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© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen


ISBN Print: 9783525323014 — ISBN E-Book: 9783647323015
FRIAS Rote Reihe

Herausgegeben von
Ulrich Herbert und Jörn Leonhard

Band 2

Die FRIAS School of History der Universität Freiburg


lädt Wissenschaftler mit besonders innovativen Pro-
jekten ein, ihre Vorhaben konzentriert und in Dis-
kussion mit anderen Fellows voranzubringen und
abzuschließen.

Die FRIAS Rote Reihe veröffentlicht Essays, die aus


Vorträgen, Gesprächen und Diskussionen am Institut
hervorgegangen sind. Der thematische Schwerpunkt
liegt auf der Vergleichenden Europäischen Geschichte
seit dem 18. Jahrhundert.

www.frias.uni-freiburg.de

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Gerd Koenen

Was war der Kommunismus?

Vandenhoeck & Ruprecht

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Umschlagabbildung:
Lenin am 5. Mai 1920 auf dem Sverdlov-Platz in Moskau.
Quelle: Russisches Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte,
Moskau (RGASPI), 393/1/205 (Foto: G.P. Gol’dštejn).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Druck und Bindung: e Hubert & Co, Göttingen
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Was war der Kommunismus?

Wer heute über den Kommunismus in seinem Zeitalter schreibt,


muss mittlerweile auch schon zwei Jahrzehnte post-kommunis-
tischer Gesellschaftsbildungen mit in den Blick nehmen. Mehr
noch: Er kann nicht übersehen, dass die kapitalistische Weltwirt-
schaftskrise von 2009 und der Kollaps des »realen Sozialismus«
von 1989 in einem inneren Verhältnis zueinanderstehen; die Frage
ist nur, in welchem.
Eine sehr explizite These dazu hat Eric Hobsbawm bereits 1994
in seinem Epochenüberblick Age of Extremes entwickelt, als er
schrieb: »Eine der Ironien dieses denkwürdigen Jahrhunderts ist,
dass das dauerhafteste Resultat der Oktoberrevolution […] ausge-
rechnet die Rettung ihres Antagonisten im Krieg wie im Frieden
war.« Das sozialistische Lager habe den Kapitalismus des Westens
erst gezwungen, »sich selbst zu reformieren« und der von Natur
aus selbstzerstörerischen Marktökonomie Elemente wirtschaftli-
cher Planung und sozialen Ausgleichs einzufügen.1 Und erst das
relativ stabile Gleichgewicht der Systeme im »Kalten Krieg« habe
jenes beispiellose »Golden Age« der Nachkriegsjahrzehnte ermög-
licht, in dem alle gesellschaftlichen Entwicklungen sich weltweit
exponentiell beschleunigten – bis sich in den 1980er Jahren durch
die neoliberale Wende unter Thatcher und Reagan eine neue glo-
bale Krise abgezeichnet habe, deren erstes Opfer allerdings (para-
doxerweise) die Sowjetunion und das mit ihr verbündete sozia-
listische Lager geworden seien. Die Selbstzerstörung des Westens
und der kapitalistischen Welt im Ganzen werde aber nicht lange
auf sich warten lassen, sei es in Form einer Explosion oder einer
Implosion.

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Was 1994 als spätmarxistische Verstocktheit erschien, könnte
heute wieder als prophetisch gelten. Nur dass Hobsbawm sich mit
den ganz eigenen, tieferen Ursachen der sozialökonomischen Ka-
lamitäten, moralischen Depravationen und terroristischen Exzesse
der kommunistischen Staaten, Parteien und Gesellschaften nie-
mals ernsthaft hat auseinandersetzen wollen. Dabei geht es aber
um mehr als nur um die bedauerliche Einäugigkeit eines ehemali-
gen KP-Intellektuellen. Mit dieser Ausblendung gerät Hobsbawms
gesamte Konstruktion eines »Jahrhunderts der Extreme« in eine
elementare Schieflage. Denn gerade der Kommunismus gehört zu
den einschneidensten und zugleich am wenigsten verstandenen
Seiten dieser politisch-ökonomischen Globalisierungsgeschichte,
um die es sich im Kern handelt.
Ohne den Kommunismus zu verstehen, seine dynamische
Machtentfaltung wie seine finale Schwäche, begreift man weder
die erstaunliche Überlebens- und Entwicklungsfähigkeit seiner
hundertmal totgesagten Antipoden, der bürgerlich-kapitalisti-
schen Gesellschaften des Westens, noch sind umgekehrt die Fra-
gen erledigt, die durch die kommunistischen Bewegungen selbst
und ihre Geschichte aufgeworfen worden sind. Um Claude Lefort
zu zitieren: »Der Kommunismus gehört der Vergangenheit an, die
Frage des Kommunismus jedoch bleibt zentral für unsere Zeit.«2
Es geht dabei um die Bedingungen von wirklicher Demokratie
wie von totalitärer Macht, von individueller Autonomie wie von
kollektivem Zwang. Es geht auch und noch immer um die »soziale
Frage«, um das Verhältnis von Markt und Plan, von Nationalismus
und Internationalismus – um nur die traditionellen Begrifflichkei-
ten zu zitieren.
Nichts ist erledigt, nichts ist gelöst. Wir leben im Kontinuum
wie in der Kontingenz derselben menschlichen Geschichte, erst
recht, seit wir alle, die Inkludierten wie die Exkludierten dieser
Erde, dem »Weltinnenraum des Kapitals« 3 subsumiert sind – spä-
testens seit 1989.
Die Epochenzäsur, mit der das »kurze 20. Jahrhundert« endete,
lässt sich auch im Rückblick kaum überzeichnen. So sang- und
klanglos wie die sozialistische Supermacht Sowjetunion ist noch
keine Weltmacht der Geschichte abgetreten. Dabei ist sie weder
besiegt noch gestürzt worden, im Gegenteil, der Kollaps kam in-

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mitten einer Phase innerer Reformen und äußerer Entspannung,
im Augenblick des vielleicht tiefsten Friedens, den Europa und die
Welt im 20. Jahrhundert gekannt haben. Noch im Sommer 1989,
als in Polen schon die ersten halbfreien Wahlen stattfanden und
in Ungarn Flüchtlinge aus der DDR zur offenen Grenze strömten,
gab es weder in der Wissenschaft noch in der Politik irgendje-
manden, der vorausgesagt hätte, dass die östliche Supermacht und
das um sie gescharte »sozialistische Lager« sich binnen ein, zwei
Jahren beinahe widerstandslos auflösen könnten. Und niemand,
der die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung im
Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Beijing live im Fernsehen
verfolgte (der Beginn des CNN-Zeitalters), hätte darauf gewettet,
dass die Volksrepublik China unter der Regie einer autokratisch
weiterherrschenden Kommunistischen Partei nur umso rascher
»den kapitalistischen Weg gehen« würde (um mit Mao zu spre-
chen) und binnen zwei Jahrzehnten zu einem mächtigen Motor
der beschleunigten kapitalistischen Globalisierung werden würde.
Umso erstaunlicher und erklärungsbedürftiger erscheinen im
historischen Rückblick dann allerdings die sieben Jahrzehnte des
scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs dieser Union Sozialistischer
Sowjetrepubliken, die gleich einem Phönix aus der Asche des Ers-
ten Weltkriegs, der Revolution von 1917 und des anschließenden
Bürgerkriegs auf dem Boden des zerborstenen russischen Vielvöl-
kerreichs erstanden ist. Dasselbe gilt drei Jahrzehnte später für den
Aufstieg der Volksrepublik China unter der Ägide Mao Tse-tung
wie für eine Reihe weiterer autochthoner kommunistischer Staats-
gründungen, vom Jugoslawien Titos über das Vietnam Ho Chi
Minhs und das Kuba der Gebrüder Castro bis zum Kambodscha
der Roten Khmer. Der nominelle Höhepunkt in der Ausdehnung
des »sozialistischen Weltlagers« wäre etwa auf das Jahr 1980 zu da-
tieren, als auf der politischen Landkarte der Welt 22 sozialistische
»Volksdemokratien« auf allen Kontinenten verzeichnet wurden,
die knapp ein Drittel der Weltbevölkerung umfassten. In praktisch
jedem Land der Erde gab es zu diesem Zeitpunkt eine größere
oder kleinere Kommunistische Partei, oft auch mehrere. Nimmt
man alles in allem, erscheint die 1919 von Moskau ausgegangene
»kommunistische Weltbewegung« mit Abstand als die größte, tief-
greifendste und erfolgreichste Massenbewegung des 20. Jahrhun-

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derts. Und ungeachtet aller ihrer wiederholten Schismen, inneren
Widersprüche und zwischenstaatlichen Verfeindungen trug sie
bis zuletzt einen prononciert »internationalistischen« Charakter,
der als solcher ohne historisches Vorbild war – auch wenn dieser
Schein letztlich trog.
Heute ist davon nichts, oder fast nichts, geblieben. Was wir im
ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch an regierenden oder
oppositionellen Kommunistischen Parteien vorfinden, von China
bis Nordkorea oder Kuba, von Nepal bis Indien, Vietnam oder
Südafrika, Frankreich bis Italien, Russland oder Weißrussland,
sind Mutationen eines historischen Typs, die kaum noch auf einen
Nenner zu bringen sind. Es sind trotz aller Krisensymptome und
eklatanten Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Weltwirtschaft
aber auch keine Ansätze einer erneuerten kommunistischen
Weltbewegung zu erkennen. Die hier und da unternommenen
Versuche, aus alten und neuen Theoremen einen aufgefrischten
»Sozialismus des 21. Jahrhunderts« zu kreieren, sind nicht sehr
weit gediehen, wie auch die sogenannte Antiglobalisierungsbewe-
gung (aus vielen Gründen) wenig Neigung zeigt, in die Fußstapfen
der verblichenen Internationalen des 20. Jahrhunderts zu treten,
einschließlich der »Trikontinentale« der 1960er Jahre mit Sitz in
Havanna.
Dabei hatte doch gerade die monolithische (ideologische, poli-
tische, disziplinäre) Geschlossenheit einst zu den meistgefürchte-
ten und meistbewunderten Eigenschaften Kommunistischer Par-
teien gehört. Noch die Literatur der »Renegaten« hatte sich zentral
um die unvergleichliche Bindekraft dieser existenziellen Kampfge-
nossenschaft gedreht.4 Es gab (so schien es) kein Leben und kein
Heil außerhalb der Revolution und der Partei. Mit diesem Tenor
haben Silone, Koestler, Sperber und viele andere das Drama ihres
Bruchs mit der Partei und der kommunistischen Weltbewegung
beschrieben, die in immer neuen Schüben »ihre Kinder entließ«
– oder gleich fraß.5
Aber als diese Weltbewegung 1989 an ihre historischen Gren-
zen stieß, entsprangen dem Zeuskopf der Kommunistischen Par-
teien des Ostens, des Westens wie des Südens fast über Nacht eine
verwirrende Vielzahl divergierender, vielfach tödlich verfeindeter
Tendenzen und Neubildungen. Aus Kommunisten wurden linke

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oder rechte Sozialdemokraten, ideologiefreie Autokraten oder
Technokraten, neugetaufte Liberale oder bekennende National-
konservative, manische Chauvinisten und schäumende Antise-
miten, neoimperiale Geopolitiker, »wiedergeborene« Christen,
konvertierte Muslime, Fundamentalisten jeder Konfession und
Nation, Pazifisten oder Terroristen. Nur Kommunistische Parteien
und Kader alten Schlags gibt es so gut wie keine mehr.
Natürlich müssen sich derart markante weltanschauliche Dif-
ferenzierungen schon über lange Zeit im Innern dieser Parteien,
Staaten und Gesellschaften vorbereitet haben. Aber die Schlussfol-
gerungen, die sich aus all diesen abrupten Metamorphosen ziehen
lassen, sind alles andere als eindeutig. Bewies die mehr oder we-
niger kampflose Abdankung der kommunistischen Parteien und
sozialistischen Staatswesen von der Weltbühne nicht immerhin
eine Fähigkeit zur Selbstaufklärung und Selbstrevision – oder
bewies sie genau das Gegenteil? Waren es primär die hartnäcki-
gen Bürgerrechtsbewegungen von unten, von den sowjetischen
»Dissidenten« bis zur polnischen »Solidarność«, oder war es vor
allem der KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow und sein
Projekt einer »Perestrojka«, eines »Umbaus« von oben, die den
Kern des Geschehens von 1989 bildeten? Kann man diese Kette
dramatischer, aber relativ gewaltloser Umstürze sinnvoll als »Re-
volutionen« charakterisieren – oder handelte es sich eher um eine
chaotische Folge von »Involutionen«? Wie passt in dieses Bild aber
das Beispiel des entfesselten kapitalistischen Take-off in der Volks-
republik China unter der wiederhergestellten Herrschaft einer
Kommunistischen Staatspartei nach 1989?
Das alles bleibt für Interpretationen offen, die ihrerseits natür-
lich davon abhängen, wie man die historische Rolle und Entwick-
lung der kommunistischen Parteien, Staaten und Sozialformatio-
nen »in ihrem Zeitalter«, in dem Dreivierteljahrhundert seit 1917,
retrospektiv bewertet – und wie ihre mentalen und sozialökono-
mischen Folgen und Hinterlassenschaften.
Die Kontroversen, die sich in der Geschichtsforschung an
diesen Fragen entzündet haben, sind mit dem historischen Um-
bruch von 1989 nicht erledigt; sie können durch die erweiterte
Quellenbasis seit der partiellen Öffnung der sowjetischen und
osteuropäischen Archive sowie die selektive Freigabe chinesischer

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Staats- und Parteiakten seit den neunziger Jahren jedoch fundier-
ter und sachlicher diskutiert werden. Die in großer Bandbreite vo-
rangetriebenen Forschungen der letzten zwanzig Jahre haben das
Bild der Geschichte dieser Länder und Parteien in wesentlichen
Punkten präzisiert oder korrigiert.
Allerdings sind russische, chinesische, vietnamesische oder
kubanische Historiker nach wie vor nur sehr partiell in der Lage,
diese Forschungen mit der gebotenen kritischen Rücksichtslosig-
keit führend voranzutreiben, so wie es ihnen eigentlich zukäme;
und so weit sie das gegen viele Widerstände doch tun, finden sie
im eigenen Land nur begrenzte oder keine Möglichkeiten, sich
Gehör zu verschaffen. Oft sind ihnen solche Forschungen (so wie
früher) nur auf dem Umweg über westliche Universitäten, Ver-
lage oder Stiftungen möglich – was die ihnen angehängte Fama,
Nestbeschmutzer zu sein, wiederum »bestätigt«. Die Mächtigen
des heutigen Russland oder China, so weit sie sich überhaupt von
ihrem kommunistischen Erbe distanziert haben, sind ihrerseits
bemüht, die stalinistische bzw. maoistische Periode ihrer Ge-
schichte einem hybriden neonationalen Diskurs einzugemeinden,
an dessen schulbuchmäßige Formeln und Festlegungen möglichst
niemand rühren darf.
Darin setzt sich ein fataler Sachverhalt fort, dessen historische
Tragweite kaum überschätzt werden kann. Denn tatsächlich wa-
ren zum Zeitpunkt der Auflösung des sozialistischen Lagers 1989
halbwegs zuverlässige Kenntnisse über dessen Geschichte und Ge-
genwart fast ausschließlich im westlichen Gegenlager versammelt,
von den Grundtatsachen der Vergangenheit bis zu den aktuellsten
sozialökonomischen Basisdaten. Dieser notorische Mangel an wis-
senschaftlicher Selbstaufklärung und faktischem Wissen über die
eigene Gesellschaft und die Welt »draußen« war aber nicht nur ein
Produkt staatlicher Zensur und Geheimhaltung gegenüber den
eigenen Wissenschaftlern, Publizisten oder einfachen Bürgern,
sondern (gravierender) einer jahrzehntelangen, systematischen
Desinformation der Politbürokraten samt ihrer Planbehörden,
Polizeiorgane und Ideologieapparate auch und gerade gegenüber
sich selbst.
Wie auch immer: Als Ergebnis von Jahrzehnten internationaler
Forschungen über die kommunistischen Staaten, Parteien und

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Gesellschaften des 20. Jahrhunderts steht uns heute eine impo-
sante, geradezu bedrohliche Menge an gelehrten und informierten
Analysen, Beschreibungen und Interpretationen in vielen Welt-
sprachen zur Verfügung. Zumindest über Kernfragen und Schlüs-
selsituationen der Geschichte des Stalinismus, die in vieler Hin-
sicht und aus guten Gründen noch immer das Zentrum der his-
torischen Kommunismusforschung bilden, kann heute auf einem
ganz anderen Niveau diskutiert werden als noch vor etwa zwanzig
Jahren. Aber auch viele andere »weiße Flecken« in der Geschichte
der sozialistischen Länder (um diesen bezeichnenden Ausdruck
Michail Gorbatschows aufzunehmen), insbesondere auch Chinas,
haben sich in groben Konturen gefüllt. Ungelöst bleibt eben »nur«
die übergreifende Frage, welcher tieferen Logik der allen Regimes
dieses Typs eigentümliche historische Zyklus von ursprünglicher
Dynamik, terroristischer Überspannung, moralischer Ermüdung
und schleichender Auflösung gefolgt ist, der den »realen Sozialis-
mus« und mit ihm die kommunistischen Bewegungen entgegen
allen Erwartungen von Freund wie Feind zu einem historisch
transitorischen Phänomen gemacht hat.

Kommunismus als geschichtliches Phänomen

Was also war der Kommunismus? Gab es ihn (im Singular) über-
haupt? Die Rede ist natürlich nicht von einem gesellschaftlichen
»Endzustand« dieses Namens, sondern von den realen politischen
Bewegungen, die sich diesen Titel auf ihre Fahnen geschrieben
hatten. Kann man sie als ein historisch-politisches Gesamtphäno-
men verhandeln? Bei allen Zweifeln, die sich insbesondere daraus
speisen, dass man es am Ende durchweg mit jeweiligen, vielfach
miteinander verfeindeten Nationalkommunismen bzw. mit einem
neoimperial operierenden Sowjetblock zu tun hatte, gibt es zwei
Gründe, vom Kommunismus im Singular zu sprechen:
Zum einen hat es sich bei den Kommunistischen Parteien
tatsächlich um solche »neuen Typs« gehandelt, so wie sie es für

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sich in Anspruch nahmen und wie es ihnen bei ihrer Gründung
in den Zeiten der »Dritten Internationale« auch zwingend vor-
geschrieben war. Zwar waren die weiteren Ausformungen einer
kommunistischen Parteidiktatur oder einer »realsozialistischen«
Staatlichkeit und Wirtschaftsordnung nicht annähernd so klar
doktrinär vorgezeichnet, wie es für Freund und Feind aussah,
sondern haben sich großteils selbst erst unter dem Druck einmal
getroffener Entscheidungen in eher blindwüchsigen Prozessen
herausgebildet. Dennoch lässt sich eine Typologie oder Charak-
terologie beschreiben, die dem »Kommunismus« einen strikter
systemischen Charakter verlieh, als das beispielsweise für parallele
politisch-weltanschauliche Großphänomene wie »den Faschis-
mus« oder »den Liberalismus« gesagt werden könnte.
Zum andern hat es sich beim Kommunismus in seinem Zeital-
ter um eine ganz bestimmte Sequenz von historischen Ereignissen
gehandelt, die einander bedingt, vorangetrieben und so etwas
wie einen historischen Gesamtzyklus ergeben haben. Ohne das
Gründungsereignis der Russischen Revolution, genauer gesagt:
ohne die Machteroberung der Bolschewiki und die Gründung der
Sowjetunion als eines imaginären »Vaterlands aller Werktätigen«,
hätte es schwerlich eine Kommunistische Internationale als eine
»Weltpartei des Proletariats« mit einer Moskauer Zentrale, regi-
onalen Büros und nationalen Sektionen gegeben, sondern allen-
falls eine Vielzahl radikalsozialistischer Parteien und Gruppen
unterschiedlicher Observanz. Ohne die Moskauer Internationale
und ohne die Existenz der Sowjetunion als »Hinterland« wären
aber auch die folgenden, von Kommunisten geführten Revolu-
tionen des 20. Jahrhunderts nur schwer denkbar gewesen, und
vermutlich nicht in den Formen, die sie schließlich annahmen.
Alle wichtigen kommunistischen Parteien und alle bedeutenden
historischen Führer, von Josip Broz Tito über Ho Chi Minh bis
Mao Tse-tung, sind mehr als sie später zugeben wollten in dieser
Schule der bolschewistischen Weltpartei geformt und ausgebildet
worden. Dass die Emanzipation von den Moskauer Direktiven am
Ende eine Bedingung ihres Sieges war, ändert nichts daran, dass
sie im Rahmen einer durch die Sowjetunion und ihre Rote Armee
entscheidend mitbestimmten Weltsituation agieren konnten, die
es ihnen letztlich ermöglichte, sich zu behaupten.

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Das Gründungsereignis der bolschewistischen Machteroberung
konnte in der Form wiederum nur in Russland stattfinden, nicht
in Deutschland, Frankreich oder anderswo. Und dabei hatte es
selbst in Russland am sprichwörtlichen seidenen Faden gehangen.
Am deutlichsten ablesbar ist das an Lenins ultimativem Drängen
in den entscheidenden Oktobertagen des Jahres 1917, hier und
heute und unbedingt auf eigene Faust unter dem Deckmantel des
von Trotzki befehligten Militärkomitees des Petrograder Sowjets
und eines angeblich drohenden konterrevolutionären Putsches die
Staatsmacht zu ergreifen. Wenn man diesen historischen Moment
verstreichen lasse, so hämmerte der Führer der Bolschewiki es
seinem vor diesem Abgrund zurückscheuenden kleinen Zentral-
komitee ein, werde es eine solche Möglichkeit auf Jahre oder Jahr-
zehnte hinaus nicht mehr geben: »Das Schicksal der russischen, ja
der Weltrevolution, hängt von zwei, drei Tagen des Kampfes ab.«1
Vieles spricht dafür, dass Lenin mit dieser instinktiven Ein-
schätzung vollkommen richtig lag. Es war ein vielleicht einzigarti-
ges historisches window of opportunity, das sich öffnete und rasch
wieder schließen konnte, etwa nach dem Zusammentritt der im
November 1917 noch halbwegs regulär gewählten Konstituieren-
den Versammlung, der Verabschiedung einer neuen Verfassung
und der Bildung einer Koalitionsregierung. Jedenfalls gibt es
keinen ersichtlichen Grund, warum Russland als eine Födera-
tive Republik oder Konstitutionelle Monarchie nicht nach einer
längeren oder kürzeren Zeit der Wirren mit dem Wiederaufbau
staatlicher Institutionen, einer Landreform und einer gemischten
Wirtschaftsordnung wieder hätte auf die Beine kommen sollen.
Als Vielvölkerreich wäre es allerdings vermutlich so zerfallen ge-
blieben, wie es das 1917/18 bereits war und 1991/92 erneut sein
würde, und als Großmacht ersten Ranges auf lange Zeit nicht wie-
der auferstanden.
So fragwürdig derartige kontrafaktische Erwägungen immer
sind – sie schärfen den Blick für die Labilität und kontingente
Offenheit der historischen Situation und für die Spielräume eines
entschlossenen politischen Agierens in einer Situation, in der alle
vorhandenen Gegenkräfte (die internen wie die externen) sich
einen historischen Moment lang gegenseitig neutralisierten. Sie
enthalten aber auch schon erste Hinweise auf die eigentliche Ratio

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des Handelns der Akteure, hier der siegreichen Bolschewiki – und
damit auf Motive, die ihnen selbst nicht in jeder Hinsicht bewusst
sein mussten. Sie alle wurden in diesen, mit eigener Logik und
großteils hinter ihrem Rücken sich vollziehenden Prozessen erst
zu denen, die sie schließlich waren.
Die Tatsache, dass keine andere »geschichtliche Umwälzung
schon ihrem eigenen Vollzug eine so enorme Masse an historisch-
sein-wollender Selbstdarstellung aufgeboten und ihre Deutung
zugleich in höchstem Maße ideologisch mystifiziert hat« (so Hel-
mut Fleischer)2, wie es die Bolschewiki im Zuge ihrer Machterobe-
rung getan haben, hat viele Historiker dazu veranlasst, den his-
torischen Ort des modernen Kommunismus zunächst in langen
ideengeschichtlichen Kontinuitäten zu suchen. Fast alle älteren
wie neueren Gesamtdarstellungen der Geschichte des Kommu-
nismus (wie zuletzt die von Robert Service3 oder Archie Brown)4
beginnen obligatorisch mit einer Genealogie, die vom verlorenen
Goldenen Zeitalter der Antike oder den frühchristlichen Vorstel-
lungen vom Paradies über die millenaristischen Ketzerbewegun-
gen des Mittelalters zu den frühneuzeitlichen Entwürfen der Hu-
manisten und Aufklärer führt, zum »Utopia« des Thomas Morus
oder zu Rousseaus Discours sur l’inégalité, und von dort weiter
über Gracchus Babeufs Verschwörung der Gleichen 1794 zu den
europäischen Frühsozialisten im Kraftfeld der 1830er und 1848er
Revolutionen, etwa Etienne Cabet und seiner Reise nach Ikarien
aus dem Jahr 1840, in der der Begriff des »Kommunismus« erst-
mals geprägt wurde. Aus dieser Tiefendimension einer universel-
len Menschheitsidee heraus, so scheint es, wurde die Fackel dann
weitergereicht zu jenem flüchtigen »Bund der Kommunisten«, in
dessen Auftrag Karl Marx und Friedrich Engels 1848 ihr Manifest
der Kommunistischen Partei als Thesen ans Tor der Weltgeschichte
schlugen. Und war nicht der »Völkerfrühling« von 1848 die erste
sowohl nationale wie internationale Revolutionswelle? Und fan-
den die Barrikadenkämpfe dieser Zeit nicht ihre folgerichtige
Fortsetzung in der Pariser Commune von 1871, die Marx groß-
artigem Requiem zufolge bereits das entwickelte Bild einer demo-
kratischen »Diktatur des Proletariats« geliefert hatte?
Lässt man sich auf die Suggestion dieser Ereignisfolgen ein,
dann war die Revolution des Jahres 1905 in Russland nur die

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nächste große Stunde eines utopisch durchglühten Sozialismus,
der mit seinen spontan gebildeten »Sowjets« oder Räten erstmals
Züge einer breiten, wenn auch gescheiterten Volksrevolution an-
nahm. Diese bildete dann das direkte Vorspiel des großen Umstur-
zes von 1917, der nach einer kurzen Phase der »Doppelherrschaft«
in die Gründung des ersten sozialistischen Staates der Weltge-
schichte mündete und somit den endlich gefundenen historischen
Durchbruch einer von jeher vorhandenen, beinahe überzeitlichen
Idee des Sozialismus oder Kommunismus markierte – einer Idee,
die sich von dort aus im Weltmaßstab fortschrieb und ausbreitete.
In diesem Bild konvergieren auf ironische Weise die Vorstel-
lungen der Kommunisten von sich selbst und ihrem historischen
Wirken mit dem Bild, das viele ihrer Kritiker, einschließlich heuti-
ger Historiografen, sich von ihnen gemacht haben. So dominieren
unter den bisher vorliegenden Versuchen, den Kommunismus als
ein historisches Phänomen sui generis zusammenfassend zu be-
schreiben und zu verstehen, nach wie vor Interpretationen, die ihn
in letzter Instanz als eine Ideokratie oder jedenfalls als eine we-
sentlich »ideo-logische«, ideengesteuerte Bewegung beschreiben,
die wie ein verkehrter, höchst undialektischer Mephistopheles
»stets das Gute will und stets das Böse schafft«.
Will man sich die Geschichte des Kommunismus aber nicht
als die einer von intrinsischen Motiven getriebenen idée-force
vorstellen, einer ewigen Menschheitsidee, die – nach den Versen
der »Internationale« – »wie Glut im Kraterherde nun mit Macht
zum Ausbruch« drängte, dann ist vor allem nach den historischen
Umständen und Bedingungen zu fragen, unter denen die sozia-
listischen Ideen und Theorien des Zeitalters »die Massen ergrif-
fen«, und unter denen sich schließlich in einer jahrzehntelangen
historischen Sequenz die kommunistischen Bewegungen des 20.
Jahrhunderts als Phänomene eigener Ordnung entwickelt und
durchgesetzt haben. In diesem Kontext sind dann auch die ideolo-
gischen und utopischen Überschüsse und die durchaus orts- und
zeitgebundenen Ideenproduktionen zu historisieren. Für sich ge-
nommen liefern sie keine Erklärung, sondern bleiben selbst etwas
zu Erklärendes.
Nirgends ist das so handgreiflich wie gerade im Fall der Bol-
schewiki. Als sie sich im Februar 1918, drei Monate nach ihrer

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noch ganz ungesicherten Machtübernahme, in »Kommunistische
Partei Russlands (Bolschewiki)« umbenannten, nahmen sie einen
historischen Titel wieder für sich in Anspruch, der seit dem Mani-
fest der Kommunistischen Partei von 1848 und der Auflösung der
kurzlebigen Kommunistenbünde dieses lang verflossenen Revo-
lutionszeitalters weitgehend außer Gebrauch geraten und somit
vakant geblieben war: eben den als Kommunisten.
Über Legitimität oder Illegitimität des leninschen Anspruchs,
sich selbst und seine Bolschewiki als die legitimen Erben des »re-
volutionären Marxismus« zu präsentieren, ist rein philologisch
nicht zu entscheiden. Das, was aus dem fragmentarischen Konvo-
lut von Marxens hinterlassenen Schriften unter Federführung des
alten Friedrich Engels und des jungen Karl Kautsky im Laufe der
1880er und 1890er Jahre sukzessive ediert worden war und sich
mittels der populären eigenen Schriften dieser berufenen Exe-
geten zu einem ersten, frühen Kanon eines »Marxismus« gefügt
hatte, war alles andere als eindeutig und daher für vollkommen
konträre politische Schlussfolgerungen offen. Der latente Deter-
minismus der marxschen Geschichtsphilosophie, aber auch der
seiner politökonomischen Analysen – vom »tendenziellen Fall der
Profitrate« über die Tendenz zur »absoluten Verelendung« bis zur
fortschreitenden »Expropriation der Expropriateure« durch den
Gang der kapitalistischen Krisen- und Konzentrationsbewegun-
gen selbst – konnten ganz gegensätzlich politisch ausgedeutet wer-
den. Vorstellungen einer gewaltsamen Forcierung der historisch
ohnehin vorgezeichneten Entwicklung, wie die russischen Bol-
schewiki sie hegten, ließen sich ebenso »marxistisch« begründen
wie die Politiken der deutschen Sozialdemokraten oder französi-
schen Sozialisten, die sich einer beharrlichen Akkumulation von
sozialem Einfluss und demokratischer Gegenmacht verschrieben
hatten, bis die Verhältnisse für eine definitive soziale Umwälzung
»reif« waren.
Insofern war es keine bloße »reformistische« oder »opportunis-
tische« Anpassung, wenn die Mehrheit gerade der marxistischen
Parteien und Arbeiterbewegungen sich in den zwei Jahrzehnten
vor 1914 zunehmend auf den Boden demokratischer und sozial-
vertraglicher Konfliktaustragungen gestellt hatte, deren Modalitä-
ten sie sich schließlich selbst erst erkämpft hatten. Auch das war

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Ausdruck eines nachdrücklichen Anspruchs auf soziale Teilhabe,
politische Führung und wirkliche Macht. Ihr eigener, scheinbar
unaufhaltsamer Entwicklungsschub, der vor allem die deutsche
Sozialdemokratie 1912 zur stärksten politischen Kraft des Reiches
gemacht hatte, stand ja mitten im Zentrum der historisch beispiel-
losen Auftriebsbewegung, die die Kernländer Europas und Teile
der mit ihnen verbundenen Welt damals erfasst hatte und die in
der Geschichtsschreibung heute unter Begriffen wie dem einer
Great Acceleration5, einer Großen Beschleunigung, verhandelt
wird, oder auch als die Schwellenzeit eines Übergangs zur »Hoch-
moderne«.6

Der historische Ort des Bolschewismus

Will man den historischen Ort des modernen Kommunismus –


oder vielmehr den seiner frühen Protoform als Bolschewismus,
bestimmen – wird man ihn weder im Marxismus als solchem
noch in der sozialistischen Arbeiterbewegung dieser Übergangs-
zeit finden. Im Spektrum des internationalen Sozialismus vor 1914
war der Leninismus eine östliche Randströmung, die typologisch
und in ihrer Virulenz eher den syndikalistischen oder anarchis-
tischen Gruppierungen im südlichen Europa vergleichbar war.
Und wenn die Bolschewiki als Verfechter einer besonders strikten
marxistischen Orthodoxie auftraten, dann galt das für ihre direk-
ten Gegenspieler innerhalb der russischen Sozialdemokratie, die
Menschewiki, womöglich noch mehr.
Die frühe Spaltung der Partei in zwei Fraktionen, die faktisch
zu zwei Parteien wurden, ergab sich denn auch aus keiner theo-
retischen, sondern aus einer praktisch-politischen Differenz. Das
von Lenin in seiner Schrift Was tun? 1902 entwickelte Konzept ei-
ner Partei der Berufsrevolutionäre, die – fast wie in einer physika-
lischen Versuchsanordnung – eine solche »Masse« an kritischem
Bewusstsein und Organisationskraft in sich vereinen sollte, als zur
Steuerung der Spontaneität der proletarischen Massen in einem

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revolutionären Prozess nötig wäre, verknüpfte Traditionen der re-
volutionären Geheimbünde Russlands seit den 1870er Jahren mit
elitären Elementen im politischen Denken von Marx und Engels,
Lassalle, Kautsky oder Plechanow. So war die berühmte Feststel-
lung Lenins, dass die Arbeiter von sich aus lediglich ein »trade-
unionistisches«, bürgerlichen Rechtsvorstellungen verhaftetes
Bewusstsein entwickeln könnten, weshalb ihnen ein sozialistisches
und revolutionäres Bewusstsein nur »von außen«, von einer Par-
tei, gebracht werden müsse1, unter den Marxisten des Zeitalters
an sich nicht strittig. Fragwürdig erschien allerdings das Konzept
einer Kaderpartei, zu deren unausgesprochenen Implikationen es
gehörte, dass gewöhnliche Arbeiter – mit vereinzelten Ausnah-
men – es sich weder materiell leisten konnten noch ideologisch
gefestigt genug waren, (um) »Berufsrevolutionär« zu werden. Das
konnten in der Regel nur radikale Dissidenten der besitzenden
oder beamteten Gesellschaftsschichten, also der groß- oder klein-
städtischen Eliten des Reiches.
Eine eindrückliche Illustration dazu liefert Simon Sebag
Montefiores Biografie des jungen Stalin2 – die im Übrigen auch
eindrücklich zeigt, dass die Spaltung der russischen Sozialdemo-
kratie in Legalisten versus Konspirationisten oder »Weiche« gegen
»Harte« informell und existenziell längst existierte, noch bevor
der exilierte Lenin sie doktrinär formulierte und organisatorisch
vollzog.
In der südlichen kaukasischen Peripherie des Reiches, insbe-
sondere in der babylonischen Öl- und Industriemetropole Baku,
versammelte sich im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts ein faszi-
nierendes Ensemble von jungen Leuten, die ihre gesamte Existenz
auf die Karte einer vage umschriebenen sozialistischen Revolu-
tion gesetzt hatten: Söhne und Töchter deklassierter georgischer
Adeliger, armenischer oder jüdischer Industrieller und Kaufleute,
russischer Beamter oder Militärs, aber auch kleiner Geschäftsleute
und Handwerker, viele von ihnen relegierte Studenten oder Se-
minaristen wie eben der junge Iosif Dschugaschwili, damals noch
»Sosso« oder »Koba« gerufen, der in den Polizeiberichten trotz
seiner einfachen Herkunft zu Recht als »Intelligenzler« firmiert;
umgeben von einer Korona regulärer kaukasischer Banditen und
bewaffneter Jugendgangs, in denen sich auch etliche abenteuernde

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Gymnasiastinnen und andere junge Frauen tummelten; stets
durchsetzt von Spitzeln der zaristischen Geheimpolizei, die im
Fall ihrer Enttarnung der Feme verfielen. Mit ihren konspirativen
Kontakten in die allenthalten aufschießenden Arbeiterzirkel und
halblegalen Gewerkschaften, mit ihren rastlosen Bemühungen,
Streiks und bewaffnete Straßendemonstrationen zu organisie-
ren, oder mit ihren wiederholten spektakulären Überfällen auf
Banken, Geldtransporte oder Schiffe, die unter der Bezeichnung
»Expropriationen« zu ihrem Markenzeichen wurden, bildete
diese bolschewistische Protopartei ein dichtes, antibürgerliches
und recht promiskes Untergrundmilieu, das allerdings auch ver-
blüffend viele Kontakte in höhere Kreise der Gesellschaft und des
Staatsapparates unterhielt.
Was Lenins Partei der Berufsrevolutionäre (als deren Arche-
typus man den jungen Stalin tatsächlich sehen könnte) somit
darstellte, war jedenfalls nicht das Organ und Ergebnis klar
umrissener Klassenkonflikte, sondern bereits ein eigener, noch
virtueller Machtkern als Gegenpol zur überkommenen Staats-
macht. Lenins gelassen ausgesprochener Satz: »Gebt uns eine
Organisation von Revolutionären, und wir werden Russland aus
den Angeln heben!«3, war Ausdruck eines geschärften, keines-
wegs unrealistischen Instinkts für die besondere Labilität dieses
in rapide Gärungen und Umwälzungen verstrickten, heterogenen
Vielvölkerreichs, und damit für die einzigartigen Opportunitäten
eines künftigen Machterwerbs. In einem imperialen Großstaat wie
dem Zarenreich musste das a priori Züge eines Griffs nach der
Weltmacht haben, oder, ideell formuliert, auf eine Weltmission hi-
nauslaufen, wie sie Lenin im selben Atemzug bereits formulierte,
als er schrieb: Die Geschichte selbst habe dem russischen Prole-
tariat eine Aufgabe gestellt, »welche die revolutionärste von allen
nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes
ist« – den Sturz des Bollwerks der Weltreaktion.4
Insofern könnte man diese Bolschewiki statt als proletarische
Klassenkämpfer eher als eine Art berufsrevolutionäre Entre-
preneurs sehen, die die »thymotischen« Energien5 entwurzelter,
ausgebeuteter oder sich auf verschiedene Weise gefesselt oder ent-
rechtet fühlender Massen für ein großes, kühn angelegtes Projekt
einer künftigen Machteroberung und Umwälzung sammelten und

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organisierten. Indem sie sich auf die rasch wachsende Arbeiter-
klasse als das Hauptobjekt ihrer Agitationen orientierten, statt wie
die früheren Generationen russischer Revolutionäre oder wie die
konkurrierenden Kampfverbände der Sozialrevolutionären Partei,
auf ein mythisch umwittertes (bäuerliches) »Volk«, brachten sie ein
neues, unter ihren Augen entstehendes und frisch form- und mo-
bilisierbares historisches Subjekt ins Spiel. Das bedeutete zugleich,
den Kampf aus der unendlichen Weite des Landes in die großen
Städte, Verkehrsknoten und Industriezentren zurückzuholen,
also an die Nervenpunkte des Regimes. Es hieß schließlich, jedes
Bündnis mit den bürgerlichen Liberalen – an das die Menschewiki
im besten marxistischen Sinne einer beschleunigten sozialökono-
mischen Entwicklung als Etappenziel gebunden waren – stark zu
relativieren oder schon auszuschlagen. Last not least implizierte
die Konzentration auf die städtisch-großindustrielle Sphäre auch,
in die Fußstapfen einer autokratischen Modernisierungsvision zu
treten, wie sie in Russland seit Peter dem Großen als eine Utopie
aufgeklärter Machtvollkommenheit immer im Raume stand, hier
natürlich mit staatskapitalistisch-sozialistischen Zügen, die man
als eine notwendige Entwicklungsdiktatur deuten konnte.
Der Blick auf den jungen Stalin und auf das frühbolschewisti-
sche Milieu in Baku und im Kaukasus, in dem sich auch schon ein
Gutteil seiner späteren Machtclique findet, verliert in dieser Pers-
pektive alles biografisch Zufällige; auch weil das ein Blick von der
Peripherie des Vielvölkerreichs her ist, die – wie Jörg Baberowski
betont hat – für die spätere Konstitution der Sowjetunion eine be-
deutendere Rolle gespielt hat, als herkömmlicher Weise gesehen
wurde.6 Alle Klassenkonflikte waren hier überlagert und durch-
mischt mit ethnischen Konflikten, die oft noch mörderischer
ausgetragen wurden als die bewaffneten Aktionen, Attentate oder
Fememorde der diversen revolutionären Kampfgruppen, welche
diese Konflikte teils zu schlichten, teils zu nutzen suchten, soweit
sie nicht selbst Teil dieser ethnisch-kulturellen Spaltungen waren.
Hier ist man zugleich an jener geopolitischen Verwerfungslinie,
die Dan Diner in seinem Essay Das Jahrhundert verstehen als den
Angelpunkt aller vom 19. ins 20. Jahrhundert hinüberreichenden,
gleichsam tektonischen Erschütterungen umrissen hat: ein »Kon-
fliktbogen«, der sich mit den Kontakt- und Durchdringungszonen

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der gefährdeten supranationalen Großreiche des Zeitalters (des
Osmanischen, des Habsburgischen und des Zarenreichs) deckte,
aber gleichzeitig auch mit den zentralen Einfluss- und Interessen-
sphären ihres historischen Antipoden, des Britischen Weltreichs.
Für diese frühen Bolschewiki waren das unmittelbar präsente
Zusammenhänge, die ihr Bild von der Welt auch später prägen
würden.7
Das berührt sich wiederum mit Jürgen Osterhammels glo-
balgeschichtlicher Perspektive in seiner Geschichte des »langen«
19. Jahrhunderts Die Verwandlung der Welt8, in der die russische
Doppelrevolution der Jahre 1905 und 1917 nur indirekt noch dem
europäisch-atlantischen »Zeitalter der Revolution« zugerechnet
wird, das mit der Amerikanischen Revolution von 1776 und der
Französischen Revolution von 1789 eröffnet worden war. Viel-
mehr erscheinen diese russischen Volkserhebungen als Teil eines
neuen Zyklus eurasischer Revolutionen, der sich im Zuge der
asymmetrischen Beschleunigung und Verdichtung aller globalen
Beziehungen seit den 1890er Jahren in einer Serie innerer Erschüt-
terungen und Reformbewegungen in China, der Türkei, dem Iran
und eben auch in Russland Ausdruck verschaffte.9 In allen Fällen
lieferten demütigende militärische Niederlagen gegen modernere
ausländische Imperialismen und (militärisch oder ökonomisch)
erzwungene »Öffnungen« für den von westlichen Mächten kont-
rollierten Welthandel und Kapitalmarkt den entscheidenden An-
stoß. Im Falle Russlands war die Niederlage gegen Japan 1904/05
schon die zweite eklatante Demütigung nach dem Krimkrieg
1853-1856, die beide jeweils zum Auslöser sozialer und politischer
Reformen sowie staatlich induzierter Modernisierungen wurden,
begleitet von Fieberstößen intellektueller und revolutionärer Gä-
rungen.
Allerdings: So wie die Kommunisten in Russland und später in
China alle Horizonte der historischen Arbeiterbewegung und des
zeitgenössischen Marxismus radikal überschritten, so auch alle
Motive und Ziele dieser »eurasischen Revolutionen«. Die daraus
hervorgegangenen Erneuerungsbewegungen richteten sich im
Kern gegen die autokratischen Regimes und traditionellen Le-
bensordnungen ihrer Länder und griffen dazu auf Rechtsformen,
Techniken, Kulturstile und politische Ideen des Westens zurück,

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um sich (nach dem Vorbild Japans) in starke, moderne, aber ei-
genständige Reichsnationen zu verwandeln, die den überlegenen
westlichen Imperialismen wieder auf Augenhöhe entgegentreten
könnten. Zwar würden die russischen wie die chinesischen Kom-
munisten schließlich mehr als ihnen ursprünglich bewusst war
das Erbe dieser Nationalbewegungen antreten, aber in vollkom-
men neuen, unerhörten Formen – und in absoluter Gegnerschaft
gerade zu deren konstitutionell-reformatorischen Programmen.
Ihr eigenes Ziel war eben keine Erneuerung, sondern ein radika-
ler Bruch, den sie in der Geschichte ihrer Länder auch tatsächlich
herbeigeführt haben, von einer Tiefe und mit sozialen, kulturellen
und mentalen Folgen, die noch bei weitem nicht ausgelotet sind.
Das eigentliche historische Kraftfeld und das entscheidende
Medium, worin der Kommunismus zur geschichtsmächtigen
Kraft wurde, ist jedoch erst der Weltkrieg ab 1914 gewesen, der
eine ganze Weltkriegsepoche eröffnete. Er erschütterte oder zer-
trümmerte nicht nur die gesamte, von den europäischen Mächten
dominierte alte Weltordnung und zerriss das eben erst geknüpfte,
dichte Netz weltwirtschaftlicher Verflechtungen. Er war zugleich
auch ein großer leveller, der soziale Umschichtungen in Gang
setzte, und mit seinen entfesselten Destruktivkräften ein großer
Innovator und Mobilisator. Und schließlich war er der große Kata-
lysator und Totalisator aller in ihn einfließenden sozialen oder na-
tionalen Bestrebungen und aller weltanschaulichen Vorstellungen
dieses Zeitalters, und deshalb auch der Inkubator aller modernen
»totalitären« Bewegungen. In all diesen Hinsichten wirkte er selbst
als eine Art Weltrevolution. George Kennans Formel von der great
seminal catastrophe10 betont eben diesen umwälzenden und vor-
ausweisenden Charakter des Ersten Weltkriegs und wäre daher
statt als »Urkatastrophe« als die »Gründungskatastrophe« des 20.
Jahrhunderts zu übersetzen.
Nicht nur der Sieg des Bolschewismus in Russland, auch die
Entstehung einer Kommunistischen Internationale ist wesentlich
ein Produkt dieser »Gründungskatastrophe« gewesen. Dasselbe
gilt für die Serie von weiteren Machteroberungen und Staatsgrün-
dungen kommunistischer Parteien nach 1945 und die Entstehung
eines »sozialistischen Weltlagers«, die ohne das Medium des Zwei-
ten Weltkriegs und seinen Übergang in einen globalen »Kalten

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Krieg« nicht zu denken gewesen wäre, so wenig wie der zeitweise
Aufschwung der Kommunistischen Parteien einiger westlicher
Länder in dieser Nachkriegsperiode. Die verheerenden Kriege in
Korea und Indochina trugen ihrerseits viele Züge eines auf engs-
tem Raum und stellvertretend ausgetragenen Dritten Weltkriegs
der beiden antagonistischen Lager, bis an den Rand einer atoma-
ren Konfrontation. Und auch die letzte Welle von Kommunisten
geführter Staatsgründungen in den Entkolonialisierungsschlach-
ten der 1960er und 1970er Jahre – in Form revolutionärer Parti-
sanenkriege (wie in Kuba, Angola oder Mozambique) oder unter
dem Deckmantel regulärer Militärputsche (wie in Afghanistan,
Südjemen oder Äthiopien) – war nur unter dem Schirm der glo-
balen Militärmacht der Sowjetunion und des um sie gescharten
Weltlagers möglich.
Dass der historische Zusammenhang von Krieg und Kommu-
nismus nicht akzidentieller, sondern essenzieller Natur war, zeigt
noch einmal der Blick zurück auf den proteischen Ausgangskern,
die Partei der Bolschewiki. Bei Ausbruch des Weltkriegs war sie
trotz einiger Erfolge in Wahlen oder bei Streiks (zuletzt 1912/13)
durch ihre Unfähigkeit, frisch gewonnene Kräfte zu integrieren,
durch polizeiliche Repressionen und die erfolgreiche Infiltration
der Inlandsführung, schließlich durch sektiererische Querelen
und Spaltungen zwischen Lenin und nahezu allen prominenten
Exilanten auf einen kleinen Restkader geschrumpft. Man befindet
sich auf hypothetischem, aber kaum sehr spekulativem Terrain,
wenn man feststellt, dass die Dynamik der sozialen und politi-
schen Widersprüche Russlands alleine die Partei Lenins schwer-
lich über die Position einer radikalen Randströmung hätte hinaus-
bringen können.
Das vermochte erst der Weltkrieg. Ab jetzt würde Revolution
axiomatisch Bürgerkrieg unter Einschluss militärischer Massen-
kontingente bedeuten. Und ein Bürgerkrieg in einem der großen
Länder würde im Zeitalter des Imperialismus fast automatisch
den Ausbruch eines globalen Konflikts bedeuten, der seinerseits
nur noch mit den revolutionärsten Mitteln zu führen war. In Mao
Tse-tungs späterem Konzept eines »Volkskriegs« fielen Revolu-
tion und Krieg schließlich unmittelbar zusammen: »Krieg ist die
höchste Form des Kampfes zwischen Nationen, Staaten, Klassen

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oder politischen Gruppen […]«11 Das eben war die Sprache des
Weltkriegszeitalters, in positiver, strategischer Wendung.
Aber Lenin war es, der diese Sprache und Denkweise erst ent-
wickelte und das Projekt des Bolschewismus nach dem August
1914 konsequent reformulierte und neuformatierte. Gleich in den
ersten Stellungnahmen vom August 1914 hatte er den Weltkrieg
als den Beginn einer Ära der sozialistischen Revolutionen be-
grüßt: »Je mehr Opfer der Krieg fordern wird, desto klarer werden
die Arbeiter […] die Notwendigkeit erkennen, dass man die Waf-
fen gegen die Regierungen und gegen die Bourgeoisie eines jeden
Landes richten muss.«12 Gegen diesen Ton eines revolutionären
Bellizismus nahmen sich die Beteuerungen der sozialistischen
»Vaterlandsverteidiger« in den am Krieg beteiligten Ländern wie
ein Pfeifen im Wald aus, und die mit besonderem Hohn bedachten
Friedensforderungen der »Sozialpazifisten« (von den deutschen
Linken bis zu den Menschewiki) wie ein verächtliches Winseln.
Im Übrigen erfuhr die zentrale Losung der Verwandlung des
Weltkriegs in einen europäischen Bürgerkrieg unter der Hand
subtile Spezifikationen: erstens durch die kategorische Festle-
gung, dass »die Niederlage der Zarismus das kleinere Übel ist«13;
und zweitens durch Lenins Beschreibung der Konstellation der
Mächte, wie er sie in seiner 1916 verfassten Schrift Der Imperia-
lismus als höchstes Stadium des Kapitalismus14 näher ausführte.
Demnach stand im Zentrum aller Weltkonflikte der Versuch der
»alten« Mächte, Frankreich und England, die sich vornehmlich
auf eine extensive koloniale und finanzkapitalistische Ausbeutung
stützten, ihre überkommene Position – eben mithilfe des reaktio-
nären Zarentums – gegen aufsteigende neue Mächte zu verteidi-
gen, die bereits einen moderneren, organisatorisch und technisch
avancierteren Entwicklungstyp verkörperten. Neben Japan und
den USA firmierte an vorderster Stelle dieser »jungen« Mächte der
Hauptkriegsgegner: das Deutsche Reich mit seiner (angeblich) fast
staatssozialistisch organisierten Kriegswirtschaft.15
Unter diesen Prämissen verliert die nicht einmal besonders
kaschierte Kooperation Lenins seit dem Herbst 1915 mit der deut-
schen Reichsleitung, die sich ihrerseits einer aktiven »Dekompo-
sition« des zaristischen Vielvölkerreichs verschrieben hatte, ihren
vermeintlich obskuren Charakter. Für den auf seinen Zürcher

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Hausstaat zurückgeworfenen Lenin ging es entscheidend darum,
seine kaum noch operativen Verbindungen nach Russland (vor
allem den Northern Underground über Skandinavien16) mithilfe
des von Berliner Stellen gesponserten, zur deutschen Sozialdemo-
kratie übergetretenen russischen Revolutionärs Alexander Parvus-
Helphand zu sichern und zu nutzen. In der Praxis erbrachte diese
Kooperation (die von deutscher Seite anfangs nur eine Aktionsli-
nie unter vielen war) zunächst sehr wenig. Ihre wirkliche Bedeu-
tung erlangte sie erst in den Monaten vor und nach der Macht-
eroberung der Leninisten 1917/18. Dann trug sie allerdings nicht
mehr nur taktische und pragmatische, sondern strategische und
programmatische Züge, die weit vorauswiesen.17
Man kann kaum anders, als in diesem kühnen Operieren des
Führers der Bolschewiki mit den Hebeln des Weltkriegs ein dunk-
les Genie am Werk zu sehen – eine fragwürdige und konventio-
nelle Formel, gewiss, die aber ein Problem umschreibt, für das es
nach wie vor kein angemessenes theoretisches Konzept gibt: das
eines politischen Führertums neuen Stils und Ausmaßes, wie es
insgesamt nun zum Signum der Epoche wurde und die Katego-
rien einer »charismatischen« Herrschaft im Sinne Max Webers
sprengte oder in eine bis dahin unbekannte Dimension steigerte.18
Das hier angesprochene Phänomen ist, wohlgemerkt, nicht
mit den späteren organisierten oder spontanen Führerkulten
kommunistischer oder faschistischer Parteien und Staaten zu
verwechseln. Vielmehr geht es hier um ein primäres, sehr reales
Führertum einer Person, die es auf jeweilige Weise verstand, unter
den Ausnahmebedingungen der Weltkriegsära aus heterogenen
Elementen neuartige politische Bewegungen zu schmieden, die –
lange vor allen Totalitarismustheorien – von den Zeitgenossen und
den Akteuren selbst als »total« oder »totalitär« bezeichnet wurden.
Insbesondere geht es also um die drei epochalen Gründerfiguren
Lenin, Mussolini und Hitler und um die unter ihrer Ägide am
Ausgang des Weltkriegs originär geformten und frisch betitelten
Parallelbewegungen des »Bolschewismus« bzw. »Kommunismus«,
des »Faschismus« und des »Nationalsozialismus«.
Von allen typologischen, ideologischen, soziologischen und
sonstigen Unterschieden abgesehen, gab es zwischen der ersteren
und den beiden letzteren Bewegungen allerdings eine grundle-

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gende Differenz. Während die Führer des italienischen Faschismus
und des deutschen Nationalsozialismus im Wesentlichen in den
nationalen Kontext ihrer Länder eingebunden blieben und sich bei
ihren Diktatur- und Weltmachtprojekten von manifesten oder un-
tergründigen Strömungen ihrer jeweiligen Gesellschaften weithin
getragen fühlen konnten, gilt das für das Projekt Lenins und den
Bolschewismus nicht in gleicher Weise. Zwar blieb auch Lenin in
all seinem prononcierten Internationalismus ein durch und durch
russischer Revolutionär, wie gerade seine siebzehn Exiljahre bele-
gen, in denen er sich mit den sozialen, politischen und kulturellen
Verhältnissen seiner Gastländer (Deutschland, Frankreich, Öster-
reich und der Schweiz) kaum näher bekannt und vertraut machte.
Auch phänotypisch war er eine eher unwahrscheinliche Führerfi-
gur. Anders als Mussolini mit seinem Charisma eines modernen
Condottiere oder als Hitler mit dem des suggestiven Orators, der
alle modernen Massenmedien und Tribünen parlamentarischer
Kampagnen zu nutzen lernte, blieb Lenins politisches Wirken vor,
während und nach der Machteroberung ganz auf den Umkreis sei-
ner Partei, ihrer Organe und Gremien, beschränkt. Dabei agierte
er fast zu jeder Zeit und in so gut wie jeder entscheidenden Frage
aus einer zunächst isolierten, selbst im Kreis der engsten Kampf-
gefährten umstrittenen oder minoritären Position. Umso erstaun-
licher ist, wie es ihm gleichwohl gelingen konnte, die politischen
und sozialen Entwicklungen vor und nach der Machteroberung in
derart machtvoller Weise zu forcieren, und das durch alle offen-
kundigen Fehlschläge und Katastrophen seiner Politik hindurch.
Darin bestätigt sich aber gerade die hier angesprochene Diffe-
renz zwischen den Bewegungen und Parteien faschistischen und
kommunistischen Typs. Während die ersteren sich für ihre Welt-
machtprojekte auf einen Gutteil aller gesellschaftlichen Kräfte und
produktiven Potenziale ihrer Länder stützen konnten, mussten die
Kommunisten sich nach ihrer Machteroberung diese Kräfte und
Potenziale in einem ungleich höheren Maße erst selbst schaffen.
Das war natürlich keine creatio ex nihilo, aber doch eine durchweg
gewaltsame creatio ex destructio, bei der sie (entgegen allen theo-
retischen Selbstbeschwörungen) statt mit dem Strom der sozial-
ökonomischen Entwicklungen des Zeitalters, großteils gegen ihn
navigieren mussten. Jedenfalls haben erst die großen Kataklysmen

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und Turbulenzen der kapitalistischen Welt, ihre Kriege und Kri-
sen, und vielfach auch die repressiven Gegenaktionen ihrer in-
ternen und externen Rivalen oder Feinde, den kommunistischen
Kampfbewegungen den eigentlichen Wind in die Segel gebracht.

Leninismus als totalitäres Projekt

Es sei »leicht wie eine Feder« gewesen, die Macht zu ergreifen,


bemerkte Lenin einmal im Nachhinein – aber umso schwerer, sie
festzuhalten. Der Terror, den seine Partei von Beginn an, noch be-
vor sie ihn offiziell proklamierte, zu einem zentralen Element ihrer
Politik machte, lag abgesehen von ihrer minoritären politischen
und sozialen Basis vor allem im handgreiflichen Irrealismus ihrer
Politik begründet. Das Konzept eines Übergangs vom Kriegskapi-
talismus des alten Regimes zu einem neuartigen Kriegssozialismus
bzw. -kommunismus hatte Lenin im Sommer 1917 in seinem fin-
nischen Versteck (wo er sich einer Anklage wegen der deutschen
Subventionen entzog) in einer Reihe improvisierter Schriften und
Artikel näher skizziert. Zur legitimatorischen Absicherung hatte
er Marxens sporadische Bemerkungen über eine »proletarische
Diktatur« und eine sozialistische bzw. kommunistische Gesell-
schaftsordnung nachgelesen und unter dem Titel Staat und Re-
volution eine längere scholastische Abhandlung verfasst, die den
bevorstehenden Marsch ins Niemandsland ausleuchten sollte.
Es war ein Gesellschaftsentwurf von betonter und bestürzender
Schlichtheit. Die Entwicklung vom Kapitalismus zum Sozialismus
und Kommunismus folgte demnach einem klar vorgezeichneten,
universellen Schema, das für Russland wie für jedes andere, halb-
wegs entwickelte Land galt. Etwa so: Nachdem das bewaffnete
Proletariat die Herrschaft der Kapitalistenklasse gestürzt hat,
übernimmt es selbst, in Sowjets, Komitees oder Gewerkschaf-
ten organisiert, die Rolle der Kapitalisten und Beamten »bei der
Kontrolle über Produktion und Verteilung, bei der Registrierung
der Arbeit und der Produkte«. Diese Funktionen sind so einfach,

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dass »jeder des Lesens und Schreibens Kundige imstande ist«, sie
auszuüben. »Alle Bürger verwandeln sich […] in entlohnte Ange-
stellte des Staates, den die bewaffneten Arbeiter bilden.« Eventuell
können expropriierte Kapitalisten und Manager für eine Weile
noch als Angestellte weiterverwendet werden, so wie »die Herren
Intellektuellen«, falls sie ihre »kapitalistischen Allüren« ablegen.
Was die »Frage des wissenschaftlich ausgebildeten Personals, der
Ingenieure, Agronomen usf.« betrifft, so »arbeiten sie heute und
fügen sich den Kapitalisten« und werden »morgen noch besser
arbeiten und sich den bewaffneten Arbeitern fügen«. Auf diese
Weise wird die »gesamte Gesellschaft […] ein Büro und eine Fa-
brik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn«. Im Maße, wie sich
die vom Kapitalismus gefesselten Produktivkräfte entwickeln, die
übergroße Mehrheit der Arbeitenden (einschließlich der legen-
dären Köchin) »selbst gelernt haben, den Staat zu regieren« und
alle sich an die »unkomplizierten Grundregeln« eines sozialisti-
schen Zusammenlebens gewöhnt haben, wird der Staat allmählich
absterben können.1
Inwieweit Lenin an dieses quietistische Zukunftsbild selbst
geglaubt hat, ist im Grunde unerheblich. Alle suggestiven Behaup-
tungen über die Einfachheit und Natürlichkeit eines unmittelba-
ren Übergangs zum Sozialismus, auch in einem rückständigen
Land wie Russland, waren vor allem Einschwörungen seines
eigenen, zögernden Parteikaders. Die dialektische Pointe der Be-
weisführung lief ohnehin auf das glatte Gegenteil eines absterben-
den Staats hinaus: Denn solange die Bedingungen des skizzierten
Übergangs zur höheren Stufe des Kommunismus nicht erreicht
waren, musste der Staat als eine uneingeschränkte, »an kein Gesetz
gebundene« Diktatur des Proletariats mit allen traditionellen oder
neuartigen Zwangsinstrumenten fortbestehen: »Solange es einen
Staat gibt, gibt es keine Freiheit. Wenn es Freiheit geben wird, wird
es keinen Staat geben.«2 Im Sozialismus konnte es demnach per
Definition (noch) keine Freiheit geben.
In der Realität mutierte der »Kriegskommunismus« binnen
kürzester Frist denn auch zu etwas vollkommen Anderem. Indem
alle Inhaber kleiner oder größerer Geldguthaben durch die Na-
tionalisierung der Banken auf einen Schlag ihrer liquiden Mittel
beraubt und das Geld als staatlich garantiertes Tauschmittel weit-

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gehend außer Kurs gesetzt wurde; und indem alle selbstständigen
Beziehungen der Produzenten untereinander und mit den Kon-
sumenten, insbesondere zwischen Stadt und Land, unter Strafe
gestellt wurden, um den gesamten materiellen Lebensprozess der
Gesellschaft »durch eine planmäßige, im gesamtstaatlichen Maß-
stab organisierte Verteilung der Produkte« zu ersetzen (wie es im
ersten Programm der Partei hieß) – schufen die Bolschewiki sich
physische Macht- und Zwangsmittel, die alle konventionellen po-
litischen, polizeilichen oder militärischen Mittel bei Weitem über-
trafen. »Die Guillotine schüchterte nur ein, brach nur den aktiven
Widerstand«, erklärte Lenin jetzt mit unüberbietbarer Offenheit.
»Wir müssen auch den passiven, zweifellos noch gefährlicheren
und schädlicheren Widerstand brechen.«3
Wer sich nicht Zugang zu einer der von der neuen Macht kon-
trollierten Versorgungspipelines verschaffte, also sich der neuen
Macht zur Verfügung stellte oder unter die Fahnen ihrer neuen
Armee eilte, bevor er zum Arbeits- oder Militärdienst gezwungen
wurde, konnte in den sich fluchtartig leerenden großen Städten
ganz einfach nicht überleben, oder wenn, dann nur um den Preis
einer illegalen Existenz. Damit spaltete, lähmte und polarisierte
das Regime der Volkskommissare die ihm unterworfene, vielseitig
gegliederte Gesellschaft des zerborstenen Reiches in einer nie ge-
kannten, aber höchst effektiven Weise, während es zugleich einen
Macht- und Gestaltungsanspruch markierte, wie es ihn in dieser
abstrakten, leeren Totalität bis dahin niemals gegeben hatte.
Umso schwieriger ist es bis heute, die Faktoren des Sieges der
Bolschewiki in ein schlüssiges Gesamtbild zu bringen – angesichts
der Tatsache, dass sie den Bürgerkrieg scheinbar gegen so gut wie
alle sozialen und politischen Kräfte des Landes zu führen hatten.
Neben die Ausschaltung ihrer politischen Gegner oder poten-
ziellen Konkurrenten trat die »Vernichtung der Bourgeoisie als
Klasse«, die schon als Projekt ungeheuer genug war. Im Frühjahr
1918 folgte die ungleich weitergehende Kriegserklärung an die
»kleinbürgerliche Anarchie«, und damit an die Masse der Bauern,
die sich in ihren wiederhergestellten, erweiterten Dorfgemein-
schaften auf eine Subsistenzproduktion zurückgezogen hatten und
ihre »Getreideüberschüsse zurückhielten«, statt sie an den neuen
Staat abzuliefern. Aber auch die Unabhängigkeitserklärungen der

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nichtrussischen Republiken wurden entgegen allen Deklarationen
und taktischen Manövern fast von Beginn an als »weiße Kom-
plotte« bekämpft und durch systematische Subversionen sowie
durch reguläre Einmärsche niedergeschlagen – bis auf Polen, die
baltischen Republiken und Finnland, die im ersten Anlauf nicht
»sowjetisiert« werden konnten.4
Schließlich mehrten sich auch die Konflikte mit den Sowjets
und Komitees der letzten noch arbeitenden Betriebe, bis hin zur
bewaffneten Niederschlagung großer Streiks in Petrograd und
anderen industriellen Zentren. Im Frühjahr 1921 stellte Lenin in
einer Auseinandersetzung mit der letzten dissidenten Parteifrak-
tion, der »Arbeiteropposition«, mit schneidendem Hohn fest, alle
wüssten doch, dass die Belegschaften der großen Betriebe keines-
wegs nur »echte Proletarier«, sondern »allerlei zufällige Elemente«
umfassten, die sich vor dem Wehrdienst drücken wollten.5 So
endete die Revolution der Bolschewiki mit der weitgehenden Auf-
lösung und Zerschlagung jener russischen Arbeiterbewegung, die
sie an erster Stelle zu vertreten beanspruchten. Die Massakrierung
der Kommune von Kronstadt im März 1921 war ein letztes Signal
von unüberbietbarer Deutlichkeit: Es gab keine Sowjetmacht in
»Sowjetrussland«.
Insgesamt war der Preis des Siegs der Bolschewiki im univer-
sellen Bürgerkrieg ein zivilisatorischer Rückfall unerhörten Aus-
maßes. Die Industrieproduktion und die Transportkapazitäten
fielen auf ein Fünftel, die Landwirtschaft auf zwei Drittel des Vor-
kriegsstands. Die halbleeren Großstädte glichen zeitweise Kata-
kombenlandschaften, vor allem das einst so glänzende Petrograd
(Petersburg). Russland insgesamt verlor in den vier Bürgerkriegs-
jahren von 1918 bis 1921 nach offiziellen Angaben 10,8 Millionen
Menschen (mehr als im Weltkrieg), und durch die anschließende
Hungersnot 1922 noch einmal über 5 Millionen, zusammen ein
Zehntel der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Opfer des »roten
Terrors«, der den der Weißen jedenfalls noch deutlich übertraf,
muss offen bleiben. Orlando Figes zufolge dürften es »sicherlich
mehrere Hunderttausend« gewesen sein, die durch primäre oder
sekundäre Gewalteinwirkung in den improvisierten Zwangsar-
beitsarmeen, Konzentrationslagern und Gefängnissen, durch
summarische Exekutionen (mit oder ohne Urteil) oder bei der

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Niederschlagung von Streiks, Revolten und Meutereien durch die
bolschewistische Macht zu Tode gebracht worden sind – von den
Hundertausenden auf beiden Seiten im Kampf Gefallenen noch
ganz abgesehen.6
Will man freilich bei keinem absurden Gesamtbild ankommen,
ist es umso dringlicher zu fragen, mit welchen Kräften und auf
welche, offenkundig starken Motive gestützt die Bolschewiki und
ihre neuformierten Machtorgane dies alles vollbringen konnten.
Tatsächlich gelang es ihnen, gerade in den Polarisierungen ihres
offensiv geführten, universellen Bürgerkriegs ein neues, großteils
jugendliches »revolutionäres Subjekt« zu formen, das einen sozial,
ethnisch und kulturell vielfältig gemischten, synthetischen Cha-
rakter trug und sich allen Klassenkategorien weitgehend entzog.
Allein schon die Radikalität des Elitentauschs ermöglichte
schließlich Karrieren eines Typs, wie es sie in Friedenszeiten
niemals hätte geben können. Der Aufbau der neuen Staatsor-
gane, aber auch der Partei selbst, vollzog sich weithin in einem
anarchischen Prozess der Selbstkonstituierung, der ein Vakuum
füllte. Nimmt man die in Akklamations- oder Verwaltungsorgane
verwandelten Sowjets aller Ebenen oder die in »Transmissionsrie-
men« verwandelten Gewerkschaften, die selektiv wiedereröffneten
Bildungseinrichtungen und Erziehungsanstalten, die vielfältigen
»Massenorganisationen«, besonders auch für Kinder und Ju-
gendliche oder für Frauen, und schließlich die auf fünf Millionen
Rekruten angeschwollene, scharf disziplinierte und indoktrinierte
Rote Armee mit ins Bild, bekommt man eine Vorstellung von den
personellen Potenzialen des neuen Regimes, das ohnehin von den
Hauptstädten her die bevölkerungsreichsten Zentralgebiete des
alten Reiches kontrollierte.7
Das eigentliche Erfolgsgeheimnis dürfte gleichwohl in der psy-
chopolitischen Formierung der unter der roten Fahne sich sam-
melnden, überwiegend jugendlichen Kader und Massen gelegen
haben – nicht nur im Sinne einer ideologischen »Schulung« oder
massenpropagandistischen Mobilisierung, sondern in einem Spiel
von Ambitionen, Interessen, Affekten und Emotionen, die sich
im Rahmen des neuen Regimes mit eigener Vitalität entfalteten.
Gerade der »totalitäre«, aufs Totum aller gesellschaftlichen Ver-
hältnisse zugreifende Macht- und Gestaltungsanspruch der Bol-

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schewiki sowie die völlige Unbestimmtheit ihres Unternehmens
erzeugte einen leeren Raum, der sich mit ebenso unbestimmten
Erwartungen und utopischen Weltentwürfen füllte. Und gerade
der entgrenzte Terrorismus, den sie gegen alle realen oder ange-
nommenen Feinde zu entfesseln bereit waren, stieß nicht nur ab,
sondern zog auch an, eben weil er als Ausweis einer »finalen« Ent-
schlossenheit erschien, in neue Räume einer künftigen Entwick-
lung vorzustoßen.
Dennoch bleibt in der Explosion von Gewalt ein Element des
Inkommensurablen, das in noch so fundierten sozialhistorischen
Analysen nicht völlig aufgeht. Sowohl in Russland wie später in
China (um nur diese beiden Hauptexempel zu nehmen) muss in
diesen sozialen Eruptionen etwas Archaisches und Elementares
zum Tragen gekommen sein, das sich mit dem totalitären Macht-
und Gestaltungsanspruch der Kommunisten auf eine paradoxe,
aber dennoch plausible Weise verbunden hat. Es dürfte sich um
genau das gehandelt haben, was in der alten Angst der russischen
Intelligenzija – auch ihrer radikalen, das »Volk« idealisierenden
Teile – vor der »dunklen Masse« eben dieses bäuerlichen Volkes
angesprochen war, oder was Lenin 1917 in den plastischen Begriff
der »sozialen Elementargewalten« gefasst hatte: die Entfesselung
eines entgrenzten und diffusen sozialen Hasses oder sich selbst
nährenden »thymotischen« Zorns. Er speiste sich aus den Tie-
fen eines mit der Aufhebung der Leibeigenschaft nicht einfach
abgeschüttelten, sondern in Leib und Psyche eingeschriebenen,
in patriarchalen Lebens- und Prügelordnungen (der Familien,
des Dorfes, der Armee, der kleinen Artele und Manufakturen)
tradierten Gefühls der Ausgeliefertheit und einer ererbten Sub-
alternität. In Russland wie China hatte in unterschiedlicher, den-
noch vergleichbarer Weise die ganze Grundlast eines Imperiums
und seiner Funktionseliten auf den Schultern dieser bäuerlichen
»dunklen Masse« oder eines »amphibisch« zwischen Stadt und
Land wandernden Halbproletariats gelastet. Dass beide Gesell-
schaften sich seit der Jahrhundertwende in einem Prozess der Ent-
wicklung befanden, deren sinnfälligster Ausdruck nicht nur das
rasche Wachstum der großen Städte von Petersburg bis Shanghai
war, sondern durchaus auch eine gewisse Prosperität unter den für
die erweiterten städtischen Märkte arbeitenden Bauern, Handwer-

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kern und Händlern auf dem Lande selbst, dürfte diesen Groll nur
noch akuter und diffuser gemacht haben.
Zwar trug der russische Bürgerkrieg, anders als später der
chinesische, über weite Strecken Züge eines fortgesetzten, sehr
einseitigen Kriegs der von den Städten aus operierenden bolsche-
wistischen Machtorgane gegen die Bauernschaft. Die roten Requi-
sitionskommandos schikanierten, terrorisierten und prügelten die
Bauern, wie kaum ein Gutsbesitzer oder zaristischer Gendarm das
jemals gewagt hätte. Und doch ist es eine Tatsache, dass die suk-
zessive Einebnung und Vernichtung der alten, patriarchalen Welt
der Dörfer zu einem Gutteil »mit bäuerlichen Händen« geschah,
eben mit den Händen der vielfach aus dem Bauerntum stam-
menden Soldaten, Tschekisten, Parteikader, Komsomolzen oder
Dorfmachthaber, nicht anders als die Vernichtung der religiös
gebundenen Lebenswelten der jüdischen Schtetl großteils »mit
jüdischen Händen« oder die Welt der alten Intelligenzija-Kultur
durch die Hände einer revolutionären Intelligenzija, die das nicht
mehr sein wollte.
Dieses Bild ließe sich auf nahezu alle Gebiete des Reiches,
einschließlich der nichtrussischen Minderheiten, erweitern und
führt zurück auf die angesprochenen Spaltungs- und Fraktionie-
rungstendenzen in allen Klassen, Institutionen, Lebensorten und
Segmenten der Gesellschaft, die die Grundlage des bolschewisti-
schen Machtaufbaus und der sukzessiven Schöpfung eines neuen,
synthetischen »revolutionären Subjekts« waren. In seinen bewun-
dernden Betrachtungen über Mao Tse-tungs Theorien des Gue-
rillakriegs hat Sebastian Haffner 1966 die maoistische Konzeption
eines »totalen Volkskriegs« als Form der revolutionären Machter-
oberung mit der »Entdeckung der Kernenergie« verglichen – einer
sozialen Kernspaltung also.8 Der fatale Beigeschmack von Wahr-
heit in dieser intuitiven Formel lässt sich schwer unterdrücken.
Freilich waren die Bolschewiki wie die chinesischen Kom-
munisten selbst Teil dieses Prozesses; und sie wurden durch die
Logik des Bürgerkriegs immer tiefer in diese archaisch-modernen
Gewaltkulturen hineingezogen. Auch sie unterlagen psychischen
Spaltungsprozessen, die nicht erst in den alptraumhaften »Ge-
ständnissen« des Großen Terrors en masse und fast psychotisch
nach oben spülten. Es muss dahingestellt bleiben, ob sich Lenin

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selbst, der sein Land (das er kaum noch kannte) vom Kreml aus
regierte, nur aus taktischem Kalkül der Sprache dieses archai-
schen Volkshasses bediente – wenn er etwa »die Säuberung der
russischen Erde von allem Ungeziefer«9 ankündigte –, oder ob das
ein organischer Teil seiner Mentalität als typischer adeliger »Herr«
(barin) war, wie Maxim Gorki meinte.10 Seine aus den sekretier-
ten Beständen des Moskauer Parteiarchivs aufgetauchten, betont
blutrünstigen oder herostratischen Telegramme an seine Bürger-
kriegskommandeure – in widerständigen ländlichen Gebieten von
Ort zu Ort »nicht weniger als hundert notorische Kulaken, Reiche,
Blutsäufer aufzuhängen«; oder »alle Vorbereitungen zu treffen,
um Baku vollständig niederzubrennen«, falls weiße, britische oder
türkische Truppen sich den Ölfelder näherten11 – waren sowohl
militärische Anweisungen als auch Exerzitien einer schwarzen
Pädagogik, die seine zu »weichen« Kommandeure ebenso wie ihre
bäuerlichen Soldaten zu härten und durch Blut- und Brandopfer
zu binden suchte.
Damit endete die Dialektik des Terrors allerdings nicht. Nie-
mand hat den »Despotismus der befreiten Sklaven« in schwärze-
ren Farben gezeichnet als der selbst den ländlichen Gewalträumen
Russlands entstammende Gorki, am schärfsten in seiner Schrift
Über die russischen Bauern von 1923.12 Und niemand hat wie-
derum so früh, so zwiespältig und so hymnisch Lenin als dem
»obersten Gebieter und Lenker des Elementaren und Spontanen«
gehuldigt wie dieser aristokratisch lebende Großdichter (zuerst
beim Lenin-Geburtstag 192013, dann in seinem posthumen Por-
trät von 192414) – nachdem er bemerkt hatte, dass die von ihm
in seinen Unzeitgemäßen Gedanken von 1917/18 noch erbittert
kritisierte, pogromhafte Entfesselung der »sozialen Elementar-
gewalten« zunehmend einer neuen, strengen Indienstnahme
der eben befreiten Bauern und marodierenden Dorfburschen in
Uniform Platz machte. Noch bezeichnender war schließlich, wie
Gorki sich nach seiner Rückkehr nach Sowjetrussland Ende der
1920er Jahre zum literarischen Hohepriester der Kollektivierungs-
und Zwangsarbeitspolitiken Stalins machte, eben weil dieser die
»Halbwilden der Dörfer« mit ihrem »zoologischen Besitzinstinkt«
ins Joch des sozialistischen Aufbaus gespannt hatte.15
Tatsächlich reflektierte die haltlos zwischen Sadismus und Ma-

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sochismus schwankende innere Spaltung des Dichters der bäuer-
lich-proletarischen »Barfüßer« des alten Russlands auf ihre Weise
das widersprüchliche Verhältnis von Auflehnung und Unterwer-
fung, das diese »dunklen Massen« mit der bolschewistischen Re-
volution verband und das am tiefsten Grunde der Wehrlosigkeit
lag, mit der die Masse der Bauernschaft sich am Ende der stalinis-
tischen Kollektivierungsrevolution dem neuen Zwangsregime im
Kolchos unterwarf – nur um binnen zwei, drei Jahrzehnten zum
vielleicht stabilsten und konservativsten Element einer zuneh-
mend stationären Sowjetgesellschaft zu werden.
Die Paradoxie dieser widerwilligen Anerkennung der »stren-
gen« neuen Herrscher zeigte sich das erste Mal in den volkstüm-
lichen Trauerbekundungen beim Tod Lenins.16 Das waren nur die
Vorformen jener Aura des Monarchischen, die einem Stalin, Mao,
Tito oder Kim später wie von selbst zuwuchs. In diesen neu kons-
tituierten Beziehungen von Massen und Führern steckte sicherlich
zunächst die elementare Erfahrung, dass in einem endemischen
Bürgerkrieg jede starke Zentralmacht besser war als gar keine.
Diese neue Zentralmacht war zugleich auch die Schöpferin und
Garantin der wiederhergestellten Staaten und Reiche; und einer
der entscheidenden Gründe für den Sturz der alten Regimes war
nicht zuletzt ihre manifeste Schwäche und die Gefahr des staat-
lichen Zerfalls gewesen. Kurzum, in der Verehrung der neuen
Führer wurde die alte Unmittelbarkeit von bäuerlicher Basis und
imperialem Überbau auf neuer Grundlage wiederhergestellt und
in einen sozialistischen Reichs- oder Großstaatspatriotismus eige-
ner Prägung überführt.

Vom russischen zum »Weltbolschewismus«

Die Machteroberung der Bolschewiki war unvermeidlich selbst


ein Akt des Weltkriegs, wie schon der Jubel auf deutscher und
die Panik auf alliierter Seite bewiesen. Erst recht galt das für den
Abschluss des einseitig diktierten, aber förmlich geschlossenen

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Separatfriedens mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk im Feb-
ruar 1918, den Lenin gegen schwerste Widerstände in den eigenen
Reihen durchsetzte, nachdem sich kurz aufflackernde Spekulati-
onen auf eine deutsche Anschlussrevolution als haltlos erwiesen
hatten. Dass dieser Separatfrieden mit dem tief in die Ukraine, ins
Baltikum und nach Südrussland vorgerückten Deutschen Kaiser-
reich seinem Regime keine »Atempause« verschaffen, sondern im
Gegenteil den Bürgerkrieg erst recht anfachen würde, nahm Lenin
sehenden Auges in Kauf. Sein Drängen, die Verbindungen beider
Länder durch eine Serie von »Zusatzverträgen«, die im Juli/Au-
gust 1918 in Berlin verhandelt wurden, weiter auszubauen, folgte
tatsächlich einer kühn ausgreifenden Strategie der politisch-öko-
nomischen Verflechtung und hatte in der gegebenen Situation den
klaren strategischen Sinn, das Deutsche Reich so weit zu stützen,
dass es dem wachsenden militärischen Übergewicht der Alliierten
im Westen standhalten konnte.1
Denn Deutschland, so verkündete er im März 1918 in der Pra-
wda, verkörpere »das Prinzip der Disziplin, der Organisation, des
harmonischen Zusammenwirkens auf dem Boden der modernsten
maschinellen Industrie, der strengsten Rechnungsführung und
Kontrolle«, und damit genau das, was ein revolutionär sich erneu-
erndes Russland mehr als alles andere brauche. Ja, Deutschland
und (Sowjet-)Russland verkörperten »zwei getrennte Hälften des
Sozialismus […], wie zwei Kücken unter der einen Schale des Im-
perialismus«.2 Das war eine starke, einprägsame Metapher, die den
Schluss nahelegte, dass beide Länder so oder so dazu bestimmt
seien, gemeinsam die »Schale des Imperialismus« zu zerbrechen.
Diese »Schale« verkörperte vor allem »der englisch-franzö-
sische Imperialismus, der nun schon seit vier Jahren um der
Weltherrschaft willen die ganze Erde mit Strömen von Blut über-
schwemmt«.3 Ende August (nach einer alliierten Truppenlandung
in Archangelsk) stellte Lenin in einem »Aufruf zum letzten, ent-
scheidenden Kampf« fest, dass die Sowjetrepublik sich einem kon-
zertierten Angriff des englisch-französischen und des japanisch-
amerikanischen Imperialismus gegenübersehe. »Dieser Feind
geht gegen das friedliche Russland mit der gleichen Brutalität und
Raubgier vor, wie die Deutschen im Februar vorgegangen sind« –
mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Alliierten, anders

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als die Deutschen, »auch die Sowjetmacht stürzen« wollten. Nach
einem vorbereiteten Plan breite sich parallel »eine Welle von Ku-
lakenaufständen […] über Russland aus«. Die Kulaken aber seien
»die letzte und zahlreichste Ausbeuterklasse unseres Landes«. Und
deshalb: »Tod den Kulaken! Hass und Verachtung den Parteien,
die sie verteidigen: den rechten Sozialrevolutionären, den Men-
schewiki und den heutigen linken Sozialrevolutionären!«4 Damit
wurden alle inneren Opponenten seines Regimes als »Weiße« und
bewusste oder bewusstlose Agenten jener Mächte gebrandmarkt,
die darauf aus seien, Russland zu zerstückeln.
Diese Kriegserklärung an die westlichen Siegermächte wurde
nach dem Einbruch der deutschen Fronten im Westen und der
faktischen Kapitulation der Mittelmächte im September/Oktober
nur noch schärfer gefasst. Die Ausweisung des bolschewistischen
Gesandten in Berlin durch die bereits von Sozialdemokraten mit-
getragene, letzte kaiserliche Regierung hatte für Lenin eine klare
Pointe: »Deutschland kapituliert vor der Entente und bietet ihr
seine Dienste im Kampf gegen die russische Revolution an.« Somit
stehe Sowjetrussland jetzt direkt der »Siegergruppe« der westli-
chen Mächte gegenüber, die »ihre Hauptaufgabe darin (sieht), den
Weltbolschewismus zu erwürgen«.5 Der Globus begann sich in
Lenins Perspektive in zwei antagonistische Lager zu teilen: »Ent-
weder siegt in allen fortgeschrittenen Ländern der Welt die Sow-
jetmacht, oder es siegt der reaktionärste, der brutalste englisch-
amerikanische Imperialismus.«6
Die Gründung einer Kommunistischen (Dritten) Internationale
in Moskau im März 1919 war unmittelbar Teil dieses Nachkriegs-
szenarios. Tatsächlich verschmolz der immer schärfer entbren-
nende, in einem weiteren Radius geführte russische Bürgerkrieg
1919/20 unmittelbar mit jenem epochalen »Konfliktbogen« von
Zentralasien und dem Kaukasus über den Nahen Osten und Bal-
kan bis Mittelosteuropa, von der Donau bis zur Ostsee, in dem sich
jetzt aus der Konkursmasse der kollabierten Vielvölkerreiche in
einem Pandämonium ethnischer, politischer und sozialer Kämpfe
Dutzende neue Staatswesen herauskristallisierten. Die Versuche
der westlichen Siegermächte, in den im Frühjahr 1919 begonne-
nen Friedensverhandlungen von Versailles diese territorialen und
ethnischen Konflikte demokratisch zu schlichten oder per Diktat

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zu entscheiden, führten in vielen Fällen nur zu ihrer weiteren Ver-
schärfung – zumal diese Entscheidungen eigenen geostrategischen
Vorgaben folgten, in denen sich das französische Interesse an der
Schaffung eines cordon sanitaire zwischen Deutschland und (Sow-
jet-)Russland mit den britischen, amerikanischen und japanischen
Hegemonialinteressen auf dem Balkan, im Nahen Osten, Zentral-
asien oder im Fernen Osten kombinierte.
Unter den 51 »Delegierten«, die sich zur Gründung der neuen
Internationale in Moskau einfanden, waren ganze neun Auswär-
tige; der Rest rekrutierte sich aus den in Russland anwesenden
Sozialisten unterschiedlicher Herkunft, die sich zu einer »Föde-
ration ausländischer Gruppen« innerhalb der KPR zusammen-
geschlossen hatten. Etliche waren Kriegsgefangene, von denen
sich mehrere Zehntausend (vor allem Deutsche, Österreicher und
Ungarn) als »Internationalisten« in die Partei und lokalen Sowjets,
die Tscheka und die Rote Armee eingereiht hatten. Diese bilde ins-
gesamt nun, wie Trotzki versicherte, »die Rote Armee der Dritten
Internationale«.7
Nur in Österreich und Deutschland, Ungarn und der Tschecho-
slowakei hatten sich im Moment des Zusammenbruchs der alten
Ordnung bereits kleine kommunistische Parteien nach bolsche-
wistischem Vorbild gegründet, assistiert von Moskauer Emissären.
Allerdings kam es auch in den sozialistischen Massenparteien Eu-
ropas nach Kriegsende zu scharfen Linkswendungen oder ersten
Spaltungen. Begleitet war das in nahezu allen am Krieg beteiligten
Ländern von einer Welle von Massenstreiks, der Bildung von Be-
triebs- oder Fabrikräten und einem Zustrom zu alten oder neu
gegründeten Gewerkschaften. Im abortiven Berliner Spartakus-
Aufstand Anfang Januar 1919 wie in den kurzlebigen Räterepubli-
ken in Budapest und in München bildeten demobilisierte Soldaten
zusammen mit bewaffneten Arbeitern, geführt von radikalisierten
Künstlern und Intellektuellen sowie Rückkehrern oder Emissären
aus Sowjetrussland eine Kräftekombination, die in vieler Hinsicht
an die Bilder von Petrograd im Oktober 1917 erinnern konnte.
Ende 1919 / Anfang 1920 war jedoch klar, dass die in Moskau
gehegten fiebrigen Erwartungen einer unmittelbaren Verwand-
lung des Weltkriegs in einen gesamt- oder mitteleuropäischen
Bürgerkrieg auf der von Lenin markierten Teilungslinie zwischen

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»Weltimperialismus und Weltbolschewismus« nicht aufgegan-
gen waren. Für die noch kaum existierende Dritte Internationale
war es bereits ein erstes Jahr der Niederlagen. Aber nicht anders
würde es in den Jahren danach sein, und so immer weiter bis zum
ruhmlosen Ende durch einen Federstrich Stalins 1943. Tatsächlich
stellt sich die Geschichte der Kommunistischen Internationale im
historischen Rückblick als eine einzige Kette von Illusionen und
Fehlkalkulationen, von Niederlagen und Opfergängen dar, und
bald genug auch von moralischen Depravationen und terroristi-
schen Selbstzerfleischungen.
Aber durch alle diese katastrophischen Rückschläge hindurch
entwickelte sich eine immer verzweigtere, mal rasch wachsende
und mal abrupt schrumpfende, auf ihre Stunde wartende, um
die Sowjetunion als das imaginäre »Vaterland aller Werktätigen«
gescharte Weltbewegung, die tatsächlich die Züge einer straff zen-
tralisierten bolschewistischen Weltpartei annahm, statt etwa einer
Föderation autonomer und autochthoner Parteien. Fragt man
nach den Bedingungen, unter denen diese Entwicklung überhaupt
möglich war, stößt man auf ein komplexes Bündel von Motiven
der Beteiligten, die in der Vorstellung eines einseitigen Moskauer
Diktats schwerlich aufgehen, oder wenn doch, umso mehr eigener
Erklärungen bedürfen.
Ein Diktat war es natürlich, wenn die Führer der Bolschewiki
in den vom vorab ernannten Vorsitzenden Sinowjew ausgear-
beiteten »21 Bedingungen« unverhandelbar festlegten, dass alle
bestehenden oder erst noch zu gründenden Parteien lediglich
als nationale »Sektionen« einer Gesamtorganisation operieren
durften, die ihrerseits nach bolschewistischem Vorbild als eine
»demokratisch-zentralistische« Weltpartei organisiert war. Für alle
zum eigentlichen (II.) Gründungskongress der Internationale im
Juli/August 1920 angereisten Vertreter von 67 sympathisierenden
Organisationen aus 37 Ländern gab es nur die Option des bedin-
gungslosen Zutritts. Alle Parteien mussten laut Statut auch intern
den Charakter von bolschewistischen Kampf- und Kaderparteien
annehmen. »Fast in allen Ländern Europas und Amerikas tritt
der Klassenkampf in die Phase des Bürgerkrieges ein«, hieß es in
Punkt 3 der »21 Bedingungen«, weshalb auch legale und in Parla-
menten vertretene Parteien verpflichtet waren, einen »parallelen

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illegalen Organisationsapparat zu schaffen«.8 Alle hatten sie sich
jeglicher »Reformisten« und »Sozialpazifisten« zu entledigen, und
gleichzeitig auch schon aller »Linksradikalen« oder sonstigen Ab-
weichler.
Für die gerade erst stark gewordenen Massenparteien wie die
französischen oder italienischen Sozialisten oder für die deut-
schen Unabhängigen, die ihrerseits schon eine linke Abspaltung
von der Sozialdemokratischen Hauptpartei waren, bedeutete das
obligatorisch, sich abermals zu spalten und in den neuen Kom-
munistischen Parteien aufzugehen – auch wenn die Mehrheit der
Mitglieder nicht mitzog. Für die politischen und sozialen Kräfte-
verhältnisse der Zwischenkriegsjahre waren das folgenreiche, in
einigen europäischen Ländern bereits verhängnisvolle Grundsatz-
entscheidungen – angefangen mit Mussolinis nahezu kampfloser
Machtübernahme im von Klassenkriegen zermürbten Italien im
Oktober 1922.
In seinem Eingangsreferat auf dem Kongress der Internationale
entrollte Lenin das Panoramagemälde einer Welt, worin vier Fünf-
tel der Menschheit, einschließlich der Besiegten des Weltkriegs,
allen voran Deutschland, seit dem Versailler Friedensdiktat einem
kolonialen oder halbkolonialen Ausbeutungsregime der Sieger-
mächte des Westens unterworfen seien. Somit standen den vielen
Milliarden Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Erde, von
Deutschland bis China, »nicht mehr als eine Viertelmilliarde Ein-
wohner in den Ländern (gegenüber), die […] von der Aufteilung
der Welt profitierten«.9 Unter den Siegern habe wiederum das US-
Finanzkapital die »alten« Mächte Großbritannien und Frankreich
in eine Schuldknechtschaft gebracht, von der diese sich durch
gesteigerte Aggressivität nach allen Seiten gewaltsam zu befreien
trachteten. Alle zusammen aber steuerten sie dem lang schon
prophezeiten »Zusammenbruch des kapitalistischen Weltsystems«
entgegen.
Die Internationale sollte daher nicht mehr nur die Kampforga-
nisation der Arbeiter aller Länder, sondern die aller von den »Ver-
sailler Mächten« unterdrückten Völker der Welt werden – ein re-
volutionärer Anti-Völkerbund, dessen Verkehrssprachen Deutsch
und Russisch waren, während die des Genfer Völkerbunds Fran-
zösisch und Englisch waren. Und um die Stabilität der neuen

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Nachkriegsordnung »mit dem Bajonett zu prüfen«, entrollte sich
unmittelbar parallel zum II. Kongress der Internationale der epi-
sche Feldzug der Roten Armee gegen das Polen des Ex-Sozialisten
Józef Pilsudski. Wie Lenin Wochen später – schon nach der Nie-
derlage vor Warschau – intern preisgab, sah er »irgendwo in der
Nähe dieser Stadt« den archimedischen Punkt liegen, von dem aus
das gesamte »Weltsystem von Versailles« aus den Angeln gehoben
werden könnte.10
Mit der Niederlage vor Warschau fiel die Sache einer sozialisti-
schen Weltrevolution erst recht mit der Sache Sowjetrusslands und
seiner Wiederaufrichtung als einer Großmacht eigener Prägung
zusammen. Der Widerspruch zwischen sowjetischer Staatsraison
und forcierten Revolutionierungspolitiken der Kommunistischen
Internationale sollte zwar immer wieder zu (manchmal eklatan-
ten) Konflikten führen; aber diese Doppelstrategien waren doch
nur alternative Aktionsmodi im prospektiven Gesamtszenario
eines kürzeren oder längeren Endkampfs zwischen Weltbolsche-
wismus und Weltimperialismus.
Dem entsprach (wie im russischen Bürgerkrieg) ein bewegli-
cher Wechsel der Hauptfronten. Wenn der direkte Weg nach Wes-
ten, nach Europa vorerst versperrt war, musste der Schwerpunkt
der weltrevolutionären Aktivitäten sich eine Zeitlang nach Osten,
nach Asien und in die koloniale Welt verlagern. Noch war das
freilich zusammengedacht: Wie Lenin bei der Debatte im Exeku-
tivkomitee der Internationale über die Konsequenzen der Nieder-
lage vor Warschau ausführte, könne man London und New York
auch über den Ganges und den Jangtse erreichen.11 So folgte dem
Kongress der Komintern Wochen später ein eilig improvisierter
»Kongress der Völker des Ostens« in Baku, in dem ein buntes Auf-
gebot von türkischen, iranischen, arabischen, zentral- oder ostasi-
atischen Sozial- und Nationalrevolutionären, mehrheitlich islami-
scher Konfession, zu einer gemeinsamen politisch-militärischen
Kampffront gegen den Imperialismus aufgerufen wurde, insbe-
sondere aber (aus dem Mund des Kominternvorsitzenden Sinow-
jew selbst) »zum Heiligen Krieg gegen das britische Weltreich«12
– zu einem antiimperialistischen Djihad also. Trotzki beschrieb in
seiner Rede auf dem Dritten Kongress der Internationale im Som-
mer 1921 den proletarischen Klassenkampf Westeuropas und den

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Befreiungskampf Asiens als zwei Arme einer gewaltigen Zange,
die den Imperialismus zerquetschen werde. Sollte die europäische
Arbeiterbewegung, vor allem in den beiden Hauptkolonialmäch-
ten Frankreich und England, allerdings versagen, dann »verschiebt
sich das Schwergewicht der Revolution nach Osten«.13
Damit antizipierte er eine Entwicklung, die – aus der Sicht
der westeuropäischen Marxisten – mit der russischen Revolu-
tion längst begonnen hatte und den Gang der kommunistischen
Weltbewegung in den folgenden Jahren und Jahrzehnten entschei-
dender prägen würde, als gerade Trotzki, der ewige Visionär einer
»internationalen Arbeiterrevolution«, sich jemals hätte vorstellen
können: eine epochale Verlagerung des Schwerpunkts des inter-
nationalen Sozialismus von Westen nach Osten, von Europa nach
Asien.
Das bedeutete aber nicht nur eine Verlagerung von den in-
dustriellen, bürgerlichen und demokratischen Gesellschaften
westlichen Zuschnitts zu den mehr agrarisch und autokratisch
geprägten östlichen Gesellschaften. Es bedeutete zugleich, dass
alle Oppositionen gegen die modernen Formen kapitalistischer
Ausbeutung und kommerzieller Durchdringung sich stärker mit
den Widerständen gegen die von den imperialistischen Mächten
oktroyierten Abhängigkeiten und westlichen Lebensordnungen
verbinden würden. Alle marxistischen Kategorien eines Gegen-
satzes von »Klasse gegen Klasse« und alle sozialistischen Vor-
stellungen einer Überwindung des Kapitalismus als einer bereits
überlebten Produktionsweise erfuhren damit eine grundlegende
Überformung durch Fragen nationaler Integrität und externer Ex-
ploitation. Man könnte diese Verschiebung pauschal auch als die
Substitution eines genuinen, sozial gespeisten Antikapitalismus
durch einen primär politisch und kulturell motivierten Antiim-
perialismus beschreiben, und damit als eine tatsächliche Fusion
sozial- und nationalrevolutionärer Motive und Impulse. In Mao
Tse-tungs erster, noch etwas schülerhaften »Klassenanalyse« von
1926 wurden als Feinde der Revolution im Wesentlichen dieje-
nigen Schichten des chinesischen Volkes identifiziert, die direkt
oder indirekt mit dem Weltmarkt verbunden waren oder sonstwie
von ihrem Kontakt mit dem ausländischen Kapital kontaminiert
und korrumpiert seien.14

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Unabhängig davon stellt sich die Frage nach den Motiven und
der Charakteristik all derer, die sich in ihren jeweiligen Ländern,
und oft mit bedingungsloser Hingabe, zu Tausenden, Zehntausen-
den, Hunderttausenden diesem Projekt einer von Moskau geführ-
ten bolschewistischen »Weltpartei« eingliederten. Wie konnte das
überhaupt gehen?
Zunächst: Kommunistische Parteien mit eigener Statur gab es
zu Beginn der 1920er Jahre nur in Deutschland, Italien, Frank-
reich, der Tschechoslowakei, Bulgarien und Norwegen. Viele
der übrigen Parteien (beim Weltkongress 1922 gab es bereits 58)
waren »Gründungen von oben«, in wichtigen Ländern wie China
unter der mehr oder weniger direkten Regie von Emissären der
Moskauer Zentrale, die selbst aus allen möglichen Nationen stam-
men konnten.
Die Tatsache, dass bei diesen Gründungen von Anfang an be-
trächtliche Finanzmittel flossen15, sollte nicht dazu verleiten, hier
ein primäres Motiv zu suchen. Wesentlicher war, dass diese Mos-
kauer Millionen (wie im Falle der frühen bolschewistischen »Expro-
priationen« oder der deutschen Subventionen während des Krieges)
dazu dienten, einen ersten Stamm von berufsrevolutionären Kadern
auf die Beine zu stellen und zu unterhalten, der mitsamt seinen
technischen Betriebsmitteln und Propagandaorganen zum Kern
der neuen Parteien werden konnte. Mit anderen Worten: Diese
Formen einer Finanzierung und Organisierung entsprachen dem
Charakter dieser »Parteien neuen Typs« wie ihrer Entstehung und
ihrem Selbstverständnis als nationale Sektionen einer zentralisier-
ten Weltpartei. Jede von ihnen brauchte zuerst einen professionellen
»Apparat«, bevor sie in größerem Umfang daran gehen konnte, Mit-
glieder zu werben. Das Organisatorische und das Politische flossen
insoweit direkt zusammen. Es konnte für radikale Sozialisten aller
Länder eben eine weitaus attraktivere Option sein, sich einer real
existierenden Weltbewegung mit einer jeweils gültigen »Generalli-
nie«, einer Welthauptstadt und einem gewaltigen Hinterland ein-
zugliedern, als sich etwa auf das Projekt einer autonomen, auf sich
gestellten revolutionären Organisation oder Partei einzulassen – wie
es sie unter den unterschiedlichsten ideologischen Denominationen
(als Syndikalisten, Anarchisten, Linkssozialisten oder Nationalkom-
munisten) in vielen Ländern gleichwohl gab.

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Die Bezeichnung »Kommunistische Partei« war jetzt auch so
etwas wie ein geschütztes politisches Markenzeichen, das man
nicht ungestraft missbrauchte. Dafür brachte jede noch so kleine
Partei als Sektion der Internationale ein unvergleichlich größeres
Prestige und Gewicht auf die Waage, als sie für sich genommen
darstellte. Für die anschlusswilligen Einzelnen war das freilich
keine Frage eines rein utilitären Kalküls, sondern – wie bei der
Formierung des erweiterten »revolutionären Subjekts« in Russ-
land selbst – auch eine Sache vitaler psychopolitischer Prozesse.
Im vorgeprägten Bild des bolschewistischen »Berufsrevolutionärs«
konnten sich existenzielle Kampf- und Opferbereitschaften mit
handfesten Karriereambitionen, authentischen Bildungsinteressen
sowie allerhand lebensreformerischen und antibürgerlichen Aus-
bruchsimpulsen auf die vielfältigste Weise mischen.
Da waren sie also wieder, die »revolutionären Entrepreneurs«
der frühbolschewistischen Jahre, diesmal jedoch als Franchise-
nehmer eines global operierenden, multinationalen Großunter-
nehmens mit komplizierten, oft unsichtbaren Verschachtelungen
und Verzweigungen – eine faszinierende Gegenwelt voller ge-
heimnisvoller Revolutionsreisender oder -techniker mit wech-
selnden noms de guerre und unbekannten Direktiven, mit eigenen,
abgeschirmten Kommunikationskanälen und Kommandosträn-
gen; aber auch eine Gegenwelt der intensiven Diskussionen und
Lektüren, der expansiven Aktivitäten, der dichten Milieubildun-
gen manchmal großzügigen, manchmal sektenhaften Zuschnitts;
eine brüderliche Gegenwelt, in der sich Intellektuelle, Politruks,
Militärs, Arbeiter und Deklassierte trafen und austauschten, wie
es sonst gar nicht möglich war; eine durch und durch virile Welt
allerdings, in der sich nur wenige, umso beeindruckendere Frauen
als professionelle Revolutionärinnen behaupten konnten.

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Sowjetrussland als Utopicum

Schon die »reale Existenz« Sowjetrusslands und der Moskauer In-


ternationale bildete so etwas wie einen Gegenpol und stellte in die
revolutionierte und erschütterte Nachkriegswelt mit ihren brüchig
gewordenen Sozialordnungen und Produktionsweisen und ihren
fieberhaft florierenden massenkulturellen Ausdrucksformen eine
global ausstrahlende Antithese hinein. Alle tradierten Lebens-
und Eigentumsordnungen und alle etablierten oder neu installier-
ten politischen Verfassungen und sozialen Institutionen schienen
damit in ganz anderer Weise in Frage gestellt und herausgefordert,
als das durch noch so radikale Ideen oder sozialistische Bewegun-
gen in der Vorkriegszeit jemals hätte der Fall sein können.
Damit wurde die entstehende Union Sozialistischer Sowjetre-
publiken zu einem u-topos im wörtlichen Sinne: einer außerhalb
der bekannten Staatenwelt gelegenen »Neuen Welt« oder Gegen-
welt. Noch war nicht sichtbar, dass es sich in aller weltrevolutionä-
ren Rhetorik um eine epochale Bewegung der Selbsteinschließung
handelte. Noch wirkte der Nimbus der »belagerten Festung«, die
sich in einem »Krieg gegen 14 Nationen« (so die fixe Formel) he-
roisch behauptet habe. Zugleich war dieses sozialistisch transfor-
mierte Vielvölkerreich eines, das mit seinen industriellen Zentren,
riesigen ländlichen Rückräumen und »hundert Völkern« als ein
Abbild der Welt im Ganzen erschien und gleichsam »an die ganze
Welt« grenzte.
Mit der Internationale war ein Resonanzraum entstanden,
dessen politisch-psychologische Wirkungen vorerst bedeutender
waren als alle tatsächlichen Erfolge. Vor allem die Parteien des
Westens sollten für die gesamte Dauer des Kommunismus als
Weltbewegung die Rolle eines ideellen Komplements zum »realen
Sozialismus« des Ostens spielen, das diesem Unternehmen erst
den Anschein der Universalität verlieh. Allein schon »die Reise hi-
nüber« gewann – auch durch die Fülle der praktischen und politi-
schen Hindernisse – einen Zug des Transzendentalen. Eine ganze
Literatur der »Reisen in die Welt des Sozialismus« entstand seit
den frühen 1920er Jahren, immer mit dem bedeutungsvollen Ges-
tus einer Entdeckungsreise. Die eigentümliche Mischung von al-

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ten Palästen mit ihrem imperialen Glanz und den darin tagenden
proletarischen Versammlungen mit ihrer phantastisch-weltrevo-
lutionären Emblematik verströmte ein unwiderstehliches Aroma
von Weltgeschichte. Die Armut und die Spuren des Bürgerkriegs,
die Anzeichen urbanen Verfalls und der notorische Warenmangel
hatten bei allen Irritationen auch etwas Erhebendes, etwas von
einem läuternden Purgatorium oder Marsch durch die Wüste,
der Bewunderung abnötigte. Aber auch der totalitäre Anspruch
der neuen Machthaber, »alles« von Grund auf neu zu gestalten,
einschließlich ihrer Bereitschaft, alle sichtbaren und verborgenen
Feinde der Revolution zu vertilgen, wirkte ebenso anziehend wie
erschreckend.1
Ein Utopicum war dieses »Neue Russland« aber nicht nur für
seine auswärtigen Beobachter und Besucher, sondern auch für
seine ideologischen Köpfe und jugendlichen Parteigänger selbst,
ebenso wie für das breite Umfeld ihrer intellektuellen und künst-
lerischen »Weggefährten«. Ohne diesen Energiestrom eines uto-
pischen Denkens und futuristischen Wollens hätte der Bolsche-
wismus in entscheidenden Situationen kaum überleben und kein
derart ausstrahlendes Prestige gewinnen können – trotz der miss-
trauischen Reserve sowohl Lenins wie später Stalins gegenüber
allem schwärmerischen, also unkontrollierbaren Überschwang.
Die axiomatische Behauptung, dass der globale Kapitalismus
»gesetzmäßig« seinen eigenen Untergang produziere und den
Sozialismus auf die Tagesordnung setze, füllte sich vor dem Hin-
tergrund der apokalyptischen Erfahrungen von Weltkrieg- und
Bürgerkrieg mit einer Unmasse volkstümlich-mystischer, religiös
grundierter Heils- und Unheilserwartungen, in irisierender Mi-
schung und Überschneidung mit Eruptionen eines entgrenzten
wissenschaftlichen oder künstlerischen Utopismus. Statt zum
Hort irgendeines »ewigen« Idealbilds vom kommunistischen Pa-
radies, wurde das bolschewistische Russland zum synkretistischen
Sammelbecken nahezu aller fixen Ideen und Avantgardismen des
Zeitalters, zum avanciertesten »Laboratorium der Moderne« und
zur Geburtsstätte einer sozialistischen Hypermoderne. So sah es
zumindest einen historischen Moment lang aus; und so hat es sich
– am stärksten unter Kunsthistorikern – bis heute im schwärmeri-
schen Bild einer »Großen Utopie« erhalten.2

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Aber ein »Laboratorium der Moderne« (so Karl Schlögel) war
das weltstädtische Russland bereits in der Vorkriegszeit gewesen,
in nahezu allen klassischen und modernen Künsten, in der Lite-
ratur, der Musik, dem Theater oder dem Ballett ebenso wie in der
Architektur und nicht wenigen Wissenschaften.3 Dagegen führte
die (mehr ersehnte als realisierte) Verbindung mit der neuen,
bolschewistischen Macht – die als Kombination von Pinsel oder
Feder mit Maschine und Pistole gedacht war, wie zur gleichen Zeit
im faschistischen Italien auch – nach einem kurzen Höhenflug fast
alle aus dieser glänzenden Plejade von russischen Futuristen und
Konstruktivisten, Proletkultleuten oder Biokosmisten binnen ein,
zwei Jahrzehnten in die künstlerische und intellektuelle Regres-
sion oder geradewegs in den physischen und sozialen Absturz (wie
Ikarus bei der Annäherung an »Die Sonne, die uns verbrennt«4).
Kaum weniger problematisch waren allerdings diese utopischen
Ideen und Lebensentwürfe selbst. Alles schien machbar, und alles
stand zur Disposition, angefangen mit der Natur, die als bloßes,
totes Material galt, das beliebig entnommen und ausgebeutet wer-
den konnte, zugespitzt in obsessiv wiederkehrenden Metaphern
von den Bergen, die man versetzen, und den Flüssen, die man
zwingen könne, »aufwärts zu fließen«.5 Aber das eigentliche Ob-
jekt aller Machbarkeitsphantasien war die gegebene menschliche
Gesellschaft mit ihren Akten der Produktion und Reproduktion
des Lebens. Der Utopismus einer gesamtgesellschaftlichen Pla-
nung und Steuerung nach wissenschaftlichen Kriterien und mit
unbegrenzt einsetzbaren technischen Instrumenten ging unmit-
telbar über in den Utopismus eines social engineering, das den vor-
handenen Sozialkörper im Ganzen wie in seinen Einzelgliedern zu
modeln und zu optimieren trachtete. Das Zusammendenken von
Physiologie und Psychologie, Bildung und Erziehung, eugenischer
Auslese und medizinischer Nachbesserung konnte sich bei einem
selbststilisierten Universalgenie wie Trotzki zu literarisch hoch-
fliegenden Vorstellungen einer bewussten Selbst- und Höherzüch-
tung der Einzelnen wie des sozialen Gesamtkollektivs steigern, um
endlich »einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus, und,
wenn man so will – den Übermenschen zu schaffen«.6
Damit bewegte sich der vermeintlich designierte Lenin-Nach-
folger in einem breiten Strom eines »magischen Szientismus«

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(so Michael Hagemeister)7, wie er für die frühe Sowjetunion
insgesamt charakteristisch war. Auch die letzte Grenze, die das
Leben vom Tod trennte, wurde in diesen Sozial- und Bioutopien
überschritten – und das auf allerhöchster Ebene. Schon 1921 hatte
der Altbolschewik, Elektroingenieur und Volkskommissar für
Handel und Transport, Leonid Krassin, beim Begräbnis eines Bür-
gerkriegshelden verkündet, die Zeit werde kommen, in der man
fähig sein werde, »die großen Persönlichkeiten, die Kämpfer für
die Befreiung der Menschheit, wiederzuerwecken«.8 Der Schöpfer
des Lenin-Mausoleums, der Architekt Konstantin Melnikow, sah
die Mumifizierung des Führers ausdrücklich als ein Mittel seiner
»ewigen Erhaltung« und einer perspektivischen Überwindung des
Todes.9 Ähnliche Gedanken bewegten den berühmten Neurologen
Wladimir Bechterew, der die Anregung zu jenem (vermutlich
bis heute existierenden) »Pantheon« genialer Sowjethirne gab,
in das als »Reliquie Nr. 1« das sklerotisch deformierte, intensiv
beforschte Resthirn des toten Lenin so wie später (schon in den
1930er Jahren) Dutzende weiterer »Elitehirne« eingingen, von
Majakowski bis Clara Zetkin.10 Der deutsche Genialitätsforscher
Oskar Vogt, der im Auftrag der Sowjetregierung das Lenin-Hirn
beforschte, um in dessen Struktur »Hinweise auf eine materielle
Begründung der Genialität W.I. Lenins« zu finden (was ihm auf-
tragsgemäß gelang), verband diese Forschungen in seinem eigens
eingerichteten Moskauer Institut mit der expliziten Vorstellung,
dass »die Analyse des Elitehirns und seiner Genese« perspekti-
visch »die wichtigste Basis für die Höherzüchtung des Gehirns«
des Menschen insgesamt liefern werde.11
Natürlich waren – wie die prominente Figur Vogts belegt –
solche szientistischen Omnipotenzphantasien ein Signum der
wissenschaftlichen Diskurse und Forschungsdesigns dieses Zeit-
alters überhaupt und mögen uns heute wieder ganz zeitgemäß
erscheinen. Nur dass man sich hier eben nicht nur im Bereich der
Wissenschaften bewegte, sondern in den höchsten Machtsphären
eines neuartigen Staatswesens. Hier bekamen derartige Forschun-
gen – wie die an Lenins Hirn – eine ganz andere Wertigkeit und
Bedeutung. Das alles verwies letztlich auf ein organizistisches Ge-
sellschaftsbild, worin der Führer als das Hirn, das Zentralkomitee
als das Nervensystem, die Partei als das Herz und das Proletariat

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als das physische Gerüst, das den Sozialkörper insgesamt trug,
firmierten.
Zwar wurden diese Genialitätsforschungen, ähnlich wie die
Ansätze einer sowjetischen Eugenik und Rassenkunde12 oder
anderer biophysischer Optimierungsexperimente in der stalinisti-
schen Hochkultur zu toten Zweigen in der Evolution der Sowjet-
wissenschaften. Dieses Schicksal teilten sie allerdings mit einigen
wirklich avancierten Disziplinen, etwa der Genetik. Über allem
erhob sich triumphierend eine neue, von dem Scharlatan Lysse-
nko führend vertretene Leitwissenschaft, die auf nichts weniger als
eine universelle stalinistische Vererbungslehre oder Züchtungs-
wissenschaft hinauslief. Die von Lyssenko unter der persönlichen
Redaktion Stalins 1948 ex cathedra verkündete Lehrmeinung, der
zufolge sich »erworbene«, also planmäßig herstellbare und antrai-
nierbare Eigenschaften auf kurzem Wege in den – nicht genetisch,
sondern gesamtphysiologisch bestimmten – Erbpool von Pflanzen
überführen ließen (und warum dann nicht auch in den von Men-
schen?)13, war nur der Endpunkt einer sukzessiven Rücknahme
aller wildwüchsigen geistigen Produktionen in die zentrale Utopie
des Regimes: die einer unbegrenzten sozialen Gestaltungsmacht
nach dem Paradigma eines zum Ende geführten Klassenkampfs.
Nichts war allerdings utopischer als eben dieser Anspruch. Die
Kategorie der »Klasse« hatte in einem Land wie Russland, das
(entwicklungstheoretisch, also marxistisch) gerade unter einem
Mangel an moderner Klassenbildung litt, schon vor der Revolu-
tion nur beschränkt Sinn gemacht; am Ausgang des Bürgerkriegs
war sie vollends sinnlos geworden. Indem die Bolschewiki sich
auch über ihre Machteroberung hinaus als »proletarische Klas-
senpartei« definierten, rekurrierten sie auf eine fiktive, rein ideelle
Substanz oder Qualität, die sich in ihnen selbst verkörpern sollte.
Jenseits aller ideologischen Doktrinen drückte die hektische
Suche nach Mitteln zur Produktion von »Neuen Menschen« ein
höchst reales, praktisches Bedürfnis aus: eben das, sich aus der
nachwachsenden gesellschaftlichen Rohmasse, den vom Krieg
und Bürgerkrieg entwurzelten Elementen und insbesondere der
Jugend, ein neues, »eigenes« soziales und politisches Substrat zu
schaffen. Zuverlässiger als alle Biopolitiken waren dabei letztlich
die Praktiken einer sozialen Selektion und »Säuberung«, die an-

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gesichts der bunten Vielgestalt der realen Lebens-, Arbeits- und
Sozialisationsprozesse als eine primitive, aber wirksame Maschine
der Klassifizierung, Homogenisierung und Spaltung wirkten.
Das bedeutet nicht, die Führer der Bolschewiki in ihrer proto-
typischen Rolle als Staatsgründer und Gesellschaftsingenieure für
reine Zyniker und freie Erfinder zu halten. In vieler Hinsicht wa-
ren sie Gefangene – weniger ihrer Ideologien allerdings als ihrer
Projekte und ihrer politischen Lage. Was ihnen blieb, als sich die
spekulativen weltrevolutionären Erwartungen der ersten Bürger-
kriegsjahre – spätestens mit dem sang- und klanglos abgeblasenen
Aufstand im »deutschen Oktober« 1923 – verflüchtigt hatten, war
das Projekt der Sowjetunion selbst als eines Weltstaats eigener
Ordnung in einer »kapitalistischen Umwelt«.

Kapitalistische Weltkrise und Internationale

Stalins Losung vom »Aufbau des Sozialismus in einem Land«, mit


der er 1925 die unterschwelligen nationalen und sozialen Konso-
lidierungswünsche eines breiten Stamms der neuen Sowjetkader
ansprach und sich zum vermeintlich pragmatischen Zentrum
und ruhenden Pol in den von Diadochenkämpfen erschütterten
Machtstrukturen erhob, enthielt nicht nur eine explizite Revision
des bis dahin gültigen, vor allem von Trotzki weiter verfochtenen
Axioms, wonach eine sozialistische Revolution in einem zu-
rückgebliebenen Land nur durch ihre Ausdehnung auf ein oder
mehrere fortgeschrittene Länder des Westens sich werde behaup-
ten und entfalten können. Stalins neue Formel besagte darüber
hinaus, dass das bolschewistische Projekt in Sowjetrussland wie
in der übrigen Welt zunächst »national in der Form, sozialistisch
im Inhalt« sein werde und das auch über eine längere historische
Phase bleiben müsse.
Damit trat Sowjetrussland erneut in das Spiel der Mächte ein,
jedoch als ein Staatswesen neuen Typs, das sich gegen alle kapi-
talistisch-imperialistischen Einflüsse imprägnierte, indem es sich

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aus den weltwirtschaftlichen Arbeitsteilungen und weltpolitischen
Strukturen des Zeitalters ausschaltete. Diese Grundsatzentschei-
dung hatte die Sowjetregierung noch unter der Ägide Lenins im
April 1922 getroffen, als sie trotz oder gerade wegen des Übergangs
vom Kriegskommunismus zur »Neuen Ökonomischen Politik«,
das heißt zur begrenzten Wiederzulassung eines freien Markts
für bäuerliche und städtische Kleinproduzenten und Händler, die
Weltwirtschaftskonferenz von Genua durch den Sondervertrag
mit Deutschland in Rapallo sprengte. Auf dieser Konferenz, zu
der Sowjetrussland erstmals in aller Form eingeladen worden war,
hätte es zentral um ein internationales Konsortium zum Wieder-
aufbau Russlands gehen sollen, als dem Pivot einer Wiederher-
stellung der zerrissenen Weltmarktbeziehungen im Ganzen. Nach
einem vom deutschen Außen- und Wiederaufbauminister Rathe-
nau ausgehandelten Plan sollten deutsche Reparationsleistungen
an die Kriegsgegner gegen russische Vorkriegsschulden verrech-
net werden.1 Stattdessen legte die Sowjetunion sich selbst und die
gesamte Kommunistische Internationale erneut auf eine offensive
Revisionspolitik gegen die »Weltordnung von Versailles« fest, im
losen (durch konspirative Militärbeziehungen gestützten) Bündnis
mit dem Weimarer Deutschland, das sich trotz der vorsichtigen
Ausgleichsbemühungen Stresemanns seinerseits in einem sterilen
Revisionismus erschöpfte.
Lenins Konzeption einer Politik der limitierten Konzessionen
für einzelne ausländische Kapitalgesellschaften und eines strikt
bilateralen, aber doch mit gewissen Kreditspielräumen ausgestat-
teten staatlichen Außenhandels wurde von seinen Nachfolgern
freilich ebenso wenig konsequent verfolgt wie die »Neue Öko-
nomische Politik« im Innern, die diese vorsichtige Öffnung zum
Weltmarkt hätte flankieren sollen. Stattdessen praktizierte die
Sowjetunion in der Ära Stalins ein äußerst schlichtes System des
Tauschs in Kontingenten, das heißt des seriellen Imports westli-
cher Maschinen und Turbinen (vor allem aus Deutschland und
den USA) gegen Exporte von Getreide, Holz, Pelzen oder Gold,
und das mit stetig abnehmender Tendenz, auch und gerade in
der Periode der Fünfjahrpläne mit ihren extremen Akkumulati-
onsquoten. Über die Folgen dieses radikalen Autarkismus, nicht
nur für die innere Entwicklung der sowjetischen Ökonomie und

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Gesellschaft, sondern auch für die Weltwirtschaft in der Phase ih-
rer tiefsten und längsten Depression nach 1929, wäre womöglich
noch einmal nachzudenken. Nichts daran war jedenfalls zwangs-
läufig, und nichts verstand sich von selbst.
In einem von Alex Radó erstellten, in einem Berliner und
Wiener Kominternverlag 1930 herausgegebenen Atlas für Poli-
tik, Wirtschaft, Arbeiterbewegung liegt die Sowjetunion als eine
kompakte, rot gezeichnete »Proletarische Großmacht« und ein
befreites »Sechstel der Erde« im Zentrum der geopolitischen Welt-
karten. Umgeben ist sie an ihrer südlichen und östlichen Flanke
von einem Gürtel nationalrevolutionärer Staaten, von China über
Afghanistan und Persien bis zur Türkei, im mitteleuropäischen
Westen dagegen von einem Cordon meist feindlicher »weißer«
Staaten. Unter den imperialistischen Siegermächten dominiert
nach wie vor das Britische Empire, das (laut Radó) nicht nur die
meisten Länder Europas und große Teile der kolonialen Welt kon-
trolliere, sondern aggressiv bemüht sei, den Gürtel der national-
revolutionären Staaten von China bis zur Türkei zu sprengen, um
die Sowjetunion einzukreisen und mit Krieg und Konterrevolu-
tion zu überziehen. Gemildert werde diese globale Hauptkonfron-
tationslinie zwischen Revolution und Konterrevolution allerdings
durch die innerimperialistischen Rivalitäten, insbesondere »den
Kampf zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten um
die Weltherrschaft«, der »immer schärfere Formen« annehme und
durch »fieberhafte Aufrüstung« flankiert werde. Kleinere Groß-
mächte wie Frankreich, Italien oder Japan müssten sich auf die
eine oder andere Seite schlagen. Deutschland, das in dieser Auf-
stellung nur als eine gestürzte und amputierte Macht vorkam, sei
noch immer das fortgeschrittenste Industrieland Europas, wegen
der Fesseln von Versailles aber beständig zum Lavieren gezwun-
gen. Während es die freundschaftliche Rückendeckung der Sowje-
tunion »zu seiner Entfaltung auszunutzen« versuche, sei es gleich-
zeitig bemüht, sich einem der beiden imperialistischen Weltblocks
anzudienen, um seine militärische und politische Freizügigkeit
wiederzugewinnen.2
So realitätsblind dieses im Ton eines überlegenen geopoliti-
schen Universalwissens entwickelte Panorama der Welt im Kri-
senjahr 1930 erscheint, so kohärent folgte es den Hauptlinien der

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sowjetischen Globalpolitik von Lenin bis Stalin – einer Politik, die
die Hauptparteien der Komintern von Beginn an auf einen perma-
nenten, schwindelerregenden Schleuderkurs geschickt hatte. Die
beiden zentralen Pole, um die sich alles drehte, waren das Verhält-
nis zur Sozialdemokratie und zum Faschismus.
Alle Versuche der Kominternführung, mit dem neuartigen
Phänomen der faschistischen Massenbewegungen theoretisch
und praktisch zu Rande zu kommen, verloren sich von Beginn
an in einem politisch-ideologischen Nebel, der vor allem mit den
positiven Bewertungen nationalrevolutionärer Bewegungen im
Moskauer Weltszenario zu tun hatte. So attestierten Clara Zetkin
und Karl Radek im Juni 1923 (im Zeichen des deutschen Abwehr-
kampfs gegen die französische Ruhrbesetzung) den deutschen wie
den italienischen Faschisten ausdrücklich, dass sie keineswegs nur
»weiße« Konterrevolutionäre und Prätorianer seien, sondern »die
energischsten, entwicklungsfähigsten Elemente« aus den prole-
tarisierten kleinbürgerlichen Schichten organisierten.3 In ihrem
Kampf gegen die Ausbeutung und Unterdrückung durch den
westlichen Imperialismus seien sie von »brennender Sehnsucht«
nach sozialer Gemeinschaft und nationaler Würde getrieben. 4 Ja,
so Radek, der Faschismus sei nichts anderes als der »Sozialismus
der kleinbürgerlichen Massen« – um die er (einschließlich der
deutschen Nationalsozialisten) vor dem Hohen Haus des Weltp-
roletariats in seiner offensiv verbreiteten »Schlageter-Rede« und in
parallelen Kontaktgesprächen mit führenden deutschen Nationa-
listen auch explizit warb.5
Im Übrigen fehlte nicht der Hinweis, dass erst der Verrat der
Sozialdemokraten den Faschisten in Italien, Deutschland und
anderswo den Weg bereitet habe.6 1924 war dann kursorisch be-
reits davon die Rede, dass die Sozialdemokratie im Grunde nur
»einen Flügel des Faschismus« darstelle (so Sinowjew) und die
beiden »keine Antipoden, sondern Zwillinge« seien (so Stalin).7
Das waren Vorformen der 1927/28 zur offiziellen Doktrin erhobe-
nen »Sozialfaschismus«-Theorie, die die in der II. Internationale
zusammengeschlossene Sozialdemokratie zum primären und ent-
scheidenden Feind der Kommunisten aller Länder erhob, gegen
die sich daher im verschärften Kampf »Klasse gegen Klasse« der
Hauptschlag richten müsse. Allein die Kommunisten vertraten

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demnach noch die Arbeiterklasse – jenseits der empirischen Tat-
sache, dass die übergroße Masse der industriellen Arbeiter in allen
Ländern des Westens nach wie vor durch die Sozialdemokraten
organisiert und vertreten wurde. Eben drum!
Weiter zugespitzt wurde diese sektiererische Frontstellung
durch die Ausdehnung der internen Fraktionskämpfe der sowje-
tischen Führung auf Politik und Personal der Internationale und
ihrer Mitgliedsparteien. In einer Serie von der Moskauer Zentrale
initiierter Säuberungskampagnen 1926/27 wurde unterstellt, dass
es eine »internationale ultralinke Opposition« gegen die stalinsche
Führung, gebe. Immer näher wurde jetzt der Trotzkismus bereits
an den »Sozialfaschismus« der Sozialdemokratie herangerückt. So
sprach Stalin im Mai 1927 in düsteren Andeutungen davon, dass
»eine Art Einheitsfront von Chamberlain bis Trotzki« entstanden
sei: »Die einen drohen der KPdSU(B) mit Krieg und Intervention.
Die andern – mit Spaltung.«8
Als »Internationalist« galt jetzt nur noch derjenige, der die
UdSSR Stalins als Vaterland aller Werktätigen bedingungslos
verteidigte. Aber nicht nur deshalb wurden die kleinen, dicht ver-
schweißten kommunistischen Milieus in den USA wie in Groß-
britannien, Frankreich oder Deutschland, liebevoll oder gehässig,
als »Klein-Moskaus« bezeichnet. Durch die neue, obligatorische
Organisation in »Betriebszellen« – statt in den traditionellen
Orts- oder Stadtteilzellen – als Kernstück einer weiteren »Bolsche-
wisierung« wurden die Kommunisten im Westen systematisch
ihrer »reformistischen« Rolle als Staatsbürger entkleidet, während
sie den kapitalistischen Rationalisierungskampagnen dieser Jahre
frontal ausgeliefert und zunehmend zu Parteien der Arbeitslosen
und sonstwie Deklassierten wurden, mitgetragen allenfalls von
schmalen, aber einflussreichen intellektuellen Milieus.9 Das war
die soziologische Basis der jetzt geforderten und forcierten Poli-
tiken eines gewaltbereiten Desperadotums im Kampf gegen die
gesamte bürgerliche Welt.
Das galt gerade auch für die Kommunistische Partei Deutsch-
lands, die als einzige in der Wirtschaftskrise zahlenmäßig wuchs
(von 130 000 Mitgliedern und gut 3,2 Millionen Wählern 1928
auf 360 000 Mitglieder und 6,0 Millionen Wähler 1932), während
sie sich durch ihre militaristischen Bürgerkriegspolitiken von

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der Masse der sozialdemokratischen oder katholischen Indust-
riearbeiterschaft absonderte, fast bis zur völligen Isolation.10 Ihre
Versuche, den im Aufstieg begriffenen Nationalsozialisten durch
eigene großdeutsche Rhetoriken wie in der »Programmerklärung
zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« vom
August 193011 oder sogar durch sporadische Angebote zur Akti-
onseinheit das Wasser abzugraben, machten die Konfusion nur
noch größer.
Fast alle übrigen Kommunistischen Parteien erlitten in der
gleichen Zeitspanne dramatische Rückschläge und Einbußen. So
wurde die Mitte der 1920er Jahre relativ starke, in den Gewerk-
schaften gut verankerte Kommunistische Partei Großbritanni-
ens bis 1930 mit 2500 Mitgliedern fast zur Sekte. Ähnlich stand
es, nach einer Serie von Spaltungen und Säuberungen, mit den
Kommunisten der USA. Auch die KP Frankreichs oder der Tsche-
choslowakei, die 1923/24 noch Züge von Massenparteien trugen,
wurden auf einen Rumpfbestand von kaum 30 000 Mitgliedern zu-
rückgeworfen.12 Gerade dort, wo in der Weltwirtschaftskrise reale
Kämpfe »Klasse gegen Klasse« tobten, waren die Kommunisten
am schwächsten.
Die schwerste Niederlage hatte allerdings die unmittelbar von
Moskau mit Hunderten von Instrukteuren, Geheimagenten und
Militärs aufgepäppelte und angeleitete und in eine enge Ein-
heitsfront mit der nationalrevolutionären Kuomintang geführte
Kommunistische Partei Chinas erlitten, die nach ihrer Gründung
1921 einen kurzen, meteorgleichen Aufstieg erlebt hatte, bevor sie
durch das Massaker von Shanghai im April 1927 und Wellen wei-
terer Repressionen von Seiten ihrer vormaligen Verbündeten, der
Nationalisten, fast ausgelöscht wurde.
So versammelten sich auf dem VI. Kongress der Internationale
im August 1928 nur noch Vertreter von 40 (statt früher 66) Par-
teien, die es außerhalb der UdSSR gerade noch auf 440 000 Mitglie-
der brachten – ein Drittel der Mitgliedszahlen von 1921/22, und
weniger als ein Zehntel derer der Sozialistischen Internationale.13
Anfang der 1930er Jahre schien die Komintern als eine Weltpar-
tei klinisch tot, auch wenn einige ihrer Sektionen es noch nicht
gemerkt hatten, allen voran die in fiebrige Halluzinationen eines
erweiterten »Sowjetdeutschland« als dem künftigen Hauptsitz der

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Internationale verstrickte KPD. Einem fast bizarren Aufwand an
bürokratischem Zentralismus, reisenden Profikadern und kons-
pirativen Agenturen in Dutzenden Ländern der Welt, die unmit-
telbar mit den sowjetischen Auslandsdiensten, Handelsmissionen
und Militärresidenturen verschmolzen, stand eine weitgehende
Abgelöstheit von den politischen und sozialen Konfliktlagen in
den einzelnen Ländern gegenüber – mitten in der größten Krise
der kapitalistischen Welt überhaupt.

Der »Große Umschwung« als irreversible Zäsur

Der zeitliche Zusammenfall von Großer Depression im Westen


mit dem »Großen Umschwung« in der Sowjetunion legt einen Zu-
sammenhang nahe, der bestenfalls indirekt existierte. Tatsächlich
war der Übergang zur forcierten sozialistischen Industrialisierung
und Kollektivierung keine Antwort auf die kapitalistische Welt-
wirtschaftskrise, sondern vor allem auf eine existenzielle Krise
des eigenen Regimes, die weniger dem Scheitern als vielmehr dem
relativen Erfolg der »Neuen Ökonomischen Politik« entsprang. In
vielen Bereichen hatte die Wirtschaft sich bis 1928 regeneriert und
dem Vorkriegsstand von 1913 wieder angenähert. Aber gerade
von dieser Entwicklung fühlten die herrschenden Bolschewiki
sich bedroht.
In seiner letzten großen Parteitagsrede von 1922 hatte der von
düsteren Ahnungen über die Zukunft der Revolution und vor al-
lem über das niedrige Niveau der eigenen Kader geplagte Lenin
die decouvrierende Warnung ausgesprochen: »Wenn ein Erobe-
rervolk eine höhere Kultur hat, dann zwingt es ihm [dem besiegten
Volk] seine Kultur auf, ist es aber umgekehrt, dann kommt es vor,
dass das besiegte Volk seine Kultur dem Eroberer aufzwingt.«1 Als
Stalin 1928 begann, von einem »Ablieferungsstreik« der Kulaken
zu sprechen, die »die Sowjetmacht in die Knie zwingen« oder »an
der Gurgel fassen« wollten, war das eine Konstruktion, die gerade
in ihrer Paranoia bezeichnend war. Der sachliche Konflikt war

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klar umreißbar: Viele Bauern waren nicht mehr bereit, ihre Über-
schüsse zu den staatlich oktroyierten Niedrigstpreisen und für
entwertete Geldscheine abzuliefern, für die sie weder elementare
Konsumgüter noch notwendige Arbeitsmittel kaufen konnten.
Dabei gab es keine Nahrungsmittelkrise im Land, nur eine Krise
der staatlichen Getreideaufkäufe, die ungefähr ein Siebtel der pro-
duzierten Gesamtmenge jährlich abschöpften und für den Export,
insbesondere den Ankauf von Maschinerie verwendeten.2
So vergleichweise geringfügig dieser Konflikt an sich war und so
unangefochten das Regime der Bolschewiki die politische Macht
in Händen hielt, so richtig war, dass es am Scheideweg stand, wie
eine von den Überwachungsorganen registrierte Unruhe inner-
halb der Arbeiterschaft und der großen Städte ihm signalisierte.3
Entweder musste es der zurückgestauten sozioökonomischen Dy-
namik von Hunderttausenden kleinkapitalistischer Produzenten
in den Städten und Dörfern freie Bahn geben. Oder es musste jetzt
oder nie das Ruder abrupt herumlegen, wie es die stalinsche Füh-
rung dann in einer Folge sich überstürzender, immer radikalerer
Maßnahmen und immer vermessenerer Zielvorgaben schließlich
tat.
Möglicherweise hätte sich die Situation der Sowjetunion Ende
der 1920er Jahre, etwa unter der Ägide eines Nikolai Bucharin
und begleitet von dem noch vorhandenen Korps glänzender Wirt-
schaftstheoretiker, Planer und Statistiker, ähnlich produktiv auflö-
sen lassen, wie das Jahrzehnte später unter der Ägide eines Deng
Xiaoping in China möglich war, mit weltpolitischen Wirkungen
von kaum abschätzbarer Tragweite. Ob die herrschende Partei der
eben erst konstituierten Sowjetunion allerdings in ähnlich unan-
gefochtener Weise ihr Machtmonopol hätte behaupten können,
wie es die KP Chinas trotz oder gerade wegen der Erschütterun-
gen der Kulturrevolution konnte und bis heute kann, ist natürlich
die Frage – um die es in Wirklichkeit auch primär ging.
Tatsächlich war leicht auszurechnen, dass bei einer Fortdauer
der NEP sich auf dem Land ebenso wie in den kleinen und gro-
ßen städtischen und industriellen Zentren der Entfaltungsdrang
der privaten wie der staatlichen Produzenten mit den Konsolidie-
rungs- und Prosperitätsbedürfnissen beträchtlicher Teile des eige-
nen Staats- und Parteiapparats verbinden würde. Noch plausibler

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war diese Einschätzung für die gerade erst pazifizierten Republi-
ken und Autonomen Gebiete der nichtrussischen Peripherie, in
denen die als »Einwurzelung« (korenisazija) bezeichnete Politik
einer systematischen Implantation von Parteigliederungen und
Sowjetinstitutionen mit einigen Konzessionen an die jeweiligen
Kulturen, Sprachen und Religionen der Mehrheiten oder Minder-
heiten erkauft war – Errungenschaften, aus denen die »nationalen
Kader« einen Gutteil ihrer Legitimität oder sogar Popularität be-
zogen. Kurzum, die stalinsche Führung sah sich in einer Situation,
in der das »besiegte Volk« des hundert Nationen umfassenden,
großen Russland auf dem besten Wege war, den bolschewistischen
Siegern »seine Kultur aufzuzwingen« statt umgekehrt.
In dieser Hinsicht glich die als »Großer Umschwung« de-
klarierte Kollektivierungs- und Industrialisierungsrevolution
von 1929/30 mitsamt dem vorab eröffneten »Kulturfeldzug« zur
Ausrottung von religiösen und sonstige reaktionären Kultformen,
Sitten und Bräuchen einer regelrechten politisch-militärischen
Reconquista, einer zweiten Eroberung und Durchdringung des
eigenen Landes. Anders betrachtet, trug sie freilich Züge einer for-
cierten Flucht nach vorn, aus einer selbstgeschaffenen Zwangslage
und Kalamität in die nächste, diesmal von irreversibler Tragweite
und Dramatik, von der aus es kein Zurück mehr gab. Auch das
gehörte zum Zweck des Unternehmens – das für die Geschichte
des Kommunismus im 20. Jahrhundert ebenso entscheidend und
vielleicht noch prägender wurde als die bolschewistische Macht-
eroberung selbst.

Politische Ökonomie des realen Sozialismus

Die gewaltigen und staunenerregenden Sprünge, in denen sich die


industrielle (und militärische) Aufrüstung der Sowjetunion in den
beiden ersten Planjahrfünften vollzog, blendeten – vor dem Hin-
tergrund der Weltwirtschaftskrise – den Blick vieler Beobachter,
in mancher Hinsicht bis heute. Es erscheint schlechterdings un-

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bestreitbar, dass die Sowjetunion sich in den 1930er Jahren, und
noch einmal in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, in kürzester
Frist aus einem rückständigen Agrarland in einen entwickelten
Industriestaat verwandelt hat. Statistisch und stofflich ist das zwei-
fellos richtig; aber es beschreibt eben auch schon das zentrale Pro-
blem ihrer Existenz: das einer permanenten Überakkumulation,
Überindustrialisierung, Überrüstung und Überzentralisation.
Die übergreifende Frage, ob es sich bei der stalinistischen
Zwangskollektivierung und Crashindustrialisierung tatsächlich
um eine reale, »nachhaltige« gesellschaftliche Modernisierung ge-
handelt hat, oder ob man nicht vor allem von einer gewaltsamen
Reaktionsbildung gegen viele der mit dem Begriff der »Moderne«
gemeinhin verbundenen Entwicklungen sprechen müsste, die ei-
nen weithin ungeplanten und wildwüchsigen Prozess mit Zügen
einer großen sozialhistorischen Regression in Gang gesetzt hat,
muss vorerst als Frage stehen bleiben. Sie drückt jedenfalls eine
Reserve gegenüber allen Erklärungsmodellen aus, die den sowje-
tischen Weg im Wesentlichen als den einer mehr oder weniger er-
folgreichen »nachholenden« Industrialisierung respektive Moder-
nisierung beschreiben, oder auch als den einer, sei es gewalttätigen
und letztlich gescheiterten, »anderen Moderne«.1
Was da entstand, war eine Sozialformation ganz eigener, eigen-
tümlicher Art, die Keime ihrer Auflösung von Beginn an in sich
trug. Einige aperçuhafte Schlaglichter auf die politische Ökonomie
des »real existierenden Sozialismus«, deren Grundmatrix sich in
den Jahren der stalinistischen »zweiten Revolution« ausgebildet,
über Jahrzehnte erhalten und für spätere kommunistische Staats-
und Gesellschaftsgründungen, einschließlich des maoistischen
China oder des Kambodscha der Roten Khmer, als primäre Vor-
lage gedient hat, mögen diese Skepsis unterstreichen.
Die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft war un-
ter allen, auch den eigenen Parametern des Regimes, eine gesell-
schaftliche Katastrophe von langer Wirkung. Das betrifft nicht
nur die ohnehin nicht kommensurablen »menschlichen Kosten«,
also die Millionen der Ermordeten, Verhungerten und sonst eines
unnatürlichen Todes Gestorbenen sowie die unerhörte Zahl aus
der Bahn geworfener und stigmatisierter Existenzen. Es betrifft
auch nicht nur die anfänglichen Verluste an lebendem und totem

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Inventar, die noch ein Jahrzehnt später kaum wettgemacht waren.
Es geht vielmehr um die historische Tatsache, dass die sowjetische
Landwirtschaft trotz gewaltiger materieller Aufwendungen besten-
falls stagnierte. Statt, wie Stalin in seinem Prawda-Leitartikel vom
7. November 1929 verkündet und versprochen hatte, »in, sagen
wir, drei Jahren […] zum getreidereichsten Lande der Welt (zu)
werden«2, mündete die Kollektivierung exakt zu diesem Zeitpunkt
in die größte Hungerkatastrophe der Geschichte Russlands. Aber
auch später konnte der größte Flächenstaat der Erde seine Men-
schen nur mangelhaft ernähren und entwickelte sich von einem
Agrarexportland (vor 1914) schließlich zu einem Nettoimporteur
von Getreide – von allen differenzierteren Agrarprodukten wie
Obst oder Südfrüchten, Fleisch- und Milchprodukten noch ganz
abgesehen. Die Verwüstungen der nach dem Krieg in anderer
Form fortgeführten Kampagnen zum großindustriellen Betrieb
der Landwirtschaft haben darüber hinaus zu einer bis heute an-
dauernden gesellschaftlichen und ökologischen Verödung geführt,
indem sie mit der Vernichtung der »Kulaken als Klasse« den Kern
des Bauerntums selbst und damit das familiär akkumulierte und
tradierte landwirtschaftliche Know-how auslöschten. An diesem
Verlust laboriert das heutige, sich großflächig entvölkernde Russ-
land nach wie vor.
Zur grimmigen Ironie dieser Geschichte gehört es, dass von
einer sozialistischen Landwirtschaft dennoch kaum die Rede sein
konnte. Nach der Hungersnot von 1933 und den anhaltenden
Versorgungsschwierigkeiten im ganzen Land musste die Sowjetre-
gierung faktisch den Rückzug antreten und sich damit begnügen,
eine stabile Aufkaufmenge an billigem Getreide von den Kolcho-
sen zu extrahieren. Das war letztlich der ganze Erfolg des in jeder
Hinsicht kostspieligen Unternehmens der Kollektivierung. 1936
produzierte die sowjetische Landwirtschaft wieder so viel oder
etwas mehr Getreide und Kartoffeln wie 1928 – oder wie 1913.3
Durch das Kolchosstatut von 1935 wurden den Bauern (vor al-
lem den Frauen) Flecken von Hofland zur Eigenbewirtschaftung
überlassen, deren Überschüsse sie zu Markte tragen konnten. Von
diesen (relativ teuren) Privatverkäufen und Kolchosmärkten hat
die Masse der städtischen Bevölkerung der Sowjetunion sich über
Jahrzehnte hinweg wesentlich ernährt. Sozialhistorisch könnte die

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Kolchoswirtschaft als eine modifizierte Form der überkommenen
Leibeigenschaft, der Halbpacht oder des share-cropping betrachtet
werden, worin der sozialistische Staat als der universelle Grund-
herr firmierte, dem die halbe Jahresarbeit gehörte.4
Das Resultat war eine selbstgenügsame, dorfgemeinschaftliche
und helotische Lebensweise, die auf die sowjetische Gesellschaft
im Ganzen abgefärbt hat. So trugen auch die sowjetischen Betriebe
als offizielle und inoffizielle Tauschbörsen und Versorgungsstatio-
nen für den privaten wie für den produktiven Konsum in vieler
Hinsicht das Gepräge von Industriekolchosen. Nicht viel anders
sah es in den staatlichen Ämtern, Kontoren und Behörden aus, in
denen Leistungen und Zuteilungen für Gegenleistungen jeder Art
getauscht oder umverteilt wurden (noch vor aller Korruption).
Diese permanente Diffusion von Arbeits- und Lebenswelten war
zugleich eine der vielen paradoxen Wirkungen der staatlichen
Monopolisierung von Handel, Zirkulation und Dienstleistungen,
die ebenfalls zu den Konstanten einer politischen Ökonomie des
Sozialismus gehörte. Der Grund, warum die stalinistischen, mao-
istischen oder auch castristischen Machtorgane jegliche, selbst
die bescheidensten Formen eines städtischen Kleinhandels oder
Dienstleistungsgewerbes zu unterdrücken suchten, dürfte (wie-
der jenseits aller Ideologie) in deren Unkontrollierbarkeit gelegen
haben, die ein latent erweiterbares Feld sozialer Autonomie schuf,
das korrosiv wirken musste.
Das waren nur einige der Faktoren, die dazu beitrugen, dass
den sowjetischen Städten in ihrer Mischung aus Herrschaftsarchi-
tektur, serieller Monotonie und einem auf den Plätzen und Hin-
terhöfen sich entfaltenden Dorfleben die eigentlichen Attribute
des Urbanen fehlten. Waren die alten Reichsstädte Russlands mit
ihren Glockentürmen oder Jugendstilbauten teils gewaltsamen,
teils schleichenden Prozessen sozialer Versteppung ausgesetzt, die
einem Urbizid nahezukommen drohten, so konnten die etwa 460
über das Territorium verteilten industriellen »Monostädte« (mo-
nogoroda), die ein Haupterbe der stalinistischen Industrialisierung
waren und bis heute sind, als ferne sozialistische Nachfahren der
mit ihrer ländlichen Umgebung verbundenen halbfeudalen »Fab-
rikgüter« der Jahrhundertwende gelten. Aber auch die staatlich-
volkstümliche Kultur, der Habitus der einfachen Funktionäre, der

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Stil der offiziellen wie der privaten Festlichkeiten trugen, mindes-
tens bis zur schleichenden Intrusion westlicher Lebensstile in den
1960er und 1970er Jahren, einen durch und durch bäuerlichen
Charakter, durchbrochen nur von einigen verstaubt höfisch-aris-
tokratischen oder berufsständischen Einsprengseln (vom Bolschoi
bis zur Akademie), die diesem »Sowjetleben« insgesamt seinen
eigentümlich stationären Charakter oder auch Charme verliehen.
In paradoxem Gegensatz zu diesen Phänomenen der Ent-
schleunigung stehen (scheinbar) die phänomenalen Wachstums-
raten, die die sowjetische Industrie in den 1930er Jahren und
dann noch einmal in der Rekonstruktionsphase der 1950er Jahre
erzielte. Der für diese forcierte Ausdehnung des industriellen Ap-
parats geschöpfte primäre Akkumulationsfonds stammte neben
den Naturalsteuern der Kolchosen (vor allem Getreide) sowie den
Konsum- und den Alkoholsteuern (die bis zur ruinösen Antial-
koholkampagne Gorbatschows 1987 eine der zentralen Einnah-
mequellen des sowjetischen wie früher des zaristischen Staates
waren5), aus den drastisch unterbezahlten Leistungen der indus-
triellen Arbeiter selbst (deren Reallöhne zeitweise auf weniger
als die Hälfte des Standes von 1928 bzw. 1913 gedrückt wurden6)
sowie aus den mit Millionen von Zwangsarbeitern und Deportier-
ten erschlossenen und exploitierten Naturressourcen des Landes.
Das war in vieler Hinsicht ein Wirtschaften aus der humanen wie
materiellen Substanz, eben aus jener »inneren Kolonie«, die in den
Wirtschaftsdebatten der 1920er Jahre noch unbefangen als die ge-
gebene Basis der »ursprünglichen sozialistischen Akkumulation«
bezeichnet worden war.
Die mit dem GULag (dem System der Zwangs- und Strafar-
beitslager) assoziierte Sphäre formeller Staatssklaverei war zu-
nächst ein Instrument »außerökonomischer« Gewalt, von Strafe
und Einschüchterung, aber entwickelte sich von früh an zu einem
regulären, keineswegs exterritorialen Sektor der Gesamtökono-
mie. Der NKWD/MWD schuf sich ein eigenes, auf Zwangsarbeit
gegründetes Wirtschaftsimperium. Bis zu einem Zehntel des ge-
samten nichtagrarischen Arbeitskörpers befanden sich zeitweise
in abgestuften Verhältnissen unfreier Arbeit, als Häftlinge in Straf-
lagern, als »Sondersiedler« (Deportierte), administrativ Verbannte
oder »Chemiker« (an Betriebe und Orte gebundene Exhäftlinge).7

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Riesige Zwangsarbeiterbrigaden waren mitten in den großen
Städten und Seite an Seite mit regulären Arbeitern eingesetzt (wie
beim U-Bahn-Bau in Moskau), sodass die Grenzen – auch wegen
der generellen Rechtlosigkeit und drakonischen Fabrikregimes der
»Freien« – zeitweise verschwammen. Sogar in Schlüsselbereichen
der militärischen Hochtechnologie arbeiteten und forschten Flug-
zeugkonstrukteure, Atomwissenschaftler oder andere Spezialisten
als Häftlinge in eigenen Sonderlagern (scharaschkas). Fast unnö-
tig zu sagen, dass alle diese Formen stalinistischer Zwangs- und
Sklavenarbeit die sowjetische Arbeitsgesellschaft insgesamt tief
geprägt haben müssen. Entsprechendes lässt sich für alle kommu-
nistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts sagen.
Natürlich sind in einer Gesamtbilanz die genuinen, vielfach
bewundernswerten Ingenieurs- und Arbeitsleistungen, die in die
industrielle Akkumulation einflossen, nicht außer Acht zu lassen,
einschließlich der ihnen allgemein zugeschriebenen heroisch-en-
thusiastischen Motive sozialistischer oder patriotischer Färbung.
Allerdings sind diese moralischen Faktoren kaum zu quantifi-
zieren und zu objektivieren. Jedenfalls entging es dem kritischen
Blick der chinesischen Rivalen wie dem des kubanischen Indust-
rieministers Ernesto Guevara8 nicht, dass die Kompensationen für
sowjetische »Stoßarbeiter« und »Stachanowisten« sich neben allen
Orden und Auszeichnungen von Beginn an in den Accessoires
eines »kulturvollen« Privatkonsums ausdrückten. Dasselbe galt in
gesteigerter Form für die abgeschirmte Binnenwelt der Nomenkla-
tura, die sich nicht zuletzt als ein spätfeudales System von Natural-
zuwendungen und Privilegien darstellte, allen voran des Zugangs
zu den fetischisierten ausländischen Importwaren. Was in diesen
Funktionärsmilieus authentische Überzeugung oder professionel-
les Arbeitsethos und was vitale Lebensgier oder routinierter Zy-
nismus waren, blieb ununterscheidbar.
Noch schwieriger ist es, die Verluste an akkumulierten Wis-
sensressourcen, fachlicher Kompetenz und insgesamt an human
capital mit den beachtlichen Erfolgen in der Massenproduktion
»eigener« Techniker, Manager, Wissenschaftler usw. in eine histo-
rische Gesamtbilanz zu bringen. Warum erforderte das Zweitere
überhaupt das Erstere? Dabei ging es ja nicht nur um den hun-
derttausendfachen Exodus der alten adeligen und bürgerlichen

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Besitz- und Bildungsschichten und den rabiaten Elitentausch der
Revolutions- und Bürgerkriegsjahre. Gravierender war womöglich
die mehr oder minder systematische Ausschaltung und Degra-
dierung aller noch vorhandenen »bürgerlichen Spezialisten« mit
Beginn der Kollektivierungs- und Industrialisierungsrevolution,
begleitet von einer Serie inquisitorischer Schauprozesse von 1928
bis 1931, in denen einige der hervorragendsten Vertreter des al-
ten Ingenieurskorps, der besten Wirtschaftswissenschaftler und
Statistiker des Landes und seiner gebildetsten Agronomen exem-
plarisch als Saboteure und Schädlinge (zunächst juristisch, später
physisch) an die Wand gestellt wurden. Im Großen Terror wurde
schließlich noch einmal ein Großteil der energischen Gründerge-
neration der ersten Fünfjahrpläne, der Helden des sozialistischen
Aufbaus also, vernichtet. Einen solchen, an Selbstverstümmelung
reichenden Aderlass mühsam erworbener intellektueller und
kultureller Substanz haben wenige andere Länder in modernen
Zeiten jemals erlitten, außer vielleicht das maoistische China und
das Kambodscha der Roten Khmer oder der Iran und Afghanistan
unter islamistischen Regimes.
Diese mehrfache Elitenvernichtung ging einher mit der exorzis-
tischen Austreibung eines Gutteils genau jener wissenschaftlichen
Thesen und Disziplinen, die man im Rückblick unter die bedeu-
tendsten Wissensfortschritte des Jahrhunderts zählen würde, von
der Relativitätstheorie über die Genetik bis zur Psychoanalyse.
Auf der Habenseite stehen sicherlich beachtliche Resultate wis-
senschaftlicher Einzelforschungen und technischer Verfahren auf
vielen Gebieten. Aber in der Gesamtbilanz würde man vermutlich
feststellen müssen, dass die jahrzehntelange, mehr oder minder
systematische Abschottung der UdSSR wie des gesamten sozialis-
tischen Lagers von den globalen Wissenskulturen zu einer drama-
tischen Antiquierung der Geistes- wie der Naturwissenschaften
geführt hat, die der Antiquierung ihres industriellen Apparats in
vieler Hinsicht parallel ging. Das waren aber nicht nur Jahrzehnte
niemals erworbener und gelesener Literatur in fremden Sprachen
(während die geistige Produktion der kommunistischen Länder
im Westen sehr genau verfolgt, übersetzt und archiviert wurde).
Das waren auch Jahrzehnte nie geführter gesellschaftlicher De-
batten, nie erörterter Forschungsfragen, nie erlernter Weltspra-

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chen – und damit ein epochaler Rückgang hinter bereits erreichte
Standards, nicht nur in den weltstädtischen Zentren Russlands,
sondern partiell auch in Ländern wie China oder Kuba, von denen
Mittelosteuropas ganz zu schweigen.
Aber auch das Bild der »beschleunigten Industrialisierung«
selbst ist zu relativieren. Jedenfalls gelang es der sowjetischen
Ökonomie wie allen ihr nachkonstruierten sozialistischen Volks-
wirtschaften nie, eine selbsttragende Wirtschaftsdynamik und sich
selbst generierende Akkumulationsleistung zu produzieren – trotz
oder gerade wegen ihrer forcierten Zuwachsraten. Alles Wirt-
schaften begann mit dem Hauen und Stechen um staatliche In-
vestitionsmittel und Inputs. Mangels qualitativer Kriterien waren
die Resultate nur in Stückzahlen und Gewicht zu messen – nicht
wegen irgendeiner bornierten »Tonnenideologie«, sondern weil es
andere Parameter nicht gab, insbesondere keine Kostpreise, die die
real aufgewendeten Mittel und Leistungen hätten bemessen und
beziffern können. Diese Produktionsweise, in der Ressourcenver-
brauch prämiert statt sanktioniert wurde, trug dazu bei, dass sich
das politisch erwünschte Übergewicht der Abteilung I (der Inves-
titionsgüter samt Roh- und Energiestoffen) gegenüber der Abtei-
lung II (der Konsumgüter und Lebensmittel) mit blinder Eigendy-
namik immer weiter steigerte. Sehr vereinfacht gesagt, verzehrte
die Abteilung I (gemeinhin als Schwerindustrie bezeichnet) eine
wachsende Masse dessen, was sie ausstieß, selbst. Damit wurde sie
zu einem weithin selbstgenügsamen oder leerlaufenden industri-
ellen Aggregat, dessen »Wachstum«, statt den gesellschaftlichen
Wohlstand zu mehren, als ein totes Gewicht auf der Gesamt-
wirtschaft lastete und alle mit der Mechanisierung verbundenen
Produktivitätsgewinne annullierte oder ins Minus drückte. Sehr
hohe Wachstumsraten des industriellen Anlagevermögens waren
notwendig, um wenigstens bescheidene Produktivitätsgewinne zu
erzielen, was die Bilanz im Verhältnis zum eingesetzten Kapital
fast durchweg negativ gestaltete – ein Tantalus-Syndrom.9
Was schließlich das Kernstück allen sozialistischen Wirtschaf-
tens, die »Planung«, betrifft, so war sie näher betrachtet nicht nur
eine Fiktion, sondern wurde, schlimmer, zu einem Instrument der
universellen Desinformation. Irreal war schon die Vorstellung als
solche, Millionen von Einzelprodukten und darauf gerichteten

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Produktionsprozessen zentral planen und steuern zu können.
Tatsächlich waren die legendären Fünfjahrpläne auch ohne jede
bindende und direktive Wirkung und trugen rein propagandisti-
schen Charakter. Sie bestanden aus etwa zwanzig hoch aggregier-
ten Leitindikatoren, die in den Verhandlungen des Politbüros mit
einem Federstrich verändert werden konnten und deren »Erfül-
lung« praktisch nicht messbar war. Die operativen Pläne (Jahres-,
Quartals- und Monatspläne) für die Branchen, Regionen oder
Kombinate fielen bereits unter das alles umspannende Staatsge-
heimnis. Ausgehandelt wurden sie zwischen den betrieblichen
Produzenten einerseits und den sich immer weiter vermehrenden
und spezialisierenden Ministerien mit ihren Abteilungen und
»Stäben« (glavki) andererseits. Die Zahlen und Daten konnten nur
die Produzenten selbst liefern; meist waren es eher Schätzungen
als konkrete Angaben oder Festlegungen. Faktisch wurden die
operativen »Pläne« keineswegs (wie der Name suggeriert) ex ante,
sondern ex post aufgestellt und verabschiedet. Im späteren, routi-
nierten Betrieb schrieben sie sich einfach fort, mit kleineren oder
größeren nominellen Aufschlägen.10
Da nichts in den gesamtökonomischen Abläufen gesichert war,
legten die Betriebe, schon in den Jahren des Terrors und später
erst recht, versteckte Reserven an (Rohstoffe, Maschinen, Fahr-
zeuge, eigene Produkte oder Cash), schon aus schierem Selbster-
halt. Jeder suchte zu kaschieren, was er hatte und leisten konnte,
weil jede Produktivitätssteigerung »bestraft«, das heißt steuerlich
abgeschöpft wurde und in die nächsten Planvorgaben mit einging.
Daraus entwickelte sich ein System abgeschirmter horizontaler
Wirtschaftskreisläufe, oft recht komplexer Art mit vielen Beteilig-
ten, bis hin zu eigenen, halbautarken Wirtschaftssektoren, die sich
durch Systeme gegenseitiger Kreditierungen über Wasser hielten.
Diese informellen Lieferkredite und Beziehungen waren es, die
vielen Analysen zufolge die Wirtschaft der UdSSR überhaupt am
Laufen gehalten haben.11
Mit in dieses Bild gehört schließlich die Föderations- bzw.
Unionsstruktur der UdSSR als Staats- und Wirtschaftskomplex.
Praktisch jedes der zentralen Ministerien hatte eine Entspre-
chung auf der Ebene der vierzehn nicht-russischen Republiken,
so wie die Parteigliederungen auch. Entsprechendes galt, eine

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Stufe tiefer, für die zentralen oder autonomen Gebiete der Rus-
sischen Föderation. Sie alle waren in die Prozesse der Zuweisung
von Investitionen, der Planung von neuen Industrien und Infra-
strukturen, aber auch der Versorgung mit Rohstoffen, Lebensmit-
teln oder Konsumgütern involviert, bis ein wahrer Rattenkönig
von Zuständigkeiten und Einspruchsrechten entstand, begleitet
naturgemäß vom exponentiellen Wachstum der entsprechenden
bürokratischen Apparate. Vor allem die regionalen Parteichefs
übernahmen offenbar die Funktion von operativen Clearing-
stellen, mittels derer sie sich neben ihrer Zugehörigkeit zu ver-
tikalen Machtclans eigene horizontale Netzwerke schufen. Eine
eindrückliche Illustration lieferte Boris Jelzin, damals der erste
Sekretär der Industrieregion Swerdlowsk im Ural, als er seine
ersten Kontakte mit Michail Gorbatschow, dem Parteisekretär des
mehr agrarischen Stawropol, beschrieb: »Es war zunächst eine
Telefonbekanntschaft. Es kam öfter vor, dass wir einander helfen
mussten. Aus dem Ural brauchte er Metall und Holz, aus Stawro-
pol benötigten wir Lebensmittel.«12
So entwickelte sich, was als zentrale Planwirtschaft unter dem
Primat politischer Vorgaben daherkam, je länger, je mehr zu sei-
nem direkten und ironischen Gegenteil: einem naturwüchsig sich
selbst fortschreibenden und reproduzierenden Wirtschaftsprozess,
der im Wesentlichen den partikularen Interessen seiner lokalen
oder betrieblichen Akteure folgte. In den 1980er Jahren verbanden
sich diese abgeschirmten horizontalen Wirtschaftskreisläufe auf
fast schon »naturgemäße« Weise mit der nie ausgerotteten und
nun erst recht dynamisch zutage tretenden Schattenwirtschaft,
oder sie wurden selbst ein Teil davon. Daran konnten die alles
andere als »neoliberalen«, tatsächlich ganz den Mustern eines
sowjetischen Industriefeudalismus folgenden Privatisierungen der
1990er Jahre organisch anknüpfen.13 In diesen vielfach gewaltsa-
men und handstreichartigen Übernahmen von Betriebsanlagen,
Fuhrparks, Ländereien, Rohstoffquellen usw. für rein symboli-
sche Kaufpreise bestätigte sich noch einmal der grundlegende
Sachverhalt, dass im sowjetischen System kein Wirtschaftsgut
einen objektivierbaren Wert besaß. Anders gesagt, bedeutete der
»reale Sozialismus« durch seinen durchgängigen Verzicht auf die
ökonomischen Basisinstrumente von Geld, Kredit und Zins (als

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autonome Faktoren statt als willkürliche Rechengrößen) einen
epochalen Rückfall in ein System des Naturaltauschs.
Das ging einher und war mitbedingt durch die autarkistische
Ausgliederung der Sowjetunion aus allen weltwirtschaftlichen
Austauschprozessen und Arbeitsteilungen. Die Schaffung eines
eigenen sozialistischen Lagers und erweiterten Wirtschaftsraums
konnte das nicht oder nur begrenzt kompensieren, da die Aus-
tauschbeziehungen zwischen den sozialistischen Ländern im
Prinzip denselben Regeln eines Clearinghandels mit willkürlichen
Verrechnungspreisen folgten wie im Binnenverkehr der sowjeti-
schen Betriebe und Behörden, auch dort, wo selektiv Weltmarkt-
preise durchgesetzt wurden. Das hatte zunächst die folgenschwere
Implikation, dass auch hier die komparativen Vorteile von Arbeits-
teilungen nur begrenzt genutzt werden konnten. Noch paradoxer:
Die Weltmachtstellung der Sowjetunion wurde umso prekärer, je
weiter sie den Radius des »sozialistischen Lagers« spannte, das sie
durch verbilligte Energielieferungen und andere Subventionen
zusammenhalten musste. Das Netz der assoziierten außereu-
ropäischen Verbündeten in Nahost, Afrika und Lateinamerika
(vielfach linke Militärregimes) bedeutete ebenfalls eine stets noch
wachsende Zahl von Klienten, die man mangels inneren Rück-
halts permanent militärisch aushalten und stützen musste.14 Im
Endresultat fühlten sich alle übervorteilt: das Moskauer Zentrum
ebenso wie seine Satelliten. Aber nicht anders war es innerhalb der
Sowjetunion selbst, wo Russland sich von den nichtrussischen Re-
publiken ebenso ausgebeutet fühlte wie diese von jenem. Nur das
erklärt, warum der entscheidende Stoß, der die Sowjetunion zum
Einsturz brachte, aus dem Moskauer Zentrum selbst kam, statt
etwa von der Peripherie oder von dort, von wo man den Feind
stets erwartet hatte: aus dem Westen.
Ihre eigentlichen Stärken entfalteten die Gesellschaften sozia-
listischen Typs in Situationen von Krieg und Wiederaufbau, aus
denen sie ohnehin selbst erst entstanden waren. Sie waren ihrem
ganzen Betriebsmodus und Typus nach, auch in Friedenszeiten,
Kriegswirtschaften, jedenfalls Kommando- und Befehlswirtschaf-
ten, was keineswegs bedeutete, dass sie als solche tatsächlich funk-
tioniert hätten, außer eben im Krieg. Das übergeordnete Ziel aller
politischen Ökonomie des Sozialismus war der Aufbau staatlicher

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Machtdispositive nach innen wie nach außen. Das spiegelte sich
in einer politischen Sprache, die auch im Alltag mit militärischen
Metaphern durchsetzt war: Die Partei gliederte sich in Kader (Of-
fiziere, Unteroffiziere und Parteisoldaten), die Kampagnen oder
auch Feldzüge führten. Man kämpfte an allen möglichen Fronten,
organisierte die Arbeit in Brigaden, zog in die Ernteschlacht, stand
auf Posten usw. Diese durchgängige Militarisierung der Arbeit, des
Alltagslebens und der Erziehung erforderte die Aufrechterhaltung
eines steten Zustands der »Wachsamkeit«. Das Land musste auch
in Friedenszeiten in einem künstlichen Zustand der Spannung
und militärischen bzw. paramilitärischen Mobilisierung gehalten
werden.
Dem entsprach in der Sowjetunion wie in allen kommunis-
tischen Ländern die Entstehung eines militärisch-industriellen
Komplexes, der im Fall der Sowjetunion wachsende Teile des
stagnierenden Sozialprodukts verschlang, um eine nominelle
weltpolitische Parität zu erhalten – auch und gerade dort, wo der
Gegner unschlagbar war: in der Luft und zur See.15 Die realen Rüs-
tungsausgaben der UdSSR dürften von den späten 1930er bis in
die 1980er Jahre bis zu zwanzig oder mehr Prozent des gesamten
Sozialprodukts verzehrt haben – während die Staaten des west-
lichen Bündnisses einschließlich der USA drei bis maximal acht
Prozent ihres Sozialprodukts auf ihre Rüstungen verwandten.16 Zu
den erstaunlichsten Phänomenen des sowjetischen Sozialismus
gehörte es dabei, dass innerhalb des Militärsektors eine effektive
und reale Konkurrenz um Staatsaufträge herrschte, die es sonst in
dieser Form gerade nicht gab. Die sowjetischen Rüstungsbetriebe
hatten sich mit ihren Prototypen eben auf einem »Markt« zu be-
währen, auf dem strenge Qualitätskriterien herrschten und über
Preise und Stückzahlen hart und realistisch verhandelt wurde.
Nicht zufällig waren viele dieser Betriebe, besonders in der Luft-
fahrt, nach Gründerdynastien benannt (Mikojan-Gurewitsch,
Lichatschow, Tupolew, Jakowlew, Iljuschin, Suchoi) und mit einem
hohen Grad an corporate identity ausgestattet, manchmal über
zwei oder drei Generationen hinweg. Der tiefere Grund dieses hal-
ben Systembruchs dürfte in der Tatsache gelegen haben, dass die
Rüstungsgüter (neben Roh- und Energiestoffen) zu den wenigen
devisenträchtigen Exportgütern der Sowjetunion zählten und sich

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auch im Ernstfall der internationalen »Konkurrenz«, am Himmel
über Hanoi oder Damaskus, bewähren mussten.
Das beschreibt im Umkehrschluss, warum die Sowjetunion wie
jedes andere sozialistische Land weithin unfähig war, technisch
und ästhetisch befriedigende zivile Gebrauchsgüter zu produzie-
ren. Ausnahmen, vielfach handwerklich oder manufakturmäßig
fortgeführte Produktionslinien von Traditionsgütern wie Por-
zellane oder Keramiken, Kinderspielzeuge, Musikinstrumente
oder Zigarren bestätigten die Regel und waren so gut wie immer
Devisengüter; oder es handelte sich wie bei Textilien, Möbeln
usw. bereits um Lizenzfertigungen westlicher Firmen. Die sowje-
tischen Betriebe und Entwicklungslabors konnten robuste Panzer
und schweres Gerät jeder Art, Großcomputer für Zentralbehör-
den und Steuerungssysteme für Raketen entwickeln – aber kein
brauchbares Automobil und keinen universell einsetzbaren PC.
Diese Schranken waren offenkundig nicht technischer, sondern
gesellschaftlicher und politischer Natur; sie lagen eben in der in-
dividualisierten Verwendung, die die Namen bereits signalisieren:
von der automobility bis zum personal computing.

Geheimnis und Gewalt

Selbst wenn man die Beschreibung kommunistischer Staats- und


Gesellschaftsformationen als radikaler »Modernisierungsdikta-
turen«, die immerhin einiges geleistet und halbwegs funktioniert
hätten, bevor sie zurückgefallen seien oder transformiert wurden,
insoweit teilte, bleiben zwei Merkmale, die diesen Interpretations-
rahmen sprengen und diesen Regimes erst das Gepräge des genuin
Totalitären verliehen haben: eine Aura universeller Geheimhal-
tung und eine exzessive Anwendung terroristischer Gewalt, nicht
nur gegen die eigene Gesellschaft, sondern auch gegen die eigene
Partei und politische Elite.
In den Praktiken der universellen Geheimhaltung – deren
Gegenstück die organisierte Propaganda war – äußerten sich zu-

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nächst Reflexe einer habituellen feindlich-misstrauischen Posi-
tion gegenüber der äußeren Welt und ihren subversiven Einflüs-
sen, ob militärisch-geheimdienstlicher, politisch-ideologischer
oder kulturell-lebensweltlicher Natur. Befestigte Grenzen, Kon-
fiszierung verdächtiger Druckwerke, Installation von Störsendern
usf. gehörten ebenso ins charakteristische Bild kommunistischer
Machtformationen wie das Fehlen von Telefonbüchern oder
Straßenkarten. Vor allem drückte sich darin aber ein elemen-
tares Misstrauen gegenüber der eigenen Gesellschaft aus. In
hermetischen Überwachungs- und Zensurregimes, bis hin zur
Registrierung privater Schreibmaschinen, der strikten Kontrolle
von Vervielfältigungsmöglichkeiten usw. materialisierte sich ein
eifersüchtig gehütetes staatliches Informations- und Kommu-
nikationsmonopol, das darauf gerichtet war, jede autonome ge-
sellschaftliche Diskussion und Selbstorganisation zu verhindern
– wie eine ironische Reminiszenz daran, dass am Anfang der
Geschichte des Bolschewismus eine kleine Untergrundzeitung
namens Iskra (Der Funke) stand.
Nicht zufällig wurden in zugespitzten Situationen Künstler, an
erster Stelle Schriftsteller, bevorzugte Opfer von Verfolgung, da
der assoziative Bedeutungsreichtum künstlerischer Produktionen
als besonders unkontrollierbar und »subversiv« galt. Der Satz, den
Ossip Mandelstam seiner Frau Nadeshda in Erwartung seiner Ver-
haftung 1937 sagte: »Weshalb beklagst Du dich […], nur bei uns
achtet man die Dichtung […] Nirgends sonst werden Menschen
für sie umgebracht«1, drückte eine tiefe Einsicht in die Natur des
Regimes aus, aber auch in dessen Achillesferse. Und tatsächlich:
Die Anzeichen der Entstalinisierung nach 1953 assoziierten sich
fast sofort mit dem Namen einer Novelle: Ilja Ehrenburgs Tauwet-
ter. Die Entwicklungen, die zum Prager Frühling von 1968 führ-
ten, begannen fünf Jahre davor mit einer wissenschaftlichen Kon-
ferenz unter dem beziehungsreichen Titel »Kafka aus marxistisch-
leninistischer Sicht«. Und das »furchtbarste missile« (Marx2), das
gegen den sowjetischen Kommunismus geschleudert worden ist,
war eine gewaltiges, unhintergehbares Anklagedossier, aber auch
ein großes literarisches Werk: Alexander Solschenizyns Archipel
GULag, dessen Erscheinen 1974 im Westen das alarmierte Polit-
büro der KPdSU zu hektischen Beratungen veranlasste.3

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Auch die Struktur kommunistischer Machtsysteme selbst lässt
sich organisationssoziologisch als eine Hierarchie oder ein kon-
zentrisches System von Geheimhaltung und Herrschaftswissen
beschreiben. Das Zentrum der Macht bildete ein innerstes Arka-
num der Information und Introspektion, das sich aus seinem hö-
heren Welt- und Geschichtswissen herleitete und sich in den ob-
ligatorischen »Gesammelten Werken« seiner Führer (symbolisch)
niederschlug. Nicht zufällig waren es die Exterritorien des alten,
entthronten Herrschertums, wie der Kreml oder die Verbotene
Stadt, in denen die kommunistischen Führer abgeschirmt von
der eigenen Gesellschaft lebten. Zu ihren übrigen, ebenfalls ex-
territorialen und nur inoffiziell bekannten Residenzen bewegten
sie sich auf gesicherten, für den gewöhnlichen Verkehr gesperrten
Verbindungswegen. Das Extrem verkörperte Stalin, der sich in ei-
ner Binnenwelt der Macht wie in einem geschlossenen Fuchsbau
bewegte, den er ab dem »Großen Umschwung« von 1929 bis zu
seinem Tode 1953 so gut wie nicht mehr verließ, sieht man von
der Tribüne des Roten Platzes oder der Flugschau in Tushino ab.
Sein Land kannte er nur noch aus internen Reports und der orga-
nisierten Propaganda, vorzugsweise aus Filmen, Wochenschauen
oder – der Literatur. Für seine Subjekte war er allgegenwärtig und
dennoch unsichtbar. Aber auch mobilere Führernaturen wie Mao,
Kim, Ho, Enver, Fidel, Ceauscescu oder Tito bewegten sich, wenn
sie ihr Land bereisten, durch eine Staffage von Inszenierungen.
Dass sie die Welt draußen kaum oder gar nicht kannten, oder
höchstens aus frühen Jugendzeiten, verstand sich (außer bei dem
exkommunizierten und »blockfreien« Tito) fast von selbst. Erst
Chruschtschows ausgedehnter Besuch 1958 in den USA zeigte
einem Führer der Sowjetunion ein realitätsnäheres Bild der
kapitalistischen Gegenwelt – und trieb ihn prompt zu der hals-
brecherischen Ankündigung, binnen einem Jahrzehnt oder zwei
Jahrzehnten die USA »einzuholen und zu überholen«. Der junge,
ins Zentralkomitee aufgerückte Michail Gorbatschow unternahm
in den 1970er Jahren mehrere Delegationsreisen durch Westeu-
ropa und im Sommer 1976 sogar eine dreiwöchige Privatreise mit
seiner Frau Raissa im PKW durch Frankreich, die in ihm die ket-
zerische Frage nährten: »Warum ging es gerade uns schlechter als
anderen entwickelten Industrieländern?«4

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Gravierender noch als das Fehlen internationaler Vergleichs-
maßstäbe war jedoch der notorische Mangel an Feedbacks aus der
eigenen Gesellschaft. So wie die »führende Partei« ihren Subjekten
ihre Informationen vorenthielt oder nur propagandistisch entstellt
verabreichte, so taten diese es umgekehrt, indem sie ihr nach dem
Munde redeten – schon das ein circulus vitiosus von potenziell le-
talen Konsequenzen. Dieses System gegenseitiger Desinformation
war der Preis des Fehlens offener demokratischer Auseinander-
setzungen sowie der Foren und Medien einer kritisch-diskursiven
Öffentlichkeit, aber auch einer wachsenden sozialen Selbstisolie-
rung. Da es für verantwortliche Positionen in der Nomenklatura
von Partei, Regierung, Verwaltung, Wirtschaft oder Wissenschaf-
ten keine transparenten Verfahren von Ausschreibung und Bewer-
bung, sondern nur solche der internen Ernennung und Einset-
zung von oben gab, entwickelte sich die politische Klasse je länger,
je mehr zu einer geschlossenen Korporation oder Kaste, deren
Verbindungen mit der Gesellschaft im Ganzen auch bei Wahrung
einer gewissen sozialen Durchlässigkeit zum Austrocknen verur-
teilt waren.
Diese Gefahr der Selbstisolation war den Kommunisten an der
Macht, anders als ihren historischen Vorläufern, den auf Stand
und Geburt gegründeten traditionellen Eliten und Anciens Ré-
gimes monarchischen Zuschnitts, von Beginn an bewusst. Darin
lag einer der primären Antriebe ihrer parteiinternen »Säuberun-
gen«, eines periodischen screenings der Mitglieder und einfachen
Kader durch Beauftragte der jeweils höheren Ebene. Als eine
zweite Ebene etablierten sich die Praktiken und Rituale von »Kri-
tik und Selbstkritik«.5 Schon 1924 hatte Stalin als Generalsekretär
– unter steter Berufung auf den toten Lenin – seiner Partei die
Alternativen mit rücksichtsloser Deutlichkeit vor Augen gestellt:
»Entweder kritisieren wir uns selbst und lassen die Parteilosen
unsere Arbeit kritisieren […]; oder wir lassen eine solche Kritik
nicht zu – und dann werden wir von den Ereignissen kritisiert,
Ereignissen von der Art der Aufstände in Kronstadt, in Tambow,
in Georgien.«6
Das Zitat unterstreicht freilich nur, in welchem Maße sich die
Bolschewiki durch ihre Usurpation der Macht mit den Mitteln des
Bürgerkriegs auf eine schiefe Ebene begeben hatten, von der es

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kein Entrinnen gab. Schon das innerparteiliche »Fraktionsverbot«
von 1921, das den Übergang zur »Neuen Ökonomischen Politik«
flankierte, war Ausdruck der Tatsache, dass an jede, selbst gering-
fügige Meinungsverschiedenheit innerhalb der zentralen Parteig-
remien sich sofort, man ist geneigt zu sagen: gesetzmäßig, das Ge-
wicht der unterdrückten gesellschaftlichen Widersprüche heftete.
Stalins taktische Meisterleistung in der Ausmanövrierung seiner
Rivalen bestand gerade darin, die eigenen abrupten Politikwechsel
als eine kontinuierlich verfolgte »Generallinie« zu beschreiben, die
das von ihm und seiner engeren Gefolgschaft besetzte »Zentrum«
der Partei gegen die »Abweichungen« einer linken und rechten
»Opposition« durchsetzen musste – die gerade das (eine Oppo-
sition) auf gar keinen Fall sein wollte und sich durch das katego-
rische Verbot, an die demokratischen »Massen« zu appellieren,
selbst kastrierte. Der Ton dieser Auseinandersetzungen wurde
sehr bald bedrohlich: Wer »die Partei angriff«, konnte nur »ka-
pitulieren«; aber auch wer kapitulierte, hatte zu beweisen, dass er
bis ins tiefste Innere »abgerüstet« hatte. Und wie in den zentralen
Gremien, so auch in den mittleren und unteren Gliederungen der
Partei, die sich in immer neuen Schüben und Scherbengerichten
»säuberten« und »erneuerten«, meist unter Ausschluss, oft auch
unter Einbeziehung der »parteilosen Massen«, die ihre Unzu-
friedenheiten und ihre Wut (gelegentlich mit antisemitischen
Untertönen) über die zur »Kritik und Selbstkritik« freigegebenen
»Parteifeinde« und »sozial Fremden« auslassen durften.
Das paradoxe Resultat war eine latente Auflösung der Partei
selbst als eines politisch-sozialen Gesamtkörpers – bis dahin, dass
man sich fragt, wer »die Bolschewiki« als historische Akteure ei-
gentlich gewesen sind. Schon den ersten systematisch erhobenen
Parteistatistiken des Jahres 1922 war zu entnehmen, dass unter
einer halben Million Mitgliedern nur noch 15 000 (3 Prozent)
aus vorrevolutionärer Zeit und 45 000 (9 Prozent) aus dem Revo-
lutionsjahr 1917 übrig waren7 – somit nur noch ein Viertel jener
240 000 Bolschewiken, von denen Lenin im Oktober 1917 so stolz
gesagt hatte, dass sie Russland ebenso gut wie 130 000 Gutsbesitzer
regieren könnten.8 1927 waren von den eigentlichen Altbolsche-
wiken noch ganze 8000 (0,8 Prozent) und von den jungen Okto-
berrevolutionären des Jahres 1917 nur noch 27 000 (2,6 Prozent)

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übrig, also ein Kernkader von 33 000 inmitten eines karrierehung-
rigen Gesamtbestandes von 1,1 Millionen, von denen über 70 Pro-
zent sogar erst nach Lenins Tod 1924 eingetreten waren.9
Die Zweifel, ob man es eigentlich mit derselben Partei zu tun
hat, wären noch größer, könnte man die Fluktuationen, das heißt
die Gesamtzahl der Austritte und Ausschlüsse, ob mit und ohne
»Säuberungen« und »Selbstkritik«, aus den Gesamtzahlen heraus-
rechnen, erst recht dann in den Jahren der Kollektivierungsrevo-
lution nach 1929. Anfang 1937 jedenfalls stellte das Sekretariat der
KPdSU alarmiert fest, dass die Zahl der ausgeschlossenen oder
ausgetretenen Exmitglieder weitaus größer war als die der noch
vorhandenen zwei Millionen. Genau dieser schon mehrfach ge-
säuberte und dezimierte Kaderbestand wurde mit dem Großen
Terror dann einem erneuten, monströsen »Blutaustausch« unter-
zogen, der noch einmal ungefähr der Hälfte von ihnen Leben oder
Existenz kostete; darunter fast allen, die noch zum Gründungsper-
sonal der Sowjetunion gehört hatten. Kurzum, was die 3,4 Milli-
onen frischen Rekruten der »runderneuerten« Partei Stalins von
1940 personell und biografisch noch mit der Partei Lenins von
1917 oder 1922 verband, war statistisch fast schon unmessbar.10
Die Auslieferung der Partei an den Führer hatte eine irrever-
sible Form angenommen, als Stalin zu seinem 50. Geburtstag
im Dezember 1929 – also genau im Moment des »Großen Um-
schwungs« – der Titel eines »Woshd«, eines »Führers« von Staat
und Partei angetragen wurde, der bis dahin dem toten Lenin
vorbehalten war. Stalin seinerseits bezog alle ihm dargebrachten
Würdigungen mit sicherem Instinkt auf diese Partei, »die mich
nach ihrem Ebenbild erschaffen und erzogen hat«. Das war, wie
beschrieben, beinahe wahr. Jetzt ging er daran, diese Partei nach
seinem Ebenbild neu zu erschaffen und zu »erziehen«.
Ein Indikator dafür ist die Art und Weise, in der die neue
Führung um Stalin – auch nach der Ausstoßung, Verbannung
oder Exilierung ihrer Hauptrivalen um Trotzki und Bucharin
– fast sofort wieder Prozessen einer politisch-moralischen Des-
integration unterlag. Aus einer relativ festgefügten Kerngruppe
mit kameradschaftlichen Umgangsformen, die sich auf ihre enge
Gefährtenschaft mit Stalin seit den Jahren in Baku zu Beginn des
Jahrhunderts oder im Bürgerkrieg berufen konnte, wurde binnen

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weniger Jahre eine ganz auf den Führer ausgerichtete, um ihre
Positionen kämpfende, sich vielfach denunzierende Ansammlung
von Männern, die sich jeder seiner Entscheidungen oder Kritiken
in zunehmend devoten, oft demütigenden Formen unterwarfen.11
Ein struktureller Grund ihrer gereizten Spannungen lag darin,
dass auf Betreiben Stalins ab 1930 die Regierung als potenziell
unabhängige Parallelstruktur mit den obersten Parteiorganen
verschmolzen worden war, sodass das Amt des Regierungschefs
wie alle entscheidenden Ministerien in die Hände von Politbüro-
mitgliedern gelegt wurden. Mit anderen Worten: Sie selbst hatten
jetzt die unmittelbare Regie und Verantwortung für das kaum zu
steuernde Chaos der Kollektivierung und Industrialisierung zu
übernehmen.
Mit dieser nominellen Allzuständigkeit verwandelte das Polit-
büro sich – schon aus Gründen schierer Überlastung – zu einem
vielfach hysterisch entgleisenden Stresskollektiv, in dem ein un-
entwirrbarer Wust von Einzelfragen und Interessenkämpfen ver-
handelt und ausgetragen wurde. Eine Sitzung im März 1932 zum
Beispiel hatte 171 Tagesordnungspunkte, zu denen 69 weitere
Teilnehmer hinzugezogen wurden. Teils ging es um grundlegende
Entscheidungen, teils um reine Trivialitäten, wie die Zuteilung im-
portierter Automobile an Führungskader. In fast jeder Frage war
Stalin derjenige, der letztinstanzlich entschied, schon weil kaum
jemand sich das ohne sein Votum noch traute. Umso mehr sah
er sich von lauter »Schwachköpfen«, »Kretins«, »Kriminellen«,
»Schurken« usf. umgeben, die alles sabotierten.12 Diese Situation
führte notwendig zur Auflösung formaler Beratungs- und Be-
schlussprozeduren überhaupt. Und man sieht handgreiflich, wie
eine universelle Paranoia ins überreizte Zentrum der Macht ein-
sickerte.
In diesen Prozessen veränderten sich die zentralen Akteure,
auch Stalin selbst, noch einmal. Aus dem Urlaub 1930 schrieb der
50-Jährige noch an seine junge Frau Nadeshda: »Ich vermisse Dich
schrecklich, Tatotschka, bin so einsam wie eine gehörnte Eule«.
Sie antwortete aus der Kur in Karlsbad: »Bitte pass auf Dich auf!
Ich küsse Dich so leidenschaftlich wie Du mich zum Abschied!
Deine Nadja.« Das dürften letzte Versuche der Selbstbeschwörung
gewesen sein, um die wachsende Entfremdung zu bannen. An-

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fang 1932 beging Nadeshda Allilujewa Selbstmord, nachdem ihr
angetrunkener Mann sie bei einem Kreml-Bankett in beleidigen-
der Form zum Trinken genötigt hatte – ein Menetekel. Die Wirk-
lichkeit draußen – der Hunger, das Massensterben, das Chaos –
drang durch alle Ritzen. Je absoluter die Macht, umso dünner die
Nervenkostüme. Die Briefe und Notizen, die die Kremlbewohner
austauschten, lange bevor der Große Terror losbrach, handelten zu
einem Gutteil von chronischen Krankheiten und psychisch-physi-
schen Erschöpfungen, die mit wochenlangen Kuraufenthalten im
In- und Ausland behandelt wurden. Stellenweise habe man den
Eindruck gewinnen können, so Montefiore in seiner Hofchronik
der Stalinjahre, es mit einem »Klub von Hypochondern« zu tun
zu haben.13

Ratio und Irratio des Terrors

Die Dokumente, die in den 1990er Jahren aus den sowjetischen


Archiven aufgetaucht sind, haben das Bild und die Konturen des
Großen Terrors dieser Jahre in vieler Hinsicht noch einmal ver-
ändert. In Nikita Chruschtschows Geheimrede am Ende des XX.
KPdSU-Parteitags 1956, in der er den »Personenkult« Stalins und
die gegenüber den eigenen Genossen und Gefährten begangenen
Verbrechen brandmarkte, firmierte die Partei selbst, und vor allem
ihr stalinistischer Kern, dem sie alle entstammten, als das erste
und eigentliche Opfer dieses Terrors.1
Dieser Versuch einer Relegitimierung jenseits der »Exzesse«
des Terrors, die allein Stalin und seinen NKWD-Schergen wie
Jeshow und Berija zugeschoben wurden, war natürlich mehr als
zweifelhaft und ist von niemandem mit solch anklagender Schärfe
zurückgewiesen worden wie von dem Ex-Kommunisten und Ex-
Häftling Alexander Solschenizyn in seinen frühen Erzählungen,
Essays und dem monumentalen Archipel GULag. Mit einem am
kommunistischen Pathos geschulten Blick rückte er stattdessen
das einfache »Volk« in der universellen Gestalt des Sek, des La-

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gerhäftlings, als das wahre Opfer des stalinistischen Terrors ins
Zentrum. Was der zum orthodoxen Christen gewordene Autor
allerdings mit sicherem Gespür erkannte, und was durch die heute
zugänglichen Dokumente über die Vorbereitung der Geheimrede
Chruschtschows deutlich belegt wird, war das Ausmaß, in dem die
politischen Erben Stalins durch die Millionen Toten, auf die ihre
Herrschaft sich gründete, beunruhigt und geängstigt wurden2 – so
wie vor den Augen von Shakespeares Macbeth und seinen Ge-
treuen »Birnams Wald zum Dunsinan emporsteigt«.3
Verallgemeinernd gesprochen haben diese Toten die Kom-
munistischen Parteien an der Macht ebenso wie ihre westlichen
Parteigänger niemals aufgehört moralisch zu zermürben und zu
verfolgen – eben weil diese Massaker sich jedem legitimatorischen
Narrativ verweigern. Durch die archivalischen Rekonstruktionen
der letzten beiden Jahrzehnte hat sich vor allem das soziologische
und ethnografische Profil der Opfer des stalinistischen Terrors
noch einmal geklärt und verändert. Zugleich tritt die innere Me-
chanik oder auch die intuitive Systematik dieses Prozesses deutli-
cher hervor.
Den Ausgangspunkt bildete die bürgerkriegsartige Kollektivie-
rungskampagne von 1930/31, in deren Verlauf mindestens 20 000
Menschen wegen Widerstands erschossen wurden. Rund zwei
Millionen wurden als »Kulaken«, »Kulakenknechte« oder »sozial
Fremde« aus den Dörfern vertrieben, in die Zwangsarbeitslager
verschickt oder in langen Deportationszügen in entlegene Lan-
desteile verschleppt. Ungefähr 300 000 von ihnen, vor allem Alte,
Frauen oder Kinder sind auf solchen Transporten oder nach der
Ankunft erfroren, verdurstet, verhungert; Zehntausende fanden
als Zwangsarbeiter auf den Großbaustellen des Sozialismus den
Tod. Fünf bis sieben Millionen Menschen starben in der großen,
angesichts der gnadenlosen Eintreibung der Getreideablieferungen
zumindest in Kauf genommenen Hungerkatastrophe von 1932/33,
die meisten davon in der Ukraine und in Kasachstan. Millionen
Erwachsene und Waisenkinder (besprisorni) wurden, wie im Bür-
gerkrieg, zu Vaganten im eigenen Land. Das war die erste Phase.
Mit der Einführung der »Inlandspässe« 1933/34 wurde die
eigentliche, vorwiegend städtische »legale Sowjetbevölkerung«
erfasst (27 von insgesamt 160 Millionen), während die Masse der

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Kolchosbauern durch die Verweigerung von Pässen an den Boden
gefesselt wurde. Im selben Prozess einer polizeilich-bürokrati-
schen Filtration wurden in den Städten 1934/35 Hunderttausende
»Illegaler« in mehreren Schüben zusammengetrieben und in ent-
legene Gebiete deportiert. Auch dabei kamen Zehntausende unter
qualvollen Umständen um.4
Auf dieser Linie einer nochmaligen »sozialen Säuberung« la-
gen schließlich in den Jahren des Großen Terrors 1937/38 die um
den Befehl 00447 vom Juli 1937 gruppierten, in mehreren Wellen
ausgeführten Massenoperationen zur Liquidierung aller noch
vorhandenen »antisowjetischen Elemente«, von entlaufenen oder
zurückgekehrten Kulaken bis zu »Ehemaligen« jeglicher Kategorie
(ehemalige Beamte oder Offiziere, Priester, Zionisten, Sozialre-
volutionäre, Menschewiki, NEP-Leute) oder auch einfachen Kri-
minellen. Bis zu einer halben Million Menschen wurden im Zuge
dieser Operationen nach vorgegebenen Quoten, die von den Lo-
kalbehörden überboten werden konnte, verhaftet oder deportiert,
etwa 200 000 von ihnen erschossen.
Eine zweite, parallele Linie des Großen Terrors waren die eth-
nischen Säuberungen, »nationale Operationen« genannt. Rund
350 000 Menschen wurden unter der neuen Kategorie »konter-
revolutionäre nationale Kontingente« (so der offizielle Begriff
im NKWD-Dokument vom Januar 1938) verhaftet oder famili-
enweise deportiert; die Todesraten lagen hier sogar noch höher;
möglicherweise waren es 250 000 Erschossene, das heißt siebzig
Prozent der unter dieser Kategorie Verhafteten. Darin kulmi-
nierten lang andauernde, wenn auch widersprüchliche Prozesse
einer gewaltsamen Homogenisierung des Vielvölkerimperiums,
angefangen mit der militärisch erzwungenen Eingliederung der
nicht-russischen Republiken am Ende des Bürgerkriegs über die
fortdauernden antireligiösen Kampagnen und die »Kulturrevo-
lution« von 1928/29 bis zur Kollektivierungskampagne in den
Jahren darauf. In deren Verlauf waren bereits ganze Populationen
und Nationalitäten (Kosaken-Stanitzen, kaukasische Bergvölker
oder kasachische Nomaden) zu »Weißgardisten« oder »Banditen«
umdefiniert und verfolgt worden.5 Hier wie überhaupt verschmol-
zen soziale und ethnisch-kulturelle Kriterien mit politischen. Als
potenzielle »fünfte Kolonne« eines der vielen feindlichen Nach-

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barstaaten der UdSSR oder auch eines ferneren Imperialismus
galten Finnen, Letten, Esten, Polen, Deutsche, Griechen auf der
Krim, Türken, Iraner, Armenier (außerhalb Armeniens), Kurden,
Koreaner, Chinesen usw. Nimmt man die Deportationen ganzer
Bevölkerungen wie der Wolga-Deutschen, Krim-Tataren oder
Tschetschenen während und nach dem Weltkrieg mit in den Blick,
sind in der stalinistischen Sowjetunion 3,0 bis 3,5 Millionen Men-
schen aus 58 Nationalitäten Opfer von Repressionen geworden.6
Man ermisst daran, in welchem Zustand einer permanenten, bei-
nahe allseitigen xenophoben Abwehr nach innen wie nach außen
die sowjetische Führung sich befand, und zwar vor, während und
nach dem Weltkrieg.
Erst recht verdächtig waren »feindliche Ausländer«, wozu ne-
ben einigen Tausend Fachleuten und Gastarbeitern jetzt auch ein
großer Teil der politischen Emigranten sowie des professionellen
Kaderbestandes der Kommunistischen Internationale gerechnet
wurde. Am härtesten verfolgt wurden Politemigranten polnischer,
jugoslawischer, ungarischer und deutscher Herkunft und gerade
auch die Mitglieder und Führungskader der in Moskau residieren-
den Kommunistischen Parteien dieser Länder, von denen mehr
als zwei Drittel verhaftet und zu Lagerhaft oder Erschießung ver-
urteilt wurden7 – in einer Periode, in der die Internationale seit
ihrem VII. Kongress 1935 angeblich zu einer Politik der breiten
Bündnisse unter den Losungen einer »Volksfront« und »kollekti-
ven Sicherheit« gegen die faschistische Weltgefahr übergegangen
war.
Noch mysteriöser wird das Gesamtphänomen des Großen Ter-
rors, wenn man seine dritte, letzten Endes aber doch primäre Seite
betrachtet: die definitive politische »Säuberung« der herrschenden
Partei und des sowjetischen Machtapparats selbst von allen realen
oder angeblichen Oppositionellen und Saboteuren. Die drei spek-
takulären Schauprozesse gegen die Garde der alten Leningefährten
(um Sinowjew, Kamenew, Radek, Rykow oder Bucharin) bildeten
nur die sichtbare Vorderbühne eines beispiellosen Blutbads – das
im selben Moment übertüncht und überdröhnt wurde von den
Fanfaren eines neuen augusteischen Zeitalters im Zeichen der
»freiesten Verfassung der Welt«, der neuen »Stalin-Verfassung«
von 1936.

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Dieser Große Terror traf, anders gesagt, auf einen utopischen
Hoffnungsstrom, der vor allem die sowjetische Kernbevölkerung
und ihre jugendlichen Nachrücker noch einmal erfasst hatte: die
verzweifelte und frenetische Erwartung, dass das Schwerste nun
endlich vorbei sei, dass das Leben tatsächlich, wie Stalin verkün-
dete, »leichter, fröhlicher« werde. Zwar deckten die Reallöhne der
einfachen Arbeiter (sofern sie nicht als »Stoßarbeiter« reüssierten)
kaum das existenzielle Minimum, waren die Wohn- und Versor-
gungsverhältnisse in den explodierenden, in riesige Großbaustel-
len verwandelten Hauptstädten und den neuen, von Baracken
auf freiem Feld umgebenen Industriezentren so miserabel wie
noch je. Aber wer das »neue Moskau«, das als Schaufenster eines
neuen imperialen Glanzes unter der Sonne Stalins aus dem Boden
gestampft wurde, mit seinen pompösen Verwaltungs-, Industrie-
und Wohnpalästen, seinen fast barocken Metrostationen, seinen
Freizeitparks, Sport- und Kulturstätten mit wirklichen oder aufge-
setzten Kinderaugen betrachtete; wer sich an den dicht aneinan-
dergereihten Festtagen in der Menge drängte, der die Prospekte ei-
ner lichten Zukunft in theatralischen Masseninszenierungen oder
mit allen Mitteln einer neuartigen Massenkunst nahegebracht
wurden, für den mochte dieses »Leben in der Zukunft« eine Rea-
lität sui generis sein.8
Die geläufige Gegenüberstellung von »Enthusiasmus und Ter-
ror« dürfte allerdings nur unzureichend den an Schizophrenie
grenzenden Zustand beschreiben, in dem jetzt auch und gerade
die Bewohner dieses inneren Rayons der neuen Sowjetgesellschaft
lebten. Fanden die Deportationen und Erschießungen von Ex-
Kulaken und »Ehemaligen« oder Angehörigen »feindlicher Natio-
nalitäten« großteils außerhalb des Wahrnehmungsfelds der neuen
städtischen Eliten und jugendlichen Aufsteigerpopulationen statt,
so gilt das nicht für die Massenverhaftungen, die in ihrem unmit-
telbaren Umfeld bei Tag und bei Nacht stattfanden, teils in omi-
nöser, schreckensstarrer Stille, teils begleitet von pogromistischen
Scherbengerichten über Direktoren, leitende Angestellte, einfache
Kollegen, Professoren und Lehrer, Kommilitonen oder Mitschüler,
Mitglieder der Partei oder des Komsomol, Schriftsteller, Künstler
oder Architekten. Ein Blick in die Presseorgane oder Wochen-
schauen dieser Jahre zeigt ein unvermitteltes Nebeneinander har-

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monisierender Bilder von Muße und Fortschritt, nicht ohne ein
Flair von Luxus, durchbrochen von drohenden Verlautbarungen,
rasenden Hasstiraden, vernichtenden Kritiken, das eine wie das
andere vor dem düster leuchtenden Hintergrund einer Weltszene-
rie, in der – spätestens mit dem Krieg in Spanien, den Überfällen
auf Abessinien, die Mandschurei und China 1936 – nach Ansicht
der Führung der KPdSU wie der Komintern ein zweiter imperia-
listischer Weltkrieg schon begonnen hatte. Und während der ru-
hende Pol des sozialistischen Aufbaus von der überlebensgroßen,
lichten Figur Stalins verkörpert wurde, gab es – wie in einem elek-
trolytischen Prozess zur Erzeugung psychischer Energien – den
düster ausstrahlenden Negativpol eines »Judas Trotzki«, der aus
einem fernen bourgeoisen Exil mittels zahlloser Agenten an einem
diabolischen Komplott zur Unterminierung der Sowjetunion und
ihrer Auslieferung an den Weltimperialismus arbeitete.
Mit diesen Massenverhaftungen und Liquidierungen zur Zer-
schlagung ubiquitärer trotzkistischer, sinowjewistischer oder
bucharinistischer Verschwörungen tritt man dann doch in das
eigentliche Arkanum des Terrors ein. Denn sowohl der soziale wie
der ethnische Massenterror waren letztlich nur finale Steigerungen
einer von Beginn der Revolution an verfolgten Politik der »Säube-
rung der russischen Erde«, mit der alle widerständigen, nicht as-
similierbaren oder kontrollierbaren Residuen sozialer, nationaler,
kultureller oder religiöser Herkunft aus der Textur der vielfarbigen
Reichsgesellschaft Russlands und seiner multinationalen Periphe-
rie herausgewaschen werden sollten. Die Art und Weise dagegen,
in der die herrschende Partei alle Regeln eines habeas corpus für
ihre eigenen Kader aufhob und sich selbst und ihre zentralen,
regionalen und lokalen Machtapparate einem monströsen »Blut-
austausch« unterzog, bedeutete eine nochmalige Überschreitung
bisher gewahrter sozialer Schranken.
Die Zahlen sind mittlerweile bekannt und so frappant wie noch
eh und je: 5 von 16 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros, 98
von 139 Mitgliedern des Zentralkomitees, 319 von 385 regionalen
Parteisekretären, 2210 von 2750 Distriktsekretären, 1108 von 1966
Delegierten des »Parteitags der Sieger« von 1934 wurden verhaftet,
gefoltert und wanderten in die Erschießungskeller oder auf Nim-
merwiedersehen in die Lager. In der Ukraine überlebten nur 3 von

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200 Mitgliedern des ZK, ähnlich auf vielen regionalen und lokalen
Ebenen – was fast einer kompletten Ausrottung gleichkam. Nicht
viel anders in den übrigen Republiken und autonomen Gebieten
der UdSSR. In der Moskauer Zentralregierung traf es »nur« ein
Drittel der Volkskommissare, dafür aber große Teile, manchmal
das vollständige Korps der leitenden Ministerialbeamten. Von
dort ging es abwärts auf die Ebene der großen Kombinate und
Industriekomplexe. Jeder der stürzte, riss eine ganze Seilschaft
oder Befehlskette mit ins Verderben. Der zuständige Kommissar
Kaganowitsch erklärte auf dem Parteitag 1939, im Endergebnis
sei »das leitende Personal der Schwerindustrie vollständig ausge-
tauscht worden«9 – des Zentrums aller Industrialisierungs- und
Modernisierungsbemühungen also. Vernichtet wurden aber auch
die leitenden Kader der schon mehrfach »gesäuberten« Obers-
ten Planbehörde, der Staatsbank, des Statistischen Amtes; viele
Köpfe der Akademien der Wissenschaften wie der Lehrkörper der
Universitäten, der Gymnasien und der Schulen; prominente und
weniger prominente Schriftsteller, Theater- und Filmregisseure,
Komponisten, bildende Künstler oder Architekten; Leiter der Pla-
nungsstäbe für Städtebau oder Infrastrukturen, der Eisenbahnen
oder Schifffahrtsbetriebe; und in großen Maße auch die Vorsit-
zenden von Sowchosen, Kolchosen oder MTS (Maschinen- und
Traktoren-Stationen).
Viele dieser Säuberungen auf betrieblicher oder lokaler Ebene
nahmen den Charakter inszenierter Hasskampagnen an, in denen
die einfachen Arbeiter, Angestellten oder Kolchosniki Gelegenheit
erhielten, ihre sehr realen Beschwerden und Anklagen hinauszu-
schreien.10 So entstand ein Kosmos paranoider Verdächtigungen
bis an den Rand einer kollektiven Psychose, genährt auch von
einem grassierenden Informanten- und Spitzelwesen, das noch
einmal von einer Flut anonymer Denunziationen (gegen Woh-
nungsnachbarn, Arbeitskollegen, Vorgesetzte oder lokale Beamte)
überspült wurde, wie eine trübe Welle, die alle festen Strukturen,
Verantwortlichkeiten, Verlässlichkeiten fortriss. Das war ein an-
omischer Zustand, der massenpsychologisch das Unterste nach
Oben kehrte. Man kann das gewiss als einen »Terror von unten«
beschreiben, der aber doch nur als komplementärer Teil einer von
oben entfesselten Terrorkampagne denkbar war, die die Menschen

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in einer heute nicht mehr nachvollziehbaren Weise hysterisiert
und psychotisiert haben muss.11
Schon im Mai 1937 begann – auf Stalins persönliche, sorgfältig
vorbereitete Initiative – die Verhaftung und Liquidierung eines
Großteils des Führungskorps der Roten Armee, insgesamt 980
hohe Offiziere, angefangen mit dem Generalstabschef Michail
Tuchatschewski; und von dort die Befehlsleiter abwärts, bis zu ei-
ner Gesamtsumme von 35 000 verhafteten Offizieren, von denen
ungefähr 11 000 nach Ausbruch des Weltkriegs zurückkehrten.12
Mit der Armee fiel die letzte Institution, die mit einem gewissen
Maß an Autonomie und eigenem Korpsgeist ausgestattet war.
Umso bestürzender ist die hilflose Lähmung, mit der dieses zum
Teil kampferprobte Offizierskorps sich in sein Schicksal ergab –
ein starkes Indiz für jenen totalitären Zustand, der uns insgesamt
hier beschäftigt.
Fast noch unwahrscheinlicher ist, in welchem Ausmaß und
welcher Kaninchenstarre die Exekutoren selbst sich ans Messer
liefern ließen: Im Orkus verschwanden nicht nur die Hälfte aller
sowjetischen Richter und Staatsanwälte, sondern auch Tausende
mittlerer und hoher Kader des NKWD, des eigentlichen Trägers
und Motors des Massenterrors.13 Mit der Ersetzung, Verhaftung
und Erschießung Nikolai Jeshows, des moralisch, physisch und
psychisch vollkommen dekompensierten Leiters des NKWD, und
seiner Ablösung durch den kalten Sadisten und fähigen Organisa-
tor Lawrenti Berija endete der Große Terror als Kampagne zwar
Anfang 1939 wie auf Kommando, allerdings nur, um in stillere,
regulärere und effektivere Formen überführt zu werden.
Dass der stalinistische Große Terror der enigmatische Kern aller
Kommunismusforschungen geblieben ist, von dem man sich auch
durch alle global- oder sozialhistorischen »Normalisierungs«-
Bemühungen nicht hat lösen können, kann in Anbetracht des hier
knapp Zusammengefassten kaum verwundern. Tatsächlich sind
fast alle kommunistischen Regimes durch Phasen eines blutigen,
auch internen Terrors gegangen, der insofern zu ihren Systemcha-
rakteren gerechnet werden muss. Nicht einmal die Roten Khmer
dürften allerdings bei ihrem Massaker des eigenen Kaderstamms
im Gefängnis von Tuol Sleng dem stalinistischen Vorbild nahe ge-
kommen sein, und wäre es nur wegen der bemerkenswerten Sta-

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bilität ihrer miteinander verschwägerten und eng verschworenen
Kerngruppe um Pol Pot, Khieu Samphan, Nuon Chea und Ieng
Sary.14
Anders im Machtsystem Stalins. Selbst von den etwa zwanzig
Personen, die man als seine ursprüngliche engste »Gefolgschaft«
(drushina) identifizieren könnte, haben ihn nur vier überlebt
(Molotow, Kaganowitsch, Mikojan und Woroschilow) – und
auch sie am Ende nur knapp. In den Jahren des Großen Terrors,
und noch einmal dann in den Säuberungskampagnen nach dem
Krieg, ließ Stalin selbst gegen seine engsten und treuesten Mitar-
beiter »Material sammeln« und nahm sie durch die Inhaftierung
ihrer Ehefrauen, Brüder, Söhne oder sonstigen Angehörigen fast
alle in eine Art Geiselhaft. Gerade dieses unvermittelte Changieren
zwischen familiärer, physischer Nähe und gegenseitiger Zerflei-
schung gehörte zur Charakteristik des stalinistischen Kernkaders.
Alte Kampfgenossen und langjährige Nachbarn, die eben noch
bei nächtlichen Gelagen zur Erheiterung des chosjain, des »Haus-
herrn«, eng umschlungen Foxtrott oder kaukasische Tänze mitein-
ander getanzt hatten, belasteten sich bei »Gegenüberstellungen« in
den Amtszimmern des Kreml mit ausgeschlagenen Zähnen und
erloschenen Augen. Oder sie zeichneten als Davongekommene
eifrig jene 383 Todeslisten mit ab, auf denen neben den Namen
von 44 000 höheren Parteifunktionären, Wirtschaftsmanagern oder
Armeekommandanten, fast alle mit der Ziffer 1 (für Erschießung)
markiert, auch ihr eigener Name hätte stehen können, und schick-
ten die Kinder und Frauen der Verurteilten gleich mit in die Lager
oder in die Erschießungskeller, die Schlachthäusern glichen – wäh-
rend sie sich als wahre Sozialkannibalen die Datschen oder impor-
tierten Luxuskarossen ihrer unglücklicheren Peers aneigneten.
Wenn es überhaupt so etwas wie einen »totalitären Zustand«
gegeben hat, dann war er genau hier, in den konzentrischen
Kreisen des stalinistischen Machtapparats, und in der höchsten
Konzentration womöglich im innersten »neunten Kreis« dieser
Machthölle, zu finden. Aber gerade dieser Befund, der sich jedem
historisch nachvollziehenden Verstehen zu entziehen scheint,
muss auch einen Schlüssel, wenn nicht zum Verständnis, so im-
merhin zur faktischen Möglichkeit eines solchen Zustands enthal-
ten. Ein paar Faktoren und Motive sind immerhin erkennbar:

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Da war, erstens, der erwähnte Zusammenhang einer nominell
totalen Macht mit dem rasenden Gefühl der Unfähigkeit, die sozi-
alökonomischen Prozesse und die technischen, wissenschaftlichen
und kulturellen Evolutionen dieser Sowjetgesellschaft wirklich zu
planen und zu steuern. Daran knüpften sich, zweitens, paranoide
Projektionen einer allgemeinen Sabotage oder Subversion. Ab ei-
nem bestimmten Punkt können Stalin und seine Leute nicht mehr
gewusst haben, was von den irrwitzigen Anschuldigungen und
Geständnissen all derer, die ihnen in ihrer ferneren oder näheren
Umgebung angeblich nach dem Leben trachteten, stimmte oder
nicht stimmte.15 In einer solchen schizoiden Wahnwelt lebt man
aber nicht auf Dauer, ohne davon tief affiziert zu werden.
Drittens zeugen die beschriebenen Phänomene einer morali-
schen Enthemmung und Depravierung nur von der Tatsache ei-
ner fast vollständigen sozialen Entbindung und Entgrenzung des
inneren Machtclans, die mit der Preisgabe der eigenen Familien
(einschließlich der engsten Verwandten Stalins selbst) nur noch
besiegelt wurde. Es gab nicht nur keine institutionellen Kontrollen
mehr, sondern auch keine konventionellen Beschränkungen, die
ihre destruktiven Impulse noch hätten hemmen oder einhegen
können.
Gerade die sich auflösenden Strukturen der Macht waren aber
das Medium, in dem sich die absolute Diktatur Stalins, sogar über
den innersten Zirkel seiner Oligarchen, fast wie von selbst ergab.
Niemand, der sich ernsthaft hätte widersetzen wollen, konnte sich
noch auf feste gesellschaftliche oder politische Konstellationen
stützen. Und selbst die alten Politbürokraten konnten untereinan-
der keine tragfähige Koalition bilden, da ihnen immer schon die
jüngeren Nachrücker im Nacken saßen, die sie in jedem Moment
ersetzen konnten. Dass Stalin in der Innenpolitik wie in der Au-
ßenpolitik immer auch ein vorsichtiger Machtmensch war, der es
vorzog, hier zu geben und dort zu nehmen und die verschiede-
nen gesellschaftlichen Korporationen, Professionen und Milieus
mal zu spalten, mal gegeneinander auszuspielen, der gelegentlich
sogar seine Meinungen änderte und mannhaften Widerspruch in
Einzelfragen duldete (oder eben nicht), und der überhaupt als ein
»operativer Diktator« ein virtuoses Spiel mit vielen Faktoren und
Variablen aufzog – das alles machte ihn nicht zu einem »schwa-

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chen«, vielfach abhängigen Diktator, als den ihn frühere Forscher
gelegentlich charakterisierten.16 Das bedeutet umgekehrt nicht,
dass die Lösung dieser rätselhaften Gewaltexzesse primär in ei-
ner Charakteristik Stalins als Mensch oder Unmensch, Gläubiger
oder Zyniker, Realist oder Paranoiker zu suchen wäre. Sondern
die Charakteristik Stalins verweist ihrerseits zurück auf die des
Systems, das »ihn erschaffen« und ihm schließlich die ungeteilte
Macht überlassen hatte – ?? eben deshalb an Ohnmacht grenzte.

Ein sozialistisches Weltlager

Das Comeback der Kommunistischen Weltbewegung nach ihren


Tiefpunkten in den 1930er Jahren, den Jahren der kapitalistischen
Weltwirtschaftskrise, vollzog sich wesentlich »im Kampf gegen Fa-
schismus und Krieg«. So jedenfalls stellte es sich in ihren späteren,
bis heute wirksamen politisch-ideologischen Selbststilisierungen
dar. Das ist vordergründig auch richtig: Ohne den Aufstieg der
»faschistischen Mächte« (um diese grobschlächtige Kategorie zu
verwenden) und ohne den von ihnen entfesselten zweiten Welt-
krieg hätte es die epochale Renaissance der Kommunistischen Par-
teien einschließlich der nach dem großen Terror neu formierten
KPdSU in der Tat nicht gegeben. Auch die UdSSR als Staat stellte
sich erst mit dem »Großen Vaterländischen Krieg« gegen die Hit-
ler-Armeen auf eine neue, moralisch und administrativ stabilere
Grundlage. Nicht kapitalistische Ausbeutung und Wirtschaftskri-
sen, sondern faschistische Aggressionen und Okkupationen haben
also erst den Boden bereitet und den Raum geschaffen, in dem
eine zweite Welle von Kommunisten geführter Staatsgründungen
in Osteuropa und Ostasien sowie ein neuer Aufschwung kommu-
nistischer Parteien in den Ländern des Westens und in der koloni-
alen und halbkolonialen Welt sich vollziehen konnten.
Allerdings war das Verhältnis von Faschismus und Kommu-
nismus, von faschistischen Aggressionen und kommunistischen
Weltpolitiken ungleich weniger eindeutig, als das ex post konst-

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ruierte kommunistische Antifa-Narrativ noch preisgab. Das gilt
in allererster Linie für die Beziehungen der stalinistischen UdSSR
zum nationalsozialistischen Deutschland, die nur in der Kontinu-
ität der sowjetischen Politik gegenüber dem »jungen« Deutschen
Reich und den »alten« Imperialismen des Westens während und
nach dem Ersten Weltkrieg sinnvoll rekonstruiert werden kön-
nen. Die axiomatische Annahme Lenins, wonach der mit einem
Diktat beendete erste Weltkrieg einen zweiten imperialistischen
Krieg im Schoß trage, hätte hellsichtig sein können, wäre sie nicht,
wie beschrieben, von einem weitgehend verfehlten Grundszena-
rio ausgegangen, was die Konstellation der Mächte betraf. Stalin
hatte dieses Axiom 1925 in seiner Begründung für den Aufbau
des »Sozialismus in einem Land« wiederaufgenommen und mit
der Prognose verbunden, dass auch die Sowjetunion und die Rote
Armee (die zu dieser Zeit bereits eine intensive und konspirative
Kooperation mit der deutschen Reichswehr eingegangen war) in
einem kommenden Krieg werde »auftreten« müssen – aber erst
»als letzte«, um ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen, »ein Ge-
wicht, das ausschlaggebend sein dürfte«.1
Nur äußerlich folgte seine Politik vor und während des zweiten
Weltkriegs aber dieser Linie. Das Land, das »als letztes auftrat«
und den Ausschlag gab, waren die USA. Dagegen war der deutsch-
sowjetische »Nichtangriffspakt« vom August 1939 (mit seinen
Geheimklauseln) ein offensiver Kriegspakt, der durch den »Ver-
trag über Freundschaft und Zusammenarbeit« vom September
sogar Züge einer globalpolitischen Allianz auf Zeit annahm. Die
strategischen Hintergedanken, die Stalin dem Vorsitzenden der
Komintern bereits am 7. September 1939, eine Woche nach dem
deutschen Überfall auf Polen, ins Notizbuch diktierte, zeugen von
ebensoviel Skrupellosigkeit wie Weltfremdheit. In Dimitroffs Mit-
schrift heißt es da etwa: »Nicht schlecht, wenn Deutschland die
Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands)
ins Wanken brächte.« Und: »Was ist Schlechtes daran, wenn wir
im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf
neue Territorien und [neue] Bevölkerung ausdehnen?«2 Dimitroff
entwickelte daraus umgehend eine Direktive an die Mitgliedspar-
teien, der zufolge die Unterscheidung von faschistischen und de-
mokratischen Staaten hinfällig sei.3 Nach der Kapitulation Polens

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folgte die offensivere Weisung, dass die »Fortführung und weitere
Schürung des Krieges« durch die raubgierige britische und fran-
zösische Bourgeoisie und ihre Lakaien von der II. Internationale
aktiv zu bekämpfen sei.4
Damit waren die alten Fronten wiederhergestellt. Im Überblick
über die sowjetische Zwischenkriegspolitik von 1918 bis 1941
erscheint die kurze Phase der antifaschistischen »Volksfront« von
1935 bis 1938, deren ausstrahlendes Zentrum der Spanische Bür-
gerkrieg bildete, eher als eine kurze, unklare Episode. Ohnehin lie-
ßen die von Dimitroff verkündeten Definitionen des Faschismus
als einer »terroristischen Diktatur des Finanzkapitals« im Zeichen
des allgemeinen Niedergangs des Kapitalismus für die internati-
onale Politik Moskaus jeden Spielraum.5 Ungleich schwieriger
war es für die Kommunisten und Antifaschisten aller Länder zu
verstehen, wie der Kampf gegen den internationalen »Faschismus«
mit dem gegen den »Trotzkismus« zusammenging. Nicht Hitlers
Mein Kampf, sondern Trotzkis Verratene Revolution firmierte da-
rin als die zentrale Programmschrift des Weltimperialismus zur
Unterminierung und Kolonisierung der UdSSR. Und was bedeu-
tete es für das Verständnis des Nationalsozialismus, wenn in den
Moskauer Schauprozessen vorzugsweise jüdische Altbolschewiken
als »Agenten der Gestapo« vorgeführt wurden, während andere
Angeklagte als polnische, britische, französische und japanische
Spione abgeurteilt wurden, oder, wie Außenhandelsminister Ro-
sengolz, als »deutsch-englisch-japanischer Spion«?6 Und was für
einen Reim sollten sich die Bürger der Sowjetunion auf die allsei-
tige xenophobe Paranoia der »nationalen Operationen« machen?
Unter diesen Umständen blieb der bemerkenswert rasche Auf-
schwung, den vor allem die westlichen Parteien – allen voran die
KP Frankreichs und die kleine KP Spaniens – im Zeichen ihrer je-
weiligen »Volksfronten« ab 1935 erlebten, letztlich ein Strohfeuer;
oder er mündete, wie im Spanischen Bürgerkrieg, durch die von
sowjetischen Beratern und Kominternemissären vorangetriebe-
nen sektiererischen Spaltungen und terroristischen Säuberungen
innerhalb der republikanischen Institutionen und hinter den mi-
litärischen Fronten in einer verheerenden und demoralisierenden
Niederlage. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 und die Weisungen an
die westlichen Parteien, die Kriegsanstrengungen ihrer Länder

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zu obstruieren oder sich mit der deutschen Besatzungsmacht in
den Niederlanden, Belgien und Frankreich zu arrangieren, taten
ein Übriges. Und was immer man im historischen Rückblick über
die Aussichten eines Viererpakts zwischen der Sowjetunion, Na-
zideutschland, dem faschistischen Italien und dem kaiserlichen
Japan im Winter 1940/41 sagen kann – die Verhandlungen als
solche waren kein Geheimnis. Wie wir heute wissen, war Stalin
bereits im Frühjahr 1941 bereit, für einen neuen Ausgleich mit
Hitler auch die Kommunistische Internationale aufzulösen – was
er dann erst im Mai 1943 als Konzession an die westlichen Ver-
bündeten wie zur Erhöhung der eigenen Handlungsfreiheit mit
einem Federstrich tat.7
In diesem Sinne hatte der Überfall der Armeen Hitlers auf die
Sowjetunion im Juni 1941 für die internationale kommunistische
Bewegung fast etwas Befreiendes. Und auch sowjetische Bürger
haben ihn, vielen literarischen und biografischen Zeugnissen
zufolge, so empfunden – ungeachtet der Tatsache, dass Stalins
Vabanquepolitik die große und hochgerüstete, aber völlig falsch
(nämlich offensiv) aufgestellte und vieler ihrer besten Offiziere
beraubte Rote Armee zunächst in ein beispielloses Debakel führte.
Hätte Hitler tatsächlich einen »antibolschewistischen Kreuzzug«
geführt, wäre für die Existenz der Sowjetunion angesichts ihrer
inneren und äußeren Lage nicht zu garantieren gewesen. In Wirk-
lichkeit handelte es sich jedoch, wie binnen Kurzem klar war, um
einen deutschen Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungs-
krieg, der es der stalinschen Führung erst ermöglichte, sich ihrer-
seits hinter den Paravent eines »Großen Vaterländischen Kriegs«
der Völker Russlands zurückzuziehen – um den es sich jenseits
aller Parolen dann auch tatsächlich handelte. Gerade in diesem
Krieg konnte das Regime alle relativen Stärken seiner zentrali-
sierten, ohnehin auf Kriegsfuß gestellten politischen Ökonomie
mit ihren drakonischen Zwangsmitteln zur Geltung bringen. Und
eine andere Führung des Landes als die um Stalin gab es nicht und
konnte es nicht geben.
Diese existenzielle Alternativlosigkeit produzierte, zumal
nachdem sich das Blatt in Stalingrad 1942/43 sichtbar gewendet
hatte, und erst recht mit dem historischen Sieg von 1945, sugges-
tive retrograde Sinnstiftungen. Alle die ungeheuerlichen Opfer,

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Leiden und Härten der Kollektivierungs- und Terrorjahre schie-
nen auf eine für den gemeinen Menschenverstand nicht zu ent-
ziffernde Weise mit dem Faktum dieses tödlichen Überfalls und
dieses historischen Siegs verbunden, der die Sowjetunion unter
der Führung Stalins auf die Höhe einer zweiten, potenziell sogar
ersten Weltmacht katapultiert hatte. Es ist eine Sache, diesen über-
lebensgroßen Mythos des stalinistischen Regimes historiografisch
zu dekonstruieren. Es ist eine andere Sache, seine über den Zu-
sammenbruch der Sowjetunion hinaus und bis heute andauernde
psychische Macht zu konstatieren.
Das parallele Ereignis zu Hitlers Eroberungskrieg vom Nord-
kap bis Nordafrika, von der Biskaya bis zur Wolga, war der kaum
weniger vermessene Versuch des kaiserlich-militaristischen Japan,
sich zum Herrn über ganz Ostasien und den Pazifik zu machen
– ein Unternehmen, das entscheidend zur Gründung der Volksre-
publik China, zur Etablierung der kommunistisch geführten Re-
gimes in (Nord)-Korea und (Nord)-Vietnam sowie zu einer Serie
von kommunistischen Parteigründungen, Partisanenbewegungen
und Aufstandsversuche in fast allen asiatischen Ländern beigetra-
gen hat.
Als die beiden Parteien, die auf jeweilige Weise im und aus dem
Weltkrieg heraus aus eigener Kraft ihre Staaten gegründet, ihre
Gesellschaften tiefgreifend verändert und den Lauf des Jahrhun-
derts beeinflusst haben, ragen die KP Chinas unter Mao Tse-tung
und die KP Vietnams unter Ho Chi Minh heraus. Beide Parteien
waren ursprünglich unter der direkten Anleitung der Moskauer
Internationale gegründet worden, um sich dann in eigenen Bah-
nen zu entwickeln, die der unterschiedlichen Lage ihres Landes
entsprachen: China als ein in Abhängigkeit von ausländischen
Mächten gebrachtes und in endemischen Bürgerkriegen versun-
kenes altes Großreich; Vietnam als eine französische Kolonie, frei-
lich auch mit einer weit zurückreichenden Geschichte streitender
Reiche.
Die Fusion national- und sozialrevolutionärer Motive ist
kaum irgendwo so klar zu erkennen wie im Fall der chinesischen
Kommunisten. Die im Juli 1921 auf Initiative zweier Kominterne-
missäre von 13 »Delegierten« einiger Studienzirkel (mit circa 60
Mitgliedern) gegründete Partei war geistig und biografisch ein

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direkter Abkömmling der patriotischen »4. Mai-Bewegung« von
1919, die sich an Chinas Benachteiligung auf der Friedenskonfe-
renz in Versailles entzündet hatte. Das »neue Russland« wurde für
viele der (meist studentischen) Aktivisten zum Vorbild und ideel-
len Verbündeten, weil es sich allen Einmischungen und Diktaten
der westlichen Siegermächte verweigerte. Erst vor diesem Hin-
tergrund erreichte auch der Marxismus jetzt China – Jahrzehnte
nach der Gründung der ersten marxistischen Zirkel in Russland.
Zwar waren die chinesischen Schulen, Universitäten und Reform-
gesellschaften seit dem Sturz des Kaisertums 1911, und vor allem
mit der »Neuen Kulturbewegung« ab 1915, ein brodelndes Ideen-
laboratorium, in dem alle theoretischen Systeme der europäischen
Moderne, vom Liberalismus über den Sozialdarwinismus bis zum
Anarchismus oder Feminismus, intensiv studiert und erprobt
wurden – aber nur sehr sporadisch auch der Marxismus, da er von
den Problemen der chinesischen Gesellschaft weit entfernt schien
und es allenfalls erste Keime einer Arbeiterbewegung gab.8
Der knapp dreißigjährige Mao Tse-tung, Sohn eines wohlha-
benden Bauern (eines »Kulaken« also), der nach verbummelten
Studienjahren als patriotischer Aktivist und Lehrer in der Pro-
vinzstadt Changsha halb zufällig in den Kreis der KP-Gründer ge-
raten war, hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich das Kommunistische
Manifest, einen Text von Kautsky und etwas von Lenin gelesen,
während er sich mit einem weitläufigen europäischen Schrifttum
sowie dem Kanon der klassischen chinesischen Literatur gut aus-
kannte. Er war also in keinem strikteren Sinne Marxist-Leninist,
als er die Kommunistische Partei mitgründete – ging aber von der
Gründungsversammlung bereits als bestallter Vertreter der Inter-
nationale zurück nach Changsha.9
Die marginale Situation der frischgebackenen chinesischen
Sektion der Internationale änderte sich grundlegend in den Jahren
1923 bis 1926, die die Zeit eines nationalrevolutionären Einigungs-
versuchs Chinas unter Führung Sun Yat-sens und der von ihm
gegründeten Kuomintang waren. Die aus ein paar Hundert, dann
ein paar Tausend Aktivisten bestehende Kommunistische Partei,
in der nach wie vor Intellektuelle den Ton angaben, setzte sich
(mit) an die Spitze einer rapide wachsenden gewerkschaftlichen
Kampf- und Organisationsbewegung, vor allem in den ausländi-

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schen Konzessionsgebieten in Shanghai und andern Hafenstädten
Chinas. Gleichzeitig gliederte sie sich unter direkter Anleitung der
Moskauer Internationale – die in Absprache mit Sun Yat-sen Hun-
derte von Politkommissaren und Militärberatern und mit Michail
Borodin fast eine Art Statthalter nach China entsandt hatte – in
die Zivilverwaltungen und Militärabteilungen der Kuomintang
ein. Damit wurde China nach Deutschland zum zweiten Schlüs-
selland aller forcierten Versuche der bolschewistischen Weltpartei,
an der gegebenen Weltordnung zu rütteln.
Das war nicht die einzige, aber eine Ursache, die nach dem Tod
Suns die neue Führung der Kuomintang unter General Tschiang
Kai-shek 1927 dazu trieb, sich ihrer Verbündeten in einer Serie
blutiger Massaker und schließlich regulärer Feldzüge zu entledi-
gen. Während die von Moskau direkt instruierte und mehrfach
gesäuberte Shanghaier Parteizentrale an der Generallinie einer
städtisch-proletarisch basierten antiimperialistischen Einheits-
front festhielt und selbstmörderische Aufstände initiierte, errich-
tete der für Agrarfragen zuständige Mao Tse-tung mit seinen Ge-
folgsleuten und desertierten Kuomintang-Truppen unter General
Tschu Teh in ländlichen Berggebieten im Süden eine Reihe roter
»Stützpunktgebiete«. Sie glichen durchaus den Warlordschaften
in anderen Gebieten Chinas, verbanden Requirierungen und
Rekrutierungen allerdings mit einer Politik agrarrevolutionärer
Mobilisierung und Einbindung der Bauern, die zum eigentlichen
Erfolgsgeheimnis des Maoismus werden sollte.
Dessen Linie setzte sich spätestens mit der Ausbruch- und Ab-
setzbewegung 1935/36 nach Nordosten (dem »Langen Marsch«)
schließlich durch – schon weil es keine Alternativen mehr gab. Zu
diesem Zeitpunkt hatte sich die gesamte Kampf- und Existenz-
weise der Kommunistischen Partei Chinas von allen historischen
Vorbildern weit entfernt; und im Zuge dessen hatte sie sich auch
von ihren wechselnden Kominternberatern und den Moskauer
Direktiven weitgehend emanzipiert. Der noch vorhandene Ak-
tivkader war (bis auf kleine Zellen, die in den großen Städten
und einigen Provinzen überwinterten) mit der wandernden und
siedelnden Roten Arbeiter-und-Bauern-Armee unmittelbar ver-
schmolzen. Mao, der sich erst im neuen Stützpunktgebiet in Jenan
ab 1937 systematisch mit dem Marxismus und Leninismus ausein-

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andersetzte, begann im selben Atemzug auch schon mithilfe eines
kleinen brain-trusts unter Tschen Po-ta, ein eigenes System von
Doktrinen zu formulieren und in einem Textkanon zu fixieren,
der unter dem Titel der Mao-Tsetung-Ideen ab 1945 bereits im Par-
teistatut verankert und zum ideologischen Kernbestand des chi-
nesischen Kommunismus erhoben wurde10 – etwas, das niemand
außer und neben Stalin in dieser Form gewagt hätte. Gerade in
Maos ständigen Berufungen auf den Marxismus-Leninismus und
die Schriften Stalins drückte sich ein Anspruch auf Geltung aus,
in dem eine künftige Parität mit der Sowjetunion das eigentliche
Maß bildete.
Tatsächlich war der Sieg der chinesischen Kommunisten im
Bürgerkrieg jenes epochale Ereignis nach der russischen Revolu-
tion, das eine zweite Periode des Kommunismus als eines globa-
len politischen Phänomens des 20. Jahrhunderts eingeleitet hat.
Dieser Sieg verdankte sich einer Dynamik, die deutlicher noch als
im Fall der Bolschewiki die Triebkräfte bloßlegt, die diese histori-
sche Bewegung insgesamt über eine so lange Strecke getragen und
vorangetrieben haben, bevor sie schließlich erlahmt sind bzw. im
Falle der Volksrepublik China sich mit einer neuen, selbst gene-
rierten kapitalistischen Entwicklungsdynamik kombiniert haben.
Das waren Triebkräfte, die jedenfalls mehr im Bereich des na-
tion-building lagen als im Feld sozialer Widersprüche und Kämpfe.
So weit es überhaupt Sinn macht, in einem Land wie China von
Klassen und Klassenkämpfen zu sprechen, waren alle vorhande-
nen sozialen Konflikte vor allem das Medium, um eine politische
Gegenelite und einen ihr gehorchenden politisch-militärischen
Machtkörper zu schmieden, der seinerseits zum Gerüst eines
neuen, zentralistisch und diktatorisch operierenden Staatswesens
werden konnte, das alle humanen und materiellen Potenziale des
Landes in seiner Hand vereinigte. »China hat sich endlich wieder
erhoben« war der erste und zentrale Satz Maos, als er die neue
Volksrepublik am 1. Oktober 1949 proklamierte. Darum also ging
es vor allem anderen.
Der Ursprungsimpuls, das Gefühl nationaler Demütigung,
das sich an der Präsenz ausländischer kapitalistischer Mächte
in geschützten Enklaven entzündete, von denen zugleich auch
die größte sozialökonomische Dynamik ausging, gewann seine

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Tiefendimension aus Rekursen auf eine vergangene historische
Größe und Einzigartigkeit, die im Fall Chinas jedenfalls sehr viel
begründeter waren als jene mythischen Nationaltraditionen, die
fast alle kommunistischen Potentaten intensiv bemüht haben, von
Ceaucescus Dakertümelei bis zu den Angkor-Wat-Träumen der
Roten Khmer. Gerade Maos späte Reden und Texte füllten sich, je
mehr er die olympische Position eines sozialistischen Volkskaisers
annahm, mit klassischen Referenzen und Zitaten, in merkwür-
digstem Gegensatz zum vandalischen Bildersturm seiner halb-
wüchsigen Rotgardisten.
Der kosmische Chaotismus des alten Kulturrevolutionärs lässt
sich freilich als Reflex seiner zentralen Lebenserfahrung deu-
ten: nämlich durch die aktive Vermehrung des apokalyptischen
Bürgerkriegschaos, in dem China seit dem 19. Jahrhundert, und
verstärkt nach der republikanischen Revolution von 1911 versun-
ken war, am Ende doch einen neuen, starken Staatsapparat ge-
schmiedet zu haben. Anders als die Bolschewiki, die unmittelbar
nach der Zentralmacht griffen und von dieser Position aus den
Bürgerkrieg und Einigungskrieg vom metropolitanen Zentrum
her offensiv führten, wurde der chinesische Kommunismus in
einer vorgefundenen Situation eines universellen Bürgerkriegs,
staatlichen Zerfalls und einer endemischen Gewalt geboren. Auch
wenn die Parteibildung ursprünglich von städtischen Bewegungen
ihren Ausgang nahm und von hier auch später immer neuen Zu-
zug erhielt, hatte es eine tiefere historische Schlüssigkeit, dass in
der maoistischen Doktrin die Strategie des Einkreisens der Städte
vom Land aus als die Grundbewegung der Revolution theoretisch
fixiert und auch praktisch realisiert wurde.11
Das war zugleich eine historische Rückzugsbewegung vom
»blauen« China der modernen, kommerziellen und kosmopoliti-
schen Küstenstädte und der auf sie ausgerichteten Wachstumsre-
gionen in das »gelbe«, agrarische, stationäre, innere China – eine
Bewegung, für die man in Schriften Maos auch prinzipielle und
theoretische Anhaltspunkte findet. Über die agrarrevolutionäre
Politik der Kommunisten lässt sich, ohne der Komplexität die-
ses Thema Gewalt anzutun, so viel wohl sagen: dass sie weniger
einem für sich stehenden Ideal egalitärer Gerechtigkeit folgte als
vielmehr ein zielstrebiger Versuch war, das vielfältige Geflecht von

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Spannungen und Konflikten in den Dörfern (oft auch zwischen
den Dörfern oder Klans) so zur Entladung zu bringen und zu
nutzen, dass die Selbsterhaltungs- und Rekrutierungsbedürfnisse
der roten Macht in derselben Weise gesichert waren, wie es später
einmal der Bestand des Staates sein würde.
Mangels großer »feudaler« Grundbesitzer oder agrarischer
Kapitalisten waren es die vielgestaltigen Lokaleliten sowie die
»reichen Bauern«, aber auch alle möglichen zu Konterrevolutio-
nären erklärten »üblen Elemente«, die zur Zielsscheibe von Ent-
eignungs- und Bestrafungskampagnen wurden, an denen sich – so
das Grundmuster – die Masse der Dörfler aktiv zu beteiligen hatte.
Waren die Schleusen der Anklagen aber erst einmal geöffnet,
waren die in Quoten und Kategorien erfassten Klassenfeinde vor
aller Augen verurteilt und exekutiert, waren alle Schulden oder
Pachtzahlungen gestrichen und das Land, die Häuser, die Besitztü-
mer unter die ärmeren Dorbewohner aufgeteilt, dann gab es auch
für passiv Beteiligte kein Zurück mehr. Dann war das Dorf oder
das Gebiet (vor allem in den Augen der Bürgerkriegsgegner) »rot«
geworden.12
Allerdings waren die kommunistischen Kader und Rotarmisten
gehalten, sich – anders als die durchziehenden Armeen der Kuo-
mintangregierung oder der Warlords – korrekt zu verhalten, mög-
lichst für die eigene Ernährung zu sorgen, die vielfach analpha-
betischen Dörfler zu lehren und »zu erziehen«, also zu agitieren,
aber auch praktisch zu unterstützen. Was vom Gestus einer hei-
ligmäßigen Selbstlosigkeit der chinesischen Kommunisten auch
immer Legende und was Wirklichkeit war – das Resultat war ein
(je nach Ort und Kriegslage liberaler oder restriktiver gehandhab-
tes) kriegskommunistisches Wirtschafts- und Verteilungssystem,
das die lokale Bevölkerung auf enge und selbstgenügsame Weise
mit den rudimentären Institutionen und Kommandostrukturen
der neuen roten Macht verschweißte. Diese konnte ihre Reihen
meist ohne Mühe mit neuen (freiwilligen) Rekruten auffüllen, so
wie sie auch große Menschenmassen für die notwendigen Schanz-
und Bau- oder Meliorations-Projekte aufbieten konnte. In dieser
Weise bildeten sich in den »befreiten Gebieten« Chinas Jahre vor
der Machteroberung schon Grundelemente der neuen Staats- und
Gesellschaftsordnung aus.

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Dennoch ist mehr als unwahrscheinlich, dass die chinesischen
Kommunisten mit ihren militärisch gestützten, agrarrevolutionä-
ren Aktivitäten und den begleitenden Untergrundaktivitäten in
den Städten aus einem inneren Bürgerkrieg siegreich hervorge-
gangen wären. In hoch sinnfälliger Weise wurden sie 1937 – als
sie in ihrem neuen Stützpunktgebiet in Jenan wieder eingekreist
waren und kurz vor der Vernichtung standen – durch die Invasion
japanischer Truppen in die zentralen Küstengebiete Chinas geret-
tet. Die Kuomintangführung musste, von anderen Warlords und
einer Woge patriotischer Empörung gezwungen, ihren Kurs des
Hinhaltens und Beschwichtigens gegenüber den von der Mand-
schurei aus vordringenden Japanern aufgeben. Die Kommunisten
dagegen erzielten jetzt mit ihren Losungen einer »Antijapanischen
Einheitsfront« politische Geländegewinne, die sie mit ihren sozi-
alrevolutionären Losungen nie hatten erringen können, insbeson-
dere auch unter einer neuen Generation von gebildeten Städtern
und Intellektuellen. Nach den Bombardements und Okkupationen
der großen Städte durch die Japaner schlugen sich Tausende in die
roten Stützpunktgebiete durch, wo sie sich allerdings sehr bald
harschen Kampagnen der »Selbstreform« unterwerfen mussten,
die in den Jahren 1942/43 mit einer neuen Welle von Parteisäube-
rungen einhergingen. Diese Kampagnen wurden durchaus in sta-
linistischem Geist, aber mit maoistischen Methoden durchgeführt:
Physischer Terror wurde obligatorisch in öffentliche Anklage- und
Reuezeremonien eingebunden, denen die Parteimitglieder, Rotar-
misten oder lokale Bevölkerungen beiwohnen mussten. Eine vom
aus der Sowjetunion zurückgekehrten Kang Sheng aufgebaute
Geheimpolizei in den schwarzen Ledermonturen der Tschekisten
gab es freilich auch, wie überhaupt die Unterschiede zwischen
stalinistischer Kaderpolitik und maoistischer »Massenlinie« wohl
nicht überzeichnet werden sollten.13
Letztlich war es auch die Präsenz der im Sommer 1945 in
einer letzten großen Weltkriegsoffensive in die nördliche Mand-
schurei einmarschierten sowjetischen Truppen, die – nach dem
Ausbruch des neuen Bürgerkriegs 1947 – den Roten Feldarmeen
ihren raschen und durchschlagenden Erfolg gegen die (nominell
noch immer weit stärkeren) Kuomintangtruppen mit ermöglichte;
auch wenn Stalin dem entschlossenem Griff Maos nach der un-

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geteilten Macht nur zögernd nachgab. Er konnte allerdings nicht
übersehen, dass die von der ganzen internationalen Gemeinschaft
einschließlich der Sowjetunion anerkannte Nationalregierung
Tschiangs sich in einer rapiden ökonomischen und moralischen
Abwärtsspirale befand, die keinen Spielraum mehr für Manöver
bot. Also setzte er auf den unheimlichen Nebenbuhler, der ihm da
in der KP Chinas erwachsen war.
Die Proklamation der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 war
sicherlich von vielen Hoffnungen getragen, die sich insbesondere
auf die Wiederherstellung einer neuen gesamtstaatlichen Ordnung
am Ende eines halben Jahrhunderts blutiger Wirren und Bürger-
kriege richteten. Ein düsteres Omen war allerdings die Flucht von
Millionen Menschen vor den kommunistischen Truppen, erst
nach Süden und dann außer Landes. Das war ein ähnlich gravie-
render brain-drain wie der, den Russland im Bürgerkrieg erlebt
hatte. Dieses erweiterte »China jenseits der Grenzen«, auf Taiwan,
in Hongkong oder Singapur wie in den Diasporagemeinden ganz
Südostasiens repräsentierte zu einem Gutteil jetzt das der Welt
zugewandte »blaue« China, dessen kulturelle und sozialökonomi-
sche Potenziale in der neuen Volksrepublik alsbald in einer Kette
gewaltsamer Expropriationen und terroristischer Säuberungen der
großen Küstenstädte eingeebnet wurden – bevor es im Zuge der
Reformen Dengs, vor allem aber nach der Rückkehr Hongkongs
1997, auch in China selbst eine triumphale Renaissance erlebte.

Dialektiken des Kalten Kriegs

Der chinesische Bürgerkrieg ging seinerseits mit dem Ausbruch


eines globalen »Kalten Kriegs« zwischen den USA als der Vor-
macht eines erweiterten atlantisch-pazifischen »Westens« und der
UdSSR als der Führungsmacht eines sich formierenden »Sozialis-
tischen Lagers« kontinentalen Zuschnitts einher. In einer Serie von
neuen Bürgerkriegen, militärischen Interventionen oder direkten
Konfrontationen (so bei der Berlinblockade 1948) standen noch

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einmal alle von den »Großen Drei« in Teheran, Jalta und Potsdam
getroffenen Abmachungen und Demarkationen in Frage. In Asien
war der Rückzug der japanischen Armeen überdies begleitet von
anachronistischen Rekolonisierungsversuchen Großbritanniens,
Frankreichs und der Niederlande auf der malayischen Halbinsel,
in Indochina und Indonesien sowie von halbkolonial anmutenden
Einflussnahmen der USA auf den Philippinen und in Südkorea –
alles ab jetzt unter der Fahne einer »Eindämmung des Weltkom-
munismus«.
In der erhellenden Studie Mao’s China and the Cold War des
in den USA lebenden chinesischen Historikers Chen Jian wird
der europazentrische Blick auf den Kalten Krieg einer entschiede-
nen Achsverschiebung unterzogen. Anstelle des Gegensatzes der
beiden östlichen und westlichen Militärblöcke wird die offensive
und zunehmend unabhängige Weltpolitik des maoistischen China
ins Zentrum der Betrachtung gerückt.1 Vor allem China war es,
das den vietnamesischen Kommunisten unter der Führung Ho
Chi Minhs die entscheidende Rückendeckung gab, als es diesen
gelang, Frankreich in einem langen, erbitterten Befreiungskrieg
mit der Niederlage in Dien Bien Phu 1954 aus Indochina zu ver-
drängen und eine Sozialistische Volksrepublik in Nordvietnam
zu errichten, sowie in einem fließenden Übergang auch das unter
dem Schirm der USA mühsam etablierte, hybride Staatswesen
Südvietnams zu unterminieren und die größte Militärmacht der
Welt nach deren direkter Intervention ab 1964 in zehnjährigen
erbitterten Abnutzungsschlachten in eine epochale Niederlage
zu treiben. Als die vietnamesische Führung nach 1975 allerdings
daran ging, unter der Patronage Moskaus Ho Chi Minhs altes, dis-
kret verfolgtes Reichsprojekt eines sozialistischen Groß-Indochina
in die Tat umzusetzen, war es wiederum Peking, das durch die Un-
terstützung der Roten Khmer und schließlich 1979/80 durch eine
blutige »militärische Lektion« (eine Invasion der Grenzgebiete)
Vietnam in die Schranken wies.
Ungleich kühner und abenteuerlicher war zuvor bereits die Art
und Weise gewesen, in der das kommunistische China – kaum
dass es seine Macht etabliert hatte – in Absprache mit Stalin und
dem Führer der nordkoreanischen Kommunisten Kim Il Sung
an dem Versuch beteiligt war, den von US-Truppen gesicherten

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antikommunistischen Süden Koreas in einer Blitzoffensive nord-
koreanischer Armeen im Sommer 1950 zu überrennen. Und als
das scheiterte und zu einer massiven Gegenoffensive führte, war es
wiederum China, das mit einer Million »Freiwilliger« (tatsächlich
regulären Divisionen der neuen chinesischen »Volksbefreiungs-
armee«) der von den USA geführten Kriegskoalition auf dem
Schlachtfeld frontal entgegentrat. So war der Koreakrieg binnen
Kurzem nichts anderes als ein unerklärter, von beiden Seiten ohne
Rücksicht auf Verluste geführter Krieg zwischen China und den
USA, der den mörderischsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs
in nichts nachstand. Er kostete Hunderttausenden von Soldaten
und Millionen Zivilisten das Leben und ließ ein verheertes und
entlang der alten Demarkationslinie neuerlich geteiltes Land
zurück. Das sinnlose Patt, in dem er endete, war für keinen der
Kontrahenten eine Niederlage; aber für die Volksrepublik China
doch ein emblematischer Triumph, insofern ihre Feldtruppen un-
ter massiven Flächenbombardements und atomaren Drohungen
des US-Generalstabs (den Mao kaltblütig als »Papiertiger« abtat)
standhielten.
Im Schatten dieses Krieges konnte die UdSSR, die China über
die Mandschurei mit Waffen versorgte, durch die Explosion einer
Wasserstoffbombe im August 1953 ein nukleares Gleichgewicht
mit den USA herstellen, das die weltpolitische Lage seinerseits ein-
schneidend veränderte. Aus einer gepanzerten Landmacht wurde
binnen eines Jahrzehnts nach dem Weltkrieg eine Luftmacht mit
Fernbombern und Raketen stetig wachsender Reichweite, die ab
den späten 1950er Jahren die Vereinigten Staaten potenziell zu
übertrumpfen und bald auch direkt zu bedrohen schien. Damit
nicht genug, begann die UdSSR eine Flotte auf die Weltmeere zu
entsenden, die schließlich die größte der Welt und der Geschichte
werden sollte. Zwar entsprang das eher einer Logik der Rezipro-
zität, die in vieler Hinsicht zwanghafte Züge trug, als etwa einer
weltrevolutionäre Strategie, wie ihre westlichen Gegenspieler sie
als Menetekel an die Wand malten. Aber konnte man das sicher
wissen? 2
Jedenfalls markierten die ernsthaften Erwägungen im Penta-
gon und Weißen Haus über den Einsatz von Atomwaffen gegen
Nordkorea und China zwischen 1950 und 1952 den ersten Höhe-

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punkt eines hysterischen Antikommunismus, der seine eigene
moralische Legitimität immer wieder untergrub. Das heutige
Schattenreich Kims d.J. im atomar aufgerüsteten Nordkorea ist
gewiss ein Konzentrat aller terroristischen und obskuranten Seiten
der kommunistischen Regimes dieses Jahrhundert, und in diesem
Sinne ein Monument, das als düsterer Anachronismus weit ins 21.
Jahrhundert hineinragt. Aber es ist eben auch ein Memento des-
sen, dass in Korea wie in anderen Ländern Asiens, Afrikas oder
Lateinamerikas der mit den Mitteln einer modernen Militärmacht
geführte amerikanische »Krieg gegen den Terror« von einst, der
sich gegen die angeblichen Einkreisungsstrategien eines chimä-
rischen »Weltkommunismus« richtete, in vielen Fällen erst den
Weg dieser Regimes zur Macht geebnet hat, von Pyöngyang bis
Phnom Penh, oder sie ins Gegenlager getrieben hat, wie 1960/61
das Kuba des Fidel Castro. Die Washingtoner Weltstrategen haben
damit vielfach genau den »Dominoeffekt« produziert, um dessen
Verhinderung es ihnen ging. Und selbst im Erfolgsfall hat dieser
Kampf, dort wo er vorwiegend mit den Mitteln einer counter-
insurgency und gestützt auf reaktionäre Gegendiktaturen geführt
wurde, den Stoff geliefert, den eine kommunistische Propaganda
als Standardnarrativ brauchte, um zu übertönen, was aus den ei-
genen Verliesen, Lagerkomplexen oder killing fields nach draußen
drang.
In diesem asymmetrischen Krieg der Bilder und Informationen
haben kommunistische Propagandisten mit ihrer Gegensugges-
tion einer weltweiten imperialistischen Konterrevolution unter
Führung der USA in vielen jungen Ländern der Dritten Welt, aber
auch unter beträchtlichen Segmenten der Jugend des Westens in
den 1960er und 1970er Jahren noch einmal beträchtliche Erfolge
erzielt, vor allem durch eine demagogische Fusion antiimperialis-
tischer und antifaschistischer Motive. Letztlich blieben das Pyr-
rhussiege. Die »antiautoritären« Jugendrebellionen von 1968 mit
all ihren lebensweltlichen und schwärmerischen Zügen waren für
kommunistische Rekrutierungen älteren Stils nur noch begrenzt
verfügbar. Eher waren sie hausgemachte moralische Reaktionen
auf jene neuen Entwicklungen in der kapitalistischen Welt, die Eric
Hobsbawm in seinem Überblick über das »Zeitalter der Extreme«
als ein historisch (fast) singuläres »Goldenes Zeitalter« bezeichnet

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hat: eine Periode von rund zwanzig Jahren zwischen 1953 und der
Ölkrise von 1973, in der alle Parameter und Vektoren einer öko-
nomischen, sozialen und alltagskulturellen Entwicklung steil nach
oben wiesen und eine globale »revolution of rising expectations«
auslösten.3
Auf die Frage, wie »dieser außergewöhnliche und unerwar-
tete Siegeszug eines Systems […], das ein halbes Leben lang am
Rande des Ruins gestanden zu haben schien« (des Kapitalismus
nämlich), zu erklären sei,4 gesteht Hobsbawm, keine »wirklich
zufriedenstellenden Erklärungen« zu haben. Er betont jedoch,
dass in den westlichen Gesellschaften durch alle sozialen Ausei-
nandersetzungen hindurch »eine Art Vermählung des wirtschaft-
lichen Liberalismus mit der sozialen Demokratie stattgefunden«,
ja, dass der Kapitalismus dieser Periode Züge einer »gemischten
Wirtschaft« angenommen habe.5 Dafür, so seine Kernthese, hätten
diese Länder allerdings »eine entscheidende Anleihe bei der Sow-
jetunion« machen müssen, nämlich bei ihrer »Idee der wirtschaft-
lichen Planung«, während sie insgesamt durch »die Angst vor dem
Kommunismus« zu sozialen Kompromissen getrieben gewesen
seien.6 Somit sei »das dauerhafteste Resultat der Oktoberrevolu-
tion […] ausgerechnet die Rettung ihres Antagonisten im Krieg
wie im Frieden«7 gewesen.
Die Frage bleibt allerdings, warum die »Retter« selbst dabei
untergingen. Verhielt es sich nicht eher umgekehrt? Angetreten
als radikale Antithesen zum verfallenden Kapitalismus und pa-
rasitären Imperialismus der »alten« Mächte des Westens, die mit
der Großen Depression der 1930er Jahre und dem Konflikt zwi-
schen faschistischen und demokratischen Mächten in eine finale
Krise eingetreten zu sein schienen, mussten die Kommunistischen
Parteien und Staatsführungen in den 1950er Jahren zur Kenntnis
nehmen, dass sie es mit einem völlig veränderten westhistorischen
Antagonisten zu tun hatten. Noch in seiner letzten, testamenta-
rischen Schrift Ökonomische Probleme des Sozialismus von 1952
hatte Stalin eine finale Krise des Weltkapitalismus vorhergesagt,
verbunden mit dem Szenario eines dritten und letzten imperialis-
tischen Weltkriegs zwischen den kapitalistischen Hauptmächten,
insbesondere den Besiegten und den Siegern von 1945 (die alte
fixe Idee), der mit dem endgültigen und »gesetzmäßigen« Sieg

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des Sozialismus im Weltmaßstab enden werde.8 Stattdessen fan-
den sich die kapitalistischen Hauptmächte des Zeitalters in einem
neu formierten atlantisch-pazifischen Lager vereint und waren die
eigentlichen Motoren jenes ökonomischen Entwicklungsschubs,
der die Wiederaufbauerfolge der sozialistischen Länder fast von
Beginn an deutlich in den Schatten stellte – und auf sie selbst ein-
wirkte.
Damit entwickelte sich das Grundmuster jener asymmetrischen
Situation, die den »Kalten Krieg« eigentlich prägte: Auf der einen
Seite ein scheinbar beharrliches, politisch-militärisch gestütztes
Ausgreifen des neuen sozialistischen Lagers und seiner beiden
Hauptmächte ins neuralgische Zentrum Mitteleuropas und nach
Ostasien sowie in weite Bereiche der sich entkolonialisierenden
und staatlich restrukturierenden Dritten Welt, und auf der Ge-
genseite ein hysterisch reagierender und aggressiv ausschlagender
Westen, der seine demokratischen Stärken und zivilen Attrak-
tionen darüber vielfach vergaß oder verriet – obwohl gerade sie
längst zum entscheidenden Faktor der Gesamtentwicklung gewor-
den waren und das sozialistische Gegenlager tiefer herausforder-
ten, als das umgekehrt jemals der Fall war.
Tatsächlich hatte diese Asymmetrie sich von Beginn an abge-
zeichnet. So hatten schon der siegreiche Vormarsch der sowjeti-
schen Armeen bis in die Mitte Berlins und die Errichtung eines
vorgelagerten Cordons mittelosteuropäischer Volksdemokratien
statt Gefühlen einer gewachsenen Sicherheit im Moskauer Zen-
trum nur neue Schübe phobischen Wahns produziert, da die (in
der Kriegskoalition bereits porös gewordenen) Kontaktflächen
zum Westen noch vielfältiger und durchlässiger geworden waren.
In einer Ersatzhandlung von expressiver Symbolik wurden mit
Ausbruch des Kalten Krieges die sowjetischen Juden als poten-
zielle Agenten eines westlichen Kosmopolitismus zur jüngsten und
gefährlichsten »feindlichen Nationalität« der UdSSR erklärt und
damit zum designierten Objekt einer letzten stalinistischen Säu-
berungsaktion.9 Parallel dazu wurde der eigenständige Führer der
jugoslawischen Kommunisten Tito über Nacht exkommuniziert
und zum »Trotzkisten« und »Faschisten« umdeklariert. In sämt-
lichen Vasallenrepubliken Mittelosteuropas wurden von 1949 bis
1953 unter der direkten Regie sowjetischer Geheimdienstoffiziere

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die schmalen Schichten loyaler Führungskader, insbesondere die
aus dem westlichen Exil Zurückgekehrten, in einer gespenstischen
Neuauflage der Schauprozesse und Säuberungen der 1930er Jahre
auf angebliche »Titoisten« oder »Zionisten« hin durchkämmt und
blutig dezimiert.
Diese Hexenjagden lassen sich als eine unmittelbare Parallele
zur US-amerikanischen Spionagemanie und Gesinnungsinquisi-
tion der McCarthy-Jahre betrachten – und enthüllen doch gerade
den entscheidenden Unterschied, der nicht nur in einer demokra-
tischen Öffentlichkeit und rechtlichen Verfahren liegt, sondern
auch darin, dass die Atomspionage der Rosenbergs, Fuchs, Philby
und anderen sehr real (und erfolgreich) war, die »zionistische
Konspiration« der erschossenen jiddischen Dichter und gefolter-
ten Kreml-Ärzte in Moskau dagegen vollkommen fiktiv.
Zwar endeten diese Terrorpraktiken mit dem Tod Stalins im
März 1953 nach und nach. Aber die Streiks und Rebellionen in
Ostberlin und der gesamten DDR im Juni 1953, und erneut dann
die Unruhen und Aufstände in Polen und Ungarn im Sommer
und Herbst 1956 signalisierten – nach den Enthüllungen des XX.
Parteitags der KPdSU – bereits Erschütterungen, die weitaus tiefer
gingen, als die unter massivem Einsatz sowjetischer Streitkräfte
konsolidierte Lage im europäischen Vorfeld verriet. Spätestens
1957 begannen die ersten »revisionistischen« Reformdiskussionen
in Polen oder in der Sowjetunion selbst, die den Rahmen der Par-
teigremien sehr bald überschritten. Gleichzeitig entwickelten sich
autonome Jugendkulturen und ausstrahlende künstlerische Mili-
eus, die in den 1960er Jahren trotz oder wegen aller zensierenden
Eingriffe der Kulturbehörden eigene, transnationale Verbindungs-
fäden zwischen Moskau, Kiew oder Leningrad nach Riga, War-
schau oder Prag spannen, und vice versa. Vielfach waren sie auch
vermittelt über Kontakte zu den westlichen Kommunistischen
Parteien, die ihrerseits in parteiinterne Auseinandersetzungen
und Dissidenzen verstrickt waren und sich den kritischen philo-
sophischen oder literarischen Debatten ihres sympathisierenden
Umfelds nicht entziehen konnten.
Gerade auch hier, an der westeuropäischen Peripherie, in Kern-
ländern wie Frankreich oder Italien, in denen die Kommunis-
tischen Parteien nach dem Weltkrieg durch ihr reales oder sym-

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bolisches Prestige als kämpferische Antifaschisten noch einmal
einen spektakulären Aufschwung mit Hunderttausenden neuer
Mitglieder erlebt hatten, verwandelten sich alle Zuwächse und Er-
weiterungen des »sozialistischen Weltlagers« fast sofort in ebenso
viele Komplikationen und Risse – wie sich 1968 während der Ju-
gendrebellionen und Bürgerbewegungen in Warschau und Prag,
Westberlin oder Paris, Mailand oder Belgrad deutlich erwies. In
unwiderruflicher Weise begann der Kommunismus als Weltbe-
wegung sich gerade auch in seinem ursprünglichen Quellgebiet,
im westlichen Europa, in häretische und dissidente, zwischen
Revolution und Reformation schwankende Seiten-, Neben- und
Unterströmungen, Splitter- und Rumpfparteien zu verwandeln,
vom parlamentarischen Eurokommunismus über den aktivisti-
schen Neotrotzkismus bis zum schicken oder strengen Maoismus
westlichen Zuschnitts, von pazifistischen Antiatombewegungen
bis zu Amok laufenden Rote Armee Fraktionen. Und auf den
ubiquitären Tapetentischen lagen ein langes »Rotes Jahrzehnt«
lang in raubgedruckten Reprints oder regulären Editionen großer
Verlage sämtliche Kapitalismuskritiken und Revolutionstheorien
des Jahrhunderts pluralistisch versammelt, die der »Klassiker«
des Marxismus-Leninismus ebenso wie die der Abtrünnigen oder
Verstoßenen. Freilich, was wie ein großes neokommunistisches
Revival aussah, war am Ende doch eher ein letzter Kehraus.10
Genauso, allerdings mit (scheinbar) umgekehrter Tendenz,
verhielt es sich mit der östlichen Peripherie des erweiterten sozi-
alistischen Weltlagers. Hier war es vor allem die KP Chinas unter
der Führung Mao Tse-tungs, die sich beim großen Welttreffen
der Kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau 1957 zur
entschiedenen Kritikerin der von der sowjetischen Bruderpartei
unter Chruschtschow betriebenen, vorsichtigen Entstalinisierung
und von jeder, mit noch so viel weltrevolutionärer Phraseologie
gespickten Politik einer »friedlichen Koexistenz« mit den westli-
chen Imperialisten aufschwang. Diese Kritik Pekings verdichtete
sich binnen weniger Jahre bereits zum kategorischen Verdikt ei-
nes sowjetischen »Revisionismus«, also eines offenen Verrats an
der sozialistischen Weltrevolution überhaupt, und führte in den
frühen 1960er Jahren schließlich zum förmlichen Schisma beider
Parteien in Form einer gegenseitigen Exkommunikation. Damit

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nicht genug: Im Zeichen des entbrennenden neuen Kriegs in In-
dochina steigerten sich die Pekinger Polemiken bis zum expliziten
Vorwurf einer Komplizenschaft Moskaus mit Washington gegen
die Völker der Dritten Welt, nur um sich in einer nochmaligen
Steigerung zum Vorwurf eines moskowitischen »Sozialimperialis-
mus« zu verdichten, der potenziell noch aggressiver und gefährli-
cher sei als der US-Imperialismus – während die Chefideologen
des Kreml im Gegenzug das globale Abenteurertum der chinesi-
schen Führer in die Nähe eines neuen Faschismus und Mao an die
Seite Hitlers rückten. 1969 schienen beide Mächte sich bei ihren
eskalierenden Grenzkämpfen am Ussuri sogar am Rande eines
großen, womöglich atomar geführten Kriegs zu bewegen, in dem
hysterische Erregungen und reale Konflikte selbst für die Beteilig-
ten nicht mehr unterscheidbar waren.
So war es nur scheinbar paradox, dass ausgerechnet das aus
seinen kulturrevolutionären Wirren wieder auftauchende maois-
tische China (parallel zu einem angeblich von der UdSSR angestif-
teten Staatsstreichversuch des entthronten Mao-Nachfolgers Lin
Piao) im Sommer 1971 auf den subtilen Pfaden einer Ping-Pong-
Diplomatie eine neue, eigene Verbindung zu den USA suchte
und die zur »Zweiten Welt« erklärte Europäische Gemeinschaft
zu umwerben begann. Im April 1972 stieß US-Präsident Richard
Nixon dann bereits in einer der erstaunlichsten Bildikonen dieser
Jahre mit Ministerpräsident Tschou En-lai in Peking auf eine Ära
neuer, guter Beziehungen an. Einem Globalstrategen wie Henry
Kissinger hatte es schließlich nicht entgehen können, dass hinter
dem Rauchvorhang scholastischer Ideologiedebatten zwischen der
KPdSU und der KP Chinas zugleich auch Kämpfe um die Füh-
rungsrolle innerhalb der Bewegung der Blockfreien und einer sich
staatlich ausdifferenzierenden Dritten Welt ausgetragen wurden,
die Züge eines multipolaren Mächtespiels älteren Typs annahmen,
und was Moskau, Peking und Washington selbst betraf, ein neues,
weltpolitisches Dreieck ergaben.

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Wege der Auflösung: Der Fall Chinas

Mit dem 1964 in einer Serie von neun Bannbriefen aus Peking
programmatisch vollzogenen Schisma trennten sich die Wege der
beiden Hauptmächte des Weltkommunismus auf exemplarische
Weise – und leiteten damit die sukzessive Auflösung des Kommu-
nismus als Weltbewegung wie als Gesellschaftsformation eigenen
Typs ein. Die theoretischen Formeln umrissen dabei nur in prin-
zipieller und abschließender Manier die gegensätzlichen Politiken,
mit denen die Führer beider Länder jeweils auf jenen »›Großen
Sprung nach vorn‹ der kapitalistischen Weltwirtschaft« reagierten,
von dem Eric Hobsbawm an einer Stelle spricht.1
Sie setzten damit aber zugleich eine Sequenz zwischenstaat-
licher wie innerparteilicher Konflikte in Gang, die ihre eigene
selbstzerstörerische Dynamik entwickelten, vor allem in China
unter der Ägide Mao Tse-tungs. Der neunte und letzte Bannbrief
gegen den »Pseudokommunismus Chruschtschows« aus der Feder
Maos enthielt auch bereits die Grundzüge der Verdikte, die we-
nig später – zuerst nur verdeckt und auf den Wandzeitungen der
Roten Garden, dann offen und aus dem Munde von Mao selbst
– gegen den eigenen Regierungschef Liu Shao-shi und gegen alle
Parteikader und Technokraten, »die den kapitalistischen Weg ge-
hen«, erhoben wurden.2
Der ganze, chaotische Weg der revolutionären Umbrüche
Chinas in seiner maoistischen Phase ist trotz aller substanziellen
Forschungen einer internationalen Gelehrtengemeinde bis heute
ein ungelöstes Rätsel geblieben. In vieler Hinsicht glaubt man, in
abgewandelter Reihenfolge und widersprüchlicher Gestalt fast alle
Phasen der früheren sowjetischen Entwicklungen auf verwirrende
Weise sich wiederholen zu sehen – weniger im Sinne einer dog-
matischen Nachahmung, als vielmehr im Sinne ähnlich wirkender
Handlungslogiken und entgleisender Prozessdynamiken. Hatten
die Hunderttausende »konterrevolutionärer Elemente« erfassen-
den Terror- und Säuberungskampagnen in den urbanen Zentren
Chinas Anfang der 1950er Jahre noch wie eine Verlängerung des
Bürgerkriegs gewirkt, so hatte die relativ maßvollen und erfolgrei-
chen Politiken gegenüber Bauern, Kleinhändlern, Handwerkern

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und Fabrikanten in diesen ersten Jahren Züge einer »Neuen Öko-
nomischen Politik« getragen. Aber aus ganz ähnlichen Motiven
wie bei Stalins »Großem Umschwung« folgte bereits 1955/56 eine
Phase forcierter Enteignungen und Kollektivierungen, insbeson-
dere durch die Etablierung der »Volkskommunen«, die vorerst
Kolchosen ähnelten. Nach den Anklagen Chruschtschows gegen
Stalins »Personenkult« und Verbrechen im April 1956 verteidigte
die maoistische Führung zwar dessen Erbe, zeigte sich gegenüber
Stalins »Fehlern« aber ihrerseits kritisch und leitete im Jahr darauf
(möglicherweise mit Blick auf die Gärungen in Osteuropa) ein
überraschendes kurzes Tauwetter ein. Konnte Maos Losung von
den »Hundert Blumen«, die auf dem Feld der sozialistischen Kul-
tur blühen dürften, von Ferne an die Versprechen der stalinschen
Verfassung von 1936 erinnern – so mündete sie nach der gleichen
Logik wie im Großen Terror in einer neuen Säuberungsorgie ge-
gen loyale, aber kritische Intellektuelle und gegen eine angebliche
»rechte Abweichung« in der Partei.
Der 1958 proklamierte »Große Sprung nach vorn« knüpfte in
vieler Hinsicht an Formulierungen Stalins in den Jahren des »Gro-
ßen Umschwungs« 1929/30 an, appellierte aber im Unterschied
zu den zentralistischen sowjetischen Fünfjahrplänen in extrem
voluntaristischen Wendungen an die revolutionäre Selbsttätig-
keit der Massen und lokalen Funktionäre und an ihren Willen,
»Berge zu versetzen«. In einer monumentalen Mobilisierung aller
Kräfte und Ressourcen sollten ländliche Großprojekte (vor allem
mit extensivem Arbeitseinsatz errichtete Straßen- und Wasser-
bauten) für sprunghaft steigende Ernten sorgen, während eine
improvisierte Industrialisierung von unten, deren emblematischer
Ausdruck Zehntausende untauglicher »Volkshochöfen« waren,
die Grundlagen einer ebenso sprunghaft gesteigerten Stahl- und
Eisenproduktion und damit einer eigenständigen Schwerindustrie
legen sollte. Im Zuge dessen wurden die gerade erst gegründeten
Volkskommunen zu riesigen Einheiten mit einem radikal kollekti-
vierten Arbeits- und Lebensregime zusammengefasst. Das Resul-
tat war, wie in der Sowjetunion am Ende der Kollektivierung, die
größte Hungersnot seit Menschengedenken.3
Während Mao sich angesichts des offenkundigen Desasters
grollend zurückzog und halb entmachtet schien, leiteten Minister-

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präsident Liu Shao-shi und sein Stellvertreter Deng Xiaoping eine
Phase vorsichtiger Rückzüge und einer sozialökonomischen Rege-
neration ein, die – trotz der 1962 abrupt eingestellten sowjetischen
Wirtschaftshilfe – binnen zwei Jahren zu positiven Veränderun-
gen führten. Gerade diese innere Entspannung war es wiederum,
die Maos kunstvoll orchestrierten Gegenschlag herausforderte,
der 1965/66 zur Entfesselung der »Großen Proletarischen Kultur-
revolution« führte.
Diese war zunächst ein handfester, allerdings sehr einseitig
geführter Machtkampf innerhalb der Führungseliten von Par-
tei und Staat, bei dem am Ende auch Maos älteste und treueste
Kampfgefährten vor dem völlig unberechenbar gewordenen, in
eine gottgleiche Position entrückten Revolutionsführer zittern
mussten und nacheinander abserviert wurden. Mao zerschlug
mit einer ähnlichen Radikalität wie Stalin im Großen Terror nicht
nur seinen eigenen konsolidierten Parteikader, sondern ebenso
das Korps der sozialistischen Fachleute, und stellte mithilfe einer
informellen Hofkamarilla um seine exzentrische Gattin Tschiang-
tsching, die sich selbst zur Kulturdiktatorin erhob, ein unmittelba-
res, mittels eines monomanen Personenkults hypercharismatisch
aufgeladenes Verhältnis zu den jugendlichen und proletarischen
»Massen« her.
In den Kinderkreuzzügen und blutigen Kämpfen von Rotgar-
disten gegen Rotgardisten und Arbeiterrebellen gegen andere
Rebellengruppen sowie in den pogromistischen öffentlichen Tri-
bunalen über »alte Autoritäten«, »revisionistische Hundeköpfe«,
»schwarze Elemente« usf. entluden sich wie in einem Hexensabbat
die Aufstiegsambitionen jener jugendlichen Nachrücker, die auch
die stalinistischen Säuberungsorgien wesentlich genährt hat-
ten. Aber vermutlich wurden auch hier, wie in der Sowjetunion
1937/38, unzählige alte Rechnungen beglichen, die bis in die Bür-
gerkriegszeiten zurückreichten; oder es wurden in maoistischer
Formelsprache reale Beschwerden und Anliegen vorgetragen, für
die es demokratische Ausdrucksformen oder institutionelle Ka-
näle (wie Studentenvertretungen, Gewerkschaften oder Bauern-
vereinigungen) eben nicht gab. Ab 1968 wurden die jugendlichen
Kulturrevolutionäre dann wieder mithilfe von Armee, Polizei und
ad hoc rekrutierten Betriebskampfgruppen entwaffnet, verhaftet,

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exekutiert oder in entlegene Gegenden und Umerziehungslager
verbannt – eine verlorene Generation epischen Formats.
In gewisser Weise kulminierte in der »Kulturrevolution« eine
selbst in der Geschichte des 20. Jahrhunderts beispiellose Reihung
bürgerkriegsartiger, revolutionärer Erschütterungen Chinas. Ru-
dolph J. Rummel spricht für die Periode von 1900 bis 1949 von
18,6 Millionen Menschen, die aus primär politischen Ursachen
umkamen, wobei er den größten Teil dieser Opfer den Warlords
und Nationalisten zuschreibt, den Kommunisten etwa 3,5 und den
Japanern 4,0 Millionen. Noch mehr Menschen starben allerdings
durch Hungersnöte, Seuchen, durch eine endemische zivile Gewalt
auf dem Land wie in den Städten sowie durch Naturkatastrophen,
was insgesamt eine Bilanz von 42 Millionen Toten ergibt. Die
Gründung der Volksrepublik setzte den Bürgerkriegen ein Ende,
aber nur um einen neuen Zyklus einseitiger staatlicher Gewaltex-
zesse zu eröffnen. Zwischen 1949 und 1987 sollen noch einmal
über 35 Millionen Menschen Opfer politisch begründeter Gewalt
geworden sein, zu denen die 27 Millionen Hungertoten von 1959
bis 1961 teilweise hinzuzurechnen wären, insgesamt etwa 62 Mil-
lionen Menschen. Auch wenn solche Angaben bestenfalls begrün-
dete Schätzungen seien, so Jürgen Osterhammel, handele es sich
»um einen der größten Fälle von ›Demozid‹ im 20. Jahrhundert«.4
Allerdings muss immer bedacht werden, dass das Mörderische
dieser unter den Sammeltitel einer »Revolution« gefassten sozialen
Eruptionen nur zu einem Teil Ergebnis organisierter staatlicher,
politischer oder militärischer Gewalt war. Gerade in China gehör-
ten in besonderem Maße auch »spontane« Gewaltexzesse mit ins
Bild, von den endemischen Bandenzügen und Gangsterkriegen
der 1920er und 1930er Jahre bis zu den exzessiven, vielfach kaum
kanalisierbaren Mordaktionen der maoistischen Agrarrevolution
oder den sektiererischen und grausamen Folter- und Tötungs-
zeremonien der Kulturrevolution. Dass auch in diesen Letzteren
womöglich nachvollziehbare und berechtigte Anliegen den Auslö-
ser bildeten – die verstopften Karrierezugänge für die Massen von
Oberschülern und Studenten, die schlechteren Arbeitsverträge für
ländliche Kontraktarbeiter in den Städten, die Proteste der ärme-
ren Gebiete gegen ihre Vernachlässigung in den Entwicklungsplä-
nen usw.5 – ändert nichts daran, dass die von reinen Machtmo-

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tiven und Wahnvorstellungen gesteuerten Kampagnen in einer
blutigen, autodestruktiven Raserei endeten, die Züge einer in ihrer
Art beispiellosen Massenpsychose annahm.
In der jüngsten, bisher vollständigsten Gesamtdarstellung der
Kulturrevolution, Mao’s Last Revolution von Roderick MacFar-
quhar und Michael Schoenhals, führen alle Wege letztlich in ein
Zentrum der Macht zurück, das zeitweise fast leer erschien. Der
zunehmend von Parkinson gezeichnete Revolutionsführer agierte
wie in einer Glasmenagerie, indem er sich mit endlosen, kom-
plizierten Personalrochaden befasste und in der sprunghaftesten
Weise »Kritiken« äußerte oder »Direktiven« erließ, die seine engs-
ten Mitarbeiter einfach nicht mehr verstanden – ohne es aber zu
wagen, ihr Unverständnis zu äußern.6 Auch hier stößt man, etwa
in der Person des exzentrischen Geheimdienstchefs Kang Sheng
oder des »kleinen Generals« und Mao-Stellvertreters Lin Piao, auf
ganz entsprechende Prozesse moralischer und psychischer Depra-
vation wie im engeren Umfeld Stalins.7 Hätte nicht die ordnende
Hand des heroischen Opportunisten Tschou En-lai (der fast als
einziger der alten Revolutionäre ungeschoren blieb) an entschei-
denden Wendepunkten diskret eingegriffen, hätte China abermals
zerbrechen können.
Gewiss: Geschichte lässt sich nicht auf Opferbilanzen und
Sozialkatastrophen reduzieren. Schließlich gehört es zu den ver-
störendsten Seiten der europäischen Geschichte im 20. Jahrhun-
dert, dass selbst in der Periode der Weltkriege und Bürgerkriege,
Depressionszeiten und faschistischen Regimes bedeutende sozi-
alökonomische, kulturelle oder wissenschaftliche Entwicklungen
zu verzeichnen gewesen sind. Nicht anders im zerrissenen China
der Republikzeit von 1911 bis 1949, dessen Lage inmitten aller
Kriegs- und Bürgerkriegswirren keineswegs so aussichtslos war,
wie insbesondere die kommunistische Historiografie sie später
gezeichnet hat.8 Auch in den Jahrzehnten des maoistischen Re-
gimes gab es natürlich Entwicklungen, die für das machtvolle
industrielle Take-off des Landes ab den 1980er Jahren mit tragend
gewesen sein dürften: ein staatlicher Gesamtrahmen immerhin,
ein Netz von Infrastrukturen und Eindeichungen, ein (wenn auch
wenig urbanes) Wachstum der großen Städte, eine elementare
Gesundheitsversorgung und allgemeine Schulbildung, sowie als

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vermutlich bedeutendstes sozialkulturelles Faktum die Änderung
der überkommenen Generations- und Geschlechterordnungen.
Aber abgesehen davon, dass es zynisch ist, »Bilanzen« aufzu-
machen, wo es keinen plausiblen oder gar »notwendigen« Zusam-
menhang zwischen den gewaltsamen Toden von damals und dem
reicheren Leben von heute gibt, bedurfte es doch einer neuen,
anderen historischen Zäsur, damit sich die Potenziale des Landes
endlich entfalten konnten. Auch in China musste Mao erst sterben,
damit der Maoismus sterben konnte. Die zwischen Angst, Trauer
und Erleichterung changierenden Ausbrüche, die den Tod Stalins
1953 begleitet hatten, fehlten bei Maos Begräbnis im September
1976 schon weitgehend. Erst recht fehlte jene überwältigende An-
teilnahme, die im Januar des gleichen Jahres die spontanen Trauer-
bekundungen nach dem Tod Tschou En-lais, des Reichsverwesers
Chinas, ausgezeichnet hatten – und die bereits Züge einer halbop-
positionellen Manifestation trugen. Jedenfalls fanden die Versuche
der »Viererbande« um die Maowitwe, die Nachfolge anzutreten,
weder im Apparat noch unter den vermeintlich maoistisch indok-
trinierten Massen die geringste Basis. Der Schauprozess, der ihnen
Jahre später gemacht wurde, war zugleich ein Scherbengericht
über die Kulturrevolution. In einer Resolution von 1980 wurde sie
in aller Form als ein »schwerer Rückschlag« für Partei, Staat und
Volk Chinas gewertet. Dabei setzte sich die Partei (wie in Chru-
schtschows Geheimrede 1956) selbst an die erste Stelle derer, die
»schwere Verluste« erlitten hätten. Und es wurde festgehalten, dass
diese »Kulturrevolution« (schon in Anführungszeichen) »vom
Genossen Mao Tse-tung initiiert und geleitet« worden sei. Sein
Wirken als »Großer Steuermann« blieb nach der einst auf Stalin
gemünzten Formel »siebzig Prozent gut, dreißig Prozent schlecht«
gleichwohl dem Erbe von Partei und Staat eingemeindet.9
Ws waren aber weniger diese ideologischen Rochaden, die es
der jetzt faktisch von Deng Xiao-ping als dem »kleinen Steuer-
mann« und Fortsetzer Tschous geleiteten Führung von Staat und
Partei erlaubten, in einer kurzen, betont knapp begründeten Wen-
dung zu jener pragmatischen Politik der »Vier Modernisierun-
gen« überzugehen, die den Beginn des steilen industriellen Take-
off Chinas markierte. Sondern es waren gerade die traumatischen
Erfahrung der »Kulturrevolution«, die am Ende »eine viel tiefer

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greifende kulturelle Revolution auslösten: nämlich genau die, die
Mao hatte verhindern wollen«.10
Die historische Referenz seiner Reformen hatte Deng schon im
Jahr nach Maos Tod in aller lakonischen Direktheit genannt, als
er sagte: »Die Meiji-Restauration11 war eine Art Modernisierungs-
feldzug, der von der aufsteigenden japanischen Bourgeoisie aus-
ging. Als Proletarier sollten und können wir das besser machen.«12
Diese »Meiji-Restauration« Dengs ist in der Tat zur großen Was-
serscheide der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert geworden.
Ganz wie in Japan hundert Jahre zuvor ist es durch die Öffnung
des Landes und seine Eingliederung in moderne weltwirtschaft-
liche Arbeitsteilungen gelungen, eine Fülle lange zurückgestauter
Entwicklungskeime zur Entfaltung zu bringen, vermutlich auf Ba-
sis einer alten agrarischen und handwerklichen Arbeitskultur und
früh entwickelter städtischer Lebensformen, die immer wieder
ausgelöscht, aber nie ganz zu eliminieren waren.
Auf dieser Basis war es der Kommunistischen Partei möglich,
die Klagen und Ansprüche der rückkehrenden Zwangsverschick-
ten der Kulturrevolution zu unterdrücken, die sich 1978/79 in einer
»Mauer der Demokratie« und anderen Formen äußerten, und zehn
Jahre später noch einmal die – von Teilen der Parteiführung mit
Sympathie betrachteten – Forderungen einer neuen Studentenge-
neration nach demokratischen Freiheiten und rechtlich gesicherter
Partizipation auf dem Tiananmen im Juni 1989 militärisch nieder-
zuschlagen. Seither ist die Volksrepublik China tatsächlich das, was
das maoistische China nie wirklich sein konnte: eine Modernisie-
rungs- und Entwicklungsdiktatur, die den eklatanten Widersprü-
chen, die dieser Begriff selbst beinhaltet, durch eine rastlose Flucht
nach vorn zu entkommen sucht. Die riskante Faustformel für »Sta-
bilität«, das heißt für die Dämpfung der latenten sozialen Unruhe,
heißt: mindestens acht Prozent Wachstum pro Jahr.

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Wege der Auflösung: Der Fall der Sowjetunion

Der Parallelblick auf die Sowjetunion zeigt, wie sehr sich die
beiden Hauptländer des Weltkommunismus nicht nur in einer
ansteigenden Rivalitätskurve, sondern in ganz eigenen Entwick-
lungsrhythmen und Zeithorizonten bewegten. So hatte schon
zwanzig Jahre früher eine ganz entsprechende Legitimationskrise
die KPdSU unter Chruschtschow nach der Verurteilung Stalins
und ersten Öffnungsübungen nach Westen veranlasst, die Wette
eines friedlichen Wettlaufs mit den USA einzugehen. Der Logik
des eigenen Arguments folgend, musste Chruschtschow auf dem
XXII. Parteitag im Oktober 1961 ein neues Programm vorlegen,
in dem verbindlich verkündet wurde, dass bis zum Jahr 1980
planmäßig die »materiell-technischen Grundlagen des Kommu-
nismus« geschaffen sein würden – während er seinem Sohn Sergej
schon keine Antwort mehr auf die Frage zu geben vermochte, was
der Kommunismus eigentlich sei.1
Worin lag sie also, die »große Ironie des Jahrhunderts«, von
der Hobsbawm gesprochen hat? Wenn im friedlichen »Wett-
kampf der Systeme«, zu dem die Mächte des Zeitalters letztlich
verurteilt waren, eine Partei die getriebene war, dann waren das
kaum die USA und die Länder des Westens, die diese Konkurrenz
nie fürchten mussten; und für deren Gewerkschaften und soziale
Bewegungen die Verhältnisse im »real existierenden Sozialismus«
hinter der Mauer selten ein positives Vorbild, eher schon eine Hy-
pothek waren. Als Getriebene erwiesen sich stattdessen die beiden
kommunistischen Großmächte, je mehr sie selbst und das um sie
gescharte Lager wuchsen. Vor allem die Sowjetunion blieb für die
gesamte Dauer ihrer Existenz eine Gefangene ihrer historisch-
politischen Rolle als Gegenmacht zum kapitalistischen Westen.
Und der überraschende amerikanisch-chinesische Friedensschluss
in Peking 1972 trieb sie nur noch tiefer in diese Rolle hinein. In
vieler Hinsicht ähnelte sie damit ihrem historischen Vorläufer,
dem Zarenreich, das ebenfalls wie im blinden Selbstlauf rüstete
und wuchs, ohne durch diese steten territorialen und hegemonia-
len Zuwächse an Stärke und Kohäsion zu gewinnen, im Gegenteil.
Die wilden Zickzacks, die die sowjetische Führung unter Chru-

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schtschow in ihrer inneren wie in ihrer äußeren Politik vollführte,
vom versöhnlichen »Geist von Genf« 1955 bis zur abenteuerlichen
Raketenstationierung auf Kuba 1962, waren ein getreuer Aus-
druck dieser vielfachen Zwangslagen; wie überhaupt die Figur
Chruschtschows in ihrer expressiven Widersprüchlichkeit dieses
»Gefangensein« schlagend zum Ausdruck brachte. Seine (im-
merhin friedliche) Ablösung brachte 1964 eine Führungsgarde
von seltener Homogenität an die Macht, die noch einmal einen
zwanzigjährigen Zyklus eröffnete, die Ära Breschnews. Es ist nicht
ohne tiefere Ironie und Bedeutung, dass diese nach dem Ende des
Großen Terrors in verantwortliche Positionen eingerückten, mür-
rischen Apparatschiks, denen ein uneingestandener Schrecken in
den Gliedern saß, sich jetzt ganz um den Zentralbegriff der »Sta-
bilität« scharten.
Gleich nach ihrem Machtantritt erfuhr die neue sowjetische
Führung allerdings durch ein internes Memorandum des führen-
den Ökonomen Abel Aganbegjan, dass nicht nur das Produktivi-
tätswachstum, sondern auch das absolute Wachstum der sowjeti-
schen Wirtschaft im Sinken begriffen war. Reformversuche unter
Premier Kossygin erwiesen sich jedoch als systemisch undurch-
führbar. Im Schtschekino-Experiment etwa sollten Belegschaften
nach Vorschlägen ihrer Betriebsleitungen selbst entscheiden, wie
sie die Produktivität und damit ihre Löhne und Gehälter erhöhen
und Arbeit einsparen könnten. Trotz oder gerade wegen der par-
tiellen Erfolge dieser Reformen wurden sie bald schon durch eine
latente soziale Unruhe von oben wie von unten ausgebremst.2
Dabei war die Sowjetunion in der Ära Breschnews das »höchst
industrialisierte« Land der Welt, insofern siebzig Prozent ihres Ka-
pitalstocks in Fabriken und Gruben, Transportmitteln und Bauten
feststeckten, mit einem entsprechenden laufenden Bedarf an Roh-
und Energiestoffen sowie an Erneuerungsinvestitionen. Sie produ-
zierte – und verbrauchte! – mit Abstand den meisten Stahl auf der
Welt (160 Mio. Tonnen)3, für ein reales Bruttosozialprodukt, das
entgegen den überzogenen Schätzungen der CIA-Analysten eher
dem eines mittelgroßen europäischen Landes entsprach.4 Und
während ihre militärischen Ausrüstungen zu Lande, zur See und
in der Luft (einschließlich des Weltraums) immer extravagantere
technische Standards erreichten, verfügte die Zivilwirtschaft der

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UdSSR in den 1980er Jahren über ganze 200 000 Computer, meist
von KGB-Firmen konspirativ auf dem Weltmarkt eingekauft. In
den USA waren damals bereits 25 Millionen Firmencomputer
oder PCs im Einsatz.5
Was die sowjetische Wirtschaft – und womöglich das Staats-
wesen im Ganzen – vor einem Abrutschen rettete, war der 1973
einsetzende Ölboom, der die Weltmarktpreise auf das Vierzigfa-
che hochschnellen ließ. Gerade erst zu einem Nettoexporteur von
Energiestoffen geworden, setzte die sowjetische Führung jetzt
ganz auf die Erschließung neuer Ölquellen und Gasfelder. Die Er-
löse der Öl- und Gasexporte der 1970er und 1980er Jahre, die bis
zu achtzig Prozent der Deviseneinnahmen ausmachten, waren das
Opiat, mit dem die schwächelnde Weltmacht sich aufrecht erhielt.
Damit konnten in beträchtlichem Umfang auch westliche Kre-
dite aufgenommen werden, mit denen Produktionsanlagen und
Technologien importiert oder selbst entwickelt wurden, die im
»friedlichen Wettkampf der Systeme« eine primäre Ausstattung
der sowjetischen Privathaushalte mit Kühlschränken und Fern-
sehern, teilweise mit PKW und in restriktiverem Maße sogar mit
Telefonen ermöglichte. Aber auch Weizen und Tierfutter wurden
in Mengen importiert. Es gab genug zu essen und die Chancen,
eine kleine Wohnung in den expandierenden Plattenbauten zu
erhalten, wuchsen für ein Kernsegment der neuen städtischen
Mittelschichten der UdSSR.
Dass diese – im Rückblick teilweise verklärten – »goldenen
Siebziger« nur eine systemische Krise artifiziell überbrückten, da-
durch aber erst vertieften, steht im Zentrum der Analyse Stephen
Kotkins. In seinem Essay Armageddon Averted 6 datiert Kotkin,
bekannt als der Autor einer großen, nicht ohne Bewunderung
verfassten Monografie über das stalinistische Musterkombinat
Magnitogorsk (Magnetic Mountain)7, den Beginn des sowjetischen
Kollaps’ gerade auf die frühen 1970er Jahre. Und im Mittelpunkt
steht insbesondere das Schicksal jener 15 000 Kombinate und Gru-
ben, in denen sich der schwerindustrielle Komplex – der Stolz der
Sowjetmacht also – verkörperte. Für diese Industrien, wie sie jedes
entwickelte Land (wenn auch in kleinerer Proportion) besaß, hatte
sich damals in den USA der derbe Begriff eines »Rostgürtels«
(rust belt) eingebürgert. Alle diese schwerindustriellen Rostgür-

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tel, vom Ruhrgebiet über Wales bis Pennsylvania, waren mit den
explodierenden Energiepreisen in den 1960er und 1970er Jahren
in tiefe Strukturkrisen geraten. Nach dem »Ölschock« 1973 zogen
sie in der Tat auch die westlichen Volkswirtschaften gehörig nach
unten, die sich aus dieser drückenden Phase einer »Stagflation«
jedoch um den Preis schmerzhafter und kostspieliger Umstruktu-
rierungen wieder lösen konnten. Genau diese Modernisierungen
versäumte die Sowjetunion, obwohl sie für einen kurzen Moment
sogar die Mittel dazu gehabt hätte – freilich nicht aus Versehen,
sondern weil ihr alle politischen Sensoren und praktischen Instru-
mente einer Selbstkorrektur fehlten.
Ebenso wenig Segen lag auf dem vermeintlichen Machtzu-
wachs, den der Zudrang immer neuer Verbündeter aus allen
Kontinenten mit sich brachte – nicht nur, weil das ebenso viele
neue Klienten waren, die auf Subventionen warteten, sondern weil
die eigenen militärischen und geopolitischen Zwänge der UdSSR
sich damit exponentiell vermehrten. Selbst die devisenträchtigen
Exporte von hochtechnischen Rüstungsgütern wie Kampfflugzeu-
gen, Raketensystemen usw., vor allem in die Krisengebiete des Na-
hen Ostens, konnten nicht verhindern, dass ihr stetig erweitertes
globales Engagement zu einem gewaltigen Verlustgeschäft wurde.
Während die UdSSR als Macht- und Militärstaat so von immer
wechselnden weltpolitischen Imperativen gefesselt und vom blin-
den Selbstlauf ihrer auf Parität oder gar Superiorität gerichteten
»strategischen Rüstungen« getrieben blieb, war sie gleichzeitig
doch immer auf stillschweigende Arrangements mit ihren westli-
chen Gegenspielern angewiesen. Soweit diese Arrangements Züge
einer ausgehandelten Détente annahmen, waren (etwa mit dem
Eintritt in den KSZE-Prozess ab 1973) sogar formelle Zugeständ-
nisse in Sachen Demokratie und Menschenrechte zu erbringen,
die wiederum die Erosionsprozesse an ihrer mitteleuropäischen
Peripherie wie im Innern des eigenen Landes verstärkten.
Als die Gerontokratie dieser Ära sich nach einem Interregnum
der Dauerbegräbnisse endlich selbst beerdigt hatte und im April
1985 mit der Wahl Michail Gorbatschows zum neuen General-
sekretär verspätet noch den überfälligen Generationsschnitt
vollzog, befand sich die Sowjetunion nicht nur in einer mühsam
kaschierten Rezession. Auch die ökologischen Verwüstungen

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nahmen dramatische, und mit der Kernschmelze in Tscher-
nobyl im April 1986 katastrophische Formen an, während eine
scharfe demografische Abwärtsspirale einsetzte und die Lebens-
erwartung russischer Männer sich nach kurzer Erholung wieder
Drittweltstandards annäherte. In all dem verbargen sich natürlich
vielfache weitere Prozesse sozialer und moralischer Desintegra-
tion und Degradation.
Gorbatschows Politik der »Perestrojka« (eines »Umbaus« von
oben, den er als »zweite Revolution« deklarierte) überschwemmte
das gealterte Gewebe dieser Gesellschaft gleichsam mit einer mas-
siven Hormondosis spätleninistisch inspirierter Kampagnen und
Mobilisierungsanstrengungen, mit zwiespältigen Resultaten. War
die Parole des neuen Generalsekretärs anfangs noch »Mehr Sozi-
alismus!« gewesen, was heißen sollte: »mehr Dynamik, Elan und
schöpferische Anstrengung, mehr Organisation, Gesetz und Ord-
nung […] mehr Patriotismus und Streben nach hohen Idealen«
usw.8, so wurde die neue Führung mit der Lockerung der Zensur
und der kontrollierten Zulassung inoffizieller Öffentlichkeiten
von jähen Strömen offener Gegenwartskritik und einer zeitweise
obsessiven Beschäftigung in Literatur, Kunst und Publizistik mit
den Abgründen der eigenen Vergangenheit überrumpelt und ent-
waffnet. Es begannen die ersten Exhumierungen von Opfern des
Massenterrors, es bildeten sich Gesellschaften politisch Verfolgter,
es gab erstmals seit den Revolutionsjahren wieder Streiks und
Demonstrationen, ein Fieber unkontrollierter Versammlungen
und unabhängiger oder sich unabhängig machender, der Zensur
entziehender Medien.
In diesem Prozess veränderten sich die Männer an der Spitze
selbst, allen voran Gorbatschow mit dem engsten Kreis seiner
Berater wie dem Chefideologen Alexander Jakowlew. Ab 1988 ge-
standen sie sich ein, dass es draußen in der Welt keine feindliche
Macht gab, die die UdSSR erobern oder vernichten wollte, und sie
begannen über politische und wirtschaftliche Reformen zu dis-
kutieren, die den Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung
tendenziell überschritten oder in Frage stellten. Freilich taten sie
das noch immer und vor allem, um das Imperium zu retten, das
im Zuge dieser Prozesse jetzt an seinen inneren und äußeren Peri-
pherien in Bewegung geriet – vor allem dort, wo Protestbewegun-

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gen wie im Baltikum direkten Anschluss an die Gärungsprozesse
in Polen und anderen Ländern Osteuropas hatten.
Die flankierenden Abrüstungsverhandlungen mit den USA und
der NATO sicherten dem letzten Generalsekretär der KPdSU ein
überragendes Prestige auf der Weltbühne, das ihm moralisch-poli-
tisch die Hände band, als die Dinge im mittelosteuropäischen Vor-
feld 1989 in Fluss gerieten. Besonders die deutsche Gorbymanie
dürfte dazu beigetragen haben, dass sich der Generalsekretär der
KPdSU 1990 ohne besondere Kompensationen die Zustimmung
zur deutschen Wiedervereinigung und mehr noch, zur NATO-
Erweiterung über die Elbgrenze hinaus, abhandeln ließ. Aber es
ging letztlich um mehr: Nicht nur der Feind war der Führung der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion abhanden gekommen;
sondern es zeigte sich fast so etwas wie ein Erlöschen der Über-
zeugung von der eigenen Sache im Zentrum der Macht.9
Nach dem Urteil vieler westlicher Sowjetologen sollen die
verspäteten, hektischen und halbherzigen Wirtschaftsreformen
Gorbatschows – die er noch kraft seiner sakrosankten Position als
Generalsekretär der KPdSU gegen eine wachsende Widerstands-
fronde durchsetzte – die Krise erst recht vertieft haben, weil sie die
alten dirigistischen Instrumente und Kontrollen, die wenigstens
ein stationäres Weiterwirtschaften garantiert hätten, außer Kraft
gesetzt habe, ohne die entscheidenden Schritte eines Aufbrechens
der Monopole, einer echten Preisreform und Herstellung autono-
mer Geld- und Kreditmärkte, einer Freigabe der Wirtschaftsbezie-
hungen zum Weltmarkt, einer Bodenreform usw. gehen zu können
oder zu wollen.10 Aber wäre ein stationäres Weiterwirtschaften
eine Alternative gewesen? Jedenfalls endete Gorbatschows Großer
Umbau, die Perestrojka, nach den halbfreien Wahlen in Polen, dem
Fall der Berliner Mauer, den Umstürzen in Prag und Bukarest, den
Unruhen im Baltikum, in Armenien und Aserbaidschan mit dem
abrupten Kollaps des sozialistischen Lagers, und kurz darauf auch
schon mit dem der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken selbst.
Die slapstickartigen Elemente, die das trug, waren schwerlich
zufällig: Erich Honeckers Falsett von 1989 »Vorwärts immer,
rückwärts nimmer!« oder Erich Mielkes abschließende Erklärung
»Ich liebe euch doch alle!«; das ungläubige Erstaunen auf dem Ge-
sicht des Nicolae Ceauşescu, als die Hunderttausenden vor seinem

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Palast ihm nicht zujubelten, sondern »Nieder!« schrien, oder die
vom Alkohol zitternden Hände des Gorbatschow-Stellvertreters
Janajew bei jener denkwürdigen Pressekonferenz, auf der er sich
als der Vorsitzende eines verfassungsmäßig vorgesehenen »Not-
standskomitees« vorstellte, das die angekündigte Machtüber-
nahme zur Rettung des Staates irgendwie nicht zuwege brachte
– vor allem deshalb, weil in der Figur des ebenfalls selten nüch-
ternen Boris Jelzin ein Gegenspieler aus ihrer Mitte die Bühne
betreten hatte, der auf den zentralen Unionsgebäuden in Moskau
statt der Sowjetfahne die russische Trikolore hissen ließ und mit
Stentorstimme sämtliche Kommandostäbe, Planbehörden und
sonstigen Instanzen des Imperiums seinem eigenen (durchaus
unkonstitutionellen) Kommando unterstellte.
Das alles sind nur Belege dafür, in welch sozial leerem Raum
die Führer der kommunistischen Parteien und Staaten mangels
klarer Gewaltenteilungen, mit eigener Autorität ausgestatteter, kri-
tik- und korrekturfähiger Vertretungskörperschaften, autonomer
und pluraler Öffentlichkeiten usw. bis zum Ende agierten. Kot-
kins Titel Armageddon Averted (Das verhinderte Armageddon)
verweist freilich darauf, dass die Sowjetunion selbst im Jahr 1992
noch immer die größte, bis an die Zähne gerüstete Militärmacht
der Welt war – deren halbwegs friedliche und vertragliche Auf-
lösung mit Blick auf den parallelen Zerfall Jugoslawiens in einer
Serie von Kriegen, Bürgerkriegen und Interventionen durchaus
Gefühle eines Ritts über den Bodensee hinterlässt.

Die postkommunistische Situation

Nach einer Lenin zugeschriebenen Formel ist eine revolutionäre


Situation dann gegeben, wenn die Herrschenden nicht mehr kön-
nen und die Beherrschten nicht mehr wollen. Das scheint auf die
Situation von 1989 durchaus zuzutreffen; nur dass die Revoluti-
onäre alten Stils fehlten, die den Unwillen der Massen offensiv
vertreten hätten; und dass die Frage gestellt werden könnte, ob die

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Herrschenden selbst eigentlich noch wollten. Ohne den Mut der
Hunderttausend Leipziger Demonstranten zu schmälern, stand
einem Erwin Krenz eine »chinesische Lösung« nach Lage der
Dinge, vor allem nach der Moral seiner Truppe, nicht mehr zur
Verfügung. Die einzigen Bilder, die an eine klassische Revolution
erinnern könnten: die zu Dutzenden erschossenen Demonstran-
ten und Streikenden in Rumänien, die Flucht des Despotenpaares
vom Dach ihres Zentralkomitees und das kurze, standrechtliche
Tribunal, das über sie gehalten wurde, sind bis heute mehrdeu-
tig. Sicher ist, dass die, die über Nicolae und Elena Ceauşescu so
hastig Gericht hielten, ihre eigenen Militärs und Geheimdienstler
waren, die sich damit eine neue Zukunft eröffneten.
Das lässt sich verallgemeinern. In fast allen postsowjetischen
Republiken waren die neuen Führer zunächst die alten oder ka-
men jedenfalls aus den bisherigen Machtclans. Aber auch in den
ehemaligen Volksrepubliken Mittelosteuropas, selbst im Polen
der »Solidarność«, waren es sehr bald gewendete Postkommunis-
ten, die sich im parlamentarischen Terrain gut behaupteten und
über weite Strecken die Regierungen stellten. Vielfach repräsen-
tierten sie politisch-ökonomische Kartelle jüngerer Parteikader
aus dem zweiten Glied, die bei der Privatisierung sozialistischer
Staatsbetriebe und Monopole ganz vorne mit dabei waren. Dass
horizontale oder vertikale Vernetzungen und Klientelstrukturen
sowie alle möglichen Formen einer »Privatwirtschaft« mitten im
sozialistischen Staatseigentum längst gang und gäbe waren, ist be-
reits erwähnt worden. Vielleicht konnte es angesichts des Mangels
alternativer Eliten nicht anders sein. Aber das Faktum dieser be-
trächtlichen soziopolitischen Kontinuität muss – fern aller Kons-
pirationstheorien – erst einmal festgehalten werden. Es macht den
widerstandslosen Übergang der alten Regimes und Nomenklatu-
ren in die neuen Verhältnisse jedenfalls sehr viel plausibler.
Darin könnte man zunächst einen zivilisatorischen Fortschritt
sehen. Immerhin bewiese das Schicksal der Machtformationen
kommunistischen Typs im 20. Jahrhundert, dass totalitäre Über-
spannungen ganzer Macht- und Gesellschaftssysteme sehr lange,
aber doch nicht ewig dauern können, dass sie sich früher oder
später von innen heraus erschöpfen und Prozessen einer neuen,
sich reorganisierenden zivilen Gesellschaftlichkeit Platz machen

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müssen. Eine rundum tröstliche Erkenntnis ist das allerdings
nicht. Denn der »postkommunistische Zustand« ist großteils der
einer sozialen Anomie und politischen Apathie, geprägt von ei-
nem weltanschaulichen und moralischen Zynismus aufseiten der
Herrschenden wie der Beherrschten, der sich wie das sarkastische
Gegenbild der universellen Ideologisierung und Moralisierung
von einst ausnimmt. Mit ins Bild gehört prototypisch (soweit nicht
die Europäische Union den Beigetretenen elementare Rechts- und
Sozialstandards vorgegeben hat): ein mehr oder weniger mafios
organisierter, von keiner Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung
begrenzter, durch gesetzliche Normen oder demokratische Öf-
fentlichkeiten kaum eingehegter, überwiegend auf den Weltmarkt
und bare Devisengewinne ausgerichteter, monopolistischer Ka-
pitalismus, der eine neue Oligarchie hervorgebracht hat, die sich
mit den politischen Funktionsträgern aller Ebenen zu einer »herr-
schenden Klasse« eher älteren als neuen Typs formiert hat. Das
verrät aber zunächst weniger über »den entfesselten Kapitalismus«
von heute, schon gar nicht im Gegensatz zu einem ideellen »Sozi-
alismus« von einst, sondern es verrät primär etwas über den Grad
der Zerstörung aller sozialen Bindungen und Verbindlichkeiten,
sicheren Rechtsgefühle, etablierten Aushandlungsverfahren usw.
nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur. Es ist also in genau
diesem Sinne ein »postkommunistischer« Zustand, der die »früh-
kapitalistischen« Verhältnisse ermöglicht hat.
Mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen müssten allerdings
tiefer graben. Sie hätten die mittragende Rolle der stets zitierten
»Massen« für die Konstitution und zeitweise Stabilität kommu-
nistischer Regimes und staatssozialistischer Gesellschaften noch
einmal näher zu untersuchen, eine Rolle, die (auch mangels si-
cherer Quellen) zu den am wenigsten ausgeloteten Seiten unserer
gesamten Fragestellung gehört. In welchem Grad kamen kommu-
nistische Systeme in Zeiten totalitärer Mobilisierung wie posttota-
litärer Stagnation nicht durchaus den regressiven Wünschen brei-
ter Massen von Menschen entgegen? Wenn die real existierenden
sozialistischen Systeme in sozialhistorischer Perspektive, statt zu
höheren, komplexeren, sich selbst tragenden Formen von Verge-
sellschaftung eher zu einer weniger komplexen, außengeleiteten
Organisation des sozialen Lebens führten, hatte das womöglich

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auch seine angenehmen Seiten, etwa im Sinne eines »einfachen
Lebens«. Hier liegt vermutlich die Wurzel der erstaunlichen Be-
reitschaft so vieler, sich einzufügen, mitzumarschieren, an den
richtigen Stellen zu klatschen, obwohl sie kein Wort des Gesagten
glaubten, bei irgendwelchen Pseudowahlen »falten zu gehen« oder
auch aktiv bei der Überwachung des »Lebens der anderen« mit-
zuwirken – sogar dann, wenn keine allzu schweren Repressionen
mehr drohten, wie etwa in der späten DDR oder CSSR.
Claude Lefort hat in seinen Reflexionen über den »Kommunis-
mus und das Dilemma der Demokratie« auf den alten philosophi-
schen Topos der »freiwilligen Knechtschaft« in Etienne La Boéties
gleichnamiger Schrift rekurriert, das heißt auf den menschlichen
Wunsch, sich gerade in der Unterwerfung unter eine (scharfe oder
milde) Tyrannei »ganz eins« (tout un) zu fühlen. Gerade in dieser
Hinsicht hätten die modernen Formen totalitärer Macht beunru-
higende Möglichkeiten aufgewiesen.1 Man kann dieses Problem
auch weniger zeitlos formulieren. Es sind schließlich die Anforde-
rungen einer immer komplexer werdenden, immer höhere psychi-
sche und organisatorische Alltagsleistungen abnötigenden, immer
rastloseren kapitalistischen Moderne selbst, die im Gegenzug re-
gressive Wünsche nach kommunistischer, traditionaler oder reli-
giöser Verbindlichkeit produzieren, nach Zuständen also, worin
Gesellschaft noch einmal eine beschützende Solidargemeinschaft
oder »große Familie«, verschworene Kampfgenossenschaft, inspi-
rierte Gemeinde oder vielfarbige Umma der Rechtgläubigen aller
Völker wäre, die sich einem ein für alle Mal gegebenen »Gesetz«
unterwürfe, welches von den dazu Berufenen ausgelegt und ange-
wandt würde. Was anderes war der Kommunismus? Dass es ihn so
niemals gegeben hat (so wenig wie die große islamische Umma),
ändert nichts an der Universalität dieses Wunsches.
In der Realität der heutigen postkommunistischen Gesellschaf-
ten geht es letztlich allerdings mehr um einen Phantomschmerz
als um irgendeinen realen Drang nach Rückkehr in alte Zustände,
die in der Realität ja auch alles andere als »beschützend«, »solida-
risch« oder »inspiriert« waren. Die ganze Paradoxie eines postto-
talitären mind-set enthüllt sich erst beim Blick auf diejenigen, die
selbst zu den überlebenden Opfern des Großen Terrors von einst
oder zu den Angehörigen der Ermordeten, Umgekommenen oder

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aus der Bahn Geworfenen gehören. Sie alle blicken auf Jahrzehnte
eines verordneten und habituell gewordenen Schweigens zurück,
das bis tief in die Familien hineinreichte. Wie Orlando Figes in
seiner groß angelegten biografischen Untersuchung Die Flüsterer
gezeigt hat, internalisierten die »Angehörigen von Volksfeinden«
oder »Kulakenkinder« meist in absurder Weise das ihnen aufge-
drückte soziale Stigma, fast wie einen »genetischen Defekt«, und
versuchten es eher durch besondere Leistungsbereitschaft oder
Loyalität vergessen zu machen – um sich auf diese Weise einen
Weg zurück in die Gesellschaft zu bahnen und ihre Kinder und
Enkel »nicht zu belasten«. Überhaupt produzierte der allgegen-
wärtige Terror klebrige Bindungen zwischen den Terrorisierten
und der Macht, die denen von misshandelten Kindern an ihre
gewalttätigen Eltern glichen – wenn nicht gar einem kollektiven
»Stockholm-Syndrom«. Aber noch mehr: Gerade der offizielle
sowjetische Diskurs, worin die Opfer des Terrors mit denen
des Großen Vaterländischen Krieges und mit allen Härten und
Entbehrungen des »sozialistischen Aufbaus« ununterscheidbar
zusammenflossen, war auch für die Überlebenden oder Ange-
hörigen ein Modus, die eigenen traumatischen Erfahrungen zu
bewältigen. So fließen in Städten wie Norilsk oder Magadan, die
einst so etwas wie den Kältepol der stalinistischen GULag-Welt
bildeten und in denen heute die Nachfahren der ehemaligen
Häftlinge und ihrer Wärter zusammenleben, alle Leidenserfah-
rungen in einem hybriden lokalpatriotischen Bürgerstolz zusam-
men, der in der kollektiven »Sklavenarbeit für das stalinistische
Regime wurzelt«, so Figes.2
Catherine Merridale bezweifelt in ihrer Untersuchung über
Leiden und Sterben in Russland (Steinerne Welt) nach ihren Ge-
sprächen mit Überlebenden und Hinterbliebenen sogar die An-
nahme, es müsse angesichts der unterdrückten Erfahrungen des
Massenterrors so etwas geben wie »Traumata, die von einer Ge-
neration auf die andere übergingen« (wie sie Figes etwa voraus-
setzt3). So weit diese alten Männer und Frauen überhaupt bereit
waren, über ihre Leiden zu sprechen, oft zum ersten Mal, aber nie
unter Tränen, zeichneten sie eher »Bilder des Stolzes und nicht
des individuellen Schmerzes« – eines Stolzes auf das eigene Über-
leben.4 Und so sehr Merridale diese psychischen Bewältigungs-

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formen mit tief verwurzelten, spezifisch russischen Haltungen
zu Tod und Leiden in Verbindung bringt, so irritiert konstatiert
auch sie, dass die sowjetische Manier, »durch Arbeit, Gesang und
das Schwenken roter Fahnen« sowie einen aufgesetzten Optimis-
mus über die ungeheuerlichen Verluste (die persönlichen wie die
kollektiven) hinwegzugehen, auf irgendeine Weise funktioniert
haben müsse. Selbst wenn die Betroffenen heute über diese frü-
heren Rituale lachten, sehnten sie sich nach »der Kollektivsphäre
und dem Gemeinsinn zurück«, den sie mehr als Wunsch denn als
Wirklichkeit erlebt hatten. Kurzum, so Merridale: »Der Totalita-
rismus hat bis zu einem gewissen Grad funktioniert«5 – gerade
weil er sich mit älteren kulturellen Formen und Mentalitäten
amalgamiert hatte.
Über das alles lässt sich nur mit größter Zurückhaltung urtei-
len. Und was weiß man schon über die Art und Weise, in der die
Menschen in Ländern wie Albanien, Nordkorea oder Vietnam ihre
Erfahrungen verarbeitet haben, oder eben in China. Was bedeu-
tete es zum Beispiel, dass der maoistische Massenterror – anders
als in der stalinistischen Sowjetunion – fast immer in ausgedehn-
ten Ritualen vor großen Massen ausgeübt wurde, die dadurch ih-
rerseits terrorisiert, aber zugleich auch mit »Blutsbanden« an das
Regime gefesselt wurden? Macht es den Schrecken wie die Em-
pörung nicht im Nachhinein fast abstrakt, wenn kaum noch eine
Regel zu erkennen war, wer in welcher Weise zum Opfer wurde
und wer nicht? Nahm der Terror damit nicht fast den Charakter
eines Unglücksfalls, eines Verhängnisses, einer gesellschaftlichen
Naturkatastrophe an? Ist es womöglich leichter, mit Menschen, die
im Nationalsozialismus als designierte Opfer aus der Gesellschaft
herausselektiert wurden (als Juden, Zigeuner, »Lebensunwerte«)
oder die Opfer eines maßlosen Vernichtungskriegs gegen andere
Länder und Völker wurden, posthum empathisch mitzufühlen,
und sich als Nachgeborener zugleich von denen, die als »Täter«,
»Mittäter« oder »Zuschauer« daran mitgewirkt haben, innerlich
klar abzugrenzen – als eine Situation intellektuell und emotional
zu verarbeiten, in der in der Blüte ihres Lebens stehende Kolle-
gen, Nachbarn, Verwandte nachts lautlos abgeholt oder einem
öffentlichen Tribunal unterzogen wurden, nur um irgendwann
später (aber darüber durfte niemand sprechen) in irgendeinem

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Erschießungskeller vor der Stadt im Fließbandverfahren liquidiert
oder in einem Arbeitslager an Typhus und Entkräftung zu sterben
und irgendwo im weiten, wegelosen Land in einem Massengrab
anonym verscharrt zu werden?
Jedenfalls hat es viele, sowohl politische wie psychische wie
intellektuelle, Gründe, warum die Auseinandersetzung mit den
Abgründen der eigenen Geschichte in den Hauptländern des heu-
tigen Postkommunismus ungleich schwieriger und langwieriger
ist als die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus oder mit an-
deren faschistischen Regimes dieses Zeitalters, deren Verbrechen
immerhin gleich nach dem angezettelten und verlorenen Welt-
krieg 1945 offen zutage lagen. Für die Mordtaten kommunistischer
Regimes ist niemand verurteilt worden und wird auch niemand
mehr verurteilt werden – mit Ausnahme vielleicht einer Handvoll
Roter Khmer. Alles versinkt im Morast einer historischen Tragik,
die Mörder und Gemordete gleichermaßen umschließt, während
die Orte des einstigen Schreckens im Wind der Geschichte ver-
wehen.
Und schließlich kommt, was die sowjetischen Opfer betrifft,
noch etwas anderes hinzu, auf das Catherine Merridale hingewie-
sen hat – nämlich dass gerade für die Überlebenden dieses Zeital-
ters von Terror und Krieg die postsowjetische Welt »wenn möglich
noch härter« ist, jedenfalls in ihrer eigenen Wahrnehmung als alte
Menschen, deren Renten fast wertlos geworden und deren Erspar-
nisse über Nacht vernichtet worden sind. Für die etwas jüngeren
Überlebenden der maoistischen Terrorkampagnen mag dieses
Schicksal im aufstrebenden China der letzten beiden Jahrzehnte
nicht ganz so harsch gewesen sein. Aber hier wie dort stoßen alle
traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit auf eine grelle,
rücksichtslose Gegenwart, in der die Länder des Postkommunis-
mus mit mehr oder weniger Erfolg zu »Tigerstaaten« geworden
sind, die nun erst recht und auf modernstem Standard industriell,
infrastrukturell, informationell und konsumtiv nachrüsten.
Erst der Kollaps des »sozialistischen Lagers« hat ja die kapi-
talistische »Globalisierung« vollendet, das heißt endgültig einen
integrierten Weltmarkt geschaffen, der tatsächlich das ist, was
der Name besagt. Dieser durch eine sprunghafte Ausdehnung
der Kommunikationen hergestellte globalisierte Waren- und Ka-

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pitalmarkt war der Rahmen, in dem sich der weltwirtschaftliche
Entwicklungsschub der letzten zwanzig Jahre insgesamt vollzogen
hat, in dem sich dann allerdings auch – irgendwo zwischen dem
angelsächsischen Immobilien- und Derivatenmarkt und den An-
lage suchenden russischen Milliarden und chinesischen Billionen
– die »Blasen« gebildet haben, die zum Crash der Finanzmärkte
von 2009 geführt haben.
In allen diesen Hinsichten stellt gerade der entfesselte, weder
demokratisch noch rechtlich noch zivilgesellschaftlich eingehegte
Kapitalismus der postkommunistischen Länder alle Zeichen wie-
der auf die Anfänge zurück, von denen alle demokratischen und
sozialistischen Bewegungen vor mehr als 150 Jahren einmal ihren
Ausgang genommen haben. Alle alten Fragen, die sich an die ant-
agonistischen Formen einer gesellschaftlichen Reichtumsproduk-
tion knüpfen, wie sie von Marx und anderen aufgeworfen worden
sind, stehen – in neuem, globalem Maßstab und auf einer höheren
ökonomischen und sozialkulturellen Entwicklungsstufe – wieder
zur Debatte.
»Als das rastlose Streben nach der allgemeinen Form des
Reichtums treibt das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer
Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente
für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig
in ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher
auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tä-
tigkeit selbst erscheint […]«.6 Es muss wohl kaum gesagt werden,
dass die Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert von
allen diesen ursprünglich mit dem Begriff verbundenen Fragen
und Erwartungen weit entfernt war – oder fast nichts wusste.

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Nachwort

Dieser Essay ist aus zwei Vorträgen und einer Arbeitstagung am


»Freiburg Institute for Advanced Studies« (FRIAS) hervorgegan-
gen. Durch ein großzügiges Fellowship in den Jahren 2008/2009
war es mir dort möglich, eine länger geplante vergleichende
Geschichte des Kommunismus in Angriff zu nehmen. Der hier
vorliegende Text ist also ein erster, tastender Schritt auf dem Weg
dieses größeren Vorhabens, das unter dem Arbeitstitel »Der Kom-
munismus in seinem Zeitalter« steht und sich in einem sehr viel
weiter ausgreifenden Buch niederschlagen soll.
Mein Dank gilt dem Wissenschaftlichen Beirat der FRIAS
School of History sowie inbesondere den beiden Ko-Direktoren,
Ulrich Herbert und Jörn Leonhard, die mir dieses konzentrierte
Arbeiten durch die Berufung als Senior Fellow erst ermöglicht ha-
ben. Er gilt ebenso meinen Ko-Fellows dieser beiden wunderbaren
Freiburger Jahre – für alle ihre Anregungen, ihre Unvoreingenom-
menheit und für die vielen offenen Diskussionen. Jörg Später hat
die Verfertigung meiner Gedanken beim Schreiben geduldig be-
gleitet und diesen Text sorgsam redigiert. Laetitia Lenel ist mir bei
Literaturrecherchen und der Endnotenrevision behilflich gewe-
sen. Das professionelle Risiko, das ein handstreichartiger Versuch
wie dieser angesichts des Umfangs und Gewichts des Themas,
der fragmentarischen Quellenüberlieferung und einer nahezu
unüberschaubaren Forschungsliteratur nun einmal darstellt, trage
ich natürlich selbst.

Freiburg, Dezember 2009 Gerd Koenen

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Anmerkungen

Was war der Kommunismus?

1 Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhun-
derts, München, Wien 1995, S. 22f.
2 Claude Lefort, Complications. Communism and the Dilemmas of Democracy,
New York 2007.
3 Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische The-
orie der Globalisierung, Frankfurt am Main 2005.
4 Die maßgebliche Darstellung in deutscher Sprache ist noch immer Michael
Rohrwasser, Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommu-
nisten, Stuttgart 1991.
5 Vgl. das unverändert eindrückliche Zeitzeugnis von Wolfgang Leonhard, Die
Revolution entlässt ihre Kinder, Köln 1955 (Reprint Köln 2005).

Kommunismus als geschichtliches Phänomen

1 Lenin, »Ratschläge eines Außenstehenden«, in: Lenin Werke (im Folgenden:


LW), Bd. 26, S. 168.
2 Helmut Fleischer, »Lenin historisch lesen«, in: Jahrbuch für historische Kom-
munismusforschung 1994, S. 179–188; Zitat S. 179.
3 Robert Service, Comrades! A History of World Communism, Cambridge 2007.
4 Archie Brown, Aufstieg und Fall des Kommunismus, Berlin 2009.
5 Vgl. Christopher Bayley, The Birth of the Modern World. 1780–1914. Global
Connections and Comparisons, Oxford 2004.
6 Ulrich Herbert, »Europe in High Modernity: Reflections on a Theory of the
20th Century«, in: Journal of Modern European History, Vol. 5 (2007), No. 1,
S. 5–20.

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Der historische Ort des Bolschewismus

1 Lenin, »Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung«, in: Lenin, Ausge-
wählte Werke, Bd. 1, Berlin 1981, S. 166.
2 Simon Sebag Montefiore, Der junge Stalin, Frankfurt am Main 2007.
3 Lenin, Was tun?, S. 254.
4 Ebenda, S. 164.
5 Vgl. Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch, Frank-
furt am Main 2008. Das philosophische Konzept des »Thymos« ist vor allem
von Francis Fukuyama in seinem Buchessay The End of History and the Last
Man (New York 1992), der ersten großen Reflektion über die weltgeschicht-
liche Bedeutung des Umbruchs von 1989, wiederbelebt und ins Zentrum der
Diagnose gestellt worden. Unter »Thymos« versteht Fukuyama im Anschluss
an Hegel und Kojève wesentlich das »Bedürfnis nach Anerkennung« oder
»Selbstachtung«. Sloterdijk hat diesen Begriff – auch mit Blick auf die kom-
munistischen Bewegungen – auf die Grundemotion eines aus vielen Quellen
gespeisten, latent gewaltbereiten »Zorns« zugespitzt, in dem sich ein Streben
nach Anerkennung und Selbstachtung Geltung verschaffe.
6 Vgl. Jörg Baberowski, Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Eine konzise
Zusammenfassung findet sich etwa in seinem Aufsatz »Auf der Suche nach
Eindeutigkeit. Kolonialismus und zivilisatorische Mission im Zarenreich
und in der Sowjetunion«, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 47 (1999),
S. 482–504.
7 Vgl. Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deu-
tung, Frankfurt am Main 2000.
8 Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahr-
hunderts, München 2009.
9 Vgl. Ebenda, S. 798–807.
10 Das berühmte Zitat findet sich, eher en passant, in: George Kennan, Die
französisch-russische Annäherung 1875–1890, Berlin, Wien 1981, S. 12.
11 Mao Tse-tung, »Strategie des chinesischen revolutionären Krieges«, in: Mao
Tse-tung, Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt. Mit
einem einleitenden Essay von Sebastian Haffner, Reinbek 1966, S. 45.
12 Lenin, »Der Krieg und die russische Sozialdemokratie«, in: LW, Bd. 21, S. 20.
13 Lenin, »Der europäische Krieg und der internationale Sozialismus«, in:
Ebenda, S. 8.
14 Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinver-
ständlicher Abriss, in: LW, Bd. 22, S. 191–309.
15 Vgl. Ebenda, S.  263f. Zur Bewunderung der Bolschewiki für die deutsche
Kriegswirtschaft insgesamt vgl. Edward H. Carr, The Bolshevik Revolution
1917–1923, Bd. 2, London 1976, S. 361ff.
16 Vgl. Michael Futrell, The Northern Underground. Episodes of Russian Revo-
lutionary Transport and Communications through Scandinavia and Finland
1863–1917, London 1963.
17 Vgl. die detaillierte Zusammenstellung aller bekannten Details über die Ver-
bindungen Lenins mit deutschen Stellen und vermittelnden Figuren wie Par-

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vus Helphand u.a. in Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen
und der Osten 1900–1945, München 2005, S. 76–97.
18 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Sozio-
logie (Studienausgabe), Kapitel IX: Herrschaftssoziologie, 5. Abschnitt: Die
charismatische Herrschaft und ihre Umbildung, S.  832–873. Wie wenig
Weber das Neuartige des Bolschewismus noch registrierte und erfasste, zeigt
seine Wiener Sozialismus-Rede vom Sommer 1918: Der Sozialismus. Mit
einer Einführung von Herfried Münkler, Weinheim 1995.

Leninismus als totalitäres Projekt

1 Lenin, »Staat und Revolution«, in: LW, Bd. 25, S. 487ff. – Alle Hervorhebun-
gen hier wie in sämtlichen Lenin-Zitaten im Original.
2 Ebenda, S. 482.
3 Lenin, »Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?«, in: LW, Bd.
26, S. 92f.
4 Vom Ziel der »Sowjetisierung« (sovjetisazija) spricht Lenin mit größter
Unbefangenheit etwa in einer Rede auf einer internen Parteikonferenz im
September 1920, in der er über die Ziele des gescheiterten Vorstoßes auf
Warschau sprach. In: LW, Bd. 31, S. 203–222. In vollständiger Fassung erst-
mals veröffentlicht in: »Ja proschu zapisivat’ men’sche: eto ne dolžno popadat’
w pečat’«, in: Istoričeskij Archiv 1 (1992), S. 12–30.
5 Lenin, (Referat auf dem XI. Parteitag – Originaltitel), in: LW Bd. 33, S. 286.
Vgl. zu diesem Komplex auch Michail Heller / Alexander Nekritsch, Ge-
schichte der Sowjetunion, Band I: 1914–1939, Frankfurt 1985, S. 126ff.
6 Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolu-
tion 1891 bis 1924, Berlin 1998, S. 686. Vgl. auch die Aufstellung der mensch-
lichen und materiellen »Kosten« des Bürgerkriegs in: Evan Mawdsley, The
Russian Civil War, Edinburgh 2008, S. 396–403.
7 Eine konzise Zusammenfassung der Bedingungen des Sieges der Bolschewiki
im Bürgerkrieg findet sich etwa in Dietrich Beyrau, Petrograd, 15. Oktober
1917. Die russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus, München
2001.
8 Sebastian Haffner, »Der neue Krieg«, Einführung zu: Mao Tse-tung, Theorie
des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt, Reinbek 1966, S. 5–33; Zi-
tate S. 7f.; 22f.
9 Lenin, »Wie soll man den Wettbewerb organisieren?«, in: LW, Bd. 26, S. 413.
10 Maxim Gorki, Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, Frank-
furt am Main 1974, S. 98. Im Original bezeichnet Gorki Lenin als »barin«,
als »jungen Herrn adeliger Herkunft«, dem »gewisse seelische Eigenschaften
dieses ins Nichts verschwundenen Standes […] nicht fremd« seien und der
sich deshalb für berechtigt halte, »mit dem russischen Volk ein grausames
Experiment zu machen, das schon im Voraus zum Scheitern verurteilt ist«.
11 Beide Telegramme Lenins an seine Frontkader vom 4. Juni und 11. August
sind (neben zahlreichen anderen) dokumentiert in: Lenin, Neizvestnye Do-

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kumenty 1891–1922, Moskau 1999, S. S. 239; 246. Ebenso in Richard Pipes
(Hg.), The Unknown Lenin. From the Secret Archives, Yale 1996, S. 46; 50.
12 Maxim Gorki, Vom russischen Bauern, Berlin 1922. Der Text findet sich
nachgedruckt im Anhang von Alexander W. Tschajanow, Reise meines Bru-
ders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie, hrsg. von Krisztina Mänicke-
Gyöngyösi, Frankfurt am Main 1981, S. 89–110.
13 Gorki, »Lenin«, in: Kommunistische Internationale 12 (1920). Über das wi-
dersprüchliche Verhältnis von Gorki und Lenin vgl. auch Gerd Koenen, Die
Großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao Tse-tung. Führerkulte und Heldenmythen
des 20. Jahrhunderts, Frankfurt 1991, S. 46ff.; 58ff.
14 Gorki, »Wladimir Iljitsch Lenin (Tage mit Lenin)«, in: Gorki, Literarische
Porträts, Berlin-Weimar 1979, S. 5–56.
15 Gorki, Vom russischen Bauern, S. 107f. Vgl. insgesamt dazu auch Hans Gün-
ther, Der sozialistische Übermensch. Maxim Gorki und der sowjetische Helden-
mythos, Stuttgart 1993.
16 Vgl. Benno Ennker, Die Anfänge des Leninkults in der Sowjetunion, Köln,
Weimar, Wien 1997, insbesondere S. 100–111. Sowie I. Košeleva/N. Tepcov,
Smert’ Lenina, »Narodnaja molva v. specdonesenijach OGPU«, in: Neizvest-
naja Rossija, XX wek, Bd. 4, Moskau 1995, S. 9–24.

Vom russischen zum »Weltbolschewismus«

1 Vgl. meine Darstellung der deutsch-bolschewistischen Verhandlungen im


Frühjahr und Sommer 1918 in: Koenen, Russland-Komplex, S.  170–172,
sowie sehr viel ausführlicher in der Erstfassung: »Rom oder Moskau«.
Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924
(Diss. Tübingen 2003), S.  295–327 (http://w210.ub.uni-tuebingen.de/dbt/
volltexte/2003/1020/).
2 Diesen zentralen Gedankengang, den Lenin gleich nach dem Brester Frieden
in einem Artikel »Die Hauptaufgabe unserer Tage« entwickelt hatte, vertiefte
er im Mai in einer für die eigenen, widerstrebenden Parteikader bestimmten
Broschüre unter dem Titel »Über ›linke‹ Kinderei und über Kleinbürgerlich-
keit«, in: LW, Bd. 27, S. 147ff.; 326ff.
3 Rede in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivko-
mitees, 29. Juli 1918, in: LW, Bd. 28, S. 9; 14f.
4 »Genossen Arbeiter! Auf zum letzten entscheidenden Kampf!«, in: LW, Bd.
28, S. 40–43.
5 Lenin, »Rede über die internationale Lage«, 8. November 1918, in: LW 28,
S. 156.
6 Lenin, »Wertvolle Eingeständnisse Pitrim Sorokins, ›Prawda‹«, 21. Novem-
ber 1918«, in: LW 28, S. 185.
7 Hier zit. nach Wolfgang Leonhard, Völker hört die Signale! Die Anfänge des
Weltkommunismus 1919–1924, München 1981, S. 17.
8 »Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische
Internationale, angenommen auf dem II. Kongress der Kommunistischen

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Internationale«, 6. August 1920, in: Komintern und revolutionäre Partei. Aus-
wahl von Dokumenten und Materialien 1919–1943, Berlin 1986, S. 78–85.
9 Lenin, »Referat über die internationale Lage und die Aufgaben der Kommu-
nistischen Internationale vom 19. Juli 1920«, in: LW, Bd. 31, S. 203–222.
10 Lenin, »Rede auf der IX. Gesamtrussischen Konferenz der KPR(B), 22. Sep-
tember 1920«; vgl. Anmerkung 33.
11 Zitiert nach Leonhard, Völker hört die Signale!, S. 210.
12 Vgl. Ebenda, S. 211–126.
13 Zitiert nach Ebenda, S. 276.
14 Mao Tse-tung, »Über die Klassen in der chinesischen Gesellschaft (März
1926)«, in: Mao Tse-tung: Ausgewählte Werke, Bd. 1, Peking 1968, S. 9–19.
15 Über die Subventionen an die Parteien der Komintern vgl. Kevin McDer-
mott/Jeremy Agnew, The Comintern. A History of International Communism
from Lenin to Stalin, London 1996, S.  25f. Die archivalische Basis für alle
neueren Untersuchungen lieferten die für den (abgeblasenen) Prozess gegen
die KPdSU zusammengestellten Dokumente: Lora Soroka, Fond 89. Commu-
nist Party of the Soviet Union on Trial. Archives of the Communist Party and
Soviet State, Stanford 2001.

Sowjetrussland als Utopicum

1 Vgl. etwa meinen Überblick über die frühe Reiseliteratur in: Koenen, Russ-
land-Komplex, S.  301–322; sowie Karl Schlögel, Berlin Ostbahnhof Europas.
Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert, Berlin 1998, S. 39–57.
2 Die Große Utopie. Die russische Avantgarde 1915–1932, Katalog zur Ausstel-
lung in der Schirn-Kunsthalle, Frankfurt am Main 1992.
3 Karl Schlögel, Jenseits des großen Oktober. Petersburg. Das Laboratorium der
Moderne, Berlin 1998.
4 Um den Titel eines berühmten Films von Nikita Michalkow über die Stalin-
Zeit zu zitieren.
5 Diese Metapher findet sich immer wieder in der Literatur der zwanziger
Jahre, etwa im Dialog eines revolutionären Arbeiters und ungläubigen Bür-
gers in Maxim Gorkis Erzählung »Dnjepostroj«, in: Helmut Müller-Muck
(Hg.), Gorki. Ein Lesebuch für unsere Zeit, Weimar 1953, S. 451f.
6 Leo Trotzki, »Die Kunst der Revolution und die sozialistische Kunst«, in:
Literatur und Revolution. Nach der russischen Erstausgabe von 1924, Berlin
1968, S. 215.
7 Michael Hagemeister, »›Unser Körper muss unser Werk sein‹. Beherrschung
der Natur und Überwindung des Todes in russischen Projekten des frühen
20. Jahrhunderts«, in: Boris Groys/Michael Hagemeister, Die Neue Mensch-
heit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts,
Frankfurt am Main 2005, S. 19–67; Zitat S. 66.
8 Ebenda, S. 36.
9 Ebenda, S. 37.
10 Ebenda, S. 36f.

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11 Vgl. zu dem gesamten Komplex meine ausführliche Darstellung in: Gerd
Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998,
S. 125–145.
12 Vgl. Kirill Rossjanow, »Gefährliche Beziehungen. Experimentelle Biologie
und ihre Protektoren«; sowie Hans-Walter Schmuhl, »Rassenhygiene in
Deutschland – Eugenik in der Sowjetunion. Ein Vergleich«, in: Dietrich Bey-
rau (Hg.), Im Dschungel der Macht. Intellektuelle Professionen unter Stalin
und Hitler, Göttingen 2000, S. 340–359; 360–377.
13 Immer noch höchst lesenswert: Bertram D. Wolfe, Sechs Schlüssel zum
Sowjet-System, Frankfurt am Main 1959, S. 70–87. Vgl. auch Shores A. Med-
wedjew, Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert, Hamburg 1971.

Kapitalistische Weltkrise und Internationale

1 Vgl. Eva Ingeborg Fleischhauer, »Rathenau in Rapallo. Eine notwendige


Korrektur des Forschungsstandes«, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
54 (2006) 3, S.  365–415, die auf das auffällige Fehlen aller soliden Quellen
über die deutsch-sowjetischen Verhandlungen verweist. Über die komplexe
Situation auf der Weltwirtschaftskonferenz in Genua vgl. Carole Fink/Axel
Frohn/Jürgen Heideking (Hg.), Genoa, Rapallo, and European Reconstruction
in 1922, Cambridge 1991.
2 Alexander Radó, Atlas für Politik, Wirtschaft, Arbeiterbewegung, Berlin 1930.
3 Clara Zetkin, »Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht auf dem Erweiter-
ten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, 20.
Juni 1923«, in: Dies., Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 2, Berlin 1960,
S. 689f.
4 Karl Radek, »Der internationale Faschismus und die Kommunistische Inter-
nationale«, in: Inprekorr, Bd. 3, 115 (09.07.1923), S. 1014.
5 Karl Radek, »Leo Schlageter – ein Wanderer ins Nichts«, Rede auf der Sit-
zung der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale am
20.06.1922.
6 Karl Radek, »Der Faschismus, wir und die deutschen Sozialdemokraten«, in:
Inprekorr, Bd. 3, 114 (6.7.1923), S. 1174.
7 McDermott, The Comintern, S. 49f.
8 J. Stalin, »Die Revolution in China und die Aufgaben der Komintern«, in:
Stalin Werke, Bd. 9, S. 270.
9 McDermott, The Comintern, S. 62–66.
10 Vgl. Eric D. Weitz, »State Power, Class Fragmentation, and the Shaping of
German Communist Politics, 1890–1933«, in: Journal of Modern History 62
(1990) 2, S. 257–295; sowie Klaus-Michael Mallmann, Kommunisten in der
Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darm-
stadt 1996.
11 »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen
Volkes«, in: Die Rote Fahne 24 (1930).
12 Archie Brown, Aufstieg und Fall, S. 136–143.

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13 Zahlen nach Hermann Weber, »Kommunistische Internationale«, in: Lexi-
kon des Sozialismus, Köln 1986, S. 323.

Der »Große Umschwung« als irreversible Zäsur

1 Lenin, Ansprache auf dem Parteitag der KPR (B) (Originaltitel), in: LW, Bd.
33, S. 266. Zur Interpretation dieser Passage vgl. Helmut Fleischer, Epochen-
phänomen Marxismus, Hannover 1993, S. 52ff.
2 Aus einer umfangreichen Literatur vgl. etwa: Paul R.Gregory, The Political
Economy of Stalinism. Evidence from the Soviet Secret Archives, Cambridge
2004, S. 31–39.
3 Jeffrey J. Rossmann, »Weaver of rebellion and poet of resistance: Kapiton
Klepikov (1880–1933) and shop-floor opposition to Bolshevik rule«, in: Jahr-
bücher für Geschichte Osteuropas, 44 (1996), S. 374–408.

Politische Ökonomie des realen Sozialismus

1 Vgl. die ausführliche Diskussion der Moderne-Begriffe am sowjetischen


Beispiel in: Stefan Plaggenborg, Experiment Moderne. Der sowjetische Weg,
Frankfurt am Main, New York 2006. Plaggenborg entwickelt darin eine ei-
gene, hoch paradoxe Definition der sowjetischen Moderne als einer »integ-
ralistischen Moderne« (S. 366ff.). Er spricht auch von der »konservative(n)
Moderne Lenins« (S.  333), oder vom Stalinismus als einer »gewalttätige(n)
Moderne«, deren Modernisierungsleistungen er unter vielen Aspekten in
Frage stellt.
2 Josef Stalin, Fragen des Leninismus, Berlin 1947 (Reprint 1970), S. 331.
3 Vgl. die Tabelle in Gregory, Political Economy, S.  39. Zu etwas günstigeren
Resultaten kommen andere Berechnungen, siehe die Tabelle in Beyrau, Pet-
rograd, S. 135.
4 Vgl. Stephan Merl, Bauern unter Stalin. Die Formierung des sowjetischen Kol-
chossystems 1930–1941, Berlin 1990, insbesondere sein Resümee, S. 453–469.
5 Sonja Margolina, Wodka. Trinken und Macht in Russland, Berlin 2004,
S. 126–134. Vgl. auch Stephen White, Russia goes Dry. Alcohol, State and So-
ciety, Cambridge 1996.
6 Tabelle zu den Reallöhnen in der Industrie in: Eugene Zaleski, Planning of
Economic Growth in the Soviet Union, Chapel Hill 1971, S.  392, hier zitiert
nach Beyrau, Petrograd, S. 148.
7 Eine genaue Zahl ist wegen der hohen Fluktuationen unter den Häftlingen,
Deportierten und sonstwie Unfreien sowohl durch Tod wie Entlassung sowie
wegen der vielfältigen Abstufungen zwischen freier und unfreier Arbeit – zu-
mal nach den drakonischen Arbeitsgesetzen von 1940 – kaum zu nennen.
Jedenfalls entsprach allein die Zahl der GULag-Häftlinge, die überwiegend
im Bausektor, im Bergbau und Holzeinschlag eingesetzt wurden, etwa 10

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Prozent der industriell Beschäftigten und 3–4 Prozent aller Arbeitsfähigen.
Vgl. Beyrau, Petrograd, S. 182–185; Gregory, Political Economy, S. 106.
8 Vgl. meine Darstellung in Gerd Koenen, Traumpfade der Weltrevolution. Das
Guevara-Projekt, Köln 2008, S. 305–311, S. 423–429; darin auch ein Referat
der politisch-ökonomischen Schriften Guevaras, darunter »Mensch und
Sozialismus auf Kuba« oder seine erst unlängst publizierten, nachgelassenen
Kritiken der sowjetischen Theorien und Praktiken: Apuntos Críticos de la
Economía Política, Havanna 2007.
9 Vgl. Gregory, Political Economy, S. 243–267.
10 Ebenda, S. 183–212.
11 Vgl. Robert W. Davies, »Changing Economic Systems. An Overwiew«, in:
Robert W. Davies/Mark Harrison/S.G. Wheatcroft (Hg.), The Economic
Transformation of the Soviet-Union. 1913–1945, Cambridge 1994, S. 18f.
12 Boris Jelzin, Aufzeichnungen eines Unbequemen, München 1990, S. 81.
13 Stephen Kotkin, Armageddon Averted. The Soviet Collapse 1970–2000, Ox-
ford 2008, insbesondere S. 115–140.
14 Eine Gesamtzahl für die Kosten des Imperiums ist mir nicht bekannt. Für
1960–1980 sind von US-Analysten allein die Subventionierungen der euro-
päischen RGW-Länder auf über 87 Mrd. US-$ veranschlagt worden. Joint
Economic Committee (Hg.), Soviet Economy in the 1980’s: Problems and
Prospects, Bd. 1, Washington 1982, S. 102–116, hier zitiert nach Plaggenborg,
Experiment Moderne, S. 315.
15 Selbst die offiziellen Militäretats beider Staaten lagen 1987 fast gleichauf
– 290 Mrd. US-$ der USA gegenüber 260 Mrd. US-$ der UdSSR. Dabei
dürfte das reale BSP der UdSSR nach neueren Berechnungen nur etwa ein
Drittel dessen der USA betragen haben. Über die verschiedenen Schätzun-
gen (insbesondere Kritiken der überhöhten CIA-Schätzungen, die das BSP
der UdSSR auf etwa die Hälfte dessen der USA veranschlagten), vgl. Abram
Bergson, »How big was the Soviet GDP?«, in: Comparative Economic Studies,
39 (1997), 22. März 1997, S. 1–14.
16 Die Rüstungsausgaben der UdSSR wurden von Beginn an nur partiell in den
staatlichen Rüstungsetats ausgewiesen. Nach skrupulösen Berechnungen
westlicher Forscher betrugen sie mindestens 15 Prozent des Bruttosozial-
produkts, schon das eine singuläre Größe in Friedenszeiten. Berechnungen
russischer wie westlicher Autoren kamen nach 1990 noch einmal zu deutlich
höheren Zahlen, eben in der Größenordnung von 20 Prozent und mehr, nicht
zuletzt auf Grund von Angaben aus dem Umfeld Gorbatschows, der selbst
in einer Rede 1990 davon sprach, dass »das spezifische Gewicht der Militär-
ausgaben bei uns 18 Prozent des Nationaleinkommens (erreichte), was kein
einziger Staat der Welt hat«. (Prawda, 29.4.1990). Vgl. Hans-Henning Schrö-
der, Sowjetische Rüstungs- und Sicherheitspolitik zwischen »Stagnation« und
»Perestrojka«, Baden-Baden 1995, Kap. 2: In der Sackgasse der Überrüstung,
S. 27–83.

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Geheimnis und Gewalt

1 Nadeshda Mandelstam, Das Jahrhundert der Wölfe. Eine Autobiographie,


Frankfurt 1971, S. 186.
2 Marx hoffte bekanntlich, der erste Band seines Kapital werde sich als »das
furchtbarste missile, das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen)
noch an den Kopf geschleudert worden ist«, erweisen. Brief an Johann Phi-
lipp Becker, 17. April 1867, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Briefe über
das Kapital, Berlin 1954, S. 133.
3 Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag 1918–1956. Versuch einer künstleri-
schen Bewältigung, Bern, München 1974. Über die Verhandlungen des Polit-
büros der KPdSU vgl. Akte Solschenizyn 1965–1977. Geheime Dokumente
des Politbüros der KPdSU und des KGB, Berlin 1994.
4 Michail Gorbatschow, Erinnerungen, Berlin 1995, S. 158–169; hier S. 168f.
5 Vgl. Lorenz Erren, »Selbstkritik« und Schuldbekenntnis. Kommunikation
und Herrschaft unter Stalin. 1917–1953, München 2008.
6 Stalin, »Über die nächsten Aufgaben der Partei auf dem Lande«, in: J.W. Sta-
lin, Werke, Bd. 6, S. 285f.
7 Vgl. insbesondere die Statistiken zur Entwicklung der Mitgliedschaft der RKP
1905–1929 in: Helmut Altrichter (Hg.), Die Sowjetunion. Von der Oktoberre-
volution bis zu Stalins Tod, Bd. 1, München 1986, S. 342f., Tabellen 8; sowie
die zum »Parteialter« in: S.G. Strumilin, Sostav Rossiskoj Kommunističeskoi
Partii k 1922 g., Moskau 1963; hier zitiert nach Ebenda, S. 343, Tabelle 9.
8 Lenin, »Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?«, in: LW, Bd.
26, S. 71–121; Zitat S. 95.
9 Altrichter, Die Sowjetunion, Bd.1, S. 344, Tabelle 10.
10 Ebenda, S. 345, Tabelle 11. Vgl. auch Karl Schlögel, Traum und Terror. Mos-
kau 1937, München 2008, S. 263f.
11 Vgl. Oleg Khlevniuk, Master of the House. Stalin and His Inner Circle, New
Haven, London 2009.
12 Gregory, Political Economy, S. 70–75.
13 Simon Sebag Montefiore, Stalin. Am Hof des roten Zaren, Frankfurt 2005,
S. 95.

Ratio und Irratio des Terrors

1 Chruschtschow rechnet mit Stalin ab: Wortlaut der Rede von Chruschtschow
auf der Geheimsitzung des XX. Moskauer Parteitages am 25. Februar 1956,
Frankfurt am Main 1956.
2 Vgl. etwa Vladimir Naumov, »Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruš-
čevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU«, in: Forum für osteuropäische Ideen-
und Zeitgeschichte, 1 (1997) 1, S. 137–177.
3 Alexander Solschenizyn, Die Eiche und das Kalb. Skizzen aus dem literari-
schen Leben, Reinbek 1978, S. 371.

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4 Nicolas Werth, Die Insel der Kannibalen. Stalins vergessener Gulag, München
2006.
5 Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München
2003, S. 195–198.
6 So der russische Historiker N.F. Bugaj; hier zitiert nach Eric D. Weitz, A Cen-
tury of Genocide. Utopias of Race and Nation, Princeton 2003, S. 80.
7 Aus der umfangreichen Literatur zu diesem Thema vgl. McDermott, The
Comintern, S.  145–155; Reinhard Müller, Menschenfalle Moskau. Exil und
stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; William J. Chase, Enemies within the
Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934–1939.
8 Vgl. etwa das von Karl Schlögel in seinem Buch »Traum und Terror« entfal-
tete multi-perspektivische Bild von Moskau 1937.
9 Lazar Kaganowitsch, Rede auf dem 18. Parteitag der KPdSU; hier zitiert nach
Charles Bettelheim, Luttes des classes en URSS, Bd. 2, Paris 1983, S. 150.
10 Vgl. Sheila Fitzpatrick, »How the Mice buried the Cat. Scenes from the Great
Purges of 1937 in the Russian Provinces«, in: The Russian Review 52 (1993) 3,
S. 299–320.
11 Vgl. die eindrucksvolle Zusammenstellung persönlicher Zeugnisse in Or-
lando Figes, Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008, hier insbe-
sondere S. 341–544.
12 Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S.  221. Eine detailliertere Analyse findet
sich in Roger R. Reese, »The Red Army and the Great Purges«, in: J. Arch
Getty/Roberta T. Manning (Hg.), Stalinist Terror. New Perspectives, Cam-
bridge 1993, S. 198–214.
13 Nikita Petrov, »Die wichtigsten Veränderungstendenzen im Kaderbestand
der sowjetischen Staatssischerheit in der Stalin-Zeit«, in: Forum für osteuro-
päische Ideen- und Zeitgeschichte 5 (2001) S. 91–120.
14 Weitz, Century of Genocide, S. 144–189; hier insbesondere S. 146f.
15 Eine ausführliche Diskussion dieser Frage findet sich in Arch Getty, Road
to Terror, S. 480–490 mit längeren Auszügen aus den Gesprächen, die Feliks
Tschujew in den 1970er Jahren noch mit Molotow geführt hat: Feliks Čuev,
Sto sorok besed s Molotovym. Iz dnevnika F. Čueva, Moskau 1991.
16 Vgl. James Harris, »Was Stalin a weak dictator?«, in: Journal of Modern His-
tory 75 (2003) 2, S. 375–386. Ein pointierter Vergleich der politischen Sys-
teme und Führungsstile im NS und Stalinismus findet sich in Yoram Gorli-
cki/Hans Mommsen, »The Political (Dis)Orders of Stalinism and National
Socialism«, in: Sheila Fitzpatrick/Michael Geyer (Hg.), Beyond Totalitaria-
nism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009, S. 41–86.

Ein sozialistisches Weltlager

1 Stalin, Rede auf der Plenartagung der KPR(B), 19. Januar 1925, in: Stalin
Werke, Bd. 7, Berlin 1952, S. 14.
2 Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933–1943, hrsg. von Bernhard H. Bayerlein,
Berlin 2000, S. 273f.

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3 Ebenda, S. 275.
4 Georgi Dimitroff, »Der Krieg und die Arbeiterklasse der kapitalistischen
Länder«, in: Die Kommunistische Internationale, Moskau, 2. November
1939; hier zitiert nach Bernhard H. Bayerlein, »Der Verräter, Stalin, bist Du!«
Vom Ende der linken Solidarität 1939–1941, Berlin 2008, S.  178–182; Zitat
S. 179.
5 Georgi Dimitroff, »Ddie Offensive des Faschismus und die Aufgaben der
Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiter-
klasse gegen den Faschismus. Bericht auf dem VII. Weltkongress der Kom-
munistischen Internationale, 2. August 1935. In: Georgi Dimitroff, Ausge-
wählte Schriften, Bd. 2, Berlin 1958, S. 523–558.
6 So Stalin in seiner Ansprache vor dem Zentralkomitee, 11./12. Oktober 1937.
In: Getty/Naumov, The Road to Terror, S.  463. Diese Mitteilung entlockte
dem Plenum laut Stenogramm ein »Wow!«.
7 Vgl. Bayerlein, »Der Verräter, Stalin«, S. 458.
8 Vgl. Rana Mitter, A Bitter Revolution. China’s Struggle with the Modern
World, Oxford, New York 2004; hier insbesondere S. 135ff. Über die Grün-
dung der KP Chinas vgl. den lebendigen Bericht in Leonhard, »Völker hört
die Signale«, S. 229–242.
9 In ihrer Offenherzigkeit interessant, wenn auch mit Vorsicht zu genießen,
sind Maos Selbstdarstellungen im berühmtem Bericht von Edgar Snow,
Roter Stern über China, Frankfurt 1970, insbesondere Teil IV: Entwicklungs-
geschichte eines Kommunisten, hier S.  196f. Einen konzisen biografischen
Abriss liefert Sabine Dabringhaus, Mao Zedong, München 2008, S. 15–25.
10 Vgl. Raymond F. Wylie, The Emergence of Maoism. Mao Tse-tung, Ch’en Po-
ta, and the Search for Chinese Theory 1935–1945, Stanford 1980.
11 Maos drei große militärtheoretische Schriften aus den Jahren 1936–38 be-
ruhten auf einer Theoretisierung bereits gemachter Erfahrungen im Bür-
gerkrieg und entfalteten sie prospektiv für den bevorstehenden nationalen
Widerstandskrieg gegen Japan, damit aber auch für jeden künftigen Kampf
gegen »proimperialistische Kräfte« in China selbst. Vgl. Mao, Theorie des
Guerillakrieges.
12 Vgl. Osterhammel, Shanghai, 30. Mai 1925. Die chinesische Revolution, Mün-
chen 1997, S. 219–225, 231–235.
13 Joseph W. Esherick, »Ten Theses on the Chinese Revolution«, in: Modern
China 21 (1995) 1, S. 45–76; insbesondere S. 50–53. Über die terroristischen
»Selbstreform«-Praktiken vgl. Jean-Louis Margolin, »China. Ein langer
Marsch in die Nacht«, in: Courtois u.a. (Hg.), Schwarzbuch des Kommu-
nismus, S. 511–608; hier insbesondere S. 523ff. In sehr viel milderem Licht,
vor allem aus der Perspektive der kritisierten Schriftstellerin Ding Ling, be-
schreibt Jonathan D. Spence diese Prozesse in: Das Tor des Himmlischen Frie-
dens. Die Chinesen und ihre Revolution 1895–1980, insbesondere S. 293–306.

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Dialektiken des Kalten Kriegs

1 Chen Jian, Mao’s China and the Cold War, Chapel Hill, London 2001.
2 Die sowjetische Rüstung 1983. Studie von Pentagon und NATO, Koblenz
1983.
3 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 324–362.
4 Ebenda, S. 338.
5 Ebenda, S. 340f.
6 Ebenda, S. 342; 348.
7 Ebenda, S. 22f.
8 Stalin, »Ökonomische Grundlagen des Sozialismus«, in: Stalin Werke, Bd. 15,
S. 323ff.
9 Vgl. etwa Jonathan Brent/Vladimir Naumov: Stalin’s Last Crime. The Plot
against the Jewish Doctors 1948–1953, New York 2003; sowie Arno Lustiger:
Rotbuch. Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifa-
schistischen Komitees und der sowjetischen Juden, Berlin 1998.
10 Vgl. mein Buch Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution
1967–1977, Köln 1998.

Wege der Auflösung: Der Fall Chinas

1 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 329.


2 Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewe-
gung, Berlin 1970.
3 Vgl. Margolin, China, ein langer Marsch, S. 536–552. Dass in den »Großen
Sprung nach vorn« durchaus utopische Erwartungen unter den jugendlichen
Massen der nachrevolutionären Gesellschaft Chinas einflossen, betont Mit-
ter, A Bitter Revolution, S. 194–198.
4 Osterhammel, Shanghai, S. 29f.
5 Eine Durchsicht der neueren Literatur, die versucht, nachvollziehbare soziale
Motive der aktiv an der Kulturrevolution Beteiligten zu entziffern, findet sich
in: Susanne Weigelin-Schwiedrzik: »Die Kulturrevolution als Auseinander-
setzung über das Projekt der Moderne in der Volksrepublik China«, in: Sepp
Linhart/Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Hg.), Ostasien im 20. Jahrhundert.
Geschichte und Gesellschaft, Wien 2004, S. 133–152.
6 Roderick MacFarquhar/Michael Schoenhals, Mao’s Last Revolution, Cam-
bridge, London 2006.
7 Vgl. etwa Roger Faligot, Rémi Kauffer: Der Meister der Schatten. Kang Sheng
und der chinesische Geheimdienst 1927–1987. München 1988; oder Frederick
C. Teiwes/Warren Sun, The Tragedy of Lin Biao: Riding the Tiger during the
Cultural Revolution 1966–1971, Honolulu 1996.
8 Einen Überblick über die neuere Literatur zu diesem Thema liefert Thoralf
Klein, »Technologische Innovation oder soziale Revolution? Chinas Bauern
in der Transformation der Agrargesellschaft«, in: Geschichte und Gesellschaft
33 (2007) 4, S. 575–611, insbesondere S. 578–584.

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9 MacFarquhar/Schoenhals, Mao’s Last Revolution, S. 3.
10 Ebenda.
11 Als »Meiji-Restauration« werden die der Wiedererrichtung eines kaiserlichen
Zentralstaats in Japan 1868 folgenden, an westliche Vorbilder angelehnten
»Reformen von oben« bezeichnet, die in vieler Hinsicht denen in Preußen-
Deutschland unter Bismarck folgten bzw. parallel gingen.
12 Deng Xioaping, »Respect Knowledge, Respect Trained Personnel«. Gespräch
mit zwei führenden Genossen des Zentralkomitees der KP Chinas, 24. Mai
1977.

Wege der Auflösung: Der Fall der Sowjetunion

1 Sergej Krushchev, Nikita Krushchev and the Reatron of a Superpower Uni-


versity Park, Penn State 2000, S. 627.
2 Gregory, Political Economy, S.  259f. Vgl. auch Bob Arnot, »Soviet Labour
Productivity and the Failure of the Shchekino Experiment«, in: Critique 15
(1986) 1, Vol. 1, 31–56.
3 Boris Z. Rumer, Soviet Steel. The Challenge of Industrial Modernization in the
USSR, Ithaca N.Y. 1989.
4 Vgl. Fn. 173.
5 Kotkin, Armageddon Averted, S. 63.
6 Vgl. Fn. 104.
7 Stephen Kotkin, Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley
1997.
8 Gorbatschow, Perestrojka. Die zweite russische Revolution. Eine neue Politik
für Europa und die Welt, München 1987, S. 43.
9 Vgl. Brown, Aufstieg und Fall, S. 792–795.
10 So auch Kotkin, Armageddon Averted, mit Verweis auf eine Reihe weiterer
Autoren. Ähnlich Brown, Aufstieg und Fall, S. 796ff.

Die postkommunistische Situation

1 Lefort, Complications, S. 169f.


2 Orlando Figes, Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008, S. 895.
3 Ebenda, S. 900.
4 Catherine Merridale, Steinerne Welt. Leiden und Sterben in Russland, Mün-
chen 2001, S. 446.
5 Ebenda, S. 447
6 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (Rohentwurf
1857–1858), Berlin 1974, S. 231.

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