungen der
römischen Herrschaft Der Statthalter, praefectus Aegypti, erhält als
Inhaber des höchsten ritterlichen Amtes nach dem praefectus praetorio
einen Vorrang vor den anderen Statthaltern. Die Ausschließung des
Senats von diesem wichtigen Land geht so weit, daß Personen senatori-
schen Ranges seinen Boden ohne besondere kaiserliche Erlaubnis nicht
betreten dürfen.
c) Die lokale Verwaltung mit Einschluß der Gerichtsbarkeit in den
Munizipien und Kolonien römischer und latinischer Bürger (o.1) folgt im
wesentlichen den gleichen Grundsätzen wie in Italien (o. I 1). Doch
haben manche Gemeinden auch noch unter der römischen Herrschaft
eine gewisse Autonomie behauptet.

J 28 Die Leistung des Prinzipats im Rückblick


Fassen wir unsere Eindrücke von der Entwicklung Roms in der
Prinzipatszeit zusammen. In diesem Zeitalter verbindet sich die äußerste
Machtentfaltung des römischen Reichs mit der höchsten Blüte der römi-
schen Kultur. Die staatsmännische Klugheit des Augustus brachte dem
Land nach einem Jahrhundert schwerer innerer Wirren und äußerer
Kriege den Frieden und legte den Grund für ein Zeitalter der Ordnung
und des Wohlstandes, in dem auch die Künste und Wissenschaften, vor
allem die Dichtung und die Geschichtschreibung, ihre reifsten Werke
schufen. Seine Nachfolger haben, trotz vereinzelter Rückschläge, diese
Herrschaft des Friedens und der Gerechtigkeit für zwei Jahrhunderte
befestigt. An diesem Gesamtbild darf uns der "Cäsarenwahn" einzelner
Herrscherpersönlichkeiten, der sich zumeist nur gegen ihre nächste
Umwelt äußerte, aber das rechtliche Schicksal des Reiches wenig berührte,
ebensowenig irremachen wie die nach dem Tod einzelner Kaiser (Nero
68, Commodus 192) eingetretenen Unruhen und Kämpfe um die Nach-
folge. Die Untertanen des Weltreichs empfanden die Lenkung der
Staatsgeschicke durch die Kaiser im ganzen nicht als grausame und
unberechenbare Despotie, sondern als ein mildes und gerechtes Regiment.
Es hielt die Kriege, die nur an den äußeren Grenzen des Erdkreises
geführt wurden, von ihnen fern, schonte ihren mit dem wirtschaftlichen
120 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Aufschwung erworbenen Wohlstand und verhieß ihnen Abhilfe in der


Not. An diesem günstigen Gesamturteil wird man festhalten dürfen,
mag auch etwa in Italien die bäuerliche Armut nur wenig gelindert
worden sein, mögen die Kriege zuzeiten die Wirtschaftskraft des Reiches
stark beansprucht haben, und mag vor allem die wirtschaftliche Gesamt-
entwicklung seit dem späteren 2. Jh. aus Gründen, die noch darzustellen
sind (u. § 44 III), wieder eine rückläufige Richtung genommen haben.
Blickt man auf die Anfänge der Prinzipatsherrschaft zurück, so vergaßen
es die Bürger Roms und Italiens bald, daß sie die materiellen und
ideellen Vorteile des neuen Regimes mit dem Verzicht auf die ehr-
würdigen politischen Rechte erkauft hatten, die ihnen die Verfassung
der Republik gewährt hatte. Den Provinzialen vollends brachte der
Prinzipat zuweilen die Befreiung von grausamer und ungerechter Unter-
drückung, den materiellen Aufstieg und den Anteil an der das Weltreich
durchdringenden römischen Kultur. So mochten gebildete Griechen im
Princeps den milden Herrscher nach dem Ideal ihrer Staatsphilosophie,
die Untertanen der ehemaligen Gottkönige des Ostens in ihm deren
berufenen Nachfolger erkennen.
Indem der Prinzipat auch die Provinzen am kulturellen wie am
staatlichen Leben des Imperiums beteiligt und damit die endgültige
Wendung vom römischen Stadtstaat zum weltumspannenden Territorial-
reich vollzieht, bereitet sich ein tiefgreifender Wandel von allgemeiner
Bedeutung vor. Die stärkere Einbeziehung der Außengebiete in das
Leben des Weltreichs läßt den beherrschenden Glanz, den Rom als sein
kultureller und politischer Mittelpunkt ausstrahlt, allmählich verblassen.
Hat unter Augustus und seinen Nachfolgern die Idee der Berufung Roms
zur Weltherrschaft noch deutlich einen nationalen Charakter, so
gewinnt diese Idee später immer sichtbarer einen kosmopolitischen
Anstrich, wie er der Vielheit der Völker, die der römischen Herrschaft
unterworfen sind, und ihrer Kulturen entspricht. Die Entwicklung wird
durch den starken kulturellen Zustrom begünstigt, der in dieser Zeit
erneut von der nach wie vor überragenden geistigen Kraft des Hellenismus
ausgeht, und der von manchen Kaisern bewußt gefördert wird. Ihren
staatsrechtlichen Ausdruck findet diese universelle Prägung des Römer-
turns in der Ausbreitung des römischen Bürgerrechts, zuletzt in der
constitutio Antoniniana, mit der die begriffliche Beziehung des civis
Romanus zur urbs Roma endgültig preisgegeben wird.
Die kosmopolitische Entwicklung des Römerturns wirkt notwendig
auf Stellung und Funktion des Kaisers zurück. Mag sich Augustus, um
das empfindliche politische Feingefühl seiner stadtrömischen Zeitgenossen
zu schonen, noch als bloßen princeps civitatis deklariert haben, der trotz
seiner gewaltigen Machtfülle die Mitbürger und Magistrate nur an
S29. Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht 121

auctoritas überragen will (o. § 23 VI), so gebärden sich schon die Kaiser
des 2. und 3. Jh. als Herrscher der Welt, denen die Rücksicht auf den
römischen Senat, von dem sich nach der Verfassung ihre Gewalt herleitet,
und der ihre absolute Macht beschränkt, eine bloße Formsache geworden
ist. Vor allem seit den Severern, den ersten Kaisern aus orientalischem
Geblüt, die ihre Macht in Wirklichkeit den Heeren verdanken und auf
die Heere stützen, werden mit dem Wiederansteigen der militärischen
Aufgaben die Heerlager und Außenplätze häufiger zum Mittelpunkt der
kaiserlichen Wirksamkeit und zum Sitz des kaiserlichen Regiments
gemacht als die römische Hauptstadt.
So bereitet sich eine Entwicklung vor, die das Imperium Romanum
in ein kosmopolitisches Großreich umformt, das von einem bunten
Völkergemisch gleichberechtigter Bürger bewohnt wird, über das die
Allgewalt eines absoluten Herrschers gebietet, und für das der Name
Roms nicht mehr auf den politischen und kulturellen Schwerpunkt hin-
weist, sondern nur noch eine geschichtliche Erinnerung an den Ursprung
seiner Größe bedeutet. Mit dem Durchbruch dieser neuen Staatsidee
werden wir die letzte Periode der römischen Rechtsgeschichte zu beginnen
haben.

C. Anhang

§ 29 Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht (Obersicht)

I. Unsere Darstellung gibt uns vielfältige Gelegenheit, Gegenstände


des Strafrechts und seiner Gerichtsbarkeit zu berühren. Wir wollen diese
Einzelheiten hier zu einem zusammenfassenden Oberblick ergänzen.
Dazu sei vorweg bemerkt: Daß dem römischen Strafrecht gegenüber den
anderen Rechtsgebieten eine bescheidenere Rolle zugedacht wird, recht-
fertigt sich damit, daß es, verglichen mit dem Privatrecht, erstens von
den Römern selbst zu einer merklich geringeren Vollkommenheit ent-
wickelt wurde und zweitens auf die neuzeitliche Rechtsentwicklung im
ganzen schwächer abgefärbt hat.
Die römische Rechtswissenschaft hat sich jahrhundertelang im wesent-
lichen auf das Privatrecht und sein Gerichtsverfahren beschränkt und
das Strafrecht weithin gemieden. Erst die spätklassische Jurisprudenz seit
dem ausgehenden 2. Jh. n. Chr. hat sich seiner etwas ausführlicher
angenommen, doch stehen ihre strafrechtlichen Erörterungen hinter den
privatrechtliehen an Umfang und Bedeutung weit zurück. Das gleiche
Verhältnis besteht noch im Corpus iuris fort. Diese Enthaltsamkeit wird
sich damit erklären, daß die Juristen in der Strafjustiz keine Gutachter-
122 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

praxis ausgeübt haben, von der ihre wissenschaftliche Rechtsbetrachtung


ausgegangen ist. Denn anders als das Privatrecht, dessen Stoffgehalt,
wie wir sehen werden, in weitem Umfang von den Juristen gestaltet
worden ist, erscheint ihnen das Strafrecht, ebenso wie anderes öffent-
liches Recht, als Staatssache, die stärker von politischen Erwägungen
bestimmt ist und darum der sicheren Berechenbarkeit entbehrt.
Betrachtet man den Ertrag der römischen Strafrec:htswissenschaft, wie
er ins Corpus iuris eingegangen ist, so beschränkt er sich hauptsächlich
auf die Auslegung und Handhabung bestimmter positiver Normen über
einzelne Verbrechen und das für sie eingerichtete V erfahren. Diese
Grundsätze sind großenteils in Deutschland rezipiert worden und haben
in manchen Zügen vor allem auf das besondere Strafrecht und die
Strafgerichtsbarkeit der Neuzeit eingewirkt. Für die verfeinerte Pro-
blematik, die heute im Allgemeinen Teil der Strafrechtssysteme enthalten
ist, bieten dagegen die römischen Quellen meist nicht mehr als vereinzelte
Ansätze, denen gegenüber die moderne Doktrin ihre eigenen Wege geht.
II. Der Bereich des öffentlichen Strafrechts ist in Rom erheblich
kleiner als heutzutage. Denn eine große Gruppe von Unrechtstaten
wurde nicht als Verletzung der Gesamtheit, sondern des einzelnen
angesehen, die er im Zivilpro z e ß verfolgen kann mit dem Ziel,
ursprünglidt seine private Rache am Täter zu vollstrecken, später von
ihm eine Geldbuße (poena) als Sühne für das zugefügte Unrecht ein-
zutreiben (o. § 13 I 2). Für diese privatrechtlich verfolgbaren Taten
wurde die Bezeichnung delictum technisch. Dazu gehören schon nach den
XII Tafeln (o. § 15 II 4) die iniuria, die vorsätzliche Verletzung fremder
Persönlichkeit, ferner das furtum (Diebstahl und andere Sachentziehun-
gen), von dem später die rapina (Raub) abgezweigt wurde, und weitere
Tatbestände; seit der Lex Aquilia von 286 v. Chr. (nach Vorläufern)
auch bestimmte Fälle der Vermögensschädigung. Zahlreiche weitere
Privatdelikte haben die Prätoren eingeführt; teils zur Erweiterung der
gesetzlichen Tatbestände. teilweise auch neue, wie widerrechtliche
Drohung (vis metusve), arglistige Täuschung (dolus malus) usw. Von
alldem ist im Privatrecht genauer zu handeln.
111. Ober die ältere Entwicklung der öffentlichen Strafgerichts-
barkeit sind beim lückenhaften Stand unserer Quellen bloße Vermutun-
gen möglich. Das bis vor kurzem als maßgebend angesehene Geschichts-
bild beruhte auf der Darstellung Th. Mommsens, wurde aber neuer-
dings- nach Vorläufern (Chr. H. Brecht, A. Heuß, J. Bleicken) - von
W. Kunkel mit scharfsinniger Begründung kritisiert und durch einen
neuen Entwurf ersetzt, der heute im Fluß der Erörterungen steht.
1. öffentlich verfolgte Straftaten (crimina), die sich gegen die
Gesamtheit richten, waren Hoch- und Landesverrat ( perduellio ),
§ 29. Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht 123
außerdem vermutlich schwere sakrale Verstöße. Das Staatsverbrechen
wurde von duoviri perduellionis verfolgt oder aufgeklärt; der über-
führte wurde - vielleicht schon früh nach einem Volksentscheid - durdt
Erhängen hingerichtet. An gewisse sakrale Vergehen, darunter auch an
schwere Mißbräuche der Hausgewalt des pater/amilias gegen Frau und
Kinder sowie an den Treubruch des Patrons (o. § 4 II 1 und 4), ferner
namentlidt an den Eidbruch war die sakrale Folge geknüpft, daß der
Täter mit seiner Tat der schützenden Gottheit sacer wurde und damit
ihrer rächenden Gewalt verfiel. Die Folge war die sakrale Friedlosigkeit,
so daß jedermann den Täter töten durfte und, wenn er es nicht tat,
allenfalls die Gottesrache auf sich selbst zog. Daß sakrale Vorstellungen
solcher Art audt der Verfolgung des Staatsverbrechens zugrunde lagen,
indem man darin zugleich eine schwere Verfehlung gegen die römischen
Staatsgötter sah, bleibt möglich, auch wenn das Perduellionsverfahren
jedenfalls früh verweltlicht wurde. Dagegen hat man die angeführten
Vergehen des Hausvaters oder Patrons und den Eidbruch nicht von
Staats wegen verfolgt, sondern der religiösen Sphäre überlassen und die
straflose Tötung des sacer unterbunden. Für die Unterdrückung von
Mißbräuchen der Hausgewalt und ähnlichen Verfehlungen sorgt jetzt
das Sittengericht der Zensoren (o. § 8 IV 4).
2. Nicht sicher aufklärbar bleibt die Frage, wie das Tötungs-
verbrechen und andere schwere nichtsakrale Straftaten verfolgt wurden.
Der Mord (parricidium; der Wortsinn wird erst später auf Vatermord
eingeengt) wird in alter Zeit durch die Blutrache der Agnaten gesühnt.
Dabei lernt man früh die gewollte Tat von der ungewollten zu unter-
scheiden (o. § 15 II 5). Doch fragt es sich, wann und auf welchen Wegen
das Verfahren verstaatlicht wurde. Ob die quaestores parricidii (o. § 8
IV 6) die Mordtaten als Magistrate oder Geschworene zu "untersuchen"
( quaerere) und allenfalls darüber zu urteilen hatten, ist ungewiß. Bisher
rechnete man in Kapitalsachen entweder mit einer Gerichtsbarkeit der
genannten (von den Konsuln delegierten) Quästoren, wobei Urteile auf
Anrufung des Verurteilten mittels provocatio ad populum (o. § 8 II 2)
von der Volksversammlung überprüft wurden (so Mommsen), oder mit
einer selbständigen Komitialgerichtsbarkeit auf bloße Anklage dieser
Quästoren (so Brecht). Demgegenüber wird neuestens die Ansicht ver-
treten, daß die Verfolgung auch weiterhin eine private blieb, indem die
Agnaten das Verfahren ähnlich wie im Fall des Zivilprozesses beim Prä-
tor einleiteten und dieser ein Geschworenengericht einsetzte, das über die
Schuldfrage entschied (so Kunkel). Die Einsetzung mittels Sakraments-
eides (o. § 13 I 3) wäre hiernach auch für diese Strafprozesse zu ver-
muten. Doch bleibt fragliCh, wie lange diese private Strafverfolgung
124 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Bestand hatte. - Für das ältere Recht ist eine private Verfolgung
auch bei anderen kapitalen Straftaten denkbar, wie Brandstiftung,
Feldfrevel, Schädigung durch Zauberei usw., die schon in den XII Tafeln
mit der Todesstrafe bedroht wurden (o. § 15 II 4). Die Todesstrafe
wurde auf verschiedene Weise vollstreckt, zumeist durch Sturz vom
tarpejischen Felsen, bei Brandstiftung durch die "spiegelnde" Strafe des
Feuertodes.
3. Ein Komitialprozeß ist uns nur für politische und gewisse als
gemeinschädlich angesehenen Straftaten sicher überliefert. Die Anklage
stand den Volkstribunen zu wegen perduellio und wegen Amtsvergehens
der gewesenen Magistrate, ferner den .i\dilen wegen Korn- und Zins-
wuchers und gewisser Sittlichkeitsvergehen, schließlich allenfalls den
Quästoren. Zuständig sind für Kapitalsachen die Zenturiatkomitien, für
die mit Geldbuße (multa) bedrohten Taten die Tributkomitien. Das
Beweismaterial wurde vom anklagenden Magistrat in drei contiones
vorgeführt; dann wurde in den Komitien über die Schuldfrage ab-
gestimmt. Die Vollstreckung lag beim anklagenden Magistrat; die Todes-
strafe wurde zumeist wohl durch Enthaupten mit dem Beil vollstreckt.
Die provocatio ad populum gehört, wie wir sahen (o. § 8 II 2), zur
magistratischen Verhängung schwerer Koerzitionsmittel (Tötung, später
auch Auspeitschung) wegen Ungehorsams gegen magistratische Befehle
oder Verbote. Ob sie auch bei Verhängung krimineller Strafen zugelas-
sen wurde, so daß der Verurteilte damit die Einleitung eines Komitial-
prozesses erzwingen konnte, ist nach wie vor umstritten. überliefert ist
nur die Drohung gegen den Magistrat, daß er, wenn er die schweren Straf-
mittel ohne vorangehendes Gerichtsverfahren verhängt, wegen Amts-
verbrechens vor den Komitien verfolgt werden würde.
4. Als sich mit der fortschreitenden Proletarisierung namentlich der
hauptstädtischen Bevölkerung die Kriminalität steigert, wird es not-
wendig, gemeinschädliches und gemeingefährliches Verhalten von Amts
wegen zu unterdrücken. Seit dem 3. Jh. v. Chr. werden daher als eine
Art Po 1i z e i richte r tresviri capitales eingesetzt, niedere Magistrate,
vor die auf bloße Anzeige hin (nomen deferre) Gewaltverbrecher aller
Art, ferner Brandstifter, Hersteller und Besitzer gefährlicher Gifte,
Besitzer tödlicher Waffen in Mordabsicht und bei der Tat ergriffene
Diebe gebracht wurden. Abgeurteilt wurden von ihnen Ausländer und
Sklaven; ob auch römische Bürger der untersten Schichten, ist fraglich.
Geständige Täter, auch Sklaven, deren Geständnis man durch die Folter
erzwingen konnte, wurden sogleich hingerichtet. über die Schuld nicht-
geständiger Angeklagter entschied der Magistrat nach Anhörung seines
consilium.
S29. Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht 125

5. Mit der Proletarisierung der stadtrömischen Volksmenge verliert


das Komitialgericht, das zunehmend der Gefahr demagogischer Ein-
wirkung ausgesetzt war, seinen Wert. Es wird daher im 2. Jh. üblidt,
die schweren Amtsverfehlungen der Provinzstatthalter und anderer
Magistrate durch Volksgesetz oder wohl auch durch Senatsbesdtluß
außer o r den tl ich e n, für den Einzelfall geschaffenen Gerichtshöfen
anzuvertrauen, bestehend aus den Konsuln oder einem Prätor als Vor-
sitzendem und einem Kreis von Senatoren als Geschworenen. Diese
quaestiones extraordinariae wurden außer für Amtsverbrechen audt für
sonstige gemeinschädlidte Taten, Massenverbrechen und staatsgefähr-
dende Umtriebe, eingerichtet.
6. a) Aus der Polizeigerichtsbarkeit der tresviri capitales und beson-
ders aus diesen außerordentlichen Sdtwurgerichten entwickelte sich im
2. Jh. eine neue Form derordentlichen Strafgeridttsbarkeit, nämlidt
die Quästionengericht e: ständige Geridttshöfe ( quaestiones per-
petuae), die als öffentliche Gerichte (iudicia publica, im Gegensatz zu
iudicia privata für die Zivilprozesse, u. § 32 li) fungieren. Die Einridt-
tung geht aus von den Prozessen wegen Erpressungen (res repetundae)
der Magistrate in Italien und den Provinzen, für die eine lex Calpurnia
sdton 149 v. Chr. ein Verfahren vor senatorisdten Geschworenen vorsah.
Weitere Gerichte solcher Art wurden (nach Vorläufern) hauptsächlidt
von Sulla (um 80 v. Chr.) geschaffen, teilweise auch für nichtpolitische
Straftaten. Auf ihn gehen zurück die quaestio maiestatis (für Hochverrat
und Ungehorsam gegenüber der Obrigkeit), peculatus (für Unter-
schlagung von Staatseigentum), ambitus (für Wahlbestechung), repetun-
darum (für Erpressung in den Provinzen) ferner die quaestio de sicariis et
veneficis (für Mord, insbes. Giftmord, und sonstige gefährliche Bedrohun-
gen), de falsis (für Testaments- und Münzfälschung) und de iniuriis (für
sdtwere Personenverletzungen, auch Hausfriedensbruch). Jüngeren Ur-
sprungs sind die quaestio de vi (für Gewaltverbrechen aller Art) und
(seit Augustus) de adulteriis (für Ehebruch und Verführung der ehr-
baren nidttverheirateten Frau).
b) Eingeleitet wurde das Verfahren mittels Anzeige (nominis delatio),
die nidtt nur dem Verletzten, sondern jedem ehrbaren Bürger zustand.
Er nahm damit die Last des Anklägers auf sich, den Gegner im Beweis-
verfahren der Tat zu überführen. Mißlang ihm dies, so drohte ihm selbst
die Verfolgung wegen wissentlich falscher Anklage (calumnia). Anderer-
seits standen den erfolgreichen Anklägern vielfach hohe Belohnungen in
Aussicht (Delatorenprämien), die häufig ~u Mißbräuchen der Anklage-
befugnis verleiteten.
Nahm der Gerichtsmagistrat, meist der Prätor, die Anklage an, so
wurde die Geschworenenbank, die consilium oder iudicium heißt, durch
126 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Auslosung aus der Richterliste gebildet. Die Befähigung zum Geschwo-


renenamt lag anfangs nur bei den Senatoren, erst seit den Gracchen
wurden (zunächst wohl für die Repetundensachen) auch Ritter zugelas-
sen; die Frage bildete danach einen Zankapfel zwischen Volks- und
Senatspartei (o. § 20 III, § 22 II 1 u. 3, § 25 I 2c). Die einzelne Richter-
bank umfaßte etwa 50-75 Mitglieder; jede Partei hatte ein ziffern-
mäßig begrenztes Ablehnungsrecht. Die Verhandlung, über deren
Abläufe uns Ciceros Prozeßreden näher unterrichten, war von der
Parteiinitiative beherrscht; Ankläger und Angeklagte standen sidt, ähn-
lidt wie im Zivilprozeß, mit ungefähr glcidten prozessualen Machtbefug-
nissen gegenüber. Ihnen leisteten ihre Anwälte Beistand, die in ihren Pro-
zeßreden die Geschworenen für ihre Partei einzunehmen sudtten und die
Beweise vorführten; dabei war ein Kreuzverhör der Zeugen zugelassen.
Der vorsitzende Magistrat beschränkte sich auf eine Verfahrensaufsidtt.
Die Geschworenen, die sich miteinander nicht beraten durften, ent-
schieden über die Schuldfrage in geheimer Abstimmung (mit Stimm-
täfelchen); Stimmengleichheit bedeutete Freisprudt.
Die Strafe, entweder Tötung oder Verhängung einer Geldbuße, war
vom Gesetz bestimmt. War eine Geldstrafe angedroht (wie für Repetun-
den), so wurde über ihre Höhe besonders abgestimmt. Die Todesstrafe
wurde in dieser Zeit an Angehörigen der oberen Stände nicht mehr
vollstreckt, sondern man gestattete ihnen, sich der Hinrichtung durch
die Fludu (exilium) zu entziehen, und verbannte sie danach durch
interdictio aqua et igni, eine wohl uralte Form der Friedloserklärung.
IV. 1. Die dargestellte Entwicklung läßt erkennen, daß es nach
römischer Auffassung zum Wesen der ordentlichen Gerichtsbarkeit in
Strafsachen gehört - und Gleiches gilt für Zivilsachen -, die Urteils-
fällung nicht dem Magistrat anzuvertrauen, sondern nichtbeamteten
Gesdtworenen, in Straf- und manchen Zivilsachen einer Mehrheit solcher
Ridtter. Dabei war den Parteien auf die Auswahl der Geschworenen,
mindestens durch ein begrenztes Ablehnungsredtt, ein Einfluß vorbehal-
ten, um die Unparteilichkeit der Rechtspflege sicherzustellen. Dieses
Prinzip galt auch noch in der Prinzipatszeit, die in den Quästionen-
geridtten nach wie vor die ordentlichen Gerichte sah. Es wird aber schon
unter Augustus durchbroc:hen, indem er beginnt, in seinem autonomen
Bereich, also kraft "Kaiser rechts", eine außerordentliche Ge-
richtsbarkeit (cognitio extra ordinem) in Straf- und Zivilsachen einzu-
richten, die den Wirkungsbereich der ordentlidten Jurisdiktion zunächst
ergänzte, dann einengte und zuletzt verdrängte (u. § 34 IV 2).
2. Von den Grund 1a g e n der kaiserlichen Gerichtsbarkeit war schon
die Rede (o. § 25 II 3). Die Principes haben sie teils selbst ausgeübt,
S29. Die Strafgerichtsbarkeit und das Strafrecht 127

teils anderen übertragen; alle Kognitionsgerichtsbarkeit beruht auf


kaiserlicher Delegation.
a) Die Kaiser selbst haben zumeist erst auf appellatio entschieden,
deren Entwicklung wir oben verfolgt haben; seltener in erster Instanz,
dies vor allem, wenn Senatoren zu verfolgen waren, seitdem die Straf-
gerichtsbarkeit des Senats (o. § 25 I 2c) um die Mitte des 1. Jh. wieder
außer Übung gekommen war. In die ordentliche Gerichtsbarkeit haben
die ersten Kaiser im allgemeinen noch nicht eingegriffen; erst später,
namentlich seit Hadrian, setzt sich der allgemeine Grundsatz durch, daß
der Princeps über jede Streitsache in erster oder letzter Instanz ent-
scheiden kann, sei es, daß er von einer Partei angerufen wird, sei es, daß
er den Fall an sich zieht.
b) Neben dieser Eigengerichtsbarkeit des Kaisers entwickelt sich schon
unter Augustus eine (delegierte) Jurisdiktion der kaiserlimen Beamten.
In Rom haben der praefectus urbi und der praefectus vigilum, in Italien
die praefecti praetorio eine schlagkräftige und zielstrebige Polizeijustiz
zur Unterdrückung gemeingefährlicher Straftaten eingerichtet, die rascher
und sicherer arbeitet als die tresviri capitales (o. III 4). Dieser kaiser-
rechtlichen Justiz ist die Einsetzung einer Geschworenenbank aus erlosten
Richtern, gegen die den Parteien ein Ablehnungsrecht zusteht, nicht mehr
wesentlich. Der Beamte kann selbst über die Schuld entscheiden und die
Strafe verhängen, auch wenn es offenbar üblich war, daß auch er sich
an die Ratschläge seines consilium hielt, das er nach seinem Ermessen
berief. Als diese kaiserrechtliche Jurisdiktion, die mindestens zunächst
sachgerecht arbeitete, allmählich auf den Wirkungsbereich der ordent-
lichen übergriff, sah die Bevölkerung darin einen Fortschritt, weil die
schwerfälligen Quästionengerichtshöfe die Prozesse vielfach verschleppten
und nicht immer sachgemäß beurteilten.
3. Die kaiserrechtliche Beamtenkognition war nicht an die Tat-
bestände der Quästionengesetze gebunden und bestrafte daher auch
Handlungen, die nicht gesetzlich unter Strafe gestellt waren; sei es
nach den Weisungen oder dem Vorbild der Kaiser, sei es nach dem
eigenen Ermessen des Richters. Hierher gehört beispielsweise das all-
gemeine Betrugsverbrechen (stellionatus) oder insbesondere die Aus-
weitung des crimen laesae maiestatis auf Ungehorsam oder Beleidigung
gegenüber dem Princeps, die regelmäßige Verfolgungsgrundlage gegen
die Christen. Die - nicht von den Römern geprägten und von ihnen
niemals zum Prinzip erhobenen - Sätze .nullum crimen" und .nulla
poena sine lege• sind mithin der Kognitionsgerichtsbarkeit fremd.
Immerhin hat die sich rasch festigende Praxis des Kaisergerichts, zu der
in der späteren Klassik die Rechtsliteratur der klassischen Juristen hinzu-
trat, für diese außerordentliche Kognition genaue Richtlinien entwickelt.
128 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

4. Auch bei den Strafen waren die Kognitionsgerichte viel freier


gestellt als die ordentliche Jurisdiktion. Die kaiserlichen Gerichte
kannten gegen Angehörige der unteren Schichten (humiliores) außer der
Todesstrafe die Preisgabe des todeswürdigen Verbrechers zum Kampf
mit wilden Tieren oder (nach schulmäßiger Ausbildung hierfür) zum
Gladiatorenkampf bei den öffentlichen Spielen, ferner die Zwangsarbeit
in öffentlichen Bergwerken (metalla) oder andere öffentliche Zwangs-
dienste (opus publicum), wie sie sonst nur Sklaven verrichten. Gegen
Bürger der gehobenen Stände (honestiores) wurde dagegen die Kapital-
strafe (die schon zuvor zur Gestattung der Flucht ins Exil mit darauf-
folgender Verbannung abgemildert worden war, o. III 6 a. E.) nun
abgewandelt zur deportatio auf eine Insel oder in eine Einöde mit
Bürgerrechts- und allenfalls mit Vermögensverlust. In leichteren Fällen
wurde die regelatio verhängt, d. h. die Verweisung aus Rom und Italien
oder aus der Heimatprovinz. Daneben gab es verschiedene Vermögens-
strafen.
5. Mit dem Absterben der Quästionen, von denen nur die für
adulterium bis in die Severerzeit fortbestanden zu haben scheint,
beherrscht die kaiserrechtliche Strafjurisdikion seit der späteren Prin-
zipatszeit allein das Feld.
V. Auch in der Spätzeit ist die kaiserliche oder vom Kaiser her-
geleitete Strafgewalt die einzige, die auf ihr beruhende Gerichtsbarkeit
ist jetzt die ordentliche. In dieser Periode verschärfen sich die für die
Prinzipatszeit festgestellten Merkmale durch eine weitere Vermehrung
der Straftatbestände und durch eine weitere Steigerung der Vielfalt und
Härte der Strafen. Neu hinzu treten besonders die sehr streng bestraften
Glaubensvergehen gegen das Christentum.

II. Abschnitt

Das Recht und seine Quellen


A. Die Rechtsschichten der vorklassischen und klassischen Zeit

§ 30 Die Privatrechtsordnung im allgemeinen. Das ius civile


I. Die heutige Einteilung des gesamten Rechtsstoffs in ö f f e n tl ich es
Recht und Privatrecht geht auf die Römer zurück. Der Gegensatz
zwischen Einrichtungen, die den Staat, und anderen, die den einzelnen
(und seinen Familienverband) betreffen, ist ihnen seit alters geläufig
(o. § 5 I 1}, auch wenn sie ihn erst spät terminologisch erfassen. Die Aus-
§ 30. Die Privatrechtsordnung im allgemeinen. Das ius civile 129

drücke ius publicum und ius privatum tauchen im letzten Jh. v. Chr.
(besonders bei Cicero) auf, bedeuten jedoch anfangs zumeist anderes:
I us publicum meint alles vom Staat ausgehende oder anerkannte,
für die Allgemeinheit verbindliche Recht, einschließlich dessen, was wir
heute Privatrecht nennen. Mit ius privatum erfaßt man demgegenüber
die Beziehungen der einzelnen Rechtsgenossen untereinander auf Grund
ihrer Rechtsgeschäfte, also die Privatautonom i e. Diese Einteilung
geht mithin von der Herkunft und Geltungsgrundlage des Rechts aus.
Da die privaten Verträge das staatliche Recht nicht außer Geltung
setzen können, gewinnt ius publicum dabei auch die Bedeutung des
zwingenden Rechts (im Gegensatz zum abdingbaren, "nachgiebigen"
Recht; unrömisch sind die Bezeichnungen ius cogens und ius dis-
positivum).
Daneben wird aber die Einteilung in ius publicum und ius privatum
auch schon auf die Interessen (utilitas) bezogen, die das Recht zu
schützen hat. Freilich besitzen wir (außer Stellen bei Cicero) nur ein
einziges berühmtes Juristenzeugnis aus der spätklassischen Zeit
(Ulp. Dig. 1, 1, 1, 2), wonach das ius publicum die Interessen des
römischen Staates und der Allgemeinheit zu wahren hat, das ius
privatum die der einzelnen. Diese Unterscheidung knüpft zwar bei dem
erwähnten urtümlichen Gegensatz zwischen dem Staats- und dem
Hausverband an, sie dringt aber aus spätrepublikanischen philosophi-
schen Wurzeln erst allmählich in die klassische Schuljurisprudenz ein
und hat in der Antike noch keine systematische Bedeutung erlangt.
II.1. Das römische Privatrecht in der Zeit seines großen Aufstiegs
und seiner Blüte hebt sich von unseren heutigen kontinentaleuropäischen
Rechten dadurch ab, daß es nicht eine einheitliche Ordnung in einem
geschlossenen System ist. Vielmehr stehen in Rom mehrere große
Komplexe von Rechtsnormen und Rechtseinrichtungen nebeneinander,
die sich in ihrem Ursprung, ihrer Geltungskraft und ihrem Anwendungs-
bereich voneinander unterscheiden und in ihrer Wirksamkeit gegen-
seitig ergänzen und teilweise überschneiden: ius civile, ius gentium,
ius honorarium, Kaiserrecht, Juristenrecht. Dieses eigenartige Neben-
einander mehrerer "Rechts schichten" erschwert dem heutigen
Betrachter zuweilen die übersieht, hat aber den Römern selbst offenbar
keine Schwierigkeiten bereitet. Ihre Ursachen haben diese Rechtsmassen
teils darin, daß der römischen Herrschaft Menschen von verschiedenem
Bürgerrecht unterworfen waren, teils in den unterschiedlichen Wegen,
die die Römer zur Fortbildung des Rechts und seiner Anpassung an den
Wandel der Zeitumstände eingeschlagen haben. Der Vergleich mit dem
Nebeneinander von "common law" und "equity" im englischen Recht
liegt nahe.
9 6760 Kaser, Römisdte Rechtsgeschichte
130 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

2. Mit den angelsächsischen Rechten hat das römische außerdem


gemein, daß es nicht wie unsere heutigen kontinentalen Ordnungen in
umfangreichen Gesetzbüchern niedergelegt ist, sondern daß die Lösung
der meisten seiner Probleme in der Kasuistik, also in konkreten Fall-
entscheidungen enthalten ist. Ein umfassendes Gesetzbuch, das bestimmt
gewesen wäre, den ganzen Stoff etwa des Privatrechts zu regeln, ist den
Römern unbekannt. Der frühe Versuch einer Gesamtgesetzgebung in
den XII Tafeln strebt keine Vollständigkeit an und läßt große Lücken
offen. Die spätere Gesetzgebung hat nur noch Einzelheiten geregelt.
So blieb das meiste der gestaltenden Rechtsfindung der Praxis über-
lassen. Die Rechtsprechung der Gerichte stand vor der Aufgabe, nicht
nur, wie heute bei uns, die im Gesetz enthaltenen Regeln auszudeuten,
zu ergänzen und allenfalls weiterzubilden, sondern vor allem die nicht
gesetzlich bestimmten Regeln überhaupt erst zu finden. In England
(und großenteils in den Vereinigten Staaten) entnimmt man diese
Regeln unmittelbar den Gerichtsentscheidungen, die dort als ,.Prä-
judizien" für jeden künftigen Richter, der über die gleiche Rechts-
frage zu entscheiden hat, verbindlich sind. In Rom dagegen, wo die
Organe der Rechtspflege (Prätoren, Xdilen, Geschworene usw.)
juristische Laien waren, sind die Rechtsregeln in den Gutachten
(responsa) und sonstigen (z. B. literarischen) Xußerungen der gelehrten
Juristen enthalten, auf die sich die Gerichtsentscheidungen stützen.
Das römische Privatrecht (und das Zivilprozeßrecht) ist in der Haupt-
sache von privaten Rechtsgelehrten geschaffenes, also Juristenrecht.
Die Juristen sind, da die Gesetze zumeist nur Einzelheiten fixieren, in
der Rechtsfindung weithin frei und nur an ihr Rechtsgewissen gebunden.
Vor allem auf dieser schöpferischen Leistung der Juristen beruht die
überragende Bedeutung des römischen Redtts.
III.l. Wenden wir uns nun den erwähnten Rechtsschichten zu. Die
älteste, in früher Zeit einzige ist das i u s c i v i l e oder (in altertümlicher
Form) ius Quiritium (von Quirites, einem sprachlich nicht voll aufge-
klärten Namen der römischen Bürger). In technischer Bedeutung versteht
man darunter das Recht, das nur für die römischen Bürger gilt,
also nicht für die Verbündeten und sonstigen Ausländer. Doch hat man
diesen bestimmte vermögensrechtliche Geschäfte des ius civile ausnahms-
weise dadurch zugänglich gemacht, daß man ihnen das commercium mit
den Römern zugestanden hat; ebenso die Eheschließung nach ius civile
durch die Gewährung des conubium (o. § 12 III 2). Im Lauf der Zeit
hat der Begriff des ius civile im Gebrauch der Juristen und Nicht-
juristen noch weitere Bedeutungen angenommen (u. 2). Von ihm leitet
sich auch unsere Bezeichnung des ,.bürgerlichen Rechts (Zivilrechts)"
her, wenngleich auf dieses noch weitere Faktoren eingewirkt haben:
§ 30. Die Privatrechtsordnung im allgemeinen. Das ius civile 131

im Mittelalter der Gegensatz zum ius canonicum der Kirche, später der
Gedanke an den Bürgerstand, der in der französischen Revolution die
Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz errungen hat.
2. a) Was die Q u e 11 e n des ius civile anlangt, so war es bei seinen
Anfängen, wie wir sahen (o. § 14 I 1), eine ungeschriebene, im Volks-
bewußtsein lebende Ordnung, die sich in den vielgestaltigen Einrich-
tungen und Grundsätzen des Gemeinschaftslebens geoffenbart hat.
b) Die XII Tafeln haben dann aus bestimmtem politischem Anlaß
die wichtigsten Rechtsregeln, namentlich solche aus dem Privatrecht und
Prozeßrecht, gesetzlich festgehalten. Dieses Gesetz entsprach dem
Bedürfnis nach Rechtssicherheit durch einen eindeutigen und verbind-
lichen Wortlaut, brachte aber zugleich den natürlichen Fluß der Rechts-
entwicklung zum Stocken. Denn während sich bisher das ungeschriebene
Recht dem Fortschritt der Bedürfnisse anpassen konnte, ist man jetzt
an den Wortlaut des Gesetzes gebunden. Ja, man neigt nun dazu, die
Rechtseinrichtungen auf das Gesetz zurückzuführen, und nennt darum
die Akte zur Einsetzung eines Gerichtsverfahrens legis actiones. Auch
bei den uralten Formeln, die die pontifices gewiß schon vor den
XII Tafeln für die wichtigsten Rechtsgeschäfte und für die Rechts-
verfolgung im Prozeß entwickelt hatten, suchte man jetzt nach einer
Anknüpfung im Gesetz.
c) Die Fortbildung des XII-Tafelrechts lag zunächst in den Händen
der pontifices, die, wie schon bisher zur Betre~ung des Rechts, so auch
jetzt zur Auslegung des Gesetzes (interpretatio) berufen waren. Von
dieser ihrer Tätigkeit wird noch zu handeln sein (u. § 36 I). Ihre noch
wenig entwickelte juristische Denkkunst hat sich, wie es der unbehol-
fenen juristischen Technik dieser Zeit entspricht, streng an den Wortlaut
des Gesetzes gehalten.
Daß man dabei immerhin manche Fonschritte für die Praxis erzielen konnte, zeigen
etwa die Beispiele der adoptio und ~mancipatio. Die XII Tafeln (4,2) bestimmen
Si pat~r fiür~m t~r 'V~nr~m dr~it, filir~s a patr~ lib~r ~sto. Dieser Satz, daß dreimaliger
Verkauf des Sohnes durch den Vater dessen Hausgewalt über den Sohn (patria potestas)
erlöschen läßt, war als Strafbestimmung gegen den hartherzigen Vater gedacht, wobei
wir uns den Verkauf des Sohnes, damit dieser beim Käufer arbeite, als eine Art Ver-
mietung seiner Arbeitskraft zu denken haben werden. Die Priester benützen aber jetzt
diesen Satz für einen rechtsgeschäftliehen Zweck: Um eine Adoption herbeizuführen,
läßt man den Vater den Sohn dreimal an den künftigen Adoptivvater verkaufen und
nach dem ersten und zweiten Verkauf von diesem freilassen (durch manr~missio),
wodurch der Sohn wieder in die Gewalt des Vaters zurückfällt. Nach dem dritten
Verkauf ist diese Gewalt jedoch endgültig gelöst; nun wird durch gerichtliches An-
erkenntnisverfahren (in iur~ c~ssio) die Gewalt des Adaptivvaters begründet. Will man
den Sohn nicht in Adoption geben, sondern aus der Gewalt entlassen, so daß er
gewaltfrei wird (~mancipatio), so kann man ihn einem anderen dreimal verkaufen,
der ihn nach jedem Verkauf freiläßt. (Zu den weiteren Einzelheiten sei auf das Privat-
recht verwiesen.) Man sieht, wie sich die pontifikale Auslegung eng an den Wortlaut
,.
132 li. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

des Gesetzes anlehnt und dabei mit naiver Weitherzigkeit über den Zweck der Vor-
schrift hinwegsetzt.
Der Weg der interpretatio reichte für die Fortentwicklung des
XII-Tafelrechts nur in der ersten Zeit aus. Die gewaltige Umwälzung
der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse, die
den Übergang vom bäuerlichen zum großstädtisch-großstaatlichen Leben
des römischen Gemeinwesens am Beginn dieser Periode kennzeichnet,
ließ jedoch das XII-Tafelgesetz mit seinen spärlichen und schwerfälligen
Bestimmungen bald als veraltet und lückenhaft erscheinen. So war man
auf die Gewinnung neuer Rechtsquellen angewiesen; doch hat man den
uns Heutigen am nächsten liegenden Weg, das alte Gesetz durch neue
Gesetze abzuändern oder zu ergänzen, nur selten beschritten. Viel-
mehr legte man, wie noch ausführlich darzustellen ist (u. § 32), die
Fortbildung des Privatrechts und des Zivilprozeßrechts hauptsächlich in
die Hände des Prätors als des Trägers der Gerichtsbarkeit, der aus
seiner täglichen Praxis die beste Anschauung davon hatte, wo das
bisherige Recht den Bedürfnissen nicht mehr genügte. Dieses ius prae-
torium (honorarium) tritt dann dem ius civile mit einer veränderten
Geltungsgrundlage gegen über.
d) Doch bleiben wir zunächst beim ius civile und seinen Quellen. Ein
neues Gesamtgesetz, das die XII Tafeln hätte ablösen können, scheint
Caesar geplant zu haben; doch hat man es nicht geschaffen. Die zahl-
reichen Ei n z e 1g es e t z e dagegen beschränken sich mehr oder weniger
kasuistisch auf begrenzte Spezialfragen, und zwar zu allermeist auf
solche, bei denen politische Motive mitspielen. Die Mehrzahl der Ge-
setze aus der jüngeren Republik dient nur zur Lösung konkreter Tages-
fragen der praktischen Politik.
Eine auf die Dauer berechnete umfassendere Regelung auf dem
Gebiet der Gerichtsbarkeit bezwecken dagegen etwa die strafrechtlichen
Gesetze über die Quästionengerichte seit der Mitte des 2. Jh., besonders
die Ieges Corneliae Sullas (um 80 v. Chr.) und die Reformgesetze des
Augustus für Straf- und Zivilprozesse (Ieges luliae iudiciorum publi-
corum und privatorum, 17 v. Chr.). Daneben stehen die verhältnis-
mäßig spärlichen priVatrechtliche n Gesetze, meist Plebiszite, die
seit der Iex Hortensia den Ieges gleichgeordnet sind. Sie lassen eine soziale
Tendenz mehr oder minder deutlich erkennen. So (außer den Ieges
Poetelia und Aquilia, o. § 15 V) die Iex Cincia (204, Schenkungs-
beschränkungen, wohl zur Luxusbekämpfung); die Iex Laetoria (um
200, Schutz der Minderjährigen unter 25 Jahren); die Iex Atilia (Anfang
des 2. Jh., vormundschaftsrechtliche Fragen). Andere Gesetze beschrän-
ken prahlerische Vermächtnisse (Ieges Furia, Voconia, 2. Jh.), mildern
die Bürgschaftshaftung (Ieges Publilia, Appuleia, Cicereia, Furia, alle
§ 30. Die Privatrechtsordnung im allgemeinen. Das ius civile 133

aus republ. Zeit) und sichern den Erben gegen Überlastung mit Legaten
(lex Falcidia, 40 v. Chr.). Die letzten bedeutsamen Leistungen der
Volksgesetzgebung auf privatrechtlichem Gebiet sind die bevölkerungs-
politischen Gesetze des Augustus, seine Ehegesetze, die die Moral der
gehobenen Schichten bessern und zur Eheschließung und Kindererzeugung
anregen wollen (Ieges Iuliae de maritandis ordinibus und de adulteriis
coercendis, 18 v. Chr., lex Papia Poppaea, 9 n. Chr.), und seine Frei-
lassungsgesetze, die eine Schädigung privater und öffentlicher Interessen
durch hemmungslose Freilassung der häufig volksfremden Sklaven zu
verhüten streben (Iex Fufia Caninia, 2 v. Chr.; Lex Aelia Sentia,
4 n. Chr.).
e) In der Prinzipatszeit wird die Volksgesetzgebung abgelöst von
den Senatsgutachten (senatus consulta). Der Senat hat kein Gesetz-
gebungsrec:ht, er kann nur die Magistrate zur Einbringung von Volks-
gesetzen auffordern und ihnen Weisungen erteilen. Die Vorberatung
der Gesetzesanträge mit dem Senat entspricht seit alters festem Her-
kommen (o. § 11 II 3). In der Prinzipatszeit begnügt man sich dann mit
den Senatsgutachten und behandelt sie auch ohne Volksbeschluß als
verbindliche Dienstanweisungen an den Magistrat. Indem sie damit
praktisch an die Stelle der Volksgesetze treten, bürgert sich die Auf-
fassung ein, daß sie gesetzesgleiche Kraft haben (Gaius 1, 4 legis vicem
optinent). Da unter dem Prinzipat der Senat trotz gelegentlicher
Belebungsversuche keinen selbständigen Eigenwillen mehr aufbringt,
steht hinter allen seinen Beschlüssen die Anregung oder doch die Billi-
gung des Kaisers. Im späteren 2. Jh. sieht man den kaiserlichen Antrag,
den er meist von einem Quästor im Senat verlesen läßt (oratio principis),
als den maßgebenden Akt an, demgegenüber der Senatsbeschluß zur
bloßen Formalität herabsinkt. Diese Quellen werden dann einfach als
orationes zitiert.
Die privatrechtliehen Senatuskonsulte aus der Zeit von der Mitte des
1. bis zu der des 2. Jh. betreffen wie die Gesetze stets nur Einzelfragen;
hauptsächlich solche aus dem Schuldrecht (SC Macedonianum, Verbot
von Gelddarlehen an Haussöhne, SC Vellaeanum, Verbot des Eintrit~
von Frauen für fremde Schulden) und aus dem Erbrecht (SC luventia-
num, Haftung des Erbschaftsbesitzers; SC Orfitianum, SC Tertullianum,
beide über die gesetzliche Erbfolge zwischen Mutter und Kind; SC Tre-
bellianum, SC Pegasianum, beide zum Universalfideikommiß als Ersatz
der in Rom unbekannten Nacherbfolge). Jünger sind die oratio Marci
über prozessuale Gegenstände; die orationes Severi über Schenkung unter
Ehegatten und über Verfügungen über Mündelgrundstücke u. a.
3.a) Mit der technischen Bezeichnung ius civile für das Recht, das
(von Ausnahmen abgesehen) nur für die römischen Bürger gilt, faßt man
134 11. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

den Rechtsstoff zusammen, der im alten Gewohnheitsrecht und in den


Leges (plebiscita) und senatusconsulta geregelt ist und von der Rechts-
wissenschaft fortgebildet wird. Die Bezeichnung als ius civile rechtfertigt
sich damit, daß die Volksgesetze, die den quellenmäßigen Kern für
diesen Stoff abgeben, regelmäßig nur für die römischen Bürger verbind-
lich sind. Den Gegensatz zum ius civile in diesem Sinn bildet das ius
g e n t i um als der Inbegriff solcher Einrichtungen und Grundsätze, die
von vornherein auch den Nichtbürgern zugänglich sind (u. § 31 ). Der
Unterschied betriffi: mithin den Anwendungsbereich der beiden
Massen.
b) Eine zweite, gleichfalls technische Bedeutung hat ius civile ange-
nommen als Gegensatz zu dem Recht, das, wie erwähnt, zur Fortbildung
des veralteten Gesetzesrechts von den Prätoren und anderen Gerichts-
magistraten auf Grund ihrer Amtsgewalt geschaffen worden ist. Diesem
"Amtsrecht" ( ius h o n o rar i um, u. § 32), stellt man das ius civile als
"Volksrecht" gegenüber, wieder deshalb, weil es überwiegend in den
Volksgesetzen geregelt ist. Der Unterschied zwischen diesen beiden
Rechtsschichten beruht auf ihrer Ge 1tun g s g rund 1a g e. Ihren Gegen-
ständen nach decken sich die beiden bisher betrachteten Bedeutungen
des ius civile weithin, aber nicht vollständig; so sind z. B. in klassischer
Zeit die von Treu und Glauben (der bona fides) beherrschten Klagen
aus den Konsensualkontrakten, d. h. aus den wichtigsten Schuldverträ-
gen wie Kauf, Miete (einschl. Pacht, Dienst- und Werkvertrag),
Gesellschaft und Auftrag, zwar ius civile als Volksrecht (im Gegensatz
zum Amtsrecht}, aber nicht ius civile als den Bürgern vorbehaltenes
Recht, weil sie auch mit Ausländern zulässig sind.
c) In einem weiteren, untechnischen Sinn schließlich bezeichnet ius
civile schon frühzeitig das ganze Privatrecht und Zivilprozeßrecht
als Gegenstand der Jurisprudenz, mithin als Juristenrecht. In
dieser Bedeutung schließt es auch das ius gentium und das ius honorarium
ein und steht dem ius publicum und dem Sakralrecht (ius sacrum, zus
pontificium) gegenüber.

§ 31 Das ius gentium


I. 1. Das ius civile galt, wie wir sahen, ursprünglich immer und auch
später noch regelmäßig nur für die römischen Bürger. Der Nichtbürger
war Ausländer, hostis (sprachverwandt mit hospes "Gast"}, später
peregrinus, gleichgültig ob seine Heimat 'der römischen Herrschaft unter-
worfen war oder nicht. Er galt in Friedenszeiten wohl niemals als völlig
rechtlos. Hatte er sich in die Klientel eines römischen Bürgers begeben,
so war er durch die fides des Patrons geschützt (o. § 4 II 5 ). Ebenso
§ 31. Das ius gentium 135

waren Angehörige fremder Staaten in Rom anerkannt, wenn Rom mit


diesen Staaten Verträge geschlossen hatte. Die Römer ließen mithin
eine Freiheit auch ohne römisches Bürgerrecht gelten. Nur der Kriegs-
feind war rechtlos und durfte getötet oder versklavt werden.
2.a) Schon die frühen Handelsbeziehungen der Bürger des römischen
Stadtstaates mit denen der benachbarten Gemeinden führten dazu, auch
die Fremden am Rechtsverkehr und Rechtsschutz teilhaben zu lassen.
Auf diese Rechtsbeziehungen war indes - sofern nicht die erwähnten
Ausnahmen des commercium und des conubium zutrafen (o. § 12 III 2,
§ 30 III 1) - weder das römische ius civile noch das ausländische Recht
anwendbar. Denn nach einem in der Antike weitverbreiteten Erfah-
rungssatz, den man als Persona 1i t ä t s p r in z i p bezeichnet, wird
jeder, wo immer er sich aufhält, nach dem Recht des Volks beurteilt,
dem er angehört. Ein zwischen einem Römer und einem Peregrinen
geschlossener Vertrag konnte aber nicht für jede Partei nach einem
anderen Recht beurteilt werden.
b) Für solche Fälle entwickelte die römische Geschäfts- und Gerichts-
praxis besondere Regeln, indem sie den Ausländern gegenüber auf den
Formalismus des ius civile verzichtete. Namentlich die genaue Einhaltung
der altertümlichen Wortformeln hat man dem weniger sprachkundigen
Fremden erspart. Wo sie nicht entbehrlich waren, wie bei dem förmlichen
Schuldversprechen der stipulatio, da ersetzte man das den Bürgern vor-
behaltene Formelwort ( spondere) durch andere Wörter. Vor allem aber
ließ man die schon unter Bürgern angewandten formlosen Geschäfte im
Verkehr mit Ausländern in weitem Umfang zu: die Konsensualkontrakte
Kauf und Gesellschaft, Miete (mit Pacht, Dienst- und Werkvertrag) und
Auftrag, ferner das Darlehen (und die anderen Realkontrakte), außer-
dem die Geschäftsführung ohne Auftrag, die condictio (aus grundloser
Zuwendung und in anderen Fällen) usw.; aus dem Sachenrecht die form-
lose Obereignung durch traditio ex iusta causa und die Verpfändung.
Alle diese Rechtseinrichtungen gab es bereits im Rechtsverkehr unter
Bürgern; man hat sie aber im Verkehr mit Peregrinen auch in Fällen
angewandt, in denen unter Bürgern die Formalakte vorgeschrieben
waren. Beispielsweise hat man sich für die Obereignung von res mancipi
(o. § 2 IV 1) an Stelle der förmlichen mancipatio oder in iure cessio mit
der formlosen traditio ex iusta causa begnügt, die nach ius civile nur bei
res nec mancipi tauglich war.
So entwickelt sich allmählich in der Praxis - ohne Grundlage im
Gesetzesrecht - ein Komplex rechtlicher Einrichtungen, die für die
Rechtsbeziehungen mit Nichtbürgern bestimmt waren und vor den
römischen Gerichten als wirksam anerkannt wurden. Die Anfänge dieser
Entwicklung reichen schon in die altrömische Periode zurück. Einen
136 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

starken Auftrieb gibt ihr aber die Ausbreitung der römischen Herrschaft
über den italischen Heimatraum hinaus und die Entwicklung reger
Handelsbeziehungen im ganzen Mittelmeergebiet. Hier erwies sich die
Schaffung eines abgeschliffenen Verkehrsrechts als unerläßlich, sollte nicht
die Entfaltung der römischen Wirtschaftskraft in den für Rom neu er-
schlossenen Gebieten an der Schwerfälligkeit des bäuerlich-konservativen
Römerrechtes scheitern. Das frühe Verständnis für diese Notwendigkeit
zeigt sich in der Einsetzung eines besonderen praetor peregrinus für die
Zivilprozesse mit oder unter Ausländern um 242 v. Chr. (o. § 8 IV 2).
Auch die neue, fortschrittliche Verfahrensart des "Formularprozesses"
(u. § 32 III), der in der vorklassischen und klassischen Zeit als ordent-
liches Zivilprozeßverfahren die legis actiones des alten ius civile allmäh-
lich fast vollständig verdrängt hat, geht auf die Gerichtsbarkeit mit
Peregrinen zurück oder ist doch jedenfalls von ihr wesentlich gefördert
worden.
c) Ihrer Substanz nach sind alle diese Einrichtungen solche des römi-
schen Rechts. Fremde Rechtsgedanken, etwa aus dem hochentwickel-
ten griechischen Verkehrsrecht, haben auf diese Rechtsschicht nicht nach-
weislich eingewirkt. Hellenistische Rechtsgedanken, die in der späteren
Republik mit dem Aufschwung des Geldwesens und des Überseehandels
nach Rom dringen, sind im römischen Privatrecht dieser Zeit nur ganz
vereinzelt festzustellen; etwa bei der im griechischen Kulturkreis weit-
verbreiteten Schriftlichkeit, ferner im Fall der Draufgabe (arrha) beim
Vertragsschluß und bei gewissen schon erwähnten Geldgeschäften
(o. § 18 I). Aber auch diese Einrichtungen wurden bei der Einschmelzung
in das römische Recht in seinem Geist zurechtgeformt.
3. Die Geltungsgrundlage für die im Verkehr mit Peregrinen
ausgebildeten Rechtseinrichtungen findet man schon früh in der f i des,
der Pflicht zum Werthalten, die für alle Menschen ohne Unterschied des
Bürgerrechts gilt und ursprünglich wohl sakral geschützt war (o. § 4
II 4). Danach tritt beim Schuldversprechen (stipulatio) an die Stelle der
den Bürgern vorbehaltenen sponsio die fidepromissio; und bei den
wichtigsten formlosen Schuldverträgen beruft man sich für die Verpflich-
tung des Schuldners auf das oportere ex fide bona. Was die fides im
Einzelfall fordert, beruht auf ungeschriebener Gewohnheit und hat sich
in der Gerichtsbarkeit durchgesetzt, geht also gedanklich auf die Juristen
zurück, die die Gerichtsorgane beraten (u. § 33 II). Die mittels bonae
fidei iudicium verfolgbaren Ansprüche haben zwar ihren Ursprung in
den Rechtsbeziehungen unter Bürgern, sie erhalten aber daneben ein
wichtiges Anwendungsfeld auch in den Rechtsbeziehungen mit Peregrinen.
Sie empfangen von dorther einen starken Auftrieb, der wesentlich zum
Fortschritt des römischen Privatrechts beigetragen hat. Die Weiterent-
§ 31. Das ius gentium 137

wicklung des bäuerlich-schwerfälligen ius civile der altrömischen Periode


zum ausgefeilten und elastischen Recht auf der von Handel und Geld-
verkehr beherrschten Stufe beruht neben der organischen Fortbildung der
altrömischen Einrichtungen vornehmlich auf dem Einfluß des Rechts-
verkehrs mit den Nichtbürgern.
In der jüngeren Republik stützt man die Einrichtungen für die Rechts-
beziehungen zu Peregrinen und besonders das im Forrnularprozeß mit
ihnen durchgeführte Verfahren auf die Amtsgewalt des Prätors ;
darauf ist beim "Amtsrecht" noch zurüc:kzukornrnen (u. § 32 III). Man
rechnet diese Einrichtungen zum ius honorarium; doch hat man die bonae
fidei iudicia in der frühklassischen Zeit in das ius civile (als Gegenbegriff
des ius honorarium) rezipiert.
In der späten Republik faßt besonders Cicero die den Peregrinen
zugänglichen Einrichtungen als i u s g e n t i um zusammen. Anders als das
den römischen Bürgern vorbehaltene ius civile (o. § 30 II 3a), betriffi:
das ius gentium die "Völker", also alle Menschen. Dabei beruft man sich
unter philosophischem Einfluß auf die natürliche Vernunft ( naturalis
ratio ), die allen Menschen gemeinsam ist. Doch verwendet man den
Namen ius gentium außer für diese Rechtsschicht auch noch für das, was
wir heute (unter römischem Einfluß) "V ö 1k er recht" nennen, die
Rechtsbeziehungen zwischen dem römischen Staat und den fremden
Staaten (internationales öffentliches Recht); ferner untechnisch für ge~
wisse Einrichtungen, die man bei allen Völkern antriffi:, wie Staat und
Familie, Ehe und Kinderaufzucht, Sklaverei und Freilassung.
Das ius gentium im Sinn der im vorigen beschriebenen Rechtsschicht
ist kein "Fremdenrecht" (obwohl es häufig so genannt wird), weil es
kein Sonderrecht nur für Ausländer ist. Es ist auch kein "internationales
Privatrecht", das bei Privatrechtsverhältnissen überstaatlichen Charak-
ters anzeigt, welche (in- oder ausländische) Rechtsordnung anzuwenden
ist. Das ius gentium enthält keine solchen "Kollisionsnorrnen", sondern
unmittelbar zur Entscheidung des Rechtsfalls anwendbares Recht (also
"Sachnorrnen ").
Mit der fortschreitenden Ausbreitung des römischen Bürgerrechts, die
das ius civile auf einen immer größeren Personenkreis erstrec:kt, verlieren
sowohl die Verleihung des commercium und conubium wie insbesondere
der Gegensatz zwischen ius civile und ius gentium mehr und mehr an
Bedeutung. Mit der const. Antoniniana ist diese Entwicklung praktisch
abgeschlossen.
li. Seitdem das ius gentium auf die naturalis ratio zurückgeführt
wird, begegnet es sich mit dem ius naturale, das (wie besonders Cicero
zeigt) aus philosophischen Quellen hauptsächlich in die klassische Schul-
jurisprudenz eindringt. Der Begriff des ius naturale ist von der aristote-
138 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Welthermhaft

lischen Unterscheidung des 8(xrtLov ~ucnx6v und des 8(xrtLov vofJ.LX6v beein-
flußt. Während dieses das staatliche, "positive" Recht bezeichnet,
versteht man unter jenem ein Recht, das auf der natürlichen Veranlagung
beruht, also ein Naturrecht als überpositive, abstrakte Grund-
ordnung. Auf dieses übernationale Menschheitsrecht führt die römische
Oberlieferung die erwähnten Institutionen wie Ehe, Kindschaft usw.
zurück. Ja, unter stoischem Einfluß wird sogar eingeräumt, daß nach ius
naturale alle Menschen frei seien, und dem die Sklaverei nach ius
gentium gegenübergestellt. Praktische Folgerungen werden aus der
natura nur vereinzelt (z. B. bei naturalis cognatio, possessio, obligatio)
gezogen.

§ 32 Die Gerichtsbarkeit des Prätors und das ius honorarium


I. Wir haben gesehen, daß weder die Auslegung der XII Tafeln noch
die spärliche Einzelgesetzgebung hingereicht hat, um das alte schwer-
fällige ius civile dem Obergang vom kleinräumigen bäuerlichen Stadt-
staat zum hochentwickelten Weltreich anzupassen; galt es doch, eine
Ordnung zu schaffen, die den Anforderungen der verzweigten, auf
Geldverkehr und Oberseehandel aufgebauten Wirtschaft genügte und der
differenzierten Kultur dieser Zeit entsprach. Zwar hat am Anfang
unserer Periode das ius gentium wenigstens zum Teil diese Lücke aus-
gefüllt; aber sein Anwendungsbereich war auf die wenigen Gegenstände
beschränkt, bei denen das Bedürfnis hervortrat, die Peregrinen an der
Rechtsordnung zu beteiligen. Die Aufwärtsentwicklung in der jüngeren
Republik verlangte jedoch nach einer umfassenden Weiterbildung des
Privatrechts und des Zivilprozeßrechts auf allen ihren Gebieten.
Die Römer haben für diese Erneuerung ihres Rechts einen einzig-
artigen Weg gewagt, der in der späteren und modernen Entwicklung
keine vollkommene Parallele hat. Sie haben diese Aufgabe in die Hände
der Ge r i c h t s m a g i s trat e, vornehmlich der Prätoren, gelegt, also den
Trägern der Gerichtsbarkeit überlassen. Das ist, auf deutsche Verhält-
nisse übertragen, nicht anders, als gälte für unser Privatrecht noch ein
unbeholfenes und lückenhaftes Gesamtgesetz aus dem Mittelalter und
hätte man seine Fortentwicklung hauptsächlich nur den Gerichten an-
heimgegeben. Eher läßt sich dieses Verfahren mit der angelsächsischen
Handhabung vergleichen. In Rom jedoch ist diese enge Verbindung von
Rechtsschöpfung und Rechtsanwendung eine der Hauptursachen für die
Größe des römischen Rechts geworden.
II. Daß dieses Wagnis gelang, beruht auf mehreren Umständen; in
erster Linie auf der eigenartigen S t e 11 u n g des Prätors in der römi-
§ 32. Gerichtsbarkeit des Prätors und das ius honorarium 139

sehen Gerichtsbarkeit (für das Nähere ist auf die Darstellung des Zivil-
prozeßrechts zu verweisen). Sie war von der des heutigen Richters grund-
verschieden; denn die ordentliche streitige Privatgerichtsbarkeit lag nach
der republikanischen Verfassung nicht wie heutzutage bei einer Mehrheit
teils neben-, teils übereinander stehender Gerichte mit festem örtlichem
und sachlichem Zuständigkeitskreis und einem Instanzenzug, sondern der
Prätor, zunächst nur einer, seit etwa 242 v. Chr. zwei, waren insoweit
die einzigen J ustizmagistrate. Sie waren zuständig für ganz Rom und
Italien, ließen sich allerdings außerhalb Roms in der höheren Gerichts-
barkeit von praefecti iure dicundo vertreten, während die niedere dort
bei den Munizipalmagistraten lag (o. § 21 I 2). Die Prätoren übten die
Rechtspflege nur in einer Instanz aus, so daß jeder private Rechtsstreit
in Rom vor einen von ihnen kam, aber vor ihm regelmäßig in einem
einzigen Verfahren erledigt wurde. Bei ihrer Zweizahl mit der erwähn-
ten sachlichen Abgrenzung zwischen dem praetor urbanus und peregrinus
(o. § 8 IV 2) blieb es bis zum Ende des Prinzipats; die mit der Zeit
geschaffenen weiteren Präturen waren teils für Strafsachen, teils für die
außerordentliche Gerichtsbarkeit bestimmt (o. § 25 I 3 b). Eine sachlich
beschränkte ordentliche Gerichtsbarkeit für Marktstreitigkeiten hatten
neben den Prätoren nur die kurulischen .i\ d i 1e n. In den Provinzen kam
die gleiche Gerichtsbarkeit, wie sie in Rom der Prätor hatte, den Statt-
h a 1t er n zu. Die ordentliche Jurisdiktion in privatrechtliehen Streit-
sachen war mithin in allen Reichsteilen für jeden Streitfall auf einen
einzigen Gerichtsherrn konzentriert.
Daß diese Gerichtsmagistrate die ihnen obliegende, ständig anwach-
sende Amtslast tragen konnten, wird nur durch die schon zur XII-Tafel-
zeit ausgebildete Zweite i I u n g des Verfahrens verständlich. Der Prätor
begnügt sich damit, an der Einsetzung jedes Rechtsstreits mitzuwir-
ken, überläßt aber die zeitraubende Durchführung, also das Beweis-
verfahren und die U rteilsfällung, einem Ge schworen e n, der kein
Magistrat, sondern Privatmann ist. Das Verfahren gliedert sich demnach
in die beiden Abschnitte in iure, d. h. auf der Gerichtsstätte des Ma-
gistrats, der das Urteilsgericht (iudicium privatum) einsetzt, und apud
iudicem, vor dem Geschworenen.
Der Ursprung dieser Zweiteilung wird freilich nicht schon bei dem
Bedürfnis nach Entlastung des Gerichtsherrn liegen, sondern bei dem
Verlangen nach richterlicher Unparteilichkeit: Nicht der staatliche Amts-
träger sollte das Urteil finden, sondern ein unbefangener Richter, auf
dessen Auswahl die Parteien - mindestens durch ein (beschränktes)
Ablehnungsrecht - einen Einfluß hatten. Erst mit der Zeit trat der
Gedanke der Entlastung hinzu. In der späteren Republik wird dann
die Urteilsfindung durch unbefangene, von den Parteien gebilligte
140 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Rimter unter griechischem Einfluß auf das demokratische Prinzip zurüdt-


geführt.
Neben dem iudex unus kommen Geschworenenbänke (recuperatores)
mit mehreren Richtern für Sachen von öffentlichem Interesse auf, ferner
Richterkollegien wie die decemviri (st)litibus iudicandis für Freiheits-
prozesse. Die centumviri (mit später 105 Richtern, 3 aus jeder der
35 Tribus) für große Sreitsachen, z. B. um ErbschaA:en oder das Grund-
eigentum, gehen dagegen wohl schon in eine frühe Zeit zurück.
111. 1. Die Aufgabenteilung zwismen dem Gerichtsmagistrat und dem
Privatrichter (oder der Rimterbank) besteht darin, daß jener mit den
Parteien das Prozeßprogramm aufstellt, das dieser durchzuführen
hat. In den Streitverfahren des alten ius civile hört der Prätor zunächst
das Begehren des Klägers und prüA:, ob dieses einen klagbaren Anspruch
enthält, genauer, ob für einen Anspruch der vom Kläger vorgetragenen
Art (z. B. aus Darlehen, Schuldversprechen, Kauf, Eigentum, Diebstahl)
ein Klagerecht (actio) anerkannt ist.
Dabei ist der Prätor im a I t römischen Verfahren der legis actiones
an das ius civile gebunden und darf den Prozeß nur zulassen (dare actio-
nem), wenn das Klagebegehren auf einen Anspruch gestützt wird, der
auf einem Volksgesetz beruht. Andernfalls muß er das Klagebegehren
von vornherein zurückweisen ( denegare, non dare actionem), so daß es
nicht zum Prozeß kommt. Ebenso verfährt er, wenn aus dem Vorbringen
des Beklagten bereits schlüssig hervorgeht, daß das Begehren des Klägers
ungerechtfertigt ist, so daß es eines Beweisverfahrens nicht erst bedarf.
Läßt der Prätor dagegen die Klage zu, dann unterwerfen sich die
Parteien dem Verfahren in der litis contestatio; sie tauschen die genau
vorgeschriebenen mündlichen Formeln (Spruchformeln) aus, mit denen
sie das Prozeßverhältnis begründen. Daraufhin wird der Privatrichter
ermittelt und eingesetzt, der dieses Verfahren durchzuführen hat.
2. Neben diesem gesetzlichen Streitverfahren gibt es aber schon früh
auch eines, das auf keiner gesetzlichen Grundlage beruht. So war vor
allem die Gerichtsbarkeit mit Peregrinen nicht in den Gesetzen geregelt
(o. § 31 I 3). Diese Verfahren ordnet der Prätor selbständig nach seinem
Ermessen. Vielleicht zuerst für diese Fremdengerichtsbarkeit, aber jeden-
falls schon bald aum für gesetzlich nicht geregelte Ansprüme unter
Bürgern wurde, etwa in der mittleren Republik, der Formularprozeß
ausgebildet. Diese neue Verfahrensart unterscheidet sich von den Legis-
aktionen äußerlich vor allem dadurch, daß das Streitverhältnis nicht
durch mündliche Wortformeln beider Teile, sondern unter Aufstellung
einer einheitlimen, schon frühzeitig schriA:lim abgefaßten Prozeß-
f o r m e 1 ( formula) begründet wird.
S 32. Gerichtsbarkeit des Prätors und das ius honorarium 141

Die Formel umschreibt (wie die alten Spruchformeln) das Prozeßpro-


gramm und bindet die Parteien nur, wenn sie sich ihr (in der litis
contestatio) unterworfen haben. Der Kläger beantragt beim Prätor die
Eneilung einer actio; und der Prätor prüft, ob für ein Begehren von der
An, wie es der Kläger vorgetragen hat, ein Rechtsschutz in der Rechts-
ordnung anerkannt ist. Ebenso prüft der Prätor das Vorbringen des
Beklagten, also ob dieser den Klaganspruch anerkennt oder leugnet oder
allenfalls, was der Legisaktionenprozeß noch nicht kannte, ein selbstän-
diges Verteidigungsrecht (exceptio, Einrede) geltend macht. Gewährt der
Prätor die vom Kläger beantragte actio, gegebenenfalls auch die vom
Beklagten beantragte exceptio, dann erteilt er dem Kläger die formula
(unter Umständen erweitert um die exceptio) und zwingt notfalls mit
indirekten Machtmitteln den Beklagten, sich dieser Klagformel zu unter-
werfen. Die Formel dient dann als Anweisung an den vom Prätor
gemeinsam mit den Parteien ermittelten Richter und sagt diesem, über
welche Fragen er Beweise entgegenzunehmen und durch Urteil zu ent-
scheiden hat.
So lautet z. B. die Schriftformel der Eigentumsklage (rei vindicatio): .Si paret
fundum Capenatem quo de agitur ex iure Quiritium Auli Agerii esse neque is fundus
Aulo Agerio restituetur, quanti ea res erit, tantam pecuniam iudex Numeri11m
Negidium Aulo Agerio condemnato, si non paret absolvito.• • Wenn es sich erweist,
daß das kapenatische Grundstück, um das der Streit geht, nach ius civile dem Aulus
Agerius (Blankettname für den Kläger) gehört, und dieses Grundstück dem Aulus
Agerius nicht noch herausgegeben wird, dann sollst du, Richter, den Numerius Negidius
(Blankettname für den Beklagten) dem Aulus Agerius in den Geldwert des Streit-
gegenstandes verurteilen; wenn es sich nicht erweist, sollst du ihn freisprechen. • - Macht
der Beklagte gegen diese Klage die Einrede der Arglist (exceptio doli) geltend, dann
wird auf seinen Antrag vor .qNanti ea res erit .. .• noch die Klausel eingefügt: .si in
ea re nihil dolo malo Auli Agerii factum sit neqNe fiat•, .sofern in dieser Sache nicht
ein arglistiges Verhalten von Aulus Agerius begangen worden ist und auch jetzt (mit
der Klageerhebung) nicht begangen wird•. Der vorstehende Wortlaut gibt die Muster-
formel wieder, wie sie im prätorisehen Edikt steht (u. § 33 111). Im konkreten Streitfall
wurden für die Blankettnamen der Parteien und der Streitsache die wirklichen Namen
eingesetzt.
Wie ersichtlich, wird die Frage nach Inhalt und Rechtsgrundlage des
Klagebegehrens und nach der Art der Verteidigung schon vor dem
Prätor geklärt und in der Formel in genauer und gedrängter Fassung
niedergelegt. Der Richter ist an die Formel gebunden. Die Aufstellung
dieser Schriftformeln hat die Entwicklung klarer Rechtsbegriffe und die
Konzentration auf das juristisch Wesentliche stark gefördert.
Die Ge 1tun g s g r u n d 1a g e des Formularverfahrens erkannte man
in der älteren Zeit nicht in Gesetzen, sondern ausschließlich in der
Amtsgewalt des Gerichtsmagistrats (iurisdictio). Diese Verfahrens-
art war zunächst nur für Prozesse bestimmt, für die das altzivile
142 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Legisaktionenverfahren nicht zuständig war. Erst mit der Zeit, als man
den Formularprozeß auch in Fällen anwandte, für die die Legis actiones
offenstanden, hat man ihn für bestimmte Fälle stufenweise durch Gesetze
anerkannt, die Lex Aebutia (2. jh. v. Chr.) und die Leges IuLiae (unter
Augustus}.
IV. Wie auf dem prozessualen Gebiet durch die Einführung der
neuen Verfahrensart, so hat der Prätor auch im Bereich des materiellen
Privatrechts in weitem Umfang fortschrittliche Neuerungen geschaf-
fen, die ihre Geltungsgrundlage in keinem Gesetz und keiner sonstigen
Quelle des ius civiLe, sondern ausschließlich in der magistratischen Amts-
gewalt haben. Er hat, wie wir sahen, die Verkehrsgeschäfte des
ius gentium als Klaggrundlage zugelassen, aber auch andere Rechtsmittel
auf allen Gebieten des Privatrechts eingeführt, um das ius civiLe zu
ergänzen. Er ist aber dabei nicht stehen geblieben, sondern hat das
ius civiLe auch verbessert, indem er veraltete Einrichtungen für un-
anwendbar erklärt und durch neue ersetzt hat. So haben die Prätoren,
um nur ein Beispiel zu nennen, die Bußklage der XII Tafeln aus Beleidi-
gung (iniuria) auf 25 asses, die durch die Geldentwertung sinnlos
geworden war, dadurch praktisch beseitigt, daß sie diese Klage, falls
ein Kläger sie erbitten sollte, verweigerten und an ihrer Stelle eine
elastischer gestaltete actio iniuriarum zuließen, die die BuBberechnung
dem Ermessen des Geschworenen anheim gab. In ähnlicher Weise haben
sie zahlreiche andere Rechtsmittel: Aktionen, Exzeptionen, Interdikte,
Wiedereinsetzungen in den vorigen Stand usw. für Bedürfnisse, die der
älteren Periode noch unbekannt waren, neu geschaffen. Neben den
Fällen, in denen der Prätor das ius civiLe erweitert und fortbildet, also
iuris civiLis adiuvandi gratia tätig wird, stehen mithin andere, in denen
er supplendi oder sogar corrigendi gratia eingreift (Pap. Dig. 1, 1, 7, 1).
Diese Wirksamkeit der Gerichtsmagistrate, die weit über die Befug-
nisse unserer heutigen Richter hinausreicht, gründet sich auf ihre
Gerichtsgewalt (iurisdictio), die beim Prätor mit der Höchstgewalt
(imperium) verbunden ist. Obschon auch der Prätor an die Gesetze
gebunden ist, hat man die Ergänzung und Verbesserung des ius civiLe,
die sich über die veralteten Gesetze hinwegsetzt, stillschweigend geduldet,
weil sie dem Nutzen der Allgemeinheit dient. Gegen einen Mißbrauch
dieser Befugnisse hätte die Interzession des anderen Prätors, der Konsuln
oder der Volkstribune offengestanden; doch hat man diese Mittel gegen
eine gesunde und vernünftige Rechtsreform nicht eingesetzt.
V. 1. Der Inbegriff der neuen Rechtsgedanken, die die Prätoren, für
ihre Zuständigkeitsbereiche außerdem die i\dilen und die Provinzstatt-
halter, neben und teilweise gegen das ius civiLe verwirklichen, wird als
ius honorarium (von honor "Ehrenamt", o. § 8 I) oder speziell als
§ 32. Gerichtsbarkeit des Prätors und das ius honorarium 143

ius praetorium usw. zusammengefaßt. Dieses "Amtsrecht" steht zwar


dem gesetzlichen "Volksrecht" (ius civile in diesem Sinn, o. § 30 II 3 b)
an Geltungskraft nach; denn zur förmlichen Aufhebung des Volksrechts
sind nur die Volksversammlungen berufen. Doch konnten die Prätoren
die Einrichtungen des ius civile, soweit sie veraltet oder unbillig waren,
durch Denegation, Einrede, Wiedereinsetzung usw. p r a k t i s c h wir-
kungslos machen und umgekehrt gesetzlich nicht anerkannte Rechts-
verhältnisse tat sä c h 1ich als vollwirksam behandeln. Sie konnten zwar
niemanden zum Eigentümer oder Erben machen, weil die Voraus-
setzungen des Eigentums und des Erbrechts im ius civile festgelegt waren;
aber sie konnten eine hiernach nicht zum Eigentum oder Erbrecht
berufene Person mit einem Schutz ausstatten, der sie wie einen Eigen-
tümer oder Erben behandelte.
2. Das prätorisehe Recht hat die zivile Ordnung keineswegs voll-
ständig verdrängt. Die Prätoren sind bei ihren Reformen nirgends weiter-
gegangen, als das Sachbedürfnis erforderte. Sie haben vielmehr ihre
Neuerungen nicht selten auf zivile Einrichtungen gestützt, z. B. zivile
Klagen durch Fiktion abgewandelt (/ormulae ficticiae) oder in ihrer
(prätorischen) Intestaterbfolgeordnung (in der Klasse unde legitimi)
zivile Erben berufen.
Der Gegensatz zwischen zivilem und prätorischem Recht findet sich in
allen Teilen des Privatrechts und führt zu einer Reihe eigentümlicher
Verzahnungen, die im Privatrecht darzustellen sind. Im allgemeinen
kennzeichnet sich das Honorarrecht durch größere Beweglichkeit und
Fortschrittlichkeit, es gibt der Billigkeit (aequitas) stärker Raum und
befreit den Rechtsverkehr und Rechtsschutz von den lästigen Form-
schranken des alten Bürgerrechts. Insofern findet das Nebeneinander von
ius civile und ius honorarium in dem des "common law" und der
"equity" des englischen Rechts eine gewisse Parallele.
3. Die Schöpfungen des ius honorarium lassen sich zwei Teilschichten
zuweisen. Die ä 1t er e umfaßt vor allem die Einrichtungen des ius gentium,
deren Anerkennung nicht nur auf die Amtsgewalt, sondern materiell-
rechtlich zunächst auf die für alle Menschen verbindliche fides gegründet
wurde (o. § 31 I 3 ). Die auf die bona fides gegründeten Ansprüche, zu
denen, wie erwähnt, die wichtigsten formlosen Schuldverträge des
täglichen Lebens gehören, wurden freilich in der frühklassischen Zeit von
der Juristenmeinung dem ius civile zugeschlagen. Zu den älteren prä-
torisehen Schöpfungen zählen außerdem gewisse Besitzinterdikte und
einzelne Aktionen. - Die große Mehrzahl der amtsrechtlichen Einrich-
tungen gehört dagegen der jüngeren Schicht an; sie stammt haupt-
sächlich aus dem letzten Jahrhundert der Republik.
144 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft:

§ 33 Fortsetzung. Die Edikte der Gerichtsmagistrate


I. Die besonderen Vorzüge, die das ius honorarium über das sonstige
Recht der Römer hinausheben, sind seine Lebensnähe und Anpassungs-
fähigkeit sowie seine enge Verbundenheit mit der zeitgenössischen
Rechtswissenschaft.
Indem die Rechtsfortbildung dem Träger der Gerichtsbarkeit an-
vertraut ist, liegt sie in der Hand des Staatsorgans, das aus der täglichen
Praxis die mit dem Wandel der Lebensverhältnisse fortschreitenden
Bedürfnisse der Rechtsentwicklung am besten überschauen kann. Der
Prätor braucht, wenn er die Unzulänglichkeit der bisherigen Rechts-
einrichtungen erkennt, nicht zu warten, bis der schwerfällige Apparat
der Gesetzgebung das unbillig gewordene Recht durch besseres ersetzt,
sondern kann durch die Versagung der alten Rechtsmittel und die
Schöpfung neuer sofort Abhilfe schaffen. Die Rechtsentwicklung hinkt
daher nicht hinter dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt her,
sondern paßt sich ihm augenblicklich an.
Aber wird diese Beweglichkeit der Rechtsfortbildung nicht um den
Preis der Rechtssicherheit erkauft? Es liegt nahe zu vermuten, daß das
Vertrauen des Volks in die Rechtspflege darunter litt, daß man nicht
sicher vorhersehen konnte, ob der Prätor den bisherigen Rechtszustand
beibehalten oder ändern würde. Diese Gefahr haben die Römer selbst
erkannt und deshalb Sicherungen geschaffen, um unberechenbare Refor-
men, die vor allem die Wirtschaft erschüttert hätten, zu verhüten. Doch
lag ein wichtiger Schutz gegen überstürzte Maßnahmen schon im
römischen Volkscharakter selbst. Die Römer haben sich aus ihrer bäuer-
lichen Herkunft einen streng k o n s er v a t i v e n Sinn bewahrt. Ihre
Neigung, an den überlieferten Einrichtungen festzuhalten und sie erst
dann zu ändern, wenn ihre Oberlebtheit mit greifbarer Deutlichkeit
zutage lag, hat sich in der Rechtsentwicklung segensreich bewährt. Hinzu
kommt das staatsmännische Verantwortungsbewußtsein der Prätoren,
die sich übereilter Änderungen enthielten, um das Vertrauen in die
Sicherheit der Rechtspflege nicht zu gefährden.
Als konkrete Schutzeinrichtungen für die Stetigkeit der Rechtspflege
wirkten die Beratung der Gerichtsmagistrate durch das consilium der
Rechtsgelehrten und die magistratischen Edikte.
II. Die Prätoren waren, wie wir sahen (o. § 8 I), regelmäßig keine
fachlich geschulten Juristen, sondern wie alle Magistrate Politiker, die
auf der Stufenleiter der Staatsämter ein Jahr lang die Gerichtsbarkeit
wahrnahmen. Gerade die Kürze dieser Amtsdauer hätte die Rechts-
sicherheit besonders gefährden können. Aber als Nichtjuristen bedienten
sie sich der Beratung durch Fachleute. Die Magistrate pflegten für ihre
§ 33. Fortsetzung. Die Edikte der Gerichtsmagistrate 145

Amtstätigkeit einen Kreis fachkundiger Ratgeber als consilium zu-


zuziehen, die sie selbst auswählten. Sie sind an deren Vorschläge zwar
nicht gebunden, befolgen sie aber in der Praxis meist um ihrer Zweck-
mäßigkeit willen. Die Prätoren wählen ihre Ratgeber aus dem Kreis der
Rechts g e 1ehrten, die an ihren Gerichtsterminen teilnehmen und
ihnen dabei ihre Fachkenntnisse zur Verfügung stellen. Diese Beteiligung
der Wissenschaft an der Rechtspflege führt zu gegenseitiger Befruchtung:
Die Gerichtsbarkeit steht auf voller wissenschaftlicher Höhe; und die
Wissenschaft empfängt ihre Anregungen unmittelbar aus den Bedürf-
nissen der täglichen Praxis und wird vor Lebensfremdheit bewahrt.
Indem aber die Prätoren bei ihrem Amtsantritt regelmäßig das consilium
ihrer Vorgänger ü hernehmen, wird damit zugleich wirksam für die
Erhaltung der Rechtsbeständigkeit gesorgt. Da auch die Geschworenen
ein consilium von Rechtsgelehrten zuziehen, können diese auch im Ver-
fahrensabschnitt apud iudicem nicht nur auf eine sachgerechte Urteils-
findung, sondern auch auf die Stetigkeit der Rechtspflege hinwirken.
Geringere Bedeutung hat es daneben, daß auch die Hilfsbeamten
der Prätoren, besonders die in den täglichen Geschäftsgang der Beurkun-
dung und die äußeren Formalitäten eingearbeiteten Gerichtsschreiber
(scribae), beim Wechsel der Prätoren häufig übernommen wurden und
damit zu einer Gleichförmigkeit der Praxis beitragen konnten.
III. 1. Das wichtigste Mittel zur Sicherung einer stetigen Rechtspflege
waren aber die Edikte der Gerichtsmagistrate. Edictum heißt jede
Bekanntmachung eines Magistrats an das Volk; ursprünglich, dem
Namen zufolge, die mündliche Mitteilung, später die schriftliche durch
öffentlichen Aushang. Die Edikte können sich auf die Verwaltung oder
die Gerichtsbarkeit beziehen, Befehle und Verbote, Empfehlungen oder
Verheißungen enthalten; sie können, wie in älterer Zeit zumeist, nur
einen Einzelfall betreffen oder eine grundsätzliche Regelung vorsehen.
Anordnungen allgemeiner Art, die am Beginn der magistratischen Amts-
zeit als Amtsprogramm veröffentlicht werden und während der ganzen
Amtsdauer gelten und aushängen, heißen edicta perpetua. Von dieser
Art sind auch die Edikte, die für die allgemeine Jurisdiktion über Privat-
rechtssachen in Rom der praetor urbanus und der praetor peregrinus
verlautbaren, in den Provinzen die Statthalter; für ihren engbegrenzten
Zuständigkeitsbereich außerdem die kurulischen .i\dilen.
2. Der wichtigste In h a 1t der Jurisdiktionsedikte ist die Verheißung
aller der Rechtsmitte 1, die der Magistrat auf Antrag zu gewähren
verspricht. Dabei sind die Rechtsmittel nicht bloß im prozessualen Sinn
zu verstehen, so daß das Edikt nach Art einer Zivilprozeßordnung nur
von Klagen, Einreden usw. als Verfahrensmitteln spräche, sondern es
sagt zugleich, unter welchen privatrech t 1ich e n Voraussetzungen
10 6760 Kaser, Römische Rcchugcschichtc
146 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

diese Rechtsmittel gewährt werden sollen. Der Prätor bietet hier also
nicht weniger als eine vollständige Sammlung der von ihm anerkannten
typischen Ansprüche (actiones) und Verteidigungsmittel (exceptiones ), so
daß das Edikt mit einer Kodifikation großer Teile nicht nur des Zivil-
prozeßrechts, sondern auch des Privatrechts verglichen werden könnte. Es
unterscheidet sich gleichwohl grundsätzlich von einem modernen Zivil-
gesetzbuch dadurch, daß es nicht eine Sammlung von Nonnen, sondern
von Rechtsschutzverheißungen enthält. Das Privatrecht wird also nur
aus der Perspektive des Prozesses gesehen; es ist in das Edikt nur
eingegangen, soweit die Privatrechtssätze als materiellrechtliche Voraus-
setzungen für die prozessualen Rechtsmittel in die Ediktsbestimmungen
aufgenommen worden sind.
Das Edikt umfaßt sowohl die Ansprüche aus dem ius civile wie die aus
dem ius honorarium; doch ist hier zu unterscheiden.
a) Wo ein Anspruch vom ius civile anerkannt ist und vom Prätor
gebilligt wird, begnügt sich sein Edikt damit, ein Muster der Klag-
fonnel für das Fonnularverfahren zu verkünden (ein Beispiel für ein
solches Blankett oben § 32 III 2). Die alten Legisaktionen dagegen, die
als feststehend gelten und in Buchfonn veröffentlicht sind, werden nicht
genannt. Aber auch für den Fonnularprozeß äußert er sich nicht über
die feststehenden Grundsätze des ius civile, obschon diese, z. B. die
Regeln über den Erwerb und Verlust des Eigentums oder der patria
potestas, über die Eheschließung und Ehescheidung, über die Erbfolge,
über die zivilen Rechtsgeschäfte usw., auch als Voraussetzungen für die
prozessual durchzusetzenden Ansprüche erheblich sind. Die Grundsätze
des ius civile, gleichgültig ob sie auf Gesetzen oder auf der Oberzeugung
der Juristen beruhen, werden vielmehr als bekannt vorausgesetzt.
b) Wo der Prätor dagegen krafl: seiner Amtsgewalt das ius civile
ergänzt oder gar von diesem abweicht, muß er sich genauer äußern. Bei
den Klagansprüchen des Honorarrechts gibt er daher zunächst ein
"Verheißungsedikt", das die Anspruchsvoraussetzungen ausdrücklich
aufzählt und für den Fall, daß sie gegeben sind, verkündet »iudicium
dabo".
So lautet beispielsweise das Edikt über die actio de dolo, auf die unser Anspruch
aus S 826 BGB zurückgeht (vgl. Dig. 4,3,1,1 und dazu 0. Le n e 1, Das Edictum
perpetuum, 3. Aufl., S. 114): .Quae dolo malo facta esse dicentur, si de his rebus alia
actio non erit et iusta causa esse 'Videbitur, intra annum, cum primum experiundi
potestas fuerit, iudicium dabo.• • Wenn eine aus bösem Vorsatz begangene Schadenstat
behauptet wird, werde ich, sofern keine andere Klage begründet ist und nach Lage des
Falles eine Klage geredttfertigt erscheint, innerhalb eines Jahres, nachdem erstmals die
Klagemöglichkeit bestanden hat, eine Klage gewähren. •
Daran schließt sich auch hier überall die MusterformeL In anderen
Fällen wird durch »iudicium non dabo" die Klagbarkeit eingeschränkt,
§ 33. Fortsetzung. Die Edikte der Gerimtsmagistrate 147

in wieder anderen durch ",in integrum restituam"' eine Wiedereinsetzung


in den vorigen Stand verheißen. Auch für die vom Prätor eingeführten
exceptiones (Einreden) und interdicta (eine besondere, beschleunigte
Verfahrensart, vor allem für Besitzansprüche), ferner für gewisse typische
Abreden unter den Parteien in Schuldversprechensform ( stipulatio ), die
der Prätor erzwingt, bietet er Musterformeln. Schließlich enthält sein
Edikt noch zahlreiche Ankündigungen verschiedenen Charakters, sei es
allgemein gehaltene Rechtsschutzverheißungen (z. B. ",pacta conventa
servabo"' ), sei es Ankündigung von Maßnahmen, die er für die Durch-
führung des Prozeß- und Vollstreckungsverfahrens treffen wird. Manche
seiner Maßnahmen, wie die Einweisung in den Besitz (missio in possessio-
nem, in bona), die in integrum restitutio, die Interdikte usw., sind an
das imperium (o. § 8 II 1) gebunden.
3. Die Sprache des Edikts ist wie die der einzelnen Formeln ein
juristisches Meisterwerk, das jedem Wort seine genaue Bedeutung
verleiht und sich durch äußerste Treffsicherheit, Knappheit und Prä-
gnanz auszeichnet. Sie beruht auf der fruchtbringenden Zusammenarbeit
der Prätoren mit den großen Juristen ihrer Zeit.
Der feststehende Aufbau des Edikts zeigt seine vom Prozeß
bestimmte Herkunft durch die Gliederung in fünf Abschnitte, die von
der Gerichtsbarkeit im allgemeinen, von der ordentlichen, von der
beschleunigten Rechtshilfe, von der Vollstreckung und von Interdikten,
Exzeptionen und Stipulationen handeln. Doch ist die Stoffanordnung
innerhalb der Abschnitte, besonders die Aufeinanderfolge der einzelnen
Aktionen, äußerst locker und zeigt, daß man auf eine juristische Syste-
matik kein Gewicht gelegt hat.
4. Die Magistrate sind an ihre Edikte gebunden. Da5 schärft die
Iex Cornelia von 67 v. Chr. ",ut praetores ex edictis suis perpetuis ius
dicerent"' ausdrücklich ein, veranlaßt offenbar durdt Mißbräudte, wie sie
Cicero von Verres berichtet. Doch bleiben die Prätoren befugt, außerhalb
ihres Edikts für besondere Rechtsbedürfnisse, auf die sie erst während
ihres Amtsjahres aufmerksam werden, neue Klagen von Fall zu Fall,
actiones in factum, zuzulassen.
5. Die Edikte werden zwar von jedem Magistrat bei seinem Amts-
antritt neu verkündet, doch pflegt er den bewährten Wortlaut vom
Vorgänger unverändert zu übernehmen. Um der Rechtssicherheit
willen entsdtließt man sidt zu 1\nderungen oder Ergänzungen nur aus-
nahmsweise, wenn ein dringendes Bedürfnis feststeht. Neue Aktionen
wird man ins Edikt zumeist erst aufgenommen haben, nadtdem sie als
actiones in factumerteilt worden waren und sich bewährt hatten. Audt
bei alldem lassen sich die Prätoren von den Rechtsgelehrten beraten. So
bildet sich ein fester Grundstock von Ediktsbestimmungen heraus, die
148 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

von Jahr zu Jahr unverändert weitergegeben werden ( edictum trala-


ticium). über das allmähliche Wachstum des Edikts sind wir nur wenig
unterrichtet; doch darf man nach der allgemeinen Entwicklung an-
nehmen, daß die Hauptmasse seines Inhalts in das spätere 2. und ins
1. Jh. v. Chr. zurückgeht, also in die Zeit, in der die jüngere Schicht der
amtsrechtlichen Einrichtungen geschaffen wurde (o. § 32 V 3). Damit
kennzeichnet sich dieses Zeitalter als eines der am stärksten schöpfe-
rischen in der römischen Rechtsgeschichte.
6. Einen Stillstand dieses natürlichen Wachstums der Edikte führt der
Kaiser Hadrian um 130 n. Chr. dadurch herbei, daß er das Edikt des
Stadtprätors und der ~dilen durch den Juristen Salvius I u l i an u s
(u. § 42 II 3) einer abschließenden Redaktion unterziehen läßt und
einen Senatsbeschluß veranlaßt, der es für unabänderlich erklärt.
Abweichungen und Ergänzungen behält sich der Kaiser vor. Zweck
dieser Neuerung ist eine Stärkung der Kaisergewalt, indem die weitere
Rechtsfortbildung den Magistraten genommen und auf die Kaiser über-
tragen wird. Zwar stand der Hauptinhalt des Edikts bereits am Ende
der Republik fest; die Neuerungen der ersten Prinzipatszeit haben nur
noch wenige Einzelheiten betroffen, hauptsächlich Gegenstände, für die
es die Senatsbeschlüsse den Prätoren überließen, den Willen des Senats
zu verwirklichen. Auch Julian scheint am Edikt keine wesentlichen
sachlichen Veränderungen mehr vorgenommen, sondern nur die Termi-
nologie etwas vereinfacht und vereinheitlicht zu haben. Die Festlegung
des Edikts durch Hadrian bringt gleichwohl eine Erstarrung mit sich,
die von den Juristen durch freiere Auslegung nicht völlig ausgeglichen
wird und dazu beiträgt, den Abstieg der römischen ReChtsentwicklung
vorzubereiten.
Dunkel ist das Schicksal des Per e g r in e n edikts, das vielleicht mit
dem städtischen verschmolzen wurde, und erst recht das der Pro-
v in z i a l edikte: Sie waren zu Ciceros Zeit noch stark verschieden,
doch schrieb im 2. Jh. n. Chr. Gaius einen Kommentar zu dem offenbar
vereinheitlichten und dem prätorisehen stark angenäherten edictum
provinciale.
7. Der Wortlaut des Edikts ist uns nicht vollständig erhalten,
doch besitzen wir, hauptsächlich in den Digesten Justinians, große
Stücke der Kommentare, die die klassischen Juristen zum Edikt verfaßt
haben. Da diese Kommentare die Reihenfolge des Edikts einhalten
und ihren Erläuterungen häufig die Ediktsworte voranstellen, war es
möglich, trotz der lückenhaften Oberlieferung und der nachklassischen
Überarbeitungen dieser Quellen den Inhalt und Aufbau, ja vielfach
auch den Wortlaut des Edikts wiederherzustellen. Das Hauptverdienst
§ 34. Die kaiserliche Rechtsetzung 149

an dieser hervorragenden wissenschaftlichen Leistung hat Otto L e n e 1


("Das Edictum perpetuum", 1. Aufl. 1883, 3. Aufl. 1927).

§ 34 Die kaiserliche Rechtsetzung


I. Eine Gesetzgebung im strengen Wortsinn kam in der Prinzi-
patszeit den Kaisern noch nicht zu (o. § 25 II 1). Augustus hat die ihm
angetragene cura legum et morum, die ihm autoritative Eingriffe zur
Reform von Gesetzesrecht und Sitte eröffnet hätte, als verfassungswidrig
abgelehnt. Der Begriff der Lex (publica) im technischen Sinn blieb auf
die Volksgesetze (Leges rogatae, Leges latae) beschränkt. Nur Leges datae
(eine Art Ermächtigungsgesetze, o. § 14 111 2) konnten, wie schon in der
Republik von den Magistraten, so auch von den Kaisern und ihren
Beamten einseitig erlassen werden. Von solchen sind uns etwa die
Gemeindeordnung für die spanischen Städte Salpensa und Malaca
(um 82 n. Chr.) 1 inschriftlich erhalten. - Davon verschieden sind die
Leges dictae, Verordnungen, die der Kaiser (oder seine Beamten) in seinem
autonomen Bereich für die inneren Verhältnisse der unter seiner aus-
schließlichen Verfügung stehenden Besitzungen erläßt. Hierher gehören
aus der inschriftlichen Überlieferung z. B. eine afrikanische Domänen-
ordnung aus der Zeit Trajans (nach dem Muster der Lex Manciana) und
eine Bergwerksordnung für Vipasca in Portugal (sog. _Lex metalli
Vipascensis) aus der Zeit Hadrians 2•
Für die Zwecke der Gesetzgebung haben sich die Kaiser der Prinzi-
patszeit anfangs noch der Volksgesetze bedient, so vor allem Augustus
bei seinen Prozeß-, Ehe- und Freilassungsreformen. Später treten die
Senatsbeschlüsse an ihre Stelle.
11.1. Haben die Kaiser hiernach für ihre zahlreichen einschneiden-
den Reformen die herkömmlichen Einrichtungen beibehalten, so haben
sie daneben gleichwohl eine vielseitige rechtsschöpferische Tätigkeit
durch einseitige Anordnungen, c o n s t i tut i o n es, entfaltet, die sich
auf ihre umfassende Amtsgewalt gründen. Die damit geschaffenen
Rechtssätze können freilich das Volksrecht nicht aufheben, sie sind
zunächst ius honorarium. Aber ihre Wirkung reicht durch die Machtfülle
und die Autorität des Princeps sehr viel weiter als die der Magistrate,
so daß ihnen seit der Mitte des 2. ]h. eine gesetzesgleiche Kraft beigelegt
wird (legis vicem optinere, Gaius 1, 5, dessen Behauptung, dies sei nie-
mals bezweifelt worden, aber gewiß nicht zutrifft). Zur Begründung
dieser Kraft beruft man sich auf die Lex de imperio, mit der der Kaiser
1 Bruns-Gradenwitz, Fontes 7 (unten Schrifttum I 8a), Bd. I, S. 142 ff.; 147 ff.;
Fontes iuris Rom. anteiust. Bd. Jl, S. 202 ff.; 208 ff.
1 EbendaS. 289 ff.; 295 ff. bzw. 484 ff.; 502 ff.
150 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

seine Gewalt vom Volk erhalten habe (o. § 24 II 1); doch ist das jetzt
bloße Fiktion. Papinian (1. Hälfte des 3. Jh.) rechnet dann das Kaiser-
recht folgerichtig zum ius civile (Dig. 1, 1, 7 pr.), ohne daraus freilich
praktische Konsequenzen zu ziehen.
2. Ihrem Inhalt nach betreffen die Kaiserkonstitutionen, der um-
fassenden kaiserlichen Funktion gemäß, alle Gebiete des staatlichen und
rechtlichen Lebens. Im Vordergrund stehen die Angelegenheiten des
Staats- und Verwaltungsrechts, des Strafrechts und der Gerichtsver-
fassung. In das Privatrecht und seine Rechtspflege haben die Kaiser mit
autoritativen Erlassen und Anordnungen von Anfang an vor allem auf
den Sondergebieten eingegriffen, für die sie zur Ergänzung der ordent-
lichen eine außerordentliche Gerichtsbarkeit ( extraordinaria cognitio,
u. IV 2) eingerichtet haben. In diesem Bereich haben die Kaiser bis-
weilen revolutionierende Neuerungen geschaffen, die sim über die
überkommenen Remtsgrundsätze hinwegsetzen (u. IV 1). Im Bereich der
ordentlichen Gerichtsbarkeit dagegen haben sie ihre Reformen anfangs,
wie erwähnt, der Volksgesetzgebung und später dem Senat zugewiesen.
Erst seit dem 2. ]h. haben sie in steigendem Umfang aum in diesem
Bereim ihre Rechtsauffassung in ihren Reskripten durm Gutachten
über Einzelfälle geltend gemacht und damit die Rechtsentwicklung
gefördert (u. III 4). In der späteren Prinzipatszeit, vor allem seit der
Mitte des 2. Jh., nehmen die Kaiserkonstitutionen einen immer breiteren
Raum ein und verdrängen schließlich alle anderen Quellen neuer
Rechtsetzung.
3. Die Formen der Kaiserkonstitutionen folgen im ganzen den Ein-
richtungen, die für die magistratischen Anordnungen smon vorher
bestehen; doch hat man sie der umfassenden Funktion des Kaisers und
seiner Autorität entsprechend fortgebildet. Die edicta und mandata
haben von vornherein einen allgemeinen Inhalt, die decreta und
rescripta dagegen beziehen sich zunächst nur auf Einzelfälle; doch hat
man aum den in ihnen ausgedrückten Rechtsgedanken des Kaisers als-
bald eine allgemeine Geltung beigelegt. Auf die Konstitutionen haben
mindestens teilweise die im kaiserliChen consilium vertretenen Juristen
beratend eingewirkt. Das zeigt sich namentlich bei den Reskripten,
deren Gedanken- und Spramstil dem der Juristenschriften nahesteht,
während etwa die Edikte häufiger einen Einfluß der Rhetorik erkennen
lassen.
III.l. Die kaiserlichen Edikte sind die regelmäßige Form der
generellen Rechtsetzung des Kaisers. Ihrem Wesen nach sind sie denen
der Magistrate gleichartig (o. § 33 III 1). Auch sie werden öffentlich
ausgestellt und regeln allgemeine und besondere Gegenstände verschie-
denen Inhalts. Doch enthalten sie nicht wie die prätorisehen ein allge-
§ 34. Die kaiserliche Rechtsetzung 151

meines und dauerndes Amtsprogramm für die Gerichtsbarkeit, wie sie


überhaupt für das Privatrecht minder ergiebig sind. Sie gelten nicht nur
für die Lebensdauer des Kaisers, sondern- sogar im Falle der damnatio
memoriae - auch unter den Nachfolgern weiter, bis sie ausdrücklich
aufgehoben werden. Aus der urkundlichen Oberlieferung der Edikte sei
auf die const. Antoniniana von 212 über die Bürgerrechtsverleihung
(o. § 27 II 2) hingewiesen, ferner auf fünf große Edikte des Augustus
über Fragen der Verwaltung und Justiz, die in neuerer Zeit in Kyrene
(Nordafrika) ausgegraben wurden 1 •
2. Mandat a sind Dienstanweisungen an die Beamten, die die
Kaiser hauptsächlich den von ihnen eingesetzten, aber auch den vom
Senat abhängigen Amtsträgem erteilten. Sie regelten zunächst nur die
Amtstätigkeit des einzelnen Beamten und waren daher auf seine Amts-
dauer und seinen Aufgabenbereich beschränkt. Mit der Befestigung der
kaiserlichen Verwaltungsordnung wurde es aber üblich, die Mandate
gleichlautend ohne wesentliche .itnderungen auch den Amtsnachfolgern
zu erteilen und für Beamte mit gleichen Aufgaben inhaltlich überein-
stimmend abzufassen. Damit wurden die Mandate allmählich als eine
allgemeine, für jedermann verbindliche Rechtsquelle anerkannt. Ihre
Bedeutung liegt hauptsächlich auf dem straf- und dem verwaltungs-
rechtlichen Gebiet. Einen Auszug aus einem umfangreichen liber
mandatorum (oder doch eine verwandte Sammlung) für einen ägypti-
schen Finanzbeamten, den procurator ad idium logum, enthält der auf
einem Berliner Papyrus überlieferte "Gnomon des Idios Logos" 2 •
3. D e c r e t a heißen allgemein die kaiserlichen .itußerungen zu
einzelnen Rechtsfällen, im besonderen aber die Urteile des Kaisers in
Zivil- und Strafsachen. Von der kaiserlichen Gerichtsbarkeit, sei es in
erster Instanz, sei es in der Berufung, und von ihren Grundlagen war
schon die Rede (o. § 25 II 3). Wo der Kaiser als Gerichtsherr eingreift,
beschränkt er sich nicht auf die bloße Prozeßeinsetzung, sondern führt
selbst die Untersuchung (cognitio) durch und entscheidet mittels Urteil.
Auch hierbei stützt er sich auf sein consilium, in dem hervorragende
Juristen seiner Zeit vertreten sind. Damit ist auch im Kaisergericht die
Verbindung zwischen Gerichtsbarkeit und Wissenschaft verwirklicht;

1 J. S t r o u x - L. Wenger, Die Augustusinschrift auf dem Marktplatz von Kyrene


(Abhandl. d. Bayer. Akademie d. Wissensch., Philos.-hist. K.l. 34,2, 1928); A. v.
Pr e m erste in, Die fünf neugefundenen Edikte des Augustus aus Kyrene (Zeitschr.
d. Savigny-Stiftung f. Rechtsgesch., rom. Abt., Bd. 48, 1928, S. 419 ff.); Font. iur.
Rom. anteiust. Bd. Jl, S. 403 ff.; F. de Visscher, Les Mits d'Auguste dckouverts
i Cyrene (1940).
1 ~gypt. Urkunden aus den Staatl. Museen zu Berlin, Griech. Urkunden, Bd. 5,
Heft 1 (1919); siehe auch P. M. M e y er, Jurist. Papyri (1920}, S. 315 ff.; S. R i c c o-
b o n o jr., 11 Gnomon dell' Idios Logos (o. J.; 1950).
152 li. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

den Kaiserurteilen kommt nicht nur durch die Autorität des kaiserlichen
Richters, sondern auch durch die Mitwirkung hervorragender Juristen
besonderes Ansehen zu. Da der Kaiser in Privatrechtsstreitigkeiten nicht
an die Richtlinien des prätorisehen Edikts gebunden ist, gestaltet er seine
Rechtspflege freier und fortschrittlicher als die ordentliche der Prätoren.
Besonders seit der Festlegung des Edikts durch Hadrian und der Aus-
gestaltung des kaiserlichen consilium zu einem ständigen Staatsrat wird
die Einwirkung des Kaisers auf die Rechtspflege ein wichtiges Mittel der
Rechtsfortbildung. Dabei liegt es wohl am gewichtigen Einfluß der
juristischen Ratgeber, daß die Machtfülle des kaiserlichen Gerichtsherrn
gleichwohl nicht zu einer politisch verfälschten und parteiischen
Kabinettsjustiz geführt hat.
Die Entscheidungen des Kaisers sind für andere gleichartige Prozesse
anfangs ebensowenig verbind 1ich wie die heutigen Vorentscheidungen
hoher Gerichte. Sie erlangen aber mit der fortschreitenden Anerkennung
der kaiserlichen Gerichtsgewalt ein gesteigertes Ansehen, so daß sie
unter den Severern als gesetzesgleich und damit auch für den künftigen
Richter, der über einen gleichartigen Rechtsfall zu entscheiden hat, als
bindende Rechtsquellen anerkannt werden.
Unterrichtet sind wir über die kaiserliche Gerichtsbarkeit durch
die Juristenschriften, außerdem durch die Briefe des jüngeren Plinius
aus der Zeit Trajans und durch ägyptische Papyri.
4. Rescripta sind die schriftlichen Bescheide des Kaisers auf An-
fragen. Sie treten in zwei Formen auf. Anfragen und Berichte von
Beamten und öffentlichen Körperschaften beantwortet der Kaiser in der
höflicheren Form der Briefe (epistulae ), die in einer besonderen Kanzlei
ab epistulis entworfen, vom Kaiser mit der Grußformel (vale, EQQOJoo)
unterzeichnet und sodann dem Empfänger zugestellt werden. Diese
dienstlichen Bescheide in Briefform bilden mit der Privatkorrespondenz
des Kaisers eine unsmeidbare Einheit. Auf Gesuch Privater (libelli)
dagegen wird der Bescheid von der Kanzlei a libellis vorbereitet und
unter die Eingabe gesetzt (subscriptio), vom Kaiser mit (re)scripsi
unterzeichnet und öffentlich angeschlagen, so daß sich der Gesuchsteller
eine Abschrift nehmen kann.
In h a 1tl ich betreffen die Reskripte, dem vielseitigen Charakter der
Eingaben entsprechend, ganz verschiedene Angelegenheiten, Fragen der
Justiz und der Verwaltung, Gesuche um Vergünstigungen usw. Für die
Rechtsfortbildung sind, vor allem seit Hadrian, die Bescheide des Kaiscrs
auf Gesuche um Rechtsgutachten besonders bedeutsam. Diese
Rechtsbescheide ersetzten nicht das künftige Urteil, weil sie sich nicht
über Tatsachenfragen, sondern nur über die Rechtsfrage äußerten. Sie
bewirkten aber, daß man den Richter unter der Voraussetzung, daß der
§ 34. Die kaiserliche Rechtsetzung 153

Gesuchsteller den Sachverhalt wahrheitsgemäß dargestellt hatte, als an


die Rechtsauffassung des Kaisers gebunden ansah. Auch die kaiserlichen
Reskripte in Red1tsfragen gelten, wie die Dekrete, allmählich als
gesetzesgleich und werden über den Streitfall hinaus, für den sie erbeten
wurden, auch in anderen gleichliegenden Prozessen als Quelle benutzt.
Die Funktion des Kaisers als Rechtsgutachter nahm vor allem im 3. Jh.
einen gewaltigen Umfang an und hat die Respondiertätigkeit der
Juristen allmählich zurückgedrängt. Da die Reskripte nach kaiserlicher
Vorberatung mit seinem consilium ergingen, waren die Juristen auch an
ihnen beteiligt; doch trat ihre Mitarbeit hier nicht sichtbar hervor, außer-
dem entschied hier letztlich nicht immer ihr Fachwissen, sondern der
Wille des Kaisers. An juristischem Gehalt stehen sie der frei schöpfe-
rischen Gutachtertätigkeit der Juristen im ganzen etwas nach. Gleichwohl
liegt bei den Reskripten im späteren Prinzipat, besonders seit- der
Fixierung des prätorisehen Edikts durch Hadrian, der Schwerpunkt der
Rechtsfortbildung auch auf den Gebieten, für die die ordentliche
Gerichtsbarkeit der Prätoren zuständig geblieben war.
E r h a 1t e n sind uns einige Kaiserreskri pte inschriftlich 3 , andere
wieder in den Pliniusbriefen, die weitaus größte Zahl der juristisch
bedeutungsvollen aber im Codex J ustinians, in den vorjustinianischen
Sammlungen (u. §51 IV, V) und in den Juristenschriften.
IV.l. Fassen wir unsere Eindrücke zusammen, so bildet das Kaiser-
recht trotz seiner Verstreutheit auf eine große Zahl einzelner, noch
nicht in einer autoritativen Sammlung zusammengefaßter Quellen ein
in sich geschlossenes Ganzes, das den älteren Rechtsschichten an die
Seite tritt. Obschon man es zunächst wohl zum ius honorarium und erst
später zum ius civile rechnet, wird es diesen älteren Massen gegenüber
immer stärker als eine selbständige Einheit empfunden. Seine Bedeutung
wächst mit der fortschreitenden Ausbreitung der kaiserlichen Funktion
auch im Bereich der Gerichtsbarkeit, besonders seit Hadrian. Indem die
alten Rechtsentstehungsquellen mit der Zeit absterben, zuerst die Volks-
gesetzgebung, dann die schöpferische Rechtsetzung des Senats und mit
der Fixierung seines Wortlauts auch das Edikt, verfallen diese Rechts-
schichten, die von der klassischen Jurisprudenz meisterhaft ineinander
verarbeitet worden waren, mehr und mehr der Erstarrung.
Wie in der jüngeren Republik das ius honorarium gegenüber dem
schwerfälligen und starren ius civile, so bedeutet die kaiserliche Recht-
setzung nunmehr gegenüber den überkommenen Schichten des

3 Eine Sammlung von Reskripten des Septimius Severus enthält der Papyrus
Columbia 123, hrsg. von W. L. Westerm an n und A. A. Schi 11 er unter dem Titel
,.Apokrimata" (1954); verbesserter Text von H. C. Y out i e und A. A. Schi 11 er
in Chronique d'Egypte 30 (1955) 327 ff.
154 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Volks- und Amtsrechts die neue, fortschrittliche Richtung, die zunächst


ergänzend neben die alten Quellen tritt, ohne an ihre Schranken
gebunden zu sein, und sie allmählidt zurückdrängt. So haben die Kaiser
im Privatrecht eine Reihe von Ansprüchen klagbar gemacht, die im
ordentlichen Verfahren nicht durchgesetzt werden konnten, und deren
Anerkennung einen schroffen Bruch mit dem traditionellen Recht
bedeutet. Hierher gehören die Ansprüche auf fideicommissa (formlose
Vermächtnisse, im Gegensatz zu den formgebundenen legata), auf
Honorare für Dienstleistungen von Angehörigen der oberen Stände
(entgegen gesellschaftlichen Vorurteilen), auf Unterhaltsleistungen unter
Verwandten in auf- und absteigender Linie (entgegen der patriarchali-
schen Ordnung der Familienverbände) und andere mehr. Die Kaiser
haben ferner die Mißbräuche der Hausgewalt des paterfamilias und des
Privateigentums, die in der Republik von der Sittengerichtsbarkeit der
Zensoren geahndet worden waren (o. § 8 IV 4), in der neuen Verfah-
rensart verfolgbar gemacht und damit eine Reihe bisher der Sitte zu-
gewiesener Verbote in das Recht rezipiert. Sodann haben sie Streitigkei-
ten, bei denen öffentliche Interessen mitspielen, an Stelle der zuständigen
Magistrate den kaiserlichen Beamten zugewiesen, z. B. bestimmte Miet-
streitigkeiten dem praefectus vigilum, Prozesse aus Seedarlehen für den
Getreidehandel dem praefectus annonae, ferner solche aus Forderungen
und Schulden des ~rars und des Fiskus dem praefectus aerarii und dem
praetor /iscalis (vgl. zu diesen Beamten o. § 25 I 3d, § 26 III 1). Von
den bedeutenden kaiserrechtlichen Erweiterungen im Bereich der Straf-
gerichtsbarkeit war schon die Rede (o. § 29 IV).
2. Die Gerichtsbarkeit, in der die angeführten Gegenstände des
Kaiserrechts geltend gemacht werden können, ist in Zivil- wie in Straf-
sachen eine außerordentliche (cognitio extra ordinem, extraordi-
naria cognitio ), die neben die ordentliche einerseits der Prätoren und
~dilen, andererseits der Strafschwurgerichte tritt (o. § 25 II 3). Diese
Gerichtsbarkeit steht dem Kaiser in seinem autonomen Bereich zu, der
sie nachgeordneten Stellen überträgt (delegiert), und zwar sowohl
republikanischen Magistraten, etwa den Konsuln oder besonderen
Prätoren (o. § 25 I 3b), wie kaiserlichen Beamten. Alle diese Amtsträger
setzen nicht Geschworene ein, sondern untersuchen und entscheiden
selbst. Zwar können vielfach auch sie sich durch Bestellung von Urteils-
richtern entlasten, doch sind dies dann untergebene Beamte oder
Offiziere (iudices pedanei, iudices dati), die an die Weisungen des
Vorgesetzten gebunden sind, und auf deren Auswahl die Parteien keinen
Einfluß haben. In manchen kaiserlichen Provinzen, wie in ~gypten,
wurde offenbar niemals mit Geschworenen prozessiert, sondern wurden
alle Prozesse vom Statthalter und seinen delegierten Beamten entschie-
S35. Die oströmischen Volksredtte. Vulgarrecht 155

den. Aber auch in den senatorischen und den übrigen kaiserlichen


Provinzen verfällt die Gerichtsbarkeit mit Geschworenen schon entweder
in der späten Republik oder unter dem Prinzipat. Man behält zwar die
Zweiteilung des Verfahrens bei, ersetzt aber auch hier den von den
Parteien gewählten Geschworenen durch einen vom Statthalter bestimm-
ten und von ihm abhängigen staatlichen Funktionär. Dieser degenerierte
Formularprozeß wird bis zum Ende der Prinzipatszeit überall dem
Kognitionsverfahren so stark angenähert, daß er schließlich mit diesem
verschmilzt. Gegen die Entscheidung aller delegierten Richter ist der
Rechtszug durch appellatio an den Delegierenden zulässig. In letzter
Instanz geht diese Berufung an den Kaiser (oder seinen Stellvertreter).

§ 35 Die oströmischen Volksrechte. Vulgarrecht


I. Die bisher besprochenen Rechtsschichten, ius civile, ius gentium, ius
honorarium und Kaiserrecht, sind sämtlich römisches Recht. Sie waren
vor den römischen Gerichten zumeist auch gegenüber Nichtbürgern
anwendbar; haben wir doch gesehen, daß seit alters und besonders seit
der Einsetzung des praetor peregrinus auch die Fremden vor römischen
Gerichten klagen und verklagt werden konnten, und daß sich das
römische ius gentium gerade in dieser Gerichtsbarkeit zwischen Bürgern
und Nichtbürgern und unter Peregrinen entwickelt hat (o. § 31). Nur
das ius civile war, soweit es nicht durch eine Erstreckung des commercium
oder conubium auch gewissen Nichtbürgern erschlossen worden war
(o. § 12 111 2), auf die Peregrinen unanwendbar.
Neben diesen Schichten römischen Rechts galten aber im römischen
Weltreich auch nichtrömische Rechte. Denn alle die Untertanen des
römischen Imperiums, denen die Römer nicht das römische Bürgerrecht
verliehen hatten, behielten ihr angestammtes Recht auch nach der
Unterwerfung unter die römische Herrschaft weiter. Indem die Römer
den untertänig gemachten Völkern ihre Autonomie und ihre Selbstver-
waltung beließen oder zurückgaben, verblieb diesen ihr eigenes Bürger-
recht und damit auch ihre eigene Rechtsordnung, die von ihren autono-
men Gerichten nach der römischen Unterwerfung im ganzen ebenso
gehandhabt wurde wie vorher. Auch den dediticii, den Bürgern der auf
Gnade und Ungnade unterworfenen feindlichen Gemeinden, die ur-
sprünglich das angestammte Bürgerrecht und damit die bisherige
Rechtsordnung vollständig verloren hatten (o. § 12 II), also von Rom
aus nur nach ius gentium beurteilt wurden, beließen die Römer jetzt das
angestammte Recht auf freien Widerruf. Behielten also die Peregrinen
in dieser Zeit ihr Recht, dann hatten nach dem Personalitätsprinzip
(o. § 31 I 2) auch die römischen Gerichtsorgane auf Streitparteien gleicher
156 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Welthemdtaft

nichtrömischer Nationalität ihr eigenes Recht anzuwenden. Inwieweit


sie sich daran gehalten oder einfach das römische ius gentium angewandt
haben, ist freilich nicht immer deutlich erkennbar.
II.l. Mit der fortschreitenden Ausbreitung des römischen Bürgerrechts
wurde die Geltung der römischen Rechtsordnung auf einen immer
größeren Personenkreis ausgedehnt. Als die constitutio Antoniniana
vermutlich alle freien Reichsuntertanen zu römischen Bürgern machte,
erwartet man, daß das römische Recht, dessen ius civile nun auch für
alle Neubürger galt, als die einzige gültige Rechtsordnung überall im
römischen Reich gleichförmig angewandt wurde und die einheimischen
Rechte der Provinzialen vollständig verdrängte. Die Quellenüberliefe-
rung belehrt uns jedoch, daß in den ö s t I ich e n Provinzen die ange-
stammten Rechte der dort lebenden Völker auch nach der Bürgerrechts-
verleihung noch lebhaft nachwirkten, und daß man das römische Recht
ihnen gegenüber bewußt nur in engen Grenzen durchgesetzt hat.
2. Wir kennen diese eigenartige Erscheinung hauptsächlich aus der
Provinz .1\.gypten, aus der uns unter den besonderen klimatischen Bedin-
gungen dieses Landes Zehntausende von Urkunden auf Papyrus-
blättern erhalten geblieben sind. Viele dieser Urkunden, die vom 5. Jh.
vor bis ins 14. Jh. n. Chr. reichen und in der uns angehenden Zeit
größtenteils in griechischer Sprache abgefaßt sind, enthalten Rechtsdenk-
mäler, mögen es Geschäftsurkunden aller Art, Klage- und andere Pro-
zeßschriften (Protokolle, Urteile u. a.), Eingaben an Behörden, amtliche
Bescheide usw. oder auch Privatbriefe mit rechtserheblichem Inhalt sein.
Vereinzelt sind uns auch Aufzeichnungen von Rechtsnormen, ja sogar
Stücke aus römischen Juristenschriften auf Papyrus erhalten. Im allge-
meinen unterrichtet uns dieses umfangreiche und vielseitige Quellen-
material aber nur über die praktische Seite des ägyptischen Rechtslebens.
Es ist das Verdienst von Ludwig Mitte i s, in seinem grundlegenden
Werk "Reichsrecht und Volksrecht in den östlichen Provinzen des
römischen Kaiserreichs" (1891) den Gegensatz zwischen dem für das
Gesamtreich bestimmten römischen Recht und den in den Provinzen
fortwirkenden einheimischen Rechten, die er "V o I k s rechte" nennt,
aufgedeckt zu haben. Mit seinem Werk hat er der Rechtsgeschichte der
Antike ein neues Untersuchungsgebiet erschlossen, die j ur ist i s c h e
P a p y r u s w i s s e n s c h a f t.
Die Durchforschung dieser Quellen hat ergeben, daß in .1\.gypten wie
in den anderen Ostprovinzen schon seit vorrömischer Zeit ein zwar mit
lokalen national-ägyptischen Elementen durchsetztes, aber in der
Hauptsache griechisch-hellenistisches (ngräko-ägyptisches") Recht ge-
golten hat. Obschon mit der const. Ant. die Untertanen der römischen
Reichsgewalt mit einem Schlag römische Bürger wurden, hat sich doch
§ 35. Die oströmisdten Volksrech.te. Vulgarrecht 157

in der praktischen Handhabung des Rechts nur wenig geändert. Zwar


war man sich der Unterstellung dieser Neubürger unter die römischen
Rechtsquellen, vor allem die Kaisergesetze, bewußt. Es lag aber nicht in
der Absicht der römischen Staatsgewalt, die Anwendung des römischen
Rechts allgemein durchzusetzen. Soweit mit der Selbstverwaltung die
lokale Gerichtsbarkeit bestehen blieb, lag es am nächsten, das bisherige
Recht dort weiter anzuwenden; dies um so mehr, als es für eine
Umstellung auf das römische ebenso am Bedürfnis wie an den tatsäch·
liehen Voraussetzungen fehlte. Einmal war der in der Hauptsache grie-
chisch sprechenden Bevölkerung .i\gyptens die lateinische Rechts-
sprach e unbekannt. So blieb das Griechische für den Rechtsverkehr
und vor allem auch vor Gericht unverändert herrschend. Zweitens war
diese Bevölkerung an ihre bisherigen Rechte seit alters gewöhnt. Diese
Rechte beruhten auf der hochstehenden kulturellen Grundlage des
Hellenismus und waren im Lauf der Zeit den Bedürfnissen des Landes
wirksam angepaßt worden. Die römischen Denkformen und Einrich-
tungen dagegen, die nur aus der Eigenart der römischen Rechtsentwick-
lung verständlich sind, waren von den östlichen Volksrechten in den
leitenden Prinzipien ebenso wie in nahezu allen Einzelheiten grund-
verschieden. Die Umstellung auf das römische Recht hätte daher die
Bevölkerung stark beunruhigt und die Wirtschaft empfindlich gestört,
ohne doch der römischen Gewalt einen nennenswerten Gewinn einzu-
bringen. Drittens fehlte es in der Provinz aber auch an den Möglich-
keiten, das römische Recht kennen zu 1er n e n. Die einheimischen
Gerichtsorgane waren seiner in aller Regel unkundig, weil es in dieser
Zeit einen schulmäßig organisierten Rechtsunterricht noch nicht gab.
Auch die berufsmäßigen Urkundenschreiber, die wegen der im hellenisti-
schen Bereich verbreiteten Schriftform eine bedeutende Rolle spielten,
hielten sich bei der Errichtung von Rechtsurkunden im wesentlichen an
ihre bisherigen Formulare. Seit dem Ende des 2. Jh. treten zwar in
Kgypten Rechtsberater auf, die sich "römische Juristen" (vof.U'X.OL
'PooJ.taio~) nennen und Urkunden nach römischem Recht errichten, doch
war ihre Kenntnis dieses Rechts offenbar begrenzt und ihr Einfluß
gering. Selbst die römischen Statthalter, denen Kenner des römischen
Rechts zur Seite standen, haben als Gerichtsherren über Provinziale dem
lokalen Recht weithin nachgegeben. So blieb die Romanisierung auf ein
paar 1\ußerlichkeiten (wie in der vielfach mißverständlichen Übernahme
der römischen stipulatio) und auf die Einführung einzelner römischer
Nonnen zwingenden Rechts beschränkt. Eine konstruktive Rechtferti-
gung - sofern man überhaupt nach einer solchen gesucht hat - wird
man nicht in der Vorstellung eines (römischen und einheimischen)
"Doppelbürgerrechts" der Neubürger gefunden haben, sondern am
158 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

ehesten in der Vorstellung, daß das Volksrecht als Ortsgewohnheit die


nachgiebigen Regeln des römischen ausschloß.
3. Die gleichen Erscheinungen wie in .i\gypten dürfen wir auch in den
übrigen Provinzen des hellenistischen Ostens vermuten. Daß auch
dort ein vom stadtrömischen stark abweichendes Recht angewandt
wurde, beweisen uns die Reskripte aus dem 3. Jh. und vor allem
Diokletians, die uns in großer Zahl hauptsächlich im Codex Justinians
überliefert sind. Sie enthalten Rechtsgutachten der Kaiser auf Anfragen
von Beamten oder Privaten aus vielen Provinzen und lassen aus der
dem Kaiser vorgelegten Fragestellung deutlich erkennen, daß die
Parteien immer noch von den Anschauungen ihrer hellenistisch bestimm-
ten Volksrechte ausgehen. Die Kaiser, vor allem auch Diokletian, sehen
sich darum genötigt, den Anfragenden den abweichenden Standpunkt
des römischen Rechts mit Nachdruck entgegenzuhalten. Die Rechtspflege
bei den autonomen Gerichten wurde mithin im gesamten Osten auch
nach 212 nicht viel anders gehandhabt als vorher.
Die fortlebenden hellenistischen Volksrechte haben in der nachklassi-
schen Zeit auch die reichsrechtlime Entwicklung beeinflußt, wenngleich
diese Einwirkung nicht übersmätzt werden darf. Näheres dazu
u. § 49 111 2.
111. Im Westen dagegen ließ sich eine Romanisierung des
Rechts eher planen und verwirklichen. Dort beruhen die vorrömischen
Rechte, die wir nicht näher kennen, auf keiner ebenso hohen kulturellen
Grundlage wie im Osten. Außerdem war der Westen durch eine inten-
sive römische Kolonisation schon seit längerer Zeit volksmäßig und
kulturell in das Römerturn eingegliedert worden. Damit war auch die
lateinische Sprache, die sich im Osten niemals die Vorherrschaft erobern
konnte, im Westen zur führenden Kultursprache geworden. Schließlich
ging dort die Ausbreitung des römischen Bürgerrechts im ganzen früher
und rascher vonstatten als im Osten.
Zwar hat die erfolgreiche Romanisierung des Westens die angestamm-
ten Volksrechte nahezu vollständig beseitigt; doch wurde dort das
römische Recht nur in der vergröberten und verwässerten Gestalt eines
V u 1garrechts angewandt. Die Quellen aus der provinzialen Praxis
zeigen uns die Herrschaft primitiver und laienhafter Vorstellungen vom
römischen Recht, zu erklären aus dem Fehlen einer fachgerechten
juristischen Schulung, die alle am praktischen Rechtsleben Beteiligten
erfaßt hätte. Hinzu kommt, daß bei der unentwickelten Rechtsstaatlich-
keit auch die Staatsgewalt nicht für eine gleichförmige Einhaltung des
hochentwickelten römischen Rechts in allen Teilen des Reichs bis hinaus
in die entlegenen Provinzen vorgesorgt hat. Hiernach müssen wir an-
nehmen, daß das volle Verständnis des römischen Rechts überhaupt auf
§ 36. Die Vorstufen der Jurisprudenz 159

die römische Hauptstadt als den Sitz der vorklassischen und klassischen
Rechtswissenschaft beschränkt war. Schon in Italien werden die Muni-
zipalmagistrate, denen keine wahrhaft rechtsgelehrten Juristen zur Seite
standen, nur ein etwas vergröbertes und durch lokales Brauchtum ver-
fälschtes römisches Recht angewandt haben. In den Provinzen aber war,
abgesehen von der Gerichtsbarkeit der Statthalter, der Abstand von der
stadtrömischen Handhabung noch größer. Wir wollen die Erscheinung
dieses Vulgarrechts, das zwar seiner Substanz nach römisches, seinem
Niveau nach aber ein gegenüber dem klassischen Recht entstelltes ist,
des näheren für die nachklassischen Perioden betrachten, in der es einen
Einfluß sogar auf die Gestaltung des offiziellen Reichsrechts gewonnen
hat (u. §53).

B. Die Rechtswissenschaft
§ 36 Die Vorstufen der Jurisprudenz
I. 1. Das juristische Fachwissen war bei den Römern wie bei anderen
Völkern in alter Zeit Besitz der Priesterschaft. Diepontifices waren
die kundigen und erfahrenen Männer der Gemeinde, die durch das
Wissen um alle Lebensbereiche, das in ihrem Stand vererbt wurde, eine
gehobene Autorität genossen. Sie allein kannten die Wege, auf denen
die Götter um ihre Meinung befragt und um ihren Beistand angerufen
werden konnten; und sie wußten, was man tun und was man lassen
mußte, um kein Unrecht gegen die Götter (nefas, o. § 13 I 1b) zu begehen.
Wer immer - auch in rein weltlichen Dingen - vor wichtigen Ent-
scheidungen stand, der suchte Rat bei einem Mitglied der Priesterschaft.
Unter den Gegenständen der priesterlichen Beratung nahmen- neben
dem Sakralbereich - die Rechtsfragen einen bedeutenden Raum ein.
Für die Frühzeit erklärt sich das aus der engen Sambeziehung zwischen
Recht und Religion. Obschon das ius die weltliche Ordnung war, die die
Beziehungen unter den Menschen regelt (o. § 13 I 1a), war es doch mit
der Sakralsphäre dadurch verbunden, daß sich das älteste Verfahren zur
Rechtsfindung im Streit um private Rechte sakraler Mittel bedient hat.
Wir dürfen vermuten, daß die beiden Streitparteien ihre einander wider-
streitenden Rechtsbehauptungen mit einem Eid (sacramentum) beschwo-
ren, wobei sich dann der Unterliegende von der Gottesrache, die ihm
wegen des Meineids drohte, durch ein Sühnopfer an den Tempelschatz
befreien mußte (o. § 13 I 3). Daneben war von vereinzelten anderen
Beziehungen zwischen dem Privatrecht und der Sakralsphäre bereits die
Rede (o. § 13 III). Auch für die öffentliche Strafgerichtsbarkeit fehlte es
nicht an Zusammenhängen mit dem Sakralbereich (o. § 29 III 1).
160 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

2. Folgt hiernach das Interesse der Priesterschaft an den Fragen des


Rechts aus der Sachverbindung mit ihrem eigentlichen Aufgabengebiet,
so bleibt aber auch nach der allmählichen VerweIt 1ich u n g des Rechts
und seiner Findung das Wissen um das Recht zunächst den Priestern
vorbehalten. Dies gilt namentlich vom Privatrecht, obschon es be-
reits zur XII-Tafelzeit rein weltliche Prozeßarten (ohne sacramentum)
gibt und bei Einrichtungen wie dem sacramentum und der sponsio die
religiöse Beziehung verloren geht. Wie seit alters, pflegen die Priester
neben dem Sakralwesen die juristische Sachkunde als einen besonderen
Zweig ihres Berufs. Wer für ein Rechtsgeschäft oder für einen Streit um
ein Privatrecht Rat sucht, der wendet sich an die pontifices als die sach-
verständigen Kenner des Rechts und empfängt von ihnen ein Gut-
achten ( responsum), das ihm vor allem die anzuwendende Geschäfts-
oder Klagformel nennt.
Diese FormeIn, genau festgelegte Wortfolgen, zu deren Ausspruch
zuweilen noch rituelle Handlungen, besonders Berührungen mit dem
Stab oder mit der Hand, hinzutreten, haben die Priester in langer
Erfahrung für das Rechtsleben ebenso entwickelt wie im engeren Sakral-
bereich für die Opfer und Gebete. Hier wie dort haben die förmlichen
Worte die bezweckte sakrale Wirkung gegenüber den Göttern oder die
juristische gegenüber dem Gegner nur dann, wenn sie richtig gewählt
sind und genau eingehalten werden. Daß die Verbindung der rechtlichen
mit den sakralen Aufgaben in der Person der Priester auch auf die
Gestaltung des Rechts abfärben mußte, liegt auf der Hand und äußert
sich besonders in dem eigentümlich strengen Formalismus der römischen
Privatrechtsordnung, die sich durch ihre Vorliebe für die Spruchformen
etwa von der im griechischen Kulturkreis bevorzugten Schriftform
deutlich abhebt.
Die Wortformeln werden anfangs nur für den Einzelfall geschaffen;
mit der Zeit aber bildet man für gleichartige Geschäfte und Prozeß-
handlungen gleichartige Formeln, aus denen sich dann die Musterformel,
das (mündliche) Form u I a r (Blankett), entwickelt. Der Schatz dieser
Formulare bleibt zunächst ein sorgsam gehüteter Geheimbesitz der
Priester. Sie sammeln die erteilten Gutachten und Formulare neben den
Ritualvorschriften in ihrem Archiv, das nur ihren Mitgliedern zugänglich
ist, und bewahren damit das Wissen um das Recht in ihrem Kreis. Aus
diesem geistigen Sonderbesitz und seiner Handhabung schöpfen die
Priester und der Patriziat, aus dem sie hervorgehen, eine bedeutende
soziale und politische Macht.
Aber nicht nur die privaten Parteien bedürfen des fachkundigen Rates
der Priester; auch die Gerichtsmagistrate und die Geschworenen, die in
aller Regel der Rechtskunde nicht teilhaftig sind, hängen von der prie-
§ 36. Die Vorstufen der Jurisprudenz 161

sterliehen Rechtsauskunfi ab. Nur der rechtskundige pontifex kann


beurteilen, ob die Parteien die richtigen Gesc:häfu- und Prozeßformeln
gebraucht haben, und welche Folgerungen die Organe der Rechtspflege
daraus ziehen sollen. Der Priester ist damit auch der fachkundige Berater
der Gerichtsorgane, er nimmt an ihren Terminen teil und steht
ihnen mit seinem Fachwissen bei. Seine Rechtsauskünfie an die Prätoren
sind für diese ebenso unentbehrlich wie die sakrale Beratung für die
Konsuln und anderen Staatsmänner, denen er kundtut, ob die Götter
einen geplanten Staatsakt billigen, und die Formeln vorspricht (verbis
praeire ), die der Konsul für ein darzubringendes Opfer oder Gebet
nachzusprechen hat.
Die gesd:ülderte Rolle der Priester im Rechtsleben macht ersichtlich,
daß sie zwar nicht das Recht selbst schaffen, das die Römer als eine den
Menschen von vornherein mitgegebene Ordnung verstehen, wohl aber
die Einrichtungen für den Rechtsverkehr und Rechtsschutz gestalten.
Dabei waren sie jedoch an der Gerichtsbarkeit selbst, wenn man vom
König absieht, bei dem wohl Gerichtsgewalt und Priesterwissen vereinigt
waren (o. § 6 I 3c), offenbar seit alters nur als Gutachter beteiligt.
li. War die Rechtskenntnis nach alldem zunächst der Priestersc:hafi
vorbehalten, so drängt doch die allgemeine Entwicklung dahin, die
Rechtskunde auch (nic:htpriesterlic:hen) Laien zugänglich zu machen.
Diese Entwicklung beruht nicht bloß auf der erwähnten Verweltlichung
des Rechts und seines Verfahrens, sondern hat vor allem politische und
soziale Gründe. In der frühen Republik verlangte die Plebs nach Ver-
lautbarung und Festlegung des Rechts zur Sicherheit gegen die Willkür
der patrizischen Geric:htsmagistrate. Dieser Forderung kam die XII-
Tafelgesetzgebung nach, die freilich nur die Rechtssätze selbst öffentlich
verkündete, den Priestern aber das alleinige Wissen um die Gesc:häfis-
und Klagformeln beließ. Damit verblieb die beratende Funktion, die sich
jetzt auch auf die Auslegung des XII-Tafelgesetzes erstreckte, in ihrer
Hand. Von den Leistungen der Priestersc:hafi zur Fortbildung des
XII-Tafelrechts durch seine interpretatio war schon die Rede (o. § 30
III 2c).
Das priesterliche Monopol der Rechtsberatung wird vielmehr dadurch
hinfällig geworden sein, daß in der patrizisch-plebejischen Oberschicht
nunmehr weltliche Kreise, die der Priesterschafi an Bildung und Ansehen
nicht nachstanden, ein Interesse für dieses Wissensgebiet betätigten und
nach der mit seiner Handhabung verbundenen sozialen Macht strebten.
Nach der Oberlieferung soll um 300 v. Chr. Cn. Flavius, der Schreiber
des Zensors Appius Claudius, den Priestern das sorgfältig gehütete
Geheimnis dieser Formeln entrissen und sie veröffentlicht haben (ius
Flavianum). Obschon in dieser Zeit eine bewußte Geheimhaltung der
11 6760 Kaser, Römische RechtsgeS<hichte
162 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Formeln, die die Priester in ihren Gutachten ja ständig kundgaben, wenig


glaubwürdig ist, wird doch die Veröffentlichung der ersten Formel-
sammlung ungefähr in diese Zeit gehören. Bald darauf soll der erste
plebejische pontifex maximus Tiberius Coruncanius als erster öffentlich
Rechtsunterweisung abgehalten, also wohl auch die Regeln, nach denen
die Formeln gebildet und gehandhabt werden, vor nichtpriesterlichen
Zuhörern erläutert haben. Damit war die Rechtskunde, deren Methoden
die Priesterschaft erarbeitet hatte, jedermann zugänglich geworden.
Das Ende des priesterlichen Monopols der Rechtskenntnis bedeutet
jedoch keinen tieferen Bruch in der Entwicklung. Denn einmal haben die
Priester ihre Rechtsberatung nachher in gleicher Weise fortgesetzt. Zum
anderen gehörten die weltlichen Juristen zunächst der gleichen sozialen
Schicht an wie jene. Wie die Priesterstellen als Hort der konservativen
Gesinnung nur aus der Nobilität besetzt wurden, so wurde auch die
Rechtskunde nur von Angehörigen dieses obersten Standes gepflegt, auf
den die politische Führung ebenso wie die geistige Bildung vorerst be-
schränkt blieb. Die Pflege des Wissens vom Recht galt als adelige
Liebhaberei, die Rechtsberatung wurde nach wie vor nicht als Brot-
erwerb, sondern unentgeltlich ausgeübt und stärkte den Einfluß des
Amtsadels über die breiteren Volksschichten.
111. Auch die Tätigkeiten der Laienjuristen sind zunächst im
wesentlichen die gleichen, die schon die pontifices ausgeübt hatten; sie
werden aber in den weltlichen Kreisen fortentwickelt und erweitert.
1. Nach wie vor obliegt ihnen die Aufstellung und Weiterbildung der
für das Rechtsleben unentbehrlichen Klag- und Geschäftsforme In. Da
die Auslegung des ius civile wie bei den Gesetzen so auch bei den Rechts-
geschäften und formalen Prozeßerklärungen anfangs streng an den
Wortlaut gebunden ist, kommt es entscheidend auf den Gebrauch der
richtigen Formel für den beabsichtigten Zweck an. Nach den Vertrags-
urkunden ( cautiones) und Vertragsbestimmungen ( cautelae) wird dieser
älteste Zweig der römischen Rechtswissenschaft "Kautelarjurisprudenz"
genannt.
2. Die Aufstellung der Formeln gehört zu der umfassenderen Tätig-
keit, die von Anfang an die Hauptaufgabe der Juristen war und auch
in Zukunft diejenige bleibt, durch die sie am stärksten und unmittelbar-
sten auf die Rechtsentwicklung einzuwirken vermochten, der Rechts-
b er a tun g. Sie kommt nach wie vor ebenso den Gerichtsmagistraten und
den Geschworenen zugute, in deren c o n s i l i um die Juristen als ständige
Ratgeber mitwirken (o. § 33 Il), wie den rechtsuchenden Parteien, denen
sie ihre Gutachten ( responsa) erteilen.
Die Beratung der Gerichts funktionäre, besonders der Prätoren,
setzte die Juristen in die Lage, ihre verdienstvollsten schöpferischen
§ 36. Die Vorstufen der Jurisprudenz 163

Leistungen zu vollbringen: die auslegende Fortbildung des ius civile, die


Gestaltung des ius gentium und die für den Fortschritt des Rechtslebens
vor allem wichtige Formung des ius honorarium. Indem die Juristen
die ungeschriebenen Sätze des ius gentium und die zahlreichen neuen
Rechtsmittel des ius honorarium aus eigener Kraft erfunden und die
Prätoren und 1\dilen von der Notwendigkeit und Richtigkeit ihrer Ein-
führung und Beibehaltung überzeugt haben, sind sie die wahren Schöpfer
dieser neuen Rechtsschichten, auf denen zu einem bedeutenden Teil die
Größe des römischen Rechts beruht.
Zugunstender Parteien besteht die Respondiertätigkeit der Juristen
zunächst noch in der Benennung der Formeln, deren sie für ihre Prozesse
und Rechtsgeschäfte bedürfen. Im Formularverfahren (o. § 32 III 2),
das im Zivilprozeß der jüngeren Republik alsbald die Vorherrschaft
gewinnt, sind es die von den Juristen beratenen Parteien, die dem Prätor
die Streitformel vorschlagen und mit ihm über ihre Fassung verhandeln.
Aber auch in allen sonstigen Rechtsfragen, mögen sie sich auf die förm-
lichen oder formfreien Rechtsgeschäfte oder auf Prozesse beziehen, holen
die Rechtsuchenden die Gutachten der Juristen ein. Vereinzelt treten die
Juristen nun auch im Prozeß als Anwälte der Parteien (advocati) auf.
In engem Zusammenhang mit der Gutachterpraxis stehen die Anfänge
eines Rechtsunterricht s. Hatten die Priester ihren rechtskundigen
Nachwuchs noch in ihrem geschlossenen Kreis herangebildet, so unter-
weisen die weltlichen Juristen ihre Schüler (auditores) in der Öffentlich-
keit. Sie lassen sie an allen Zweigen ihrer Praxis teilnehmen und erörtern
mit ihnen oder bisweilen in ihrer Gegenwart mit anderen Juristen aus-
führlich die zu begutachtenden Fälle ( disputatio /ori). Der römischen
Gastlichkeit gemäß nehmen sie ihre Schüler gelegentlich in ihre häusliche
Gemeinschaft auf. Wie die Betrachtung des Rechts überhaupt, so geht
auch dieser Unterricht, der noch einen rein privaten Charakter hat, vom
Einzelfall aus und entbehrt der Systematik. Den auf anderen Gebieten
eingeführten hellenistischen Schulbetrieb haben die Juristen dieser Zeit
noch nicht übernommen.
4. Aus der Wirksamkeit der profanen (nichtpriesterlichen) Kautelar-
und Respondierjuristen gehen schließlich die Anfänge einer Rechts-
1i t er a tu r hervor. Sie wird zunächst noch ausschließlich durch praktische
Zwecke bestimmt und beschränkt sich auf bloße Sam m 1u n g e n, sei es
der Geschäfts- und Klagformeln, sei es der erteilten Responsen. Zu jenen
gehören außer dem erwähnten ius Flavianum, mit dem das juristische
Schrifttum beginnt, das ius Aelianum des Sex. A e 1i u s Pa e tu s Ca tu s
(Konsul 198) und die venalium vendendorum Leges (Kaufformeln) des
M'. Manili us (Konsul 149). Sex. Aelius hat außerdem ein Werk
tripertita verfaßt, das den XII-Tafeltext, seine interpretatio und die
164 li. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

dazugehörigen Formeln enthielt; doch wissen wir von diesem Werk


nichts Näheres, auch nicht, wie es sich zu dem erwähnten ius Aelianum
verhält.

§ 37 Die vorklassische Rechtswissenschaft


I. 1. Wir haben die Redttskunde derpontificesund der ersten Laien-
juristen noch nicht als Wissenschaft bezeichnet. Zum Wesen einer
solchen gehört die Entwicklung inhaltlich genau bestimmter und vonein-
ander abgegrenzter juristischer Begriffe und ihre Ordnung und Ab-
stimmung aufeinander in einem von der Sachlogik bestimmten System.
An dieser theoretischen Verarbeitung des Rechtsstoffes hat es aber auf
den bisherigen Stufen, so zweckgerecht und lebensnah das Redtt dieser
Zeitalter war, noch gefehlt. Das ändert sich erst, seitdem sich von der
Mitte des 2. Jh. v. Chr. an das juristische Denken der Römer mit der
griechischen Philosophie begegnet. Es empfängt von ihr eine
schöpferische Befruchtung, die zum erstenmal in der abendländischen
Geschichte eine wissenschaftliche Betrachtung des Rechts hervorbringt
und zugleich die Bedingungen schafft, unter denen sich die Hochblüte des
klassischen Rechts entwickeln konnte.
2. Die Anfänge einer juristischen Abstraktion, also die Erfassung
der gemeinsamen Merkmale aus einer Mehrheit gleichartiger Lebens-
tatbestände, reichen gewiß schon weit zurück; enthalten doch bereits die
sog. Leges regiae (o. § 14 II 2) und die XII Tafeln allgemeine Formu-
lierungen, mögen sie auch durch Bildung engbegrenzter Tatbestände noch
eine geringe Reife des juristischen Denkens zeigen . .i\hnliche kurzgefaßte
und der Praxis dienende Regeln hat auch die Jurisprudenz des 2. Jh.
hervorgebracht; als älteste datierbare wohl die regula Catoniana (über
Beurteilung der Gültigkeit des Legats nach dem Zeitpunkt der Testa-
mentserrichtung), die auf den jüngeren M. Porcius Cato (gest. 152)
zurückgeht. Andere von den Juristen dieser Zeit formulierte Rechtsregeln
sind etwa, ".nemo sibi ipse causam possessionis mutare potest"'; ".nemo
pro parte testatus, pro parte intestatus decedere potest". Die Späteren
behandeln diese Schöpfungen der "Regularjurisprudenz" dann als fest-
stehende Rechtssätze, nicht anders als wären sie gesetzlich verkündet.
Einen Einfluß philosophischer Denkkunst zeigt die Schöpfung dieser Re-
geln noch nicht.
3. Unter der Einwirkung der griechischen Denklehre gehen jedoch die
Juristen dieser Zeit darüber hinaus. Sie beginnen jetzt, die Einzel-
tatbestände schärfer als bisher begriff I ich zu gliedern, sie fassen das
Gemeinsame zusammen und grenzen es vom Ungleichartigen ab. Die
damit gewonnenen Begriffe setzen sie zueinander ins Verhältnis, indem
§ 37. Die vorklassische Rechtswissenschaft 165

sie Oberbegriffe bilden und die engeren Begriffe in diese einordnen. Den
allgemeinen Gattungen (genera) treten ihre einzelnen Erscheinungs-
formen (species) gegenüber. So gliedert man die Allgemeinbegriffe des
Diebstahls (/urtum), der Vormundschaft (tutela), des Besitzes (possessio)
in ihre Unterarten; und man scheidet die Schuldverhältnisse (obligatio-
nes) in solche ex contractu und ex delicto, die der ersten Gruppe weiter
in die Real-, Verbal-, Litteral- und Konsensualkontrakte. Diese Begriffs-
bildung und Begriffsordnung mittels Unterscheidung ( di/ferentia,
8tor.(peatc;) und namentlich durch Analyse und Synthese bedeutet die
Anwendung der d i a I e k t i s c h e n Methode, die von den Griechen ent-
wickelt worden ist. Sie ermöglicht es, das juristisch Wesentliche klar
vom Unwesentlichen zu trennen.
Dieser griechische Einfluß geht freilich nicht von einer griechischen
Rechtswissenschaft aus; denn die Griechen jener Zeit haben ihre
Dialektik noch nicht planmäßig auf den juristischen Stoff angewandt,
also noch keine Rechtswissenschaft hervorgebracht, die der römischen
unmittelbar als Vorbild hätte dienen können. Auch die erwähnte, seltene
Herübernahme konkreter Rechtseinrichtungen aus dem hellenistischen
Kulturkreis (o. § 31 I 2c) hat mit der Fortbildung des juristischen
Denkens in Rom nichts zu tun. Es geht bei dieser vielmehr um die Denk-
methode als solche, die von den Griechen zur geistigen Durchdringung
aller Wissensgebiete entwickelt worden ist. Den Römern kommt das
Verdienst zu, sie als erstes abendländisches Kulturvolk auch auf den
Rechtsstoff angewandt und damit eine erste Rechtswissenschaft
hervorgebracht zu haben, von der sich noch unsere heutige herleitet.
4. In der Verwertung der dialektischen Methode haben die Römer
jedoch eine heilsame ZurückhaItun g geübt. Sie wenden das begriff-
liche Denken nur insoweit an, als es ihnen zur Verarbeitung der recht-
lichen Einrichtungen und Regeln für die Bedürfnisse der Praxis nützlich
erscheint. Es dient ihnen aber bis zum Ende der Klassik im ganzen nicht
zu bloßer Erkenntnis um der Erkenntnis willen. Eine Theorie des Rechts
und seiner Allgemeinbegriffe haben sie nicht geschaffen, ja schon die
bloße Definition der Begriffe, die zum Rüstzeug der Dialektik gehört,
weithin gemieden. Die erwähnte Aufstellung von Allgemeinbegriffen
und ihre Einteilung in Unterarten blieb auf wenige Erscheinungen
beschränkt. Eine Durchgliederung des gesamten Stoffes in ein begriffs-
logisches Gebäude, in dem jede Einrichtung und jede Regel ihren not-
wendigen Standort hat, liegt der römischen Denkart fern. Herrschend
bleibt vielmehr nach wie vor das "assoziative" Denken (o. § 15
III a. E.): Man geht vom Einzelfall aus und läßt sich auf der Suche nach
der Entscheidung von der Betrachtung benachbarter oder gegensätzlicher
Fälle leiten. Auch die Anordnung größerer Stoffmassen in der Literatur
166 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

folgt keiner sachbestimmten Systematik, sondern der Assoziation, die


sich von einem Gegenstand zum anderen führen läßt. Hierauf und auf
die Topik als Denkmethode der römischen Juristen ist noch zurüdtzu-
kommen (u. § 38 II 3b).
Zeigt schon der Umgang mit dem positiven Rechtsstoff die Zurück-
haltung der römischen Juristen gegenüber der Theorie, so haben sie sich
von einer eigenen Staatstheorie, von der juristischen Methodenlehre als
solcher und von der Soziologie erst recht ferngehalten. Man mag in ihrer
Abneigung gegen alles theoretische Denken vom Standpunkt unserer
modernen Methodik aus, die die juristische Theorie auf andersartigen
Grundlagen zu hoher Vollkommenheit entwidtelt und ihrerseits wieder
der Praxis nutzbar gemacht hat, eine Schwäche sehen. Den Römern aber
hielt der Abstand, den sie vom theoretischen Denken beobachten, den
Weg offen, um im klassischen Zeitalter ihr Recht zu einem Meisterwerk
der praktischen Rechtskunst fortzubilden. Sie blieben damit zugleich
vor den Gefahren unfruchtbaren Spekulierens bewahrt, denen die nach-
klassische Doktrin teilweise erlegen ist.
II. Der Einfluß dieser neuen Methode auf die Jurisprudenz äußert
sich in einer verstärkten 1i t er arischen Tätigkeit, die den ganzen
Rechtsstoff in einer, wenn auch noch sehr lockeren Ordnung darzustellen
beginnt. Doch setzt dieses Schrifttum sehr zögernd ein; noch manche
große Juristen dieser Zeit haben nichts veröffentlicht. Die ersten Schrift-
werke der neuen Art treten neben die vorhin erwähnten bloßen Samm-
lungen. M. I uni u s Brut u s (Prätor 142) wählt für seine drei Bücher
de civili iure die griechische Form des Dialogs mit seinem Sohn. Neben
ihm und M'. Manilius (o. § 36 III 4) wird P. Mucius Scaevola
(Kons. 133) als Begründer des Zivilrechts genannt. Von den gleichzeiti-
gen Juristen Q. Aelius Tubero, Q. Mucius Scaevola ("der
Augur") und P. Rutilius Rufus (Kons. 105) erfahren wir, daß der
stoische Philosoph Panaitios aus Rhodos auf sie gewirkt hat, doch sind
wir über ihre Werke nicht näher unterrichtet.
Der bedeutendste Jurist der vorklassischen Zeit, dessen Schaffen noch
Jahrhunderte nachwirkt, ist der jüngere Q. Muci us Scaevola ("der
Pontifex", Kons. 95, Sohn des erwähnten Q. Mucius Scaevola), Ab-
kömmling einer hochangesehenen Priester- und Juristenfamilie. Von ihm
wird berichtet, er habe als erster das Recht nach Kategorien (generatim)
dargestellt, d. h. aber nur, auf einzelne Begriffe die Unterscheidung von
genera und species angewandt. Er hat das ius civile (im Sinn des
gesamten Privatrechts und Zivilprozeßrechts, o. § 30 III 3c) in 18 Bü-
chern dargestellt; dieses Werk wurde noch im 2. Jh. n. Chr. von dem
Hochklassiker Pomponius kommentiert. Das "System", das er befolgt,
erweist sich freilich auch nur als eine lose, von einem Gegenstand zum
§ 37. Die vorklassische Rechtswissenschaft 167

anderen fortschreitende Aneinanderreihung. Auf Scaevola geht ferner


die cautio Muciana (Rückgabeversprechen bei Zuwiderhandlung gegen
die negative Potestativbedingung) und die sog. praesumptio Muciana
(Vermutung, daß Vermögen in der Hand der Frau vom Mann herrührt)
zurück; mit jener bereichert er die Kautelar-, mit dieser die Regular-
jurisprudenz. - Von seinen Schülern hat sich C. A q u i 1i u s Ga ll u s
(Prätor 66) als Kautelarjurist durch die Schöpfung der Formel für die
(prätorische) actio de dolo (das Vorbild für § 826 BGB, o. § 33 III 2b)
und für die stipulatio Aquiliana (eine Zusammenfassung mehrerer Schul-
den zwischen denselben Personen in einem Neuerungsvertrag zum Zweck
einer Abrechnung und Generalquittung) verdient gemacht.
In der auf Scaevola folgenden Generation gilt Se r v i u s S u I p i c i u s
Ruf u s (Kons. 51) als der führende Kopf. Er hat die dialektische
Methode fortgeführt, so daß ihn sein Freund Cicero etwas übertreibend
geradezu den Begründer der juristischen Dialektik nennen konnte. Ferner
hat er als erster einen (uns verlorenen) kurzen Kommentar zum prä-
torisehen Edikt verfaßt. Er war als vielseitiger und angesehener Re-
spondierjurist und als erfolgreicher Lehrer tätig, dessen zahlreiche Schüler
bis in die Zeit des Augustus wirkten. Zu ihnen gehören A. Ca s c e ll i u s,
Schöpfer des iudicium Cascellianum (restitutorisches Nachverfahren bei
prohibitorischen Interdikten); C. Trebatius Testa, Rechtsberater
Caesars und des Augustus; P. Alfenus Varus (Kons. 39), Verfasser
eines Digestenwerks; A. 0 f i 1i u s, stand Caesar nahe und kommen-
tierte das Edikt. Sein Schüler war Q. Aelius Tubero d. J., Jurist und
Geschiehtschreiber. Auf i d i u s Na m u s a faßt die Schriften der Servius-
schüler zusammen. Größere Stücke aus den Schriften der Vorklassiker
besitzen wir nur von Alfenus.
Blicken wir auf diese Juristenpersönlichkeiten zurück, so finden wir
sie zu Anfang noch als Angehörige der Nobilität und Inhaber der
höchsten Staatsämter. Im Lauf des 1. Jh. v. Chr. wird dagegen der
Senatsadel als die Schicht, die den Juristenstand trägt, von der Ritter-
schaft abgelöst, die schon seit den Gracchen den nobiles die politische
Führung streitig macht. Mit dem Übergang auf die Kapitalistenklasse,
der sich auch führende Familien aus den italischen Landstädten außer-
halb Roms anschließen, wird die Verbindung des juristischen Fachwissens
mit den Staatsämtern und der großen Politik gelöst. Zugleich stirbt die
pontifikale Pflege der Rechtswissenschaft endgültig ab.
III. Eine Einbuße ihres Ansehens und Einflusses droht der Jurispru-
denz dieser Zeit von der griechisch geschulten Rhetorik. Die Meister
der Redekunst, die bei der damaligen Vorliebe für alles Griechische in
weiten Kreisen starken Anklang fanden, traten mit den Juristen in
Wettbewerb, indem auch sie vor Gericht die Interessen ihrer Streitpartei
168 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

zu fördern suchten, aber nicht mit sachlich-juristischen, sondern mit


psychologischen Mitteln. Oft nur mit elementaren Rechtskenntnissen aus-
gerüstet, sind sie bemüht, entweder durch überspitzte Logik oder durch
Bagatellisierung des juristischen Problems in wohlklingender Rede für
ihre Partei Stimmung zu machen und den Prozeßausgang zu ihren
Gunsten zu beeinflussen; gleichgültig ob damit die feststehenden Grund-
sätze des geschriebenen und ungeschriebenen Rechts preisgegeben werden.
Beispiele solcher Prozeßrhetorik, bei der die rechtlichen Gesichtspunkte
nicht selten hinter dem wirkungsvollen Eindruck auf die Zuhörer zurück-
treten, liefern uns in meisterhafter Form die Prozeßreden Ciceros, die
sich freilich durch seine gründliche philosophische Bildung und sein
künstlerisches Stilgefühl hoch über den Durchschnitt der rhetorischen
Leistungen dieser Zeit erhoben haben werden.
Der Einfluß der Gerichtsredner gefährdete den Stand und die Arbeit
der Juristen nicht nur dadurch, daß sie deren Tun als handwerklich,
engstirnig und rückständig mißachteten und herabwürdigten. Er be-
drohte zugleich das allgemeine Rechtsbewußtsein; denn an die Stelle der
gefestigten Grundsätze und Regeln des Rechts setzen die Redner einen
dehnbaren und unbestimmten Begriff der Billigkeit, der sich jeweils nach
Gutdünken verwenden läßt. In seiner Handhabung fühlen sie sich zu-
weilen nicht durch Gewissenszweifel darin behindert, Unrecht für Recht
auszugeben, wenn es ihrer Streitpartei nützen kann.
Indessen zeigt sich, daß die Jurisprudenz dieser Zeit stark genug war,
um diese Gefahren zu bestehen. Die Juristen, wenigstens die führenden,
traten, obschon die Elemente der Redekunst damals zur höheren Schul-
bildung gehörten, offenbar nicht selbst mit den berufsmäßigen Rednern
in rhetorischen Wettstreit, sondern stützten sich auf ihre Sachkunde, die
ihnen die Überlegenheit über die Redner sicherte. Das römische Rechts-
bewußtsein dieser Zeit, das fest im römischen Volkscharakter verwurzelt
war, erwies sich als gesund und widerstandsfähig genug, um sich von den
falschen Künsten der Rhetorik nicht blenden zu lassen. In der prozes-
sualen Praxis wahrte die Jurisprudenz ihr Ansehen, indem die Rechts-
beratung bei den advocati lag, die entweder selbst rechtskundig waren
oder von den Juristen beraten wurden. Die Aufgabe der rhetorisch
geschulten oratores oder patroni war davon getrennt.
Im Ergebnis hat die Begegnung mit der Rhetorik die Jurisprudenz
nicht geschwächt, sondern eher gefördert. Die Juristen ließen sich von
den Rhetoren dazu anregen, die teilweise noch starren Auslegungsprin-
zipien, die sie für das alte ius civile entwickelt hatten, zu lockern. In
einem berühmten Erbschaftsstreit nach dem Tod des M'. Curius
(93 v. Chr.), der causa Curiana, tritt der große Jurist Q. Mucius
Scaevola noch für die Auslegung des Testaments nach dem allgemeinen,
§ 37. Die vorklassisc:he Rechtswissensc:haft 169

typischen Sinngehalt der georauchten Worte ein, der Redner dagegen für
die nach der speziellen Sinngebung und Willensmeinung des Erblassers.
Damals siegte der fortschrittlichere Standpunkt des Redners. In der
Prinzipatszeit aber setzte sich in der gleichen Rechtsfrage die freiere
Auffassung auch bei den Juristen durch.
Im ganzen bleibt gleichwohl der Einfluß der Rhetorik auf die Sub-
stanz des Rechts gering. Nur in vereinzelten Fragen läßt sich ein Zu-
sammenhang der rechtlichen Begriffsbildung mit der rhetorischen nach-
weisen. Die Denkform wie der Ausdrucksstil der Juristen waren schon
in der vorklassischen Zeit stark genug gefestigt, um einer Ablenkung
durch die Begriffswelt der Rhetorik zu widerstehen.
IV. Fassen wir die Leistung der vorklassischen Jurisprudenz zusam-
men, so haben wir sie trotz der spärlichen auf uns gekommenen Über-
lieferung nicht zu unterschätzen. Zwar werden wir über die Persönlich-
keiten der vorklassischen Juristen, abgesehen von verstreuten Außerungen
in der nichtjuristischen Literatur, hauptsächlich nur durch eine allzu
kurze, bisweilen entstellte Abhandlung unterrichtet, die der Hochklas-
siker Pomponius über die Geschichte der römischen Rechtswissenschaft
unter dem Titel enchiridium verfaßt hat (u. § 42 111 1), und von der
uns ein Stück in den Digesten Justinians (1, 2, 2) aufbewahrt ist. Schon
die späteren Klassiker scheinen von ihren großen Vorläufern keine
vollkommene Anschauung mehr gehabt zu haben und fassen sie häufig
einfach als veteres zusammen. Aus ihren Werken besitzen wir zwar
unmittelbar nur wenige Fragmente, aber immerhin zahlreiche Zitate bei
den Klassikern, vor allem wieder in den Digesten.
Im ganzen waren die vorklassischen Juristen den klassischen an schöp-
ferischer Kraft, wenn auch noch nicht an Feinheit des juristischen Dcn-
kens überlegen; gehen doch die Grundlagen für die Substanz wie für
die Methode des klassischen Rechts auf jene zurück. Für die Substanz,
weil sie vornehmlich die geistigen Urheber aller fortschrittlichen und
vielfach noch bis in die Gegenwart nachwirkenden Errungenschaften des
ius gentium und ius honorarium sind, die den selbständigen Inhalt des
prätorisehen Edikts bilden. Für die Methode, weil erst mit ihnen die
wissenschaftliche Art der Rechtsbetrachtung anhebt. Ihr Verdienst sind
vor allem: a) die Loslösung des Rechts von den starren Schranken des
altrömischen Form a I i s m u s, namentlich durch die gründliche Durch-
bildung der formfreien und die freiere Auslegung der auch jetzt noch
formgebundenen Geschäfte; b) die Formung und Handhabung der
Rechtsmittel nach dem Leitgedanken einer maßvollen und gerechten
Billigkeit (aequitas), die freilich nicht mit der schrankenlosen und die
Rechtsbegriffe aufweichenden Billigkeitsvorstellung der Rhetoren zu
verwechseln ist; schließlich c) die Ausdeutung der bona fides als Grund-
170 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Iage und Maßstab für den Inhalt der wichtigsten Schuldverhältnisse des
täglichen Lebens, vor allem des Kaufs, der Miete, der Gesellschaft und
der Geschäftsführungen. Die vorklassischen Juristen haben das Material
geschaffen oder verbessert, das die Klassiker dann zu höchster Voll-
endung fortgebildet haben.

§ 38 Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz


I. Unter dem Prinzipat erreicht die römische Rechtswissenschaft ihren
höchsten Stand. Diese Blütezeit beginnt, als Augustus nach den Wirren
der ausgehenden Republik einen politisch gefestigten und wirtschaftlich
gedeihenden Staat schaffi. Sie bricht aber unvermittelt zusammen, als
nach dem Tod des Alexander Severus 235 n. Chr. der Prinzipat end-
gültig versagt und ein neues Revolutionszeitalter anhebt. In den zwei-
einhalb Jahrhunderten, in denen sich der Prinzipat als leistungsfähig
bewährt, hält das gemäßigte Kaisertum das zu schöpferischer Geistes-
arbeit unentbehrliche Maß individueller Freiheit offen. Ja, es versteht es
darüber hinaus, die Jurisprudenz durch bewußte Förderung und Pflege
den eigenen politischen Interessen dienstbar zu machen.
Die römische Rechtswissenschaft erreicht den Gipfel ihrer Entwicklung
erst zu einer Zeit, als die anderen Zweige des geistigen Lebens bereits
einen deutlichen Abstieg zeigen. Während das goldene Zeitalter der
Literatur und der bildenden Künste mit dem Tod des Augustus zu Ende
geht, bringt die hochklassische Jurisprudenz erst im 2. Jh. ihre bedeu-
tendsten Leistungen hervor. Diese längere Bewahrung der juristischen
Schöpfungskraft hat innere und äußere Gründe. Daß es den Juristen
gelang, die Einwirkung der Rhetorik und den theoretisierenden Einfluß
der griechischen Philosophie in engen Grenzen zu halten, hat ihnen ihre
produktive Kraft auf dem Gebiet erhalten, in welchem die noch un-
gebrochene sachlich-praktische Wesensart des Römerturns zu voller
Geltung kam. Hier konnten die römischen Juristen ihr Eigenstes geben,
ohne, wie in den Künsten, fremde Ausdrucks- und Denkformen nach-
zuahmen oder umzuformen und ohne, wie in der Rhetorik, der Ver-
äußerlichung zu verfallen, die die Form über den Inhalt stellt. Hinzu
kommt, daß der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung in den beiden
ersten Jahrhunderten n. Chr. und die von den Kaisern ausgehende auto-
ritative Fürsorge um das allgemeine Beste einen Zustand staatlicher
Wohlfahrt schufen, in dem sich die Rechtswissenschaft, von den Kaisern
selbst gefördert, voll entfalten konnte.
Il. 1. Die klassische Jurisprudenz ist die Schöpfung, der das römisc:he
Recht seine weltgeschichtlic:he Sendung verdankt. Fragen wir nach den
Ursachen seiner Größe, so dürfen wir freilich nicht die Maßstäbe
§ 38. Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz 171

anlegen, an denen wir die moderne, namentlich die kontinental-euro-


päische Rechtswissenschaft zu messen pflegen. In unserer heutigen Juris-
prudenz nehmen Theorie und Konstruktion einen breiten Raum ein.
Die kontinentalen Rechtsordnungen haben große Gebiete, darunter
besonders das Privatrecht, in Gesetzbüchern kodifiziert. Sie haben
damit nicht nur die Frage, in welcher Weise die einzelnen rechtspoli-
tischen Aufgaben gelöst werden sollen, durch ihre positiven Regelungen
entschieden. Sie bieten darüber hinaus im Gesetzbuch ein "geschlossenes
System": Das Gesetz liefert dem Richter die methodischen Mittel, um
auch solche Fälle, die nicht einfach vorn Wortlaut des Gesetzes gedeckt
werden, aus seinem inneren Gefüge zu entscheiden; sei es durch er-
weiternde oder einschränkende Auslegung, sei es durch Analogie oder
Gegenschluß, sei es durch eine zwar freie, aber doch vorn Geist des
Gesetzes bestimmte Rechtsfindung. Das Gesetzbuch zielt auf Vollständig-
keit ab und beansprucht für sich die Tauglichkeit dazu, für jeden
denkbaren Fall, der in seinen Sachbereich gehört, den Weg zur richtigen
Entscheidung zu zeigen. Es enthält ein Skelett richtungweisender Nor-
men, das den Organismus der Rechtsordnung, der von Lehre und Recht-
sprechung lebenskräftig erhalten wird, stützt und trägt.
Im Gegensatz dazu ist das römische Recht nicht Norrnenrecht, sondern
Fa 11 recht. Eine umfassende gesetzliche Regelung ist ihm fremd. Daß
die XII Tafeln nur den unvollkommenen Versuch einer solchen auf sehr
früher Stufe enthalten, haben wir schon gesehen; ebenso, daß die spätere
Rechtsetzung durch leges (plebiscita), senatusconsulta und Kaiserkonsti-
tutionen nur begrenzte Einzelfragen entscheidet, aber nach keiner Ge-
sarntregelung strebt. Noch arn ehesten nähert sich einer Kodifikation
das prätorisehe Jurisdiktionsedikt. Aber es enthält nur die Rechtsmittel:
Aktionen, Exzeptionen usw., keine Normen, und läßt damit weite
Gebiete unerfaßt. Vor allem erhebt es auch keinen Anspruch auf ein
geschlossenes System; es zwingt nicht dazu, seine Lücken aus seinem
eigenen Inhalt und Geist zu füllen.
2. Das römische Recht ist Fallrecht, indem es die Lösungen der Rechts-
probleme, soweit nicht vereinzelt die Gesetze (und was ihnen gleichsteht)
eingreifen, in den Begutachtungen und Bearbeitungen einzelner F ä 11 e
darbietet. Es hat diesen Grundcharakter mit den angelsächsischen
Rechten gemein, unterscheidet sich von ihnen aber dadurch, daß in diesen
Rechten die Lösungen in den Gerichtsentscheidungen (Urteilen, "pre-
cedents") stehen, in Rom dagegen in den Gutachten (responsa) oder lite-
rarischen .7\ußerungen der vorklassischen und klassischen Juristen. Das
erklärt sich damit, daß die römischen Gerichtsorgane nicht selbst Juristen
sind, sondern (als Magistrate) Politiker oder (als Geschworene) Laien-
richter. Sie empfangen vielmehr ihre Rechtsbelehrung von den Juristen,
172 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

die ihnen entweder im consilium ihren fachlichen Rat erteilen oder sich
auf Anfragen der Rechtsuchenden als Gutachter zu den Fällen äußern.
Folgerichtig knüpft sich die juristische Autorität in Rom nicht an das
Urteil, sondern an die Juristenaussprüche.
3. a) Ist das römische Recht Fallrecht, so folgt daraus weiter, daß die
römische Rechtsordnung nicht als eine einheitliche Begriffspyramide auf-
gebaut ist, wie sie den Kodifik.ationen zugrundeliegt. Die Lösungen der
Fälle lassen sich daher in Rom nicht auf konstruktivem Weg aus dem
Begriffsgefüge ableiten. Auch die spärlichen und lückenhaften Nor-
mierungen gesetzten Rechts bieten der Rechtsfindung auf weite Strecken
keine Stütze.
Als Bausteine, aus denen die Entscheidungen gewonnen werden, dienen
vielmehr die Regeln, die die Juristen selbst durch Abstraktion aus der
Fülle ihrer Fallbegutachtungen gewonnen haben. Dabei ist jedoch zu
unterscheiden. In der Bildung allgemein gefaßter Rechtsregeln zeigen
die Juristen deutliche Zurückhaltung. Zwar hat die bereits erwähnte
"Regularjurisprudenz" verhältnismäßig früh ein paar allgemeine Regel-
sätze aufgestellt, die man mit der Zeit als feststehende Bestandteile der
Rechtsordnung handhabt, nicht anders als die Gesetze (o. § 37 I). Aber
solche Generalregeln bleiben vereinzelt. Im allgemeinen zeigen sich die
Juristen der Regel abgeneigt, weil sie von ihr die Gefahr der Starre und
der Ungenauigkeit befürchten. Der Satz "non ex regula ius sumatur, sed
ex iure quod est regula fiat• (Paulus Dig. 50, 17, 1) betont den Primat
des Fallrechts vor der Regel, die erst aus den (richtigen) Fallösungen
abgeleitet wird. Was von der regula gilt, das trifft auch auf eine ihrer
Unterarten, die Definition zu, von der Javolenus (u. § 42 II 1) sagt
.omnis definitio in iure civili (Juristenrecht) periculosa est; parum
{,kaum'; oder lies rarum ,selten') est enim, ut non subverti posset" (Dig.
50, 17, 202). Wenn die Definition nicht alle Fälle deckt, kann sie leicht
durch Gegenbeispiele umgestoßen werden. Diese Gefahr ist um so
größer, je allgemeiner die Regel gefaßt ist.
b) Viel häufiger als auf allgemeine Regeln und Definitionen stützen
sich die römischen Juristen auf s p e z i e 11 e Regeln, die sie ihrem eigenen
Fallrecht entnehmen. Nach der schon wiederholt erwähnten "assozia-
tiven" Methode lassen sie sich von einem Fall zum anderen führen. Der
Jurist bezieht sich auf einen von ihm selbst oder von anderen Juristen
bereits entschiedenen anderen Fall und entscheidet den neuen Fall im
gleichen Sinn, wenn er jenem ähnlich, im entgegengesetzten Sinn, wenn
er von ihm verschieden ist. Analogie und Gegenschluß, daneben die
"argumenta a maiori ad minus" und "a minori ad maius", bisweilen
auch "ad absurdum" (wenn eine andere als die gewählte Lösung zu
einem unsinnigen Ergebnis führen würde), gehören zum ständigen
S 38. Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz 173

methodischen Instrumentar der römischen Juristen. Auf diesen Wegen


gewinnen sie engbegrenzte, zumeist nah am Fall bleibende Einzelregeln,
mit denen sie ihre Rechtseinrichtungen formen und ausdeuten, und in
deren Anwendung sie nicht weiter gehen, als das Sachbedürfnis erfordert.
Die römische Jurisprudenz orientiert sich mithin an gewissen Leitsät-
zen und Leitbegriffen (z. B. bona fides, boni mores, restituere, interesse),
die die antike Philosophie Topoi ( T61roc; = "Ort"') nennt und um
deren Geltung und Reichweite unter den Juristen gestritten wird. Mit
diesem "topischen"' Denken steht die römische Methode zu unserer heu-
tigen stärker vom System beherrschten in einem deutlichen Gegensatz.
c) Die letzte Quelle der richtigen Sachentscheidung aber ist das ju-
ristische Sachgefühl, das wir "J u d i z'" nennen; die intuitive Erfassung
der richtigen Entscheidung, die dem genialen Praktiker ebenso sein
angeborenes und ständig geschultes Anschauungsvermögen eingibt wie
das reiche Erfahrungswissen, das er durch fortgesetztes Studium voran-
gegangener Fallösungen angesammelt und aus dem Wirken seiner Vor-
gänger erlernt hat.
4. Die Eigenart der römischen Rechtsfindung macht zweierlei begreif-
lich: a) erstens, daß die römischen Juristen in ihren Falldarstellungen
die E n t scheid u n g s gründe meist nur andeuten, häufig ganz ver-
schweigen. Ihnen genügt das Ja oder Nein. Das Warum wird nur
bisweilen unmittelbar ausgesprochen; häufiger ist es aus den Umständen
der Falldarstellung selbst zu erschließen. Nicht selten aber verzichtet der
Jurist sogar auf diese Andeutung. Ihm genügt es, richtig entschieden zu
haben; über seine Gründe braucht er sich nicht zu rechtfertigen. Statt
sachlicher Argumente bevorzugt er den Hinweis, daß ein anderer Klas-
siker die gleiche Frage ebenso entschieden hat. Die Autorität seines Zunft-
genossen macht ihm stärkeren Beweis für die Richtigkeit der Entschei-
dung als rechtsdogmatische Gründe.
b) Zum anderen wird man bei dieser äußerlich ungebundenen Art der
Rechtsfindung die kaum übersehbare Fülle der Meinungsverschie-
denheiten unter den Juristen verständlich finden. Ein Blick in die
Kommentare und Lehrbücher zu unseren modernen Gesetzen lehrt, wie
viele Fragen in unserem heutigen Recht umstritten sind. Um wieviel
stärker aber konnten sich die Kontroversen in einer Rechtsordnung wie
der römischen ausbreiten, die nicht durch das feste Gerüst einer Kodi-
fikation zusammengehalten wurde. In der Tat haben wir anzunehmen,
daß die Zahl der Meinungsstreitigkeiten unter den Klassikern noch viel
größer war, als unsere aus der nachklassischen Zeit stammende Ober-
lieferung, die bereits der Tendenz zur Ausgleichung unterlag, noch
erkennen läßt (u. § 59 III le).
174 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

111. 1. Die im bisherigen skizzierte Methode der römischen Rechts-


findung läßt erkennen, daß dort systematische Gesichtspunkte nur
eine untergeordnete Rolle spielen. Gewiß fehlt es auch im römischen
Recht nicht an begrifflicher Abstraktion. Das zeigt sich in den Normie-
rungen der Gesetze (und was ihnen gleichsteht) und in den erwähnten
allgemeinen Regeln, aber auch in der Struktur der einzelnen Rechts-
e in r ichtun g e n. Betrachten wir die Elemente, aus denen die römische
Rechtsordnung aufgebaut ist, so finden wir dort eine Fülle von Erschei-
nungen, die man am unverbindlichsten als "Rechtsfiguren" kennzeichnen
kann: Gegebenheiten des Gemeinschaftslebens, wie Familienverband,
Ehe, Vormundschaft, Eigentum, Erbfolge und viele andere, weiter
menschliche Handlungen, seien es erlaubte, wie die förmlichen und form-
losen Rechtsgeschäfte, seien es unerlaubte Handlungen und weiteres
mehr. Alle diese Gebilde des Rechtslebens sind zwar in ihren Wirkungen
und Grenzen genau umschrieben; die Einzelregeln, aus denen sie bestehen
oder die für sie gelten, sind so aufeinander abgestimmt, daß sie in der
Lebenswirklichkeit reibungslos funktionieren. Aber in ein festgefügtes
Begriffsystem sind sie nicht eingeordnet.
Ein kennzeichnendes Beispiel dafür ist das Feh 1e n des "A 11 gemeinen Te i 1s•:
Begriffe wie Rechtsfähigkeit, Geschäftsfähigkeit, subjektives Recht, Rechtsgeschäft, Wil-
lenserklärung, Vertrag, Nichtigkeit und viele andere sind von den Römern, obschon
auch sie mit allen diesen Erscheinungen dogmatisch arbeiten, nicht als Allgemeinbegriffe
formuliert worden. Die Frage, ob ein Mensch in eigener Person rechtlieb wirksam handeln
kann, wird nicht für die Rechtsgeschäfte oder Delikte allgemein beantwortet, sondern für
die einzelnen Typen menschlieber Handlungen gesondert. Die Frage nach den Erschei-
nungen und Folgen von Irrtum, Zwang, Betrug untersucht man nicht einheitlieb für
alle Geschäfte oder wenigstens die Vermögensgeschäfte unter Lebenden, sondern ge-
trennt für den Kauf, die stipulatio, das Testament, die Ehe. Eine allgemeine Regelung
für den Vertrag als solchen kennt man nicht, nur Regeln für einzelne Arten und
Gruppen von Verträgen. Wenn es für Anspruch und Einrede so allgemein geformte
Begriffe gibt wie actio und exceptio (die aber mit den heutigen Begriffen nicht genau
übereinstimmen), so hat das verfahrensrechtliebe Ursachen. Unser "Allgemeiner Teil•
des bürgerlieben Rechts ist erst von der naturrechtlieben Doktrin des 17. und 18. Jh.
vorbereitet und von der Pandektenwissenschaft des 19. Jh. gestaltet worden; allerdings
im wesentlichen dadurch, daß man an den Erscheinungen der römischen Oberlieferung
jetzt die fortgeschrittene Abstraktion vollzogen hat, die die Römer noch verschmäht
haben. Daß dies so leicht und so vollkommen möglich war, spricht dafür, daß schon
die römischen Juristen ihre Einzellösungen in vollkommener Weise aufeinander abge-
stimmt haben, ohne sie jedoch in einen letzten systematischen Oberbau einzuordnen.
2. a) Die unentwickelte Systematik zeigt sich auch in der Art, wie
die römischen Juristen ihren Stoff darstellen. Daß die XII Tafeln
von einem begriffslogisch bestimmten System noch weit entfernt waren,
versteht sich aus ihrer Zeit. Beim prätorisehen Edikt erklärt sich der
Mangel eines inneren Systems aus seiner verfahrensrechtlichen Zweck-
bestimmung und aus seiner schichtweisen Entstehung. Noch aus der
Frühzeit der wissenschaftlichen Rechtsberatung stammt der Aufbau des
§ 38. Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz 175

ius civile im Werk des Q. Mucius Scaevola (o. § 37 Il); es begnügt sich
mit einer losen Aneinanderreihung der Gegenstände ohne sachlich ord-
nendes Prinzip. Aber auch das ius civile des Frühklassikers Sabinus
(u. § 41 III 2) kommt darüber nicht wesentlich hinaus.
Es ordnet den Stoff im wesentlichen so: Testament, lntestaterbfolge, Legate; Ge·
waltverhältnisse über Freie und Sklaven; Kauf (und mancipatio), Gesellschaft, Mit·
gift, Vormundschaft, unerlaubte Handlungen, Bereicherung, Gewährleistung beim Kauf,
Litteralkontrakt, Stipulation; Eigentumserwerb und Schenkung, Dienstbarkeiten,
Sicherungsübereignung, postliminium.
Daß auch noch die Späteren dieses Schema übernehmen, ohne daß
ihnen eine Verbesserung in den Sinn käme, beweist am deutlichsten,
daß ihrem Fallrechtsdenken die Systemfrage gleichgültig war.
b) Eine Ausnahme und damit einen Fortschritt von weitreichender
Bedeutung schaffi: dagegen das Einführungslehrbuch des Ga i u s. Es
gliedert (unter elementarphilosophischem Einfluß) den Stoff in personae
und res, also in die Rechtssubjekte und die Rec:htsobjekte, in Personen-
recht (mit Einschluß des persönlichen Familienrechts) und Vermögens-
recht; und es findet mit der Unterteilung in res corporales und incorpo-
rales den Ansatz zu einer Gliederung des Vermögensrechts in Sachenrecht,
Erbrecht und Obligationenrecht. Dieser erste Schritt zu einer sachgebun-
denen Systematik, von dem noch die Rede sein wird (u. § 42 III 2),
wirkt bis in die heutigen Kodifikationendes Zivilrechts fort. Es ist jedoch
kein Zufall, daß dieser erste systematische Ansatz nicht von den großen
Praktikern des klassischen Rechts gefunden worden ist, sondern von
einem Schuljuristen für die Zwecke des Unterrichts.
3. Wie am Begriffssystem, so zeigen sich die römischen Juristen auch
an Geschichte und Philosophie wenig interessiert. Zwar bringen sie
gelegentlich rechts g es c h ich tl ich e Bemerkungen, die für unsere
heutige geschichtliche Erkenntnis besonders wertvoll sind. Aber sie fügen
sie zumeist nur anekdotisch in ihre Darstellungen ein und ziehen daraus
keine rechtsdogmatischen Folgerungen im Sinn unserer heutigen "histo-
rischen Interpretation".
Nicht besser steht es mit den eingestreuten Lesefrüchten aus der
(elementaren) Phi 1o so p h i e, mit denen sie gelegentlich ihre Schrillen
verbrämen. Wo sie ausnahmsweise wirklich philosophische Lehren auf
die Dogmatik des Rechts einwirken lassen, wie bei Spezifikation, Be-
standteil und Verbindung, beim Nießbrauch und in der Irrtumslehre,
werden sie vielfach doktrinär und lebensfremd.
IV. 1. Alles in allem sehen wir: Zwar wäre die klassische Jurispru-
denz ohne Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Methode der
Griechen wohl nicht denkbar. Aber ihre großartige geschichtliche Lei-
stung ist nicht die theoretische Durchbildung des Rechts, in der die
176 11. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Neuzeit den römischen Klassikern weit überlegen ist. Ihre Größe liegt
vielmehr in der genialen Treffsicherheit, mit der sie ihr Recht p r a k-
tisch zu handhaben wissen. Sie gewinnen ihre Entscheidungen nicht
durch Deduktion aus geklärten und systematisch geordneten Begriffen,
sondern unmittelbar aus der Anschauung von den Einrichtungen des
Rechts, die in ihnen lebendig sind. Ihre Art des juristischen Denkens ist
darum von unserer vornehmlich theoretisch bestimmten stark ver-
schieden. Während der heutige Jurist die Einrichtungen in ihre begriff-
lichen Elemente auflöst und zueinander in eine feste systematische
Beziehung setzt, um aus dieser Analyse und Synthese die Gründe für
seine Entscheidung zu gewinnen, gibt dem römischen Praktiker sein
geschultes juristisches Samgefühl das richtige Urteil ein. Diese Art der
Rechtsbetrachtung, die gleichermaßen auf genialer Begabung und auf
erarbeiteter Lebenskenntnis beruht, erscheint den Römern als die Wissen-
schaft von dem, was gut und gerecht ist; ius est ars boni et aequi sagt
Celsus bei Ulpian D. 1, 1, 1 pr.
Damit die Klassiker diese einzigartige Begabung ausbilden konnten,
mußten vielfältige geschichtliche Bedingungen erfüllt sein: die Schulung
im normativen Denken und im Umgang mit bindenden Rechtsvorschrif-
ten, wie sie schon seit den XII Tafeln und den uralten Sakralsatzungen
besteht; die jahrhundertealte Erfahrung in der Betrachtung und Ent-
scheidung konkreter Einzelfälle, deren Studium in einer traditions-
bewußten, wenn auch äußerlich freien Zunft bewahrt und weitergegeben
wird; die wissenschaftlich geschulte Fähigkeit zu begrifflichem Denken,
wenn man sie auch nur so weit betätigt, wie man sie benötigt; nicht
zuletzt das dem Römer angeborene und von der griechischen Gerechtig-
keitsidee genährte, empfindlich reagierende Bewußtsein von dem, was in
der Wirklichkeit der Lebensfälle Recht ist.
2. Die klassischen Juristen haben für die Verwirklichung ihrer hohen
Ziele mit der Weiterbildung der vorklassischen Ansätze ihren besonderen
Denk- und Ausdrucks s t i I entwickelt, der seinen besonderen Grund-
sätzen gehorcht. Der Treue gegenüber diesen Stilprinzipien haben die
Klassiker weithin ihre Individualitäten geopfert. Obschon die Eigentüm-
lichkeiten der einzelnen Juristenpersönlichkeiten bisher noch wenig er-
forscht sind, läßt sich doch bis auf wenige Ausnahmen (wie im Fall des
Celsus) eine starke Einheitlichkeit behaupten. Dies gilt sowohl von den
bereits gekennzeichneten, durch das Sachbedürfnis bestimmten m e t h o-
d i s c h e n Mitteln der Juristen wie auch von ihrer Sprache. Das La-
tein, durch seine logische Gesetzmäßigkeit wie für den Juristen ge-
schaffen, gewinnt bei ihnen eine stilistische Reinheit und sachliche Aus-
druckskraft von höchster Vollendung. Durch ihre strenge, fachlich ge-
bundene Schlichtheit hebt sich die Juristensprache vom rhetorischen
§ 38. Wesen und Eigenart der klassischen Jurisprudenz tn
Prunk Ciceros ebenso ab wie vom kurzredigen Manierismus des Tacitus.
Freilich neigt die neue Forschung bisweilen dazu, die Anforderungen
an den Juristenstil zu überspannen, wenn sie gelegentlich breite oder
rhetorische Wendungen oder (in Praktikerwerken) didaktische Ausfüh-
rungen unerbittlich als nachklassische Zusätze ausmerzen will. - Der
Wortschatz ist auf die Bedürfnisse des fachlichen Zwecks beschränkt,
die Terminologie noch flüssig. Viele Wörter haben erst in der nach-
klassischen, mittelalterlichen oder modernen Theorie eine technische und
damit nach Inhalt und Grenzen genau bestimmte Bedeutung an-
genommen.
3. Zeigt nach alldem die klassische Jurisprudenz die römische Rechts-
kunst nach Inhalt und Form auf einem Gipfelpunkt der Vollendung, so
hat sich doch die schöpferische Krafl: der Klassiker im wesentlichen
darauf beschränkt, das bisher Erreichte in Einzelheiten bis zur letzten
Vollkommenheit zu verfeinern. Die jugendliche Krafl: und Frische, mit
der die Juristen der republikanischen Zeit die Fülle der wichtigen und
wirksamen Einrichtungen des ius gentium und ius honorarium geschaffen
haben, ist bei ihnen bereits verbraucht. Große Reformen haben sie nicht
mehr gewagt, obgleich es an einem Bedürfnis danach auch in ihrer Zeit
nicht gefehlt hat. Zwar wird man ihnen nicht vorhalten dürfen, daß sie
nicht daran dachten, die Rechtsschichten, vor allem ius civile, ius ho-
norarium und Kaiserrecht, zu einer einheitlichen Ordnung zu verschmel-
zen; denn die Verfassung band auch sie an die bestehenden Rechtsquellen,
und bei ihrer virtuosen Technik, mit den juristischen Gegebenheiten
umzugehen, empfanden sie nach solcher Vereinheitlichung auch kein
Bedürfnis. Auch daß sie die überlebten Formalgeschäfl:e des alten ius
civile nicht kurzerhand preisgaben, versteht sich aus dem konserva-
tiven Geist, mit dem das römische Volk an seinen überkommenen
Formen festhalten wollte. Wohl aber zeigt sich ein gewisses Nachlassen
ihrer Gestaltungskrafl: bei der Schöpfung neuer Rechtsquellen. Am Wort-
laut der Edikte, die vor Hadrian noch beweglich waren, haben sie kaum
mehr etwas geändert. Auf die Leges und senatusconsulta der Prinzipats-
zeit, die sich in kasuistischen Einzelheiten erschöpfen, haben die Juristen,
wie die mangelhafl:e Gesetzestechnik erkennen läßt, keinen Einfluß
gewonnen. Am ehesten noch beweisen sie eine schöpferisch-gestaltende
Einwirkung auf die Kaiserkonstitutionen; haben doch einzelne unter
den Klassikern in den kaiserlichen Kanzleien und im consilium des
Kaisers an ihrer Abfassung mitgewirkt. In den aufgezeigten Grenzen
ihrer Schöpfungskrafl: offenbart sich aber die klassische Jurisprudenz
trotzder äußersten Feinlieit ihrer Denktechnik bereits als Ausdruck einer
Spätkultur.
12 6760 Kaser, Römiscne Rechtsgeschiente
178 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der WeltherrsmaA:

§ 39 Stellung und Aufgaben der klassischen Juristen


I. In den praktischen Tätigkeiten der Juristen sind mit dem Obergang
zum Prinzipat, mit der Fortentwicklung des Rechts und dem Wandel
der politischen und sozialen Verhältnisse eine Reihe bedeutender Ver-
änderungen festzustellen.
1. Die Kaute 1a r praxis, also die Aufstellung von Geschäftsformu-
laren, erfordert mit der fortschreitenden Festigung des Rechts nur mehr
eine handwerkliche Fertigkeit und tritt darum unter den Aufgaben der
Juristen zurück. Sie wird jetzt in Rom wie außerhalb zumeist einer
untergeordneten Schicht rechtskundiger Urkundenschreiber (tabelliones)
überlassen.
2. Das Hauptgebiet, auf dem die Juristen ihre Fähigkeiten der Praxis
dienstbar machen, bleibt auch jetzt die Erteilung von responsa, also von
Gutachten über Rechtsfälle, namentlich über solche, die vor Gericht
kommen sollen. In diese Tätigkeit hat Augustus dadurch eingegriffen,
daß er bestimmen Juristen das ius publice respondendi verliehen
und damit die Befugnis erteilt hat, ex auctoritate principis zu respondie-
ren. Die Bedeutung dieser Maßnahme ist umstritten. Nach der traditio-
nellen Auffassung wurden diese Juristen dadurch privilegiert, daß sie
ihre Gutachten nunmehr .,im Namen des Kaisers" und dadurch mit der
dem Kaiser zukommenden Autorität erteilen durften. Die neuere Lehre
(Kunkel u. a.) dagegen deutet die Worte als "mit der Erlaubnis des
Kaisers", so daß Augustus die Gutachtertätigkeit überhaupt auf die von
ihm privilegierten Personen beschränkt, mithin allen anderen verboten
hätte. Doch bleibt mir fraglich, ob ein so tief einschneidender Eingriff
in die Betätigungsfreiheit, der vor allem die Juristen aus der Ritterschaft
getroffen hätte, mit unserem Bild von der Politik des Augustus zusam-
menstimmt, der doch alle Kreise für sich und seine Ziele gewinnen wollte.
Danach scheint mir näherzuliegen, daß er den bisher zur Begutachtung
Befugten nichts nahm, aber einzelne unter ihnen mit dem Privileg aus-
zeichnete. Indem er es zunächst nur Senatoren zuwandte, stärkte er den
von ihm erweiterten und geförderten Senat. Erst Tiberius hat das
Privileg dem Juristen Sabinus (u. § 41 111 2) als erstem aus dem Ritter-
stand erteilt. Daß der überlieferte Kreis der als Gutachter tätigen
Juristen in der frühen Prinzipatszeit klein war und erst um die Mitte
des 2. Jh. stärker zunimmt, stünde der traditionellen Deutung nicht im
Weg, wenn die Einführung des ius respondendi zur Folge hatte, daß das
Ansehen der nicht privilegierten Juristen als Gutachter zunächst zurück-
gmg.
Die Gutachten der privilegierten Juristen mußten zur Sicherung der
Urheberschaft schriftlich abgefaßt und der anfragenden Partei versiegelt
übergeben werden. Sie waren für den entscheidenden Richter zu Anfang
§ 39. Stellung und Aufgaben der klassischen Juristen 179

nicht schlechthin verbindlich, genossen aber durch die Persönlichkeit des


Verfassers ebenso wie durch das ihm erwiesene kaiserliche Vertrauen eine
gehobene Autorität. Daraus hat man schon bald die Oberzeugung her-
geleitet, daß der Richter an das für diesen konkreten Streitfall ergangene
Responsum gebunden sei. Ein Reskript Hadrians weist die Richter an,
übereinstimmenden Rechtsmeinungen der Juristen zu folgen; nur wo sie
voneinander abweichen, solle der Richter nach der Meinung entscheiden,
die er für richtig hält. Danach hat man der übereinstimmenden Juristen-
meinung gesetzesgleiche Wirkung beigelegt und sie im 2. Jh. neben den
Gesetzen, Senatsbeschlüssen, Edikten, Kaiserkonstitutionen als Rechts-
quelle aufgefaßt (Gaius 1, 7). Papinian (1. Hälfte des 3. Jh.) nennt die
auctoritas prudentium unter den Quellen des ius civile neben den Kaiser-
erlassen (Dig. 1, 1, 7 pr.). Er mag wie schon Gaius die Rechtsschöpfungs-
befugnis der Juristen auf die Erteilung des Respondierprivilegs zurück-
geführt haben, mit dem der Kaiser seine eigene, aus der Lex de imperio
hergeleitete Befugnis, gesetzesgleiches Recht zu schaffen (o. § 34 li 1),
dem Juristen delegiert.
Verbindliche Kraft kommt zwar nur den fonngerecht erteilten Gutachten
der privilegierten Juristen und auch ihnen nur für den Einzelfall zu.
Um ihres sachlichen Gehaltes willen genießen aber die ~ußerungen der
klassischen Juristen Ansehen auch dann, wenn sie nicht in Rechtsgutach-
ten, sondern etwa im Schulgespräch, in Briefen oder vor allem in der
Literatur enthalten sind; und man hat dieses Ansehen auch den sachlich
hochstehenden 1i.ußerungen der nicht privilegierten Juristen nicht vor-
enthalten. Freilich unterliegen alle Juristenaussprüche, nicht anders als
heutzutage, der Kritik der Zunftgenossen und damit möglicher Abwand-
lung und Weiterbildung. Wir dürfen den Inbegriff aller dieser Meinun-
gen, mit denen die Juristen das Recht schöpferisch gestalten (iura
condere ), als Juristenrecht zusammenfassen. Es bildet die Haupt-
masse des Rechts dieser Zeit.
3. Den Gerichtsorganen, also den Magistraten, Beamten und Ge-
schworenen, die nach wie vor regelmäßig juristisch nicht fachkundig sind,
leihen die Juristen ihr Fachwissen in ihrem consilium. Auch die
Kaiser bedienen sich, wie erwähnt, des Rates erfahrener Fachleute und
ziehen zu den Angelegenheiten der Justiz und Verwaltung die bedeu-
tendsten Rechtsgelehrten ihrer Zeit heran. Während die ersten Kaiser
sich ihr consilium fallweise zusammensetzen, wird es um die Mitte des
2. Jh. zu einem ständigen Staatsrat mit feststehenden und besoldeten
Ratsstellen fortgebildet.
Im consilium des Kaisers gewinnen die Juristen auf die rechtsetzende
und auf die richterliche Tätigkeit des Kaisers unmittelbaren Einfluß.
Viele Kaiserkonstitutionen, vor allem viele Reskripte und Dekrete, die
180 li. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

die Entwicklung des Privatrechts fördern, gehen auf die Anregung oder
den Rat der Rechtsgelehrten zurück.
4. In der letzten Zeit der Republik hatten die Juristen regelmäßig
dem Ritterstand angehört und waren damit von der Staatslaufbahn
ausgeschlossen gewesen. In der Kaiserzeit dagegen finden wir sie wieder
in den obersten Staatsämter n. Augustus erhob viele führende An-
gehörige des Ritterstandes in den Senat und machte sie damit zur
Bekleidung der aus der Republik fortbestehenden Staatsämter fähig.
Doch treffen wir die Juristen zunächst nur in den alten senatorischen
Familien an und erst im späteren 1. Jh. in denen des neuen Adels. Seit
der Mitte des 2. Jh. finden sich auch Juristen ritterlichen Standes in den
leitenden Beamtenstellen der kaiserlichen Verwaltung. Hatten die Kaiser
die ihnen unmittelbar unterstellten Beamten anfangs überwiegend mit
gewesenen Offizieren besetzt, so legten sie für diese Stellen nun auch
auf juristische Fachkenntnisse Gewicht. Von mehreren großen Juristen
des ausgehenden 1. und des 2. Jh. wissen wir, daß sie, zuweilen nach
Bekleidung militärischer Stellen, hintereinander führende Xmter in der
senatorischen und in der kaiserlichen Verwaltung, teils in Rom, teils in
den Provinzen, innehatten (vgl. u. § 42 II 1 u. § 3 zu Javolenus und
Julian). Später, seit der 2. Hälfte des 2. Jh., entstammen die führenden
Juristen regelmäßig dem Ritterstand und bekleiden hohe kaiserliche
Kmter; die berühmtesten wie Papinian, Ulpian und Paulus das dem
Kaiser am nächsten stehende Amt des praefectus praetorio.
Die Verbindung des hervorragenden juristischen Fachwissens mit den
höchsten Staatsstellungen erwies sich nach beiden Richtungen als nützlich.
Der Verwaltung, mit der häufig eine Gerichtsbarkeit verbunden war,
brachte die Besetzung mit den großen Rechtskennern beträchtlichen
Vorteil. Umgekehrt schöpfte die Rechtswissenschaft aus der praktischen
Tätigkeit ihrer führenden Köpfe wertvolle Anregungen, die dazu bei-
trugen, die Jurisprudenz lebensnah zu erhalten.
5. An sonstigen praktischen Tätigkeiten neben den aufgezählten
kam - besonders für Juristen ohne ius respondendi - die Advokatur
in Betracht, bei der sich jetzt juristisches und rhetorisches Können bis-
weilen vereinigt finden, sowie die (davon unabhängige) Prozeßvertre-
tung (als cognitor oder procurator), ferner die Beschäftigung als besolde-
ter Beisitzer (adsessor) bei einem kaiserlichen Beamten.
6. Neben den praktischen Funktionen spielt bei den Juristen aller
Gruppen nach wie vor der Rechtsunterricht eine bedeutende Rolle.
Wie in der vorklassischen Zeit unterweist der Jurist seine Schüler
dadurch, daß er sie bei der Erteilung von Responsen und mündlichen
Rechtsauskünften und bei Diskussionen mit anderen Juristen zuhören
läßt, mit ihnen die ihm vorgelegten Fälle und andere Rechtsfragen
S 39. Stellung und Aufgaben der klassischen Juristen 181

erörtert und sie so hauptsächlich an Hand der Praxis in die Rechtskennt-


nis einführt. Von solcher Art sind auch die Schulen der Sabinianer und
Prokulianer im 1. Jh. (u. § 41 III 1). Seit dem 1. Jh. gibt es aber
daneben berufsmäßige Lehrer für den juristischen Elementarunterri<.!It.
Zu ihnen gehören im 2. Jh. vermudich Pomponius und Gaius, der Ver-
fasser eines für diesen Unterricht bestimmten, berühmt gewordenen
Einführungsbuchs (u. § 42 III 2). Von einer körperschaftlichen Verfas-
sung, wie sie die Schulen für Rhetorik, Grammatik und Medizin nach
griechischem Muster gehabt haben, erfahren wir für diese Periode aller-
dings nichts; ebensowenig, daß diese Schulen unter staatlicher Aufsicht
standen, oder daß die Ausbildung an ihnen von den Anwärtern auf die
Advokatur oder auf staatliche Ämter gefordert wurde.
II. Sitz der klassischen Rechtswissenschaft ist ausschließlich Rom.
Nur hauptstädtische Juristen erhalten das ius publice respondendi, nur
dort nehmen sie auf die Jurisdiktion der Prätoren und .1\.dilen Einfluß
und wirken an der kaiserlichen Zentralverwaltung mit, nur dort hat
auch der Rechtsunterricht eine wahrhaft wissenschaftliche Ebene erreicht.
Obschon große Juristen zeitweilig in den Provinzen hohe Staatsämter
innehaben, hören wir doch nichts davon, daß sie ihre dortigen Funk-
tionen zum Mittelpunkt einer Pflege der Rechtswissenschaft gemacht
hätten. Außerrömische Rechtskundige haben seit der Mitte des 2. Jh.
im Westen wie im Osten mit unterschiedlichen, meist geringen Kennt-
nissen im römischen Recht als Rechtsberater oder Lehrer gewirkt; an der
Fortentwicklung des römischen Rechts zu seiner höchsten Blüte waren sie
nicht beteiligt.
III. Ober die Persönlichkeit der klassischen Juristen sind wir, so
wertvoll es für uns wäre, auch die Menschen kennenzulemen, die hinter
ihren großen geistigen Schöpfungen stehen, nur mangelhaft unterrichtet.
Außer den dürftigen Hinweisen, die wir aus ihren uns erhaltenen
Schriften entnehmen können, besitzen wir als einzige römische Dar-
stellung der Geschichte der Rechtswissenschaft bis zur Mitte des 2. Jh.
das erwähnte knappe und teilweise fragwürdige Fragment aus dem
enchiridium des Pomponius (Dig. 1, 2, 2). Die runterlaufbahn einiger
Juristen, die im Staatsleben hervorgetreten sind, kennen wir aus in-
schriftlichen und literarischen Quellen. Im übrigen sind wir auf die mehr
oder minder zufälligen Nachrichten in der allgemeingeschichtlichen Ober-
lieferung angewiesen.
Von ihrer Standeszugehörigkeit, die auch über ihren Zugang zu den
Xmtern entscheidet, war schon die Rede (o. 4). Schwieriger zu beantwor-
ten ist die Frage nach ihrer landschaftlichen und stammesmäßigen
Herkunft. Waren die Juristen des 1. und frühen 2. Jh. noch über-
wiegend Italiker aus Rom oder den Landstädten, so finden wir unter den
182 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Welthemdtaft

Juristen wie unter den Kaisern des 2. Jh. Männer aus den Provinzen,
doch werden sie, vor allem soweit sie aus dem Westen stammen, zumeist
noch Abkömmlinge italischer Kolonisten- oder Kaufmannsfamilien ge-
wesen sein; so vermutlich der aus Nordafrika gebürtige Salvius Julianus
(u. § 42 II 3). Seit der Mitte des 2. Jh. tritt dagegen unter den Juristen
- später als in der Oberschicht überhaupt - das nichtitalische Element
deutlich hervor. Aus der Severerzeit wissen wir von einzelnen, wie von
dem in Tyrus (in Syrien) geborenen Ulpian, aus welcher Provinz sie
stammten. Bei anderen, wie bei Julius Paulus, läßt der Gentilname
darauf schließen, daß ihre Träger aus eingebürgerten Peregrinenfamilien
hervorgegangen sind, weil diese den Geschlechtsnamen des Kaisers an-
zunehmen pflegten, unter dem sie das Bürgerrecht erhielten. Aber auch
soweit diese Juristen fremden Völkern zugehören, zeigen doch ihre
Schriften keinerlei Abweichung vom strengen Denk- und Ausdrucksstil
der klassischen Jurisprudenz.

§ 40 Die klassische Rechtsliteratur


I. Die Literaturgattungen der klassischen Zeit folgen im allgemeinen,
abgesehen vom Wegfall der bloßen Formelsammlungen, den Vorbildern
der vorklassischen Zeit, sie werden aber nun vervollkommnet una um
einige Arten ergänzt. Nach Inhalt und Aufbau gliedern sie sich in
mehrere Gruppen.
1. Am reichsten entfaltet sich die Schöpfungskrafl: der klassischen
Juristen, ihrer praktischen Zielsetzung entsprechend, in der Bearbeitung
konkreter Rechts f ä 11 e. Demgemäß finden wir ihre ursprünglichsten
Gedanken und ihre höchste darstellerische Meisterschaft in den Samm-
lungen der .responsa"'. Hier sprechen auch vornehmlich die durch das
ius publice respondendi ausgezeichneten Juristen zu uns. Sie beschränken
sich aber in diesen Sammlungen nicht auf Berichte über die von ihnen
erteilten Responsen im technischen Sinne (o. § 39 I 2), sondern streuen
auch sonstige mündlich oder brieflich erteilte gutachtliche Xußerungen
ein sowie Erörterungen, zu denen sie die Besprechung der Fälle mit
anderen Juristen und mit ihren Schülern angeregt haben mag. Diese
Werke unterscheiden sich daher kaum von den Sammlungen der .quae-
stiones"' und .disputationes"', die zwar vom Rechtsunterricht ausgehen,
aber nicht nur konstruierte Lehrfälle enthalten, sondern gleichfalls von
Erfahrungen aus der Praxis mitbestimmt werden. Von ähnlicher Art sind
die .epistulae"', die von brieflich erteilten Auskünften an rechtsuchende
Parteien oder überhaupt an juristisch interessierte Fragesteller ausgehen.
In ihrem Aufbau, soweit sie einen solchen erkennen lassen, halten sich
diese Sammlungen an die Materienfolge des Edikts und fügen am Schluß
noch den in den Gesetzen und Senatsbeschlüssen enthaltenen Stoff an.
S 40. Die klassische Rechtsliteratur 183

2. Diesen Fallbesprechungen stehen am nächsten die .d i g es t a«


("geordnete" Darstellung des Rechtsstoffs), die gleichsam das gesammelte
Werk ihres in der Gutachterpraxis stehenden Verfassers enthalten. Auch
sie folgen dem Aufbau des Edikts und besprechen anschließend Gesetze
und Senatsbeschlüsse, geben aber nicht wie die Kommentare bloße
Texterläuterungen, sondern haben stärker als diese kasuistischen Charak-
ter. Wie der Aufbau zeigt, sind in allen diesen Werken ius civile und
ius honorarium vereinigt.
3. Für die Gesamtdarstellungen besonders beliebt sind die Kommen-
tare, die eine Quelle, nicht anders als heutzutage, Satz für Satz und
bisweilen Wort für Wort erläutern. Ihnen schreibt ihre Vorlage eine
feste Stoffanordnung vor, doch ist auch damit ein kasuistischer Charak-
ter, also eine Erläuterung an Hand von Fallproblemen, vereinbar. Der
kommentierte Text wird den einzelnen Kommentarstücken regelmäßig,
aber nicht immer, vorangestellt. Unter den Gegenständen der Kommentie-
rung ragen das prätorisehe und ädilizische Edikt ( .libri ad edictum«) und
die von dem Frühklassiker Sabinus verfaßte Darstellung des ius civile
( .libri ad Sabinum«) hervor. Die Ediktskommentare enthalten neben
dem gesamten ius honorarium auch die zivilen actiones, die Sabinus-
kommentare dagegen hauptsächlich den übrigen Stoff des ius civile
(s. o. § 33 III 2 und die Obersicht § 38 III 2a). Das kurzgefaßte Sabinus-
werk, das in drei Büchern das ganze ius civile behandelt, erschien durch
seine knappen epigrammatischen Regeln, die wohl für den Schulgebrauch
zusammengestellt worden waren, zur Kommentierung besonders geeignet.
Die Spätklassiker Ulpian und Paulus haben ihre großen Kommentare
,.ad edictum« und .ad Sabinum"' dann zu enzyklopädischen Gesamt-
darstellungen benutzt, in denen sie mit vielen Zitaten anderer Juristen
die ganze Ernte der römischen Rechtsweisheit zusammentragen.
Daneben gibt es Kommentare zu sonstigen Quellen, besonders zu
Gesetzen von den XII Tafeln bis zu den Ehe- und Freilassungsgesetzen
des Augustus sowie zu einzelnen Senatuskonsulten. Aber auch andere
literarische Werke älterer Juristen (neben Sabinus) haben die jüngeren
zur Bearbeitung angeregt, sei es in Form von Kommentaren, wie bei dem
des Pomponius zum ius civile des Q. Mucius (o. § 37 li), sei es zu einer
mit eigenen Zusätzen versehenen Neuausgabe, wie bei den Werken, die
Javolenus .ex Cassio"' und zu den .libri posteriores Labeonis"' schrieb.
Eine verkürzte Wiedergabe der Vorlage, entweder in Form von Aus-
schnitten oder von bloßen Inhaltsberichten, wird als .epitome"' bezeich-
net. Kurze Bemerkungen, die man dem älteren Text anhängt, heißen
.notae«.
4. Von anderer Art als die bisher angeführten Gattungen sind die
d i da k t i s c h e n Schriften, besonders die Einführungslehrbücher (.in-
184 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

stitutiones" ). Sie treten uns erstmals im 2. Jh. mit den Institutionen des
Gaius entgegen und stammen zunächst nicht von den praktisch tätigen
Juristen dieses Zeitalters, sondern von Rechtslehrern geringeren Ranges.
Erst in der Spätklassik haben auch die großen Praktiker wie Ulpian und
Paulus Institutionenwerke verfaßt. Die genannte Schrift des Gaius, die
für diese Werkgruppe charakteristisch ist, läßt zwar keine eigenen origi-
nellen Lösungen der Fallprobleme erkennen, enthält aber den ersten
Versuch zu einer wahrhaft systematischen Anordnung des gesamten
Stoffs. In den Institutionen des Gaius treffen wir die schon erwähnte
Gliederung des Privatrechts in personae (Personen- und Familienrecht)
und res an und weiter deren Unterteilung in res corporales und incorpo-
rales, auf die sich die Einteilung des Vermögensrechts in Sachenrecht,
Erbrecht und Obligationenrecht stützt. Dieses gewiß nicht vollkommene,
aber brauchbare Einteilungsprinzip erwies sich als so fruchtbar, daß es
vermittelt durch die Institutionen Justinians noch die moderne Zivil-
gesetzgebung maßgeblich beeinflußt hat. Neben diesem Verdienst um die
Systematik zeichnet sich diese Literaturgattung durch eine klare und
gefällige Form der Darstellung aus, verzichtet aber notwendig auf letzte
Genauigkeit und Vollständigkeit. Auf eine theoretisierende Begriffs-
analyse lassen sich diese Werke ebensowenig ein wie die aus der Praxis
stammenden. Auch sie bauen auf der Kasuistik auf.
Zur didaktischen Literatur rechnen vermutlich auch das ius civile des
Sabinus (o. 3) und das enchiridium des Pomponius (o. § 39 III). NiCht
notwendig für Unterrichtszwecke bestimmt sind dagegen Schriften zu-
meist geringen Umfangs, die sich .regulae", .definitiones", .differentiae"
nennen. Sie gehen von Sätzen aus, deren Geltung sich in einer gefestigten
Juristenmeinung erhärtet hat, knüpfen aber auch daran Erörterungen
von Fallproblemen. Andere Werke dieser Art wie die dem Paulus
zugeschriebenen .sententiae" oder die angeblich ulpianischen .opiniones"
sind wohl erst nachklassische Bearbeitungen klassischer Schriften (u. § 51
III 2 und 5).
5. Neben diesen Hauptgruppen stehen noch Schriften weniger viel-
seitigen Inhalts. Monographien behandeln einzelne Gegenstände aus
verschiedenen Rechtsgebieten, seit der Severerzeit auch solche aus dem
Strafrecht. Manche als Monographien überlieferte Werke sind allerdings
vielleicht bloße Bearbeitungen, die in der nachklassischen Zeit von Aus-
schnitten aus umfassenderen Werken, etwa aus den großen spätklassischen
Kommentaren, angefertigt worden sind.
6. In der Severerzeit tritt eine Gruppe von Werken hinzu, die man
als "Handbücher für den Dienstgebrauch" kennzeichnen kann, und die
für die Inhaber der höchsten Xmter bestimmt waren. Sie sind betitelt
.De o/ficio consulis", .proconsulis", .praefecti praetorio•, .praefecti
§ 40. Die klassische Rechtsliteratur 185

urbi" usw. und enthalten hauptsächlich Verwaltungsrecht. Ihrem


Stil nach halten sie sich nicht mehr ebenso streng an die Tradition wie
die anderen Klassikerschriften; vielleicht deshalb, weil sie sich stärker
an ihre Hauptquellen, die Kaiserkonstitutionen, anlehnen.
7. Sammlungen von Kaiserkonstitutionen, die in nachklassi-
scher Zeit eine bedeutende Rolle spielen, haben in unserer Periode
offenbar nur einen vereinzelten Vorläufer in den "libri constitutionum"
des Papirius Iustus, wohl eines kaiserlichen Archivars aus vorseverischer
Zeit.
II. Der Gesamtumfang der klassischen Juristenschriften war offen-
bar bedeutend. Justinian teilt uns mit, seine Digestenkommission habe
gegen 2000 Bücher mit über drei Millionen Zeilen durchgearbeitet und
diese Menge in den Ausschnitten der Digesten auf etwa ein Zwanzigstel
vermindert. Danach hätte schon das verarbeitete Material nach unseren
Maßstäben rund 20 starke Lexikonbände gefüllt. Dabei war aber dem
6. Jh. nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Werke bekannt; haben
doch von den fruchtbarsten Klassikern allein Labeo rund 400, Pom-
ponius, Paulus und Ulpian je etwa 300 Bücher (im antiken Sinn, also
Schriftrollen, die etwa 25-40 modernen Oktavseiten entsprechen) ver-
faßt. Von dieser gewaltigen Literatur ist nur ein kleiner Ausschnitt auf
uns gekommen, davon einigermaßen vollständig nur ein einziges Werk,
die Institutionen des Gaius in vier Büchern. Unsere übrige Oberlieferung
besteht zum größten Teil aus Fragmenten, die in der nachklassischen Zeit
aus der klassischen Rechtsliteratur herausgeschnitten und dabei häufig
überarbeitet wurden; zum anderen Teil aus selbständigeren Bearbeitun-
gen, die erst in der nachklassischen Periode geschaffen wurden. Die
Hauptmenge dieses Materials steht in den Digesten Justinians, daneben
einiges in anderen nachklassischen Sammlungen. Die Zerrissenheit und
Unvollständigkeit dieser Oberlieferung und die tiefgreifenden nach-
klassischen Verkürzungen und Veränderungen erschweren es uns, ein
Bild von den originalen Klassikerschriften zu gewinnen. Dennoch hat
die klassizistische Gesinnung Justinians dafür gesorgt, uns so viel von
den Gedankengängen der Klassiker zu bewahren, daß wir die Substanz
des klassischen Rechts in seinen wesentlichen Zügen erkennen können.
Eine Re k o n s t r u k t i o n der Klassikerschriften durch eine Sammlung
und Ordnung aller überlieferten Fragmente und Zitate in ihrer erkenn-
baren ursprünglichen Reihenfolge hat Otto L e n e 1 in seiner "Palin-
genesia iuris civilis" (2 Bde., 1889) unternommen. Das Werk behält seinen
grundlegenden Wert, auch wenn seither die Quellenkritik gezeigt hat,
daß die nachklassischen Textänderungen viel umfangreicher waren, als
man zu seiner Zeit annahm.
186 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

§ 41 Die Frühklassiker und die beiden Rechtsschulen


I. Die Jurisprudenz vom Beginn des Prinzipats bis gegen Ende les
1. Jh., die wir die frühklassische nennen, zeigt noch den Anschluß an die
vorklassische Tradition. Zwar ragen einzelne bedeutende Persönli.ft-
keiten, besonders Labeo, über die Juristen der ausgehenden Republik
hinaus; doch offenbart die Red:ttswissenschaft im ganzen noch nicht die
gleiche Kraft schöpferischer Intuition in der Bewältigung der Fall-
probleme wie später, sondern eine leichte Neigung zur Begrifflichkeit.
Man wird dies mit dem Nachwirken der spekulativen Denkweise grie-
chischen Ursprungs zu erklären haben; außerdem mit der Beschränk1.:.ng
des ius publice respondendi auf einen kleinen Kreis, der die übrigen
Juristen stärker in eine theoretische Richtung drängte. Doch sind dies
bloße Schattierungen; die herkömmliche Grundtendenz, den Bedürf-
nissen der Praxis zu dienen, prägt die Rechtswissenschaft auch in dieser
Teilperiode.
Ihrer Lebensstellung nach finden wir die Juristen dieser Zeit noch nicht
wie später in den kaiserlichen .i\mtern. Nach der vorklassischen Tradition
pflegen sie die aus Begabung und Interesse erwählte Wissenschaft in
freier Ausübung. Wenn einzelne von ihnen die magistratische Laufbahn
durchschritten oder vermöge ihrer persönlichen Fähigkeiten und Bezie-
hungen das Vertrauen der Kaiser genossen haben, ist dies für ihr
juristisches Wirken nicht typisch.
II. Einen ersten Höhepunkt erreicht die klassische Jurisprudenz
bereits am Anfang mit M. Anti s t i u s Labe o, der uns als bahnbrechen-
der Neuerer gekennzeichnet wird. Er war der Sohn eines wohl aus
Unteritalien stammenden Juristen aus der Schule des Servius und lebte
unter Augustus. Politisch war er ein leidenschaftlicher Republikaner und
aufrechter Gegner des neuen Regimes, im Gegensatz zu seinem zwar
gelehrten, aber wenig schöpferischen Gegenspieler C. At e i u s Ca p i t o.
Labeo bekleidete zwar die Prätur, lehnte aber den Konsulat aus Opposi-
tion gegen Augustus ab oder wurde dieserhalb gar nicht zu ihm zugelassen.
Da er nicht das ius publice respondendi hatte, betätigte er sich haupt-
sächlich im Rechtsunterricht und im literarischen Schaffen, in dem er
neben seiner juristischen Begabung auch seine historische und gramma-
tische Gelehrsamkeit und seine dialektische Schulung entfaltete. Von
seinen über 400 Büchern sind uns die Hauptwerke, die Kommentare zu
den Edikten des Stadt- und des Fremdenprätors, nicht unmittelbar über-
liefert. In den Digesten sind auf uns nur Fragmente aus zugleich
kürzenden und erläuternden Bearbeitungen gekommen, die spätere
Juristen von zwei anderen Werken angefertigt haben, nämlich Paulus
von den "7tt&ocvcf" ("Einleuchtendes", soviel wie .regulae"') und Javo-
S41. Die Frühklassiker und die beiden Redttsschulen 187

lenus von den .posteriores"' (nachgelassene Schriften). Früchte der viel-


seitigen Interessen Labeos waren ferner ein Kommentar zu den XII Tafeln
und eine Darstellung des Sakralrechts. Wie stark sein Schaffen auf die
Nachwelt gewirkt hat, bezeugen uns vor allem die sehr zahlreichen Zitate,
die sich noch bei den Spätklassikern aus seinen Schriften finden, und in
denen sich die glänzende Schärfe seines Geistes offenbart.
111.1. Auf den Gegensatz zwischen Labeo und Capito werden die
beiden Rechtsschulen der Sabinianer (oder Cassianer) und der
Pro k u 1i an er zurückgeführt, die das Gesicht der weiteren früh-
klassischen Jurisprudenz bestimmen. Diese beiden Schulen waren keine
Unterrichtsanstalten, sondern Gruppen von Gelehrten, deren jede durch
persönliche Schülerverhältnisse und durch eine Gemeinsamkeit der
wissenschaftlichen Überzeugungen zusammengehalten wurde. lilinlich
wie die griechischen Philosophenschulen und vielleicht nach ihrem Vor-
bild haben sie immerhin eine lockere Organisation unter einem Ober-
haupt. Auch haben sich Elementarlehrer wie Gaius einer der beiden
Rechtsschulen angeschlossen. Aber auch damit werden sie noch nicht
primär zu Einrichtungen des Unterrichts.
In diesem Schulengegensatz, der bis in die Mitte des 2. Jh. bezeugt ist,
wirkt noch die etwas doktrinäre Richtung der Vorklassik nach. Die
Frage, ob der Schulengegensatz auf einer grundsätzlichen Verschiedenheit
beruht, ist bis heute unentschieden, aber wohl zu verneinen. Man hat
unter anderem behauptet, daß die Prokulianer der aristotelischen, die
Sabinianer der stoischen Philosophie zuneigten, daß jene mehr die
nationalrömische, diese eine universelle, weltrechtliche Richtung ver-
traten, daß jene fortschrittlicher, diese konservativer gesonnen waren;
aber keine dieser Annahmen ist haltbar. Sicher bewiesen sind nur Kon-
troversen in Einzelfragen, doch mögen dahinter persönliche, vielleicht
auch politische Gegensätze zwischen den Angehörigen der beiden
Gruppen stehen. In der wissenschaftlichen Methode und in den Arbeits-
zielen zeigt sich dagegen zwischen den beiden Schulen offenbar kein grund-
sätzlicher Unterschied. Andererseits erklärt sich der Zusammenhalt inner-
halb der Schule vor allem aus den engen gesellschaftlichen Bindungen mit
ihren sittlichen Treuverpflichtungen (o. § 19 111).
2. Die Schule der .Sabiniani"' wird zurückgeführt auf M a s s ur i u s
S ab in u s, der, wie erwähnt, als erster Angehöriger des Ritterstandes
von Tiberius das ius respondendi erhielt. Er bekleidete keines der
höheren i\rnter und soll anfangs in dürftigen Verhältnissen gelebt haben.
Sein kurzgefaßter Abriß des .ius civile"' in drei Büchern hatte insofern
eine nachhaltige Wirkung, als er von Pomponius, Ulpian und Paulus zum
Gegenstand umfangreicher Kommentierung gemacht wurde (o. § 40 I 3).
Der Aufbau dieses Werks (o. § 39 111 2a), der noch kein dogmatisch
188 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

bestimmtes System zeigt, scheint eine Weiterbildung der Materienfolge


zu sein, die Q. Mucius Scaevola (o. § 37 II) seiner Darstellung des ius
civile zugrunde gelegt hat. Obschon das ius civile des Sabinus offenbar
nur eine gedrängte Zusammenfassung in lapidaren Kernsätzen enthielt
und er daneben wohl nur wenige andere Schriften verfaßt hat, genoß er
doch als Schriftsteller wie als Respondierjurist höchstes Ansehen.
Sein Nachfolger als Haupt dieser Schule, C. Ca s s i u s L o n g in u s
(Konsul 30 n. Chr.), stammte aus alter senatorischer Familie und war
im politischen Leben tätig. Auch er war ein einflußreicher und ange-
sehener Gutachter und Verfasser eines »ius civile", von dem uns Bruch-
stücke nur aus der späteren Bearbeitung des Javolenus überliefert sind.
3. Auch Pro c u I u s hat vielleicht die Staatslaufbahn durchschritten.
Vorsteher der nach ihm benannten Schule wurde er als Nachfolger des
älteren Nerva. Sein Hauptwerk sind »epistolae". Sein Nachfolger wurde
der hochgelehrte Pegasus, der, von niedriger Abkunft und zunächst
wohl als Rechtslehrer tätig, unter Vespasian praefectus urbi war. Auf
ihn wird das SC. Pegasianum (über Universalfideikommisse) zurück-
gehen. Schon unter Tiberius, dem er als Berater nahestand, wirkte M.
Co c c e i u s Nerv a ; er wird viel zitiert, doch kennen wir keinen Titel
seiner Werke. Er war der Vater eines gleichnamigen, minder bedeutenden
Juristen und Großvater des Kaisers Nerva.
Um die Jahrhundenwende verblaßt dann der Schulengegensatz, obschon
von den Hochklassikern unter anderen noch Javolenus und Julian den
Sabinianem, Neratius und Celsus den Prokulianem zugerechnet werden.

§ 42 Die Hochklassiker
I. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht die Klassik im Lauf des
2. Jh., einer Zeit inneren Friedens und wirtschaftlichen Wohlstandes
unter der Herrschaft begabter und rechtlich denkender Kaiserpersönlich-
keiten wie Trajan, Hadrian und der Antonine.
Gekennzeichnet wird dieser Zeitabschnitt vor allem durch eine enge
Verbindung zwischen Jurisprudenz und Staatsdienst. Unter den
führenden Juristen ragen jetzt die hervor, die von den Kaisem a,1f
verantwortliche Stellen ihrer machtvoll ausgebauten Reichsverwalm 1g
berufen werden, sei es in zentrale Staatsämter, sei es in die Führung cier
Provinzen, sei es in die Leitung der kaiserlichen Kanzleien. Seit der
Mitte des 2. Jh. tritt die Berufung in das kaiserliche consilium hinzu, das,
zum Staatsrat ausgestaltet, nachdem der Senat seine politische Rolle
ausgespielt hat, zum machtvollsten körperschaftlichen Organ im Staat
wird. Die Mitwirkung der Juristen in diesem Kreis verschaffi: ihnen
einen steigenden Einfluß auf die Rechtsetzung und Rechtsprechung des
Kaisers.
§ 42. Die Hochklassiker 189

Einen Fortschritt gegenüber der Frühklassik erreicht die Hochklassik


damit, daß sie die letzten doktrinären Fesseln der griechisch beeinflußten
Begriffsfreudigkeit abstreift und die intuitive Erfassung des Rechts zu
höchster Vollkommenheit entwickelt. Demgemäß liegt der Schwerpunkt
der hochklassischen Literatur bei der Kasuistik, die alle Literatur-
gattungen beherrscht. Die Hinwendung zu den Fallproblemen wird
durch die Tätigkeit der Juristen in der praktischen Rechtspflege be-
günstigt. Die Fülle der Kontroversen über die vielfältigen Einzelheiten
besteht fort. Doch lassen sich die Meinungsverschiedenheiten nun nicht
mehr in das Schema der beiden frühklassischen Rechtsschulen einordnen.
Die Rechtsschulen verlieren daher im Lauf des 2. Jh. allmählich ihre
Bedeutung.
Neben der genannten Gruppe praktisch tätiger Juristen gibt es nach
wie vor andere, die ohne Staatsamt und ohne Gutachterpraxis nur als
Lehrer und Schriftsteller wirken. Ihr Abstand von den erwähnten
Praktikern wird vergrößert. Innerhalb der didaktisch tätigen Gruppe
(unten III) stehen sich jedoch Persönlichkeiten gegenüber, die (wie Pom-
ponius) wegen ihrer schöpferischen Beiträge zur Kasuistik immerhin das
Ansehen der Praktiker genießen, und andere, die (wie Gaius) sich auf die
Aufbereitung des Stoffes für den Rechtsunterricht beschränken. Dabei
machen sie sich besonders um die Systematik verdient.
II.l. Schon um die Jahrhundertwende wirkt L. I a volen us
Priscus. Er hat unter Domitian und Trajan die republikanische Ämter-
laufbahn bis zum Konsulat (86 n.Chr.) durchschritten und war außerdem
nach führenden militärischen Stellungen Statthalter in den Provinzen
Afrika, Obergermanien und Syrien, zuletzt Pontifex. Seine Haupt-
werke sind Bearbeitungen älterer Juristen, der libri posteriores des
Labeo, des ius civile des Cassius und der Schriften des Plautius (wohl
aus der Mitte des 1. Jh.). Ähnliche Werke verfaßt Titius Aristo,
Gutachter und Anwalt unter Trajan. Dem consilium des Trajan und
Hadrian gehört L. Ne rat i u ~ Pr i s c u s an, dessen Werke » regulae",
»responsa", membranae" ( = Pergamente, Skizzen), Bearbeitungen von
10

Einzelfällen enthalten.
2. Den Gipfelpunkt erreicht die römische Jurisprudenz mit Celsus
und Julian. Von P. Iuventius Celsus wissen wir, daß er, selbst
Sohn eines Juristen, die republikanische Staatslaufbahn zurücklegte,
zweimal, zuletzt 129, Konsul und sodann Statthalter von Thrakien
war und dem Staatsrat Hadrians angehörte. Celsus war eine tempera-
mentvolle Persönlichkeit von ausgeprägter Originalität; das zeigt ebenso
sein eigenwilliger Denkstil, der vielleicht am meisten Eigenart unter den
ziemlich gleichförmigen Schriften der Klassiker verrät, und seine von
der Anekdote erwähnte Grobheit. Seine Schriften zeichnen sich durch
190 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

hervorragenden Scharfsinn aus. Wie die berühmte Definition des Rechts


als ars boni et aequi (o. § 38 IV 1), so hat er auch andere treffsichere
Regeln formuliert (vgl. Dig. 1, 3, 17 und 24). Eine gewisse Vorliebe für
das konstruktive Gedankenspiel (wie bei der "logischen Sekunde",
s. Ulp. Dig. 24, 1, 3, 12) verringert nicht die Lebensnälie seiner Ent-
scheidungen. Sein Hauptwerk sind .digesta" in 39 Büchern, daneben
stehen als weitere kasuistische Schriften .epistulae" und .quaestiones".
Auf die Gesetzgebung hat er durch das (erbrechtliche) SC luventianum
(129 n. Chr.) eingewirkt.
3. Noch glänzender erscheint nach den äußeren Stellungen und der
Lebensleistung die Persönlichkeit des P. S a 1v i u s I u 1i an u s. Sein
Schicksal kennen wir aus einer Inschrift, die in der Nähe seiner nord-
afrikanischen Heimat (Hadrumetum) gefunden wurde. Er stammte
offenbar aus italischer Familie und bekleidete unter Hadrian, Antoninus
Pius und Mark Aurel eine Reihe hoher 1\.mter; unter anderem war er
Quästor Hadrians, Volkstribun, Prätor, Präfekt der republikanischen
Staatskasse (aerarium Saturni) und der Kriegskasse (aerarium militare),
Konsul (im Jahre 148), Pontifex, kaiserlicher Statthalter von Unter-
germanien und Nordspanien und (republikanischer) Statthalter von
Afrika. Hadrian hat ihn mehrfach ausgezeichnet, er hat ihm um seiner
Gelehrsamkeit willen das Quästorengehalt verdoppelt, vor allem aber
die abschließende Überprüfung des prätorisehen Edikts anvertraut
(o. § 33 111 6). Im literarischen Schaffen zeigt Julian weniger Eigen-
willigkeit als Celsus, er übertrifft ihn aber noch an Gedankenreichtum
und Darstellungskunst. In der Gabe der juristischen Intuition und in
der Virtuosität der Fallbearbeitung steht er allen früheren Juristen
voran und wird von den Späteren, wohl auch von Papinian, nicht mehr
ganz erreicht. In zahlreichen Streitfragen hat er überzeugende Entschei-
dungen gefunden und damit die spätere Entwicklung bestimmt. In den
Werken der Spätklassiker wird er bei weitem am häufigsten zitiert.
Auch an Produktivität ist er dem Celsus überlegen: Sein Hauptwerk
sind .digesta" in 90 Büchern, dazu kommen noch Erläuterungen und
Bearbeitungen älterer Juristen (Urseius Ferox, Minicius). Eine Samm-
lung seiner Fallentscheidungen ( .quaestiones") hat sein Schüler Sex.
Caeci Ii us A f rican us herausgegeben.
4. Fortgesetzt wird die kasuistische Arbeitsrichtung des Celsus und
Julian von U 1p i u s M a r c e 11 u s, Staatsrat unter Antoninus Pius und
Mark Aurel und Verfasser eines bedeutenden und vielzitierten Digesten-
werks sowie kleinerer Schriften; ferner von Q. Cer v i d i u s Sc a e v o 1a,
unter Mark Aurel Inhaber hoher kaiserlicher 1\.mter. Von den Fall-
lösungen aus seiner reichen Gutachterpraxis wurden die .quaestiones"
noch von ihm selbst herausgegeben, die .responsa" und .digesta"
§ 42. Die Hochklassiker 191

dagegen erst viel später in verwässerten Auszügen. Aus dieser Zeit seien
außerdem genannt: L. Vol u si us Maeci an us, gleichfalls Inhaber
hoher kaiserlicher A.mter und Verfasser einer Schrift über Fidei-
kommisse; Terentius Clemens, Kommentator der augusteischen
Ehegesetze; V e n u 1e i u s S a turn in u s, Verfasser von Monographien
über Interdikte, Aktionen und Stipulationen.
III. Die bisher betrachtete Hauptrichtung der hodudassischen Juris-
prudenz, der die große Zahl der nach äußerem Ansehen und literarischer
Produktion hervorragenden Juristen angehört, hat sich um die immer
weiter verfeinerte schöpferische Vollkommenheit in der Bearbeitung
der Fallprobleme bemüht. Daneben besteht aber im 2. Jh. noch eine
Nebenrichtung mit dem Ziel, die Ernte der großen Vorgänger zu
sammeln und zu ordnen. Dieser Richtung gehört ein kleinerer Kreis von
Juristen an, die nicht die Staatslaufbahn durchschritten haben, sondern
wahrscheinlich als Rechtslehrer tätig waren. Unter ihnen zeigen
einerseits Pomponius, andererseits Gaius und Florentinus, der
wie Gaius ein Institutionenwerk (in 12 Büchern) verfaßt hat, nach
Arbeitsrichtung und Ansehen beträchtliche Unterschiede.
1. Sex. Pompon i u s, von dessen Person wir nur wissen, daß er in
der Zeit von Hadrian bis Mark Aurel wirkte, ist nach dem Umfang
seiner Schriften einer der fruchtbarsten unter den klassischen Autoren.
Er schrieb drei umfassende Kommentare, nämlich zu den beiden Dar-
stellungen des ius civile von Q. Mucius Scaevola und von Sabinus sowie
zum Edikt, ferner mehrere Monographien und ein offenbar dem Ein-
führungsunterriebt dienendes "enchiridium" ("Handbuch"}, das auch
den mehrfach erwähnten Abriß über die Geschichte der römischen
Rechtswissenschaft (o. § 37 IV, § 39 III) enthält. Seine Darstellung
zeichnet sich im Vergleich mit der zuvor betrachteten Hauptströmung
mehr durch Klarheit und Sachlichkeit als durch ursprüngliche Erfindung
aus. Gleichwohl haben ihn die späteren Klassiker als ihresgleichen
anerkannt und darum häufig zitiert. Aus seinen Schriften sind uns viele
Fragmente in den Digesten erhalten.
2. Besondere Bedeutung unter den Juristen dieser Zeit hat für uns
der rätselhafte Ga i u s, weil uns seine "Institutionen" außerhalb der
nachklassischen Sammlungen als einziges Werk ziemlich vollständig über-
liefert sind. Wir kennen Gaius nur unter diesem Namen und wissen
nichts von seiner Herkunft und Persönlichkeit. Von den anderen
Juristen wird er nicht zitiert. Aus diesen Gründen, und weil er das
Provinzialedikt kommentiert hat, auch zuweilen auf provinzielle Dinge
hinweist, hat Th. Mommsen ihn einer östlichen, etwa einer klein-
asiatischen Provinz zugewiesen; doch reichen dafür die Gründe nicht
aus. Von einem Rechtslehrer in einer Provinzstadt wäre bei dem dortigen
192 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Niveau der Kenntnisse vom römischen Recht (o. § 39 II) kaum zu


erwarten, daß er einen so gewandt geschriebenen lateinischen Grundriß
verfaßt hat, in dem er mit liebevoller Genauigkeit auf die Lehr-
meinungen der großen Meister und auf die Kontroversen der beiden
Rechtsschulen eingeht. Am ehesten hat Gaius ohne staatliche Amter und
ohne ius respondendi in Rom gewirkt, und zwar als Rechtslehrer.
Verfaßt hat Gaius außer den Institutionen (dazu sogleich) Kommen-
tare zum Provinzialedikt, zu Teilen des prätorisehen Edikts, zu den
XII Tafeln und anderen Gesetzen, ferner monographische Schriften.
Daß keines dieser Werke von den anderen Klassikern zitiert worden ist,
erklärt sich aus ihrem didaktischen Charakter. Allen Schriften des Gaius
ist eigentümlich, daß sie die schöpferische Lösung von Fallproblemen -
die einzige Leistung, die die praktisch orientierten Klassiker gelten
lassen - zurückstellen zugunsten der übersichtlichen und gefälligen
Darstellung für den Unterricht.
Ist Gaius, an diesem Maßstab gemessen, ein Jurist geringeren Ranges
selbst als Pomponius, so kommt ihm doch das Verdienst zu, als erster
ein systematisches Prinzip für die Darstellung des Privatrechts gefunden
zu haben. Dieses System hat er seinen "ins t i tut i o n es" zugrunde
gelegt, einem einführenden Grundriß in vier Büchern, den er - viel-
leicht nach älteren Fassungen - um 160 in die überlieferte Gestalt
gebracht hat. Dieses Werk hätte, verglichen mit den anderen klassischen
Leistungen, gewiß nicht ausgereicht, dem Gaius Weltruhm zu verschaf-
fen, wenn es nicht das einzige Juristenwerk aus der klassischen Zeit
wäre, das uns selbständig, also außerhalb der Digesten Justinians und
der anderen nachklassischen Sammlungen, ziemlich vollständig und nahe-
zu unverfälscht erhalten geblieben ist. Die Handschrift wurde 1816 von
dem deutschen Historiker G. Niebuhrauf einem Palimpsest entdeckt, d. h.
auf einem nachträglich abgewaschenen und erneut beschriebenen Perga-
mentkodex, der in der Stiftsbibliothek zu Verona aufbewahrt wird. Rund
vier Fünftel der Handschrift konnten wieder lesbar gemacht werden.
Dieser Gaiusfund wirkte auf die historische Erkenntnis des vorklassi-
schen und klassischen Privatrechts und Zivilprozeßrechts wie eine
Offenbarung. Erst seit dieser Zeit besitzen wir eine geschlossene, wenn
auch nicht alle Gegenstände enthaltende Darstellung des klassischen
Rechts, die uns den Abstand erkennen läßt, der das Recht dieses Zeit-
alters von dem des Corpus iuris trennt. Viele Einzelheiten des klassischen
Rechts sind uns erst mit der Gaiusschrift bekannt geworden. Außerdem
bietet sie uns die wichtigste Handhabe, um in den übrigen Rechtsquellen,
die uns in nachklassischen Sammlungen überliefert sind, das Maß der
Überarbeitungen zu beurteilen. Die moderne Textkritik an den juristi-
S42. Die Hochklassiker 193

sehen Quellen und damit die volle Einsicht in die Leistung der Klassiker
wäre ohne den Gaiusfund nicht möglich geworden.
Als Lehrbuch sind die Institutionen eine wohlgelungene, anschauliche
und flüssig lesbare Darstellung. Der Stoff wird, wie wir sahen (o. § 38
111 2), erstmals systematisch gegliedert, das 1. Buch behandelt die
personae (mit Einschluß des Familienrechts), das 2. und 3. unter den res
das Sachen-, Erb- und Obligationenrecht, das 4. Buch unter actiones die
Ansprüche (Einreden usw.) und davon ausgehend Teile des Zivilprozeß-
rechts (mit einem Rückblick auf die alten legis actiones). Der Versuch, mit
neuen Einteilungen und Gruppierungen die Systematik zu fördern, wird
außer in der Gesamtanlage auch in manchen Einzelheiten sichtbar, wenn
auch nicht immer mit vollem Erfolg. Mehrere wichtige Gegenstände wer-
den nur flüchtig berührt, andere, wie Leihe, Verwahrung, Pfand, Mitgift,
völlig übergangen. Auch verträgt die Gedankenführung im ganzen nicht
den gleichen Maßstab strengjuristischer Exaktheit wie die Schriften der
anderen Klassiker.
Der erwähnte "codex Veronensis" wurde im 5. Jh. geschrieben, gibt
aber, obschon einiges gekürzt oder weggelassen wurde und anderes (in
Form von "Glossen", u. §51 II) hinzugesetzt ist, im wesentlichen wohl
die originale Fassung wieder. Manche nachträgliche Koderungen werden
eher aufNachlässigkeit desAbschreibers zurückgehen als auf Absicht. Die
Annahme einer umfassenden nachklassischen Bearbeitung ist nicht zu halten.
Die übersichtliche und leicht lesbare Darstellungsweise hat dem Werk
schon in der Antike weltweites Ansehen verschafft Daß es auch in
Xgypten benutzt worden ist, beweisen Bruchstücke aus nachklassischen
Handschriften, die dort 1927 und 1933 aufgefunden wurden, und von
denen der zweite Fund dazu hilft, einzelne Lücken der Veroneser Hand-
schrift zu schließen. Außerdem besitzen wir Fragmente einer "Gaius-
paraphrase" aus dem 5. Jh., die in Autun in Mittelfrankreich aufgefun-
den wurden (u. §51 III 4). Darin wird der Text für Unterrichtszwecke
mit den eigenen Worten des Bearbeiters wiedergegeben, der freilich den
Sinn nicht immer verstanden hat. Ein anderer ebenfalls umgestalteter
und verkürzter Auszug für die Praxis aus derselben Zeit, die "Gaius-
epitome", ist uns im westgotischen Römerrecht überliefert (u. §53 II 4).
Schließlich wurden in die Digesten und die Institutionen Justinians
Fragmente einer Schrift mit dem Titel .Gai rerum cottidianarum sive
aureorum libri VII" ("elementare Lehren aus dem Rechtsunterricht"
oder "goldene Worte") übernommen. Diese Schrift enthält die vermut-
lich frühnachklassische Bearbeitung eines Werks aus der klassischen Zeit,
das gleichfalls den Institutionenstoff wiedergibt, und zwar stellenweise in
einer vollständigeren Fassung als der cod. Veronensis. Vielleicht gehen
dieser und die res cottidianae auf eine gemeinsame Vorlage zurück.
13 6760 Kaser, Römisdte Redttsgesdtidtte
194 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

§ 43 Die Spätklassiker
I. Unter den Severenkaisern (193-235) erreicht die Klassik eine
letzte Blüte, die zu Anfang dieser Teilperiode im Schaffen Papinians
gipfelt. Noch einmal erhebt sich in seinem Genius das unmittelbare
juristische Anschauungsvermögen zu höchster Vollendung. Nach ihm
zeigt sich ein allmähliches Erlahmen der ursprünglichen Schöpfungskraft
Man richtet das Bemühen weniger auf neue Probleme und neue Lösun-
gen als auf die Sammlung und Sichtung der fast unübersehbar geworde-
nen klassischen Literatur. Man faßt den Ertrag der klassischen Denk-
kunst in umfangreichen Gesamtdarstellungen zusammen, die die
wichtigsten .i'i.ußerungen zu allen Problemen festhalten wollen, ~nd setzt
damit die enzyklopädische Richtung fort, die bereits in der hochklas-
sischen Zeit unter Pomponius begonnen hat. Doch sind es jetzt nicht
mehr die amtlosen Rechtslehrer, sondern wie Paulus und Ulpian die in
der Praxis stehenden Träger der höchsten Staatsämter, die ihre beste
Kraft auf diese Sammelarbeit verwenden. Zur sachlichen Fortbildung des
Rechts steuern diese Werke seltener bei. Diese liegt nach dem Versiegen
der Senatsgesetzgebung und der Fixierung des Edikts vornehmlich bei
den Kaisern, die, beraten von den führenden Juristen, in ihren Kon-
stitutionen neues Recht setzen. Gleichwohl gehören die Juristenschriften
auch in dieser Epoche noch zur Klassik und stehen hoch über den flachen
und vergröbernden Bearbeitungen, wie sie die Nachklassiker von ihren
Werken angefertigt haben.
Die Verbindung der Jurisprudenz mit den höchsten Staatsau f-
gaben wird in dieser letzten Teilperiode noch verstärkt. Die führenden
Juristen zählen zu den Ratgebern und Vertrauten des Kaisers und
bekleiden die wichtigsten .i'i.mter, vor allem das höchste, mit umfassen-
den Aufgaben der Justiz und Verwaltung verbundene, dem Ritterstand
vorbehaltene Amt des praefectus praetorio. Wie das syrisch-afrikanische
Kaiserhaus, so sind auch die Juristen jetzt provinzieller Herkunft, wenn-
gleich ihre Denk- und Ausdrucksformen keine Spuren ihres fremd-
stämmigen Ursprungs verraten.
Auch die d i da k t i s c h e Nebenströmung der hochklassischen Zeit
mündet nunmehr in die Hauptrichtung ein. Ulpian und Paulus verfassen
selbst Institutionenwerke, sie übernehmen gewisse systematische Ansätze
von den Schuljuristen und passen auch ihr sonstiges Schaffen dem Unter-
richtszweck an, den ihre Schriften mitverfolgen.
11.1. Eine Fortsetzung der besten hochklassischen Tradition bedeutet
am Beginn dieses Zeitabschnitts das Wirken des A e m i 1i u s Pa-
p in i an u s. Angeblich mit Septimius Severus verschwägert, soll auch er
aus Syrien oder der Provinz Afrika stammen. Er ist unter diesem Kaiser
§ 43. Die Spätklassiker 195

Vorsteher der Kanzlei a libellis (o. § 26 III 2) und seit 203 praefectus
praetorio. Caracalla ließ ihn 212 hinrichten, weil Papinian sich geweigert
haben soll, die von jenem ins Werk gesetzte Ermordung seines Bruders
und Mitkaisers Geta zu rechtfertigen. Die Gloriole des Märtyrers, der
für seine rechtliche Überzeugung das Leben opfert, trug dazu bei, sein
Ansehen bei der Nachwelt zu steigern. Seine Schriften gehören ganz den
praktisch-kasuistischen Literaturgattungen an. Seine Hauptwerke sind
»quaestiones« in 37 und »responsa" in 19 Büchern; dazu kommt eine
Monographie »de adulteriis" und ein kleines Werk »definitiones". Seine
Falldarstellungen sind durch ihre Gedankentiefe, die scharfe Erfassung
des juristisch Wesentlichen und die Treffsicherheit von höchster Meister-
schaft, wenn auch die Verständlichkeit, namentlich für die Nachwelt,
bisweilen unter der äußerst gedrängten Kürze des Ausdrucks leidet.
Schon die Nachklassiker feiern ihn als den größten unter den römischen
Juristen, und dieses Urteil hat sich bis in die Neuzeit erhalten. Mögen ihn
auch in der Frühklassik Labeo, in der höchsten Blütezeit Julian und
Celsus an Schöpfungskraft übertreffen, so steht er doch neben ihnen in
der ersten Reihe.
Von den Zeitgenossen Papinians seien genannt Claudius Try-
phoninus, zugleich mit jenem Mitglied des Staatsrates des Septimius
Severus, Verfasser einer kasuistischen Sammlung »disputationes";
Ca 11 istrat u s, Autor mehrerer kleinerer Schriften, die das Kaiserrecht
und die Verhältnisse des griechischen Ostens besonders berücksichtigen;
Tertullianus, der ein Quästionenwerk schrieb, und dessen Identität
mit dem Kirchenvater nach wie vor umstritten ist.
2. Die auf Sammlung und Ordnung des gesamten klassischen Schaffens
gerichtete Tendenz, die nach Papinian die Führung gewinnt, wird haupt-
sächlich in den gewaltigen Kommentarwerken des I u 1i u s Pa u 1u s und
Dom i t i u s U 1p i an u s sichtbar. Paulus, von unbekannter Herkunft,
war Schüler des Cervidius Scaevola, Ulpian, in Tyrus (Syrien) geboren,
Schüler Papinians. Beide waren adsessores des praefectus praetorio
Papinian, beide haben dem kaiserlichen consilium angehört und sind
zum Amt des Prätorianerpräfekten aufgerückt. Ulpian erreicht dieses
Amt 222, er wird vertrauter Ratgeber des jungen Kaisers Alexander
Severus; etwa 223 1 wird er bei einem Prätorianeraufstand ermordert.
Beide Juristen sind sich in ihrer Arbeitsrichtung und in ihren Fähig-
keiten nahe verwandt. Ihre Stärke liegt in der glänzenden Beherrschung
und Durchdringung der gewaltig angewachsenen Rechtsliteratur und in
der klaren und leichtyerständlichen Darstellungsweise. Zu den überaus
zahlreichen Problemen, die sie vortragen, haben sie noch verschiedentlich
in selbständigem und förderlichem Sinn Stellung genommen. Dabei zeigt
1 Nicht erst 228; das wissen wir jetzt aus Pap. Oxyrh. XXXI Nr. 2565.
t3•
196 II. Das Zeitalter des Imperialismus und der Weltherrschaft

Paulus im ganzen etwas mehr Originalität als Ulpian, freilich weniger


in der intuitiven Sicherheit der Entscheidung als in einer stärkeren
Neigung, die Rechtsbegriffe dogmatisch zu festigen, einer Tendenz, die
bereits von den Idealen der hohen Klassik wegführt und der nach-
klassischen Schuldoktrin entgegenkommt. Aber auch Ulpian verdient
nicht das vormals über ihn gefällte Urteil, das ihn als flachen und
unselbständigen Kompilator kennzeid:met.
Die Hauptwerke der beiden überaus produktiven Juristen sind breit
angelegte Kommentare. Paulus verfaßte ein Erläuterungswerk .,ad edic-
tum" in 80, eines ".ad Sabinum" in 16 Büchern; Ulpians noch umfang-
reicheres Werk zum Edikt zählt 83, das unvollendete zu Sabinus bereits
51 Bücher. An praktischen Schriften werden uns von Paulus ".responsa"
in 23, ".quaestiones" in 26 Büchern genannt. Von Ulpian dagegen ent-
halten die Digesten Justinians Ausschnitte aus einem Responsenwerk von
nur 2, aus ".disputationes" von 10 Büchern; freilich könnte es sein, daß
der Kommission Justinians bloß verkürzte Auszüge nachklassischen
Ursprungs aus umfangreicheren Werken des Klassikers vorgelegen haben.
Doch bleibt auch denkbar, daß wirklich der selbständiger schaffende
Paulus sich in der Fallbearbeitung stärker und erfolgreicher betätigt hat
als Ulpian. Von beiden Juristen werden uns ferner zahlreiche Einzel-
schriften genannt, darunter Kommentare zu kleineren Rechtsquellen,
Monographien über begrenzte Gegenstände und vor allem größere
Schriften kaiserrechtlichen Inhalts über die Aufgabenkreise (de officio)
der höchsten Beamten (o. § 40 I 6). Manche der unter den Namen der
beiden Juristen umlaufenden Werke, besonders einige der Monographien,
mögen erst in nachklassischer Zeit angefertigte Bearbeitungen von Ab-
schnitten aus den Kommentaren sein. Auf die sicher erst nachklassischen,
dem Paulus zugeschriebenen "sententiae" und die dem Ulpian unterscho-
benen ".regulae" und ".opiniones" kommen wir noch zurück (u. §51 III).
Bei den Nachklassikern haben die Schriften des Paulus und des Ulpian
wegen der Vollständigkeit, mit der sie die wichtigsten Ergebnisse der
Klassik bequem greifbar machen, bereitwillige Aufnahme gefunden. Sie
wurden schon bald nach dem Zusammenbruch der Klassik ausgiebig
verwertet und bearbeitet. Da sie in den nachklassischen Sammlungen und
besonders in den Digesten Justinians weit stärker vertreten sind als alle
anderen Klassikerschriften, besitzen wir vom Schaffen dieser beiden Spät-
klassiker ein verhältnismäßig deutliches Bild.
3. In der auf diese beiden Juristen folgenden, letzten Generation der
Klassik tritt die Neigung zu elementaren Einführungswerken stärker
hervor, die bereits zur Nachklassik überleitet. Wir erwähnen aus dieser
Zeit Aelius Marcianus, Verfasser von InstitUtionen in 16 Büchern
und kleineren Schriften, und Her e n n i u s Modest in u s, den die Ober-
§ 43. Die Spätklassiker 197

lieferung als letzten Klassiker anführt. Er war zwischen 224 und 244
prae/ectus vigilum und verfaßte außer einer Responsensammlung und
Monographien hauptsächlich Elementarschriften.
II I. Der jähe Abbruch der Klassik fällt zei dich und sachlich mit
dem endgültigen Versagen des Prinzipats zusammen. Der gemäßigte
Kaiserstaat hatte das Schaffen der hervorragenden juristischen Bega-
bungen getragen und den führenden unter ihnen in höchsten Staatsämtern
eine Wirkungsstätte geboten, auf der ihre Fähigkeiten auch der Praxis
zugute kamen. Mit dem Zusammenbruch dieser Staatsform und dem
Schwinden der Bedeutung Roms für das Gesamtreich mußte diese Glanz-
zeit in der Geschichte des juristischen Geistes zu Ende gehen.
Als nach einem halben Jahrhundert der Wirren das römische Staats-
wesen unter Diokletian in neuer Form zu Ruhe und Ordnung zurück-
fand, ließ sich die klassische Rechtswissenschaft nicht mehr zu neuem
Leben erwecken. Für einen frei schöpferischen Juristenstand, der nur
dem eigenen Rechtsgewissen verantwortlich ist, war in der absoluten
Monarchie mit ihrer völligen Unterordnung aller geistigen und poli-
tischen Kräfte unter den Willen des Herrschers kein Raum mehr.
An einer einzigen Stelle hat sich die klassische Tradition noch über die
Mitte des 3. Jh. hinaus bis zum Regierungsende Diokletians (305)
erhalten: in der kaiserlichen Res k r i p t e n k an z I e i (a libellis ). Dort
blieben fähige Juristen am Werk, die noch das klassische Recht beherrsch-
ten und seine Tradition bewahrten. Mit ihrer Hilfe zeigt sich Diokletian
in seiner umfangreichen Reskriptpraxis, die uns im Codex Justinians in
vielen Hunderten von Belegen überliefert ist, eifrig darum bemüht, das
klassische Recht gegen mangelnde Sachkenntnis bei den Justizorganen
und gegen provinziales, hauptsächlich hellenistisches Gedankengut durch-
zusetzen (s. o. § 35 II 3). Aber diese "quasi-" oder "epiklassische"
Richtung kämpfte auf verlorenem Posten. Sie verhinderte nicht, daß die
Schriften der klassischen Juristen schon im späten 3. Jh. mit der voll-
kommenen Verflachung des rechtlichen Denkens der Nichtachtung an-
heimfielen, die ihren textlichen Fortbestand bedrohte (u. § 51 I, II).
Nach Diokletian wenden sich die Kaiser bewußt von der klassischen
Ordnung und ihren Prinzipien ab und geben das Recht dem Rückfall auf
eine primitive, "vulgarisierte" Stufe preis. Erst viel später erwacht im
Osten eine neue Einsicht in den Wert des rechtswissenschaftliehen Den-
kens und damit das Verständnis für die Größe der klassischen Leistung.
Von diesen Entwicklungen und ihren Ergebnissen wird im letzten
Hauptteil unserer Darstellung zu handeln sein.
DRITTER TEIL

Das Zeitalter des Niedergangs


Vom Ende des 3. bis zum Ende des 6. Jahrhunderts

I. Abschnitt

Volk und Staat


§ 44 Der Zusammenbruch des Prinzipats. Die Ursachen
I. 1. Nach der staatsrechtlichen Idee des Augustus sollte der Prinzipat
nicht mehr sein als die wiederhergestellte Republik, zu der Augustus zu-
nächst nur für seine Person als zusätzliches Organ hinzutrat. In Wahr-
heit war jedoch schon diese Konzeption eine bloße Verschleierung der
wahren Machtlage, weil das politische Gewicht, das auf den Princeps
gehäuft wurde, alle staatliche Gewalt an sich zog und die bisherigen
Machtträger der Republik vollständig seinem Willen unterordnete. Auch
der Senat, den Augustus und seine ersten Nachfolger nod1 zu selbstän-
diger Mitarbeit an der Regierung hatten anregen wollen, geriet schon zu
ihrer Zeit in völlige Abhängigkeit vom Kaiser. Sein selbständiger
Wirkungskreis wurde durch unmittelbare Eingriffe des Kaisers mehr und
mehr verkürzt und ging allmählich in der umfassenden kaiserlichen
Zuständigkeit auf. Hatte Augustus noch den Schein gewahrt und sich
mindestens vor den Bürgern der Hauptstadt und in Italien nur als
"ersten Privatmann" gegeben, so haben sich die späteren Kaiser immer
mehr als absolute Herrscher gefühlt. Vor allem unter den Severern sind
Herkunft und Schranken der kaiserlichen Gewalt so gut wie vergessen.
Damit ist den Tatsachen, wenn auch nicht dem Recht nach die absolute
Monarchie hergestellt.
2. Der Übergang zur absolutistischen Verfassung der Spätzeit wurde
ausgelöst durch die Krise, in die das Reich in dem halben Jahrhundert
von 235 bis 284 geriet, einem Zeitalter, in dem die Revolution zum
Dauerzustand wird, und das in jeder Hinsicht zu den dunkelsten der
römischen Geschichte gehört; auch insofern, als unsere Quellenüberliefe-
rung aus dieser Zeit besonders dürftig und unklar ist. Es fehlt an einer
starken Staatsgewalt, vor allem an machtvollen Kaiserpersönlichkeiten,
die sich bei allen militärischen und politischen Machtgruppen hätten
§ 44. Der Zusammenbruch des Prinzipats. Die Ursachen 199

durchsetzen können, so daß die proletarisierten römischen Söldnerheere,


geführt von Kaisern und Gegenkaisern, auf dem Boden des römischen
Reichs einander in blutigen Bürgerkriegen befehden. Die Kaiser leben
von der launenhaften Gnade ihrer Truppen und werden, wenn sie ihre
Gunst verlieren, meist nach wenigen Regierungsjahren gewaltsam
beseitigt. Die Heere bedrücken schwer das römische Land, sie legen die
Landwirtschaft lahm, die für ihre Versorgung aufkommen muß, und
verwüsten die Gebiete, die sie durchziehen. Aber auch Handel und
Gewerbe kommen in den unruhigen und unsicheren Zeiten zum Still-
stand. Die Steuererträge gehen zurück, die erneut gesteigerten Geld-
bedürfnisse der Kaiser veranlassen weitere Münzverschlechterungen, und
die damit ausgelöste Teuerung vergrößert das Elend. Auch die äußeren
Feinde benutzen die Gelegenheit, in das geschwächte Reich einzufallen,
und es fehlte nicht viel, daß das Weltreich unter dem gleichzeitigen
Ansturm zerstörender Kräfte von innen und außen zusammengebrochen
wäre. Daß das geistige Leben in dieser Zeit fast völlig versiegte, ist
begreiflich. Mit ihm versank auch die Rechtswissenschaft in einen jähen
Abgrund.
3. Als Diokletian die staatliche Ordnung wieder herstellte, beseitigte
er die letzten Fesseln der kaiserlichen Gewalt und verschaffi:e der
unbeschränkten Monarchie die verfassungsmäßige Anerkennung. Damit
beendete er den Prinzipat auch formell und ersetzte ihn durch den sog.
Domina t, das absolute Herrenregiment. Seine Neuordnung beschränkte
sich aber nicht auf eine formale Korrektur, die die Staatsform den
wirklichen Machtverhältnissen angepaßt hätte. Geleitet von der Vor-
stellung, daß die Staatsgewalt nur durch eine völlige Unterordnung der
individuellen Freiheit unter einen machtvoll ausgestatteten Staatsapparat
sicher zu beherrschen sei, gab er dem Gefüge des Reichs mit seinen nach drei
Richtungen hin durchgeführten Maßnahmen eine neue Gestalt: a) Er tilgte
die letzten Spuren des ursprünglichen Stadtstaates durch die vollständige
Verwirklichung des Te r r i t o r i a 1reich s ; b) er schuf eine umfangreiche
und verzweigte, hierarchisch aufgebaute b e a m t e n s t a a t 1ich e Ver-
w a 1tun g; und c) er erneuerte, teilweise nach ähnlichen Prinzipien, den
Aufbau des Heeres.
4. Die Beweggründe für diesen staatlichen Neubau liegen jedoch nicht
nur in den aktuellen politischen Bedürfnissen, die aus den inneren Un-
ruhen und äußeren Kriegen dieser Zeit folgen. Wieder sind es vielmehr
neue kulturelle, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kräfte, die
nach längerer Vorbereitung in diesem Zeitabschnitt durchbrechen und
die geistigen und materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung des
Weltreiches umgestalten. Diese bedeutungsvolle Wende rechtfertigt es,
wenn die Geschiehtschreibung an diesem Punkt ein neues Zeitalter
200 111. Das Zeitalter des Niedergangs

beginnen läßt. Da die Wurzeln dieser Wandlungen schon tief in die


Prinzipatszeit hinaufreichen, müssen wir in diese Periode zurückgreifen,
um sie von ihren Anfängen aus zu verfolgen.
II. Die Ku 1tu r der späteren Republik und der Prinzipatszeit war
im ganzen noch eine spezifisch römische. Zwar stand sie unter der
befruchtenden Einwirkung des He 11 e n i s m u s, also der im gesamten
Gebiet der östlichen Randstaaten des Mittelmeers heimischen Misch-
kultur, in der das bei weitem am höchsten stehende griechische Element
die anderen, orientalischen Elemente entweder zurückgedrängt oder
veredelt hatte (o. § 16 I 2). Die römische Kultur hat jedoch, wenigstens
in der jüngeren Republik und der frühen Kaiserzeit, vom Hellenismus
keine ernstliche Verfälschung oder Ablenkung, sondern vielmehr den
Anstoß zur vollen Entfaltung ihrer eigenen römischen Wesensart emp-
fangen. Erst im späteren 2. Jh. beginnt sie den fremden Einflüssen
stärker nachzugeben.
Wir haben bereits gesehen (o. § 28), daß Rom in der späteren Prinzipats-
zeit seine Stellung als kultureller und politischer Mittelpunkt des Welt-
reiches allmählich einbüßt und auch Italien mehr und mehr aufhört, das
Kernland des Imperiums zu sein. Die Provinzen, seinerzeit bloße
Ausbeutungsgebiete für die regierenden Kreise des römisch-italischen
Stadtstaates, werden jetzt von den Kaisern als die wirtschaftlichen und
militärischen Stützpfeiler des Reiches erkannt. Sie beteiligen diese
Gebiete zu deren eigenem Vorteil wie zu dem des Reichs am wirtschaft-
lichen Aufstieg und gewähren ihnen gewisse politische Vergünstigungen,
eine, wenn auch beschränkte Se 1b s t ver w a 1tun g für ihre Gemeinden
und vor allem in immer weiterem Umfang das römische B ü r gerrech t.
Die schrittweise Erweiterung der civitas Romana beseitigte den Gegen-
satz zwischen den Bürgern und den bloßen Untertanen und damit schon
äußerlich die bevorrechtigte Stellung Roms und Italiens. Sie eröffnete
aber zugleich den Bürgern provinzieller Herkunfl, die nicht den italischen
Völkern angehörten, den Zutritt zu allen staatlichen Funktionen, also
zu allen zivilen und militärischen Führungsstellen im Reich sowie zum
römischen Senat und den- wenigstens formell -von ihm zu vergeben-
den Magistraturen. In der Tat zeigen sich schon im Lauf des 2. Jh. in
allen maßgeblichen staatlichen Stellungen die Anfänge einer U b er-
fremd u n g, besonders durch Angehörige der Völker des hellenistisdten
Ostens. Mit den Severern besteigt zum erstenmal ein Geschlecht orien-
talischer Herkunft den römischen Kaiserthron, das den Gedanken der
absoluten Staatsmacht energisch weiterverfolgt, aber auch das römisch-
italische Element in den leitenden Staatsfunktionen weiter beschränkt
oder vernachlässigt. Auch die allgemeine Bürgerrechtsverleihung durch
Caracalla im Jahr 212 wirkte über ihren konkreten finanzpolitisdten
§ 44. Der Zusammenbruch des Prinzipats. Die Ursachen 201

Anlaß (o. § 27 li 2) hinaus als ein Schlag gegen Rom und Italien. Hinzu
kommt, daß Rom seine Bedeutung als Residenzstadt einzubüßen
begann, indem die Kaiser ihren Wohnsitz in den Heerlagern aufschlugen
oder in Provinzstädten, je nachdem, wohin die Staatsaufgaben sie führten.
Nebenall diesen äußeren Gründen für den kulturellen und politischen
Rückgang darf schließlich die Erschöpfung und Vergreisung nicht
unterschätzt werden, die sich auf allen Gebieten des kulturellen Lebens
seit dem 2. Jh. immer deutlicher sichtbar macht. Das römische Geistes-
leben, das in der Kunst, der Literatur, der Philosophie sich schon seit der
jüngeren Republik stark an die viel ursprünglicheren Schöpfungen der
Griechen angelehnt hatte, wird jetzt vollends zum Abklatsch der zwar
selbst mehr und mehr vergreisenden, aber immer noch dauerhaften
hellenistischen Geisteswelt.
III. In engem Zusammenhang mit diesen Erscheinungen eines kultu-
rellen Niedergangs steht der wirtschaftliche und gesellschaft-
1ich e Verfall.
1. Der starke Auftrieb, den die Wirtschaft auf allen Gebieten des
römischen Weltreichs in den ersten Jahrzehnten des Prinzipats empfan-
gen hatte, hielt auf die Dauer nicht an. In Italien hatte sich, wie erwähnt
(o. § 27 I 2), dieser Aufschwung nicht voll entfalten können, weil die
außerordendich starke wirtschaftliche und gesellschaftliche Spannung
zwischen den übermäßig reichen Latifundienbesitzern und der spärlichen
und verarmten Landbevölkerung in einem Gebiet, das nach der Land-
flucht nur noch dünn besiedelt war, eine Besserung hemmte. Aber auch
in den Provinzen, denen der wirtschaftliche Aufstieg besonders zugute-
gekommen war, trat im 2. jh. ein Stillstand und allmählich ein Rück-
schritt ein. Die aus der wirtschaftlichen Belebung zu Reichtum gelangten
Kreise begnügten sich überall im Reich damit, von den Erträgnissen
ihrer angesammelten Vermögen und der Arbeit ihrer Sklaven oder
Pächter zu leben, und waren nicht mehr willens, Ruhe und Sicherheit für
neue und allenfalls gewagte Unternehmungen zu opfern. Diese auf den
bloßen Genuß des Vermögensertrags gerichtete Rentnergesinnung lähmte
den allgemeinen wirtschaftlichen Fortgang.
2. Auf der anderen Seite steigerte sich im Lauf der Prinzipatszeit
ständig der Geldbedarf des Staates oder, was damit praktisch
gleichbedeutend wird, des Kaisers. Die kaiserliche Hofhaltung wurde
unter dem Einfluß orientalischer Vorbilder immer prunkvoller und kost-
spieliger gestaltet. Die aus dem Osten stammenden Severer, die sich als
Weltherrscher fühlten, beanspruchten einen anderen Aufwand als der
"erste Bürger" Augustus. Auch die Unternehmertätigkeit des Kaisers,
besonders die Bauführung, hielt an. Vor allem aber fielen dem Fiskus
bedeutende Ausgaben zur Last, seitdem die Staatsämter nicht mehr, wie
202 III. Das Zeitalter des Niedergangs

die republikanischen Magistraturen, ehrenhalber und unentgeltlich wahr-


genommen wurden, sondern der Kaiser die von ihm ernannten Beamten
besoldete. Mit dem Ausbau der kaiserlichen Verwaltung in den Zentral-
stellen wie in den Provinzen nahmen die Kosten für den Personal-
aufwand ständig zu. Ebenso machten die Bedürfnisse der gewaltigen
Söldnerheere in dieser Zeit einen beträchtlichen Passivposten im kaiser-
lichen Haushalt aus.
Da der wirtschaftliche Aufschwung mit dieser Steigerung des staat-
lid:ten Geldbedarfs, wie wir sahen, nicht Schritt hielt, war schon im
2. Jh. die Steuerkraft des Volkes bis zum äußt:rsten angespannt. Die
Kriege Trajans und besonders Mark Aurels belasteten, obschon sie an
der Peripherie des Weltreichs geführt wurden und die Kernländer vor
den Schrecken unmittelbarer Einwirkungen verschonten, doch die staat-
liche wie die private Wirtschaft aufs schwerste. Zur Behebung der ewigen
Geldnot des Staates versuchte man mehrere Mittel, die freilich von vorn-
herein aussichtslos blieben, weil das Grundübel, die Stockung des Wirt-
schaftslebens, nicht beseitigt, ja durch den Steuerdruck nur verschlimmert
wurde.
3. Das eine dieser Mittel, die Vermehrung des Geldumlaufs, führte zur
Gelden t wertun g. Sie beginnt in der 1. Hälfte des 3. Jh. unter
Caracalla mit der Ausprägung von Antoniniani, Doppeldenaren, die, statt
aus Silber, aus Kupfer und nur oberflächlich versilbert sind. Als man in
der Abnutzung ihre Minderwertigkeit erkennt, verschwindet das gute
Gold- und Silbergeld aus dem Verkehr und die Preise ziehen an. Die
Folge waren im weiteren Verlauf Inflationserscheinungen größten Um-
fangs, auf die noch zurückzukommen ist (u. § 48 II 2). Daß damit die
Wirtschaftsnot vergrößert wurde, liegt auf der Hand.
4. Das andere, nicht minder gefährliche und im Ergebnis schädliche
Mittel mit weitverzweigten Folgen für die Wirtschaft und Gesellschaft
war die Vermehrung der Steuern und Abgaben und die Einführung der
öffentlichen Lasten.
a) Von der B es t e u e r u n g des Provinzialbodens, die in den Kaiser-
provinzen als direkte, in den Senatsprovinzen durch Umlegung auf die
Gemeinden durchgeführt wurde, war schon die Rede (o. § 27 II 4 ). Sie
beachtete durch eine Einteilung des Bodens in fünf Klassen immerhin
bereits die Ertragsfähigkeit. Daneben gibt es, wenigstens für das niedere
Landvolk, eine Kopfsteuer, die ungerecht ist, weil sie die Vermögens-
und Familienverhältnisse nicht berücksichtigt, ferner gewisse indirekte
Steuern, nämlich zu Lasten der römischen Bürger eine Freilassungs- und
eine Erbschaftssteuer, weiter eine (allgemeine) Gewerbesteuer, sowie Ein-
und Ausfuhrzölle. Mit der Steigerung der staatlichen Anforderungen
und der Schrumpfung der Wirtschaft wurde die Steuerlast immer
S 45. Die Neuordnung. Allgemeines 203

drückender, zugleich aber das Wirtschaftsleben noch mehr gedrosselt und


die Steuerkraft weiter geschwächt.
b) Außer mit der Besteuerung greift der Staat mit anderen Mitteln
noch viel unmittelbarer in das Leben der einzelnen Bürger ein. Hatte sich
Augustus noch darauf beschränkt, aus wo h I fahrt s s t a a t I ich e n Mo-
tiven mit seinen Reformen der Verwaltung und Justiz für das Dasein
der Reichsangehörigen vorzusorgen, so bereitet sich später der Obergang
zu einem "Zwangsstaat" vor, der die Lebensverhältnisse des Bürgers
autoritativ regelt. Schon unter Hadrian wird nach dem Muster hellenisti-
scher Staaten ein weitverzweigtes System öffentlicher Lasten (munera)
geschaffen, die jeden Bürger der italischen und provinzialen Gemeinden
treffen und seine persönliche Freiheit stark verkürzen. Sie beruhen auf
dem Gedanken, daß der Staat für die Vorteile, die er dem einzelnen
gewährt, von ihm Arbeiten und Leistungen fordern kann; eine Vor-
stellung, die in den vorrömischen Großreichen des Ostens mit ihren
ausgeprägten Untertanenverhältnissen und ihren durchgebildeten Steuer-
systemen ihre Heimat hat. Das unmittelbare Vorbild für diese Lasten
sind die "Liturgien", über die uns besonders die Papyri aus dem ptole-
mäischen und römischen .i\gypten unterrichten. Die Lasten bestehen für
die Masse der Gemeindebürger in bestimmten, meist niederen Arbeiten,
die teilweise mit Geld ablösbar sind, und von denen es beschränkte
Befreiungsgründe gibt.
Mit der Haftung gegenüber dem Staat für das Aufkommen der Steuern,
Abgaben und Lasten werden die Träger der Gemeindeämter und die
Mitglieder des Gemeinderates (decuriones) beschwert. Diese überaus
drückende persönliche Haftung schädigt die Oberschicht der Gemeinde-
bevölkerung schwer und führt dahin, daß Gemeindeämter immer
weniger begehrt werden. Der Staat greift in der Spätzeit zu grotesken
Mitteln, um den Dekurionenstand beliebter zu machen, z. B. zu dem
Privileg, daß das zum Gemeinderat bestimmte uneheliche Kind legi-
timiert wird. Der staatliche Druck zur Obernahme der Gemeindefunk-
tionen läßt die Selbstverwaltung immer tiefer sinken und entwertet die
Gemeinden damit auch für die Staatsinteressen.

§ 45 Die Neuordnung. Allgemeines


I. Wir sehen: Die Gefahr, die das römische Staatsgefüge der späteren
Prinzipatszeit am unmittelbarsten bedrohte, war der wirtschaftliche
Zusammenbruch. Die fortschreitende Verarmung und Verelendung der
Volksmenge durch die steigenden Anforderungen des Staates führte
einen Schwächezustand herbei, in dem es nur noch eines geringen An-
stoßes bedurfte, um eine Wirtschaftskrise größten Umfangs auszulösen.
204 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Diese Erschütterung mußte dann notwendig auch das politische und


kulturelle Leben ergreifen und einerseits die Fassade einer überlebten
Staatsform niederreißen, andererseits die untergrabene kulturelle Vor-
machtstellung Roms und Italiens zerstören. Von der Anarchie zwischen
235 und 284, in der dieser Umsturz eintrat, war schon die Rede
(o. § 44 I 2).
II. Der starken Hand D i o k 1e t i ans (284-305) gelingt es, dem
Reich den inneren Frieden zurückzugeben und eine neue Ordnung zu
schaffen, die dann von Konstantin dem Großen (306-337) um-
fassend ausgestaltet wird. Aber in diesem erneuerten Reich treten die
römischen Kulturelemente immer stärker hinter die des Ostens zurück.
Zwar ist Diokletians Blick noch nach der Vergangenheit und nach dem
Westen gerichtet; ihn leitet die Idee, das Römerturn der Prinzipatszeit
neu zu beleben, mag er auch bei der staatsrechtlichen Neuordnung bereits
neue Wege gehen. In diesem Geist führt er die lateinische Amtssprache
auch für den Osten ein.
Konstantin dagegen wendet sich in seinen politischen wie in seinen
kulturellen Bestrebungen bewußt den Vorbildern des Ostens zu. Von
ihm geht der Anstoß zu jener Kultur aus, die wir mit dem Namen der
von ihm durch Umgründung erneuerten östlichen Hauptstadt des Reiches
verbinden, der b y z anti n i s c h e n. Sie ist gekennzeichnet durch eine
vom Willen des allmächtigen Monarchen getragene Erneuerung des
Hellenismus, in der sich neben dem beherrschenden griechischen nun auch
stärker als zuvor orientalische, namentlich vorderasiatische, syrische,
jüdische und ägyptische Anschauungen und Einrichtungen geltendmachen.
So sehen wir auf die äußere Stellung des Monarchen, besonders das
Zeremoniell, den kulturellen Einfluß des Neuperserturns einwirken, das
in dieser Zeit an der Ostgrenze dem Reich als gefährlicher Gegner im
Kampf um die Vorherrschaft entgegentritt.
Die byzantinische Kultur ist eine typische Staats k u 1tu r, sie beruht
auf dem Willen des Monarchen, der alle geistigen und materiellen
Lebensbereiche durchdringt. Einen ihrer tragenden Pfeiler bildet sehr
bald das Christentum, das zeitweise freilich noch vom Streit der
Sekten verdunkelt wird. Hatte schon unter Caesar die Verehrung orien-
talischer Gottheiten in Rom begonnen und unter dem Prinzipat stark
zugenommen, so bedeutet die neue vom Osten kommende Lehre durch
ihren Ausschließlichkeitsanspruch eine Kampfansage gegen alle
bisherigen Religionen. Die Duldung des christlichen Glaubens im Mai-
länder Toleranzedikt von 313, seine Erhebung zur Staatsreligion durch
Theodosius d. Gr. 381 sichern der Kirche einen starken Anteil auch am
öffentlichen Leben, beschleunigen aber zugleich die Verdrängung der rö-
misch-antiken Kultur durch eine neue Geisteswelt.
S 45. Die Neuordnung. Allgemeines 205

III. Verschiebt sich damit der kulturelle Schwerpunkt nach dem Osten,
so darf doch auch weiterhin der römische Anteil nicht unterschätzt
werden. Den Rahmen der allumfassenden Kaisergewalt bildet immer
noch das römische Reich, wenngleich es nicht mehr von der alten
Hauptstadt aus beherrscht wird, ja die urbs Roma und ihre alten Organe
nur noch einen Schatten ihres alten Glanzes behalten (u. § 47 III 3). An
der Einheit des Reiches aber hält man fest, auch als man sich um der
leichteren Beherrschung willen dazu entschließt, seine Verwaltung zu
tei I en.
1. Auf die westliche Reichshälfte hat der Hellenismus, der dort
nicht bodenständig ist, zu allen Zeiten sehr viel schwächer eingewirkt.
Dort behielt dank der durchgreifenden Romanisierung die römische
Kultur ihre gesicherte Vorherrschaft und leistete dem eindringenden
Germanentum, dem sie kulturell und zunächst auch politisch überlegen
war, einen wirksamen Widerstand. Die Reichsteilung hat die Erhaltung
des Römerturns in der Westhälfte im ganzen begünstigt. Auch als in der
zweiten Hälfte des 5. Jh. das weströmische Reich der germanischen
Überflutung erlag, blieb doch das römische Element erhalten und hat die
mittelalterliche Kultur entscheidend mitgeformt. Dem römischen Recht
und der römischen Verwaltung kommt dabei eine maßgebliche Rolle zu.
2. Aber auch im 0 s t e n bewähren sich der römische Staat und als
eine seiner Grundlagen das römische Rech t als eine starke Klammer,
um das Reich zusammenzuhalten. Die Macht, mit der die römische
Rechtsidee auch im Osten fortlebt, wird sichtbar, wenn inmitten einer
griechisch denkenden und sprechenden Umwelt die Kaisergesetze in
lateinischer Sprache ergehen, und wenn dem Unterricht an den ost-
römischen Rechtsschulen die klassischen Juristenschriften im Urtext
zugrunde gelegt werden. Zum letzten Mal in der Antike wird das
römische Staatsbewußtsein erneuert, als im 6. Jh. Justinian aus dem
Gedanken einer Wiedergeburt des Römerturns das Reich noch einmal
einigt und das Recht in seinem großen Sammelwerk zusammenfaßt.
Auch er nimmt darin das Schaffen der juristischen Blütezeit noch in
seiner ursprünglichen sprachlichen Gestalt auf, obschon es damit der
Masse seiner Untertanen unzugänglich blieb. Seine Regierung bedeutet
in der römischen Geschichte eine letzte Machtentfaltung. Nach ihm gehen
nicht nur die wiedereroberten Westgebiete bald wieder verloren. Indem
sich Kultur und Politik endgültig von der römischen Tradition ab-
wenden, endet damit die anderthalb Jahrtausende währende römische
Geschichte, auch wenn ein byzantinisches Kaisertum noch jahrhunderte-
lang fortbesteht.
IV. Unsere Kenntnis von der Staatsgeschichte dieses Zeitalters
beruht zum Teil auf nichtjuristischen Autoren, vor allem den Histo-
206 111. Das Zeitalter des Niedergangs

rikern, wie Amm.ianus Marcellinus für das 4. Jh. und Prokop für die
Zeit Justinians; zum anderen Teil auf den juristischen Quellen, besonders
auf den Kaisergesetzen in den Codices Theodosianus und Iustinianus
und den Novellen; schließlich auf Inschriften aus allen Teilen des Reims
und ägyptismen Papyri.

§ 46 Die Dominatverfassung
I. Als Diokletian nach der jahrzehntelangen Aufeinanderfolge
smwämlimer Herrscher wieder ein starkes Regiment begründet, ver-
zichtet er auf die Besmränkungen der Vergangenheit und richtet eine
vollkommene und unverhüllte Alleinherrsmaft auf. Konstantin aber
gibt ihr die Gestalt einer orientalischen Autokratie. Der Kaiser
ist nicht mehr "erster Bürger", sondern "Herr und Gott" (dominus et
deus) wie vordem schon vereinzelt Domitian und Aurelian (270-275).
Seine Gewalt ist unbeschränkt, alles Land und alle Untertanen sind
seinem freien Willen unterworfen. Der Kaiser ist schon zu Lebzeiten und
überall Gott und genießt göttliche Verehrung, wie es seit alters für die
Großkönige des Orients gegolten hat und auch jetzt dem neupersischen
Herrscher zukommt, dem Rivalen um die Vorherrschaft im Osten und
Vorbild in der Formung der kaiserlichen Würde. Auch die Umdeutung
der Göttlichkeit des Kaisers in eine bloße Gottähnlichkeit, wie sie die
Anerkennung des Christentums fordert, nimmt der Stellung des Kaiscrs
nichts von ihrem Glanz. Die Machtfülle und der Abstand von den
Sterblichen drücken sich in der orientalischen Kleidung, dem gold-
bestickten Purpurgewand aus sowie im Diadem, der perlenbesetzten
Kopfbinde, weiter im persisch bestimmten Zeremoniell und der Ver-
ehrung, die jeder, der sich dem Kaiser nähert, durch "hündisches Sich-
niederwerfen" (Proskynesis) und Gewandkuß (adoratio) kundtun muß.
Alles, was den Kaiser angeht, ist heilig ( sacrum ), von seinem Schlaf-
gemach bis zu seinen Gesetzen und seinen Finanzen. Kaiser und Staat
sind eins, Hof- und Staatsverwaltung gehen unscheidbar ineinander
über. Das kaiserliche Privatvermögen (patrimonium) und das Staatsgut
(das res privata heißt!) werden nur zu Verwaltungszwecken unter-
schieden. Alle Gewalten im Staat sind vom Kaiser delegiert (u. § 47).
11.1. Die Ernennung des Kaisers durch Wahl des römischen Senats
ist zu bloßer Akklamation als politisch bedeutungsloser Formalität
verblaßt. In Wahrheit ernennen die Kaiser ihre Nachfolger regelmäßig
selbst und trachten dabei, durch die Einsetzung des Thronfolgers als
Mitregent, der schon zu Lebzeiten einen Teil der Macht empfängt, die
Nachfolge sicherzustellen. Doch machen zuweilen auch jetzt die Heere
und die höchsten Beamten ihre Einflüsse geltend. Die Familie des Vor-
§ 46. Die Dominatverfassung 207

gängers wird, obschon eine rechtliche Bindung an sie nicht besteht, mit
Vorliebe berücksichtigt. Wie immer aber der Kaiser zur Macht gelangt
sein mag, führt er sie doch stets auf göttlichen Willen zurück.
2. Ein seltsam lebensfremdes Nachfolgesystem erfand Diokletian:
Die beiden Kaiser als Augusti sollten je einen Mitregenten und Thron-
folger mit dem Titel Caesar ernennen. Nach der Abdankung der Augusti,
die nach 20 Jahren zu vollziehen war, oder nach ihrem Tod sollten die
Caesares ohne weiteres an ihre Stelle treten (Tetrarchie, Vierherr-
schaft). Die Auswahl dieser Thronfolger sollte nicht durch Familien-
rücksichten, sondern nur durch die Fähigkeit bestimmt sein. Als
Diokletian und sein Mitkaiser Maximian 305 abdankten, erhoben sich
aber sofort Thronstreitigkeiten, indem vor allem die Kaisersöhne sich
nicht übergehen lassen wollten. Die künstliche Ordnung Diokletians
konnte sich gegen das Spiel der Kräfte nicht durchsetzen und wurde
künftig preisgegeben.
III. 1. Die Te i 1u n g in eine östliche und eine westliche Reichshälfte
geht schon auf Diokletian zurück, sollte zunächst aber nur die Ver-
waltung erleichtern. Erst mit der Zeit wird die Spaltung vertieft. Die
beiden Kaiser sind rechtlich einander gleic:hgeordnet, aber nicht, wie
zuweilen in der Prinzipatszeit, im Sinne einer Gesamtherrschaft, die
jedem überall die gleichen Befugnisse gegeben hätte (o. § 24 I 2), sondern
mit räumlicher Teilung der Aufgabengebiete. Jeder Kaiser hat seine
eigene Residenz, eigene Zentralverwaltung, eigene Heere, auch Außen-
politik und Finanzen sind getrennt; doch wird nach Möglichkeit eine
Obereinstimmung in Politik und Verwaltung angestrebt. Die Gesetze
werden zwar im Namen beider Kaiser verkündet, sie gelten aber nur in
der Reic:hshälfte, in der sie erlassen wurden; in der anderen erst dann,
wenn sie auch dort verkündet sind.
2. Die Aufrechterhaltung der Reichseinheit wurde durch die tiefen
Gegensätze gefährdet, die die beiden Reichshälften voneinander
trennen. Während der Westen nach Volkstum, Sprache und Kultur im
ganzen römisch-lateinisch ist, hat sich im Osten der griechische Gesamt-
charakter stets behauptet. Die Ansätze einer Romanisierung, die der
Prinzipat dort mit begrenzten Zielen und mit beschränktem Erfolg unter-
nommen hat, gehen allmählich wieder verloren. Während sich aber im
Osten das kulturelle Leben auf ansehnlichem Niveau zu halten vermag,
fällt es im Westen rasch auf eine primitive Stufe ab. Das gleiche Schicksal
teilt die wirtschaftliche Entwicklung. Im reicheren Osten bestehen vor
allem Handel und Verkehr noch lange auf beachtlicher Höhe fort. Der
seit langem verarmte Westen dagegen kehrt vielfach zu den frühzeit-
liehen Formen der Naturalwirtschaft zurück. Demgemäß läßt sich im
Osten auch die staatliche Zwangswirtschaft, die das Steueraufkommen zu
208 S47. Die Verwaltung

sichern hat, leichter und erfolgreicher durchsetzen als im Westen. Dort


stellen die Latifundienbesitzer, die zugleich die maßgebenden Verwal-
tungsstellen in Händen haben, der häufig durch schwächliche Kaiser-
persönlichkeiten repräsentierten Zentralgewalt einen beträchtlichen
Widerstand entgegen.
Diese Gegensätze, vermehrt durch politische Spannungen, führen zu
einer steigenden Entfremdung zwischen Ost- und Westrom. Zeit-
weise haben die Kaiser einander sogar das Betreten des anderen Gebiets
untersagt. Um die Grenzen zwischen Orient und Okzident wird
gestritten, vorübergehend kommt es zu einer Dreiteilung. Dagegen
haben starke Persönlichkeiten, wie Konstantin und Theodosius 1., über
West und Ost als Alleinherrscher regiert. Nach dem Tod Theodosius' I.
(395) wird die Teilung endgültig, wenngleich man der Form halber auch
jetzt an der Reichseinheit festhält.
3.a) Das politisch und kulturell weniger widerstandsfähige West-
reich weicht schließlich dem zunehmenden Druck der einwandernden
Germanen; es geht 476 mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus
(Augustulus) durch den Skirenfürsten Odovakar zu Ende.
b) Das 0 streich dagegen war äußeren und inneren Gefahren
weniger ausgesetzt und bestand noch lange fort. Es hielt auch den
Anspruch auf den Westen zunächst aufrecht; im 6. Jh. gelang es
Justinian, die Kernländer des Westens, wenn auch nur für wenige Jahr-
zehnte, zurückzugewinnen. In der Gestalt des byzantinischen Kaiser-
reichs lebt das oströmische Reich mit ständig schrumpfendem Umfang
noch bis zum Sieg der Türkenherrschaft im 15. Jh. fort. Die Eroberung
Konstantinopels 1453 besiegelt seinen Untergang.

§ 47 Die Verwaltung
I. In der absoluten Monarchie der Dominatszeit richtet sich alle
staatliche Tätigkeit auf das eine Ziel, den Willen des allmächtigen Herr-
schers zu verwirklichen. Die kaiserliche Vollgewalt beruht auf einer
doppelten Stütze, der Beamtenschaft und dem Heer. Beide werden
straffer und wirksamer organisiert, erstens um sie für die Erfüllung ihrer
Aufgaben leistungsfähiger zu machen, und zweitens um ihre Abhängig-
keit vom Kaiser zu verstärken, also die Entstehung von Machtgruppen,
die dem Thron gefährlich werden könnten, zu verhindern. Dem gleichen
Zweck dient die Neugliederung des Reichs (u. III). Wir betrachten hier
nur die Zivilverwaltung.
Die völlige Bürokrat i sie r u n g des gesamten öffentlichen Lebens
ist das augenfälligste Merkmal des spätrömismen Staates. Sie beruht
auf mehreren Prinzipien:
§ 47. Die Verwaltung 209

1. Die zivilen und die militärischen Aufgaben sind vollständig


voneinander getrennt; nicht einmal die Bezirke des Verwaltungs- und
des Heeresaufbaues sind die gleichen. Damit ist jedoch vereinbar, daß die
Zivilverwaltung weithin nach militärischem Muster gestaltet wird. Sie
heißt militia ( cohortalis, im Gegensatz zur militia armata), und die
Titel und Uniformen der Beamten stimmen vielfach mit den militäri-
schen überein. Darin drückt sich die hohe Bedeutung aus, die man dem
Heerwesen schon seit den Kriegen des 2. Jh. beigemessen hat.- Dagegen
sind Verwaltung und Gerichtsbarkeit, die auch in der älteren
römischen Geschichte nur aus Zweckmäßigkeitsgründen zuweilen auf ver-
schiedene Organe verteilt waren, grundsätzlich voneinander geschieden.
Eine "Gewaltenteilung" (im Sinn Montesquieus) zur Sicherung der Unab-
hängigkeit der Rechtspflege ist der Antike unbekannt.
2. Die Beamtenschaft ist hierarchisch und zentralistisch
aufgebaut, also in einem System der Ober- und Unterordnung mit dem
Kaiser an der Spitze. Dabei steht der Zent r a 1verwaltung am kaiser-
lichen Hof (u. II) die Te r r i t o r i a 1verwaltung in den Außengebieten
(u. 111) gegenüber. Die Untergebenen sind der Befehls- und Strafgewalt
ihrer Vorgesetzten unterworfen. Diesem Unterordnungsverhältnis ent-
spricht auch die Abstufung der Titel und der Gehälter. Die drei obersten
Rangklassen heißen seit der Mitte des 4. Jh. in der hochtrabenden
Sprache jener Zeit illustres, spectabiles und clarissimi. Alle Beamten
werden durch kaiserliches Patent ernannt, dessen Verleihung hohe
Gebühren kostet, und zwar die höheren regelmäßig nur auf Jahresfrist;
nachher erhalten sie ein neues Amt oder stehen zur Disposition. Alle
Beamten sind besoldet. Wegen der Geldentwertung werden die Gehälter
vielfach in Naturalien veranschlagt und teils in solchen, teils in deren
jeweiligem Geldwert (adaeratio) ausbezahlt. Die Gehälter sind gering,
für die niederen Beamten ergänzen sie sich teilweise aus Sporteln, d. h.
Gebühren für einzelne Amtshandlungen, die dem Beamten zufließen.
Da diese Einkünfte nicht ausreichen, greifen alle Beamtenkreise von den
untersten bis zu den höchsten zu Bestechung und Erpressung. Um dieser
Korruption zu steuern, werden die Beamten ebenso wie die gesamte
Bevölkerung vom stets mißtrauischen Hof bespitzelt, der sich dazu teils
der Subalternbeamten bedient, teils besonderer Agenten (agentes in
rebus ), die auch den stärker militärisch organisierten Postdienst über-
wachen. Da aber die Spitzel selbst bestechlich sind, wird das übel nicht
geringer und der Aufwand für die Untertanen nur noch kostspieliger.
3. Die leitenden Beamten der Zentral- wie der Territorialverwaltung
sind nicht notwendig rechtskundig, sie haben aber rechtskundige Bei-
sitzer (adsessores ), die regelmäßig aus den advocati berufen werden.
1-4 6760 Kascr, Römische Recbtsgcscbicbte
210 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Jedem leitenden Beamten ist ein vielköpfiger Stab von Hilf s-


beam ten (officium) beigegeben (die Zahl schwankt, Ende des 4. Jh.
z. B. auf der Stufe der vicarii, u. 111 1, zwischen 200 und 400), die
wieder je nach ihren Aufgaben in genau bestimmten Rangverhältnissen
zueinander stehen.
I I. über den Aufbau der Beamtenschaft unterrichtet uns ein über-
liefertes Amtetverzeichnis für beide Reichshälften aus dem Beginn des
5. Jh., die Notitia dignitatum omnium tam civilium quam militarium
orientis et occidentis 1•
Bei der Zent r a 1v e rw a 1tun g, die in Ost und West gleichförmig
besteht, sind die Hof- und die Staatsämter nicht scharf voneinander ge-
schieden. Die wichtigsten Zentralämter sind: a) der magist er o f f i c i o-
rum, engster Vertrauter des Kaisers, Leiter der umfangreichen kaiser-
lichen Kanzleien, der Post, des Zeremonienwesens, aber auch Komman-
dant der Hoftruppen, die an die Stelle der seit Konstantin abgeschaff-
ten Prätorianer getreten sind, ferner der erwähnten Sicherheitspolizei
( agentes in rebus), die, indem sie die Territorialverwaltung überwacht,
die Macht der Zentralgewalt stärkt;- b) derqua es t o r s a c r i p a l a t i i,
hervorgegangen aus dem quaestor Augusti der Prinzipatszeit (o. § 25 I
3d), entwirft als Justizminister die Gesetze und die Gerichts- und Ver-
waltungsentscheide des Kaisers, die von der kaiserlichen Kanzlei auszu-
fertigen sind; - c) der c o m es (ursprünglich kaiserlicher Reisebegleiter)
sacrarum largitionum, Finanzminister, benannt nach den regel-
mäßigen Geldspenden des Kaisers an die Beamten und das Heer; -
d) der comes rerum privatarum, Domänenminister, weil die
Domänen, ungeheure Ländereien, Bergwerke usw., als res privatae des
Kaisers gelten. - Auch der Oberstkämmerer, praepositus sacri cubiculi,
war mit staatlichen Aufgaben, besonders finanzieller Art, im Zusammen-
hang mit dem Hof- und Staatshaushalt betraut.
Dem magister officiorum unterstehen die kaiserlichen Kanzleien
(scrinia, insbes. libellorum, epistolarum und memoriae, s. o. § 27 111 2),
mit je einem magister an der Spitze und einem bedeutenden Stab
von Vollzugsbeamten. Daneben besteht eine allgemeine Reichs-
k an z 1e i, besetzt mit tribuni und notarii unter einem primicerius
notariorum, der auch die Matrikel über sämtliche Beamten führt.
Alle angeführten höchsten Zentralbeamten und noch einige mehr sind
Mitglieder des Staatsrates (consistorium, "Umstanda, weil sie den
sitzenden Kaiser umstehen), der an die Stelle des consilium getreten ist;
hier werden vor allem die Gesetze und die Gerichtsentscheidungen des
Kaisers beraten.
1Ausgaben von A. Bö c k in g (mit Kommentar), 2 Bde., 1839/53, und von
0. See c k, 1876.
§ 47. Die Verwaltung 211

111. AhnlieheMerkmale wie die zentralezeigt auchdie Territorial-


ver w a 1tun g. Sie geht in den Anfängen auf Diokletian zurück und ist
vom Grundsatz straffster Zentralisierung beherrscht. Der Unterschied
zwischen Senats- und Kaiserprovinzen, der schon unter den Severern
praktisch bedeutungslos geworden war, wird aufgegeben, ebenso die
Sonderstellung Italiens und .i\gyptens. Das ganze Reichsgebiet wird neu
eingeteilt. Dabei werden die bisherigen Provinzen, die häufig volksmäßig
geschlossene Einheiten gebildet hatten, zerschlagen, weil man nach den
Wirren des 3. Jh. befürchtet, sie könnten sich eines Tages gegen die
Reichsgewalt erheben. An ihre Stelle treten kleinere Verwaltungsbezirke,
die sich leichter beherrschen lassen, ebenso wie man auch das Heer jetzt
auf kleineren, aber beweglicheren und schlagkräftigeren Einheiten auf-
baut.
l.a} Die neue Verwaltungseinheit heißt noch immer provincia, hat
aber, wie die Erhöhung ihrer Gesamtzahl auf 96, später 120, zeigt,
durchschnittlich nur ein Drittel bis ein Viertel des Umfangs der bis-
herigen Provinzen. Ihr Oberhaupt, praeses oder corrector, bisweilen
auch noch proconsul oder consularis, ist ausschließlich Zivilbeamter und
hat die gesamte Verwaltung einschließlich der Steuererhebung sowie die
·Gerichtsbarkeit inne. - b) Mehrere Provinzen sind zusammengefaßt in
eine Diözese, deren es 12 gibt; sie stehen unter je einem vicarius
(als Stellvertreter des Prätorianerpräfekten). - c) Mehrere Diözesen
sind vereinigt unter einem p r a e f e c tu s p r a e t o r i o, der indes seinen
Sitz an der Residenz des Kaisers hat. Allmählich bilden sich vier Prä-
fekturbezirke heraus, Oriens und Illyricum im Ostreich, ltalia und
Galliae im Westreich, doch hat, wie die Abgrenzung, so auch das Schema
dieser Präfekturen zeitweise gewechselt. Die Präfekten haben das Vor-
schlagsrecht und die Disziplinargewalt über die Beamten ihres Bezirks,
außerdem die Befugnis, allgemeine Rechtssätze durch Verordnung ein-
zuführen.
Für die Gerichtsbarkeit in Zivil- und Strafsachen sind die
Provinzstatthalter die erste Instanz. Gegen ihre Urteile geht die
Berufung regelmäßig an den Vikar oder an den Präfekten, ausnahms-
weise an den Kaiser. Da der Vikar, obwohl Vertreter des Präfekten
für den Bezirk der Diözese, eine selbständige, dem Präfekten nicht
untergeordnete Gerichtsgewalt hat, kann vom Urteil des Vikars nicht
an den Präfekten appelliert werden, sondern nur an den Kaiser.
Dagegen kann vom Urteil des Präfekten nicht mehr an den Kaiser
berufen werden, weil jener selbst an Stelle des Kaisers (vice sacra)
entscheidet. Die Gerichtsbarkeit liegt in dieser Zeit völlig in der Hand
von Beamtenrichtern; mit der Beseitigung der Geschworenen, die
in den Provinzen schon in der frühen Prinzipatszeit beginnt, im 3. Jh.
212 111. Das Zeitalter des Niedergangs

auf Italien übergreift und spätestens unter Diokletian auch in Rom


abgeschlossen wird, ist die Bürokratisierung der Justiz vollzogen. Die
cognitio extra ordinem (o. § 34 IV 2) ist jetzt ordentliches Verfahren
geworden und beherrscht allein das Feld.
2. Eine Sonderstellung im Aufbau des Reichs behält Rom und wird
auch dem "neuen Rom", der 326 von Konstantin (durch Umgründung
von Byzanz) geschaffenen Osthauptstadt Konstantinopel verliehen;
die dortige Stadtverfassung wird der römischen nachgebildet. Rom hat
seine Bedeutung als Mittelpunkt des Weltreiches nahezu völlig eingebüßt.
Es ist nicht mehr Residenzstadt; nachdem schon seit dem späteren
Prinzipat viele Kaiser in anderen Städten oder in ihren Heerlagern
residiert hatten, wird jetzt zuerst Mailand, später Ravenna regelmäßiger
Sitz des Westkaisers.
Nur ein schwacher Abglanz der verblichenen Machtstellung bleibt an
der alten Hauptstadt und ihren Verfassungseinrichtungen haften. Dem
Senat des alten oder des neuen Rom werden noch manche kaiserliche
Gesetze mitgeteilt, er gibt ihnen seine Zustimmung durch Applaus
(acclamatio ). Da jedoch seine eigenen Beschlüsse im wesentlichen nur
mehr die Angelegenheiten der Stadt betreffen, hat er praktisch die bloße
Funktion eines Gemeinderats. Die Zahl seiner Mitglieder wird auf meh-
rere Tausend erhöht, die aber nicht alle stimmberechtigt sind. Die
Mitgliedschaft kommt immer noch den Großgrundbesitzern zu, sie wird
außerdem den höchsten Beamten und Offizieren ehrenhalber verliehen.
Da die Mitgliedschaft erblich ist, begründet sie die Zugehörigkeit zu
einer besonders ausgezeichneten Standesgruppe. Die Senatoren genießen
manche Vorteile in Besteuerung und Gerichtsbarkeit, müssen aber dafür
bestimmte Lasten auf sich nehmen.
Die beiden Hauptstädte sind von der beschriebenen Territorial-
verwaltung ausgenommen. An ihrer Spitze steht ein dem Kaiser
unmittelbar unterstellter p r a e f e c tu s ur b i, dem der Senatsvorsitz, die
Verwaltung und die Gerichtsbarkeit zukommen. Von den republikani-
schen Amtern bestehen Prä tu r und Quästur nur noch mit unbedeu-
tenden Aufgaben fort. Die beiden K o n s u 1n, nach denen das Jahr
benannt wird ( consules ordinarii), ernennen die beiden Kaiser aus ihren
Reichshälften. Das Amt bewahrt zwar den äußeren Glanz, entbehrt aber
jeglichen Inhalts.
3. Die Selbstverwaltung der anderen Städte (municipia) ist im
Streben nach Zentralisierung eng begrenzt. Sie haben ihre Gemeinde-
verfassung (o. § 27 I 1, II 1) behalten, doch werden die Duovirn nicht
mehr gewählt, sondern auf Vorschlag des Vorgängers, der für sie
persönlich haftet, vom Gemeinderat ( curia) ernannt. Sie haben die
niedere Gerichtsbarkeit, von der die Berufung an den Provinzstatthalter
§ 48. Die Untertanen. Wirtschaft und Gesellschaft 213

geht. Außerdem obliegt ihnen in weitem Umfang die Steuererhebung,


für die, wie wir sahen (o. § 44 111 4b), die Gemeinderäte (decuriones)
mit ihrem Gesamtvermögen haften, eine unerhörte und sozialpolitisch
schädliche fiskalische Belastung. Mit der städtischen Gerichtsbarkeit kon-
kurriert jetzt eine Rechtsbetreuung durch einen Schutzbeamten für die
kleinen Leute (defensor civitatis) und durch die Bischöfe; davon wird
noch die Rede sein (u. § 48 111 2).

§ 48 Die Untertanen. Wirtschaft und Gesellschaft


Das Leben des einzelnen Untertanen war in der Dominatsperiode alles
andere als beneidenswert. Das absolutistische Regiment nahm ihm von
Rechts wegen jegliche individuelle Freiheit und lieferte ihn der Willkür
des Herrschers aus. Wie andere von Alleinherrschern regierte Staaten
zeigt auch der spätrömische die Tendenz, mit seiner Reglementierung
und seinem weitverzweigten Verwaltungsapparat in alle Lebensbereiche
der Bürger einzudringen. Der lähmende Druck, der auf den Untertanen
lastet, wird durch die wirtschaftlichen Nöte, die auf vielfältigen
Ursachen beruhen, noch verstärkt.
I. 1. Die Steigerung der staatlichen Eingriffe in die persönliche Freiheit
der Untertanen geht, wie uns die öffentlichen Lasten gezeigt haben
(o. § 44 111 4b), schon in die Prinzipatszeit zurück. In engem Zusam-
menhang damit schafft der Staat jetzt eine umfassende Zwangs-
o r d n u n g , die das gesamte b e r u f s s t ä n d i s c h e Leben regelt. Schon
in der Republik gab es für verschiedene Gruppen städtischer Erwerbs-
tätiger Berufsgenossenschaften als freiwillige Verbände ( collegia), die
seit dem 2. Jh. stark erweitert wurden. Am Beginn der Dominatszeit
werden sie jedoch in Zwangsinnungen ( corpora) umgewandelt, um
die nach Berufsklassen abgestuften Abgaben und Zwangsleistungen
( munera) sicherzustellen. Die Zugehörigkeit zu den Berufsverbänden wird
vererb I ich gemacht und der Standeswechsel durch Strafandrohungen
und andere Zwangsmittel ausgeschlossen. Außerdem wird die Bindung an
die berufsständische Organisation mit ihren feststehenden, zumeist sehr
drückenden Lasten auf a 11 e Berufsgruppen ausgedehnt. Sie sperrt nun-
mehr alle Berufsstände kastenmäßig voneinander ab und bewirkt, daß
sich die Stände nur noch aus den Kindern ihrer eigenen Angehörigen
ergänzen. Die Folge dieser Reglementierung ist eine eigentümliche
Erstarrung des gesellschaftlichen Lebens, in der wertvolle Begabungen
nicht selten verkümmern müssen.
2. Die berufsständische Abschließunb durch die vererbliche Zwangs-
mitgliedschaft im Berufsverband gilt für die Handwerker, die teilweise
nach hellenistischem Muster in verstaatlichten oder halbstaatlichen Groß-
214 III. Das Zeitalter des Niedergangs

betrieben (Manufakturen) zusammengefaßt werden; ferner für die


Kaufleute und die Gewerbetreibenden, und zwar mit weitgehender
Spezialisierung, wie in den mittelalterlichen Zünften; schließlich minde-
stens für die untere Schicht der Vollzugsbeamten (o. § 47 I 3). Eine
ständische Zwangsordnung besteht außerdem, wie wir sahen, für die
Gemeindeorgane, die durch die Haftung für das Steueraufkommen und
die Zwangsdienste besonders hart belastet wurden.
Die erbliche Bindung erfaßt aber auch die Oberschicht der beiden
Hauptstädte, den ordo senatorius, dem die Grundherren und die staat-
lichen Würdenträger angehören. Dieser Grundherrenstand entwickelt
sich im Westen zu einem Adel neuer Prägung, der vermöge seines Reich-
tums und der Herrschaft über die Kolonen (unten 3) dem Kaiser als
ein machtvoller Gegenspieler gegenübertritt. Neben dem Senatorenstand
wird als zweiter Stand immer noch die "Ritterschaft" genannt, während
der "Patriziat" nur einen vom Kaiser als Auszeichnung verliehenen
nichterblichen Adel bedeutet.
Besondere ständische Vorrechte bestanden weiterhin für das Heer, in
dem alsbald die Volksfremden, besonders die Germanen, überwiegen;
ferner für die Beamtenschaft und für die Geistlichkeit.
3. Auf dem Land führt das starre Berufszwangssystem zur Entstehung
des Kolonates. In der Prinzipatszeit hatte sich der Bestand der nur
wenig intensiv bewirtschafteten Latifundien in den Händen der senato-
rischen und ritterlichen Familien weiter vermehrt. Außerdem war als
reichster Grundherr der Kaiser mit seinen ungeheuren Domänen hinzu-
getreten. Die soziale Spannung zwischen diesen Großgrundbesitzern
(possessores) und den Kleinpächtern wurde durch den Wirtschaftsverfall
noch vergrößert. Der Staat suchte die Bebauung der ausgedehnten Öd-
ländereien (agri deserti) mit Mitteln zu fördern, die aus dem hellenisti-
schen Bereich stammen. Eines davon war die "Zwangszuteilung" (e7nßoA.~):
Das Ödland wird den bisherigen Grundbesitzern weggenommen und
Besitzern fruchtbaren Landes zugewiesen, die zum Zweck gleichmäßiger
Verteilung der Steuerlast auch die Lasten des Ödlandes übernehmen
müssen. Das andere Mittel war die Ausbildung einer neuen Rechtsform
für die Kleinpächter (coloni).
Die Kolonen behalten zwar ihre personenrechtliche Freiheit und blei-
ben vermögens-und ehefähig, sie verlieren aber die Freizügigkeit, indem
sie als servi terrae an die Scholle gebunden werden (glebae adscripti).
Sie können vom Grundeigentümer nur mit dem Grundstück, zu dem sie
gehören, veräußert und, wenn sie dieses verlassen haben, mittels
vindicatio zurückgeholt werden. Die Kolonenstellung ist vererblich und
ersitzbar; doch konnte auch die Befreiung ersessen werden. Indem so die
Kolonen kraft Rechtssatzes mit dem Boden verbunden sind, sichert man
§ 48. Die Untertanen. Wirtschaft und Gesellschaft 215

ihnen zwar den Unterhalt, mindert aber ihre Rechtsfähigkeit, ohne ihnen
eine soziale Aufstiegsmöglichkeit zu bieten. Im einzelnen bestehen Unter-
schiede in der Stellung der Kolonen in Ost und West und mit dem Wechsel
der Zeiten.
II. 1. In anderer Hinsicht macht sich die staatliche Zwangsgewalt in
den Steuern und Lasten (munera) geltend, die den Untertanen
obliegen. Die Sicherstellung dieser vielfältigen Verpflichtungen war der
Hauptanlaß für die oben beschriebene berufsständische Zwangsordnung,
weil sich das Maß der Lasten nach der Berufsgruppe richtete. Das System
der Arbeitslasten wurde in der Dominatszeit weiter ausgebaut und über
die Ostprovinzen hinaus, in denen es aufgekommen war, im ganzen
Reich durchgeführt.
2. Unter den vielfältigen Verpflichtungen, die der einzelne zugunsten
des Staates zu tragen hatte, sind die wichtigsten die Steuern und
sonstigen Geldabgaben. Der Geldbedarf des Staates wird in dieser
Periode durch die schon für die jüngere Prinzipatszeit genannten Um-
stände (o. § 44 III 2), die prunkvolle Hofhaltung und die kaiserlichen
Bauten, die Kosten für das Heer und den riesigen Beamtenkörper, die
Verpflegung und Unterhaltung der immer noch steuerfreien Haupt-
städte, gewaltig gesteigert. Demgegenüber bringen der wirtschaftliche
Verfall, die Zerstörung vieler Werte und Unternehmungen in der
Revolutionszeit des 3. Jh. sowie der Verlust reicher Grenzprovinzen
einen bedeutenden Rüdtgang der Steuerquellen mit sich.
Einen Hauptgrund für den Wirtschaftsverfall bildet die fortschreitende
Geldentwertung. Nach den bereits geschilderten Anfängen aus der
Severerzeit (o. § 44 III 3) bewirkt die Schrumpfung der Wirtschaft in
den Wirren des 3. Jh. eine weitere Preissteigerung, weil mehr Geld
umläuft, als der eingeschränkte Verkehr noch benötigt. Das entwertete
Kupfergeld faßt man, da die Antike kein Papiergeld kennt, in Beuteln
mit amtlicher Bezeichnung zusammen und behandelt dann den Beutel
(follis) mit 312 Doppeldenaren = 25 000 Sesterzen als Währungs-
einheit. Die Kaiser versuchen vergeblich, diesen Verfall aufzuhalten. Nach
einem Reformversuch Aurelians (durch Abwertung des Denars auf ein
Zwanzigstel) greift vor allem Diokletian durch Neuausgabe voll-
wertigen Gold- und Silbergeldes und verbesserter /olles ein (nach der
Parität 1 aureus oder solidus = 25 Silberdenare = 400 /olles). Da er
aber das schlechte Geld nicht gleichzeitig aus dem Verkehr zieht, bewirkt
die Schaffung neuer Zahlungsmittel nur eine weitere Preiserhöhung.
Einen anderen Weg versucht er mit der Anordnung eines Maxi m a 1-
t a r i f s, der durch ein Edikt von 301 eingeführt wurde und uns in
216 111. Das Zeitalter des Niedergangs

großen Bruchstücken inschriftlich erhalten ist 1• Darin wurden für alle


denkbaren Waren und Arbeiten Höchstpreise festgesetzt, deren Über-
schreitung sogar mit der Todesstrafe bedroht wurde. Aber die Wirt-
schaftspraxis setzte sich darüber hinweg und die Preise stiegen weiter
an. Konstantin erreichte wenigstens eine dauerhafte Stabilisierung des
Goldgeldes (1 solidus = 25 siliquae Silber = 240 /olles Kupfer). In
der Folgezeit wurde das Silber- und Kupfergeld weiter entwertet; die
Preise und die Steuern wurden nach Millionen bemessen oder auch nach
Scheffeln Weizen oder nach dem künftigen Weizenpreis zur Zahlungszeit.
3. Zugleich mit der Währung sucht Diokletian auch die der Land-
wirtschaft auferlegte Besteuerung zu verbessern. Sie beruht auf der
Grundsteuer (iugatio) und der Kopfsteuer (capitatio), belastet also
außer dem Boden auch die Arbeitskraft. Für die Grundsteuer dient als
Einheit die Hufe (iugum), d. h. diejenige Bodengröße, die ein Mann
bearbeiten kann und die ihn ernährt; danach wird die Steuerlast für jeden
Einzelfall nach Art und Güte des Bodens besonders berechnet. Der
Kopfsteuer wird der aus der Arbeitskraft berechnete Wert eines Kolonen
(caput) als Steuereinheit zugrunde gelegt, doch werden Frauen, Kinder,
Greise und Sklaven geringer eingestuft. Neben den zum Land gehören-
den Menschen (capitatio hominum) wird auch das Vieh besteuert
( capitatio animalium). Das System bedeutet durch seine Abstufungen
gegen früher einen Fortschritt, ist aber durch einseitige Berücksichtigung
der Fiskalinteressen schädlich, auch wurde es durch viele Steuerprivilegien
durchbrochen. - Daneben bestanden noch eine städtische Kopfsteuer
sowie verschiedene indirekte und Sondersteuern.
III.l. War nach alldem das Schicksal der großen Volksmenge durch
die allgemeine Verelendung und die drückende Zwangsgewalt des
Staates alles andere als günstig, so fehlte es ihr doch nicht völlig an
Schutz. In den Städten griff der Staat selbst ein, indem er seit Anfang
des 4. Jh. einen d e f e n so r c i v i tat i s als Anwalt der ärmeren Bevölke-
rung bestellte. Einen Schutz gegen Amtsmißbrauch lokaler Behörden hatte
vorher schon der curator ( rei publicae) ausgeübt, der im Lauf der
Prinzipatszeit als staatlicher Aufsichtsbeamter über die Städte eingesetzt
wurde, vor allem um die Zerrüttung der Gemeindefinanzen zu bekämp-
fen (o. § 27 I 3). Seitdem aber diese Kuratoren aus der Gemeinde selbst
besetzt wurden, verfehlten sie ihre Schutzaufgabe zugunsten der Bürger-
schaft. Man schuf deshalb das Amt des defensor, der aus den gehobenen
Ständen der Gemeinde gewählt und vom praefectus praetorio bestätigt
wurde. Er übte eine Schlichtungstätigkeit und später eine niedere Gerichts-
barkeit aus und zog von den unteren Schichten die Steuern ein. Vor allem
1 l11. Mo m m s e n - H. BI ü m n er, Edictum Diocletiani de pretiis rerum venalium.
1893.
§ 49. Die nadudassismen Entwicklungen. Allgemeines 217

aber sollte er das Volk vor Bedrückung durch die lokalen wie durch die
staatlichen Beamten schützen. Mit der Zeit gerät jedoch auch dieses
Amt unter den Einfluß der Beamtenschaft und verfehlt damit seinen
Hauptzweck.
2. Sehr viel wirksamer war dagegen der Schutz durch die Bischöfe.
Seit Konstantin ist die Selbständigkeit der Bischofskirchen (ecclesiae) in
ihren inneren Angelegenheiten gewährleistet. Die Glaubensgemeinden
wählen die Bischöfe selbst; nur in den Hauptstädten nimmt der Kaiser
darauf Einfluß. Die Bischöfe haben in allen geistlichen Fragen eine
unbeschränkte Gewalt über die Gläubigen, Klerus und Laien. Aber auch
in weltlichen Fragen genießen sie eine hohe, den staatlichen Behörden oft
überlegene Autorität. Ihr stärkstes Machtmittel ist die geistliche Zucht-
gewalt, die sie kraft göttlicher Vollmacht mit staatlicher Anerkennung
ausüben. Die Exkommunikation, die sie verhängen können, bringt seit
der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion für die Betroffenen,
vor allem für Beamte, schwere gesellschaftliche und wirtschaftliche Nach-
teile mit sich. Daneben üben die Bischöfe in Zivilsachen eine ausgedehnte
Schiedsgerichtsbarkeit aus (episcopalis audientia), die häufig mehr Ver-
trauen bei der Bevölkerung findet als die korrupte staatliche. Ob die
Bischöfe im 4. Jh. zeitweilig sogar gegen den Willen des Gegners, also
als Träger echter Gerichtsbarkeit, angerufen werden konnten, wenn der
staatliche Richter als befangen abgelehnt wurde, ist allerdings fraglich.
Das Verfahren ist rasch und billig, die Schiedssprüche werden von
Staats wegen vollstreckt. Auch in der Strafrechtspflege nehmen die
Bischöfe den Schutz der Angeklagten und Verurteilten wahr. Im ganzen
erweist sich die Kirche als die einzige Körperschaft, die im absoluten
Kaiserstaat den staatlichen Einrichtungen mit einer selbständigen Auto-
rität und einer die staatliche ergänzenden Wirksamkeit gegenübersteht.

II. Abschnitt

Das Recht und seine Quellen


§ 49 Die nachklassischen Entwicklungen. Allgemeines
I. Der Zusammenbruch der klassischen Jurisprudenz um die Mitte
des 3. Jh. war, wie wir bereits sahen, ein vollständiger. Die allgemeine
tiefe Erschütterung, die den Staat, die Kultur und die Wirtschaft in der
Revolutionszeit zwischen den Severenkaisern und Diokletian aufs
schwerste gefährdete, hat die produktive Kraft des römischen Juristen-
standes aufgezehrt. In der Monarchie aber, die Diokletian danach auf
218 III. Das Zeitalter des Niedergangs

der Grundlage eines unverhüllten Absolutismus aufrichtete, fand die


frei gestaltende Jurisprudenz keinen Lebensraum mehr. Die Gutachter-
tätigkeit der großen Klassiker, die sich nur dem selbständig schöpfe-
rischen Gerechtigkeitsbewußtsein verpflichtet fühlte, war schon gegen
Ende der Prinzipatszeit von der kaiserlichen Reskriptpraxis zurück-
gedrängt worden (o. § 34 111 4) und wird jetzt vollständig von ihr
abgelöst. Die Steigerung der kaiserlichen Macht verschaffi: dem Monarchen
das Monopol nicht nur der Redusetzung, sondern auch der autoritativen
Rechtsdeutung. Die höchsten Staatsämter, von denen aus die letzten
Klassiker noch als kaiserliche Berater, als oberste Gerichtsorgane und als
freie Respondenten und Schriftsteller eine unabhängige Rechtswissen-
schaft gepflegt hatten, bieten in der absoluten Monarchie dafür keine
taugliche Grundlage mehr. An die Stelle des freien Ratgebers tritt der
unterwürfige und unselbständige Vollstrecker kaiserlicher Befehle und
Weisungen.
11.1. Was dieser Verfall von der klassischen Jurisprudenz übrigläßt,
ist zunächst nicht mehr als eine elementare Rechtskunde, die einen
dürftigen Bestand an Rechtskenntnissen aufrechterhält, ohne daß man die
Feinheit und Schärfe der Klassik im entferntesten zu erfassen, geschweige
denn zu erreichen vermag. Diese "früh nach k I a s s i s c h e" Rechtskunde
aus der zweiten Hälfte des 3. und dem frühen 4. Jh. hatte ihren
Sitz noch im lateinischen Westen. Sie schlägt sich nieder in einer primi-
tiven Rechtsliteratur, die sich noch eng an den stofflichen Inhalt der
Klassikerschriften und der gleichzeitigen Kaiserkonstitutionen anschließt,
sie aber für die bescheidenen Anforderungen der Praxis und Schule dieser
Zeit auf vereinfachte und vergröberte Regeln zu reduzieren sucht. Zu
einer sachlichen Weiterbildung fühlen sich die Schriftsteller dieser
Richtung, die unter den Lehrern der elementaren Rechtsschulen zu
suchen sind, nicht berufen. Von dieser Richtung und der ihr zugehörigen
Literatur handeln wir unten in §51.
2. Erhebliche Eingriffe auch in die Substanz des bisherigen Rechts
führt dagegen die Vulgarisierung herbei, die unter Konstantin d.Gr.
die reichsrechtliche Ordnung zu überlagern und zu durchdringen beginnt.
Sie bedeutet die bewußte Abwendung von der hochentwickelten klassi-
schen Tradition und die Rückkehr zu laienhaften Anschauungen, die im
Volk oder bei nicht rechtsgelehrten Organen der Rechtspflege und bei
juristischen Elementarlehrern umlaufen. Im "Vulgarrecht", wie man die
Fülle dieser Erscheinungen zusammenfassend zu benennen pflegt, werden
auch die sachlichen Errungenschaften der vorklassischen und klassischen
Jurisprudenz, die wesentlich zur Größe des römischen Rechts beigetragen
hatten, in weitem Umfang wieder preisgegeben. Damit sinkt die Entwick-
lung auf eine primitive, vorwissenschaftliche Stufe zurück.
§ 49. Die nachklassischen Entwicklungen. Allgemeines 219

Die Ansätze zu dieser Vulgarisierung liegen bereits in der klassischen


Periode (o. § 35 111). Nach dem Erlöschen der klassischen Tradition, die
sich zuletzt nur noch in der kaiserlichen Reskriptenkanzlei erhalten hat
(o. § 43 111), dringt aber seit Konstantin vulgarisiertes Rechtsdenken
sogar in die Kaisergesetzgebung und damit in das offizielle Reichsrecht
ein. Dieses Vulgarrecht, dessen Niveau immer tiefer absinkt, bestimmt
jetzt das weitere Schicksal der weströmischen Entwicklung. Nicht
in der Gestalt des klassischen, sondern des Vulgarrechts wird das
römische Recht an die Nachfolgestaaten des weströmischen Reiches
weitergegeben und lebt dort im Mittelalter in der Auseinandersetzung
mit den germanischen Rechten fort.
3. In Ostrom dagegen wird dieser Niedergang der Rechtskultur,
obschon sich die Vulgarisierung zunächst auch dort geltend macht, auf-
gefangen von einer k 1a s s i z ist i s c h e n Gegenströmung, die eine erneute
Aufwärtsbewegung auslöst. Sie geht aus von den oströmischen Rechts-
sc h u 1e n, besonders der von Berytos (heute Beirut in Libanon), die im
5. Jh. ihre Blüte erreicht. Die hochgebildeten Rechtslehrer an diesen
Schulen erkennen die überragenden geistigen Werte, die die verschollen
gewesene und nun wiederentdeckte klassische Rechtsliteratur in sich birgt.
Sie sammeln und sichten das erhaltengebliebene Material an Juristen-
schriften und Kaiserkonstitutionen und bemühen sich darum, dieses
geistige Erbe für die Rechtswissenschaft ihrer Zeit nutzbar zu machen.
Der gleiche Geist des Klassizismus erfüllt den oströmischen Kaiser
Justin i an bei seinem Lebensplan, das römische Reich in seiner alten
Größe wiederaufzurichten. Diese Renaissanceidee bestimmt ihn zu dem
Entschluß, gestützt auf die Vorarbeit der Rechtslehrer und mit ihrer
Hilfe das Gedankengut der klassischen Jurisprudenz zusammen mit der
Kaisergesetzgebung in einem umfangreichen Sammelwerk zu vereinigen
und mit Gesetzeskraft der Nachwelt zu erhalten. Im Corpus iuris
Justinians, in dem sich das Recht der großen Vergangenheit mit den
Weiterentwicklungen der Zwischenzeit begegnet, finden sich Vulgarismus
und Klassizismus in einer fruchtbaren Synthese.
111.1. Von den Faktoren, die diese nachklassischen Entwicklungen
bestimmen, haben wir Vulgarismus und Klassizismus soeben
gekennzeichnet und kommen auf sie noch zurück. Auch den Wandel der
Staatsform haben wir bereits betrachtet, müssen jedoch feststellen,
daß er auf das Privatrecht, bei dem die bedeutendste Leistung des
römischen Rechtsgeistes liegt, keinen nennenswerten Einfluß ausgeübt
hat . .i\hnlich steht es mit den einschneidenden wirtschaftlichen und
g es e 11 s c h a f tl ich e n Neuerungen dieses Zeitalters, dem Staatssozia-
lismus, der mit seinem Zwangssystem alle Lebensbereiche durchdringt
und die individuelle Freiheit einschnürt (o. § 48). Auch die Fülle dieser
220 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Erscheinungen, die hauptsächlich in verwaltungsrechtlichen Gesetzen


stehen, haben die Privatrechtsordnung nur in einzelnen ergänzenden
Bestimmungen (wie etwa im Sklavenrecht oder beim Kolonat und der
b:tßoÄ~) berührt.
2. Stärkeren, wenngleich begrenzten Einfluß auf die Privatrechts-
entwicklung dieser Zeit hat die He 11 e n i sie r u n g, die sich aus der
Verschiebung des kulturellen Schwerpunkts nach Osten, namentlich seit
Konstantin, erklärt. Dreierlei Erscheinungen sind zu beobachten: a) Das
Eindringen griechischer Kulturelemente von a 11 gemeiner Art reicht
bereits bis in die altrömische Periode zurück; man denke an die Auf-
zeichnung des XII-Tafelgesetzes und den Gebrauch der Schrifl im Rechts-
verkehr. Die Sc h r i f tl ich k e i t wird in der nachklassischen Zeit
erheblich verstärkt; das Vulgarrecht verlangt die Schriftform für alle
wichtigeren Rechtsakte, und auch die justinianische Gesetzgebung hält
(wenngleich mit Lockerungen) daran fest. - b) Die hellenistische
Rhetorik, deren Einfluß sich in der Tradition der klassischen Juristen
und der damaligen Kaiserreskripte noch in engen Grenzen gehalten hat,
beherrscht jetzt den Denk- und Ausdrucksstil sowohl der kaiserlichen
Kanzleien wie der oströmischen Rechtsschulen. Auch die p h i 1o so-
p h i s c h e Bildung der oströmischen Rechtslehrer hinterläßt ihre Spuren:
Die griechische Willenslehre äußert sich in einer bisweilen übermäßigen
Beachtung des Willenmoments bei der Auslegung der Rechtsakte, die
hellenistische Schuldlehre in einer rein subjektivistischen Deutung der
Verschuldenstatbestände (dolus, culpa). - c) Eine unmittelbare
Herübernahme konkreter Rechtseinrichtungen aus griechischem oder
orientalischem Rechtsgut bleibt demgegenüber vereinzelt. Sie findet sich
noch am ehesten im Personen- und Familienrecht (bei manumissio in
sacrosanctis ecclesiis; arrha sponsalicia; donatio ante nt4ptias), hier
zumeist schon im 4. Jh. Justinianische Neuerungen solcher Art (wie bei
der sog. adoptio minus plena) sind dagegen auf den Osten beschränkt.
Die Eintrittsstelle dieser hellenistischen Infiltrationen ist regelmäßig die
Kaisergesetzgebung; nicht die Rechtsschule, die sich zu solchen Neuerungen
nicht berufen fühlt.
Im ganzen hat der sporadische Charakter dieser hellenistischen
Einwirkungen den römischen Gesamtcharakter der spätrömischen Rechts-
ordnung nicht angetastet. Ihre Kennzeichnung als hellenistisch oder gar
byzantinisch, wie das vor wenigen Jahrzehnten Mode war, ist heute als
verfehlt anerkannt.
3. Auch der Einfluß des C h r ist e n tu m s hat hauptsächlich das
öffentliche Recht ergriffen, aber nur oberflächlich das Privatrecht. Die
Moraltheologie, die auf die Lehren der Kirchenväter zurückgeht, hat
auf das weltliche Recht nur wenig abgefärbt. Die Beschlüsse der Kon-
§ 49. Die nachklassisdten Entwidclungen. Allgemeines 221

zilien binden primär die Kirche, nicht den Staat. Hinzu kommt, daß
die Zeit Konstantins die Auswirkungen der christlichen Lehre auf die
soziale Ordnung noch nicht deutlich erfaßt hat; erst unter Justinian
gewinnen sie festere Gestalt. Sicher erkennbar sind bereits seit Kon-
stantin die Einflüsse auf das Eherecht.
Die Voraussetzungen und die Wirkungen der Ehe werden genauer und strenger
geregelt; doch läßt man den Konkubinat als anerkannte Lebensgemeinsdtaft minderen
Rechts bestehen. Die im älteren Recht herrschende Freiheit der Ehesdteidung wird durch
Strafdrohungen gegen grundlose Scheidung eingeschränkt. Die Lehre von der Sakra-
mentsnatur der Ehe, aus der man ihre Unauflöslichkeit zu Lebzeiten gefolgert hat,
gebt jedoch erst ins 10. Jh. zurück. Die antiken Beschränkungen der Wiederverheiratung
nach dem Tod des anderen Ehegatten stützen sich weniger auf religiöse Gebote als auf
den Zweck, die Kinder aus der früheren Ehe zu schützen. Ansprüche der Kirche auf
eine den Staat bindende Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit in Ehesachen haben die
spätrömischen Kaiser nodt nicht anerkannt.
Im übrigen Privatrecht, namentlich im Vermögensrecht, lassen sich nur
vereinzelte christliche Neuerungen feststellen; etwa solche, die auf das
Motiv der Milde und Barmherzigkeit (clementia, misericordia) zurück-
gehen. Das Gebot der Menschlichkeit (humanitas, pietas) aber ist
schon der stoischen Philosophie bekannt und hat von dorther die
Juristen und Kaiser der klassischen Zeit beeinflußt. Die Grundpfeiler der
antiken Sozialordnung sind jedenfalls vom Christentum nicht verrückt
worden; insbesondere nicht die Sklaverei, an deren Bestand man festhält,
auch wenn man menschliche Behandlung der Sklaven fordert und ihre
Freilassung begünstigt. Andererseits hat das Christentum im Straf-
recht die grausame Verschärfung der Strafdrohungen - gegen
Ungläubige, Heiden, Ketzer usw., aber auch für profane Verbrechen -
und die Härten des Strafvollzugs nicht verhindert. Im ganzen ist der
Bereich, in dem das Christentum auf das Rechtsleben der Spätantike
fördernd eingewirkt hat, weniger die Formung des Rechts als das
Wirken der kirchlichen Organe, namentlich die episcopalis audientia
(o. § 48 III 2).
5. Am stärksten wirkt auf das nachklassische Privatrecht die i\nderung
des Prozeßverfahrens ein. Das klassische Privatrecht bezieht sich,
was seine gerichtliche Durchsetzung angeht, zum allergrößten Teil auf
das "ordentliche" Zivilprozeßverfahren, den Formularprozeß (o. § 32
III 2). Dieser Ordnung ist eine besonders innige Durchdringung
materiellrechtlicher und prozeßrec:htlic:her Elemente wesentlich; das wird
z. B. schon darin sichtbar, daß die Grundbegriffe actio (sowohl "Klage"
wie "Anspruch") und exceptio ("Einrede" im prozessualen und sekundär
im privatrechtliehen Sinn) beiden Gebieten angehören. Das Formular-
verfahren mit Geschworenen, auf deren Auslese die Parteien einen
Einfluß haben, kommt jedoch schon in der Prinzipatszeit außer übung;
222 111. D:u Zeitalter des Niedergangs

zuerst in den Provinzen, später in Italien, zuletzt - spätestens unter


Diokletian - in Rom (o. § 47 III 1). Es war in den Provinzen vielfach
nur in degenerierter Gestalt gehandhabt worden, indem der Statthalter
den Parteien einen beamteten Richter und allenfalls ein von ihm
entworfenes Prozeßprogramm aufnötigt; auf diesen entstellten, dem
Kognitionsprozeß stark angenäherten Prozeß wird es sich beziehen,
wenn ein Gesetz der Söhne Konstantins von 342 (Cod. 2, 57 [58], 1)
den Gebrauch der iuris formulae als "silbenstecherisch" endgültig
verbietet. Mit dem Verschwinden des Formularprozesses gewinnt die
Beamtenkognition, die im klassischen Rom nur als "außerordentliche"
für Sonderfälle bestanden hatte (o. § 34 IV 2), die Alleinherrschaft.
Mit dieser Umstellung der Verfahrensordnung wird aber das klassi-
sche Privatrecht, das als solches über die klassische Periode hinaus fort-
besteht, aus seiner Verklammerung mit den Prozeßeinrichtungen gelöst.
Das hat zur Folge, daß viele Äußerungen zum klassischen Privatrecht,
die die entsprechenden Prozeßeinrichtungen voraussetzen, nicht mehr
richtig verstanden werden. Sie müssen jetzt auf die andersartigen Ein-
richtungen des Kognitionsverfahrens umgedeutet werden. Daß sich dabei
auch ihre materiellrechtliche Substanz ändert, ist unvermeidlich.

§ 50 Die nachklassische Rechtsordnung


I. 1. Das nachklassisdte Recht strebt der Verein h e i t 1ich u n g zu.
Die dem klassischen Recht eigentümlichen "Rechtsschichten" werden jetzt
gegenstandslos. - a) Der Gegensatz zwischen ius civile und ius gentium
war sdton mit der constitutio Antoniniana, die allen freien Reichsunter-
tanen das römische Bürgerrecht verlieh und sie damit dem ius civile
unterstellte, praktisch hinfällig geworden. - b) Auch der Gegensatz
von ius civile und ius honorarium erweist sich bereits in der späteren
Prinzipatszeit als überlebt. Er beruht auf dem Grundgedanken, daß der
Magistrat nicht fähig sei, die Volksgesetze (und was ihnen gleichsteht)
abzuändern oder aufzuheben. Aber erstens stirbt die Volksgesetzgebung
schon Ende des 1. Jh. ab. Zweitens hat man schon längst zuvor keine
Bedenken gehabt, überholtes ius civile durch prätorisehe Neuerung, wenn
auch nicht als formell aufgehoben, so doch als nicht mehr praktikabel
zu behandeln (o. § 32 IV). Mit der Fixierung des Ediktswortlauts unter
Hadrian erstarrt dann auch das Honorarrecht. Unter Diokletian ver-
schwindet in Rom die prätorisehe Jurisdiktion vollständig und wird vom
Kognitionsverfahren vor dem praefectus urbi abgelöst. - c) Das
Kaiserrecht endlich, das alle Rechtsgebiete erfaßt und mit der Zeit
alle anderen Faktoren neuer Rechtsbildung zurückdrängt, greift von
S 50. Die nachklassische Rechtsordnung 223

vornherein auch in die Bereiche der anderen Rechtsschichten ein. In der


späteren Klassik wird es geradezu als ius civile aufgefaßt (o. § 34 IV 1).
2. Sind die Schranken zwischen den Rechtsschichten fortgefallen, so
wäre es damit möglich geworden, die Rechtsordnung zu einem einheit-
lichen System zu verarbeiten; doch fehlte es dafür ebenso am Willen wie
an der Kraft. Vielmehr wird jetzt ein Gegensatz von anderer Art sicht-
bar: Das alte überkommene Recht, wie es in den bisherigen Rechts-
quellen enthalten und in den Juristenschriften verarbeitet ist,
wird als ",ius (vetus)" zusammengefaßt. Ihm tritt das neue Recht
gegenüber, das die absoluten Herrscher, von denen alle Rechtsetzung
ausgeht, in ihren Kaisergesetzen (Leges) schaffen. Diese Leges gehen
dem ius vor.
II. In der Auffassung des fortlebenden alten Rechts tritt eine
bedeutsame Wandlung damit ein, daß die klassische Rechtsliteratur in der
Gestalt, in der sie fortbesteht (dazu u. § 51), nun als unmittelbar
anwendbare Rechtsquelle verstanden wird. Hatte die klassische Zeit die
primär verbindlichen Rechtsquellen in den Leges, senatusconsuLta, edicta
magistratuum, constitutiones principum usw. gesehen, und hatten die
ltußerungen der juristischen Literatur nur der Verarbeitung dieser
Primärquellen gedient, so kehrt sich das Verhältnis jetzt um: Die
Juristenschriften und die Kaiserkonstitutionen werden trotz ihres ufer-
losen Umfangs nun als primär verbindliche Quellen behandelt, und die
alten Leges usw. gelten nur noch so, wie sie in der genannten Literatur
anerkannt und verarbeitet sind. Zu den praktischen Schwierigkeiten, die
daraus folgen, s. u. § 52 I.
III. 1. Die Setzung neue n Rechts ist in der absoluten Monarchie
dem Kaiser vorbehalten (und etwa dem prae/ectus praetorio, den der
Kaiser dazu delegiert). Folgerichtig wird für die Kaisergesetzgebung
dieser Periode der seit dem Erlöschen der Volksgesetzgebung gegen-
standslos gewordene Name der Leges wiederaufgenommen. Die Kaiser
des 5. und 6. Jh. versichern zwar, sie wollten ihre Gesetze nach
Anhörung des Senats und des Konsistoriums erlassen, doch liegt darin
keine verfassungsrechtliche Beschränkung, auch haben sie dieses Vor-
haben nicht immer befolgt.
2. Die Kaiser bedienen sich teilweise noch der überkommenen F o r-
men der edicta, mandata, decreta und rescripta (o. § 34 III), doch
verlieren diese Unterschiede allmählich an Bedeutung. Der Gegensatz
zwischen den generellen und den nur für den Einzelfall ergehenden
A.ußerungen des kaiserlichen Willens wird dadurch gemildert, daß man
auch den speziellen eine allgemeine Geltungskraft beizulegen neigt. So
erklärt es sich, daß etwa Valentinian III. im Jahr 426, um der durch
die Oberfülle der Reskripte drohenden Rechtsunsicherheit zu steuern,
224 111. Das Zeitalter des Niedergangs

deren Geltungskraft regelmäßig auf den Einzelfall beschränkt (Cod. 1,


14, 3); anders später wieder Justinian.
a) Die allgemeinen Anordnungen, Ieges genera/es, ergehen zumeist
als Leges edictales, die sich in Briefform ad populum, ad senatum, an den
praefectus praetorio oder andere kaiserli<he Beamte wenden. Obschon
sie sich geschichtlich von den Edikten herleiten, stehen sie doch den
orationes principis näher, in denen im 3. Jh. die senatusconsulta fort-
leben (o. § 30 111 2e). Die Ediktalgesetze lösen praktisch auch die
mandata ab, doch gelten die in den libri mandatorum zusammengefaßten
Dienstinstruktionen an die verschiedenen Beamtenkategorien weiter.
b) Von den für ein z e 1n e Rechtsfälle bestimmten Rechtsäußerungen
des Kaisers ergehen jetzt auch seine Urteile ( decreta), die er regel-
mäßig nur mehr in letzter Instanz erteilt, in Form eines Reskripts. Da-
neben bestehen die rescripta auf Parteiantrag fort, die für den Richter
verbindlich sind, sofern der vorgetragene Sachverhalt der Wirklichkeit
entspricht ( si preces veritate nituntur ). Die Einholung des kaiserlichen
Reskripts kann zur Einleitung des Prozeßverfahrens führen, wenn im
Reskript ein Richter delegiert wird, der über den Streitfall entscheiden
soll (sog. Reskriptprozeß). - Zu den Formen kaiserlicher Rechtsetzung
für den Einzelfall gehört auch die adnotatio (wohl Entscheidung durch
einen auf die Eingabe gesetzten Randvermerk) sowie die sanctio prag-
matica, vielleicht eine Einzelentscheidung von allgemeiner Bedeutung,
die zwischen den beiden Gruppen der allgemeinen und der speziellen
Anordnungen steht.
Die Gesetze werden zwar im Namen beider (oder aller drei) Kaiser
erlassen, sie treten aber offenbar schon seit 338 nur in dem Reichsteil
in Kraft, in dem sie verkündet werden. Den Verkündungsort nennt die
Datierung am Ende des Wortlauts (subscriptio). Erst der Codex Theo-
dosianus (u. § 52 II 1), der in beiden Reichsteilen verkündet wurde, hat
die darin aufgenommenen Gesetze auch in der anderen Reichshälfte in
Kraft gesetzt.
Hatten sich die Reskripte - nicht auch die Edikte - noch bis
Diokletian an die Gedankenwelt und die Ausdrucksformen der klassi-
schen Jurisprudenz angelehnt, so zeigen die Kaisergesetze seit Konstantin
in Inhalt und Form die Abwendung von den klassischen Vorbildern.
Sie werden breit und schwülstig im Ausdruck., unklar, ungenau und
gedankenarm im Inhalt. Sind sie, wie häufig, durch konkrete Fälle ver-
anlaßt, so gelingt es nicht, die Norm für den beabsichtigten allgemeinen
Zweck. sachgemäß zu formen; man bleibt am Sachverhalt des Einzelfalls
hängen und läßt die abstrahierende Technik des Gesetzgebers vermissen.
3. Zu den Sammlungen der Kaisergesetze s. u. §51 IV, §52 II.
IV. Nachdem vermutlich schon in klassischer Zeit unter aristoteli-
§ 51. Die frühnachklassische Rechuliteratur 225

schem Einfluß neben dem geschriebenen Recht ( ius quod ex scripto


constat) auch ein ungeschriebenes (sine scripto) anerkannt worden ist,
das auf den tacitus consensus omnium zurückgeführt wird, stellt die
nachklassische Doktrin in West und Ost die consuetudo der Gesetzgebung
gleich und gelangt damit zur Denkform eines Ge wohn h e i t s rechts.

§ 51 Die frühnad,klassische Rechtsliteratur


I. Zwischen 250 und 320 fiel die klassische Rechtsliteratur- Juristen-
schriften wie Kaiserkonstitutionen - einer textlichen Verwilderung
anheim. Die Werke der klassischen Jurisprudenz hatten an die Geistes-
kraft und die Sachkunde ihrer Leser hohe Ansprüche gestellt. Aber der
bisherige juristisch gebildete Leserkreis war mit dem Abbruch der
klassischen Tradition (außerhalb der kaiserlichen Reskriptenkanzlei)
verschwunden. Den nachklassischen Praktikern und juristischen Elemen-
tarlehrern waren die Gedankentiefe und die Schärfe und Gedrängtheit
des klassischen .t)usdrucks nicht mehr verständlich. Andererseits fehlte
diesen Rechtskundigen noch der zeitliche Abstand, um der Größe der
klassischen Leistung mit der schuldigen Ehrfurcht zu begegnen. So setzt
schon bald nach dem Ende der Klassik eine neue Welle literarischer
Tätigkeit ein, freilich nur mit dem bescheidenen Ziel, die klassische
Oberlieferung durch Be a r beitun g dem beschränkten Aufnahme-
vermögen der Zeit mundgerecht zu machen.
Die Bearbeiter, zumeist wohl Rechtslehrer in der westlichen Reichs-
hälfte, haben die Aussagen der Juristenschriften und Kaisererlasse haupt-
sächlich vereinfacht und dabei vergröbert. An der sachlichen Sub-
stanz des klassischen Rechts halten sie dagegen im ganzen fest. Zu
bewußten sachlichen .i\nderungen, etwa zwecks Anpassung an die
inzwischen veränderten Regelungen oder Anschauungen, fühlen sie sich
nicht berufen. Doch weichen sie bisweilen unbewußt von ihren klassi-
schen Vorlagen ab, weil ihnen die Anschauung der Rechtszustände fehlt,
die die Klassiker voraussetzen. So ist namentlich der Fonnularprozeß
den provinzialen Bearbeitern nicht mehr bekannt (o. § 49 111 4). In
anderen Fällen geben sie umstrittene Klassikenneinungen, indem sie die
Kontroversen verschweigen, als gesicherte Lehren wieder; oder sie
schreiben einer .i\ußerung, die nur für einen einzelnen Fall oder eine
begrenzte Fallgruppe bestimmt war, indem sie sie als Regel fassen, eine
allgemeine Bedeutung zu. Hier und da haben sie den Klassiker auch
einfach mißverstanden. Doch bleiben alle diese Abweichungen Aus-
nahmen; in aller Regel sind auch diese Quellen für die Erkenntnis des
klassischen Rechts brauchbar. Selbst Ansätze zu schulmäßig-systema-
tischen Schlußfolgerungen, die man ihnen zuzuweisen geneigt ist (wie
15 67fl0 Kaser, Römische Rcdmgeschichte
226 111. Das Zeitalter des Niedergangs

z. B. das "Utilitätsprinzip" bei den Haftungsmaßstäben oder die Gruppe


der obligationes ex variis causarum figuris), können bereits aus klassi-
schen Aussprüchen entnommen sein.
Die Bearbeitungen auf dieser Stufe treten in mehreren Ersdteinungs-
formen auf.
II. Den klassisdten Originalsdtriften stehen am nädtsten Neu-
ausgaben, die unbekannte Autoren wohl sdton vor 300 veranstaltet
haben. Den äußeren Anstoß dazu mag die Umsdtrift der bisher üblidten
Budtrollen (aus den vergänglidten Papyrusblättern) in Pergament-
kodizes gegeben haben; ein Vorgang, der die allgemeine Literatur
hauptsädtlidt erst im 4. Jh. ergriffen hat, die Juristenwerke aber offen-
sidttlidt sdton etwas früher. Das wird man daraus folgern dürfen, daß
augensdteinlidt nodt a 11 e erreidtbaren Juristenwerke der Umsdtrift
gewürdigt wurden, während sidt das Interesse der späteren Zeit auf
ganz wenige Juristen einengt (u. § 52 I 2c).
Die Neuausgaben tragen zwar die alten Titel und die klassisdten
Verfassernamen, sie enthalten aber, ohne daß dies ersidttlidt gemadtt
wäre, streckenweise Textstücke, die nidtt vom Klassiker, sondern vom
Bearbeiter stammen. Das war möglidt, weil die Antike einen Sdtutz
des geistigen Eigentums nodt nidtt gekannt hat. Die Bearbeitungen
werden zu einem großen Teil darin bestanden haben, daß man für ent-
behrlich gehaltene Stücke weggelassen hat. So wird man vor allem aus-
führlidte Beridtte über Meinungsverschiedenheiten unter den Klassikern
gekürzt oder gestridten haben. Nidtt selten aber hat der Bearbeiter auch
seinen eigenen Text dem klassischen unterschoben; sei es daß er Erläu-
terungen einfügt, die zunädtst an den Rand oder zwischen die Zeilen
geschrieben waren ( G 1o s s e n ) , und die er bei der Neuausgabe in den
Text aufnimmt, sei es daß er den Text durch Umschreibungen des Inhalts
mit eigenen Worten wiedergibt (Paraphrasen), sei es endlich, daß
er sich mit einer verkürzenden Inhaltsangabe (Summe) begnügt.
Die Zusätze verfolgen zuweilen den Zweck, die beim Klassiker vermiß-
ten Entsdteidungsgründe aus einer oberflädtlichen und trivialen Theorie
nadtzutragen. Obschon mit alldem das klassische Originalwerk verfälsdtt
wird, werden den damaligen Benutzern diese Bearbeitungen für ihre
Zwecke brauchbarer erschienen sein als die schwerer verständlichen
Klassikersdtriften.
Die Umsdtrift in die Pergamentbände hat die Texte vor weiteren
Veränderungen im ganzen bewahrt, zugleich allerdings zum endgültigen
Verlust der Originalschriften geführt. In der Folgezeit gelten die
bearbeiteten Ausgaben als Werke der Klassiker und genießen deren
§ 51. Die frühna<hklassisdte Rechtsliteratur 227

unantastbare Autorität. Dies triffi: sowohl für den Westen zu wie für die
oströmischen Rechtsschulen (u. § 54 II 5).
Für uns erkennbar sind die frühnachklassischen Textänderungen
hauptsächlich nur an dem mangelhaften Denk- und Ausdrucksstil, wo er
eines Klassikers unwürdig erscheint; daneben vereinzelt an offenbaren
Mißverständnissen, etwa gegenüber der klassischen Prozeßordnung.
Viele Textänderungen, die man in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
der Gesetzgebungskommission Justinians zuweisen wollte, werden heute
bereits der frühnachklassischen Stufe zugeschrieben. Doch werden manche
Stücke, die eine übermäßige Textkritik aus übertriebenen Anforderungen
an den Klassikerstil noch heute für unecht hält, in Wahrheit vom Klassiker
stammen.
III. Selbständiger gegenüber den klassischen Originalwerken als diese
Neuausgaben sind Auszüge (epitomae) aus den Klassikerschriften, die
ohne Angabe der Schriften, aus denen sie gewonnen sind, die Ergebnisse
der klassischen Wissenschaft in kurzgefaßten Regeln zusammenstellen.
Hier schiebt man alle Feinheit der klassischen Kasuistik und alle Mei-
nungsstreitigkeiten, in denen die Klassiker ihre Geistesschärfe bewiesen
haben, beiseite und begnügt sich mit groben, aber handlichen, abstrakt
gefaßten Regelsätzen. Diese Werke sind schon an ihrer Geistesarmut und
an der mangelnden Genauigkeit des Ausdrucks als nachklassische
Schöpfungen kenntlich.
1. Eine Sonderstellung beansprucht das einzige Werk, das unter dem
Namen seines wirklichen Verfassers steht, die .,iuris epitomae"' des
Hermogenian (u. IV), offenbar aus der Zeit Diokletians. Das Werk
überragt die anderen an geistigem Gehalt. Fragmente daraus wurden
in die Digesten J ustinians aufgenommen.
2. Zumeist jedoch tragen diese Sammlungen die Namen der klassi-
schen Juristen, aus deren Werken sie ausschließlich oder doch teilweise
verfertigt sind. Das wichtigste dieser Werke sind die .,sententiarum (ad
filium) libri quinque«, die unter dem Namen des Pa u 1u s überliefert
sind 1• Sie wurden wohl im späten 3. Jh. in der westlichen Reichshälfte
aus den Schriften des Paulus und vielleicht noch anderer Juristen
zusammengestellt und galten als Originalwerk des Paulus, bis vor
wenigen Jahrzehnten die moderne Quellenkritik ihren nachklassischen
Ursprung und teilweise sogar die benutzten Quellen nachweisen konnte.
Ihre hohe Bedeutung liegt darin, daß sie die weitere Entwicklung im
Westen noch jahrhundertelang entscheidend beeinflußt haben. Konstantin
hat ihnen nahezu gesetzesgleiche Geltung beigelegt (u. § 52 I 2b, c).
1 Ein neuerdings aufgetauchtes, in Leiden aufbewahrtes Pergamentblatt enthält ein

Stück aus den Paulussentenzen mit strafredttlidtem Inhalt. Vgl. Pauli sententiarum
fragmentum Leidense (Studia Gaiana IV, Leiden 1956).
ts•
228 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Im 4. und 5. Jh. sind sie dann in "vulgaristischem" Sinn überarbeitet


worden (u. §53 II 2). Erhalten sind sie uns auszugsweise vor allem im
westgotischen Römerrecht (u. § 53 111 1b), einzelne Stellen auch in den
sogleich zu erwähnenden nachklassischen Sammlungen (fragm. Vaticana,
Collatio, Consultatio) sowie in den Digesten J ustinians.
3. Als .liber singularis regularum"' des Ulpian oder als ,.tituli ex
corpore Ulpiani"' wird ein Fragment bezeichnet, das aus einer im
Vatikan aufbewahrten Handschrift seit dem 16. Jh. bekannt ist. Das
Werk stammt aus dem 4. Jh. und bietet in 29 Titeln eine elementare
Zusammenfassung, die zum größten Teil aus den Institutionen des Gaius
und daneben vielleicht aus Ulpian und Modestin geschöpft ist.
4. Die Institutionen des Ga i u s waren als klare und übersichtliche
Zusammenfassungen des wichtigsten Lehrstoffs bei den Nachklassikern
auch sonst beliebt. Wahrscheinlich aus frühnachklassischer Zeit stammen
die .,res cottidianae sive aurea"'; über sie und ihr Verhältnis zu den
Institutionen s. o. § 42 111 2 a. E.
5. Andere unter den Namen klassischer Autoren umlaufende Auszüge
aus dieser Zeit konnten nur mit geringerer Sicherheit unter den
Schriften entlarvt werden, die in den Digesten Justinians überliefert
sind; darunter am wahrscheinlichsten die dem Ulpian zugeschriebenen
"opiniones"'.
IV. Neben diese Werke traten Sammlungen von Kaiserkonstitu-
tionen, besonders der sehr zahlreichen Reskripte. Schon unter Diokle-
tian entstanden zwei private Sammlungen, Codex G r e gor i an u s und
Codex Her m o g e n i an u s. Ihre Verfasser Gregorius und Hermo-
genianus waren vermutlich Beamte der Reskriptenkanzlei, die die kaiser-
lichen Archive benutzen konnten. Das erste Werk enthält Konstitutionen
von Hadrian bis Diokletian, in Bücher und sachliche Titel geordnet. Das
zweite ist vermutlich ein Werk des vorhin (o. 111 1) genannten Ver-
fassers der iuris epitomae. Sein Codex war ein bloßer Nachtrag zum
Gregorianus, er war nur in Titel gegliedert und wurde bald nach diesem
veröffentlicht. Später hat man beide Codices durch Einfügung neuer
Gesetze ergänzt. Erhalten sind uns aus beiden nur geringe Stücke in
jüngeren Sammlungen, besonders in den fragmenta Vaticana und der Lex
Romana Visigothorum (u. §53 111 1b).
V. Wichtig für die Erhaltung der Klassikerwerke waren die schon
im 4. Jh. beginnenden F 1o r i leg i e n, Sammlungen, die, ähnlich wie
später die Hauptteile des Corpus iuris, Fragmente aus Juristenschriften
oder aus dem Kaiserrecht (s. soeben IV) oder beides enthalten. Auch sie
versuchen, die für die zeitgenössische Praxis und Lehre brauchbaren
Stücke aus der klassischen Literatur zu verwerten, zeigen aber insofern
eine größere Achtung vor den benutzten Werken, als sie aus ihren Vor-
§ 52. Die Zitiergesetze. Codex Theodosianus und Novellen 229

lagen wortgetreue Bruchstücke mit genauer Quellenangabe (Verfasser,


Werk, Buchziffer) sachlich geordnet zusammenstellen. Freilich wissen
wir heute, daß auch diese Fragmentensammlungen die Klassikerschriften
nur in den erwähnten frühnachklassischen Bearbeitungen (o. Il) wieder-
geben.
1. Ein größeres Bruchstück einer solchen umfassenden Zusammen-
stellung besitzen wir in den sog. fragmenta Vaticana, die 1821 auf
einem in der Vatikanbibliothek aufbewahrten Palimpsest gefunden
wurden. Ein unbekannter Verfasser stellt hier Bruchstücke aus den (über-
arbeiteten) Schriften des Papinian, Ulpian und Paulus sowie aus den
Codices Gregorianus und Hermogenianus sachlich geordnet zusammen.
Das Werk entstand zur Zeit Konstantins und wurde später durch nach-
konstantinische Kaisergesetze ergänzt.
2. Einen etwas anderen Charakter hat ein in mehreren Handschriften
überliefertes Werk, das als Collatio legum Mosaicarum et
Romanarum bezeichnet zu werden pflegt und selbst den Titel trägt
"Lex Dei quam praecepit Dominus ad Moysen". Darin stellt zu Anfang
des 4. Jh. ein wohl jüdischer Verfasser des Westens Bibelstellen mit
Ausschnitten aus Schriften des Papinian, Ulpian, Paulus, Modestin und
Gaius sowie aus den beiden Codices zusammen; die römischen Quellen
wieder in der frühnachklassischen Bearbeitung. Das Werk dient nicht der
Rechtspraxis, sondern will beweisen, daß die Prinzipien des römischen
Rechts schon in der Gesetzgebung des Moses enthalten sind.
3. Obwohl es erst aus der Wende des 5./6. Jh. stammt, sei hier als ein
gleichfalls wohl im Westen entstandenes Werk die sog. Co n s u I tat i o
v et e ri s cui u sd am i u ris co n s u lti angeführt, die wir nur aus der
Ausgabe des französischen Humanisten Cujacius (1577) kennen. Die
Schrift enthält einzelne Rechtsfragen an einen ungenannten Juristen und
dessen Gutachten, für die er Belege aus den Paulussentenzen und den
Codices Gregorianus, Hermogenianus und Theodosianus (u. § 52 II 1)
anführt.
§ 52 Die Zitiergesetze. Codex Theodosianus und Novellen
I. 1. Die Anwendung des in der nachklassischen Zeit geltenden
Juristenrechts (ius) und der Kaisergesetze (Leges) stieß in der Praxis
auf erhebliche Schwierigkeiten. Diese Quellen waren denen, die damit
zu tun hatten, sowohl geistig wie technisch großenteils u n zu g ä n g I ich.
Daß die fortgeltenden klassischen Juristenschriften von den minder
begabten und ungenügend geschulten Kräften der damaligen Rechts-
pflege wie des Unterrichts nicht zu überblicken und auch geistig nicht zu
durchdringen waren, haben wir bereits festgestellt; wir haben daraus
die verwässernden Bearbeitungen der frühnachklassischen Epoche
230 111. Das Zeitalter des Niedergangs

(o. §51 II) erklärt. Aber auch diese Werke, namentlich die überarbeiteten
Neuausgaben der Klassikerschriften, standen in größerer Vollständigkeit
günstigstenfalls in den Bibliotheken der Großstädte zur Verfügung, nidlt
jedoch in den kleineren Provinzorten. Nicht minder unübersehbar war
die Masse der überlieferten und ständig vermehrten Kaisergesetze.
So blieb es häufig dem Zufall überlassen, welche Rechtsquellen dem
Richter zur Verfügung standen. Die Sachwalter der Parteien (causidici)
bemühten sich, Auszüge und Abschriften aus den Juristenwerken und
den Kaisererlassen beizubringen, die ihrer Partei günstig waren. Der
Richter aber, dem einander wirklich oder scheinbar widersprechende
Rechtsquellen vorgelegt wurden, sah sich in der Notlage, zu diesen
Quellen Stellung nehmen zu müssen, an die er vermöge ihrer Autorität
gebunden war, die er aber nicht auf ihre Echtheit nachprüfen konnte,
und zwischen denen er aus eigener Geisteskraft nicht immer sachgemäß
zu entscheiden vermochte. Der Grundsatz, daß das Gericht sich die
Kenntnis des anzuwendenden Rechts von Amts wegen verschaffen muß
(unrömisch: iura novit curia), war damit teilweise illusorisch geworden.
2. Diesen Mängeln abzuhelfen, war der Hauptzweck der bereit~
erwähnten privaten Auszüge und Sammlungen (o. §51 111-V),
namentlich der vereinfachenden Regelwerke vom Schlag der Paulus-
sentenzen, ferner der Codices Gregorianus und Herrnogernanus und der
Exzerptensammlungen vom Typ der fragmenta Vaticana. Aber auch
diese Werke, die nur einen verdünnten Extrakt aus der bisherigen
Rechtsliteratur enthielten, vermochten die aus der Fülle und Unüber-
sichtlichkeit des Quellenmaterials folgenden Übelstände nur zu mildern,
nicht zu beseitigen, weil neben ihnen die Masse der (bearbeiteten und neu
herausgegebenen) Juristenschriften und Kaiserkonstitutionen ihre
Geltungskraft behielt. In der Praxis tauchten jetzt nicht selten Zweifel
auf, ob die unter den Namen der Klassiker umlaufenden Juristenschriften
echt und damit verbindlich waren. Vor allem aber waren die Gerichte
nach wie vor dem Zwang ausgesetzt, sich bei den in der Rechtsliteratur
enthaltenen Streitfragen zwischen den gegensätzlichen Meinungen
entscheiden zu müssen, obschon sie ihnen geistig nicht immer folgen
konnten. Hier sah man als einzigen Ausweg den Eingriff des Gesetz-
gebers an; er geschah durch die sog. Zi tiergesetze.
a) Bereits Konstantin verbot 321 die Anführung der notae des Ulpian
und Paulus zu Papinian; nur dessen eigene Rechtsansicht sollte insoweit
verbindlich sein (Cod. Theod. 1, 4, 1). Das Verbot sollte vermutlich
unechte unter den Namen des Ulpian und Paulus verbreitete "An-
merkungen"' treffen. - b) 327/8 schärfte Konstantin die Geltung aller
Schriften des Paulus ein, insbesondere der unter seinem Namen verbrei-
teten Sentenzen (C. Th. 1, 4, 2).- c) Das wichtigste dieser Gesetze, das
§52. Die Zitiergesetze. Codex Theodosianus und Novellen 231

im besonderen als "Zitiergesetz" bezeichnet zu werden pflegt, ist das


des Theodosius II. und Valentinian III. von 426, das die Benutzung der
Klassikerschriften in ganz grober und mechanischer Weise regelt
(C. Th. 1, 4, 3). Bei einer Meinungsverschiedenheit soll die Mehrheit der
Stimmen entscheiden, bei Stimmengleichheit soll Papinian den Ausschlag
geben, und nur, wenn er sich nicht äußert, soll der Richter nach seinem
Ermessen zwischen den Meinungen wählen dürfen. Als Autoritäten
werden dabei zunächst nur fünf Juristen zugelassen, die Spätklassiker
Papinian, Ulpian, Paulus und Modestin sowie der ihnen jetzt gleich-
gehaltene Elementarschriftsteller Gaius. Offenbar waren die unter den
Namen dieser "Zitierjuristen" umlaufenden Schriften jetzt allein noch
in größeren Auflagen verbreitet; auf sie beschränken sich auch die
Auszüge und Sammlungen (o. §51 III und V). Die Anrufung der von
den genannten fünf zitierten anderen Juristen sollte (nach einem
weiteren Satz, dessen Echtheit wohl mit Unrecht angezweifelt wurde)
zwar gestattet sein, aber nur dann, wenn ihre Meinung aus mehreren
Handschriften belegt werden kann. Außerdem wurde der Inhalt der
beiden älteren Gesetze von 321 und 327, namentlich die verbindliche
Kraft der Paulussentenzen, erneut eingeschärft.
Welchen geistigen Tiefstand die erwähnte Handhabung bedeutet, bei
der die Stimmen gezählt und nicht die sachlichen Gründe abgewogen
werden, bedarf keiner Erläuterung. Sie zeigt den Niedergang der Rechts-
kultur im Westen, für den das Gesetz erlassen wurde.
II. 1. Im Osten dagegen begnügte sich Theodosius II. nicht mit diesem
primitiven Gesetz, sondern verkündete bald darauf einen viel weiter-
gehenden Plan. Er setzte 429 eine Kommission mit dem Auftrag ein,
zunächst die Kaiserkonstitutionen seit Konstantin zu sammeln und
sodann aus dieser Sammlung, den Codices Gregorianus und Hermo-
genianus und aus dem gesamten Juristenrecht ein einheitliches Gesetzes-
werk zu schaffen, das die noch lebensfähigen Grundsätze der Vergangen-
heit mit dem neuen Kaiserrecht vereinigen sollte. Aber dieser Gesamtplan,
für den die Zeit offenbar noch nicht reif war, mißlang und wurde
nach den Vorarbeiten der oströmischen Rechtsschulen erst ein Jahr-
hundert später von Justinian wieder aufgenommen. Für das Juristenrecht
blieb es zunächst bei den (auch im Osten eingeführten) Zitiergesetzen.
Wohl aber glückte Theodosius eine wichtige Teillösung für das
Kaiserrecht, dessen Sammlung an Hand der kaiserlichen Archive
leichter durchführbar und wegen der starken Vermehrung der Kaiser-
gesetze gleichfalls vordringlich war. Theodosius setzte 435 eine neue
Kommission ein, deren Aufgabe auf die Sammlung der Konstitutionen
seit dem ersten christlichen Kaiser Konstantin beschränkt wurde. Die
Herstellung dieses Sammelwerks wurde 438 abgeschlossen und das
232 III. Das Zeitalter des Niedergangs

Werk zuerst im Osten als Codex Theodosian us verkündet, dann


aum von Valentinian III. für das Westreich übernommen. Er erhielt in
beiden Reichshälften mit Wirkung vom 1. 1. 439 Gesetzeskraft.
Das umfangreiche Werk gliedert sich in 16 Bümer, jedes Bum wieder
in mehrere Titel, innerhalb deren die jeweils auf den gleimen Gegenstand
bezüglichen Konstitutionen, insgesamt über 3000, mronologism geordnet
sind 1• Der Aufbau folgt in den Umrissen dem der klassismen Gesamt-
darstellungen (digesta u. a., o. § 40 I 2); doch liegt der inhaltlime Schwer-
punkt, wie überhaupt in den Konstitutionen dieser Zeit, mehr beim
öffentlichen als beim Privatrecht.
Mit dieser Gesetzessammlung wurde, so weit ihr Inhalt reimt, zum
letzten Mal die Rechtsgleichheit in den beiden Reichshälften hergestellt.
Das Werk ist uns fast vollständig in mehreren Handschriften erhalten
geblieben. Stücke daraus sind außerdem in das westgotische Römerrecht
(u. §53 III 1) und (teilweise überarbeitet) in den Codex Justinians
übergegangen.
2. Die späteren Kaisergesetze aus dem Osten oder dem Westen galten
nur in dem Reichsteil, für den sie erlassen worden waren. Einige
östliche Gesetze sind in den Westen übernommen worden, aber kein
westliches in den Osten. Die Gesetze seit dem Cod. Theod. wurden im
Osten und im Westen wiederholt privat gesammelt. Erhalten sind uns
soldie Sammlungen nur aus dem Westen, teils selbständig, teils in der
westgotischen Sammlung des Römerrechts. Diese sog. post t h e o d o s i a-
nischen Novellen umfassen über 100 Gesetze aus den Jahren
438-468.

§ 53 Die weströmische Entwicklung. Vulgarrecht


I. 1. Im weströmischen Reich wird die Entwicklung seit Konstantin
gekennzeichnet durch eine fortschreitende Vulgarisierung, also
durch eine Preisgabe der von der vorklassischen und klassisdten Juris-
prudenz erarbeiteten Errungenschaften zugunsten laienhafter und
unwissenschaftlicher Ansdtauungen und Denkformen, die im Volk oder
bei fadtlim ungeschulten Organen der Rechtspflege verbreitet sind.
Dieses Vulgarrecht und seine Bedeutung für die römisme Rechts-
gesmichte wurden erst in den letzten Jahrzehnten aufgedeckt; das
Verdienst um seine Erkenntnis gebührt hauptsächlim E. Levy.
Das Vulgarrecht verhält sich zum wissenschaftlim fundierten Recht
ähnlich wie die lateinisme Vulgärsprache zur veredelten, von sach-
1 Zitiert wird nach Buch, Titel und Konstitution; ,.C. Th. (oder CT) 1, 4, 3'" bedeutet

daher Cod. Theod. Buch 1, Titel 4, const. 3. Längere Konstitutionen sind noch in Par:l-
grapheo uotergeteilt. Zu den Ausgaben s. den Anhang: Schrifttum, I 8 f. über inscrip-
tio und subscriptio s. unten S58 II 3 zum Cod. Iust.
§ 53. Die weströmisdte Entwicklung. Vulgarredtt 233

gerechten Regeln beherrschten Sprache der hohen Literatur. Vulgäre


Rechtsanschauungen hat es zu allen Zeit gegeben. Sie haben auch
während der klassischen Zeit bestanden, namentlich in den Provinzen
und in Italien, aber auch in Rom; das beweisen uns die nichtjuristischen
Quellen, beispielsweise die zahlreichen Grabinschriften. Die römische
Staatsgewalt war jedoch nicht darum bemüht, das klassische Recht, in
dem sie die richtige und gültige Ordnung sah, in der gesamten Praxis,
insbesondere vor allen Gerichten des Reichs, zu gleicher Geltung zu
bringen. Dazu fehlte es nicht nur an genügender Verbreitung der
klassischen Rechtsliteratur, sondern auch an dem erforderlichen Stab
begabter und fachlich geschulter Juristen, vor allem aber an einem auf
solche allgemeine Verwirklichung der Rechtsordnung gerichteten staat-
lichen Willen. Hierin zeigt sich eine geringere Herrschaft des uns
heutzutage selbstverständlich gewordenen Rechtsstaatprinzips.
Während jedoch die vulgären Rechtsansichten in der klassischen Zeit
und noch unter Diokletian, wenn auch nicht überall unterdrückt, so
doch mißbilligt wurden, dringe~ sie seit Konstantin in die Kaisergesetz-
gebung und damit in das offizielle Reichsrecht ein. Hatten sich die
Vulgarismen vorher nur bei lokalen und subalternen Praktikern
(Urkundenschreibern, Rechtsberatern, Gerichtsorganen) und juristischen
Elementarlehrern ·gefunden, so werden sie jetzt auch von den höchsten
Reichsbeamten anerkannt. Diese Wendung wird damit zu erklären sein,
daß die rechtswissenschaftlich geschulten Fachleute, die zuletzt in Dio-
kletians Reskriptenkanzlei die "quasiklassische" Tradition noch aufrecht-
erhalten hatten, nach seinem Regierungsende abgelöst wurden. An ihre
Stelle traten Personen, die zwar über die allgemeine Bildung im
"Trivium" (Grammatik, Logik, Rhetorik) verfügten, aber nicht mehr
über Kenntnisse in der Jurisprudenz. Die Verbindung der rechtsetzenden
Gewalt mit der klassischen Tradition war damit für den Westen
endgültig abgebrochen.
2. Die Vulgarisierung erfaßt alle von der klassischen Rechtswissen-
schaft gepflegten Gebiete und läßt viele wohldurchdachte Erkenntnisse
dahinfallen, die zu den bedeutendsten Leistungen der römischen Juris-
prudenz gehören. Beispielsweise wird die bewährte scharfe Unterschei-
dung des klassischen Eigentums einerseits vom Besitz, andererseits von
den beschränkten Sachenrechten, besonders vom Erbpachtrecht, wieder
preisgegeben. Die Scheidung des Kaufs und der Schenkung von der
Übereignung wird verwischt; Kauf und Schenkung sind wie in der
Frühzeit Bargeschäfte, die als solche bereits Eigentum übergehen lassen.
Je weiter sich die kunstvollen Schöpfungen der Juristen von der Laien-
meinung entfernen, desto größer ist der Abstand des Vulgarrechts vom
234 111. Das Zeitalter des Niedergangs

klassischen Recht, in dem bisweilen primitive Erscheinungen aus der


vorwissenschaftliehen Zeit wieder aufleben.
Bedeutet die Vulgarisierung in aller Regel einen Verlust der Rechts-
kultur, so ist damit doch vereinbar, daß im Vulgarrecht auch manche
sachliche Fortschritte gewonnen wurden, die das zuletzt erstarrte
klassische Recht nicht erzielt hat; ich nenne etwa die Verbindlichkeit
jedes (schriftlich abgefaßten) Schuldvertrages (im Sinn der Typen-
freiheit); die vereinfachte Anfechtung bei Täuschung und Drohung; die
Stellvertretung durch Gewaltfreie; eine, wenngleich begrenzte Rechts-
fähigkeit der Sklaven; die Vermögensfähigkeit der Hauskinder usw .
._3. Als Merkmale vulgaristischer Neuerungen lassen sich anführen:
a) das Streben nach Anschaulichkeit, das z. B. an die Stelle der
mündlichen Formalakte (wie im Fall der stipulatio) die Schriftform
setzt. Bisweilen geschehen hier freilich Mißgriffe, indem der bloße
Anschein des Rechts mit dem Recht selbst verwechselt wird; etwa der
Besitz mit dem Eigentum oder die bloße Beweisbarkeit eines Rechts mit
seinem Bestand; - b) die Ge f ü h 1s betont h e i t , darum auch die
Vorliebe für rhetorische Ausdrucksformen und für ein oberflächliches
Moralisieren, besonders in der Schuldlehre; - c) eine naive Z i e 1-
st r e b i g k e i t im Gegensatz zum stilisierten Rechtsdenken der Klassiker,
wie etwa bei dem erwähnten Zusammenwerfen von Kauf und Eigen-
tumsübertragung.
Aus alldem folgt bereits, daß nicht a 11 e Neuerungen dieses Zeit-
alters auf Vulgarisierung zurückgeführt werden können. Da auch das
Vulgarrecht zwar ein verballhorntes, aber doch in der Substanz ein
römisches Recht ist, sind kein Vulgarrecht die eindringenden Rechts-
gedanken nichtrömischen, besonders hellenistischen Ursprungs (o. § 49
111 2); ferner Neuerungen, die einer bewußten rechtspolitischen Planung
der Kaiser entspringen, wie z. B. die vom Christentum veranlaßten
Reformen im Familienrecht; endlich gewisse organische Weiterentwick-
lungen von Ansätzen, die schon in der klassischen Periode sichtbar
geworden waren, wie etwa die Beseitigung der unpraktisch gewordenen
altrömischen Formalakte (mancipatio, in iure cessio u. a.).
II. An Quellen für die Erkenntnis der weströmischen Rechts-
entwiddung sind anzuführen:
1. vor allem die Kaisergesetze seit Konstantin, die im Cod.
Theod. und in den posttheodosianischen Novellen, außerdem im Codex
I ustinianus enthalten sind;
2. die weströmischen Uberarbeitungen, denen die Pa u 1u s-
sentenzen (o. §51 111 2) im späteren 4. und im 5. Jh. unterworfen
wurden. Da diese späteren Auflagerungen äußerlich nicht erkennbar
S 53. Die weströmische Entwicklung. Vulgarrecht 235

gemacht sind, können sie nur mit textkritischen Mitteln erschlossen


werden.
3. Um die Mitte des 5. Jh. ist dem Cod. Theod., den posttheod. Nov.
und den Pauli sent. eine Interpret a t i o beigegeben worden, die in
mehreren Schichten von den westlichen Rechtsschulen, aber mit dem
Blick auf die Bedürfnisse der Praxis geschaffen worden ist. Sie enthält
Paraphrasen und Erläuterungen, die nicht selten klarer gefaßt sind als
der zugrundeliegende Text, besonders die erläuterten Gesetze.
4. Nach Ursprung und Charakter von gleicher Art wie diese lnter-
pretatio ist die Epitome Ga i, eine Bearbeitung der lnsti tutionen nach
dem Rechtszustand der Mitte des 5. Jh. Sie ist stärker für die Bedürf-
nisse der Praxis gearbeitet als die ungefähr gleichzeitige Ga i u s-
paraphrase von Autun (in Mittelfrankreich), die für die Zwecke
des Unterrichts auch viel überholten Rechtsstoff aufbewahrt. Dieser
"Gaius Augustodunensis" wurde 1898 auf einem Palimpsest entdeckt.
Der "Gaius epitomatus" ist dagegen zusammen mit den zuvor genannten
Quellen im westgotischen Römerrecht (u. 111 1) auf uns gekommen.
5. Weitere Erkenntnisse bieten die bis tief ins Mittelalter reichenden
Formel sammlungen, ferner Urkunden, die uns in Inschriften, auf
Papyri (aus Ravenna) und auf Holztäfelchen (aus dem Vandalenreich)
erhalten geblieben sind.
6. Von der nichtjuristischen Literatur sind für uns die Kirchen-
väter und die Papstbriefe (etwa Gregors d. Gr.), von den Schriftstellern
für das 4. Jh. Symmachus, für das 5. und 6. Cassiodor besonders auf-
schlußreich.
111. Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs in der
zweiten Hälfte des 5. Jh. galt das römische Recht in den Heerkönig-
tümern der g er manischen Eroberer für die römischen Bevölkerungs-
teile weiter; teilweise, aber nicht ausschließlich, unter dem Einfluß des
sog. "Personalitätsprinzips", wonach jeder nach dem Recht seiner
Nation beurteilt wird (o. § 31 I 2a), das römische also für die Römer
verbindlich blieb. Um den oben (§52 I) geschilderten Schwierigkeiten
in der Beschaffung und Benutzung der kaum übersehbaren Fülle römi-
scher Quellen zu begegnen, verkündeten nunmehr die Germanenkönige
in ihren Reichen Sammlungen römischer Rechtsquellen mit Gesetzes-
kraft. Sie zeigen das römische Recht in einem Zustand fortgeschrittener
Vulgarisierung, die es aber zum Fortleben auf dem niedrigen geistigen
Niveau der frühmittelalterlichen Staaten erst tauglich gemacht hat; wäre
doch dort das hochstilisierte und geistig anspruchsvolle klassische Recht
auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen.
l.a) Im Westgotenreich hat, wie erst die jüngste Forschung
erkannt hat, das Gesetz des Königs Eurich, der sog. Codex Eu r i c i a-
236 111. Das Zeitalter des Niedergangs

n us aus der Zeit um 475, der vermutlich für die Westgoten bestimmt
war, wesentliche Gedanken aus dem römischen Vulgarrecht übernommen.
Von diesem Gesetz sind die Kapitel 274-336, teilweise lückenhaft, auf
einem Pariser Palimpsest erhalten.
b) Ihm folgt als das größte, auf die spätere Entwicklung am stärksten
wirkende und auch für uns Heutige aufschlußreichste Werk dieser
Gruppe die Lex Romana Visigothorum, die 506 von König
Alarich II. für die im Westgotenreich lebenden Römer verkündet wurde
und nach ihm auch Breviarium Alaricianum heißt. Darin wurden
nach dem Vorbild anderer Florilegien Ausschnitte aus verschiedenen
Quellen zusammenhanglos aneinandergereiht, und zwar aus dem Codex
Theodosianus, den posttheodosianischen Novellen, der Epitome Gai, den
Paulussentenzen sowie einigen Konstitutionen aus den Codices
Gregorianus und Hermogenianus; dazu kommt eine einzelne Stelle aus
den Responsen Papinians. Vorbereitet wurde das Werk offenbar durch
die Stoffbearbeitung an den westlichen Rechtsschulen, auf die auch die
oben (II 3) erwähnte, den Kaisergesetzen und den Paulussentenzcn
beigegebene lnterpretatio zurückgehen wird.
c) Den Cod. Eur. hat König Leovigild (zweite Hälfte des 6. Jh.)
durch eine revidierte Fassung ersetzt, die dann teilweise in die 654 von
König Rekkesvind verkündete Lex V i s i g o t h o rum übernommen
wurde. Sie zeigt, wenngleich abgeschwächt, immer nodt die Einwir-
kungen des weströmischen Vulgarrechts. Gleiches gilt für die im 8. Jh.
in Churrätien entstandene "Lex Romana Curiensis" und für weitere
germanische Volksrechte.
2. Auf römische Quellen stützt sich ferner das E d i c tu m
Theodorici. Man hat dieses Werk früher auf den Ostgotenkönig
Theoderich d. Gr. (489-526) und seine Politik der Verschmelzung von
Römern und Ostgoten zurückgeführt; dodt neigt man heute dazu, es
dem Westgotenkönig Theoderich II. (453-467) zuzuschreiben. Es bietet
in 154 Kapiteln einen einheitlichen Text ohne Quellenangaben, der aus
den drei Codices, den posttheodos. Novellen, den Paulussentenzen und
der Gaiusepitome (vielleicht auch der lnterpretatio, o. li 3) geschöpft ist.
3.a) Im Burgunderreich (im Raum des Oberlaufs der Rhone) ließ
König Gundobad (474-516) eine Gesetzessammlung herstellen, die als
Lex Burgundion um (Lex Gundobada) bezeichnet wird. Sie war in
erster Linie für die Burgunder bestimmt, wurde aber auch auf die Römer
angewandt und zeigt deutliche Einflüsse des römischen Vulgarrechts.
b) Für die Römer wurde, wohl Ende des 5. Jh., eine besondere
Sammlung geschaffen, die Lex Romana Burgundionum. Auch sie
benutzt die drei Codices, die posttheodos. Novellen, die Gaiusepitome
S54. Die oströmische Entwicklung. Die Rechtsschulen 237

und die Paulussentenzen, gibt aber (wie das Ed. Theod.) einen eigenen,
oft unbeholfenen Wortlaut ohne Anführung der Quellen.

§ 54 Die oströmische Entwicklung. Die Rechtsschulen


1.1. Der Vulgarismus und damit das Absinken der Rechtskultur war
zunächst das gemeinsame Schi<ksal des römischen Rechts in Ost und
West. Davon zeugen sowohl die Gesetze Konstantins, der noch in beiden
Reichshälften regiert hat, wie auch die späteren Gesetze aus dem Osten,
die sich bis gegen Ende des 5. Jh. in ihrem Denk- und Ausdrucksstil
nicht von den westlichen unterscheiden. Während es jedoch im Westen
bei dieser fortschreitenden Vulgarisierung verblieb, kam es im Osten im
Lauf des 5. Jh. zu einem Wiederaufstieg der Rechtskultur. Er ist das
Ver dienst der R e c h t s s c h u l e n, die dort, anders als im Westen, eine
wahrhaft wissenschaftliche Bearbeitung des Rechtsstoffs herbeiführten.
Freilich hat diese Wissenschaft nicht mehr wie die klassische einen
schöpferisch-praktischen, sondern einen nachgestaltend-t h e o r e t i s c h e n
Charakter.
2. Die oströmischen Rechtsschulen waren staatliche Unterrichtsanstal-
ten mit festem Lehrplan und besoldeten Professoren (antecessores). Sie
dienten der Heranbildung des Nachwuchses für die Advokatur und die
zahlreichen höheren Beamtenstellen, der sich, der ständischen Kasten-
bildung dieser Zeit gemäß, regelmäßig aus Advokaten-, Beamten- und
Senatorensöhnen rekrutierte. Die bedeutendste dieser Anstalten war die
von Berytos (heute Beirut) in Syrien, die offenbar schon ins 3. Jh.
zurückreicht; eine weitere bestand seit 425 in Konstantinopel. Die
Lehrer werden in der überschwenglichen byzantinischen Weise als
"Lehrer des Erdkreises" gefeiert. Andere Rechtsschulen (etwa in
Alexandria, Athen, Antiochia und Caesarea) genossen geringeres An-
sehen; einige hat Justinian, angeblich wegen minderwertiger Leistungen,
geschlossen. Das Leben an den Rechtsfakultäten kennen wir hauptsäch-
lich aus den Schilderungen zeitgenössischer Profanschriftsteller, wie des
Libanius.
II. Die oströmischen Rechtsschulen sind erfüllt vom Geist des
K I a s s i z i s m u s : Sie schließen sich an die vergangene Klassik an und
streben danach, die Leistungen und Errungenschaften der klassischen
Juristen zu erschließen und für die eigene Zeit zur Richtschnur zu
machen.
1. Diese Geisteshai tung zeigt bereits der S tu d i e n p l an , der auf
die klassische Oberlieferung abgestimmt war.
Die Studenten des 1. Jahres (dupondii, ,.Füchse•) hörtcn die Institutionen des Gaius
und vier libri Singulares (ausgewählte Stücke) aus dem i11s civilt nach dem Sabinus-
238 III. Das Zeitalter des Niedergangs

kommentar des Ulpian; die des 2. Jahres (edictales) die wesentlichen Teile des Edikts,
gleichfalls nadt dem Kommentar Ulpians. Darauf folgten für die Studenten des 3. Jahres
(Papinianistae) die Responsen Papinians. Die "ÄvTa'" (,.Dispensierte" oder eher
"Fallöser") studierten im 4. Jahr, vom Kollegzwang befreit, die Responsen des Paulus
und vermutlidt erst im 5. Jahr die Kaisergesetze nadt den drei Codices. Den Absdtluß
sdteint eine Prüfung gebildet zu haben. Justinian hat dann den Studienplan dem Corpus
iuris angepaßt (u. § 56 IV 2).
Wie dieser Ausbildungsplan erkennen läßt, legte man auf die Unter-
weisung im geltenden Recht nur geringes Gewicht; werden doch die
Kaisergesetze, die das neue Recht enthalten, erst in das letzte Studien-
jahr verwiesen. Im Vordergrund steht vielmehr die Schulung im
juristischen Denken, für die das klassische Quellenmaterial die unüber-
treffliche Grundlage bot. Daß der in diesen Quellen verarbeitete Rechts-
stoff in vielem überholt war, wie beispielsweise in der Beibehaltung zahl-
reicher längst außer Übung geratener Rechtseinrichtungen, nahm man
in Kauf.
2. Das geschichtliche Verdienst dieser Rechtsschulen liegt darin, daß
sie über die nachklassischen Auszüge und Elementarschriften hinaus
wieder zu den Werken der Klassiker selbst zurückkehrten, deren geistige
Größe sie erkannten oder wenigstens ahnten. Hatte sich sowohl die
bisherige Praxis wie der westliche Rechtsunterricht auf die fünf "Zitier-
juristen" (o. § 52 I 2c) beschränkt und auch sie nur in entstellten und
teilweise vulgaristisch veränderten Bearbeitungen benutzt, so wollen die
oströmischen Sd1Ulen die gesamte klassische Oberlieferung wieder-
gewinnen. Sie sammeln darum alles, was vom Gedankengut der vor-
klassischen und klassischen Juristen noch greifbar ist, um es für ihre
didaktischen Zwecke auszuwerten. Daß ihnen dabei an Stelle der
klassischen Originalschriften nur mehr die frühnachklassischen Über-
arbeitungen vorlagen, war ihnen nicht bewußt. Indem sie alle die:se
Werke der Vergessenheit entrissen, schufen sie die Voraussetzungen für
das spätere große Sammelwerk Justinians. Ihre Ehrfurcht gegenüber
den Klassikern wird schon darin sichtbar, daß sie, obwohl sie griechisch
unterrichteten, an den lateinischen Textfassungen der überlieferten
Rechtsliteratur festhielten.
3. Liegt mithin das Verdienst der östlichen Rechtslehrer vornehmlich
in der Bewahrung der klassischen Hinterlassenschaft, so ist daneben
ihre eigene schöpferische Leistung weniger bedeutend. Ihr Verhältnis
zum Gegenstand ist von dem der Klassiker selbst grundverschieden. Was
seinerzeit lebendige und in ständigem Schaffen erneuerte Wirklichkeit
war, das ist jetzt ein aus der Vergangenbei t ererbter W i s s e n s s t o f f
geworden. Die Klassiker hatten das Recht in der täglichen Praxis imm.er
von neuem erlebt und geformt. Den Rechtslehrern der Spätzeit ab.er
war eine solche praktische Gestaltung und Weiterbildung versagt. Ihnen
§ 54. Die oströmische Entwicklung. Die Rechtsschulen 239

lagen nur noch die in den Klassikerschriften aufgespeicherten Berichte


über das vergangene Rechtsleben vor, die sie mit den der Schule eigen-
tümlichen theoretischen Methoden zu erfassen suchten.
4. Diese theoretische Wissenschaft steht indessen hoch über den
elementaren Rechtsschulen des Westens. Die gründlich und vielseitig
gebildeten oströmischen Rechtslehrer bedienten sich der hochentwickelten
Methoden, die sie der hellenistischen, hauptsächlich alexandrinischen
Philosophie verdankten. Hatte sich einstmals die vorklassische Juris-
prudenz in der Verwertung der von den Griechen erlernten Dialektik
stark zurückgehalten, um die schöpferische Intuition der Juristen nicht
zu behindern, so strebt jetzt die oströmische Wissenschaft nach völliger
theoretischer Durchdringung des Rechtsstoffs. Sie bemüht sich um die
von den Klassikern vernachlässigte Systematik, sie sucht durch distinctio
und di fferentia den Rechtsstoff zu gliedern und zu ordnen und strebt
nach den Allgemeinbegriffen, die sie in Regeln ( canones) und Defini tio-
nen erfassen will. Die intuitiv gefundenen Entscheidungen der klassi-
schen Kasuistik sucht sie mit theoretischen Gründen zu rechtfertigen und
scheinbare Widersprüche zu beseitigen. Die Früchte dieser schulmäßigen
Textverarbeitungen sind, ähnlich wie schon in der frühnachklassischen
Zeit (o. §51 II), Auszüge (indices), kurze Erläuterungen (scholia),
Zusammenstellungen von Parallelstellen ( paratitla) und Zusammen-
fassungen der Ergebnisse (summae). Sie gleichen in Form und Inhalt
vielfach der wissenschaftlichen Bearbeitung, die den römischen Rechts-
quellen im Mittelalter von der Bologneser Schule der Glossatoren
zuteil geworden ist (u. § 61 111 4).
5. Das Ausmaß, in dem die oströmischen Schulen die systematische
Verarbeitung des klassischen Rechtsstoffs vollzogen haben, ist indessen
nicht zu überschätzen. Von einem durchgehenden Neuaufbau der ganzen
Rechtsordnung in einem geschlossenen System, wie ihn erst die neuzeit-
liche Wissenschaft erarbeitet hat, sind sie noch fast ebenso weit entfernt
wie die Klassiker selbst. Einer solchen Aufgabe wären sie kaum ge-
wachsen gewesen; vor allem aber hat sie vor einer solchen Zielsetzung
ihre klassizistische Gesinnung bewahrt. Immerhin wird auf sie eine Reihe
neuer Begriffe und systematischer Einteilungen zurückgehen, die auf ihre
Anregung hin dann auch in das Corpus iuris eingefügt wurden.
Ihre klassizistische Grundhaltung macht es unwahrscheinlich, daß sie
in den Bestand der ihnen vorliegenden klassischen (oder quasiklassi-
schen) Texte in größerem Umfang ändernd eingegriffen haben. Wo die
justinianischen Digesten die Spuren einer schulmäßigen Verarbeitung auf
gehobenem theoretischem Niveau erkennen lassen, wird zwar der sach-
liche Gehalt dieser didaktischen Ausführungen auf die oströmischen
240 III. Das Zeitalter des Niedergangs

Rechtslehrer zurückgehen. Ebenso wird auf ihre Initiative das ver-


einzelte Eindringen philosophischer und theologischer Lehren in die
Willens- und die Schuldlehre zurückzuführen sein. Sie werden aber diese
ihre Errungenschaften nur selten selbst (bei Neuausgaben) in die Klassiker-
texte eingefügt haben. Viel häufiger sind diese Einfügungen erst in dem
Werk der Gesetzgebungskommission Justinians.
Die gleichen Erwägungen machen es wenig glaubhaft, daß die oströmi-
schen Schulen Gedankengut aus den hellenistischen Volksrechten
(o. § 35 II) in die Juristenüberlieferung hineingetragen haben (o. §50
III 2). Zum klassizistischen Streben nach Erhaltung des klassisdten
Textbestandes tritt hier noch die Erwägung hinzu, daß sidt die Redtts-
lehrer zu solchen sachlichen Abwandlungen des überkommenen Redtts
nicht für befugt halten durften. Die legitime Einbruchstelle für helle-
nistisches Rechtsgut war vielmehr die Kaisergesetzgebung. Aber audt
eine Anpassung der klassischen Rechtsliteratur an die späteren gesetz-
lichen Rechtsänderungen haben die Schulen offenbar nur selten versucht.
I II. 1. An Q u e 11 e n für die oströmisdte Entwicklung besitzen wir als
unmittelbares Zeugnis von der Arbeitsweise der Sdtulen hauptsädtlidt
nur das spärliche Bruchstück der sog. s c hol i a Si n a i t i c a, die in einem
Kloster auf dem Berg Sinai gefunden und 1880 veröffentlicht wurden.
Sie stammen vielleicht aus Beryt und enthalten ein Stück aus einem
griechischen Kommentar zu Ulpians Sabinuskommentar mit Hinweisen
auf Parallelstellen.
2. Bisweilen noch über die Lehrmeinungen vorjustinianischer Redtts-
lehrer unterrichten uns die griechischen Kommentare zum Juristen- und
zum Kaiser recht, die in den Ba s i 1i k e n s c h o 1i e n überliefert sind. Audt
die dem T h e o p h i 1u s zugeschriebene Paraphrase zu den Institutionen
Justinians gewährt hier und da Aufschlüsse über das vorjustinianisdte
Recht. Zu alldem s. u. § 60 IV 1,2.
3. An Urkunden aus dem Rechtsleben des Ostens verfügen wir
auch für diese Periode über ein reichhaltiges und vielseitiges Material
in den ägyptischen Papyri. Es läßt uns deutlich erkennen, daß sidt
das einheimische Volksrecht nadt wie vor zäh gegenüber dem Reichs-
recht behauptet hat.
4. Aus der nicht j ur ist i s c h e n Literatur seien auch hier vornehm-
lich die Kirchenväter und die weiteren christlichen Quellen angeführt,
daneben die rhetorischen Sdtriftsteller, wie insbesondere Libanius.
IV. Eine Sonderstellung unter den östlichen Rechtsquellen dieser
Periode nimmt ein eigenartiges Werk ein, das herkömmlidt, wenn audt
zu Unrecht, als Syrisch-römisches Rechtsbuch bezeichnet wird.
Es geht auf eine im späten 5. Jh. für Unterridttszweck.e verfaßte
Bearbeitung des römischen Rechts in griechischer Spradte zurück; doch
§55. Das Gesetzgebungswerk Justinians 241

besitzen wir nicht dieses griechische Werk, sondern nur spätere, von-
einander abweichende Weiterbearbeitungen, und zwar mehrere syrische,
eine armenische und eine arabische. Dargestellt wird, mindestens stark
überwiegend, das vulgarisiene römische Recht. Die Frage volksrecht-
licher Einflüsse konnte dagegen bisher noch nicht endgültig geklän
werden. In der Praxis der geistlichen Gerichtsbarkeit wurde das Werk
für den ganzen Bereich des orientalischen Christentums viel benutzt
und hat in diesen Ländern das Corpus iuris Justinians noch lange
überlebt.

§ 55 Das Gesetzgebungswerk justinians


Eine entscheidende Wendung für das weltgeschichtliche Schicksal des
römischen Rechts brachte die Gesetzgebung Justinians I. Sie faßt die
wichtigsten Errungenschaften des juristischen Ingeniums der Römer
in einer letzten umfangreichen Verkörperung zusammen, die die antike
Entwicklung abschließt und zugleich für die Überlieferung an die
Nachwelt die Grundlage schafft.
I. Das Gelingen dieses Werks erklän sich vornehmlich aus dem
Ehrgeiz und der Tatkraft seines Urhebers. Justinian ist 482 in Tau-
resium, einer Kleinstadt im heutigen Serbien, geboren. Sein Onkel
Justinus 1., der als Bauernsohn sich vom einfachen Soldaten bis zum
Feldherrn und Kaiser hinaufgedient hatte, ließ ihn in Konstantinopel
studieren und in die Verwaltungslaufbahn eintreten. 527 wurde Justinian
sein Adoptivsohn und Mitkaiser und kurz darauf, nach des Justinus Tod,
Alleinkaiser. Er starb 565.
Seinem romantischen, nach reformatorischen Zielen strebenden Geist
schwebte die Wiederaufrichtung des römischen Weltreichs in seiner alten
Größe, aber nunmehr getragen von den Kräften der hellenistischen
Kultur und der christlichen Lehre, vor. Um dieses Ziel zu verwirk-
lichen, stellte er sich eine dreifache Lebensaufgabe: die Gewinnung der
R e i c h sei n h e i t, der G 1a u b e n sei n h e i t und der Re c h t sei n h e i t.
Bei der Verfolgung dieser Ziele bewies er großes Geschick in der Aus-
wahl seiner Mitarbeiter und in der Ausnutzung der gegebenen Macht-
lagen. Die Wiedereroberung der weströmischen Kernlande gelang ihm
mit Hilfe seiner Feldherren Belisar und Narses durch die Zerschlagung
des nordafrikanischen Vandalenreichs, die Unterwerfung des ostgotischen
Italien und die Gewinnung der spanischen Südostküste aus den Händen
der Westgoten. Doch fiel sein Großreich bald nach seinem Tode wieder
auseinander; Italien ging bereits 568 mit dem Langobardeneinbruch
verloren. Auf dem religiösen Gebiet erstrebte er die Rückkehr der Unter-
tanen zum rechten Glauben, die Unterdrückung der teilweise weit-
16 6760 Kaser, Römische Rechtsgeschichte
242 III. Das Zeitalter des Niedergangs

verbreiteten Sekten und die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft


mit Rom unter starker staatlicher Führung (sog. Cäsaropapismus);
aber auch hierin waren seine Erfolge begrenzt. Bleibenden und für die
Nachwelt hochbedeutenden Erfolg hatte er dagegen mit seiner Rechts-
politik. In seinem umfassenden Gesetzeswerk hat er sich ein noch
unvergänglicheres Denkmal gesetzt als mit seinen berühmten Bauten,
vor allem der herrlichen Hagia Sophia in Konstantinopel.
II. 1. Das justinianische Sammelwerk nimmt den Plan wieder auf,
den ein Jahrhundert vorher Theodosius II. verfolgt hatte: von Staats
wegen eine Zusammenstellung alles dessen zu schaffen, was von den
Kaiserkonstitutionen und den Schöpfungen der Jurisprudenz für die
Gegenwart noch lebensfähig war.
Die Bedingungen für ein solches Unternehmen waren unter Justinian
viel günstiger als zuvor; haben doch die Rechts s c h u I e n das reiche
Material an Juristenschriften und an Kaiserrecht, das in den Bibliotheken
und Archiven des Ostens zu Gebote stand, gesammelt und durch-
gearbeitet. Ja, von der Wiederentdeckung der klassischen Literatur
durch die Rechtsschulen wird geradezu der Anstoß zur Sammlung des
Juristenrechts ausgegangen sein, um namentlich für die Bedürfnisse der
Schule selbst, aber auch für die der Praxis eine geschlossene und geord-
nete Obersicht über die wichtigsten Errungenschaften der klassischen
Lehre bereitzustellen.
J ustinian macht sich die k I a s s i z ist i s c h e Gesinnung der Rechts-
lehrer zu eigen, die mit seinem restaurativen Gesamtplan vortrefflich
harmoniert, und legt sein legislatives Werk darauf an, von den groß-
artigen Schöpfungen der juristischen Klassiker so viel wie möglich
lebendig zu erhalten. Er formt darum aus dem Recht seiner Zeit keinen
neuen Gesetzestext, sondern übernimmt aus den Klassikerschriften ebens..'l
wie aus dem älteren Kaiserrecht große Stücke in ihrem überlieferten
Wortlaut mit ihrer Kasuistik und ihren Kontroversen und sichert durch
die Verkündung mit Gesetzeskraft ihren bleibenden Bestand.
2. Die Entstehungsgeschichte der Kodifikation zeigt allerdings, daß
Justinians Pläne anfangs auf ein begrenzteres Ziel gerichtet waren. Er
strebte zunächst nur eine Sammlung des Kaiserrechts an, das bis
dahin auf die drei Codices Gregorianus, Herrnogernanus und Theodo-
sianus sowie die posttheodosianischen Novellen verteilt und seither
durch eine Reihe weiterer Gesetze angewachsen war. Der Plan zu dieser
Sammlung wird von den Richtern und Anwälten angeregt worden sein,
sind doch an der für diesen Zweck eingesetzten Kommission noch fast
ausnahmslos Praktiker beteiligt. Erst nachden1 dieses Werk erfolgreich
abgeschlossen war, tauchte der weitere Plan auf, auch eine Sammlung
des Juristenrechts zu veranstalten. Während man sich zu Anfang
§ 56. Der Hergang der Gesetzgebung 243

mit dem Zitiergesetz von 4.2'6 und der kaiserlichen Entscheidung ein-
zelner Streitfragen hatte begnügen wollen, entschloß man sich jetzt dazu,
auch diesen Stoff zu einem Gesetzeswerk zu verarbeiten und hierdurch
sowie durch ein neues amtliches Einführungslehrbuch den Bedürfnissen
der Schule entgegenzukommen. Demgemäß waren an der Zusammen-
stellung des Juristenrechts in den Digesten die Rechtslehrer stärker
beteiligt. Das einführende Institutionenwerk haben sie allein verfaßt.
111. Aus den Persönlichkeiten, die sich um die Vollendung des Werks
verdient gemacht haben, ragt der juristische Ratgeber Justinians
Tribonianus hervor, der sich im Fortschritt der Arbeiten immer
mehr als die Seele des Unternehmens bewährt hat. Er war zunächst
magister olficiorum, also als Vorsteher der kaiserlichen Kanzleien und
Innenminister (o. § 47 II) engerer Vertrauter des Kaisers. Nach dem
Gelingen der ersten Kodifikation des Kaiserrechts bestellte ihn der
Kaiser zum quaestor sacri palatii, mithin zum Justizminister, und
betraute ihn mit der Durchführung des erweiterten Gesetzgebungsplans.
Von der Persönlichkeit der übrigen Mitarbeiter an dem Gesetzgebungs-
werk, die man die K o m p i I a t o r e n nennt, weil sie die Klassiker-
schriften und die Kaisergesetze gleichsam "ausplündern", wissen wir
wenig mehr als Namen und Beruf.

§ 56 Der Hergang der Gesetzgebung


Die Abfolge der Anordnungen und Arbeiten, die in ihrem Ergebnis
zur Vollendung des Gesetzgebungswerks geführt haben, kennen wir
hauptsächlich aus den Einleitungsgesetzen Justinians, mit denen er die
zur Ausarbeitung bestellten Kommissionen eingesetzt und hinterher die
vollendeten Werke mit Gesetzeskraft verkündet hat. Diese Konsti-
tutionen werden den einzelnen Teilen des Gesamtwerks vorangestellt
und herkömmlich nach ihren Anfangsworten zitiert.
I. Am 13. Februar 528 berief Justinian durch die constitutio »Haec•
eine Kommission, der sieben Beamte der höchsten Zentralverwaltung,
darunter Tribonian, zwei Anwälte beim Gericht des praefectus praetorio
Orientis und der Rechtslehrer Theophilus angehörten. Die Kommission
erhielt den Auftrag, aus den drei Codices, den posttheodosianischen
Novellen und den jüngeren Kaisergesetzen eine Konstitutionensammlung
herzustellen. Dabei sollte sie nur das Wesentliche aufnehmen, Veraltetes
ausscheiden und Widersprüche beseitigen. Dieses Werk, der sog. erste
Codex, wurde am 7. April 529 durch die const. »Summa• als »Codex
I ustinianus• mit Gesetzeskraft verkündet. Er setzt alle bisherigen
Kaiserkonstitutionen und Sammlungen des Kaiserrechts (mit Ausnahme
der Sonderprivilegien) außer Geltung. Da er durch den revidierten
244 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Codex von 534 (u. V) wieder aufgehoben wurde, ist er nicht auf uns
gekommen; wir besitzen außer den beiden const. Haec und Summa nur
auf einem Papyrus aus Agypten ein Bruchstück seines Inhaltsverzeich-
msses.
II. Eine Sammlung auch des Juristenrechts war zunächst, wie erwähnt,
nicht vorgesehen; der erste Codex enthielt deshalb auch noch das
Zitiergesetz von 426, bei dem es bewenden sollte. Doch wurde eine Reihe
von Fragen aus dem Juristenrecht vom Kaiser durch Gesetze autoritativ
entschieden und eine amtliche Sammlung von quinquaginta
decisiones um die Jahreswende von 530 auf 531 in Kraft gesetzt.
Diese Sammlung ist uns nicht erhalten; vermutlich wurden alle oder die
meisten darin aufgenommenen Gesetze später in den neuen Codex
eingefügt.
111. Wohl auf das Drängen der Rechtsgelehrten hin faßte man im
Sept./Okt. 530 den Plan, auch das Juristenrecht in einer umfassenden
Sammlung zu vereinigen. Am 15. Dezember 530 beauftragte Justinian
mit der const. ,.Deo auctore"' den zum Justizminister ernannten
Tribonian, eine Kommission zusammenzustellen, die aus den Schriften
der mit dem ius respondendi ausgestatteten Juristen alles noch Brauchbare
auswählen und wörtlich exzerpieren, alles überholte und überflüssige
dagegen ausscheiden, alle Widerprüche beseitigen und demgemäß auch
den Text, wo nötig, ändern sollte. Die gesammelten Ausschnitte sollten
dann nach dem Aufbau des prätorisehen Edikts geordnet und in
50 Büchern, diese wieder in Titel gegliedert, zusammengestellt werden.
Das Gesamtwerk sollte unter dem Titel 3tavöixtaL (zu ergänzen ßtßAoL,
die "allumfassenden"' Bücher) oder "digesta"' als "Codex iuris"' neben
den ,.Codex legum"' treten und mit diesem zusammen das vollständige
Gesetzbuch bilden.
Die neue Kommission umfaßt vier Rechtslehrer, je zwei aus
Konstantinopel (Theophilus und Cratinus) und aus Beryt (Dorotheus
und Anatolius}, ferner den ersten Minister (magister officiorum) und
elf Anwälte beim Gericht des Prätorianerpräfekten der östlidten Haupt-
stadt. Sie vollendete die auf zehn Jahre berechnete Arbeit sdton in der
erstaunlich kurzen Zeit von drei Jahren; wie dies möglich war und wie
die Kommission zu Werke ging, wird noch zu erörtern sein (u. §57 V).
Am 16. Dezember 533 wurde das Werk mit der in griedtischer und
lateinischer Fassung veröffentlichten const. ..~iöwxEv" und "Tanta"'
unter dem Titel "Digesta" oder "llClv8&x-rCl~" verkündet und trat am
30. Dezember 533 in Kraft. Zugleich wurde das gesamte Juristenwerk,
wie es bisher auf Grund der Einzelschriften und der früheren
Sammlungen gegolten hatte, für den Gerichtsgebrauch wie für den
Rechtsunterricht außer Geltung gesetzt. Die in die Digesten auf-
S56. Der Hergang der Gesetzgebung 245

genommenen Fragmente der Juristenschrif\:en, bei deren Auswahl man


sich bewußt oder unbewußt nicht auf die Inhaber des ius respondendi
beschränkte, galten ohne Unterschied ihrer zeitlichen Herkunft:, als
wären sie gleichzeitig verfaßt worden. Auch die Beschränkungen des
Zitiergesetzes, das gewisse Juristen bevorzugt, außerdem für die
Berücksichtigung ihrer Meinungen jenes eigenartige Zählsystem
eingeführt hatte (o. §52 I 2c), fielen für die Digesten fort. Von Gestalt
und Inhalt der Digesten soll noch näher die Rede sein (u. §57).
IV.l. Die Verarbeitung des Kaiser- und des Juristenrechts im (ersten)
Codex und den Digesten machte auch eine Neuordnung des Rechts-
studiums erforderlich. Schon während der Vorbereitung der Digesten
wurde Tribonian beauftragt, an Stelle der Institutionen des Gaius ein
neues Einführungslehrbuch abzufassen, das gleichfalls Gesetzeskraft
erhalten sollte. Das Werk wurde von den Rechtslehrern Theophilus aus
Konstantinopel und Dorotheus aus Berytos unter der Leitung Tribonians
verfaßt und unter dem Titel "lnstitutiones" schon kurz vor den
Digesten, am 21. November 533, durch die const . • Imperatoriam"
verkündet; es trat zugleich mit den Digesten am 30. Dezember 533
in Kraft.
2. Für den Rechtsunterricht erging am 16. Dezember 533 mit
der const .•Omnem" eine Neuordnung, die die bisherigen Stoffgrund-
lagen durch die neue Kompilation ersetzte.
Die Institutionen Justinians traten an die Stelle der gajanischen Institutionen, die
Digesten, die hierfür ziemlich willkürlich in sieben Teile zerlegt wurden, an die Stelle
der Juristenschriften. Doch wurden die beiden letzten Teile, nicht minder willkürlich,
dem Studium in der Praxis überlassen. Der Codex blieb auf das 5. (und letzte) Studien-
jahr beschränkt.
Das Studienziel war mithin nach wie vor (s.o. §54 II 1) weniger auf
die Vermittelung positiven Fachwissens gerichtet, für das die Kaiser-
gesetze stärker im Vordergrund hätten stehen müssen, als auf die
Schulung in der juristischen Denkmethode an Hand der in die Digesten
aufgenommenen Klassikerwerke.
V. Die Herstellung der Digesten zog notwendig eine Revision des
Codex nach sich. Die zahlreichen Konstitutionen, die seit 529 zur
Klärung von Problemen des Juristenrechts erlassen worden waren,
mußten in den Codex einverleibt, vor allem aber mußten die älteren
Konstitutionen dem Inhalt der Digesten angepaßt werden. Im
Januar 534 wurde Tribonian beauftragt, eine "neue Lesung• des Codex
für diese Umgestaltung vorzunehmen. Unter Mitwirkung des Dorotheus
und dreierAnwältewurde die Revision durchgeführt und der "Codex
repetitae praelectionis" am 16. November 534 durch die const .
• Cordi"' mit Gesetzeskraft: vom 29. Dezember 534 verkündet.
246 Ill. Das Zeitalter des Niedergangs

VI. Mit den drei Werken Institutionen, Digesten und Codex war die
gesetzgeberische Aktion J ustinians zunächst abgeschlossen, der große
Plan erfüllt. Da aber der Kaiser die Ergänzung und, soweit nötig, eine
weitere Reform des Rechts durch seine Gesetzgebung von vornherein
vorgesehen hatte, außerdem die neuen Sammlungen wirklich mandte
Zweifelsfragen offenließen, ergingen seit 535 noch zahlreiche Nachtrags-
gesetze, No v e 11 e n (novellae Ieges ). Sie wurden jedoch nicht mehr in
einer amtlichen Sammlung vereinigt und sind uns nur in privaten
Sammlungen erhalten. Auf sie wie auf die übrigen Teile der
justinianischen Gesetzgebung ist noch zurückzukommen (u. §58).
VII. Die zusammenfassende Bezeichnung "Corpus iuris civilis"
für das Gesamtwerk ist nicht antik; sie geht auf die Gesamtausgabe des
französischen Humanisten Dionysius Gotho f red u s von 1583 zurück.

§ 57 Die Digesten (Pandekten)


I. Die Digesten sind bei weitem die wichtigste Quelle des römischen
Rechts überhaupt, und zwar in doppelter Hinsicht: a) Von ihnen ging
die Be f ruchtun g aus, die das römische Recht vom Mittelalter bis
heute auf das juristische Denken der abendländischen Menschheit
ausgeübt hat. Es ist das Recht der Digesten, das - zwar nicht
ausschließlich, aber doch stark überwiegend - den römisch-rechtlichen
Anteil an den modernen Rechtsordnungen bestimmt. Von dieser prak-
tischen Wirkung der Digesten auf das Rechtsdenken der Nachwelt soll
noch die Rede sein (u. § 61). - b) Zum anderen aber schöpft: aus ihnen
die Gegenwart ihre hauptsächliche Erkenntnis des römischen Rechts.
Unsere stärksten wissenschafl:lichen Bemühungen um seine g es c h ich t-
I ich e Erforschung haben die Digesten zum Gegenstand.
Beide Wirkungen haben eine gemeinsame Ursache: Die Digesten sind
das einzige Werk, in dem uns die Antike in größerem Umfang, wenn
auch nur bruchstückhaft: und teilweise verzerrt, in eigenartiger Ver-
dichtung das Schaffen der großen Klassiker hinterlassen hat. Neben
ihnen treten die sonstigen Stücke, die uns aus den Juristenschriften
überliefert sind, und die zu allermeist erst im Lauf der Neuzeit wieder-
entdeckt wurden, an Umfang und Bedeutung stark zurück. Vor allem
für die Schöpfungen der großen Praktiker unter den klassischen
Juristen sind die Digesten nahezu unsere einzige Quelle. Denn was wir
an Juristenschrifl:en außerhalb der Digesten besitzen, sind entweder
Elementarwerke, wie das Institutionenlehrbuch des Gaius, oder
nachklassische Auszüge und Bearbeitungen, wie etwa die Sentenzen des
Pseudopaulus und die Regulae des Pseudoulpian. Am nächsten stehen
den Originalschrifl:en der großen Spätklassiker noch die vatikanischen
§ 57. Die Digesten (Pandekten) 247

Fragmente und die Collatio, die aber ebenfalls überarbeitete Quellen


enthalten und, gemessen an den Digesten, stofflich nur engbegrenzte
Ausschnitte bieten.
II.l. Die Digesten sind eingeteilt in 50 Bücher, jedes Buch in
mehrere Ti t e 1 mit einer den behandelten Gegenstand bezeichnenden
Oberschrift (rubrica), die Titel wieder in Fragmente oder Leges, also
in die Ausschnitte aus den benutzten Juristenschriften. (Nur die Bücher
30-32 bilden ausnahmsweise einen einzigen Titel ,.De legatis et
fideicommissis" .) Jedes Fragment trägt an der Spitze eine Quellen-
angabe, die inscriptio, mit Namen, Titel und Buchziffer des Werks,
aus dem es genommen ist. Längere Fragmente sind in Paragraphen
eingeteilt, deren erster jeweils principium (oder prooemium) heißt. Nach
diesem Aufbau werden die Digesten zitiert 1•
2. In die Digesten aufgenommen sind Ausschnitte aus den Werken
von 40 Schriftstellern, darunter von 35 aus der klassischen Zeit. Von
Ulpian stammt fast ein Drittel, von Paulus etwa ein Fünftel des ganzen
Werks; es folgen Papinian, Pomponius und Julian. Dabei sind freilich
Schriften, die in nachklassischer Zeit fälschlich unter den Namen
klassischer Juristen umliefen (o. § 43 li 2, §51 III 2-5), mitgezählt.
Aus der vorklassischen Zeit stammen neben Fragmenten des Alfenus
Varus ganz wenige und kurze Stücke aus Q. Mucius Scaevola und Aelius
Gallus, die man wohl aus zweiter Hand übernommen hat, und mit
deren Einfügung man diese bedeutenden Juristen ehren wollte. Aus
Werken nachklassischer Autoren rühren e1mge Fragmente von
Hermogenian und Arcadius Charisius (wohl 4. Jh.) her. - Im ganzen
lassen sich aus diesem Material und nicht minder aus den Zitierungen,
die die späteren von den früheren Juristen, darunter häufig auch von den
Vorklassikern, in reichem Maß bieten, die Gestalt und die Entwicklung

1 Nach der heute allgemein üblichen, sog. philologischen Zitierweise bedeutet z. B.


"D. 18, 1, 35, s• Digesten, Buch 18, Titel 1, Fragment 35, Paragraph 5. Nach der älte-
ren, hauptsächlich in der gemeinrechtlichen Literatur des 19. Jh., aber zuweilen auch
noch später gebräuchlichen Anführungsweise wäre die gleiche Stelle zu bezeichnen
.l(ex) 35 § 5 Dig. de contr(ahenda) empt(ione) XVIII 1•; hier sind Buch und Titel mit
abgekürzter Benennung der Titelrubrik nachgestellt. Das "principium• wird "pr.• ab-
gekürzt. Daß innerhalb der Fragmente der erste Paragraph "principium• heißt und
erst der zweite"§ t•, erklärt sich damit, daß in den alten Handschriften dort, wo der
zweite Paragraph beginnt, das Zeichen § stand, das aus zwei verschlungenen s besteht
und "signum sectionis• (Teilungszeichen) bedeutet. Der § 1 beginnt also dort, wo zum
ersten Male das §-Zeichen steht. Was vor dem § 1 steht ist danach der "Anfang• des
Fragments. - Die mittelalterlichen Ausgaben bezeichnen die Digesten mit .ff.• (ein
mißverstandenes :rr von na'll6bna&) und geben nicht die Ziffern, sondern die Anfangs-
worte der Titel, Fragmente und Paragraphen an. Die Auffindung des Titels wird dann
durch ein auch den modernen Ausgaben beigefügtes alphabetisches Verzeichnis der Titel-
anfänge erleichtert.
248 111. Das Zeitalter des Niedergangs

des römischen Rechts in seiner großen Zeit durch fast em halbes


Jahrtausend verfolgen.
III. Ihrem stofflichen Inhalt nach enthalten die Digesten zwar
alle Rechtsgebiete, doch hat, wie schon in den Werken der Klassiker,
das Privatrecht den weitaus größten Anteil. Wie die Digestenwerke
der klassischen Juristen (o. § 40 I 2) in ihrem Hauptteil der Stoff-
anordnung des prätorisehen Edikts folgen, so zeigen auch die Digesten
Justinians nach dem Gebot des Kaisers (o. §56 III) die Anlehnung an
den Aufbau des Edikts. Da dieses aber nicht den ganzen Rechtsstoff
behandelt, mußten die übrigen Gegenstände an der jeweils nächst-
liegenden Stelle dazwischengeschaltet werden.
Das 1. Buch spricht zunächst von Recht und Rechtsquellen, dann vom
Personenrecht, schließlich von den Aufgaben bestimmter Behörden, also
von Verwaltungsrecht. Im 2. und den folgenden Büchern wird das
Privatrecht fortgesetzt und damit, vielfach unscheidbar, das Zivilprozeß-
recht verbunden. Nachdem diese Hauptmaterie im 47. Buch {mit den
Privatdelikten) abgeschlossen ist, folgen im 48. Buch das Strafrecht und
der Strafprozeß, im 49. die appellatio und gewisse Sondermaterien. Das
50. Buch enthält verschiedene Gebiete des Verwaltungsrechts und in den
beiden letzten Titeln 50, 16 "De verbarum significatione" und 50, 17
"De diversis regulis iuris antiqui" eine Obersicht über die technischen
Ausdrücke und über Rechtsregeln aus dem ganzen Rechtsgebiet, wobei
wieder das Privatrecht vorherrscht.
IV.l. Die historische Eigenart der Digesten liegt darin, daß sie uns
mit dem Recht zwei er Zeit a 1t er bekanntmachen, des klassischen
und des justinianischen. Der geschichtlichen Erkenntnis sind beide
Stufen wichtig; die klassische, weil sie das Recht der Hochblüte enthält,
die justinianische, weil in dieser Gestalt das römische Recht an die
Nachwelt weitergegeben wurde.
2. Für die Anpassung an den Rechtszustand zur Zeit Justinians
mußten die Klassikerschriften vielfach verändert werden. Die
Eingriffe der Kompilatoren bestanden in der Hauptsache darin, daß
sie alles, was dem späteren Rechtszustand nicht mehr entsprach,
fort 1i e ß e n. Darüber hinaus haben sie aber auch nicht selten den
Wortlaut umgestaltet, ohne diese 2\nderungen äußerlich sichtbar zu
machen. Justinian hat seine Kommission ausdrücklich ermächtigt, die
für die Zusammenstellung der Digesten benutzten Vorlagen zu kürzen,
zu ergänzen oder anderweitig zu verändern. Daß dies in großem Umfang
wirklich geschehen ist, versichert uns Justinian selbst, und die moderne
Textkritik hat es bestätigt. In der Aufdeckung dieser Veränderungen
(Inter p o 1a t i o n e n) sieht die heutige Wissenschaft vom römischen
Recht eine ihrer wichtigsten Aufgaben, weil es auf diesem Weg möglich
§57. Die Digesten (Pandekten) 249

wird, jede einzelne Aussage in den Digesten ihrem Ursprung nach


einzuordnen, also die klassischen Stücke von den justinianischen zu
sondern und allenfalls vorjustinianische Textbearbeitungen festzustellen
(dazu Näheres noch u. §59). Während wir mithin das justinianische
Recht aus den Digesten unmittelbar ablesen können, liegt das klassische
unter dem mehr oder minder dichten Schleier der nachträglichen Text-
änderungen verborgen und kann nur durch eine überaus schwierige
Forschungsarbeit teils erkannt, teils wenigstens wahrscheinlich gemacht
werden.
V. Ein weiteres reizvolles Problem stellt unserer Forschung die
Her s t e 11 u n g der Digesten. Justinian rühmt sich in seiner const. Tanta
(§ 1), die Kommission der Kompilatoren habe 2000 Bücher (dazu
o. § 40 li) mit rund 3 Millionen Zeilen (versus) verarbeitet und auf
150 000 Zeilen, also etwa ein Zwanzigstel, zusammengestrichen. Wie
war es möglich, diese gewaltige Arbeit in drei Jahren durchzuführen,
wobei noch die vielfältigen Meinungsverschiedenheiten und Wider-
sprüche auszugleichen und die Texte den gewandelten Verhältnissen
anzupassen waren?
Aufschluß verheißen uns in erster Linie gewisse Merkmale im Aufbau
des Werkes. Schon 1820 erkannte F. B 1u h m e aus den Inskriptionen der
einzelnen Fragmente, daß die Kompilatoren die Juristenschriften auf
drei Hauptmassen verteilt hatten. Es zeigt sich nämlich, daß in jedem
Titel die Fragmente aus Werken bestimmter klassischer Literatur-
gattungen beisammenzustehen pflegen, und daß die Reihenfolge, in der
diese Gruppen aufeinanderfolgen, innerhalb des Titels die gleiche bleibt.
Am Anfang jedes Titels steht regelmäßig eine Gruppe von Fragmenten
aus den Schriften des ius civile, besonders aus den Sabinuskommentaren
des Ulpian und Paulus, weshalb man diese Schriftengruppe die "Sabinus-
masse" nennt. Darauf folgt als zweite Gruppe die "Ediktsmasse" mit dem
Kommentaren ad edictum, und als dritte die "Papiniansmasse" mit der
kasuistischen Literatur (Responsen- und Quästionenwerke usw. des
Papinian und anderer). Daran schließt sich eine Nachtragsmasse als
"Appendix" mit den während der Ausarbeitung hinzugekommenen
Werken verschiedenen Inhalts. Diese Massen hängen offensichtlich mit
der Stoffaufgliederung im vorjustinianischen Rechtsunterricht zusammen;
wurden doch dort die Quellen zum ius civile im 1., zum Edikt im 2., zu
den praktischen Schriften im 3. Jahr gehört (o. §56 II 1). Nach diesen
drei Hauptmassen wurde demnach die gesamte Literatur verarbeitet;
vielleicht war sie so auch in den Bibliotheken geordnet. Vermutlich haben
die Kompilatoren für die Bearbeitung jeder dieser Massen eine Unterkom-
mission eingesetzt. Auf den Bestand der Rechtsliteratur in den benutzten
Bibliotheken geht wohl auch der sog. "Index Florentinus" zurück, ein (der
250 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Florentiner Handschrift, u. VII, beigegebenes) Verzeichnis der angeblich in


den Digesten verwerteten Werke, das aber manche Schriften zuviel, andere
zuwenig enthält.
Die "Bluhmesme Massentheorie" gibt einen zuverlässigen Einblick
in die Arbeitsweise der Kompilatoren, löst aber nom nicht das Rätsel
der rasmen Vollendung der Digesten. Man hat deshalb die Angaben
Justinians über die Durmarbeitung einer so großen Menge von Sdlriften
angezweifelt. Man hat als Grundlage der Digesten einen durch Glossen
erweiterten Text der Ulpiankommentare ad Sabinum und ad edictum
angenommen, der aus gleichartigen Ausgaben anderer Autoren ergänzt
wurde (F. Hofmann); ja man hat sogar an einen umfassenden
Vorläufer der Digesten, ein "Prädigestum", gedacht (H. Peters) oder
doch an einzelne, minder umfassende private Ausschnittsammlungen
für Unterricht und Praxis, die die Kompilatoren dann ineinander-
zuarbeiten hatten (V. Arangio-Ruiz). Aber gegen alle diese im
einzelnen geistvoll und scharfsinnig entwickelten Theorien spricht der
erwähnte Arbeitsbericht Justinians, wonach seine Kommission selbst
das gesamte vorhandene Material durchgearbeitet und daraus die
Fragmente ausgewählt hat. Dieser Bericht kann nicht frei erfunden sein,
hätten doch die damals lebenden Mitglieder der Kommission den Kaiser
Lügen strafen können. Zwar hat es Teilkompilationen gegeben, wie wir
sie vor allem in den fragm. Vaticana besitzen, und sie wurden gewiß
auch für die Digesten benutzt; doch ist nicht glaubhaft, daß sie die
Prüfung und Exzerpierung der einzelnen Klassikerschriften völlig
überflüssig gemacht haben sollten. Eine glaubwürdigere Erklärung bietet
darum die Annahme, daß die oströmischen Remtslehrer in ihre Hand-
exemplare der Sabinus- und Ediktskommentare des Ulpian und Paulus,
der Responsen und Quästionen des Papinian usw. für ihre Unterrichts-
zwecke bereits die Hinweise auf die Parallelstellen in der übrigen
Literatur eingetragen hatten, so daß mit ihrer Hilfe die anderen Werke
leicht nachgeschlagen und daraus die übrigen Bruchstücke ausgewählt
und eingefügt werden konnten (F. Wieacker).
VI. Obschon der Digestenkommission mehr Praktiker als Remts-
lehrer angehörten, kennzeichnet sich ihr Werk doch überwiegend als eine
Schöpfung der Sc h u 1e für die Schule. Nur an den Rechtsschulen war
das Verständnis und die Begeisterung für die Größe der klassischen
Leistung noch lebendig und damit auch das Streben, das Werk der
Klassiker in handlicher Gestalt für die Bedürfnisse des Unterrichts zu
bewahren. Nur aus dieser didaktischen Zweckbestimmung erklärt sich
auch die gesamte Anlage dieses Werks: die Beibehaltung der lateinischen
Sprache, die für den Unterrichts- wie für den Gerichtsgebrauch sofort
die Anfertigung griechischer Obersetzungen erheischte; weiter die
S 57. Die Digesten (Pandekten) 251

Bewahrung der genauen Quellenangaben in den Inskriptionen, mit


denen man die Klassiker ehren wollte. Vor allem aber macht nur der
von der Schule gepflegte K 1a s s i z i s m u s die Aufrechterhaltung solcher
Quellenaussagen verständlich, deren kulturelle, politische, wirtschaftliche
und gesellschaftliche Voraussetzungen bereits vor mehreren Jahr-
hunderten weggefallen waren. Die gemäßigte Monarchie war der
absoluten gewichen, die tolerierte persönliche und wirtschaftliche Freiheit
dem Staatssozialismus, die heidnische Religion dem Christentum. Die
oströmische Reichskultur hat trotz der Erhaltung ihres römischen Kerns
betr~chtliche griechische und orientalische Beimengungen aufgenommen.
Für das Privatrecht besonders bedeutsam ist der Umbau der Gerichts-
verfassung und die endgültige Ersetzung des Formularprozesses durch
das Kognitionsverfahren. Von allen diesen umwälzenden Neuerungen
zeigen die Digesten nur schwache Anzeichen. So hat man vor allem den
längst verschollenen Prätor als Gerichtsherrn und das Aktionenschema
aus seinem Edikt treulich aufbewahrt. Auch die Interpolationen, die das
Recht den veränderten Verhältnissen anpassen sollen, begnügen sich im
wesentlichen mit der äußerlichen Beseitigung gewisser überholter Einrich-
tungen und Grundsätze und mit einer oft flüchtig durchgeführten Ab-
stimmung auf die späteren Gesetze (u. §59 111 2). Auf weite Strecken hin
aber bleibt die Kluft zwischen Einst und jetzt unüberbrückt bestehen;
man nimmt sie in Kauf, um das Werk der Klassiker möglichst unversehrt
zu konservieren. Ihm zuliebe bewahrt man auch die verzweigte Kasui-
stik der Klassiker und diedarangeknüpften vielfältigen Kon trover-
s e n berichte auf, die man zwar verschiedentlich kürzt, von denen man
aber doch einen ansehnlichen Bestand beibehält, anstatt die Streitfragen
mit dem Federstrich des Gesetzgebers zu entscheiden.
Zeigt sich hier Justinian als Erneuerer der römischen Vergangenheit,
so ist daneben seine p r a k t i s c h e Zielsetzung nicht zu unterschätzen.
Mit seinem Corpus iuris will er das geltende Recht festhalten, das er
von seinen Gerichten und Verwaltungsbehörden angewandt wissen will.
Zwar stehen die für die Praxis seiner Zeit wichtigen Materien mehr im
Codex und den Novellen als in den Digesten. Aber für die große
Mehrheit der Gegenstände des Privatrechts bleibt das in den Digesten
verarbeitete juristenrecht die Grundlage; und auch die Interpolationen
verfolgen- in vollem Einklang mit der klassizistischen Grundhaltung-
gerade den Zweck, das klassische Erbe für die Gegenwart lebensfähig zu
machen.
VII.l. Erhalten sind uns die Digesten in zahlreichen Handschriften.
Die älteste und beste ist die "Florentina" (F) aus dem 6. oder 7. Jh.,
die zuerst in Pisa, seit 1406 in Florenz aufbewahrt wird. Daneben
stehen seit der Glossatorenzeit (11. jh.) die "Vulgathandschriften", die
252 111. Das Zeitalter des Niedergangs

zwar von der Florentina abstammen, aber nach einer zweiten, uns
verlorenen Handschrift (S = secunda) durchkorrigiert wurden.
2. Von den modernen Ausgaben ist die wichtigste die von
Th. Mo m m s e n und Paul Krüger in der Gesamtausgabe des Corpus
iuris. Eine große zweibändige Ausgabe von Mommsen (1870) berück-
sichtigt die verschiedenen Lesungen. Eine Taschenausgabe von
Bonfante u. a. ist 1908/31 in zwei Bändchen in Italien erschienen.

J 58 Institutionen, Codex, Novellen. Rückblick auf das Gesetzeswerk


zm ganzen
I. 1. Die I n s t i tu t i o n e n J ustinians, die als Einführungslehrbuch im
Rechtsunterricht an die Stelle der Institutionen des Gaius traten, zeigen
noch viel offenkundiger als die Digesten ihre Zweckbestimmung für die
Schule. Den Anlaß für ihre Abfassung gab das Bedürfnis, viele der
Neuerungen aus der jüngsten Gesetzgebung sowie manche 2\nderungen,
die durch Interpolation in die Digesten eingefügt wurden, auch in das
für die Anfänger bestimmte Werk aufzunehmen und Veraltetes
auszuscheiden. Verwertet sind außer den Institutionen des Gaius und
den unter seinem Namen überlieferten res cottidianae noch die
Institutionenwerke des Florentinus, Ulpian und Marcian sowie die
pseudo-ulpianischen regulae. Da jedoch die Institutionen Justinians,
anders als die Digesten, keine inscriptiones aufweisen, können wir die
benutzten Quellen nur aus der anderweitigen Überlieferung ermitteln;
also hauptsächlich aus dem Vergleich mit dem selbständig überlieferten
Institutionenwerk des Gaius (o. § 42 111 2), ferner, soweit Texte in den
Institutionen und den Digesten doppelt überliefert sind, aus der
inscriptio der Digestenstellen; schließlich bisweilen vermutungsweise
aus dem DarstellungsstiL
2. Der Stoffaufbau folgt dem der Gaiusinstitutionen. Wie dort, fehlt
auch hier manches Wichtige, wie das Pfandrecht oder die Mitgift. Die
überholten Stücke, vor allem die geschichtlichen Ausführungen und vieles
auf den klassischen Prozeß Bezügliche, hat man gestrichen. Dafür sind,
wie gesagt, kaiserrechtliche Bestimmungen, besonders aus der Reform-
gesetzgebung Justinians, durch Interpolationen eingefügt.
3. Die Institutionen gliedern sich in vier Bücher, jedes Buch in
sachlich bezeichnete Titel. Die Titel enthalten aber, anders als die der
Digesten, einen fortlaufenden Text, der in Paragraphen eingeteilt
ist. Auf Quellenangabe ist verzichtet; die Fassung ist so gehalten, als
spräche, wie nach der Überschrift des Gesamtwerkes, der Kaiser selbst
§ 58. Institutionen, Codex, Novellen 253

zur rechtsbeflissenen Jugend. Nach der Einteilung richtet sich auch hier
die Zitierweise 1•
4. Die U b er 1i e f er u n g der Institutionen ist nicht so gut wie
die der Digesten, sie beruht auf einer Reihe jüngerer Handschriften. Die
wichtigste moderne Ausgabe ist die von P. Krüger in der erwähnten
Gesamtausgabe des Corpus iuris (o. §57 VII 2).
II. 1. Der Codex Justinians (zweiter Fassung) steht der Praxis seiner
Zeit um vieles näher als die Digesten, enthält er doch neben
Konstitutionen aus der älteren Zeit die Kaisergesetze der absoluten
Monarchie und damit die Hauptquelle dieses Zeitalters für die
Schöpfung neuen Rechts. Im Unterricht, für den der Schwerpunkt auf
dem Stoff der Juristenschriften lag, war dagegen das Kaiserrecht auf
das letzte Studienjahr beschränkt. Von den Konstitutionen des Codex
stammt nur ungefähr die Hälfte aus der klassischen Periode und der
"quasiklassischen" bis Diokletian; die andere Hälfte aus den Jahr-
hunderten von Konstantin bis Justinian. Aber auch die Konstitutionen
der ersten Gruppe liegen uns bisweilen in nachträglich veränderter
Gestalt vor, weil Justinian die Kompilatoren auch für den Codex zu
textlichen Veränderungen und Anpassungen ermächtigt hatte. Derartige
Interpolationen treffen wir aber auch in nachklassischen Kaisergesetzen
an, ja sogar in solchen Justinians selbst, soweit sie nötig wurden, um
seine älteren Gesetze auf seine jüngeren Reformen abzustimmen.
2. Der Codex e n t h ä 1t über 4600 Konstitutionen, darunter
80 doppelt; rund 500 sind durch Teilung von 200 größeren gebildet.
Mehr als die Hälfte stammt aus der Zeit vor Konstantin, davon sind
die meisten Reskripte, sie enthalten also Kasuistik. Die älteste
Konstitution (nur eine) ist von Hadrian; von den Severern sind 880,
von Diokletian über 1200, von Konstantin über 200, von Theodosius I.
und II. über 550, von Justinian über 400. Wir finden also einen Höhe-
punkt gegen die Wende von der Klassik zur Nachklassik und wieder ein
Ansteigen bei Justinian. Während die älteren Konstitutionen zumeist
von vornherein kürzer gefaßt sind oder verkürzt geboten werden, gibt
Justinian seine eigenen regelmäßig in aller Breite wieder. Ober 150
Konstitutionen sind griechisch, die älteste von Septimius Severus. Da die
griechischen in den italienischen Handschriften fehlten, konnten sie erst
seit dem 16. Jh. aus den byzantinischen Quellen ermittelt werden (sog.
Ieges restitutae). Die meisten davon kennen wir nur in verkürzten
Inhaltsangaben.

1 So wird z. B. 2. Buch, 1. Titel, § 11 zitiert: .I. 2, 1, 11• oder nach älterer Weise
.§ 11 lnst. De rer(um) div(isione) II, t•. Der erste § jedes Titels wird auch hier als
.principium• (pr.) bezeichnet. Im übrigen vgl. oben § 57 A. 1.
254 III. Das Zeitalter des Niedergangs

3. Der Codex gliedert sich in 12 Bücher, diese wieder in


sachlim bezeichnete Ti t e 1, diese in die einzelnen K o n s t i tu t i o n e n
oder Leges, die, wenn sie länger sind, in Paragraphen untergeteilt
werden. Der erste Paragraph heißt auch hier principium. Jede
Konstitution hat am Anfang eine inscriptio mit dem Namen des Kaisers
und des Adressaten, am Ende eine subscriptio mit dem Zeit- und
Ortsdatum. Innerhalb der Titel sind die Konstitutionen zeitlim
geordnet 1•
4. Die Stoff an o r d nun g zeigt, wie schon beim Cod. Theod. und
beim Cod. Iust. erster Lesung, eine gewisse Anlehnung an die klassischen
Digestenwerke und damit an die Materienfolge des Edikts. Doch sind
die Abweichungen hier im ganzen stärker als in den Digesten, weil der
Codex in viel größerem Umfang als diese auch Gegenstände öffentlichen
Rechts enthält, die dem Ediktssystem fremd sind. Das 1. Buch beginnt
mit Kirchenrecht und handelt danam von den Rechtsquellen und von
einzelnen Materien des Verwaltungsrechts. Es folgen im 2.-8. Bum
das Privatrecht und (davon ungeschieden) der Zivilprozeß, im 9. Straf-
recht und Strafprozeß, im 10.-12. das Finanzrecht und andere Zweige
des Verwaltungsrechts. Den überwiegenden Inhalt des ganzen Werks
bildet mithin auch hier das Privatremt mit seinem Verfahren.
5. Die 0 b e rl i e f er u n g des Codex ist ungünstiger als die der
Digesten. Wir besitzen ein Bruchstück einer Handschrift aus dem 6. oder
7. ]h. auf einem Veroneser Palimpsest, außerdem schlechtere Hand-
schriften aus späterer Zeit, die vor allem die Inskriptionen und
Subskriptionen vernachlässigen und die griechischen Konstitutionen
fortlassen. Dennoch konnte der gesamte Text im wesentlichen zuverlässig
wiederhergestellt werden. Die moderne Ausgabe in der Gesamtausgabe
des Corpus iuris (o. §57 VII 2) ist von P. Krüger.
111 .1. In den No v e 11 e n setzt Justinian zunächst seine Reform-
gesetzgebung fort. Sie beginnen bereits wenige Tage nach der Verkündung
des Codex zweiter Lesung, nämlich am 1. 1. 535, und ergehen in den
ersten Jahren sehr zahlreich; später nehmen sie ab. Im ganzen besitzen
wir 175 solcher Nachtragsgesetze von Justinian und seinen beiden
nächsten Nachfolgern Justinus II. und Tiberius II.; doch sind uns nicht
alle Gesetze aus dieser Zeit erhalten.
2. Die Novellen betreffen hauptsächlich die Staatsverwaltung und
die Kirmen; daneben sind aber auch einige wichtige zum Privatrecht,
vor allem solche bürgschafts-, familien- und erbrechtliehen Inhalts,
1 Zitiert wird auch der Codex nach den erwähnten Einteilungen, also z. B. das prin-

cipium der 1. Konstitution im 31. Titel des 3. Buches: ,.C. 3, 31, lpr. • oder auf die
ältere Art .c(onst.)• oder ,.l(ex) lpr. Cod. de pet(itione) her(editatis) 111, 3t•. Im
übrigen vgl. o. S 57 A. 1.
§ 58. Institutionen, Codex, Novellen 255

sowie zum Prozeßrecht ergangen. Anders als die älteren, in sich


abgeschlossenen Teile des Corpus iuris, sind die Novellen nicht mehr von
der großen Tradition der Vergangenheit getragen und vom Streben, das
Recht im alten Geist zu erneuern. Von den in den Codex auf-
genommenen Gesetzen sind sie nach Stil und Form verschieden. Ihrem
praktischen Zweck gemäß sind sie regelmäßig griechisch abgefaßt, nur
15, hauptsächlich solche für die Westprovinzen, sind lateinisch, 3 sind
zweisprachig gehalten.
Jede Novelle beginnt regelmäßig mit einer den Inhalt bezeichnenden
praefatio, dem der in Kapitel gegliederte Text und schließlich ein
epilogus folgt. Längere Stücke sind auch hier in das principium und
weitere Paragraphen eingeteilt. Nach dieser Gliederung werden die
Novellen (Nov.) zitiert.
3. Da eine amtliche Sammlung, obschon von Justinian geplant, nicht
mehr zustandekam, besitzen wir nur einige private Sammlungen: a) die
Epitome Iuliani, 124 Novellen von 535-555 in einer wohl für
Italien bestimmten lateinischen Bearbeitung, ein Werk des Rechtslehrers
Julianus aus Konstantinopel;- b) das Authenticum, mit 134
Novellen von 535-556, ebenfalls in (meist schlechter) lateinischer
Fassung; es galt im Mittelalter gegenüber der Epitome Iuliani fälschlich
als der amtliche Text. - c) Erst im 15. Jh. wurde im Westen eine
griechische Novellensammlung von 168 Gesetzen bekannt, die die
griechischen im Urtext, die lateinischen in griechisch abgefaßtem Auszug
enthält, außerdem einige ältere Gesetze von 512-534, vier Erlasse von
praefecti praetorio, vier Gesetze Justinus' Il. (565-578) und drei des
Tiberius II. (578-582). - Schließlich besitzen wir d) als Anhang dazu
eine Sammlung von 13 griechischen Novellen, die sog. Edicta
I u s t i n i an i.
Die moderne Ausgabe von R. Schoell und W. Kroll in der
Gesamtausgabe des Corpus iuris bietet die 168 Novellen der
griechischen Novellensammlung und stellt ihnen die lateinischen
Fassungen des Authenticum gegenüber. Die Edicta Iustiniani und einige
weitere, vereinzelt überlieferte Konstitutionen Justinians sind als
Anhang beigefügt.
IV. Blicken wir auf die justinianische Gesetzgebung zurück und
fragen wir uns nach ihrem Ertrag für die römische Rechtsgeschichte,
so stellen wir fest: Auf den meisten Rechtsgebieten, namentlich im
Verwaltungsrecht und im Strafrecht, hat das Gesetzeswerk die bisherige,
von den rechtspolitischen Tendenzen der nachklassischen Zeit
(o. § 49 II, III) beherrschte Politik fortgesetzt. Das gilt besonders auch
vom Zivilprozeß, für den die spätestens seit dem Ende der Klassik
vorherrschende Beamtenkognition weiterentwickelt wird. Im P ri va t-
256 111. Das Zeitalter des Niedergangs

recht dagegen finden wir die vom Vulgarismus geprägte nachklassische


Entwicklung aufgefangen und umgelenkt im Sinn des von den
oströmischen Schulen gepflegten Klassizismus, wenngleich nicht alle
vulgaristischen Erscheinungen aufgegeben werden. Namentlich im
Familien- und im Erbrecht, in denen sich der Vulgarismus mit christlichen
und fürsorgestaatlichen Zielsetzungen der Kaisergesetze begegnet, bleibt
das neue Gedankengut der Zwischenperiode bestehen und geht mit dem
klassizistischen eine Synthese ein.
Unter den Errungenschaften der justinianischen Reform ist für das
Privatrecht vornehmlich die fortschreitende Vereinheit I ich u n g fest-
zuhalten, indem die Gegensätze von ius civile und ius honorarium, von
Juristenrecht und Kaiserrecht endgültig überwunden werden. Auch in
weiteren Neuerungen setzt Justinian die schon in der klassischen Zeit
begonnene Entwicklung organisch fort; etwa im Abbau der agnatischen
Familienbeziehungen, in der Anerkennung der Vermögensfähigkeit der
Hauskinder, in der Ersetzung des altrömischen Wortformalismus durch
die Beurkundung. Wo er dagegen fortschrittliche Entwicklungen aus der
nachklassischen Zeit gewaltsam wieder auf die klassische Linie zurück-
biegen will, bleibt er erfolglos, weil sich die klassischen Einrichtungen
nicht oder allenfalls nur für den Unterricht wiederbeleben lassen (wie
die mündliche stipulatio). Bisweilen versucht er die Harmonisierung
zwischen Alt und Neu mit Kompromißlösungen (wie bei der Wahl
zwisch~, formfreiem und schriftlichem Kauf usw.) oder er läßt die
Spannung unaufgelöst bestehen.
Im ganzen läßt die zeitgenössische Überlieferung erkennen, daß der
Widerhall des großangelegten Unternehmens im damaligen Reich nur
gering war. Die Geltung des Corpus iuris ist so, wie es verkündet
worden war, nicht allgemein und überall durchgesetzt worden. Das
zeigen am deutlichsten die ägyptischen Papyri, denen zufolge das
Reichsrecht nach wie vor durch volksrechtlich bestimmte lokale Übungen
abgewandelt wurde.

§ 59 Die historisch-kritische Erforschung der


römischen Rechtsquellen
I.l. Obschon das Corpus iuris bereits vor mehr als vierzehn Jahr-
hunderten verkündet wurde, ist doch seine g es c h ich t I ich e
Erforschung überraschend jung. Sie geht - nach Vorläufern - erst in
das späte 19. Jh. zurück, weil bis dahin andersartige Perspektiven, aus
denen man diese Quelle zu betrachten pflegte, ihre historische
Würdigung verhindert haben. Für die Glossatoren des Hochmittelalters
(u. § 61 III 2) war das Corpus iuris die unantastbare ratio scripta; die
§59. Historisch-kritische Erforschung der römischen Rechtsquellen 257

Buchstabengläubigkeit dieser Schule ließ eine historische Kritik nicht zu.


Aber auch die späteren, praktisch orientierten Richtungen, wie die der
Kommentatoren (u. § 69 IV}, des usus modernus pandectarum und des
gemeinen Rechts, fanden zu einer geschichtlichen Beurteilung noch keinen
Zugang. Ihnen diente das Corpus iuris als Rechtsquelle ihrer täglichen
Gerichtspraxis; mit diesem Zweck war es aber unvereinbar, die Autorität
ihrer Quelle dadurch in Frage stellen zu können, daß man die Umstände
ihres Zustandekoromens aufdeckte und damit ihre geschichtliche Bedingt-
heit bloßstellte, ja vielleicht sogar die Zuverlässigkeit ihrer Geltung in
Zweifel zog. So war es in der Vergangenheit allein die humanistische
Jurisprudenz des 16. Jh., die den Weg zur historischen Betrachtung des
Corpus iuris fand. Trotz der ansehnlichen Erfolge, die sie erzielte, blieb
jedoch ihr Bemühen zunächst ohne Nachfolge.
2. Auch die von der ,.Historischen Schule" des 19. Jh. entwickelte
,.Pandektistik" (o. § 1 II 1c} behandelte die römischen Quellen noch nach
der d o g m a t i s c h e n Methode, um sie für die Praxis der Gegenwart nut-
zen zu können. Man vernachlässigte ihre geschichtlichen Hintergründe und
formte aus ihrem Stoff das geschlossene System, das die praktischen Be-
dürfnisse der Zeit verlangten. Die zahlreichen Widersprüche, die das
Corpus iuris aufweist, und die darauf zurückgehen, daß in ihm nach
seiner Struktur verschiedenartige Stimmen aus unterschiedlichen
Zeitaltern zu Wort kommen, hat auch Justinian trotz seiner gegen-
teiligen Behauptung nicht beseitigt. Die moderne sog. ,.Pandekten-
harmonistik" aber erklärte diese Widersprüche nicht historisch, sondern
suchte sie durch Auslegung zu verdecken oder wegzudeuten, um aus den
Quellen ein für die heutige Rechtsanwendung brauchbares harmonisches
Ganzes zu formen. Diese Richtung herrschte auch in Deutschland,
solange hier das römisch-gemeine Recht in Geltung blieb.
II. 1. Es ist hiernach kein Zufall, wenn die historische Analyse der
römischen Rechtsquellen erst in der Zeit wieder einsetzt, in der mit der
Vorbereitung des Bürgerlichen Gesetzbuchs die römischen Quellen von
ihrem Dienst am geltenden Recht losgelöst und zur geschichtlichen
Erforschung gleichsam freigegeben wurden. Diese historische Richtung
wandte sich vornehmlich der Quellenkritik zu, die dem aufklärerischen
Zeitgeist des späten 19. und frühen 20. Jh. am nächsten lag, und die
auch an anderen Geschichtsquellen, vor allem dem Alten und dem Neuen
Testament und den Epen Homers, erprobt wurde. Kritik an den
römischen Rechtsquellen aber bedeutet hauptsächlich Inter-
p o 1a t i o n e n k r i t i k, also in der Sicht jener Zeit die Reinigung der
in den Digesten, den Institutionen und dem Codex enthaltenen
Fragmente aus Klassikerschriften und Kaiserkonstitutionen von den
nachträglichen Veränderungen (sog. emblemata Triboniani), die
17 6760 Kascr, Römische Rechtsgeschichte
258 111. Das Zeitalter des Niedergangs

Justinians Kompilatorenkommission an diesen klassischen Quellen


vollzogen hatte. Die Anfänge dieser Art der Textkritik gehen bereits
auf die großen französischen Humanisten, besonders auf Jacobus
Cu j ac i u s (Jacques Cujas, 1522-1590) und Antonius Fa b er (Antoine
de Favre, 1557-1624), zurück, doch war diese Forschungsrichtung
seither von den erwähnten anderen Tendenzen verdrängt worden. Um
die Wiederaufnahme der Interpolationenkritik in den 80er Jahren des
19. Jh. haben sich in Deutschland 0. Gradenwitz und 0. Lenel,
in Italien I. Alibrandi besonders verdient gemacht.
2. Die Interpolationenkritik der ersten Phase kannte für die
Zuweisung der Texte nur die Alternative klassisch oder justinianisc:h.
Sie stellte zunächst solche Texte einander gegenüber, die uns außer in
Dig. und Inst. auch in vorjustinianischer Fassung überliefert sind,
namentlich in den Gaiusinstitutionen und in den fragm. Vaticana und
der Collatio: In diesen freilich seltenen Fällen lassen sich die Inter-
polationen unmittelbar aus den Texten ablesen. In anderen Fällen, in
denen es an solcher Doppelüberlieferung fehlt, folgerte man die
Interpolation daraus, daß die Texte einen Rechtszustand enthalten, der
erst in der nachklassischen Zeit, namentlich durch Kaisergesetze,
eingeführt wurde. Noch häufiger ergab ein Vergleich mit den inhaltlichen
Aussagen der vorjustinianischen Quellen, besonders der Gai inst., daß
Justinian eine Reihe von klassischen Rechtseinrichtungen umgestaltet oder
aufgehoben hatte. In allen diesen Fällen ließen sich einigermaßen sichere
Ergebnisse erzielen.
Aber man ging noch erheblich weiter, gestützt sowohl auf juristische
wie auf sprachliche Argumente. Juristische Indizien der Unechtheit
suchte man mit Vorliebe aus Widersprüchen herzuleiten: Wo sich die
Aussagen der Texte widersprechen, hielt man sich für berechtigt, eine
davon dem Klassiker abzuerkennen. Aber schon bloße Unklarheiten und
Verschwommenheiten erweckten den Verdacht kompilatorischen
Eingriffs; ebenso Trivialitäten und andere Abweichungen von den
gesicherten klassischen Denkformen. Steht bei den Klassikern die Lösung
der Fallprobleme im Vordergrund, so neigt die oströmische Schulweisheit
zu theoretischen Begründungen und bevorzugt Regeln und Definitionen,
systematisierende Distinktionen und begriffsanalytische Traktate. Dabei
führt die geringer entwickelte Denkkunst der Spätzeit bisweilen zu
bedenklichen Verallgemeinerungen in unscharfen oder übertreibenden
Schulregeln.
Die sprachlichen Anzeichen entnimmt man aus der Weiter-
entwicklung des Latein vom klassischen zum justinianischen Zeitalter
und aus den gegensätzlichen Stilprinzipien, nach denen sich die Werke
der späteren Autoren von den klassischen unterscheiden. Daß die
S 59. Historisdt-kritische Erforschung der römisdten Rechtsquellen 259

klassischen Juristen eine sachlich-schlichte, klare und prägnante Sprache


von höchster Vollkommenheit entwickelt haben, wurde bereits gesagt
(o. § 38 IV 2). Davon heben sich die oft breiten, von rhetorischen
Stilgrundsätzen geleiteten und darum überladenen und schwülstigen
Wendungen der Nachklassiker deutlich ab. Bisweilen verraten Gräzismen
den östlichen Ursprung. Ist die Terminologie der Klassiker zwar nicht
starr, aber doch klar und deutlich, so wird sie in der Spätzeit unsicher
und mit ausgefallenen, bisweilen außerrömischen Ausdrücken durchsetzt.
Die Ernte, die die interpolationenkritische Forschung in ihren ersten
Jahrzehnten eingebracht hat, war - mindestens ihrem Umfang nach
- außerordentlich reich. In der großen Mehrzahl der Digestenstellen
glaubte man, nachträgliche Knderungen feststellen zu können; seien es
nachklassische Neuerungen in der Sache (Interpolationen im engeren
Sinn), seien es eingefügte Erläuterungen (Glossen, Glosseme) ohne
Neuerungsabsicht, seien es bloße Umschreibungen des Klassikertexts mit
nachklassischen Worten (Paraphrasen) oder schulmäßige Traktate. Dabei
hat diese kritische Richtung zu Anfang sich nicht gescheut, sehr
großzügig mit einschneidenden sachlichen Knderungen zu rechnen, indem
man nicht nur von sachlichen Widersprüchen und Unstimmigkeiten,
sondern auch von der nachklassischen Sprachgestalt ohne weiteres auf
justinianische Reformen und damit auf einen abweichenden klassischen
Rechtszustand schließen wollte 1•
3. Die textkritische Forschung trat in ein neues Stadium, als man
bald nach Beginn dieses Jahrhunderts vor j u s t in i an i s c h e Inter-
polationen entdeckte, die die Merkmale nachklassischer überarbeitung
tragen, aber inhaltlich den justinianisc:hen Neuerungen widersprechen.
An die Stelle der bisherigen Schwarzweißmalerei trat jetzt eine weitere
Differenzierung zwischen klassisch, nachklassisch und justinianisch. Dabei
suchte man die Urheber der vorjustinianischen Textänderungen zunächst
hauptsächlich bei den oströmischen Rechtsschulen. Soweit die
Umgestaltungen nicht auf justinianische Reformgesetze oder auf die zur
1 Zur Kennzeichnung der Interpolationsbehauptungen haben sich bestimmte Zeichen
eingebürgert, nämlich eckige Klammern [-] für die der Unechtheit verdädttigten über-
lieferten Worte und Spitzklammern <-> für den vermuteten klassischen, bei der lnter-
polierung gestrichenen Text. Die Klammern wirken jedoch insofern irreführend, als sie
die Illusion der Sicherheit erwecken, also den größeren oder geringeren Wahrschein-
lichkeitsgrad der versuchten Textherstellung nicht erkennen lassen. Außerdem haben
die im folgenden darzustellenden weiteren Differenzierungen, nach denen außer mit
justinianischen auch noch mit vorjustinianischen Textänderungen gerechnet werden muß,
gezeigt, daß mit den genannten Klammern das Schicksal des Textes noch nicht deutlich
genug gekennzeichnet werden kann. Schließlich geben die Klammern auch keine Aus-
kunft darüber, ob nur der Wortlaut oder auch der Sinn dem Klassiker abgesprochen
werden soll. Nach alldem empfiehlt es sich, die Klammern - wenn überhaupt - nur
mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung zu gebrauchen.
17•
260 III. Das Zeitalter des Niedergangs

Herstellung der Kompilation erforderlichen Eingriffe zurückgeführt


werden können, schrieb man sie den östlichen Rechtslehrern zu, die nicht
nur für die schulmäßigen Erläuterungen und die rhetorischen Stilmerk-
male, sondern auch für vielfältige sachliche Neuerungen verantwortlich
gemacht wurden. Dabei suchte man nachzuweisen, daß sie vermöge ihrer
gehobenen Bildung auch philosophisches und theologisches Gedankengut
in die Rechtsquellen hereintrugen (wie bei der Lehre vom Verschulden
und von der Auslegung der Rechtsakte), ja zuweilen sogar Einrichtungen
der hellenistischen Volksrechte, die uns jetzt namentlich aus den ägyp-
tischen Papyri bekannt geworden waren, auf das römische Reichsrecht
einwirken ließen. Als besonders erfolgreiche Gelehrte dieser Richtung, in
der sich die Interpolationenforschung mit der juristischen Papyrologie
(o. § 35 II 2) verbindet, seien J. Partschund F. Pr in g s heim genannt.
Aus dieser Sicht wurde das spätrömische als "hellenistisches", ja als
"byzantinisches" Recht verstanden. Die als unmittelbare Beweise heran-
gezogenen Quellen, die scholia Sinaitica und die ältesten Kommentare in
den Basilikenscholien (o. § 54 111 1, 2, u. § 60 IV 2), erwiesen sich aller-
dings im ganzen als wenig schlüssig.
4. a) Bereits auf dieser Forschungsstufe hat man die textkritische
Analyse auch auf unserevor j u s t in i an i s c h e Oberlieferung ausgedehnt
und nachzuweisen gesucht, daß die uns vorliegenden nachklassischen
Fassungen bereits Glosseme und andere Textentstellungen enthalten. Bei
den Institutionen des Gaius haben sich jedoch die besonders von G. von
Beseler, S. Solazzi und E. Albertario behaupteten umfangreichen
Überarbeitungen nicht durchsetzen können; die heutige Forschung lehnt
diese Annahmen zum größten Teil ab und erklärt die Eigentümlichkeiten
des gajanischen Denk- und Darstellungsstils aus der Sonderstellung
dieses Juristen als Schulschriftstellers und aus der didaktischen Zweck-
bestimmung seines Einführungslehrbuchs.
b) Aus den fragm. Vaticana und der Collatio hat dagegen seit
Ende der 20er Jahre eine jüngere Richtung (H. Niedermeyer,
F. Schulz, H. J. Wolff, F. Wieacker) erschlossen, daß die
klassische Literatur schon in der frühnachklassischen Zeit, also
zwischen 250 und 330, der oben (§ 51 I, II) betrachteten umfangreichen
Überarbeitung unterworfen wurde. Die große Menge der Text-
änderungen, die nicht erst von Justinians planmäßigen Reformen
veranlaßt sind, wird hiernach weder auf ihn noch auf die ihm zeitlich
und örtlich immerhin nahestehenden oströmischen Rechtsschulen zurück-
geführt, sondern auf anonyme Lehrer an den juristischen Elementar-
schulen des Westens, die sich der klassischen Hinterlassenschafl schon
bald nach dem Ende der Klassik bemächtigt und sie hauptsächlich für
Zwecke des Unterrichts verkürzt, vereinfacht, vergröbert und mit
S59. Historisch-kritische Erforschung der römischen Rechtsquellen 261

schulmäßigen Erläuterungen durchsetzt haben. Da wir von keiner


einzigen Klassikerschrift einen gesicherten Text aus der klassischen Zeit
besitzen, ist diese Richtung ausschließlich auf mittelbare Indizien
angewiesen, die sie den frühnachklassischen Texten selbst entnehmen
muß.
c) Neben diese Forschungsrichtung tritt ungefähr gleichzeitig die von
E. L e v y angeregte und zu bedeutenden Edolgen geführte Erschließung
des Vulgarrechts, also der auf laienhafte und unwissenschaftliche
Vorstellungen gegründeten Tendenz, viele der klassischen Errungen-
schaften wieder preiszugeben. Seit Konstantin hat dieses Vulgarrecht
auf die Reichsgesetzgebung eingewirkt, und zwar ebenso auf die des
Ostens wie des Westens. Die Literatur dagegen zeigt im ganzen einen
immer weiter fortschreitenden vulgaristischen Einfluß nur im Westen.
Die oströmischen Rechtslehrer aber lassen die tief unter ihrem Niveau
stehenden vulgaristischen Bearbeitungen des Westens unbeachtet. Vulgar-
rcchtliche Spuren bleiben im Osten vereinzelt.
5. Die differenzierten Richtungen, die die Erforschung der römischen
Rechtsquellen bisher eingeschlagen hat, werden neuestens zusammen-
gefaßt unter dem Postulat einer Textstufenforschung, die die
"Lebensläufe" der Juristen- und der Konstitutionentexte von ihrer
Kundgabe durch den Autor oder Kaiser bis zur Endgestalt in der
justinianischen Kompilation ermitteln will (F. Wieacker}. Als
mögliche Stufen ergeben sich dabei im ganzen fünf (die natürlich nicht
jeder Text durchschritten hat): a) das klassische Original, b) die früh-
nachklassische Bearbeitung, c) die Vulgarisierung des 4.15. jh.s, d) die
theoretische Erfassung durch die oströmische Schule, schließlich e) die
Einpassung in die justinianische Kompilation. Dabei kann (zu b) die
frühnachklassische Bearbeitung den Text entweder in seinem alten
Zusammenhang belassen oder in einen Auszug (Epitome) oder in ein
Florilegium (nach Art der fragm. Vat.) übergeführt und dabei tiefer
greifenden Umgestaltungen unterworfen haben. Die Vulgarisierung
(zu c) führt auf einen Seitenweg, der sich im Westen verliert und im
Osten nicht fortsetzt. Bei den Bearbeitungen durch die oströmische
Schule (zu d) ist im allgemeinen anzunehmen, daß die Neuerungen nicht
schon von ihnen selbst, sondern erst von Justinians Kompilatoren den
i.iberlieferten Texten aufgepfropft wurden.
111. 1. Die textkritische Forschung hat für die Aufschließung des uns
hinterbliebenen Quellenmaterials Hervorragendes geleistet und sich
damit bleibende Verdienste von hohem Rang erworben2 • Das ist

! Eine Bibliographie der Interpolationsvermutungen enthält der .Index interpola-


tionum quae in Iustiniani Digestis inesse dicuntur• (3 Bände und ein Supplement, heraus·
262 111. Das Zeitalter des Niedergangs

anzuerkennen, auch wenn wir ihren Ergebnissen heute zu einem beträdtt-


lichen Teil kritisch (und selbstkritisdt) gegenüberstehen. Seitdem diese
Forsdtungsridttung audt mit vorjustinianischen Überarbeitungen rechnet,
ist kaum ein Text vom Verdacht verschont worden; aber kein heutiger
Gelehrter zweifelt mehr daran, daß hier vielfach über das Ziel hinaus-
geschossen worden ist. Mit ihren Auswüchsen und Übertreibungen drohte
die Erforschung der römischen Quellen den Boden unter den Füßen zu
verlieren. Die Unechtheitskriterien, namentlich die sprachlichen, steiger-
ten sich in geometrischer Progression; und es fehlte nichtan-zum Glück
vereinzelt gebliebenen - Forschern, die, nachdem sie sich der Quellen-
grundlagen durch die Textkritik entledigt hatten, nun im quellenlosen
Raum luftige Gebäude eines rekonstruierten klassischen Rechts errich-
teten, das seltsam starr und rückschrittlich anmutet und viele der bisher
gerühmten Errungenschaften preisgibt. Hätten wir diesen radikalen
Kritikern zu folgen, dann hätten oft genug nicht die Klassiker, sondern
die verachteten und geschmähten "Byzantiner" das Lob verdient, die
fortschrittlichen Gedanken gefunden zu haben, die als bedeutende Lei-
stungen des römischen Rechtsgeistes noch in unseren neuzeitlichen Rechts-
ordnungen fortleben.
Diese nihilistische Richtung hat sich indessen totgelaufen; an ihre
Stelle ist heute eine maß v o 11 er e Einstellung zur Textkritik getreten,
derzufolge wir den s a chIich e n Aussagen der auf uns gekommenen
Quellen im ganzen wieder vertrauen dürfen, mag auch die überlieferte
Form nach wie vor häufig, wenngleich bei weitem nicht so oft wie
vormals angenommen, Anlaß zu Zweifeln bieten. Der heutige Stand der
Quellenbearbeitung, der sich im wesentlichen erst in den beiden Jahr-
zehnten seit Kriegsende (und damit erst nach der Erstauflage dieses
Buches) herausgebildet und gefestigt hat, verlangt eine unterschiedliche
Würdigung der Schicksale, die die Texte unter Justinian und in den
vorjustinianischen Jahrhunderten erfahren haben.
2. Gegenüber der Kompilation Justinians hat die radikale Text-
kritik die k I a s s i z ist i s c h e Geisteshaltung übersehen oder unterschätzt,
die den Kaiser bei der Aufstellung und Durchführung seines Plans erfüllt
hat. Es hätte den Kompilatoren übel angestanden, hätten sie in blindem
Reformeifer die klassischen Entscheidungen ohne zwingende Not umge-
stoßen, nachdem der Kaiser befohlen hatte, die klassischen Juristen mit
Fragmenten aus ihren Texten, also mit ihrem eigenen Wortlaut, in das
Sammelwerk aufzunehmen und sogar die Herkunft jedes Fragments in
den Inskriptionen anzugeben. Die Heuchelei, deren ihn die extremen
gegeben von E. L e v y und E. Rabe l, 1929-35). Eine Fortführung, die freilich die
seither gewandelten Zielsetzungen der Quellenanalyse berüduicbtigen muß, ist in Vor-
bereitung begriffen.
S59. Historisch-kritische Erforschung der römischen Rechtsquellen 263

Kritiker beschuldigten, ist nicht glaubhaft. Die Interpolationen aber, zu


denen er die Kompilatoren ermächtigt hat, zielten nur darauf ab, das
klassische Erbe gerade dadurch lebensfähig zu erhalten, daß die Texte
mit einem Mindestmaß unerläßlicher Eingriffe den veränderten Zeit-
umständen angepaßt wurden.
Hiernach verringert sich der Umkreis der glaubwürdigen Interpola-
tionen auf wenige Fallgruppen:
a) Wo Justinian in seinen eigenen Reformgesetzen, die er in
seinem Codex überliefert, das Recht geändert hat, mußten die Kompi-
latoren die Juristentexte damit in Einklang bringen; ebenso, wo er sich
die Neuerungen anderer nachklassischer Kaiser dadurch zu eigen machte,
daß er sie in seinen Codex aufnahm.
b) Offenbar durch interne Weisung hat er die Bereinigung angeordnet,
wo überholte Institute, wie mancipatio, in iure cessio, fiducia, dotis
dictio, cretio, die sponsio und fidepromissio zu Bürgschaftszwecken, der
cognitor (als Prozeßvertreter) usw., beseitigt werden sollten.
c) Zahlreiche Interpolationen wurden ferner notwendig, wo die
Kompilatoren zwar im materiellen Recht den klassischen Zustand auf-
rechterhielten oder zu ihm zurückkehrten, aber ihre Entscheidungen der
veränderten Verfahrensordnung, also der an die Stelle des For-
mularprozesses getretenen Beamtenkognition, anzugleichen hatten. Die
Interpolationen, die sim auf die veränderten s t a a t s rechtlichen,
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse oder
auf die Anerkennung der christlichen Lehre stützen (Näheres o. § 49
111), sind dagegen verhältnismäßig selten. Die Neuerungen stehen in den
Kaisergesetzen, die Digesten aber wurden ihnen nur vereinzelt angepaßt.
d) Wo die Kompilatoren sonstige sachändernde Interpolationen vor-
nahmen, ist davon auszugehen, daß sie dafür Anhaltspunkte zu aller-
meist bereits in den k 1a s s i s c h e n Quellen vorgefunden haben werden;
sei es daß sie einen Rechtsgedanken, der beim Klassiker nur eine
begrenzte Anwendung hatte, ver a 11 gemeiner t e n, indem sie ihn aus
dem Zusammenhang lösten und isoliert verkündeten, sei es daß sie im
Fall einer Kontroverse einer einzelnen Meinung folgten und die
Gegenmeinungen unterdrückten. Nur wo sie die Lehrmeinungen der ost-
römischen Schuldoktrin aufnahmen, haben sie in größerem Um-
fang neue schöpferische Gedanken eingeführt, die freilich zumeist mehr
theoretische und systematische als praktische Bedeutung haben, aber doch
das Recht verschiedentlich weiterbilden. Völlig "freihändige" Neuerun-
gen, die die Kompilatoren ohne solchen Anhalt vornahmen, sind dagegen
als seltene Ausnahmen zu deuten und bedürfen besonders sorgfältiger
Begründung.
264 111. Das Zeitalter des Niedergangs

e) Die große Menge der Textveränderungen, die über die bisher


genannten Sachverhalte hinausgehen, zielen nicht auf sachliche
Reformen ab, sondern haben nur formalen Charakter. Mit ihnen
wollten die Kompilatoren die Fülle des Materials, das ihnen nodt vorlag,
auf einen Bruchteil - angeblich ein Zwanzigstel - verkürzen. Zu
diesem Zweck mußten sie, um Wiederholungen zu vermeiden, vieles
entweder ganz weglassen oder aus den Texten herausstreichen. Darüber
hinaus haben sie aber insofern auch in den sachlichen Textbestand ein-
gegriffen, als sie zahlreiche K o n t r o ver s e n berichte eliminierten
oder beschränkten. Wo einander widerspredtende Aussagen stehen
geblieben sind, ohne daß wir aus einem der vorhin genannten Gründe
eine justinianische Reform anzunehmen haben, da hält man es heute
nidtt mehr für angängig, auf einen Gegensatz zwischen der klassischen
und der justinianischen Meinung zu schließen. Vielmehr werden wir zu
allererst an einen Meinungsstreit unter den klassischen Juristen - sei
es gleichzeitigen, sei es solchen auf verschiedenen Zeitstufen - zu
denken haben, auch wenn uns die Kompilatoren davon nur mehr in dem
einen Text die eine, im anderen die entgegengesetzte Meinung auf-
bewahrt haben. Ob die Kompilatoren den Widerspruch in der Eile
übersahen oder, weil die Ausgleichung nicht in ihrem Redaktionsplan
lag, unaufgelöst hinnahmen, ist dann eine Frage für sich. Daß aber in
der klassischen Jurisprudenz nodt viel mehr Fragen umstritten waren,
als die Digesten erkennen lassen, wird durch einen Vergleich der Fassun-
gen zuverlässig bestätigt, in denen dieselben Texte sowohl in den
Digesten wie in vorjustinianischen Quellen überliefert sind.
Haben wir nach alldem in weitem Umfang mit bloß "formalen"
Interpolationen zu rechnen - dieser (kritisierte) Ausdru<k ist aus prak-
tischen Gründen kaum entbehrlich -, so folgt daraus erstens, daß die
sprachlichen Unechtheitskriterien viel von ihrem Gewicht verloren
haben; auch in unklassischem Gewand kann ein Text über klassisches
Recht aussagen. Zweitens aber ergibt sich, daß die Wege der Quellen-
geschichte und der Geschichte der Rechtsinstitutionen bisweilen aus-
einandergehen. Ein Text kann auf den Stufen seines "Lebenslaufs"
ein noch so wechselvolles Schicksal erlitten haben und trotzdem denselben
Rechtsgedanken unverändert bewahren. Freilich soll nachdrücklich unter-
strichen werden, daß dieser Rechtsgedanke, auch wenn er der gleiche
geblieben ist, mit der übertragung in eine neue Entwi<klungsstufe in
seinem Charakter und seiner Bedeutung verändert worden sein kann.
Im ganzen gesehen, wird sich indessen behaupten lassen, daß unser
heutiges Bild von der nachklassischen Rechtsentwi<klung mit einer
stärkeren Kontinuität rechnen darf als noch vor wenigen Jahrzchn-
§ 59. Historisch-kritische Erforschung der römischen Rechtsquellen 265

ten, und daß damit die Interpolationenkritik etwas von der ihr damals
beigelegten Bedeutung eingebüßt hat.
2. Blicken wir auf die vor justinianischen Textstufen und lassen
wir die Vulgarisierung, weil sie die Juristenschriften im ganzen nur im
Westen erfaßt hat, beiseite, so ist festzuhalten, daß zu planmäßig refor-
mierenden Eingriffen - anders als die Kompilatoren Justinians -
weder die frühnachklassischen Bearbeiter noch die oströmischen Rechts-
lehrer legitimiert waren. Die frühnach k 1a s s i s c h e n Autoren, zumeist
gleichfalls Rechtslehrer, aber von primitiverer Geisteshaltung als im
Osten, wollten den klassischen Textstoff ihren Schülern leichter ein-
gängig machen, aber nicht verändern und nur selten dem inzwischen ein-
getretenen Rechtsfortschritt an passen. Die Rechtsgelehrten des 0 s t e n s
aber wurden bereits durch ihre klassizistische Gesinnung von refor-
mierenden Eingriffen ferngehalten, obschon die inzwischen vermehrten
legislativen Neuerungen sie zu solchen anregen mochten. Sie werden
sie zwar bei den Texten registriert, aber diese selbst kaum umgestaltet
haben. Ihre Gelehrsamkeit hat immerhin eine Reihe neuer systematischer
und theoretischer Gedanken hervorgebracht. Diese schulmäßigen Erörte-
rungen werden aber eher erst von den Kompilatoren Justinians in die
Klassikertexte eingefügt worden sein als von den Rechtslehrern selbst.
Die sachliche Substanz der klassischen Rechtsliteratur ist mithin
auch in dieser Zwischenperiode in wesentlichen Teilen unverändert erhal-
ten geblieben. Nur soweit die Verpflanzung in eine neue Umwelt, beson-
ders die der Schule, auf das klassische Gedankengut neues Licht gewor-
fen hat, lassen sich hier und dort einzelne Wandlungen erkennen. Doch
betreffen sie im ganzen wieder nur die begriffliche Erfassung und systema-
tische Einordnung der Erscheinungen, aber nur ausnahmsweise die Lösun-
gen der klassischen Fallprobleme.
3. Inwieweit indessen die frühnachklassischen Änderungen, bei denen
die jüngste kritische Richtung die Hauptmasse der nachklassischen
Eingriffe sucht, überhaupt Glauben verdient, ist der heutigen Forschung
wieder zweifelhaft geworden. Soweit die Klassikerschriften unter ihren
ursprünglichen Titeln in bearbeiteter Form neu herausgegeben wurden,
rücken diese Ausgaben, die etwa den Kompilatoren der fragm. Vaticana
bereits vorlagen, in die zweite Hälfte des 3. Jh. und damit nahe an die
späte Klassik heran. Es fragt sich. hiernach, ob nicht manche der Eigen-
schaften, die man diesen Textfassungen als Mängel vorwirft, in Wahrheit
schon den Klassikern selbst zukommen. Man war bisher geneigt, den
klassischen Juristen eine fast übermenschliche Vollkommenheit
zuzuschreiben, sie aber zugleich mit unerbittlicher Strenge auf den für
sie typischen Denk- und Darstellungsstil festzulegen. Weder solches
266 III. Das Zeitalter des Niedergangs

Obermenschentum noch solche Einseitigkeit der Darstellungs- und Aus-


drucksform ist jedoch historisch glaubwürdig. Auch ein Klassiker von
höchsten Fähigkeiten kann zuweilen Trivia 1es gesagt haben, um
Geäußertes zusammenzufassen oder hervorzuheben oder zu Folgendem
überzuleiten. Auch ihm werden hier und dort begriffliche und
systematische Ansätze, mit denen er zu den methodischen Mitteln
der Vorklassiker zurückkehrt (o. § 37 I), nicht völlig fremd gewesen
sein. Namentlich bei den Spätklassikern, die selbst Institutionenwerke
verfaßt haben, dürfen solche d i da k t i s c h e Darstellungsformen auch in
ihren anderen Werken nicht überraschen. Nicht zuletzt durften sich auch
die Juristen gelegentlich rhetorischer Mittel bedienen; gehört doch
die Rhetorik seit Jahrhunderten zu den Grundlagen der allgemeinen
Bildung, die auch jeder Jurist in seiner Jugend erworben hat. Die Ver-
wendung rhetorischer Stilmittelliegt besonders nahe bei Autoren, die (wie
Papinian) in der kaiserlichen Kanzlei a libellis tätig waren, so daß ihnen
von dorther der stärker rhetorisch gefärbte Konstitutionenstil geläufig
war. Doch reicht der rhetorische Einfluß auf den Juristenstil über diese
Fälle hinaus.
Solange wir über keine einzige Klassikerschrift in einem Exemplar
verfügen, das noch zuverlässig in die klassische Periode zurückreicht,
bleiben alle Aussagen über den reinen Klassikerstil bloße Vermutungen.
Mit der Möglichkeit, daß der Klassiker selbst bereits den überlieferten
Text verfaßt hat, wird trotz mancher Unvollkommenheiten häufiger zu
rechnen sein, als die kritische Richtung bisher annahm. Manche
Verkürzungen und Vereinfachungen mögen schließlich bereits auf die
Hersteller der Teilkompilationen zurückgehen, wie wir sie in den fragm.
Vaticana besitzen. Daß solche Teilkompilationen auch den Kompilatoren
Justinians vorgelegen haben, wird zu erwägen sein (o. §57 V).
IV. Nach alldem steht die verjüngte Wissenschaft vom römischen
Recht in der Erforschung ihrer Hauptquellen vor neuen Aufgaben. Die
methodischen Mittel, die ihr die Interpolationenkritik zugeführt hat,
habentrotzder Übertreibungen, mit denen man sie zuzeiten gehandhabt
hat, nichts von ihrer Richtigkeit und Unentbehrlichkeit verloren. Kein
Adept der Quellenanalyse kann hoffen, brauchbare Ergebnisse zu
gewinnen, ohne auch diese Methode voll zu beherrschen und sich mit
den von der Textkritik aufgestellten Behauptungen auseinanderzusetzen.
Das bleibt zu beherzigen, auch wenn heute die Quellenkritik nicht mehr
ganz die führende Rolle spielt, die man ihr vormals zugewiesen hat.
Für die Exegese, die heute im Vordergrund steht, gilt als oberster
Grundsatz, daß jeder Text, dessen sachlicher Gehalt erschlossen werden
soll, eine Individualität ist. Darum lassen sich für seine Behandlung nur
schwer allgemeingültige Verfahrensregeln aufstellen.
§ 59. Historisch-kritische Erforschung der römischen Rechtsquellen 267

Alle Möglichkeiten nachklassischer Anderungen von der Frühnach-


klassik über das Vulgarrecht und die oströmischen Schulen bis zum
Eingriff der Kompilatoren bleiben nach wie vor zu prüfen. Nur wird
man sich vom heutigen Standpunkt aus im ganzen schwerer, d. h. nur
beim Vorliegen zwingender Gründe, dazu entschließen, die überlieferte
Textform dem in der Inskription genannten Klassiker abzusprechen.
Dürfen wir heute den nachklassischen Aussagen der überlieferten
Juristenschriften und Kaiserkonstitutionen als Zeugnissen für das klassi-
sche Recht wieder mehr Vertrauen schenken, so kehren wir damit doch
nicht zur Pandektenlehre des 19. Jh. zurück, die aus den Quellen ein
geschlossenes, für die Gegenwart unmittelbar verwendbares System
aufbauen wollte. Vielmehr wollen wir heute das klassische Recht in seiner
vielfältigen D i f f erenziert h e i t erfassen. Wir erforschen die Stimmen
der Klassiker in der kaum übersehbaren Fülle ihrer Kontroversen und
suchen die Gründe zu erkennen, die die einzelnen Autoren zu ihren
Meinungen bewogen haben, sowie die Kräfte, die auf sie eingewirkt
haben. Wir berücksichtigen dabei die Entwicklung von den republi-
kanischen Juristen über die frühe und die hohe zur späten Klassik, wir
unterscheiden zwischen den Denkformen bei den Praktikern einerseits
und beim Schuljuristen Gaius andererseits; und wir versuchen schließlich,
so weit wie möglich den Individualitäten der einzelnen Juristen-
persönlichkeiten näherzukommen. Mit alldem sind unserer Wissenschaft
vielfältige Fragen gestellt, deren Beantwortung die kommenden Jahr-
zehnte beschäftigen wird.
Anhang

J 60 Die Fortentwicklung im byzantinischen Kaiserreich


I. Das Corpus iuris bedeutet für die römische Rechtsentwicklung einen
Abschluß. Mit ihm war der Herrscher des oströmischen Reichs, in dem
das römische Kulturelement längst vom hellenistisch-byzantinischen
überwuchert und zurückgedrängt worden war, in bewußter Abwendung
von der Zeitströmung zum letzten Mal zur großen Tradition der
römischen Vergangenheit zurückgekehrt. In seinem romantischen Streben
nach Wiederaufrichtung des Römerturns hatte er die großen Schöpfungen
der römischen Rechtsweisheit am Leben zu erhalten gesucht. So ist es zu
einem wesentlichen Teil sein Verdienst, daß die Nachwelt das römische
Recht nicht in der verflachten und vulgarisierten Gestalt übernahm, in
der es in der Praxis der nachklassischen Jahrhunderte tatsächlich
gehandhabt wurde, sondern daß die fruchtbaren Gedanken aus seiner
Blütezeit in einer letzten Zusammenfassung bewahrt geblieben sind. Das
Corpus iuris hat mithin vor allem erhaltend gewirkt, indem es wertvolle
Stücke aus den klassischen Juristenschriften und Kaisererlassen gerettet
hat; freilich auch zerstörend, weil nun alle anderen Oberreste der älteren
Literatur in Vergessenheit gerieten und uns bis auf wenige Ausnahmen
verloren gegangen sind.
Die von Justinian angestrebte römische Renaissance war nur von
kurzem Bestand. Wie seine politischen und militärischen Erfolge in der
Geschichte des Reichs nur eine Episode bedeuteten, so war auch seine
Erneuerung des römischen Redus nur ein kurzes, wenn auch für die
Entwicklung des abendländischen Rechtsdenkens folgenschweres
Zwischenspiel. Schon in Justinians Schaffen selbst zeigt sich nach der
Vollendung der drei Hauptteile des Corpus iuris, Digesten, Institutionen
und Codex, eine Abkehr von der römischen Rechtstradition; weichen
doch bereits die Novellen nach Sprache und Inhalt vom römisch
bestimmten Stil seiner eigenen früheren Gesetze ab. In der Folgezeit
erweist sich das Gefühl für die Eigenart des römischen Rechtsdenkens
und damit die Neigung, seine Oberlieferung fortzusetzen, als erloschen.
II. Im oströmischen Reich blieb das Recht des Corpus iuris in
seiner Kernsubstanz, auch wenn in den späteren Bearbeitungen manches
abgewandelt wurde, das ganze Mittelalter über in Geltung. Anders als
im Westen, wo die Aufrichtung der germanischen Heerkönigtümer auf
dem Boden des zerschlagenen weströmischen Reichs den Bruch mit der
S60. Die Fortentwicklung im byzantinischen Kaiserreich 269

Vergangenheit herbeiführte, wurde im Osten die staatliche ebenso wie


die kulturelle Kon tin ui tä t gewahrt. Im Westen bedurfte es zur
Wiederaufrichtung des Imperium Romanum einer Erneuerung, die erst
nach langer Zwischenzeit mit der Kaiserkrönung Karls des Großen
begonnen und von Otto dem Großen vollendet wurde. Im Osten
dagegen bestand das römische Kaiserreich in ununterbrochener Folge fort
und bewahrte mit der absoluten Staatsgewalt zugleich die geltende
Rechtsordnung und die vom Staat getragene Kultur.
Dennoch dürfen wir mit dem Corpus iuris unser Entwicklungsbild des
römischen Rechts abschließen. In ihm sehen wir den letzten Versuch,
das römische Recht nicht nur als geistige Leistung von hoher Nützlichkeit,
sondern als Schöpfung des Römerturns zugleich mit diesem selbst neu
zu beleben, wenngleich diese Leitidee nach den geistigen und physischen
Kräften der Zeit keinen dauernden Erfolg haben konnte. In der Zeit
danach aber erkennen die Völker des Ostens wie des Westens im
römischen Recht nur noch die in das Gesetz eingegangene wissen-
schaftliche Lehre, deren Errungenschaften sie sich aneignen, obschon
ihre eigene kulturelle Grundlage nicht mehr die römische ist. Fortan
besteht das römische Recht nicht mehr als eine vom römischen Volkstum
hervorgebrachte und ihm wesensgemäße Ordnung weiter, sondern nur
noch als die im Corpus iuris niedergelegte Rechtserkenntnis von
allgemeingül tigern Wert.
Aus der Ku 1tu r des oströmischen Reichs sind die Reste römischer
Herkunft nahezu ganz verflüchtigt. In ihr lebt jetzt vornehmlich der
schon seit Jahrhunderten wirksame griechisch-orientalische Geist des
Hellenismus in der besonderen Ausprägung und Weiterbildung fort, die
dem b y z anti n i s c h e n Staat eigentümlich ist. Diese byzantinische Kul-
tur aber erhält sich mit großer Zähigkeit während des ganzen Mittelalters
inmitten einer von andersartigen geistigen und politischen Kräften
beherrschten Umwelt. In ihr ragt ein Stück Antike in das neue Zeitalter
der Menschheitsgeschichte hinein und vermag sich seine Eigenart zu
erhalten, auch wenn es nun von mannigfachen Einflüssen, teils von den
umgebenden Völkern des Islam, teils - trotz der Kirchenspaltung (von
etwa 1054) - von den Geisteskräften der im Westen neu entstandenen
Reiche des Mittelalters abgelenkt und umgeformt wird. Freilich schrumpft
unter dem Druck der Slawen und Araber, später der Türken das ost-
römische Reich immer enger zusammen, bis ihm schließlich um die Mitte
des 15. Jh. die türkische Eroberung der Kerngebiete ein Ende bereitet.
III. 1. Gehört nach alldem die nachjustinianische Rechtsentwicklung
im oströmischen Kaiserreich nicht mehr in die römische Rechtsgeschichte,
so sind doch ihre Quellen auch noch für die Erkenntnis des römischen
Rechts aufschlußreich. Sie helfen uns nicht nur, Fehler und Lücken in
270 111. Das Zeitalter des Niedergangs

den Handschriften des Corpus iuris zu beseitigen, sondern vor allem


auch, seine Auslegung und vereinzelt sogar seine Vorgeschichte zu
ermitteln.
2. Das Bedürfnis nach einer Literatur, die das Corpus iuris weiter
verarbeitet, lag bereits bei seiner Verkündung offen zutage. Indem
Justinian zu den Denk- und Ausdrucksformen der römischen Juris-
prudenz zurückkehrt, stellt er die praktische Anwendung seines Gesetzes
vor ernste Schwierigkeiten. Schon die lateinische Sprache, die nur bei
einem kleinen Kreis von Gebildeten verbreitet war, machte alsbald
Obersetzungen ins Griechische notwendig. Vor allem aber stand das
Werk mit all den Feinheiten und gedanklichen Schärfen, die die
klassischen Juristen entwickelt und in zahlreichen Kontroversen bewiesen
hatten, auf einer geistigen Ebene, die den Richtern und Anwälten jener
Zeit nur selten erreichbar war. Das neue Gesetzeswerk hatte um der
klassizistischen Neigungen seines Schöpfers und der Bedürfnisse der
Schule willen das Recht nur in wenigen Beziehungen vereinfacht und
den zeitlichen und örtlichen Verhältnissen angepaßt. Es stieß darum trotz
des Geltungsbefehls des Gesetzgebers auf mancherlei Widerstände. Hinzu
kommt, daß man die Einrichtungen und Normen des römischen Rechts
gegenüber den hellenistischen Volksrechten, die im Ostreich heimisch
waren, auch in den nachklassischen Jahrhunderten nur lässig und in
engen Grenzen eingeführt und durchgesetzt hatte. So zeigt ein Blick auf
die Praxis der Zeit (o. §58 IV), daß das Corpus iuris keineswegs
überall vollständig und ausschließlich angewandt wurde. Nur an den
höchsten Gerichten und Verwaltungsstellen der Hauptstadt und vielleicht
noch in einigen Großstädten mag es mit größerer Strenge eingehalten
worden sein. In den Außengebieten des Reichs dagegen behaupteten sich,
wie uns die Papyri aus Agypten beweisen, mannigfache lokale Ab-
weichungen, auch wenn man jetzt hier und da auf die neue Rechtsquelle
Bezug nimmt.
3. Das Schrifttum, das sich an das Corpus iuris anschließt, zeigt
demgemäß den Zweck, es für die Schule und die Praxis anwendbar zu
machen. Wie schon die vorjustinianische, hauptsächlich aus den Rechts-
schulen hervorgegangene Literatur ist auch die neue nirgends sonderlich
tief und den Feinheiten des klassischen Geistes nicht völlig gewachsen,
sie genügt aber im ganzen wohl dem vergröberten Rechtsbewußtsein
dieser Zeit.
Justinian hatte im irrigen Glauben, alle Streitfragen aus der Welt
geschafR zu haben, jede Erläuterung der Digesten als ihrem Geist wider-
sprechend verboten und als Fälschungsverbrechen mit strengen Strafen
bedroht. Erlaubt waren nur ergänzende Bemerkungen zu den einzelnen
Titeln (:n:aQantÄa), Erläuterungen, die dem Wortlaut des Textes folgen
§ 60. Die Fortentwicklung im byzantinischen Kaiserreich 271

(&plJ.YjV&(cx Xot't'd: 1t68cx, d. h. "Schritt für Schritt") und kurze Inhalts-


angaben (tv8Lxe<;, indices). Das Verbot, das neue Rechtsunsicherheit
verhüten wollte, wandte sich hauptsächlich gegen neue Kontroversen
unter den Kommentatoren, wie sie unter den Klassikern bestanden
hatten, und gegen alle Kritik an der Kompilation. Es betraf nur die
Digesten und wurde offenbar schon zu Lebzeiten Justinians übertreten.
Das bezeugt die spätere Rechtsliteratur, zu der hauptsächlich kommen-
tierende Erläuterungen (7totpcxypotq>ott) und später auch Monographien
über einzelne Gegenstände gehören.
IV. 1. Selbständig erhalten ist uns von diesen Arbeiten eine
griechische Paraphrase der I nsti tu tionen, die dem Theophi I us,
dem Mitverfasser der Institutionen Justinians, zugeschrieben wird.
2. Die Werke aus der reichhaltigen griechischen Erläuterungsliteratur
zu den Digesten und zum Codex sind uns nicht vollständig über-
liefert, sondern nur in Bruchstücken, die in ein späteres Sammelwerk
übergegangen sind. Aus diesen Bruchstücken wurde nämlich ein
umfangreicher "Kettenkommentar" hergestellt, indem man, ähnlich wie
bei den theologischen Quellen dieser Zeit, Fragmente aus diesen
Erläuterungswerken, die sich auf dieselbe Digestenstelle beziehen,
zusammenstellte und kettenförmig aneinanderreihte. Diese ,,Katene"
(xatilvll = Kette) setzt man dann für jede Stelle, die darin erläutert
wurde, neben den ihr entsprechenden Text einer kurzgefaßten
griechischen Digesten p a r a p h rase, die ein unbekannter Verfasser
(Anonymus) Anfang des 7. jh. hergestellt hatte. Diese Paraphrase ist
uns dadurch erhalten geblieben, daß sie später zum größten Teil in ein
neues Sammelwerk, die Basiliken (u. 4), übernommen wurde. Auch die
Katene blieb damit verbunden.
Für uns ist diese Katene deshalb bedeutsam, weil einige Schriftsteller,
aus deren Werken Bruchstücke in den Kettenkommentar übergegangen
sind, noch in die Zeit der justinianischen Gesetzgebung zurückreic:hen,
wie etwa die Rechtslehrer Theophilus und Dorotheus. In den
vereinzelten Fällen, in denen sie sich noch auf den Rechtszustand