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Georg-August-Universität Göttingen

WS 2018/2019
Prof. Dr. Holmer Steinfath

Einführung in die Praktische Philosophie

Vorlesung

II. Handlungen

Ich hatte die letzte Vorlesung mit einer groben Charakterisierung der Praktischen Philosophie
abgeschlossen. In ihr geht es um die Grundlagen menschlichen Handelns. Handlungen sind
nicht ihr einziger Gegenstand, aber ein wesentlicher. Das gilt allemal für die Ethik im Sinn
der Moralphilosophie als einer herausgehobenen Teildisziplin der Praktischen Philosophie.
Moralische Urteile, um deren Analyse und Rechtfertigung die Moralphilosophie bemüht ist,
sind häufig Urteile über Handlungen. Wir wollen wissen, was wir tun sollen, wie zu handeln
richtig ist. Ich werde im Verlauf dieser Vorlesungen zur Einführung in die Praktische
Philosophie verschiedene Theorien zur Bestimmung der Richtigkeit von Handlungen
vorstellen, zum Beispiel den Utilitarismus und Kants Lehre vom Kategorischen Imperativ.
Aber bevor wir überlegen können, was Handlungen richtig bzw. moralisch richtig macht,
müssen wir wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen, was Handlungen sind.
Darum soll es heute gehen. Im Rahmen der Praktischen Philosophie fällt die Aufgabe der
Bestimmung von Handlungen der Handlungstheorie zu. Im Unterschied zur Bestimmung
von richtigen Handlungen ist die Bestimmung von Handlungen als solchen eine deskriptive,
keine normative Aufgabe. Es geht darum, Handlungen zu beschreiben, nicht darum, sie
vorzuschreiben.

Ein typischer Fall einer Handlung

Wie können wir nun aber vorgehen, um die Frage „Was ist eine Handlung?“ zu
beantworten? Ich möchte ein Prozedere wählen, das in philosophischen Handlungstheorien
häufig angewandt wird, obwohl mit ihm ein tiefreichendes Problem verbunden ist, auf das ich
erst gegen Ende dieser Vorlesungseinheit zu sprechen kommen werde. Das Prozedere sieht so
aus, daß Handlungen zunächst am Beispiel einer als typisch angesehenen Handlung analysiert
werden, um dann die an dieser Handlung abgelesenen Handlungselemente soweit wie
möglich auch auf als weniger typisch erachtete Fälle anzuwenden.

1
Der Fall einer typischen Handlung, den ich als Ausgangspunkt wähle, ist der Fall eines
berühmten, wenn auch fiktiven Mordes: Raskolnikov, der Held von Dostojewskis Roman
Schuld und Sühne (bzw. Verbrechen und Strafe), erschlägt mit einer Axt eine alte
Pfandleiherin. Ich übernehme dieses Beispiel von Peter Bieri, der es in seinem Buch Das
Handwerk der Freiheit zur Erläuterung des Handlungsbegriffs wählt, und ich werde mich
auch relativ eng an Bieris Analyse halten, sie allerdings an einigen Stellen stillschweigend
modifizieren und erweitern.1 Daß Bieri und ihm folgend auch ich das Beispiel einer
Mordhandlung wählen, ist sicherlich genauso wenig ein Zufall, wie der auffällige Umstand,
daß der Handlungsbegriff außerhalb der Philosophie insbesondere in der juristischen Theorie
des Strafrechts erörtert wird. Der Handlungsbegriff ist relevant vor allem in Kontexten, in
denen es um Fragen der Zurechenbarkeit und Verantwortung für ein Tun geht.2

Wie können wir nun Raskolnikovs Tat näher beschreiben? Was macht sie zu einer Handlung
im Unterschied etwa zu einem Reflex oder einer bloß instinktiven Verhaltensweise?
Raskolnikov erschlägt die Pfandleiherin mit der Axt. Das ist zunächst einmal die Tat eines
einzelnen Menschen. Dies ist zweifellos eine triviale Feststellung. Aber können wir auch
sagen (wie es sehr viele Philosophen tun), daß streng genommen nur Individuen handeln
können? Damit würde ausgeschlossen, daß Gruppen oder kollektive Einheiten Subjekt von
Handlungen sein können. Eine Firma, eine Partei, ein Staat könnten demzufolge nicht
handeln. Im Kontext von Fragen der Verantwortung schlösse dies so etwas wie
Kollektivschuld von vornherein aus.3 Ich werde darauf in dieser Vorlesung nicht näher
eingehen, will aber erwähnen, daß die Frage der Möglichkeit kollektiver Handlungen und
kollektiver Verantwortung auch in der gegenwärtigen, vornehmlich analytischen
Handlungstheorie kontrovers diskutiert wird.4 Diese Frage ist nicht nur von theoretischer,
sondern auch von großer praktischer Bedeutung, denn in komplexen Gesellschaften wie
unserer haben wir es sehr häufig mit unüberschaubaren Handlungszusammenhängen zu tun,
in denen es schwer sein kann, Individuen und nicht Kollektive (wie z. B. Unternehmen) als
die eigentlichen Akteure auszumachen.5

1
Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit, München: Hanser 2001, S. 31-36.
2
Man könnte überlegen, ob dies nicht darauf hindeutet, daß der Handlungsbegriff doch kein rein deskriptiver ist.
3
Die Thematik der Kollektivschuld wurde gleich nach dem Zweiten Weltkrieg prominent von Karl Jaspers, Die
Schuldfrage. Heidelberg/ Zürich 1946 diskutiert. Zum damit zusammenhängenden Problem der historischen
Verantwortung vgl. z. B. Rolf Zimmermann, Moral als Macht, Reinbek: Rowohlt 2008, 3. Kap. und Michael
Schefczyk, Verantwortung für historisches Unrecht. Eine philosophische Untersuchung, Berlin: de Gruyter
2011.
4
Einen Überblick verschafft der Sammelband H.B. Schmid/D.P. Schweikard, Kollektive Intentionalität,
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009. Eine interessante Position wird vertreten von Christian List/ Philip Pettit,
Group Agency, Oxford: Oxford University Press 2011.
5
Einige Aufsätze zu den angedeuteten praktischen Problemen finden sich in: Doris Gerber/ Véronique Zanetti
(Hg.), Kollektive Verantwortung und internationale Beziehungen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010.

2
Was kennzeichnet Raskolnikovs Tötungsakt noch? Es ist darauf aufmerksam gemacht
worden, daß zu Handlungen notwendigerweise gehört, daß sie ein Tun sind, zu dem man sich
entscheiden kann, auch wenn man sich deswegen nicht zu jeder seiner Handlungen
entschieden haben muß.6 Es gibt eine Reihe von Tätigkeiten in einem weiten Sinn, von
Dingen, die wir irgendwie tun, die keine Handlungen sein können, weil wir uns zu ihnen nicht
entschließen können. Ich kann mich zum Beispiel nicht dazu entschließen, zu gähnen oder zu
niesen, auch wenn ich mich gegebenenfalls dazu entschließen kann, ein Gähnen oder Niesen
zu unterdrücken oder vorzuspiegeln. Wenn jemand gähnt, tut er etwas, aber er handelt nicht. 7
Raskolnikovs Mord an der Pfandleiherin ist dagegen ein Tun, zu dem man sich entscheiden
kann.

Ein weiteres Merkmal von Raskolnikovs Schlag mit der Axt ist, daß es eine
Körperbewegung einschließt und eine Veränderung in der äußeren Welt – den Tod der
Pfandleiherin – herbeiführt. Ist dies notwendig, um ein Tun als Handlung bestimmen zu
können? Wenn ja, dann wären absichtliche Unterlassungen, bei denen jemand sich dazu
entschließt, in ein Geschehen nicht einzugreifen, zum Beispiel nicht dem Ertrinkenden zur
Hilfe zu eilen, keine Handlungen. Ich komme auf diesen Punkt zurück.8

Bleiben wir vorerst bei Raskolnikov. Die Körperbewegung, die Raskolnikov vollzieht,
widerfährt ihm nicht einfach; sie ist nichts, das er bloß erleidet oder das lediglich mit ihm
geschieht. Sie ist keine passive, sondern eine aktive Bewegung, während es sich bei einem
Reflex genau umgekehrt zu verhalten scheint. Raskolnikov handelt, weil er die Bewegung mit
der Axt aktiv vollzieht. Er steht, wie Bieri meint, „in besonders enger Fühlung mit seiner
Bewegung“.9

Diese Beobachtung führt Bieri nun unmittelbar zu einem Punkt, der seit Aristoteles’ Analyse
in den ersten Kapiteln des dritten Buchs der Nikomachischen Ethik den Kern der traditionellen
philosophischen Handlungsanalyse bildet. Um ein letztes Mal Bieri das Wort zu geben:

„Raskolnikov, indem er seine Bewegung in Gang setzt und vollzieht, ist ein Täter. Das
heißt: Er ist der Urheber seiner Tat. Die Ideen des Tuns und der Urheberschaft sind
untrennbar miteinander verknüpft. Wenn die eine fällt, fällt auch die andere. So ist es

6
David Rayfield, Handlung, in: G. Meggle (Hg.) Analytische Handlungstheorie, Band 1:
Handlungsbeschreibungen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1985, S. 69-88.
7
Wie fast überall kann es auch hier Ausnahmen geben. So mag es Menschen geben, die ihren Körper so
beherrschen, dass sie mit ihm kontrolliert Dinge tun können, die sich normalerweise der bewussten Kontrolle
entziehen.
8
Auch könnte man fragen, ob es nicht auch innerliche Handlungen gibt, so daß z.B. das Anstellen einer
Überlegung oder das Fällen einer Entscheidung als Handlung angesehen werden könnten.
9
Bieri, a.a.O., S. 31.

3
bei einer Marionette. Weil ihre Bewegungen von anderen und nicht von ihr selbst in
Gang gesetzt und geführt werden, ist sie nicht ihr Urheber, und aus diesem Grund sind
ihre Bewegungen keine Handlungen. Dasselbe Zusammenspiel der beiden Ideen kann
man beobachten, wenn jemand mitten in einer Handlung von einem epileptischen
Krampf überfallen wird. Anders als bei der Marionette sind es hier nicht äußere,
sondern innere Kräfte, welche die Regie übernehmen. Doch auch hier gilt: Die
zuckenden Bewegungen sind deshalb keine Handlungen mehr, weil der Kranke nicht als
ihr Urheber gelten kann. Mit einemmal ist da niemand mehr, der etwas tut. Was es gibt,
ist nur noch die Szene eines Geschehens.“10

Aristoteles spricht in diesem Zusammenhang knapper von der Handlung (prāxis) als dem,
„wovon der Ursprung in ihm [nämlich dem Handelnden] selbst“ ist (hou hē archē en autō).
(Nikomachische Ethik III 3, 1111a20)

Doch was soll es bedeuten, daß jemand „Urheber“ seines Tuns ist? Bei einigen Philosophen
findet sich eine Unterscheidung, die auf den ersten Blick hilfreich, auf den zweiten Blick
jedoch problematisch ist. Ich meine die Unterscheidung zwischen „Täterkausalität“ und
„Ereigniskausalität“.11 Danach liegt in dem Fall, wo Raskolnikov die Axt auf die
Pfandleiherin niedersausen läßt, Täterkausalität vor: er, Raskolnikov ist es, der zuschlägt, er
ist der Verursacher jener Bewegung, die zum gewaltsamen Tod der Pfandleiherin führt.
Nehmen wir jetzt aber einmal an, Raskolnikov würde, so wie es Bieri als Möglichkeit
andeutet, einen epileptischen Anfall bekommen und in diesem Anfall zuschlagen. Dann läge
nach der angesprochenen Deutung ein Fall von Ereigniskausalität vor: nicht er, Raskolnikov,
würde zuschlagen, sondern eine Kette von Ereignissen, die sich nur auf andere Ereignisse,
aber an keinem Punkt auf einen Täter zurückführen ließe, wäre für den Schlag mit der Axt
kausal verantwortlich. Wir könnten die Muskelbewegungen, die die Bewegung der Axt
verursachen, auf irgendwelche Ereignisse etwa im Hirn von Raskolnikov kausal zurückführen
und diese wieder auf andere Ereignisse. Nirgendwo aber gäbe es ein Subjekt, das die
Handlung kausal verursacht.

Warum die Unterscheidung zwischen Täter- und Ereigniskausalität zwar eine zunächst
eingängige, beim näheren Hinsehen aber sachlich schwierige Unterscheidung ist, können Sie
erahnen, wenn Sie sich fragen, ob in dem Fall, wo wir sagen, Raskolnikov selbst hätte
zugeschlagen, nicht auch irgendwelche Prozesse in seinem Hirn ablaufen, die zur Kontraktion
der Armmuskeln führen und so zum Schlag mit der Axt, wobei das Geschehen im Hirn
10
Bieri, a. a. O., S. 32
11
Vgl. dazu Friedo Ricken, Allgemeine Ethik, Stuttgart: Kohlhammer 4. Aufl. 2003, S. 96-99, der allerdings
nicht von „Täter-“, sondern von „Handlungskausalität“ spricht.

4
wieder durch ein anderes Geschehen bewirkt wird. Ist nicht jede Kausalität Ereigniskausalität,
das heißt ein Geschehen, wo ein Ereignis ein anderes kausal bewirkt, während es selbst
wieder von anderen Ereignissen bewirkt wurde? Ist die Rede von einem davon
unterschiedenen Täter oder Handlungssubjekt nicht eine Chimäre? Oder ist es vielleicht
umgekehrt so, daß die Rede von Ereignisketten im Fall von Handlungen unangebracht ist,
weil sich Handlungen gar nicht in einzelne Ereignisse parzellieren lassen? Diese Fragen
führen unmittelbar auf die Freiheitsproblematik, und deswegen möchte ich ihre Behandlung
auf das nächste Mal verschieben.

Aristoteles spricht auf unverfänglichere Weise davon, daß eine Handlung ihren Ursprung im
Handelnden habe. Er meint damit, daß die Triebkraft für das Tun von innen, aus der Person
selbst kommt, und nicht von außen. Das aber ist für Aristoteles schon gegeben, wenn eine
Neigung oder ein Affekt dazu führt, daß jemand dies oder jenes tut. Im weiten Sinn können
bei Aristoteles daher auch bloß instinktgeleitete Tiere handeln. Bei Raskolnikov ist es jedoch
nicht einfach eine Neigung, die ihn zum Handeln bestimmt, sondern, wie es scheint, sein
Wille.12 Daß er es ist, der zuschlägt, heißt, daß er will, was er tut. Und erst dadurch gewinnt
sein Tun, so scheint es, für ihn wie für uns einen Sinn, wird es verständlich. Wir können jetzt
sagen, daß er seine Axt nahm, mit ihr seine Kammer verließ, die Treppe zur Pfandleiherin
hinaufstieg, weil er die Pfandleiherin erschlagen wollte. Ohne einen solchen Bezug auf ein
Wollen könnten wir allem Anschein nach Raskolnikovs Tun bzw. das Geschehen, das sich
vom Verlassen der Kammer bis zum Schlag mit der Axt vollzieht, zwar gegebenenfalls noch
kausal erklären, aber es hätte für uns keinen Sinn mehr, es wäre in einem engeren Sinn nicht
verständlich. Diese Erfahrung machen wir auch an uns selbst, wenn wir plötzlich vergessen
haben, was wir eigentlich wollten. Wir fragen uns dann: „Was mache ich hier eigentlich?“,
„Was soll das Ganze?“, „Es ist doch einfach sinnlos, hier zu stehen!“ Daraus ergibt sich eine
einfache Auflösung des Problems, was unter dem „Sinn“ eines Tuns oder einer Handlung zu
verstehen ist: Der Sinn einer Handlung liegt in dem, was man mit ihr will, bzw. im
Handlungszweck.

Mit dem Umstand, daß ein Tun wie das von Raskolnikov gewollt wird, ist ein weiterer
wichtiger Punkt verbunden: die Erfahrung eines Handlungsspielraums. Mit dem Bewußtsein
einer Handlung ist immer auch das Bewußtsein der Möglichkeit der Unterlassung oder der

12
Vgl. zum folgenden Bieri, a. a. O., S. 32 ff. An dieser Stelle ist allerdings große Vorsicht geboten. Auch wenn
jemand etwas tut, weil er es will, muß dies nicht heißen, daß es eine eigene Instanz – den Willen – gibt, der das
Tun kausal hervorbringt. Zur Kritik dieser Auffassung vgl. John Hyman, Action, Knowlegde and Will, Oxford:
Oxford University Press 2015, dort bes. die Verweise auf Wittgenstein und Ryle. Hyman stellt im Übrigen eine
Reihe von Unterscheidungen, die in dieser Vorlesungseinheit getroffen werden, in Frage.

5
Modifikation der Handlung mitgegeben.13 Ohne das Bewußtsein eines Spielraums von
Möglichkeiten ginge uns auch das Bewußtsein, willentlich zu handeln, verloren. Und das
heißt: Zur Erfahrung des willentlichen Tuns gehört die Erfahrung einer elementaren Freiheit.14

Wir haben damit jetzt eine ganze Reihe von Elementen gesammelt, die eine typische
Handlung wie Raskolnikovs Tötungsakt charakterisieren: Handeln erscheint danach als eine
die äußere Welt verändernde Körperbewegung eines Individuums, deren Urheber das
Individuum selbst ist, indem es diese Bewegung ausführen will. Das Handeln wird dadurch
zugleich zu einem verständlichen Tun, wenn auch natürlich nicht notwendig zu einem Tun,
für das man Verständnis haben oder das man gar billigen muß.

Angemerkt sei, daß dieses Handlungsverständnis sich weitgehend deckt mit dem in der
juristischen Straflehre verbreiteten. So bestimmt der Strafrechtslehrer Claus Roxin in seinem
Lehrbuch Strafrecht. Allgemeiner Teil eine Handlung wie folgt:

Nach der am meisten verbreiteten Ansicht ist eine Handlung „ein in der Außenwelt
bedeutsames menschliches Verhalten, das vom Willen beherrscht oder doch wenigstens
beherrschbar ist. Keine Handlungen im strafrechtlichen Sinne sind also Wirkungen, die
von Naturgewalten oder Tieren ausgehen, aber auch Akte einer juristischen Person.
Keine Handlungen sind bloße Gedanken oder Gesinnungen, aber auch
Außenweltgeschehnisse, die – wie z. B. Reflexbewegungen oder Krampfanfälle – für
den menschlichen Willen schlechthin unbeherrschbar sind.“15

Wollen

Die damit erreichte Analyse können wir nun noch nach verschiedenen Richtungen vertiefen
und verfeinern. So können wir beispielsweise genauer fragen, was eine Handlung zu einer
willentlichen machen soll. Auch zur Behandlung dieser Frage möchte ich mich weiter an
Raskolnikovs Tat orientieren, allerdings ohne es mit Dostojewskis Schilderung allzu genau zu
nehmen.

13
Dazu z. B. Ernst Tugendhat, Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt a.
M.: Suhrkamp 1976, S. 110.
14
Vgl. Bieri, a. a. O., S. 34 f.
15
Claus Roxin, Strafrecht Allgemeiner Teil Band I Grundlagen. Der Aufbau der Verbrechenslehre, München:
Beck 1994, S. 142. Auch hier könnte gefragt werden, ob die substantivierende Rede vom „Willen“
unproblematisch ist. Vgl. Anmerkung 11.

6
Raskolnikov will die Pfandleiherin erschlagen. Was heißt das hier? Statt zu sagen, er will die
Pfandleiherin töten, könnte man auch sagen, daß er die Absicht dazu hat. Die Absicht geht in
diesem Fall der Handlung voraus: Raskolnikov nimmt sich vor, die Pfandleiherin zu töten. Er
setzt sich dies, um noch einen anderen Begriff ins Spiel zu bringen, zum Zweck oder Ziel. Als
nächstes stellt er Überlegungen an, wie er dieses Ziel erreichen kann. Er sucht nach
geeigneten Mitteln zur Ausführung seiner Absicht. Er geht in Gedanken sozusagen den Weg
zurück vom Ziel, die Pfandleiherin zu töten, bis zu jenem Mittel, das er unmittelbar ergreifen
kann, um von dort eine Kette von Handlungsschritten in Gang zu setzen, die schließlich zum
Tötungsakt führt. Er sagt sich: „Ich will die Pfandleiherin töten; ich kann sie am besten mit
einer Axt töten; ich brauche eine Axt; eine Axt ist leicht zu besorgen, ich habe sie in meiner
Kammer; also nehme ich, da ich jetzt in meiner Kammer bin, die Axt.“ Aristoteles und eine
lange ihm folgende Tradition haben gemeint, diese Art von Überlegung habe die Form eines
Schlusses oder Syllogismus.16 Im Obersatz steht ein Bedürfnis, ein Motiv oder eine Absicht,
im Untersatz wird formuliert, was man zur Verwirklichung der Absicht braucht, und als
Konklusion ergibt sich ein Entschluß oder sogar die Handlung selbst. Oder etwas
schematischer aufgeführt:

P1: Ich will die Pfandleiherin töten. (Absicht / Handlungszweck)

P2: Zum Töten der Pfandleiherein brauche ich eine Axt. (Mittel)

K: Entscheidung, zur Axt zu greifen / Griff zur Axt (Entschluß / Handlung)

Ein solcher Syllogismus wird als „praktischer Syllogismus“ bezeichnet. In einer anderen
Terminologie, die häufig, diesmal im Anschluß an den Soziologen Max Weber (1864-1920),
gewählt wird, wird Raskolnikovs praktische Überlegung als „zweckrationale Überlegung“
bezeichnet. Man könnte auch von einer „Zweck-Mittel-Überlegung“ sprechen (wobei Weber
den Ausdruck „Zweckrationalität“ allerdings weiter faßt, nämlich so, daß zu ihm nicht nur das
Abwägen von Mitteln und Zwecken gehört, sondern auch das von Zwecken gegeneinander).17

Wichtig ist, daß eine praktische Überlegung kein bloßes Gedankenspiel ist. Sie ist von Anfang
an von der Absicht zur Tat geleitet. Zu ihr gehört deswegen notwendig die Bereitschaft zum
Handeln. Diese wiederum schließt die Überzeugung ein, daß man das Gewollte tatsächlich
ausführen kann. Etwas wollen und eine Absicht verfolgen ist etwas anderes als etwas bloß zu

16
Zum praktischen Syllogismus bei Aristoteles vgl. Aristoteles, De motu animalium 7, 701a17-19; außerdem
A. W. Müller, Praktisches Folgern und Selbstgestaltung nach Aristoteles, Freiburg: Alber 1982.
17
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen: Mohr 1980, S. 13.
Dort heißt es: „Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und
dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die
verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt.“

7
wünschen. Wünschen kann ich mir auch Dinge, von denen ich weiß, daß sie außerhalb meiner
Möglichkeiten liegen. Raskolnikov kann nach seiner Tat wünschen, er hätte sie nicht
begangen. Aber er kann dies nicht wollen, denn die Vergangenheit kann er nicht ändern. Da
zum Wollen Können gehört (bzw. die Meinung, daß man das Gewollte tun kann), sind dem
Wollen Grenzen gesetzt, die für das bloße Wünschen nicht gelten. Diese Grenzen setzt
einmal die äußere Wirklichkeit, etwa in Form der Irreversibilität des Geschehenen. Eine
wichtige Grenze für das eigene Wollen bilden aber auch die Grenzen der eigenen Fähigkeiten.
Jemand mit einer mittelmäßigen musikalischen Begabung kann nicht wollen, Klavier wie
Wladimir Horrowitz zu spielen; er kann es nur wünschen.18

Aber auch wenn das Wünschen über das Wollen hinausgehen kann, so könnte doch jedes
Wollen und Beabsichtigen ein Wünschen einschließen. Viele Autoren bestimmen den Willen
einfach als einen handlungswirksamen Wunsch oder als einen Wunsch, der unter normalen
Umständen handlungswirksam würde. Aber meistens gehört zum Wünschen, daß man das,
was man sich wünscht, gerne tun würde. Wer sich wünscht, das nächste Wochenende im
Grünen zu verbringen, der stellt sich vor, daß es dort für ihn angenehm sein wird, und diese
Vorstellung ist selbst schon angenehm für ihn; er hat Lust, ins Grüne zu fahren. Aber gehört
dies auch notwendig zum Wollen? Raskolnikov muß gegen seine Gefühle ankämpfen, als er
die Pfandleiherin erschlägt; er will es, obwohl es ihm gefühlsmäßig widerstrebt. Man kann
deswegen erwägen, das Wollen oder das Haben einer Absicht gar nicht als eine Form des
Wünschens zu betrachten, sondern als eine Einstellung sui generis, eine Einstellung eigner
Art.19

18
Dazu Bieri, a. a. O., S. 38 f.; als locus classicus: Aristoteles, Nikomachische Ethik III 4-5.
19
Dafür könnten auch weitere Besonderheiten von Absichten sprechen. So sind Absichten notwendigerweise
Einstellungen "de se", also über sich selbst, denn ich kann nur meine eigenen Handlungen beabsichtigen, nicht
diejenigen anderer Personen. Damit hängt zusammen, daß Absichten durch "kausale Selbstreferenz" (G.
Harman) charakterisiert sind, weil jede Absicht darauf zielt, daß die beabsichtigte Handlung durch die Absicht
selbst und nicht durch anderes herbeigeführt wird. Bei einem bloßen Wunsch ist es dagegen unerheblich, ob das
gewünschte Handeln vollzogen wird, weil es gewünscht wurde.

8
Grundsätze und Grundhaltungen

Schauen wir uns Raskolnikovs Tat noch unter einem etwas anderen Blickwinkel an.
Raskolnikov will die Pfandleiherin nicht einfach so töten. Sie zu töten ist nicht sein letzter
Zweck. Er will es, um sich ihres Geldes zu bemächtigen, mit dem er vorhat, sein Studium zu
finanzieren. Der Mord ist ihm also Mittel zum Zweck. Wenn er nicht gerade Philosophie
studieren will, wird er wohl auch das Studium nicht als Endzweck betrachten, als etwas, das
er um seiner selbst willen tut. Aristoteles unterscheidet zwischen prāxis, Handlung im
engeren Sinn, und poiēsis, Herstellen.20 Herstellen soll das Hervorbringen eines Produkts als
Mittel für weitere Zwecke sein, während Handeln auf ein „Ziel einfachhin“ gerichtet sein
soll, also auf etwas, das nicht mehr Mittel für etwas anderes ist. Weit gefaßt, könnte man auch
die Ermordung der Pfandleiherin durch Raskolnikov als ein „Herstellen“ im Sinn von
Aristoteles bezeichnen. Dieses Herstellen ist aber wie alles Herstellen Teil einer Handlung,
das heißt eines Tuns mit Blick auf etwas, das man um seiner selbst willen will. In diesem
Kontext wären weitere Differenzierungen anzubringen (z. B. die, daß wir vieles sowohl um
seiner selbst willen als auch im Hinblick auf ein anderes Ziel tun), aber was mich jetzt
interessiert, ist ein Gedanke, der sich in einer Form wieder bei Aristoteles und in einer
anderen Form bei Kant findet.

Aristoteles meint, jedes Handeln sei Ausdruck einer sittlichen Grundhaltung bzw. einer
Tugend oder eines Lasters. Für Kant steht hinter jeder Handlung eine Maxime oder ein
praktischer Grundsatz. Das Verhältnis von Grundhaltungen und Grundsätzen möchte ich so
wie es Friedo Ricken in seinem Buch Allgemeine Ethik tut wie folgt bestimmen (ich zitiere
Ricken):

„Grundsätze, so könnte man sagen, drücken Grundhaltungen aus. Praktische Grundsätze


drücken letzte Ziele aus, die ein Mensch um ihrer selbst willen verfolgt; sie geben eine
letzte Antwort auf die Frage, weshalb wir uns in einer bestimmten Weise verhalten und
bestimmte Absichten verfolgen; sie geben an, was einen Menschen letztlich zu seinem
Handeln bewegt. Um einige Beispiele zu bringen: Die Grundhaltungen Geiz,
Sparsamkeit, Großzügigkeit, Verschwendung bestimmen die Entscheidungen im
Umgang mit dem Geld. Der praktische Grundsatz des Geizigen wäre, möglichst wenig
Geld auszugeben. Er macht sich dieses Fiat nicht zu eigen, weil er das gesparte Geld für
andere Zwecke verwenden will, sondern weil der Besitz von möglichst viel Geld für ihn
ein letztes Ziel ist. Ehrgeiz, gesundes Selbstbewußtsein, Empfindlichkeit sind letzte

20
Aristoteles, Nikomachische Ethik VI 2, 4, 5; vgl. dazu Theodor Ebert, Prāxis und Poiēsis. Zu einer handlungs-
theoretischen Unterscheidung des Aristoteles, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 30 (1976), S. 12-30.

9
Gesichtspunkte für Entscheidungen in Situationen, in denen es um das Ansehen geht.
Der Empfindliche könnte etwa den praktischen Grundsatz haben, keine Zurücksetzung
ungerächt zu lassen.“21

Hält man sich an diese Beispiele, so kann man wohl sagen, daß sich in jeder Handlung
ausdrückt, was für ein Mensch jemand ist. Wenn das aber richtig ist, müssen wir dann nicht
sagen, daß wir in jeder Entscheidung, die wir treffen, letztlich entscheiden, was für ein
Mensch wir sein wollen? Oder etwas anders ausgedrückt: Steht nicht hinter jedem Wollen von
diesem oder jenem ein grundsätzlicheres Wollen, eine feste Willensdisposition, in der es
darum geht, wie man sich als Mensch versteht? Meinem Verständnis nach haben dies
Aristoteles und noch deutlicher Kant, später dann zum Beispiel Jean-Paul Sartre (1905-1980),
so gesehen. Kant hat darüber hinaus gemeint, hinter jedem Handeln stehe entweder die
Grundmaxime der „Selbstliebe“ oder der Moral.22

Viele Formulierungen, die sich bei Aristoteles, Kant, Sartre und anderen finden, wirken
überzogen, weil sie den Kreis dessen, worüber wir Entscheidungen treffen können, zu weit
ziehen. Trotzdem liegt ihnen, so meine ich, eine wichtige Einsicht zugrunde. Unsere
einzelnen Handlungen sind stets in einen größeren Zusammenhang eingebettet. Jeder
Handlung geht eine Deutung der Handlungssituation voraus. Z. B. mag ich einen am
Straßenrand liegenden Menschen für einen Verletzten halten, der Hilfe nötig hat. Eine
derartige Deutung ist aber normalerweise wieder eingebettet in einen größeren
Deutungsrahmen, der mir Gesichtspunkte zur Bewertung meiner Situation liefert. Z. B. kann
die Wahrnehmung einer Person als hilfsbedürftig auf einen Hintergrund moralischer Normen
bezogen sein, die die tätige Abhilfe der Not des anderen verlangen. Diese Normen werden mir
durch die Gesellschaft, in der ich lebe, vermittelt. Ich kann und muß mich zu ihnen so oder so,
zustimmend oder ablehnend, verhalten. Aber ganz ohne Bezug auf einen umfassenderen
Deutungsrahmen und Werthorizont scheint es nicht zu gehen; wir brauchen solche Rahmen,
um unserem Tun einen Sinn abgewinnen zu können, der über den Sinn, der im
Handlungszweck liegt, hinausgeht.23 Ich werde diesen wichtigen Punkt in späteren
Vorlesungen wieder aufgreifen, will jetzt aber zur Analyse von Einzelhandlungen
zurückkehren.

Wie repräsentativ ist der „typische“ Fall?


21
Ricken, a. a. O., S. 123 f.
22
Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1. Teilstück.
23
Eine solche Sichtweise findet sich ausgearbeitet in verschiedenen Arbeiten von Charles Taylor; vgl. z. B.
Charles Taylor, Sources of the Self. The Making of the Modern Identity, Cambridge: Cambridge UP 1989.

10
Eingangs hatte ich gesagt, das von mir gewählte und auch keineswegs ungewöhnliche
Vorgehen, Handlungen am Beispiel eines Tuns wie das von Raskolnikov zu analysieren, sei
mit einem tiefgreifenden Problem verbunden. Damit meine ich den Umstand, daß ein
gezieltes und bewußt geplantes Handeln wie Raskolnikovs Mord an der Pfandleiherin
vielleicht gar nicht so repräsentativ für den Großteil unserer Handlungen ist, wie die
Auszeichnung dieses Handelns als „typisch“ nahelegt. Es könnte sein, daß die Orientierung an
gezielten und bewußt geplanten Handlungen ein falsches, weil rationalistisch oder
intellektualistisch einseitiges Bild unseres Handelns vermittelt.

Könnte es nicht sein, daß wir normalerweise ohne großes Nachdenken und allein aus im
Wortsinn „eingefleischten“, nämlich in die Automatismen unseres Körpers übergegangenen
Gewohnheiten und Routinen handeln? Denken Sie an all das, was man automatisch beim
Autofahren tut: Gasgeben, Bremsen, Schalten usw. Hier wird nicht mehr groß überlegt und
geplant, und trotzdem würden wir sagen, daß der Autofahrer nicht einfach reflexhaft reagiert
– das mag er tun, wenn er einem plötzlich auftauchendem Hindernis ausweicht – sondern
tatsächlich handelt. Oder denken Sie auch an solche Tätigkeiten wie das Lesen oder die vielen
Verrichtungen beim Essen in der Mensa. Oder denken Sie an all das, was vor sich geht, wenn
man vom Philosophischen Seminar zur Mensa geht: Man sieht bekannte Gesichter und grüßt
automatisch, der Blick fällt auf ein Plakat, man öffnet die eine Tür, schließt eine andere, wenn
es regnet, beschleunigt man seinen Gang usw. Sind alle diese Tätigkeiten noch unserem Fall
einer typischen Handlung hinlänglich ähnlich, um beides als zusammengehörig und als
deutlich abgegrenzt von anderem, etwa von rein instinktiven Verhaltensmustern, zu
betrachten? Ich kann Ihnen diese Frage letztlich nur zum weiteren eigenständigen
Nachdenken vorlegen.

Einen Unterschied zwischen einer Handlung wie der von Raskolnikov und den vielen Dingen,
die ich beispielsweise beim Gang zur Mensa tue, kann man immerhin ganz gut benennen.
Raskolnikovs Tat geht eine Absicht vorher, während dies nicht der Fall ist, wenn ich Sie auf
dem Weg zur Mensa grüße. Mein Grüßen geschieht deswegen jedoch nicht unabsichtlich. Ich
grüße sie absichtlich, aber nicht mit oder aus einer Absicht. Manche Autoren unterscheiden
deswegen terminologisch zwischen „vorhergehenden Absichten“ einerseits und
„Handlungsabsichten“ andererseits.24 Ausgehend davon bietet sich an, zumindest überall
dort von einer Handlung zu sprechen, wo ein absichtliches Tun vorliegt, wenn auch nicht
notwendig ein Tun aus einer vorhergehenden Absicht.

24
Vgl. z. B. John Searle, Intentionality, Cambridge: Cambridge University Press, 3. Kapitel.

11
Gibt es ein Kriterium für absichtliches Tun? Ein Vorschlag gibt als Kriterium an, daß der
Handelnde auf Nachfrage angeben können muß, was er gerade tut bzw. getan hat. 25 Also:
Wenn ich Sie grüße und Sie mich sofort danach festhalten und fragen „Haben Sie mich da
eben gegrüßt?“ und ich Ihnen dann ohne Zögern antworte „Ja!“, dann habe ich Sie, diesem
Vorschlag zufolge, absichtlich gegrüßt, obwohl ich bestimmt nicht zur Mensa rübergegangen
bin, um Sie zu grüßen, denn als ich meinen Gang zur Mensa antrat, wußte ich ja noch gar
nicht, daß ich Sie treffen würde.

Ein anderer Vorschlag zur Identifikation von absichtlichen Handlungen stammt von Elizabeth
Anscombe (1919-2001) und besagt, daß wir im Fall von Handlungen stets eine Antwort auf
die Frage geben können, warum wir tun, was wir tun, wobei dieses „warum“ auf die Angabe
von „Gründen“, nicht von „Ursachen“ zielt.26 Freilich sind auch mit diesem Vorschlag eigene
Probleme verbunden. Genauso wie der erste Vorschlag läßt er offen, ob wir die aktual
vollzogenen Handlungen in einem mentalistischen Vokabular beschreiben müssen. Daß ich
etwas aus Gründen tue, muß ja nicht heißen, daß ich mir dies vor Augen führe und bewußt
mache. Selbst dem Ungeübten sollte klar sein, daß diese Beobachtungen auf ein Terrain
führen, das besonders schwierig zu bearbeiten ist.

Überhaupt könnte ich Ihnen jetzt eine lange Liste von Problemen vorlegen, die sich der
philosophischen Analyse von Handlungen stellen. Z. B. ist ein weiteres Problem das der
Handlungsindividuation. Auch Raskolnikov tut mehrere Dinge. Er hebt seinen Arm und
schwingt ihn nach unten; er schwingt die Axt; er bewegt damit die Luft; er tötet die
Pfandleiherin. Wenn ich Sie mit einem „Guten Tag!“ grüße, also eine Sprechhandlung
vollziehe, tue ich auch mehrere Dinge. Ich bewege meinen Mund; ich erzeuge Schallwellen;
ich äußere etwas in deutscher Sprache; ich grüße Sie; ich zeige Ihnen, daß Sie nicht Luft für
mich sind usw. Vollziehen Raskolnikov und ich dann jeweils nur eine Handlung – und wenn
ja, welche? – oder vollziehen wir mehrere Handlungen – und wenn ja, wie viele? Sie finden in
der modernen Handlungstheorie Vertreter für alle Optionen. 27 Für die Bestimmung
absichtlicher Handlungen ergibt sich aus dem Problem der Handlungsindividuation das
Problem, unter genau welcher Beschreibung eine Handlung absichtlich ist. Ödipus erschlägt
25
Vgl. dazu Stuart Hampshire, Thought and Action, London 1959, 2. Kapitel.
26
G. E. M. Anscombe, Intention, Oxford: Blackwell 1957.
27
Der amerikanische Philosoph Donald Davidson etwa würde sagen, daß das, was einer tut, streng genommen
nur die Bewegung seines Körpers oder eines Teils davon ist, also etwa die Bewegung meiner Stimmbänder und
meines Munds, wenn ich Sie mit einem „Guten Tag!“ begrüße, daß sich diese Körperbewegung aber im Hinblick
auf ihre Umstände und ihre Konsequenzen verschieden beschreiben läßt, also etwa als Äußern eines Grußes; vgl.
Donald Davidson, Essays on Action and Events, Oxford: OUP 1980, S. 58 f. Alvin Goldman vertritt die
gegenteilige Sicht, der zufolge wir in jedem Tun sehr viele Handlungen vollziehen, also ich mehrere Handlungen
begehe, wenn ich Sie grüße; vgl. Alvin I. Goldman, A Theory of Human Action, Englewood Cliffs, N. J.:
Preatice-Hall 1970.

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absichtlich einen alten Mann, der sich ihm an einer Straßenkreuzung in den Weg stellt. Aber
er erschlägt nicht absichtlich seinen Vater, denn er weiß nicht, daß der Mann sein Vater Laios
ist.

Tun und Unterlassen

Obwohl die Aufzählung von Problemen etwas Ermüdendes hat, möchte ich noch eine weitere
Schwierigkeit aufgreifen, weil sie in späteren Vorlesungseinheiten noch eine Rolle spielen
wird. Bis jetzt bin ich stillschweigend davon ausgegangen, daß Handlungen willensgemäße
Körperbewegungen sind, mit denen wir die Welt verändern, und sei es dadurch, daß wir
jemanden grüßen. Aber handeln wir nicht auch, wenn wir es unterlassen, etwas zu tun? Wie
unterscheiden sich Tun und Unterlassen? Auch dazu müssen wenige Bemerkungen genügen.

Meines Erachtens haben Tun und Unterlassen eine sehr ähnliche Struktur, vorausgesetzt
allerdings, daß mit „Unterlassen“ ein absichtliches Unterlassen gemeint ist.28 Tun ist das
willensabhängige Herbeiführen eines Sachverhalts „p“ als Folge einer willensabhängig
hervorgebrachten Handlung. Raskolnikov bringt absichtlich den Sachverhalt „Tod der
Pfandleiherin“ hervor, indem er mit der Axt auf sie einschlägt. (Absichtliches) Unterlassen ist
demgegenüber das willensabhängige Herbeiführen eines Sachverhalts „-p“ als Folge einer
willensabhängig nicht verwirklichten Handlung. Zum Beispiel: Der am Beckenrand stehende
Rettungsschwimmer, der es unterläßt, dem ertrinkenden Kind zur Hilfe zu kommen, führt den
Sachverhalt, daß das Kind nicht gerettet wird, dadurch willentlich herbei, daß er absichtlich
nicht ins Wasser springt, um das Kind ins Sichere zu bringen. Aufgrund dieser
Strukturähnlichkeit zwischen Tun und Unterlassen halte ich es für angemessen, auch ein
absichtliches Unterlassen als „Handlung“ zu qualifizieren.29

28
Vgl. zum folgenden Gottfried Seebaß, Der Wert der Freiheit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 44,
(1996), S. 759-775, dort S. 770 f.
29
Diese Sicht wird zum Beispiel von Dieter Birnbacher vertreten. In seiner Abhandlung Tun und Unterlassen,
Stuttgart: Reclam 1995, S. 24 f. heißt es: „Dem Sprachgebrauch nach läßt sich ein Verhalten, das in einer
Hinsicht als Unterlassen beschrieben werden kann, vielfach in einer anderen Hinsicht auch als Handeln
beschreiben und umgekehrt. Der Sprachgebrauch kennt neben einem engeren auch einen weiteren Begriff des
Handelns, in dem Handeln Unterlassen (dann auch »Unterlassungshandeln« genannt) einschließt. Dieser
Sprachgebrauch liegt besonders dann nahe, wenn das Unterlassen von einer ausdrücklichen Absicht begleitet ist
und insofern zusätzlich zur äußeren Untätigkeit eine Art inneres Handeln beinhaltet. Wenn Herr A den ihm auf
einem Spaziergang begegnenden Herrn B absichtlich nicht grüßt, dann liegt es nahe, dieses Verhalten einerseits
als Nicht-Handeln, andererseits aber auch als Handeln zu beschreiben: Zwar liegt beim Nicht-Grüßen, soweit es
das äußere Verhalten betrifft, keine Aktivität vor: Als äußeres Verhalten genommen ist das Nicht-Grüßen etwas
rein Negatives, die Abwesenheit des für das Grüßen charakteristischen Verhaltens. Dennoch läßt das Vorliegen
einer ausdrücklichen Absicht und die daraus folgende Zielgerichtetheit des äußeren Verhaltens den
Gesamtvorgang einem entsprechenden (positiven) Handeln hinreichend ähnlich erscheinen, um es als eine Art
Handeln zu beschreiben: „Auch das scheinbare ›Nichtstun‹ bei Unterlassungen hat, wenn es willensabhängig
erfolgt, formal den Status des ›Tuns‹ (Seebaß, [Wollen, Frankfurt a. M.] 1993, 258, Anm. 99)“.
Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, Stuttgart: Reclam 1995, S. 24 f.

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Diese Überlegungen bewegen sich zunächst auf einer rein deskriptiven Ebene: Es geht um
eine strukturelle Beschreibung von Tun und Unterlassen. Aber wie Sie vermutlich wissen,
spielt die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen oder auch von Tun und Zulassen
eine wichtige Rolle bei der Bewertung von Handlungen. Wiegt Raskolnikovs Tat schwerer als
das Nichteingreifen des Rettungsschwimmers? Und falls ja, warum? Die Frage nach dem
normativen Gewicht der Unterscheidung von Tun und Zulassen spielt heute zum Beispiel in
der Medizinethik eine große Rolle. Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel, das Friedo Ricken in
seinem Buch Allgemeine Ethik von James Rachel übernimmt:

„Ein Patient mit Kehlkopfkrebs im Endstadium liegt im Sterben und leidet unter
unerträglichen Schmerzen, die nicht mehr wirksam durch eine angemessene
Schmerztherapie behandelt werden können. Er wird mit Sicherheit in den nächsten
Tagen sterben, möchte aber unter den gegebenen Umständen nicht weiterleben und
bittet in vollem Bewußtsein und in voller Entscheidungsfähigkeit und im Einverständnis
mit seiner Familie den Arzt, sein Leben mit einer tödlichen Injektion zu beenden.“30

Der Arzt hat in dieser Situation drei Möglichkeiten:

„Er kann dem Patienten eine tödlich wirkende Injektion geben; er kann die Behandlung
einstellen, so daß der Patient etwa nach einem Tag stirbt; er kann lebensverlängernde
Maßnahmen ergreifen, so daß der Patient noch etwa fünf Tage zu leben hat.“31

Die dritte Möglichkeit wird vermutlich niemand wählen wollen. Aber wie steht es mit der
ersten und der zweiten? Wer den Unterschied zwischen Tun und Unterlassen für moralisch
relevant hält, wird die zweite Möglichkeit der ersten vorziehen. Aber ist die Entscheidung für
den Tod nicht schon so oder so gefallen? Und wählt nicht, wer die zweite Möglichkeit
vorzieht, diejenige Möglichkeit, die das Leiden verlängert und dem widerspricht, was der
Patient will?

Weitere Dimensionen von Handlungen

Mit diesen letzten Erwägungen habe ich die Grenzen der Handlungstheorie, in der es um die
Bestimmung und nicht um die Bewertung von Handlungen geht, überschritten. Im Kontext
der heutigen Vorlesung sollten sie dazu dienen, die mögliche ethische Relevanz
handlungstheoretischer Unterscheidungen deutlich zu machen. Ich hoffe, daß Sie so den
Eindruck gewinnen, daß Handlungstheorie ein wichtiger und grundlegender Zweig der
Praktischen Philosophie ist.

30
F. Ricken, a. a. O., S. 116.
31
F. Ricken, a. a. O., S. 116.

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Hätte ich mehr Zeit, würde ich jetzt noch auf eine ganze Reihe weiterer Dimensionen von
Handlungen eingehen. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, was zu den Folgen von
Handlungen zu zählen ist. Aber diese Frage werde ich bei der Diskussion des Utilitarismus
aufnehmen, der eine sogenannte konsequentialistische Ethik ist. Konsequentialistische
Ethiken meinen, daß Handlungen allein im Hinblick auf ihre Folgen als moralisch richtig oder
falsch zu beurteilen sind, und das führt wie von selbst auf die Frage, was denn die Folgen von
Handlungen sind. Ein weiteres Problem, das ich heute gar nicht angesprochen habe, sind
Probleme der Handlungskoordination zwischen mehreren Akteuren. Aber auch darauf
werde ich noch zu sprechen kommen, zum Beispiel bei der Behandlung des politischen und
moralischen Kontraktualismus, in dem die Figur des sogenannten Gefangenendilemmas eine
wichtige Rolle spielt. Ansonsten kann ich aber nur betonen: Ich kann in dieser Vorlesung nur
weniges behandeln; vieles bleibt unerörtert, und es wäre schon viel gewonnen, wenn Sie eine
vage Vorstellung davon entwickeln würden, was alles unberücksichtigt bleibt.

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