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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!

Für Kinder zum Vorlesen


ab 8 Jahren
Mark Twain
Neu erzählt von Maria Seidemann
Markus Zöller (Illustrationen)

Huckleberry Finns Abenteuer

KINDERBUCHKLASSIKER ZUM VORLESEN

Über dieses Buch

Tom Sawyer und Huckleberry Finn – das ist die


Geschichte zweier Jungen, die sich nach
Abenteuern und einem freien Leben sehnen. In
dem Roman »Huckleberry Finns Abenteuer«
werden die Schicksale der jugendlichen Helden
aus dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer« weiterverfolgt. Die ursprüngliche
Romanfassung ist aber sehr umfangreich. Deshalb wurde der Text in dieser Ausgabe
für jüngere Zuhörer und Leser aufbereitet und inhaltlich sowie sprachlich angepasst.
So weicht diese Vorlese-Ausgabe teilweise von der literarischen Vorlage ab. Brutale
Szenen und drastische Beschreibungen wurden nicht aufgenommen. Diese
Bearbeitung soll ein Appetit-Happen sein, der neugierig machen kann auf die
Originalfassung des großen Jugendromans von Mark Twain.

Der Autor, Samuel Langhorn-Clemens, arbeitete als Schriftsetzer und


Reisejournalist, war Steuermann auf einem Mississippi-Dampfer und versuchte sich
als Goldgräber. Im Jahr 1876 erschien sein Roman »Tom Sawyer« und 1884
»Huckleberry Finn«. Das Pseudonym »Mark Twain«, unter dem er als Schriftsteller
berühmt wurde, entnahm er seinem Beruf als Steuermann auf dem Mississippi.
Mark Twain bedeutet: zwei Faden Wassertiefe.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Bei der Witwe Douglas

»Na endlich! Wo warst du denn so lange?«, rief


mein Freund Tom, als ich zum Flussufer kam. Er
hatte schon zwei Barsche gefangen, sie brieten
über einem Feuerchen und rochen so gut! Ich
bekam sofort gute Laune und holte meine Angel
aus dem Versteck. »Ich musste arbeiten«, sagte
ich. »Die Witwe Douglas meint, ein anständiger
Mensch soll jeden Tag sein Brot durch Arbeit
verdienen. Heute musste ich Rüben ausgraben,
zusammen mit Jim.«
Tom verdrehte mitleidig die Augen.
Eigentlich fand ich die Witwe Douglas nett – sie
hatte mich aufgenommen, als ich im Winter nicht
wusste, wo ich unterkommen sollte. Als ich
Hunger hatte und keine warmen Sachen am Leib.
Sie gab mir genug zu essen und anständige
Klamotten. Sie schickte mich auch zur Schule. Das Stillsitzen war zwar nicht mein
Ding. Aber in der Schule traf ich jeden Tag meinen Freund Tom Sawyer. Genau wie
ich hatte Tom keine Eltern mehr, er lebte bei seiner Tante Polly.
Tom bekam öfter mal Prügel, weil er ziemlich frech war. Ich dagegen kriegte nie was
ab. Denn die Witwe glaubte, der liebe Gott will nicht, dass Kinder geschlagen
werden. Sie war sehr fromm und ich musste jeden Tag mit ihr dafür beten, dass ich
ein anständiger Mensch würde.

Aber ich wusste gar nicht, ob ich überhaupt ein anständiger Mensch sein wollte. Viel
lieber lag ich jeden Nachmittag mit Tom am Ufer, wir schauten den großen
Raddampfern nach und den Holzflößern, die Hunderte von Baumstämmen auf dem
Fluss zum Verkauf in die großen Städte brachten.
»Wir kriegen Hochwasser«, sagte Tom.
Er hatte recht. Das Wasser stand schon einen halben Meter höher als am Vortag.
Hochwasser ist toll, man kann viele Dinge im Fluss treiben sehen: kaputte Boote,
Gartenzäune, Schubkarren, Koffer ...
Wenn man geschickt ist und ein guter Schwimmer, kann man sich allerhand
Brauchbares aus dem Fluss fischen.
Wir blieben bis zum Abend am Ufer. Es war stockdunkel, als ich nach Hause kam. Im
Schlafzimmer der Witwe brannte kein Licht mehr. Darüber war ich froh, so musste ich
mir keine Vorwürfe und Seufzer anhören.
Plötzlich zuckte ich zusammen. Neben der Haustür lehnte eine riesige schwarze
Gestalt. Ihre Augen leuchteten wie zwei Lampen und über ihrem Kopf schwebte eine
Rauchwolke. Ein Geist! Aber dann musste ich lachen: Das war doch Jim, der Sklave

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

der Witwe! Er paffte seine Maiskolbenpfeife. Weil er so schwarz ist, hatte ich ihn im
Dunkeln nicht erkannt. Auf einmal sah ich, dass er weinte.
»Was ist passiert, Jim?«
»Ach, Huck, ich muss weg von hier. Die Witwe wird mich verkaufen. Heute hat ihr ein
Sklavenhändler achthundert Dollar für mich geboten, weil ich jung, gesund und stark
bin. Stell dir vor, so viel Geld! Da kann sie nicht Nein sagen. Morgen will er
wiederkommen.«

Ich sagte: »Vielleicht hast du es woanders besser als bei der Witwe. Sie lässt dich
doch ziemlich hart schuften!«
Aber er seufzte nur und sagte: »Das verstehst du nicht.«
Am nächsten Morgen war Jim verschwunden. Einfach abgehauen.
Die Witwe nahm ihren Krückstock und humpelte zu unserem Nachbarn. Der
trommelte gleich einen Trupp bewaffneter Männer zusammen. Aber obwohl sie mit
Hunden suchten, fanden sie Jim nicht.
Von diesem Tag an hatte ich nichts mehr zu lachen. Die ganze Arbeit, die bisher Jim
erledigt hatte, blieb an mir hängen. Denn die Witwe ist nicht nur alt, sie ist auch krank
und kann ihren Haushalt nicht mehr alleine bewältigen.
Natürlich musste ich nicht kochen, das kann ich nämlich nicht. Ich kann nur Fische
am Feuer braten.

Die Frauen von der Kirchengemeinde kamen abwechselnd und halfen der Witwe, sie
kochten und putzten und kümmerten sich um die Wäsche.
Aber Brennholz für den Winter zu hacken, das war jetzt meine Sache.
Ich musste auch mit dem Handwagen zum Markt gehen und einkaufen. Vor allem
aber sollte ich mich um den Garten kümmern: die abgeernteten Beete umgraben, die
Herbstsaat ausbringen, Erdmieten für Kartoffeln und Rüben anlegen. Vor allem das
Unkrauthacken hasste ich wie die Pest.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Jim war es gewohnt, den ganzen Tag zu schuften und nie frei zu haben, er war
schließlich ein Schwarzer, ein Sklave. Aber ich? Trotzdem war mir klar, dass ich es
machen musste. Die Witwe hatte mich schließlich aufgenommen.
Manchmal ließ ich alles stehen und liegen und ging nach der Schule gar nicht erst
nach Hause, sondern gleich mit Tom zum Fluss, der jetzt schon ordentlich
Hochwasser hatte.
»Wir könnten auch abhauen«, sagte Tom. »Und Piraten werden! Wir schnappen uns
ein Kanu und paddeln bis zur Insel. Dort gibt es jede Menge Höhlen, da könnten wir
unser Räuberlager einrichten. Von dort aus starten wir unsere Raubzüge.« Die
Höhlen kannte ich gut – aus der Zeit, als ich kein Zuhause hatte. Tom und ich, wir
brachten den ganzen Nachmittag damit zu, uns das Piratenleben auszuspinnen.
Aber als es dunkel wurde, bekamen wir Hunger und gingen nach Hause. »Du bist
schon wieder in deinen Schulkleidern herumgestromert!«, jammerte die Witwe. »Die
Hosen sind ja völlig verdreckt und zerrissen! Willst du etwa morgen in deiner alten
Arbeitshose zur Kirche gehen? Wie soll ich nur die ganze Arbeit schaffen! Ach,
Huckleberry Finn, du machst es mir wirklich nicht leicht! Du solltest doch heute die
Zwiebeln ausgraben und zum Trocknen aufhängen! Und was hast du stattdessen
getan?«
Dann musste ich mit ihr niederknien und beten. Sie betete dafür, dass ich mich
besserte. Und dass sie mehr Geduld mit mir hätte und genug Kraft für meine
schwierige Erziehung.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Hucks Flucht

Am nächsten Morgen gingen wir in die Kirche


wie jeden Sonntag. Vorher putzte ich meine
Schuhe, dass sie glänzten wie
Speckschwarten. Ich hasse es, in Schuhen
zu gehen, die so schwer sind wie
Baumstämme und so fest zugeschnürt wie
ein Sack Mehl. Nach dem Gottesdienst
passte die Witwe den Pastor ab und klagte
ihm ihr Leid: wie schwer sie es mit mir hätte
und dass sie keinen Rat mehr wüsste.
Der Pastor tröstete sie: »Der Junge hat doch
schon Fortschritte gemacht. Er hat Lesen
und Schreiben gelernt und hilft Ihnen in Haus
und Garten.«
Danach wandte er sich zu mir. Ich bekam
eine Moralpredigt, die sich gewaschen hatte.
Er warf mir vor, undankbar zu sein. Und dann
sagte er, dass ungehorsame Kinder in die
Hölle kommen.
Na ja, in die Hölle wollte ich natürlich nicht.
Also nahm ich mir vor, mich zu bessern und der brave Junge zu werden, den die
Witwe brauchte.
Aber am Montag, als ich aus der Schule kam, sah ich ein Pferdefuhrwerk vor dem
Haus der Witwe halten. Das war der Holzhändler, er brachte schon wieder eine
Fuhre Viertelstämme. Ich wusste, was mir bevorstand. Am Nachmittag musste ich
die Stämme mit der Schubkarre auf den Hof fahren und sie in den folgenden Tagen
mit Säge und Axt zu Brennholz verarbeiten – genauso wie es Jim mit den drei
vorigen Fuhren gemacht hatte. Davon war noch ein kleiner Rest übrig gewesen, als
Jim verschwand, um den hatte ich mich kümmern müssen. Und schon dieser Rest
hatte mir den Rest gegeben!
Als ich jetzt den riesigen Haufen Stämme da liegen sah, drehte ich mich um und
rannte davon. Ich hörte noch, wie die Witwe mir aus dem Fenster etwas nachrief.
Aber ich hielt nicht eher an, als bis ich zu unserer Stelle am Ufer gekommen war. Ich
zog meine Schuhe aus und holte die Angel aus den Büschen. Plötzlich fing ich an zu
heulen. Ich konnte einfach nicht anders und es sah ja auch niemand. Ich war ganz
allein. Nein, ich wollte kein anständiger Mensch sein! Ich wollte ein Pirat werden und
auf der Insel in einer Höhle leben.
Aber leider hatte ich kein Kanu.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Plötzlich sah ich was ungeheuer Interessantes: Auf dem Fluss kam etwas
angetrieben. Etwas Großes, Langes ... Ein herrenloses Floß! Dass auf dem Floß
niemand war, erkannte ich daran, wie es sich bewegte. Steuerlos trieb es mit der
Strömung dahin, dann drehte es sich ein paarmal um sich selber und schlingerte
ganz langsam zum Ufer. Direkt auf mich zu! Als wollte es zu mir sagen: Ich gehöre
dir, Huckleberry Finn.
Ich rannte in den Fluss. Er führte viel mehr Wasser als sonst, die Strömung zerrte an
mir und ich hatte Angst, das Floß könnte abtreiben. Aber ich schwamm, so schnell
ich konnte, bis ich es erreicht hatte. Ich zerrte es ins Gestrüpp und machte es fest.
Es war ein schönes Floß, nicht zu groß, einige aneinandergebundene Baumstämme
und ordentlich Bretter darübergenagelt. In der Mitte stand eine kleine Hütte aus
Latten, die war halb zerstört, aber das war mir egal. Das Steuer war unbeschädigt.
Ich warte, bis es dunkel ist, dachte ich. Dann fahre ich los, zur Insel. Huckleberry
Finn, der Pirat!
Aber gleich fiel mir ein: Wenn ich nachts nicht nach Hause komme, alarmiert die
Witwe morgen die Nachbarn und lässt mich suchen! Mit Hunden womöglich ...
Ich musste mir etwas einfallen lassen, damit sie mich nicht fanden. Oder gar nicht
erst nach mir suchten.
Am besten ist es, überlegte ich, wenn sie denken, ich bin tot. Und gleich hatte ich
eine Idee.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Auf der Insel

Ein Floß hatte ich noch nie gesteuert. Das


ist aber nicht viel anders, als ein Kanu zu
steuern, man braucht nur mehr Kraft.
Geschwind glitt das Floß in der Strömung
dahin. Dunkle Wolken segelten über den
Himmel, ein kalter Wind blies. Es tat mir
leid, dass ich meine Jacke am Ufer
gelassen hatte, aber das gehörte zu
meinem Plan. Ab und zu schien der Mond
durch eine Wolkenlücke, sodass ich die
Insel rechtzeitig sehen konnte. Wie ein
großes dunkles Tier lag sie mitten im Fluss.
Ich steuerte das Floß ans linke Ufer der
Insel, sodass man es von der Fahrrinne
aus nicht sehen konnte. Denn es war ja
möglich, dass sie doch nach mir suchten.
Nachdem ich das Floß festgebunden hatte,
kroch ich ins Gebüsch, um ein Schläfchen
zu machen. Da fing es an zu regnen. Es
goss wie aus Kannen. Im Nu war ich
pitschnass. Ich musste mir unbedingt ein
trockenes Plätzchen besorgen. Im Dunkeln tastete ich mich an den Felsen entlang,
um den Eingang zu den Höhlen zu finden.
Auf einmal strichen meine Finger über eine Hand hin, die da auf der Erde lag. Vor
Entsetzen konnte ich mich nicht mehr bewegen. Wer war das? Vielleicht ein Toter?
Aber der Tote richtete sich auf und sagte mit Jims Stimme: »Bitte tu mir nichts!«

»Jim!«, schrie ich. »Du hast mir einen Heidenschrecken eingejagt!«


»Bist du das, Huck? Was machst du denn hier?«
»Ich will Pirat werden«, antwortete ich.
»Komm rein, du Pirat! Du bist ja ganz durchgeweicht«, sagte Jim und zog mich in die
Höhle. »Wenn wir noch ein Stück tiefer reinkriechen, können wir Feuer machen,
ohne dass es vom Ufer aus zu sehen ist.«
Jim gab mir seine Jacke, weil mir so kalt war. Er bewirtete mich mit Maisbrot und
kaltem gebratenem Fisch.
»Ich hab ein Kanu gestohlen«, sagte er. »Damit will ich den Fluss runter bis Cairo.«
»Cairo?«, fragte ich. »Den Namen hab ich noch nie gehört!« »Das ist eine große
Stadt, die gehört zum Staat Illinois. Dort haben sie die Sklaverei abgeschafft. Wenn
ich da an Land gehen kann, bin ich ein freier Mann, verstehst du? Ich suche mir eine
Arbeit. Alles, was ich verdiene, werde ich sparen.« Ich lachte. »Sparen? Wozu
denn?«
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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

»Wenn ich genug Geld zusammenhabe, kann ich meine Frau und meine beiden
Kinder freikaufen«, sagte Jim.
Ich hatte gar nicht gewusst, dass Jim Frau und Kinder hatte. Er erzählte, dass sie als
Sklaven auf einer Farm in der Nähe von unserem Städtchen lebten. Als der Mann der
Witwe noch lebte, hatte er sie verkauft, so wie man ein paar Säcke Kartoffeln
verkauft.
Jim wollte wieder mit seiner Familie zusammenleben, das verstand ich. Wenn die
Witwe die achthundert Dollar von dem Sklavenhändler genommen hätte, wäre Jim
irgendwohin verkauft worden, weit weg von seiner Frau und seinen Kindern –
deshalb war er abgehauen!

»Also fahren wir nach Cairo!«, entschied ich. »Mit dem Floß geht es schneller als mit
dem Kanu. Pirat werden kann ich auch später noch.«
»Du bist ein guter Junge, Huck«, sagte Jim. »Du kommst bestimmt mal in den
Himmel!«
Ich erzählte Jim, wie ich weggelaufen war, weil ich nicht immer nur arbeiten und
beten wollte. Wie plötzlich das Floß angetrieben kam. Wie ich meine Schuhe mit
Fischblut beschmiert und sie am Ufer hingeworfen hatte.
»Fischblut?«, fragte Jim erstaunt.
»Ja, Mann, damit es aussieht, als ob mich jemand umgebracht hat. Auf meine Jacke
hab ich auch was von dem Blut gegossen und noch einen Ärmel abgerissen. Das
sah richtig echt aus! Damit sie nicht nach mir suchen.«
»Schade um die schöne Jacke«, sagte Jim.
Wir hörten, wie ein Gewitter über die Insel zog. Aber in der Höhle war es gemütlich
und warm. Irgendwann schliefen wir ein. Am nächsten Morgen war der Fluss
gewaltig angestiegen. Allerhand Zeug trieb vorbei und wir überlegten, ob wir mit dem

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Kanu in die Strömung fahren sollten, um uns was zu holen – oder ob das zu
gefährlich wäre.
Dann kam plötzlich ein ganzes Haus angeschwommen, ein Holzhaus mit Tür und
Fenstern und einem Schindeldach obendrauf. Jim sprang in das Kanu und hielt auf
das Haus zu. »Da sind bestimmt noch eine Menge Sachen drin!«, rief er mir zu. Er
erreichte das Haus und zog das Kanu hinein. Das Haus hing schon schief im Wasser
und schwamm ziemlich schnell. Ich dachte, ich würde Jim nie wiedersehen. Aber am
Nachmittag kam er erschöpft angepaddelt, er hatte das voll beladene Kanu die
ganze Strecke gegen die Strömung zurückgerudert. Jetzt besaßen wir zwei Decken,
allerhand Kleidungsstücke, einen Sack Mehl, eine Speckseite, eine Axt und eine
ganze Menge anderer Schätze für unsere Reise nach Cairo!
Wir verstauten alles auf dem Floß und banden das Kanu fest. »Morgen fahren wir
los«, sagte Jim. »Jetzt muss ich mich erst mal ausruhen. Mir tun alle Knochen weh.«
Doch auf einmal hörten wir Hundegebell, ganz nahe. Wir krochen über die Felsen zur
anderen Seite der Insel und spähten durch die Büsche übers Wasser. Da sahen wir,
dass ein großer Raddampfer direkt vor der Insel ankerte. Boote wurden zu Wasser
gelassen. Männer mit Gewehren stiegen in die Boote. Sie hatten große Hunde bei
sich!
»Die suchen mich!«, flüsterte Jim.
Ich widersprach: »Nein, die suchen mich!«
Während die Boote auf die Insel zuhielten, rannten wir zu unserem Floß. Ich nahm
das Steuer, Jim löste das Tau und sprang zu mir rüber.
Von den Felsen hallten Flintenschüsse. Immer näher kam das Bellen der Hunde.
Aber das Floß wurde von der Strömung ergriffen, bald hatten wir die Inselspitze
erreicht und waren unseren Verfolgern entkommen.
»Wir haben’s geschafft!«, rief ich und drehte mich zu Jim um.
Zusammengekrümmt und zitternd lag er auf dem Floß. Er atmete krampfhaft,
stoßweise.
Ich dachte, ein Schuss hätte ihn getroffen. Aber die Männer konnten uns doch gar
nicht gesehen haben!
»Jim, was ist denn los?«
»Wenn die mich kriegen,
bringen sie mich um!«, keuchte
er. Ich band das Steuer fest und
hockte mich neben ihn auf die
Bretter. »Die haben uns nicht
gesehen!«, beruhigte ich ihn.
»Wir fahren direkt nach Cairo,
dann bist du frei! Wie weit ist es
denn bis dorthin?«
»Weiß ich nicht«, flüsterte Jim.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Als Mädchen unterwegs

Wir fuhren den Fluss hinunter. Bei Tage


versteckten wir das Floß am Ufer und
verkrochen uns im Gebüsch. Sobald es
dunkel wurde, zogen wir das Floß wieder in
die Strömung. Wir fuhren die ganze Nacht,
ohne anzuhalten. Alle paar Stunden
wechselten wir uns ab: Einer stand am
Steuer, der andere schlief. So kamen wir
ziemlich rasch voran. Bestimmt waren wir
nun weit genug weg von unserem
Städtchen. Jetzt würde uns niemand mehr
suchen!
Jim reparierte die Hütte auf dem Floß. Nun
waren wir vor dem Regen geschützt und
unser ganzes Zeug aus dem schwimmenden
Haus blieb schön trocken.
Eines Morgens sahen wir am rechten Ufer
eine große Stadt aus dem Dunst auftauchen.
Wir konnten eine Anlegestelle für Dampfer
und Lastschiffe erkennen und eine Menge
Fabrikgebäude. Zwischen unzähligen Häusern ragten mehrere Kirchtürme auf,
überall stieg Rauch aus den Schornsteinen.
»Das ist Cairo!«, jubelte Jim. »Schnell, Huck, lass uns anlegen!«
Aber ich widersprach ihm. Woher wusste er, dass diese Stadt wirklich Cairo war? Der
Fluss ist lang, bestimmt liegen Dutzende von Städten an seinem Ufer. Cairo konnte
noch ganze Tage weit entfernt sein. Jim durfte auf keinen Fall an Land gehen und
sich als entlaufener Sklave zu erkennen geben, ehe wir nicht genau Bescheid
wussten. Das war viel zu gefährlich. Obwohl Jim vor Ungeduld fast platzte, stimmte
er mir schließlich zu. Wir ließen das Floß an der Stadt vorbeitreiben und banden es
am Rand eines Wäldchens fest. Jim sollte sich erst mal hier verstecken. Ich wollte zu
Fuß in die Stadt zurücklaufen, sobald es richtig hell war. Es konnte ja nicht schwierig
sein zu erfahren, ob das wirklich Cairo war. Die Stadt, in der jeder Mensch frei war,
auch wenn er eben noch ein Sklave gewesen war.
Unser Abenteuer auf der Insel hatte seine Spuren an meinen Sachen hinterlassen.
Wie ein Landstreicher sah ich aus. Ich wühlte in dem Zeug aus dem schwimmenden
Haus, um was Passendes für mich zu finden.
Da kam Jim auf die Idee, mich als Mädchen zu verkleiden. Ein langer gestreifter
Rock, eine Schürze drüber und eine braune Jacke verwandelten mich so, dass mich
nicht mal mein Freund Tom erkannt hätte. Meinen Kopf bedeckte ein Häubchen mit
einer Schleife unterm Kinn. Nur Schuhe hatte ich nicht.
Mit einem Körbchen am Arm tippelte ich los.
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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Als ich zur Stadt kam, hielt ich meine Augen offen und beguckte mir alles ganz
aufmerksam. Ich dachte, wenn ich irgendwo einen Schwarzen sehe, dann spreche
ich ihn an und frage, ob er ein Sklave oder ein freier Mann ist. Aber es war wie
verhext, ich traf überhaupt keinen Menschen.
Endlich ging ich an einem Haus vorbei, aus dem kam gerade eine Frau raus. Mit
Schwung kippte sie ihren Wischeimer aus. Ich sprang beiseite, aber trotzdem kriegte
ich einen Schwapp dreckiges Wasser ab.

»Ach du armes Kind!«, rief die Frau. »Das


tut mir ja so leid! Komm schnell rein, ich
mach dir den Rock sauber.«
Ich folgte ihr in die Küche. Dort war es
richtig gemütlich. Sie gab mir eine Tasse
Milch und wusch meinen Rock aus.
Während er am Herd trocknete, fragte sie
mich aus. Wo ich herkäme, was ich in der
Stadt wollte und so weiter.
»Ich heiße Sarah Brown«, sagte ich. »Ich
bin mit dem Dampfer gekommen. Meine
Mama ist krank geworden. Deswegen hat
sie mich nach Cairo geschickt, um meine
Tante Polly zu holen, damit sie ihr hilft.«
Die Frau schlug die Hände zusammen. »Du bist an der falschen Station
ausgestiegen, Sarah! Das hier ist nicht Cairo.«

Ich tat so, als ob ich anfinge zu heulen.


»Nun wein mal nicht!«, sagte die Frau. »Cairo liegt dreißig Meilen flussauf. Heute
Nachmittag, wenn mein Mann zurückkommt, dann wird er sich bei den Nachbarn
umhören, ob jemand mit dem Pferdefuhrwerk in die Richtung muss. Du wirst schon
nach Cairo kommen.«
Na, bis zum Nachmittag würde ich bestimmt nicht in diesem Haus bleiben, schließlich
wartete Jim auf mich. Dreißig Meilen flussauf! Wir waren in der Nacht an Cairo
vorbeigetrieben. Ich muss am Steuer eingeschlafen sein. Wie sollte ich das bloß dem
armen Jim erklären?
Ich saß da im Unterrock und wartete, dass mein Rock trocknete.
Inzwischen hatte die Frau angefangen, Garn aufzuwickeln. Ich sollte ihr dabei helfen.
Sie warf mir ein Knäuel in den Schoß. Blitzschnell klemmte ich die Knie zusammen
und fing so das Knäuel auf. Eine Weile wickelten wir schweigend die Wolle auf. Ich
ließ mir nicht anmerken, dass ich noch nie Garn gewickelt hatte.
Auf einmal schrie die Frau: »Oh, dort ist eine Maus! Sieh mal, Sarah, in dem Loch ist
sie verschwunden!«
Sie nahm ein Messinggewicht von ihrer Küchenwaage und wartete ab. Als die Maus
ihren Kopf aus dem Loch steckte, schleuderte die Frau das Gewicht nach ihr. Aber
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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

sie stellte sich so ungeschickt an, dass die Maus entwischte. Schwupp, war sie unter
dem Herd verschwunden.
»Lassen Sie mich mal!«, sagte ich und riss ihr das Gewicht aus der Hand.
Als die Maus sich unter dem Herd vorwagte, warf ich das Gewicht ganz locker aus
dem Handgelenk und traf sie natürlich.

Die Frau sagte dazu gar nichts. Sie gab mir meinen Rock zurück, obwohl er noch gar
nicht trocken war.
Schließlich meinte sie: »Es ist besser, du wartest nicht, bis mein Mann zurückkommt.
Ich weiß nicht, was du hier suchst und wer du bist. Sarah heißt du ganz sicher nicht.
Du hast bestimmt einen Grund, dich als Mädchen auszugeben. Aber du machst das
sehr schlecht. Ich habe gleich gesehen, dass du noch nie im Leben ein Wollknäuel
aufgewickelt hast. Und noch was: Wenn man einem Mädchen etwas in den Schoß
wirft, dann klemmt es nicht seine Knie zusammen, sondern es macht das Gegenteil,
um den Rock zum Auffangen auszubreiten. Mädchen werfen auch nicht so zackig
aus dem Handgelenk, sondern sie heben den Arm so über die Schulter.«
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.
Sie hatte noch ein paar Ratschläge für mich, wie ich als Mädchen gehen und mich
hinsetzen sollte, damit nicht jeder den Schwindel gleich bemerkte. Das war wirklich
eine nette Frau. »Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich jemandem was von
deinem Besuch erzähle. Aber wenn du tatsächlich nach Cairo willst, musst du es
alleine schaffen!«
Sie schenkte mir noch ein Stück Brot für den Weg und dann war ich draußen.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Der Steckbrief

Zuerst ging ich ein Stück auf der Straße


weiter, als wollte ich wirklich nach Cairo. Auf
einmal sah ich überall Zettel an den Zäunen.
Ich blieb stehen und las. Ich konnte noch
nicht besonders gut lesen, aber so viel
verstand ich: Es handelte sich um einen
Steckbrief. Und gesucht wurde mit diesem
Steckbrief der entlaufene Sklave Jim! Eine
hohe Belohnung wurde demjenigen
versprochen, der ihn finden und dem Sheriff
übergeben würde.
Ich bog ab zum Flussufer und rannte zurück
zu unserem Versteck. Atemlos erzählte ich
Jim alles. Ich sagte ihm auch, dass ich daran
Schuld hatte, dass wir an Cairo vorbeige-
fahren waren.
Jim war ziemlich verzweifelt, das konnte ich
ihm ansehen. Schließlich sagte er: »Wir
müssen das Floß hier verstecken und mit
dem Kanu zurück nach Cairo paddeln. An
Land darf ich mich nicht sehen lassen.«
Dreißig Meilen mit dem Kanu gegen die Strömung! Bei diesem Hochwasser! Wie
lange sollte das wohl dauern?
Aber wir hatten keine andere Wahl. Wir beluden das Kanu mit dem Nötigsten und
blieben bis zum Abend in unserem Versteck.
»Wir schlafen jetzt ein paar Stunden, denn wir müssen die ganze Nacht paddeln«,
sagte Jim. »Wenn es hell wird, suchen wir uns dann wieder ein Versteck. Es ist
besser, wenn wir bei Tageslicht unsichtbar bleiben.«
Jim wachte bei Anbruch der Nacht auf, als ob eine Uhr in seinem Kopf eingebaut
wäre.
Es war ganz still, am wolkenlosen Himmel strahlten Millionen Sterne.
Diese Nacht war genau richtig, um mit dem Boot auf dem Fluss unterwegs zu sein!
Plötzlich flüsterte Jim: »Das Kanu ist weg!«
»Was?«, schrie ich.
Jim zischte mich wütend an, denn meine Stimme war bestimmt meilenweit zu hören.
»Das Kanu ist weg!«, wiederholte er leise. »Wahrscheinlich hast du es nicht richtig
angebunden. Was machen wir jetzt?« Natürlich hatte ich das Kanu richtig
festgebunden, ich bin doch kein Dummkopf. Aber es war nicht mehr da. All unsere
Vorräte waren auch weg, der Sack mit dem Mehl, der Speck, unsere Decken, das
Messer, die Axt und alles, was wir in das Kanu gepackt hatten.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Der Mond ging auf. Da konnte ich plötzlich sehen, dass der Strick ganz glatt
durchgeschnitten war – der Strick, mit dem ich das Boot angebunden hatte. Jemand
hatte unser Kanu geklaut, als wir schliefen!
Ich zeigte Jim das Tauende. Aber was nützte das schon. Wie sollten wir jetzt zurück
nach Cairo kommen? Ein Floß kann ja nur mit der Strömung treiben.
Auf jeden Fall mussten wir weit weg von hier. Irgendwohin, wo es keine Steckbriefe
von Jim gab.
Schweigend machten wir das Floß los und steuerten es wieder in die Flussmitte. Wir
fuhren weiter flussab durch die schöne mondhelle Nacht. Aber jetzt hatten wir kein
Ziel mehr. Die Strömung trieb uns immer weiter weg von Cairo, weiter weg von Jims
Familie.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Reiche Leute

In der Nacht wurde unser Floß von einem


Dampfer gerammt. Wir hörten seine
Maschinen schon meilenweit vorher in der
nächtlichen Stille und zündeten unsere
Laternen an, damit er uns sehen konnte.
Dann tauchte er direkt vor uns auf, ein
riesiger schwarzer Koloss, hoch wie ein
Haus. Er hielt genau auf uns zu, als ob er
das mit Absicht machte. Der Mann oben auf
der Brücke lachte und grölte, vielleicht war
er betrunken. Es gab einen gewaltigen
Krach, der Dampfer fuhr über das Floß.
Ich sprang ins Wasser und tauchte, so tief
ich nur konnte. Denn ich hatte keine Lust
darauf, vom Schaufelrad des Dampfers
erwischt zu werden.
Als ich den Atem nicht mehr anhalten
konnte, tauchte ich auf. Tief sog ich die
kühle Luft in meine schmerzenden Lungen.
Der Dampfer war einfach weitergefahren. In
der nächtlichen Finsternis konnte ich kein Stück von unserem Floß sehen. Ich rief
nach Jim, aber er antwortete nicht. Ich trieb ganz allein mitten im Fluss.
Ich begann zu schwimmen, immer quer zur Strömung. Dann musste ich ja
irgendwann ans Ufer kommen. Es wurde schon hell, als ich endlich Grund unter den
Füßen spürte.
Ich watete an Land und ließ mich fallen. Wie tot lag ich da und schlief gleich ein.

Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich lief einfach los, denn ich hatte keine
Ahnung, wo ich überhaupt war und wo ich hinsollte.
Schon nach kurzer Zeit kam ich zu einer großen Farm.
Zwischen den Feldern führte eine gepflasterte Straße zu dem prächtigen Haus hin.
Auf dem Hofplatz arbeiteten viele Sklaven. Manche hackten Holz, andere striegelten
Pferde, beschlugen Maultiere, reparierten einen Wagen. Ein großes Fuder Maisstroh
wurde gerade in die Scheune gebracht. Kleine schwarze Kinder schleppten Eimer mit
Wasser vom Brunnen ins Haus. Es herrschte Betrieb wie auf einem Markt. Bei uns
zu Hause gab es keine Familien, die so viele Sklaven besaßen. Wie ich da so
herumstand und guckte, kam ein hübsches junges Mädchen aus dem Haus und
fragte mich, wer ich bin und wen ich suche.
Gleich dachte ich mir wieder eine passende Geschichte aus. »George Jackson heiße
ich. Ich war auf dem Dampfer, denn ich wollte nach Cairo und mir Arbeit suchen, weil

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

meine Eltern gestorben sind. Aber dann bin ich in der Nacht über Bord gefallen
und ...«
»Ach, du armer Junge!«, unterbrach sie mich und zog mich ins Haus.
In der Küche wimmelte es ebenfalls von Schwarzen. Das Mädchen befahl einer
jungen Frau, mir trockene Sachen zu holen, und einer anderen, mir was zu essen zu
geben.
»Jawohl, Miss Sofia«, sagten die beiden und sausten los. Dann brachte mich Sofia
zu ihrem Vater.
»Er ist doch viel zu jung, um sich Arbeit zu suchen, der arme George«, sagte sie. »Er
darf doch hierbleiben, nicht wahr, Vater?«
So kam es, dass mich die Familie Grangerford aufnahm. Außer Sofia und ihrem
Vater gab es zwei erwachsene Söhne und einen jüngeren, der war etwa so alt wie
ich und hieß Buck. Die Grangerfords besaßen nicht nur diese eine Farm, sondern
mehrere, und über hundert Sklaven. Sie waren richtig reiche Leute.

Zu jeder Mahlzeit versammelten sie sich schick angezogen im Speisesaal. Der Tisch
war jedes Mal gedeckt wie zu einer Hochzeitsfeier. Jeder hatte seinen eigenen
Sklaven, der ihn bei Tisch bediente und auch sonst für ihn sorgte. Gleich am zweiten
Tag bekam ich auch meinen eigenen Sklaven, er hieß Jack.

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Miss Sofia nahm mich mit ins Nähzimmer. Dort arbeiteten zwei schwarze Frauen und
mehrere kleine Mädchen. Sie taten den ganzen Tag nichts anderes als nähen. Ich
bekam zwei Hosen und zwei Jacken, ein halbes Dutzend Hemden, Unterwäsche und
sogar einen Hut. Buck gab mir Schuhe, die ihm nicht mehr passten.

Mit Buck freundete ich mich sofort an. Wir verbrachten die Tage miteinander. Buck
musste überhaupt nichts arbeiten und ich auch nicht, obwohl es so eine große Farm
war. Alles wurde von den Sklaven gemacht. Der Vater und Bucks erwachsene
Brüder waren viel zu Pferde oder mit der Kutsche unterwegs, um die anderen
Farmen zu verwalten. Sofia sorgte dafür, dass im Haus alles seine Ordnung hatte.
Die Witwe Douglas hatte mal behauptet, dass die Sklaven unten im Süden viel
schlechter behandelt würden als bei uns zu Hause. Jetzt war ich selber im Süden
und sah mit eigenen Augen, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Die Schwarzen
bekamen zwar genug zu essen, aber sie mussten den ganzen Tag heftig schuften.
Die Haussklaven standen sogar in der Nacht auf, wenn jemand von den Herrschaften
nach ihnen rief. Und sie wurden wegen jeder Kleinigkeit geschlagen. Sogar die nette
Sofia verteilte Ohrfeigen. Das hab ich selber gesehen!

17
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Miss Sofia

Schon fast zwei Wochen war ich bei den


Grangerfords. Ich zog mit Buck durch die
Wälder und ging mit ihm angeln. Ich
brauchte mir keine Gedanken über den
nächsten Tag zu machen und dachte, ich
könnte für immer bei den reichen Leuten
bleiben.
Aber dann passierte etwas.
Am Sonntag nach dem Mittagessen, als sich
die Hausherren zu einem Schläfchen
zurückgezogen hatten, rief mich Miss Sofia
und fragte, ob ich ihr einen Gefallen tun
würde.
Natürlich wollte ich das, wo sie doch so nett
und hübsch und außerdem meine Retterin
war.
»Ich habe mein Gebetbuch in der Kirche
vergessen!«, sagte sie. »Holst du es mir?«
Also lief ich los und fand das Buch auf der
Bank in der Kirche, wie sie es gesagt hatte.
Als ich es nahm, fiel ein Zettel raus, darauf stand: »Drei Uhr!«
Ich gab Miss Sofia das Buch, sie suchte gleich nach dem Zettel, als hätte sie
gewusst, dass er darin lag. Und als sie ihn angeschaut hatte, strahlten ihre Augen,
als hätte sie in der Lotterie gewonnen.
»Hast du den Zettel gelesen, George?«, fragte sie mich.
Aber ich behauptete: »Ich kann gar nicht lesen.«
Der Rest des Sonntags verging wie immer.

Am nächsten Morgen in aller Frühe rüttelte mich Buck wach. »Steh auf, George! Wir
müssen alle losreiten und unsere Ehre wiederherstellen!«
»Welche Ehre?«, murmelte ich verschlafen. »Was ist denn los?« Er erzählte es mir:
Miss Sofia war in der Nacht von zu Hause verschwunden. »Sie hat einen Brief auf
den Esstisch gelegt. Darin steht, dass sie Harney Shepherdson liebt und ihn heiraten
will. Deshalb sind sie beide zusammen abgehauen. Harney ist der Sohn von unseren
Nachbarn. Sie haben ihre Farm auf der anderen Seite vom Wald.«
Ich verstand nur die Hälfte. Wieso muss man von zu Hause abhauen, wenn man
heiraten will? Normalerweise gibt es doch erst eine Verlobungsfeier und dann die
Hochzeit mit einem großen Fest und vielen Geschenken?
»Das kannst du ja nicht wissen«, sagte Buck. »Die Grangerfords und die
Shepherdsons sind verfeindet und deswegen kommt eine Hochzeit gar nicht
infrage.«
18
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

»Verfeindet? Warum denn?«


Aber das wusste Buck nicht genau. »Da ist mal irgendwann was gewesen«, erklärte
er. »Zwischen meinem Urgroßvater und den Vorfahren der Shepherdsons. Aber
worum es da ging, das weiß keiner mehr. Auf jeden Fall sind wir Feinde. Und dass
Harney Shepherdson mit unserer Sofia durchgebrannt ist, das ist eine riesige
Beleidigung für unsere Familie. Wir müssen uns rächen.«
Endlich war ich richtig wach. Ich sah Buck in Stiefeln und Hut vor meinem Bett
stehen. Er hatte ein Gewehr umhängen. »Komm endlich!«, drängte er. »Du musst
mit, du gehörst doch jetzt zu unserer Familie.«
Mir wurde ganz mulmig. Mit Tom und den anderen Jungs zu Hause hatten wir zwar
ständig Räuber und Verfolgung gespielt und dabei aus unseren Gewehren
geschossen. Aber die Gewehre waren aus Holz, und wenn einer tot umfiel, stand er
anschließend wieder auf und das Spiel ging weiter.
Das hier war bestimmt kein Spiel. Betreten schlich ich hinter Buck die Treppe runter.
Der alte Grangerford und Bucks Brüder saßen schon auf ihren Pferden. Jack hielt ein
gesatteltes Pferd für mich am Zügel und Buck reichte mir ein Gewehr. »Auf geht’s!«,
rief der alte Grangerford und sie preschten los. »Ich kann gar nicht reiten«, sagte ich
zu Buck. Ich hatte jetzt richtig Angst.
Bucks Sklave brachte ihm sein Pferd. »Du kannst hinter mir sitzen!«, sagte Buck.
»Los, mach schon!«
Wir folgten also den anderen, beide auf Bucks Pferd. Ich umklammerte mein Gewehr
und hatte nur noch Angst.
Als wir dann durch den Wald ritten, ließ ich mich einfach vom Sattel ins Gebüsch
fallen. Ich schmiss die Flinte weg und rannte, so schnell ich konnte. Was hatte ich mit
der Ehre der Grangerfords zu tun? Warum konnten sie sich nicht vertragen und die
beiden einfach heiraten lassen?
Ich blieb stehen und
lauschte. Niemand folgte
mir. Wo sollte ich denn jetzt
hin? Nachdem ich mich vor
dem Rachefeldzug gedrückt
hatte, konnte ich mich nie
wieder bei den
Grangerfords blicken
lassen, das war klar.

19
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Wiedersehen mit Jim

Auf einmal tauchte eine schwarze Gestalt


aus dem Dickicht auf. Jack, mein
Hausdiener! Er trug einen großen Beutel
über der Schulter und verlangte, ich solle mit
ihm in den Sumpf gehen.
»Dort gibt es wunderschöne Sumpflilien«,
sagte Jack.
Ich hatte noch nie was von Sumpflilien gehört
und interessierte mich sowieso nicht für
Blumen.
Aber Jack drängelte, als ob mein Leben
davon abhinge. Ich dachte: Bestimmt steckt
da was ganz anderes dahinter. Aus Neugier
folgte ich ihm.
Mit Buck war ich nie im Sumpf gewesen. Das
hatte uns der alte Grangerford verboten, weil
es dort lebensgefährlich war. Wenn man sich
nicht genau auskannte, konnte man vom
Schlamm verschluckt und runtergezogen
werden.
Ich lief immer hinter Jack her. Er wich den morastigen Tümpeln und Schlammlöchern
aus und führte mich immer tiefer in den Sumpf hinein.
»Hier ist es«, sagte er auf einmal. Er ließ seinen Beutel auf die Erde fallen und
machte sich einfach davon.
»He, Jack!«, rief ich. »Alleine finde ich hier nicht wieder raus!« Aber er war schon im
Dickicht verschwunden.
Natürlich waren weit und breit keine Sumpflilien zu sehen. Rabenschwarze Angst
überfiel mich. Ich war in eine Falle getappt!

Da hörte ich plötzlich eine vertraute


Stimme: »Huck, komm hier rüber!«
Das war Jim! Noch nie im Leben hatte ich
mich so sehr über irgendwas gefreut!
»Jim, du lebst!«, jubelte ich. »Wo bist du
denn so lange gewesen?«
»Ich war die ganze Zeit hier im Sumpf«,
sagte Jim. »Ich wollte mich gerade wieder
auf den Weg machen. Da merkte ich, wie
du mit Jack durch die Büsche kamst.«
»Du kennst Jack?«
Jim nickte. Die Haussklaven der Familie
20
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Grangerford hatten ihn gefunden, als er mit dem kaputten Floß angespült worden
war. Jim erzählte ihnen seine ganze Geschichte und erfuhr von ihnen, dass ich bei
den Grangerfords lebte. »Da dachte ich mir, es ist besser für Huck, bei den reichen
Leuten zu wohnen, als mit einem entflohenen Sklaven auf dem Fluss rumzufahren.
Ich wollte alleine weiterziehen. So lange, bis sie mich irgendwann erwischen. Meine
Frau und meine Kinder seh ich doch sowieso nie wieder.«
Jack hatte Jim mit Essen versorgt und mit Werkzeug, damit er das Floß reparieren
konnte.
Ich war völlig überrascht. »Du hast das Floß noch? Ich dachte, das liegt auf dem
Grund des Flusses! Und du auch ...!«
»Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe«, sagte Jim und umarmte mich. »Warum
bist du denn nicht bei den Reichen geblieben, Huck?«
Da hörten wir plötzlich Schüsse, ziemlich weit weg. Die Knallerei dauerte eine ganze
Weile. Ich dachte an Buck und hoffte, dass es ihm gut ging.
»Komm, wir verschwinden von hier«, sagte ich zu Jim. »Ich erzähle dir unterwegs,
was passiert ist.«

König und Herzog

Nachts stand der Herbstnebel über dem Fluss wie eine Mauer. Wir trauten uns in der
Dunkelheit nicht mehr aufs Wasser, weil wir Angst vor einem neuen Zusammenstoß
hatten. Aber bei Tageslicht fürchteten wir uns davor, erwischt zu werden.
So blieben wir immer öfter an Land, wir schnitten Weidenzweige ab und bedeckten
damit das Floß. Wir banden mehrere Büsche oben zusammen, so hatten wir ein
bisschen Schutz vor Regen und Wind. Aus herabgefallenem Laub schütteten wir uns
ein Lager auf. Aber die Nächte waren schon sehr kalt. Wenn der Nebel richtig dicht
war, trauten wir uns, ein Feuerchen anzuzünden. Wir ließen uns von den Flammen
wärmen, brühten uns Kaffee aus Jacks Beutel auf und schauten zu, wie über uns die
Sonne aufging.
Wir hörten das Tuten der großen Dampfer und das Schreien der Wildgänse, die über
uns hinflogen. Wir belauschten auch die Holzflößer, die Hunderte von
schwimmenden Stämmen den Fluss hinunter zu den Sägemühlen dirigierten.
Manchmal war der Fluss ganz schwarz von dem vielen Holz. Wir konnten jedes Wort
verstehen, was die Flößer sich zuriefen, obwohl sie mitten im Fluss an uns
vorbeischwammen, meilenweit von uns entfernt. Der Fluss war hier schon so breit,
dass man das andere Ufer nur bei ganz klarem Wetter erkennen konnte.

21
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Wir hockten da in unserem Versteck und hatten nichts mehr zu essen.


Auf einmal trieb ein herrenloses Kanu vorbei, dicht beim Ufer. Vielleicht hatte es sich
von einem der großen Flöße losgerissen. Ich sprang ins Wasser und kletterte in das
Boot. Leider war es leer, aber das Paddel lag auf dem Boden.
»Ich komme bald wieder!«, rief ich Jim zu und paddelte ein Stück stromauf zurück,
wo wir vor ein paar Tagen eine Farm gesehen hatten. Ich ging an Land und grub
eine Erdmiete auf. In der Miete waren Kartoffeln. Ich machte einen Beutel aus
meinem Hemd und sackte ein, so viel ich tragen konnte. Dann ging ich noch mal
zurück, denn von meiner Zeit bei den Grangerfords wusste ich, dass zu einer Farm
immer Obstbäume gehörten. Ich pflückte Äpfel und stopfte sie unter mein Hemd.
Gerade hatte ich alles im Kanu verstaut, da kamen zwei Männer das Ufer
runtergerannt.
Ich dachte: So ein Pech, jetzt haben sie mich erwischt.
Aber die beiden sprangen in mein Kanu, lösten das Tau und paddelten in wildem
Tempo los. Mit einem gewaltigen Satz schaffte ich es noch, ins Kanu zu springen.

»He, was soll das! Das ist mein Kanu!«, schrie ich.
Da zog der eine aus seiner Jacke eine altertümliche Pistole und fuchtelte mir damit
vor der Nase rum. »Nimm das Paddel, verstanden!«
Na ja, das verstand ich irgendwie. Wenn ich genauer hingeguckt hätte, dann hätte
ich bemerkt, dass die beiden mehrere große Taschen mit sich schleppten, damit
sahen sie nicht aus wie Farmer, die einen Apfeldieb verfolgten.
Die beiden waren auf der Flucht, eindeutig.
Ich wollte eigentlich an dem versteckten Floß vorbeipaddeln. Aber Jim hatte
gesehen, wie mich der eine Mann mit der Pistole bedrohte.
Er kam mit einem riesigen Knüppel aus dem Gebüsch und rief mich.
So kam es, dass wir zu viert auf dem Floß weiterfuhren.
Unsere beiden unerwünschten Fahrgäste waren zwei ziemlich üble Gauner. Sie
lebten vom Stehlen und vom Betrügen und prahlten damit, was sie schon alles
angestellt hatten. Sie hatten sich vor ein paar Monaten im Gefängnis kennengelernt
und gingen seither gemeinsam auf ihre Beutezüge.
22
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Sie aßen sich an unseren Kartoffeln und Äpfeln satt und verlangten, wir sollten sie in
die nächste Stadt bringen. »Aber schnellstens! Wir müssen dort sein, bevor der
nächste Dampfer ankommt!«
Jim hatte während seiner Zeit in dem Sumpf eine neue Hütte auf das Floß gebaut.
Die war fester und größer als die alte. Dort nisteten sich jetzt die beiden Betrüger mit
ihren Taschen ein. Für Jim und mich blieb da kein Platz. Wir mussten im Freien
schlafen.
Als ich deswegen laut meckerte, sagte der Ältere von den beiden, der ganz dünn war
und eine Glatze hatte: »Du weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast, du
Rotzbengel. Sonst würdest du etwas mehr Respekt zeigen!«
»Respekt? Dass ich nicht lache!«, versetzte ich.
Da sagte der Glatzkopf: »Ich bin der Herzog von Kent.«
Jim und ich, wir starrten ihn verblüfft an. Wollte der sich über uns lustig machen?
»Jawohl, ich komme aus England und bin ein Verwandter der englischen Königin.
Aufgrund zufälliger Umstände bin ich derzeit gezwungen, in unangemessenen
Verhältnissen zu leben. Aber das wird sich bald ändern, und dann werde ich
diejenigen reich belohnen, die mir geholfen haben.«
»Ganz recht!«, sprach darauf der jüngere Gauner. »Mir geht es ebenso. Ich bin der
König von Frankreich.«
»In Frankreich gibt es gar keinen König mehr!«, platzte ich heraus. Das hatte ich
nämlich in der Schule gelernt. »Klugscheißer!«, schnauzte mich der Glatzkopf an.
»Mein hochgeborener Freund ist natürlich der rechtmäßige Nachkomme des armen
Königs, der seinerzeit in Frankreich umgebracht wurde. Und wenn ihr schon mich,
den Herzog von Kent, ohne Respekt behandelt, so verlange ich doch für den König
von Frankreich die gebührende Behandlung!«
Mit diesen Worten verbeugte er sich tief vor dem König. Tja, was sollten wir machen?
Halb glaubten wir den beiden und halb glaubten wir ihnen nicht. Die Aussicht auf
eine Belohnung bei rechtzeitiger Ankunft in der nächsten Stadt brachte uns dazu,
ihnen unsere Hütte und unsere Kartoffeln zu überlassen. Wir sprachen den Herzog
und den König mit »Majestät« an, wir wuschen ihnen ihre verdreckten Sachen. Jim
musste sie rasieren und dem
einen die Haare schneiden.

23
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Als er damit fertig war, sagte der König zum Herzog: »Meinst du nicht auch, dass Jim
ein entlaufener Sklave ist?«
Und der Herzog antwortete: »Wir könnten ihn fesseln und ausliefern, dann
bekommen wir eine Belohnung!«
»Jim ist nicht weggelaufen!«, rief ich empört. »Er gehört mir! Mein Papa hat ihn mir
geschenkt, bevor er gestorben ist! Und überlegt doch mal – würde denn ein
geflohener Sklave nach Süden flüchten? Ins tiefste Sklavenland! So ein Blödsinn!«
Jim sagte gar nichts dazu. Aber in der Nacht, als der König und der Herzog in der
Hütte schliefen, flüsterte er mir zu: »Huck, das alles gefällt mir gar nicht. Wir müssen
versuchen, diese beiden Majestäten wieder loszuwerden.«
Aber das war leichter gesagt als getan. Am nächsten Tag gab mir der Herzog Geld,
um Brot zu kaufen. Während ich an Land ging, rührten sich die beiden nicht vom
Floß weg, und Jim musste aufpassen, dass sie nicht mit unserem Floß
verschwanden. So belauerten wir uns gegenseitig, bis wir uns kurz vor dem Reiseziel
der beiden Gauner befanden.

Die Erbschaft

Während dieser letzten Nacht belauschten


wir ein Gespräch der beiden. Sie dachten,
niemand könne sie hören. Aber auf dem
Wasser setzt sich jeder Ton weiter und
deutlicher fort als an Land. Und so erfuhren
wir, was diese beiden Gauner vorhatten und
warum sie unbedingt vor dem Dampfer
ankommen wollten.
In der Stadt, die wir gerade erreichten, war
ein gewisser Mister Wilks gestorben, der
außer seinem Vermögen drei Töchter
hinterlassen hatte. Deren zwei Onkel waren
mit dem Dampfer unterwegs dorthin. Nach
der Beerdigung wollten sie sich um die
Erbschaft kümmern, weil die Töchter ja noch
Kinder waren. Davon hatten die Majestäten
gehört. Sie wollten vor dem Dampfer dort
sein, sich als die Onkel ausgeben und die
Erbschaft der Waisenmädchen an sich
bringen. Immerhin handelte es sich um eine
Fabrik, ein großes Haus mit vielen Sklaven und etliche Tausend Dollar.
Als wir das hörten, waren Jim und ich uns ohne viele Worte einig: Das durften wir auf
keinen Fall zulassen!

24
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Am nächsten Morgen wuschen sich die Gauner ausnahmsweise, zogen sich dunkle
Anzüge und saubere Hemden an und ließen sich wieder von Jim rasieren.
»Wir haben in der Stadt was zu erledigen«, sagte der König.

»Ihr wartet hier mit dem Floß auf uns. Kann sein, dass wir schnell wegmüssen.«
»Das könnt ihr vergessen«, antwortete ich. »Wir wollen nichts mit euren Betrügereien
zu tun haben!«
»Gut«, sagte der Herzog zu unserer Überraschung. »Dann trennen sich hier unsere
Wege. Vielen Dank, dass ihr uns hergebracht habt.«
Er warf mir ein Geldstück zu und weg waren sie.
Mit dem Geld ging ich in die Stadt und kaufte für uns Lebensmittel ein. Als ich wieder
zurückkam, war Jim nicht mehr auf dem Floß. Ich hatte ein ganz mieses Gefühl. Und
dann fand ich seinen Glücksbringer, eine Waschbärkralle. Die hatte er immer an
einer Schnur um den Hals getragen.
Da lag die Kralle, am Ufer im trockenen Laub, und die Schnur war zerrissen. Jim war
nicht freiwillig verschwunden und bestimmt waren diese beiden Gauner daran schuld!
Ich rannte sofort in die Stadt zurück. Es war nicht schwer herauszufinden, was
geschehen war. Auf dem Markt redeten die Leute nur davon, dass heute endlich die
beiden Onkel der verwaisten Wilks-Mädchen angekommen waren.
»Das sind wirklich zwei komische Typen«, sagte ein Farmer zu einem anderen.
Beide verkauften sie Gemüse von ihren Pferdefuhrwerken herab. „Wissen Sie, was
die zuallererst gemacht haben? Sie haben ihren Sklaven verkauft, auf offener
Straße, an den Ersten, der vorbeikam. Noch bevor sie überhaupt zum Haus ihrer
Nichten gegangen sind!«
Ein dritter Farmer gesellte sich dazu. »Den Schwarzen hat Silas Phelps gekauft, der
die kleine Maisfarm draußen hinter der Anlegestelle hat. Er wollte ihn gar nicht
nehmen, weil er sich keinen Sklaven leisten kann. Aber seine Frau hat ihn so
gedrängt, dass er nachgegeben hat. Und für vierzig Dollar haben sie einen guten
Kauf gemacht.«
Da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.
»Die beiden Männer hätten den Sklaven gar nicht verkaufen dürfen, er gehörte ihnen
nämlich nicht! Mir hat er gehört! Und es sind auch nicht die richtigen Onkel, sondern
zwei gemeine Betrüger, die sich die Erbschaft der Wilks-Mädchen unter den Nagel
reißen wollen! Ich weiß das, weil ich sie belauscht habe! Die echten Onkel kommen
erst mit dem nächsten Dampfer!«
»Wenn das wahr ist, was du sagst«, meinte der eine Farmer, »dann müssen wir
schnellstens zum Wilks-Haus! Und du kommst mit, Junge! Du wirst das alles dem
Richter erzählen!«
Aber das wollte ich ganz bestimmt nicht. Ich wusste jetzt, wo Jim war. Und die drei
Farmer wussten, was der König und der Herzog im Schilde führten. Ich drehte mich
um und sauste davon. Erst als ich weit genug weg vom Markt war, fragte ich eine
Frau, wie ich zur Farm von Silas Phelps käme.

25
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Das Floß nützte mir jetzt nichts mehr. Ich deckte es wieder mit Zweigen zu. Aber
vorher durchsuchte ich die Reisetaschen von König und Herzog. Zwischen ihrer
Unterwäsche versteckt fand ich ein dickes Bündel Geldscheine. Das war bestimmt
die Beute aus einem ihrer Raubzüge!
Mit dem Geld könnte ich Jim freikaufen. Das war mein erster Gedanke. Aber es
gehörte mir ja nicht. Es war gestohlenes Geld. Vielleicht hatten es diese Betrüger
einer alten Frau weggenommen, die sich nicht wehren konnte, oder sie hatten eine
Bank überfallen oder sonst was Schlimmes ausgeheckt.

Ich traute mich nicht, das Geld einzustecken, und ließ es auf dem Floß liegen. Für
Jim würde mir schon noch was einfallen.

Bei Onkel Silas

Bis zur Farm von Silas Phelps musste ich


fast zwei Stunden laufen. Ich hatte also
genug Zeit, um mir was auszudenken: Wer
bin ich, woher komme ich, was will ich auf
der Farm? Und vor allem: Wie stelle ich es
an, Jim zu befreien?
Aber als ich vor dem Haus stand, kam
plötzlich der Farmer mit seiner Frau
rausgerannt. Sie stürzten auf mich zu,
umarmten und küssten mich und riefen
immerzu: »Wieso bist du denn schon da?
Der Dampfer kommt doch erst in zwei
Stunden? Wir wollten dich doch abholen! Wie
schön, dass du da bist!«
Ich wusste überhaupt nicht, was das zu
bedeuten hatte. Jedenfalls brauchte ich keine
erfundene Geschichte, um in das Farmhaus
zu kommen. Ehe ich mich versah, saß ich
am Tisch und wurde mit Maiskuchen
vollgestopft.
»Wo ist denn dein Koffer?«, fragte die Frau.
»Den habe ich an der Anlegestelle gelassen«, sagte ich auf gut Glück.
Für wen mich die Farmersleute hielten, erfuhr ich ganz schnell. Die Frau erzählte,
dass sie mehrere Briefe mit ihrer Schwester Polly gewechselt hätte, bevor ich dann
endlich auf die Reise zu ihnen geschickt wurde. »Und da bist du nun, mein lieber
Tom Sawyer!«

26
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Und sie fing wieder an, mich abzuschmatzen.


Ich konnte es gar nicht glauben: Sie hielten mich für meinen Freund Tom Sawyer.
Die Frau war die Schwester von Toms Mutter und von seiner Tante Polly!
Ausgerechnet heute erwarteten sie Tom mit dem nächsten Dampfer!
Also sprach ich sie mit Tante Sally und Onkel Silas an und tat so, als ob ich Tom
wäre, was mir gar nicht schwerfiel.
Aber was würde passieren, wenn der echte Tom auftauchte? Ich musste unbedingt
zur Dampferanlegestelle! Nach einigem Hin und Her erlaubte mir Onkel Silas, allein
mit der Maultierkarre hinzufahren.
Ich hatte noch nie eine Karre gelenkt und das Maultier merkte das. Es blieb dauernd
stehen und machte überhaupt, was es wollte. Ich hörte den Dampfer tuten, da war
ich noch meilenweit weg vom Fluss. Schließlich kam mir Tom mit zwei großen
Reisetaschen entgegen.
Als er mich erblickte, machte er einen Satz rückwärts und rief:
»Huck? Du bist doch tot – oder? Wenn du ein Geist bist, bitte tu mir nichts!«
»Ich bin kein Geist«, sagte ich. Schnell erzählte ich ihm alles. Wie ich fortgelaufen
war, wie ich Jim getroffen hatte, wie wir an Cairo vorbeigefahren waren und wie die
beiden Gauner Jim verkauft hatten. Ausgerechnet an Toms Onkel Silas! »Und ich bin
hier, um Jim zu befreien!«
Tom kutschierte uns zurück zur Farm.

»Aber wenn ich Tom bin«, fragte ich, »wer bist dann du?« »Ganz einfach«,
antwortete Tom. »Ich bin mein Bruder Sid. Wir tun einfach so, als sollte das eine
Überraschung sein.« Es war wirklich eine Überraschung. Tante Sally küsste und
umarmte Tom-Sid genauso wie mich und Onkel Silas schüttelte nur immer den Kopf.
Inzwischen war es Zeit für das Abendbrot, Tante Sally hatte frisches Brot gebacken
und ein Huhn geschlachtet. Tom-Sid erzählte das Neueste von zu Hause.
Als wir gegessen hatten, beobachtete ich, wie Tante Sally die Reste in eine Schüssel
tat und damit über den Hof zum Holzschuppen ging. Sie schloss auf, reichte die
Schüssel hinein und schloss die Tür wieder ab.
27
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

»Da ist Jim drin!«, flüsterte ich Tom zu.


»An der Anlegestelle haben sie erzählt, ihr habt einen Sklaven gekauft«, sagte Tom
zu seinem Onkel.
»Ja, meine kluge Frau hat mich zu einem Schachzug überredet. Als der Schwarze in
der Stadt zum Verkauf stand, hat sie ihn wiedererkannt, weil sie ihn vorigen Sommer
bei der Witwe Douglas gesehen hat, als sie bei euch zu Besuch war. Tante Polly hat
ihr doch geschrieben, dass der Sklave der Witwe entlaufen ist. Ich hab ihn billig
gekauft und will ihn zurückbringen, um die Belohnung zu kassieren. Das ist so viel
Geld, dafür können wir uns noch ein Stück Land kaufen.«
In der Dachkammer, wo wir schlafen sollten, packten wir die beiden Reisetaschen
aus und taten so, als würde jedem von uns eine gehören.
Mitten in der Nacht, als Onkel und Tante endlich schliefen, schlichen wir uns über
den Hof zum Schuppen.
»Jim, bist du da drin?«, flüsterte ich. »Wir sind es, Huck und Tom. Wir wollen dich
befreien, damit du endlich nach Cairo fahren kannst.«
Na, Jim staunte nicht schlecht, dass wir beide hier waren! Er hatte sich schon damit
abgefunden, zurückgebracht und bestraft zu werden.
In der nächsten Nacht begannen Tom und ich einen unterirdischen Gang zu graben.
Wir fingen hinter der Scheune an und arbeiteten uns jede Nacht ein Stückchen zum
Schuppen voran. Das Einstiegsloch deckten wir mit Gerümpel zu.

Schon am dritten Tag fragte uns die Tante,


ob wir vielleicht krank wären. »Silas, findest
du nicht auch, dass die beiden ziemlich blass
sind? Und was sie für dunkle Ringe unter den
Augen haben, als ob sie ganz schlecht
schlafen würden. Geht’s euch wirklich gut,
Jungs?«
Wir beruhigten sie, aber es ging uns nicht
gut. Jede Nacht schufteten wir wie die
Sklaven. Das Holzhacken bei der Witwe war
dagegen ein Kinderspiel gewesen!
Die Tante schlachtete wieder ein Huhn und
zwang uns, die ganze Brühe zu trinken, damit
wir wieder zu Kräften kämen. Wir konnten sie
nicht davon abhalten, einen Brief an ihre
Schwester Polly zu schreiben.
Jetzt im Herbst war die Ernte eingebracht.
Aber Onkel und Tante hatten trotzdem den
ganzen Tag zu tun. Sie hatten keine Sklaven
und mussten die ganze Arbeit auf der Farm alleine schaffen. Tom und mich ließen
sie nicht helfen. Wir sollten viel Milch trinken, die gute Landluft atmen und uns
erholen, weil wir doch so elend aussahen.
28
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Im Vergleich zu der Farm der Grangerfords herrschte bei Onkel und Tante Phelps ein
ziemlich bescheidenes Leben. Sie brauchten dringend einen neuen Stall, hatten aber
nicht genug Geld. Jetzt hatten sie ihre Ersparnisse ausgegeben, um Jim zu kaufen,
und hofften auf die große Belohnung.
Wir aber gruben uns jede Nacht ein Stück näher an Jims Freiheit heran und ihre
Belohnung würden sie niemals kriegen! Zwei Nächte später war es endlich geschafft!
Eine Stunde vor Sonnenaufgang durchstießen wir den Lehmboden im Schuppen.
Jim fuhr erschrocken aus dem Schlaf, als wir uns genau neben ihm aus der Erde
erhoben. Er dachte, ein wildes Tier hätte es auf ihn abgesehen.

»Beeil dich, Jim«, flüsterte Tom. »Wir müssen weg sein, bevor die Sonne aufgeht.«
Wir hatten vor, uns zum Fluss durchzuschlagen, bis zu dem versteckten Floß. Ich
wollte mit Jim wegfahren. Tom würde zurückgehen und seinen Verwandten alles
erklären.
Zuerst wollte Jim nicht mit. Er hatte es einfach satt, immer auf der Flucht zu sein.
»Meine Familie sehe ich sowieso nie wieder«, murmelte er verzweifelt. »Lasst mich
einfach hier, Jungs.«
Aber Tom überredete ihn und schließlich krochen wir alle drei in das Loch. Der Gang
war ziemlich eng. Jim blieb zweimal stecken, wir schoben und zogen ihn. Endlich
waren wir draußen.
Aber als wir aus dem Loch krabbelten, sagte jemand mit drohender Stimme: »Hände
hoch! Ganz langsam aufstehen!« Im allerersten Tageslicht ragte eine dunkle
Gestalt vor uns auf, ein großer Mann, der sein Gewehr auf uns richtete.

Freiheit für Jim

»Onkel Silas!«, rief Tom. »Nicht schießen, wir sind es!«


»Meine Güte!«, sagte der Onkel. »Könnt ihr mir mal erklären, was das bedeuten soll?
Ich habe gedacht, einer von den Nachbarn will mir meinen Sklaven stehlen und sich
selber die Belohnung verschaffen.«
Widerstandslos ließ sich Jim von Onkel Silas fesseln und im Schweinestall ein-
sperren.
Dann saßen wir mit Onkel und Tante in der Küche, und ich hatte ein ganz schlechtes
Gewissen. Toms Verwandte hatten mich versorgt und gefüttert und sich um mich
gekümmert, als wäre ich ihr eigenes Kind.
Und ich? Ich hatte sie von Anfang an nur belogen und wollte ihnen auch noch das
Wertvollste stehlen, was sie hatten: den Sklaven Jim.
Tom dagegen zeigte überhaupt keine Gewissensbisse. Er plapperte wie ein Mühlrad
und erzählte unsere ganze Geschichte. Aber Onkel und Tante guckten uns so
enttäuscht an, dass ich lieber die Augen senkte.

29
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Auf einmal rappelte es auf der Veranda, und wer kam herein? Toms Tante Polly mit
einem riesigen Koffer. Sie hatte Tante Sallys Brief bekommen und kein Wort
verstanden.
»Wieso Tom und Sid? Wo Sid doch die ganze Zeit bei mir zu Hause
war! Und wieso ist Tom krank? Also hab ich meinen Koffer gepackt und
den nächsten Dampfer genommen.« Dann schaute sie mich an, mit
einem Blick, so scharf wie ein Küchenmesser. »Huckleberry Finn! Wieso
wundert es mich gar nicht, dass du der zweite Junge in dieser
seltsamen Geschichte bist? Ich hab sowieso nicht geglaubt, dass du tot
bist. Und die Witwe Douglas hat das auch nicht geglaubt.«
Und dann erzählte Toms Tante Polly etwas ganz unglaublich
Wunderbares! Jim war frei! Jawohl, er war ein freier Mann, und wir
hätten uns die ganze Graberei sparen können. Die Witwe Douglas war
nämlich vor ein paar Tagen gestorben. In ihrem Testament hatte sie Jim
die Freiheit geschenkt, weil er so lange für sie gearbeitet hat.
»Und noch etwas hat sie in ihrem Letzten Willen verfügt«, sagte Tante
Polly und schaute mich immer noch so durchdringend an. »Alles, was
sie besitzt, soll Huck Finn gehören. Ihr Geld, das Haus, alles.«
Da saßen wir nun, Tom und ich, und kriegten kein Wort heraus. Bis
Onkel Silas aufstand und meinte: »Dann werden wir den freien Mann
mal aus dem Schweinestall holen.«
Der Rest von der Geschichte ist schnell erzählt. Der Rechtsanwalt der Witwe hatte
Tante Polly einen amtlichen Brief mitgegeben, damit sie Jim ohne Schwierigkeiten
zurück nach Hause bringen konnte.
Und auf der Fahrt mit dem Dampfer zu ihrer Schwester hatte sie sich etwas überlegt.
»Huck Finn! Was hältst du davon, mit mir nach Hause zurückzukommen und bei mir
zu wohnen? Du kannst ja schließlich nicht mutterseelenalleine in dem Haus der
Witwe Douglas hausen!«
Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen! Erst erzählt sie mir, dass ich geerbt
habe, und dann soll ich noch mit meinem Freund Tom unter demselben Dach
wohnen! Dafür würde ich mir sogar ein bisschen Mühe geben und so tun, als ob ich
ein anständiger Junge wäre.
Wir packten unsere Sachen zusammen. Der Onkel brachte uns alle zum Dampfer.
Jim konnte sein Glück noch gar nicht fassen. »Ich steige in Cairo vom Dampfer und
suche mir Arbeit!«, sagte er.
»Aber Jim!«, antwortete ihm Tante Polly. »Du bist frei, du kannst gehen, wohin du
willst!«
Plötzlich hatte ich einen Einfall. Wenn mich Tante Polly bei sich aufnahm, brauchte
ich doch das Haus der Witwe gar nicht!
»Wir verkaufen das Haus, dann können wir Jims Familie freikaufen!«, platzte ich
heraus.

30
„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

Onkel Silas sagte: »Nun sind ja alle fein raus! Nur ich habe meine Ersparnisse
verloren und die Belohnung noch dazu.« Da hatte ich den nächsten Einfall. Auf dem
Floß lag doch noch das Geld von den zwei Betrügern! Wir würden sowieso nie
rauskriegen, wem es eigentlich gehörte. Warum sollte es nicht Onkel Silas nehmen?
Ich beschrieb ihm, wo das Floß lag. Dann verabschiedeten wir uns und bestiegen
den Dampfer. Ein bisschen graulte ich mich davor, ein ordentlicher Junge zu werden.
Aber zusammen mit meinem Freund Tom Sawyer würde ich das schon durchhalten!

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„Mein Papa liest vor … und meine Mama auch!“

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Mark Twain
Neu erzählt von Maria Seidemann
Markus Zöller (Illustrationen)

Huckleberry Finns Abenteuer


© 2011 Arena Verlag GmbH,
Würzburg

ISBN: 978-3-401-06631-8
Gebundene Ausgabe: 88 Seiten

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meinpapaliestvor@stiftunglesen.de

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