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Georg-August-Universität Göttingen

WS 2018/2019
Prof. Dr. Holmer Steinfath

Einführung in die Praktische Philosophie

Vorlesung

I. Philosophie und Praktische Philosophie

Unter Philosophen ist fast alles strittig, und wahrscheinlich ist kaum etwas strittiger als die
Bestimmung der Philosophie selbst. Es gibt eine Vielzahl von Antworten auf die Frage, was
Philosophie ist, und in bezug auf die speziellere Frage, was Praktische Philosophie ist, verhält
es sich nicht anders. Trotzdem müssen wir irgendwo anfangen. Ich will deswegen zunächst in
groben Umrissen darlegen, was ich selbst unter Philosophie verstehe, um im Anschluß daran
die Praktische Philosophie einzuordnen. Auch wenn ich dabei hin und wieder auf das
Verständnis von Philosophie und von Praktischer Philosophie hinweisen werde, das andere
Philosophen in der langen Tradition der abendländischen Philosophie entwickelt haben, so
bitte ich Sie doch zu berücksichtigen, daß das von mir vorgestellte Verständnis nur eines unter
mehreren möglichen ist.

Was ist Philosophie?

Ich beginne also mit einigen Überlegungen zur Philosophie überhaupt.

Daß es so schwierig ist, zu bestimmen, was Philosophie ist, ist wesentlich dem Umstand
zuzuschreiben, daß die Philosophie anders als andere Wissenschaften und Tätigkeiten keinen
klar umrissenen Gegenstand hat. Im Fall der Biologie wissen wir: sie hat es mit der
Evolution, der Struktur und der Funktion von Lebewesen und deren Bestandteilen zu tun. Im
Fall der Rechtswissenschaften wissen wir: sie hat es mit den verschiedenen Gestalten des
positiven Rechts zu tun. Und ähnliches ließe sich von den Literaturwissenschaften, von der
Mathematik, von der Psychologie, von der Chemie und von vielen anderen Wissenschaften
sagen. Aber was ist der Gegenstand der Philosophie?

Nun, die Philosophie kann sich mit denselben Gegenständen wie andere Wissenschaften
beschäftigen oder auch mit diesen Wissenschaften selbst. Es gibt eine Philosophie der
Biologie, des Rechts, der Mathematik, der Sprache usw. Doch in diesen Fällen fragt sich, was

1
die Herangehensweise der Philosophie von der anderer Wissenschaften unterscheidet. Wenn
beispielsweise die Sprache sowohl von der Philosophie als auch von der Linguistik untersucht
wird, was unterscheidet dann eine philosophische von einer linguistischen Untersuchung
sprachlicher Strukturen?

a) Philosophische Grundfragen und Grundbegriffe1

Ein guter Zugang zur Besonderheit der Philosophie ergibt sich meiner Meinung nach über die
Beobachtung, daß sich Philosophen von Beginn an vorzugsweise mit bestimmten sehr
allgemeinen und grundsätzlichen Fragen beschäftigt haben. Beispiele dafür sind: Was ist
Wissen? Was ist Zeit? Was ist eine Ursache? Was ist Schönheit? Was ist das Gute? Was ist
Gerechtigkeit? Was ist Freiheit? Was ist Glück? Die abendländische Philosophietradition
setzt bei Platon (427-347 v. Chr.) mit genau solchen „Was ist?“-Fragen ein. Statt zu fragen,
was X ist, kann man auch fragen, was die „Natur“ oder was das „Wesen“ von X ist, aber diese
Ausdrücke, die sich ebenfalls schon bei Platon finden, müssen nichts besonders Tiefes
meinen, jedenfalls nichts Tieferes als die schlichte Frage „Was ist?“, mit der auf eine
möglichst genaue Bestimmung des jeweils Befragten und auf seine Abgrenzung von anderem
abgezielt wird.

Nun betreffen Fragen wie „Was ist Wissen?“, „Was ist Zeit?“ und „Was ist Gerechtigkeit?“ ja
sehr unterschiedliche Dinge. Trotzdem haben die in ihnen verwendeten Begriffe etwas
gemeinsam. Ich hatte das Gemeinsame eben schon angedeutet, als ich von „sehr allgemeinen
und grundsätzlichen Fragen“ sprach. Was könnte das in diesem Zusammenhang heißen?

Ich möchte sagen, daß es sich bei Begriffen wie „Wissen“, „Zeit“ und „Gerechtigkeit“ um
Begriffe handelt, die das Ganze oder wesentliche Seiten unserer Erfahrung betreffen. In
ihnen versuchen wir Aspekte unserer Erfahrungen als Mensch zu artikulieren, ohne die wir
gar keine oder eine deutlich andere Erfahrung von der Welt und uns selbst hätten. Die
Grundbegriffe der Philosophie sind für unser Verstehen der Welt und von uns selbst
unentbehrlich. Mit Immanuel Kant (1724-1804) könnte man auch sagen: Sie bilden die
Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt (oder doch unserer Art von Erfahrung).
Stellen Sie sich vor, wir verfügten nicht über einen Begriff oder eine Vorstellung von
Kausalität, also den Gedanken, daß Ereignisse in der Welt in Zusammenhängen von Ursache

1
Im folgenden orientiere ich mich mehr oder minder eng an folgenden Arbeiten:
P. F. Strawson, Individuals. An Essay in Descriptive Metaphysics, London and New York: Methuen 1959.
P.F. Strawson, Analysis and Metaphysics. An Introduction to Philosophy, Oxford: Oxford University Press 1992,
bes. 1. und 2. Kap.
E. Tugendhat, Überlegungen zur Methode der Philosophie aus analytischer Sicht, in: E. Tugendhat,
Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. : Suhrkamp 1992, S. 261-272.
P. Bieri, Das Handwerk der Freiheit, München Wien: Hanser 2001, S. 153-161.

2
und Wirkung stehen. Wir würden uns dann in der Welt gar nicht mehr oder nur auf eine ganz
andere, nicht mehr für uns Menschen typische Weise orientieren können. Die Welt zerfiele
uns in eine Ansammlung unverbundener Elemente. Und hätten wir nicht irgendeinen Begriff
oder irgendeine Vorstellung von Einheit und Identität, dann könnten wir nicht einmal
unzusammenhängende Elemente als von anderen abgegrenzte Einheiten und Gegenstände
begreifen. Wir würden uns überhaupt nicht mehr in der Welt zurechtfinden können. Oder
stellen Sie sich vor, wir hätten keinen Begriff von Freiheit. Wie könnten wir dann
Vorstellungen von Handlung, Zurechenbarkeit, Verantwortung und Schuld begreiflich
machen? Wahrscheinlich wäre es nicht ganz so schlimm um uns bestellt, hätten wir keinen
Begriff oder keine Vorstellung von Gerechtigkeit. Doch auch bei einem Fehlen dieses
Konzepts würden wir die Welt und uns selbst ganz anders wahrnehmen; unsere Orientierung
im sozialen Raum, im Miteinander mit anderen Menschen wäre eine ganz andere. Diese
Abhängigkeit unserer Orientierung von so zentralen Konzepten wie Wissen, Zeit, Kausalität,
Freiheit, Gerechtigkeit meine ich mit der These, diese Begriffe beträfen das Ganze oder
wesentliche Seiten unserer Erfahrung.

Daß es in der Philosophie um die Grundkategorien unserer Erfahrung, und zwar primär
unserer alltäglichen Erfahrung geht, hat eine wichtige Implikation. Denn wenn es richtig ist,
daß die Grundbegriffe der Philosophie für unser Verstehen von der Welt und uns selbst
unentbehrlich sind, dann können uns diese Begriffe nicht völlig unvertraut sein. Wir können
uns ja auch ohne Philosophie ganz gut in der Welt zurechtfinden. Was Zeit, Handlung,
Freiheit ist, ist uns nicht unbekannt. Wir ordnen unsere Erfahrung ganz selbstverständlich mit
Hilfe dieser Kategorien, und zwar selbst dann, wenn wir die Ausdrücke „Zeit“, „Handlung“
oder „Freiheit“ gar nicht verwenden. Doch gerade weil wir dies so selbstverständlich tun,
bleibt es unbegriffen. Augustinus (354-430) sagt in seinen Bekenntnissen von der Zeit: „Was
ist also die Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem erklären
möchte, der mich fragt, weiß ich es nicht.“ (Confessiones, XI, 14) Das kann man auch so
ausdrücken: Wir haben ein implizites Wissen von der Zeit, aber uns fehlt ein in dem Sinn
explizites Wissen, daß wir uns und anderen erklären können, was Zeit ist. Ähnlich haben wir
ein implizites Wissen davon, was eine Handlung von einem bloßen Reflex unterscheidet, etwa
mein Heben meines Arms vom Schlagen meiner Lider, wenn mich etwas blendet. Aber wir
können diesen Unterschied nicht ohne weiteres erklären. Die Sachlage ist hier eine signifikant
andere als im Fall des Wissens, das uns die nichtphilosophischen Erfahrungswissenschaften
vermitteln. Ich habe keine Ahnung, was schwarze Löcher sind. Ich habe diesbezüglich auch
kein implizites Wissen. Der Astrophysiker, der sich mit schwarzen Löchern beschäftigt, weiß

3
dagegen, was schwarze Löcher sind. Er kann es mir deswegen jedoch auch erklären (wenn
auch nicht notwendig so, daß ich es verstehe). Wir würden an seiner Kompetenz zweifeln,
wenn er uns wie Augustinus antworten würde: „Wenn mich niemand fragt, weiß ich, was ein
schwarzes Loch ist; aber wenn ich es jemandem erklären möchte, der mich fragt, weiß ich es
nicht.“ Dieser Unterschied verweist darauf, daß der Begriff oder die Vorstellung des
schwarzen Lochs und der Begriff der Zeit im Netz unserer Erfahrung jeweils ganz anders
situiert sind.

Hierher paßt auch ein Satz, der sich in den Philosophischen Untersuchungen von Ludwig
Wittgenstein (1889-1951) zur Charakterisierung dessen, worum es in der Philosophie geht,
findet. Er lautet: „Die uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und
Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, weil man es immer vor Augen hat.)“
(PhU § 129) Die Aufgabe der Philosophie ist dann, das Vertraute, aber gerade dadurch
unbegriffene, begreifbar zu machen. In der Philosophie geht es um die Verwandlung von
verborgenem in ausdrückliches Wissen.2 Philosophie nimmt deswegen typischerweise eine
reflexive Form an. „Reflektieren“ meint wörtlich „sich zurückbeugen“. Philosophierend
beugen wir uns sozusagen auf uns selbst, nämlich auf das, was wir implizit wissen, zurück,
um es auf diese Weise explizit zu machen. Platons Lehrer und Vorbild Sokrates (469-399 v.
Chr.), von dem Hegel (1770-1831) gesagt hat, er sei die interessanteste Figur in der
Philosophie des Altertums und darüber hinaus eine „welthistorische Person“ gewesen, 3 hat
sein eigenes, praktisch orientiertes Philosophieren „Hebammenkunst“ (maieia, technē
maieutikē) genannt (vgl. Theait. 150b ff.) und damit etwas ähnliches gemeint, wie ich es im
Auge habe, nämlich daß die Philosophie hilft, etwas, was schon da ist, ans Licht zu bringen.
Dabei ist allerdings zu bedenken, daß dieses ans Licht Bringen das, was da ans Licht gebracht
wird, auch verändert. Vor allem läßt es den, mit dem dies geschieht, nicht unverändert. Wir
sehen die Welt mit anderen Augen, wenn wir uns einmal auf philosophische Weise über Zeit,
Freiheit, Gerechtigkeit usw. Gedanken gemacht haben. Insofern hat jede Art von
philosophischer Beschäftigung praktische Auswirkungen.

Wenigstens erwähnen will ich, daß das so weit skizzierte Programm in einem weiteren
Reflexionsschritt der Möglichkeit Rechnung tragen sollte, daß die in der Philosophie
interessierenden zentralen Konzepte nicht zeitenthoben sind, sondern eine eigene Geschichte
haben. Wenn wir von Bedingungen der Möglichkeit unserer Erfahrung sprechen, müssen wir
deswegen zugleich mit bedenken, daß „unsere“ Erfahrungen gegebenenfalls nur die
2
So auch Peter Bieri, a. a. O., S. 157.
3
G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I, Werke 18, Frankfurt a. M.: Suhrkamp
1971, S. 441.

4
Erfahrungen von Menschen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort sind. In
der Philosophie gibt es die problematische Tendenz, die eigenen Überlegungen sofort zu
überhistorischen und überkulturellen Einsichten zu stilisieren. Mit der Philosophie sind
notwendig Universalisierungsansprüche verbunden, aber jeder Philosoph und jede
Philosophin tut gut daran, sich die historischen und kulturellen Besonderheiten seiner und
ihrer Situation bewußt zu machen und offen zu sein für Erfahrungen, wie sie Menschen an
anderen Orten und zu anderen Zeiten gemacht haben mögen oder weiter machen.

b) Normative Fragen

Zur näheren Charakterisierung der Philosophie möchte ich noch auf eine andere Art von
Fragen hinweisen, mit denen sich Philosophen oft beschäftigen. Auch ihre Behandlung
geschieht auf eine reflexive, das implizite Wissen von Menschen freilegende Weise. Diese
Fragen kann man als normative Fragen bezeichnen.

Das Normative steht dem Deskriptiven gegenüber. Ein normativer Satz ist zum Beispiel das
aus dem Dekalog, den Zehn Geboten, bekannte Gebot „Du sollst nicht töten!“. In diesem Satz
wird zum Ausdruck gebracht, was der Fall sein soll. Es wird nicht gesagt, was der Fall ist.
Dies geschieht in deskriptiven Sätzen, zum Beispiel in dem Satz „Manchmal töten Menschen
andere Menschen“. Es ist leicht zu sehen, daß normative Sätze die entsprechenden
deskriptiven Sätze nicht einschließen. Daß niemand andere töten soll, bedeutet eben leider
nicht, daß niemand andere tötet. Ich werde im Verlaufe dieser Vorlesung noch des öfteren auf
normative Aussagen zu sprechen kommen. Sie spielen aus leicht einsehbaren Gründen vor
allem in der Moralphilosophie eine große Rolle, und Moralphilosophie ist eine wichtige
Teildisziplin der Praktischen Philosophie. Dann wird uns auch das Verhältnis von normativen
und deskriptiven Aussagen näher beschäftigen, etwa die viel diskutierte Frage, ob sich aus
Aussagen darüber, daß sich etwas so und so verhält, Aussagen darüber, daß sich etwas so oder
so verhalten soll, ableiten lassen. Die meisten Philosophen meinen heute, dies sei nicht
möglich, es gebe keinen legitimen Übergang vom „Sein“ zum „Sollen“. Wer einen solchen
Übergang doch vollziehe, begehe einen „naturalistischen Fehlschluß“.4

Die Beschäftigung mit normativen Sätzen und mit den Normen, auf die mit diesen verwiesen
wird, ist jedoch kein exklusives Geschäft der Praktischen Philosophie. Normen spielen
beispielsweise auch in der Logik, die der Theoretischen Philosophie als Teildisziplin
zugeordnet wird, eine wichtige Rolle. Schließlich wird in der Logik nicht gefragt, wie

4
Den Ausdruck „naturalistischer Fehlschluß“ hat George Edward Moore (1852-1933) in seinem 1903
veröffentlichten Buch Principia Ethica eingeführt. Er wird jedoch von verschiedenen Autoren (und auch schon
von Moore selbst) in verschiedenen Bedeutungen benutzt.

5
Menschen faktisch denken – das zu ergründen ist eine Aufgabe der Psychologie –, sondern
wie sie denken und schließen müssen, um logisch korrekt zu denken und zu schließen.

Das Interesse von Philosophen an normativen Fragen kann unterschiedliche Ausprägungen


annehmen. Auf der abstraktesten Ebene geht es Philosophen um eine Klärung der Natur des
Normativen. Zu diesem Untersuchungsfeld gehört z.B. die Bestimmung des Verhältnisses
von Normen und Tatsachen. Desgleichen gehört hierher die Erörterung des Verhältnisses von
Gründen und Ursachen, das für die Handlungstheorie wichtig ist, denn Gründe scheinen etwas
Normatives zu sein, Ursachen dagegen nicht. Und wenn wir unter Vernunft das Vermögen
des Angebens von Gründen verstehen, dann führt uns die Untersuchung des Normativen in
das Gebiet der Theorien der Rationalität. Auf einer zweiten, viel konkreteren Ebene
versuchen Philosophen, allgemeine Antworten auf normative Fragen zu finden. Dies
geschieht z.B. bei Platon, wenn er überlegt, was einen gerechten Staat ausmacht, oder bei
Kant und bei Mill, wenn sie nach Kriterien zur Unterscheidung von moralisch erlaubten und
unerlaubten Handlungen suchen. Aus meiner Sicht ist auch die Beantwortung normativer
Fragen auf die reflexive Klärung unseres impliziten lebensweltlichen Wissens angewiesen;
der Philosoph verfügt über keinen privilegierten Zugang zur Dimension des Normativen. Das
gilt auch, wenn er auf einer dritten Ebene um eine Begründung von Normen bemüht ist. Auf
dieser Ebene geht es um die kritische Befragung gerade von Normen, die in einer bestimmten
Gesellschaft – vorzugsweise der eigenen – als selbstverständlich hingenommen werden.
Darauf werde ich später bei der Behandlung moralphilosophischer Fragen näher eingehen.

c) Die Fragen im Zusammenhang

Mit der Anführung einiger Grundfragen der Philosophie und mit dem Verweis auf normative
Fragen haben wir nun doch so etwas wie einen Gegenstand oder besser: ein Gegenstandsfeld,
wenn auch ein sehr offenes, für die Philosophie gefunden. Außerdem hat sich angedeutet, daß
die Philosophie eine eigene Herangehensweise hat, eine, die ich „reflexiv“ genannt habe.
Diese Herangehensweise kann als methodische Konsequenz des Umstands begriffen werden,
daß wir es als Philosophen anders als empirische Wissenschaftler nie direkt mit der Welt zu
tun haben, sondern mit unserer Weise die Welt und uns selbst zu verstehen. Aber auch das
sagt natürlich noch nicht sehr viel.

Als nächstes wäre zu fragen, wie sich die reflexive Verwandlung von verborgenem Wissen in
ausdrückliches kontrolliert vollzieht. Wie sieht das konkret aus? Ich werde dies in späteren
Vorlesungseinheiten an einzelnen Fragen und Themen exemplarisch vorzuführen versuchen.
Es wird sich dann zeigen, daß ein wichtiger Leitfaden bei der Erörterung philosophischer

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Fragen die Sprache ist. Was Zeit, Freiheit, Gerechtigkeit usw. sind, darüber erhalten wir
wichtige Aufschlüsse, wenn wir uns klar machen, wie wir die entsprechenden Begriffe
verwenden. Diese grundlegende Einsicht hat im vorigen Jahrhundert zur Ausbildung der
sprachanalytischen Philosophie geführt. Ich selbst glaube allerdings, daß die Philosophie in
vielen Feldern auch an vorsprachliche Erfahrungen anknüpfen muß. Allerdings kann sie
auch dies nur in sprachlicher Form und im Bemühen tun, für ihre Auffassungen möglichst
nachvollziehbare und klar artikulierte Gründe anzugeben. Und nimmt man die historische und
kulturelle Dimension der Philosophie ernst, dann wird man bei der Reflexion auf das eigene
verborgene Wissen auch dessen mögliche historische Genese berücksichtigen müssen und das
ist nur möglich, wenn man sich mit der Geschichte des eigenen Fachs und allgemein mit
Geschichte beschäftigt.

Vielleicht hört sich das jetzt relativ einfach an. Das Geschäft der Philosophie wird jedoch
durch einen wichtigen Faktor wesentlich erschwert. Dieser Faktor besteht in dem Umstand,
daß die Fragen, die in der Philosophie thematisiert werden, nicht verbindungslos
nebeneinander stehen. In der Philosophie hängt alles mit allem zusammen, und gerade die
Grundbegriffe der Philosophie bilden ein komplexes Verweisungsnetz. Einen Grundbegriff
klären heißt deswegen mehr oder minder alle Grundbegriffe klären. Verschiedene
Philosophien entwerfen gewissermaßen verschiedene Bilder des Verweisungsnetzes, dessen
Knotenpunkte die philosophischen Grundbegriffe bilden. Auf diese Weise kann es zur
Formulierung eines Systems der Philosophie und einer besonderen Deutung der Stellung des
Menschen in der Welt kommen. Ich will dies kurz am Beispiel des Verhältnisses von Freiheit
und Notwendigkeit andeuten, das uns in einer späteren Vorlesung noch ausführlicher
beschäftigen wird.

Auf der einen Seite scheint alles in der Welt in Ursache-Wirkungszusammenhängen zu


stehen. Für jedes Ereignis in der Welt scheint es ein oder mehrere andere Ereignisse zu geben,
durch das bzw. die es verursacht wurde. Dies scheint ein unumstößliches Gesetz zu sein, und
wir können uns schwer vorstellen, daß irgend etwas von diesem Gesetz ausgenommen sein
könnte. Ja, daß alles in der Welt durch anderes bedingt ist und das Vergangene notwendig das
Zukünftige festlegt, scheint eine zwingende Voraussetzung der Verständlichkeit der Welt für
uns zu sein. Ich hatte dies vorhin angerissen, als ich sagte, ohne die Kategorie der Kausalität
würden wir uns in der Welt nicht zurechtfinden können. Auf der anderen Seite scheinen wir
uns selbst aber als frei in unseren Handlungen zu erfahren. Wir haben das Gefühl, uns für
oder gegen eine Handlungsoption entscheiden zu können und Urheber unseres Tuns zu sein.
Zumal wenn wir uns und anderen Vorwürfe wegen eines Verhaltens machen, scheinen wir zu

7
unterstellen, daß wir und sie sich auch anders hätten verhalten können. Dieses „hätte anders
können“ scheint aber schlecht zur Annahme eines durchgängigen Kausalzusammenhangs zu
passen. In der Philosophie sind ganz verschiedene Wege eingeschlagen worden, um mit
diesem scheinbaren oder wirklichen Gegensatz umzugehen. Jeder dieser Wege führt aber
unweigerlich über eine eng gefaßte Behandlung des Verhältnisses von Freiheit und
Notwendigkeit hinaus. So kommt man vom Freiheitsbegriff sehr schnell auf Fragen des
Verhältnisses von Materie und Geist, Körper und Seele, Welt und Selbst und dergleichen.
Dies sind Themen, die in der Philosophie des Geistes und der philosophischen Anthropologie
erörtert werden. Moralphilosophische Fragen nach den Kriterien für die Zurechenbarkeit von
und Verantwortung für Handlungen schließen sich an. Geht man umgekehrt von der
Notwendigkeitsproblematik aus, gelangt man schnell zu Fragen, die den Kausalitätsbegriff
betreffen und von dort auf Fragen der Wahrscheinlichkeit und der Beschaffenheit von
Naturgesetzen.

Ich gebe das Beispiel des Verhältnisses von Freiheit und Notwendigkeit nicht nur, weil es
eine wichtige Rolle in der Praktischen Philosophie spielt, sondern auch, weil es gut
verdeutlichen hilft, daß die Philosophie auch dann, wenn sie von sehr allgemeinen und
abstrakt anmutenden Fragen ausgeht, letztlich doch fast immer zu existentiellen Problemen
vorstößt. Indem wir die Grundkategorien unseres alltäglichen Welt- und Selbstverständnisses
besser zu begreifen versuchen, versuchen wir, unser Leben besser zu begreifen. Philosophie
ist eine besondere Weise des Nachdenkens über das menschliche Leben, und ich vermute, daß
dieses Nachdenken auch deshalb eine existentielle Dimension (oder eine Dimension des
Betroffenseins) hat, weil es sich typischen Schwierigkeiten, die wir sowohl mit unserem je
besonderen als auch mit unserem gemeinsamen Leben haben, verdankt. Würden wir solche
Schwierigkeiten nicht empfinden, würden wir keinen Anlass haben, über unser Leben
nachzudenken.

Ich möchte betonen, daß all dies in erster Linie für die Philosophie gilt, die sich als
Grundlagenreflexion auf unsere alltagsweltlichen Annahmen versteht. Heute und schon seit
langem ist Philosophie jedoch auch kritische Reflexion der Methoden und Erkenntnisse der
verschiedenen Wissenschaften. Ich hatte eingangs ja kurz erwähnt, daß es zum Beispiel eine
Philosophie der Biologie und eine Philosophie der Mathematik gibt. Letztere fragt unter
anderem, was Zahlen sind oder was ein mathematischer Beweis ist, nicht dagegen welche
Zahlen und welche Beweise es gibt. Die Berücksichtigung der Philosophie der verschiedenen
Wissenschaften würde das von mir gezeichnete Bild der Philosophie sowohl unübersichtlicher
als auch reicher machen. Sie würde zudem dazu zwingen, sich Gedanken über das schwierige

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Verhältnis von alltagsweltlicher Orientierung und Wissenschaft zu machen. Im Fall der
Freiheitsproblematik wäre z.B. zu fragen, wie unser alltägliches Selbstverständnis als
Handelnde, die sich frei zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten entscheiden
können, zu neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über die Funktionsweise des menschlichen
Gehirns steht. Darauf werde ich in einer späteren Vorlesung kurz eingehen, ohne es vertiefen
zu können.

Theoretische und Praktische Philosophie bei Aristoteles

Jetzt möchte ich auf den Unterschied zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie zu
sprechen kommen. Was hat es mit diesem Unterschied auf sich? Und was im speziellen ist
Praktische Philosophie?

Das heute verbreitete Verständnis von Philosophie geht auf die griechische Antike zurück,
und das gilt auch für die Unterscheidung von Theoretischer und Praktischer Philosophie. Sie
ist schon bei Platon angelegt, aber es ist Aristoteles (384-322 v. Chr.) vorbehalten gewesen,
sie deutlich zu vollziehen. Werfen wir deswegen zunächst einen kurzen Blick auf Aristoteles’
Darstellung. Eine solche philosophiehistorische Vergewisserung kann uns auch in der Sache
selbst weiterhelfen.

Für Aristoteles ist die eigentliche Philosophie die Theoretische Philosophie – eine
Auffassung, die bis heute vertreten wird.5 Es gibt bei Aristoteles, obwohl er es selbst nicht so
gesehen hat, im Grunde genommen zwei Konzeptionen der Theoretischen Philosophie. Die
erste ist eine substantielle, die zweite eine formale. Gemäß der substantiellen Konzeption hat
es die Theoretische Philosophie mit den Dingen und Sachverhalten zu tun, die ewig und
unveränderlich sind – hier knüpft Aristoteles direkt an Platon an. Dies sollen jedoch nicht wie
bei Platon die Ideen sein, sondern die Untersuchungsgegenstände der Mathematik, der Physik
im Sinn der allgemeinen Naturwissenschaft und der Theologie als Wissenschaft vom
Göttlichen. Mathematik, Physik und Theologie sind drei Gestalten der Theoretischen
Philosophie bzw. kurz: der Philosophie. Unter ihnen genießt die Theologie jedoch einen
Vorrang, weil sie sich mit dem schlechthin Ewigen und Unveränderlichen, dem Gott, der für
Aristoteles immateriell und unbewegt ist, beschäftigt und damit zugleich mit dem, von dem
alles andere, das ist, abhängt; sie wird deswegen auch als „erste Philosophie“ bezeichnet.

5
Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß der Vollzug der Theoretischen Philosophie - das "theōrein"
- für Aristoteles selbst eine Weise zu leben und insofern etwas Praktisches ist. Wer in dieser Weise lebt realisiert
für Aristoteles das letzte Ziel menschlichen Lebens - nämlich das Glück - und damit das Ziel, um das es nach
Aristoteles in der Praktischen Philosophie geht.

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(Vgl. Aristoteles, Metaphysik VI, 1) Die formale Konzeption einer Theoretischen Philosophie
entfaltet Aristoteles unter dem Namen der Ontologie, der Lehre vom Seienden als Seienden,
in der es grob gesprochen um die Einteilung alles dessen, wozu wir im weiten Sinn „etwas“
sagen können, in Grundkategorien wie Substanz, Qualität, Quantität und Relation geht. (Vgl.
Metaphysik IV) Theologie und Ontologie hängen bei Aristoteles auf eine komplizierte Weise
zusammen, die ich hier nicht erläutern kann.6 Daß Aristoteles in ihnen – und damit in der
Theoretischen Philosophie – die höchste Weise des Denkens erblickt, hat seinen Grund in
zwei, wiederum miteinander zusammenhängenden Charakteristika: im Gesichtspunkt der
Begründung einerseits und in dem der Allgemeinheit andererseits. Das theologische und
ontologische Wissen ist ein Wissen von den obersten und letzten Gründen für alles, was ist,
und damit zugleich ein Wissen von größtmöglicher Allgemeinheit. Wer es besitzt, weiß in
dem Sinn alles, daß er die Grundstrukturen der Wirklichkeit erfaßt hat. Die Gesichtspunkte
der Begründung und Allgemeinheit, die bis in unsere Tage Leitprinzipien der Philosophie
geblieben sind, verschränken sich bei Aristoteles – wie zuvor schon bei Platon – mit dem
Gedanken, daß es Wissen im strengen Sinn nur von Dingen geben kann, die ewig und
unveränderlich sind. Anders als Platon glaubt Aristoteles jedoch nicht mehr, daß dieses
Wissen ein für die Gestaltung der individuellen wie sozialen Praxis nützliches oder gar
unentbehrliches Wissen ist. Es ermöglicht zwar noch eine besondere Lebensform, das Leben
der theōria, das heißt das Leben der wissenschaftlichen Erforschung des Unvergänglichen, in
dem Aristoteles die höchste, dem Menschen mögliche Daseinsform sieht, aber diese
Lebensform bleibt zumal von der politischen Praxis, die Platon so wichtig war, abgeschnitten.
Ja, Aristoteles sieht den besonderen Wert des theoretisch-philosophischen Wissens gerade
darin, daß es keinen weiteren Nutzen hat, sondern allein um seiner selbst willen erstrebt wird.
(Vgl. Metaphysik I,1-2)

Trotzdem gibt es bei Aristoteles so etwas wie Praktische Philosophie, und in gewisser
Hinsicht ist er deren Begründer, denn zwar hat schon Sokrates in eminenter Weise praktisch
philosophiert, aber er hat daraus keine Theorie gemacht. Das, was wir heute Praktische
Philosophie nennen, heißt bei Aristoteles zuweilen „Philosophie der menschlichen
Angelegenheiten“. Die menschlichen Angelegenheiten – das meint das individuelle und
soziale Handeln und Leben von Menschen. Diese Angelegenheiten unterstünden im
Unterschied zu den Gegenständen der Theoretischen Philosophie keiner strengen
Notwendigkeit. Sie verhielten sich mal so, mal so, obwohl es auch in diesem Gebiet
Regelmäßigkeiten gebe. Und weil das menschliche Handeln und Leben veränderlich sei,
6
Vgl. dazu Günther Patzig, „Theologie und Ontologie in der „Metaphysik“ des Aristoteles“, wiederabgedruckt
in: G. Patzig, Gesammelte Schriften III, Göttingen: Wallstein Verlag 1996, S. 141-174.

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könne es von ihm auch kein exaktes Wissen geben. Statt um den Erwerb eines Wissens im
strengen Sinne gehe es in diesem Feld eher um den Erwerb genereller Erfahrungen.
Überlegungen über das menschliche Handeln und Leben könnten nicht mit denselben
wissenschaftlichen Ansprüchen angestellt werden wie dies etwa für die Mathematik, die
Aristoteles ja zur Theoretischen Philosophie rechnet, möglich und sinnvoll sei.
Charakteristisch für diese Sichtweise ist eine Passage zu Beginn der Nikomachischen Ethik. In
ihr ist von der „Politik“ bzw. der „politischen Wissenschaft“ die Rede, was in diesem
Zusammenhang in etwa so viel wie Praktische Philosophie meint. Ich zitiere:

„Das Edle und Gerechte, das der Gegenstand der politischen Wissenschaft ist, zeigt
solche Unterschiede und solche Unbeständigkeit, daß man vermuten könnte, es beruhe
nur auf dem Herkommen (nomōi) und nicht auf der Natur (physei). Dieselbe
Unbeständigkeit besteht auch im Bezug auf die Güter; denn viele Menschen kommen
durch sie zu Schaden: schon manche sind durch den Reichtum zugrunde gegangen,
andere durch die Tapferkeit. Da wir nun über solche Dinge und unter solchen
Voraussetzungen reden, müssen wir damit zufrieden sein, in groben Umrissen das
Richtige anzudeuten; und wenn wir bloß über das zumeist Vorkommende reden und
von solchem ausgehen, so werden auch die Schlußfolgerungen dieser Art sein. Auf
dieselbe Weise hat nun aber auch der Hörer alles, was wir sagen werden, aufzunehmen.
Denn es kennzeichnet den Gebildeten, in jedem einzelnen Gebiet nur so viel Präzision
zu verlangen, als es die Natur des Gegenstandes zuläßt. Andernfalls wäre es, wie wenn
man von einem Mathematiker Wahrscheinlichkeitsgründe annehmen und vom Redner
zwingende Beweise fordern würde.“ (Nikomachische Ethik I 1, 1094 b 14-27)

Aristoteles entfaltet seine Praktische Philosophie in seinen ethischen Schriften, deren


wichtigste die Nikomachische Ethik ist, aus der ich gerade zitiert habe, und in seinen
politischen Schriften, deren wichtigste den Titel Politik trägt. Die Leitfrage dieser Schriften
ist die Frage nach dem besten Leben für den einzelnen Menschen und für den Staat. „Was ist
das für Menschen beste Leben?“ – das ist die Leitfrage aller antiken Ethiken. Wie schon
Sokrates und Platon setzt Aristoteles diese Frage mit der Frage nach dem Glück (eudaimonia)
gleich.

Schaut man sich nun etwas näher an, was Aristoteles in Schriften wie der Nikomachischen
Ethik und der Politik, die bis heute zu den Grundbüchern der Praktischen Philosophie zählen,
macht, dann kann man die Praktische Philosophie bei Aristoteles in etwa wie folgt
bestimmen:

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- Gegenstand sind die Prinzipien menschlichen Handelns und Lebens. Aristoteles
unterscheidet dabei noch einmal zwischen Handeln im engeren Sinne – er spricht von
prāxis – und von Hervorbringungen – er spricht von poiēseis. Handlungen im engeren
Sinn haben ihren Zweck in sich selbst, während Hervorbringungen Verrichtungen sind,
die auf die Herstellung eines Produkts zielen, das sich vom Herstellen selbst als Zweck
ablösen läßt. Gegenstand dessen, was Aristoteles „praktische Wissenschaft“ oder
„praktisches Wissen“ nennt, sind prāxeis, Handlungen im engeren Sinn, während
Hervorbringungen Gegenstand eines eigenen poietischen – wir würden heute vielleicht
sagen: technischen – Wissens sind.

- Die Leitfrage der Praktischen Philosophie ist die Frage nach dem für Menschen besten
Leben. Was ist das beste Leben? Oder auch: Was ist ein gelingendes, glückliches Leben?

- In der Praktischen Philosophie geht es sowohl um die Beschreibung als auch um die
Bewertung von Handlungen und Lebensformen. Die Bewertung erfolgt nach den
allgemeinen Kategorien „gut“ und „schlecht“.

- Der Bewertungsaspekt, den Aristoteles allerdings selten klar vom Beschreibungsaspekt


trennt, hilft mit zu erklären, daß die ethischen Schriften von Aristoteles zu wesentlichen
Teilen Traktate über Tugenden wie Gerechtigkeit und Großzügigkeit sind und die
politischen Schriften zu wesentlichen Teilen Traktate über gute und schlechte
Staatsverfassungen.

- Für diese Traktate gelten wie für die Praktische Philosophie insgesamt ermäßigte
wissenschaftliche Ansprüche, jedenfalls dort, wo sie über die Formulierung
allgemeinster Grundsätze hinausgehen.

- Statt dessen wird der Praktischen Philosophie eine wichtige praktische


Orientierungsfunktion zugeschrieben: Sie soll das Handeln anleiten, es zum Besseren
führen. Zu Beginn der Nikomachischen Ethik sagt Aristoteles einmal etwas überpointiert,
in der Ethik gehe es nicht um Erkenntnis, sondern um Handeln (1095a 5-6); er hätte
besser sagen sollen, um Erkenntnis für die Praxis.

- Die praktische Orientierungsfunktion der Praktischen Philosophie bleibt allerdings


auch bei Aristoteles eine allgemeine und vermittelte. Auch die Praktische Philosophie
wird im Medium allgemeiner Begriffe und Argumentationen durchgeführt und kann
deswegen nicht auf die je besonderen Umstände des Lebens der Einzelnen eingehen. Sie
ist deswegen keine Form direkter individueller Lebensberatung.

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Theoretische und Praktische Philosophie heute

Kehren wir nach diesem historischen Zwischenspiel zur heutigen Situation zurück. Wie wird
heute der Unterschied zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie bestimmt und wie
wird insbesondere die Praktische Philosophie verstanden? Auch diesbezüglich kann ich nur
ein grobes Bild vermitteln.

So meine ich, daß heute im allgemeinen die Gegenstandsbereiche der Theoretischen und der
Praktischen Philosophie sowohl enger als auch weiter gefaßt werden als bei Aristoteles. Enger
insofern, als heute Mathematik und Naturwissenschaften aus der Philosophie ausgelagert sind
und nicht mehr als Teile der Theoretischen Philosophie firmieren. Weiter insofern als die
Theoretische Philosophie nicht mehr primär Ontologie oder gar Theologie ist und auch die
Praktische Philosophie nicht auf eine Betrachtung der prāxeis, der selbstzweckhaften
Handlungen, die bei Aristoteles mit den tugendhaften Handlungen zusammenfallen,
beschränkt wird.

Die Theoretische Philosophie beschäftigt sich mit den Grundlagen des Denkens und
Wissens, einschließlich der Wissenschaften. Zu ihr gehören Teildisziplinen wie Logik,
Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes und
Ontologie bzw. Metaphysik. Demgegenüber beschäftigt sich die Praktische Philosophie mit
den Grundlagen menschlichen Handelns. Zu ihr gehören Teildisziplinen wie die
Handlungstheorie, die Moralphilosophie, die Rechtsphilosophie, die Politische Philosophie,
die Sozialphilosophie, die Kulturphilosophie und die Geschichtsphilosophie. Kant hat in
seiner Logikvorlesung vier grundlegende Fragen der Philosophie unterschieden: 1. Was kann
ich wissen?, 2. Was soll ich tun?, 3. Was darf ich hoffen? und 4. Was ist der Mensch? 7 Die
Theoretische Philosophie versucht, Antworten auf die erste Frage zu geben, die Praktische
Philosophie Antworten auf die zweite Frage, die Religionsphilosophie auf die dritte Frage und
alle zusammen Antworten auf die vierte Frage. Das sind freilich nur grobe Zuordnungen.

Letztlich ist die Unterscheidung von Theoretischer und Praktischer Philosophie eine
pragmatische, das heißt zu praktischen Zwecken vorgenommene. In Wirklichkeit reicht sie
nicht sehr tief. Ich hatte gesagt, in der Philosophie hänge alles mit allem zusammen, und
schon deshalb sind die Grenzen zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie fließend.

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Bei Kant heißt es: „Das Feld der Philosophie […] läßt sich auf folgende Fragen bringen: 1) Was kann ich
wissen? 2) Was soll ich tun? 3) Was darf ich hoffen? 4) Was ist der Mensch? Die erste Frage beantwortet die
Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte
man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“ (Kant,
Logik (hg. v. Jäsche), A 25.)

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Das Problem der Willensfreiheit beispielsweise wird regelmäßig sowohl von Theoretischen
als auch von Praktischen Philosophen behandelt.

Ein weiterer Unterschied zu Aristoteles ergibt sich daraus, daß die Praktische Philosophie
heute keine allgemein anerkannte Leitfrage mehr hat. Häufig wird Praktische Philosophie
enger im Sinn von Moralphilosophie begriffen und dann ist die leitende Frage die nach den
vernünftigen Prinzipien für das Zusammenleben von Menschen. Ich selbst neige der Ansicht
zu, daß die Leitfrage der Praktischen Philosophie nach wie vor – oder vielleicht auch: wieder
– die praktische Grundfrage danach, wie man leben soll, nach dem für Menschen besten
Leben, sein sollte, obwohl ich diese Frage nicht auf die Frage nach dem Glück verengen
würde.

Was die wissenschaftlichen und Begründungsansprüche anbelangt, so findet man manchmal


die Meinung, daß strenge Begründungsansprüche nur die Theoretische Philosophie verfolgen
könne, während die Praktische Philosophie Ansichtssache sei. Das ist ein Vorurteil. Führt
man die Theoretische wie die Praktische Philosophie auf ein reflexives
Philosophieverständnis zurück, wie ich es heute skizziert habe, dann gelten für beide
Disziplinen grundsätzlich die gleichen argumentativen Maßstäbe, die sich allerdings in beiden
Fällen von den Standards von Wissenschaften wie etwa der Physik unterscheiden. Es geht in
der Philosophie generell um die Klärung der Grundstrukturen unseres Verstehens von der
Welt und uns selbst. Die Theorien, die um einer solchen Klärung willen entwickelt werden,
müssen sich in der Regel mit Plausibilitätsansprüchen begnügen. Es handelt sich um stets
strittige Interpretationen, die immer nur von einem begrenzten Standpunkt aus vorgenommen
werden können.

Wie steht es dann heute mit dem praktischen – im Sinn von „handlungsleitenden“ –
Charakter der Praktischen Philosophie? Einerseits ist die Praktische Philosophie nicht weniger
theoretisch als die Theoretische Philosophie. „Praktisch“ heißt sie primär wegen ihres
Gegenstandsbereichs – der menschlichen Praxis oder dem menschlichen Handeln – und
darüber kann genauso theoretisch und abstrakt nachgedacht werden wie über die Grundlagen
unseres Erkennens. Als theoretische Reflexion ist Praktische Philosophie allgemeine
Strukturwissenschaft von der menschlichen Praxis. Andererseits kann die Praktische
Philosophie aufgrund ihres Gegenstands – der Praxis – nicht ohne Einfluß auf eben diese
Praxis sein. Dieser Einfluß ist zunächst einmal ein destruktiver. Philosophie hat es insgesamt
mit der Befragung von Selbstverständlichkeiten zu tun bzw. von dem, was für
selbstverständlich erachtet wird. Dies sollte zur Erschütterung falscher Annahmen und

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unbesonnener Vorurteile führen, kann aber gerade dadurch auch der Desorientierung
Vorschub leisten. In der Moralphilosophie beispielsweise gilt dies, sofern es in ihr um die
Prüfung der Begründetheit moralischer Normen geht. Wenn wir ernsthaft fragen, warum wir
nicht töten, lügen, stehlen usw. sollen, dann wird uns erst einmal der Boden des
Selbstverständlichen, der uns im Alltag trägt, unter den Füßen weggezogen. Freilich können
die Philosophie überhaupt und die Praktische Philosophie im besonderen dann doch auch
konstruktiv orientierend wirken. Das tun sie insbesondere dadurch, daß sie uns zur
Konsequenz anhalten. Man kann z. B. nicht gleiche Rechte und Pflichten für alle Menschen
theoretisch für begründet halten und sich dann einfach mit den eklatanten Ungerechtigkeiten
der Welt abfinden, solange man eine Chance für Veränderungen sieht. Oder um ein ganz
anders gelagertes Beispiel aus der Angewandten Ethik zu geben, auf die ich in dieser
Vorlesung ganz zum Schluß des Semesters näher eingehen werde: Es ist fraglich, ob man
konsequent sein kann und gleichzeitig glauben kann, daß Embryonen in vitro Träger des
individuellen Rechts auf Leben sind, während Embryonen in vivo abgetrieben werden dürfen,
wenn dies der Lebensplanung der Schwangeren förderlich ist.

Mit diesem Beispiel ist eine jener Fragen angeschnitten, die heute wahrscheinlich viele am
ehesten mit dem Ausdruck „Praktische Philosophie“ verbinden, aber die Gleichsetzung von
Praktischer Philosophie und Angewandter Ethik ist eine unzulässige Verkürzung der
Praktischen Philosophie. Ich bin außerdem davon überzeugt, daß Fragen wie die des
Embryonenschutzes nur auf der Grundlage einer umfassenden Orientierung in der Praktischen
Philosophie kompetent behandelt werden können, ohne daß deswegen allerdings Hoffnung
bestehen würde, daß die Philosophie die gesellschaftlichen Dispute, die in Feldern wie diesen
notwendig auftreten, schlichten könnte. In allen ihren Bereichen spricht die Philosophie mit
vielen Stimmen, und das gilt auch und gerade im Bereich der Angewandten Ethik.

Insofern bleibt die Beratungskompetenz der Praktischen Philosophie selbst in der


Angewandten Ethik beschränkt. Es hat in den letzten Jahrzehnten – in partieller Anknüpfung
an die Tradition der hellenistischen Ethik und der neuzeitlichen Moralistik – verschiedentlich
Versuche gegeben, diese Beschränkung durch die Entwicklung von Konzepten der
philosophischen Lebensberatung in Richtung auf eine unmittelbar auf die Lebenspraxis
durchschlagende Praktische Philosophie zu durchbrechen.8 Mir selbst kommen viele dieser
Versuche seicht und problematisch vor, weil die letzte Orientierung im Leben immer nur eine
individuelle sein kann. Ich will aber nicht ausschließen, daß eine philosophisch informierte
Lebensberatung für Menschen eine wichtige therapeutische Funktion haben kann. Nur glaube
8
Vgl. z. B. Wilhelm Schmids Bestseller Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998.

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ich, daß eine solche Beratung nicht Aufgabe der akademischen und universitären Philosophie
sein kann.

Den Einfluß, den die akademische Philosophie, auch sofern sie Praktische Philosophie ist, auf
das individuelle wie gesellschaftliche Leben haben kann, ist ein indirekterer. Wie angedeutet,
ist er darauf gerichtet, uns zu einer argumentativen Auseinandersetzung mit den Grundlagen
unseres Denkens, Handelns und Lebens anzuhalten. Wird dieses Ziel eingelöst, ist
Philosophie eine Form von Aufklärung. Eine Philosophie, der es nicht um Aufklärung ginge,
verdiente ihren Namen nicht.

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