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DOI 10.

1515/bz-2013-0021 BZ 2013; 106(2): 623–644

Dmitry Chernoglazov

Beobachtungen zu den Briefen des


Theodoros Daphnopates. Neue Tendenzen
in der byzantinischen Literatur des zehnten
Jahrhunderts
Abstract: Theodoros Daphnopates was an outstanding Byzantine politician and
writer of the 10th c. His letter-collection is relatively short, but very important.
Although 35 years have passed since it was published in a critical edition, it is still
very scantily explored until now. The present article discusses, in its first part, the
authorship of five anonymous letters preserved in Cod.Vindob. phil. 842. It is
generally accepted, but very problematic that Daphnopates may have been their
author. This article attempts to prove that the five letters can be undoubtedly
classified as a part of his letter collection. The main task of the second part is the
literary analysis of one of Daphnopatesʼ letters. This letter, a highly developed
rhetorical masterpiece containing some ekphraseis of loci amoeni, is discussed in
the broad context of Byzantine epistolography. It is demonstrated that this text, as
well as Daphnopatesʼ other letters, is completely untypical for its time by showing
some new trends, which will later flourish in the literature of Comnenian period.

Adresse: Dr. Dmitry Chernoglazov, 190068, nab. kan. Griboedova 82/7, St.-Petersburg,
Russland, d_chernoglazov@mail.ru

Der Protagonist unseres Beitrages braucht keine Vorstellung. Theodoros Daph-


nopates ist wohlbekannt als hervorragender Politiker und Schriftsteller der Mitte
des zehnten Jahrhunderts. Trotzdem sind unsere Kenntnisse über sein Leben dünn
und verstreut. Theodoros wurde zwischen 890 und 900 geboren; in den zwanziger
Jahren des zehnten Jahrhunderts unter Romanos Lakapenos wurde er ein hoher
Beamter am kaiserlichen Hof; als Konstantinos Porphyrogennetos, der Gegner des
Romanos, an die Macht kam, wurde Daphnopates vermutlich von der Staatsver-

Diese Untersuchung wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt und


durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung unterstützt. Der Autor drückt der Alexander-von-
Humboldt-Stiftung und seinem wissenschaftlichen Gastgeber Prof. Albrecht Berger seinen
herzlichen Dank aus.

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waltung entfernt, blieb aber gleichzeitig ein maßgebender Redner. Unter Romanos
II. kehrte Theodoros wieder zur politischen Tätigkeit zurück und nahm für einen
kurzen Zeitabschnitt die hohe Stellung des Eparchos Konstantinopels. Danach
verlieren sich seine Spuren.¹
Das Werk des Daphnopates ist groß und vielfältig. Eine Exzerptensammlung
aus den Werken des Ioannes Chrysostomos,² drei feierliche Homilien,³ eine
Briefsammlung, die private, diplomatische und theologische Briefe enthält,⁴ das
Martyrium des Heiligen Georg⁵ – diese Werke sind zweifellos von Daphnopates
geschrieben. Außerdem sind einige Texte bekannt, für die die Urheberschaft des
Daphnopates hypothetisch ist. Unter diesen Werken sind die sogenannte Vita A
des Theodoros Studites,⁶ die Rede anlässlich des Friedens mit Bulgarien im Jahre
927⁷ und fünf anonyme Briefe aus der Wiener Handschrift (Phil. gr. 342),⁸ die wir
unten detalliert besprechen werden. Schließlich hat Daphnopates ein historisches
Werk geschrieben, das dem Lob eines Kaisers gewidmet war. Kann man dieses
Werk mit irgendeinem Abschnitt des Theophanes Continuatus identifizieren?
Diese Frage, die mehr als 200 Jahre diskutiert wird, wurde schon seit langem ein
locus communis der Byzantinistik.⁹
Obwohl der Name Daphnopates schon seit langem den Byzantinisten bekannt
ist, bleibt sein Werk bisher sehr wenig erforscht.Während der letzten 35 Jahre, seit
die kritische Edition seiner Briefe erschien, wurden sehr wenige Forschungen über
unseren Autor verfasst. Der Artikel von Ch. Hannick über Daphnopates als

 Biographische Kenntnisse über Theodoros Daphnopates sind in der Einleitung zu der kriti-
schen Edition seiner Briefe dargelegt: Théodore Daphnopatès, Correspondance. Ed. J. Darrou-
zès, L.G. Westerink. Paris ,  – . Im Folgenden, wenn wir auf diese Edition hinweisen,
werden wir sie als Daphn bezeichnen.
 PG ,  – .
 Das Enkomion auf Theophanes Confessor [BHG ]: Ein Dithyrambus auf den Chronisten
Theophanes, ed. K. Krumbacher. Sitzungsberichte der k. Bayer. Akademie ()  – ; das
Enkomion auf die Geburt Johannes des Täufers [BHG ], das hypomnema auf die Translatio
der Hand Johannes des Täufers [BHG  – ]: ed. V.V. Latyšev (mit Einleitung, russischer
Übersetzung und Kommentar). Pravoslavnyj Palestinskij Sbornik  ().
 S. oben Fußnote .
 BHG , ed. V.V. Latyšev (mit Einleitung, russischer Übersetzung und Kommentar). Pra-
voslavnyj Palestinskij Sbornik , Anhang ().
 BHG : PG ,  – .
 Kritische Edition der Rede mit der Einleitung und Bibliographie: I. Dujčev, On the treaty of
 with the Bulgarienns, DOP  ()  – .
 Daphn  – .
 Die Bilanz der langen wissenschaftlichen Polemik über dieses Thema wird gezogen in: A.
Markopoulos, Théodore Daphnopates et la continuation de Théophane. JÖB  ()  –
.

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 625

Hymnograph,¹⁰ wenige Seiten im berühmten Werk von W. Hörandner,¹¹ ein


kleines Kapitel in der „Geschichte der byzantinischen Literatur“ von A. P. Kazh-
dan¹² und neuerdings der Beitrag von Th. Antonopoulou über die Quelle einer
Homilie des Theodoros¹³ – diese Liste ist eine fast vollständige Bibliographie.
Einstweilen gibt es noch viele desiderata. Hagiographische Werke sollten in einer
kritischen Edition veröffentlicht werden; das Problem der Autorschaft sollte in
vielen Fällen aufs neue untersucht werden; der Nachlass des Daphnopates sollte
als literarisches Phänomen analysiert werden – das ist ein Gesichtspunkt, aus dem
man seine Werke noch nie betrachtet hat.
Hier werden wir uns auf die Briefsammlung des Daphnopates konzentrieren.
Unser Beitrag besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird das Problem der Au-
torschaft besprochen – wir versuchen zu demonstrieren, dass die fünf oben er-
wähnten anonymen Briefe aus der Wiener Handschrift zweifellos von Theodoros
geschrieben sind. Der zweite Teil wird der philologischen Untersuchung der
Briefsammlung gewidmet. Dort ist unsere Aufgabe, zu zeigen, dass einige stilis-
tische Besonderheiten der Briefe durchaus nicht typisch für ihre Zeit, jedoch sehr
charakteristisch für die folgende Periode sind.

I
Wie allgemein bekannt ist, sind 35 Briefe erhalten, die zweifellos unserem Autor
gehören. Alle diese Briefe liegen uns in einer Handschrift vor – dem berühmten
Cod. Patm. 706.¹⁴ Dürfen wir aber behaupten, dass sich der epistolographische
Nachlass des Daphnopates auf diese Briefe beschränkt?
In einer anderen Handschrift, die für die Epistolographie ebenfalls sehr
wichtig ist, Vind. Phil. gr. 342,¹⁵ sind sechs anonyme Briefe erhalten, die sich
zwischen den kleinen Briefsammlungen des Patriarchen Nikolaos I. Mystikos und
des Niketas David Paphlagon befinden. Es folgt hier eine Liste dieser Briefe mit

 Ch. Hannick, Theodoros Daphnopates als Hymnograph. JÖB  ()  – .
 W. Hörandner, Der Prosarhythmus in der rhetorischen Literatur der Byzantiner. WBS, .
Wien ,  – .
 A. P. Kazhdan, A history of Byzantine literature, II:  – , ed. C. Angelidi. Athens
,  – .
 Th. Antonopoulou, A textual source and its contextual implications: on Theodore
Daphnopatesʼ sermon „On the birth of John the Baptist“. Byzantion  ()  – .
 Über diese Handschrift und dort erhaltene Briefsammlungen s. J. Darrouzès, Épistoliers
byzantins du X siècle. Paris, .
 H. Hunger, Katalog der griechischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek
: Codices historici, codices philosophici et philologici. Wien , .

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Lemmata im griechischen Original und deutscher Übersetzung. In Klammern sind


die Briefe nach der kritischen Ausgabe von J. Darrouzès und L.G. Westerink
numeriert. Diese Numerierung benutzen wir auch im Folgenden:

1 (Daphn 36). Εὐγενίῳ κουβικουλαρίῳ (an Eugenios, kubikularios)


2. (Daphn 37) Νικηφόρῳ ξενοδόχῳ Πυλῶν (an Nikephoros, xenodochos von Pylai)
3. (Daphn 38) Ἰωάννῃ κοιτωνίτῃ ἐκπεσόντι παραμυθητική (Trostbrief an verbannten Ioannes,
ostiarios)
4. (Daphn 39) Ἄλλη (ein anderer)
5. (Daphn 12) Ἄλλη (ein anderer)
6. (Daphn 40) Ἄλλη (ein anderer)

Zum ersten Mal wurden diese sechs umfangreichen Texte von S. Lampros im Neos
Hellenomnemon ediert,¹⁶ wo sie ohne triftigen Grund Theodoros von Kyzikos zu-
geschrieben sind. Aber später ergab sich das folgende: der vorletzte, das heißt der
fünfte Brief dieser fraglichen Gruppe befindet sich auch im Cod. Patm. 706, in-
nerhalb der Briefsammlung des Theodoros Daphnopates. Natürlich kann man auf
diesem Grund die Frage stellen, ob die anderen fünf anonymen Briefe demselben
Autor gehören. Diese Frage haben J. Darrouzès und L.G.Westerink formuliert,¹⁷
die die kritische Edition der Briefe des Daphnopates veröffentlicht haben. Sie
gaben jedoch darauf keine endgültige Antwort – die Autorschaft des Daphnopates
scheint ihnen möglich, aber sehr zweifelhaft. Ihre Argumentation, auf die wir
noch zurückkommen werden, ist in wenigen Worten folgende: drei von fünf an-
onymen Briefen, die offensichtlich von einem und demselben Autor stammen,
erwecken den Eindruck, dass der kaiserliche Hof für ihn ein feindliches und
fremdes Milieu ist. Erstens äußert der Briefschreiber eine sehr negative Meinung
über den Eparchos Konstantinopels, der ihn schwer beleidigt hat, und, zweitens,
wo er einen verbannten Würdenträger tröstet, listet er zahlreiche Untugenden auf,
die am Hof herrschen. Der Name des Eparchos Belonas lässt die Briefe ungefähr
auf 959 datieren, d. h. auf das Ende der Regierung des Konstantinos Porphyro-
gennetos. In diesem Zusammenhang behaupten J. Darrouzès und L.G. Weste-
rink, dass es mit der damaligen sozialen Stellung des Theodoros Daphnopates
nicht übereinstimmt. Soweit wir wissen, spielte Theodoros unter Konstantinos
keine politische Rolle, aber blieb eine einflussreiche Persönlichkeit als höfischer
Redner. Darum treffen die Editoren eine Kompromiss-Entscheidung: sie publi-
zieren diese fünf Briefe, aber in einer Appendix, vom Korpus der „echten“ Briefe
getrennt.

 Νέος Ἑλληνομνήμων  ()  – .


 Darrouzès  – .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 627

In den folgenden Jahrzehnten, soweit wir wissen, wurde nur ein Versuch
gemacht, dieses Problem zu lösen. In seiner Untersuchung des byzantinischen
Prosarhythmus hat W. Hörandner auch die Werke des Daphnopates analysiert.¹⁸
Der österreichische Gelehrte hat drei Gruppen von Briefen erforscht. Die erste
Gruppe enthielt die drei diplomatischen Briefe des Theodoros, die zweite bestand
aus einigen seiner privaten Briefe, die dritte enthielt die zwei fraglichen Briefe aus
der Wiener Handschrift. Aber auch diese Methode konnte die Situation nicht
klarer machen. Einerseits zeigt die dritte Gruppe (anonyme Briefe) einige rhyth-
mische Besonderheiten, die den übrigen Gruppen – den Briefen des Daphnopates
– fremd sind. Andererseits kann diese Abweichung keine entscheidende Rolle
spielen, da ein markanter Unterschied auch zwischen erster und zweiter Gruppe
besteht. Darum kommt Hörandner zum Schluss, dass die Untersuchung des
Prosarhythmus, trotz einiger Verschiedenheiten, keine Gründe dafür gibt, die
Autorschaft des Daphnopates für die anonymen Briefe zu bestreiten.
Der Status der fünf fraglichen Briefe bleibt bisher unbestimmt. So urteilt M.
Grünbart in seinen Epistularum Byzantinarum Initia über diese Briefe, dass sie
„aus dem 10. Jh. stammen und wohl dem Milieu um Daphnopates gehören“.¹⁹
Schließlich erschien neuerdings ein kleines Kapitel über Daphnopates in der
Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit, wo dasselbe unbestimmte Urteil
wiederholt ist: „die Zuschreibung dieser Briefen zu Daphnopates bleibt zum Teil
hypothetisch“.²⁰
Aber sollen wir uns mit diesem ambivalenten Status begnügen? Kehren wir
zunächst zu den Argumenten von Darrouzès und Westerink zurück. Wie schon
gesagt, nehmen sie an, dass mindestens drei der fünf anonymen Briefe (Daphn
38 – 40) von einem Menschen stammen, der dem kaiserlichem Hof fremd und
feindlich war. In einem dieser Briefe, der kurz und unklar ist, berichtet der Autor,
dass er schließlich über den Eparchos Belonas Oberhand gewonnen hat (Daphn
39), der ihn früher ungerecht und arrogant behandelt hat. Die übrigen zwei
(Daphn 38, 40) sind Trostbriefe, beide an einen Würdenträger adressiert, der in
Ungnade gefallen und aus Konstantinopel verbannt war. Im ersten der Trostbriefe
sind der Name und das Amt dieses Unglücklichen genannt – es ist der ostiarios
Ioannes. Im zweiten Trostbrief (Daphn 40) ist die Situation ähnlich, aber der Name
des Adressaten bleibt unbekannt. Es ist auch unklar, ob beide Briefe an denselben
Menschen, nämlich den ostiarios Ioannes, adressiert sind. Wir werden hier nicht
das komplizierte Problem des Verhältnisses dieser Doubletten berühren, aber uns

 S. oben Fußnote.
 Epistularum byzantinarum initia. Conscr. M. Grünbart. Hildesheim / Zürich / New York
, *.
 PmbZ, zweite Abt. ( – ). Prolegomena. Berlin / New York , .

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auf den zweiten Trostbrief konzentrieren, wo die Feindseligkeit gegenüber dem


kaiserlichen Hof besonders klar geäußert wird.
So schreibt der Autor das folgende, als er seinen verbannten Freund beredet,
sich um die Seele zu kümmern und die weltliche Pracht außer Acht zu lassen:
„Wenn du wissen könntest, o Seliger, wie viele Schweres du vermieden hast, wie
große geistige Verwirrung, Verdächtigung, Neid, Angst, Schmeichelei, Habgier,
Unwissenheit, Betrug, Verweichlichung, Stolz, Wahnsinn, Bosheit, Verleumdung
und verschiedenartige übrige Unreinheit und Unflat, die zur Zeit am kaiserlichen
Hof gedeihen. Wenn du das wissen könntest, würdest du deine Verbannung als
eine selige Lage betrachten und sie der [hiesigen] Behausung der Sünder vor-
ziehen.“²¹ Man kann kaum mit den Herausgebern der Briefe des Daphnopates
darin übereinstimmen, dass diese Äußerung auf irgendwelche Weise die soziale
Lage des Autors bestimmt, nämlich darauf hinweist, dass er vom kaiserlichen Hof
entfernt und ihm entfremdet ist. Es wäre natürlich hier eine rhetorische Hyperbel
zu sehen, die den Adressaten überzeugen sollte, dass seine Lage nicht so kläglich
ist.
Der Autor sagt nicht expressis verbis, welche Lage er in Bezug auf den Hof
einnimmt, aber eine sorgfältige Lektüre des Textes zeigt, dass er eher ein maß-
gebender Höfling als ein Außenseiter war. So ist der erste Satz des Briefes be-
merkenswert: der Autor möchte seinem Freund praktisch helfen, aber, da Gott es
ihm nicht ermöglicht hat, wird er ihn mit Worten trösten.²² Ein ähnliches Motiv
erscheint auch in der Mitte des Briefes: nach der Überlegung zu den echten und
falschen Freunden betont der Autor, dass er zu den echten Freunden gehört, und
zweifellos bereit ist alle Gefahren zu überwinden, um mit seinem lieben Freund
zusammen zu sein, aber verschiedene Angelegenheiten halten ihn ab.²³ Es
scheint, dass der Autor seine eigene Untätigkeit dem Adressaten gegenüber
rechtfertigt; folglich konnte der Adressat von ihm praktische Hilfe fordern. Von
wem aber konnte der verbannte Würdenträger eine solche Hilfe verlangen? Na-
türlich von einer einflussreichen Person, die Zugang zum Kaiser hat. Und noch ein
Argument, das noch schwerwiegender scheint. Am Ende des Briefes schreibt der
Autor: „Sei sicher, dass du von diesem Schweren erlöst sein wirst – schon sehr bald
kommt die peinliche Verbannung zu Ende und du kehrst nach Hause zurück. Wir
regen bei dir keine leere Hoffnungen an, da der barmherzige Gott schon bald die
Verwirklichung deiner Erwartungen bringt.“²⁴ So deutet der Autor offensichtlich
an, dass die Verbannung bald enden wird; er betont, dass er das genau weiß. Von

 Daphn .  – 
 Ibid.  – .
 Ibid.  – .
 Ibid.  – .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 629

wem kann man solche Kenntnisse erwarten? In erster Linie von einem Höfling, der
in den staatlichen Angelegenheiten gut informiert ist.
So ist der Autor dieser Briefen wahscheinlich ein einflussreicher Würden-
träger, für den der kaiserliche Hof überhaupt nicht feindlich und fremd ist. Er ist
über das künftige Schicksal seines Freundes informiert, und dieser Freund er-
wartet von ihm eine praktische Hilfe. Andererseits jedoch ist seine eigene Stellung
nicht durchaus stabil – er ist in einen Konflikt mit dem Eparchos Konstantinopels
geraten, aber hat später beim Kaiser Schutz gefunden. Die Gestalt des Autors der
fraglichen Briefe widerspricht dem sozialen Status des Daphnopates durchaus
nicht.
So gibt es kein Hindernis, die fünf anonymen fraglichen Texte in die Brief-
sammlung des Daphnopates einzuschließen. Außerdem kann man auch ein an-
deres schwerwiegendes Argument für die Autorschaft des Daphnopates anführen.
Einer der anonymen Briefe – Daphn 37 – enthält viele kennzeichnende themati-
sche und lexikalische Parallelen mit den Briefen des Daphnopates aus der
Patmos-Sammlung. Es ist ein langer Text, den wir im zweiten Teil unseres Bei-
trages detalliert analysieren. Der Brief ist an einen Nikephoros, xenodochos von
Pylai adressiert, und der größte Teil des Briefes ist die Ekphrasis eines locus
amoenus, an dem der Adressat wohnt. Als der Autor die örtlichen Weinreben
beschreibt, fügt er am Ende der Beschreibung unerwartet hinzu: „Wenn sie auch in
Überfluss in deinen Magen geraten, verursachen sie keine Übersättigung und
keinen Schaden für die Verdauung, sondern wegen ihres Nährwerts werden sie gut
aufgenommen und schaffen keine Schwere im Magen.“²⁵ So deutet der Autor auf
witzige Weise an, dass der Adressat im Essen maßlos ist. Eine offensichtliche
Parallele zu dieser Stelle ist eine Gruppe der Briefe des Daphnopates, die Ge-
schenke zu einem nicht genannten Freund begleiten (Daphn 22– 26). In diesen
kurzen witzigen Briefen lacht Daphnopates den Adressaten wegen seiner Uner-
sättlichkeit aus, mit der er diese leckeren Geschenke aufnimmt. Insbesondere gibt
es dort einen Satz, wo dieselbe Lexik erscheint, die wir im anonymen Brief an den
xenodochos Nikephoros finden.
Vergleichen wir ähnliche Sätze aus den Briefen des Theodoros Daphnopates
und dem Wiener Anonymus.

Daphn 26. 13 – 16: ἀλλὰ προσμένει τῷ στομάχῳ, τὸ τῆς ὀρέξεως λίχνον ἀπορραπίζον καὶ
ἀποκρουόμενον, καὶ οὕτως τῇ κατὰ μικρὸν πέψει διαλυόμενον ἠρέμα, ὅσον μὲν τρόφιμον
καὶ θρεπτικὸν τοῖς τοῦ σώματος ταμείοις ἐναποδίδωσιν, ὅσον δὲ περιττὸν καὶ ἄχρηστον πρὸς
τὰ κάτω καθυποσύρεται.

 Daphn .  – .

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630 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

Daphn 37. 22– 25: καὶ μήτε προσκορῆ λίχνως τῇ σῇ προσφερόμενον γίνεσθαι {τῇ} γαστρί,
μήτε δ’ αὖ πονηρὰς ποιεῖσθαι τὰς ἀναδόσεις, τῷ δὲ λεπτῷ καὶ τροφίμῳ τῆς προσφορᾶς
θᾶττόν σε προσοικειοῦσθαι τῷ τρεφομένῳ καὶ ῥᾷον τὸ βαρὺ ἀποσκευάζεσθαι.

So gibt es in beiden Texten Derivative des Adjektivs λίχνος, das substantivierte


Adjektiv τρόφιμον. Außerdem entspricht das Substantiv ἀνάδοσις, das wir im Brief
des Anonymus finden, in der spezifischer Bedeutung „Verdauung“ dem seltenen
Verb ἐναποδίδωμι im Brief des Daphnopates.
Man kann auch auf andere Parallelen hinweisen. Über die Traubenlese erzählt
der anonyme Autor in derselben Weise wie Daphnopates in seinem Brief an
Konstantinos Porphyrogennetos. In beiden Briefen findet man dieselben Ele-
mente: die Menschen, die Trauben mit ihren Füßen stampfen, fröhliche feierliche
Gesänge, hinunterfließenden Saft.²⁶ Die Beschreibung der Jagd, mit der sich der
xenodochos beschäftigt, ist dem Brief des Daphnopates an Romanos II. sehr
ähnlich, wo Theodoros bewundernd das Wild beschreibt, das der Kaiser ihm als
Geschenk gesandt hat (Daphn 14). Zum Beispiel kann man in beiden Texten eine
und dieselbe Wendung finden: συνηρεφῆ … ὕλην (Daphnopates: Daphn 14. 32) cfr.
τὰ συνηρεφῆ τῆς ὕλης (Anonym: Daphn 37. 57). Außerdem kommt das ziemlich
seltene Adjektiv συνηρεφὴς auch in einem anderen Brief des Daphnopates vor,
und zwar als Epitheton der weitverzweigten Eiche (Daphn 12. 14). Es ist bewer-
kenswert, dass diese Wendung, laut dem TLG, neben diesen Briefen nur einmal in
der Literatur des 10. Jh.s auftaucht, nämlich in der Vita Basilii, die ein Teil des
sogenannten Theophanes Continuatus ist (συνηρεφοῦς ὕλης²⁷). Hier berühren wir
das komplizierte Problem der Autorschaft des Theophanes Continuatus, auf das
wir jetzt nicht eingehen können.
Der Brief an den xenodochos Nikephoros zeigt seinerseits zahlreiche Paral-
lelen mit den übrigen anonymen Briefen aus der Wiener Handschrift. Besonders
bemerkbar ist seine Ähnlichkeit dem vorigen Brief (Daphn 36) – in beiden Briefen
ist Pylai erwähnt (im ersten wird über eine Seereise des Autors nach Pylai erzählt,
im zweiten über ein sorgenloses Leben des xenodochos von Pylai); beide enthalten
eine Ekphrasis eines ruhigen und stürmischen Meeres, eines durch günstigen
Wind fahrenden Segelschiffes. Die Parallelen zu den drei nächsten anonymen
Briefen – zwei Trostbriefen und dem Brief über einen Streit mit dem eparchos –
sind nicht so bemerkbar, aber auch hier kann man irgendwelche Gemeinsamkeit
entdecken. Beschränken wir uns hier auf ein Beispiel. Die Beschreibung der

 Daphn .  – ; vgl. Daphn .  – .


 Theophanes Continuatus, Ioannes Cameniata, Symeon Magister, Georgius Monachus, ed. I.
Bekker. Bonn , . .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 631

Berglandschaft, wo sich der Hase vor den Jägern verstecken will, stimmt fast
wörtlich mit einem der Trostbriefe überein, wo der Ort der Verbannung, eine ge-
birgige Wüste, geschildert wird. Hier sind die ähnlichen Textabschnitte:

Daphn 37. 69 – 72: ὁ μὲν ἔμπροσθεν κατὰ δυσβάτων χωρίων καὶ χαραδρωδῶν ζωῆς ἐφέσει
κατατεινόμενος ἑαυτόν, ὁτὲ μὲν ῥῶπάς τε καὶ θάμνους καὶ ὀρῶν σκολιότητας ὑποδύεται,
πετρῶν τ’ ἀποτόμων ὑπερχόμενος χηραμοὺς ἀσπασίως ἐκφυγγάνειν τὸ δυσμενὲς
κατεπείγεται.

Daphn 40. 11– 14: … ἐν ἐσχατιᾷ δέ τινι καὶ δυσβάτοις χωρίοις φυγαδευθεὶς καὶ κρημνώδεσι,
ῥῶπας μὲν καὶ πέτρας εὐθηνουμένοις, οὐδ’ ἑνὶ δ’ ἄλλῳ χρηστῷ τυχὸν ἢ ἐπαγωγῷ τὸ τραχύ
τε καὶ ἄγριον παραμυθουμένοις;

Neben offensichtlichen lexikalischen Übereinstimmungen (Wörter, die es in ei-


nem und in anderem Text gibt, sind fett gesetzt) kann man auch eine andere
Parallele hervorheben: außer dem Adjektiv δύσβατος wird das Substantiv χωρίον
in beiden Texten auch mit einem anderen Epitheton begleitet – in einem Fall ist es
χαραδρώδης, und in anderem κρημνώδης. Diese Adjektive sind der Bedeutung
nach ähnlich und nach demselben Modell gebildet.
Aufgrund aller dieser Bemerkungen können wir mit Sicherheit behaupten,
dass alle fünf anonymen Briefe aus Wiener Handschrift von einem und demselben
Autor geschrieben sind – von Theodoros Daphnopates. Ohne Zweifel können sie
als Teil der Briefsammlung unseres Autors betrachtet werden, die folglich nicht 35,
sondern 40 Briefe umfasst. Das ist ein wesentlicher Zusatz – erstens, weil fast alle
diese Briefe sehr umfangreiche Texte sind, und zweitens, weil zumindest zwei von
ihnen hervorragende literarische Denkmäler zu sein scheinen.

II
Wie bereits oben erwähnt, widmen wir den zweiten Teil unseres Beitrages der
philologischen Analyse der Briefe des Daphnopates. Wir konzentrieren uns dabei
auf einen seiner Briefe, der besonders interessant und markant für sein Schaffen
ist. In diesem Text versuchen wir eine Reihe von Eigenschaften zu zeigen, die für
die Literatur der folgenden Periode, des 11. – 12. Jh.s, aber bestimmt nicht für die
makedonische Renaissance – die Lebenszeit unseres Autores – charakteristisch
sind. Für diesen Zweck müssen wir den Text in einen breiten Zusammenhang der
früh- und mittelbyzantinischen Literatur bringen.
Dieser Text ist der schon erwähnte Brief an den xenodochos Nikephoros aus
der Wiener Handschrift (Daphn 37). Seinen Inhalt kann man in folgenden Worten
zusammenfassen. Zuerst drückt Daphnopates seine Überzeugung aus, dass das

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632 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

Leben des Adressaten und seiner Freunde still und glücklich ist. Dieses Präludium
gibt Daphnopates den Anlass zu beschreiben, welche Landschaft den Nikephoros
umgibt und mit welchen Dingen er sich dort beschäftigt. Die Beschreibung besteht
aus einer Reihe von rhetorischen Ekphraseis. Die erste Ekphrasis ist die Be-
schreibung der Trauben: wie die Früchte wachsen, wie ein Weinstock aussieht, wie
die örtlichen Trauben schmecken. Am Ende dieser Ekphrasis steht der oben er-
wähnte witzige Kommentar über die Maßlosigkeit des Adressaten. Die folgende
zweite Ekphrasis ist der Traubenlese gewidmet. Daphnopates beschreibt in Ein-
zelheiten, wie die Trauben gelesen und mit den Füßen gestampft werden, der Saft
klingend in ein Gefäß hinunterfließt, inwieweit der Geschmack und der Geruch
des Traubensaftes angenehm ist. Weiter wird kurz über das Getreide erzählt, und
dann beginnt eine umfangreiche Ekphrasis der Jagd. Es wird beschrieben, wie sich
Nikephoros, seine Verwandten, Freunde und Diener zur Jagd vorbereiten, mit den
Hunden in den Hain ausgehen und sich in einen Kreis stellen. Dann wird die
Aufmerksamkeit unseres Autors auf einen Hasen konzentriert, der auf verschie-
dene Weise vor den Jägern zu entfliehen versucht, aber endlich in einen Hinterhalt
gerät. Als der Dithyrambus der Jagd abschließt, wendet sich Theodoros vom
Festland zum Meer. Zuerst wird die stille Weite des Meeres beschrieben, dann
kleine und große Wellen und ein Segelschiff. Die letzte in der Reihe von Ekphraseis
ist die kurze Beschreibung des Fischfanges. Dieses sind die Beschäftigungen des
Nikephoros, schließt Daphnopates, er selbst sei der sinnlichen Vergnügen be-
raubt, als ob er in einem Kerker gefangen säße. Aber das bedeute nicht, bemerkt er,
dass sein Leben absolut freudlos sei. Alle seine Zeit sei der Wissenschaft und der
Literatur gewidmet. Wie er ausdrückt, „atmen wir Worte, essen Worte, trinken
Worte“. Selbstverständlich sollte die Erwähnung des Gefängnisses nicht wörtlich
verstanden werden. So bezeichnet der Autor das abgeschiedene Leben eines
Gelehrten und Schriftstellers, das den einfachen bukolischen Freuden des
Adressaten in einer Ideallandschaft gegenübergestellt wird.
Einige Worte sollte man über die zeitliche und geographische Koordinaten des
Briefes sagen. Es ist kaum möglich eine präzise Datierung vorzuschlagen. Da der
Autor das einsame Leben eines Gelehrten führt, kann man vielleicht an die Re-
gierung von Konstantinos VII. denken, als Daphnopates nicht Staatsbeamter,
sondern ausschließlich Rhetor war. Der Ort des Schreibens ist auch unklar – wir
können nur vermuten, dass der Brief in der Hauptstadt geschrieben wurde. Dabei
kann einiges über den Aufenthaltsort des Adressaten gesagt werden. Laut dem
lemma übte Nikephoros das Amt des xenodochos von Pylai aus. Pylai, das heutige
Yalova, ist ein Vorort Konstantinopels an der Südküste des sinus Astacenus. In
Pylai gab es ein xenodochion, das im Gegensatz zu der Mehrzahl der xenodochia
eine kaiserliche Domäne war. Der xenodochos dort war ein hoher Staatsbeamter
und unmittelbar dem megas kourator untergeordnet. Das xenodochion von Pylai

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 633

hatte ein eigenes Landgebiet, das ihm von der Kaiserin Eirene und Konstantinos
VI. geschenkt worden war.²⁸ Dieses Landgebiet und die Lebensweise des dortigen
xenodochos ist gerade das Hauptthema unseres Briefes. Natürlich ist dieser Text
durchaus rhetorisch und an konkreten Einzelheiten nicht reich, aber gleichzeitig
ist er eine wichtige historische Quelle, die von den Forschern noch unterschätzt ist.
Zumindest können wir hier darauf hinweisen, dass er in der Sammlung der In-
schriften von Pylai unter den historischen Quellen kaum erwähnt ist und als ein
Brief des Theodoros von Kyzikos gilt, d. h. aufgrund der alten Edition von Lam-
pros.²⁹
Noch weniger ist der Brief als ein literarisches Denkmal erforscht.³⁰ Die
philologische Analyse sowohl dieses Briefes als auch der anderen Texte des 10.
Jh.s, die sich so oder anders an der antiken Tradition orientieren, lohnt es sich mit
der Frage nach Quellen und Vorlagen anzufangen, zu denen sich unser Autor
gewandt hat. Für einen anderen Brief des Daphnopates (Daphn 12) wurde diese
Frage schon vor langem gestellt und gelöst.³¹ Das Muster für die Beschreibung der
Ideallandschaft ist, wie schon G. Karlsson gezeigt hat, die berühmte Stelle aus
Platons Dialog Phaidros (230b–c); doch folgt Daphnopates nicht ausschließlich
Platon, sondern offenbart tiefe Kenntnisse der antiken Tradition. Kann man
ebensolche Muster auch für den Brief an den xenodochos von Pylai aufzeigen?
Eine der vermutlichen Quellen des Briefes ist die Prosaparaphrase der Ky-
negetika des Pseudo-Oppianus, die in einer der Handschriften einem gewissen

 Über Pylai und das dortige xenodochion vgl. Th. Corsten, Die Inschriften von Apameia
(Bithynien) und Pylai. Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien, . Bonn .
 Ibid. .
 Byzantinische Briefe als literarische Texte zu betrachten und zu interpretieren ist eine
wichtige Aufgabe der heutigen Byzantinistik. In den letzten Jahrzehnten erschien eine Reihe von
Untersuchungen, in denen die Briefe und Briefsammlungen der Byzantiner primär als literari-
sche Denkmäler analysiert wurden: A. P. Kazhdan, A history of Byzantine literature, I:  –
; II:  – , ed. C. Angelidi. Athens  – . F. Kolovou, Die Briefe des Eustathios
von Thessalonike. München / Leipzig  (mit ausführlicher Einleitung und detalliertem
philologischem Kommentar). M. Mullett, Originality in the Byzantine letter: the case of exile,
in A. R. Littlewood (ed.), Originality in Byzantine literature, art and music. A collection of essays.
Oxbow Monograph, . Oxford ,  – . A. R. Littlewood, The Byzantine letter of con-
solation in the Macedonian and Comnenian periods. DOP  ()  – . D. Chernoglazov,
Was bedeuten drei Fische? Betrachtung von Geschenken in byzantinischen Briefen (IV.–XII. Jh.),
in: M. Grünbart (Hrsg.), Geschenke erhalten die Freundschaft. Gabentausch und Netzwerkpflege
im europäischen Mittelalter. Byzantinistische Studien und Texte, . Münster ,  – .
Weitere Literatur zum Thema der byzantinischen Epistolographie: S. Papaioannou, Letter-
writing, in P. Stephenson (ed.), The Byzantine world. London, New York ,  – .
 G. Karlsson, Idéologie et cérémonial dans lʼépistolographie byzantine. Uppsala ,  –
.

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634 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

Euteknios zugeschrieben ist. Dieser Text, dessen älteste Handschrift im 13. Jh.
angefertigt wurde, ist noch nicht datiert.³² Eine besonders offenbare Ähnlichkeit
zwischen dem Brief des Daphnopates und der Paraphrase der Kynegetika kann
man in der Beschreibung des Fischfanges sehen. In der Vorrede zu seinem Werk
vergleicht Pseudo-Oppianus die Jagd und den Fischfang, und die kurze Be-
schreibung des Fischfanges in der prosaischen Übertragung des Euteknios ist
überraschend dem entsprechenden Textabschnitt des Daphnopates ähnlich.
Stellen wir Abschnitte aus drei Texten – der Kynegetika, ihrer Prosaparaphrase und
dem Brief des Theodoros Daphnopates – nebeneinander.

Cyneg. I 56 – 61: ἤτοι ὁ μὲν πέτρῃσιν ἐφήμενος ἀγχιάλοισι


γυραλέοις δονάκεσσι καὶ ἀγκίστροισι δαφοινοῖς
ἄτρομος ἀσπαλιεὺς ἐπεδήσατο δαίδαλον ἰχθύν·
τερπωλὴ δ’, ὅτε χαλκοῦ ὑπαὶ γενύεσσι τορήσας
ὕψι μάλα θρώσκοντα βυθῶν ὕπερ ἀσπαίροντα
εἰνάλιον φορέῃσι δι’ ἠέρος ὀρχηστῆρα.

Eutekn 9. 13 – 17: ὁ μὲν γὰρ πέτρας παραλίας ἀτρέμας ὑπερκαθέζεται, δόναξι καὶ ἀγκίστροις
ἐπὶ τὸν ἰχθὺν ὁπλιζόμενος, ὁ δὲ οὐκ εἰς μακρὰν ἄθλιος τῷ χαλκῷ περιπαρεὶς ἁλωτὸς ἐκ τῆς
γένυος ἕλκεται, τῆς φίλης διατριβῆς ἀποξενούμενος καὶ σπαίρων μὲν ἀνήνυτα καὶ
ὀρχούμενος, ἄφατον δὲ τὴν τέρψιν ἐμποιῶν τῷ θηράσαντι.

Daphn 37. 111– 117: πῶς οὐκ ἂν ἀμύθητον σχήσῃ τὴν ἡδονήν, τὸν μὲν ἄρτι τῆς γένυος ἄθλιον
ἐξαρτώμενον ὁρῶν τῆς τ’ ἐν ἁλὶ διατριβῆς ἐλεεινῶς ἀποσπώμενον, σκαίροντα μέν,
ἀνήνυτα δέ, ἐπὶ βραχὺ δὲ τοῦ ἀέρος κατορχησάμενον, ὅσον ἀπορραγέντα τῆς φίλης αὐτῷ
διαίτης πρὸς τὴν πολέμιον χώραν ἀποπεμφθῆναι, τύπτοντά τε τοῖς ἄκροις καὶ τὸ ὕστατον
ἑαυτὸν ἐπιτρίβοντα οὐκ ἀηδὲς τοῖς ὁρῶσιν ὑποτείνειν τὸ θέαμα; τὸν δὲ βρόχοις ἀφύκτοις
ἐνισχημένον καὶ θοίνην ὑμῖν μεγαλοπρεπῆ παρασκευαζόμενον;

Der Vergleich zeigt, dass der Brief unseres Autors der Paraphrase, aber nicht dem
Vers-Original der Kynegetika ähnlich ist. Die lexikalischen Parallelen (sie sind
wiederum durch Fettdruck hervorgehoben) sind so offensichtlich, dass die Pa-
raphrase für die Textkritik unseres Briefes verwendet werden kann. So wird in der
Paraphrase in Bezug auf einem gefangenen Fisch das Verb σπαίρειν gebraucht,
d. h. „ersticken“ – ein Verb, das laut LSJ gerade für eine solche Situation benutzt
wurde. Bei Daphnopates lesen wir ein anderes Verb – σκαίρειν, was „springen“
bedeutet. Obwohl man auch dieses Verb hier zulassen könnte, passt es in dem
Zusammenhang nicht besonders gut, und eine solche offenkundige Parallele
berücksichtigend kann man mit Sicherheit eine Konjektur vornehmen.

 Kritische Edition der Paraphrase mit Einleitung: O. Tüselmann. Die Paraphrase des Eu-
teknios zu Oppians Kynegetika. Abh. der kgl. Gesell. der Wiss. zu Göttingen. Phil.-hist. Kl. 
( – ), weiter: Eutekn.

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 635

Es gibt auch einige andere lexikalische Parallelen zwischen diesen Texten,


z. B. in der Beschreibung der Traubenlese. Hier sind die entsprechenden Ab-
schnitte von Euteknios und Daphnopates:

Eutekn 10. 34– 11. 1: ἀμπέλων δὲ βότρυς ἁπαλοῖς ποσὶ θλιβόμενος σκιρτᾶν παρασκευάζει τὰ
ἐπιλήνια.

Daphn 37. 5 – 6; 26 – 30: Ἄρτι μὲν γὰρ ὑμῖν κείρεται βότρυς ὥριμος, ἡδὺ μὲν θέαμα καὶ ἀμ-
πέλων κλάδου ἀπαιωρούμενος … Ἥδιστον δὲ θέαμα καὶ μαχαίρᾳ τοῦ φύντος ἀποτεμνόμενος
… καὶ ποσὶν ἀνδρῶν καθαροῖς πιεζόμενος, χείλεσι μὲν εὐμελές τι καὶ εὔρυθμον
ὑποψαλλόντων … τῇ δὲ τῶν ποδῶν ἀμοιβαδὶς μεταβάσει καὶ πλήξει ἄρσει τε καὶ θέσει τὸ
ὑγρὸν ἀποθλιβομένων.

Die Ähnlichkeit der zwei Texte zeigt sich in syntaktischen und lexikalischen
Parallelen: In beiden ist das Subjekt βότρυς von einem participium conjunctum
begleitet, die Wendung ἁπαλοῖς ποσὶ θλιβόμενος (Euteknios) entspricht offen-
sichtlich der Wendung ποσὶν … καθαροῖς πιεζόμενος (Daphnopates). Außerdem
findet man das in der byzantinischen Literatur seltene Substantiv τὰ ἐπιλήνια
(Euteknios) auch in einem anderen Brief des Daphnopates.³³
Man kann auch noch einen anderen Text angeben, der unseren Autor wahr-
scheinlich beeinflusst hat. Das ist die Beschreibung eines Gartens im spätantiken
Roman des Achilleus Tatios Leukippe und Kleitophon (I, 15). Im Folgenden hat
diese Ekphrasis als Muster für viele byzantinische Schriftsteller gedient. Ioannes
Geometres hat sich an ihr bei der Erstellung seiner Gartenbeschreibungen ori-
entiert,³⁴ ebenso auch Eumathios Makrembolites, der Autor eines Liebesromans
aus dem 12. Jh.³⁵ Nicht so offensichtliche, aber doch bemerkbare Spuren der Be-
kanntschaft mit Achilleus Tatios offenbart auch Theodoros Daphnopates. Weisen
wir auf zwei markante lexikalische Parallelen hin: Erstens benutzt Daphnopates
wie auch Achilleus Tatios in Bezug auf die Trauben dasselbe Verb ἐποχέομαι („sich
an etwas halten“) – bei Achilleus Tatios halten sich die Trauben an Gestellen, bei
Daphnopates halten sich die Weinbeeren an einem Zweig. Ioannes Geometres
verwendet dasselbe Verb im selben Zusammenhang, was Littlewood, der Her-
ausgeber seiner progymnasmata, als eines der schwerwiegenden Argumente für
die Bekanntschaft des Ioannes mit dem Roman Leukippe und Kleitophon geltend
gemacht hat. Zweitens verwenden Achilleus Tatios und Theodoros Daphnopates

 Daphn . 
 The Progymnasmata of Ioannes Geometres, ed. A. R. Littlewood. Amsterdam , in-
troduction.
 O. Schissel, Der byzantinische Garten. Seine Darstellung im gleichzeitigen Romane. Sb.
Österr. Akad. Wiss., phil.-hist. Kl. / ()  – .

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636 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

noch ein seltenes Verb, wenn auch mit verschiedenen Vorsilben, nämlich περι-
πυκάζω und καταπυκάζω, und zwar Achilleus Tatios über Bäume umrankenden
Efeu, Daphnopates über eine unreife Frucht umwickelnde und schützende Blätter.
Zwar beschränkt sich die Ähnlichkeit nur auf einzelne lexikalische Parallelen –
Daphnopates war wahrscheinlich mit dem schon Photios³⁶ bekannten Roman des
Achilleus Tatios vertraut, aber hat sich darauf nicht als eine Hauptquelle ver-
lassen.
Daphnopates zog wahrscheinlich auch andere, zu unserer Zeit verlorene (oder
noch nicht herausgegebene) Texte heran. Vielleicht haben sie auf unseren Brief
einen viel größeren Einfluss ausgeübt als die zwei Mustertexte, die wir entdeckt
haben – die Paraphrase der Kynegetika des Pseudo-Oppianos und der Roman des
Achilleus Tatios. Was das Verhältnis des Briefes des Daphnopates zu seinen ver-
mutlichen Quellen auch war, können wir mit Sicherheit diesen Brief ein originelles
Literaturdenkmal nennen, das sich auf dem Hintergrund der Literatur der ma-
kedonischen Renaissance hervorhebt.Warum wir Recht haben, solche Schlüsse zu
ziehen, soll unsere weitere Darlegung zeigen.
Die erste Besonderheit des Briefes, die sofort auffällt, ist die Dualität seiner
literarischen Form. Einerseits ist es ein Brief, an eine konkrete Person adressiert,
andererseits eine ausgedehnte Ekphrasis eines locus amoenus. ³⁷ Eine Ekphrasis,
und an erster Stelle eine ekphrasis topou im Rahmen eines Briefes – das ist eine
Praktik, die für die frühbyzantinische Epistolographie sehr gewöhnlich ist. Es ist
eine der Möglichkeiten, einen Brief rhetorisch zu schmücken und ihn an einen
Freund als ein Geschenk zu senden. Unter den Briefen des 4. und 5. Jh.s kann man
viele Beispiele dieser Art finden. Einen solchen Brief schreibt Gregorius von Nyssa
an den scholastikos Adelphios, wo das Grundstück des Adressaten, das der Autor
besichtigt hat, beschrieben wird.³⁸ Der Großteil des Textes ist eine detallierte
Ekphrasis dieser Landschaft und insbesondere des Gartens, des Hauses und einer
reichlichen Mahlzeit, aber gleichzeitig ist er deutlich als Brief mit allen seinen
Elementen markiert. Zum Beispiel schreibt Gregorios am Ende, dass er diesen Brief
diktierte, als er schon nach der prächtigen Mahlzeit schlummerte.³⁹ Ein anderes

 Photius, Bibliothèque, ed. R. Henry. Paris  – , cod. .


 In den letzten Jahren wurde die Ekphrasis als literarische Gattung Gegenstand zahlreicher
Untersuchungen. Zur Ekphrasis in der Literatur der Antike vgl. R. Webb, Ekphrasis, imagination
and persuasion in ancient rhetorical theory and practice. Farnham / Burlington, VT . Der
Ekphrasis in der byzantinischen Literatur ist ein Sonderband der Byzantinoslavica gewidmet
(Ekphrasis. La représentation des monuments dans les littératures byzantine. BS  suppl.,
), wo man auch eine ausführliche Bibliographie finden kann.
 Gregorii Nysseni Epistulae, ed. G. Pasquali. Leiden , ep. .
 Ibid. ep. , .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 637

Beispiel ist der Brief des Basileios dem Großen an Gregorios Nazianzenos.⁴⁰ Ba-
sileios teilt seinem Freund mit, dass er nicht mehr auf ihn warten und in den
Pontos abreisen wird. Der Brief umfasst eine große Ekphrasis eines locus amoenus,
wo Basileios wohnen will. Diesem Brief sollte man im Zusammenhang mit
Daphnopates besondere Aufmerksamkeit widmen, da Theodoros gerade diesen
Text als Modell benutzte, als er seine eigene Redaktion der Vita des Theodoros
Studites vorbereitete und seine Vorlage stilistisch verbesserte.⁴¹
Die Reihe von frühbyzantinischen Beispiele könnte man noch fortsetzen.
Inmitten der Briefen der nächsten Vorgänger des Daphnopates – der Autoren des 9.
und 10. Jh.s – ist es schwierig solche Beispiele finden. Die Ekphrasis wird meistens
auf dem Grund der Homiletik und epideiktischen Rhetorik wiederbelebt.Vom 9. Jh.
an entwickelt sich die Epistolographie, aber die Briefe werden nicht mit um-
fangreichen Ekphraseis dekoriert. Es ergibt sich, dass Daphnopates der erste Autor
dieser Zeit ist, der systematisch verschiedene Ekphraseis in seine Briefe einführt.
Der Brief an den xenodochos Nikephoros ist nicht das einzige Beispiel dafür.
So schreibt Theodoros im oben erwähnten Brief an Kaiser Konstantinos (Daphn
12), dass er in dessen Auftrag κατ’ ἀγροὺς („aufs Land“) gezogen ist, und das ist für
ihn der Anlass, zwei Ekphraseis in den Brief einzuführen – die erste der Trau-
benlese und die zweite der Ideallandschaft, die den Autor umgibt. Kann man
etwas dieser Art bei den Vorgängern unseres Autors im 9. und 10. Jh. finden? Am
nächsten zu Daphnopates scheint Niketas Magistros sein, einer der hervorra-
genden Stilisten der makedonischen Zeit. In einigen Briefen gibt Niketas kurze
Beschreibungen vom Ort seiner Verbannung und führt dabei traditionelle Ele-
mente der bukolischen Landschaft ein: Er saß unter der Platane, an deren Wurzeln
kaltes Wasser strömte, er sprach mit den Hirten, er hörte das Rascheln der Blätter.⁴²
Aber dabei verzichtet Niketas auf eine vollständige Beschreibung, und er tut es
bewusst. In einem Brief erwähnt er das schöne Klima, die kalten Quellen und die
Fülle von Früchten und Fischen, doch dann bemerkt er: „Aber dürfen wir nicht die
Grenzen des Briefes überschreiten, als ob wir eine Ekphrasis schaffen wollten“.⁴³
So zieht Niketas völlig im Rahmen der spätantiken rhetorischen Theorie eine
genaue Grenze zwischen dem Brief und der Ekphrasis, einem Teil epideiktischer
Rhetorik. Gerade diese Grenze wird aber von Daphnopates überschritten.
Neben den zwei erwähnten Beispielen gibt es in der Briefsammlung des
Theodoros auch andere Ekphraseis – meistens sind sie Beschreibungen von Ge-

 Saint Basile, Lettres, ed. Y. Courtonne, . Paris , ep. .


 PG , b–c; H.-V. Beyer, Der „Heilige Berg“ in der byzantinischen Literatur. JÖB 
()  – .
 Nicétas Magistros, Lettres d’un exilé, ed. L.G. Westerink. Paris , ep. ,  – .
 Ibid. Ep. ,  – .

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638 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

schenken, die Theodoros abschickt oder bekommt. So führt er in einem Brief eine
vollständige Ekphrasis des Wildes an, das Kaiser Romanos II. gejagt und an
Theodoros als Geschenk gesandt hatte (Daphn 14). Ein anderer Brief erzählt über
den Geschmack der Trauben, die Daphnopates selbst als Geschenk an seinen
Freund schickt (Daphn 22). Das ist auch untypisch für die Vorgänger des Daph-
nopates – Geschenke werden sehr oft in den Briefen diskutiert, aber ihre materielle
Qualitäten werden kaum erwähnt. Am meisten wird die Aufmerksamkeit ihrer
allegorischen Bedeutung gewidmet – sie werden als Zeichen der Freundschaft
oder Symbole der Tugende betrachtet.⁴⁴
So bemerken wir in den Briefen des Daphnopates zum ersten Mal in der
mittelbyzantinischen Epistolographie ein starkes Verwachsen von zwei literari-
schen Formen, Brief und Ekphrasis. Das Beispiel des Daphnopates ist das erste,
aber ganz und gar nicht das einzige. Was nämlich in der Zeit unseres Autors eine
Ausnahme scheint, wird nachfolgend zur Norm. Schon nach wenigen Jahrzehnten
benutzt Ioannes Geometres denselben literarischen Kunstgriff: Die meisten seiner
prosaischen opuscula, die in der Handschrift als Progymnasmata bezeichnet sind,
sind tatsächlich Briefe. Zwei der Progymnasmata,⁴⁵ in denen der Garten des Io-
annes beschrieben wird, werden auch in den lemmata Briefe genannt, womit ihre
Angehörigkeit zur Epistolographie nicht nur durch die formale Kennzeichen des
Briefes – zum Beispiel lemma oder Grußformel – begründet wird. Sie sind als Teil
eines Dialogs geschrieben – der Autor erfüllt eine Bitte seines Freundes, er lehnt
überflüssiges Lob ab,⁴⁶ etc. Die Briefe könnten entweder echt oder fiktiv sein. Jetzt
ist für uns etwas anderes wichtig: Ioannes vermischt erfolgreich, wie früher
Daphnopates, zwei kleine literarische Formen – Brief und Ekphrasis. Diese Ver-
mischung hat im einen der oben erwähnten lemmata Ausdruck gefunden, nämlich
als Ἐπιστολὴ κήπου ἐκφραστική („Ekphrastischer Brief eines Gartens“).⁴⁷ Hat
Ioannes Geometres die ekphrastischen Briefe seines Vorgängers Daphnopates
gelesen? Es ist wohl möglich. Zumindest stellt Ioannes in seinen Briefen etwas
ähnlich wie Daphnopates dar. Geometres gibt zu, dass er früher auch blühende
Wiesen und Pferderennen geschätzt habe, jetzt jedoch habe sich alles geändert: Er
hält ein Buch mit seiner Hand, und seine Aufgabe ist, im Gegensatz zu den
Schwalben, im Winter und in den Kammern singen.⁴⁸ Diese Tradition, die von
Daphnopates und Ioannes Geometres wiederbelebt wurde, entwickelt danach
Michael Psellos weiter: In seinen Briefen kann man schon zahlreiche Ekphraseis

 Chernoglazov, Drei Fische? (wie oben Fußnote ).


 Littlewood, Progymnasmata (wie oben Fußnote ), prog. ; .
 Ibid. .  – .
 Ibid. prog. .
 Ibid. prog. , .  – .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 639

finden. Objekte der rhetorischen Beschreibung werden die Ideallandschaft,⁴⁹


Geschenke,⁵⁰ der von Krankheit verzerrte Körper⁵¹ und anderes.
In der komnenischen Zeit wird die Ekphrasis integraler Bestandteil des Ver-
kehrs byzantinischer literati. Niemand glaubt mehr, dass eine Ekphrasis in einem
Brief eine Verletzung der Gattungsgesetze sei. Beispiele sind zahlreich. Man kann
zumindest an die Briefe des Eustathius von Thessalonike an Nikephoros Ko-
mnenos erinnern, die detallierte Beschreibungen der Geschenke und eines Gar-
tens umfassen,⁵² oder die Briefe des Michael Choniates, wo ein trauriges Bild der
Stadt Athen gezeichnet ist.⁵³ Natürlich besteht eine tiefe Kluft zwischen der Be-
schreibung von Pylai im Brief des Daphnopates und der Ekphrasis Athens durch
Michael Choniates. Daphnopates schildert eine Ideallandschaft, die kaum eine
Vorstellung von dem Vorort Konstantinopels machen hilft; die Beschreibung
Athens ist dagegen so präzis und konkret, dass sie auch heute als Reiseführer
verwendet werden kann. Für uns ist es jetzt wichtig zu betonen, dass Daphnopates
am Anfang der Tradition steht, die während des 12. Jh.s blühen wird.
Wenden wir uns zurück zum Brief an den xenodochos Nikephoros. Wie schon
gesagt, ist der Großteil des Briefes eine ausgedehnte Ekphrasis oder vielmehr eine
Reihe vollständiger bukolischer Bilder. Deshalb ist es nützlich, diesen Text nicht
nur als Brief, sondern auch im Kontext der byzantinischen Ekphraseis zu be-
trachten und zu analysieren, wie gut er sich in die Tradition seiner Zeit einordnet.
An erster Stelle sollte man hier eine Frage formulieren: Wie traditionell sind
die Themen, die Daphnopates für seine Ekphraseis auswählt? Im Kontext der
spätantiken Literatur scheint seine Auswahl ziemlich trivial zu sein.Weintrauben,
die Meeresküste, ein Segelschiff auf den Wellen – alle diese Motive sind wohl-
bekannt als Bestandteile des locus amoenus, die sich in rhetorischer Prose,
bukolischer Poesie und Liebesroman entwickelten. Die Ekphrasis der Jagd wurde
in der Spätantike von Pseudo-Oppianos in seinen Kynegetika und von Dio Chry-
sostomos in seinem Euboios ausgearbeitet. Es genügt zu erwähnen, dass all diese
Themen sich unter den Progymnasmata des Libanios befinden; Ekphraseis von
Buchten, Gärten und Jagd sind dort als eine Gruppe nebeneinandergestellt.⁵⁴ Es
wäre also noch fruchtbarer und interessanter, unseren Brief im Kontext der mit-
telbyzantinischen Literatur zu analysieren.

 Michaelis Pselli Scripta minora II, ed.. E. Kurtz / F. Drexl. Milano , ep. ; .
 Ibid. ep. ; ; .
 Ibid. ep. ; ; .
 F. Kolovou, Die Briefe des Eustathios (wie oben Fußnote ), ep. ; ; ; ; .
 Michaelis Choniatae epistulae, rec. F. Kolovou. CFHB, . Berlin / New York , ep. 
und .
 Libanii opera, ed. R. Foerster, . Leipzig , .  – .

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640 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

Die Ekphrasis als literarische Form wurde von dem Patriarchen Photios auf
dem Boden der Homiletik wiederbelebt. Bis zum Ende des 10. Jh.s bleiben Kirchen
das Hauptthema der Ekphraseis. Eine der Kirchen Konstantinopels wurde von
Photios beschrieben;⁵⁵ beide ekphrastische Homilien von Leon VI. sind Kirchen
gewidmet – der Klosterkirche des Patriarches Kauleas und der Kirche des Sty-
lianos Zaoutzas;⁵⁶ eine von den Arabern zerstörte Kirche wird von Niketas Ma-
gistros in der Vita Theoctistae geschildert;⁵⁷ seltener sind Ekphraseis weltlicher
Gebäude: Leon Choirosphaktes schreibt die versifizierte Ekphrasis des Palastba-
des,⁵⁸ das von Leon VI. errichtet war; Konstantinos Rhodios stellt sich vor die
Aufgabe, die ganze Hauptstadt zu beschreiben, konzentriert sich tatsächlich aber
auf die Apostelkirche;⁵⁹ schließlich beschreibt der anonyme Verfasser der Vita
Basilii nicht nur Kirchen, sondern auch kaiserliche Palastgebäude und zwei
Brunnen bei der Nea Ekklesia,⁶⁰ Themen, die später, im 12. Jh., als Dekoration der
Liebesromane benutzt werden sollten.⁶¹
Die blühende Wiese erscheint in Ekphraseis der Makedonischen Renaissance
am häufigsten als Metapher, die ein Mosaik auf dem Fußboden einer Kirche be-
zeichnet.⁶² Die Landschaft selbst wird sehr selten zum Objekt einer Ekphrasis, und
das in der Regel in einem und demselben Kontext – der Beschreibung des
Frühlings. Die Ekphrasis des Frühlings ist ein traditionelles Thema, das schon in
der hellenistischen Periode entwickelt und ausgearbeitet wurde, doch wurde seit
der frübyzantinischen Zeit dieses Motiv stark mit Ostern assoziiert.⁶³ In den Kir-

 Φωτίου Ομιλίαι, ed. B. Laourdas. Thessalonike , hom. . Zu den verschiedenen
Ansichten über Ort und Datum dieser Homilie vgl. R. J. H. Jenkins / C. Mango, The date and
significance of the tenth homily of Photios. DOP  –  ()  – ; E. Bolognesi, La X
Omelia di Fozio. Studi medievali III,  ()  – ; A. P. Kazhdan, A history (wie oben
Fußnote ).
 The Homilies of the Emperor Leo VI, ed. Th. Antonopoulou. Leiden /New York / Köln ,
Hom. , .
 BHG ; ed. AASS Nov. IV  – ; Ekphrasis der Kirche ibid. ; eine detallierte
Analyse dieser Ekphrasis: K. Jazdzewska, Hagiographic invention and imitation. Niketasʼ Life of
Theoktiste and its literary models. GRBS  ()  – .
 F. Ciccolella, Cinque poeti bizantini. Anacreontee dal Barberiniano greco . Hellenica, .
Alessandria ,  – .
 Constantine of Rhodes, on Constantinople and the church of the Holy Apostles, ed. I. Vassis
/ L. James. Farnham ; Descriptions des œuvres d’art et de l’église des saints Apôtres. Poème
en vers iambiques par Constantin le Rhodien, ed. É. Legrand. REG  ()  – .
 Theophanes Continuatus (wie oben Fußnote ), . – ..
 C. Cupane, Orte der Liebe: Bäder, Brunnen und Pavillons zwischen Fiktion und Realität, in
Webb, Ekphrasis (wie oben Fußnote )  – .
 H. Maguire, The realities of ekphrasis, in Webb, Ekphrasis (wie oben Fußnote )  – .
 H. MAguire, Art and eloquence in Byzantium. Princeton , .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 641

chen wurde die Homilie des Gregorios Nazianzenos Εἰς τὴν καινὴν Κυριακήν jedes
Jahr vorgelesen, die eine ausgedehnte Beschreibung des Frühlings enthält.⁶⁴ Der
Bild des Frühlings ist hier universal und umfasst die ganze Welt – die Sonne
scheint klarer, die Wiesen werden grüner, die Tiere spielen miteinander, das Meer
ist still etc. Es ist kein Wunder, dass gerade diese Homilie zum Vorbild für die erste
mittelbyzantinische Frühlingsbeschreibung wird, nämlich das Ostergedicht eines
Arsenios, der vermutlich in der ersten Hälfte des 9. Jh.s lebte.⁶⁵ Die zweite Ek-
phrasis des Frühlings findet sich in der Homilie des Kaisers Leon VI.⁶⁶ Als der
Autor die Klosterkirche des Patriarchen Kauleas beschreibt, drückt er seine Be-
wunderung dafür aus, dass die schönste Kirche in der schönsten Jahreszeit er-
schien, und es ist für ihn ein Anlass seine Homilie mit dem universalen Bild des
Frühlings zu beenden.
Nicht immer ist aber die Beschreibung der Landschaft in der Literatur des 9.
und 10. Jh.s mit dem Thema des Frühlings verbunden. Hier kann man auf zwei
Texte hinweisen, von denen jeder nach einigen Besonderheiten nicht typisch für
seine Zeit ist. Der erste von ihnen ist um die Jahrhundertwende geschrieben – das
ist die Erzählung De Thessalonica capta des Ioannes Kameniates,wo die Ekphrasis
von Thessalonike der Haupterzählung vorangeht. Laut dem antiken Kanon enthält
diese Ekphrasis eine Beschreibung der Umgebung der Stadt. Hier kann man viele
Elemente der bukolischen Ideallandschaft finden – Haine, Weinberge, an Fisch
reiche Meer und Seen, Wild- und Haustiere, eine bequeme Bucht.⁶⁷ Diese Ek-
phrasis, so wie auch einige andere Besonderheiten dieses Textes, ist ziemlich
untypisch für die Literatur seiner Zeit, was A. P. Kazhdan veranlasste, die Echtheit
des Werks zu bezweifeln.⁶⁸
Das zweite Beispiel, das sehr wahrscheinlich schon in die Mitte des 10. Jh.s
gehört,⁶⁹ ist die Vita des Andreas Salos. Diese Vita enthält eine weitschweifige
Beschreibung eines blühenden Gartens, in den der Heilige geriet, als er in den
Himmel entführt worden war. Diese Beschreibung stellt eine nach den Regeln der
spätantiken Rhetorik aufgebaute Ekphrasis dar. Der Held sieht vor sich Bäume und

 Or. , PG ,  – . Die Ekphrasis ibid. C–C.


 Anecdota Graeca, ed. P. Matranga. Roma ,  – . Über das Datum des Gedichts
und den Autor, der mit Arsenios von Kerkyra (. Jh) wohl nicht identisch ist, s. M. D. Laux-
termann, The Spring of rhythm. An essay on the political verse and other Byzantine metres.
Wien ,  – .
 Antonopoulou, Homilies (wie oben Fußnote ), hom. ,  – .
 Ioannis Caminiatae de expugnatione Thessalonicae, ed. G. Böhlig. CFHB, . Berlin ,
 – .
 A. P. Kazhdan, Some questions addressed to the scholars, who believe in the authenticity of
Kaminiates’ capture of Thessalonika. BZ  ()  – .
 L. Rydén, The date of the life of Andreas Salos. DOP  ()  – .

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642 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

einen ihre Wurzeln umspülenden Strom, atmet den Duft verschiedener Blumen
ein, genießt das Singen der Vögel und Zikaden⁷⁰ – hier ist die ganze Morphologie
des locus amoenus vorgestellt, die von E. R. Curtius in seinem berühmten Werk
„Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“⁷¹ behandelt ist.
Wenn wir den Brief des Daphnopates mit den oben angeführten Beispielen
vergleichen, wird es klar, dass er im Zusammenhang der Literatur seiner Zeit
durchaus nicht trivial ist. Erstens hat sein locus amoenus keine Beziehung zum
Frühling und zu Ostern. Zweitens finden wir hier kein universales Bild der ganzen
Welt, wie wir es in den Werken von Gregorios, Arsenios und Leon VI. bemerkt
haben; überhaupt gibt es im Brief keine ganzheitliche Beschreibung der Ideal-
landschaft mit allen ihren traditionellen Bestandteilen (wie z. B. in der Vita des
Andreas oder in der Erzählung des Ioannes Kameniates, der die Umgebung der
Stadt wie aus der Vogelperspektive beobachtet), sondern nur einige ihre Elemente,
und jedes dieser Elemente ist zu einer separaten vollständigen Ekphrasis her-
angewachsen. Daphnopates scheint der erste der uns bekannten mittelbyzanti-
nischen Autoren zu sein, der vollständige Ekphraseis von Früchten und der Jagd
verfasst.
Und hier kann man noch einmal eine wichtige Beobachtung machen: Die
Ekphraseis des Daphnopates sollten wir nicht nur als individuelles Phänomen, als
Abweichung von der Tradition betrachten – was wir zum ersten Mal bei ihm
antreffen, wird von den nachfolgenden Schriftstellern weiter entwickelt und im 12.
Jh. zum Gemeinplatz der Literatur, zur neuen Norm.
Ein charakteristisches Beispiel stellt die Ekphrasis von Früchten dar. Was den
ekphrastischen Brief angeht, wird Ioannes Geometres der nächste Nachfolger
unseres Autors. Dieser Schriftsteller zeigt, wie Daphnopates, besonderes Interesse
für detallierte rhetorische Beschreibungen und verbreitert das Repertoire der
byzantinischer Ekphrasis sehr deutlich. Frühling,⁷² Sommer,⁷³ von einem Garten
umgebener Turm⁷⁴ – diese sind nur einige seiner poetischen Ekphraseis. Für uns
sind seine Progymnasmata wieder bedeutend: Im zweiten Brief über seinen Garten
wird den Bäumen und Früchten besondere Aufmerksamkeit gewidmet – den
Trauben, dem Lorbeer und der Birne.⁷⁵ Im folgenden Progymnasma, das als

 The Life of St. Andrew the Fool. Ed. L. Rydén. Uppsala , .
 E. R. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Tübingen / Basel ,
 – .
 E. M. van Opstall (éd.), Jean Géomètre: Poèmes en hexamètres et en distiques élégiaques.
The Medieval Mediterranean, . Leiden / Boston , epigr. .
 Ibid., epigr. .
 PG , , epigr. .
 Littlewood, Progymnasmata (wie oben Fußnote ), prog. .

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D. Chernoglazov, Beobachtungen zu den Briefen … 643

Enkomion des Apfels bezeichnet wird,⁷⁶ führt Ioannes eine Ekphrasis des Apfels
ein – er schildert verschiedene Farbungen und Geschmack dieser Frucht. Später,
beginnend mit Michael Psellos, entwickelt sich die Ekphrasis von Früchten ins-
besondere im Rahmen der Epistolographie. In der Regel wird ein Geschenk zum
Anlass für eine umfangreiche rhetorische Beschreibung – diese Tendenz haben
wir schon früher bemerkt. Schließlich tauchen im 12. Jh. die Ekphraseis von
Bäumen und Früchten in ihrem ursprünglichen antiken Kontext wieder auf,
nämlich in Gartenbeschreibungen von Liebesromanen.⁷⁷
Die Jagdbeschreibung ist auch ein sehr deutliches Beispiel, denn sie ist ein
beliebtes Thema des Daphnopates. Es taucht in zwei umfangreichen Briefen des
Theodoros auf (Daphn 14; 37). Natürlich sind Erwähnungen der Jagd in der by-
zantinischen Literatur 9. und 10. Jh.s nicht selten – das erste, was auffällt, sind
zwei Erzählungen über den Tod des Kaisers Basileios auf der Jagd in der Chronik
des Symeon Logothetes⁷⁸ und in der Vita Euthymii;⁷⁹ man kann auch an die un-
gewöhnliche und von antiker Ästhetik stark geprägte Vita der heiligen Theoktiste
von Lesbos erinnern, wo eine der Hauptfiguren und Erzähler ein Jäger ist; indem er
seine Begegnung mit der Heiligen erzählt, zeigt er vielmals seine Neigung zur Jagd
– z. B. schildert er die Form der Hörner einheimischer Hirsche.⁸⁰ Aber eine de-
tallierte rhetorische Ekphraseis der Jagd kann man zum ersten Mal in den Briefen
des Daphnopates finden. Der nächste Autor, der diesem Thema große Aufmerk-
samkeit widmet, ist Michael Psellos. Eine interessante Jagdbeschreibung finden
wir in seinem Brief an den caesar Dukas.⁸¹ Psellos vermutet, dass sein Korre-
spondent ihm nicht schreibt, da er sich ständig und ausschließlich mit der Jagd
beschäftigt. Das ist für Psellos ein Anlass detailliert zu beschreiben, in welcher
Weise Ioannes jagt – wie er die Hunde ruft oder ein Wildschwein verfolgt. Nuancen
der Jagd sind für Psellos überhaupt sehr charakteristisch. Dieses Thema wird in
einer seiner vier Ekphraseis des Olympos ausgeführt.⁸² In einem anderen Brief
wird ein Fall auf der Jagd detalliert erzählt – wie eine Falke von dem Kranich
getötet wurde und Andronikos Dukas den Vogel mit Ehren begrub.⁸³ In einem

 Ibid., prog. .
 A. R. Littlewood, Romantic paradises: The role of the garden in the Byzantine romance.
BMGS  ()  – .
 Symeonis Magistri et Logothetae Chronicon, ed. S. Wahlgren. CFHB /. Berlin , c.
, .
 Vita Euthymii patriarchae CP, ed. P. Karlin-Hayter. Bruxelles , .
 AASS Nov. IV B, E.
 K. N. Sathas, Bibliotheca Graeca Medii Aevi . Paris , ep. .
 Michaelis Pselli Oratoria minora, ed. A. R. Littlewood. Leipzig , or. ,  – .
 Michaelis Pselli Scripta minora (wie oben Fußnote ), ep. .

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644 Byzantinische Zeitschrift Bd. 106/2, 2013: I. Abteilung

weiteren Brief stellt sich Psellos als erfahrener Kenner der Jagd dar und gibt dem
Adressaten verschiedene Ratschläge – wie es besser ist das Wild zu umstellen,
wann die Hunde zu rufen, wo ein Wildschwein zu schlagen.⁸⁴ In der Komnenenzeit
wird das Thema der Jagd noch mehr verbreitet und in verschiedenen literarischen
Gattungen entwickelt. Erstens findet man detallierte und zahlreiche Jagdbe-
schreibungen in den historischen Werken.⁸⁵ Zweitens wird höchstwahrscheinlich
im 12. Jh.⁸⁶ das epische Gedicht von Digenes Akrites geschrieben, das an Jagd-
szenen besonders reich ist. Drittens wird schließlich tatsächlich eine neue Sub-
gattung geschaffen – die Ekphrasis der Jagd. Drei solche Ekphraseis des 12. Jh.s
sind erhalten. Zwei sind von Konstantinos Manasses geschrieben,⁸⁷ eine von
Konstantinos Pantechnes.⁸⁸ Nur zweihundert Jahre vorher, in der Mitte des 10. Jh.s,
war diese Subgattung entstanden, und die ersten Beweise dafür sind die Briefe des
Theodoros Daphnopates.

Die Zeit ist gekommen Bilanz zu ziehen. Im ersten Teil des Beitrages haben wir
gezeigt, dass fünf anonyme Briefe aus der Wiener Handschrift, deren Autorschaft
bisher nur hypothetisch war, ohne Zweifel in die Briefsammlung des Daphnopates
eingeschlossen werden können. Im zweiten Teil haben wir einen Brief des
Daphnopates detalliert analysiert und versucht zu zeigen, dass dieser Text
ziemlich untypisch für seine Zeit ist, aber seine Eigenartigkeit nicht nur eine
Abweichung von der Norm ist, sondern das Entstehen neuer oder die Wiederbe-
lebung verlorener literarischer Formen widerspiegelt, jenen Formen und Sub-
gattungen, die die folgende Entwicklung der byzantinischen Literatur prägen
werden. Wir zeigen auch eine Linie der Kontinuität zwischen Theodoros und Io-
annes Geometres, der ungefähr um vierzig Jahre jünger als Daphnopates war. Der
Zusammenhang zwischen diesen zwei Schriftstellern ist ein sehr interessantes
und fruchtbares Thema für eine weitere Untersuchung.

 Ibid., ep. .


 Z. B.: Ioannis Cinnami epitome rerum ab Ioanne et Alexio Comnenis gestarum, ed. A. Mei-
neke. Bonn , ,  – , ; Nicetae Choniatae historia, ed. J. L. van Dieten. CFHB, /.
Berlin , . – .
 Digenis Akritis. The Grottaferrata and Escorial versions, ed. E. Jeffreys. Cambridge ;
zum Datum ibid. xvii.
 Ekphrasis einer Falkenbeize auf Kraniche: ed. E. Kurtz. VV  ()  – ; Ekphrasis
einer Jagd auf Finken und Zeisige: ed. K. Horna, Analekten zur byzantinischen Literatur. Progr.
Sophiengymn. Wien ,  – .
 Ekphrasis der Jagd auf Rebhühner und Hasen: ed. E. Miller. Annuaire de lʼAssociation pour
lʼencouragement des Études Grecques en France  ()  – .

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