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2019 Der Kritiker als Denunziant | ZEIT ONLINE

Der Kritiker als Denunziant


Über die Polemik als Menschenjagd

Von Hans Magnus Enzensberger


18. November 1983, 8:00 Uhr

AUS DER ZEIT NR. 47/1983

Von Hans Magnus Enzensberger

Seit der Bonner Wende weht nicht nur durch die Korridore der Ausländerämter
und der Sozialbehörden ein eisiger Wind. Auch das kulturelle Klima hat sich
verändert. In das allgemeine Wehklagen über gekürzte Etats und gestrichene
Subventionen möchte ich nicht einstimmen. Daß die Politiker jeden
finanziellen Engpaß dankbar zum Anlaß nehmen, um Druck auf schreibende
oder filmende Störer auszuüben, kann niemanden überraschen, der die
deutsche Tradition kennt. Bemerkenswert ist dagegen die Wut, mit der
Intellektuelle neuerdings auf Intellektuelle einschlagen, eigentümlich die
freiwillige Aufrüstung, die im deutschen Feuilleton zu beobachten ist.

Im Schatten der Krise macht sich eine neue Form der Polemik breit, der es nicht
mehr darum geht, Gegner zu widerlegen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Feinde zu
liquidieren. Der Haß des Verfolgers erstickt das Erkenntnisinteresse des
Kritikers. Nicht entschiedene Parteinahme macht sich hier Luft, sondern das
Ressentiment des Denunzianten. Das sind Unterscheidungen, die einem Teil
der deutschen Intelligenz derart schwerfallen, daß ich es für nötig halte, das
wichtigste Kriterium für eine jede kritische Diskussion anzugeben, die diesen
Namen verdient: Sie hat sich an der Produktion zu orientieren.

Für den Journalisten der Wende ist aber das, was ein Autor hervorbringt, nur
noch eine lästige Randerscheinung. Er zielt einzig und allein auf die Person. Das
hat den Vorteil, daß die Urteile, die er abgibt, keiner Nachprüfung mehr
unterliegen. Kenntnisse sind nicht mehr erforderlich, Argumente gelten als
störende Relikte.

Der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller – ein Mann, der den
General Jaruzelski für einen kompetenten Gesprächspartner hält, wenn es um
die Organisationsformen literarischer Öffentlichkeit geht –, Bernt Engelmann

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also fordert den antifaschistischen Schriftsteller Manès Sperber auf, einen Preis
zurückzugeben, der ihm kürzlich verliehen worden ist, weil Sperber in seiner
Dankrede Ansichten geäußert hat, die Engelmann nicht passen. Er tut dies im
Namen aller Autoren, die seinem Verein angehören. Es kommt daraufhin zu
Rücktrittsforderungen und Austrittserklärungen. Die Veranstalter des
Feuilletons sind glücklich über den Radau. Engelmann ist der Held des Tages.
Spaltenlang wird sein pöbelhafter Schritt kommentiert. Über das Lebenswerk
von Manès Sperber fällt dabei kein Wort. Presseerklärungen, Interviews und
Glossen genießen absolute Priorität. Die Produktion spielt in dieser Form des
"Kulturlebens" keine Rolle mehr. Die Literaten ratifizieren die Überflüssigkeit
der Literatur. Das Beispiel, das Engelmann gegeben hat, ist denkwürdig, aber
ich glaube, ihm nicht zu nahe zu treten mit der Feststellung, daß er die
sportliche Hochform, die heute von einem Angreifer verlangt wird, nicht
erreicht hat. Den maximalen Unterhaltungswert erreicht die Polemik erst,
wenn sie sich zur Menschenjagd steigert Harald Wieser hat letzte Woche im
Spiegel exemplarisch vorgeführt, wie man das macht.

Sein Opfer ist "der aus Chile unter die Deutschen gekommene Literat Gaston
Salvatore". Seiner journalistischen Berufung getreu, erörtert der Rezensent
zuerst einige Fragen von zentraler literarischer Bedeutung: wie Salvatore sich
anzieht ("teuer"), welche Weine er trinkt ("erlesene"), und wie seine Wohnung
möbliert ist ("stilgerecht"). Die moralische Verwerflichkeit einer solchen
Lebensweise steht, für Wieser außer Frage. Folgerichtig geht er der Frage nach,
"über welche sinistren Kanäle der Autor" sie finanziert. Hier erhebt sich der
Kritiker zu seiner vollen moralischen Größe. Daß im Literaturteil einer Zeitung
die Lebenshaltungskosten eines Schriftstellers überprüft werden, ist ein
bemerkenswertes Novum. Der Vergleich mit der Steuerfahndung müßte für
diese nützliche Behörde kränkend ausfallen.

Natürlich ist Wiesers inquisitorische Methode völlig risikolos. Das Opfer müßte
schon seine Mietquittungen sammeln und den Nachweis führen, daß es seine
Jacken bei C&A kauft, um vor dem Richterthron des Schnüfflers zu bestehen.
Wir verstehen den Wink und nehmen die Kriterien zur Kenntnis. In Zukunft
werden sich literarische Reputationen an der Frage entscheiden, ob ein
Romancier Kalterer See aus dem Supermarkt oder 1971er Romanee-Conti
Domänenabfüllung bevorzugt.

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