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Alexander Kluge über Corona: „Das Virus ist ein Spiegel“ - WELT 30/3/20 12:01

ALEXANDER KLUGE ÜBER CORONA

„Das Virus ist ein Spiegel“


Veröffentlicht am 22.03.2020 | Lesedauer: 10 Minuten

Von Andreas Rosenfelder


Ressortleiter Feuilleton

„Ich glaube fast, dass unsere Seelen Ernstfall brauchen“

Was hat Covid-19 mit den Luftangriffen von 1944 zu tun? Können wir Frieden mit den
Viren machen? Und wie kommen wir hier wieder raus? Ein Gespräch mit dem 88-
jährigen Universalgelehrten Alexander Kluge.

D er Autor, Filmemacher und Produzent (https://www.kluge-alexander.de/)

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, hat sich Zeit seines Leben mit
Katastrophen beschäftigt. Sein großes Buch „Schlachtbeschreibung“
(https://www.amazon.de/Schlachtbeschreibung-Alexander-Kluge/dp/3518111930)

rekonstruiert den Untergang der 6. Armee in Stalingrad, der Band „Die Wächter des
Sarkophags“ (https://www.amazon.de/Die-W%C3%A4chter-Sarkophags-Jahre-

Tschernobyl/dp/3880224013) das Reaktorunglück von Tschernobyl. Nun sprechen wir

über eine mögliche Katastrophe, die gerade erst beginnt. Kluge, der Vielreisende, ist gleich

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beim ersten Versuch unter seiner Münchner Festnetznummer zu erreichen.

WELT AM SONNTAG: Lieber Herr Kluge, wir telefonieren in einer völlig verrückten
Situation.

Alexander Kluge: Ich empfinde das als etwas extrem Unheimliches. Ein unsichtbarer
Erreger, der die Atemwege befällt und uns tötet, aber nur vielleicht, und der übertragen
wird auch von Leuten, die keine Symptome haben: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein
Edgar Allan Poe sich das ausgedacht hätte. Ich kann es mit nichts vergleichen.

WELT AM SONNTAG: Ich hatte gehofft, dass Sie Covid-19 mit etwas vergleichen
können. Sie blicken auf ein fast neunzigjähriges Leben zurück.

Kluge: Ich kann es mit den Luftangriffen von 1944 vergleichen. Aber dann würden wir
nicht zu Hause sitzen und telefonieren.

WELT AM SONNTAG: Es wird in diesen Tagen viel telefoniert, geskypt, gechattet.

Kluge: Und damit sind wir auch schon in den Narrationen, wie wir beide jetzt. Wir
trösten uns.

WELT AM SONNTAG: Haben Sie Angst?

Kluge: Seltsamerweise nicht. Ich muss mich aufrufen zur Angst, mir den Ernst der Sache
klarmachen. Mein Vorstellungsvermögen ist da zu konservativ. Ich habe eine Ausstellung
in Stuttgart gemacht, die gerade fertig war, bevor alles geschlossen wurde: „Oper: Der
Tempel der Ernsthaftigkeit“. Da bin ich mit vielen Leuten zusammengekommen. Aber ich
kann nicht sagen, dass ich Angst hätte.

WELT AM SONNTAG: Sie sind Risikogruppe.

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Kluge: O ja. Und ich bin stolz darauf, dass ich mich noch rechtzeitig im Herbst auf
Pneumokokken impfen lassen habe. Gerhard Richter hat mir gesagt, dass er das macht,
also habe ich das auch gemacht und bin jetzt bis ans Lebensende immun gegen diese
Komplikation. Was mir auffällt, ist, dass sich alles auf die Familie zurückzieht. Meine
Tochter ist angereist. Die hat keine geschäftliche Notwendigkeit hier, muss auch keine
Eltern pflegen. Aber sie kam dorthin, wo ihr Kinderbett gestanden hat: ein jeglicher in
seine Stadt.

WELT AM SONNTAG: Zugleich wird das Soziale, ein elementarer Schutz in


Katastrophenfällen, auf ein Minimum reduziert.

Kluge: Das Soziale ist auch ein Schutz gegen Besinnung. Die Isolation wirft uns auf uns
selbst zurück. Ich habe zum Beispiel angefangen zu schreiben. Ich hätte normalerweise
nur telefoniert und organisiert oder das Nächstliegende gemacht. Aber ich nehme jetzt
nicht das Nächstliegende und habe einen Haufen Zeit vor mir. Ich kann das nicht nur
negativ finden. In einer sehr viel früheren Zeit, in der Renaissance, bricht in der Toskana
die Pest aus, eine ganz andere Bedrohung. Da ziehen sich eine Reihe von Leuten ins
Gebirge zurück, isolieren sich, und das „Decamerone“ entsteht: eine schöne Erzählung, die
ohne die Isolation nicht entstanden wäre.

WELT AM SONNTAG: Für Schriftsteller ist Isolation oft der Normalzustand. Nun gilt
das plötzlich für die ganze Gesellschaft.

Kluge: Ein Manager eines großen Unternehmens rief mich vor wenigen Tagen an und
sagte, er sei in einem Raum gewesen mit einer kontaminierten Person. Jetzt seien sie alle,
der ganze Vorstand, isoliert auf dem Gelände, und er habe zum ersten Mal seit Jahren Zeit.

WELT AM SONNTAG: Es gibt positive Nebenwirkungen?

Kluge: Das Virus ist wie ein Spiegel, wie eine Kritik all unserer Gewohnheiten. Wie oft
fasse ich mir mit der Hand ins Gesicht, ohne es zu wollen! Und wie schön ist es, sich mit

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einem Schwung aus der Hüfte mit den Ellbogen anzustoßen – eine ganz neue, freundliche
Geste!

WELT AM SONNTAG: Wir erleben gerade eine Art Kriegszustand, aber es fühlt sich
nicht so an.

Kluge: Mit dem Unbestimmten umzugehen ist schwieriger, als wenn man sagt, in drei
Wochen kommt Krieg. Hier weiß man nicht: Sind es drei Wochen, sechs? Erfasst es mich
oder nicht? Man spricht ja vom Krieg als dem Ernstfall. Jetzt bricht der Ernstfall herein,
aber man schreibt ihn nicht Menschen zu. Das ist rätselhaft und nichts, was ich literarisch
beschrieben finde, obwohl es die Spanische Grippe gab. Die ist sicher fürchterlicher, denn
sie trifft auf eine desorganisierte Gesellschaft, die mit nichts antworten kann. Corona trifft
auf eine in Mitteleuropa weitgehend intakte Gesellschaft. Ich habe gestaunt, wie viele
richtige Töne die Politiker treffen.

WELT AM SONNTAG: Ist Corona so unheimlich, weil wir uns in Viren nicht einfühlen
können?

Kluge: Es ist eine verrückte Vorstellung, dass da ein uraltes Wesen plötzlich aus seiner
parallelen Entwicklungsgeschichte heraustritt und wie ein ungeschickter Außerirdischer
mit uns umgeht. Ihrem Interesse nach wollen die Viren uns ja nicht umbringen, sie wollen
sich verbreiten. Viren sind hochintelligent. Sie lernen durch Machen, wie es bei Darwin
beschrieben ist: Die, die Fehler machen, bleiben nicht übrig. Die, die übrig bleiben, haben
gelernt. Das ist das Gegenteil von Planwirtschaft, die höchste Stufe der Intelligenz.

WELT AM SONNTAG: Sollten wir etwa Frieden mit den Viren schließen?

Kluge: Es gibt Virologen wie Karin Mölling, die mit großer Achtung von dieser Welt
sprechen und betonen, dass es dort nur wenige sind, die auf Kreuzzug gegen die Menschen
gehen. Wir alle tragen gut zwei Kilo fremder Lebewesen in unserem Darm mit. Das sind
auch unsere Haustiere.

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WELT AM SONNTAG: In Tolstois „Anna Karenina“ steht der Satz, die Menschheit
selbst sei „nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen Planeten gewachsen ist“.

Kluge: Wir waren mal 18.000 in Afrika, und die waren verstreut im Lande. Ein Löwe hätte
einen unserer Vorfahren reißen können, und die Menschheit hätte sich nicht entwickelt.
Vielleicht hätten dann die Medusen die Intelligenz eingeführt. Aber dann haben wir uns
ausgebreitet, in jedem Flecken, bis Feuerland. Insofern sind wir große, doch virenähnliche
Intelligenzen, die alles besetzen und ergreifen, um leben zu können.

WELT AM SONNTAG: Das Surreale der Lage kommt auch daher, dass es Frühling wird,
die schönste Zeit des Jahres.

Kluge: Bei mir ist das Signum der Bombenangriffe 1944 ein heller, herrlicher Sommer –
und da oben diese Kondensstreifen, und die sind tödlicher, als jedes Virus sein kann. Bei
solchem Wetter sind Gedanken, mit denen man sich tröstet, ganz stark: dass man nicht
sterben will, dass man nur mit Vorsicht auch nicht leben kann, dass in einem plötzlich sich
etwas verdichtet gegenüber den Nächsten. Ich glaube fast, dass unsere Seelen Ernstfall
brauchen, obwohl man sich das nicht wünschen soll. Eine bestimmte Ernsthaftigkeit der
Situation bekommt unserer Natur sehr gut. Offenkundig haben unsere Vorfahren den
ganzen Tag in Gefahren gelebt. Die mussten hinter etwas herjagen oder etwas einsammeln
und wussten nicht, ob aus dem Hinterhalt ein Wildtier kommt oder auch eine Horde, die
einen umbringt.

WELT AM SONNTAG: Muss man sich schämen, wenn man sich in der Krise gut fühlt?

Kluge: Wir sind darauf geeicht, mit unserem gesamten Sensorium. Unser Ohr ist ein
Gefahrensignalempfänger, unsere Fantasie ist ein Fluchttier. Das Vorstellungsvermögen ist
in unserer Evolution dafür gemacht, sich Gefahren auszumalen. Intelligent wäre es, das
zuzulassen. Kenntnis der Notausgänge zum gegenwärtigen Zeitpunkt, das wäre etwas, das
wir beherrschen lernen könnten.

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WELT AM SONNTAG: Die ältesten Mythen handeln von unheimlichen Fabelwesen.

Kluge: Aber alles, was bei Herodot steht, der Mensch mit dem Vogelkopf, ist nicht so
seltsam wie dieses gestruppte Virus, das so fremd ist und doch so nah bei uns war. Es hat
ja die ganze Zeit neben uns gelebt, in den Tieren.

WELT AM SONNTAG: Wie beobachten Sie die Reaktionen?

Kluge: Es ist ein öffentliches Theater, an dem jeder teilhaben kann, und es gibt kein
anderes Drama, das so an die Kehle oder in die Brust geht wie dieses hier. Es gibt eine
Person, die mir sehr imponiert, das ist der Landrat von Heinsberg: Da findet ein zur
Nüchternheit erzogener Jurist die Töne, um seinen Landkreis solidarisch und
republikanisch zu führen. Nur ist das Politische eine Bühne, und hinter der Bühne gibt es
die Bühnenarbeiter, die Leute des Gesundheitswesens, die Ärzte, Professoren, Virologen.
Das ist ein Bild, das der Nacherzählungen harrt. So ein anständiger Kampf da in Troja, was
für schöne Hexameter hat es darüber gegeben! Wie wollen wir das ausdrücken, wenn
unsere „Tagesschau“ doch nicht in Hexametern und immer ohne Musik arbeitet?

WELT AM SONNTAG: Kann uns ausgerechnet jetzt die Ästhetik helfen?

Kluge: Mir scheint, dass wir das Lamento wieder bräuchten, die öffentliche Trauer, den
Klagegesang, der stärkere Gefahren abwehrt. Alles Dinge, die in den letzten 4500 Jahren
der Menschheit existierten und dann durch Pragmatik überlagert werden. Aus dieser Lava
der Aktualität, Alltäglichkeit, Emsigkeit, Gewohnheit wird man in solchen Situationen
herausgerissen.

WELT AM SONNTAG: Was tun?

Kluge: Sehen Sie, die Fantasie ist wie ein Pferd. Die Pferde sind Fluchttiere. Wenn Gefahr
droht – weg! Und ausgebildet werden sie dann von Kavallerieoffizieren zur Attacke, was
auch nur eine Flucht nach vorn ist. Pferde müssen wahnsinnig sein vor Angst, damit sie

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andere Pferde rammen. So ähnlich geht es mit unserer Fantasie. An sich ist es ein
Fluchtinstinkt. Wir weichen aus. Unsere ganzen Lügengeschichten, unsere Ausreden – wir
sind Illusionsspezialisten, sagt Friedrich Nietzsche. Wahrheitssucher sind wir noch nie
gewesen. Und dann werden wir dressiert zur Wahrheitssuche, zur Aufklärung. Wie ein
Pferd zur Attacke. Wir sind für unsere gesellschaftliche Praxis, zur rationalen Bewältigung
eigentlich gar nicht ausgerichtet. Wir sind Fluchttiere. Intelligent wäre, wenn wir das
zulassen. Die Kenntnis der Notausgänge zum gegenwärtigen Zeitpunkt, das wäre etwas,
das wir beherrschen lernen könnten. Wo kann man hin? Ich würde nicht nach Mailand
fahren!

WELT AM SONNTAG: Wird die Welt, in der wir gerade eben noch gelebt haben,
zurückkehren?

Kluge: Das wird sie, weil sie so starke Mechanismen hat. Und auch unser Seelenleben
wird dazu beitragen, denn das will Harmonie. Kenntnis der Notausgänge kann dazu
führen, dass ich beim nächsten Mal mein Verhalten ändere. Aber wenn ich einfach weiter
mache, Planwirtschaft, dann wird die Macht der Gewohnheiten alles wieder zudecken. Ich
fürchte, dass, wenn sich die Börsen wieder erholen, sich auch unser Gewohnheitsleben
wieder erholt. Dass wir alle Fehler noch mal machen. Was aber im Verhältnis zum Virus
gar nichts bedeutet. Das nächste kommt bestimmt.

WELT AM SONNTAG: Vor Monaten dachten wir noch, die Klimakatastrophe würde
unsere Welt verändern. Davor waren es die Flüchtlingskrise, die Finanzkrise, der Terror.
All das ist vergessen.

Kluge: In der Antike gab es in jedem Haus eine Ecke, in der saßen die Vorfahren. Wir
müssen alle Sünden, alle Leistungen, alle Toten in irgendeiner Ecke unseres
Gemeinwesens in Erinnerung behalten. Sodass wir der Toten der Spanischen Grippe
gedenken oder auch Franz Kafka, der an Tuberkulose gestorben ist. Diese Krankheit ist
inzwischen mit Penicillin heilbar, aber wir haben schon im Penicillin die Lücke, wo es
nicht mehr wirkt. Da kriegen Sie die Tuberkulose hoch zwei, und dann sind die

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wunderbaren Anstalten aus dem „Zauberberg“ in Davos nicht mehr da. Die Praxis, wie
man so etwas Unheilbares heilt, ist als Kultur verlorengegangen. Nur der Roman von
Thomas Mann zeugt davon. Aber große Leute sind daran gestorben, um die es mir leid tut.
Und hier müsste man auch eigentlich die Toten, die jetzt sterben, besingen.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern Sie Ihnen gerne regelmäßig
nach Hause. (/wams)

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