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Gettinger©2019 Mentoring

Praxiseinführung/Mentoring: Begleiten von ‚Sich auf etwas


verstehen‘ -gemeinsam mit anderen

► Aus praxeologischer Perspektive ist das Soziale praktisches Wissen, ein Können, ein know
how, ein Konglomerat von Alltagstechniken, ein praktisches Verstehen im Sinne eines ‚Sich
auf etwas verstehen‘.

Der ‚Ort‘ des Sozialen ist damit nicht der (kollektive) ‚Geist‘ und auch nicht ein Konglomerat
von Texten und Symbolen (erst recht nicht ein Konsens von Normen), sondern es sind die
‚sozialen Praktiken‘, verstanden als know-how abhängige und von einem praktischen
‚Verstehen‘ zusammengehaltene Verhaltensroutinen, deren Wissen einerseits in den
Körpern der handelnden Subjekte ‚inkorporiert‘ ist, die andererseits regelmäßig die Form
von routinisierten Beziehungen zwischen Subjekten und von ihnen ‚verwendeten‘ materialen
Artefakten annehmen.

Das Problem des Sozialen ist somit das Problem, wie es dazu kommt, dass in der sozialen
Welt ‚Raum und Zeit gebunden werden‘, d.h. wie eine zumindest relative Reproduzierbarkeit
und Repetitivität von Handlungen über zeitliche Grenzen und über räumliche Grenzen
hinweg möglich wird: „The true locus of the ‚problem of order‘ is . . . of how continuity of
form is achieved in the day-to-day conduct of social activity.“ (Giddens 1979: 216)

Die Antwort ist für die Praxistheorie darin zu suchen, dass diese ‚Handlungen‘ nicht als
diskrete, punktuelle und individuelle Exemplare vorkommen, sondern dass sie im sozialen
Normalfall eingebettet sind in eine umfassendere, sozial geteilte und durch ein implizites,
methodisches und interpretatives Wissen zusammengehaltene Praktik als ein typisiertes,
routinisiertes und sozial ‚verstehbares‘ Bündel von Aktivitäten.

Das Soziale ist hier primär nicht in der ‚Intersubjektivität‘ und nicht in der ‚Normgeleitetheit‘,
auch nicht in der ‚Kommunikation‘ zu suchen, sondern in der Kollektivität von
Verhaltensweisen, die durch ein spezifisches ‚praktisches Können‘ zusammengehalten
werden: Praktiken bilden somit eine emergente Ebene des Sozialen, die sich jedoch nicht ‚in
der Umwelt‘ ihrer körperlichmentalen Träger befindet.

Genau dies ist eine ‚soziale Praktik‘: eine Praktik der Verhandlung, eine Praktik des Umgangs
mit einem Werkzeug, eine Praktik im Umgang mit dem eigenen Körper etc. Für die
Praxistheorie hat ein solcher Komplex aus regelmäßigen Verhaltensakten und praktischem
Verstehen keine rein ‚ideelle‘, sondern in einem spezifischen Sinne von vornherein eine
‚materielle‘ Struktur. Es sind zwei ‚materielle‘ Instanzen, die die Existenz einer Praktik
ermöglichen und die von den Praxistheoretikern immer wieder hervorgehoben werden: die
menschlichen ‚Körper‘ und die ‚Artefakte‘. Eine Praktik besteht aus bestimmten
routinisierten Bewegungen und Aktivitäten des Körpers. Dies gilt ebenso für intellektuell
‚anspruchsvolle‘ Tätigkeiten wie die des Lesens, Schreibens oder Sprechens. Diese
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Körperlichkeit des Handelns und der Praktik umfasst die beiden Aspekte der
‚Inkorporiertheit‘ von Wissen und der ‚Performativität‘ des Handelns: ‚Nach innen‘ setzt die
Fähigkeit der Akteure zum Vollzug einer Praktik als Sequenz von Körperbewegungen eine
‚Inkorporierung von Wissen, eine Inkorporierung von know how und eines praktischen
Verstehens voraus. Das Wissen als ein Können wäre im Sinne einer ‚intellectualist fallacy‘
missverstanden, wenn man es ausschließlich als ein System expliziter kognitiver Regeln
begriffe. Die Praxistheorie betont demgegenüber die körperlich-leibliche Mobilisierbarkeit
von Wissen, die häufig gar nicht mit einer Explizierungsfähigkeit oder
Explizierungsbedürftigkeit dieses Wissens einhergeht.

Alltagspraxis steht aber grundsätzlich in einem polaren Spannungsfeld zweier


Strukturmerkmale: der Routinisiertheit einerseits, und der Unberechenbarkeit
interpretativer Unbestimmtheiten andererseits.

Praxis bewegt sicher immer zwischen der relativen ‚Geschlossenheit‘ einer Wiederholung
von Bewährtem und einer relativen ‚Offenheit‘ für Neues – offen für teilweises Misslingen,
Adaption, Neuinterpretation und Konflikthaftigkeit des bekannten alltäglichen Tuns.

Inkorporiertes praktisches Wissen tendiert nämlich dazu, von den Akteuren immer wieder
eingesetzt zu werden und repetitive Muster der Praxis hervorzubringen.

Handeln ist somit nicht als ein Konglomerat diskreter, intentionaler Einzelhandlungen zu
denken, sondern als ein routinisierter Strom der Reproduktion typisierter Praktiken.

Diese grundsätzliche Offenheit von praktischen Situationen, die inhärente ‚Logik der Praxis‘
ermöglicht es den Akteuren – und nötigt diese! - mit Unbestimmtheit und Offenheit ebenso
‚skillfully‘ umzugehen wie es der Faktor Routinemodus verlangt.

Faktoren der Unbestimmtheit situativen Handelns:

• Kontextualität alles Wissens


• Zeitlichkeit des Vollzugs einer Praktik
• Lose Koppelung von Praxiskomplexen
• Struktur des handelnden Subjekts als lose gekoppeltes Bündel von relativ gültigen
Wissensformen

Die Routinisiertheit und ‚Traditionalität‘ sozialer Praktiken ist nur die eine Seite der sozialen
Welt; die ‚Logik der Praxis‘ besteht nicht aus blinder Wiederholung von Routinen, sondern
verlangt immer wieder einen gekonnten Umgang mit interpretativen und methodische
Differenzen, mit daraus folgender Ungewissheit und Agonalität, welche eine
kontextspezifische Umdeutung von Praktiken erfordert und Adaptionen des Bewährten
sowohl erzwingen als auch ermöglichen, die in ihrer partiellen Innovativität mehr als reine
Reproduktion des Bekannten darstellen.

Nach Andreas Reckwitz, Basic Elements of a Theory of Social Practices, Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4,
August 2003, S. 282–301
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Organisationskultur (n. E.Schein)

► „Ein Muster grundlegender Annahmen – erfunden, entdeckt oder entwickelt von einer
vorgegebenen Gruppe, während diese lernt mit den Problemen der externen Adaption und internen
Integration umzugehen – die gut genug funktionierten, um [von dieser Gruppe] als gültig angesehen
zu werden, und die deshalb neuen Mitgliedern vermittelt werden als richtige Methode der
Wahrnehmung, des Denkens und des Fühlens bezüglich dieser Probleme.“

An der Oberfläche liegen die sichtbaren Verhaltensweisen und andere physische Manifestationen,
Artefakte und Erzeugnisse. Beispiele sind Kommunikationsverhalten mit Mitarbeitern, Kunden und
Lieferanten, Logo, Parkplätze, Bürolayout, verwendete Technologie, das Unternehmensleitbild aber
auch die Rituale und Mythen der Organisation.

Unter dieser Ebene liegt das Gefühl, wie die Dinge sein sollen; kollektive Werte sind beispielsweise
„Ehrlichkeit“, „Freundlichkeit“, „Technik-Verliebtheit“, „spielerisch“, „konservativ“ usw. also
Einstellungen, die das Verhalten von Mitarbeitern bestimmen sollen.

Auf der tiefsten Ebene sind die Dinge, die als selbstverständlich angenommen werden für die Art
und Weise, wie man auf die Umwelt reagiert (Grundannahmen). Diese Grundannahmen (engl. basic
assumptions) werden nicht hinterfragt oder diskutiert. Sie sind so tief im Denken verwurzelt, dass sie
von Mitgliedern der Organisation nicht bewusst wahrgenommen werden.

„Die Kultur einer jeden Gruppe kann auf drei Ebenen untersucht werden: der Ebene ihrer Artefakte,
der Ebene ihrer eigenen Überzeugungen und Werte und der Ebene ihrer zugrunde liegenden
Annahmen. Wenn Sie das Muster der grundlegenden Annahmen nicht entschlüsseln, wissen Sie
nicht, wie Sie die Artefakte richtig interpretieren oder wie viel Glaubwürdigkeit Sie den angegebenen
Werten schenken können. Mit anderen Worten, das Wesentliche einer Kultur liegt im Muster der
zugrunde liegenden Annahmen, und nachdem Sie diese verstanden haben, können Sie die anderen
Oberflächenebenen leicht verstehen und angemessener damit umgehen.

Obwohl das Wesen der Kultur einer Gruppe das Muster der gemeinsamen grundlegender Annahmen
ist, manifestiert sich die Kultur auf der Ebene der beobachtbaren Artefakte und der gemeinsamen
unterstützten Werte, Normen und Verhaltensregeln.

Bei der Analyse von Kulturen ist es wichtig zu erkennen, dass Artefakte leicht zu beobachten, aber
schwer zu entschlüsseln sind und dass die Überzeugungen und Werte, die sich für die Befürworter
einsetzen, vielleicht nur Rationalisierungen oder Bestrebungen widerspiegeln. Um die Kultur einer
Gruppe zu verstehen, müssen Sie versuchen, ihre gemeinsamen Grundannahmen zu verstehen und
den Lernprozess zu verstehen, durch den sich solche Grundannahmen entwickelt haben und
entwickeln.

Wenn ein Satz gemeinsamer Grundannahmen durch einen kollektiven Prozess gebildet wurde,
definiert er den Charakter und die Identität der Gruppe und kann als kognitiver Abwehrmechanismus
sowohl für die einzelnen Mitglieder als auch für die gesamte Gruppe fungieren. Mit anderen Worten,
Einzelpersonen und Gruppen suchen nach Stabilität und Sinn. Einmal erreicht, ist es einfacher, neue
Daten durch Ablehnung, Projektion, Rationalisierung oder verschiedene andere
Abwehrmechanismen zu verzerren, als die Grundannahme zu ändern.“

E. Schein, Organisationskultur und Führung. 2010 von John Wiley & Sons, p. 33
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PROZESSETHIK

Die prinzipielle Unvereinbarkeit vieler sozialer Anforderungen Individuen


anzulasten verstärkt Ausweglosigkeit im Verhalten und einen falschen Einsatz
von Moral.

Die Praxis zeigt, dass man sich daher im Sowohl als Auch arrangiert, aber
irgendwie zufällig, wenig reflektiert, selten gemeinsam besprochen und
ausgehandelt. Immer lauert dahinter die Gefahr gegenseitiger moralischer
Belastung und Entwertung.

Strukturelle Widersprüche lassen sich nicht durch Setzung übergeordneter Werte


aufheben oder nach richtig und falsch entscheiden. Je nach Situation, Aufgabe,
Zielsetzung muss anders balanciert werden. Tragfähige gemeinsam verbindliche
Werte entstehen immer erst in gemeinsamen Reflexions- und
Aushandlungsprozessen.

Peter Heintel, Das Klagenfurter Modell der Prozessethik

Focusing

Die Wirkung von verkörpertem Wissen erkunden

Wenn wir über das, was wir „unseren Körper“ nennen, nachdenken und reden, dann müssen wir
zugleich eine im wörtlichen Sinn lebenswichtige Erklärung abgeben. Denn „Körper“ bezeichnet
traditionellerweise einen Gegenstand, ein Ding, das man von außen betrachten, das man messen und
wägen und durchleuchten kann. Ein traditioneller Körper ist eine mathematische Einheit, die sich im
geometrischen Raum bewegt wie ein Planet am Newton‘schen Himmel. Wir denken unseren eigenen
Körper im Prinzip immer noch so wie ihn die klassische Physik gedacht hat. Wir stellen ihn uns
letztlich als „materielle Maschine“ vor, die mehr oder weniger gut aussieht, die man fit halten muss,
die krank oder gesund ist etc. - und wir gehen auch so mit ihm um.
Einzelne beginnen, andere Einstellungen zu suchen, beginnen, anders über den Körper zu denken
und zu sprechen. Die Methoden, des Umgangs mit sich selber sind feiner, subtiler geworden. Aber
irgendwie würden wir ihn doch immer noch gerne „beherrschen“, ihm das Richtige zu essen geben,
joggen, weil es ihm gut tut, ihn „kennenlernen“, um gesünder zu sein oder besseren Sex zu haben.
Es geht aber um eine noch radikalere Wende in der Einstellung zu sich selbst. Es geht darum, diesen
„gewöhnlichen Körper, der da im Sessel sitzt“ nicht nur von außen zu betrachten und zu behandeln,
sondern ihn von innen zu fühlen. Es geht darum, wirklich aufzunehmen, anzunehmen,
wahrzunehmen, dass „Körper“ das Von-innen-Fühlen, das Da-Sein ist. Dieser lebendige Körper hat
Bedeutung und aus dem Erkennen seiner Bedeutung, dem Verweilen im ‚Hier und Jetzt’ kommen die
Schritte der Veränderung zur seiner Gesundung und jener der Umgebung.

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► Die lebenswichtige Erklärung lautet also: Wenn wir von „Körper“ reden, meinen wir damit jetzt
hauptsächlich einmal den von innen gefühlten Körper. Aus dieser Sicht ist mein Körper kein Ding,
denn auf ihn kann ich mich innerlich unmittelbar beziehen, und wenn ich das tue, „antwortet“ dieser
Körper, er „spricht zurück“. - Kein Ding tut das.

Körper und Situation sind eins

Der Körper ist nicht für sich alleine da. Erst unsere Denk- und Sprachformen trennen ihn als Begriff
vom Nicht-Körper, von der Umwelt ab. Der Körper ist immer und von allem Anfang an in
Wechselwirkung mit seiner Mitwelt. Der Körper ist in der Situation, er ist ein situationaler Körper.
Wenn wir die Augen zu machen und den eigenen Körper von innen fühlen, bemerken wir das
sogleich. Wir stellen dann fest, dass der Körper kein in sich abgeschlossenes Gefäß ist, sondern sich in
die Situation hinein „ausdehnt“ und die Situation in den Körper „hereinragt“. Wir spüren die
jeweilige konkrete Situation in unserem Körper, und unser Körper verändert die Situation, er „macht“
sie. Unser ganzes Leben lang war unser Körper in dieser „Interaktion mit .....“, er hat sich in dieser
Interaktion „gebildet“ und er hat in dieser Interaktion die jeweiligen Situationen „gestaltet“. Er war
diese Interaktion, und er „weiß“ von den Situationen, mit denen er eins war, ein Körper-Situation-
Phänomen.
Der Körper „kennt“ auch die gegenwärtige, augenblickliche Situation, weil er in und mit
dieser Situation ist - und sie miterschafft. Jetzt, während Sie das lesen, „weiß“ Ihr Körper
etwas über das, was Sie gerade lesen, über das, wie Sie sich damit fühlen; er weiß viel mehr,
viel, viel mehr, als Sie sich im Moment explizit bewusst sind und machen können. Alle
vergangenen Situationen sind im Körper da und interagieren auf implizite Weise mit dem,
was jetzt gerade vor sich geht. Dadurch erleben Sie die Bedeutungen dessen, was Sie gerade
lesen.

Das, was wir in einer konkreten Situation körperlich fühlen (ohne dass wir es schon explizit in Worten
wissen), nennt Gendlin einen >Felt Sense<. Ein Felt Sense ist das körperliche Spüren der Situation.
Dieses Gespür ist - vom Standpunkt des expliziten Wissens aus - vage, diffus, unklar. Der Felt Sense
ist eine körperliche Stimmung. Man fühlt, dass diese Stimmung mit der Situation, mit etwas im
Leben, zu tun hat; man fühlt, dass sie bedeutungsvoll ist, auch wenn man nicht gleich weiß, womit sie
konkret zu tun hat, welche konkreten Bedeutungen in dieser Stimmung „enthalten“ sind, und man
kann nicht gleich sagen, was man spürt. Es „hat“ noch keine Worte.
Wenn man beginnt, den Körper von innen zu fühlen, bemerkt man vielleicht zunächst deutliche
Empfindungen: eine bestimmte Muskelverspannung, einen bestimmten Schmerz. Wenn man
darüber hinaus noch ein bisschen länger innerlich achtsam bleibt, kann man auch noch dieses
stimmungshaften, diffusen Gespürs gewahr werden, das den Namen „Felt Sense“ hat. Manchmal
dauert es eine kleine Weile, bis sich ein Felt Sense bildet, bis er sich formt, bis er „kommt“. Es lohnt
sich, bei und mit ihm zu verweilen, auch wenn das zunächst nichts zu versprechen scheint.
Ein Felt Sense ist nicht für sich alleine da. Er ist kein Ding, das in einem abgeschlossenen Behälter
darauf wartet, entdeckt zu werden. Ein Felt Sense ist immer bezogen auf etwas. Er „gehört“ zu
etwas. Er formt sich zu „etwas“ - fortwährend und immer wieder neu. Dieses „Etwas“ kann alles sein:
z.B. die Frage „Wie geht es mir jetzt gerade?“; ein Erlebnis, an das ich mich gerade erinnere; eine
Person, die gerade da ist oder die ich mir vorstelle; ein Traum der vergangenen Nacht; ein trauriges

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Gefühl; ein Problem, das ich habe; eine Entscheidung, die ich treffen muss; ein Gedanke, den ich
tiefer verstehen möchte; ein Text, den ich gerade lese; usw.
Ich kann also zu jedem „Etwas“ einen Felt Sense entstehen lassen, und auch umgekehrt: Ich kann
einen Felt Sense in meinem Körper spüren und ihn dann sozusagen fragen, wozu er gehört und was
er bedeutet. Das Kommenlassen und Verweilen mit einem Felt Sense zu etwas nennt man Focusing.

Sich mit dem Felt Sense unterhalten - statt Probleme zu lösen

Verweilen mit dem körperlich Gespürten, mit dem Felt Sense - Focusing also - lässt „Schritte“
kommen, Veränderungsschritte. Ich will zuerst das Erleben solcher Schritte an einem Beispiel
beschreiben und dann zumindest andeuten, wie man dieses Phänomen konzeptuell darstellen kann.
Zu einem Thema XY formt sich ein Felt Sense - sagen wir - im oberen Bauch. Ich richte meine
Aufmerksamkeit von innen auf dieses Gespür im Bauch. Ich heiße es willkommen und verweile dabei.
Zuerst ist nur dieses Spüren da. Nach etwa 10 Sekunden stellen sich die ersten Worte ein, die dieses
Gespür benennen: „heiß“ und „angespannt“. (Das ist schon ein erster, kleiner Schritt: Etwas Neues ist
aufgetaucht.) Es sind Worte, die die Qualität des Gespürten beschreiben. Ich „frage“ den Felt Sense:
„Was ist das an dir, das so ‚heiß‘ und so ‚angespannt‘ ist?“ Ich bleibe achtsam in Verbindung mit dem
Felt Sense und warte auf eine „Antwort“. Nach einer Weile „öffnet“ sich der Felt Sense. „Öffnen“ ist
ein Wort für ein erlebtes Geschehen: Es ist so, als könnte ich auf einmal in den Felt Sense hinein, als
bekäme dieses körperlich Gespürte eine Tiefe, eine dritte Dimension, und plötzlich bin ich in dem Felt
Sense drin. (Das ist ein nächster überraschender Schritt, den man nicht „machen“ kann.) Ein inneres
Bild taucht auf: Eine Faust, die sich zusammenkrampft; diese Faust „wohnt“ im Bauch. „Ah“, sage ich
überrascht; und obwohl dieses Bild nicht „schön“ ist, ist mir ein bisschen leichter. „Ah, das ist es!“,
höre ich mich innerlich sagen, obwohl ich noch gar nicht weiß, was es ist. (Das Erscheinen des Bildes
und die nachfolgende kleine Erleichterung sind weitere Schritte, die von selbst kamen.) Nun bemerke
ich, dass ich wütend bin (wieder ein Schritt). Ich nehme das Wütende wahr und frage wieder den Felt
Sense: „Was ist ‚wütend‘ an dir?“ Ein Bewegungsimpuls kommt (wieder ein Schritt): Meine Arme und
Hände wollen etwas wegschieben, wegstoßen. Ich probiere diese Bewegung aus und frage dabei
wieder den Felt Sense: „Fühlt sich diese Bewegung richtig an?“ Es kommt nicht gleich eine Antwort.
Dann antwortet es: irgendwie schon richtig, aber noch nicht ganz. Diese Antwort kommt nicht in
Worten, sondern als Körpergefühl. Ich verweile bei diesem „Noch-nicht-ganz“-Körpergefühl. Aus
diesem kommt ein körperliches Aufrichten und Durchatmen (ein Schritt). Das wütende Gefühl
verwandelt sich in ein Gefühl von Stärke und Raumhaben (Schritt). Meine gesamte Befindlichkeit hat
sich verändert. Das ‚heiße‘ und ‚angespannte‘ Gefühl im Bauch ist nicht mehr da, statt dessen spüre
ich eine Lust im Rücken, mich zu strecken und zu bewegen (Schritt). Plötzlich sind die folgenden Sätze
da: „Das Thema XY hat mich erstarren lassen. Alles hat sich im Bauch zusammengezogen. Eigentlich
bin ich wütend, und diese Wut habe ich in mir festgehalten. Ich habe vor ihr irgendwie Angst gehabt.
Jetzt merke ich, dass ich doch jemand bin, dass ich groß bin und diesem Thema XY in die Augen
schauen kann, ja sogar will. Das Bewegen im Rücken macht mich beweglich und ich fühle mich von
hinten irgendwie unterstützt. Ich habe Lust, auf das Thema zuzugehen“ (Schritte). Ein tiefer Atemzug
durchströmt mich und ich fühle mich befreiter (Schritte).
Was habe ich hier „gemacht“? Man könnte sagen, ich habe mich mit dem Felt Sense zum Thema XY
unterhalten, statt über dieses Thema nachzudenken und mich anzustrengen, es zu lösen. Was immer
innerlich auftauchte - Worte, Bilder, Empfindungen, Impulse - ich habe sie an meinem Felt Sense
überprüft, ich habe ihn gefragt, ob sie „passen“, ob sie „richtig“ sind und was sie bedeuten. Der Felt

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Sense hat „geantwortet“. Und jede Antwort hat das Ganze, den Felt Sense, ein bisschen verändert.
Der Felt Sense wusste auf irgendeine Art mehr als ich.

Ohne den Körper zu spüren, ihn von innen zu fühlen, mit ihm zu sein und zu verweilen, wird
die notwendige Wandlung, die permanente Erneuerung nicht ohne größere Anpassungskrisen
möglich. Wir drehen uns dann immer nur im Kreis des Schon-Gesagten und Schon-Getanen,
wiederholen Bekanntes, das bestenfalls neu zusammengestellt und anders kombiniert wird.
Explizites, fertig Geformtes ( die ‚fixierten Muster’) kann sich aus sich selbst heraus nicht so
verändern, dass es sich kreativ weiterentwickelt. Wir müssen über das Schon-Geformte hinaus
hin zum körperlichen, impliziten Erleben, zum Felt Sense, der sich zu jedem Schon-
Geformten als das einstellt, welches über die bisherigen Formen hinaus weist und die
notwendig neuen Formen impliziert.

Eine von Günther Gettinger interpretierte Zusammenfassung des Artikels ‚Körper – was ist das eigentlich?
Einführung in einen essentiellen Aspekt der Focusing-Therapie von Johann Wiltschko, Graz 2008

Literatur
Gendlin, E. T. (1964): ) A theory of personality change. In P. Worchel & D. Byrne (Eds.), Personality
change. John Wiley, NY; deutsch: Eine Theorie des Persönlichkeitswandels. Übersetzt und
bearbeitet von J. Wiltschko. Studientexte 1. DAF, Würzburg 1992
Gendlin, E. T. (1991): Thinking beyond patterns. Body, language and situations. In: B. denOuden & M.
Moen (Eds.), The presence of feeling in thought. Peter Lange, NY
Gendlin, E. T. (1993): Three assertions about the body. The Folio 12(1), 21-33
Gendlin, E. T. (1993): Die umfassende Rolle des Körpergefühls im Denken und Sprechen. Deutsche
Zeitschrift für Philosophie 41(4), 693-706
Gendlin, E. T. (1994): Körperbezogenes Philosophieren. Gespräche über die Philosophie von
Veränderungsprozessen. DAF, Würzburg

Die Praxis des Focusing in Kurzform


(aus: Eugen T. Gendlin, Focusing. Rowohlt, Hamburg 1998, S. 191 f)

1. Freiraum schaffen
Wie fühlen Sie sich? Was hindert Sie daran, sich gut zu fühlen?
Antworten Sie nicht, lassen Sie ihren Körper die Antwort geben.
Dringen Sie nicht hinein in das, was kommt.
Heißen Sie alles, was kommt, willkommen. Legen Sie alles für eine Weile neben sich.
Abgesehen von alldem, fühlen Sie sich gut?

2. Einen Felt Sense kommen lassen


Greifen Sie eines dieser Probleme heraus.
Dringen Sie nicht in das Problem. Was fühlen Sie in ihrem Körper, wenn Sie sich alles das,
was mit diesem Problem zusammenhängt, in Erinnerung rufen?

3. Den Felt Sense beschreiben: einen ‚Griff’ finden

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Welches ist die Eigenart des Felt Sense?


Welche Worte, Sätze oder Bilder kommen aus dem Felt Sense?
Welches Eigenschaftswort passt am besten dazu?

4. Vergleichen
Gehen Sie hin und her zwischen dem Wort (oder Bild) und dem Felt Sense. Passen beide
zusammen?
Wenn sie zusammenpassen, lassen Sie dieses Gefühl des Zusammenpassens mehrmals in sich
aufkommen.
Wenn sich der Felt Sense verändert, folgen Sie ihm mit Ihrer Aufmerksamkeit.
Sobald Sie eine perfekte Übereinstimmung zwischen Wort oder Bildern und dem Gefühl
erreicht haben, kosten Sie dieses Gefühl für eine Minute aus.

5. Fragen
„Was ist es an diesem ganzen Problem, das mich so.....macht?“
Wenn Sie nicht mehr weiterkommen, stellen Sie sich folgende Fragen:
Was ist das Schlimmste an diesem Gefühl?
Was ist so schlimm daran?
Was braucht es, damit es besser wird?
Was sollte geschehen?
Antworten Sie nicht selbst, warten Sie darauf, dass sich das Gefühl regt und Ihnen eine
Antwort gibt.
Was wäre es für ein Gefühl, wenn alles in Ordnung wäre?
Lassen Sie ihren Körper antworten: Was steht dem im Wege?

6. Annehmen und schützen


Heißen Sie alles willkommen, was kommt. Seien Sie froh, dass Ihr Körper geantwortet hat.
Das ist nur der erste Schritt auf die Lösung des Problems zu, weitere werden kommen. Jetzt,
das Sie Ihre Gefühl kennen, können Sie es verlassen und später zu ihm zurückkommen.
Beschützen Sie es vor kritischen Stimmen, die Sie unterbrechen wollen.

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