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OLG Oldenburg, Beschluss vom 11.03.

2004 - 11 UF 11/04

Die Berufung des Beteiligten D. gegen das Urteil des Amtsgerichts -


Familiengericht - in Osnabrück vom 12. Dezember 2002 wird auf seine Kosten
als unzulässig verworfen.
Der Wert des Streitgegenstandes für die Berufungsinstanz wird auf 2.000 €
festgesetzt.
Gründe

I.
Die Klägerin begehrte im vorliegenden Verfahren die Feststellung, dass sie
nicht vom Beklagten abstamme. Der Beklagte war im Zeitpunkt der Geburt der
Klägerin am 15. Juli 1975 mit der Mutter der Klägerin L. verheiratet. Die
Klägerin hat vorgetragen, im Juni 2001 habe ihre Mutter ihr offenbart, der
Beklagte sei nicht ihr biologischer Vater, in der Empfängniszeit vom
18.09.1974 bis zum 14.01.1975 habe ihre Mutter keine intimen Kontakte zum
Beklagten sondern nur eine außereheliche Beziehung zu dem Beteiligten D.
(im folgenden: Berufungskläger) gehabt. Das vom Amtsgericht -
Familiengericht - eingeholte DNA-Abstammungsgutachten (Blatt 29 ff der
Akte) bezog in die Begutachtung die Klägerin, den Beklagten und die Mutter
der Klägerin ein und kam zu dem Ergebnis, dass der Beklagte in fünf DNA-
Systemen ausgeschlossen und deshalb eine Vaterschaft des Beklagten mit
Sicherheit auszuschließen sei.
Durch das am 12. Dezember 2002 verkündete und wegen aller Einzelheiten in
Bezug genommene Urteil (Blatt 42 f der Akte) hat das Amtsgericht sodann
antragsgemäß festgestellt, dass der Beklagte nicht der Vater der Klägerin sei.
Danach forderte die Klägerin mit Schreiben vom 15.01.2003 den
Berufungskläger auf, die Vaterschaft anzuerkennen. Nachdem der
Berufungskläger dies ablehnte und über einen von ihm bevollmächtigten
Anwalt im Februar 2003 in das vorliegende Verfahren Einsicht genommen
hatte, erhob die Klägerin in dem Verfahren 69 F 230/03 Amtsgericht
Osnabrück Klage auf Feststellung der Vaterschaft des Berufungsklägers. Nach
Einholung eines Sachverständigengutachtens ist dort die Vaterschaft des
Berufungsklägers durch Urteil vom 4.12.2003 festgestellt worden. Der
Berufungskläger hat gegen dieses Urteil form- und fristgerecht Berufung
eingelegt. Das Verfahren 69 F 230/03 (11 UF ... OLG Oldenburg) ist nach
§ 148 ZPO bis zum rechtskräftigen Abschluss dieses Verfahrens ausgesetzt
worden.
Mit Schriftsatz vom 28.01.2004, eingegangen beim Oberlandesgericht am
29.01.2004, hat der Berufungskläger gegen das Urteil des Amtsgerichts -
Familiengericht - im Vaterschaftsanfechtungsverfahren vom 12.12.2002
Berufung eingelegt und diese begründet.
Der Berufungskläger macht geltend, er sei vom Amtsgericht
verfahrensfehlerhaft nicht von Amts wegen nach § 640 e Abs. 1 ZPO
beigeladen worden. ... Die Beiladungspflicht ergebe sich auch unmittelbar aus
Art. 6 Abs. 1 Satz 2 Grundgesetz, da diese Norm den leiblichen Vater in
seinem Interesse stütze, die rechtliche Stellung als Vater einzunehmen. ... Im
Falle seiner Beiladung hätte er Gelegenheit gehabt, vorzutragen, dass die
Vaterschaftsanfechtung nicht innerhalb der Frist des § 1600 b Abs. 1 BGB
erfolgt sei. Denn die Klägerin und er hätten zumindest seit Januar 1998
Kenntnis gehabt. ... Da er im Anfechtungsverfahren weder beigeladen worden
noch ihm das Urteil zugestellt worden sei, habe die Berufungsfrist für ihn zu
keiner Zeit zu laufen begonnen. Er sei durch das Urteil unmittelbar beschwert.
Denn, wenn die Anfechtungsklage gegen den Beklagten nicht erfolgreich
gewesen wäre, hätte die Klägerin nicht die Möglichkeit der gerichtlichen
Feststellung seiner Vaterschaft nach § 1600 d Abs. 1 BGB, wie sie jetzt im
Verfahren 11 UF 1/04 Oberlandesgericht Oldenburg angestrebt werde.
Der Berufungskläger beantragt,
das Urteil des Amtsgerichts zu ändern und die Klage abzuweisen.
II.
Die Berufung war nach § 522 Abs. 1 ZPO zu verwerfen, da sie nicht statthaft ist.
Der Berufungsführer war und ist nicht am vorliegenden Rechtsstreit beteiligt.
Deshalb ist er nicht berechtigt, ein Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.
Eine Statthaftigkeit des Rechtsmittels folgt nicht daraus, dass der
Berufungskläger an sich berechtigter Beteiligter des
Vaterschaftsanfechtungsverfahrens gewesen wäre, aber wegen eines
Verfahrensfehlers des Amtsgerichts tatsächlich nicht beteiligt worden ist. Denn
die unterbliebene Beiladung des Berufungsführers nach § 640 e Abs. 1 ZPO im
Vaterschaftsanfechtungsverfahren war richtig und ist entgegen der Ansicht
des Berufungsklägers kein Rechtsverstoß (so für das bis zum 30.06.1998
geltende Recht der Bundesgerichtshof BGHZ 83, 391, 393).
Nach dem eindeutigen Wortlaut des § 640 e ZPO war der Berufungskläger
nicht beizuladen. Denn bis zur Rechtskraft des Urteils im
Anfechtungsverfahren galt der Beklagte nach §§ 1591, 1592 Nr. 1 BGB als
Vater der Klägerin. Die Rechtswirkungen einer biologischen Vaterschaft
können nach § 1600 d Abs. 4 BGB erst vom Zeitpunkt ihrer Feststellung an
geltend gemacht werden. Das Gesetz betrachtet die Anfechtung der
Ehelichkeit als Angelegenheit, die nur die Eheleute und das Kind etwas angeht.
Dies ergibt sich aus § 1600 BGB, wonach zur Anfechtung einer Vaterschaft
nach § 1592 Nr. 1 BGB allein der Vater, dessen Vaterschaft nach dieser Norm
besteht, die Mutter und das Kind berechtigt sind. Nach § 1592 Nr. 1 BGB wird
zudem während bestehender Ehe der Ehemann der Kindesmutter automatisch
selbst dann zum Vater des Kindes, wenn die Abstammung des Kindes von ihm
offenbar unmöglich ist, und eine Vaterschaftsfeststellung des biologischen
Erzeugers oder eine Anerkennung der Vaterschaft durch den biologischen
Erzeuger ist erst möglich, nachdem die Sperre des § 1592 Nr. 1 BGB
weggefallen ist. Diesen Vorschriften liegt die Vorstellung des Gesetzgebers
zugrunde, dass die Ehe als Institution sowie das Interesse des Kindes und der
rechtlichen Eltern, am Erhalt eines bestehenden sozialen Familienverbandes,
Vorrang vor den Interessen des biologischen Erzeugers eines Kindes hat. Der
Gesetzgeber ist auch nach Art. 6 GG nicht verpflichtet, die rechtliche
Anerkennung der Elternschaft stets von der Prüfung abhängig zu machen, von
wem das Kind im Einzelfall biologisch abstammt. Im Hinblick auf den Schutz
familiärer sozialer Beziehungen aus Art. 6 Abs. 1 GG und den Schutz der
Intimsphäre aus Art. 2 Abs. 1 GG reicht es aus, aus bestimmten tatsächlichen
Umständen und sozialen Situationen auf die Abstammung eines Kindes zu
schließen und als Folge die Zuweisung der rechtlichen Elternstellung
vorzunehmen sowie Dritte, etwa den biologischen Vater, in gewisser Weise
auszugrenzen. Soweit dieser absolute Ausschluss der Rechte des biologischen
Vaters vom BVerfG in bestimmten Fällen (vgl. NJW 03, 2151) mit Art. 6 GG für
unvereinbar erklärt worden ist, liegt eine solche Ausnahme hier nicht vor.
Denn § 1600 BGB ist danach nur mit Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG unvereinbar,
soweit er den biologischen Vater eines Kindes ausnahmslos, mithin auch dann,
wenn der biologische Vater die Elternverantwortung wahrnimmt, von der
Anfechtung der für sein Kind anerkannten Vaterschaft zur Erlangung der
eigenen rechtlichen Vaterschaft ausschließt. Im vorliegenden Fall will der
Berufungskläger aber nicht eine Beteiligung am Anfechtungsverfahren
erreichen, um seiner Verantwortung als Vater gerecht werden zu können.
Vielmehr möchte er auf diesem Wege sicherstellen, dass die Klägerin nicht ein
erfolgreiches Verfahren zur Feststellung seiner Vaterschaft führen kann. Ein
solches Begehren wird gerade nicht vom Schutz des Art. 6 GG umfasst. Denn
Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG setzt voraus, dass der, der Elternrechte einfordert, auch
Elternverantwortung trägt.
Soweit teilweise in der Literatur (Zöller-Philippi, ZPO, 24. Auflage, § 640 e,
Rdnr. 2) entgegen dem eindeutigen Wortlaut des § 640 e ZPO und den
Motiven des Gesetzgebers angenommen wird, auch der als Vater in Betracht
kommende Dritte sei in analoger Anwendung dieser Vorschrift beizuladen,
teilt der Senat diese Auffassung nicht. Auch wenn nach dem geltenden Recht
im Rahmen der Anfechtungsklage nicht mehr nur wie bei dem bis zum
30.06.1998 geltenden Recht der Status des Kindes (Feststellung der
Nichtehelichkeit) verändert, sondern darüber hinaus noch rechtskräftig
festgestellt wird, dass der gemäß § 1592 Nr. 1 BGB n.F. bisherige Vater nicht
der Vater ist, also eine Anfechtung der Vaterschaft verbunden mit der
Feststellung des Nichtbestehens der Vaterschaft Streitgegenstand des
Verfahrens ist, ergibt sich daraus nicht zwingend eine Ausweitung des nach
dem Gesetz von Amts wegen beizuladenden Personenkreises. Denn es liegt im
Rahmen des gesetzgeberischen Ermessens, den Kreis der von Amts wegen
beizuladenden Personen zu begrenzen (vgl. zu der ähnlichen Frage des
Ausschlusses des Erzeugers aus dem Kreis der Anfechtungsberechtigten
gemäß § 1600 BGB, BGH NJW 1999, 1632, 1633). Die schützenswerten Rechte
des biologischen Erzeugers, insbesondere sein rechtliches Gehör, werden
durch diese Auslegung nicht in unzulässiger Weise eingeschränkt. Denn ein
Urteil im Anfechtungsverfahren nimmt dem biologischen Erzeuger gem. § 640
h Satz 1 ZPO im Folgeverfahren mit dem Ziel der Feststellung seiner
Vaterschaft zwar den Einwand, der Beklagte des Erstverfahrens sei doch der
Vater, lässt aber seinen, des dritten, Status unverändert und eröffnet lediglich
die Möglichkeit, dass im zweiten Verfahren seine Vaterschaft festgestellt wird.
Eine solche weniger gewichtige Urteilswirkung des Erstverfahrens rechtfertigt
indessen nicht eine entgegen dem Wortlaut des § 640 e ZPO vorzunehmende
„Gleichstellung“ des biologischen Vaters beziehungsweise des
Nebenintervenienten im Anfechtungsverfahren mit einer Hauptpartei (Stein-
Jonas-Coester-Waltjen, 21. Auflage, § 640 e, Rdnr. 2). Deshalb ist im
Vaterschaftsanfechtungsverfahren der mutmaßliche Erzeuger des Kindes auch
stets nur einfacher Nebenintervenient und nicht streitgenössischer nach
§ 69 ZPO.
Eine - zwingende - Beteiligung des biologischen Erzeugers am Erstverfahren
könnte deshalb in Einzelfällen wie hier lediglich bezwecken, einen etwaigen
Erfolg der Anfechtungsklage mit dem formalen Argument, die
Anfechtungsfristen seien nicht eingehalten, zu verhindern. Die
Anfechtungsfristen dienen jedoch nicht, jedenfalls nicht im Sinne eines
rechtlich geschützten Interesses, dem Schutz des biologischen Erzeugers vor
seiner Inanspruchnahme als tatsächlicher Vater (vgl. Staudinger-Rauscher,
BGB, Bearbeitung 2000, § 1600 e, Rdnr. 82). Deshalb kann ein biologischer
Vater selbst gegen ein arglistig erschlichenes Anfechtungsurteil nicht, etwa
gemäß § 826 BGB, vorgehen. Dem rechtlichen Interesse eines als
außerehelicher Erzeuger in Betracht kommenden Mannes an der Teilnahme
am Anfechtungsprozess ist durch die nach § 66 ZPO zulässige
Nebenintervention genügt (BHGZ 83, 391, 395).
Der Berufungsführer ist auch nicht als Nebenintervenient berechtigt, ein
Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Amtsgerichts einzulegen. Er ist nicht
wirksam dem Verfahren als Nebenintervenient beigetreten. Zwar ist ein Beitritt
als Nebenintervenient für den biologischen Erzeuger im Anfechtungsverfahren
grundsätzlich zulässig, und der Beitritt kann durch die Einlegung eines
Rechtsmittels erfolgen. Voraussetzung für einen wirksamen Beitritt ist jedoch,
dass das Hauptverfahren noch nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, § 66 Abs.
2 ZPO. Dies ist hier jedoch der Fall. Das vom Berufungskläger angegriffene
Urteil ist seit dem 21. Januar 2003 rechtskräftig. Der dem Beitritt des
Berufungsklägers anhaftende Mangel läßt sich schließlich nicht in Bezug auf
den versäumten Beitritt durch ein Wiedereinsetzungsgesuch beseitigen, da die
Vorschrift des § 233 ZPO über eine Wiedereinsetzung nur in engen Grenzen
(bei Versäumung von Fristen für Rechtsbehelfe) analog angewendet werden
kann (BGH NJW 1991, 229, 230).
Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.
Der Wert für das Berufungsverfahren folgt aus § 12 Abs. 2 Satz 3 GKG.

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