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Glossar des Hellenismos

Erklärung von Begriffen, die häufig in hellenischen Texten auftauchen.


von Stilian Korovilas

A
Ábaton: eine heilige Stätte, die nicht betreten werden darf.
Achaioi: Sammelbezeichnung für alle antiken Griechen.
Adyton: ein geheime Kammer oder Räumlichkeit im Heiligtum, die allein den mit
der Pflege des Kultes oder des Orakels Anvertrauten vorbehalten ist; das
Allerheiligste eines Tempels.
Ágalma: Statue, Kultbild, Götterbildnis.
Agápe: absolute Akzeptanz. Freundschaftliche oder erotische Beziehung zu
einem anderen Menschen.
Agathón: das Gute.
Agathós Daimon: der gute Geist; Hausgeist. Ihm wird nach dem Mittagsmahl
traditionell etwas Wein dargebracht. Manchmal mit dem Eauton oder
Genethlion Daimon gleichgesetzt, dem Schutzgeist der Menschen, kann er in der
täglichen Andacht eine zentrale Rolle innehaben (der Daimon Eautou gilt auch
als Lehrer, innere Stimme, Ratgeber). Sein Symbol ist die Schlange, die heute
noch auf Naxos als Glücksbotin gesehen und gemäß den alten Weisungen nicht
getötet werden darf.
Agon: Wettkämpfe und Wettbewerbe zu Ehren der Götter. Bekannte Beispiele:
die Olympischen und die Nemeischen Spiele zu Ehren des Zeus.
Aídos: Ehrfurcht, heilige Scheu.
Aioloi: rückständiger, kulturell zurückgebliebener hellenischer Stamm.
Amphidrómien: Neugeborenes wird ca. 7 Tage nach seiner Geburt um das
Herdfeuer (hestía) getragen, unter dem Schutz der Familien- bzw. Hausgötter
gestellt und offiziell in den Haushalt (oikos) eingegliedert. Wird durch d. Vater
oder d. Mutter ausgeführt. Im Anschluss oder ca. drei Tage danach folgt die
Namensgebung (onomatodosía).
Anánke: Notwendigkeit, Schicksal.
Anáthima: Weihgabe, Votivgabe. Wird den Göttern für eine Bitte gespendet, die
erhört wurde oder von der man ausgeht, dass sie erhört wird. Plural: Anathímata.
Animismus: siehe Pandaimonismus.
Antihellenismus: Hellenenfeindlichkeit. Abneigung oder Feindschaft gegenüber
den Hellenen, ihrer Religion und Kultur. Kolonialistische Mentalität oder Haltung
gegenüber den Hellenen und ihrer Geschichte. Bewusste Verzerrung und
Enteignung der hellenischen Tradition. Der Hass auf das Hellenentum oder die
Darstellung desselben als Vorläufer oder Vergangenheit einer anderen Kultur
oder die Identifizierung mit dieser, wodurch der hellenischen Ethnie die
Autonomie und Souveränität abgesprochen wird. Es gab drei unterschiedliche
Formen des Antihellenismus: den makkabäischen (die Hasmonäer Mattatias und
Judaus), den römischen (Cato der Ältere) und den christlichen (Basilius von
Caesarea, Johannes Chrysostomos, Justinian). Eine Sonderform des christlichen
ist der romäische oder byzantinische Antihellenismus (Gennadios II. Scholarios).
Im modernen Griechenland wirkt der romäische Antihellenismus unter dem
Gewand des «Antipaganismus» in kirchlichen und nationalistischen Kreisen
weiter. Der Antihellenismus ist nicht mit der Kritik am Hellenismos oder seiner
Ablehnung zu verwechseln.
Aparchē: das erste Opfer, die erste Opfergabe zu Beginn einer Zeremonie.
Aposynthese, aposýnthesis: Zersetzung, Abbau, Auflösung, Demontage,
Zerfall; etwas in seine Bestandteile auflösen bzw. zerlegen.
Archaios nómos, Arkhaios nomos: die alte Sitte (bezieht sich auf die sakralen
Angelegenheiten).
Archäolatrie, die: neugriech. Begriff, bed. so viel wie Verehrung, Anbetung der
Antike, auch Glorifizierung des Altertums (von Archaiotita = Antike bzw. archaio-s
= antik, alt und Latría = Verehrung, Kult). Eigentlich ein abwertender Begriff,
wurde früher vereinzelt von ethnischen Hellenen positiv verwendet, seit einigen
Jahren aber vermehrt fallen gelassen, teilweise abgelehnt, weil er zunehmend
negativ konnotiert und von religiösen Fundamentalisten in Griechenland mit New
Age und Ufo-Kult in Zusammenhang gebracht wurde.
Archäothrēsksos, der: neugriech. Wort; der altreligiöse Mensch, Altgläubige,
Polytheist (von Archaiotita = Antike bzw. archaio-s = antik, alt und thrēskeia =
Religion).
Archäozentrismus: der Begriff Archäozentrismus ist ein Neologismus und
bezeichnet eine Gruppe von Personen in Griechenland, die in
(Bücherverkaufs-)Sendungen im Lokalfernsehen, in Videos auf YouTube,
Interviews im Radio, in Beiträgen in einschlägigen Zeitschriften, auf Webseiten
und Blogs ein loses religiöses und verschwörungstheoretisches Weltbild
vertreten, das zunehmend den Charakter einer parachristlichen Bewegung
annimmt. Der A. ist ein pejorativer Begriff; seine Anhänger bezeichnen sich
selber als Hellenozentristen und ihre Bewegung Hellenozentrismus. (Die
Bewegung wird von der Außenwelt auch mit Bezeichnungen wie Archäolatrie,
Hellenolatrie, Antikeritis u.a. bestimmt.) Die Ärchäozentristen verstehen sich nicht
als eine Bewegung, die sich vom Rest der Gesellschaft absetzt, sondern
identifizieren sich mit der vorherrschenden Kultur und der offiziellen staatlichen
Geschichtsschreibung. Das Weltgebilde des Archäozentrismus kreist um das
antike Griechenland und die legendäre Omada Epsilon. In gewisser Hinsicht
stellt der A. die romäische Variante der Ariosophie dar. Zudem gibt es Parallelen
zur New-Age-Bewegung in den USA (Indigo-Kinder, Pseudowissenschaft). Die
Bewegung besteht aus verschiedenen Strömungen, die sich teilweise
widersprechen. Jedoch haben sie gewisse Basiselemente gemein, die in allen
ihren Theoriegebilden vertreten sind, dazu gehören: Antijudaismus,
Pseudowissenschaft, Biologismus, Geschichtsrevisionismus, mystifizierter
Nationalismus, Theosophie, Positives Christentum, Soteriologie, Annahme einer
Überlegenheit der antiken Griechen oder der weißen Rasse, ein auf
Selbstvergottung ausgerichteter Hellenenkult, Ablehnung der Indoeuropäischen
Hypothese und der Evolutionstheorie. Vorherrschend ist die Idee einer
Abstammung der Griechen vom Sirius oder von den auf Engeln des dreifaltigen
Jahwe oder Außerirdischen herabgestuften griechischen Göttern, die Elohim
oder El genannt und mit Elementen aus den Apokryphen vermengt werden.
Diese hätten Ende 2012 auf der Erde landen und ein Goldenes Zeitalter einleiten
sollen. Apokalyptische Szenen aus der Bibel vermischen sich mit christlicher
Soteriologie und dem griechischen Mythos vom Goldenen Zeitalter. Wie die
orthodoxen Fundamentalisten, behaupten auch die A., dass die Philosophen
unter den Hellenen Monotheisten gewesen und den sogenannten wahren Gott
gekannt hätten. Auch der A. legt großen Wert auf die Betonung einer Einheit des
orthodoxen Christentums mit dem Hellenismos. Sein Antijudaismus ist mit dem
klassischen Antijudaismus der neugriechischen Gesellschaft identisch, welcher
von der orthodoxen Theologie herrührt und antagonistisch ausgerichtet ist, nur
dass diesem zusätzlich eine kosmische Dimension verliehen und die postulierte
Feindschaft zwischen dem mit der Romiosini gleichgesetzten Hellenentum und
Zionismus pseudohistorisch begründet wird. Der A. ist dem historischen
Hellenismos, meist Götzendienst genannt, eher feindlich gesinnt.
Repräsentanten des Hellenismos und Archäozentrismus sind seit den 1990er
Jahren oft aneinandergeraten. Die Archäozentristen sind orthodoxe Christen, die
die Bibel unter Einbeziehung der Theosophie neu auslegen und das Alte
Testament gegenüber dem Neuen abwerten. Einige von ihnen unterhalten enge
Beziehungen zu Mönchen aus der Mönchsrepublik Athos, verwerten Aufnahmen
von Exorzismen als Belege für ihre Thesen oder vertreten die Ansicht, dass
Jesus Grieche gewesen sei, wofür sie auch von kirchlichen Kreisen kritisiert
wurden. Von hellenischer Seite wird ihnen die Missinterpretation und
Instrumentalisierung griechischer Mythen vorgeworfen. Gewissen Autoren aus
der Szene, wie zum Beispiel Anestis Keramydas, wurde eine Nähe zum
Hellenismos nachgesagt, indes wird dieses Bild immer häufiger dahingehend
korrigiert, dass besagte Personen als Anhänger eines neuartigen Euherismus
erkannt werden, der wiederum auf eine Vergöttlichung griechischer Gene
ausgerichtet scheint. Unter den Archäozentristen gibt es auch eine Minderheit
von Atheisten und völkischen Neuheiden, die eben diesen esoterischen
Euhemerismus vertreten. Letztere profilieren sich als Kritiker der orthodoxen
Kirche und Anwälte der hellenischen Kultur. Die verbalisierten Ansichten dieser
Splittergruppe werden von einer dualistischen Polarisierung von Licht und
Finsternis respektive Hellenentum und Judentum beherrscht. Sie behaupten zum
Beispiel, dass das Christentum von den Juden in verschwörerischer Absicht
gegründet wurde, um die hellenische Zivilisation zu zerstören. Hinter dem zur
Schau getragenen Philhellenismus verbirgt sich nicht selten ein hartnäckiger
Antijudaismus, der nun scheinbar von hellenischen Flügeln getragen, sich an
der Ideenkammer des Nationalsozialismus bedient. Die Menge
griechischsprachiger Videos mit antisemitischem Inhalt auf YouTube ist kaum
noch überschaubar. Hinter allen, von archäozentrischer und nationalistischer
Seite ausgemachten, degenerativen Erscheinungsformen in der neuromäischen
Gesellschaft werden die Juden als Drahtzieher oder Geldgeber vermutet. Aber
unter Degeneration fallen die im Zuge der Modernisierung fortschreitende
sexuelle Liberalisierung, der Atheismus, die rechtliche Besserstellung von
Schwulen und Lesben, gewisse Anzeichen einer beginnenden staatlichen
Säkularisierung und die Kritik an der Kirche. Dennoch ist der Archäozentrismus
bemüht, seinen Aussagen einen Anschein von Humanität zu verleihen und den
Vorwurf des Rassismus mit Hilfe von Differenzierungen zu umgehen. So geht
zum Beispiel der archäozentrische, seit neustem auch der kirchliche
Antijudaismus im antizionistischen Gewand einher. Einem aufmerksamen
Beobachter der Szene fällt jedoch besonders auf, dass nicht der Nationalismus
per se abgelehnt wird, sondern lediglich seine jüdische (Zionismus) oder
türkische (Kemalismus) Variante. Der eigene Nationalismus wird nicht hinterfragt,
erst recht nicht verworfen. Die gleiche selektive Einstellung beobachten wir im
Umgang mit Muslimen. So gehört der Judenhass und die Islamophobie zum
festen Bestandteil archäozentrischen Denkens, wird die Eindämmung einer
angenommenen Islamisierung Europas an Forderungen nach einer Umkehr zu
den «eigenen Wurzeln» gekoppelt, womit das Christentum oder ein
Phantasiehellenentum gemeint ist, doch sind von dieser feindseligen Einstellung
nur das Judentum und der Islam betroffen, d.h. die jüdische und islamische
Variante des Monotheismus, aber nicht der Monotheismus selbst. Der von
romäischen Nationalisten und Archäozentristen gepflegte Antibolschewismus, ein
Relikt des Bürgerkrieges, ist ein weiteres Beispiel selektiver Einstellung. Gilt der
Kampf gegen «kommunistische Auswüchse» als lobenswerte Tugend, wittert
man hinter jeder Ablehnung des Nationalismus bolschewistische
Überzeugungen, Verrat, unterdessen wird der Nationalismus und Faschismus
verharmlost und seine Verbrechen geleugnet. Eine Form des Totalitarismus wird
glorifiziert und eine andere an den Pranger gestellt, aber der Totalitarismus selbst
bleibt unangetastet. Auf der anderen Seite lehnt die hellenische Tradition, welche
gemäß den Wünschen der Archäozentristen, sie selbst und die Romiosini
miteinschließt, den Monotheismus, den Nationalismus und den Totalitarismus
kategorisch ab, zumal sie aufgrund ihres Ethnismus in sich selbst verankert ist
und auf eine Definition über Abgrenzung nicht angewiesen ist. Die populärste,
mittlerweile zur Volkslegende avancierte Richtung innerhalb des
archäozentrischen Spektrums ist zweifelsfrei das Theoriegebilde um die
imaginäre Omada E (Gruppe Epsilon), mit deren Erfindung durch den
Antijudaisten und Antihellenen Ioannis Fourakis eine eigene
verschwörungstheoretische und pseudophilologische Literaturgattung in
Griechenland etabliert wurde. Mehr dazu unter: Omada Epsilon.
Arete: die Tugend. Tapferkeit, Exzellenz, Tüchtigkeit. Das Wort Arete wird als
allgemeiner Oberbegriff zur Bezeichnung des hellenischen Wertesystems
verwendet.
Astrologie: eine Protowissenschaft, aus der die Astronomie hervorgegangen ist.
Die Astrologie befasst sich mit dem Studium der Sterne, Planeten und
astronomischen Ereignissen, um daraus einen Zusammenhang zwischen dem
Geschehen im All und das Leben des Menschen herzustellen. Die Astrologie
gründet sich auf der Beobachtung der Sterne und der Annahme, dass die
Himmelskörper und Gestirnskonstellationen einen Einfluss auf das Leben und
den Charakter des Menschen nehmen. Ihren Ursprung hat die Astrologie in
Babylonien genommen. Von dort ist sie über Mesopotamien und Ägypten
schließlich nach Griechenland gewandert. Auf jeder ihrer Stationen wurde die
Astrologie mit neuen Elementen angereichert und von den verschiedenen
Völkern und ihren Weltanschauungen geprägt. So stammen die Tierkreiszeichen
aus Babylon, die Dekane aus Ägypten und die Elemente aus Griechenland.
Tatsächlich ist die klassische Astrologie das Ergebnis eines Kulturtransfers und
blickt auf eine jahrtausendealte Tradition zurück. In der alten Welt wurde sie von
Spezialisten ausgeübt, besaß aber zu keiner Zeit eine einheitliche Theorie. So
war es nur natürlich, dass es verschiedene Theorien über den Einfluss der
Sterne und Planeten auf den Menschen gab. Einige wollten den Charakter und
Lebensweg des Menschen, ja das Schicksal ganzer Völker durch die Sterne
determiniert wissen, andere betonten die angeblichen Einflüsse der Planeten auf
das Verhalten der Leute, während wiederum andere im Himmel Vorzeichen auf
zukünftige Ereignisse oder zumindest entsprechende Andeutungen fanden.
Allgemein wurden astronomische Ereignisse wie Kometen oder auffällige
Planetenkonstellationen vielfach als Warnungen und Zeichen interpretiert, auch
im Krieg. Die Philosophen machten sich eigene Gedanken über den Sinn oder
Unsinn der Astrologie. Im Laufe der Zeit wurde die Astrologie verfeinert und zu
einem komplexen, vielseitigen Bezugs- und Bedeutungssystem weiterentwickelt,
sie stand jedoch zu keiner Zeit isoliert von der restlichen Kultur da, sondern
eingebunden in ein reiches Spektrum von Mythen, Astralkulten, astronomischen
Erkenntnissen, kosmologischen Hypothesen, mathematischen Erfassungen,
philosophischen Weltbildern, divinatorischen Vorstellungen, Alchemie, Medizin,
Riten, Politik und Psychologie. Zweifelsohne besitzen die Tierkreiszeichen und
Himmelskörper auch heute eine hohe Symbolbedeutung, sowohl bei den
indigenen als auch bei den kapitalistischen Gesellschaften. Aus diesen Gründen
stößt die Astrologie seit jeher auf großes Interesse bei Fachvertretern der
verschiedensten akademischen Disziplinen (Religions- und
Geschichtswissenschaft, Anthropologie, Psychologie). Bisherige empirische
Studien konnten keine Hypothesen der Astrologie belegen.
Athanatoi, hoi Athanatoi: die Unsterblichen.
Autonomia: Eines der fünf Grundelemente der Demokratie. Autonomia
bezeichnet die Selbstverwaltung der Polis bzw. des Staates. Der Begriff wird
heute gemeinhin mit Eigenständigkeit übersetzt, aber eigentlich bedeutet
Autonomia «Selbstgesetzgebung», «sich selbst Gesetze geben». Sie ist die
Freiheit der Bürger, ihre Gesetze selbst zu beschließen und kann mit dem
heutigen Begriff der Volkssouveränität in etwa gleichgesetzt werden.

B
Bacchanalia: geheimer Dionysos-Kult, der nur Frauen zugänglich war. Wurde
186 v.u.Z. vom Senat in Rom verboten. 7000 der Bacchanalia Überführte wurde
der Prozess gemacht und die meisten davon mit dem Tod bestraft. Die B. wurden
erst in der Spätantike akzeptiert.
Barbaren: Jene, die kein Griechisch sprachen, keine griechische oder
griechisch-römische Bildung genoßen haben. Das Besondere an der
hellenischen Sprache war ihre Musikalität, die anderen Sprachen fehlte. Wurden
diese Sprachen im Beisein von Hellenen gesprochen, verstanden diese deshalb
nur «bar-bar-bar», folglich stand der Barbar für den Nicht-Hellenen. Wurde
zeitweise geringschätzend verwendet (im Sinne von unzivilisiert).

C
Chaos: gähnende Leere; ungeordneter Urstoff, aus dem Gaia hervorging bzw.
heraustrat.
Chthon: Erde; die chthonischen Götter sind die Götter der Unterwelt, des Todes,
aber auch der Fruchtbarkeit.

D
Daimon: in ältester Zeit gleichbedeutend mit Gott, Göttin, Gottheit, das
Schicksal, eine unbestimmte ominöse Wesenheit. Damit können auch die Toten
gemeint sein.
Daimonen: Wesen, die zwischen Gott und den Menschen stehen. Boten der
Götter, ihnen untergeordnet. Stehen über den Heroen. Gemäß den Platonikern
stehen sie den Menschen näher als die Götter. Der Platoniker Empedotimos
meint, dass es Menschen durch Selbstveredelung möglich ist, einen Kontakt zu
den D. herzustellen.
Daimonion: göttliche Macht, Gottheit, etwas Göttliches.
Daimosyne: Kenntnis, Wissen.
Daktyles, Daktylen: Erdgeister. Hierzenberger verwendet für sie den Begriff
Zwerge. Hilfreiche Geister, welche den menschlichen Schmieden an die Hand
gingen, wenn sie angerufen wurden
Danaer: ein griechischer Stamm.
Deisidaimonia: wird mit Aberglauben übersetzt. Furcht oder übermäßige, d.h.
unverhältnismäßige Angst vor dem Tod, den Göttern, göttlichen Strafen und sog.
«paranormalen» Aktivitäten. Mystizismus.
Demokratie: die «Volksherrschaft». Der Begriff setzt sich aus den beiden
griechischen Wörtern Demos (Volk) und Kratos (Macht, Herrschaft) zusammen.
Die Demokratie ist eine Herrschaftsform, in der alle Bürger zu gleichen Teilen an
der Herrschaft partizipieren und die öffentlichen Angelegenheiten («Politik»)
regeln. Die Demokratie ist die selbstregierte Gesellschaft. Das heißt: in der
Demokratie herrschen die Bürger über sich selbst. Beschlüsse und
Entscheidungen kommen durch Los oder Wahl zustande. So werden auch Ämter
vergeben. Das Gemeinwohl steht im Mittelpunkt alles politischen Geschehens
und ist allen Individualinteressen übergeordnet. Daraus ergibt sich das
spezifische Wesen dieser Herrschaftsform, die sich stark von der Monarchie und
Oligarchie unterscheidet. Ihre höchste Institution ist die ekklesia
(Volksversammlung). Ihre Grundelemente oder Hauptmerkmale sind die
Autonomie, Isokratie, Isonomie, Isagorie und Parrhesia. Die D. wird heutzutage
(besonders im Abendland) mit dem Parlamentarismus verwechselt und folglich
mit Parteien und Parlamenten assoziiert. Diese Vorstellung von «Demokratie» ist
der hellenischen Kultur fremd.
Dioskuren, Dioskouroi: Zwillingssöhne des Zeus. Schutzpatrone junger
Menschen.
Divination: siehe Mantik.
Dodekaeder: repräsentiert das Element Aither (Äther), die zwölf Götter des
Olymps, das Sein. Wird heute von manchen als ein Hologramm verstanden,
welches die Wirklichkeit (Universum) darstellt.
Dodekatheon, das: die zwölf olympischen Götter (von dodeka = zwölf und theos
= Gott). Zum Dodekatheon gehören Zeus, Poseidon, Hephaistos, Demeter, Hera,
Artemis, Apollon, Aphrodite, Hermes, Athena, Ares, Hestia. (Manchmal nimmt
Dionysos den Platz der Hestia ein).
Dogma: Meinung, Lehrsatz, Ansicht.

E
Eiothóta, iothóta: das von den Vätern und Müttern übernommene Brauchtum
(siehe auch: Nomizómena).
Eiothótos: nach den Sitten der Väter, nach alter Sitte.
Efktaia Kháris: das Dankesopfer.
Eklektisch: siehe Eklektizismus.
Eklektizismus: Terminus der Philosophie. Zusammenführung und Mischung von
Ideen aus unterschiedlichen philosophischen Schulen, beispielsweise aus der
Akademie (Platonismus) und der Stoa (Stoizismus). Der Begriff wird heute auch
in der Kunst und Architektur verwendet.
Ekphorá: Trauerzug (siehe Kēdhia).
Ékstasis, Ekstase: Zustand des Gelöst-Seins, aus sich heraus treten, Trance.
EN, hen: Einheit, aus der die Götter herausgetreten sind. Deshalb werden die
Götter auch Henádes (dt. Henáden) genannt. Die Götter sind also
«vervielfältigtes Eines». Zeus bei Plethon (Nomoi); die anderen Gottheiten bilden
Hypostasen des Einen. Das Eine ist unpersönlich, daher die Unpersönlichkeit der
Götter.
En kai pan: (dt.: eins und alles, Eins ist Alles) ontologische Formel für das
Welterleben der Alleinheit, des Universums und wechselseitigen Verwobenheit
allen Seins. Findet sich zuerst bei den Vorsokratikern formuliert.
Energie: Tätigkeit, Kraft, Betätigung.
Epanellinismós, Epanellínisi: Rehellenisierung, Wiederhellenisierung.
Bezeichnung für die hellenische Re-Indigenisierung und Revitalisierung.
Epikureismus: siehe Kēpos.
Epistēmē: die Wissenschaft.
Erato: Muse der lyrischen Liebesdichtung und des Gesangs.
Ethnie: siehe Ethnos.
Ethnikí, Ethnikerin: ein Femininum; die Polytheistin. Siehe: Ethnikos.
Ethnikos, Ethniker: (der Ethniker, die Ethniker; ein Maskulinum) bedeutet «der
Ethnie zugehörig» oder «zur Ethnie gehörend». E. sind alle Menschen, die ihrer
ethnischen Tradition folgen und die Götter ihrer Ahnen verehren, Träger eines
indigenen Ethos sind; die Polytheisten, die von den Monotheisten als
«Paganisten» und «Götzendiener» Bezeichneten. Die Hellenen und Römer
wurden von den Juden und später von den Christen Ethniker (ta éthnē) genannt.
Der Ethniker wurde in christlicher Zeit vollends mit dem «Götzendiener»
identifiziert. Im Neugriechischen ist der E. Substantiv und Adjektiv zugleich (1.
national, 2. polytheistisch, «heidnisch»). Im Rahmen der hellenischen
Revitalisierung (Rehellenisierung) wurde das Wort E. streng im Sinne seiner
etymologischen Semantik rehabilitiert, von seiner früheren, abwertend
konnotierten Bedeutung befreit und mit expliziter Betonung seiner Etymologie
(éthos) wieder eingeführt, diesmal als dezidierte Selbstbezeichnung (hellenische
Ethniker; ethnische Hellenen). Da heute aber «Ethnos» mit «Nation» übersetzt,
zwischen Kultur- und Staatsvolk generell nicht differenziert wird, ist die
Notwendigkeit nach einer regelmäßigen Erklärung des Wortes «Ethniker»
gegeben, was wiederum die graduelle Wiederherstellung seiner ursprünglichen
Semantik zur Folge hat, schließlich wurde er auf der Grundlage eben dieser
Semantik in den Neugriechischen Wortschatz eingeführt. Der. E. wird von
einigen Hellenen als Selbstbezeichnung abgelehnt, weil der Begriffe lange Zeit
ein Synonym für «Götzendiener» («eidololatres») war und von manchen
Personen immer noch in diesem Sinne verwendet findet. Diese Ablehnung wird
von anderen Hellenen mit Unverständnis aufgenommen, denn das «Griechische
Wort Ethniker bedeutet eigentlich zum Volk gehörig» (Ch. M. Wieland, J. G.
Gruber: Sämmtliche Werke: Philosophische und kulturhistorische Werke, Bd. 6.
S. 439-440, Göschen 1825), der Rest ist lediglich eine unzulässige Hinzufügung
späteren Datums, die in keinem Verhältnis zu seiner Etymologie steht.
ethnisch (Adjektiv): stammt aus dem altgriechischen Ethnos; bed. vom oder zum
Volk, aus dem Volk. Im Hellenismos: polytheistisch, indigen, authochthon,
eingeboren, anzestral, zur Ethnie gehörend, die Ethnie betreffend. Im
Neugriechischen: von der Nation, aus der Nation, national (z.B. «ta ethnika
zitimata», dt. «die nationalen Fragen»). Das Adjektiv e. wird im Hellenismos im
Sinne seiner Etymologie verwendet. Es ist interessant, dass das Adjektiv
«ethnisch» im Deutschen früher genau in diesem Sinne verwendet wurde,
zumindest in literarischen Kreisen: «Der letzte Versuch, die ethnische
Weltanschauung philosophisch und religiös zu gestalten, ist durch den
Gegensatz gegen das siegreich vordringende Christentum hervorgerufen»
(Deutsche Litteraturzeitung, hg. von Dr. Max Roediger, S. 745, II Jahrgang, Nr.
19, Berlin, 7. Mai 1881). Siehe auch: Ethnismos.
Ethnische Hellenen: die hellenischen Ethniker; jene griechischsprechenden
Menschen, die ihrer Religion, Weltanschauung und ihrem Ethos nach Hellenen
sind. Eine Ethnie ist eine Gruppe von Menschen, deren Einheit auf ein
gemeinsames Ethos zurückgeht. Das Wort Ethnos stammt vom altgriechischen
Begriff Ethos ab (Gemoll). Demnach ist die Ethnie ein Kulturvolk und
unterscheidet sich grundsätzlich vom Staatsvolk der modernen Nationalstaaten.
Wer am indigenen Ethos einer Ethnie partizipiert, ist automatisch ein Ethniker,
will heißen: ein vollwertiges Mitglied seiner jeweiligen Ethnie. Die Hellenen sind
ein Ethnos, welches durch eine gemeinsame Sprache, Religion und ein
gemeinsames Ethos charakterisiert wird (Herodotos, 8.144). Ethnische Hellenen
sind alle griechischsprechenden Menschen, deren Ethnismus (= Identität)
hellenisch ist, dabei ist es irrelevant, ob sie Staatsbürger eines modernen
Staates sind, der den Namen ihrer Ethnie angenommen hat, weil sich sein
Territorium über ihr Land erstreckt oder seine Bürger die griechische Sprache
sprechen, oder ob sie keine Bindung zu einem solchen Staat haben. Ethnische
Identität und Staatsbürgerschaft sind nicht identisch. Der ethnische Hellene ist
ein Mitglied der hellenischen Ethnie, weil er an ihrem Ethnismus partizipiert und
somit Träger ihrer Mentalität ist (Religion, Sprache, Sitten). Bis in die Neuzeit
sind nur die ethnischen Hellenen als Hellenen bezeichnet worden, später bildete
sich der moderne griechische Staat und verlieh allen seinen Bürgern den Namen
des Hellenen, koppelte aber auch ihre Identität an die Orthodoxie. Eigentlich sind
aber nur die Ethniker Hellenen, weil nur sie das besondere Ethos führen,
welches sie als Mitglieder der hellenischen Ethnie auszeichnet. So galten der
Ethniker und der Hellene lange Zeit als Synonyme; «die Hellenen, d.h. die
Ethniker», heißt es z.B. beim Historiographen Dionysios Sourmelis (Κατάστασις
συνοπτική της πόλεως Αθηνών από της πτώσεως αυτής υπό των Ρωμαίων, 2.
Aufl., S. 19, Athen 1842, org. 1816). Bei Konstantinos Oikonomou sind es die
«ethnischen Hellenen» (Περί των Ο, ερμηνευτών της παλαιάς θείας Γραφής,
Buch 4, Band 2, S. 298, Athen 1844), so auch bei G. I. Papadopoulos (Λόγος
Πανηγυρικός, S. 5, Konstantinopel 1900), Panagiotis Ch. Doukas (H Σπάρτη δια
μέσου των αιώνων, S. 351, New York 1922) oder Margaritis Dimitsas (Ιστορία της
Αλεξανδρείας, S. 696, Athen 1885). Und der Philologe Basilios Nikolaos Tatakis
wusste «das ethnische Hellenentum» (ethnikós hellēnismós) vom sogenannten
«Hellenenchristentum» Neugriechenlands zu unterscheiden (Η συμβολή της
Καππαδοκίας στη χριστιανική σκέψη, S. 172, Athen 1960), wie auch das
Patriarchat Alexandriens und Afrikas «die ethnischen Hellenen» (Ethnikoi
Hellēnes) von den griechischsprechenden orthodoxen Christen zu trennen
wusste (Εκκλησιαστικός Φάρος, S. 221, Alexandrien 1908-1932). Aber auch
schon vor der sog. Griechischen Revolution unterscheidete man mit «ethnische
Hellenen» («εθνικοί Έλληνες») die Hellenen von den griechischsprachigen
Christen (Athanasios Parios, Αλεξίκακον Φάρμακον, S. 58, Leipzig 1818).
Während sich im Abendland die Bezeichnung «Paganist» durchsetzte,
bezeichnet der Ethniker in Griechenland noch heute den Kosmotheisten oder
Animisten. So wurde Pierre Chuvins A Chronicle of the Last Pagans
(Cambridge/London 1990) unter dem Titel «Οι τελευταίοι εθνικοί» (Die letzten
Ethniker) ins Griechische übersetzt (Thessaloniki 2003) und E. R. Dodds Pagan
and Christian in an Age of Anxiety (Cambridge 1991) unter dem Titel «Εθνικοί και
χριστιανοί σε μια εποχή αγωνίας» (Ethniker und Christen in einer Zeit der Angst,
Athen 1995). Indes wurde der Begriff Ethniker von der pejorativen Semantik des
«Götzendieners» geläutert und auf dem Sockel seiner Etymologie als
Selbstbezeichnung neu aufgestellt. Der neugriechische Staat heißt offiziell
Hellenische Republik und seine Bürger heißen und verstehen sich alle als
Hellenen, darum wird die Bedeutung des Adjektivs ethnisch bei den Hellenen
stark betont, dient gar als Abgrenzung und Selbstdefinition, und mit der
notwendigen Dopplung des ethnischen Hellenen wird die eigene Autonomie
gegenüber der griechischsprechenden Christenheit unterstrichen. Wird als
Selbstbezeichnung von einigen Hellenen abgelehnt, da sie die Bezeichnung
«Hellene («Έλληνας») für ausreichend halten.
Ethnische Religion: die ursprüngliche Religionsform der Menschheit. Als
Ethnische Religionen werden Religionen oder Kulte bezeichnet, die
typischerweise ethnisch gebunden, auf ein Gebiet begrenzt und von lokaler
Natur sind. Der Begriff bezeichnet die anzestralen Riten und Überlieferungen
einer Ethnie. Die ethnischen Religionen sind parallel zu den Kulturvölkern
gewachsen und mit ihrer kollektiven ethnischen Identität untrennbar verflochten.
Sie bilden einen soziopolitischen Komplex und sind als solcher in das
symbolisch-kommunikative Netzwerk einer Ethnie eingebunden. Ethnische
Religionen sind kulturspezifisch und stark auf ihre natürliche Umwelt konzentriert,
deshalb suchen sie nicht nach weiteren Anhängern oder neuen Gemeinden. Sie
können polytheistisch, animistisch, kosmotheistisch oder alles davon sein und
können darüber hinaus schamanische Einflüsse aufweisen. Die ethnischen
unterscheiden sich in erheblichem Maße von den Offenbarungsreligionen, weil
es sich bei ihnen um gewachsene Kult- und Nationalreligionen handelt, die in
besonderer Weise mit der Kosmologie, aber auch mit dem Siedlungsgebiet und
der natürlichen Umwelt (Berge, Gewässer, Flora) der jeweiligen Ethnie
verbunden sind. Im heutigen religionswissenschaftlichen Diskurs werden mit dem
Begriff der Ethnischen Religion üblicherweise nur die traditionellen Religionen
der nicht-industrialisierten Völker angesprochen, während im Hellenismos die
traditionellen Religionen aller Kulturvölker ethnisch heißen. Im Rahmen einer Re-
Indigenisierungspolitik seitens nativistischer Bewegungen hat sich während der
letzten Jahrzehnte eine organisierte Revitalisierung ethnischer Religionen bei
einer Reihe von Ethnien formiert, zu denen beispielsweise das Volk der Lakota in
Nord- und das der Kayapo in Südamerika zählen. Ein solches Bestreben geht in
aller Regel mit der Restauration der eigenen ethnischen Identität und
Lebensweise einher, die durch den Kolonialismus, die damit einhergehende
Landwegnahme und Christianisierung einer partiellen oder vollständigen
Vernichtung ausgesetzt wurde (Ethnozid). Die populärsten ethnischen Religionen
der Gegenwart sind der Hinduismus und Shintoismus. Im Griechischen lässt sich
die Bezeichnung «ethnische Religion» («εθνική θρησκεία») mindestens bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts, im Deutschen bis ins Jahr 1837 zurückverfolgen.
Ernst Kapp erkannte damals schon im Hellenismos eine ethnische Religion: «Die
griechische Religion war Polytheismus. Der Polytheismus ist die Spitze der
ethnischen Religionen ... Im Vorigen ist der Zusammenhang aufgesucht worden,
in welchem der griechische Polytheismus als ethnische Religion mit den
allgemeinen physischen Mächten steht; es lässt sich aber auch eine weitere
Beziehung desselben zur Natur, und zwar zu der Lokalität des Landes
erkennen» (Dr. Ernst Kapp, Philosophische oder vergleichende allgemeine
Erdkunde als wissenschaftliche Darstellung der Erdverhältnisse und des
Menschenlebens nach ihrem inneren Zusammenhang, Bd. 1, S. 191-192,
Braunschweig 1845). Interessant scheint zudem, dass man bereits damals
wusste, dass eine ethnische Religion mehr als nur «Religion» ist. Der orthodoxe
Theologe Anastasios Diomedes Kyriakos hat dazu folgendes geschrieben: «Die
ethnische Religion war eng verbunden mit der Geschichte, den Sitten, der
Erziehung, der Bildung der Völker, sodass ihr Umsturz notwendiger Weise den
Umsturz aller Systeme, der ganzen Welt der Ideen, Gefühle, Institutionen, Sitten
zur Folge hatte. Abgesehen davon musste der natürliche Respekt vor der Antike
bekämpft werden, wenn die neue Religion sich durchsetzen wollte» (Anastasios
Diomedes Kyriakos, Δοκίμιον Εκκλησιαστικής Ιστορίας: Χάριν των περί την
θεολογίαν σπουδάζοντων, 2. erweit. Aufl., S. 39, Athen 1874).
Ethnismos (lat. Ethnicum, dt. Ethnismus): ethnische Religion und Tradition
(früher als «Paganismus» und «Götzendienst» bezeichnet), aber auch Ethnizität,
ethnische Identität und kulturelles Bewusstsein, Heimatliebe (Philopatrie), heute
auch Nationalbewusstsein. Der Begriff «Ethnismos» («εθνισμός») taucht im
Griechischen zum ersten Mal 1826 auf. 1827 wird es in Isaak Lowndes’ «Modern
Greek and English Lexicon» als Synonym für «die Religion der Ethniker» geführt
(«Paganism, ουσ., η θρησκεία των εθνικών, εθνισμός», dt. «Paganismus, Subst.,
die Religion der Ethniker, Ethnismos», S. 359). Der E. ist ein komplexer und für
die Hellenen wichtiger Begriff. Mit ihm wird im Hellenismos die ethnische Identität
auf der Grundlage der ethnischen Religion, des ethnischen Wertesystems und
der Sprache zum Ausdruck gebracht, zumal Religion, Identität, Wertesystem und
Sprache hier als Einheit wahrgenommen werden. Der Begriff leitet sich aus dem
altgriechischen Wort «Ethnos» («Ethnie») ab, das von den ethnischen Hellenen
streng im etymologischen Sinne verwendet wird. «Ethnos» selbst stammt
wiederum vom altgriechischen «Ethos» ab (Charakter, Brauch, Sitte,
Lebensweise). Demzufolge ist die Ethnie eine Gruppe von Menschen mit einem
gemeinsamen Ethos. Die westeuropäische oder moderne Semantik von
«Ethnos» («Ethnie») und «ethnisch» (wie auch die dahinterstehenden
Vorstellungen) werden vom Hellenismos abgelehnt (so zum Beispiel das der
«Rasse», ein westeuropäisches Konzept aus dem 17. Jahrhundert, das den
Hellenen logischer Weise fremd war, weshalb es in der hellenischen Sprache
auch kein Wort für «Rasse» gab. «Phyle», das Wort, welches im heutigen
Griechenland für «Rasse» verwendet wird, stammt aus dem Altgriechischen und
bedeutet ursprünglich «Stamm» oder «Klan». Die «phylai» waren soziale und
politische Unterteilungen des Ethnos). Der Ethnismus wird in modernen
Wörterbüchern fast ausschließlich nur mit «Nationalbewusstsein» oder
«Nationalität» übersetzt, in manchen englischen und deutschen Lexika gar als
ein Synonym für «Nationalismus» verzeichnet, ein Umstand, der von mangelnder
Kenntnis der Materie zeugt. Im Gegensatz zum homogenisierenden
Nationalismus (der die natürliche Diversität zwischen und innerhalb der Ethnien
kontrastiert), setzt der inhomogene Ethnismus die ethnische Identität nicht mit
Nationalstaaten oder Staatsbürgerschaften gleich, sondern mit der Kultur und
Religion, dem besonderen Ethos der jeweiligen Ethnie. Bereits diese Tatsache
zeigt, dass eine sorgfältige Differenzierung zwischen Ethnismus und
Nationalismus geboten ist. Der Ethnismus kann schon deshalb nicht mit dem
Nationalismus gleichgesetzt werden, weil er so alt ist wie die Ethnien selbst. Der
Nationalismus hingegen ist «eine moderne Bewegung» (Encyclopaedia
Britannica: Nationalism) und genau dieses Faktum führt eine solche
Gleichsetzung ad absurdum. Siehe auch: ethnisch (Adjektiv).
Ethnizität: die kollektive ethnische Identität; ethnisches Bewusstsein, welches
sich aus der gemeinsamen Kultur, Symbolik und Religion speist. Hierdurch
unterscheiden sich die Kultur- von den Staatsvölkern.
Ethnodiversität: die Vielfalt, Polymorphie und Unterschiedlichkeit zwischen und
innerhalb der Ethnien; die Vielfalt von Sprachen, Sitten, Mythen, Religionen,
Weltanschauungen und Lebensweisen (Kulturen). Die Ethnodiversität ist das
Hauptcharakteristikum der Ethnosphäre. Der Erhalt der ethnokulturellen Vielfalt
wird durch die Christianisierung, die Islamisierung, den internationalen
Kulturimperialismus und heute vor allem durch den Klimawandel bedroht.
Ethnos: Volk, Stamm, Kulturvolk, eine Gruppe von Menschen mit einem
gemeinsamen Ethos (Charakter, Verhalten, Sitten, Gepflogenheiten). Das Wort
Ethnos stammt vom altgriechischen Begriff éthos ab. Die Ethnien sind
inhomogene, polymorphe und durch ein soziokulturelles Netz
zusammengehaltene souveräne und selbstständige Einheiten, die sich über
ihren Ethos (Sprache, Sitten, Götterkult) definieren. Ethnien werden auch als
Kulturvölker bezeichnet.
Ethnosphäre: die ursprüngliche oder natürliche Gesamtheit aller
Weltanschauungen, Mythen, Religionen, Sitten, Wertesysteme, Vorstellungen,
Denk- und Lebensweisen und Ethnien; der natürliche Zustand der Menschheit,
der durch Vielfalt und einer Inhomogenität der Kulturen charakterisiert ist. Jener
Raum, in dem Ethnien entstehen, wachsen und sterben. Ihr Gegenteil ist die
globale Einheitskultur (Kulturelle Globalisierung).
Ethnozid: kultureller Völkermord, Kulturmord. Die gezielte Vernichtung der
Religion, Sprache oder Lebensweise einer Ethnie.
Ethos: Gewohnheit, Verhalten, Charakter, Gepflogenheit, Sitte, Brauch, Seins-
oder Lebensweise. Bei Heraklitos wird das Ethos eines Menschen zu seinem
Schicksal. Das Ethos eint die verschiedenen Stämme und Sippen und steht
somit am Anfang jeder Ethnie, ist ihr Fundament und Bezugspunkt. Das Ethos ist
das ethnienbildende Element par excellence.
Euchē, efchē: Bitte, Gebet.
Euhemerismus: eine von Euhemeros aus Messene (340-260) erfundene
Theorie, wonach die Götter keine kosmischen Mächte, sondern lediglich
verstorbene weise Herrscher gewesen sein sollen, die nach ihrem Tod wegen
ihrer Verdienste zu Göttern erhoben wurden. Auf diese Weise soll der Kult der
griechischen Götter zustande gekommen sein. Der Euhemerismus gehörte zu
den degenerativen Erscheinungsformen der damaligen Epoche. Durch seine
entwertende Profanisierung und Vermenschlichung der Götter fügte er den
religiösen Sitten des Volkes ernsten Schaden zu.
Eusébeia, die: Pietät. Der Götterkult, die von den Ahnen tradierten Kulte. Die E.
drückt sich im Ritualismus aus (siehe Orthopraxie).
eusebéo: etwas mit Ehrfurcht behandeln, verehren, anbeten.
Eutaxie, Eutaxia: gute Ordnung.
Euterpe: Muse der Musik.
Exeumenisterion: Sühneopfer.

G
Ghámos: (Tag der) Hochzeit; hat einen hochgradig symbolischen Charakter und
ist das Fundament der Bürgerschaft.
Goetia, die: Zauberei, Hexerei, die «schlechte Kunst» (kakotechnia), schwarze
Magie, Schadenszauber. Die Magie ist der Versuch, dem Kosmos den eigenen
Willen aufzudrücken, die Götter zu «zwingen». Die griechische Magie ist
größtenteils Sympathiemagie. Die Magie ist im Hellenentum äußerst negativ
besetzt und mit dem Prinzip der Pietät unvereinbar. Obwohl es Menschen gab,
die die Dienste der Magier in Anspruch nahmen, war die Magie den Hellenen
suspekt, vielen gar ein Gräuel. Für Apollonios von Tyana war der Magier «eine
verabscheuungswürdige Kreatur» (Phil., Leben des Apollonios von Tyana, 8.7.3-
10), für Plotinos waren sie «schlechte Menschen» (4.4.40-44). Die Magie wird
mit Leichenschändung und Nekromantie assoziiert.
Gruß: die Hellenen gaben sich die Hand und grüßten einander, wie auch ihre
Götter, mit chaire (Grüß dich, Sei mir gegrüßt).

H
Hades: Gott und Herrscher über das Reich der Toten («Unterwelt») und
gleichzeitig Name für die Unterwelt.
Heilkunde, antike: in den Tempeln des Asklepios von Ärzten und Heilern
praktiziert; Diät, Kuren, Traumdeutung, Inkubation, Hypnose, Phythotherapie
(Pflanzenheilkunde), Psychotherapie und Psychosomatik (Seelenheilkunde, z.T.
Philosophie), Bäder, Hypnotherapie, Philosophie (erwähnenswert ist die gesunde
epikureische Ernährung). Kann mit Geistheilung ergänzt werden (Reinigungs-
und Heilungsriten) und Aromatherapie (Steigerung des Wohlbefindens). Die
hellenische Heilkunde ist holistisch. Es liegt nicht im Interesse des Patienten, die
eine Therapie zugunsten einer anderen aufzugeben (Dualismus), außer es
liegen medizinische Vorbehalte vor. Eine solche Entscheidung wäre unvorteilhaft,
u.U. sogar lebensgefährlich. Aufgrund der hellenischen Weltanschauung, sieht
man in der trad. Heilkunde, Geistheilung und wissensch. Medizin keine
Gegensätze, sondern eher ergänzende Therapieverfahren.
Zusätzlich zur antiken Heilkunde können Hellenen die klassische Meditation zur
Entspannung und Stressreduktion in ihr Genesungsprogramm aufnehmen (von
Ärzten empfohlen), Aktive Imagination zur Heilung von Traumata (der Nutzen der
Visualisation war den Hellenen bekannt) oder trad.-japan. Shiatsu zur Steigerung
des Wohlbefindens (harmoniert mit der Hippokratischen Lehre). Der Patron der
hellenischen Heiler ist Asklepios. Zu seinem Gefolge gehören Epione, Hygia und
der Daimon Telesphoros (siehe auch: Medizin).
Helladisch: das griechische Land bzw. Festland betreffend. Der Ausdruck
Helladisch hat in der Wissenschaft eine andere Bedeutung.
Helladische Staat: der sog. «Griechische Staat»; der heutige Staat in
Griechenland, Staat auf griechischem Boden; der moderne Nationalstaat, der im
Jahr 1830 ausgerufen wurde und der sich in seinem Selbstverständnis auf die
Orthodoxe Kirche des byzantinischen Ritus und auf die Vorstellung stützt, die
Fortsetzung der griechischen Kultur zu sein. Seine Grenzen erstrecken sich über
das hellenische Mutterland und andere hellenische Stammgebiete. Der Begriff
bezeichnet also einen Staat auf hellenischem Boden.
Helladiten, die: Einwohner Griechenlands, die in Griechenland lebenden
Menschen (unabhängig von ihrer ethnischen oder kulturellen Zugehörigkeit),
kann auch mit «Festland-Griechen» übersetzt werden. Im ethnischen
Hellenentum werden mit dieser Bezeichnung ganz allgemein die
griechischsprachigen orthodoxe Christen, sprich: die Rhomäer in Griechenland,
gemeint.
Hellenismos: die hellenische Lebensweise, der hellenische Weg, der
hellenische Ethnismus. Sprache, Religion, Sitten und Lebensweise der Hellenen,
die in Summe ihre ethnische Identität ausmachen. Der Begriff selbst ist antik und
bedeutet «der Hellenen [...]. II. Verwendung eines klaren hellenischen Stils und
Idioms» (Liddell/Scott, S. 536). In der Antike «bezeichnete er die Beherrschung
der griechischen Sprache, darüber hinaus auch die Aneignung griechischer
Kultur und Religion. In diesem letzteren Sinne wurde der Begriff von denjenigen
negativ verwendet, die Polytheismus, den ‹Götzendienst›, der Griechen
ablehnten, zunächst von Juden, später von den Christen» (Heinz Heinen,
Geschichte des Hellenismus, S. 9, München 2003). Das ist der Grund, weshalb
«der Hellenismos» oft undifferenziert mit dem Ethnismus («Polytheismus»)
gleichgesetzt wurde. Der Begriff wurde erst von Kaiser Julian (330-363) zum
offiziellen Namen der hellenischen Religion gemacht, weil diese eben nicht nur
die Weltanschauung, sondern ebenso die politischen Vorstellungen, die
Bildungstradition (paideia) und Kultur der Hellenen umfasst (Marion Giebel,
Kaiser Julian Apostata, S. 8, Düsseldorf 2006). Der Hellenismos ist sowohl Kultur
als auch Religion. Im modernen Griechenland war der Begriff noch vor zwei
Jahrhunderten negativ konnotiert, wurde mit «Götzendienst», der «hellenischen
Irrlehre» und dem «Trug der Götzen» assoziiert. Dies änderte sich nach der
Revolution von 1821 und im Zuge der neugriechischen Nationsbildung. Das
christliche Griechenland eignete sich sukzessive den Begriff Hellenismos an,
identifizierte den H. mit der Romiosini und setzte ihn schließlich offiziell mit der
griechischen Staatsbürgerschaft gleich, so dass im heutigen Griechenland unter
«Hellenismos» etwas völlig anderes verstanden und bezeichnet wird als im
Hellenismos selbst, nämlich ganz allgemein «die Griechen» (ho hellenismos tis
germanias = Die Griechen in Deutschland). Die ethnischen Hellenen halten an
der ursprünglichen Bedeutung fest, die im Wort selbst angelegt ist. Die
Wiederaneignung des «Hellenismos» seitens der Hellenen hat in Griechenland
zu Konflikten und Streit geführt, weil die orthodoxen Christen den Hellenismos
nun mit dem orthodoxen Christentum identifizieren und die Rehabilitierung des
Begriffs als Angriff auf ihre Identität werten, wobei sie unter Hellenismos nicht
diesen selbst meinen, sondern die Romiosini. Die Hellenen machen die neuere
staatliche Geschichtsschreibung und den Staat für diese Verwirrung der Begriffe
verantwortlich.
Hellenisten, die: zunächst eine Bezeichnung für die griechischsprachigen Juden
der Diaspora, die im Rahmen der Hellenisierung des Nahen Ostens mit der
griechischen Kultur in Kontakt kamen und griechische Kulturelemente
übernommen hatten (Sprache, Bildung, Sitten); sind auch als Hellenizontes («die
Griechischlebenden») bekannt, als Juden, die einen griechischen Lebensstil
pflegten. Dieses Judentum wird mit dem Begriff «Hellenistisches Judentum»
bestimmt. Später eine Bezeichnung für die sogenannten Judenchristen, die
ersten Jesus-Anhänger. Paulus von Tarsus, der Gründer des Christentums, war
ein hellenistischer Judenchrist. In der Spätantike wandelte sich die Bedeutung
des Hellenisten wieder; damit waren jetzt alle Bewohner des Römischen Reiches
gemeint, der nicht nur Griechisch sprachen, sondern den traditionellen Kulten,
der hellenisch-römischen Tradition angehörten, so explizit bei Kaiser Julian. In
Neugriechenland werden damit vor allem die Altertumsforscher gemeint, die die
griechische Kultur erforschen; diese spezielle Disziplin der
Altertumswissenschaften wird «Hellenistik» genannt. Aus diesem Grund werden
Jean-Pierre Vernant und Jacqueline de Romilly als Hellenisten bezeichnet. Der
Begriff wird manchmal auch für die «Liebhaber» oder «Bewunderer der
griechischen Kultur» verwendet. Im Hellenismos wiederum dient der Begriff zur
Bestimmung der Nichthellenen, die den Hellenismos praktizieren. Vor allem aber
dient er diesen Menschen als Selbstbezeichnung.
Hellenizität, Hellenikotita: griechisches Gepräge, Hellenentum, griechische
Kulturidentität.
Henádes, Henáden: die Götter; die Mächte, die aus der Einheit, dem Einen
herausgetreten sind (siehe auch: Theoi).
HER: Abkürzung für «hellenische ethnische Religion». Die Bezeichnung
«hellenische ethnische Religion» wurde vom YSEE geprägt, der auch den
offiziellen Träger der HER bildet. Andere Kollektive lehnen diese Bezeichnung
ab, zumal die HER mit dem YSEE assoziiert und als die hellenische Religion
verstanden wird, wie sie allein der YSEE begreift, deutet und praktiziert. Der
YSEE definiert die HER als die ungebrochene, kontinuierliche hellenische
Religion, wie sie im Untergrund von Generation zu Generation bis in die neueste
Zeit hinein weitergegeben wurde. Dem YSEE zufolge ist die «hellenische
ethnische Religion» seit dem Jahr 1730 die offizielle Bezeichnung für die
hellenische Religion. Seit dem Jahr 2010 bildet die Theorie der ungebrochenen
Kontinuität die offizielle Linie des YSEE. Im Jahr 2017 wurde die HER vom
griechischen Staat als «bekannte Religion» anerkannt. Die HER grenzt sich von
anderen Trägern der hellenischen Religion ab. Siehe auch: YSEE.
Hermetismus, Hermetik: der H. war eine ägyptische Geheimlehre, Produkt des
jüdisch-ägyptischen Synkretismus und seiner Vermählung mit griechischem
Gedankengut (Platonismus, Stoa). Zudem weist er Einflüsse aus dem
Gnostizismus auf. Als Verfasser der hermetischen Schriften wurde Hermes
Trismegistos ausgegeben. Dieser war jedoch nicht der altgriechische Hermes,
sondern der Ägyptergott Thoth. Auf der Encyclopaedia Britannica lesen wir: «Die
in griechischer und lateinischer Sprache verfasste Sammlung stammt
wahrscheinlich aus der Mitte des 1. bis zum Ende des 3. Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung». Die Schriften wurden in der Form platonischer Dialoge
niedergeschrieben und lassen sich in zwei Hauptkategorien unterteilen: «den
‹populären› Hermetismus, der sich mit Astrologie und den anderen okkulten
Wissenschaften befasst; und den ‹erlernten› Hermetismus, der sich mit
Theologie und Philosophie befasst.» Beide Formen des Hermetismus scheinen
in der «griechisch-ägyptischen Kultur der ptolemäischen und römischen Zeit
entstanden zu sein» (Encyclopaedia Britannica: Hermetic writings). Der H. stand
den ethnischen Göttern eher feindlich gegenüber, degradierte sie teilweise zu
bösen Geistern. Vom H. wird oft fälschlich angenommen, dass er zum
Hellenismos gehöre, tatsächlich wird der H. in hellenischen Publikationen kaum
erwähnt, findet auch auf hellenischen Online-Plattformen keine Beachtung, was
sicherlich auch auf das mangelnde Interesse der Hellenen an Mystik und
Offenbarungen zurückzuführen ist. Christliche Apologeten und Esoteriker in
Griechenland rekurrieren auf die hermetischen Schriften, wollen in ihnen den
Beweis für einen Monotheismus der alten Griechen gefunden haben, zumindest
ihrer Philosophen. Zudem werden die «Offenbarungen des Hermes
Trismegistos» gelegentlich auch als Zeuge für die Richtigkeit der christlichen
Offenbarung und deren angebliche Vereinbarkeit mit dem Hellenentum genannt.
Doch nützt der Rekurs auf die hermetischen Schriften nichts, weil der H. nicht
zum Hellenismos gehört.
Hiera: pl., die heiligen Kultgeräte, die Gegenstände des Götterkults.
Hieropraxie: der Ausdruck Hieropraxie (heilige Handlung, sakraler Akt)
bezeichnet die heiligen Kultriten der hellenischen Religion, insbesondere die
Opferhandlung, und wird daher synonym zu Orthopraxie gebraucht. Siehe auch:
Orthopraxie.
Hieron: das Heiligtum.
Hybris: Überheblichkeit, Zügellosigkeit, Dreistigkeit, Arroganz. Anmaßung in
Wort und Tat gegenüber den Göttern.
Hylozoismus: von Hyle (Materie) und Zoe (Leben), Lehre von der Belebtheit der
Materie. Die Vorsokratiker, die ersten griechischen Philosophen, waren
Hylozoisten. Auf der Suche nach der Arche, dem Urstoff des Universums, fand
Heraklit sie im Feuer, Thales erklärte das Wasser zum Urstoff, Anaximenes die
Luft, Pythagoras fand sie in der Monade (die Zahl 1) und Anaxagoras im Nous.
Alle diese Stoffe, vom Feuer zur Monade bis zum Nous, wurden aus winzig
kleinen Materieteilchen bestehend gedacht. Der Hylozoist und Stoiker Vlassis G.
Rassias beschreibt den Hylozoismus mit den Worten: «Alles ist Materie. Die
Götter, Gedanken, eben alles. Alles ist Materie, lebende Materie». Der
Hylozoismus wird manchmal mit dem Materialismus verwechselt.
Hýparxis: Existenz.

I
Iama, pl. Iamata: Heilung durch eine Gottheit, meistens Asklepios. Ein Beispiel
aus der Geschichte: Im Jahr 350 besuchte ein Junge zusammen mit seinem
Vater das Heiligtum des Asklepios in Epidauros. Der Junge war seit seiner
Geburt taubstumm. Nach dem Opferritus und den Riten, die Vater und Sohn
gemeinsam verrichteten, kam ein Priester zu den beiden und schaute sich den
Jungen an. Er sagte dem Vater, dass eine Weihgabe innerhalb des Jahres
notwendig sei, um das zu erhalten, was sich der Vater wünschte. Noch bevor der
Vater antworten konnte, rief der Junge: «Ich verspreche es!» Sein Vater konnte
nicht glauben, was gerade passiert ist. Er bat den Jungen, er möge doch wieder
etwas sagen. Der Junge wiederholte, dieses mal etwas lauter: «Ich verspreche
es!» (Iamatische Inschrift Epidauros, IG IV²,1 121). Solche Heilungserlebnisse
werden als Iamata bezeichnet.
Iatromantie, Iatromantik: rituelle Heilkunst. Der Begriff setzt sich aus «iatros»
(Arzt, Heiler) und «mantike» (Divination) zusammen. Die Iatromantie ist eine
Bezeichnung für Reinigungs- und Heilungsriten, die neben der offiziellen Religion
existieren oder in ihren Institutionen (Heiltempel) eingebunden sind. Man könnte
sie als das hellenische griechische Pendant zum Schamanismus beschreiben.
Iatromanten werden auch als Reinigungspriester bezeichnet. Bekannte
Iatromanten der Antike waren Abaris, Hermotimos, Aristeas und Epimenides.
Mehr dazu unter: Heilkunde.
Idea, pl. Ideai: bei Platon sind alle Dinge in der materiellen Welt nur ein Abglanz
oder Schattenbilder der ewigen und unveränderlichen Ideen, der Urbilder aus der
immateriellen Welt.
Idolon, das: Statue, Figur, Bildnis. Seine Pluralform (ta eidola) bezieht sich auf
die Götterbildnisse.
Indigenisierung: ein Begriff aus der Ethnologie, der den Widerstand indigener
Völker gegen die Assimilation an das Abendland, seine Denk- und
Wirtschaftsweise bezeichnet. Dabei können technische oder funktionale
Elemente aus der westlichen Welt zwar aufgenommen und auf die eigenen
Bedürfnisse angepasst werden, doch wird damit die Bewahrung der eigenen
Ethnizitität beabsichtigt und keine Unterwerfung an den Westen. Demnach ist die
Indigenisierung als selbstgewählte Erneuerung und nicht als Modernisierung zu
werten. Eine Erneuerung setzt auf technischen, medizinischen oder
sozialrechtlichen Fortschritt, während die Modernisierung auf eine Anpassung an
den Westen, der als Maßstab zivilisatorischer Entwicklung gehandelt wird, und
sein lineares Zeitverständnis hinausläuft.
Iris: Botin der Götter; hält die Verbindung des Menschenreiches zum Reich der
Götter intakt.
Isegoria: Eines der fünf Grundelemente der Demokratie. Die Isegoria ist eng mit
der Parrhesia verwandt und wird heute allgemein als Redefreiheit übersetzt,
dabei steht dieses Prinzip für das gleiche Rederecht vor der ekklesia
(Volksversammlung), der höchsten Institution der Demokratie.
Isokratie: Eines der fünf Grundelemente der Demokratie, das allen Bürgern
einen gleichen Anteil an der Macht und öffentlichen Verwaltung des Staates
garantiert.
Isonomie: Eines der fünf Grundelemente der Demokratie. Die Isonomie
bezeichnet die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

K
Kalender: nahezu jede griechische Polis hatte eigene Kalender und
Monatsnamen. Heute orientieren sich die meisten Hellenen am Attischen
Kalender, der mit dem Monat Hekatombäon beginnt (ca. 23. Juni - 23. Juli) und
mit Skirophorion endet (ca. 24. Mai - 22. Juni), zumal die meisten Hellenen in
Athen bzw. in Attika leben. Der Attische ist ein Lunarkalender. Es gibt eine Anzahl
von Hellenen, die ihren Kalender an den Gregorianischen anpassen, was die
Zahl der Tage und die Monats- und Jahresanfänge betrifft, sie übernehmen aber
nicht die heute üblichen Monatsnamen, sondern verwenden weiterhin die
attischen Monatsnamen: Gamelion (Januar), Anthesterion (Februar),
Elaphebolion (März), Munikhion (April), Thargelion (Mai), Skirophorion (Juni),
Hekatombäon (Juli), Metagitnion (August), Boedromion (September),
Pyanepsion (Oktober), Mämakterion (November), Poseidion (Dezember). Die
Monate werden in drei 10-Tage-Wochen unterteilt, die erste Woche heißt
Istamenos (zunehmender Mond), die zweite Mesountos (Mitte des Monats), die
dritte Fthinontos (abnehmender Mond). So haben wir den ersten, zweiten, dritten
etc. Istamenos des Monats X oder Y usw. Die dritte Woche wird in vielen Fällen
rückläufig gezählt.
Je nach Wohnort oder Herkunft (Attika, Kreta usw.) wird ein anderer Kalender
befolgt, deshalb können sich bei den Monatsnamen Unterschiede ergeben und
Feste gefeiert, welche lokalabhängig, daher nicht von allen begangen werden.
Es kann also sein, dass die Hellenen in Serres beispielsweise einen anderen
Namen für den Monat Anthesterion haben und andere Feste feiern, als die
Hellenen in Athen oder Kreta. Manche Feste sind polisabhängig und würden an
anderen Orten keinen Sinn ergeben. Jedenfalls bemüht man sich um einen
gemeinsamen Konsens, ohne dabei das lokale Element, Merkmal einer jeden
ethnischen Religion, zu eliminieren. Mehr dazu unter: Zeitrechnung.
Kalliope: Muse der Dichtung. Ein beliebter Mädchenname im modernen
Griechenland.
Kalokagathía: das andere, wohl bedeutendere Ziel der Paideia. Die K. bedeutet
einen schönen (kálos), also wohlgeformten Körper zu haben und einen ebenso
guten (agathós) Geist durch das Kultivieren von Tugenden wie Tapferkeit,
Gerechtigkeit, Pietät und Besonnenheit. Dieses Ziel steht heute im Vordergrund
und hat die Allgemeinbildung, welche in unserer Zeit eine andere ist, auf den
zweiten Platz verdrängt.
Kakón: das Schlechte, seltener, das Böse; etwas oder jemand, der unfähig oder
unwürdig ist, unhöflich, dreist, vulgär, feige, gemein, scheußlich, niederträchtig et
cetera. Der Epikureer Marios Verettas gibt hierzu zwei Beispiele aus der
altgriechischen Literatur: 1. Aristoteles nennt das Schaf «das schlechteste unter
den Vierbeinern» und meint damit, dass das Schaf das feigste Tier von allen sei.
2. Theokritos erwähnt einen Soldaten und nennt ihn «Kákisto Stratióte», einen
schlechten Soldaten, weil er sehr feige gewesen sein soll.
Karien: Küstenland im südwestlichen Kleinasien, gehört heute zum Staatsgebiet
der Türkei. K. wurde schon sehr früh von Hellenen besiedelt (Kolonialstädte), die
an der Küste ihre Städte errichteten. Die karische Sprache gehört zur
indoeuropäischen Sprachfamilie. Spuren des Mutterrechts blieben in K. noch
lange Zeit am Leben.
Katharmós: Reinigung; mit Weihwasser, Bäder im Meer oder in fließenden
Gewässern, Verbrennung von Weihrauch u.a.
Kēdhia: Begräbnis. Der Tote wird gewaschen, mit aromatischen Ölen
eingerieben, in weiße Gewänder gelegt ohne das Gesicht zu verschleiern und
mit Bändern umwickelt. So liegt er ca. zwei Tage auf einem Totenbett, das
innerhalb des Hauses aufgestellt wird. Es findet dann der Leichenzug statt (von
der Polis zur Nekropole), und der Verstorbene wird entweder beerdigt oder
eingeäschert, beide Bräuche sind überliefert. Es werden verschiedene Gaben
auf dem Grab gelegt, heutzutage meist Lebensmittel. Es folgt das Trankopfer
und Tage danach der Leichenschmaus. Reinigungsriten finden statt, um jene zu
reinigen, die mit der Leiche des Verstorbenen in Berührung kamen. Der Tote wird
an seinem Geburtstag geehrt.
Képos, der: der Garten. Die Schule und Lebensweise des Epikuros.
Khernips: geweihtes, gesegnetes Wasser. Es existieren verschiedene
Möglichkeiten zu seiner Herstellung, z.B. Meersalz mit Quellwasser in einem
Krug vermischen, das eine Ende eines Oliven- oder Lorbeerzweiges am Feuer
der Hestia entzünden und ins Wasser, im Krug tauchen (aus einer Quelle oder
anderem fließ. Gewässer), dabei kann ein Gebet an Apollon und die Kureten
gesprochen werden. Khernips wird, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, vom
Ort des sakralen Geschehens entfernt, da es unrein geworden ist. In den
öffentlichen Zeremonien unserer Zeit besprenkeln die Priester den Altar mit
Salzwasser und verwenden hierfür Lorbeerblätter. Erst später werden dann z.B.
Rauchopfer gebracht und die bis zu diesem Zeitpunkt verhüllten Bildnisse der
Götter den Augen der Gemeinschaft preisgegeben. Der Thiasos Delphys, der
vom YSEE unterhalten wird, weiht seinen mobilen Altar immer wieder neu mit
Khernips, wenn er diesen für die heiligen Riten in der Natur oder bei alten
Heiligtümern aufstellt. Wird auch im Hauskult verwendet, und auch bei
kathartischen oder apotropäischen Riten.
Kirke: mythische Zauberin; Tochter der Hekate.
Kleinasien: asiatische Kleininsel. Seit dem 2. Jahrtausend v.u.Z. die Heimat
indoeuropäischer Völker (Hethiter, Karer, Lyder). Seit 1250 v.u.Z. sind auch
Thraker und Hellenen in K. hinzugewandert. In K. befinden sich bedeutsame und
berühmte Städte wie Pergamon, Ephesos und Smyrna. Der Tempel der Artemis
in Ephesos war eins der Sieben Wunder der Antike.
Klio: die Muse der Geschichtsschreibung.
Kolonien: seit dem 8. Jh. wurden Poleis außerhalb der Heimat gegründet.
Gründe hierfür waren u.a. die mangelnde Getreideversorgung und
Arbeitslosigkeit junger Männer. Mehr als 1500 solcher Kolonien wurden von den
Griechen geschaffen, oft auf Anraten eines Orakels, z.B. des delphischen. Eine
Kolonie war eine Ansiedlung von Hellenen, die an unbewohnte Küsten zogen,
eine neue Polis bauten und Handel trieben. Die K. waren unabhängig von der
Heimat, ihr aber weiterhin verbunden, Gründe hierfür waren: familiäre
Beziehungen, religiöse Bindungen, gemeinsame Gepflogenheiten.
Kosmogonie: Lehre von der Entstehung der Welt. Die älteste vollständige
Kosmogonie, die schriftlich erfasst und uns überliefert ist, ist die K. des Hesiodos
aus dem 7. Jh. v.u.Z. (Am Anfang war das Chaos da. Aus dem Chaos entstieg
Gaia, Mutter Erde, dann erschien Eros. Chaos und Gaia generierten beide
weitere göttliche Mächte; im Verlauf der Geschichte erhält die Welt ihre
Ordnung.) Bei der Entwicklung ihrer Weltanschauung knüpfte die Orphik an
Hesiodos’ Theogonie an.
Kosmos: die Welt, Weltordnung. Ordnung, Schmuck. Das neugriechische
Substantiv Kósmima (Schmuckstück) und Verb kosmízei (schmücken) leiten sich
beide von Kósmos (Κόσμος) ab. Steht im Mittelpunkt der hellenischen
Weltanschauung, die sich um das Universum dreht, wie die Erde um die Sonne.
Kosmothéasis: Weltanschauung, Weltverständnis. Ein neuzeitlicher Begriff.
Kosmotheismus: ein neuer Begriff für ein sehr altes Konzept des Universums
und der ersten Ursache; gemäß dieser Vorstellung ist das Universum aus sich
selbst heraus entstanden. Das Universum spielt eine zentrale Rolle in dieser
Anschauung und steht an Wichtigkeit auch über den Göttern.
Kreitontes: die Mächtigen. Ein Titel für die Götter und die Toten.
Kult: Verehrung, Anbetung, Religion im weitesten Sinn. Kommt aus dem
Lateinischen und bedeutet «Pflege»; seine griechische Entsprechung ist das
Femininum «Latreia/λατρεία». Wird z.B. in den USA gern verwendet, weil es den
Charakter der traditionellen Götterverehrung besser trifft, als der Begriff Religion,
der seinerseits an Glauben und Katechese denken lässt, an heutige Religionen,
welche sich aber von den antiken grundlegend unterscheiden. Der Kult hat die
Zeremonie, die (korrekte) Ausübung der Riten zum Mittelpunkt des Geschehens.
Er bedeutet Pflege und Fortsetzung der vorväterlichen rituellen Tradition
(Orthopraxie). Und genau darum geht es. Intern nennt man die hellenische
Religion Eusebeia oder «ta patria» (das Väterliche, das von den Ahnen
Übernommene).
Kykladen, Kykladenkultur: die Kk. (2600 v.u.Z.) entstand unabhängig von der
Sesklokultur, weist darüberhinaus kretische Einflüsse auf.
Kyrenaiker: philosophische Schule oder Lebensweise, die vom Schüler des
Sokrates Aristippos aus Kyrene (435-360) gegründet wurde. Gemäß dieser
Lebensweise besteht das höchste Ziel des menschlichen Lebens im Erlangen
von Lust und Genuß.

L
Labrys: die Kultgemeinschaft Labrys ist ein vom YSEE unabhängiges
hellenisches Kollektiv, welches sich beherzt für die Revitalisierung der
hellenischen Kultur engagiert. Labrys orientiert sich stark an das Klassische
Zeitalter und legt großes Gewicht auf die Kultpraxis. Seit Kurzem unterhält die
Gemeinschaft Räumlichkeiten, die für das Abhalten von Seminaren und
Vorträgen vorgesehen sind. Sie organisiert jedes Jahr die Attischen Dionysien
und die Phallophorien im Zentrum von Athen. LABRYS und YSEE sind komplett
verschiedene Kollektive und haben nichts miteinander zu tun.
Lethe: Fluss in der Unterwelt. Trinkt die verstorbene Seele aus der Lethe,
vergisst sie ihre Vergangenheit und alle vorherigen Erfahrungen.
Literatur, griechische: das gesamte schriftliche Werk der griechischen Kultur:
Epos, Lyrik, Komödie, Drama/Tragödie, Geschichtsschreibung, Mythos,
Mathematik, Astronomie, Astrologie, Botanologie, Zoologie, Mineralogie, Physik,
Philosophie (Theologie, Ontologie, Kosmologie, Ethik), Politik, Biografien et
cetera.
Logik(ē): Vernunft; richtiges, zusammenhängendes Denken. Schlüsse ziehen,
Argumente formulieren, Beweise bringen. Gebrauch vom rationalen Teil der
Seele, dem göttlichen Funken: Logos.

M
Makares, hoi Makares: die Seligen.
Mantik, antike: die Weissagekunst, Divination. Traumdeutung (Artemidoros;
psychologische und divinatorische), Bibliomantie (Homeros und Hesiodos),
Kristallomantie, Pendel, Bohnenorakel, Würfelorakel, Arithmologie, Libanomantie
(Weissagung aus dem Weihrauch), Dendromantie (Weissagung durch Bäume
bzw. aus dem Rascheln ihrer Blätter im Wind), Hydromantie, Pyromantie.
Losorakel, klassische Astrologie (Ptolomäus, Manilius) u.a. Erhaltene und heute
verwendete hellenische Orakel sind das Pythagoras- und das Alphabet-Orakel.
Medizin, antike: Hippokratische Medizin, Naturtherapie, Narkose, Behandlung
von Brüchen und Verrenkungen, Chirurgie, Prognose, Diagnose, Anatomie,
Physiologie, Pharmakologie, Kräuterumschläge, Pulslehre, Hygiene, gesunde
Lebensführung (Sport, Diät). Bekannte Ärzte waren Hippokrates, Herophilos,
Galenos und Asklepiades (Begründer der medizinischen Forschung). Natürliche
Heilverfahren wurden in d. Med. aufgenommen. Es gab zahlreiche Schulen, die
teilweise zerstritten waren. Die sog. Pneumatische Schule stand unter stoischem
Einfluss, setzte vor allem auf die vitalisierende Kraft der Natur und entwickelte
eine bessere Pulslehre. Die Dogmatische Schule baute auf die Philosophie und
interessierte sich sehr für die Körperorgane. Die Empiriker gaben viel auf die
Beobachtung des Umfelds des Patienten und feilten an der Pharmakologie (die
bereits vor ihnen existierte).
Galenos vereinte in seinem System die verschiedenen Lehren und wurde zu
einer Koryphäe auf seinem Gebiet. Hippokrates und Galenos sind die
berühmtesten Mediziner des Hellenentums. Seit dem 5. Jh. machte sich die
Medizin von der Religion unabhängig, setzte eigene Standards auf und
entwickelte neue Verfahren, dabei übernahm sie das therap. Wissen und den
ganzheitlichen Ansatz der trad. Heilkunde. Im gleichen Jahrhundert fand man
heraus, dass die Wahrnehmung zu den zentralen Funktionen des Gehirns
gehört, was den Wert der Philosophie für die Mediziner erklären würde. Es gab
also Überschneidungen zwischen der wissensch. Medizin, Med. auf
philosophischer Grundlage und der trad. Heilkunde. Die antike Medizin erreichte
ihren Höhepunkt im hellenistischen Alexandrien. Siehe auch: Heilkunde.
Melpomene: Muse der Tragödiendichtung.
Metaphysik: Studium von Prinzipien, die sich den Sinnesorganen entziehen,
somit zum Objekt von Spekulationen werden.
Miasma: (rituelle) Befleckung, Unreinheit. Es wird zwischen kleinen Miasmen
(z.B. Tod) und großen (z.B. Mord) unterschieden. Wird als Folge eines Aktes
wider die kosmischen Gesetze verstanden.
Mnemosyne: die Mutter der Musen. Ihr Name bedeutet «Erinnerung».
Moiren, Moira: die Schicksalsgöttin(nen). Sind zwar Töchter des Zeus und der
Themis, beugen sich aber nicht seiner Macht und werden von Zeus respektiert.
Wurden im Kult anscheinend nicht bildlich dargestellt.
Monotheismus: die Religion des «einen» oder «einzigen» Gottes, des einen
«Buches». Der M. stammt aus dem mittleren und nahen Osten. Im Hellenismos
wird der Monotheismus nicht allein als Religion, sondern als Ganzheit aus
Religion, Kultur und Politik verstanden, weil der M. die gesamte Imagination des
Subjektes Mensch durchdringt und imprägniert, unabhängig davon, ob der
einzelne Mensch sich als gläubig oder atheistisch versteht. Folglich wird vom
religiösen, säkularen, kulturellen oder politischen Monotheismus gesprochen.
Diese Ganzheit wird häufig mit dem Begriff «angewandter Monotheismus»
bestimmt. Auf religiöser Ebene stellt der Monotheismus die Lehre vom «einen»
oder «einzig wahren» Gott dar, der i.d.R. als allmächtig, außerkosmisch, als
Person und als Schöpfer des Universums dargestellt wird. Dieser ist keiner
Notwendigkeit verpflichtet und sein Wille ist für das Universum, das hier als
«Schöpfung» gilt, bindend. Aus diesem religiösen M. ist der kulturelle M.
hervorgegangen (Abendland, Romiosini u.a.), der auch in heute säkularen
Staaten seinen Fußabdruck hinterlassen hat, beispielsweise in der
Gesetzgebung, Kunst, allgemeinen Moral und den Wissenschaften. Diesem
kulturellen M. folgte der politische Monotheismus, der in den Ideologien
Westeuropas seinen prominentesten Ausdruck findet. Damit sind in aller Regel
die Hauptideologien des Abendlandes gemeint, die seit der Neuzeit das
politische Denken des Planeten bestimmen: Konservatismus, Liberalismus,
Nationalismus und Internationalismus. Diese Ideologien entstammen der
christlichen Kultur, der Kultur des Monotheismus, haben zum Teil einen
messianischen Charakter, vertreten eine Art politischer Eschatologie und haben
ihrerseits eigene Stereotype und Schemata generiert, die vom Monotheismus
durchdrungen sind und sich wie eine Membran auf die Rezeptoren des
Menschen legen, wodurch sie seinen «Blickwinkel» bedingen.
Musen: begabte Göttinnen, neun an der Zahl. Ihre Namen sind Kalliope, Thalia,
Klio, Melpomene, Erato, Euterpe, Polihymnia, Erato, Urania und Terpsichore. Die
Musen sind die Geister der Wissenschaft und Schönen Künste.
Musikinstrumente, traditionell hellenische: Kithara, Lyra, Harfe, Syrinx
(Hirtenflöte).
Mystagogos, der: er, der in die Mysterien einweiht.
Mysten, die: die (in die Mysterien) Eingeweihten.
Mysterien, hellenische: Geheimkulte, die neben der Staatsreligion existierten.
Durch die Einweihung in die Mysterien wurde die Angst des Mysten vor dem Tod
gelindert, da ihm durch die Bewusstwerdung des Todes, rituell nachgestellt, ein
gutes Leben nach dem Tod gesichert wurde. Man kann sie sicherlich als eine Art
von Psychotherapie bezeichnen, da die Angst, ein Leiden der Psyche, geheilt
wird und der Mensch bemächtigt, ohne Angst vor dem Tod, entspannt sein Leben
zu verbringen. Demnach bedeuteten die Mysterien auch Heilung der
Deisidaimonia, des Aberglaubens.
Mythoi, Mythen: Erzählungen über die Entstehung der Welt (Kosmogonie) und
des Lebens auf Erden, über den Ursprung der Götter (Theogonie) und die Taten
der vorzeitlichen Helden.

N
Namensgebung: siehe Amphidrómien.
Naturdaimonen: lokale Schutzgeister, die in der Natur, in den Elementen leben
(Quellen, Flüssen, Bäumen etc.). Nymphen. Mit Bewusstsein ausgestattete
Naturmächte. Sind den Menschen meist wohlgesinnt und gutmütig, können aber
auch Menschen wegen begangener Vergehen bestrafen. Die bekanntesten
griechischen Naturdaimonen sind die Nymphen und die Dryaden (Baumgeister).
Naturgeister: siehe Daimonen und Naturdaimonen.
Nekropolis: Friedhof, Stadt der Toten.
Nekysia, ta: Totenopfer, Totenfeier, Opfergaben an die Verstorbenen, die Ahnen.
Nomizomena, ta: die traditionellen Anschauungen und Sitten, die
gebräuchlichen Normen und Regeln, das Überlieferte. Das Verb nomizo
bedeutet, dass man an etwas festhält, pflegt, folgt.
Noumenia: erster und gleichzeitig heiligster Tag eines jeden Monats. Am Tag
davor wird das Festmahl der Hekate zelebriert. Am Tag danach, dem 2.
Istamenos (siehe: Kalender), zweiter Tag eines jeden Monats, werden der
Agathos Daimon, die Heroen und Daimonen geehrt.
Nymphen: niedere Naturgottheiten, gute Geister. Dryaden (Baumgeister),
Oreaden (Berggeister), Naiaden und Hydriaden (Wassergeister), Kreniden
(Quellnymphen) und Epimeliden (Schutzgeister der Herden). Wächter von Orten,
Quellen etc. Der Kult der Wassernymphen wurde in Athen besonders gepflegt,
vor allem von Frauen. N. wurden in Grotten verehrt, unter freiem Himmel, bei
Quellen. Ihnen wurden Blumen, Milch und Früchte geopfert. Fördern die
Fruchtbarkeit, schützen die Weiden, helfen Wanderern. Die Dryaden sind
sterblich; sie sterben mit ihren Bäumen. Die N. werden im entsprechenden
Eintrag von Löwe/Stoll mit den Feen verglichen.

O
Oikos: die Hausgemeinschaft, Familie, die familiäre oder häusliche Einheit (zu
der auch der Haussklave zählte).
Oinochoē: siehe Hiera.
Okeanos: Urmacht. Ur-Meeresgott. Vater der Okeaniden.
Omada E, Epsilon: die Theorien über die sogenannte Omada E (Gruppe
Epsilon) sind die einflussreichsten und meistdiskutiertesten innerhalb der
archäozentrischen Szene. Der juden- und hellenenfeindliche Autor Ioannis
Fourakis gilt gemeinhin als Erfinder der urbanen Legende von der Gruppe
Epsilon. Fourakis stellte 1989 die Theorie auf, dass eine geheime Gruppe aus
griechischen Wissenschaftlern, Unternehmern und Politikern existieren würde,
die im Verborgenen über Griechenland wachen und seine Interessen verteidigen
würde. Fourakis behauptete Mitgliedern der Omada Epsilon persönlich begegnet
zu sein und von ihnen geheime Informationen erhalten zu haben, auf die sich
seine Thesen stützen würden. Angeblich kam er auch mit Mitarbeitern der NASA
in Kontakt, die ihm bestätigt hätten, Millionen in die Erforschung und
Dechiffrierung eines Aristoteles-Codexes investiert zu haben, der allen, die ihn
lüften, angebilch große Macht verleihen würde. Fourakis machte das antike
Griechenland zur Hauptkulisse seiner Szenarien. So sollen die alten Griechen
hypermoderne Waffen besessen, Technologien und sogar Raumschiffe gebaut
haben. Wie im Archäozentrismus üblich, werden die Juden für die Vertuschung
dieses Wissens verantwortlich gemacht. Generell schien Fourakis Zeit seines
Lebens besessen von den Juden. Nicht sie, sagte er, sind die ersten
Monotheisten gewesen, sondern die Orphiker (eine Theorie christlicher
Fundamentalisten). Die Juden hätten alles von den Griechen gestohlen, wie sie
überhaupt den Griechen ihre Errungenschaften neiden. Fourakis machte hinter
allen Übeln der Welt die Juden aus, die er zu Feinden der Hellenen aus uralter
Zeit stilisierte. Ihnen verhasste Theorie wie die Evolutionstheorie, verdammen die
Epsilon-Anhänger als eine Erfindung der Zionisten und betreiben damit eine Art
von Gegenaufklärung. Verschwörungstheorien sind in diesen Kreisen weit
verbreitet. Manche Anhänger dieser Theorien können oder wollen zwischen sich
und der hellenischen Tradition nicht unterscheiden und fühlen sich von den
Reaktionen aus hellenischer Seite brüskiert. Bereits in den 1990er Jahren geriet
Fourakis, der die klassische romäische Vorstellung von einer Einheit des
Hellenentums mit der Orthodoxie verteidigte, in Konflikt mit dem Obersten Rat
der ethnischen Hellenen, einen Konflikt, den er bis zu seinem Lebensende
schürte. In seinem letzten Auftritt 2010 äußerte er sich über die hellenischen
Kollektive mit den Worten, dass sie alle von Freimaurern gegründet wurden, wie
sie auch alle Betrüger seien, seine Wenigkeit mit eingeschlossen. Am gleichen
Abend erklärte er vor laufender Kamera, dass ihm ein Koffer voller Geld für seine
Arbeit übergeben worden sei. Das Video wurde von romäischen
Fundamentalisten zu einem Beweisstück für die angeblichen Betrügereien der
Neuheiden, wie sie die Hellenen nennen, umfunktioniert. Obwohl Fourakis
seinen Schwindel vor laufender Kamera zugab, hat sein Bekenntnis seinen
Theorien keinen relevanten Abbruch getan. Die Theorien von Fourakis wurden
Anfang der 1990er Jahre von anderen Autoren aufgegriffen, modifiziert, teilweise
kopiert und neu verpackt auf Papier gebracht. So gibt es heute mehrere
Versionen dieser Theorie, die sich zum Teil voneinander unterscheiden. Mal
treten die El oder Epsilon, wie sie auch genannt werden, als außerirdische
Vorfahren der Griechen in Erscheinung, die in grauer Vorzeit, nachdem sie mit
ihrem Raumschiff in Griechenland gelandet seien, von den Menschen als Götter
missverstanden wurden. Mal erscheinen sie als Engel des dreifaltigen
Christengottes, nicht mehr Jahwe, sondern der platonische Demiurg, dann
wieder als begabte Menschen, die die mystischen Informationen im hellenischen
Blut aktiviert und auf diese Weise Unsterblichkeit erlangt haben sollen. Ein
besonderes Element, das alle diese Theorien gemein haben, ist die
herausragende Bedeutung, die den Außerirdischen, ihren Raumschiffen und
ihrer vermeintlichen Vorgeschichte verliehen wird. Diese sollen ursprünglich aus
dem Sirius stammen und die Ahnenväter der heutigen Griechen sein; auf diese
Weise wird die Überlegenheit der sogenannten griechischen Rasse gegenüber
allen Völkern dieser Erde begründet. In ihrer Version als übernatürliche Wesen
werden sie z.B. von Liakopoulos Elohim, El oder Hellanioi genannt. Angeblich sei
der sagenumwobene Kontinent Atlantis in den Wirren des Krieges zwischen
Hellenen und Juden, will heißen: den El und den Nephelim, zerstört worden. Es
gibt in Griechenland Verbände, die sich selber den Namen Epsilon gegeben
haben und von dieser modernen Paramythologie profitieren. Der sogenannte
«Tempel der Hellenisten in Thessaloniki, Griechenland»(Wikipedia) gehört einer
solchen Gruppierung an, wird fälschlicherweise aber als Tempel des Hellenismos
bezeichnet, obwohl er offensichtlich keinen korinthischen, dorischen oder einen
anderen griechischen Baustil aufweist. Derer Missverständnisse gibt es viele,
einige davon gehen auf die Presse zurück. So wurden fünf Personen, die in der
griechischen Stadt Kalamata Brandanschläge auf Banken verübten als Anhänger
des Epsilonismus, wie der Archäozentrismus auch genannt wird, identifiziert und
in der Presse als Dodekatheisten tituliert. Aber als Dodekatheisten,
«Zwölfgöttergläubige», werden in Griechenland auch die hellenischen
Polytheisten bezeichnet. Auf diese Wese wird der Nährboden für falsche
Schlussfolgerungen und Missverständnisse gelegt. Es gibt eine Reihe von
Elementen, die romäische Fundamentalisten und Archäozentristen als
Autoritäten anerkennen und als Belege für ihre Thesen verwenden: dazu zählen
die pseudo-sibyllinischen Orakel, die Hermetik, die Umfunktionierung antiker
griechischer Tragödien zu Prophezeiungen über die Geburt Jesu und der
Euherismus. Der Name der Gruppe leitet sich aus dem griechischen Buchstaben
Epsilon (E) ab, mit dem die griechischen Wörter für Hellenen und Griechenland
beginnen. Das von der Bewegung verwendete Symbol ist das archäologisch
belegte altgriechische Delphische Epsilon, das an einer Stelle im
Apollonheiligtum von Delphi geritzt war. Den Epsilonisten zufolge sind Apollon
und Demeter mit dem gleichen Raumschiff in Griechenland gelandet. Der Ort, an
dem Demeter angeblich zuerst erschienen ist, wurde daraufhin Eleusis (Ankunft)
genannt. Der delphische Tempel des Apollon soll nach dieser Legende eben
genau dieses Raumschiff sein, zu dem nur die Eingeweihten Zutritt gehabt
hätten. Angeblich kommunizierten die Priester der Olympier über einen
geheimen Code mit diesen und koordinierten über diesen Weg die Gründung
hellenischer Kolonisationen. Andere Autoren behaupten über ihren PC mit den
Olympiern zu kommunizieren. Die Inhalte dieser angeblichen Botschaften, die
immer wieder die baldige Rückkehr der Olympier verkünden, werden von
Antijudaismus und Soteriologie dominiert. Auch Fourakis wurde nie müde zu
sagen, dass die Ankunft der Alien-Götter kurz bevorstehe, angeblich Ende 2012
erfolgen würde. Die dunklen Mächte, immer gemäß Fourakis, versuchen ihre
Ankunft zu verhindern, weil die Olympier ihre Ordnung aufheben und eine
weltweite neue Ordnung des Friedens schaffen würden. Als Ende 2012 nichts
geschah, mutmaßten die ethnischen Hellenen ironisch, ob es zu einer Kollision
zwischen dem Raumschiff der Olympier und der Nephelim gekommen sei.
Demnach wären die Juden auch für die Ermordung dieser Erlöser der
Menschheit verantwortlich, schließlich hält sich in Griechenland hartnäckig das
Gerücht, die Juden hätten Jesus kreuzigen lassen und würden ihn, in Gestalt der
orthodoxen Kirche, heute noch verfolgen. Alle bekannten und respektierten
Schriftsteller dieser Szene, von kirchlichen Kreisen dem Neuheidentum
zugeordnet, sind überzeugte, zum Teil bekennende Christen (Tulatos,
Liakopoulos, Fourakis usw.), die mithilfe pseudowissenschaftlicher Methoden das
romäische Postulat einer Einheit von Hellenismos und Christentum zu stützen
bezwecken.
Orgēon: Kultgemeinschaft oder -verein.
Orgia, Orgien: das, was «Erfüllung gefunden» hat. Die dyonisischen Riten
(Ekstase, Ergriffenheit, Befreiung von strikten gesellschaftlichen Konventionen,
geschlechtspezifischer Rollenwechsel u.a.).
Orphik, Orphismus: antike, angeblich vom Schamanen Orpheus begründete
Geheimlehre mit eigener Theologie und Kosmogonie, welche freilich an
Hesiodos anknüpft. Fand ihren Weg in den Kult des Dionysos, war dem
hellenischen Götterkult vom Wesen her aber fremd. Die Anhänger der Orphik
waren Vegetarier. Die Orphik existierte parallel zur hellenischen Religion und
ihren Mysterien. Einzelne Vorstellungen werden vereinzelt im heutigen
Hellenismos gepflegt, von den sog. Orphischen Hymnen im Götterkult Gebrauch
gemacht, die Orphik selbst jedoch spielt im heutigen Hellenismos fast keine
Rolle. Zwar wird sie nicht kategorisch abgelehnt – wie z.B. die Magie oder
Soteriologie –, hier und da studiert, die Hymnen und Fragmente aufmerksam
gelesen, doch in den Augen einiger lässt sie sich in ihrer Ganzheit nicht mit dem
Hellenismos vereinbaren, so wie dieser sich seit Plethon entwickelt hat. Die
späteren Orphiker werden im Hellenismos negativ bewertet und sind für die
ethnischen Hellenen ohne Bedeutung.
Orthopraxie: das Wort Orthopraxie bedeutet soviel wie korrektes Handeln,
richtiges Praktizieren (von orthos = richtig, korrekt und praxis = Handlung, Akt).
Der Begriff bezieht sich ausschließlich auf die Einhaltung des reglementierten
Ritualablaufs und den korrekten Vollzug der Kultriten. Daher bedeutet
Orthopraxie die Religion kulturhistorisch korrekt oder katá ta pátria zu
praktizieren, d.h. gemäß den väterlichen Sitten. Infolge bruchstückhafter
Überlieferung sind einige Riten nur partiell rekonstruierbar, doch Riten können
nur dann vollzogen werden, wenn sie vollständig sind. Dadurch ergibt sich
zwingend die Notwendigkeit von Ergänzungen. In der Praxis heißt das, dass
bestehende Lücken mit Fragmenten aus späteren Epochen oder aus einer
anderen Polis des gleichen Stammesverbandes geschlossen werden. So werden
Riten wieder verfügbar gemacht und Verfälschungen ausgeschlossen, denn als
Zeichenträger stehen die Fragmente in Beziehung zueinander und verweisen auf
das stammesübergreifende große Ganze der hellenischen Religion. Bildlich kann
man sich die Orthopraxie als einen Kreis vorstellen und die Hieropraxie als
dessen Zentrum (Opferzeremonien).
Ósia, hósia: bezeichnet das Heilige oder alles Heilige Betreffende. Zeremonien,
Opferriten, aber auch die Bestattungsriten und die letzten Ehrungen für die
Toten.
Οuthen ex Outhenos: nichts kommt aus dem Nichts. Grundkonzept hellenischer
Weltanschauung.
P
Padeia, die: Erziehung, Bildung, auch im Neugriechischen. P. ist die griechische
Bildung, sie war Training für Körper und Geist. Musik, Mathematik, Schreiben,
Lesen, Rhetorik, Philosophie und Sport waren die klassischen Unterrichtsfächer.
Die P. entwickelte sich zum Merkmal des zivilisierten Menschen und gilt heute
noch als das Fundament des hellenischen Menschen.
Pandaimonismus, der: Die Vorstellung, dass die Natur beseelt ist oder von
Daimonen (Geistwesen) bevölkert wird. Der Begriff setzt sich aus den
griechischen Wörtern pan (alles) und Daimon (Geist, Gottheit, Wesen)
zusammen.
Pankarpia: eine traditionelle Opfergabe aus aller Art von Früchten.
Panospria: eine traditionelle Opfergabe aus aller Art von Hülsenfrüchten.
Palinórthosis, Palinorthose, die: Wiederaufstellung, Wiederherstellung. Setzt
sich von pali (wieder) und orthosis (Aufstellung) zusammen. Der Begriff wird von
Hellenen in Griechenland gebraucht, um der Revitalisierung oder
Wiederherstellung des hellenischen Götterkults einen Namen zu geben.
Parádosi(s), die: Tradition, das Weitergegebene. Der aktuelle lebendige
Ausdruck einer Ethnie.
Parrhesia: Eines der fünf Grundelemente der Demokratie. Die Parrhesia ist die
eigentliche Meinungsfreiheit der Hellenen. Sie garantiert den Bürgern das Recht,
über alles sprechen zu dürfen. Der Begriff ist ethisch konnotiert, denn er
impliziert das wahrhaftige Aussprechen der eigenen Meinung oder Ideen. Die
Parrhesia ist eine der Tugenden des Hellenismos.
Pelanos: siehe Unblutige Opfergaben.
Philhellenismus: die Freundschaft zum Hellenentum. Als Philhellenismus wird
die Förderung, aktive Unterstützung und die Sympathisierung mit der
hellenischen Kulturtradition bezeichnet. Philhellenen setzen sich für die Belange
des Hellenentums ein, orientieren sich geistig an Hellas und bemühen sich um
hellenische Paideia. Der Philhellenismus kann verschiedene Formen annehmen
und auf ebenso viele Weisen begründet werden.
Philosophie: die Suche nach Weisheit, Ergründung dessen, was ist (Sein),
Psychotherapie (Seelenheilkunde), Orientierung für eine praktische
Lebensführung. Als erster griechischer Philosoph gilt Thales von Milet. Es war
aber Pythagoras, der sich als erster Philosoph nannte. Die Frage nach der Arché
des Universums beschäftigte die ersten Philosophen mehr als alles andere.
Kosmologische Überlegungen beherrschten die philosophische Landschaft. Erst
mit Sokrates und Platon verlegte sich der Schwerpunkt der Philosophie weg von
der Kosmologie und hin zu der Ethik, der Frage nach der richtigen
Lebensführung. Deshalb stellt Sokrates eine Zäsur dar, werden die Philosophen
in die Zeit vor und nach Sokrates eingeteilt, obschon sich bereits Demokritos mit
Ethik und Lebensführung beschäftigte, wie seine Fragmente deutlich
veranschaulichen (Diels, Frag. 37, 61, 103, 191, 237 u.a.). Obwohl zu Lebzeiten
des Sokrates gelebt, wird auch er zu den Vorsokratikern gerechnet.
Die Philosophen, aber nicht nur sie, reflektierten über die überlieferten Mythen,
übten scharfe Kritik an manchen Kultpraktiken und Vorstellungen von den
Göttern und Heroen. Ihre Kritik an der Kultordnung der Poleis war wohl in
gewisser Hinsicht niederschmetternd. In einer Zeit, als sich das Hellenentum im
Umbruch befand und die alte soziale Ordnung vor allem in Athen zu wackeln
begann, stellten die Philosophen viele Normen auf den Kopf. Einige von ihnen
sahen sich im konservativen Athen, das nach seiner Niederlage im
peloponnesischen Krieg in der Tradition und alten Ordnung Zuflucht und
Sicherheit suchte, Verfolgungen ausgesetzt, so Protagoras, Sokrates und
Aristoteles. Die Prozesse waren politisch motiviert oder bezogen sich auf eine
angenommene Respektlosigkeit gegenüber der sozioreligiösen Ordnung. Kein
Philosoph wurde der Häresie angeklagt oder dazu aufgefordert, seine Thesen zu
widerrufen. Keinen interessierte, zu welcher Gottheit sein Nächster betete. Die
Philosophen wurden nicht wegen Unglaube oder dergleichen belangt, sondern
wegen Asebie vor Gericht gebracht; die Anklage hatte den Gedanken zur
Grundlage, dass der Angeklagte die Nomizómena nicht einhielt und eine
despektierliche Haltung gegenüber der Kultordnung einnahm, somit die Ordnung
der Polis in Frage stellte. Später brach eine Ära eines neuen Typs von Pietät ein,
der nicht allein auf die korrekte Ausübung der Riten sein Augenmerk richtete,
sondern auf die Lebensweise, die innere Einstellung und Reinheit (siehe Artikel:
Der Philosoph im Auftrag Apollons).
Dies wird von manchen als Ablehnung des Polytheismus und Hinwendung zum
Monotheismus, Atheismus oder Rationalismus abendländischer Art gedeutet.
Beide Gruppen täuschen sich, wie W. Burkert und P. Veyne deutlich
veranschaulichen, denn Platon, die Stoiker und Plotin sind Polytheisten
gewesen, auch wenn die Menschen sich damals nicht so verstanden. Gleiches
gilt für die Vorsokratiker von Thales zu Pythagoras bis zu Heraklitos. Nur war die
Pietät, im Gegensatz zum Atheismus, nicht markiert, sondern selbstverständlich.
Man musste nicht extra darauf hinweisen, denn dazu gab es keinen Anlass. Der
Monotheismus war den Hellenen fremd und die Atheisten konnten an einer Hand
gezählt werden. Solche Fehlschlüsse werden aus hellenischer Seite als
Ergebnisse von Projektionen des Eigenen auf das unbekannte Hellenentum
eingeschätzt. Die Philosophen werden also zu Vorreitern des Atheismus oder
Monotheismus gedeutet, je nach den Präferenzen der jeweiligen Gruppe, weil
mit monotheistischen Augen auf sie geschaut wird (siehe dazu auch:
Monotheismus). Was aber sehr wohl der Wahrheit entspricht ist, dass der
Agnostizismus tatsächlich in der Philosophie seinen Anfang nahm und zum
Hellenismos gehört.
Die Hellenen sehen in der Philosophie eine Emanation der Dialektik des Mythos,
ein neues Bewusstsein von Menschen, die sich über die Welt wunderten, die
anfingen, ihre Umgebung zu beobachten und sich Fragen zu stellen, entweder
weil ihnen die traditionelle Kosmogonie lückenhaft erschien oder keine
zufriedenstellenden Antworten geben konnte. Also mussten sie ihre Fragen
selber beantworten, reisen, forschen, sich um Verständnis bemühen. Dabei
entwickelten sie Theorien und erkannten Gesetzmäßigkeit.
Mit eben jenem Geist, der seine Existenz der Pietät und Weltanschauung ihres
Volkes verdankt, sahen sie die Welt durch hellenische Augen und fingen an, sie
nicht mehr mit Hilfe des Mythos, sondern mit der des Logos zu interpretieren, die
lange Zeit als Gegensätze verkannt wurden. Zur Entstehung der Philosophie trug
die hellenische Neugier und eben die Denkweise bei, die sie bedingt. Diese fragt
nicht, was dieses oder jenes Ding für mich bedeutet, sondern was es bedeutet.
Es bildeten sich mit der Zeit verschiedene philosophische Schulen, die
bedeutendsten unter ihnen waren die Akademie (Platonismus), die Stoa
(Stoizismus) und der Kepos (Epikureismus). Der krönende Abschluss der
hellenischen Philosophie war der Neuplatonismus, der zeitweise unter
orientalischem Einfluss geriet und entsprechende Schlüsse zog, später aber eine
Rückbesinnung erlebte. In jener Zeit, als sich der Hellenismos dem christlichen
Totalitarismus gegenübersah, wurde der Neuplatonismus zusammen mit der
Stoa zur Stütze und Zuflucht alles Hellenischen.
Seit der Spätantike wird zwischen Götterkult und Philosophie kein Unterschied
gemacht. Die Philosophen, vor allem die Platoniker unter ihnen, waren die
edelsten Bewahrer der hellenischen Tradition, hielten sie mit aller Kraft am Leben
und erweisten sich dadurch als die größten Gegner des Christentums. Der letzte
hellenische Philosoph war Georgios Gemistos-Plethon. Die Philosophie ist das
vielleicht wichtigste, kostbarste Gut des Hellenismos. Ohne die P. hätte es keinen
Julian, Proklos und Plethon gegeben, und somit auch keinen Hellenismos mehr.
Will er sich hellenisches Denken aneignen, hellenisch denken können, muss der
Geist auf Schriften ausgerichtet werden, auf die er angewiesen ist, um das
hellenische Denken zu erlernen, zu beleben, zu praktizieren. Die hellenische P.
hat viele Werke hinterlassen, die von der hellenischen Mentalität und
Weltanschauung Zeugnis ablegen, insofern empfiehlt sich ihre Lektüre. Wer
wissen will, wie die Griechen dachten, muss die Griechen lesen. Die P. hat in der
Weltanschauung, im Wertesystem, in der Religion der Hellenen ihren
Fußabdruck hinterlassen. Sie ist kein Gedankensystem, zumindest nicht nur,
aber eine Lebensweise, eine praktische Hilfe im Leben, Zuflucht, Medizin und
Stütze für alle Hellenen.
Phratrie: ein religiöser Zusammenschluss. Seine Mitglieder sehen sich als
«Brüder». Im Zentrum steht die Pflege eines Kultes.
Physis: Natur.
Planeten & Himmelsrichtungen: Mond und Osten (Artemis-Selene), Merkur
und Norden (Hermes), Venus und Westen (Aphrodite), Sonne und Süden
(Apollon-Helios), Erde und Mars (Ares), Jupiter und Zentrum (Zeus) (nach PGM).
Platonische Körper, die vier: Würfel (Erde), Tetraeder (Feuer), Oktaeder (Luft),
Ikosaeder (Wasser).
Polihymnia: Muse der Rhetorik.
Pompē: Prozession zum Altar der Götter; die Teilnehmer an der Prozession
finden sich i.d.R. im Halbkreis um den Altar der Gottheit ein, deren Fest zelebriert
werden soll. P. wird von Musik oder Hymnen begleitet.
Pontos: «das Meer»; ein Meeresgott.
Priapos: ein Naturgott. Schützt vor Diebstahl und wendet Unheil ab. Er bietet
Schutz vor dem Schlechten. Ein Sohn der Aphrodite.
Próthesis: siehe Kēdhia.
R
Re-Indigenisierung: Prozess der Wiederherstellung der indigenen Kultur oder
kultureller Elemente einer Ethnie und der damit einhergehenden Revitalisierung
von Ethnizität (Ethnismus) unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände und
Bedürfnisse der jeweiligen Ethnie. Die Re-Indigenisierung ist ein weltweites
Phänomen. Sie kann als eine angemessene Reaktion auf Kolonialismus,
Christianisierung, Ethnozid oder auf eine aufgezwungene Angleichung an die
dominierende Kultur der heutigen Welt verstanden werden. Im Folge einer Re-
Indigenisierung grenzt sich eine Ethnie vom Abendland («Moderne») oder dem
Wertekanon der Eroberer ab, hebt das wiederentdeckte Eigene hervor und als
Alternative der dominanten Kultur gegenüber. Die Re-Indigenisierung verfolgt
einen spezifischen Zweck, will einen dauerhaften soziokulturellen Wandel
herbeiführen. Es handelt sich also um einen kulturellen Wandel, der das ureigene
ethnische Bewusstsein wiedererweckt, stärkt. Ein solcher Prozess wird
beispielsweise durch eine nativistische Bewegung organisiert und kann nur
gelingen, wenn er von der großen Mehrheit der Ethnie oder des Stammes
befürwortet und getragen wird, was aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen nicht
immer selbstverständlich ist. Die Re-Indigenisierung kann den vollständigen
Bruch mit den kolonialistischen Strukturen oder Normen bedeuten und den
Kampf gegen Armut, Kriminalität oder um Landrechte beinhalten. Für die
Freiburger Ethnologin und Südostasienexpertin Prof. Dr. Judith Schlehe ist die
Re-Indigenisierung mit «Bemühungen um kollektive Selbstbestimmung»
verbunden (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 17.08.2018). Die Hauptziele
bestehen in der Rückbesinnung auf die eigene Kulturtradition, der Orientierung
am eigenen Wertesystem und kann letztlich in der Autonomie der eigenen Ethnie
münden. Dies ist nur durch eine innere Abwendung von der dominierenden
Kolonialmacht oder Kultur zu bewerkstelligen. Die Verdrängung fremder
kultureller Elemente schafft neuen Raum für die Regeneration der kollektiven
Imagination, sprich: die Identitätsstiftung. Ein solcher Freiraum erweist sich
insbesondere dann als äußerst hilfreich, wenn das von der dominierenden Kultur
negativ gezeichnete Bild von der eigenen Kultur im Zuge der Assimilierung
internalisiert wurde und die Zugehörigkeit zum jeweiligen Stamm Scham erzeugt.
Hier kann die Identifizierung mit den traditionellen Werten oder den Helden aus
der Mythologie heilend auf das ethnische Bewusstsein wirken und dabei helfen,
sich nicht mehr über beispielsweise westliche Kategorien und Denkarten zu
definieren. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Erlernen oder die
Wiederaneignung der eigenen Sprache, der Mythen, Sitten, der Musik, Medizin,
Mode und Literatur. Gleiches gilt für die Weltanschauung und Religion, von der
Außenstehende oder Mitglieder der dominierenden Kultur auch ausgeschlossen
werden können, um beispielsweise die Riten vor Imitation, Verfälschung und
Ausbeutung zu schützen. Die Kriegserklärung (Declaration of war) der Lakota
gegen die Ausbeuter der Lakota-Spiritualität vom 10.06.1993 ist ein gutes
Beispiel dafür und wird auch von den ethnischen Hellenen geteilt. Die
Kriegserklärung fand ihre Triebfeder in der Sorge der Lakota um ihr kulturelles
Erbe, die Enteignung und Vernichtung ihrer Tradition. Wird die Re-
Indigenisierung von der Mehrheit getragen, ist der Wandel vollzogen. Das
Heranführen der Jugend an die eigene Kultur und die Wiedereinführung von
traditionellen Strukturen soll die Nachhaltigkeit des Vorhabens garantieren. Doch
Re-Indigenisierung umfasst nicht nur die Wiederbelebung der ethnischen
Identität innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sondern auch die
Öffentlichkeitsarbeit, den politischen Aktivismus in der Außenwelt sowie die
Gründung von Schulen und Institutionen, die Zurschaustellung von Ethnizität
durch das Tragen von Schmuck, traditioneller Kleidung oder durch öffentliche
Zeremonien, die Botschaften nach innen und außen senden. Eine besondere
Bedeutung kommt der Anerkennung der eigenen Kultur als eine eigenständige
Größe von der Weltöffentlichkeit zu, weil nur dann andere Völker,
Menschenrechtsorganisationen und internationale Instanzen im Hinblick auf
politische Missstände und Verwerfungen sensibilisiert werden können. Ein gutes
Beispiel einer geglückten Re-Indigenisierung bietet uns das südamerikanische
Volk der Paez.
Restauration: siehe Palinórthosis.
Revitalisierung (Ethnologie): die Wiederherstellung, Wiederbelebung der
eigenen indigenen Traditionen, Religionen, Mythen, Wertesysteme,
Lebensweisen und Weltanschauungen als gelebte Wirklichkeit bei Kulturvölkern,
die durch den Kolonialismus, Ethnozid, Christianisierung und Islamisierung
zerstört, unterdrückt oder gegenwärtig unter dem kapitalistisch-imperialistischen
Druck nach einer Assimilation an das Abendland marginalisiert werden
(Kulturimperialismus). Wiederbelebung einer Tradition, eines Wertesystems oder
überlieferter Strukturen, die bruchstückhaft oder inaktiv vorhanden sind. Mit der
Revitalisierung grenzen sich Ethnien vom Abendland, seiner Religion und Politik
ab und wenden sich bewusst dem eignen Wertesystem zu. Revitalisierung kann
auch als die Wiederherstellung eines natürlichen Zustandes betrachtet werden.
Jedenfalls bedeutet Revitalisierung nicht die Rekonstruktion einer undefinierten
Vergangenheit oder Reenactment, zumal Tradition nicht als Vergangenheit oder
Folklore verstanden wird, sondern als lebendige, vitale Lebensweise und die
Weitergabe von Wissen, Erfahrung und Blickwinkel an die nächste Generation.
Der Unterschied zwischen Re-Indigenisierung und Revitalisierung kann laienhaft
als der Unterschied zwischen der organisierten Wiederbelebung einer Ganzheit
(Re-Indigenisierung) und der Wiederbelebung einzelner Kulturelemente
(Revitalisierung) interpretiert werden.
Romäisch: der Romäer, der Romiosini. Siehe auch Romios und Romiosini.
Romios: der Byzantiner; griechischsprachiger christlich-orthodoxer Untertan und
Bewohner des Byzantinischen Reiches (Romania), fällt heute allgemein unter der
Bezeichnung des «orthodoxen Griechen». Seine weibliche Form ist «die Romia».
Im Deutschen heißt der Romios Rhomäer oder Romäer.
Romiosini, Romiosyni: die auf christlich-orthodoxem Glauben und
byzantinischer Kultur gegründete Identität der griechischsprachigen Christenheit.
Das Byzantinische oder Oströmische Reich (eigentlich: Romania) bestand vom
Jahre 529, anderen Historikern zufolge bereits seit dem Jahr 330, und endete
1453 mit dem Fall Konstantinopels an die Osmanen. Das byzantinische Wappen
ist der gelbe doppelköpfige Adler vor einem roten Hintergrund (auf heutigen
orthodoxen Kundgebungen wird der Adler meist in schwarzer Farbe vor einem
gelben Hintergrund abgebildet). Die byzantinische Staatsform war der
Absolutismus. Die Byzantiner (Selbstbez.: Romioi, dt. Romäer oder Rhomäer)
waren Anhänger der Byzantinischen Kirche und sprachen die griechische
Sprache. Die Bezeichnungen Romios und Romiosini selbst kamen durch die
Überzeugung der Byzantiner zustande, die legitimen Nachfolger Roms zu sein.
Sie sahen sich als Römer und verstanden ihre Kultur als Weiterführung der
römischen. Während der Osmanenherrschaft bildeten die orthodoxen Romioi,
Arvaniten, Vlachen, Bulgarier und Serben die Romäische Nation (Rum Millet),
deren Mitglieder sich hauptsächlich über die Religion definierten. Die
griechischsprachigen Christen machten den größten Anteil der christlichen
Bevölkerung des Osmanischen Reiches aus. Der von der Pforte anerkannte
religiöse und politische Anführer der Rum Milet ist der Ökumenische Patriarch
von Konstantinopel gewesen. Seit der sogenannten Griechischen Revolution,
dem Befreiungskampf griechischsprachiger Christen gegen die osmanische
Herrschaft, erfolgte eine oberflächliche Rückbesinnung auf das antike
Griechenland, die von der Vorstellung einer Abstammung von den alten Griechen
herrührte. Im Zuge dieses Trends, der sich in spätbyzantinischer Zeit in den
Kreisen der Intellektuellen großer Beliebtheit erfreute, wurde ein komplexer
Prozess der Identifizierung der Romiosini mit dem Hellenentum ins Rollen
gebracht. Den Höhepunkt fand diese Entwicklung in den Federn der kreativen
orthodoxen Historiker Spyridon Zambelios und Konstantinos Paparrigopoulos,
auf die die Begriffe «christliches Hellenentum» (chrestianikos hellenismos) und
«Hellenenchristentum» (hellenochristianismos) zurückgehen. Paparrigopoulos’
«Hellenenchristentum» ist die Grundlage der Ideologie der Obristendiktatur
(1967-1974) gewesen und manifestierte sich im Kredo: Griechenland der
griechischen Christen. Paparrigopoulos bildet die Quintessenz des
Geschichtsunterrichts an den griechischen Schulen und den ideologischen
Überbau der Nationalisten. Denn das «Hellenenchristentum» sieht eine
Kontinuität zwischen der hellenischen Kultur und den heutigen Griechen, welche
gemäß seiner Historiographie nicht nur die direkten Nachfahren, aber auch die
kulturellen Erben der griechischen Antike sein sollen. Die griechische Kultur sei
von den Byzantinern übernommen und während der Osmanenherrschaft über
die orthodoxe Kirche an die Griechen, wie die Romioi genannt werden,
weitergegeben worden. So sei die Romiosini dem Hellenentum nicht
entgegengesetzt, sondern bildet vielmehr seine Weiterentwicklung oder
Fortsetzung. Als Beweis hierfür wird die griechische Sprache angeführt, die von
der Kirche bewahrt worden sei. Deshalb wird der christlich-orthodoxe Glaube und
die griechische Sprache als die beiden Kernelemente griechischer Identität
angesehen. Daraus ist die Überzeugung erwachsen, dass das Hellenentum von
der Orthodoxie gerettet und nur in ihr lebendig vorhanden sei. Nationale
Legenden fungieren als Stützen dieser weitverbreiteten Theorie (Krifo scholio),
nach der Priester und Mönche in nächtlichen Geheimschulen den jungen
Romäern die griechische Sprache beibrachten. Unter dem Vorzeichen der
Romantik und des Nationalismus entwickelt, identifiziert diese Ideologie die
hellenische Ethnie mit dem heutigen griechischen Nationalstaat und die
hellenische Identität mit der griechischen Staatsbürgerschaft. Wenn in
Griechenland von hellenischer Kultur oder Geschichte, von Hellenismos die
Rede ist, wird im Grunde diese als Hellenentum identifizierte Romiosini gemeint,
die zwar nicht als solche erwähnt wird, wie sie auch selten als
Selbstbezeichnung Verwendung findet, aber die Identität der Neugriechen oder
Neoromäer ausmacht. So werden die Griechen in Deutschland oder in
Österreich auch als der Hellenismos Deutschlands oder Österreichs bezeichnet.
Das sind die Gründe, weshalb die ethnischen Hellenen die hellenische Kultur
mittels der Bezeichnung ethnisches oder historisches Hellenentum von der
«hellenischen Kultur» Neugriechenlands, seiner ideologisierten Geschichte und
seiner vor 200 Jahren konstruierten Identität differenzieren. Auf diese Weise
gewinnen Begriffe wie «griechische» Musik, Politik, Küche oder Schuldenkrise
eine völlig andere Bedeutung, wodurch sich viele griechischsprachige Christen
provoziert fühlen. Die Ideologie des «Hellenenchristentums» beeinflusst bis
heute das politische Geschehen in Griechenland und prägt das
Selbstverständnis der Neugriechen. Wie allgemein in der romäischen
Gesellschaft üblich, speziell in nationalistischen und orthodoxen Kreisen, wird mit
dem Terminus des Hellenismos das ideologische Konstrukt des Paparrigopoulos,
auch Historiker der Nation genannt, bzw. die Neue Romiosini gemeint, welche
als Neues Griechentum angesprochen, in allen staatseigenen Institutionen als
historische Kontinuität des Hellenentums propagiert wird, sodass beide Begriffe
als Synonyme gehandelt werden. Kritik an der Romiosini oder eine Ablehnung
der Orthodoxie können deshalb den Vorwurf des Antihellenismus zur Folge
haben. Der echte Hellenismos, dem sein eigner Name verwehrt bleibt, weil für
die Romiosini reserviert, wird bloß als die Religion der alten Griechen
wahrgenommen, findet daher nur als Idolatrie, Dodekatheismus oder Vielgötterei
Erwähnung, was wiederum viele zu der Annahme verleitet, dass die Religion der
einzige Unterschied zwischen ethnischen Hellenen und Romäern sei.

S
Schrift: die Kreter entwickelten im 2. Jahrt. v.u.Z. die erste Schrift in
Griechenland.
Schule: es gab in Griechenland kein einheitliches Bildungssystem. In Sparta
wurden die Kinder alle gemeinsam erzogen. An erster Stelle kam die körperliche
Ausdauer und Ertüchtigung, dann Lesen, Schreiben und Rechnen. Mädchen und
Jungen trainierten zusammen, trieben nicht selten nackt zusammen Sport. In
Athen sah es wiederum anders aus. Die athenischen Grundfächer waren Lesen,
Schreiben, Rechnen, Musik, Sport. Die höhere Bildung umfasste Rhetorik und
Philosophie. Fand der Unterricht nicht Zuhause statt, führte ein Sklave das Kind,
meistens ein Junge, zum Lehrer. Auf dem Weg zur Schule und zurück nach
Hause trug der Sklave die Schulbücher des Kindes. Dem Jungen wurde alles
beigebracht, was er später als Erwachsener beherrschen musste, um den
Erwartungen an ihn, als Bürger Athens und Familienvater, gerecht zu werden.
Sesklo: älteste neolithische Gesellschaft in Thessalien (3. Jahrtausend v.u.Z.).
Im 3. Jahrtausend gelangten die indoeuropäischen Griechen nach Nord- und
Mittelgriechenland und vermischten sich dort mit den vor-indoeuropäischen
Bevölkerungen.
Sophrosynē: Besonnenheit.
Spiritualität: Kontemplation, Verbundenheit mit d. Sein, Charakterveredlung;
Persönlichkeitsentwicklung unter Berücksichtigung der 7 platon. Energiezentren
(Koryphe, Enképhalos, Trachelos, Phrenes, Gaster, Gonades, Hieron Osteon);
geistige Übungen für Gelassenheit und inneren Frieden, Aktive Imagination
(Vorläufer bereits bei den alten Hellenen). Sich als Teil des Universums erleben;
geistige Versenkung, Studium der Mythologie und Philosophie, Betrachtung des
Sternenhimmels, Angleichung an Gott mittels der Kultivierung von Aretē (also
jener Attribute/Qualitäten, die den Göttern zugeordnet werden, und ins
Menschliche übersetzt zu Tugenden wie Gerechtigkeit und Tapferkeit werden). S.
muss keine religiöse Komponente aufweisen. Der Begriff S. kommt im
Hellenismos faktisch nicht vor.
Spondē: Trankopfer, Libation.
Stamm: Untergruppe der Ethnie.
Symbole des Hellenismos: Labrys (Doppelaxt), minoischer Stierkopf,
Schlangengöttin, gleicharmiges Kreuz (auch Griechisches Kreuz genannt),
Pentagramm (pythag. Symb. f. Gesundheit), Maiandros, Biene, Palmette,
Akanthos, Lorbeerkranz, Olivenzweig, Caduceus. Dodekaeder (Symbol für d.
Äther u. d. Dodekatheon).
Symbolon: ein Erkennungszeichen.
Synkretismus: urspr. der Zusammenhalt der verschiedenen
Bevölkerungsgruppen auf Kreta. Heute wird mit S. die Vermischung
unterschiedlicher Sekten, Kulten und Religionen untereinander gemeint.
Synthese, sýnthesis: Zusammensetzung, Aufbau (verschiedener Teilchen zu
einer Einheit), Verbindung, Vereinigung; etwas zusammenstellen bzw.
zusammenbauen (synthéto).

T
Ta pátria: die väterlichen Sitten, die alten Bräuche.
Telchinen: Erdgeister.
Telesphoros: ein Daimon. Begleiter des Asklepios. In seiner überlieferten
Hymne wird er Sohn des Gottes genannt. Er fördert die Heilung, vollendet und
bringt sie zum Schluss. Unterstützt den Patienten bei seiner Genesung.
Terpsichore: Muse des Tanzes.
Thalia: Muse der Geschichtsschreibung, Chronistik.
Themis: Urgestalt der griechischen Religion und Mythologie. Sie verkündet die
Zukunft. Repräsentiert gewissermaßen das, was ist, damit Ordnung sein kann.
Theognosie: das Wissen von den Göttern.
Theoi: die Götter.
Theos: Gott, die Gottheit; allgemeiner Gattungsbegriff. T. stand später bei den
Philosophen für Zeus, den Inbegriff des Gottes. Theos bedeutet Ordner und
stammt vom Verb títhimi ab, das ordnen, stellen bedeutet. Wird fälschlich als
Indikator für monotheistische Tendenzen im Hellenismos gedeutet (Heraklit,
Xenophanes, Platon).
Theóthen: von den Göttern.
Theurgie, theourgia: das göttliche Werk. Die Theurgie ist eine Bezeichnung für
religiöse und philosophische Riten, deren Ziel es ist, eine persönliche Beziehung
zu den Göttern aufzubauen. Die T. wird von einer besonderen Pietät getragen.
Lange Zeit wurde die T. mit den «Chaldäischen Orakeln» assoziiert, die in der
Spätantike hohes Ansehen besaßen (vor allem in platonischen Kreisen), aber
heute keine Rolle mehr spielen. Die Theurgie der «Chaldäischen Orakel» dient
der Lösung von der materiellen Welt und der Vereinigung mit dem Göttlichen.
Bekannte Theurgen der Spätantike waren Iamblichos aus Chalkis und Proklos
Diadochos. Iamblichos verband die T. mit der Wissenschaft seiner Zeit. Aber die
Theurgie ist nicht an den engen Kontext der «Ch. Orakel» gebunden. So werden
Praktiken und Riten, die zwar keinen Bezug zu den «Ch. Orakel» haben, aber
auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind, ebenfalls als Theurgie bezeichnet. Sie alle
verbindet eine philosophische Lebensweise, welche die Seele des Theurgen
reinigen und von Begierden und Leidenschaften befreien soll. Im Hellenismos
werden die Iatromanten Abaris, Melampus, Hermotimos, Epimenides und die
Philosophen Pythagoras, Empedokles und Apollonios von Tyana manchmal
ebenfalls zu den Theurgen gezählt. Von der hellenischen Theurgie sind nur
Fragmente übrig geblieben. In der Vergangenheit wurde die T. fälschlicherweise
mit Magie gleichgesetzt oder als solche missverstanden.
Thiagón: Opferkuchen.
Thiasos: Versammlung der Kultteilnehmer. Bezeichnet heute eine feste
Kultgemeinschaft bzw. eine Gruppe von Menschen, die für die Organisation,
Einhaltung und Pflege der Götterkulte und heiligen Feste verantwortlich ist.
Thyrsos-Hellenes Ethnikoi: ein dem YSEE nahestehendes hellenisches
Kollektiv, das großen Wert auf die Pflege der Freundschaft zwischen den
indigenen Traditionen Europas legt und seinen Teil für die Restauration des
Hellenentums beiträgt.
Thysia, die: Opferung, Opferhandlung, Opfer. Die thysia ist das Kernelement
des Götterkultes. Sie macht den sakralen Akt aus und füllt die Hymnen oder
Bitten mit Leben.
Tradition: siehe Parádosi(s).

V
Vaterland: das Land, die Erde, welche die Knochen, Körper und Seelen der
Vorfahren beherbergt, die durchdrungen ist von den Göttern der Ahnen und mit
der der Mensch spirituell verbunden ist. Der Begriff Vaterland ist die exakte
Übersetzung des griechischen Wortes «πατρίδα». Das Wort «πατρίδα»
(«patrida») setzt sich aus «patris» (väterlich, der Väter) und «da» (Erde, Land)
zusammen. Neben der «patrida» wird häufig auch der Begriff «mitrida»
(«Mutterland») gebraucht. Das V. wird in erster Stelle als geistige Entität erlebt,
welche die Vergangenheit mit der Gegenwart und die Gegenwart mit der Zukunft,
die Nachfahren mit den Ahnen verbindet. In diesem Sinne kann sich das
«Vaterland» heute von der «Heimat» unterscheiden. Das V. ist nicht identisch mit
dem heutigen Nationalstaat. Die moderne Auffassung des Vaterlandes wird von
den Hellenen abgelehnt, zumal der Begriff heute ideologisch verfrachtet ist,
während er im Hellenismos bloß eine natürliche Wirklichkeit ausdrückt.

U
Übergangsrituale: Amphidromien und Namensgebung, Markierung des
Übergangs von der Adoleszenz zum Erwachsenenalter, Gámos, Kēdhia.
Unblutige Opfergaben: Pelanos (Kuchen), Sponde, Choe; Kuchen, Wein, Milch,
Olivenöl, Wasser, Blumen, Früchte, Getreide (Brot, Reis), Bohnen, Aromen,
Weihrauch (Olibanum, Styrax), Votivgaben, Schmuck.
Urania: Muse der Astronomie; ein Kultname der Aphrodite.

W
Wasserleitung: W. gab es seit dem 6 Jh. v.u.Z. in Griechenland. Seit der
hellenistischen Epoche besaß jede hellen. Stadt ihre eigenen Wasserleitungen.
Weihrelief: Relief, das einer Gottheit gewidmet wird. Opfer, um der Gottheit für
ihre Hilfe oder die Rettung aus einer Notlage zu danken. Ging der erhaltenen
Hilfe oder Wunscherfüllung ein Gelübde voraus, wird von einer Votivgabe
gesprochen.
Wein: das Nationalgetränk der Griechen. Ob arm oder reich, Wein gab es in
jedem hellenischem Haushalt. Die Hellenen trinken den W. mit Wasser
vermischt. Wein dient auch als Opfergabe im Kult.
Windgötter, Winde: Euros, Notos, Zephyros, Boreas, Apheliotes. Haben sich als
Verbündete Griechenlands erwiesen.

X
Xenios: Beiname des Zeus als Gott, der die Institution der Gastfreundschaft und
den Fremden Schutz und die körperliche Unversehrtheit der Gäste oder
Fremden garantiert.
Xoanon: siehe Idolon.

Y
YSEE: Ypato Symboulio Ellinon Ethnikon, der Oberste Rat der ethnischen
Hellenen. Das bekannteste hellenische Kollektiv. Der YSEE ist als
Dachorganisation im athenischen Vereinsregister eingetragen und versteht sich
als offizieller Träger der «hellenischen ethnischen Religion». Er setzt sich für die
Belange der ethnischen Hellenen ein und betrachtet die Rehellenisierung
Griechenlands als sein oberstes Ziel. Er unterhält den Thiasos «Delphys», die
philosophische Einrichtung «Hekatevolos» und eine Priesterschule. Der YSEE
verleiht in soziopolitischen Fragen und gesellschaftlichen Debatten den Hellenen
eine Stimme. Er ist eine nativistische Bewegung und Gründungsmitglied des
Kongresses der Europäischen Religionen (ECER, früher WCER). Er ist bekannt
für seine Stellungnahmen zu relevanten Entwicklungen in der griechischen
Politik, seinen Kampf gegen den Antihellenismus sowie für seinen Einsatz für die
Wiedererlangung ethnischer hellenischer Identität (Ethnismus). Die
«Mythologische Werkstatt für Kinder», wo Kinder u.a. Altgriechisch und
Philosophie lernen, auf spielerische Weise die Mythen und Sitten ihrer Vorfahren
kennen lernen und unter Aufsicht von Archäologen, Soziologen, Philosophen und
andrer Akademiker Ausflüge zu antiken Stätten unternehmen, das Seminar
«Thymele - Theaterpädagogik für Kinder» und die «Kurse in Altgriechisch» (für
Erwachsene) unter der Aufsicht der hellenischen Soziologin Dr. Ourania
Toutountzi wurden auf seine Initiative hin gegründet und werden weiterhin von
ihm organisiert und finanziert. Seine Kulträumlichkeiten in Athen wurden 2017
vom Staat als «Heiligtum der hellenischen ethnischen Religion» anerkannt. Der
YSEE vertritt seit 2010 die These einer ungebrochenen und organisierten
Kontinuität der hellenischen Religion von der Zeit Plethons bis zum heutigen Tag.
Nach diesem Verständnis stelle die «hellenische ethnischen Religion» keine
Eigenform der hellenischen Religion dar, sondern vielmehr die hellenische
Religion selbst, wie sie sich über das Mittelalter bis in unsere Zeit tradiert habe.
Dieser These zufolge waren Plethon, die Stratioten, die Attische Gesellschaft und
die hellenischen Jakobiner auf den Ionischen Inseln (1797-1799) keine
voneinander losgelösten oder isolierten historischen Erscheinungen, sondern
voneinander abhängige Größen, die in enger Beziehung zueinander standen und
Glieder einer Kontinuitätskette darstellen, die im Untergrund weiter bestand.
Seine Kontinuitäts-These stützt sich u.a. auf Konstantinos Sathas (1842-1914)
und auf private Familienarchive in Griechenland und Süditalien, zu denen seinem
Generalsekretär Vlassis G. Rassias nach dessen eigener Aussage der Zutritt
gewährt wurde. YSEE und LABRYS sind komplett verschiedene Kollektive und
haben nichts miteinander zu tun. Der YSEE grenzt sich von anderen
hellenischen Kollektiven ab. Siehe auch: HER.

Z
Zeitrechnung: die Hellenen besaßen keinen gemeinsamen oder einheitlichen
Kalender (siehe: Kalender). Die Monatsnamen und Jahresanfänge unterschieden
sich von Polis zu Polis. Ab einem gewissen Zeitpunkt fingen die Hellenen damit
an, wohl dem Beispiel ihrer Historiker folgend, eine panhellenische Zeitrechnung
zu verwenden. So wurden die Jahre nach den panhellenischen Olympischen
Spielen gezählt, die alle vier Jahre stattfanden. Die ersten aufgezeichneten
Olympischen Spiele wurden im Jahre 776 v.u.Z. abgehalten. So war dieses Jahr
das erste Jahr der 1. Olympiade, das nächste das zweite Jahr der 1. Olympiade,
das übernächste das dritte Jahr der 1. Olympiade und das danach das vierte
Jahr der 1. Olympiade. Danach folgte das erste Jahr der 2. Olympiade usw. Da
diese Zeitrechnung heute manchen Neulingen umständlich scheint, passen
einige ethnische Hellenen z.B. für externe Zwecke die hellenische Zeitrechnung
dem Gregorianischen Kalender an, was zu drei Zeitrechnungsmethoden führt,
der traditionellen, einer traditionsnahen, die auf die Olympiaden weitgehend
verzichtet und die Jahre ab Beginn der ersten Olympiade hochzählt und eine
dritte, die das Jahr mit Januar beginnen und mit Dezember enden lässt, ohne
dabei auf die attischen Monatsnamen zu verzichten. Aber das bedeutet
mitnichten, dass das Jahr für den Hellenen im Januar anfangen und im
Dezember enden muss. Was das angeht, kann er es voll und ganz mit dem
Attischen Kalender halten, auch wenn er sich in der äußeren Welt, in seinen
Beziehungen mit Behörden oder dem Arbeitgeber am Gregorianischen Kalender
orientieren muss. Auch die Chinesen der Diaspora verwenden den
Gregorianischen Kalender und feiern trotzdem ihr eigenes Neujahrsfest. Die
Entscheidung liegt bei jeder einzelnen Familie. Im Verlauf der letzten Jahre hat
sich eine immer deutlichere Orientierung an die Tradition und Bevorzugung der
traditionellen Zeitrechnung herausgezeichnet, nicht nur in Bezug auf die Zählung
der Jahre, sondern zunehmend auch in Bezug auf die Einteilung der Wochen
und die Namen der Tage, dabei stand und steht der Attische Kalender im
Mittelpunkt, denn in Attika leben die meisten Hellenen.

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