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B E O BAC H T U N G E N Z U E I N I G E N T E X T S T E L L E N

I M G E S C H I C H T S W E R K D E S N I K E TA S C H O N I AT E S

ANDREAS RHOBY/IRVINE

Folgende Beobachtungen ergaben sich aus der Lektüre der Xronikã diÜghsiw des Niketas
Choniates. 1 Es handelt sich um Interpretationen des Inhalts und textkritische
Anmerkungen.2

a) 73,18–20: ^Yperbáw dâ tån ‰pä MalÛan plo®n ˆntipnoÝaw gÛmonta pÀshw, perä où
kaä ta®ta paroimiÀzetai „MalÛan d’ ‰pikÀmcaw ‰pilÀuoy t¬n oœkade,“ tån ‰sÛxonta
porumån ˆnalÛgetai kaä tá toàtoy ÔkatÛrvuen ‰piçn ...
Niketas Choniates berichtet an dieser Stelle über den Feldzug der Normannen unter
Roger II. im Jahre 1147 gegen Griechenland. Hier erfahren wir, dass Roger nach dem
vergeblichen Versuch, Monembasia einzunehmen, die Fahrt um das Kap Malea mit seinen
ungünstigen Winden herum antrat, den sich ausdehnenden Golf wählte und die Küste
auf beiden Seiten angriff. Betrachtet man zu dieser Passage die deutsche Übersetzung
von Franz Grabler in der Reihe Byzantinische Geschichtsschreiber3, so liest man dort
Folgendes: Er vermied die Fahrt um Malea4 ... und lief in die Meerenge ein, die sich dort
landeinwärts zieht (nämlich in den Golf von Korinth) ... Durch den Zusatz in Klammern
macht Grabler deutlich, um welche Meerenge es sich seiner Meinung nach handelt.
Betrachtet man jedoch den Text ein paar Zeilen weiter (vgl. b)), so erfährt man erst dort
von der Einfahrt Rogers in den Golf von Korinth, und zwar nachdem er die Küsten von
Akarnanien und Aitolien geplündert hat. Bei der hier erwähnten Meerenge handelt es
sich Niketas nach um den lakonischen Golf, wo Roger II. „nicht nur leicht zugängliche,
sondern auch sicher gelegene und schwer einnehmbare Orte angriff“ (73,21f.: ... o‡ tá
e‡xeÝrvta mÞnon katÛdrame leÝan tiuÛmenow, ˆllá kaä tá ™llvw ‰pikairÞtata kaä
dysÀlvta ...). Die lateinischen Quellen Otto von Freising (1112–1158), die Gesta Henrici
II et Ricardi I, die von Roger von Hoveden (†1201/2) verfasst wurden, und die Chronica

1
Nicetae Choniatae Historia, rec. I.A. van Dieten (CFHB XI/1). Berlin 1975 (von nun an Nic.
Chon. Hist.)
2
Anknüpfend an G. Fatouros, Textkritisches zum Geschichtswerk des Niketas Choniates. JÖB 26
(1977) 119–124; vgl. auch A. Pontani, Nebenterminologie, Topoi, Loci similes und Quellen in einigen
Stellen der Chronike diegesis von Niketas Choniates, in: C. Sode/S. Takács, Novum Millenium. Studies
on Byzantine History and Culture dedicated to Paul Speck 19 December 1999. Aldershot u.a. 2001,
271–278.
3
F. Grabler, Die Krone der Komnenen. Die Regierungszeit der Kaiser Joannes und Manuel
Komnenos (1118–1180) aus dem Geschichtswerk des Niketas Choniates. Graz u.a. 1958, 109. Die
Übersetzung wurde noch anhand der alten Ausgabe des Niketas angefertigt (I. Bekker, Nicetae
Choniatae Historia [CSHB]. Bonn 1835).
4
Diese Übersetzung stimmt nicht: ÐperbaÝnv bedeutet hier nicht „vermeiden“, sondern „umgehen“,
„herumfahren“, da die normannische Flotte ja nach ihrem Angriffsversuch auf Monembasia wieder
zurücksegeln musste, das Kap Malea also gar nicht „vermeiden“ konnte.

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A. Rhoby, Beobachtungen zu Niketas Choniates 85

desselben Autors erwähnen Methone als Ort, der von Roger II. zerstört wurde, wobei
Roger von Hoveden in beiden seiner Werke anmerkt, dass sich Methone im Golf von
Witun (Oitylos) befindet.5 Es ist möglich, dass Niketas Choniates den lakonischen und
messenischen Golf verwechselt hat bzw. überhaupt nur einen einzigen Golf im Süden
der Peloponnes angenommen hat. Die Gleichsetzung des mittleren und östlichen Fin-
gers der Peloponnes findet man auch in der Schrift De administrando imperio aus dem
10. Jahrhundert, wo behauptet wird, dass das kÀstron Maýnhw am Kap Malea liege.6

b) 73,23f.: ’Akarn¯nÀw te kaä AŒtvloæw kaä Âsa pÀrala ˆmayr¬n tån Korinuiakån
kÞlpon ‰sÛpleyse.
Auch diese Stelle, unmittelbar anschließend an a), bezieht sich auf den
Griechenlandfeldzug der Normannen unter Roger II. Hier schildert Niketas die Plünderung
der Küsten von Akarnanien und Aitolien durch die normannische Flotte. Betrachtet man
diese Textstelle in der Vorgängeredition von Bekker, so erkennt man, dass dort noch eine
zusätzliche Information steht: ... ’AkarnanÀw te kaä AŒtvloæw toæw n®n legomÛnoyw
’Artinoàw, kaä Âsa pÀrala ˆmayr¬n tån Korinuiakån kÞlpon eŒsÛpleyse.7 Bei Bekker
erfahren wir demnach, dass die Gegend von Aitolien nun die „Gegend von Arta“ genannt
würde. Van Dieten hat den Codex, der diese Zusatzinformation beinhaltet (Monac. gr.
450), nicht berücksichtigt, da es sich dabei um die sogenannte vulgärgriechische Para-
phrase des Geschichtswerkes des Niketas Choniates handelt.8 Aus dem kritischen Apparat
bei Van Dieten erfahren wir auch, dass der Codex Vat. gr. 1639 statt ’Akarn¯nÀw die
Angabe tãn ˜Artan enthält; der erwähnte Codex wurde aber im Text von Van Dieten
nicht berücksichtigt, da er mit bestimmten Angaben – so auch hier – sehr oft allein da
steht.10
Von einer Plünderung Artas durch die Normannen ist also in der heute gültigen Edi-
tion des Textes des Geschichtswerkes von Niketas Choniates nichts zu lesen; wie oben
bereits erwähnt, ist nur von den Küsten Akarnaniens und Aitoliens die Rede. Auch andere
griechische oder lateinische Quellen berichten nichts von einer Plünderung oder Eroberung

5
Otto von Freising, Gesta Frederici I 35, ed. F.-J. Schmale, Darmstadt (3.Aufl.) 1965: Armatis
itaque navibus Grecie fines ingrediuntur ac Mutino sino impedimento gravique negotio capto ad
Gurfol usque, fortissimum Grecie castrum, procedunt; Gesta Henrici II et Ricardi I (MGH SS XXVII
128): In exitu autem eiusdem gulfi de Witun (=Oitylos) est civitas episcopalis antiqua, deserta nunc,
quam Rogerus rex Sicilie destruxit, eo quod pirate ibi habitabant, et dicebatur Muszun (=Methone);
Chronica magistri Rogeri de Houedene, ed. W. Stubbs, London 1868–1871, III 160: Deinde est gulfus
de Witun ... et in exitu eiusdem gulfi de Witun est Muszun, civitas deserta, quam Rogerus rex Siciliae
destruxit. Bei Oitylos handelt es sich um eine Stadt an der Ostküste des messenischen Golfes (F.
Bölte, Oitylos. RE XVII/2 [1937] 2301–2302).
6
NConstantine Porphyrogenitus, De administrando Imperio (CFHB I), ed. G. Moravcsik/ R.J.H.
Jenkins. Dumbarton Oaks, Washington, D.C. 1967, 236,71.78–79. Vgl. E. Kislinger, Regional-
geschichte als Quellenproblem. Die Chronik von Monembasia und das sizilianische Demenna. Eine
historisch-topographische Studie. (VTIB 8) Wien 2001, 41, A.320. Ich danke Prof. Ewald Kislinger,
Wien, für den Hinweis auf die DAI-Stelle.
7
Nic. Chon. Hist. (Bekker) 98,11–13.
8
Zum Codex Nic. Chon. Hist. XXXIIIf., LXXXVI-LXXXVIII.
9
Vgl. Nic. Chon. Hist. XXIII-XXV, LXXIIIf.
10
Nic. Chon. Hist. LXXIII.

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86 Byzantinische Zeitschrift Bd. 95/1, 2002: I. Abteilung

Artas.11 Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass im ersten Band der TIB (Tabula Im-
perii Byzantini) behauptet wird, dass Arta von Roger II. verheert wurde,12 obwohl den
Herausgebern die Neuedition der Xronikã diÜghsiw von Van Dieten als Grundlage diente.
Auch im von Siegfried Lauffer herausgegebenen Griechenland-Lexikon wird im Lemma
„Ambrakia“ (antiker Name für Arta) von einer Plünderung durch die Normannen 1147
gesprochen.13

c) 78,43–48: ˜Esti dâ Ò KerkyraÝvn ™kra aŒgÝlic p¯sa kaä ˆgxinefÜw, Ôlikoeidãw tãn
uÛsin kaä ÐcikÞrymbow, prosneneyky‘a ‰w tå bÀuiston t&w ualÀsshw. pÛtrai dâ
perierrqgesan a‡tãn ˆmfÝkrhmnoi kaä ˆpÞtomoi, tå d’ Åcow Ðpâr tãn ˜domÛnhn
˜Aornin. teÝxh dâ ˆrrag& tãn pÞlin perieÝlhfe p¯san kaä pàrgvn periest¯sin
Ðcqmata, ¤ kaä poio®si tãn taàthw paralogvtÛran ±lvsin.
Diese Beschreibung von Kerkyra anlässlich der byzantinischen Rückeroberung durch
Kaiser Manuel I. im Jahre 114914 erinnert an eine Stelle in einem Gedicht von Theodoros
Prodromos, das an denselben Kaiser adressiert ist. Wolfram Hörandner, der Editor der
historischen Gedichte des Theodoros Prodromos, hat diese Ähnlichkeit im Kommentar
zu Gedicht Nr.XXX notiert. Der Text bei Prodromos lautet folgendermaßen:15 sà moi
tãn perä KÛrkyran Åmnei tropaioyxÝan,/ KÛrkyran tãn ˆtÞjeyton, tƒw ˜Aornin16 ‰n
nÜsoiw,/ tãn ™nv bÛloyw kaä ptero®, tãn ÐpernefestÀthn,/ Ñw šjesti katamaue‘n ‰k
tƒw ‰pvnymÝaw. Beide beschreiben die unüberwindbare Größe der Burg und vergleichen
die Insel mit Aornis (bzw. Aornos)17, einer Festung, die von Alexander dem Großen als
erstem erstürmt wurde.
Die ersten Worte des Niketas ˜Esti dâ Ò KerkyraÝvn ™kra aŒgÝlic... erinnern an II.
IX 15: ³ te kat’ aŒgÝlipow pÛtrhw ...
Das im Altgriechischen nicht belegte ÐcikÞrymbow ist auch an einer zweiten Stelle
im Geschichtswerk des Niketas Choniates zu finden (609,75). Der Beginn der Tradition
dieses Wortes und somit der erste Beleg ist jedoch Theodoros Prodromos.18 Weitere
Zeugnisse stammen von Gregorios Antiochos19, Niketas Eugenianos20, Johannes

11
Eine Zusammenstellung der Quellen bei A. Rhoby, War Athen Ziel des Normannenangriffes
von 1147/48? JÖB 52 (2002), erscheint 2002.
12
J. Koder/F. Hild, Hellas und Thessalia (TIB 1). Wien 1976, 65.
13
S. Lauffer, Griechenland. Lexikon der historischen Stätten. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.
München 1989, 99–101.
14
Vgl. O.J. Schmitt, Das Normannenbild im Geschichtswerk des Niketas Choniates. JÖB 47 (1997)
157–177, bes. 174ff.
15
W. Hörandner, Theodoros Prodromos. Historische Gedichte (WBS XI). Wien 1974, XXX 47–50.
16
™ornin Hörandner. ’Íorniw wird hier substantivisch verwendet, ebenso in Gedicht IV 96 (™orniw
Hörandner). Zur Verwendung von ™orniw als Adjektiv s. E. Trapp u.a., Lexikon zur byzantinischen
Gräzität besonders des 9.-12. Jahrhunderts. 1.Band A-K. Wien 2001.
17
Beide Formen kommen in den Quellen vor (vgl. TLG [Thesaurus Linguae Graecae. CD-ROM
E. University of California at Irvine 2000]).
18
Hörandner, Theod. Prod. VIII 117.203.238, XXXVIII 5; PG 133,1214A.
19
A. Sideras, 25 ˆnÛkdotoi byzantinoä ‰pitÀfioi – unedierte byzantinische Grabreden. Thessalonike
1990, 70,13; vgl. dazu auch dens., Die byzantinischen Grabreden. Prosopographie, Datierung, Über-
lieferung. 142 Epitaphien und Monodien aus dem byzantinischen Jahrtausend (WBS XIX). Wien
1994, 202–204.
20
Nicetas Eugenianus, De Drosillae et Chariclis amoribus, ed. F. Conca. Amsterdam 1990, 228; S.
Papadimitriu, Feodor Prodrom. Odessa 1905, 317,6b.

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A. Rhoby, Beobachtungen zu Niketas Choniates 87

Apokaukos21, aus den sogenannten Markiana Anekdota22 und von Georgios Bardanes23.
Theodoros Prodromos steht wohl als Wortschöpfer am Anfang, der Rest der genannten
Autoren hat das Wort in Mimesis übernommen.24

d) 226,76f.: ... Âsa kaä ’IjÝvn ]Hraw toàtoy ˆpoplazÞmenow, Ñw go®n nefÛlhn tãn
ˆnecián Ueodqran perisxe‘n diá frontÝdow ‰tÝueto ...
Hier berichtet Niketas von Kaiser Manuel, der des Andronikos nicht habhaft wurde,
genauso wie Ixion Hera nicht erreichen konnte, und der daher überlegte, wenigstens
dessen Nichte Theodora zu fassen, wie Ixion die Wolke.
Das Bild des Ixion, der statt Hera eine Wolke umarmte, begegnet abgesehen von dieser
Stelle nicht nur in einer Rede des Niketas, sondern auch im berühmten Gedicht auf
Athen seines Bruders Michael:
Niketas vergleicht in einer Rede den Feldherrn Alexios Branas, der sich 1185/86 gegen
Kaiser Isaak II. erhob und dabei den Tod fand, mit Ixion: ... Ã dâ t” nefÛl“ fenakisueäw
to® strateàmatow, ín cyxrån paragkÀlisma periÛballen, Ñw µdh kaä t” ]Hr—
Šgalli¯to t” basileÝ— syneynasueÝw ...25 Michael Choniates bezeichnet sich in seinem
bekannten Gedicht auf Athen, welches den Niedergang der Stadt bedauert, als neuen
Ixion, der Athen liebe, aber wie dieser nur ein Abbild umarme: ^Vw dystyxãw šgvge,
kainåw ’IjÝvn ‰r¬n/ ’Auhn¬n Ñw ‰ke‘now tƒw ]Hraw,/ eŒta lauçn eœdvlon ŠgkalismÛnow.26

e) 261,83ff.: ... ˆll’ Šn ˆtÝnaktow Ñw ‰ke‘now à prÞbolow, perä Ân ˆeä k®ma …ruån
´statai kaä ±lmh perimormàroysa, à dâ eŒw ˆfrån dialàvn kaä makrá klÀein ‰¬n tãn
ŠxÜessan uÀlassan ‰pä tƒw a‡tƒw ‰stÜriktai bÀsevw.
Niketas Choniates charakterisiert hier Theodosios Boradiotes, Patriarch von 1179 bis
1183. Diese Lobesworte erinnern an eine Stelle in der Antrittsrede (Eisbaterios) seines
Bruders Michael in Athen, wo dieser in ähnlicher Weise über den Patriarchen, seinen
einstigen Lehrmeister, spricht: ’Eke‘now Šn à problãw à ˆtÝnaktow, ™ oºpote panto‘oi
‰pÛlipon ™nemoi k®ma dâ ™llo ‰p’ ™llv prosÜrasse• plãn ˆll’ o‡d’ a‡tåw
‰fylattÞmhn ‰pÝpan ˆxeÝmastow, ˆllá pará t« problƒ ti Ôst¬ta ¤ kˆmâ prosÛklysan
¨Þuia.27 Beide bezeichnen den Patriarchen als unerschütterliche Klippe (prÞbolow bzw.
problãw ˆtÝnaktow), die Sturm und Wellen trotzt.
Michael Choniates hat im Werk seines Bruders insgesamt einige Spuren hinterlassen,
woraus zu schließen ist, dass sein Werk dem Niketas bekannt war. Das wird umso

21
N.A. Bees, Unedierte Schriftstücke aus der Kanzlei des Johannes Apokaukos, des Metropoliten
von Naupaktos. BNJ 21 (1971–1974) Nr.99,22.
22
D. Chrestides, Markianá ˆnÛkdota. Thessalonike 1984, A 59.640.
23
R.-J. Loenertz, Lettre de Georges Bardanès, métropolite de Corcyre, au patriarche oecuménique
Germain II 1226–1227 c. EEBS 33 (1964) 107,115.
24
Ich danke Prof. Erich Trapp, Bonn, der mir freundlicherweise das noch nicht publizierte Mate-
rial zum LBG zur Verfügung gestellt hat.
25
Nicetae Choniatae Orationes et Epistulae, rec. I.A. van Dieten (CFHB III). Berlin 1972, 90,20–
22.
26
S.G. Mercati, Intorno alla elegia di Michele Acominato sulla decadenza della città di Atene, in:
EŒw MnÜmhn Sp. LÀmproy. Athen 1935, 423–427 (= S.G. Mercati, Collectanea Byzantina I. Bari
1970, 483–488, hier 487,13–15).
27
Sp. Lampros, Mixaãl ’AkominÀtoy to® XvniÀtoy tá SvzÞmena I. Athen 1879/80 (ND Groningen
1968), 96,15–19.

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88 Byzantinische Zeitschrift Bd. 95/1, 2002: I. Abteilung

deutlicher, wenn man den einzigen erhaltenen Brief von Michael an Niketas Choniates
betrachtet.28 Dieses Schreiben (ca. 1194/95) nimmt auf mehrere, nicht erhaltene Briefe
Bezug. Man erfährt, dass Niketas seinen älteren Bruder schon mehrmals gebeten hatte,
ihm seine Werke, gesammelt in einem Codex, zu schicken.29 Michael rechtfertigt sein
Zögern damit, dass er noch vieles auszubessern hatte und dass er fürchtete, Niketas
würde die Schriften auch anderen zu lesen geben.30 Durch dieses Schreiben, das an den
Anfang der sonst chronologisch geordneten Sammlung der Briefe des Michael Choniates
gestellt wurde, wird klar, dass Niketas Mitte der neunziger Jahre des 12. Jahrhunderts
eine Sammlung der Werke seines Bruders erhielt und dass er diese – wie aus vielen
Wörtern, Redewendungen und Bildern klar ist – nicht unbenutzt gelassen hat.31
Betrachtet man den apparatus fontium der Van-Dieten-Ausgabe des Geschichtswerks
des Niketas, so wird dort Michael Choniates acht Mal erwähnt. Interessanterweise
beziehen sich alle Zitate nur auf eine einzige Rede des Michael Choniates, nämlich den
LÞgow ‰gkvmiastikÞw an Kaiser Isaak II. Angelos.32 Aus der Rede33 selbst erfahren wir,
dass sie wohl in Konstantinopel gehalten wurde.34 Vielleicht hat Niketas, der zu Kaiser
Isaak II. in einem Naheverhältnis stand,35 eine Abschrift dieser Rede angefertigt. Wie die
hier angeführten Beispiele d), e), g) u. h) zeigen, war Niketas nicht nur diese eine Rede
seines Bruders bekannt, sondern wohl beträchtliche Teile seines Gesamtwerkes.

f) 281,68f.: ... kaä pråw †™rbyla† kaä teÝxh diamillqmenow SemirÀmeia ê bÛlemna pÛmpvn
pråw o‡ranÞn.

28
Michaelis Choniatae Epistulae rec. F. Kolovou (CFHB XLI). Berlin/New York 2001, Nr. 1. Vgl.
dazu J.-L. van Dieten, Niketas Choniates. Erläuterungen zu den Reden und Briefen nebst einer
Biographie (Supplementa Byzantina 2). Berlin/New York 1971, 35; F.CH. Kolovou, Mixaãl XvniÀthw.
Symbolã stã melÛth to® bÝoy kaä to® šrgoy toy. Tå Corpus t¬n ‰pistol¬n. Athen 1999, 172f.; G.
Stadtmüller, Michael Choniates. Metropolit von Athen (ca. 1138-ca. 1222) (Orientalia Christiana
XXXIII/2, Nr.91). Rom 1934, 229 [107].
29
Mich. Chon. Epist. Nr. 1, 1f.: PollÀkiw ‰pÛsteilaw Òm‘n perä t¬n ÒmetÛrvn ponhmÀtvn, ˆdelfâ
fÝltate, ˆji¬n pemfu&naÝ soi pÀnta syntetagmÛna pyktÝdi mi¶ ...
30
Mich. Chon. Epist. Nr. 12-5: ^Hme‘w dâ lÝan —kno®men tãn aœthsin, tå grÀfein kaä syggrÀmmata
‰kdidÞnai o‡ pantåw to® boylomÛnoy eŒdÞtew, ˆllá t¬n teleÝan ²jin ‰xÞntvn ‰n lÞgoiw. Nr. 1, 29-
31: \Epeä dâ oŒda Ñw o‡ pará seaytš mÞnv kauÛjeiw ˆllá kaä pråw ÔtÛroyw diadqseiw, diá ta®ta
grÀfein de‘n šgnvmen ta®ta.
31
Van Dieten, Erläuterungen 36.
32
Ed. Lampros, Mix. ’Akom. I 208–258; vgl. Stadtmüller, Mich. Chon. 167 [45]ff. u. 246 [124]f.
Interessanterweise entstammen 15 von 20 Zitaten aus Michael Choniates, die Van Dieten in der Ausgabe
der Reden und Briefe des Niketas anführt (Nic. Chon. Orat./Epist. [van Dieten]), ebenfalls dem LÞgow
‰gkvmiastikÞw an Isaak II.
33
Datierung wahrscheinlich 1187 (Stadtmüller, Mich. Chon. 247 [125]).
34
Lampros, Mix. ’Akom. I 211,8–11: kaä ™llvw dâ leitoàrghma to®to t¬n ‰m¬n \Auhn¬n ‰kplhr¯•
‰ke‘nai gÀr me stÛlloysi de®ro, prosptyjÞmenon Ðpâr a‡t¯n tá pÛlmata t¬n ÑraÝvn pod¬n soy,
eŒrÜnhn e‡aggelizomÛnoy kaä ˆgauÀ.
35
Immerhin begleitete er den Kaiser im selben Jahr 1187 als Sekretär auf einem Feldzug gegen die
Vlachen und Bulgaren (van Dieten, Erläuterungen 26f.; H. Hunger, Die hochsprachliche profane
Literatur der Byzantiner I, München 1978, 430).

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A. Rhoby, Beobachtungen zu Niketas Choniates 89

An dieser Stelle im Geschichtswerk des Niketas Choniates wird über die Belagerung
von Nikaia durch Andronikos Komnenos berichtet (1184). Anfangs war es Andronikos
und seinen Anhängern nicht möglich, die Stadt zu stürmen. In der deutschen Übersetzung
von Franz Grabler,36 die auf der Edition von Bekker beruht, lesen wir Folgendes: Viele
Tage vergingen, ohne daß er (sc. Andronikos) einen Erfolg erzielte. Im Gegenteil, es
schien, als wollte er gegen steile Berge anrennen oder unsinnigerweise mit der Brandung
an einem Felsgestade den Kampf aufnehmen, als suchte er Arbela oder die Mauern der
Semiramis zu überwinden oder als wollte er Geschosse gegen den Himmel schleudern.
Die textkritisch interessante Passage beginnt dort, wo Arbela erwähnt wird: ... kaä
pråw ˜Arbhla kaä teÝxh diamillqmenow SemirÀmeia, ê bÛlemna pÛmpvn pråw o‡ranÞn.37
Vergleicht man nun die Stelle bei Van Dieten mit der bei Bekker, so erkennt man, dass
bei Bekker der Ort Arbela38 erwähnt wird, bei Van Dieten aber fehlt, weil das entsprechende
griechische Wort ™rbyla zwischen Cruces gesetzt wurde. Betrachtet man den kritischen
Apparat bei Bekker, entdeckt man, dass die von ihm gesetzte Form ˜Arbhla
wahrscheinlich auf den Codex Mon. gr. 450 zurückgeht, die sogenannte vulgärgriechische
Version des Geschichtswerkes, da die zweite Handschrift, die Bekker benützte, der Co-
dex Mon gr. 93,39 die Form ™rbyla überliefert.
Was mit ™rbyla gemeint ist, konnte Van Dieten nicht feststellen. ˜Arbhla als Ort
würde zwar inhaltlich vielleicht passen – obwohl man sich fragen muss, warum gerade
dieser eher unbekannte Ort hier erwähnt werden soll –, es ist jedoch handschriftlich
nicht zu halten.
Folgende Überlegung sei m. E. gestattet: Im LSJ und im DGE40 findet man unter dem
Eintrag ˆrbàlh zahlreiche, vor allem altgriechische Belege. Die Bedeutung wird
allgemein mit „Schuh“ bzw. „Stiefel“ wiedergegeben.41 Neben ˆrbàlh gibt es auch das
Hapax ™rbylon, dessen einziger Beleg allem Anschein nach (vgl. LBG) eine Stelle bei
Theodoros Prodromos ist.42 Interessant – und vielleicht eine Hilfe für die Choniates-
Stelle – ist die Etymologie von ˆrbàlh, die das DGE anführt. Dort wird darüber spekuliert,
ob ˆrbàlh vielleicht auf das anatolische *arpuwalli- zurückgeht, das wiederum auf dem
hethitischen arpuwant- fußt, wobei arpuwant mit „unüberschreitbar“ und *arpuwalli-
mit „geeignet für das Unüberschreitbare“ übersetzt wird. Wendet man diese – zugegeben
sehr gewagte – Deutung von ˆrbàlh/™rbylon auf die Choniates-Stelle an, so könnte
das zwischen Cruces gesetzte ™rbyla auf ein Adjektiv ™rbylow mit der Bedeutung
„unwegsam“, „schwer zu passieren“ etc. zurückgehen und parallel zu teÝxh SemirÀmeia

36
F. Grabler, Abenteurer auf dem Kaiserthron. Die Regierungszeit der Kaiser Alexios II., Andronikos
und Isaak Angelos (1180–1195) aus dem Geschichtswerk des Niketas Choniates (BG VIII). Graz
u.a., 73.
37
Nic. Chon. Hist. (Bekker) 364,25–365,2.
38
M Ort in der Nähe von Gaugamela, wo Alexander der Große Dareios schlug; vgl. K. Kessler, Arbela
[1]. Der neue Pauly 1 (1996) 973.
39
Dieser Codex wird von Van Dieten unter die codices eliminandi gezählt (Nic. Chon. Hist. Lf.,
LXIII).
40
F. Adrados u.a., Diccionario griego-español, bish. ersch. 5 Bd. (a-diqnyxow). Madrid 1980ff.
41
Eine Ausnahme bildet Eustathios von Thessalonike, der im Kommentar zu Il. V 728 (van der
Valk II 182,12–14) meint, dass mit ˆrbàlh der Platz des Wagenlenkers (Ò to® ÒniÞxoy stÀsiw)
gemeint ist.
42
Nämlich Hörandner, Theod. Prod. LXXIX 19.

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90 Byzantinische Zeitschrift Bd. 95/1, 2002: I. Abteilung

stehen. Denn es steht außer Zweifel, dass sich die Präposition prÞw sowohl auf ˆrbyla
als auch teÝxh SemirÀmeia bezieht43 und dass die beiden inhaltlich zusammengehören.

g) 408,89f.: ... Ã DosÝueow o‡x Ïsper ˆpå ¨inÞw, ˆll’ ‰k t¬n {tvn eølke tån
a‡tokrÀtora.
Wie von Van Dieten richtig erkannt wurde, kommt die Redewendung ˆpå ¨inÞw ²lkein
in ähnlicher Form auch bei Lukianos vor.44 Als Testimonien können jedoch auch zwei
weitere Stellen bei Lukianos genannt werden, die Van Dieten entgangen sind.45 Eine
Parallele stellt aber auch wieder einmal eine Passage aus Michael Choniates dar, wenn
dieser in seinem Eisbaterios logos die Athener folgendermaßen charakterisiert: ...
‰pefàkesan o›toi lÞgv doyleàein kaä Âpoi potâ lÞgow ²lkoi ¨adÝvw ²pesuai, o‡k
ˆpå ¨inåw  fasin, ˆllá ˆpå t¬n {tvn a‡t¬n ˆgÞmenoi ....46

h) 531,80: KainotÞmow d’ ¥n à xrÞnow ...


Dass die Zeit immer Neues bringt und unstet ist, meint auch Michael Choniates: ... Ã
pÀnta kainotom¬n kaä Ðpofueärvn xrÞnow t&w pÞlevw ...47 Denselben Topos findet
man jedoch auch bei Clemens von Alexandrien,48 Eusebios von Kaisareia,49 Gregorios
von Nyssa,50 Georgios Pisides,51 in De administrando imperio,52 bei Michael Psellos,53
Eustathios von Thessalonike54 und Georgios Pachymeres55.

43
Belege für diamillÀomai + prÞw im LSJ.
44
Van Dieten gibt folgende Stelle an: Lucian. Hermot. 68: eŒ dâ mã, e‡ œsui Ñw o‡dân kvlàsei se
t&w ¨inåw ²lkesuai Ðf’ ÔkÀstvn µ uallš prodeixuÛnti ˆkoloyue‘n Ïsper tá prÞbata . Noch besser
passt diese Lukianos-Stelle jedoch zu Nic. Chon. Hist. (van Dieten) 114,29f.: ]Httvn dâ ¥n t&w t¬n
xlvr¬n kyÀmvn ÔstiÀsevw o‡k ˆpå ¨inÞw, Â fasin, ˆll’ ‰j …dÞntvn tš ualš toàtvn e´lketo.
45
NLucian. Dialog. Deor. 6,3: So® mân kaä tÀny o›tow ge despÞthw ‰stän kaä ™gei se kaä fÛrei t&w
¨inÞw, fasÝn, ²lkvn ... Lucian. Piscat 12: ta®ta Œdçn ‰pä pÞdaw én e‡uæw ˆnÛstrefon, oŒkteÝraw
dhladã toæw kakodaÝnonaw ‰keÝnoyw, ÔlkomÛnoyw pråw a‡t&w o‡ t&w ¨inÞw ˆllá to® pqgvnow kaä
katá tån ’IjÝona eŒdqlv ˆntä t&w ]Hraw synÞntaw.
46
NLampros, Mix. ’Akom. I 101,13–16; vgl. D.K. Karathanasis, Sprichwörter und sprichwörtliche
Redensarten des Altertums in den rhetorischen Schriften des Michael Psellos, des Eustathios und des
Michael Choniates sowie in anderen rhetorischen Quellen des XII. Jahrhunderts. München (Diss.)
1936, Nr.238.
47
NLampros, Mix. ’Akom. I 93,19f.
48
NClem. Alex. Stromata VII 17,107,3.
49
NEus. Caes. Eccl. Hist. IV 27,1.
50
NGreg. Nyss. De tridui inter mortem et resurrectionem domini nostri Jesu Christi spatio (Gebhardt)
IX 290,6.
51
NGeorg. Pis. In Bonum patricium (Tartaglia) 54.
52
NDe adm. imperio (Moravicsik/Jenkins) P 24, 48,25.
53
NMich. Psell. Orat. forens. (Dennis) 2,455.
54
NEust. Od. (Stallbaum) I 60,21.
55
NGeorg. Pach. Hist. (Failler) IV 325,6.

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