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Der Reichtum Bachscher Klavierwerke ist noch immer nicht ausgeschöpft und dies hat

Gründe, die tief verwurzelt sind mit der Charakteristik unseres Konzertlebens.

Hierzu einige Gedanken

Der Interpret befindet sich in einem ihm durchaus bewussten Zwiespalt:

Er soll die Musik zum besten vermitteln – und obendrein, was ihm sicher noch wichtiger ist,
sein artistisches Können und sich selbst darstellen. Das Publikum, dieser Gesetzmäßigkeit
folgend und gleichsam Richter, fördert durch „kritisches Zuhören“ diesen Prozess, der bei
den Ausführenden zum Prinzip der Konkurrenz führt.
Mit anderen Worten: Blick und Ohr des Zuhörers (oft in dieser Reihenfolge) sind wesentlich
auf die Person des Spielers und dessen Leistungspotential gerichtet und dieses steht somit
zentral im Mittelpunkt des Konzertgeschehens.

Musik wird gleichsam zum Medium, durch welches sich die Person darstellt, statt dass sich
die Musik selbst darstellt. Dies gilt von Haydn bis Strawinskij, sozusagen ausnahmslos,
wobei die im Konzert „abgestrahlte Persönlichkeit“ des Interpreten zum eigentlichen,
mehr oder weniger nachhaltigen Erlebnis wird.

Die Interpretation von Werken Bachs folgt ganz offensichtlich anderen Gesetzen, weil ihr
das Spezifikum „Artistik“ abgeht. Der Urgrund Bachscher Komposition scheint die
genannten Umstände nicht zu dulden:
Der Interpret steht hier – nur und nur – im Dienste des Werkes und sein sonst legitimer
Wunsch nach Selbst-Darstellung kann in dieser Musik eigentlich nicht stattfinden, es sei
denn, er spielt den Komponisten falsch.

Die Bach-Interpretation und deren Aufnahme durch den Zuhörer erfordern somit
veränderte Positionen auf beiden Seiten: Der Interpret muss „verstehen“, was er spielt,
d.h., er muss den fast völlig neutralen Text

- Problem und Chance –

erst für sich “ bearbeiten“, um ihn sinnvoll spielen zu können. Dieses Verstehen der
strukturellen Vorgänge und seine Einfühlung für die musikalisch-inhaltlichen Erlebniswerte
und ihre „Energetik“ muss er dem Zuhörer glaubhaft vermitteln. Dieser kann das Werk aber
nur dann richtig erfahren, wenn er durch veräußerte Interventionen des Spielers nicht
gestört wird.

Der Zuhörer muss direkt konfrontiert sein mit dem Werk, ohne Behinderung durch
artistische Nebeneffekte, die auf die spielende Person aufmerksam machen. Er ist somit
aufgefordert, Musik absolut aufzunehmen – ein gewiss hoher Anspruch!

Bach war ein Mensch aus Fleisch und Blut, im Laufe seines beruflichen Lebens konfrontiert
mit den Erfordernissen der Kirche und des Adels; Erfordernisse, die ihm nicht immer
bequem waren – dabei Oberhaupt einer Multifamilie.

Die Menge seiner Kompositionen übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.

Es ist anzunehmen, dass die Niederschrift seiner Kompositionen in gleicher Schnelligkeit


erfolgte wie seine Ideen sprudelten – ein Vergleich mit dem Genie Mozarts liegt nahe,
beide jedoch im Gegensatz zu Beethoven, der ei n Suchender und Ringender der
musikalischen Materie war und Zeit benötigte.
Von J. S. Bach darf man sagen, dass er „gesandt“ ist für alle, die Musik hören können und
wollen. Für ihn, Bach, war seine Stellung im Protestantismus Lutherscher Prägung zwar
vorgegeben, aber nicht richtungsweisend: seine Musik wird in der ganzen Welt gehört,
wenn auch zuweilen mit einer Art „Respekt“, die bis zur Distanz führt – aber an der
universalen Größe J. S. Bachs zweifelt wohl niemand.

Er ist der Komponist mit der weitesten Zukunft. Die Interpretation seiner Musik ist zu
verstehen als

„belebte Struktur“,

wobei der individuellen Temperamentslage sicher Raum gegeben ist, ganz persönliche
Akzente zu setzen, die das heißen mögen:

Energie und „Relaxing“

Struktur und Gefühl

Historischer Rückblick

Ornamentik

Brillanz und Musizierfreude

Poesie und Klang

Walter Blankenheim