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Eugen Ehrlich

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Zur frage der
juristischen Person.

Vorttag, gehalten in der juristisch-staatswissenschaft-


lichen Gesellschaft in Czernowitz. Nach einer steno-
graphischen Aufnahme.

Von

Professor Dr. Eugen Ehrlich.

Sonder-Abdruck aus der „Österreichische Richter-Zeitung."

CZERNOWITZ, 1907.
Buchdruckerei „Gutenberg", Czemowitz, l(arolinengas;e Nr. 4.

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Es ist nicht lange her - es war so ziemlich um


die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts - da gehörte
die frage der juristischen Person zu den be-
liebtesten Gegenständen der juristischen Litteratur.
Soviel man sich jedoch . ~am~t., beschäftigte, so
selten wurde das, worauf es·• ittlabei eigentlich
ankommt, hervorgehoben. Es ~r nämlich nicht,
wie man nach der Literatur scti ßen könnte, eine ,
konstruktive frage, um die es sie handelte, sondern (0
es handelte sich dabei vielmehr um die Auffassung
von der Natur des subjektiven Rechtes. Ist es
wirklich wahr, daß ein subjektives Recht einen
Menschen voraussetzt und nur einem Menschen
zustehen kann, oder gibt es doch Gebilde auf
der Welt, die Rechte haben, ohne Menschen zu
sein?
Diese ganze Auffassung, daß subjektive Rechte
immer nur · Menschen zustehen können, ist aber
wie die meisten vermeintlichen ewigen Wahr-
heiten, durchaus historisch bedingt. Es handelt
sich daher gar nicht um eine ewige Wahrheit,
sondern um etwas, was für unsere heutige
Menschheit stimmt, was aber keineswegs immer
so sein muß. Denn es ist einerseits unrichtig,
daß zu jeder Zeit alle Menschen Rechtssubjekte
waren, und anderseits unrichtig, daß immer nur
Menschen Rechtssubjekte sein könnten. Jedem
primitiven Rechte liegt immer der Gedanke zu
Grunde, daß Rechtssubjekt nicht jeder Mensch,
sondern nur der Volksgenosse ist. Diese
Auffassung herrschte bei den Römern und
auch bei allen anderen Völkern auf früheren
Entwicklungsstufen. Erst unter dem Einfluße sehr
entwickelter Vorstellungen, der Bedürfnisse des

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Handels und des Verkehres, hat in manchen hoch


entwickelten Rechten des Altertums, zumal im
römischen, der Gedanke zu keimen begonnen,
daß auch ein Nichtbürger Rechtssubjekt sein kann,
und auch da immer nur in bescheidenem Maße.
Es ist lustig, daß man unter dem Einfluß des
modernen Rassenschwindels · selbst diese Sache
als Rassenfrage, als Besonderheit eines nazionalen
Charakters auffassen wollte. Das ist selbst-
verständlich ganz unrichtig. Auf einer gewißen
Entwicklungsstufe finden wir diese Einschränkung
immer. Andererseits finden wir, insbesondere im
Mittelalter eine davon ganz verschiende Vorstellung.
Gar nichts mehr von der Vorstellung, daß nur
Menschen Rechtssubjekte sein können, sondern
auch Wesen gar anderer Art: z. B. die Vorstellung,
daß Gott, die Heiligen oder die Verstorbenen
Rechtssubjekte sind. So wird im Mittelalter dem
heiligen Petrus ein großes Vermögen verschrieben,
mit der mehr oder weniger klaren Vorstellung,
daß Petrus das Rechtssubjekt sein wird. Aus
mittelalterlichen Urkunden ergibt sich, daß dieser
heilige Petrus oder auch ein andrer Heiliger
Schenkungsurkunden, Kaufurkunden gefertigt hat,
und die Leute haben das allem Anscheine nach
gar nicht bildlich genommen. Man ging sogar
soweit, davon zu sprechen, daß der heilige Petrus
eine Besitzstörung begangen habe. Dies wird
aus England berichtet.
Heute sind wir allerdings beinahe nicht im
Stande, etwas anderes als Rechtssubjekt zu be-
trachten, als einen Menschen, und wenn uns ein
Rechtsubjektaufstößt, das kein Mensch ist, so suchen
wir unwillkürlich nach einem dahinter steckenden
Menschen. So kommt es vor, daß beispielweise
für ein Denkmal ein Vermögen ausgesetzt wird,
oder für die Erhaltung eines Denkmals. Es wird
uns aber nicht einfallen, dieses Denkmal als
Subjekt des ihm vermachten Vermögens anzusehen.
Auf diesen Standpunkt vermögen wir uns gar
nicht zu stellen, sondern denken immer daran,
daß irgend welche menschliche Interessen dahinter
stecken müßen. Wir denken immer an irgend
t.inen Menschen und suchen ihn. Es ist ja möglich,
daß irgendwo ein Verrückter seinen Hund oder

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sein Roß zum Erben einsetzt. Wfr sagen, das gibt
es nicht, weil kein menschliches Interesse dabei
in Frage kommt; aber wenn man derartige
Einsetzungen alsgiltig betrachten wollte, so werden
wir doch. wieder einen J\\enschen suchen müßen,
also etwa sagen, diese Verfügung wird aufrecht
erhalten aus Achtung vor dem Willen des Ver-
storbenen. Wir werden eben die Interessen des
Verstorbenen schützen wollen.
Die SchY!ierigkeit uns die juristischen Personen
als Rechtssubjekte vorzustellen, ist also nur für
uns vorhanden, als Folge der einmal bei uns
herrschenden Vorstellung, nur ein Mensch könne
Rechtssubjekt sein, das ganze Recht sei nur um
des Menschen willen da. In Wirklichkeit ist also
das die Frage, mit der sich die Literatur in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befaßte: wie
kommt es, daß wir als „juristische Personen"
Rechtssubjekte finden, die keine Menschen sind ?
Wie haben wir dies zu verstehen? Ich werde
mir erlauben die Ansichten, die im laufe des
19. Jahrhundert die meisten Anhänger gewonnen
haben, kurz anzuführen und daran die Ausführung
meiner eigene Ansicht ~ knüpfen.
Diealte Ansicht, dieauflnnocenz III. zurückgeht,
ist die Theorie der fingierten Person. Wirkliche
Menschen sind juristische Personen nicht, aber
das Recht fingiert sie und als fingierte Personen
werden sie im Rechte ebenso behandelt, wie die .
physischen. Die Rechsidee d~r juristischen Person
wird also auf eine Fiktion furückgeführt. Diese
Theorie war bis in's 19. Jahrhundert unbestritten.
Sie wird noch von Savigny: und· Puchta ganz
• unbefangen vorgetragen und · sie kann auch bis
heute als die hersehende bezeichnet werden, denn
die meisten Schriftsteller schließen sich ihr
heute noch an.
Diese Theorie hat aber eii;ie Schwäche, und
es ist sehr merkwürdig daß sie von Savigny nicht
bemerkt worden ist, obwohl ei: gewiß der Mann
gewesen wäre, darauf hinzuweisen, denn er ist der
erste, der das Wesen der juristischen Fiktion
aufdeckt. Er hat bewiesen, daß eine Fiktion
doch nie etwas anderes ist, als ein Rechtssatz :
ein gewisser Tatbestand wird in f o 1g e einer

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Rechts vors c h ri f t ebenso behandelt, wie ein an-


derer. Nehmen wir z.B. die Fiktion des Usucapions-
besitzes, die Fiktion, die der actio Publiciana zu
Grunde liegt. Der Kläger, der sie anstellt, ist ein
Nichteigentümer, weil er die Sache noch nicht
ersessen hat. Aber der Prätor gibt dem Richter
den Auftrag: dieser Mann, der Nichteigentümer,
sei so zu behandeln, wie wenn er Eigentümer
wäre. Das bedeutet offenbar nur: es besteht ein
Rechtssatz, dem zufolge jemand, der die Sache
noch nicht ersessen hat, so zu behandeln ist,
wie einer, der die Ersitzung vollendet hat. So
ist es auch hier. Eine juristische Fiktion· ist also
nie die Erklärung eines Tatbestandes, sondern
sie ist nur der Ausdruck für einen Rechtssatz.
Man könnte ja den Tatbestand der actio Publiciana
auch ausdrücken : ein Mann, der die Sache in
g'.ltem Glauben erworben hat, kann sie von jedem
zurückfordern, der sie ihm vorenthält. Es handelt
sich bei der Rechtsfiktion nur um einen anderen,
leichtern, kürzern, aber immer nur um einen
Ausdruck für einen Rechtssatz.
Es ist daher klar, daß auch die Theorie der
fingierten Person nur einen Rechtssatz zum Aus-
druck bringt und diese Schwäche der Theorie
der fingierten Person hat nun B r i n z aufgedeckt,
der erste, der sich mit der juristischen Person
eingehend beschäftigt hat. In der berühmten Vor-
rede zu seinen Pandekten gebraucht er den zu einem
geflügelten Worte gewordenen Vergleich: die
juristische Person gehöre ebensowenig in die
Lehre von der Person, wie die Vogelscheuche
in die Lehre vom Menschen. Die juristische
Person· sei nichts, als eine Fiktion und diese
ist nur ein Rechtssatz. Infolge dessen ist die
juristische Person gar nicht ein Werk der Rechts-
wissenschaft, denn diese habe keinen Rechtssatz
aufzustellen. Die Aufgabe der Rechtswissenschaft
ist es, zu erklären, was hinter der Fiktion stecke.
Damit, daß wir sagen, es wird etwas fingiert,
haben wir es noch nicht erklärt. Was sind die
Tatsachen, die hinter der Fiktion stecken? Von
welcher Art ist das, was wir als juristische
Person mit dem Menschen gleichstellen? Es sei
ein anderes Problem, das sich die Wissenschaft·

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der juristischen Person gegenüber zustellen


habe.
Was sagt nun Brinz zur Erklärung der
juristischen Person? Er sagt: Hier bei den juris-
tischen Personen liegt eigentlich ein subjektloses
Vermögen vor. Es gibt überhaupt kein Rechts-
subjekt, es gibt niemand, dem das Vermögen ge-
hört. Aher dieses Vermögen ist durch einen Zweck
gebunden. Es besteht ein Zweck, filr den es da
ist, und da es ein durch einen Zweck gebundenes
Vermögen ist, so tritt es in eine ganze Reihe
von Verhältnissen, die denen ähnlich zu behandeln
sind, bei denen Menschen in Frage kommen. ·
Das Vermögen der Gemeinde gehört nicht einem
oder mehreren Menschen, sondern es ist ein Ver-
mögen, das niemand gehört, aber einem be-
stimmten Zweck gewidmet ist. Es liegt nicht
der Weßfall, sondern der Wemfall vor, nicht der
Genitiv, sondern der Dativ.
Brinz sagt also: es ist nicht notwendig, daß
ein Subjekt da sei; es kommen ja auch subjekt-
lose Vermögen vor. Diese Vermögen werden
nicht durch Personen zusammengehalten, sondern
dadurch, daß sie für einen bestimmten Zweck
bestehen. Diese Theorie führt Brinz mit einem ganz
ungewöhnlichen Geist/ durch. Namentlich das, was
er darüber in der iweiten Auflage seiner Pan-
dekten sagt, gehört zu den großartigsten Leistungen
menschlichen Geistes. Es ist nach Form und
Inhalt ein Meisterwerk.
Etwas später als Brinz trat lhering dieser
Frage näher, und zwar im dritten Bande seines
Geistes des römischen Rechtes. Seine Rechts-
auffassung ist bekannt: Recht sei das durch
Klage geschützte Interesse. Rechtssubjekt sei also
der, dem zuliebe ein subjektives Recht besteht :
Von diesem Standpunkt aus beantwortet
lhering auch kurz und bündig die Frage, wer
Subjekt einer juristischen Person sei: die Menschen
nämlich, denen das Vermögen, das den juris-
tischen Personen gehört, Vorteile bringt, denen
zuliebe es besteht. lhering verwandelt also, wie
Brinz bemerkt, den Pfründner in einen Ka-
pitalisten.
Endlich ist hier der germanistischen Theorie zu

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s

gedenken, die in Gierke den bedeutendsten Ver-


treter hat. Er hat sie historisch in dem umfang-
reichen Werke: Das deutsche Genossenschafts-
recht und dann dogmatisch in dem kleineren,
bekannterem Werke: Die Genossenschaftstheorie
begründet. Er gibt lhering zu, daß Rechtssubjekt
der juristischen Person Menschen sind; aber
nicht der einzelne Mensch ist bei der juristischen
Person Rechtssubjekt, sondern Menschengruppen,
die sozialrechtliche Organismen sind. Diese in
sozialrechtliche Organismen ausgestaltete Men-
schengruppen, wie die Stadt, die Gemeinde, der
Staat, die Vereine sind keine Fiktionen, sondern sie
sind wirklich vorhanden. Besteht in der Tat nur das
in Wirklichkeit, was man sehen und tasten
kann? Ganz gewiß nicht. Staat, Gemeinde, Ver-
ein sind gerade so wirklich bestehende Wesen,
wie ein einzelner Mensch, wenn auch nicht
als einzelne Person und nicht als natürliche
Wesen, sondern durch die Gesellschaft, oder,
wie Gierke wohl etwas zu enge meint, durch
das Recht ge~chaffene Organismen: denn die Ge-
sellschaft ist es, die gesellschaftliche Organismen
schafft. Wir finden solche Organismen schon in der
Urzeit, lang bevor es noch ein Recht gab, das sie
hätte schaffen können: die Sippe und die f amilie.
Das sind die vier Hauptauffassungen, die im
laufe der Zeit es zur Geltung und Anerkennung
gebracht haben. In Wirklichkeit werden aller-
dings noch eine Menge von Schattierungen dieser
Ansichten in der Litteratur vertreten. Aber alle
diese anderen Auffassungen lassen sich mehr
~weniger einer der angeführten unterordnen. Und
jetzt möchte ich die frage stellen: 1. wozu das
alles, 2. wer hat recht und 3. was kommt dabei
heraus.
Zunächst die frage, welche dieser vier An-
sichten ist die Wahrheit? Die Antwort darauf
ist: Alle vier haben recht. Jede von ihnen hat
eine bestimmte Seite des Vorwurfes beleuchtet.
Da aber jede von ihnen nur e i n e Seite be-
leuchtet hat, war jede einseitig. Wir müssen sie
zusammenfassen und etwas aus Eigenem dazutun,
dann werden wir dem Vorwurf näher kommen.
Es wiederholt sich hier, was so häufig vorkommt,

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wo die Menschen einen verschiedenen Standpunkt


einnehmen, wir uns aber schließlich überzeugen,
daß ihre Ansichten nicht so sehr verschieden
sind, daß sie vielmehr aneinander vorbeireden.
Die Ansicht, die juristische Person sei eine
Rechtsfiktion, hat 4 bis 5 Jahrhunderte lang der
Rechtswissenschaft gute Dienste geleistet und sie
leistet sie auch heute noch. Sie verdient daher
gewiß nicht den Spott und den Hohn, mit dem
sie behandelt wird. Sie sagt aber weiter nichts,
als daß gewisse Gebilde so behandelt werden,
wie andere, das heißt gewisse Rechtssätze, die
für den Menschen bestehen, sollen Anwendung
finden auf Erscheinungen, · die keine Menscl:ten
sind. Weiter will und soll sie auch nichts sagen.
Eine juristische Person kann im Proze~ auftreten
wie ein Mensch, sie kann Verträge schließen wie
ein Mensch, sie unterliegt der Zwangsvollstreckung
wie ein Mensch und das für ihre Zwecke aus-
gesetzte Vermögen wird im Falle einer gegen
sie gerichteten Zwangsvollstreckung so behandelt,
wie wenn es einem Menschen gehören würde,
gegen den Zwangsvollstreckung gefübrt wird.
Selbstverständlich darf man in dieser Theorie
aber nicht eine Erklärung der Erscheinungen
suchen, auf die sie sich bezieht: denn eine juris-
tische Fiktion erklärt nichts. Und dann darf man
aus ihr keine Folgerungen ziehen, die unzulässig
sind. ·Schon wenn man sagt, daß die juristische
Person Verträge schließt, Prozesse führt und der
Zwangsvollstreckung unterliegt wie ein Mensch,
ist es bereits eine Uebertreibung. Denn für die
Prozeßführung, für die Vertragsschließung und
die Zwangsvollstreckung gibt es doch zum Teile
andere Regeln für die juristische Person und andere
für den Menschen. Es bestehen andere Bestimmun-
gen über die Zustellung prozessualer Schriften, Ab-
gabe prozessualer Erklärungen, über Parteieneid
und Zeugenvernehmung, andere über den Irrtum,
Zwang, Kollis,ion bei Verträgen. Also gar zuweit
reicht schon hier die Fiktionstheorie nicht. Noch
mehr tritt das hervor, wenn man die Ge-
biete, für die die Fiktionstheorie eigentlich
aufgestellt ist, den Prozeß, den Vertrag und die
Zwangsvollstreckung verläßt und sich anderen

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Gebieten zuwendet. Selbst die älteren Schriftsteller


gaben zu, daß eine juristische Person keine Vor-
mundschaft führen, nicht heiraten, keine Kinder
(auch keine Adoptivkinder) haben und kein
Testament errichten kann.
Ich möchte aber den Satz umkehren. Ich
möchte behaupten, daß wir bei jedem einzelnen
bestimmten Rechtssatz, der für die natürliche
Person gilt, erst nachweisen müssen, daß er auf
die jurististische Person Anwendung findet. Ich
erinnere nur an die bekannte Streitfrage, ob eine
juristische Person deliktsfähig ist. Aus der Fiktion
ergibt sich nichts darüber. Die Fiktion ist für
diesen Fall nicht da. Wir müssen uns die Ant-
wort von wo andersher holen.
Wenn wir uns nun der Frage nach dem
Subjekte der juristisch~n Person zuwenden, so
müssen wir etwas weiter ausholen.
Die Frage des Rechtssubjektes gehört zu
denen, die seit Ihering nicht geruht haben. Wer
ist Rechtssubjekt? Offenbar der, dem ein sub-
jektives Recht zusteht. Das führt aber zu der .
dornigen Frage nach dem Wesen des subjektiven
Rechts. Die ältere Theorie nimmt an, subjektives
Recht sei die einer Person vom objektiven Rechte
verliehene Macht, und Rechtssubjekt sei die Person,
der vom Rechte diese Macht verliehen ist. Ihering
hat dieser A~ffassung eine andere entgegengestellt,
die mehr auf das wirtschaftliche Wesen des
Rechtes Nachdruck legt. Recht sei das durch die
Klage geschützte Interesse : im Rechte handle es
sich um bestimmte wirtschaftliche Interessen. Das
ist gewiß etwas zu· eng. Auch Anhänger Iherings
geben zu, daß es sich im Rechte auch um solche
Interessen handeln könne, die in anderer Weise als
durch Klage rechtlich geschützt sind; und daß nicht
bloß wirtschaftliche, sondern auch andere Interessen
rechtlich in Betracht kommen. Man kommt daher
zum Schlusse, ein rechtlich geschütztes Interesse
sei subjektives Recht. infolgedessen ist Rechts-
subjekt der; dessen Interessen rechtlich geschützt
werden. Bei jedem Rechtskonflikte müssen wir
uns fragen, wessen Interessen rechtlich geschützt
werden, dann haben wir auch die Lösung der
Frage nach dem Rechtssubjekte.

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Gegen die Auffassung lherings hat schon Becker


eine Einwendung erhoben. lhering habe soweit
recht, daß es vor allem auf das rechtlich geschützte
Interesse beim Rechte ankäme, aber andererseits
sei auch die herrschende Lehre einigermassen im
Rechte, die den Rechtsbegriff auf den Willen ab-
stelle. Die Wahrheit ist : der Begriff des Rechtes
umfaßt noch etwas mehr, · als das was lhering
darin findet: auch die rechtliche Verfügung. Wir
hätten daher auch im Rechtssubjekte den Verfüger
und den Genießer zu unterscheiden.
Ich glaube, daß in dem, was Becker sagt, ein
gesunder Kern enthalten ist, den aber Becker
nicht zu Ende gedacht hat. In Wirklichkeit ist
das Rechtssubjekt aus mehreren Elementen zu-
sammengesetzt und ich glaube mindestens aus
dreien.
Rechtssubjekt .ist zunächst der, dessen wirt-
schaftliches Interesse rechtlich geschützt ist. Wenn
ich beispielsweise Eigentümer eines Gutes bin,
so bedeutet das, daß da wirtschaftliche, Inter-
essen zu meinen· Gunsten rechtlich geschützt
werden. Es bedeutet aber außerdem, daß ich über
das Out rechtlich yerfügen, es verkaufen, belasten,
verpfänden kann. Es ist aber noch etwas da: es ist
das Moment der Verwaltung. Wenn wir vom Rechts-
subjekte sprechen, so denken wir uns den, der die
Sache bewirtschaftet, anbaut, erntet, kraft eigenen
Rechts. So weit ist aber lhering wieder im Rechte,
daß doch nur das wirtschaftliche Moment we-
sentlich ist. Die zwei anderen Momente,
Verfügung und Verwaltung, können fehlen,
ohne daß darum das Recht aufhört zu sein.
Wenn jemandem aber das wirtschaftliche Moment
genommen wird, so wird ihm sein ganzes
Recht genommen. Das sieht man bei Per-
sonen, welche unter Vormundschaft oder Pfleg-
schaft stehen. Die Verfügung und Verwaltung
wird ihnen genommen, aber der wirtschaftliche
Genuß wird ihnen belassen, deswegen sind sie
noch immer Rechtssubjekte. Wenn aber bestimmt
wird, daß im falle eine Person unter Vormund-
schaft kommt, die Nutzniessung seinen Verwandten
zufällt, wie z. B. in der Urzeit, so wird ihnen auch
von ihrem Recht ein Stück genommen. Von diesen

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drei Elementen ist also das wirtschaftliche das


wesentliche. Es kann aber auch einer Person die Ver-
fügung abgenommen, die Verwaltung jedoch be-
lassen werden. Das ist in Rom bei f rauen und
Minderjährigen so gewesen. Ein Unmündiger hatte
weder Verwaltung noch Verfügung. Ein Minder-
jähriger aber mußte, wenn er verfügen wollte, untir
Umständen die Zustimmung seines Pflegers haben.
Die Verwaltung verblieb ihm (wenigstens ursprüng-
lich). Wenn wir jetzt an die frage der juristischen
Person herantreten, wird die Sache klarer. Wir
trennen die wirtschaftliche frage von der der
Verfügung und Verwaltung. Bei den juristischen
Personen ist zweifellos die Verfügung und Ver-
waltung in die Hände von Personen gelegt, die
nicht Rechtssubjekte sind. Um wessen Interesse
handelt es sich aber bei ihnen ? Auf diese frage
hat wieder lhering die richtige Antwort gefunden.
Immer um die Interessen von Menschen, nicht
um solche eines über oder außer ihnen stehenden
Rechtssubjektes. Nun kommt aber das, was Oierke
mit solchem Glück und solcher Gelehrsamkeit
hervorgehoben hatte.
Bei den juristischen Personen handelt es sich
nicht um die Interessen vereinzelter Menschen,
sondern um die Interessen menschlicher Gemein-
schaften. Wenn wir sagen, Stadt oder Gemeinde
oder Staat besitzt irgend ein Vermögen, so sagen .
wir damit, die Menschen, die in der Stadt, in der
Gemeinde oder im Staate zu einer.Gemeinschaft
verbunden sind, diese sind Subjekte des Vermögens,
und so müssen wir die Sache auch in anderen
fällen nehmen.
Es war Brinz, der gesagt hat, lhering ver-
wandle den Pfründner in einen Kapitalisten. Das
liegt aber nicht in seiner Theorie. Subjekt des
r-1 Stiftungsvermögens ist die menschliche Oemein-
4 schaft, der Personenkreis, aus dem die Personen
• entnommen werden, denen das Stiftur:igsvermögen
zu gute kommen soll. Wer ist Subjekt einer
f amilienstiftung? Nicht der Einzelne, sondern die
ganze Gemeinschaft von Personen, aus denen
der Einzelne entnommen werden muß, dem die
Stiftung zukommt. Wenn eine Stiftung zu Gunsten
der Armen einer Stadt ausgesetzt wird, so ist

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Subjekt des Stiftungsverinögens die Gemeinschaft,


der die Armen angehören, also etwa die Bürger
dieser Stadt: diesem Kreise müssen die Personen
angehören, denen die Stiftung zu gute kommen
soll. Und so können wir bei jeder juristischen
Person den Menschen herausfinden, dessen
Interessen geschützt werden sollen.
Nun kommen wir aber auf etwas anderes. Solche
. Gemeinschaften als Rechtssubjekte gedacht, sind
verwickelte, ungemein zusammengesetzte Wesen.
Es gehört daher eine ungeheure juristische
Technik dazu, um mit den Gemeinschaften ats
.Rechtssubjekten fertig zu werden. Selbst das
hochgepriesene juristisch~ Volk, die Römer,
wußten sich mit den verschiedenen Gemein-
schaften, die in ihrer, wie in jeder anderen Ge-
sellschaft vorhanden waren, keinen Rat. Nur in t(
dieser Rat- und Hilflosigk~it liegt der Grund, ,
warum der pater famüias als der Eigentümer
des ganzen f amilienvermögens behandelt wurde,
während es in Wirklichkeit, - dafür haben wir
zahlreiche Beweise, - die ganze f amilie war. Schon
mit der Gütergemeinschaft der f amilie konnten
sich die Römer nicht abfinden : darin liegt der
Grund, daß sie an deren Stelle das Alleineigentum
· des pater/amüias setzten und es der Sitte überließen,
das Verhältniß zwischen dem pater famüias und
den mitgeniessenden Familiengenossen zu regeln.
Es handelt sich in Wirklichkeit um eine Ohnmacht
der römischen Jurisprudenz. So gehen auch sonst
die Juristen nicht selten vor, wenn die schwierige
frage der Regelung der verwickelten Verhältnisse
einer Gemeinschaft an sie herantritt, z. B. an die
Engländer die Gemeinschaften des indischen
Rechtes oder an unsern obersten Gerichtshof
die südslavischen Gemeinschaften. Heute findet
man sieh damit etwas besser ab. Aber in den
60. Jahren des 19. Jahrhunderts stand die Sache
ähnlich, wie bei den Römern. Die Engländer
haben ein indisches f amilienhaupt, das nicht
mehr ist als ein Vereinspräsident, als Eigentümer
des ganzen f amilienvermögens behandelt, der
oberste Gerichtshof die Zadruga als Gesellschaft
des bürgerlichen Gesetzbuches. Stellen Sie sich
nun vor, wie schwer es ist, bei einer Gemeinschaft

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zu entscheiden, was einem gehört und was nicht,


welche Rechte dem Oberhaupt zustehen, wie viel
Recht jedem einzelnen Genossen, welche Pflichten
den Rechten gegenüberstehen. Dem allem ent-
geht man, wenn man so wie die Römer oder
die Engländer irgend einen Alleineigentümer
herausfindet und im übrigen die Ordnung der
inneren Verhältnisse der Sitte und dem Herkommen
überläßt. Nicht viel anders liegt aber die Sache,
wenn man einfach das sehr schwierige Verhältniß
als Miteigentum konstruirt. Wir nehmen gewöhn-
lich an, bei einer Communio sei das Rechtsver-
hältniß im Allgemeinen dasselbe, wie bei einer
einzelnen Person; da~ Vermögen gehöre eben
nicht einer, sondern mehreren Personen, das sei
der ganze Unterschied. Das ist aber gewiß nicht
richtig. Wenn dieses Verl!lögen dreien oder
vieren gehört, so kommen unzählige Fragen vor,
die selbstverständlich bei einem Alleineigentümer
nicht vorkommen können. Durch die Tatsache der
Mehrheit wird die Sache ungeheuer kompliziert. Das
alles wiederholt sich auch bei den juristischen
Personen, die selbstverständlich noch schwieriger
zu behandeln sind, als die Familien und Ge-
schlechter der Urzeit.
für diese Konstruktionsschwierigkeiten hat
nun Brinz in der Tat das entscheidende Wort
gefunden und das ist „Zweckvermögen": ein
durch einen bestimmten Zweck gebundenes
Vermögen.
Ich habe gesagt, bei einer juristischen Person
haben wir das Merkwürdige, daß ihr Rechtssubjekt
von der Verfügung und Verwaltung ausgeschloßen
ist. Wo immer aber eine solche Trennung der
Verfügung und Verwaltung vom Rechtssubjekte
vor sich geht, da sollten wir mit dem Zweck-
begriffe operieren. Stellen Sie sich das Verhältnis
zwischen Vormund und Mündel vor. Rechtssubjekt
ist das Mündel, dem Vormunde gebührt Verfügung
und Verwaltung. Wie faßt man die Sache juristisch.?
Hat der Vormund oder Pfleger wirklich die freie
Verfügung und Verwaltung in dem Sinne und
dem Umfange wie der Eigentümer in betreff
seines Eigentums? Gewiß nicht. Wir müßen
sagen, er hat die Verfügung und Verwaltung,

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aber er ist gebunden durch den Zweck. Ebenso


auch wo eine eheherrliche Gewalt besteht, in
Bezug auf den Ehemann. Der Ehemann verfügt
und verwaltet das Vermögen der Frau, aber er
ist durch den Zweck der Ehe gebunden. Ueberall
wo diese Trennung vor sich geht, müßen wir
den Zweckgedanken einfügen und dieses ist der
Hauptunterschied zwischen dem einem einzelnen ge-
hörenden und einem gemeinschaftlichen Vermögen.
Wer Alleineigenthümer ist, kann damit tun was
er will, er kann das Vermögen sogar zu Grunde
richten. Dagegen ist jeder, der über fremdes
Vermögen verfügt, durch den Zweck gebunden.
Durch die Einführung des Zweckgedankens
hat Brinz für die ganze Theorie der juristischen
Person die Grundlage geschaffen Es ist ein
Vermögen, bei dem die Gemeinschaft, der dieses
Vermögen zugute kommen soll, Rechtssubjekt ist.
Die Verwaltung und Verfügung ist in die Hände
der Verwaltungsorgane der juristischen Person
gelegt, aber immer für die Zwecke der juristischen
Person. Zu demselben Ergebnisse kommt jaauch das
englische Recht, wen11 auch auf anderen Wege.
Abgesehen von den wenigen Körperschaften, für
die die juristische Persönlichkeit nach Herkommen
oder kraft gesetzlichen Privileges feststeht, ist in
England fast alles, was bei uns juristische Person
ist, trust : ein Ausdruck, der uns heute sehr
geläufig ist, aber bloß zur Bezeichnung einer
einzigen bestimmten Art von Trust, der großen
Unternehmerverbände. Bei einem trust ist die
Verfügung und Verwaltung eines Vermögens,
das einer oder mehreren Personen, oder sonst
einer Gemeinschaft, etwa einem Vereine, gehört,
Treuhändern ·übergeben : diese sind aber durch
die Zweckbestimmung, die den Trust geschaffen
hatte, so gebunden, daß sie nur im Sinne dieser
Zweckbestimmung darüber verfügen und es nur
in diesem Sinne verwenden dürfen. Damit wird
offenbar im Wesentlichen dasselbe erreicht, wie
bei uns mit den juristischen Personen.
Und nun komme ich auf eine frage, die von ganz
außerordentlicher Bedeutung ist. Die Rechts-
sprechung, die ja ziemlich vollständig im Banne der
Fiktionstheorie steht, zieht aus der Fiktion die un-

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• zulässige Folgerung, daß die juristische Person


durch ihre dazu gehörigen Organe über das Ver-
mögen mit derselben Freiheit verfügt, wie eine ein-
zelne Person. Wenn also eine Akt,gngesellschaft
durch ihren Vorstand oder durch ihre Generalver-
sammlung beschließt, was immer mit dem Vermögen
anzufangen, so soll das für die ganze Gesellschaft
verbindlich sein. Das kann aber nicht richtig
sein, da es sich eben um ein fremdes Vermögen
handelt. Die wirklichen Rechssubjekte sind nicht
derVorstand und die Generalversammlung, sondern
die Gesamtheit der Aktionäre. Der Vorstand und
die Generalversammlung sind nur mit der zweck-
entsprechenden Verwaltungdes Vermö·gens betraut.
Sie können es nur zweckentsprechend, aber nicht
wie die einzelnen Rechtssubjekte, auch zweck-
widrig verwenden. Das wäre offenbar ebenso
unzuläßig, wie etwa der Beschluß, das Vermögen
zum Fenster hinauszuschmeissen.
Der Verwaltungsgerichtshof hat diese Fol-
gerung in einem Falle auch wirklich gezogen ;
in der vielbesprochenen Entscheidung über den
Kirchenbau der Gemeinden. Es ist vorgekommen,
daß in Oesterreich verschiedene Gemeinde-
vertretungen beschlosstn haben, aus dem
Gemeindevermögen Kirchen zu bauen oder
Kirchenbauten zu unterstützen. Der Verwal-
tungsgerichtshof hat diese Beschlüsse als un-
zulässig aufgehoben, mit der Begründung, daß
. das Gemeindevermögen für bestimmte Zwecke
bestehe, für Zwecke der katholischen Kirche
aber nach dem Gesetze über die äußeren Ver-
hältnisse der katholischen Kirche die katholischen
Kirchengemeinden allein aufzukommen haben.
Die politischen Gemeinden sind nicht berufen,
ihr Vermögen für Kirchenzwecke zu verwenden.
Der Zusammenhang der Entscheidung des Ver-
waltungsgerichtshofes mit der hier vertretenen
Auffassung ist klar. Wäre die Gemeinde ein
Rechtssubjekt, ein Einzelner, so könnte man es
ihr nicht verbieten, wie einem Einzelnen, mit dem
Vermögen was immer zu tun. Die Gemeinde ist
aber die Organisation einer Gemeinschaft zu
einem bestimmten Zweck.
Ich möchte Sie hier erinnern an eine Sache,

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an der mein Kollege, der hier anwesende Professor


Ad 1er, einen rühmlichen Anteil genommen hat.
Als die österreichische Kreditanstalt für Handel
und Gewerbe in den 60-ger Jahren .gegründet
worden ist, wurden einigen Aristokraten und
Finanzmännern Gründerrechte zugesichert, d. h. das
Recht auf den Bezug einer gewissen Zahl von
Aktien zu einem bestimmten Preise; ein unge-
heuer wertvolles Recht, denn sie konnten am
selben Tage di~ Aktien um einen bedeutend
. höheren Preis an den Mann bringen. Dieses
Recht ist, wie Adler mit Recht behauptet hat,
bereits längst aufgezehrt gewesen, als vor einigen
Jahren das Aktienkapital der Kreditanstalt erhöht
worden ist. Die Gründer haben schon ihre
Rechte ausgeübt und es war nicht der geringste
Anlaß vorhanden, ihnen zum zweitenmale dieses
Recht zu geben. Die Verwaltung der Kredit-
anstalt war anderer Ansicht und die General-
versammlung hat dem zugestimmt, daß die
Gründerrechte weiter bestehen bleiben. Adler
hat diesen Beschluß angefochten, weil er nichts
anderes gewesen ist, als eine Schenkung des
Gesellschaftsvermögens. Das könnten allenfalls
nur die sämtlichen Aktionäre als Subjekte
dieses Vermögens, nicht aber ein bloßes Organ
der Gesellschaft, und sei es auch die Generalver-
sammlung vornehmen. Dies ist die einzig richtige
Auffassung die aus dem Wesen der juristischen
Person als eines Vermögens, das durch einen
bestimmten Zweck gebunden ist, folgt. Der
oberste Oerich tshof hat allerdings jene Beschlüsse
als zu recht bestehend anerkannt. Sie sehen
wieder eine falsche f olgerung, aus der an sich ganz
harmlosen Lehre, daß eine Juristische Person in
einzelnen Richtungen so zu behandeln sei, wie
eine einzelne Person. Der Oberste Gerichtshof
hat dem Beschlusse der Generalversammlung, die
nur ein Organ der wirklichen Rechtssubjekte, der
Aktionäre ist, dieselbe Wirkung zuerkannt, wie einem
Entschlusse des wirklichen Rechtssubjektes. Hätten
nicht bloß die in der Generalversammlung ver-
tretenen, sondern die wirklichen Rechtssubjekte,
also a 11 e Personen, die in diesem
A u g e n b 1i c k e A k t i o n ä r e s i n d, ein-

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tS

s t i m m i g den Beschluß gefaßt, das Gesellschafts-


vermögen an die Gründer zu verschenken, dann
wäre dagegen allerdings nichts einzuwenden.
In dem Ausbau der Lehre und des Rechts
nach dieser Richtung liegt eine ungemein wich-
tige, die eigentliche Aufgabe der Zukunft. Wenn
die juristische Person ihrer Aufgabe genügen
soll, müssen wir dafür sorgen, daß ihr Vermögen
seinem Zwecke nicht entfremdet wird. Es muß
Gewähr geboten werden, daß .dieses Vermögen
dem wirklichen Zwecke, für den es bestimmt .
worden ist, zugeführt wird. Wie dies zu er-
reichen sei, das könnte man sich in verschiedener
Weise denken. Daß die Organe der Gesellschaft
ihrer Aufgabe nach dieser Richtung sehr häufig
gar nicht gewachsen sind, lehrt die tägliche Er~
fahrung. Das gilt zumal von der Generalver-
sammlung, denn auch diese ist nicht die juris-
tische Person selbst, sondern bloß ein Organ
der juristischen Person, und überdies ein ganz
besonders unfähiges Organ. Mit seltenen Aus-
nahmen weiß es der Vorstand so einzurichten,
daß die Generalversammlung .zu allen Dingen
„ja" sagt; und wenn ein Gegensatz zwischen
den Bestrebungen des Vorstandes und den wirk-
lichen Interessen des tatsächlichen Rechtssub-
jektes, der Gesamtheit der Aktionäre vorhanden
ist, dann steht die Generalversammlung fast immer
auf Seiten des Vorstandes, nicht auf der der
Aktionäre. Es würde gegen alle Erfahrung streiten,
wenn man annehmen wollte, die Interessen der
Gesamtheit der Angehörigen der juristischen
Person seien bei der Generalversammlung oder
ähnlichen Veranstaltungen gut aufgehoben. Wir
wissen aber, daß auch die Staatsaufsicht nicht
viel hilft. Der einzige Weg, ·der, soviel ich sehe,
wirklich zum Ziele führt, ist der, das Individual-
interesse hervorzukehren. Den wirkliche.1 Rechts-
subjekten, diesen muß ein Einfluß auf die Oe-
schäftsgebahrung gewährt werden, und dies geht
nur durch einen möglichst feinen Ausbau des
Grundsatzes der Sonderrechte. Dem Einzelnen
muß die Möglichkeit gewährt werden, in Wirk-
lichkeit sein lnteressse innerhalb der juristischen
Person zu verfolgen. Hier wird wohl in der

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Regel die Ausgestaltung der gewöhnlichen privat-


rechtlichen Leistungsklage oder Anerkennungs-
klage nach dieser Richtung genügen ; daneben
könnte man noch an ein der römischen actio
popularis nachgebildeten Rechtsmittel denken.
Hier liegt aber wieder unverkennbar eine große
Schwierigkeit. Wenn wir hiebei zu weit gehen
so legen wir den ganzen Organismus lahm.
Wenn wir aber nichts machen, so öffnen wir
jedem Schwindel das Tor. Es muß also ein
Mittelweg gesucht werden; und das ist die große
Aufgabe der Zukunft, von der ich soeben ge-
sprochen habe. Aber auch im Staate und in der
Gemeinde wird eine wirklich gerechte Wahrung
des allgemeinen Wohles erst. möglich sein, wenn
jedem Einzelnen Rechtsmittel in die Hände ge-
geben werden, wodurch er sein Interesse inner-
halb der Gemeinschaft verfolgen kann.
Bei den Gemeinschaften öffentlichen Rechts, bei
Staat, Land, Gemeinde, liegt die Sache allerdings
insofern etwas anders, als ihre Organe häufig
daneben auch gesetzgebende oder wenigstens eine
der gesetzgebenden ähnliche Gewalt haben. Gegen
Verfügungen und Beschlüsse, die Gesetzeskraft
haben, den Rechtsweg einzuräumen, ist auch
nicht unmöglich: so hat das Supreme Court in
in den Vereinigten Staaten verfassungsmäßig das
Recht, ein Gesetz, das Sonderrechte verletzt, es
mag von der Legislative eines einzelnen Staates
oder sogar vom Kongreß ausgehen, in einem
von dem Beteiligten geführten Rechtsstreit
für ungiltig zu erklären. Aber es ist klar, daß die
Sache hier doch anders liegt als bei Gen Organen
anderer juristischen Personen.
Nach dieser Richtung ist unser heutiges Recht
ganz besonders im Argen. Die Interessen, die
dem Einzelnen innerhalb der juristischen Person
zustehen, sind vom Rechte, wie Sie sich im
Staate, in der Gemeinde, in den Vereinen über-
zeugen können, so gut wie gar nicht gewahrt.
Würde etwa der Gemeinderat in formell unan-
fechtbarer Weise den Beschluß fassen, den Stadt-
park, der bisher öffentlich war, zu schließen und
ihn dem Bürgermeister für seine Privatzwecke
einzuräumen, den einzelnen Bürgern, und wären

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ihre Rechte auf Benützung des Stadtparks noch


so gut begründet und verbrieft, stünde dagegen
gar kein Rechtsmitiel offen. In besonders krassen
fällen wird vielleicht die Aufsichtsbehörde ein-
schreiten, aber in unzähligen fällen, die weniger
kraß sind, nicht desto weniger aber einen argen Ein-
griff in die Rechte der Angehörigen der juristi-
schen Person bedeuten, bleibt es beim Beschlusse
der Vertretung, einfach deswegen, weil dem Ein-
zelnen keine Rechtsmittel dagegen· zustehen. Wir
sind eben heute kaum erst beim Begriffe des
Sonderrechtes angelangt. Hoffentlich wird es dem
kommenden Juristengeschlecht gelingen, auch
dieser außerordentlich schwierigen Aufgabe mit
der Zeit Herr zu werden.·

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