Sie sind auf Seite 1von 19

4.

Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung44

”»Being included« can thus be to experience an increasing proximity to those norms that
historically have been exclusive; the extension of the norms might be not only a fantasy
but also a way of being made increasingly subject to their violence. We are not then
simply or only included by an act of inclusion. In being »folded in,« another story un-
folds.“ (Ahmed 2012: 164)

In Anbetracht der zentralen Forschungsfrage, welche Inklusions- und Exklusi-


onsfolgen im Zusammenhang mit Praktiken des Diversity Management entste-
hen, findet sich in diesem Kapitel nun die Eingrenzung des vielgestaltigen Be-
griffspaares ‚Inklusion/Exklusion‘. Die Spezifizierung des Verständnisses von
Diversität sowie die Definition von Diversity Management erfolgten bereits in
den vorhergehenden Abschnitten. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem
Begriff der ‚Praktiken‘ und wie sich dieser in den grundsätzlichen Theorierah-
men der Arbeit einfügt, ist Gegenstand des anschließenden Kapitels.
Die Begriffe ‚Inklusion‘ und ‚Exklusion‘ kommen gegenwärtig gemeinsam
wie getrennt in unterschiedlichen Diskurszusammenhängen wissenschaftlicher
(z.B. Soziologie, Pädagogik, Rehabilitationswissenschaften) wie praxisbezoge-
ner (z.B. Förder- vs. Regelschulwesen, Sozialpolitik) Prägung zum Einsatz
(Nassehi 2008; Wansing 2012). Ihr Bedeutungsgehalt kann daher nicht diskurs-
übergreifend vorausgesetzt werden (Gertenbach 2008; Ravaud/Stiker 2001).
Umso erstaunlicher ist, dass die Zunahme von Inklusionschancen bzw. die
Vermeidung von Exklusionsrisiken oftmals den impliziten Referenzrahmen für
(empirische) Untersuchungen im Bereich ungleichheitsbezogener Organisati-
onsforschung bildet, die Begriffe ‚Inklusion‘ und ‚Exklusion‘ aber kaum eine
explizite konzeptionelle Bearbeitung erfahren. Arbeiten wie die von Brose et al.
(1994), die das Zusammenspiel organisationsspezifischer Inklusionsverhältnisse
mit biographischen Voraussetzungen analysieren, stellen die Ausnahme dar.
Vor diesem Hintergrund ist eine bestimmte theoretische Definition des Be-
griffspaares ‚Inklusion/Exklusion‘ für die hier interessierende Forschungsfrage
nicht zwangsläufig naheliegend, und es bedarf einer etwas breiteren Schilderung

44 Die grundlegenden Überlegungen zu diesem Kapitel beruhen auf meinem Artikel How exclusive
are inclusive organisations?, der 2014 in der Zeitschrift Equality, Diversity and Inclusion: An
International Journal erschienen ist.

L. Dobusch, Diversity Limited, Gesundheitsförderung – Rehabilitation – Teilhabe,


DOI 10.1007/978-3-658-11364-3_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
58 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

verschiedener Zugänge zu Inklusion und Exklusion, um im Anschluss daran das


hier zugrundeliegende Verständnis zu beschreiben.
Die Darstellung unterschiedlicher Ansätze bzw. Literaturstränge erfolgt
über disziplinäre Grenzen hinweg und fokussiert thematische sowie analytische
Überschneidungsflächen. Im Konkreten dienen die Systematisierungen von
Bohn (2006, 2008), Leisering (2004) sowie Woodward und Kohli (2001) als
Orientierungshilfen, die im Sinne des Forschungsinteresses adaptiert und zu-
sammengeführt wurden. Bohn (2006, 2008) unterscheidet verschiedene Kon-
zeptionen von Inklusion und Exklusion im Hinblick auf ihre jeweilige Berück-
sichtigung im Rahmen soziologischer Gesellschaftsanalysen. Hierbei identifi-
ziert sie Theorien sozialer Ungleichheit (z.B. Weber, Bourdieu), der Devianz
(z.B. Foucault) und funktionaler Differenzierung (z.B. Parsons, Luhmann) als
bedeutend (ebd.: 12-13). Leisering (2004) entwickelt eine sehr ähnliche Eintei-
lung mit Fokus auf den Exklusionsbegriff und beschreibt system- oder differen-
zierungstheoretische, konflikt- oder machttheoretische sowie wissenssoziologi-
sche Herangehensweisen als entscheidende Traditionen. Woodward und Kohli
(2001) hingegen systematisieren die unterschiedlichen Zugänge zu Inklusion
und Exklusion entlang disziplinenübergreifender Anliegen. In diesem Zusam-
menhang nennen sie „social problems and inequalities”, „social integration and
order“ und „institutional mechanisms of social membership“ als zentrale
Fluchtpunkte (ebd.: 2). In allen drei Einteilungen findet sich kein spezifisches
Augenmerk auf die Organisation als solche. Aufgrund des Fokus der Forschung
auf Praktiken des Diversity Management in organisationalen Settings ist es
jedoch geboten, das Begriffspaar ‚Inklusion/Exklusion‘ auch aus der Perspekti-
ve der Organisationsforschung zu betrachten. Die hier vorliegende Darstellung
unterschiedlicher Zugänge zu Inklusion und Exklusion umfasst daher – in An-
lehnung an die theorieinduzierten Schwerpunktsetzungen von Bohn und Leise-
ring sowie die themenbezogene Einteilung von Woodward und Kohli – vier
distinkte Literaturstränge, in denen die organisationssoziologische Perspektive
als Querschnittsmaterie ‚mitläuft’. Im Konkreten werden die jeweiligen Ansätze
mit Blick auf die darin verhandelten Kernanliegen unter den Bezeichnungen
‚Soziale Ordnung‘, ‚Soziale Exklusion‘, ‚Inklusion und Exklusion als Relation‘
sowie ‚Inklusive Organisation‘ vorgestellt. Jede Ausführung umfasst eine Be-
schreibung des Inklusions-/Exklusions-Ansatzes, der darin zum Vorschein tre-
tenden Rolle von Organisationen sowie mögliche Leerstellen oder fragwürdige
Implikationen der Konzeptionen.
4.1 Soziale Ordnung 59

4.1 Soziale Ordnung

Im Zentrum des ersten Zugangs steht die Auseinandersetzung mit den Konstitu-
tionsbedingungen einer kohäsiven Sozialordnung. Die Frage danach, was die
Gesellschaft ‚im Innersten zusammenhält‘ und wie eine Kontinuität belastbarer
sozialer Beziehungen hergestellt werden kann, wird bereits von Durkheim
(1933/1977) in Anbetracht der Industrialisierung westlicher Gesellschaften
aufgegriffen. Dabei führt Durkheim den Wandel sozialer Kohäsionsmechanis-
men auf die Etablierung spezialisierter Arbeitsteilung zurück. Er beschreibt den
Übergang von einem Modus der „mechanischen“ (Zusammenhalt durch Einfü-
gung in eine vorgegebene Ordnung) hin zur „organischen“ Solidarität, die sich
durch ein ambivalentes und doch reziprokes Verhältnis zwischen Individuum
und Kollektiv auszeichne:

”Indeed, on the one hand each one of us depends more intimately upon society the more
labour is divided up, and on the other, the activity of each one of us is correspondingly
more specialised, the more personal it is.“ (ebd.: 85)

Nach Durkheim ist der soziale Zusammenhalt der ‚modernen‘ Gesellschaft


demnach durch das Spannungsfeld einer konstitutiven Interdependenz aufgrund
von Arbeitsteilung einerseits und einer zunehmenden Individualisierung auf-
grund der Spezialisierung andererseits bestimmt. Im Gegensatz zu einer seg-
mentären Sozialordnung, die jedem Mitglied sowohl einen definitiven Status im
Kollektiv zuweist als auch einen bestimmten Lebensweg vorzeichnet, ist in
einer arbeitsteilig organisierten, in Teilsysteme ausdifferenzierten Gesellschaft,
die soziale Positionierung der/des Einzelnen nicht qua Geburt oder Traditionen
determiniert (Parsons 1965). Dadurch erschließt sich die potenzielle Freiheit
idiosynkratischer Lebensentwürfe ebenso wie die damit einhergehende Bürde
individueller Verantwortungszurechnung für den eigenen Erfolg/das eigene
Scheitern (Schwinn 2001). In Bezug auf die Konzeption von Inklusion (und
Exklusion) bedeutet das, dass sich diese zwischen dem Pol des Anspruchs auf
Selbstbestimmung, also „pressure to offer individuals a place allowing evoluti-
on“ (Ravaud/Stiker 2001: 493), und dem Pol der Erhaltung gesamtgesellschaft-
licher Kohäsion bewegt.
Den konkreten Begriff der Inklusion prägte in den 1960er Jahren Parsons
im Hinblick auf die Annahme, dass sich in industrialisierten Staaten (z.B. den
USA) eine neue Form der Solidarität – wie es auch Durkheim attestiert – her-
ausbilde (Kivisto 2004). Für Parsons zeichnet sich die Form gelingender Inklu-
sion in einer ausdifferenzierten Gesellschaft durch zwei zentrale Komponenten
aus (Parsons 1965: 1015-1023): Erstens bräuchten alle Mitglieder eine unhin-
tergehbare und statusunabhängige Ausstattung mit Grundrechten, um ein für
60 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

den sozialen Zusammenhalt notwendiges Maß an Chancengleichheit herstellen


zu können. Unter Rückgriff auf Marshall (1964) entwirft Parsons ein mehrdi-
mensionales Konzept an Bürger_innenrechten, das nicht nur zivilen (z.B. Mei-
nungs- oder Versammlungsfreiheit) und politischen (z.B. Wahlrecht), sondern
auch sozialen Ansprüchen (z.B. Bildungszugang, Gesundheitsversorgung) ge-
recht werden müsse. Denn erst durch einen faktischen Grundstock an ökonomi-
schen wie sozialen Ressourcen könnten die formalen Grundrechte ‚mit Leben
gefüllt werden‘:

”In our achievement-oriented society, one can scarcely imagine that justice would prevail
if large classes of its members, through no fault of their own, were either denied oppor-
tunity for achievement (including the reaping of its rewards) or handicapped severely in
gaining access to it. Given the formal status of equality in civil or legal rights and in
basic political participation, these rights can be »empty« if opportunity is not equalized.”
(Parsons 1965: 1018)

In Parsons’ Vorstellung von Inklusion ergibt sich demnach der Spagat, einer-
seits Gleichheitsansprüche bezüglich der Ausgangsbedingungen aller Gesell-
schaftsmitglieder zu bedienen und andererseits Ungleichheit aufgrund von Leis-
tungsunterschieden zu legitimieren. Die zweite Komponente gelingender Inklu-
sion umfasst die Annahme, dass mit anhaltender Ausdifferenzierung der Gesell-
schaft auch immer mehr vormals exkludierte Gruppen – wie es etwa hinsichtlich
der Ausweitung des Wahlrechts der Fall war – mit der vollen Palette an Bür-
ger_innenrechten ausgestattet würden (Burzan/Schimank 2004). Parsons geht
zwar davon aus, dass dieser Inklusionsprozess durchaus von Rückschlägen
gezeichnet sein könne, aber letztlich würden sich die „inherent tendencies in
modern democratic states towards greater inclusiveness“ (Kivisto 2004: 294)
durchsetzen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Inklusion somit gleichzei-
tig als Voraussetzung sowie Effekt der Ausdifferenzierung von Gesellschaft in
funktionale Teilsysteme betrachtet wird (Farzin 2006: 41-42).
Im Kontext des Parsonschen Inklusionsbegriffs wird Exklusion als das Er-
gebnis noch nicht transformierter segmentärer Sozialstrukturen betrachtet (ebd.:
111; Silver 1994: 542). Exklusion kommt daher die Rolle eines Übergangsphä-
nomens zu und wird nicht als zentrale Charakteristik gegenwärtiger Gesell-
schaften begriffen.
Auch in systemtheoretischen Ansätzen Luhmannscher 45 Prägung, die mehr
oder weniger an die Analysen von Durkheim und Parsons anschließen, wird

45 Im Rahmen der vorliegenden Arbeit kann nicht im Detail auf den konzeptionell vielfältigen
Einsatz des Begriffspaars ‚Inklusion/Exklusion‘ bei Luhmann eingegangen werden. Farzin (2006:
10) spricht etwa von einer je system-, differenzierungs- und kommunikationstheoretischen Schwer-
4.1 Soziale Ordnung 61

eine „Vollinklusionssemantik, die jedem Gesellschaftsmitglied gleiche Mög-


lichkeiten und Aussichten zusichert“ (Farzin 2006: 47) als anschlussfähige Be-
schreibung der Gegenwartsgesellschaft identifiziert, sowie als forschungsleiten-
de Perspektive herangezogen. Gleichzeitig wird aber dem Exklusionsbegriff ein
anderer theoretischer wie analytischer Stellenwert eingeräumt: Hierbei gehören
„Inklusion und Exklusion zu den Konstitutionsbedingungen moderner Gesell-
schaften“ (Kronauer 2010: 26; Herv. LD). Dahinter liegt die Annahme, dass
inkludierende sowie exkludierende Mechanismen zwangsläufig in die Funkti-
onslogik ausdifferenzierter Teilsysteme eingeschrieben sind:

„Mit dem Mode der Inklusion beschreibt die Gesellschaft das, was sie als Teilnahmebe-
dingung setzt bzw. als Teilnahmechance in Aussicht stellt. Exklusion ist demgegenüber
das, was unmarkiert bleibt, wenn diese Bedingungen bzw. Chancen formuliert werden.
Sie ergibt sich gleichsam aus der Operation der Selbstbeschreibung als Nebeneffekt – so
wie jede Fixierung einer Identität etwas außer Acht lässt, das nicht dazugehört. Die In-
nenseite dieser Form, die Inklusion, findet bevorzugte Beachtung.“ (Luhmann 1995: 262)

Das heißt zum einen, dass Inklusion nicht mehr als Gegensatz zu Exklusion
gedacht wird, sondern deren Gleichursprünglichkeit betont wird. Zum anderen
zeigt sich, dass weder sogenannte askriptive Merkmale (z.B. Geschlecht, Ethni-
zität) noch die jeweilige Positionierung in der gesamtgesellschaftlichen Sozial-
ordnung über Zugang zu oder Ausschluss von den einzelnen Teilsystemen (z.B.
Politik, Wissenschaft) als entscheidend betrachtet werden. Vielmehr wird davon
ausgegangen, dass jedes Gesellschaftsmitglied nach Maßgabe der Teilnahmebe-
dingungen des jeweiligen Funktionssystems (z.B. Parteimitgliedschaft, Hoch-
schulreife) inkludiert (und auch exkludiert) sein könne. Die einzelnen Teilsys-
teme werden als „lose integriert“ (ebd.: 259) beschrieben. Das bedeutet bei-
spielsweise, dass der Verlust von Wertpapieren im Zuge der Finanzkrise zwar
die Teilnahmechancen im Wirtschaftssystem negativ beeinflussen könne, jedoch
nicht mit dem Entzug des Wahlrechts im politischen System einhergehe.
Nichtsdestotrotz könne es zum Phänomen der systemübergreifenden oder auch
kumulierten Exklusion kommen, wenn etwa der (Selbst-)Ausschluss aus dem
Bildungssystem zu anhaltender Exklusion aus dem Arbeitsmarkt führt und
dadurch auch die Zahlungsfähigkeit im Wirtschaftssystem eingeschränkt wird.
Farzin (2006) beschreibt dies als „spill-over-Effekte“ (ebd.: 55), die durch eine
‚Über-Integration‘ der gemeinhin selbstreferenziell operierenden Teilsysteme
zustande kämen, und relativ stabile Exklusionsfolgen erzeugen könnten (siehe
auch Leisering 2004).

punktsetzung im Umgang mit Inklusion und Exklusion, die unterschiedliche Phasen von Luhmanns
Schaffen kennzeichnen, von diesem jedoch nicht systematisch voneinander abgegrenzt werden.
62 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

Bezüglich des faktischen Vollzugs systemspezifischer Teilnahmebedingungen


wird Organisationen eine zentrale Rolle attestiert, da diese im Kontext gesell-
schaftlicher Arbeitsteilung die Funktionserfüllung des jeweiligen Systems ‚or-
ganisieren‘ würden (Nassehi 2004; Parsons 1965). Vor diesem Hintergrund wird
die Bedeutung von Organisationen für Fragen der Exklusion und daraus resul-
tierender Ungleichheitslagen betont:

„Während für erstere [die Gesellschaft; LD] Inklusion den Normalfall darstelle, lautet
dieser Normalfall für Organisationen Exklusion. Im Falle von Organisationen ist Inklusi-
on der Fall, der höhere Reflexionslasten auf sich zieht. Jemand muss explizit eingestellt,
als Mitglied behandelt werden, Empfänger von Leistungen sein, Kunde oder Insasse.
Diese Formen der Inklusion lassen sich auf unmittelbare Entscheidungen der Organisati-
on zurückführen, und es sind in der modernen Gesellschaft vor allem organisationsver-
mittelte und gestützte Strukturen, die Lebenslagen hervorbringen.“ (Nassehi 2004: 338)

Die organisationsspezifischen Teilnahmebedingungen werden anhand der Er-


wartungen an die jeweilige Mitgliedsrolle erklärt, die unabhängig vom persönli-
chen Hintergrund zu erfüllen seien, sofern Einlass oder Aufstieg in eine(r) Or-
ganisation angestrebt werde (Luhmann 1964: 42). Die konkreten Anforderungen
an die Mitgliedsrolle ergäben sich wiederum aus dem Aufgabenprofil und damit
einhergehenden Kompetenzen, die Statusunterschiede und letztlich Ungleichheit
unter den Organisationsmitgliedern erzeugen würden. Die allgemeine soziale
Positionierung der/des Einzelnen wird demnach als das Ergebnis von Teilinklu-
sionen innerhalb eines – meist nationalstaatlich verorteten – Organisationenar-
rangements beschrieben (Nassehi 2004; siehe auch Schwinn 2004).
Zusammenfassend zeigt sich in dem ersten Literaturstrang ‚Soziale Ord-
nung‘ eine ausgeprägte Schwerpunktsetzung auf Fragen der Inklusion aus der
Makroperspektive, die die Ausgestaltung und den Fortgang der funktionalen
Ausdifferenzierung von Gesellschaft ins Blickfeld rückt. Erst durch die Annah-
me eines konstitutiven Bedingungsverhältnisses von Inklusion und Exklusion
gerät zweitere – jedoch vor allem im Sinne eines „Extremfall[s] der radikalen
Exklusion“ (Nassehi 2004: 330) bzw. einer Ausnahmesituation – in den For-
schungsfokus. Dies führt dazu, dass soziale Ungleichheiten nicht als eigenstän-
diges Ordnungsgefüge gegenwärtiger Gesellschaften, sondern als potenziell
temporäre und systemspezifisch behebbare Fehlleistungen des „Differenzie-
rungsprinzip[s]“ (Schwinn 2000: 471) betrachtet werden. Die Exklusion aus
Organisationen sowie die in diesen zutage tretenden (Status-)Differenzen unter
den Mitgliedern werden mithilfe teilsystemischer und/oder organisationsbezo-
gener Funktionslogiken erklärt, in denen Machtverhältnisse und Verteilungsfra-
gen knapper Ressourcen eine untergeordnete bis gar keine Rolle zu spielen
scheinen. Dabei ist keinesfalls eindeutig zu beantworten, welches Ausmaß an
Hierarchie sowie Status- und Kompetenzdifferenzen für die optimale Arbeitstei-
4.2 Soziale Exklusion 63

lung innerhalb einer Organisation unerlässlich sind: „Nicht selten resultiert


historisch das hohe Prestige bestimmter Berufe nicht aus deren »funktionaler
Wichtigkeit«, sondern aus der Schichtzugehörigkeit ihrer ursprünglichen Trä-
ger“ (ebd.: 478; siehe auch Baron/Pfeffer 1994). Darüber hinaus kann auch
hinsichtlich der nationalstaatlich basierten Konzeption von Inklusion ein Bias
vermutet werden. Denn schließlich ist die Etablierung von Nationalstaaten mit
„der Durchsetzung einer Zentralkultur verbunden“ (Schwinn 2001: 246-247),
die sich meist in einer dominanten Sprache, Religion, Rechtsprechung sowie
Lebensführung niederschlägt (ebd.). Die Auseinandersetzung mit Inklusion als
Motor sowie Resultat von Arbeitsteilung und teilsystemischer Ausdifferenzie-
rung bedarf also nicht nur der Analyse der jeweiligen Funktionslogiken, sondern
auch des gleichzeitig darin potenziell eingelassenen Assimilierungsdrucks 46.

4.2 Soziale Exklusion

Im zweiten Zugang stellt nicht Inklusion, sondern der Begriff der ‚sozialen
Exklusion’ den zentralen Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen dar. Dieser
Begriff kommt im Frankreich der späten 1960er Jahre auf und prägt die politi-
sche Debatte um ein bewältigt geglaubtes Phänomen: Armut als wiedererstar-
kendes soziales Problem. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte erweitert sich der
Fokus auf unterschiedliche marginalisierte Gruppen sowie Ungleichheitslagen;
‚soziale Exklusion‘ wird zu einem prominenten Begriff/Konzept in wissen-
schaftlichen wie (sozial-)politischen Diskursen in vielen westeuropäischen Län-
dern (Leisering 2004; Levitas 1996; Silver 1994; Woodward/Kohli 2001). Dabei
steht das Anliegen im Mittelpunkt, die erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg
wieder auftauchenden Wohlstandseinbußen, die Prekarisierung von Arbeitsver-
hältnissen sowie den allgemeinen Rückbau sozialstaatlicher Sicherheiten kon-
zeptionell fassbar und damit artikulierbar zu machen (Kronauer 2010). Die
besondere Brisanz dieser Thematik entzündet sich an dem Umstand, dass
„Gruppen von Menschen Unsicherheiten ausgesetzt sind, von denen die Bevöl-
kerungsmehrheit nicht betroffen ist, für deren Vermeidung aber die entspre-

46 An dieser Stelle ist anzumerken, dass Parsons explizit den Unterschied zwischen inclusion und
assimilation hervorhebt. Er verwehrt sich dagegen, dass Inklusion im US-amerikanischen Kontext
bedeuten müsse, eine möglichst protestantische Lebensführung anzunehmen. Im Gegenteil, er
streicht hervor, dass volle Inklusion und Teilhabemöglichkeiten mit unterschiedlichen ethnischen
und religiösen Identitäten kompatibel sein müssen, sofern diese nicht einen Selbst-Ausschluss
begünstigten (Parsons 1965: 1015-1016). Trotzdem Parsons hier Assimilierungserwartungen prob-
lematisiert, greift seine Kritik zu kurz, da die Inklusionsmodi selbst als kontextneutral betrachtet
werden.
64 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

chenden sozialen und ökonomischen Ressourcen vorhanden wären.“ (Braun


2006: 428)
Aufgrund der Vielfalt an Themen, die unter dem Label ‚soziale Exklusion‘
verhandelt werden, und dessen Ursprung in sozialpolitischen Debatten, attestie-
ren Woodward und Kohli (2001) dem Begriff eine „conceptual vagueness“
(ebd.: 2). Nichtsdestotrotz gibt es einen gemeinsamen Nenner aller Zugänge: die
Ablehnung monokausaler Erklärungsmodelle, wie etwa die Annahme eines
linearen Zusammenhangs zwischen ökonomischer Ressourcenlage und sozialer
Positionierung in der Gesellschaft (Farzin 2006: 61; Maschke 2007: 306-310).
Das bedeutet nicht, dass ökonomische Faktoren in den Konzeptionen von ‚sozi-
aler Exklusion‘ keine Rolle mehr spielen. Vielmehr werden diese um Aspekte
des Lebensstils, der Lebensspanne, der Dichte sozialer Beziehungen sowie so-
genannter horizontaler Ungleichheiten wie Geschlecht, Ethnizität/Nationalität,
Nicht-/Behinderung und räumlicher Verortung angereichert. Auch geraten sub-
jektive Exklusionserfahrungen und damit einhergehende Bewältigungsstrategien
ins Blickfeld (Silver 1994: 532; Vobruba 2000). Ein solch multidimensionaler
Ansatz führt weg von einer Zustandsbeschreibung hin zu einer dynamischen
Perspektive, die Exklusion sowohl als Lage als auch Prozess fassbar macht
(Leisering 2004; O’Reilly 2005; Reimer 2004; Vobruba 2000; Woodward/Kohli
2001). Eine Exklusionslage wird dann attestiert, wenn sich mehrere Komponen-
ten wie etwa Arbeitslosigkeit, Mangel an/Verlust von sozialen Beziehungen und
eine ungenügende ökonomische Ressourcenausstattung verstärken und eine
gegenseitige Kompensation auf mittel- bis längerfristige Sicht nicht möglich
ist. 47 Prozesse der Exklusion bzw. Ausschließung werden als Vorläufer einer
solchen Zuspitzung angenommen, die je nach Kontextbedingungen variieren
können. So kann etwa das Eintreten von Arbeitslosigkeit in seinen exkludieren-
den Folgewirkungen durch das Vorhandensein von finanziellen Reserven oder
einem dichten Netz an sozialen Beziehungen – zumindest temporär – gemildert
werden (Kronauer 2010). Woodward und Kohli (2001) gehen in diesem Zu-
sammenhang davon aus, dass nicht mehr ‚nur‘ sogenannte Randgruppen, son-
dern eine Vielzahl an Menschen unterschiedlicher Hintergründe zeitlich be-
grenzte Exklusionserfahrungen mache:

”Social and economic deprivation has to be seen as temporalized. It is a status that will
apply to many more persons during their life course than can be ascertained at any one
point, but which for most will not be a chronic condition (…).” (ebd.: 3)

47 Hier zeigt sich eine Überschneidung mit der systemtheoretischen Konzeption einer systemüber-
greifenden bzw. kumulierten Exklusion wie sie Farzin (2006) etwa mit dem Modell des „spill-over-
Effekt[s]“ (ebd.: 55) beschreibt.
4.2 Soziale Exklusion 65

Die Erklärung dieser Diagnose gegenwärtiger (Inklusions- und) Exklusionsdy-


namiken wird oftmals mittels der Theorie sozialer Schließung (z.B. Mackert
2004) vorgenommen, die auf Webers (1922/1976) Konzept der „offenen“ und
„geschlossenen“ Beziehungen zurückgeht (ebd.: 23-25): Geschlossene Bezie-
hungen würden sich dahingehend auszeichnen, dass ihre innere Struktur den
expliziten Ausschluss bestimmter Personen(gruppen) vorsähe oder eine Teilha-
be an gewisse Auflagen geknüpft sei. Offene Beziehungen seien hingegen dann
vorhanden, wenn das in diesen organisierte soziale Handeln allen vorausset-
zungslos zugänglich sei. Ob es zur Bildung von offenen oder geschlossenen
Beziehungen kommt, ist nach Weber sehr stark an die jeweiligen Interessenla-
gen gekoppelt:

„Eine soziale Beziehung kann den Beteiligten Chancen der Befriedigung innerer oder
äußerer Interessen eröffnen, sei es dem Zweck oder dem Erfolg nach, sei es durch solida-
risches Handeln oder durch Interessensausgleich. Wenn die Beteiligten von ihrer Propa-
gierung eine Verbesserung ihrer eigenen Chancen nach Maß, Art, Sicherung oder Wert
erwarten, so sind sie an Offenheit, wenn umgekehrt von deren Monopolisierung, so sind
sie an Schließung nach außen interessiert.“ (ebd.: 23)

Solche Strategien der Monopolisierung werden als Verteilungskämpfe zwischen


Gruppen, die mit ungleichen (Macht-)Ressourcen ausgestattet sind, beschrieben.
Auf der einen Seite stünden etwa Gruppen, die ihre reichliche Ausstattung an
ökonomischem, sozialem und/oder symbolischem Kapital mittels exkludieren-
der Beziehungspraktiken beschützen oder ausbauen möchten. Auf der anderen
Seite stünden jene Gruppen, die Inklusion in diese Beziehungen oder zumindest
deren Durchlässigkeit anstreben (Bohn 2006: 13; Silver 1994: 543). Nicht alle
Arbeiten unter dem Label ‚soziale Exklusion’ greifen auf die Analyseperspekti-
ve sozialer Schließung zurück, nichtsdestotrotz ergibt sich als gemeinsamer
Nenner die Annahme, dass Exklusion individuell sowie kollektiv hergestellt
wird und daher auch veränderbar ist (Maschke 2007). Die „aktive, tätige Seite
des Exkludierens“ (Kronauer 2010: 55) erfahre Beachtung und dadurch würden
„Akteure und Interessen sichtbar (...), die historische Weichen gestellt haben,
die auch anders hätten gestellt werden können“ (ebd.: 56). Castel (2000) be-
schreibt dies dahingehend, dass das Zentrum (‚die Inkludierten‘) wie die Peri-
pherie (‚die potenziell Exkludierten‘) gleichzeitig in den Blick zu nehmen seien,
um deren gegenseitiges Bedingungsverhältnis sichtbar zu machen:

„Der Prozeß, über den eine Gesellschaft einige ihrer Glieder ausstößt, zwingt uns dazu,
über das nachzudenken, was in ihrem Zentrum den Anstoß zu dieser Dynamik gibt. Diese
versteckte Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie müssen wir im folgenden unter
die Lupe nehmen. Folgende Lektion könnte auch für heute Gültigkeit beanspruchen: Der
Kern der Problematik befindet sich gerade nicht da, wo man auf die Ausgegrenzten
stößt.“ (ebd.: 96-97)
66 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

Trotz – oder gerade wegen – dieser machtsensiblen Perspektive fungiert der


Begriff der Inklusion im Diskursstrang zu ‚sozialer Exklusion‘ meist als implizi-
te Referenz, die schlicht die andere Seite von Exklusion zu repräsentieren
scheint. Auch wenn diese simple dualistische Vorstellung von Inklusion und
Exklusion Kritik findet (z.B. Woodward/Kohli 2001), dominiert in empirischen
Untersuchungen die Vorstellung von Exklusion als sozialem Problem und In-
klusion als dessen Lösung (z.B. Room 2004). Ebenso beschäftigen sich wenige
Arbeiten theoriegestützt mit der Klärung gegenwärtiger Inklusionsprozesse
(z.B. Kronauer 2010; Reimer 2004).
Eine weitere Lücke zeichnet sich hinsichtlich der expliziten Auseinander-
setzung mit der Rolle von Organisationen für die angenommenen (Inklusions-
und) Exklusionsdynamiken ab. In den empirischen Untersuchungen zu ‚sozialer
Exklusion‘ dominieren Ansätze auf der Mikro- oder Makroebene. Studien wie
die von Bommes (2004), in der er den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt-
segregation, organisationalen Netzwerkstrukturen und damit einhergehenden
Inklusions-/Exklusionsfolgen für Arbeitnehmer_innen mit Migrationshinter-
grund untersucht, stellen eine Ausnahme dar. Gleichzeitig gilt es festzuhalten,
dass es abseits des Labels ‚soziale Exklusion‘ eine Vielzahl an Studien und
Debattenbeiträgen gibt, die sich mit der Herstellung von Ungleichheiten in Or-
ganisationen beschäftigen (z.B. Acker 2006; Lengfeld 2007; Prasad et al. 1997).
Nichtsdestotrotz fehlt es an einer systematischen Verknüpfung der beiden For-
schungsfelder.
Zusammenfassend ist anzumerken, dass sich der Literaturstrang ‚soziale
Exklusion‘ durch einen besonders polysemischen Charakter auszeichnet (Silver
1994: 536), dessen inhärente Bedeutungs- und Gegenstandsvariabilität als
‚Stärke und Schwäche‘ gedeutet wird. Zum einen könne diese die Artikulation
von vielfältigen Bedürfnis- oder Problemlagen erleichtern (Leisering 2004;
O’Reilly 2005). Zum anderen ergebe sich dadurch ein Mangel an belastbarem
Erklärungsgehalt, wenn eine systematische Identifikation von Wirkungszusam-
menhängen zwischen einzelnen Komponenten (z.B. Lebensstil, Ressourcenaus-
stattung, horizontale Ungleichheiten) fehle: “To simply speak of exclusion as a
»multi-dimensional« and »cumulative« process begs the question of which
criteria are linked in what way.“ (Woodward/Kohli 2001: 3) Eine weitere
Schwäche der Analyse von sozialen Ungleichheiten unter der Perspektive von
‚sozialer Exklusion‘ wird dahingehend formuliert, dass die Annahme von (ge-
trennten) Bereichen der Inklusion und Exklusion zu einer Homogenisierung und
Essenzialisierung von Personen(gruppen) führen könne: jene, die drinnen und
jene, die draußen sind (Levitas 1996; Silver 1994: 545). Wird hingegen die
Dynamik von Inklusions- und Exklusionsprozessen betont, könne es zu einer
Unterschätzung von Strukturfaktoren kommen:
4.3 Inklusion und Exklusion als Relation 67

“The action of exclusion becomes structural when it is repeatedly confirmed through so-
cial relations and practices. Turnover among the individuals who are excluded does not
alter the structural existences of the social boundary.“ (Silver 1994: 545)

Die hier ausgeführten Kritikpunkte stellen keine gut gehüteten Geheimnisse dar,
sondern werden im Mainstream des Literaturstrangs breit diskutiert. Anders
verhält es sich mit dem Umstand, dass sich die wissenschaftliche Auseinander-
setzung vor allem auf „what is kept out“ an Stelle von dem „what is containted
within“ konzentriert (Goodin 1996: 347). Eine Fokusverschiebung vom „talk of
exclusion to talk of exclusivity“ (ebd.) – wie sie auch Castel (2000) gewisser-
maßen vorschlägt – würde hingegen eine relationale Perspektive stützen,
wodurch weder ‚die Inkludierten‘ als normal noch ‚die Exkludierten‘ als abwei-
chend konstruiert würden. Vielmehr würde deren gegenseitiges Bedingungsver-
hältnis sichtbar und dessen Herstellungsmechanismen würden in den Vorder-
grund treten. Schließlich ist noch auf den Umstand hinzuweisen, dass Erwerbs-
arbeit trotz der Betonung von Multidimensionalität den zentralen Bezugspunkt
für die angenommen Exklusions-/Inklusionsdynamiken ausmacht: “The terms
social exclusion and exclusion from the labour market are used virtually inter-
changeably“ (Levitas 1996: 9). Daher spielen Themen wie unbezahlte Arbeit,
die meist von Frauen verrichtet wird, oder Einschränkungen der Leistungsfähig-
keit, die etwa bei Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit Migrations-
hintergrund ohne Arbeitserlaubnis auftreten können, eine untergeordnete Rolle.

4.3 Inklusion und Exklusion als Relation

Während Inklusion und Exklusion im ersten Zugang in Bezug zur gesellschaft-


lichen Ordnung und deren sozialem Zusammenhalt gesetzt werden, steht im
zweiten das Verhältnis zwischen Inklusions-/Exklusionsdynamiken und beson-
ders marginalisierten oder von Ausschluss bedrohten Personen(gruppen) im
Mittelpunkt. Im dritten Literaturstrang geht es hingegen weder darum, wie die
Durchlässigkeit von Inklusionsbedingungen bestimmt oder erweitert werden
kann, noch wie Exklusionsrisiken minimiert werden können. Vielmehr wird der
Blick auf die Rationalität selbst gerichtet, die den Phänomenen der Inklusion
und Exklusion zugrunde liegt, diese anleitet und legitimiert:

„[D]ie Logik von Inklusion und Exklusion [gilt] es selbst zum Gegenstand der Analyse
und Kritik zu machen, indem die Rationalität in Frage gestellt wird, die die Bedingung
der Möglichkeit der Unterscheidung von Inklusion und Exklusion hervorbringt und ihr
jeweiliges Verhältnis zueinander reguliert.“ (Demirović 2008: 406)
68 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

Von besonderem Interesse sind daher Fragen danach, wie und warum es über-
haupt zur Grenzziehung zwischen ‚den Inkludierten‘ und ‚den Exkludierten‘
kommt und welche möglichen Zwecke daran geknüpft sein könnten.
Das heißt, dass Inklusion und Exklusion gleichermaßen in den Fokus ge-
nommen werden. Ihr gegenseitiges Bedingungsverhältnis wird nicht nur in ganz
bestimmten konzeptionellen Spielarten betont, wie es etwa in den bisher vorge-
stellten Zugängen der Fall war (z.B. bei Luhmann oder Castel), sondern stellt
eine explizite epistemologische Grundannahme dar: “It is a post-Wittgensteinian
deconstructivist sort of point (...), that there can be no outside without an inside.
»Exclusion« implies »inclusion«: and, by the same token, »inclusion« implies
»exclusion«.“ (Goodin 1996: 349) Die Perspektive, dass mit jeder Inklusion
unweigerlich Exklusion einhergehe und vice versa, führt dazu, dass von der
herkömmlich asymmetrischen Bewertung – nämlich dass mehr Inklusion und
somit weniger Exklusion erstrebenswert seien – Abstand genommen wird (Ger-
tenbach 2008). Vor diesem Hintergrund geraten nicht nur Exklusions- sondern
auch Inklusionsmechanismen hinsichtlich ihrer potenziell (selbst-)dis-
ziplinierenden Effekte auf ‚die Exkludierten’ wie ‚Inkludierten’ in das Blickfeld.
Dies ist der Annahme geschuldet, dass die gegenwärtige „Disziplinargesell-
schaft 48 den radikalen Ausschluss im Sinne einer Generalexklusion nicht nur
obsolet werden lässt, sondern schlicht nicht mehr gestattet“ (ebd.: 318). Denn so
würden im Gegensatz zu gezielter Vertreibung ins Exil oder physischer Auslö-
schung Formen der „inkludierenden Exklusion“ (Bohn 2006: 29) oder „arenas
of sequestration“ (Giddens 1991: 155) wie etwa stationäre Einrichtungen für
bestimmte Personengruppen (z.B. Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürf-
tige), Flüchtlingsheime, Gefängnisse oder Krankenhäuser den Modus gesell-
schaftlicher Inklusions-/Exklusionsregulierung bestimmen. Die Konsequenz sei
ein Ausschluss von selbstbestimmten Teilhabemöglichkeiten bei gleichzeitiger
„Hyperinklusion“ (Göbel/Schmidt 1998: 111) in hoch regulierte Settings. Kom-
plementär zu diesen extremen Formen „inkludierender Exklusion“ würden an-
dere institutionelle Arrangements wie etwa die Schulpflicht, der Militärdienst
oder schlicht Arbeitsorganisationen subtilere Formen des disziplinierenden

48 Der Begriff der ‚Disziplinargesellschaft‘ geht auf Foucault zurück, der damit das Aufkommen
eines neuen Machttyps im Europa des 19. Jahrhunderts beschreibt, dem auch in gegenwärtigen
Gesellschaften eine bedeutende Rolle zukomme. Der alte Machttyp sei an die Ausübung von Souve-
ränität geknüpft gewesen, die auf „die Erde und ihre Produkte“ (Foucault 1978: 90) abgezielt habe
anstatt „die Körper und das, was sie tun“ (ebd.). Die neue Machtform hingegen zeichne sich dadurch
aus, dass sie über die Praxis der kontinuierlichen Disziplinierung, die oftmals mit Normalisierung
(‚Verdurchschnittlichung‘) in eins falle, zu Formen der Selbstdisziplinierung führe und praktisch
eine ‚Regierung des und durch das Selbst‘ bewirke, die repressive Herrschaftsausübung (teilweise)
ersetzen könne.
4.3 Inklusion und Exklusion als Relation 69

Einschlusses darstellen (Opitz 2007). Im Rahmen der Diagnose eines derartigen


Inklusions-/Exklusionsgefüges fokussieren Forschungsarbeiten auf die Analyse
der Herstellungsbedingungen wirkmächtiger Unterscheidungen zwischen nor-
malen/konformen sowie anormalen/devianten Subjektpositionen49 und die damit
einhergehende Ausformung der „normalisierenden Inklusionsmodi“ (ebd.: 48).
Der gemeinsame Nenner dieses Literaturstrangs ist also weniger eine kollektiv
geteilte Annahme über gesamtgesellschaftliche Ursache- und Wirkungszusam-
menhänge von Inklusion und Exklusion als vielmehr eine bestimmte epistemo-
logische Herangehensweise, die das analytische Vorgehen in den jeweiligen
Forschungskontexten anleitet (Gertenbach 2008).
Angesichts der hohen Relevanz des jeweiligen Kontexts und der darin ver-
folgten Forschungsabsichten lässt sich kein einheitliches Bild der Rolle der
Organisation innerhalb dieses Literaturstrangs zeichnen. So untersucht etwa
Foucault in seinen wegweisenden Arbeiten die Etablierung des Krankenhauses
(1973/2011) sowie des Gefängnisses (1976/1994) und wie in diesen Organisati-
onen Praktiken der Inklusion, Exklusion und Normalisierung gleichursprünglich
zum Einsatz kommen. Aufgrund seines historischen Ansatzes und des Interesses
an der Bedeutung von Praktiken der Disziplinierung auf der Makroebene unter-
scheidet sich seine Herangehensweise jedoch von herkömmlichen Untersuchun-
gen im Bereich der Organisationsforschung. Foucault selbst interessierte sich in
seinen Schriften auch nicht explizit für die Form der Organisation. Nichtdestot-
rotz gibt es eine steigende Anzahl an Arbeiten, die sich in dieser Tradition mit
Organisationen, den darin wirkenden Diskurs-Praktiken und dabei hervorge-
brachten Machtverhältnissen sowie deren ein-/ausschließenden Folgen ausei-
nandersetzen (z.B. Hartz/Rätzer 2014; Leclercq-Vandelannoitte 2011; Nel-
son/Hardy 1997). Gleichzeitig findet nur selten eine explizite Verknüpfung mit
Theorien der Inklusion und Exklusion statt; ein diesbezüglicher Forschungsbe-
darf ist demnach zweifellos gegeben.
Im Hinblick auf mögliche Leerstellen des Literaturstrangs lässt sich fest-
stellen, dass die Annahme eines gegenseitigen und unhintergehbaren Bedin-
gungsverhältnisses von Inklusion und Exklusion dazu führt, dass dem Vorgang
sozialer Ein- und Ausschließung ein beinahe ontologischer Status zugeschrieben
wird. Umso spannender erscheint daher die empirische oder auch theoretisch-
konzeptionelle Auseinandersetzung mit Phänomenen, die Goodin (1996) als
„internally less inclusive and externally less exclusive“ (ebd.: 353; Herv. i. O.)
beschreibt.

49 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Subjektbegriff findet sich in Kapitel 5.3.
70 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

4.4 Inklusive Organisation

Der vierte Zugang kann als der ‚jüngste’ der vier Zugänge beschrieben werden.
In diesem steht die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten umfassender
Potenzialentfaltung aller Organisationsmitglieder ohne Diskriminierungserfah-
rungen oder ‚freiwillige’ Selbst-Ausschlüsse im Mittelpunkt. Auf den Begriff
der Inklusion wird hierbei in einem doppelten Sinne rekurriert: als erstrebens-
wertes Ziel und als Analysegegenstand (Özbilgin 2009). Zum einen wird Inklu-
sion als Situation idealer Arbeitsbedingungen für Organisationsmitglieder, die
sich durch ein Maximum an Diversität untereinander auszeichnen, betrachtet.
Forschung in diesem Kontext richtet sich auf die (normativ-)konzeptionelle
Identifikation von Elementen, die eine dementsprechend inklusive Organisation
ausmachen könnten (z.B. Pless/Maak 2004). Zum anderen werden die Möglich-
keiten der Messbarkeit von Inklusion ausgelotet und inklusionsfördernde Maß-
nahmen diskutiert (z.B. Janssens/Zanoni 2008; Mor Barak 2000; Mor Ba-
rak/Cherin 1998; Pelled et al. 1999).
Hinsichtlich der Operationalisierung von Inklusion – auch vor dem Hinter-
grund der individuellen Wahrnehmung der einzelnen Organisationsmitglieder –
definieren Mor Barak und Cherin (1998) „inclusion-exclusion as a continuum of
the degree to which individuals feel part of critical organisational processes“
(ebd.: 48). Als entscheidende organisationale Prozesse für die jeweilige Positio-
nierung auf dem Inklusions-Exklusions-Kontinuum identifizieren sie den Zu-
gang zu arbeitsrelevanten Informationen und Ressourcen, die Teilhabe an Ar-
beitsgruppen sowie das Vermögen, berufliche Entscheidungen zu beeinflussen.
Ähnlich beschreiben Pelled et al. (1999) Inklusion als „the degree to which an
employee is accepted and treated as an insider by others in a work system.“
(ebd.: 1014) Im Konkreten operationalisieren sie Inklusion anhand der Mög-
lichkeit, auf Entscheidungen einzuwirken, des Zugangs zu heiklen Arbeitsin-
formationen, sowie des Ausmaßes an Jobsicherheit. Janssens und Zanoni (2008)
betonen in ihrer daran angelehnten Definition die Handlungsaufforderung, die
an den Inklusionsbegriff geknüpft sei: “[I]nclusion shifts attention to creating an
organisational context in which everybody feels an insider.“ (ebd.: 2) Im Hin-
blick auf die praktische Messbarkeit von Inklusion führen sie aus, dass aus-
schließlich arbeitsbezogene Indikatoren zu einer Verzerrung führen könnten, da
diese vor allem für berufliche Positionen höherer Hierarchieebenen relevant
seien. In ihrer Studie zu Inklusions- und Exklusionsbedingungen von Arbeit-
nehmer_innen mit Migrationshintergrund, die in den untersuchten Organisatio-
nen weniger einflussreiche Positionen innehaben, ziehen sie daher beziehungs-
relevante Faktoren zur Messung heran (z.B. spontane Gruppenbildung zwischen
Personen unterschiedlicher ethnischer/kultureller Hintergründe, Interessensbe-
4.4 Inklusive Organisation 71

kundungen majoritärer Organisationsmitglieder an der Kultur ihrer minoritären


Kolleg_innen). Dieser kurze Überblick zeigt, dass für die Operationalisierung
von Inklusion (und Exklusion) arbeits- und beziehungsbezogene Indikatoren
herangezogen werden, wobei erstere eindeutig dominieren.
Bezüglich des zweiten Forschungsfokus steht weniger die empirische
Messbarkeit von Inklusion im Vordergrund als vielmehr die Auseinanderset-
zung mit deren normativen Grundlagen und theoretischer Konzeption. In diesem
Zusammenhang beschreiben Pless und Maak (2004) etwa, dass Diversity Ma-
nagement auf den „pillars of a culture of inclusion“ (ebd.: 130) basiere, was sich
in der Wertschätzung von Unterschieden und letztlich einer gesteigerten Per-
formance der Organisation als Gesamtes niederschlage. Um eine solche Kultur
der Inklusion erreichen zu können, bedürfe es u.a. des Erwerbs von sogenannten
„inclusion competencies“ (ebd.: 139; Herv. i. O.) auf Seiten der einzelnen Orga-
nisationsmitglieder sowie der Etablierung einer systematisch inklusionsförderli-
chen Personalpolitik. Im Gegensatz hierzu verknüpfen Holvino et al. (2004) ihre
Konzeption von Inklusion mit der Relevanz von Machtverhältnissen: “We see
inclusion as a feature of good management in any organisation (…). Inclusion is
fundamental for incorporating equality and truly sharing power across a range
of groups and their members.“ (ebd.: 249) Der Umgang mit Vielfalt wird als
selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsalltags beschrieben, wodurch auch
die Herstellung einer ‚inklusiven Organisation‘ zur Aufgabe aller werde. Gene-
rell zeigt sich in der theoretischen Auseinandersetzung um Inklusion die enge
Verbindung mit Diversity (Management). Die konkrete Abgrenzung zwischen
den beiden Konzepten, wie sie etwa Roberson (2006)50 untersucht hat, ist jedoch
kaum expliziter Diskussionsgegenstand im Rahmen der Forschungsarbeiten.
Die Schwerpunktsetzung auf die Identifikation adäquater Messkriterien
sowie die ganz grundsätzlichen Definitionsversuche organisationaler Inklusion
deuten auf die (gegenwärtige) Relevanz explorativer Untersuchungen/Ausei-
nandersetzungen in diesem Literaturstrang hin. Anders verhält es sich mit dem
Begriff der Exklusion, dem kaum bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Eine Ausnahme stellt Mor Baraks und Cherins (1998) Konzeption von Inklusion
und Exklusion als Kontinuum dar. Abseits davon wird Exklusion – ähnlich wie
bei dem Zugang ‚soziale Exklusion‘ – als quasi logisches Gegenstück zu Inklu-
sion gesehen. Das heißt, diese kann schlicht als das Fehlen des Zugangs zu

50 In ihrer Studie befragte Roberson Fachleute im Bereich des Diversity Management nach ihrem
Verständnis von diversity und inclusion. Während diversity mit der fairen Behandlung von Personen
marginalisierter Gruppenidentitäten assoziiert wird, wird mit inclusion die Vorstellung eines breite-
ren Ansatzes verknüpft, der sich an alle Organisationsmitglieder richtet (z.B. kollegiale Arbeitsbe-
ziehungen, Konfliktlösungsmanagement).
72 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

heiklen Informationen, des Einflusses auf Entscheidungen oder von sozialen


Beziehungen etc. verstanden werden. Trotz der grundsätzlich invers charak-
terisierten Eigenschaften von Inklusion und Exklusion zeigt sich gleichzeitig ein
Unterschied hinsichtlich der Bezugsgrößen beider Begriffe: Während mittels
Inklusion meist ein Rekurs auf alle Organisationsmitglieder stattfindet, wird das
Phänomen der Exklusion hingegen nur auf einen ganz bestimmten Personen-
kreis (z.B. Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen, ältere Menschen)
bezogen (Mor Barak/Cherin 1998). Eine mögliche Folge dieses Fokus auf mar-
ginalisierte Gruppenidentitäten ist, dass diese als (defizitäre) Abweichungen
eines vermeintlichen (und inkludierten) Mainstream dargestellt werden.
Die Organisation als solche kommt in zweierlei Kontexten vor. Erstens
wird sie als ‚Nutznießerin‘ von Inklusionsbemühungen um sämtliche Organisa-
tionsmitglieder sowie potenziell marginalisierte Personen(gruppen) angesehen.
Dahinter liegt die Annahme, dass die individuelle Einschätzung der Akzeptanz
von Seiten ‚der Organisation‘ in einem direkten Zusammenhang mit Abwesen-
heiten am Arbeitsplatz oder Jobwechseln stehe (Mor Barak 2000). Eine ‚inklu-
sive Organisation‘ könne demnach ohne Einschränkungen auf das volle Poten-
zial ihrer Organisationsmitglieder zugreifen (Roberson 2006). Im zweiten Fall
steht weniger eine funktionalistische Perspektive im Vordergrund, sondern
vielmehr die zentrale Rolle der Organisation bei der Herstellung eines „climate
of acceptance“ (Gilbert/Ivancevich 2000: 101). Um dieses zu erreichen und
einer ‚inklusiven Organisation‘ als Gesamtes einen Schritt näher zu kommen,
bedürfe es eines Spektrums an sogenannten „identity-blind“ und „identity-
conscious“ Maßnahmen (Janssens/Zanoni 2008: 6). Erstere würden auf die
Gleichbehandlung aller Organisationsmitglieder unabhängig von ihren jeweili-
gen Gruppenidentitäten abzielen, zweitere würden hingegen explizit marginali-
sierte Personen(gruppen) und ihre Bedürfnisse adressieren (Konrad/Linnehan
1995). Ein auf den Kontext abgestimmter komplementärer Einsatz der beiden
Zugänge könne die soziale Inklusion innerhalb der Organisation fördern, ohne
dabei auf das Mittel der Assimilation zurückzugreifen (Janssens/Zanoni 2008).
Hinsichtlich möglicher Leerstellen oder Limitationen dieses Literatur-
strangs sind drei Punkte augenfällig. Erstens bedarf es einer Auseinandersetzung
mit dem scheinbar bruchlosen Übergang des Nutzens von Inklusion für die
Gesamtorganisation einerseits und für das einzelne Mitglied andererseits: Ist
eine ‚inklusive Organisation‘ nur dann erstrebenswert, wenn diese gleichzeitig
eine Effizienzsteigerung organisationaler Abläufe mit sich bringt oder sonst
irgendwie ‚verwertbar‘ ist? Zweitens könnte das Konzept der ‚inklusiven Orga-
nisation‘ durch eine Perspektive, die Inklusion und Exklusion als gegenseitiges
Bedingungsverhältnis begreift, an analytischer Schärfe gewinnen. Denn indem
den eventuell exkludierenden Nebeneffekten von eigentlich inklusionsfördern-
4.5 Zusammenfassung: Inklusion und Exklusion als Bedingungsverhältnis 73

den Maßnahmen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, bleiben auch organisa-


tionale Machtverhältnisse sowie potenzielle Konfliktlinien unangetastet. Dies
zeigt sich etwa bei Pless und Maak (2004), die vorschlagen, im Sinne der Her-
stellung einer ‚inklusiven Organisation’ vor allem Personen mit diversitätsaffi-
nen Grundhaltungen zu rekrutieren. Schlägt sich ein solches Kriterium bei der
Personalauswahl so nieder, dass die Bewerber_innen bereits vor Organisations-
eintritt über derartige inclusion competencies verfügen müssen, kann dies bei-
spielsweise eine Selektion aufgrund sozialer Herkunft verschärfen und somit
Exklusionsbarrieren erhöhen. Und drittens erscheint es lohnenswert, das Zu-
sammenwirken organisationaler mit teilsystemischen wie gesamtgesellschaftli-
chen Inklusions- und Exklusionsbedingungen in den Blick zu nehmen. Erst eine
solche Perspektive erlaubt es nämlich, den tatsächlichen Handlungsspielraum
von Organisationen hinsichtlich ‚inklusiverer‘ oder zumindest weniger exklusi-
ver Zugangs- und Aufstiegsbedingungen adäquat zu eruieren.

4.5 Zusammenfassung: Inklusion und Exklusion als Bedingungsverhältnis

Die Zusammenschau der einzelnen Zugänge zu Inklusion und Exklusion (siehe


Tabelle 1) zeigt deutlich, dass große Unterschiede hinsichtlich des Analysefokus
(Makro-, Meso- und Mikroebene), der theoretischen Perspektive sowie auch der
normativ angeleiteten Kernanliegen auftreten:
74 4. Inklusion und Exklusion – eine Systematisierung

Inklusion/
Soziale Ordnung Soziale Exklusion als Inklusive
Exklusion Organisation
Relation
Kohäsive Sozialord- Analyse von Fokus auf Konzeption und
nung trotz funktiona- Ausschluss und Rationalität Messung einer
Kernanliegen Benachteiligung ‚hinter’ Inklu-
ler Ausdifferenzie- trotz vorhande- sion und ‚inklusiven
rung Organisation’
nem Wohlstand Exklusion
Inklusion als
Inklusion und normatives Ziel,
Definition Mehrdimensionales Gegenteil von das durch organi-
Konzept von Bür- Exklusion sind
von Inklusion Exklusion gegenseitig sationale Maß-
ger_innenrechten nahmen erreicht
konstitutiv und
haben jeweils werden kann
einerseits Über- inkludierende/
gangsphänomen; Ergebnis von exkludierende
andererseits Ergebnis Strategien der Effekte (z.B.
Definition Monopolisie- Gegenteil von
von Exklusion von ‚Über- ‚inkludierende Inklusion
rung; Prozess Exklusion’)
Integration‘ der
Teilsysteme und Zustand
Organisationen Organisationa- Organisation
Organisation als sind von Un- le Praktiken profitiert von
Rolle der Produzentin von gleichheiten haben per se Inklusion; Orga-
Organisation Exklusion und durchzogen und inkludierende/ nisation kreiert
Ungleichheit (re-)produzieren exkludierende ‚inclusive
diese Effekte climate’
Vernachlässi- Vernachlässi-
Implikatio- gung von Inklu- Inklusion und gung von Exklu-
nen/ Limitati- Inklusionsmodi als sion; bezahlte Exklusion als sion; Fokus auf
kontextneutral ontologische
onen Arbeit im Mittel- arbeitsbezogene
punkt Größen Faktoren

Tabelle 1: Vier Literaturstränge zu Inklusion/Exklusion und ihre Verhandlung


von Organisationen

Trotz oder gerade wegen dieser vielfältigen Bedeutungszusammenhänge, in


denen das Begriffspaar ‚Inklusion/Exklusion‘ zum Einsatz kommt, deutet sich
in dem Überblick eine forschungsprogrammatische Grundsatzentscheidung an,
die es im Vorfeld zu treffen gilt: Werden Inklusion und Exklusion als gegensei-
tiges Bedingungsverhältnis begriffen oder nicht? Eine Positionierung dahinge-
hend, dass Inklusion und Exklusion als reziprok konstitutiv verstanden werden,
geht fast zwangsläufig mit der Perspektive einher, Phänomene des Ein- und
Ausschlusses als sozial hergestellte (Macht-)Verhältnisse zu begreifen. Dies
bedeutet nicht, dass eine empirische Untersuchung stets Peripherien und Zentren
gleichermaßen in den Blick nehmen muss, aber es impliziert zumindest eine
theoretisch-analytische Rückbindung an deren Wechselbeziehung. Vor dem
Hintergrund des konkreten Forschungsgegenstandes erscheint ein solch relatio-
nales Verständnis von Inklusion und Exklusion als quasi notwendige Analyse-
4.5 Zusammenfassung: Inklusion und Exklusion als Bedingungsverhältnis 75

perspektive, um Diversity Management im Spannungsfeld aus Equity- und Bu-


siness-Ansprüchen entsprechend differenziert untersuchen zu können. Gleich-
zeitig bedeutet dies nicht, die Inklusions- und Exklusionsfolgen der Praktiken
des Diversity Management abseits jeglicher normativer Verortung untersuchen
zu können/wollen. Gerade weil jede Inklusion im Gegenzug Exklusion bedeutet
und umgekehrt, ist es umso wichtiger, eine klare Vorstellung davon zu haben,
welche Formen des Ein- und Ausschlusses in einem ganz spezifischen Kontext
als problematisch betrachtet werden. Hinsichtlich des konkreten Untersuchungs-
feldes scheinen zwei Schwerpunktsetzungen forschungsanleitend: Zum einen
steht das Verhältnis zwischen Angehörigen des sogenannten homogenen Ideals
(Positionierungen in den Zentren der Organisation) und den als diversity-
relevant markierten Gruppenidentitäten (Positionierungen an den Peripherien
der Organisation) mit besonderem Fokus auf Nicht-/Behinderung und Ge-
schlecht im Vordergrund. Zum anderen erscheint es in Anlehnung an Goodin
von Interesse, nach Praktiken des Diversity Management Ausschau zu halten,
die weder besonders inkludierend noch exkludierend sind und somit weder der
Assimilierung noch Abwertung bedürfen.
Wie bereits ausgeführt, zeichnet sich ein relationaler Zugang zu Inklusion
und Exklusion vor allem durch eine ganz bestimmte epistemologische Veror-
tung aus, die als poststrukturalistisch beschrieben werden kann. In einem nächs-
ten Schritt erfolgt daher eine nähere Auseinandersetzung mit den erkenntnisthe-
oretischen Grundlagen des hier zugrunde gelegten Verständnisses von Inklusion
und Exklusion und den damit einhergehenden Konsequenzen für die analytische
Adressierung des Forschungsgegenstandes.