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EIN „INTEGRIERTER“ FÜRSTENSPIEGEL IM PROOIMION

DER EPITOMH LOGIKHS DES NIKEPHOROS BLEMMYDES

PA N T E L I S C A R E L O S / BE R L I N

Zwischen 1258 und 1264 verfaßte Nikephoros Blemmydes eine Einführung in die Philo-
sophie. Diese eŒsagvgikã ‰pitomã ist eine als Doppelhandbuch verfaßte Abhandlung,
bestehend aus der ‰pitomã logik&w und ‰pitomã ®ysik&w. Während ersteres Werk mit
einem Prooimion beginnt, verfügt der zweite Teil über keines. Dies bestätigt, in Verbin-
dung mit weiteren Argumenten, die anderswo dargelegt werden,1 die These vom Doppel-
handbuch, denn das Physiklehrbuch sollte gar nicht als selbständig gelten, sondern eine
Fortsetzung der Logik sein. In historischen oder rhetorischen Werken sollte das Prooi-
mion über die Ziele des Werkes belehren, Spannung erzeugen, das Wohlwollen für den
Verfasser erwecken (captatio benevolentiae) sowie als Ort für eine direkte oder indi-
rekte Widmung dienen.
Die Philosophen der alexandrinischen Schule, deren Werke die unmittelbaren Vor-
lagen des Nikephoros Blemmydes bilden, stellten ihren Werken Prooimia voran, die der
Natur der Abhandlungen gemäß mehr oder weniger sachbezogen ausfielen: Sie beriefen
sich auf das große Vorbild des Aristoteles, dessen Werk sie ja kommentieren und interpre-
tieren wollten; darauf folgte meistens eine Inhaltsbeschreibung: „tå d\ Âpvw perä a‡t¬n
kaä t¬n prokeimÛnvn logikqteron oÓ palaioä diÛlabon kaä toàtvn mÀlista oÓ ‰k to®
peripÀtoy, n®n soi peirÀsomai deiknànai (Porphyr. Isag. 4,1.1.14–17)“ und „kauÀper
ˆrxÞmenoi t¬n EŒsagvg¬n ‰lÛgomen tá pråw p¯san ®iloso®Ýan synteÝnonta, špeita
ˆ®vrizÞmeua tån skopån to® prokeimÛnoy biblÝoy, oÅtv kaä n®n ˆrxÞmenoi prå to®
\Aristoteliko® syggrÀmmatow eœpvmen tá pråw p¯san synteÝnonta tãn \Aristote-
likãn ®iloso®Ýan (Johan. Philop. In Cat 13,1.1.2–7)“.
Auf uns gekommen ist eine revidierte (zweite) Version der ‰pitomã logik&w. Dem
weitgehend unverändert gebliebenen Prooimion wurde für diese revidierte Ausgabe eine
Eingangsnotiz (ProoÝmion, 4–8) vorangestellt.2 Blemmydes beginnt mit der Feststel-
lung, daß die Logik zum Verständnis der Heiligen Schrift beitrage bzw. zu ihr hinführe.
Die Eingangsnotiz schließt mit einem Bescheidenheitstopos: er, Blemmydes, habe diese
ÐpomnhmatismoÝ herausgegeben trotz seiner mangelnden Kompetenz. Darüber hinaus
seien Philosophie und Kaisertum (= basileÝa) miteinander verwandt und von gleicher
Art (= ÃmoiÞtropow), denn beide bildeten die Allmacht Gottes auf Erden ab. Erstere sei
sämtlichen Künsten und Wissenschaften überlegen sowie Gesetzgeberin beider; letzte-
res übertreffe jede Würde und gebiete über die (Regierungs-)Ämter. Wenn also – gemäß
Platon (Resp. 473 c 11) – der Kaiser zum Philosophen oder der Philosoph zum Kaiser
würde, so bedeutete dies Glück und Wohlstand für die Unter tanen. Überdies vermissen

1
Der Text der Logik des Blemmydes wird nach der Ausgabe des Verf. zitiert, die in Kürze er-
scheinen wird: Die Epitomê Logikês des Nikephoros Blemmydes, Textkritisch herausgegeben, ein-
geleitet und mit philosophiegeschichtlichen Anmerkungen versehen. Corpus Philosophorum Medii
Aevi-Philosophi Byzantini. Athen/Brüssel 2006.
2
Text und Zeilenzählung nach dem im Anhang angegebenen Text des ProoÝmion.

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400 Byzantinische Zeitschrift Bd. 98/2, 2005: I. Abteilung

wir im Prooimion der ‰pitomã logik&w fast alle Elemente der klassischen Exordialtopik3,
wenn man vom ans Ende des Prooimions gesetzten sogenannten Trägheitstopos absieht:
es sei nicht immer möglich, Trägheit zu meiden; aus diesem Grunde bitte Blemmydes
für Unzulänglichkeiten seiner Abhandlung um Nachsicht.4
Das Prooimion der ‰pitomã logik&w erinnert somit mehr an einen „Fürstenspiegel“
(= kÀtoptron)5 denn an eine Einleitung in eine logische Schrift. Sein Inhalt wird jedoch
vor dem Entstehungshintergrund des Doppelhandbuches verständlich: Kein geringerer
als Johannes III. Dukas Vatatzes, Kaiser von Nikaia, gab Nikephoros Blemmydes6 den
Auftrag, eine Einführung in die Philosophie für den Unterricht junger Adliger zu ver-
fassen (ProoÝmion, 28-31). Zu seinen ersten Schülern gehörten der Historiker Georgios
Akropolites sowie der spätere Kaiser Theodoros II. Laskaris, für welchen Blemmydes den
Regentenspiegel basilikåw ˆndriÀw bzw. den kürzeren Traktat Ãpo‘on de‘ tån basilÛa
eŒnai schrieb.7 Die Denkart und die Gesinnung des Prooimions begegnet uns auch in den
beiden erwähnten Schriften, allerdings variieren Ausdrucksweise, Argumentation und
Umfang der Texte beträchtlich, so daß keine direkte Abhängigkeit angenommen werden
kann. Da Blemmydes diesen „Fürstenspiegel“ in das Prooimion der ‰pitomã logik&w ein-
bettete, kann kein Zweifel bestehen, daß es sich dabei um einen sog. integrierten Für-
stenspiegel – und zwar in geraffter Form – handelt.8
Obwohl es sich bei der eŒsagvgikã ‰pitomã um eine „Auftragsarbeit“ handelt, findet
sich weder im Prooimion noch an anderer Stelle eine konkrete Widmung an Kaiser Jo-
hannes III. Dukas Vatatzes, welcher zu dieser Arbeit in gewissem Sinne inspirierte. Die
zeitweilige Trübung der Beziehungen des Blemmydes zur kaiserlichen Familie könnte
ein Grund für die fehlende explizite Widmung sein.9 Doch bleibt diese Erklärung auf-
grund der Quellenlage nur eine Hypothese. Den Abschluß dieses ungewöhnlichen byzanti-
nischen Prooimions bildet eine Bescheidenheitsformel: Er, Blemmydes, wagte sich nur
deshalb an das Schreiben, weil sein Kaiser (‰måw a‡tokrÀtvr) den Befehl erteilt habe.
Gleichzeitig bat er die Leser um Verständnis für seine Trägheit und mangelnde Kompe-

3
Vgl. E. R. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern/München 101984,
95 ff. Zu den Prooimia historischer Werke vgl. H. Lieberich, Studien zu den Proömien in der grie-
chischen und byzantinischen Geschichtsschreibung. Teil II. Programm des Kgl. Realgymnasiums.
München 1899/1900.
4
Blemmydes benutzt nicht den Terminus ˆrgÝa (=Trägheit), sondern die synonymen ˆmÛleia
(= Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit) und ˆkauarsÝa (= Unredlichkeit).
5
Vgl. H. Hunger, Die hochsprachliche Literatur der Byzantiner. Bd. 1. München 1978, 157–165 so-
wie Lemma Fürstenspiegel, in: Lexikon des Mittelalters. Bd. IV. München 2002, Sp. 1053–1058.
6
Diesen ehrenvollen Auftrag erwähnt Blemmydes in seiner Autobiographie: vgl. A. Heisenberg,
Nicephori Blemmydae curriculum vitae et carmina, Leipzig 1896, XVII, Anm. 2: „ pÛnte tináw nÛoyw
à ‰måw despÞthw kaä basileæw eŒw tãn t¬n grammÀtvn proelÞmenow mÀuhsin, ‰kreàsasan taàthn
prÞteron ˆnalvueÝshw t&w KvnstantÝnoy pará t¬n \Ital¬n, tŸ paideÝ— a‡toæw dÛdvken Ïsper
pÛnte aŒsuÜseiw, ... e¡w ‰k toàtvn à ‰mw ‰stin \Akropolthw“.
7
Vgl. PG 142, 611–674.
8
Vgl. G. Prinzing, Beobachtungen zu „integrierten“ Fürstenspiegeln der Byzantiner. JÖB 38
(1988) 1–31, bes. 15.
9
Vgl. W. Blum (Übers.), Georgios Akropolites, Die Chronik. Stuttgart 1989, 4–5 und die dort
angegebene Literatur sowie A. Meliarake, ^IstorÝa to® basileÝoy t&w NikaÝaw kaä to® despotÀtoy
t&w \HpeÝroy (1204–1261). Athen 1898 (Ndr. 1994) 357–364, wo diese Begebenheit ausführlich be-
handelt wird.

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P. Carelos, Ein „integrierter“ Fürstenspiegel 401

tenz, obwohl er andererseits für sich Klarheit beanspruchte: „kaä gár î dÛdotai, to®to
kaä eœrhtai kaä Ñw dÛdotai (ProoÝmion, 36–37)“.
Ein Vergleich mit den von G. Prinzing10 untersuchten integrierten Fürstenspiegeln
ergibt eine – bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt – Singularität für den hier behandelten.
Die Tatsache, daß ich bis jetzt keinen weiteren ähnlich gelagerten Fall feststellen konnte,
hängt höchstwahrscheinlich mit der Anzahl der untersuchten Quellen zusammen. Aus
diesem Grunde sollte die Suche nach integrierten Füstenspiegeln auch auf byzantinische
Texte z. B. philosophischen bzw. naturwissenschaftlichen Inhalts erweitert werden.

Anhang

Nikh®Þroy monasto® kaä presbytÛroy to® Blemmàdoy


eŒsagvgik&w ‰pitom&w biblÝon pr¬ton

ProoÝmion

\EpeidÜper Ò logikã ‰pistÜmh pråw tãn Óerán Gra®ãn kaä pÀntaw toæw t&w
5 ˆlhueÝaw lÞgoyw o‡k …lÝgon ®Ûrei tå xrÜsimon, dÛon ‰krÝnamen to‘w to® lÞ-
goy ®oithta‘w to® ¹ntow kaä t&w ˆlhueÝaw màstaiw mikroàw tinaw ‰n taàt“ tŸ
logikŸ lipe‘n ÒmetÛroyw Ðpomnhmatismoàw, o¦w aŒthsamÛnv basile‘, nÛoi šti
¹ntew kaä pråw ®iloso®Ýan eŒsagvgikoä kaä ˆnepistÜmonew - Ãpo‘oi kaä eŒw tå
Ôj&w ‰k t&w syntrÞ®oy ¨auymÝaw kaä ¨yparÝaw diemeÝnamen - ‰kdedqkamen,
10 oÅtv prooimiasÀmenoi .
BasileÝaw kaä ®iloso®Ýaw polæ tå syggenÛw te kaä ÃmoiÞtropon• kaä gár
™m®v tå megale‘on t&w uearxÝaw ‰jeikonÝzoysi kaä tån œson protÝuentai skopån
Ôayta‘w• Ò mân t¬n ˆji¬n ÐperÛxoysa kaä ta‘w ˆrxa‘w ‰pitÀttoysa, Ò dâ t¬n
texn¬n ‰jÀrxoysa kaä t¬n ‰pisthm¬n kaä nomoueto®sa taàtaiw °pÀsaiw kaä
15 kaloymÛnh diá ta®ta tÛxnh texn¬n kaä ‰pistÜmh ‰pisthm¬n, Ïsper Ò basileÝa
t¬n ˆji¬n ˆjÝa kaä Ðperoxã t¬n Ðperox¬n. basileÝaw o‡n kaä ®iloso®Ýaw
syneluoys¬n tÛleion tå kat\ eŒkÞna ueÝan xarakthrÝzetai kaä ˆnendeÛw, Ñw
‰jån ˆnurqpv, tå ˆrxikån ˆpodeÝknytai• kˆnte®uen e‡zvýa kaä e‡pragÝa
to‘w ˆrxomÛnoiw pollÜ• kauqw poy kaÝ tiw mÛgaw ®ilÞso®ow ‰gnvmÀteysen
20 ™rista, tÞte toæw ÐphkÞoyw e‡ šxein ˆpo®hnÀmenow, Âte basileàei ®ilÞso®ow
ê ®iloso®e‘ basileàw. kaä ´na eœpv syntÞmvw tå p¯n, o‡k ™llo tÝ ‰sti tå ba-
sileàein ‰pisthmonik¬w ê t&w praktik&w ®iloso®Ýaw a‡tå tå ˆkrÞtaton. ‰n a‡tš
gár ±pan tå nomouetikÞn te kaä dikastikÞn. eŒ dâ to®to metá to® uevrhtiko®
te kaä logiko® kaä ‰n prÀgmasi kaä dÞgmasi basilik¬w ‰pistatÜsei à basileæw
25 kaä tå pronohtikån kaä tå diakybernhtikån kaä Âlvw tå paideytikån ‰ndeÝjetai
pantaxo® kaä ueÞw tiw ™llow ‰pä g&w eÐreuÜsetai metá t&w t¬n ¹ntvn gnqsevw
ˆkvlàtvw t¬n katadeestÛrvn ‰pime loàmenow.
Ta®t\ o‡n à ‰måw a‡tokrÀtvr eŒdqw, Âti pollãn perä tãn ®iloso®Ýan eŒsÀ-
gei spoydÜn, to‘w ®ysiko‘w pleonektÜmasi tãn perä tá kÀllista melÛthn ‰pi-
30 synÀptvn, ‰j Ñn Ãmo® pÛ®yken ‰ntel¬w katoruo®suai p¯n šrgon tÝmion. ‰peä

10
Vgl. Prinzing, Beobachtungen (wie Anm. 8) 1–31.

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402 Byzantinische Zeitschrift Bd. 98/2, 2005: I. Abteilung

dâ kaä Òm¯w toæw mikroæw mikrÀn tina kaä prÞxeiron a‡tš syneisenegke‘n to®
spoydÀsmatow ‰kÛleysen ˆ®ormÜn, ˆpoplhro®ntew tãn kÛleysin toæw Ðpote-
tagmÛnoyw eŒsagvgoæw ‰n ®iloso®Ý— kat\ ‰pitomãn synetÀjamen …lÝgoyw Ðpom-
nhmatismoàw. $Ouen eœ tiw t¬n ‰pisthmÞnvn tå parån ‰pÛrxoito syntagmÀtion,
35 mã pråw tå t&w ÐpomnhmatÝsevw ˆmeuÞdeyton kaä tå t¬n ‰pistasi¬n ˆkatey-
stÞxhton ˆ®or¬n …rgizÛsuv. kaä gár î dÛdotai, to®to kaä eœrhtai kaä Ñw dÛ-
dotai. î dâ Ò sànoikow ˆmÛleia kaä Ò ˆkauarsÝa ®uÀsai kekvlàkasin eŒw Òm¯w,
‰k t&w ploytodÞtidow so®Ýaw eŒs®erÛtv par\ Ôayto® à ŠjivmÛnow labe‘n, t&w
te ˆnepisthmosànhw sygginskÛtv Òm‘n.

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