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AGRAR-ATLAS

Daten und Fakten zur EU-Landwirtschaft 2019

2. Auflage

REFORMEN
LE,
FÜR STÄL
D
ÄCKER UN
NATUR
IMPRESSUM
Der AGRAR-ATLAS 2019 ist ein Kooperationsprojekt von
Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
und Le Monde Diplomatique.

Inhaltliche Leitung:
Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung (Projektleitung)
Christian Rehmer, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.

Projektmanagement: Dietmar Bartz


Art-Direktion und Herstellung: Ellen Stockmar
Bildbearbeitung: Roland Koletzki

Textchefin: Elisabeth Schmidt-Landenberger


Dokumentation und Schlussredaktion: Infotext Berlin
Übersetzungen: Paul Mundy, Maria Lanman

Mit Originalbeiträgen von


Dietmar Bartz, Stanka Becheva, Brîndușa Bîrhală, Harriet Bradley, Christine Chemnitz, Henrike von der Decken, Martina Eichner,
Rebekka Frick, Harald Grethe, Astrid Häger, Hans Martin Lorenzen, Alan Matthews, Friedhelm von Mering, Oliver Moore,
Joyce Möwius, Lars Neumeister, Nikolai Pushkarev, Christian Rehmer, Tobias Reichert, Véronique Rioufol, Cornelia Rumpel,
Jenny Schlosser, Julia Christiane Schmid, Helene Schulze, Matthias Stolze, Berit Thomsen, Aurélie Trouve, Katrin Wenz, Helga Willer

Die Beiträge geben nicht notwendig die Ansicht aller beteiligten Partnerorganisationen wieder.

V. i. S. d. P.: Annette Maennel, Heinrich-Böll-Stiftung

2. Auflage, März 2019

ISBN 978-3-86928-188-9

Dieses Werk mit Ausnahme des Coverfotos steht unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung –
4.0 international“ (CC BY 4.0). Der Text der Lizenz ist unter https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode abrufbar.
Eine Zusammenfassung (kein Ersatz) ist unter https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de nachzulesen.
Sie können die einzelnen Infografiken dieses Atlas für eigene Zwecke nutzen, wenn der Urhebernachweis
Bartz/Stockmar, CC BY 4.0 in der Nähe der Grafik steht (bei Bearbeitungen: Bartz/Stockmar (M), CC BY 4.0).

Cover-Copyright: Collage © Ellen Stockmar unter Verwendung eines Fotos von Alexandr Andreyko/istockphoto.com

BESTELL- UND DOWNLOAD-ADRESSEN


Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin, www.boell.de/agraratlas
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., Kaiserin-Augusta-Allee 5, 10553 Berlin, www.bund.net, www.bund.net/agraratlas
AGRAR-ATLAS
Daten und Fakten zur EU-Landwirtschaft

2. AUFLAGE
2019
INHALT

02 IMPRESSUM 18 HÖFESTERBEN
WACHSEN ODER WEICHEN
06 VORWORT Die Agrarpolitik unterstützt die Kleinbetriebe
zu wenig gegenüber den Großen. Zugleich
ist die Hofnachfolge oft schwierig zu sichern.

20 STRUKTURWANDEL IN DEUTSCHLAND
KLEINE UNTER DRUCK
Das Höfesterben gefällt vielen Menschen in
Deutschland nicht. Um aber dagegen
08 ZWÖLF KURZE LEKTIONEN anzugehen, muss die Gesellschaft gemeinsame
ÜBER DIE EU-LANDWIRTSCHAFT Ziele formulieren, wie die Landwirtschaft
der Zukunft aussehen soll.
10 GESCHICHTE
NEUE ZIELE, ALTES DENKEN 22 ARBEIT
Ihre älteste Aufgabe hat die EU-Agrarpolitik EINKOMMEN UND AUSKOMMEN
gelöst: in der Nachkriegszeit die Ernährung In den landwirtschaftlichen Kleinbetrieben der
zu sichern. Doch trotz vieler Reformen und EU sind viele Millionen Arbeitsplätze nur wenig
neuer Strukturen – die bisherige Förderung profitabel. Wären die Maßstäbe dafür nicht
taugt nicht für das 21. Jahrhundert. nur rein wirtschaftlich, könnte sich das ändern.

12 NETTOZAHLER 24 LANDPREISE
EINE EXTRAWURST KAPITALE FEHLENTWICKLUNG
FÜR 130 MILLIARDEN EURO Der Beginn der EU-Agrarzahlungen in den neuen
Kleiner Brexit: Bis heute ist der „Britenrabatt“ Mitgliedsländern löste dort eine Welle von
ein Verstoß gegen das Solidarprinzip bei Landkäufen aus. Seither steigen die Preise fast
der europäischen Integration. Die Zahlungen ständig. Gegen Agrarunternehmen und
der EU-Agrarpolitik bremsen indes Finanzinvestoren haben die kapitalschwachen
wohl Austrittsdrohungen weiterer Länder. Kleinbetriebe keine Chance.

14 DIREKTZAHLUNGEN 26 BIODIVERSITÄT IN DER EU


VIEL GELD FÜR WENIG LEISTUNG BEDROHTE VIELFALT – MIT DEM
Die EU-Kommission will, dass Direktzahlungen ARTENSCHWUND WIRD ES ERNST
an Agrarbetriebe auch künftig Die intensive Landwirtschaft gilt als größte Bedrohung
die wichtigste Ausgabe der Agrarpolitik für die Tier- und Pflanzenwelt der EU. Umweltschäd-
bleiben. Das meiste Geld kommt aber liche Trends bei Ackerbau und Tierhaltung werden
nur wenigen und großen Betrieben zugute. im Rahmen der Agrarpolitik sogar noch gefördert.

16 LÄNDLICHE RÄUME 28 BIODIVERSITÄT IN DEUTSCHLAND


SPAREN AM FALSCHEN ENDE ARTENVIELFALT GEHT VERLOREN
Ein Teil der EU-Agrarzahlungen hat Trotz einiger Bemühungen ist in Deutschland
durchaus das Potenzial, die Landwirtschaft der Abwärtstrend beim Artenschutz ungebrochen.
ökologischer und nachhaltiger zu Die Agrarlandschaft wird immer einheitlicher.
gestalten. Doch ausgerechnet diese Mittel Um gegenzusteuern, fehlen Einsicht, Geld
sollen kräftig gekürzt werden. und präzisere Programme.

4 AGRAR-ATLAS 2019
30 PESTIZIDE 40 ÖKOLANDWIRTSCHAFT IN DEUTSCHLAND
NEUE IDEEN MIT WENIGER CHEMIE BIO IM AUFSCHWUNG
Der Gemeinsamen Agrarpolitik fehlen Trotz Bioboom: Die Agrargelder der EU
Instrumente, um den Einsatz von hemmen den Umbau der deutschen
Pestiziden in der Landwirtschaft deutlich Landwirtschaft. Brüssel bezahlt pauschale
zu verringern. Außerdem gibt es zu Flächenprämien direkt, die Ökoprämien
viele Ausnahmen. Die verkauften Mengen hingegen müssen von den Bundesländern
in der EU sind seit Jahren konstant. bezuschusst werden.

32 TIERHALTUNG IN DER EU 42 GESUNDHEIT


GELDER FÜR DEN UMBAU IN DER VERANTWORTUNG
Die EU zahlt hohe Summen als pauschale Was hat die Landwirtschaft der EU mit
Flächenprämien. Dieses Geld fehlt für sicheren Nahrungsmitteln zu tun?
den teuren, aber dringend benötigten Was mit gesunder Ernährung? Was mit
Umbau der Tierhaltung. Dessen Förderung sozialer Gerechtigkeit? Nicht alle solche
könnte aus der Einsparung der Fragen lassen sich einfach beantworten.
Pro-Hektar–Zahlungen finanziert werden.
44 KLIMA
34 TIERHALTUNG IN DEUTSCHLAND TÄTER UND OPFER ZUGLEICH
WUNSCH UND WIRKLICHKEIT Die EU möchte die Emissionen der
Die artgerechte Haltung von Nutztieren Landwirtschaft senken. Dafür hat sie
ist zu einer populären Forderung an große Ziele formuliert. Konkrete
die Landwirtschaft und die Agrarpolitik Maßnahmen und Förderprogramme
geworden – auch in Deutschland. fehlen aber genauso wie die
Doch Bund und Länder bleiben hinter Resonanz aus den Mitgliedsländern.
ihren Möglichkeiten zurück.
46 WELTHANDEL
36 DÜNGER WACHSTUM BEI DEN ANDEREN
WENN ÄCKER WASSER SCHÜTZEN Die EU-Landwirtschaft ist Teil internationaler
Zu viel Nitrat im Wasser führt zu ökologischen, Wertschöpfungsketten. Sie beeinflusst
ökonomischen und gesundheitlichen die weltweiten Agrarmärkte und damit
Schäden. Gewässerschutz und Agrarpolitik auch Preise, Produktionen, Einkommen und
können dies bisher nicht verhindern, weil Ernährung in Ländern des Südens.
sie nicht richtig miteinander verzahnt sind.
Und es mangelt an Kontrollen.

38 ÖKOLANDWIRTSCHAFT IN DER EU
ORGANISCH UND DYNAMISCH
Das anhaltende Wachstum der
biologischen Landwirtschaft geht auf die
Nachfrage der Kundinnen und Kunden 48 AUTORINNEN UND AUTOREN,
zurück. Staatliche Fördermaßnahmen QUELLEN VON DATEN, KARTEN
helfen dabei. Aber die EU honoriert die UND GRAFIKEN
Umweltleistungen dieser Wirtschaftsmethode
noch zu wenig. 50 ÜBER UNS

AGRAR-ATLAS 2019 5
VORWORT

E
uropa hat kulinarisch viel zu bieten:
Mozzarella aus Italien, Pilze aus
Polen, Oliven aus Griechenland, Wein
„ Die EU-Agrarpolitik ist
ein bürokratisches
Monstrum. Viele wissen
aus Frankreich, Brot aus Deutschland, nicht einmal, dass es sie gibt.
Bier aus Tschechien, Schinken aus
Österreich. Verschiedenste Spezialitäten
aus unterschiedlichen Landschaften – so Wir müssen uns entscheiden, welche
schmeckt Europa, jeweils geprägt durch Leistungen wir neben der Erzeugung
Umwelt, Klima, soziale Strukturen und von Nahrungsmitteln von den
politische Geschichte. Bäuerinnen und Bauern erwarten und
bezahlen wollen.
Kein Sektor ist so stark mit der Gestaltung

W
von Lebensräumen verwoben wie die enn es gemeinsam ausgehandelte
Landwirtschaft. Ändert sie sich, ändern Ziele gibt, kann der Wandel
sich auch die ökologischen und sozialen in der Landwirtschaft aktiv
Systeme, die darin beheimatet sind. begleitet und gestaltet werden. In der
Schnell wandelt sich überall in Europa Europäischen Union ist das wichtigste
die Art, wie Äcker bewirtschaftet und Mittel dafür die Gemeinsame Agrarpolitik
Tiere gehalten werden. Vielerorts geben (GAP) – mit fast 60 Milliarden Euro im
Betriebe auf. Die verbleibenden Höfe Jahr. Pro EU-Bürgerin und -Bürger sind das
werden größer, und jeder Fleck wird 114 Euro.
möglichst intensiv genutzt.
Die EU-Agrarpolitik ist ein bürokratisches

D
ass sich Wirtschaftszweige Monstrum und für Laien kaum zu
ebenso dynamisch ändern wie verstehen. Viele wissen nicht einmal,
die Gesellschaft, ist weder gut dass es sie gibt. Alle sieben Jahre wird sie
noch schlecht. Die Frage ist, wer den überarbeitet, und trotzdem fördert
Wandel politisch gestaltet – und wie. Die sie ein falsches System. Sie ist nicht
Veränderungen in der Landwirtschaft auf das ausgerichtet, was vielen von uns
sind nicht nur für Bäuerinnen und Bauern wichtig ist: gesunde und leckere
relevant, sondern für uns alle – eben Lebensmittel, artgerechte Haltung von
weil sie so eng mit unserer Ernährung, Tieren, Schutz von Gewässern, Vögeln
dem Klima, der Natur und den ländlichen und Insekten. Das Geld wird pro Hektar
Räumen verbunden sind. Wichtig Fläche vergeben. Die größten Betriebe
ist also, dass wir uns als Gesellschaft bekommen das meiste, während
darauf einigen, in welche Richtung sich Programme für den Erhalt kleiner
die Landwirtschaft entwickeln soll. Bauernhöfe völlig unterfinanziert sind.

6 AGRAR-ATLAS 2019
Darum gibt es diesen Atlas. Er zeigt, wie eng
die EU-Landwirtschaft mit unserem Leben
und unseren Lebensräumen verwoben
„ Das Geld im Agrarhaushalt
der EU muss für
Gemeinwohlleistungen der
ist. Er zeigt auch, wie wenig von dem Geld Landwirtschaft genutzt werden.
der GAP den Zielen zugutekommt, die
sich Europäerinnen und Europäer von der
Landwirtschaft wünschen. sind mitverantwortlich dafür,
dass zentrale, von der EU selbst

D
er Atlas zeigt aber auch, dass gesteckte Ziele nicht erreicht werden –
es sich lohnt, für eine bessere, weder der Schutz des Klimas, der
grundlegend andere Agrarpolitik Böden und Gewässer und der Artenvielfalt
einzutreten. In vielen Ländern der EU noch globale Gerechtigkeit durch
wachsen die Bewegungen für nachhaltige, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen
soziale und global gerechte Agrar- und und einen fairen Außenhandel.
Ernährungssysteme. Organisationen

G
von Bäuerinnen und Bauern vernetzen eld für eine andere Agrarpolitik
sich mit Konsumentinnen und ist im Haushalt der EU vorhanden.
Konsumenten, mit Natur-, Umwelt- Es muss so genutzt werden, dass
und Tierschutzorganisationen sowie Gemeinwohlleistungen der Landwirtschaft
entwicklungspolitischen Gruppen. honoriert werden. Daher ist es höchste
Darum wird dieser Atlas auch in weiteren Zeit für eine lebendige gesellschaftliche
fünf europäischen Sprachen und Diskussion über die Gestaltung der
Länderversionen erscheinen. Der Atlas ist Landwirtschaft. Nur wenn die Menschen in
das Ergebnis europäischer Vernetzung, der EU das Gefühl und das Wissen haben,
soll Zivilgesellschaft und Bewegungen dass das Geld für die Landwirtschaft
in vielen EU-Ländern stärken und damit sinnvoll und im Sinne des Gemeinwohls
die ökologische und soziale Agrar- und verwendet wird, werden sie auch in
Ernährungswende voranbringen. Zukunft bereit sein, sie zu unterstützen.

Seit vielen Jahren ignorieren die


Regierungen der EU-Mitgliedsländer Barbara Unmüßig
nicht nur die Forderungen großer Teile Heinrich-Böll-Stiftung
der Bevölkerung, sondern vertreten die
Hubert Weiger
Interessen der industriellen Agrarlobby
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
in Brüssel. Das ist empörend. Damit leisten
sie nicht nur der Landwirtschaft in Barbara Bauer
der EU einen Bärendienst, sondern Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe

AGRAR-ATLAS 2019 7
12 KURZE LEKTIONEN

ÜBER DIE EU-LANDWIRTSCHAFT


1 Durch die EU-AGRARPOLITIK fließen jährlich fast 60 Milliarden Euro
in die europäische Landwirtschaft. Das sind 114 EURO pro EU-Bürger
und EU-Bürgerin im Jahr.

2 Die Landwirtschaft ist eng verwoben mit dem SCHUTZ von


Insekten und Vögeln, sauberem Wasser und gesunden
Lebensmitteln. Das GELD der EU fließt KAUM in diese Bereiche.

3 Die nächste siebenjährige Förderperiode


der EU beginnt IM JAHR 2021. Die Verhandlungen
über Reformen sind in vollem Gange.

4 Die EU-Agrarpolitik besteht aus ZWEI SÄULEN. Mit der ersten werden vor
allem pauschale Flächenprämien gezahlt, mit der zweiten die ländliche
Entwicklung, Ökolandbau und Umweltmaßnahmen unterstützt.

5 70 Prozent der EU-Gelder werden


pro Hektar ohne weitreichende Auflagen
ausgegeben. Wer VIEL LAND
bewirtschaftet, bekommt VIEL GELD.

6 LÄNDLICHE RÄUME sind mehr als Landwirtschaft.


Auch sie werden aus dem Agrarbudget gefördert.
Diese Förderung ist MIT DEUTLICH WENIGER GELD
ausgestattet als die erste Säule.

8 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / STOCKMAR
7 Die EU hat sich zu internationalen Zielen für den KLIMASCHUTZ und die
BIODIVERSITÄT sowie zur GLOBALEN GERECHTIGKEIT verpflichtet. Ihre
Agrarpolitik hat sie darauf noch nicht ausgerichtet. Ohne weitreichende
Reformen wird die EU die internationalen ZIELE VERFEHLEN.

8 TIERWOHL ist den EU-Bürgerinnen und -Bürgern


sehr wichtig. Dennoch werden die Gelder der
EU-Agrarpolitik kaum genutzt, um die TIERHALTUNG
in diesem Sinne zu VERBESSERN.

9 In der EU haben zwischen 2003 und 2013 über ein Viertel aller BAUERNHÖFE
aufgegeben. Ihre Flächen übernahmen andere. Heute bewirtschaften
3,1 Prozent aller Betriebe mehr als die HÄLFTE DES AGRARLANDES.

10 Auch in Deutschland geben jedes Jahr viele Betriebe auf.


GROSSE BETRIEBE wachsen am schnellsten. Mehr als 75 Prozent
der Deutschen findet diese Entwicklung BESORGNISERREGEND.

11 Die EU-Agrarpolitik HILFT beim Kampf gegen die


POLITISCHE EROSION der Europäischen Union.
Sie ist besonders in ländlichen Regionen wichtig, in
denen die UNZUFRIEDENHEIT MIT DER EU groß ist.

12 Damit die GEMEINSAME AGRARPOLITIK (GAP)


der EU gesellschaftlich akzeptiert wird, muss sie
Umwelt und Klima SCHÜTZEN, die Artenvielfalt
ERHALTEN, das Tierwohl VERBESSERN
und kleine und mittlere Betriebe FÖRDERN.

AGRAR-ATLAS 2019 9
GESCHICHTE

NEUE ZIELE, ALTES DENKEN


Ihre älteste Aufgabe hat die EU-Agrarpolitik dern am EU-Sitz in Brüssel. Kein anderer Wirtschaftsbereich
gelöst: in der Nachkriegszeit die Ernährung ist in der Europäischen Union so stark durch gemeinschaft-
zu sichern. Doch trotz vieler Reformen und liche Regeln geprägt wie die Landwirtschaft – sie unterliegt
der Gemeinsamen Agrarpolitik, kurz „GAP“. Ihre Ziele und
neuer Strukturen – die bisherige Förderung
Aufgaben wurden erstmals 1957 festgelegt, vor über sech-
taugt nicht für das 21. Jahrhundert. zig Jahren.
Die anfangs aus nur sechs Ländern bestehende Staa-

L
andwirtschaftlich genutzte Böden bestimmen das tengemeinschaft wollte die Menschen im zerstörten Nach-
Landschaftsbild der EU – es sind 174 Millionen Hektar, kriegseuropa mit genügend Nahrungsmitteln zu angemes-
40 Prozent der gesamten Fläche. Weidende Schafe in senen Preisen versorgen. Daher sollten die Produktivität in
Irland, Weinberge in Frankreich, riesige Getreidefelder in der Landwirtschaft gefördert, die Märkte stabilisiert – also
Ostdeutschland und kleinste Betriebe in Rumänien. Europas starke Preisschwankungen verhindert – und der landwirt-
Landwirtschaft ist vielfältig in jeder Hinsicht. Sie ist von öko- schaftlichen Bevölkerung eine angemessene Lebenshal-
logischen Gegebenheiten, Kultur und Geschichte, Politik tung gesichert werden. Das Ziel der Selbstversorgung hat
und ökonomischen Entwicklungen geprägt und prägt eben die GAP innerhalb kürzester Zeit erreicht. Schon in den
diese im Wechselspiel. 1970er-Jahren produzierten die Bäuerinnen und Bauern in
Bewirtschaftet wird die Fläche von etwas über zehn Mil- der EU mehr Nahrungsmittel, als gebraucht wurden. Die
lionen Betrieben. Ein Drittel davon liegt in Rumänien, etwas Verlockungen sicherer Preise und Einkommen zeigten ihr
über 13 Prozent in Polen, gefolgt von Italien und Spanien. Die negatives Gesicht: Die Zeit der Butterberge, Milchseen und
durchschnittlichen Betriebsgrößen sind sehr unterschied- spektakulären Obstvernichtungen in den südlichen Mit-
lich. Während sie in Rumänien bei etwas über drei Hektar gliedsländern begann. Zugleich sorgten Exportsubventio-
liegen, kommen sie in Tschechien auf 133 Hektar. Auch der nen für eine künstliche Verbilligung, um die Waren auf dem
Beitrag der Landwirtschaft zur gesamten Wirtschaftsleis- Weltmarkt loszuschlagen – ohne Rücksicht darauf, ob dies
tung variiert von Land zu Land. Lag er im EU-Durchschnitt die bäuerlichen Betriebe in den Zielländern ruinierte.
im Jahr 2017 bei etwa 1,4 Prozent, liegt er in vielen neuen
östlichen Mitgliedsstaaten bei über drei Prozent, in den al-
ten westlichen hingegen zwischen 0,5 und 1 Prozent. Die Landwirtschaft ist nicht mehr das dominante
Trotz dieser Vielfalt wird Agrarpolitik nicht in den Thema der europäischen Integration,
Hauptstädten wie Dublin, Paris oder Bukarest gestaltet, son- doch sie bleibt der dominante Haushaltsposten

FI

AGRAR-ATLAS 2019 / EC, WIKIPEDIA


MULTIMILLIARDEN FÜR ÄCKER UND STÄLLE
Erweiterungsprozess der EU und Agrarausgaben in Milliarden Euro und Prozent des Haushalts SE EE
DK LV
Ausgaben in Milliarden Euro IE
LT
Ausgaben in Prozent des Haushalts UK NL
70 BE PL
DE
LU CZ
SK
60 PT FR AT
HU
SI RO
HR
50
ES IT BG

40 GR

MT
30 CY

20 EU-12 EU-15 EU-25 EU-27 EU-28 EU-12 (1986)


EU-15 (1995)
EU-25 (2004)
10
EU-27 (2007)
EU-28 (2013)
0
1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018

AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

10 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EC
174 MILLIONEN HEKTAR FELDER, WIESEN UND WEIDEN
Landwirtschaftliche Nutzfläche in der EU
nach Mitgliedsländern und Betriebsgrößen,
Agrarstrukturanalyse 2013 Schweden

17,1
3,0 2,3
Finnland
durchschnittliche Betriebsgrößen
5,0
in Hektar Großbritannien 2,6 Dänemark
bis 10 Litauen Estland
Irland
bis 25 Niederlande 1,8 1,0
2,9 1,9
bis 50
bis 75
über 75
Belgien 1,3
Luxemburg 0,1
16,7 14,4 Lettland

Polen
Deutschland
Tschechien
3,6 1,9 Slowakei
3,5

27,7
2,7

23,3
Portugal Österreich Rumänien

Italien 4,7
Nutzfläche
in Millionen Hektar 12,1
0,5
Ungarn 13,1
Spanien Frankreich 1,6 Kroatien
20
0,01
Bulgarien
10 Malta Slowenien 4,9 4,7
5 Griechenland 0,1
Zypern

Kleine Agrarbetriebe dominieren in manchen


Obwohl die EU-Agrarpolitik seither viele Male grund- Ländern der EU. Sie werden teils im
legend überarbeitet wurde und die Exportsubventionen Haupt-, teils im Nebenerwerb betrieben
verschwanden, ist nie ein neuer Zielkatalog vereinbart
worden, der den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
entspricht. Das betrifft vor allem den enormen Einfluss der Derzeit stehen für die Finanzierung der GAP etwa 38 Pro-
Landwirtschaft auf Umwelt und Natur, auf nachhaltige zent des EU-Budgets zur Verfügung. Das sind EU-weit 58 Mil-
Entwicklung und globale Gerechtigkeit. Die Qualität von liarden Euro im Jahr. Umgerechnet zahlt jeder EU-Bürger
Böden, des Wassers und der Lebensräume für Insekten und und jede EU-Bürgerin jährlich 114 Euro für die EU-Agrar-
seltene Pflanzen – all diese Themen sind untrennbar mit der politik. Auch wenn die GAP der größte EU-Haushaltsposten
landwirtschaftlichen Produktion verbunden. Umwelt-, Tier- ist, sinkt ihr prozentualer Anteil seit Jahren. 1988 waren es
und Klimaschutz, die Gesundheit der Menschen, die soziale 55 Prozent, 2027 sollen es nur noch 27 Prozent sein.
Entwicklung des ländlichen Raums und globale Nachhal- Die GAP besteht aus zwei Teilbereichen, den sogenann-
tigkeitsaspekte sind die großen Herausforderungen, die ten Säulen. Die erste Säule verfügt über 75 Prozent des
auf europäischer Ebene geregelt werden sollten. Dennoch GAP-Geldes und heißt „Europäischer Garantiefonds für die
wurden diese Themen nur von Fall zu Fall in Querschnitts- Landwirtschaft“. Daraus werden die Pauschalen an die land-
klauseln festgelegt. wirtschaftlichen Betriebe gezahlt: die Flächenprämien. Im
Wie funktioniert eine EU-Agrarreform, mit der neue Durchschnitt gibt es in der ganzen EU für jeden Hektar pro
Schwerpunkte, Zahlungen oder auch Einsparungen veran- Jahr 267 Euro. Wegen der unterschiedlich großen Betriebe
kert werden sollen? Zunächst entwickelt die EU-Kommissi- führt diese Regelung dazu, dass EU-weit 80 Prozent der Gel-
on einen Vorschlag. Sie, das Europäische Parlament und der der an nur 20 Prozent der Begünstigten gehen.
Agrarministerrat beraten und ändern ihn später in mühe- Die zweite Säule umfasst nur 25 Prozent und heißt „Eu-
vollen Abstimmungsrunden zwischen allen drei beteiligten ropäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des
Institutionen im Rahmen eines „Trilogs“. Ist der Gesetzes- ländlichen Raums“. Daraus werden die Programme für
text beschlossen, müssen die Mitgliedsstaaten seine Bestim- Ökolandbau, zur Unterstützung der Landwirtschaft in be-
mungen mit nationalen Gesetzen und Regelungen umset- nachteiligten Gebieten und für andere Umwelt-, Klima- und
zen. Immer wieder kritisieren Umwelt-, Kleinbauern- und Naturschutzmaßnahmen finanziert. Obgleich es die zweite
Entwicklungsorganisationen, dass in dem Verhandlungs- Säule ist, die die Umweltleistungen der EU-Landwirtschaft
prozess alle Reformvorschläge, die die GAP hinsichtlich der entlohnt, will die Kommission nun genau dieses Budget in
Umwelt nachhaltiger und hinsichtlich der Verteilung ge- der kommenden Förderperiode um rund 27 Prozent zusam-
rechter machen sollen, verwässert werden. Das wichtigste menstreichen. Die erste Säule hingegen würde nur um etwa
Ziel der GAP bleibt seit Jahren die Stabilisierung der land- elf Prozent gekürzt. Dies ist der jüngste Fehler in der an Feh-
wirtschaftlichen Einkommen. lern so reichen Geschichte der GAP.

AGRAR-ATLAS 2019 11
NETTOZAHLER

EINE EXTRAWURST FÜR


130 MILLIARDEN EURO
Kleiner Brexit: Bis heute ist der „Britenrabatt“ Zwei Drittel des Nettobetrags fielen für sie künftig weg.
ein Verstoß gegen das Solidarprinzip bei Ein Rechenbeispiel mit fiktiven Zahlen: Wenn Großbritan-
der europäischen Integration. Die Zahlungen niens jährlicher EU-Mitgliedsbeitrag bei zehn Milliarden
Euro lag und sieben davon durch EU-Subventionen oder
der EU-Agrarpolitik bremsen indes
Beihilfen in das Land zurückflossen, verblieben drei Milliar-
wohl Austrittsdrohungen weiterer Länder. den Nettosumme, die Großbritannien an die EU hätte zah-
len müssen. Wegen des Rabattes brauchte Großbritannien

F
ür die Geschichte der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) jetzt nur noch eine Milliarde zu bezahlen. Die anderen zwei
ist ein Ausruf der britischen Premierministerin Marga- Milliarden wurden – und werden bis heute – von allen ande-
ret Thatcher legendär. „I want my money back!“, „Ich ren Mitgliedsländern übernommen. So wurde die Landwirt-
will mein Geld zurück!“, soll sie 1984 auf einem Gipfeltref- schaft zum Auslöser für den ersten großen Verstoß gegen
fen der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) gefor- das Solidarprinzip bei der europäischen Einigung.
dert haben. Denn der britische Agrarsektor war zu klein, um In Brüssel stieß eine solche Rethorik des „juste retour“,
von den Subventionen aus Brüssel ebenso zu profitieren wie des „gerechten Rücklaufs“ oder von Leistung und Gegen-
der französische oder der deutsche. Weil aber Anfang der leistung, auf grundsätzliche Kritik. Sie verstieß gegen den
1980er-Jahre mehr als 70 Prozent des EG-Budgets auf die Gemeinschaftsgedanken, und worauf liefe das hinaus: ge-
GAP entfielen, gab es keine Möglichkeit, diese Benachteili- nau so viel einzuzahlen wie zurückzubekommen? Zudem
gung des britischen Mitglieds anderswo zu kompensieren. gab und gibt es keine Methode, um die unterschiedlichen
Auch die vergleichsweise hohen Zoll- und Mehrwert- wirtschaftlichen Vor- und Nachteile unter den beteiligten
steuereinnahmen, die den EG-Mitgliedsbeitrag beeinfluss- Ländern – von Investitionen über Arbeitsplätze bis zum
ten, benachteiligten Großbritannien. Außerdem lag das Handel – zu verrechnen. Dies gilt umso mehr, wenn aus-
britische Pro-Kopf-Einkommen wegen der scharfen Kon- gerechnet die Landwirtschaft mit ihren Produktions- und
junkturkrise deutlich unter demjenigen Deutschlands und
Frankreichs. Schon seit ihrem Amtsantritt 1979 hatte sich
Thatcher daher über die Höhe des EG-Beitrags beschwert Die teure Ausnahme für Großbritannien endet mit dem
und für eine regelrechte Politikblockade in Brüssel gesorgt. Brexit. Billiger wird es für die anderen Länder trotzdem
Und sie bekam ihren „Britenrabatt“, wie er schnell hieß. nicht, denn London scheidet auch als Nettozahler aus

AGRAR-ATLAS 2019 / MATTHEWS, ONS


DIE LASTEN DER ANDEREN
Jährliche und aufgelaufene Kosten des „Britenrabatts“ (66 Prozent des britischen Aufteilung der Kosten des
EU-Nettobeitrags, von den anderen Mitgliedsländern übernommen), in Milliarden Euro Rabatts auf die übrigen
EU-Länder, in Prozent, 2017
8 160
7,3 128,8
7 6,8 140
17,4
6,3 27,0

6 jährlicher Rabatt 120 9,2

5 100 13,2
20,0
13,3
4 80
3,6
Frankreich
3 60
Italien
Spanien
2 aufgelaufener Rabatt 40 13 EU-Länder ab 2004
4 EU-Länder mit Reduktion*
1 20
7 restliche EU-Länder

* Deutschland, Österreich, Schweden


0 0 und die Niederlande mit um
1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 75 Prozent reduziertem Betrag;
dieser „Rabatt vom Rabatt“ wird von
1985 bis 2015 inoffizielle Berechnungen; 2016 und 2017 Schätzung der britischen Statistikbehörde ONS den anderen 23 Ländern bezahlt.

12 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / BPB
WIE ES EUCH GEFÄLLT
Drei Berechnungsmethoden für Nettozahler und -empfänger in der Europäischen Union
und Beitragssalden der jeweils ersten fünf Länder, 2016

Nettozahler Nettoempfänger

in Euro
- 11,0 Mrd. € Deutschland + 7,0 Mrd. € Polen
- 9,2 Mrd. € Frankreich + 6,0 Mrd. € Rumänien
- 6,3 Mrd. € Großbritannien + 4,3 Mrd. € Griechenland
Italien - 3,2 Mrd. € + 3,6 Mrd. € Ungarn
Belgien - 1,5 Mrd. € + 3,2 Mrd. € Tschechien

in Euro pro Kopf


Frankreich - 138 € Griechenland + 398 €
Belgien - 136 € Litauen + 396 €
Deutschland - 134 € Slowakei + 366 €
Dänemark - 112 € Ungarn + 364 €
Österreich - 111 € Estland + 364 €

in Prozent der Wirtschaftsleistung


Frankreich - 0,41 % Bulgarien + 4,15 %
Belgien - 0,36 % Rumänien + 3,62 %
Deutschland - 0,34 % Ungarn + 3,30 %
Österreich - 0,28 % Litauen + 3,09 %
Großbritannien - 0,27 % Slowakei + 2,49 %

Die wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung


Preisschwankungen die Basis für eine solche gesamtwirt- einer EU-Mitgliedschaft lässt sich nicht
schaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung abgeben soll. beziffern, der Finanzsaldo hingegen schon
Dennoch gelang es niemandem in der EU, den Briten-
rabatt wieder abzuschaffen, auch nicht, als Großbritannien
wirtschaftlich zu den anderen Industrieländern aufschloss namik. Obwohl die GAP der dominante Posten bei den Aus-
und die Regierung zu Labour wechselte. Im Jahr 1985 wur- gaben blieb, rückte die Agrarpolitik in den Hintergrund.
de nicht etwa das Verfahren zur Berechnung des Beitrags Gestritten wurde nun über Reformen für die ganze, ständig
angepasst, um den Rabatt auszugleichen, sondern er wurde wachsende EU, nicht mehr über den Britenrabatt.
und wird Jahr für Jahr auf jedes EU-Mitglied umgelegt, auch Für die 13 „neuen“ Länder der EU-Erweiterungen seit
auf die neuesten und ärmsten. 1985 begann er bei einer 2004 hingegen hat die GAP ihre Bedeutung behalten, denn
Milliarde Euro und erreichte 2001 – auch durch Nachzah- fast alle gehören zu den Nettoempfängern der EU-Agrar-
lungen – einen Höchststand von 7,3 Milliarden Euro. 2017 politik. Selbst die gegenüber Brüssel besonders kritischen
lag der summierte Preisnachlass seit 1985 bei 129 Milliar- Regierungen können sich einen Verzicht darauf nicht leis-
den Euro. Mit dem Brexit wird sich allerdings auch der Bri- ten; beide Seiten wissen das. Für Polen geht es nach einem
tenrabatt erledigen. Entwurf der Kommission für die Haushaltsrunde 2021 bis
Auch Deutschland, Frankreich und Italien sind große 2027 um insgesamt 30,6 Milliarden Euro, für das viel kleine-
Nettozahler und überweisen mehr an die EU, als sie zurück- re Ungarn sind es immerhin 11,7 Milliarden.
bekommen. Wenn sich eines dieser Länder nach dem bri- Ihre Investitionszuschüsse an polnische und ungarische
tischen Vorbild verhalten und nur auf den eigenen Vorteil Unternehmen – im Umfang ähnlich wichtig wie die GAP-Gel-
gesetzt hätte, wäre es mit dem Projekt der europäischen der – will die Kommission um ein Viertel reduzieren. Künftig
Integration schnell vorbei gewesen. Dass der Streit nicht soll auch die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen
weiter um sich griff, lag ironischerweise ebenfalls an der ein Kriterium für diese Fördermittel sein. Anders als diese
Agrarpolitik. Zu Beginn der 1980er-Jahre galt die EG-Land- Zuschüsse sind die Agrarzahlungen an Polen und Ungarn
wirtschaft durch Marktverzerrungen und Überproduktion nicht gefährdet. Die GAP gilt in der in der gesamten Union
als Fass ohne Boden. Diese Dauerkrise ging über Thatchers gleichermaßen und bleibt eine stabile Einnahmequelle. So
Rabatt weit hinaus. Neue Integrationsprojekte wie der Bin- hilft nun ausgerechnet der traditionellste Sektor der EU,
nenmarkt, die Gemeinschaftswährung und die Förderung die Finanzierung der Landwirtschaft, besonders viel beim
der Infrastruktur durch die EU sorgten für eine positive Dy- Kampf gegen die politische Erosion der Union.

AGRAR-ATLAS 2019 13
DIREKTZAHLUNGEN

VIEL GELD FÜR WENIG LEISTUNG


Die EU-Kommission will, dass Direkt- Menge, beispielsweise pro Tonne Weizen oder pro Liter
zahlungen an Agrarbetriebe auch künftig Milch, pro Hektar Kulturpflanzen oder pro Stück Vieh. Ent-
die wichtigste Ausgabe der Agrarpolitik koppelte Zahlungen sind an die Anbaufläche gebunden
und verpflichten die Landwirtinnen und Landwirte nicht
bleiben. Das meiste Geld kommt aber
dazu, etwas zu produzieren. Rund 90 Prozent der Direkt-
nur wenigen und großen Betrieben zugute. zahlungen sind entkoppelt. So kann eine Entscheidung,
was produziert werden soll, allein anhand der erwarteten

D
irektzahlungen sind das wichtigste Instrument, um Erträge erfolgen, denn sie hat keinen Einfluss auf die Höhe
das Einkommen der Landwirtinnen und Landwirte der Zahlungen.
im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Um Direktzahlungen zu erhalten, müssen die Landwir-
EU zu unterstützen. Sie wurden 1992 eingeführt. Im derzei- tinnen und Landwirte einige Grundregeln beachten, die
tigen Förderzeitraum 2014 bis 2020 machen die Direktzah- als „Cross-Compliance-Regeln“ bezeichnet werden. Es han-
lungen 72 Prozent des gesamten GAP-Budgets aus. delt sich dabei im Wesentlichen um Vorschriften für den
Direktzahlungen können grundsätzlich an die Produk- Umweltschutz, die Lebensmittelsicherheit, die Tier- und
tion gekoppelt oder von ihr entkoppelt werden. Gekop- Pflanzengesundheit sowie den Tierschutz. Wer gegen sie
pelte Direktzahlungen richten sich nach der erzeugten verstößt, dem können die Gelder gekürzt werden.
Im Zuge der GAP-Reform 2013 wurden die Direktzah-
lungen neu strukturiert. 30 Prozent der Mittel sind seither
für sogenannte Umweltzahlungen vorgesehen. Wer sie
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

KONZENTRIERTES KASSIEREN
bekommen will, muss Verpflichtungen eingehen, die Um-
Anteil der EU-Direktzahlungen, der auf ein Fünftel der Empfänger
im Land entfällt, in Prozent, 2015 welt- und Klimaschutz verbessern sollen. Umweltgruppen,
aber auch der Europäische Rechnungshof kritisieren, dass
EU-Beitritt bis 1995 EU-Beitritt ab 2004 diese Zahlungen ihre Ziele verfehlen. Bauernverbände kla-
gen hingegen, die Regeln gingen an den Bedürfnissen der
Portugal 87 Betriebe vorbei. Die Kommission will diese Umweltzahlun-
Italien 80 gen ab 2021 einstellen. Stattdessen sollen die EU-Mitglieds-
Spanien 78 staaten größere Spielräume für eigene Agrar-Umweltpro-
Dänemark 75 gramme erhalten, die von der EU mitfinanziert werden.
Schweden 73 Sofern diese Programme mit ehrgeizigen Zielsetzungen
Deutschland 69 verbunden sind, könnten sie tatsächlich einen größeren
Griechenland 68 ökologischen Nutzen bringen.
Großbritannien 64 Wie deutlich sich die Direktzahlungen auf das Einkom-
Österreich 58
men der Landwirtinnen und Landwirte auswirken, hängt
von der Größe und Art des Betriebs ab. Wo die Anbaufläche
Belgien 56
kaum eine Rolle spielt, etwa in der Schweine- und Geflügel-
Irland 56
produktion, ist die Bedeutung gering, auch bei sehr hoher
Finnland 55
Produktivität pro Hektar wie im Wein- und Gartenbau. Im
Frankreich 54
Ackerbau und in der Weidewirtschaft hingegen können
Niederlande 54
die Direktzahlungen durchaus die Einkünfte aus der ei-
Luxemburg 48 gentlichen landwirtschaftlichen Arbeit übersteigen.
Slowakei 94 Da die Betriebe in der EU sehr unterschiedlich groß
Tschechien 89 sind, hat sich eine Schieflage ergeben. 80 Prozent der Di-
Estland 86 rektzahlungen gehen an nur 20 Prozent der Berechtigten.
Ungarn 85 Mehr als 30 Prozent der Gesamtsumme entfallen auf nur
Bulgarien 84 131.000 der insgesamt 6,7 Millionen Betriebe. Diese um-
Rumänien 84 fangreichen Beihilfen für Betriebe, deren Einkommen oh-
Lettland 80 nehin deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt, sind kaum
Kroatien 77 zu rechtfertigen. Zwar hat die Kommission mehrfach eine
Zypern 77 Obergrenze für die Zahlungen gefordert, aber die Vor-
Litauen 77 schläge wurden jedesmal verwässert.
Polen 74
Malta 72
Slowenien 64
In vielen Ländern kassiert ein Fünftel der Betriebe über
vier Fünftel der Direktzahlungen. In den neueren
EU-Ländern ist das Problem noch größer als in den älteren

14 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EC
ZWISCHEN STILLHALTEPRÄMIE UND ÜBERLEBENSMITTEL
Verteilung des Budgets der Gemeinsamen Agrarpolitik
auf die Mitgliedsländer, Vorschlag der EU-Kommission für 2021 bis 2027,
in Milliarden Euro Finnland 5,6 Estland 1,9
Schweden 6,2

Dänemark 6,5 Lettland 3,0

Litauen 5,1

Förderung der Niederlande 5,4


Irland 10,0
ländlichen Entwicklung
Belgien 3,9 Polen 30,5
Direktzahlungen für Flächen
Marktunterstützung
bei Preis- und Wetterkrisen Luxemburg 0,3
Deutschland 41,0 Tschechien 7,7
Slowakei 4,4

Österreich 8,1 Ungarn 11,7

Rumänien 20,5
Slowenien 1,7

Kroatien 4,5
Bulgarien 7,7
Portugal 8,8 Frankreich 62,3

Spanien 43,8
Italien 36,4

Malta 0,1 Griechenland 18,3 Zypern 0,5

Wer hat, dem wird gegeben. Frankreichs


Direktzahlungen kommen auch nicht immer in vollem Landwirtschaft soll auch künftig die größten
Umfang dem Bauern oder der Bäuerin zugute. Rund die Überweisungen aus Brüssel erhalten
Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU ist
gepachtet. Die Landbesitzer und -besitzerinnen können
einen Gutteil der Subventionen selbst einstreichen, indem gebnisse und Ziele gebunden sind. Sie sind ineffektiv, weil
sie einfach die Pacht erhöhen. sie das grundlegende Problem der niedrigen Einkommen
Direktzahlungen werden heute mit drei Argumenten in einigen Betrieben, nämlich die geringe Produktivität,
gerechtfertigt: Sie sollen niedrige Einkommen von Land- nicht angehen. Und sie sind ungerecht, weil ein so großer
wirtinnen und Landwirten aufstocken (obwohl in Wirk- Teil an Betriebe geht, deren Einkommen weit über dem
lichkeit vor allem die besser Situierten davon profitieren), Durchschnitt im Agrarsektor wie auch in der Gesamtwirt-
sie sollen das Einkommen in einem risikoreichen Umfeld schaft liegt.
stabilisieren (obwohl für die Zahlungen egal ist, ob die Ein-
künfte hoch oder gering ausfallen), und sie sollen die höhe-
ren Standards ausgleichen, die die EU-Landwirtinnen und
FREIWILLIG ABHÄNGIG
-Landwirte im Vergleich zur internationalen Konkurrenz
„Gekoppelte Prämien“ für ausgewählte Agrarprodukte,
einhalten müssen (obwohl die Beihilfen ganz unabhängig gezielte Direktzahlungen in Millionen Euro pro Jahr, 2017
von zusätzlichen Kosten geleistet werden).
Im Juni 2018 legte die Kommission dem Europäischen Zuckerrüben sonstige
Rat und dem Parlament Vorschläge für die GAP ab 2021 zur
Beratung vor. Sie hält an den Direktzahlungen als Haupt- 177 180
Obst und Gemüse 189
element der Unterstützung der Landwirtschaft fest. Es ist
469 1.713
eine verpasste Gelegenheit, weil diese Beihilfen ineffizient,
4.200 Rind- und Kalbfleisch
ineffektiv und ungerecht sind. Sie sind ineffizient, weil sie
Eiweißpflanzen 583
an alle Agrarbetriebe auf der Grundlage der bewirtschaf-
teten Hektar gezahlt werden und nicht an konkrete Er- 889
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

Eigentlich sollen die „gekoppelten Prämien“ Milch, Milchprodukte


Schaf- und Ziegenfleisch
Agrarbranchen in Not helfen. Oft werden sie trotz Auflagen
ausgenutzt, um einfach so weiterzumachen wie bisher

AGRAR-ATLAS 2019 15
LÄNDLICHE RÄUME

SPAREN AM FALSCHEN ENDE


Ein Teil der EU-Agrarzahlungen hat Von den gesamten Agrarsubventionen in Höhe von 409
durchaus das Potenzial, die Landwirtschaft Milliarden Euro im Förderzeitraum 2014 bis 2020 entfal-
ökologischer und nachhaltiger zu len aber nur rund 100 Milliarden Euro, also weniger als ein
Viertel, auf die zweite Säule. Da die Gelder der zweiten Säule
gestalten. Doch ausgerechnet diese Mittel
von den jeweiligen Mitgliedsländern kofinanziert werden
sollen kräftig gekürzt werden. müssen, steigt die Summe am Ende auf etwa 161 Milliarden
Euro. Wie effektiv diese Gelder für eine nachhaltige ländli-

B
ei der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geht es nicht che Entwicklung sind, hängt von den konkreten Program-
nur um klassische Agrarsubventionen. Es geht viel- men ab, die die nationalen und regionalen Regierungen
mehr um zwei ganz unterschiedliche Fördermo- damit umsetzen. Da die Mitgliedsländer einen Spielraum
delle, die nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch den von 15 Prozent haben, um den sie die zweite Säule auf- oder
ländlichen Raum betreffen und „Säulen“ genannt wer- abstocken können, hängt die Wirksamkeit auch davon ab,
den. Die erste, stark in die Kritik geratene Säule besteht wie viel Geld die Länder für die zweite Säule bereitstellen.
im Wesentlichen aus Direktzahlungen an Landwirtinnen So lässt Österreich 44 Prozent seiner EU-Agrarmittel in die
und Landwirte. Mit der zweiten Säule soll – wie es im offi- zweite Säule fließen, Frankreich nur 17 Prozent.
ziellen Text heißt – „good practice“ gefördert werden, also Die offiziellen Ziele der zweiten Säule sind, Wettbe-
die Anwendung „guter Verfahren“. Diese können ganz werbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Klimaschutz sowie eine
unterschiedlich sein, zum Beispiel die Zusammenarbeit regional ausgewogene Entwicklung zu fördern. Diese über-
von Erzeugerinnen und Erzeugern oder umweltfreund- geordneten Ziele sind in sechs Themengebiete unterteilt:
liche, an den Klimawandel angepasste Anbaumethoden.
Diese zweite Säule unterscheidet sich meistens von der
ersten durch das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Den dünn besiedelten Regionen der EU
Güter“. Sie gilt deshalb als der ökologische und soziale Teil sollen die Mittel für die Entwicklung des
der EU-Agrarpolitik. ländlichen Raums besonders nützen

AGRAR-ATLAS 2019 / EC
GRÜNE UNION
Ländliche im Vergleich zu gemischten und urbanen Regionen der EU, SE FI
nach Städten und Landkreisen, 2015

ländlich EE
gemischt
städtisch LV
UK
DK LT
Verteilung der Bevölkerung, Prozent
IE
NL PL
28
40 DE
BE
LU CZ
SK
32
AT
HU RO
FR SI
Verteilung der Fläche, Prozent HR

4 BG
13
IT
PT ES

GR
83
CY

MT
AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

16 AGRAR-ATLAS 2019
AUFSTOCKER UND ABZWEIGER
Leistungen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER, „zweite Säule“) in der Haushaltsperiode
2014–2020 sowie Erhöhung der Mittel aus (+) oder Umwidmung in (-) Direktzahlungen durch die nationalen Regierungen, in Milliarden Euro

Basisleistungen Erhöhung durch Umwidmung aus Direktzahlungen Senkung durch Umwidmung in Direktzahlungen

Frankreich
9,9 + 1,5

Deutschland
8,2 + 1,2

Polen
10,9 - 2,2

Spanien
8,3

Großbritannien Kroatien
2,6 + 2,6 2,3 - 0,3

Griechenland Slowakei
4,2 + 0,5 1,9 - 0,3

AGRAR-ATLAS 2019 / EC, EP


Österreich Dänemark
3,9 0,6 + 0,3

Ungarn Niederlande
3,5 - 0,1 0,6 +0,2

Manche Regierungen benutzen die sinnvollen


Wissenstransfer und Innovationen, Rentabilität und Wett- EU-Gelder für den ländlichen Raum, um damit Einsparungen
bewerbsfähigkeit, die Organisation der Versorgungskette der EU bei den Direktzahlungen zu kompensieren
einschließlich Tierschutz und Risikomanagement, der Er-
halt der Ökosysteme, Klimaschutz mit der Klimanpassung
von Land- und Forstwirtschaft sowie die wirtschaftliche Ent- Bevölkerung auf dem Land. Daher konzentrieren sich hier
wicklung ländlicher Gebiete. die Fördermaßnahmen auf Innovationen und ökologische
Ein Fünftel der Bevölkerung in der EU lebt in ländlichen Nachhaltigkeit der intensiven, hochspezialisierten und ex-
Gebieten, die sich stark voneinander unterscheiden. Um portorientierten Agrarindustrie des Landes.
den Bedürfnissen vor Ort gerecht zu werden, können die Bei allen Unterschieden stehen alle EU-Mitgliedsstaa-
politischen Maßnahmen der zweiten Säule flexibel gestaltet ten gemeinsam vor einigen wichtigen Herausforderungen.
werden. Die nationalen und regionalen Regierungen wäh- Viele Menschen verlassen die ländlichen Gebiete, und wer
len je nach Bedarf aus verschiedenartigen Optionen aus, bleibt, ist im Durchschnitt immer älter. Junge Landwirtin-
unter ihnen beispielsweise Starthilfen für Junglandwirtin- nen und Landwirte sind selten, und wer einen bäuerlichen
nen und -wirte, Beihilfen zur Aufforstung oder Mittel zur Be- Betrieb gründen will, hat Probleme, Land zu erwerben. Klei-
wältigung von Naturkatastrophen. ne und mittlere Betriebe geben auf, während die Großbe-
Besonders häufig werden Investitionsbeihilfen, Umwelt- triebe immer noch größer werden. Hinzu kommt eine meist
und Klimaschutzmaßnahmen sowie Beihilfen für Gebiete schlechte Anbindung an digitale Dienstleistungen wie das
angeboten, in denen es schwierige Klimabedingungen, Internet. Eine wesentliche Aufgabe der zweiten Säule ist es,
Steillagen oder schlechte Böden gibt. Diese Maßnahmen diese gemeinsamen Probleme anzugehen.
sollten zu mindestens einem der übergeordneten Ziele füh- Mindestens 30 Prozent der EU-Mittel aus der zweiten
ren. Der ökologische Landbau beispielsweise deckt alle drei Säule müssen für Umwelt- und Klimaziele verwendet wer-
Bereiche ab: Er erhöht die Wettbewerbsfähigkeit, unter- den. Doch die EU-Kommission hat im Sommer 2018 vorge-
stützt die ökologische Nachhaltigkeit und trägt zur Entwick- schlagen, ausgerechnet das Budget der zweiten Säule zu
lung des ländlichen Raums bei. kürzen – um rund 27 Prozent. Dahinter steht, zumindest
Jede Regierung wählt ihren eigenen Ansatz. So unter- zum Teil, das Bemühen, bei insgesamt schrumpfenden Ag-
stützt Irland besonders den Ökolandbau, weil er zur biolo- rarsubventionen die traditionellen Direktzahlungen an die
gischen Vielfalt, zur Wasserbewirtschaftung einschließlich Agrarbetriebe in möglichst voller Höhe zu erhalten.
Düngemittel- und Pestizidmanagement, zur Verbesserung Diese Überlegungen haben jedoch einen Sturm des Pro-
der Bodenqualität sowie zur Einsparung und Bindung von testes ausgelöst. Die zweite Säule gilt weithin als der sinn-
CO2 beiträgt – allesamt Bestandteile der Umwelt- und Klima- vollste Teil der GAP, weil sie auf die Bedürfnisse vor Ort zu-
ziele der zweiten Säule. In Litauen hingegen, wo mehr als 40 geschnitten ist und dem Allgemeinwohl statt nur einzelnen
Prozent der Bevölkerung auf dem Land leben und Überalte- Betrieben dient. Wenn die EU ernsthaft die vielen sozialen,
rung droht, fördert der Staat die Modernisierung und finan- wirtschaftlichen und ökologischen Probleme ländlicher
zielle Stabilisierung kleiner und mittlerer Agrarbetriebe, die Gebiete angehen und zudem die Landwirtschaft an den
sonst auf dem EU-Markt kaum konkurrenzfähig wären. In Klimawandel anpassen will, muss das Budget der zweiten
den Niederlanden hingegen leben nur noch 0,6 Prozent der Säule voll erhalten bleiben.

AGRAR-ATLAS 2019 17
HÖFESTERBEN

WACHSEN ODER WEICHEN


Die Agrarpolitik unterstützt die Kleinbetriebe lust von Arbeitsplätzen, mit weniger vielfältigen Anbausys-
zu wenig gegenüber den Großen. Zugleich temen und -produkten, mit intensiver Landwirtschaft und
ist die Hofnachfolge oft schwierig zu sichern. entsprechender Belastung der Umwelt.
Auf der anderen Seite machen kleine Höfe mit weniger
als zehn Hektar und einer zumeist vielfältigen Produktion

D
as Gesicht der europäischen Landwirtschaft und der rund 80 Prozent aller Agrarbetriebe in der EU aus. Doch sie
ländlichen Räume hat sich seit dem Beginn der Ge- nehmen nur zehn Prozent des verfügbaren Landes in An-
meinsamen Agrarpolitik (GAP) stark verändert. Heute spruch. Ihre Zahl sinkt rasant: 96 Prozent der Betriebe, die
ernähren weniger und größere Betriebe die Menschen in zwischen 2003 und 2013 verschwunden sind, verfügten
der EU. Von 2003 bis 2013, so die jüngsten Zahlen, ging ein über weniger als zehn Hektar. Die Kleinbetriebe leiden meist
Viertel aller landwirtschaftlichen Betriebe in der Union ein. an denselben Problemen: Die niedrigen Lebensmittelpreise
Diese Entwicklung betraf alle EU-Länder. decken kaum die Produktionskosten. Die Gewinne machen
Betrachtet man das Flächenwachstum der Betriebe, ist nicht die Produzentinnen und Produzenten, sondern vor al-
Tschechien Spitzenreiter. Dort stieg die Durchschnittsgrö- lem die Verarbeitungs- und Handelsunternehmen.
ße in zehn Jahren von 80 auf 130 Hektar. In der Tierhaltung Diese Trends gehen auch auf die Liberalisierung der Ag-
zeigt sich ein ähnlicher Trend: Im Jahr 2013 wurden in der rarmärkte und die EU-Agrarpolitik mit ihren Subventionen
EU drei Viertel der Tiere in größeren Betrieben gehalten. und Marktregeln zurück. Produkt- und branchenspezifische
Die Zahl der Tiere in kleinen und sehr kleinen Haltungen Zahlungen haben in der Vergangenheit die Spezialisierung
hat sich seit 2005 um mehr als die Hälfte verringert. In der der Betriebe gefördert. Seit 2003 erhalten sie von der EU Di-
Hälfte aller EU-Staaten werden mehr als drei Viertel aller rektzahlungen pro Hektar, das heißt, Landwirtinnen und
Großvieheinheiten (die einem Rind, fünf Schweinen oder Landwirte bekommen umso mehr Geld, desto mehr Land sie
zehn Schafen entsprechen) in größeren Betrieben gehalten. besitzen. Wenn diese Beihilfen einen wesentlichen Teil des
In den Benelux-Staaten und Dänemark sind es über 90 Pro- Einkommens ausmachen, schafft dies einen Anreiz, mehr
zent. In Rumänien hingegen befand sich mehr als ein Drittel Land zu erwerben. Etablierte Großbetriebe, die bereits viel
aller Tiere in kleinen Betrieben. Land bewirtschaften, verfügen entsprechend über mehr Ka-
Die EU-Statistik teilt die Agrarbetriebe in fünf Katego- pital und haben damit die Möglichkeit, Kredite aufzuneh-
rien ein, die sich nach Flächen und Betriebseinkommen men und weiter Land hinzuzukaufen. Neueinsteiger und
richten: sehr kleine, kleine, mittlere, große und sehr große. Neueinsteigerinnen, die erst noch auf der Suche danach
Noch sind sehr kleine und kleine Familienbetriebe nach An- sind, haben solche Vorteile nicht.
zahl der Höfe und Arbeitskräfte in der Mehrheit. Aber ihre Zwar ermöglichen es die Direktzahlungen vielen Men-
Zahl ist stark rückläufig. Große sowie sehr große Betriebe schen, trotz schlechterer wirtschaftlicher Bedingungen wei-
gewinnen an wirtschaftlicher Bedeutung. Unternehmen ter in der Landwirtschaft zu arbeiten. Aber allzu oft haben
mit über 100 Hektar Fläche machen nur drei Prozent aller
EU-Agrarbetriebe aus. Ihre Zahl aber ist in zehn Jahren um
16 Prozent gestiegen, und sie nutzen nun 52 Prozent der Ein Agrarbetrieb, der hohe EU-Zahlungen
gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Wo sich Groß- erhält, kann leichter wachsen
betriebe ausbreiten, geht dies Hand in Hand mit dem Ver- als ein kapitalschwacher Kleinbetrieb
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

AUF DEM VORMARSCH


Zunehmende Anzahl von Großbetrieben in der EU

305.820
Bewirtschaftung
325.860
von über 100 Hektar
336.740

2007
2010
67.340 2013 29.120
Produktionswert über Tierbestand
80.610 32.310
500.000 Euro jährlich über 500 GVE*
95.950 33.120
* Großvieheinheit: 1 Rind, 2 Schweine oder 10 Schafe

18 AGRAR-ATLAS 2019
VON DER HAND IN DEN MUND
Anteil Agrarbetriebe, die mehr als die Hälfte ihrer Produktion selbst
verbrauchen, nach wirtschaftlicher Betriebsgröße, 2013, in Prozent sehr klein, jährliche Erlöse bis 2.000 Euro
klein, jährliche Erlöse 2.000 bis unter 8.000 Euro
mittel, jährliche Erlöse 8.000 bis unter 25.000 Euro
Frankreich
groß, jährliche Erlöse 25.000 bis 100.000 Euro
Italien sehr groß, jährliche Erlöse über 100.000 Euro
Portugal
Tschechien
Estland
Malta
Bulgarien
Griechenland
Polen
Litauen
Slowakei
Kroatien
Zypern
Ungarn
Lettland

AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT


Rumänien
Slowenien
EU-28
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Während mittlere und große Betriebe in der ganzen EU


sie dazu geführt, dass der Landbesitz sich in den Händen we- nur für den Markt produzieren, gibt es in den östlichen
niger konzentriert. Das wiederum behindert nachfolgende Regionen noch viele kleine, die fast alles selbst verbrauchen
Generationen, Höfe und Land zu erwerben. Obwohl seit der
GAP-Reform von 2013 kleinere Betriebe mehr Geld erhalten,
hat dies das Höfesterben nicht aufgehalten. schaft oder verarbeiten die produzierten Lebensmittel auf
Hilfen für Junglandwirtinnen und -wirte gibt es zwar dem eigenen Hof. All dies erhöht die Wertschöpfung und
schon seit 1980, aber sie reichen längst nicht aus, um ge- trägt zur Versorgung mit Lebensmitteln aus der Region
nügend junge Menschen für die Landwirtschaft zu gewin- bei sowie zu mehr Arbeitsplätzen und Umweltschutz. Ziel-
nen. Zwischen 2007 und 2013 erhielten rund 190.000 junge gerichtete Mechanismen auf europäischer, nationaler und
Landwirtinnen und Landwirte Beihilfen – aber schätzungs- regionaler Ebene zur Förderung solcher neuen Betriebe
weise 3,5 Millionen über 65-Jährige werden in den nächsten würden den Generationenwechsel fördern, die bäuerlichen
Jahren in den Ruhestand gehen. Die meisten dieser künfti- Strukturen in Europa aufrechterhalten, Arbeitsplätze schaf-
gen Rentnerinnen und Rentner bewirtschaften kleine oder fen und den agroökologisch ausgerichteten Umbau unserer
mittlere Familienbetriebe und haben meist niemanden, Ernährungs- und Anbausysteme fördern.
der sie übernimmt. Die derzeitige Agrarpolitik unterstützt
die Jungen mit etwa zwei Prozent ihres Haushalts, aber die-
ses Geld orientiert sich zu wenig an ihren Bedürfnissen und
KEIN GENERATIONSWECHSEL IN SICHT
ist überdies oft schlecht mit der nationalen Politik etwa für Altersstruktur der Leiterinnen und Leiter von EU-Agrarbetrieben,
Existenzgründungen verknüpft. in Prozent
Erstaunlicherweise wollen trotzdem immer mehr Men-
6,2 7,5 6,0
schen in die Landwirtschaft einsteigen, ob mit oder ohne
15,5 16,6 15,2
Unterstützung durch die Agrarpolitik. So manche profitie- Alter
ren von neuen Ideen wie etwa Hilfen für Agrar-Start-ups, unter 35
35 bis 44 22,8 22,8 22,9
Landerwerb in Gemeinschaftsbesitz oder Agrargenossen-
45 bis 54
schaften. Viele neue Höfe sind innovativ und betreiben zum 55 bis 64
Beispiel ökologischen Landbau, liefern direkt an städtische über 64 22,7 23,5 24,7
Kundschaft, engagieren sich in der solidarische Landwirt-
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

32,8 29,7 31,1


Fast ein Drittel der Landwirtinnen und
Landwirte in der EU ist im Rentenalter. Doch 2007 2010 2013

wer neu einsteigen will, hat es schwer

AGRAR-ATLAS 2019 19
STRUKTURWANDEL IN DEUTSCHLAND

KLEINE UNTER DRUCK


Das Höfesterben gefällt vielen Menschen Weinbau- und Gemüseland Rheinland-Pfalz sind es 4,7
in Deutschland nicht. Um aber dagegen Arbeitskräfte je 100 Hektar. Eine starke Konzentration der
anzugehen, muss die Gesellschaft arbeitsintensiven Schweine- und Geflügelproduktion gibt
es im Nordwesten Deutschlands in Niedersachsen und
gemeinsame Ziele formulieren, wie die
Nordrhein-Westfalen.
Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll. Die Landwirtschaft in Deutschland wandelt sich stark.
Weniger Betriebe bewirtschaften zunehmend größere Flä-

I
n Deutschland gab es im Jahr 2017 rund 270.000 Agrar- chen und Viehbestände mit deutlich höherem Kapitalein-
betriebe, die auf durchschnittlich rund 60 Hektar und satz, weniger festen Arbeitskräften und mehr Lohnarbei-
mit insgesamt 940.000 Beschäftigten wirtschafteten. tern und Lohnarbeiterinnen. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist
Rund jeder zweite Bauernhof wird im Nebenerwerb geführt, die Zahl der Betriebe in Deutschland um die Hälfte zurück-
der Großteil des Haushaltseinkommens also außerhalb der gegangen. Die Zahl der Arbeitskräfte sank um ein Drittel.
Landwirtschaft erzielt. Die Agrarstrukturen unterscheiden Und die Landwirtschaft liegt mit einem Kapitaleinsatz von
sich stark. Das liegt an der jeweiligen Ausprägung der Land- 536.000 Euro pro Erwerbstätigem deutlich über dem Durch-
schaft und Natur, aber auch an den historischen, wirtschafts- schnitt der deutschen Wirtschaft mit 408.000 Euro pro Er-
politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. werbstätigem, worin sich die große Investitionsbereitschaft
Beispiel Ostdeutschland: Dort wirtschaftet nur rund zur Senkung von Arbeitskosten zeigt. Während in den ost-
ein Zehntel der bundesdeutschen Betriebe. Sie sind im deutschen Bundesländern große Betriebe die Regel sind,
Durchschnitt sehr viel größer als in Westdeutschland: 224 gab es 2016 in Westdeutschland bereits 47 Betriebe mit
im Vergleich zu 47 Hektar. Sie werden deutlich häufiger als mehr als 1.000 Hektar, die meisten davon in Schleswig-Hol-
GmbH, Genossenschaft oder Aktiengesellschaft geführt stein und Niedersachsen.
– 15 Prozent im Vergleich zu 0,7 Prozent in Westdeutsch- Die Auslöser und Triebkräfte für die Entwicklung zu
land. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Sach- mehr Wachstum, Spezialisierung und Intensivierung sind
sen-Anhalt gibt es große Ackerbaubetriebe. Sie haben eher vielfältig. Vielen Betrieben fehlt die gesicherte Nachfolge
weniger Arbeitskräfte, nur 1,2 beziehungsweise 1,4 Be- für den Hof. Technischer Fortschritt ermöglicht und erfor-
schäftigte pro 100 Hektar. In Süddeutschland finden sich dert Rationalisierung. Und es herrscht ein intensiver Preis-
hingegen kleinteiligere Strukturen, hier werden weniger wettbewerb, bei dem die Verlierer am Ende aufgeben. Zwar
Tiere pro Betrieb gehalten und häufiger Sonderkulturen wird diese Entwicklung von vielen Menschen als Problem
wie Obst und Wein angebaut. Entsprechend der Produk- erkannt. Doch eine Politik, die diese Trends stoppt oder be-
tionsausrichtung arbeiten dort auch mehr Menschen. Im grenzt, gibt es bisher nicht. Der Grund: Die Gemeinsame
Agrarpolitik (GAP) der EU hält noch immer an einem Förder-
modell fest, das vorrangig Prämien auf Flächen gewährt, die
an wenige Bedingungen geknüpft sind.
VERLORENE HÖFE
In der gegenwärtigen Förderperiode (2014–2020) ste-
Rückgang landwirtschaftlicher Betriebe nach Bundesländern,
absolut und in Prozent, 2018 zu 2010 hen Deutschland jährlich rund 6,1 Milliarden Euro aus dem
GAP-Budget zur Verfügung. Ein kleiner Teil davon, 1,3 Mil-
Schließungen - 1.640 liarden, fließt neben der Landwirtschaft auch anderen Ak-
5 bis unter 10 Prozent Schleswig- + 200 teuren zu, um Wirtschaft und Umwelt im ländlichen Raum
10 bis unter 15 Prozent Holstein
Mecklenburg- zu fördern. Der Großteil aber, rund 4,8 Milliarden Euro, wird
15 Prozent und darüber Vorpommern
direkt an landwirtschaftliche Betriebe und weitgehend pro-
Neugründungen - 4.720 - 280 portional zur bewirtschafteten Fläche ausgezahlt. Die Beträ-
bis 5 Prozent Niedersachsen
+ 210 ge liegen bei rund 280 Euro pro Hektar und Jahr.
Brandenburg
Sachsen-
Aufgrund ihrer großen Agrarflächen fließen mit Ab-
- 4.640 Anhalt stand die meisten Gelder in die Bundesländer Bayern und
Nordrhein- Sachsen Niedersachsen – 976 beziehungsweise 775 Millionen Euro
- 200
Westfalen - 1.890 Thüringen + 180 jährlich. Die fünf ostdeutschen Bundesländer hingegen er-
Hessen
halten zusammen rund 1,5 Milliarden Euro. Bei der Zahlung
Rheinland-
- 3.840 Pfalz an einzelne Betriebe entscheidet vor allem ihre Größe: Im
Jahr 2016 erhielten daher rund 1 Prozent aller Betriebe rund
AGRAR-ATLAS 2019 / DESTATIS

Saarland
- 160 - 13.860 20 Prozent der Direktzahlungen.
- 4.700
Bayern
Baden-
Württemberg
In Westdeutschland sinkt die Zahl der Bauernhöfe
ohne Stadtstaaten nach wie vor. In Ostdeutschland teilen
sich große Agrarbetriebe in kleinere Firmen auf

20 AGRAR-ATLAS 2019
GROSSE MEHRHEIT GEGEN DEN TREND ZUM GROSSBETRIEB
Meinungsumfrage zur Lage und Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland, alle Befragten, nach Geschlecht und Alter, in Prozent

Strukturwandel: Dass es in Deutschland insgesamt immer weniger landwirtschaftliche


Betriebe gibt und die verbleibenden Betriebe immer größer werden, bewerten als … 76 Prozent der Bundes-
bürgerinnen und
sehr positiv weder positiv noch negativ sehr negativ -bürger bewerten den
eher positiv eher negativ weiß nicht Strukturwandel in
insgesamt 1 4 17 51 25 2 der Landwirtschaft hin
zu größeren Höfen
Männer 2 6 25 48 20 als negativ oder sehr
Frauen 3 9 55 31 2 negativ. Nur für
18 bis 29 2 2 33 38 23 2 5 Prozent ist er positiv.

30 bis 44 5 15 54 25 1 Fast drei Viertel der


Befragten meinen,
45 bis 59 3 17 52 25 3
dass die verbliebenen
60 und älter 1 6 11 54 27 1 kleinen und mittleren
landwirtschaftlichen
Betriebe besonders
Staatsgelder: Die verbliebenen kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe
stark vom Staat unter-
sollten besonders stark vom Staat unterstützt werden
stützt werden sollten.
ja nein, nicht mehr als auch Großbetriebe weiß nicht
Die Hälfte der Befragten
insgesamt 73 20 7 stimmt zu, dass Agrar-
Männer 65 28 7 betriebe zusätzlich
honoriert werden soll-
Frauen 81 13 6 ten, wenn sie besondere
18 bis 29 69 22 9 Umweltleistungen
30 bis 44 75 20 5 für Wasser- bzw. Natur-
schutz erbringen.
45 bis 59 69 24 7
39 Prozent bejahen
60 und älter 78 17 5
sogar, dass die Betriebe
ausschließlich für sol-
Besondere Leistungen: Landwirtschaftliche Betriebe sollten … che Leistungen bezahlt
werden sollten.
alle unabhängig von ihren Leistungen finanziell nur für besondere Leistungen finanziell
unterstützt werden unterstützt werden Der größte Teil der
alle finanziell unterstützt werden, aber mit mehr grundsätzlich nicht unterstützt werden Befragten ist offen
Fördergeldern für besondere Leistungen weiß nicht dafür, Agrarbetriebe
finanziell zu unter-
insgesamt 5 49 39 5 2
stützen. Das zeigt, wie
Männer 5 47 39 72 positiv die Bevölkerung
Frauen 5 51 39 3 2 die Landwirtschaft
sieht – und noch
18 bis 29 3 71 19 7
positiver, wenn bei der
30 bis 44 6 49 38 6 1 Bewirtschaftung Natur

AGRAR-ATLAS 2019 / HBS


45 bis 59 6 44 44 5 1 und Umwelt aktiv
geschützt werden.
60 und älter 5 44 45 4 2

Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die Heinrich-Böll-Stiftung, Erhebung im November 2018, 1.010 Befragte, Toleranz plus/minus 3 Prozentpunkte; Differenzen durch Rundung

Die Umfrage zeigt, dass Frauen der Erhalt vielfältiger


Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Deutschland kriti- landwirtschaftlicher Strukturen besonders
sieren stark, dass bei der Vergabe dieser Mittel nicht geprüft wichtig ist, jungen Menschen hingegen etwas weniger
wird, welche Betriebe sie wirklich nötig haben, und dass
sie nicht an gesellschaftliche Leistungen gebunden sind.
Dennoch verzichtet die Bundesregierung derzeit darauf, voll umzusetzen: Sie scheitert an mangelndem politischen
ihren Spielraum zu nutzen und zu handeln. Sie könnte bis zu Willen, fehlenden Zielvorstellungen und der erfolgreichen
15 Prozent der Direktzahlungen umwidmen, um damit um- Lobbyarbeit derjenigen, die von den Zahlungen profitieren.
welt- und klimabezogene Leistungen landwirtschaftlicher Die aktuellen Vorschläge der EU-Kommission für die
Betriebe zu honorieren. Sie tut dies aber nur mit 4,5 Prozent GAP nach 2020 würden ermöglichen, die Flächenprämien
der Mittel. Darüber hinaus könnte sie jährlich bis zu 30 Pro- auf einen Maximalbetrag pro Betrieb festzulegen – damit
zent der nationalen Direktzahlungen kleineren Betrieben aber gleichzeitig die Direktzahlungen weiter legitimieren
zukommen lassen. Aus diesem Topf aber nimmt sie lediglich und festschreiben. Um die Agrarstruktur in Deutschland
7 Prozent. Deutschland könnte seine Landwirtschaft also be- nachhaltig zu gestalten, brauchen wir gesellschaftlich aus-
reits heute neu ausrichten, zumindest teilweise. Eine solche gehandelte Zielvorstellungen darüber, welche Aufgaben
Umkehr scheitert nicht an den Möglichkeiten, die GAP sinn- die Landwirtschaft hat.

AGRAR-ATLAS 2019 21
ARBEIT

EINKOMMEN UND AUSKOMMEN


In den landwirtschaftlichen Klein- Anteil reicht von unter zwei Prozent in Großbritannien und
betrieben der EU sind viele Millionen Deutschland bis zu mehr als zehn Prozent in Rumänien, Bul-
Arbeitsplätze nur wenig profitabel. garien, Griechenland und Polen. Insgesamt ist die Tendenz
jedoch rückläufig. In den derzeit 28 EU-Mitgliedsstaaten
Wären die Maßstäbe dafür nicht nur rein
sank der Anteil zwischen 2005 und 2016 um mehr als ein
wirtschaftlich, könnte sich das ändern. Viertel. Dies entspricht einem langfristigen Trend. So mach-
te in Frankreich die Landwirtschaft 1955 noch 27 Prozent

I
n der EU arbeiten mehr als 22 Millionen Menschen in der der Beschäftigung aus. Heute sind es nur 3 Prozent.
Landwirtschaft. Das aber bedeutet nicht, dass ebenso vie- Die meiste Arbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben
le Menschen von ihr leben können. Viele Landarbeiter wird von den Hofbesitzern und -besitzerinnen inklusive Fa-
und Landarbeiterinnen sind nur Teilzeit- oder Saisonbe- milienangehörigen geleistet. Diese Arbeitskräfte machen
schäftigte, besonders während der Erntezeit. In Ländern mit etwa drei Viertel der Gesamtzahl aus. Mit 35,1 Prozent sind
vielen kleinen Betrieben ist ihr Anteil besonders hoch. In Ru- in der Landwirtschaft weniger Frauen tätig als in der Ge-
mänien zum Beispiel arbeiten nur 1,5 Prozent der Menschen samtwirtschaft, wo sie 45,9 Prozent der Erwerbsbevölke-
Vollzeit in der Landwirtschaft. rung ausmachen. Die beiden Länder mit dem geringsten
Inklusive Teilzeit- und Saisonarbeit entsprach die Be- Frauenanteil in der Landwirtschaft sind Dänemark mit 19,9
schäftigung in der Landwirtschaft im Jahr 2016 rund 9,5 und Irland mit 11,6 Prozent.
Millionen Vollzeitstellen oder 4,4 Prozent aller Arbeits- Ein beträchtlicher Teil der landwirtschaftlichen Arbeit
plätze in der EU. Die Bedeutung des Agrarsektors für den wurde inzwischen durch den Einsatz von Kapital abgelöst –
Arbeitsmarkt unterscheidet sich stark von Land zu Land. Ihr so durch Investitionen in die Mechanisierung. Diese Entwick-
lung wird sich in naher Zukunft fortsetzen. Chemikalien, Ma-
schinen und Digitalisierung werden die Produktivität weiter
erhöhen und immer mehr Arbeitnehmer und Arbeitnehme-
GROSSE AGRARBETRIEBE ALS ARBEITGEBER
rinnen ersetzen. Dieser Wandel ist ein großes Problem vor
Verteilung der Arbeitskräfte (Vollzeitäquivalente) in der
Landwirtschaft nach wirtschaftlicher Stärke der Betriebe allem für die ost- und südeuropäischen Länder, in denen die
in den EU-Ländern, Auswahl, jährliche Erlöse in Euro, 2013 Arbeitslosigkeit hoch ist und andere Jobs rar sind.
Zugleich ändert sich auch die Art der Arbeitsplätze ra-
unter 2.000 Euro 25.000 bis
pide. Selbstständigkeit und Familienarbeit nehmen ab, der
2.000 bis unter 8.000 Euro 100.000 Euro
8.000 bis unter 25.000 Euro über 100.000 Euro Anteil der Lohnempfänger und -empfängerinnen steigt.
Aber auch diese Arbeitsplätze sind oftmals prekär. Kurz-
Prozent
zeitverträge und Wanderarbeit sind weit verbreitet. Ebenso
Rumänien Schwarzarbeit – laut einer Studie des europäischen Agrar-
gewerkschaftsverbandes EFFAT von 2010 macht sie etwa 25
Polen Prozent der landwirtschaftlichen Aktivitäten in Europa aus.
Portugal
Eines der ursprünglichen Ziele der Gemeinsamen Agrar-
politik (GAP) der EU war die Stabilisierung der Einkommen
Bulgarien der landwirtschaftlich Beschäftigten. In den Zielkatalog
wurde allerdings nicht aufgenommen, dass Arbeitsplätze
Ungarn
erhalten oder gute Arbeitsbedingungen gewährleistet wer-
Österreich den müssen. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft ist die Pro-
duktivität in der Landwirtschaft gering, das heißt, die Wert-
Italien
schöpfung pro Arbeitsstunde ist weit unterdurchschnittlich.
Spanien Dies war ein zentrales Argument für die Fortsetzung der Di-
rektzahlungen im Rahmen der GAP. Aber die Einkommen
Frankreich
aus der Landwirtschaft sagen wenig darüber aus, wie viel
Deutschland die Landwirtinnen und Landwirte tatsächlich verdienen,
denn für viele ist die Landwirtschaft keineswegs die einzige
Slowakei
Einkommensquelle.
Dänemark Die Direktzahlungen können dabei einen erheblichen
AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT

Anteil des durchschnittlichen Betriebseinkommens aus-


Tschechien

Niederlande
In Ländern wie Rumänien, Polen oder Portugal sind die
0 20 40 60 80 100 erlösstarken Agrarbetriebe als Arbeitgeber unbedeutend,
in Tschechien oder den Niederlanden dominieren sie

22 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EC
GELDSÄCKE UND HUNGERKÜNSTLER Finnland
Durchschnittliches Einkommen
pro in der Landwirtschaft in Vollzeit Großbritannien Dänemark
23
60 40
11
beschäftigter Person*, Estland
1.000 Euro pro Jahr, 2016
35 Niederlande Schweden 10 Lettland
Irland

25
55 8
Litauen

45 40
6
Polen
Belgien

31 Deutschland 21
20
Luxemburg
Tschechien 22
EU-28 Slowakei

29 21 Österreich Ungarn

Frankreich
5 22 6
Slowenien
Rumänien
9
12 Kroatien 8
Portugal 28 32 Bulgarien
Spanien Italien

13
11 Griechenland 8
* Selbstständige und Beschäftigte; das landwirtschaftliche Betriebseinkommen
entspricht der Nettowertschöpfung; ohne Einkünfte aus anderen Quellen Malta Zypern

Die Höhe der Einkommen in der


machen. Die Zahlungen erfolgen pro Hektar oder pro Tier, EU-Landwirtschaft weisen ein deutliches Gefälle
unabhängig vom aktuellen Preisniveau, und so sind auch von Nordwest- nach Südosteuropa auf
die Einkommen in der Landwirtschaft starken Schwankun-
gen unterworfen. Bei sinkenden Preisen, wie im Fall der
Milch zwischen 2014 und 2016, stehen die Erzeugerin- der Landwirtschaft existieren hingegen nicht. Eine solche
nen und Erzeuger vor existenziellen Problemen. Steigen Sozialklausel wäre jedoch eine sinnvolle Ergänzung der
die Preise, gehen Subventionen an Betriebe, die ohnehin GAP. Sie könnte beispielsweise festschreiben, dass Arbeit-
profitabel sind und gar keinen akuten Bedarf an zusätz- nehmerinnen und Arbeitnehmer geschult, ihnen angemes-
lichen Mitteln haben. Die Zahlungen pro Hektar statt pro sene Löhne gezahlt werden und Gesundheits- und Sicher-
Arbeitskraft fördern die Vergrößerung der Agrarunterneh- heitsstandards einzuhalten sind.
men und treiben die Bodenpreise in die Höhe, statt Arbeits-
plätze zu schaffen. Denn je größer der Landbesitz, desto
weniger Arbeitskräfte sind im Allgemeinen pro Hektar be-
MEHR GELD FÜR WENIGER ARBEIT
schäftigt.
In der Landwirtschaft Beschäftigte, Vollzeitäquivalente
Die GAP-Reform von 2013 wollte vor allem kleine Betrie- in Millionen Personen, und Einkommensverlauf, 2010 = 100
be unterstützen, die vergleichsweise mehr Menschen be-
schäftigen. Dafür wurden zusätzliche Mittel zur Verfügung entlohnte Arbeiter nicht entlohnte Selbstständige
gestellt, aber die Verwendung ins Ermessen der einzelnen und Arbeiterinnen und mithelfende
sowie Angestellte Familienangehörige
Mitgliedsstaaten gestellt. Viele Regierungen haben diese
14 140
Mittel gar nicht ausgezahlt, andere nur in reduzierter Form.
Einkommensentwicklung
Sie lehnten überdies ab, die Beihilfen auf maximal 300.000 12 120

Euro pro Betrieb zu begrenzen. Folglich bleiben Großbetrie- 10 100


be die Hauptprofiteure der GAP.
8 80
Um sich für die GAP-Subventionen zu qualifizieren, müs-
sen die Landwirte und Landwirtinnen inzwischen bestimm- 6 60
te Umweltauflagen erfüllen. Regeln über Arbeitsnormen in
4 40
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

2 20

Insgesamt steigen die Einkommen im Agrarsektor. Zu 0 0


den Gründen gehören die besseren Erlöse größerer 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

Betriebe und das Ausscheiden vieler Geringverdienender

AGRAR-ATLAS 2019 23
LANDPREISE

KAPITALE FEHLENTWICKLUNG
Der Beginn der EU-Agrarzahlungen in mögen. Das Europäische Parlament sieht die Existenz von
den neuen Mitgliedsländern löste Klein- und Familienbetrieben bedroht und betrachtet sie als
dort eine Welle von Landkäufen aus. Pfeiler eines multifunktionalen landwirtschaftlichen Sek-
tors. Dennoch gehen mehr als 80 Prozent der Direktzahlun-
Seither steigen die Preise fast ständig.
gen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) an die
Gegen Agrarunternehmen und größten 20 Prozent der Betriebe.
Finanzinvestoren haben die kapital- Ausgedehnte Ländereien im Besitz weniger Eigentüme-
schwachen Kleinbetriebe keine Chance. rinnen und Eigentümer sind vor allem in den osteuropäi-
schen EU-Staaten verbreitet, in der Slowakei, Tschechien,

D
ie Konzentration des Grundbesitzes hat erhebliche Ungarn, Bulgarien und in Rumänien. In diesen Mitglieds-
Auswirkungen auf die europäische Landwirtschaft. staaten, die der EU erst 2004 beziehungsweise 2007 beige-
Sie betrifft ihre wichtigste Ressource: den frucht- treten sind, lebten zunächst noch große Teile der Bevölke-
baren Boden. Selbst wo viele Menschen Land besitzen, ar- rung auf dem Land, und die Flächen dort waren billig. Mit
beiten sie immer weniger dort, und die industrielle Land- Beginn der EU-Direktzahlungen schossen die Bodenpreise
wirtschaft übernimmt die Flächen mittlerer und kleiner wie auch die Pachtzinsen in die Höhe. In Bulgarien etwa
Betriebe. So wurden im Jahr 2013 mehr als die Hälfte der stiegen die Preise für Grundstücke zwischen 2006 und 2012
landwirtschaftlichen Flächen in der Europäischen Union um 175 Prozent. Die durchschnittlichen Flächen der Groß-
von nur 3,1 Prozent der Betriebe genutzt, während drei betriebe liegen bei den Neumitgliedern weit über dem
Viertel von ihnen mit nur 11 Prozent der Fläche auskom- EU-Durchschnitt von rund 300 Hektar – in Bulgarien sind es
men musste. Zwischen 1990 und 2013 hat sich die Zahl der 671 Hektar, in Tschechien 698 Hektar und in der Slowakei
größeren Betriebe (über 100 Hektar) in einigen westeuro- gar 781 Hektar.
päischen Ländern verdoppelt, in anderen sogar verfünf-
facht. Entsprechendes gilt für die Nutzflächen, die diese
Betriebe bewirtschaften. Tschechien ist das Land mit besonders ausgeprägten
Die Verteilung von Land ist heute in der EU noch mehr agroindustriellen Strukturen. Deutschland liegt
aus dem Gleichgewicht geraten als die Verteilung von Ver- mit seinen Agrarbetriebsgrößen im EU-Mittelfeld

DEUTSCHE UND TSCHECHISCHE AGRARBETRIEBE IM VERGLEICH


Anteil der landwirtschaftlichen Unternehmen und ihrer bewirtschafteten Flächen nach Hektargrößenklassen, 2016,
in Prozent
0,8 0,5
3,5
11,9 8,8 3,2
19,0
11,2
15,9
17,3 Prozent 9,3
der Betriebe 19,3
Hektar
bis 5 20,6 17,8
über 5 bis 10 24,2
über 10 bis 20 16,8
über 20 bis 50
über 50 bis 100
über 100 bis 500 Deutschland Tschechien
über 500 bis 1.000 0,3 1,9 0,3 1,1
über 1.000 1,8
5,1 4,3 5,0
15,0
13,4
9,5 18,9
Prozent
AGRAR-ATLAS 2019 / DESTATIS, ČSÚ

51,2
der Fläche
20,2

34,6 17,4

24 AGRAR-ATLAS 2019
Kleine Höfe verschwinden besonders schnell in den Län-

AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT


IN GRUND UND BODEN
dern, in denen sie einst das Bild prägten. In Rumänien zum
Entwicklung von Kaufpreisen für Ackerland in EU-Ländern,
Beispiel bewirtschafteten 1,7 Millionen Kleinbauern und Auswahl, in Euro pro Hektar
-bäuerinnen winzige Betriebe mit einer Fläche von einem
65.000
Hektar oder weniger. Sie bauten Lebensmittel für sich und
Niederlande
ihre Familien an und verkauften ihre Überschüsse. In vielen
EU-Staaten werden Direktzahlungen jedoch nur an Betriebe
mit mindestens einem Hektar Anbaufläche ausgezahlt. Das
60.000
macht Millionen Betriebe, die kleiner sind, praktisch „un-
sichtbar“. Ohne Beihilfen oder andere Unterstützung bleibt
ihnen nur die Wahl, den Betrieb zu verkaufen oder aufzu-
geben. Auf diese Weise ist beispielsweise in Bulgarien die
55.000
Produktion von Gemüse und Fleisch, die auf kleiner Fläche
erfolgreich funktionierte, zurückgegangen und machte Ge-
treidemonokulturen Platz.
Auch die Pachtpreise sind gestiegen – ein Problem vor
50.000
allem für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger ohne Land-
besitz. Viele Grundstücksgeschäfte werden unter zweifel-
haften, korrupten oder anderweitig illegalen Umständen
abgeschlossen. Dafür hat sich die Bezeichnung „Land Grab-
45.000
bing“ oder Landraub durchgesetzt. In Ungarn etwa gelang
es ausländischen Unternehmen und Investoren in den ver-
gangenen zwanzig Jahren, rund eine Million Hektar zu er-
werben – unter Umgehung der ungarischen Gesetze. Zu den
40.000
Käufern und Käuferinnen gehören sowohl Landwirte und
Landwirtinnen als auch institutionelle Investoren wie Ban-
ken, Investmentfonds und Versicherungen aus der EU und Italien
anderen Ländern. Kleinbauern und -bäuerinnen sowie Neu- 35.000
einsteiger und -einsteigerinnen können sich nicht dagegen
behaupten, denn dieser Wirtschaftssektor ist geprägt von
sehr niedrigen Einkommen und maximalem Risiko. Aller- Großbritannien
dings steigen die Bodenpreise auch anderswo in Europa. In 30.000
einigen Ländern haben sie bereits ein – gemessen an ihren
Erlösen – unrealistisch hohes Niveau erreicht. Ein Hektar Ag- Luxemburg
rarfläche in den Niederlanden kostet so viel wie zehn Hektar
in Bulgarien und zwanzig in Rumänien. 25.000
Irland
Umfragen in der EU zufolge begrüßen es die meisten
Menschen, dass die GAP den Landwirten und Landwirtin-
nen einen angemessenen Lebensstandard sichert, beson-
ders solchen mit kleinen und mittelgroßen Betrieben, sowie 20.000
Familienhöfen und Existenzgründern und -gründerinnen.
Noch höher wäre die Akzeptanz, wenn die EU ihre Politik Dänemark
darauf ausrichtet, Landwirte und Landwirtinnen für die
Bereitstellung öffentlicher Güter wie Klimaschutz, Arten- 15.000 Slowenien
vielfalt oder Gewässerreinhaltung zu bezahlen. Dies würde
Griechenland
kleinen Betrieben zugutekommen, weil sie meist mehr die-
ser Güter bereitstellen als große, industrielle Unternehmen.
Spanien
Viele Bäuerinnen und Bauern fordern, dass die EU sich mit 10.000 Polen
dem geringen Angebot und den hohen Preisen von Acker- Finnland
land sowie der mangelnden Wirtschaftlichkeit der Land-
wirtschaft beschäftigt. Frankreich Schweden
Die EU verfügt über ein kulturelles Erbe, das in den bäu- 5.000
erlichen Gemeinschaften verankert ist. Wir müssen sicher- Tschechien
Bulgarien
stellen, dass ihr Know-how über umweltschonende und
nachhaltige Methoden in der Landwirtschaft an künftige Rumänien Kroatien
Ungarn
Generationen weitergegeben wird. 0
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

Einige EU-Mitglieder, darunter Deutschland und Belgien, melden keine agrarischen


Bodenpreise an die zuständige Behörde Eurostat, einige haben nicht fortlaufend
Westeuropäische Agrarunternehmen auf Expansionskurs gemeldet. Die Kaufpreise sind landesweite Durchschnittswerte und können regional
erhalten in vielen EU-Staaten zum gleichen Preis fünf- oder erheblich nach oben oder unten abweichen.
zehnmal so große Flächen wie in ihrem Heimatland

AGRAR-ATLAS 2019 25
BIODIVERSITÄT IN DER EU

BEDROHTE VIELFALT – MIT DEM


ARTENSCHWUND WIRD ES ERNST
Die intensive Landwirtschaft gilt als größte Die Europäische Umweltagentur sieht in der intensiven
Bedrohung für die Tier- und Pflanzenwelt Landwirtschaft die größte Bedrohung für die biologische
der EU. Umweltschädliche Trends bei Acker- Vielfalt. Ein auf den kurzfristigen Ertrag maximierter Acker-
bau bietet weniger Nahrung für die Tierwelt. Monokulturen,
bau und Tierhaltung werden im Rahmen
der Mangel an natürlicher Vegetation, Düngemittel sowie
der Agrarpolitik sogar noch gefördert. Pestizide, die Insekten und Beikräuter abtöten, reduzieren
das Nahrungsangebot. In Großbritannien erholte sich die

D
ie Tierwelt in der Europäischen Union steht unter Fledermauspopulation nach der Umstellung von Betrieben
starkem Druck. Der Status von 60 Prozent der Arten auf Ökolandbau schnell, weil wieder genügend Insekten als
und 77 Prozent der Lebensräume wird als „ungüns- Nahrung vorhanden waren.
tig“ eingestuft. Die Zahl der Feldvögel ist seit 1980 um 56 Die intensive Nutzung von Agrarland lässt auch Wild-
Prozent zurückgegangen, und es gibt fast 35 Prozent weni- vögeln weniger Raum zum Brüten. Hecken werden gerodet,
ger Grünland-Schmetterlinge als 1990. Selbst einst häufige kleine Feuchtgebiete trockengelegt, Wiesen zu Ackerland
Vogelarten verschwinden, wie verschiedene Zählungen umgepflügt oder intensiv genutzt. In Teilen Frankreichs
zeigen. So ist die Europäische Turteltaube unmittelbar vom ging beispielsweise der Bestand an Zwergtrappen zwischen
Aussterben bedroht. Ihre Zahl ging in Europa zwischen 1980 1978 und 2008 um 96 Prozent zurück, weil Gras- in Acker-
und 2013 um 77 Prozent zurück. land umgewandelt wurde.
In Deutschland ist die Biomasse der Insekten seit 1990 Intensive Landwirtschaft wirkt sich auch indirekt auf die
um über 75 Prozent gesunken. In Frankreich sind die Be- Tierwelt aus und ist die größte Bedrohung für die Feuchtge-
stände an Feldvögeln in den vergangenen 15 Jahren um ein biete Europas. Sie übernutzt Wasser als wichtigen Produk-
Drittel geschrumpft. Dabei erging es den Allerweltsarten, tionsrohstoff, pumpt ihn ab oder verschmutzt ihn mit Dün-
die unterschiedliche Lebensräume besiedeln, auf Ackerland gemitteln und Pestiziden. Überschüssiger Stickstoff gelangt
schlechter als in städtischen Gebieten. In Mittel- und Ost- in die Böden und reduziert die Pflanzenvielfalt auf den Fel-
europa sank die Zahl der Feldvögel von 1982 bis 2015 um dern. Der Abfluss von Stickstoff ins Wasser kann Algenblü-
41 Prozent. Bei Waldvögeln waren es nur sechs Prozent. ten auslösen, die Sauerstoff verbrauchen und so Wassertiere
sterben lassen.
Die EU gibt 39 Prozent ihres Gesamtbudgets für den
Haushaltstitel „Nachhaltiges Wachstum, natürliche Res-
AGRAR-ATLAS 2019 / EEA

HUMMELFLUG NACH NORD UND OST


sourcen“ aus. Dazu gehören die Gemeinsame Agrarpolitik
Verbreitungsverluste und -gewinne der
Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) (GAP), der Fischerei- und Meeresfonds sowie ein Umwelt-
durch Klimaerwärmung bis 2050, fonds namens LIFE. Die GAP erhält 97 Prozent der Mittel
Prognose des SEDG* aus diesem Topf, LIFE nur 0,8 Prozent. Laut Gesetz müsste
die EU Geld für den Umwelt- und Naturschutz bereitstellen.
keine Änderung Dennoch enthält das laufende Budget keine eigenständigen
Verluste Mittel für den Erhalt der biologischen Vielfalt, und dies wird
Gewinne
auch in der nächsten Finanzierungsperiode so bleiben. An-
nicht besiedelt
statt einen eigenen Finanztopf zu schaffen, entschieden sich
die Staats- und Regierungschefs, die Umweltfinanzierung in
die GAP zu integrieren. Dadurch aber wird kaum etwas für
den Erhalt der Artenvielfalt geleistet, weil die Subventionen
stattdessen auf eine weitere Intensivierung abzielen.
Die Maßnahmen, für die am meisten Geld fließt, sind die
besonders „perversen“ – ein Begriff, der in der UN-Biodiver-
sitätskonvention (CBD) verwendet wird und Subventionen
beschreibt, die der Umwelt schaden. Annähernd drei Viertel
der GAP-Mittel, rund 293 Milliarden Euro im Zeitraum 2014
bis 2020, fließen in Direktzahlungen, die die intensivsten

* Sustainable European Development Goal, 2016,


Die Dunkle Erdhummel gehört zu den wichtigsten
mit mittlerem Temperaturanstieg von 2,2 Grad Celsius in Mitteleuropa Bestäubern in Europa. Wird es wärmer, wächst ihr Habitat an
wenigen Stellen, während es an vielen stark schrumpft

26 AGRAR-ATLAS 2019
WENIGER GEZWITSCHER
Rückgang der Tierzahlen bei 39 Feldvogelarten in zehn meldenden EU-Ländern,
in Prozent, 1990 = 100, letzte Meldejahre 2013 bis 2015
- 38,9
Feldvögel: zum Beispiel
Finnland
Rebhuhn, Feldlerche,
Feldsperling und Kiebitz - 45,2

Schweden

- 33,8 - 34,9

Großbritannien Estland
Status von 447 Vogelarten
in der EU, alle Lebensräume, - 29,7
2013, in Prozent
Dänemark
17
Niederlande - 38,0
52 15
- 20,2

16 - 43,4 Deutschland

Belgien - 30,9
bedroht

AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT, EEA


sich verschlechternd Tschechien
unbekannt
sicher - 40,7

Frankreich

Vögel sind ein bekannter Bioindikator, weil sie


und umweltschädlichsten Formen der Landwirtschaft be- sich leicht zählen lassen. Wo die Intensivlandwirtschaft
günstigen: Getreideanbau und intensive Tierhaltung. Sol- Einzug hält, sinken die Bestände
che Zahlungen werden entsprechend der Größe der land-
wirtschaftlich genutzten Fläche geleistet und sind kaum an
die Kriterien für Nachhaltigkeit gebunden. satz von Herbiziden erlaubt ist. Die Begründung: So werde
Bis zu 15 Prozent der GAP-Mittel sind an die Produktion eine Bebauung verhindert, was doch gut für die Tierwelt sei.
gekoppelt, das heißt, sie werden pro Tier oder pro produ- Ein Umdenken ist unbedingt erforderlich. Um den Ver-
zierte Menge gezahlt. Sie gehen vor allem an die Fleisch- lust der Artenvielfalt zu stoppen und umzukehren, müssen
und Milchwirtschaft und können dort zur Überproduktion Agrarbetriebe angemessene Mittel für den Erhalt der Biodi-
beitragen. Auch einmalige Investitionsbeihilfen fördern versität erhalten. Und zwingend nötig sind auch Regeln und
zumeist die Intensivierung: zum Beispiel durch die Anschaf- Anreize, zu weniger intensiven Methoden der Landwirt-
fung schwerer Landmaschinen, den Bau von Lager-, Sortier- schaft überzugehen.
oder Verarbeitungsanlagen für immer größere Mengen
landwirtschaftlicher Produkte oder von Ställen für die In-
tensivtierhaltung.
ZIEL VERFEHLT
Dabei gibt es in den verschiedenen Ländern durchaus
Ökologische Vorrangflächen, für die die EU „grüne Direktzahlungen“
Beispiele für funktionierende Umweltprogramme und für leistet, Aufteilung nach Nutzungen, 2015, in Prozent
Bauernhöfe, die die biologische Vielfalt unterstützen. Aber
ihre positiven Auswirkungen werden durch viel zu wenig Landschaftselemente (Hecken,
Mauern, Randstreifen, Agroforsten)
Förderung und vergleichsweise viel höhere „perverse“ Sub-
3,4
ventionen untergraben. Oder sie bekommen Konkurrenz
durch weniger anspruchsvolle bis unsinnige Förderpro- Brachen
Stickstoffbinder (Leguminosen)
gramme. So gibt es in Zypern ein mit 800 Euro pro Hektar 25,9
sehr großzügiges Programm für die „umweltfreundliche“ 37,5
Bewirtschaftung von Bananenplantagen, bei dem der Ein-
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

für die Artenvielfalt


33,2 sehr bedeutsam
Die „ökologischen Vorrangflächen“, die Zwischenfrüchte für die Artenvielfalt
kaum bedeutsam
die Agrarbetriebe bei der EU angemeldet haben,
haben für die Artenvielfalt wenig bewirkt

AGRAR-ATLAS 2019 27
BIODIVERSITÄT IN DEUTSCHLAND

ARTENVIELFALT GEHT VERLOREN


Trotz einiger Bemühungen ist in fortlaufende Technisierung sowie der Einsatz von Pesti-
Deutschland der Abwärtstrend beim ziden und Düngemitteln haben zu einer Agrarlandschaft
Artenschutz ungebrochen. Die geführt, die immer einheitlicher wird. Mitverantwortlich
sind auch internationale Marktentwicklungen und die
Agrarlandschaft wird immer einheitlicher.
Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU, die einseitig und
Um gegenzusteuern, fehlen Einsicht, starr darauf ausgerichtet ist, die landwirtschaftliche Pro-
Geld und präzisere Programme. duktivität zu steigern. Die Vielfalt der Strukturen in der
Landschaft ging verloren. Auf sie aber sind viele Tier- und

V
iele wild lebende Pflanzen- und Tierarten in Deutsch- Pflanzenarten angewiesen.
land teilen ein Schicksal: Sie werden weniger. Der Negativ auf die Biodiversität wirken sich auch die über-
Feldhamster etwa, früher so häufig, dass er teilweise all anzutreffenden Kulturpflanzen Mais, Raps oder Weizen
noch bis 1990 gejagt werden durfte, ist heute vom Ausster- aus, die schnelle Abfolge bei der Bewirtschaftung der Flä-
ben bedroht. Ähnlich ergeht es dem Kiebitz, der 80 Prozent chen sowie ein deswegen hoher Eintrag von Dünger und
seiner Artgenossen zwischen 1990 und 2013 verloren hat. Pestiziden. Auf diese Weise werden die konkurrenzstarken
41 Prozent der Wildbienenarten, eine der wichtigsten Be- Arten begünstigt, die schwächeren verdrängt. Jede Art, ob
stäubergruppen Deutschlands, sind in ihrem Bestand ge- Tier oder Pflanze, stellt besondere Ansprüche an ihren Le-
fährdet. bensraum, um zu wachsen und sich fortzupflanzen. Doch
Seit 1980 geht auch der Bestand von etwa der Hälfte der knapp 13 Prozent der für die Biodiversität wichtigen soge-
Vogelarten deutlich zurück, die auf landwirtschaftlich ge- nannten „Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert“
nutzten Wiesen, Weiden und Äckern leben. Bei den Vögeln sind in nur sechs Jahren, zwischen 2009 und 2015, verloren
des Grünlands sind sogar fünf von sieben Arten betroffen. gegangen.
Gefährdet ist auch mehr als ein Drittel aller Ackerwild- Obwohl die GAP seit 2005 Maßnahmen zum Schutz des
krautarten, die ihren Lebensraum zwischen Kulturpflan- Grünlands erlassen hat, schrumpfen besonders die wich-
zen wie Getreide und Gemüse haben. Diese Beispiele ste- tigen struktur- und blütenreichen Grünlandflächen. Vier
hen stellvertretend für viele weitere Arten, die meist still von fünf deutschen Grünlandbiotop-Typen sind gefährdet.
und unbemerkt verschwinden. 31 Prozent davon sind akut von vollständiger Vernichtung
Zurückzuführen sind diese Entwicklungen zu großen bedroht.
Teilen auf die Landwirtschaft, die sich im Laufe der ver- Seit der Jahrtausendwende ist die GAP bemüht, nicht
gangenen hundert Jahre stark verändert hat. Viele Arten nur die landwirtschaftliche Produktion zu regulieren,
und ihre Lebensräume konnten sich nur durch die unter- sondern auch Ziele des Natur- und Umweltschutzes zu be-
schiedlichen landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsme- rücksichtigen. Im Zuge diverser Reformen wurden so zum
thoden etablieren, zum Beispiel Ackerwildkräuter wie
Kornblume und Feldrittersporn oder die artenreichen
Mähwiesen des Flach- und Berglands. Mit dem Tempo Recht genau ist das Ausmaß des Schadens
aber, in dem sich die Landwirtschaft weiterentwickelt abzusehen, der bei verschiedenen Früchten durch
hat, konnte die biologische Vielfalt nicht mithalten. Die den Rückgang der Bienenpopulation droht

BLÜTEN OHNE BESUCHER


Ertragsminderung bei Acker- und Wiesenpflanzen sowie Obst infolge fehlender Bestäubung durch Honigbienen,
in Prozent
Verluste Birne 65–88

Rotklee 96 Pflaume 79

Buchweizen 74 Apfel 58–69

Sonnenblume 17–62 Stachelbeere 63


AGRAR-ATLAS 2019 / BFN

Ackerbohne 37 Kirsche 59

Raps 28 Erdbeere 26

28 AGRAR-ATLAS 2019
GEFÄHRDETE LANDSCHAFTEN
Verteilung der 863 Typen von
13 3
Lebensräumen in Deutschland 32 6 7 6
auf sechs Hauptgruppen und 22
3 7
ihre bundesweite Gefährdung nach
der Stufeneinteilung der Roten Liste, 28
4 15
Anzahl und Prozentanteil, 2016 80 Meere 278 Küste 58 5
24
17

74 1
Gewässer 123 31 13
vollständig vernichtet 20
von vollständiger 20
Vernichtung bedroht
stark gefährdet bis 4
24
von vollständiger 10 13 7
36
Vernichtung bedroht 22
stark gefährdet
51 32
gefährdet bis 1 3 1 5
stark gefährdet Offenland 202 Wälder 151
gefährdet 7
2 48 1
Vorwarnliste
aktuell kein Verlustrisiko 15 19 28 43
Daten defizitär/ 38 2 Alpen 51 4
Einstufung nicht sinnvoll

AGRAR-ATLAS 2019 / BFN


1 15
Offenland: u. a. Äcker, Grünland, Moore, nicht Gehölzvegetation, Siedlungen
und Verkehrswege. Die 13 vollständig vernichteten marinen Biotoptypen waren
zumeist von der Europäischen Auster oder von Sandkorallen geprägt.

Im Offenland sind die meisten Typen von Biotopen


Beispiel die Cross-Compliance-Regelungen eingeführt: Sie von vollständiger Vernichtung bedroht. Wichtigster
knüpfen die Agrarzahlungen der EU an Leistungen für den Verursacher ist die Intensivlandwirtschaft
Umwelt- und Tierschutz sowie die Gesundheit von Men-
schen, Tieren und Pflanzen. Dem folgte das Greening. Es
honoriert Methoden der Landbewirtschaftung, die den sind unverhältnismäßig. Die deutsche Bundesregierung
Klima- und Umweltschutz fördern. Doch alle bisherigen kann dazu beitragen, dass die EU-Agrarpolitik eine natur-
Maßnahmen reichen nicht aus, um die biologische Vielfalt und umweltfreundlichere Landwirtschaft fördert und so-
in der Agrarlandschaft zu sichern oder sie gar wieder zu er- mit zu einer flächendeckenden Verbesserung der Biodiver-
höhen. sität beiträgt. Doch dazu muss sie sich für Änderungen bei
Das derzeit wichtigste Instrument der EU zur Förde- der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik einsetzen.
rung der Biodiversität in der Agrarlandschaft heißt ELER.
Die Abkürzung steht für den Europäischen Landwirt-
schaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums.
AUF DER SUCHE NACH LANDSCHAFTSQUALITÄT
Mit dessen Mitteln setzt Deutschland jährlich rund 324
Index der Artenvielfalt in Deutschland, insgesamt und Teilindex
Millionen Euro für Leistungen zugunsten der Artenvielfalt Agrarland, 2030 = 100
ein, rund 13 Prozent des ELER-Gesamtbudgets. Allerdings
braucht Deutschland allein 1,4 Milliarden Euro im Jahr, um Gesamtindex (Küsten/Meere, Binnengewässer,
die sogenannten Natura-2000-Richtlinen umzusetzen: Mit Wälder, Agrarland, Siedlungen)
Teilindex Agrarland
ihnen will die EU ein unionsweites, zusammenhängendes
140
Netz von Naturschutzgebieten schaffen. Es soll wild leben-
120
de Pflanzen- und Tierarten schützen und ihre natürlichen
Ziel
Lebensräume erhalten. In Deutschland fallen mehr als 15 100
Prozent der Landfläche in diese Kategorie.
80
Viele Maßnahmen zugunsten der Biodiversität könnten
60
wirksamer sein, wenn sie anspruchsvoller ausgestaltet und
besser umgesetzt würden. Bisher fehlen auch finanzielle 40
AGRAR-ATLAS 2019 / BFN, DESTATIS

Anreize für die Agrarbetriebe. Sie erfordern zudem einen 20


hohen bürokratischen Aufwand, und manche Kontrollen
0
1970 1975 1990 2000 2013 2030

Ohne Teilindex Alpen. Werte 1970 und 1975 rekonstruiert. Vergleichsmaßstab ist der
Die Artenvielfalt des Agrarlandes zu verbessern ist erwünschte Status wild lebender Pflanzen und Tiere in verschiedenen Landschaftstypen
die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe im Jahr 2030. Er orientiert sich an der biologischen Vielfalt der 1970er-Jahre.

einer natur- und umweltfreundlichen EU-Agrarpolitik

AGRAR-ATLAS 2019 29
PESTIZIDE

NEUE IDEEN MIT WENIGER CHEMIE


Der Gemeinsamen Agrarpolitik fehlen Nach Flächeneinsatz führen die Herbizide. Fast jeder
Instrumente, um den Einsatz von konventionell produzierende Betrieb setzt sie mindestens
Pestiziden in der Landwirtschaft deutlich einmal im Jahr ein. Am häufigsten werden Fungizide im
Obst- und Zierpflanzenanbau angewandt. In diesen Kul-
zu verringern. Außerdem gibt es zu
turen kann eine Fläche mehr als 30-mal pro Jahr gespritzt
viele Ausnahmen. Die verkauften Mengen werden.
in der EU sind seit Jahren konstant. Die Auswirkungen des intensiven Pestizideinsatzes
sind vielfältig. Er führt zu hohen Kosten für die Allgemein-

I
n der Landwirtschaft der Europäischen Union werden heit: Rückstände in Lebensmitteln müssen überwacht,
jährlich große Mengen an Chemikalien eingesetzt. Ge- Grundwasser muss gereinigt werden, um es trinkbar zu
naue Daten über die Menge hat die EU nicht erfasst. Sie machen. In Gewässern mit hohen Pestizidkonzentratio-
berichtet zwar von rund 391.000 Tonnen Wirkstoffen für nen verschwinden sensible Arten. Der flächendeckende
das Jahr 2015. Doch diese Zahlen enthalten auch Kohlendi- Einsatz von Herbiziden lässt nach und nach das „Unkraut“
oxid – das für den Schutz von Vorräten eingesetzt wird – so- verschwinden und zerstört so die Lebensräume und Nah-
wie Verkäufe außerhalb des Agrarsektors, zum Beispiel für rungsquellen für Insekten und Vögel. Die biologische
die Forstwirtschaft. Kontrolle von Schädlingen durch Nützlinge gerät damit in
Den größten Anteil an den Verkäufen haben die Fun- Gefahr. Kürzlich schränkte die EU die Verwendung von drei
gizide, also Pflanzenschutzmittel gegen Pilze, gefolgt von Insektiziden stark ein. Sie stehen im Verdacht, besonders
den Herbiziden, die gegen Beikräuter eingesetzt werden, den Bienen zu schaden und verantwortlich dafür zu sein,
von vielen immer noch „Unkräuter“ genannt. Auf diese bei- dass Insektenpopulationen zusammengebrochen sind.
den Gruppen zusammen entfallen in den meisten EU-Län- Außerdem ermöglichen Pestizide eine Landwirtschaft,
dern über 80 Prozent der verkauften Menge. Insektizide die ökologische Schäden mit sich bringt: Auf großen Flä-
schließlich sollen Tiere in ihren verschiedenen Entwick- chen können Monokulturen angebaut werden, während
lungsstadien abtöten. vielfältige Fruchtfolgen entfallen. Seit 2015 verlangt die
In vielen Ländern der EU ist der Pestizidabsatz in den EU daher, dass Betriebe mit einer Ackerfläche von mehr
vergangenen 15 Jahren recht konstant. Ausreißer nach als zehn Hektar mindestens zwei, ab 30 Hektar mindestens
oben und unten sind Polen und Dänemark. In Polen stieg drei Fruchtarten anbauen müssen. Das deutsche Umwelt-
die verkaufte Menge seit dem Beitritt zur EU um das Drei- bundesamt hält diese Vorschrift für wirkungslos. Denn
fache. In Dänemark haben sich die Verkäufe zwischen die EU hat ein Schlupfloch eingebaut: Auf 75 Prozent der
2013 und 2015 nach einer Anpassung der Pestizidsteuer Flächen eines Betriebs gilt diese Regel nicht. Dort werden
halbiert. Allerdings ist die Aussagekraft von Mengenan- Monokulturen geduldet. Wünschenswert wäre, diese Quo-
gaben begrenzt. So hat auch in Großbritannien im Laufe te auf 50 Prozent zu senken.
der vergangenen Jahrzehnte der Verbrauch um fast 50 Pro-
zent abgenommen. Doch bei gleich gebliebener landwirt-
schaftlicher Nutzfläche hat sich die behandelte Fläche ver- Die schnell wachsenden menschlichen Haare dienen
doppelt – und die Anwendung sehr giftiger Pestizide seit häufig dem aktuellen Nachweis von Chemikalien. Die hohen
2007 vervielfacht. Trefferquoten zeigen die Allgegenwärtigkeit der Pestizide

SCHADSTOFFE BIS IN DIE SPITZEN


Rückstände von 15 Pestiziden in Haarproben von 148 Freiwilligen in sechs EU-Ländern, 2018, unbelastet belastet
Zahl der Getesteten und Anteil der belasteten Proben je Herkunftsland

Deutschland 34 44,1 % Italien 24 66,7 %

Großbritannien (Wales) 30 84,6 % Frankreich 25 64,0 %


AGRAR-ATLAS 2019 / IRES

Belgien 26 69,2 % Dänemark 26 50,0 %

Die Anreicherungen im Haar erlauben keine Rückschlüsse auf unmittelbar gesundheitsgefährdende Kontaminationen.

30 AGRAR-ATLAS 2019
FI

AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT


MANCHE VERDOPPELN, MANCHE HALBIEREN 4.592
Pestizidverkäufe in den EU-Mitgliedsländern, 1.956 + 52,1 %
2016, in Tonnen, geschätzt
- 19,2 % EE

2.589 SE 1.725
18.850 - 51,0 % LV
IE DK + 60,5 %
3.135
- 22,8 % 9.999 LT
- 15,6 %
UK - 8,7 % 24.487
6.826 NL
Unterschied 2016 zu 2011
in Prozent
Zunahme
+ 10,9 %
BE
32.380 + 12,5 %
PL 2.093
Abnahme LU
CZ 5.943
- 26,2 %
72.036 DE
4.361
AT
- 13,0 %
SK
+ 15,9 %

+ 17,4 % FR + 26,5 %
HU 9.764
1.156 SI 10.813
IT HR + 14,2 %
RO
+ 3,1 % 1.861
9.775 - 5,4 %

- 30,3 % - 7,2 %

76.941 60.219
BG
PT
ES
+ 5,2 % - 14,3 %
4.707
+ 2,5 %
Fehlende Einzelangaben mit zeitlich nächstliegenden ergänzt.
Bei zu großen statistischen Lücken keine Länderangaben möglich. GR
MT
AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien
CY

Wo viel Landwirtschaft betrieben wird, sind die


In der gegenwärtigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) Pestizidverkäufe hoch. Meist sind es
führt keine Maßnahme und kein Programm dazu, den Ein- Pflanzenschutzmittel gegen Pilze und Beikräuter
satz von Pestiziden deutlich zu verringern. Ausnahme: Be-
triebe mit über 15 Hektar Ackerfläche müssen seit 2015
fünf Prozent ihrer Fläche als „ökologische Vorrangflächen“ gen, die frei von Pestiziden und Düngern bleiben müssen –
behandeln. Die meisten melden Felder für den Anbau stick- etwa alle 50 Meter ein fünf Meter breiter Abschnitt. Um die
stoffbindender Pflanzen oder von Zwischenfrüchten sowie Biodiversität auf großen Ackerflächen zu „renaturieren“,
brachliegende Flächen. Mühsamer Erfolg für den Umwelt- wäre ein pestizidfreier Getreideanbau wünschenswert.
schutz: Der Einsatz von Pestiziden auf solchen Flächen ist Selbst wenn dies für nur 50 Prozent gälte, wäre es ein Fort-
seit Januar 2018 verboten. schritt.
Insgesamt wird der Pestizideinsatz nur sinken, wenn
die Betriebe ihre Anbausysteme umstellen. Die EU-Agrar-
politik könnte daher erfolgreicher sein, wenn ihre För-
FAST KONSTANT
derung an strenge Maßnahmen geknüpft würde, sei es,
Verkaufte Pestizidmengen in der EU, Tonnen Wirkstoff, geschätzt
dass Betriebe vollkommen oder nur zum Teil auf Pestizide
verzichten. Doch um sinnvolle Anreize zu entwickeln, 400.000
müssten zuerst klare Ziele definiert werden. Sollen weni-
350.000
ger Herbizide ins Wasser gelangen, stünde der Maisanbau
300.000
im Fokus. Soll statt des chemischen der biologische Pflan-
zenschutz ausgebaut werden, müssten Nützlinge gestärkt 250.000

werden. 200.000
Eine Bedingung für die Förderung könnte sein, in Mo-
150.000
nokulturen ab einer bestimmten Größe Streifen festzule-
AGRAR-ATLAS 2019 / EEA

100.000

50.000

Das Wetter sorgt für kurzfristige Schwankungen bei der 0


Pestizidnachfrage. In der Landwirtschaft ist jedoch 2011 2012 2013 2014 2015 2016

die Behandlung der Monokulturen das Dauerproblem

AGRAR-ATLAS 2019 31
TIERHALTUNG IN DER EU

GELDER FÜR DEN UMBAU


Die EU zahlt hohe Summen als pauschale und Landwirtschaftsministerium zugeordnet ist: Eine deut-
Flächenprämien. Dieses Geld fehlt für liche Erhöhung des Tierwohls in Deutschland kostet drei bis
den teuren, aber dringend benötigten fünf Milliarden Euro jährlich und damit etwa 13 bis 23 Pro-
zent der heutigen Produktionskosten.
Umbau der Tierhaltung. Dessen Förderung
Doch weder die EU noch die Regierung eines Mitglieds-
könnte aus der Einsparung der landes hat bisher eine politische und wirtschaftliche Stra-
Pro-Hektar–Zahlungen finanziert werden. tegie vorgelegt, die die Dimension dieser Herausforderung
anerkennt. Wegen der starken regionalen Unterschiede

D
ie Nutztierhaltung hat mit etwa 40 Prozent einen er- sind Schritte und Pläne auf nationalstaatlicher Ebene er-
heblichen Anteil am landwirtschaftlichen Produk- forderlich. Für sie sollte die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)
tionswert der EU. Dabei ist dieser Anteil zwischen den einen angemessenen Rahmen bieten.
Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich und liegt zwischen Tatsächlich aber ist die GAP mit ihren pauschalen Direkt-
21 Prozent in Rumänien und 75 Prozent in Irland. Ebenfalls zahlungen vor allem auf die Flächen ausgerichtet und kaum
sind der Viehbesatz pro Flächeneinheit und die damit ver- an den Leistungen der Landwirtschaft orientiert. Zwar gäbe
bundenen Probleme sehr unterschiedlich. Starke regionale es schon heute im Rahmen der zweiten Säule der GAP die
Konzentrationen gibt es in den Niederlanden, dem Nord- Möglichkeit, jährliche Prämien für besonders tiergerechte
westen Deutschlands und Frankreichs sowie dem Norden Haltungen zu gewähren. Das ist beispielsweise für Weide-
Italiens. Neben den daraus folgenden Problemen für die haltung, für mehr Bewegungsraum oder für die Bereitstel-
Umwelt gibt es erhebliche Defizite im Tierwohl. Zwar wur- lung von Beschäftigungsmaterialien denkbar. Doch diese
den sie bisher in der EU noch nicht systematisch erfasst. Aber Option wird kaum genutzt.
Einzelstudien belegen beispielsweise, dass Mastschweine In der gesamten EU werden von 2014 bis 2020 aus der
häufig an Gelenkerkrankungen leiden, Rinder lahmen und zweiten Säule nur etwa 1,5 Prozent der Mittel für Tierwohl-
sich die Fußballen bei Mastgeflügel verändern. prämien ausgegeben. Auch in Deutschland liegt ihr Anteil
Umfragen zeigen, dass 82 Prozent der EU-Bürgerinnen bei unter zwei Prozent. Die EU zahlt jährlich etwa 205 Millio-
und -Bürger der Auffassung sind, dass mehr für den Tier- nen Euro aus, in Deutschland sind es etwa 35 Millionen. Zum
schutz in der Nutztierhaltung getan werden sollte. Diese
Auffassung ist in der gesamten EU weit verbreitet, von 58
Prozent in Luxemburg bis hin zu 94 Prozent in Portugal. Die Auch in den EU-Ländern mit bedeutender
Kosten für Deutschland hat der Wissenschaftliche Beirat Fleischproduktion verlangt eine Mehrheit der
für Agrarpolitik geschätzt, der dem deutschen Ernährungs- Bevölkerung, das Tierwohl zu beachten

AGRAR-ATLAS 2019 / EUROBAROMETER, EUROSTAT


TIERWOHL UND TIERZAHL
Antwort „sehr wichtig“ auf eine Eurobarometer-Umfrage zur Bedeutung des Tierwohls, in Prozent der Befragten,
und Bestand der Tiere (Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen) in den EU-Ländern, Meldungen zwischen 2015 und 2017, in Millionen
„sehr wichtig“
100
Zypern Malta
90
Schweden
Irland Großbritannien
80 Finnland
Luxemburg Griechenland
70
Frankreich Deutschland
Slowenien Dänemark
60
Österreich
Belgien Rumänien EU
50 Tschechien
Italien Spanien
Portugal
40 Litauen Niederlande
6 EU-weite Antworten
Bulgarien
30
Polen „sehr wichtig“
Kroatien Ungarn 37 EU „wichtig“
20
Slowakei 57 „nicht wichtig“,
„sehr unwichtig“, keine Angaben
10 Lettland
Estland
0
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60
Millionen Tiere

32 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT
EIN LEBEN FÜR DIE PRODUKTION
875
Nutztierbestände in der EU und ihre Verteilung auf die Mitgliedsländer,
Auswahl, 2017, in 1.000 1.449 1.382 1.108
FI

9.787 SE 606

Rinder 1.558 EE
Schweine 12.832
23.310
Schafe 6.674
Ziegen 546 LV
3.875 DK
1.616 4.030
1.015 612
IE 677
4.713
12.296 LT
UK
27.578 6.036
6.108 NL
11.908
2.386 PL 1.411.155 Hühner
BE 12.281 gesamte EU
LU 1.366
1.532
13.097 CZ 614
1.580 DE
AT SK
1.943 1.146
6.877 18.580 2.011
HU
2.820 2.870
IT SI 870 9.982
FR 1.213
6.350 HR RO 4.406
1.670 1.121
1.503
2.165 29.971
7.215 637 BG 1.317
2.225 6.466 553
8.571
593
PT 3.061 15.963 992
ES
8.593
744

556 3.768
GR
Bestände über 500.000 Tiere. Bestandsangaben zum Jahresende; die Zahl der jährlichen MT
Schlachtungen liegt bei Tierarten mit kurzen Aufwuchszeiten um ein Mehrfaches höher.
CY
AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

Eine deutlich verbesserte Haltung der


Vergleich: Die pauschalen Flächensubventionen liegen in Milliarden Nutztiere in der EU würde die Erzeugerpreise
der EU bei etwa 40 Milliarden Euro, in Deutschland bei fünf um ein Zehntel bis ein Fünftel verteuern
Milliarden.
Der Vergleich zeigt, wie wenig sich das Agrarbudget
an den Leistungen und Herausforderungen der Landwirt- Abkehr von pauschalen Flächensubventionen erkennen.
schaft orientiert. Dabei steht gerade die Nutztierhaltung Falls es bei den vorgeschlagenen Direktzahlungen bleibt,
vor großen Herausforderungen. Die Anforderungen in den sind dennoch einige konkrete Schritte zugunsten der Tie-
Bereichen Grundwasser- und Oberflächengewässerschutz, re möglich. Erstens sollte, damit überhaupt mehr Geld für
Klimaschutz, Biodiversitätsschutz und Tierschutz steigen. die Entlohnung von Leistungen zur Verfügung steht, ein
Diese Anforderungen können nicht nur durch zusätz- Höchstanteil für den Sockel der EU-Zahlungen, die soge-
liche Auflagen und Kontrollen, also ordnungsrechtlich nannte Einkommensgrundstützung, festgelegt werden.
durchgesetzt werden. Denn dies würde zu einer deutlichen Zweitens müssten die „Regelungen für Klima und Umwelt“
Erhöhung der Produktionskosten führen und aufgrund des einen Mindestanteil an den EU-Zahlungen zugesprochen
internationalen Wettbewerbs zu mehr Importen von güns- bekommen, und der Tierschutz sollte dort ausdrücklich auf-
tigen Produkten, für die in ihren Herkunftsländern keine genommen werden. Drittens sollte die Möglichkeit, einen
strengen Auflagen gelten. So besteht die Gefahr, dass die Teil der Direktzahlung an die Produktion zu koppeln, ab-
Umwelt- und Tierschutzziele verfehlt werden. Hingegen hängig von Gemeinwohlleistungen sein, etwa der Weide-
könnte das Budget der GAP genutzt werden, um einen Teil haltung, die dem Tierwohl dient. Und über allem steht auch
der Kosten aufzufangen, die entstehen, wenn Betriebe die hier: Bei einer etwaigen Kürzung des Agrarhaushalts sollten
an eine verbesserte Tierhaltung gestellten Anforderungen nicht, wie gegenwärtig von der Kommission vorgeschlagen,
erfüllen. vor allem die Mittel im Bereich der zweiten Säule mit ihren
Leider lassen die gegenwärtigen Reformvorschläge der Programmen zusammengestrichen werden, sondern die
EU-Kommission für die GAP nach 2020 keine grundsätzliche Direktzahlungen.

AGRAR-ATLAS 2019 33
TIERHALTUNG IN DEUTSCHLAND

WUNSCH UND WIRKLICHKEIT


Die artgerechte Haltung von Nutztieren zunehmen. Doch mit einem Tierschutzgesetz, das nur als
ist zu einer populären Forderung an ungenügend bezeichnet werden kann, mit Kontrollen,
die Landwirtschaft und die Agrarpolitik die viel zu selten stattfinden, und mit Strafen, die nur ge-
ring ausfallen, scheint dieses Ziel mehr als ambitioniert.
geworden – auch in Deutschland.
Und EU-Gelder für den Tierschutz? Bei der Gemeinsamen
Doch Bund und Länder bleiben hinter Agrarpolitik (GAP) stammen sie aus der zweiten Säule, die
ihren Möglichkeiten zurück. beispielsweise Programme für das Tierwohl beim Bau der
Ställe vorsieht. Doch die zweite Säule ist im Vergleich zur

N
irgendwo in Europa wird mehr Milch und Schweine- ersten Säule – die mit ihren Direktzahlungen an die Ag-
fleisch produziert als in Deutschland. Die Nutztier- rarbetriebe eher die konventionellen Formen der Tierhal-
haltung ist auf Exportsteigerung und Wettbewerb tung fördert – stark unterfinanziert, und ihre Mittel sollen
ausgerichtet. Das führt zunehmend dazu, dass ein Großteil weiter zurückgefahren werden. Zudem nutzt Deutschland
der deutschen Landwirtinnen und Landwirte dem Preis- als einziges EU-Land nicht die Möglichkeit, Direktzahlun-
druck des Weltmarkts nur dann standhalten kann, wenn gen an die Produktion zu koppeln. Damit aber könnte die
sie unter Bedingungen produzieren, die dem Tierschutz wünschenswerte Weidetierprämie für Schafe und Ziegen
zuwider laufen. Oft fehlt es an Platz und Auslauf, die Tiere finanziert werden.
können sich kaum bewegen oder beschäftigen. Amputatio- Innerhalb der zweiten Säule sind die Agrarinvestitions-
nen an Tieren sind weit verbreitet, etwa das Kupieren der förderprogramme (AFP) das wichtigste Förderinstrument;
Ringelschwänze bei Schweinen oder das Kürzen von Schnä- in Deutschland gibt es davon derzeit 13 verschiedene. Sie
beln bei Puten. haben in den Bundesländern je nach Geografie eigene
Seit einigen Jahren aber steigen die Ansprüche der Ver- Schwerpunkte und unterschiedliche Fördersätze, um den
braucherinnen und Verbraucher. So fragen sie beim Kauf Bedürfnissen der jeweiligen Region gerecht zu werden.
zunehmend nach artgerechter Tierhaltung, denken an Sie müssen zwingend zur nachhaltigen und tiergerechten
den Schutz der Umwelt und des Klimas und diskutieren Landwirtschaft beitragen und höhere Standards erfüllen,
ethische Aspekte. 90 Prozent sagen, sie würden mehr für als es das europäische Recht vorsieht. Seit 2002 dürfen
Lebensmittel ausgeben, wenn dafür die Tiere besser ge- daher tierschädliche Haltungsverfahren wie die Käfighal-
halten würden. Für 39 Prozent ist ein höherer Standard
in der Haltung der Nutztiere das wichtigste Ziel der Land-
wirtschaft. Um ihre Preise niedrig zu halten, setzt die
Die Bundesregierung hat sich laut Koalitionsvertrag Fleischindustrie den Fortbestand auch offensichtlicher
das Ziel gesetzt, eine „Spitzenposition“ im Tierschutz ein- Mängel bei Haltung und Transport durch

AGRAR-ATLAS 2019 / BUND


ERLAUBTE QUÄLEREI
Missstände in der Schweinehaltung, die auf nationaler und EU-Ebene diskutiert, aber nicht abgestellt werden

0,75 qm
Transport bis zu Ein 110 Kilogramm
acht Stunden, schweres Masttier hat nur
Verlängerungen möglich; 0,75 Quadratmeter Platz.
mangelnde Kontrollen von Eine artgerechte Haltung von
Tiertransporten innerhalb Schweinen ist mit den erlaubten
und außerhalb der EU. Maßen nicht möglich.

2018 beschlossen:
Die Kastration von
Kastenstandhaltung Ferkeln ohne
von Sauen: Weiterhin Betäubung bleibt bis
sind neun Wochen pro Ende 2020 erlaubt.
Ferkel-Wurf erlaubt. 2018 wurden über 90 Prozent
Damit sind die Sauen der Ferkel die Schwänze
fast die Hälfte des gekürzt. Eigentlich seit 1994
Jahres auf diese Weise EU-weit verboten, aber immer
eingesperrt. noch gängige Praxis.

34 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / BMEL
MEIST IM STALL, SELTEN DRAUSSEN: UNSICHTBARE TIERHALTUNG IN DEUTSCHLAND
Zentren der Nutztierhaltung, 2014 (Rinder, Schweine), 2016 (Hühner)

Rinder Schweine Hühner

Ab 1 Rind oder 2 Schweinen pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche, ab 1 Million Hühner je Landkreis. Die tatsächliche Tierdichte kann sehr viel höher sein.

In den Zentren der Massentierhaltung


tung von Hühnern oder die Anbindehaltung von Milchrin- lässt eine tiergerechte
dern nicht mehr durch ein AFP gefördert werden. Agrarpolitik auf sich warten
Die AFP unterscheiden zwischen der Basis- und Premi-
umförderung. In acht Bundesländern wurden 2017 beide
angeboten, in den anderen nur eine Premiumförderung. zur Einführung von Tierschutzprogrammen zu verpflich-
Um die Basisförderung für den Bau der Ställe zu bekom- ten, um die Landwirtinnen und Landwirte zu belohnen,
men, müssen beispielsweise Landwirtinnen und Landwirte deren Tierhaltung über die gesetzlichen Standards hinaus-
in Hessen für Milchkühe mindestens 5,5 Quadratmeter und gehen.
eine Liegebox pro Tier sowie Komfortmatten nachweisen. Auf nationaler Ebene sind langfristige und leichter zu-
Die Premiumförderung setzt einen Auslauf für Milchkühe gängliche Förderungen für Landwirtinnen und Landwirte
voraus. Niedersachsen und Schleswig-Holstein bieten wei- unabdingbar. Sie tragen zur Planungssicherheit bei und
tere 40 Prozent Zuschuss für die Tierhalterinnen und Tier- steigern so die Bereitschaft, in tiergerechte Haltung zu
halter, die über diese Bedingungen hinaus Beschäftigung investieren. Dafür sind zusätzliche Gelder vom Bund not-
und Weidegang nachweisen. Bayern fördert zusätzlich Be- wendig. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schät-
triebe, die von Anbindehaltung auf Laufstall umstellen. zen, dass für den Umbau der Tierhaltung hin zu mehr Tier-
Die Fördertöpfe für den tiergerechten Bau von Ställen schutz in Deutschland jährlich drei bis fünf Milliarden Euro
sind je nach Bundesland unterschiedlich gefüllt. In Sach- aufgebracht werden müssen.
sen können bis zu drei Millionen Euro Fördergelder für
Tierschutz pro Betrieb beantragt werden, in Bayern nur
0,75 Millionen Euro. In Bayern wurde zudem der AFP-För-
WAS DIE KUNDSCHAFT FORDERT
dersatz 2017 gesenkt und die Basisförderung, die es bis da-
Umfrageergebnisse aus dem Ernährungsreport 2018 des
hin gab, komplett gestrichen. Auch als Folge unattraktiver Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
Förderprämien für Schweinehalter sank die Zahl der durch
die AFP geförderten Ställe bundesweit zwischen 2015 und Ziele der landwirtschaftlichen Produktion sollen sein:
2017 um 35 Prozent. 39 %
Der Vorschlag der EU-Kommission für die Gemeinsa- bessere Standards der Tierhaltung
me Agrarpolitik von 2021 bis 2027 verankert erstmals den 35 %
Tierschutz in den neun spezifischen Zielen. Die Mitglieds- schonender Umgang mit Ressourcen
staaten, die verpflichtet sind, für diese Ziele nationale Stra- 15 %
tegiepläne zu erarbeiten, müssten jetzt auch messbare In- mehr Transparenz bei der Tierhaltung
dikatoren für ambitionierte Maßnahmen zum Tierschutz 8%
vorweisen. Sanktionen könnten dazu beitragen, dass die geringere Emissionen
Länder konsequenter als bisher darauf achten, diese Pläne
auch einzuhalten. Fördergelder sollten nur möglich sein, Von einem landwirtschaftlichen Betrieb wird erwartet:
wenn die EU-Rechtsvorschriften zum Tierschutz eingehal- 66 %
ten werden. Ebenso denkbar wäre es, alle Mitgliedsstaaten Tierwohl
AGRAR-ATLAS 2019 / BMEL

62 %
Produktqualität
Das Tierwohl-Bewusstsein der 59 %
Verbraucherinnen und Verbraucher ist faire Bezahlung der Beschäftigten
deutlich höher als das der Politik

AGRAR-ATLAS 2019 35
DÜNGER

WENN ÄCKER WASSER SCHÜTZEN


Zu viel Nitrat im Wasser führt zu ökologischen, halb von zehn Jahren der Stickstoffverbrauch verdoppelt. In
ökonomischen und gesundheitlichen Deutschland gehen die hohen Werte meist auf die Tierhal-
Schäden. Gewässerschutz und Agrarpolitik tung zurück. Grund ist der Nährstoffüberschuss, der beim
Import von Futtermitteln entsteht. In der ganzen EU werden
können dies bisher nicht verhindern, weil
die meisten Tiere mit Soja gemästet. Allein 2017 führten die
sie nicht richtig miteinander verzahnt sind. Futtermittelkonzerne knapp 33 Millionen Tonnen Sojaboh-
Und es mangelt an Kontrollen. nen und -schrot in die Europäische Union ein.
Der Stickstoff, der von den Pflanzen nicht genutzt wird,

D
ie Nitratrichtlinie von 1991 zielt darauf ab, Grund- kann ins Wasser gelangen und dazu führen, dass Bäche und
und Oberflächengewässer in der EU vor Stick- Seen überdüngt werden. Als Nitrat belastet er das Grund-
stoff-Verunreinigungen aus der Landwirtschaft zu wasser. Die Überdüngung der küstennahen Gewässer ge-
schützen. Die Richtlinie hatte anfangs eine gute Bilanz. hört zu den großen Herausforderungen im Meeresschutz.
Von 2004 bis 2007 blieben die Nitratkonzentrationen in Betroffen sind fast die gesamte Ostsee sowie das Watten-
70 Prozent der Messstationen für Oberflächengewässer meer der Nordsee. Aber auch das natürlicherweise nähr-
stabil oder verringerten sich. Die Qualität des Grundwas- stoffarme Mittelmeer wird an vielen Stellen durch Nähr-
sers blieb in zwei Dritteln der Messstationen auf demsel- stoffeinträge belastet. Stark betroffen sind insbesondere die
ben Niveau oder verbesserte sich sogar. Doch trotz dieser Küstengebiete im nördlichen Mittelmeer.
guten Anfangsbilanz ist in vielen Regionen Europas das Die aus Düngemitteln stammenden Nährstoffe werden
Grundwasser stark mit Nitrat belastet. Zwischen 2012 über die Flüsse eingespült. Auch Futterreste und Kot aus
und 2015 überschritten 13,2 Prozent der Messstationen marinen Aquakulturen tragen zur Überlastung mit Nähr-
den Trinkwasser-Grenzwert von 50 Milligramm pro Li- stoffen bei. Im überdüngten Meer wachsen dann mehr Al-
ter. In den großen EU-Ländern Deutschland und Spanien, gen, was zu Algenblüten und Sauerstoffmangel führt. Der
aber auch im kleinen Inselstaat Malta sind die Nitratwerte Lebensraum Meer verändert sich. Viele Arten können unter
besonders hoch. Ist der Grenzwert überschritten, kommt es diesen Bedingungen nicht mehr existieren, während weni-
zu ökologischen, ökonomischen und gesundheitlichen ge, unempfindlichere Arten nun dazu neigen, sich stark zu
Schäden. vermehren.
Die Gründe für die hohen Werte sind vielfältig. In der Um die Überdüngung einzudämmen, steht in der EU
intensiven Tierhaltung beispielsweise wird zu viel Vieh ge- eine Reihe Instrumente bereit, die jedoch nicht ausrei-
halten, sodass die entstehende Gülle nicht von den Pflanzen chend eingesetzt werden. Mit der finanziell gut ausgestat-
oder vom Boden aufgenommen werden kann. Auch der
intensive Ackerbau trägt zum Problem bei. Einige Pflan-
zen werden kurz vor der Ernte noch gedüngt, obwohl sie Es wird weniger Phosphat gedüngt.
den Stickstoff nicht mehr vollständig verwerten können. In Doch beim Stickstoff steigt der Verbrauch, die
Bulgarien, das erst seit 2007 zur EU gehört, hat sich inner- einen streuen mehr, als die anderen sparen

NÄHRSTOFFE VON DER INDUSTRIE


Verbrauch mineralischer Dünger in der Landwirtschaft, Veränderungen von 2006 zu 2016
in Prozent und nach Menge, EU und jeweilige Top 3 der Mitgliedsländer

größte Senkung und größte Steigerung, in Prozent größte Senkung und größte Steigerung, in Tonnen

Kroatien - 41,6 Bulgarien + 139,5 Italien - 267.400 + 213.100 Bulgarien

Italien - 34,1 + 83,3 Lettland Deutschland - 74.400 + 97.600 Tschechien

Zypern - 33,3 + 60,9 Estland Kroatien - 51.500 + 92.100 Rumänien


+ 3,4 EU Stickstoff EU + 366.200

Niederlande - 81,1 Bulgarien + 226,6 Italien - 90.900 + 25.000 Bulgarien


AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT

Kroatien - 77,5 + 75,8 Lettland Frankreich - 66.800 + 14.100 Rumänien

Belgien - 64,2 + 38,8 Slowakei Polen - 50.800 + 7.200 Ungarn

EU - 17,2 Phosphat EU - 239.800

36 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EC
NOCH IMMER ZU VIEL STICKSTOFF
FI
Nitratkonzentration im Grundwasser EE
in Milligramm pro Liter, Anteile in Prozent SE
der Wasserqualitäts-Messstellen in der EU,
Monitoring-Periode 2011 bis 2015 DK
LV
IE
UK
mg/l NL
bis 25 LT
über 25 bis 40 PL
über 40 bis 50 DE
BE
über 50
CZ
SK

LU AT
FR HU
EU-28 RO

PT HR

SI BG
ES
IT

EU-Trinkwassergrenzwert: 50 mg/l GR

AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien,
FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn, IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT CY
MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

Vor allem tierische Gülle gefährdet das


teten und damit potenziell wirkungsvollen EU-Agrarpoli- Grundwasser. Bei großen Beständen ist ein
tik werden sie leider gar nicht verzahnt. Das betrifft zum gutes Düngermanagement zwingend
Beispiel die Wasser- und die Meeresstrategie-Rahmen-
richtlinie.
Während einige EU-Mitgliedsstaaten wenig tun, um das sein, dass nur so viele Tiere gehalten werden dürfen, wie die
Nitratproblem in den Griff zu bekommen, gehen andere eigenen Flächen ernähren und auch deren Dünger kom-
beispielhaft voran. In Dänemark half eine schärfere Gesetz- plett nutzen können. Insbesondere muss diese Tierhaltung
gebung mit detaillierten Vorgaben zum Einsatz von Dünger darauf basieren, Wiesen und Weiden zu nutzen, und nicht
und der Pflicht zur Dokumentation. In Belgien, Dänemark darauf, Getreide zu verfüttern. Extensive Weidetierhaltung
und den Niederlanden schreibt das Gesetz eine umwelt- – gerade von Rindern – gehört genauso dazu wie der Ausbau
freundlichere Ausbringungstechnik vor. In den Niederlan- der Schaf- und Ziegenhaltung. Wenn sich ein Betrieb nicht
den darf in bestimmten Regionen nur eine vorher festgeleg- an die EU-Vorgaben zum Erhalt der Böden, der Gewässer
te Menge Dünger pro Hektar eingesetzt werden. Aus diesem und der Reinhaltung der Luft hält, sollten ihm die Zahlun-
Grund reduzieren die Agrarbetriebe ihren Tierbestand. gen deutlich wirkungsvoller als bisher gekürzt werden. Um
Solche nationalen Regelungen können jedoch nur wir- diese Verstöße überhaupt feststellen zu können, brauchen
ken, wenn der Gewässerschutz mit der europäischen Agrar- die Kontrollbehörden mehr Personal und Geld.
politik koordiniert wird. Darüber hinaus sind mehr Kont-
rollen nötig. Nach EU-Recht müssen nur ein Prozent der die
Subventionen empfangenden Betriebe vor Ort kontrolliert
BEHARRLICHE PROBLEME
werden. Stellt die Behörde einen Verstoß fest, werden die
Nitratkonzentration im Grundwasser nach den Wasserqualitäts-
Fördermittel, die dem Empfänger oder der Empfängerin Messstellen der EU, in Milligramm pro Liter und Prozent der Stationen
zustehen, lediglich um bis zu fünf Prozent gekürzt. Das ist
wenig abschreckend. Ohnehin sind die EU-Mittel nicht da- 67,5 % 68,7 %
ran gebunden, ob umweltfreundlicher gewirtschaftet und mg/l
bis 25
Stickstoffeinträge vermieden werden.
über 25 bis 40
Die zukünftige GAP muss eine umweltfreundliche und über 40 bis 50
artgerechtere Tierhaltung fördern. Werden gleichzeitig über 50
die Tierbestände reduziert, kann dies den Gewässerschutz EU-Grenzwert: 50 mg/l

deutlich verbessern. Ein Kriterium für die Förderung muss


AGRAR-ATLAS 2019 / EC

12,6 % 14,1 % 12,4 % 13,2 %


5,8 % 5,7 %
Nur langsam wird das Grundwasser
sauberer. Den Rückgang der Schadstoffeinträge 2008 bis 2011 2012 bis 2015

findet auch die EU-Kommission zu langsam

AGRAR-ATLAS 2019 37
ÖKOLANDWIRTSCHAFT IN DER EU

ORGANISCH UND DYNAMISCH


Das anhaltende Wachstum der biologischen 2016 im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich zu: in
Landwirtschaft geht auf die Nachfrage der Italien um 303.000 Hektar, in Frankreich um 216.000 und in
Kundinnen und Kunden zurück. Staatliche Deutschland um 162.000 Hektar.
Die positive Entwicklung der biologischen Landwirt-
Fördermaßnahmen helfen dabei. Aber
schaft in der EU ist auf die starke Nachfrage durch die Kon-
die EU honoriert die Umweltleistungen sumentinnen und Konsumenten und auf staatliche Förder-
dieser Wirtschaftsmethode noch zu wenig. maßnahmen zurückzuführen. Im Zeitraum von 2000 bis
2016 hat sich der Pro-Kopf-Konsum an Biolebensmitteln in

I
m Unterschied zur konventionellen Landwirtschaft der EU beinahe vervierfacht und lag dann bei 60,50 Euro.
verwendet die biologische Landwirtschaft keine che- Der Markt für biologische Lebensmittel ist in diesem Zeit-
misch-synthetischen Pestizide, keine leicht löslichen Mi- raum im EU-Durchschnitt um 5 bis 19 Prozent pro Jahr ge-
neraldünger und keine gentechnisch veränderten Organis- wachsen. In Deutschland, dem zweitgrößten Biomarkt
men. In der Tierhaltung gelten strenge Vorschriften zum weltweit, wurden 2017 bereits zehn Milliarden Euro mit Bio-
Auslauf und zum Einsatz von Futtermitteln. Der landwirt- produkten umgesetzt. Das entspricht einem bundesweiten
schaftliche Betrieb wird als Ökosystem betrachtet, in dem Marktanteil von über fünf Prozent. Den höchsten Marktan-
die selbstregulierenden Kräfte aufeinander abgestimmt teil weltweit hat Dänemark mit über zehn Prozent.
sein müssen. Innerhalb der EU werden biologische Produkte Biobetriebe werden durch die Gemeinsame Agrarpoli-
nach den unionsweiten Rechtsvorschriften produziert. Auf tik (GAP) der EU und von den Mitgliedsländern mit Prämien
nationaler Ebene setzen Ökolandbau-Verbände zusätzliche gezielt gefördert. Durch ihre Art der Bewirtschaftung erfül-
Standards, die im Vergleich zur EU-Gesetzgebung oft noch len sie automatisch die Umweltauflagen für die EU-Direkt-
strenger sind. zahlungen der ersten Säule. 6,4 Prozent ihres Haushalts für
Weil sie die begrenzten Ressourcen schont und die Um- Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen zahlt die EU an den
welt weniger belastet, leistet die biologische Landwirtschaft Biolandbau aus, wobei die Anteile zwischen 0,2 Prozent in
Bedeutendes für Natur und Gesellschaft. In Europa liegt der Malta und 13,2 Prozent in Dänemark variieren. Die Nieder-
Anteil an biologisch bewirtschafteter Fläche, gemessen an lande sind das einzige Land, das aus diesem Budget gar kei-
der landwirtschaftlichen Fläche insgesamt, bei 2,7 Prozent ne flächenbezogenen Beiträge für Biobetriebe vergibt. Sie
und in der EU bei 6,7 Prozent. Die höchsten Anteile inner-
halb der EU weisen Österreich, Estland und Schweden auf.
Die Länder mit den absolut größten biologisch bewirtschaf- Innerhalb von zehn Jahren haben sich die
teten Flächen sind Spanien, Italien und Frankreich. In eini- Ausgaben ernährungs- und umweltbewusster
gen Ländern nahm die biologisch bewirtschaftete Fläche Kundinnen und Kunden verdoppelt

KONSUM REIZT PRODUKTION


Ausgaben für ökologische Nahrungsmittel in der EU, in Euro pro Kopf Vorreiter, 2016 76 € Norwegen

65 EU
60,50 €
60
Nicht-EU
197 €
55 54,20 € 227 € Schweden
50
Dänemark

45 42,70 €
40 188 € 69 €

35 31,90 € Niederlande
Luxemburg
30
116 €
25 Deutschland
20
177 €
20,70 €
AGRAR-ATLAS 2019 / FIBL, IFOAM

15
101 € Schweiz
Österreich
10 13,40 €

5
Frankreich
274 €
0
2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016

38 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT
VORREITER, HAUPTFELD, NACHLÄUFER
Größe und Bedeutung der Ökolandbau- und Umstellungsflächen, Schweden
nach EU-Mitgliedsländern, 2016 Finnland
Großbritannien
553 238
in Prozent der gesamten Landbaufläche
bis 5 Irland 490 201 Dänemark
über 5 bis 10 77 Litauen Estland
über 10 bis 15 Polen
Niederlande 52
über 15 bis 20 222 259 181
über 20 Belgien78 537
Spanien 5 1.136 Lettland
Luxemburg Slowakei
245 Deutschland
187 Tschechien
489
1.537
Portugal

2.019 571 Ungarn


186 226 Rumänien
Österreich
Frankreich 44
Slowenien 161 Bulgarien
in 1.000 Hektar 94
Italien
1.000 Kroatien

250
500
1.796 Griechenland
343
6
Zypern

Malta 24

So unterschiedliche Länder wie


konzentrieren sich stattdessen auf Politikmaßnahmen, die Österreich, Tschechien und Italien gehören
die Wettbewerbsfähigkeit des Biosektors stärken. zu den Öko-Vorreitern Europas
Innerhalb der Bio-Förderprämien der EU wird zwischen
Prämien für die Umstellung auf die biologische Landwirt-
schaft und Prämien für die Beibehaltung der biologischen bau fördern. So plant Frankreich, künftig nur noch Prämien
Bewirtschaftung unterschieden. Außerdem gibt es Prämien für die Umstellung und nicht mehr für die Beibehaltung des
für Landnutzungsarten, Besatzdichten von Tieren und Kul- Biolandbaus zu gewähren. Außerdem hängt die Höhe der
turpflanzen. So fördert Dänemark einen reduzierten Stick- Förderbeiträge auch vom Ausmaß ab, in welchem die neue
stoffeinsatz bis maximal 60 Kilogramm pro Hektar, und GAP-Periode besondere Umweltleistungen der Biobetriebe
Ungarn gewährt höhere Prämien für beweidetes Grünland honorieren wird.
als für Wiesen, die gemäht werden. Die Beibehaltungsbe-
träge, die die EU pro Hektar für anhaltende Ökobewirtschaf-
tung zahlt, variierten 2015 für Grasland zwischen 43 Euro in

AGRAR-ATLAS 2019 / FIBL, IFOAM


GROSSER GEGNER BILLIGFLEISCH
Schweden und 545 Euro in Estland, für Ackerland zwischen
In der EU nach Ökokriterien gehaltene Tiere,
90 Euro in Großbritannien und 600 Euro in Slowenien und Bestand nach Tierarten, Stückzahlen und Anteil
für Gemüseanbauflächen zwischen 184 Euro in Dänemark am gesamten EU-Tierbestand, 2016
und 900 Euro in Belgien und Zypern.
Obwohl der Biolandbau über die vergangenen drei Jahr-
zehnte stark an Bedeutung gewonnen hat, kann die steigen-
de Nachfrage nach biologischen Lebensmitteln nicht aus Rinder: 3.642.000
der europäischen Produktion gestillt werden. Dafür muss
sich die GAP neu ausrichten, die Fördermittel für Agrar-
0,7%
umwelt- und Klimamaßnahmen gezielt hier einsetzen und
den Biolandbau über nationale Strategien fördern, die die 4,5 %
ganze Wertschöpfungskette miteinbeziehen. Im Juni 2018 3,1 %
Schweine: 963.000
schlug die Europäische Kommission vor, in der neuen Haus-
haltsperiode den Biolandbau weiter mit flächenbezogenen
Zahlungen zu unterstützen. Es bleibt den Mitgliedsstaaten
jedoch wie gehabt überlassen, ob und wie sie den Bioland- 4,5 %
Geflügel: 43.263.000

Ökologische Tierhaltung und Fleischherstellung Schafe: 4.365.000


haben in der EU weniger Marktanteil
als ökologische Pflanzenproduktion

AGRAR-ATLAS 2019 39
ÖKOLANDWIRTSCHAFT IN DEUTSCHLAND

BIO IM AUFSCHWUNG
Trotz Bioboom: Die Agrargelder der EU haben viele Gründe. In Gegenden mit intensiver Tierhaltung
hemmen den Umbau der deutschen ist es schwieriger, auf Bio umzustellen als in Mittelgebirgsla-
Landwirtschaft. Brüssel bezahlt pauschale gen mit einer ohnehin extensiveren Bewirtschaftung. Dort,
wo sich Politik kontinuierlich über viele Jahre klar und etwa
Flächenprämien direkt, die Ökoprämien
mit Aktionsplänen für Bio engagiert hat, wurde mehr er-
hingegen müssen von den Bundesländern reicht als anderswo.
bezuschusst werden. Wie gut die Chancen in der Uckermark, dem Bergischen
Land oder im Allgäu für Bio sind, hängt auch damit zusam-

Ü
ber 29.000 Biobauernhöfe gibt es in Deutschland. men, welche Weichen die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) in
Mit den Ökohöfen wächst die Ökofläche: Von bun- Brüssel stellt. Denn dort wird der Rahmen festgelegt, in dem
desweit 17 Millionen Hektar Agrarland wurden 2017 die Bundesländer dann mehr oder weniger die Ökolandwirt-
knapp 1,4 Millionen Hektar und damit über acht Prozent schaft fördern können. Derzeit aber macht vielen Ländern
ökologisch bewirtschaftet, doppelt so viel wie vor 15 Jahren. ein Fairnessproblem zu schaffen: Ökoprämien müssen vom
Und kaum jemand geht den Schritt zurück. Wenn Bäuerin- Bodensee bis an die Ostsee von den Ländern mitfinanziert
nen und Bauern auf Bio umstellen, bedeutet das fast immer werden, im Gegensatz zu den pauschalen Flächenprämien
eine Entscheidung fürs Leben, denn Investitionen in artge- der GAP, die Brüssel vollständig bezahlt.
rechte Ställe, mehr Land für hofeigene Futterproduktion und Auch wenn die Biofläche vielerorts wächst, kann sie das
mehr Vielfalt auf dem Acker rentieren sich nur langfristig. Kaufinteresse der Deutschen an Biolebensmitteln längst
Einige Betriebsarten sind leichter auf Bio umzustellen nicht zufriedenstellen. Denn die Nachfrage wuchs über
als andere. Deshalb werden von den deutschen Obstflächen viele Jahre stärker als das hiesige Angebot. So legten die hei-
fast 20 Prozent ökologisch bewirtschaftet, beim Grünland mischen Ökoflächen durchschnittlich um vier Prozent pro
für Weiden sind es fast 15 Prozent. Bioschweine, -ölsaaten, Jahr, der Umsatz mit Biolebensmitteln um knapp neun Pro-
-geflügelfleisch oder -getreide sind hingegen noch deutlich zent zu.
seltener.
Der Ökoflächenanteil variiert auch von Bundesland zu
Bundesland. Während Niedersachsen mit unter vier Pro- Wo der traditionelle Ackerbau dominiert, ist Öko
zent Ökoflächen die rote Laterne trägt, belegt das Saarland noch schwach. Wo mehr Weiden, Wiesen, Obst- und
mit über 15 Prozent Bio den Spitzenplatz. Die Unterschiede Gemüseanbau vorkommen, ist der Bioanteil höher

MEHR ODER WENIGER ZU WENIG


Größe und Bedeutung der Ökolandbau- und Umstellungsflächen,
nach Bundesländern, 2017/18
56
Mecklenburg-Vorpommern

139
Schleswig-Holstein

Niedersachsen
in Prozent der gesamten Landbaufläche

100
155
bis 5

82
über 5 bis 10
über 10 bis 15 Sachsen-Anhalt
über 15 bis 20 Nordrhein-Westfalen
73 Brandenburg

Rheinland-Pfalz

69 105 57
12 Hessen 40 Sachsen
Thüringen
Saarland
AGRAR-ATLAS 2019 / ÖKOLANDBAU.DE, BLE

166
in 1.000 Hektar

314
100

50
Baden-Württemberg
25
Bayern

40 AGRAR-ATLAS 2019
Frische Bioeier erreichen einen knapp
ZUKUNFT IM EINKAUFSKORB
zweistelligen Marktanteil. Die langjährige Aufklärung
Anteil ausgewählter Ökonahrungsmittel an den Einkaufsmengen
von Privathaushalten, frische Ware, 2017, in Prozent über die Hühnerhaltung beginnt zu wirken

zwei Cent schwankte, pendelte der Preis für konventionelle

8,0 % 12,4 %
Milch zwischen knapp 38 und unter 27 Cent.
Bund und Länder haben erkannt, dass sie ihre Verpflich-
tungen für Klima oder Nachhaltigkeit nur mit Bio errei-
Milch chen können. Die Politik hat daher die Ökolandwirtschaft
4,2 % Eier in zentralen Projekten wie dem Klimaschutzplan oder der
Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie verankert. Im Koali-
5,3 % Brot tionsvertrag der Bundesregierung steht, dass 20 Prozent der
2,6 % deutschen Agrarflächen bis 2030 ökologisch bewirtschaftet
Kartoffeln werden sollen.
Käse
Gelingen werden die Agrar- und die Ernährungswende

7,1 % 2,0 %
nur, wenn die für die GAP politisch Verantwortlichen einen
Paradigmenwechsel einleiten. Denn die GAP bestimmt mit
Fleisch Milliarden Euro Steuergeld, welche Landwirtschaft sich

AGRAR-ATLAS 2019 / AMI, GFK


Gemüse rechnet. Zurzeit erhalten die Landwirte und Landwirtin-
nen für den Schutz der Ressourcen keine Entlohnung. Im
6,0 % Gegenteil: Auch Agrarbetriebe, die zwar nach Recht und
1,3 %
Gesetz wirtschaften, aber aufgrund lascher Vorgaben das
Obst Wurst Grundwasser verunreinigen, dem Klima einheizen und das
Artensterben beschleunigen, erhalten pauschale Zahlun-
gen. Damit unterstützt die EU-Agrarpolitik auch Landwirt-
schaft, die auf Kosten der Umwelt arbeitet.
In den vergangenen drei Jahren haben sich allerdings Damit mehr Bauern und Bäuerinnen Bio wagen,
deutlich mehr Landwirtinnen und Landwirte für Bio ent- muss mit Steuergeldern Richtung Umwelt-, Klima- und
schieden. So ist auch die begehrte regional produzierte Tierschutz gesteuert werden. Brüssel bestimmt die Öko-
Bioware immer häufiger in den Läden zu finden. Die Kund- entwicklung also direkt mit. Nur wenn Kommission,
schaft leistet also bereits ihren Beitrag für den Umbau der Parlament und die nationalen Regierungen diejenigen
Landwirtschaft, indem sie einen fairen Preis für Ökoproduk- Akteurinnen und Akteure unterstützen, die aktiv die Res-
te zahlt. Für Biomilch würden die Verbraucherinnen und sourcen schützen, wird Bio eine faire Chance bekommen.
Vebraucher sogar einen Aufpreis von 56 Prozent akzeptie- Bio kann das sein, was es für viele Bäuerinnen und Bauern
ren, deutlich mehr als die tatsächliche Differenz zur konven- sowie ihre Kundinnen und Kunden längst ist: die Zukunft
tionellen Handelsware, ergab eine Umfrage. der Landwirtschaft.
Vom besseren Milchpreis profitieren Biolandwirte und
-landwirtinnen. So erlösten sie für einen Liter Biomilch im
Oktober 2018 etwa 47 Cent, ihre konventionellen Kollegen Mehr Betriebe haben in den vergangenen Jahren die
und Kolleginnen etwa 35 Cent. Der Biomilchpreis ist auch Umstellung auf Öko angepackt – auch wenn die Weichen
stabil: Während er zwischen 2014 und 2017 um weniger als der Agrarpolitik noch nicht auf Bio gestellt sind

DER LANGE AUFSCHWUNG


Zunahme der ökologisch bewirtschafteten Fläche und der landwirtschaftlichen Ökobetriebe, absolut in 1.000 Hektar
und 1.000 Betrieben sowie in Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche und aller Agrarbetriebe
11,0 %
8,2 %
1.400 350
7,5 %
1.200 300
6,1 %
1.000 5,1 % 250
Ökolandbaufläche 10,0 %
800 4,1 % 9,0 % 200
7,3 % 8,2 %
AGRAR-ATLAS 2019 / ÖKOLANDBAU.DE, BLE

3,2 %
600 5,0 % 150
2,1 % 4,1 %
400
3,3 % landwirtschaftliche Ökobetriebe 100
2,2 %
200 50
1,3 %
0 0
1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

Systematik 2010 geändert

AGRAR-ATLAS 2019 41
GESUNDHEIT

IN DER VERANTWORTUNG
Was hat die Landwirtschaft der EU mit die Umwelt und befördern gesundheitsschädliche Partikel
sicheren Nahrungsmitteln zu tun? in die Atemluft. Zumeist stammen die Emissionen aus Gülle
Was mit gesunder Ernährung? Was mit und Kunstdüngern. Obwohl die Ammoniakemissionen in
der EU zwischen 1990 und 2016 um 23 Prozent gesunken
sozialer Gerechtigkeit? Nicht alle solche
sind, stellen sie nach wie vor eine schwere Belastung dar.
Fragen lassen sich einfach beantworten. Auch der Zusammenhang von Landwirtschaft und si-
cheren Nahrungsmitteln wird heiß diskutiert. Normen und

D
en meisten Europäerinnen und Europäern ist Ge- Grenzwerte sollen Pestizidrückstände, Bakterien oder Pilze
sundheit sehr wichtig. In einer aktuellen Euro- in Lebensmitteln beschränken. Regelmäßige Tests der Euro-
barometer-Umfrage nannten sie körperliches Wohl- päischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zeigen zwar,
befinden und soziale Sicherheit als die zweitwichtigsten dass die Pestizidrückstände die Gesundheit der Verbrauche-
Themenfelder für die Politik – nur Arbeitslosigkeit erschien rinnen und Verbraucher nur in geringem Maße unmittelbar
ihnen noch wichtiger. In einer weiteren Umfrage erklärten gefährden. Doch zugleich nimmt die Besorgnis zu, dass sich
die Befragten, dass sichere, gesunde und qualitativ hoch- eine Dauerbelastung selbst bei geringen Mengen negativ
wertige Lebensmittel oberste Priorität in der Gemeinsamen auf den Hormonhaushalt auswirkt. Gesundheitliche Belan-
Agrarpolitik (GAP) der EU haben sollten. ge, auch in Hinblick auf Pestizide, gehören zu den wichtigs-
Landwirtschaft und Gesundheit stehen in einem engen ten Gründen, warum sich die Verbraucherinnen und Ver-
Zusammenhang. Der Agrarsektor produziert Lebensmittel braucher für den Kauf von Biolebensmitteln entscheiden.
und stillt damit ein Grundbedürfnis des Menschen, hat aber Viele Fachleute vermeiden noch, sich öffentlich über
auch viele negative Auswirkungen. Dazu gehört der über- den Zusammenhang von Landwirtschaft und gesunder Er-
mäßige Einsatz von Antibiotika. Jedes Jahr werden in der EU nährung zu äußern. Einige Erkrankungen lassen sich auf
mehr als 7.700 Tonnen dieser Wirkstoffe zur Behandlung den Verzehr von Lebensmitteln zurückführen. Nach Anga-
von Tieren eingesetzt, die am Ende auf unseren Tellern lan- ben der Weltgesundheitsorganisation sind über die Hälfte
den. Der anhaltend hohe Verbrauch dieser Medikamente in aller Europäerinnen und Europäer übergewichtig und fast
der Tierproduktion und auch die unsachgemäße Verwen- ein Viertel fettleibig. Der Fachverband World Obesity Fe-
dung in der Humanmedizin sind die Hauptursachen für deration warnt, dass ohne eine wirksame Gesundheitspoli-
Antibiotika-Resistenzen. Bis 2050 könnten in der EU schät- tik Übergewicht und Fettleibigkeit von Kindern in vielen
zungsweise 390.000 Menschen pro Jahr sterben, weil Anti- EU-Ländern weiter zunehmen werden. Daraus resultiert
biotika bei ihnen nicht mehr wirken. nicht zuletzt eine erhebliche finanzielle Belastung.
Außerdem ist die Landwirtschaft wesentlich für die Ver- Obwohl fast alle unsere Lebensmittel aus der Landwirt-
schmutzung der Luft verantwortlich. Der Europäischen schaft stammen, herrscht in der wissenschaftlichen Lite-
Umweltagentur zufolge stammen über 90 Prozent der Am- ratur erstaunlich wenig Einigkeit darüber, wie sich die Ag-
moniakemissionen in Europa aus dem Sektor. Sie gefährden rarpolitik auf den Konsum auswirkt. Bekannt ist hingegen,
welche wirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen
Faktoren beeinflussen, was wir essen und trinken. Von den
kurzen Lieferketten abgesehen sind diese Warenströme
ALKO-PROMOTION
stark von multinationalen Konzernen geprägt. Eine Studie
Zahlungen der EU für den Weinbau, 2014 bis 2018, Millionen Euro
aus dem Jahr 2018 in 19 europäischen Ländern zeigte, dass
in Haushalten mit erhöhtem Verbrauch von hochverarbei-
481 Destillation von
Nebenprodukten 735 Direktzahlungen teten Lebensmitteln auch Fettleibigkeit häufiger vorkam.
(Betriebsprämien) Solche Produkte sind typischerweise energie-, zucker- und
7,7 % 11,8 % fettreich sowie ballaststoffarm.
1.154 Investitionen Die neue Gemeinsame Agrarpolitik, die 2021 in Kraft
18,6 % tritt, könnte erstmals auch Gesundheit als Ziel beinhalten –
18,7 %
eine gewaltige Herausforderung 25 Jahre, nachdem die Mit-
1.161 Werbung
3,2 % gliedsländer sich verpflichteten, Gesundheit in allen EU-Po-
200 Erntehilfen litikbereichen als Querschnittsthema zu verankern und
damit das Gesundheitsniveau der Bürgerinnen und Bürger
40,0 %
deutlich zu verbessern. Damit EU-Programme das Wohlbe-
finden der Bevölkerung aber tatsächlich verbessern, müss-
AGRAR-ATLAS 2019 / EPHA

2.483 Umstrukturierung und


Umstellung von Rebflächen

Gesundheitspolitisch ist die Finanzierung der Weinwerbung aus EU-Mitteln


unerwünscht. Weniger Weinkonsum bedeutete in Frankreich und Italien nahezu
Werbung für Wein, Anbau von Tabak, mehr Fleisch,
proportional weniger Leberzirrhosen. billigerer Zucker, Hopfen zum Bierbrauen – das gesundheits-
politische Sündenregister der EU-Förderung ist lang

42 AGRAR-ATLAS 2019
GESUNDHEIT IN DER AGRARPOLITIK
Auswahl von Faktoren und Dynamiken in einem auf Ökologie, Landwirtschaft und Ernährung ausgerichteten System

vermehrt Bevölkerung Siedlungsflächen Kohlenstoffbindung


vermindert
Arbeits- Entwaldung
produktivität
Einkommen Nachfrage
nach Wasser
Nachfrage nach
Arbeit Niederschläge
Nahrungsmitteln
menschliche
Agrarflächen Nahrungsmittelpreise
Gesundheit Verfügbarkeit
von Wasser
Ertragsfähigkeit
des Agrarlandes
Ernährungs- Produktion von
Biodiversität
weise Nahrungsmitteln

Kunstdünger
Gewinne
und Pestizide

Wasserqualität
Mechanisierung

AGRAR-ATLAS 2019 / TEEB


Lebensmittelsicherheit der Agrarbetriebe

Modell der Initiative „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB), die beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen angesiedelt ist und als „TEEB for Agriculture & Food“ weltweit
Landwirtschafts- und Ernährungssysteme untersucht. 2018 stellte TEEBAgriFood dieses Wechselwirkungsdiagramm vor, das die Vernetzung von Gesundheits- und Agrarpolitik mit anderen
Politikbereichen aufzeigt; vereinfachte, auf die EU ausgerichtete Darstellung

Die EU wäre die ideale Organisation, um ihre


ten unbedingt Akteurinnen und Akteure des Gesundheits- Agrarpolitik mit anderen Politikfeldern zu vernetzen – ein
wesens in die politische Gestaltung einbezogen werden. Das Schritt Richtung Gesundheit und Nachhaltigkeit
heißt: auch in die Gestaltung der EU-Agrarpolitik.
Die öffentliche Gesundheit steht zudem in einem engen
Zusammenhang mit anderen Politikfeldern wie Umwelt, Ernährungssystem hängt nicht allein von der Agrarpolitik
Tierschutz und sozialer Gerechtigkeit. So senkt ein besserer ab. Nachhaltige Produktion wird nur durch nachhaltigen
Tierschutz mit gesünderen Tieren den Bedarf an Antibioti- Konsum ermöglicht, der, um wirklich nachhaltig zu sein,
ka. Höhere Einkommen für Kleinbäuerinnen und Kleinbau- gleichzeitig die Gesundheit fördern muss. Dies erfordert
ern verringern das Risiko der sozialen Ausgrenzung und ver- ein koordiniertes Vorgehen in allen Politikbereichen, die
bessern die Strukturen in den ländlichen Gebieten. Durch das Ernährungs- und Agrarsystem betreffen, geleitet von
mehr Obst- und Gemüseproduktion und weniger Tierhal- einer ganzheitlichen Ernährungspolitik für Europa.
tung lassen sich die Emissionen von Treibhausgasen und
die Verschmutzung von Luft- und Wasser reduzieren und es
lässt sich eine gesunde und nachhaltige Ernährung fördern. AGRAR-ATLAS 2019 / EUROBAROMETER
NORD-SÜD-GEFÄLLE
Hochwertige Lebensmittel ermöglichen den Erzeugerinnen
Umfrage*: Antwort „Gesundheit und soziale Sicherheit“
und Erzeugern höhere Einkommen. Ein geringerer Pestizid- auf die Frage, was das wichtigste Problem im Land sei
Finnland
einsatz mindert die damit verbundenen Gesundheitsrisiken
und schont Insekten, die unter anderem als Bestäuber von Schweden Estland
entscheidender Bedeutung für die Sicherheit unserer Er- Lettland
Irland Großbritannien Dänemark
nährung sind. Litauen
Die Gemeinsame Agrarpolitik, die im nächsten Sieben- Niederlande
an erster Stelle
jahreszeitraum von 2021 bis 2027 Beihilfen in Höhe von Polen
an zweiter Stelle Belgien Deutschland
365 Milliarden Euro auszahlen wird, kann solche Entwick- an dritter Stelle Luxemburg
Tschechien
lungen unterstützen. Eine zukunftsorientierte GAP sollte nachrangig Slowakei
Frankreich Österreich
auf der Nachfrage- wie der Angebotsseite eine gesunde und Ungarn
Slowenien Rumänien
nachhaltige Ernährung stimulieren, zum Beispiel durch Kroatien
Informationskampagnen und bessere Kennzeichnung. Portugal
Italien Bulgarien
Spanien
Aber die Umstellung auf ein gesundes und nachhaltiges

Griechenland
Malta
Besonders in den Anrainerländern des Mittelmeeres * Eurobarometer mit 28.000 Befragten, Frühjahr 2018. Auch wählbar u. a. Zypern
tritt der Wunsch nach Gesundheit weit „Arbeitslosigkeit“, „Einwanderung“, „Lebenshaltungskosten“, „Renten“, „Wohnungen“.

hinter die Angst vor der Arbeitslosigkeit zurück

AGRAR-ATLAS 2019 43
KLIMA

TÄTER UND OPFER ZUGLEICH


Die EU möchte die Emissionen der zu 61 Prozent aus der Tierhaltung – drei Viertel davon ent-
Landwirtschaft senken. Dafür hat sie stehen durch den Verdauungsprozess von Wiederkäuern
große Ziele formuliert. Konkrete und ein Viertel durch Mist und Gülle.
Um das globale Klima zu stabilisieren und die Auswir-
Maßnahmen und Förderprogramme
kungen des Klimawandels zu minimieren, müssen diese
fehlen aber genauso wie die Emissionen drastisch reduziert werden. Auf der Pariser Kli-
Resonanz aus den Mitgliedsländern. makonferenz 2015 haben sich 196 Länder darauf geeinigt,
sich dafür nationale Ziele zu setzen. So hat sich die EU ver-

D
er Klimawandel wirkt sich in vielfältiger Weise auf die pflichtet, ihre Emissionen bis 2030 um 40 Prozent zu senken
Landwirtschaft aus. Während das wärmere Wetter und die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen,
in Nordeuropa durchaus förderlich für die Agrarpro- ohne die Produktion einzuschränken.
duktion sein mag, überwiegen in Mittel- und Südeuropa die Bei den Reformen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)
negativen Folgen. Dürren, Überschwemmungen und höhe- der EU gewann der Klimawandel zunehmend an Bedeu-
re Temperaturen begünstigen Schädlingsbefall und Pflan- tung. Durch die Reform von 2013 wurde der Schutz des
zenkrankheiten und führen zu Ertragseinbußen bis hin zu Klimas sogar zu einem der Kernziele erhoben und in der
Ernteausfällen. zweiten Säule der GAP verankert. Dennoch gibt es bei der
Allerdings trägt die Landwirtschaft auch selbst zum Förderung von Klimaschutzmaßnahmen große Unterschie-
Klimawandel bei. Bei der Düngung werden große Mengen de zwischen den EU-Staaten, und in vielen Ländern ist das
Lachgas freigesetzt, bei der Rinderhaltung entsteht Methan. Engagement eher marginal.
Weltweit ist die Landwirtschaft für ein Viertel aller Emissio- Für alle Mitgliedsstaaten verbindlich sind nur die Agrar-
nen von Treibhausgas verantwortlich. In Europa ist der Ag- umwelt- und Klimamaßnahmen. Durch sie werden ein inte-
rarsektor nach der Energieerzeugung und dem Verkehr die griertes Düngemittelmanagement, diversifizierte Frucht-
drittgrößte Quelle und trägt etwa zehn Prozent zu den Ge- folgen und andere klimabezogene Maßnahmen gefördert.
samtemissionen bei. Diese Emissionen kommen zu 38 Pro- Es wurde aber nie ein konkretes Ziel formuliert, wie weit die
zent aus den Böden und dem Einsatz von Düngemitteln und Emissionen der EU-Landwirtschaft reduziert werden sollen.
Bei den Verhandlungen über Reformen hat die Produktion
von Nahrungsmitteln absoluten Vorrang.
Sicherheit der Ernährung und Klimaziele können in
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

UNGLEICHE LASTENTEILUNG
Einklang gebracht werden, wenn in den Böden mehr
Erwartete Folgen des Klimawandels für die EU-Landwirtschaft
Kohlenstoff gebunden würde. Dies ist das Ziel der 2015 in
Frankreich gestarteten „Vier-Promille-Initiative“, durch
steigender Meeres- und Seenspiegel, mehr Stürme
und Überschwemmungen, heißere und trockene die der Gehalt organisch gebundenen Kohlenstoffs im Bo-
Sommer, längere Anbauperiode, mehr verschiedene den um 0,4 Prozent pro Jahr erhöht werden soll. Die Spei-
Feldfrüchte, mehr Infektionen cherung organischer Stoffe aus Pflanzen im Boden über
Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg könnte den Anstieg
mehr Winterregen und
des CO2-Gehalts in der Atmosphäre zumindest teilweise
Überschwemmungen,
steigender Meeres- ausgleichen.
spiegel, heißere und mehr Winterregen Erreicht werden könnte dies zum Beispiel, wenn der
trockenere Sommer, und Über- Boden ständig mit Kulturen bedeckt wäre, tief wurzelnde
höhere Ernteerträge, schwemmungen, Pflanzen angebaut und Mist, Mulch und Kompost einge-
längere Anbauperiode weniger Sommer-
regen, höhere
setzt würden. Theoretisch hält die GAP Landwirtinnen und
Dürregefahr, Landwirte schon jetzt dazu an, den Kohlenstoffgehalt des
stärker drohende Bodens zu erhalten und möglichst zu erhöhen. Es werden je-
Bodenerosion, doch weder Bilanzen oder Berichte verlangt noch konkrete
längere Maßnahmen, um die Verluste von Kohlenstoff im Boden zu
Anbauperiode
minimieren.
Die GAP sollte nicht nur dazu anreizen, ausreichend Le-
bensmittel zu produzieren, sondern auch dazu, die Frucht-
barkeit der Böden zu verbessern und dort für einen hohen
Anteil organischer Substanz zu sorgen. In vielen EU-Regio-

steigende Temperatur, weniger Niederschläge,


höhere Dürregefahr, mehr Hitzestress, sinkende Während die Agrarlandschaften Südeuropas
Ernteerträge, weniger Anbaufläche vom Klimawandel stark bedroht sind, scheinen andere
davon zu profitieren. Solidarität ist gefordert

44 AGRAR-ATLAS 2019
AGRAR-ATLAS 2019 / EEA, EUROSTAT
AUS DEN STÄLLEN, VON DEN ÄCKERN 2,9
Emissionen der Landwirtschaft in den Mitgliedsländern der EU,
3,4
Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, 2016 3,6
Finnland
Tierhaltung: Emissionen 6,3 3,2
aus Verdauung,
Mist und Gülle
29,1 4,0
Schweden 0,7
agrarisch Großbritannien 0,6 Estland
Dänemark
bewirtschaftete
Böden: Verlust
11,3 1,0
1,6 Lettland
organischer
Substanz, Dünger
Irland 13,5
Niederlande
34,4 2,0
2,4 Litauen
5,6
5,6
13,2 26,4 13,1
6,5
Belgien
3,2
Deutschland
Polen
15,9
0,2 0,5 3,6 4,5

41,8
Frankreich Luxemburg Tschechien
1,3 Slowakei
1,3
5,0 2,1
Österreich 3,2 3,5 12,6
32,7 Slowenien
0,4 1,3
1,8
Ungarn 5,0

Rumänien
4,5
1,1 Kroatien
2,1 Spanien 2,1
Portugal
19,3 Italien Bulgarien
4,2

23,1 4,6
10,3 8,9 3,0 0,4
Griechenland 0,1
ohne Malta Zypern

Zusammen ein Drittel: Französische und deutsche


nen sind die Böden inzwischen an Kohlenstoff verarmt. Die Agrarbetriebe tragen die Hauptverantwortung
GAP-Vorschriften sollten sich an der Bodenschutzgesetz- für die hohen Emissionen der EU-Landwirtschaft
gebung der EU orientieren und darauf bedacht sein, orga-
nische Bodensubstanz in verarmten Böden wieder anzurei-
chern. Politik und Gesetze haben die Aufgabe, nachhaltige Tierhaltung und Ackerbau sind mittlerweile oftmals ge-
Produktionsmethoden zu fördern und den Ackerbau zu di- trennt. Einige Betriebe aber verbinden Tier- und Pflanzen-
versifizieren. Bessere Anbaumethoden, die das Ökosystem produktion, indem sie einen Teil ihrer Nutzpflanzen an die
und die biologischen Vielfalt schützen, machen die Land- Tiere verfüttern und mit deren Mist das Ackerland düngen.
wirtschaft überdies widerstandsfähiger gegen extreme Die GAP sollte solche Betriebe unterstützen, um Tierhaltung
Schwankungen des Klimas. und Ackerbau wieder zusammenzubringen.
Der Boden kann vor allem geschützt werden, wenn
weniger Dünger und Pestizide eingesetzt werden und für
seine ständige Bedeckung gesorgt wird. So läuft er weni-
LANDWIRTSCHAFT IN MITVERANTWORTUNG
ger Gefahr zu erodieren und damit organische Substanz
Anteil der Wirtschaftszweige an den Gesamtemissionen von Treibhaus-
zu verlieren. Bodenbedeckende Kulturen und Zwischen- gasen in der EU, 2016, in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und Prozent
früchte sollten auch außerhalb ökologischer Vorrangflä-
chen obligatorisch werden, ebenso wie zeitweilige Brachen 138 Abfallwirtschaft
430 Landwirtschaft
oder Grünland in der Fruchtfolge vorkommen sollten. Zu 3,1 %
fördern sind auch kombinierte Agroforst-Systeme, in denen 9,7 %
Bäume mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung kombi- 374 Industrie
8,4 %
niert werden, sowie Dauergrünland (Grünland, das älter als
fünf Jahre ist) und der Einsatz von Leguminosen statt Mine- 54,4 %
1.080 Verkehr
raldünger. 24,3 %
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

2.741 Energieerzeugung
Weil andere Wirtschaftsbereiche ihre Emissionen Ohne Änderungen der Landnutzung. Sie
schneller senken als die EU-Landwirtschaft, erhöhen die Klimawirksamkeit der Landwirtschaft um bis zu einem Drittel.

liegt ihr Anteil inzwischen bei fast zehn Prozent

AGRAR-ATLAS 2019 45
WELTHANDEL

WACHSTUM BEI DEN ANDEREN


Die EU-Landwirtschaft ist Teil internationaler Die langjährigen hohen Agrarimport-Überschüsse der
Wertschöpfungsketten. Sie beeinflusst EU sind verschwunden. Seit 2007 nimmt die EU sogar mehr
die weltweiten Agrarmärkte und damit durch die Ausfuhr von Agrarprodukten ein, als sie ausgibt:
zuletzt 20 Milliarden Euro pro Jahr. Vor allem bei Weizen,
auch Preise, Produktionen, Einkommen und
Schweinefleisch und Milch sind die Ausfuhrmengen ge-
Ernährung in Ländern des Südens. stiegen – und Exporte sind ein Anreiz, insgesamt mehr zu
produzieren.

S
eit den 1980er-Jahren wurde die Gemeinsame Agrar- Für viele Erzeugnisse ist der afrikanische Kontinent ein
politik (GAP) der Europäischen Union dafür kritisiert, wichtiger Absatzmarkt. Allein Nordafrika, das nur begrenzt
dass sie den Export landwirtschaftlicher Produkte in selber produzieren kann, soll 2018/19 rund 40 Prozent der
alle Welt gezielt subventionierte. Dieser Einsatz von Steuer- EU-Weizenausfuhren abnehmen, die Länder südlich der Sa-
geldern trug zum Verfall der Weltmarktpreise bei und ver- hara mehr als ein Viertel. Zwar kann südlich der Sahara nur
drängte Bauern und Bäuerinnen von ihren lokalen Märkten. in wenigen Regionen Weizen angebaut werden. Die Impor-
In den 1990er-Jahren wurden Flächenprämien, also Pro-Hek- te konkurrieren allerdings mit an die Standorte angepass-
tar-Zahlungen, unabhängig davon, was und wie produziert ten Nahrungspflanzen wie Hirse, Cassava und Yams und be-
wird, zum wichtigsten Instrument der GAP. Die Exportsub- einflussen die dortigen Ernährungsgewohnheiten.
ventionen sanken und wurden 2015 durch einen Beschluss Bei Geflügelfleisch gingen 2017 rund 43 Prozent der ge-
der Welthandelsorganisation WTO weltweit verboten. samten EU-Exporte nach Afrika südlich der Sahara, vorwie-
Ob die Flächenprämien eine entwicklungspolitisch ne- gend nach Westafrika. Würden sich durch das Wegfallen
gative Wirkung haben, ist umstritten. Die große Mehrheit der pauschalen Flächenprämien in der EU die Exporte – wie
der Agrarökonominnen und Agrarökonomen geht davon im Modell vorhergesagt – verringern, sänke der Angebots-
aus, dass die Prämien die Produktion kaum beeinflussen druck in diesem Sektor, und die Preise auf vielen afrikani-
und damit auch die internationale Wirkung minimal ist. schen Märkten könnten steigen. Dies wiederum wäre ein
Dennoch gibt es Modellrechnungen, denen zufolge sich Anreiz für lokale Investitionen, denn noch ist dort die Pro-
Produktion und Export in einigen Sektoren deutlich verän- duktivität sehr niedrig.
dern würden, wenn es keine Flächenprämien gäbe. Die Export-„Erfolge“ der EU gehen nicht nur auf Sub-
So kommt eine Studie des Norwegian Agricultural Eco- ventionen zurück. Seit Jahren verfolgt die EU ausdrücklich
nomics Research Institute und der Universität Bonn von das Ziel, die Produktivität ihrer Landwirtschaft zu steigern.
2012 zu dem Ergebnis, dass der EU-Nettoexport von Wei- Und da der Absatz in der EU stagniert, ist ein Wachstum der
zen um 20 Prozent, der von Schweinefleisch um 16 Prozent Erzeugung nur mit zunehmenden Exporten zu erreichen.
und der von Geflügelfleisch sogar um 75 Prozent sinken Zuschüsse für den Bau immer größerer Ställe auf der einen
würde. Denn ohne Flächenprämien wären die Getreide- Seite, fehlendes Ordnungsrecht im Umwelt- und Tierschutz
und damit auch die Futterpreise höher. Die Autorinnen
und Autoren der Studie halten diese Veränderungen für ge-
ringfügig. Zivilgesellschaftlichen Organisationen wäre es Billige Rohstoffe rein, teure Lebensmittel
hingegen wichtig, wenn die EU ihr Angebot auf dem Welt- raus – die Wertschöpfung im Produktionsprozess
markt so deutlich verringern würde. findet vor allem in der EU statt

VORTEIL DURCH VERARBEITUNG VON AGRARPRODUKTEN


Wert der Ein- und Ausfuhren, EU-28, in Euro pro Kilogramm Importe Exporte

1,5

1,2

0,9

0,6
AGRAR-ATLAS 2019 / EUROSTAT

0,3

0
2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

46 AGRAR-ATLAS 2019
PROBLEME, AUFGABEN, POTENZIALE
UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, EU-Agrarpolitik mit negativen Auswirkungen sowie Konzepte, um beide in Überstimmung zu bringen

destruktive EU-Trends minimieren UN-Ziele der „Agenda 2030“ einhalten EU-Potenziale entwickeln

Kein nachhaltiger Konsum in der EU – er Ausstoß Förderung der


geht weit über den globalen „fair share“ für von klima- Weidehaltung
Land, Wasser und Klimabudget hinaus und schädlichen
führt zu Übergewicht und Fehlernährung. Gasen Armut in Sofort- Anbausysteme,
allen Formen maßnahmen die den Schutz von
Belastung von Gewässern und und überall gegen den Klima, Böden und
Böden durch Gülle und Kunstdünger beenden Klimawandel Gewässern fördern

Exporte, z. B. von Geflügel Nutzung von Insekten-


und Milchpulver, konkurrieren Landressourcen in freundlicher
mit lokalen Produkten in den anderen Ländern, Ackerbau; Pestizide
Zielländern und schwächen z. B. für die Ernährung Bewahrung reduzieren
dort die Einkommen der Produktion von sichern durch und nachhal-
Bauern und Bäuerinnen. Palmöl und Soja nachhaltige tige Nutzung
Landwirtschaft der Ozeane Informationskampagnen
zum Konsumwandel: weniger
Nutzung von Wasserressourcen Fleisch, mehr regionale
in anderen Ländern, z. B. für die und saisonale Produkte
Produktion von Avocados und Tomaten

AGRAR-ATLAS 2019 / UN, HBS


verantwort- Schutz- Umbau der
Gesundheit Land-
Zerstörung der Biodiversität in liche Konsum- programme Tierhaltung: faire
und Wohler- ökosysteme
Europa und global durch starke und Produk- für biologische Preise, weniger Tiere,
gehen für alle schützen
Nachfrage nach Agrarprodukten tionsweisen Vielfalt flächenabhängig

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU kann helfen,


auf der anderen – schon steigt die Produktion, und die Er- die UN-Nachhaltigkeitsziele für das Jahr 2030
zeugerpreise sinken. einzulösen – sie kann dies aber auch erschweren
Die Milch zeigt, wie es nicht gehen darf. Seit 2015 ist die
in den 1980er-Jahren eingeführte Obergrenze für die Milch-
erzeugung abgeschafft und die EU-Milchpolitik liberali- nerfleisch produziert wird, treiben sie wiederum auch die
siert. Seither können EU-Molkereien größere Mengen auf Nachfrage nach Soja an, das in Lateinamerika auf riesigen
den Weltmarkt exportieren. Doch als die Weltmarktprei- Plantagen wächst, wo einst Wald und Weiden waren. Erst
se aufgrund dieser höheren Exporte zusammenbrachen, wenn die EU mit den rund 40 Milliarden Euro, die sie der-
mussten viele EU-Milchviehbetriebe aufgeben. Oder der zeit für Flächenprämien ausgibt, ihre Landwirtschaft und
Staat erhielt sie mit Notkrediten, während die Großmol- ihr Ernährungssystem grundsätzlich umbaut und beides
kereien die sinkenden Preise an die Milchbäuerinnen und ökologisch und global gerecht gestaltet, wird sie einen Bei-
Milchbauern weitergaben. trag zu den globalen Zielen der nachhaltigen Entwicklung
Mit den Exportsubventionen hat die EU ein entwick- leisten.
lungspolitisch besonders schädliches Instrument abge-
schafft. Unproblematisch ist die europäische Agrarpolitik
deswegen noch lange nicht. Das gilt auch für die andere
DIE VERFLECHTUNG NIMMT ZU
Seite, die landwirtschaftlichen Importe in die EU. Sie be-
Außenhandel der EU-28 mit landwirtschaftlichen Produkten,
stehen noch immer zum größten Teil aus klassischen Agrar- Milliarden Euro
rohstoffen und ehemaligen Kolonialprodukten wie Palmöl, 150
Soja, Kakao, Kaffee, Bananen und Baumwolle. Nutzungs-
und Verteilungskonflikte um die Anbauflächen sowie Ent- 120
waldung, Wasserverbrauch und Pestizideinsatz wirken sich Importe
negativ auf Ernährung und Gesundheit, auf Menschen- 90
rechte, globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit aus. Soja
zum Beispiel dient in der EU als Tierfutter. Indem die Instru- 60 Exporte
mente der GAP dazu führen, dass mehr Schweine- und Hüh-
AGRAR-ATLAS 2019 / EC

30

Die Agrarexporte aus der Hochleistungs-EU 0


haben sich seit 2009 verdoppelt. 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

Auch die Einfuhren sind schnell gestiegen

AGRAR-ATLAS 2019 47
AUTORINNEN UND AUTOREN,
QUELLEN VON DATEN, KARTEN
UND GRAFIKEN
Alle Internetquellen wurden zuletzt im in the EU, February 2017, https://bit.ly/2PvwIqZ. –
Dezember 2018 abgerufen. Der Agrar-Atlas ist S. 17: European Commission, The CAP towards 2020,
im PDF-Format unter den Download-Adressen 2018, https://bit.ly/2BZtc4D. IEG Policy, Reform
herunterzuladen, die im Impressum aufgeführt of the Common Agricultural Policy, 2018,
sind. Im PDF sind alle Links anklickbar. https://bit.ly/2SANmXR. European Parliamentary
Research Service Blog, Breakdown ByMember
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ARTENVIELFALT GEHT VERLOREN
von Henrike von der Decken 40–41 ÖKOLANDWIRTSCHAFT
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Entwicklung in Deutschland, Indikatorenbericht S. 40: Ökolandbau.de, Zahlen zum Ökolandbau
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BLE-Strukturdaten Ökologischer Landbau
30–31 PESTIZIDE in Deutschland, 31.12.2017, https://bit.ly/2EnOQBE.
NEUE IDEEN MIT WENIGER CHEMIE Destatis, Betriebsgrößenstruktur landwirtschaftlicher
von Lars Neumeister Betriebe nach Bundesländern,
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von Nikolai Pushkarev
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GELDER FÜR DEN UMBAU Healthy living, 2016, S. 18, https://bit.ly/2UtmXgm. –
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WUNSCH UND WIRKLICHKEIT futuro de la PAC, Bild 15, https://bit.ly/2EpWxaG. –
von Martina Eichner und Jenny Schlosser S. 45 o., u.: Eurostat, European Environment
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AGRAR-ATLAS 2019 49
HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG
Demokratie und Menschenrechte durchsetzen, gegen die Zerstörung
unseres globalen Ökosystems angehen, patriarchale Herrschafts-
strukturen überwinden, die Freiheit des Individuums gegen
staatliche und wirtschaftliche Übermacht verteidigen – diese
Ziele bestimmen das Handeln der grünnahen Heinrich-Böll-Stiftung.

Mit derzeit 32 Auslandsbüros verfügt sie über ein weltweites


Netz für ihr Engagement. Sie arbeitet mit ihren Landesstiftungen
in allen deutschen Bundesländern zusammen, fördert
gesellschaftspolitisch engagierte Studierende und Graduierte im
In- und Ausland und erleichtert die soziale und politische Teilhabe
von Immigrantinnen und Immigranten.

Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verwirklichung einer


demokratischen Einwanderungsgesellschaft sowie einer Geschlechter-
demokratie als eines von Abhängigkeit und Dominanz freien
Verhältnisses der Geschlechter. Darüber hinaus fördert die Stiftung
Kunst und Kultur als Element ihrer politischen Bildungsarbeit Heinrich-Böll-Stiftung
und als Ausdrucksform gesellschaftlicher Selbstverständigung. Schumannstr. 8, 10117 Berlin, www.boell.de

BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ DEUTSCHLAND


Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND)
ist ein unabhängiger und gemeinnütziger Verband, der auf regionaler,
nationaler und internationaler Ebene arbeitet. Der BUND setzt
sich für den Schutz der Natur und Umwelt ein – damit die Erde für
alle, die auf ihr leben, bewohnbar bleibt. Wir engagieren uns für
eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft, gesunde Lebensmittel,
für den Schutz des Klimas, der Wälder und des Wassers, für den
Ausbau regenerativer Energien und für bedrohte Arten. Wir fordern
den zügigen Umbau der Nutztierhaltung sowie eine Agrarwende
hin zu einer umwelt- und klimafreundlichen Landwirtschaft.

Der BUND ist mit über 593.000 Mitgliedern und Unterstützer*innen


einer der größten Umweltverbände Deutschlands. Wir verstehen
uns als treibende gesellschaftliche Kraft für ökologische Erneuerung
mit sozialer Gerechtigkeit. Mit 16 Landesverbänden und über
2.000 lokalen Gruppen ist der BUND im ganzen Land aktiv und
erreichbar. Der BUND ist Mitglied des internationalen Netzwerks
Friends of the Earth International (FoEI) und hat Partnerorganisa- Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
tionen in rund 70 Ländern. Kaiserin-Augusta-Allee 5, 10553 Berlin, www.bund.net

LE MONDE DIPLOMATIQUE
Hinter dem Atlas der Globalisierung steht die große internationale
Monatszeitung Le Monde diplomatique (LMd), deren deutsche
Ausgabe in Berlin unter dem Dach der taz produziert wird. LMd
berichtet aus aller Welt, wird von Leuten in aller Welt gemacht
und auch – einzigartig – in aller Welt gelesen. Von ihren weltweit
1,5 Millionen Leserinnen und Lesern haben viele die Zeitung
auf Arabisch vor Augen, andere lesen sie auf Japanisch, Polnisch,
Portugiesisch oder Farsi. Denn LMd ist längst zu einem
internationalen Netzwerk geworden, mit über 40 Print- und
Onlineausgaben in mehr als 20 Sprachen.

In Zeiten der medialen Beschleunigung ist eine Zeitung wie LMd


unverzichtbar. Sie erklärt die Ursachen aktueller Konflikte,
berichtet über die Wirklichkeit in Ländern und Regionen, die
weniger im Fokus stehen, und schaut auf künftige Entwicklungen.
So hat LMd früher als andere die neokoloniale Ausbeutung des
globalen Südens beschrieben, vor der Kettenreaktion der
Finanzkrise gewarnt und über das zerstörerische Fracking oder Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe
die fatale Biospritlüge berichtet. Friedrichstr. 21, 10969 Berlin, www.monde-diplomatique.de, www.atlas-der-globalisierung.de

50 AGRAR-ATLAS 2019
BISHER ERSCHIENEN

AGRAR-ATLAS
Daten und Fakten zur EU-Landwirtschaft 2019
AGRAR-ATLAS
Daten und Fakten zur EU-Landwirtschaft 2019
ATLAS DE LA PAC
Chiffres et enjeux de la Politique Agricole Commune 2019
ATLANTE DELLA PAC
Dati e fatti della Politica Agricola Comune UE 2019
ATLAS DE LA PAC
Hechos y cifras sobre la Política Agrícola Común 2019
FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2013

VERSO A
REFORMEN REFORMEN URE PANORAM
LE, LE, L’AGRICULT UNA RIFORMA DE LA
FÜR STÄL FÜR STÄL NE EN
EUROPÉEN AGRICOLA URA
ÄCKER UND ÄCKER UND IVE A AGRICULT
PERSPECT ECOLOGIC
NATUR NATUR EUROPEA

ÖSTERREICHISCHE AUSGABE

MEAT ATLAS ET ATLASI ATLAS CARNE ATLAS CARNE ATLAS MASA


DE DA
LA
La réalité et les chiffres sur les animaux Hechos y cifras sobre los animales que comemos Fatos e números sobre os animais que comemos
Facts and figures about the animals we eat que nous consommons Příběhy a fakta o zvířatech, která jíme
Yediğimiz hayvanlar hakkında gerçekler ve rakamlar

FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2014
FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2016
FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2018
KONZERNATLAS
Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2017
AGRIFOOD ATLAS
Facts and figures about the corporations that control what we eat 2017

NEUE THEMEN DEUTSCHLAND REGIONAL REZEPTE FÜR


ERE
EINE BESS
UNG
TIERHALT

EXTRA: ABFALL UND VERSCHWENDUNG

ATLAS DO BODENATLAS SOIL ATLAS L’ATLAS DU SOL MEERESATLAS OCEAN ATLAS


AGRONEGÓCIO
Faits et chiffres sur la terre, les sols et les champs 2016 Daten und Fakten über unseren Umgang mit dem Ozean 2017 Facts and Figures on the Threats to Our Marine Ecosystems 2017
Daten und Fakten über Acker, Land und Erde 2015
Facts and figures about earth, land and fields 2015

Fatos e números sobre as corporações que controlam o que comemos 2018

ENERGIEATLAS
Daten und Fakten über die Erneuerbaren in Europa 2018
ENERGY ATLAS
Facts and figures about renewables in Europe 2018
ATLAS DE L’ÉNERGIE
Faits et chiffres sur les énergies renouvelables en Europe 2018 KOHLEATLAS
Daten und Fakten über einen globalen Brennstoff 2015
COAL ATLAS
Facts and figures on a fossil fuel 2015

WIE WIR HOW WE ARE


A COOKING
DAS KLIM
N THE CLIMATE
VERHEIZE

COAL ATLAS ATLAS UHLÍ ATLAS WEGLA KOHLEATLAS EUROPA-ATLAS


SACHSEN
Dane i fakty o globalnym paliwie 2015 Činjenice i podaci o fosilnom gorivu 2016 Daten und Fakten über den Kontinent
Facts and figures on a fossil fuel 2015 Příběhy a fakta o palivu, které změnilo svět i klima 2015

NIGERIA Daten und Fakten über einen verhängnisvollen Rohstoff 2017

KAKO
ŽRTVUJEMO
KLIMU
HOW WE ARE JAK SI JAK KLIMA
COOKING OHŘÍVÁME PRZEGRZEW
AMY
WIRTSCHAFT
THE CLIMATE PLANETU KLIMAT ARBEIT
9.787

23.310
6.674
546
3.875
1.616
IE 1.015
4.713
1
UK

6.108
0,8 0,5
2.386 B
3,5
65–88 11,9 8,8 3,2
19,0
11,2
15,9 13.097
79
17,3 9,3
6.877 18.580
58–69 19,3

20,6 17,8 1.213


63 24,2 1.670
2.165 16,8
29.971
59 2.225

26 0,3 1,9 PT 3.061 0,315.963


1,1
ES 1,8
Die Qualität von Böden, des Wassers und der 5,1
Lebensräume für Insekten 4,3 5,0
15,0
und seltene Pflanzen ist untrennbar mit der Landwirtschaft
13,4 verbunden.
aus: NEUE ZIELE, ALTES DENKEN, Seite 10 9,5 18,9
51,2
Direktzahlungen sind ungerecht, weil ein großer Teil an Betriebe geht,
20,2
deren Einkommen weit über dem Durchschnitt
34,6
liegt. 17,4
aus: VIEL GELD FÜR WENIG LEISTUNG, Seite 14

In der Landwirtschaft sind Kurzzeitverträge, Wander- und Schwarzarbeit


weitverbreitet.
aus: EINKOMMEN UND AUSKOMMEN, Seite 22

Verbraucherinnen und Verbraucher fragen beim Kauf zunehmend nach


artgerechter Tierhaltung und denken an den Schutz der Umwelt und des Klimas.
aus: WUNSCH UND WIRKLICHKEIT, Seite 34