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KRITIK

Eine Weltkarte der Ungleichheit die indische, die chinesische und die russi-
sche Geschichte Berücksichtigung finden.
Thomas Pikettys neues Buch
Der dritte Teil schließt diese Erzählung
»Kapital und Ideologie«
mit der Darstellung der dramatischen
Von Oliver Schlaudt Selbstzerstörung der europäischen Eigen-
tümergesellschaften in den beiden Welt-
kriegen, der sozialdemokratischen Nach-
»Die soziale Ungleichheit ist weder ein kriegsprojekte, der kommunistischen und
technologisches noch ein ökonomisches postkommunistischen Erfahrungen und
Phänomen, sondern ein politisches und schließlich des gegenwärtigen Hyperka-
ideologisches.« So lautet in einem Satz die pitalismus. Im vierten Teil ändert sich der
Hauptthese von Thomas Pikettys neuem Ton deutlich, die Geschichtsschreibung
Buch Kapital und Ideologie.1 Stolze 1300 weicht einer politischen und soziologi-
Seiten Text umfasst der Band, in dem der schen Gegenwartsanalyse.
französische Starökonom sich anschickt,
eine ökonomische, soziale und politische
Die identitäre Falle
Geschichte inegalitärer Systeme von den
Feudal- und Sklavenhaltergesellschaften Als entscheidende politische Herausforde-
bis zu den postkolonialen und »hyperka- rung unserer Zeit wird die »identitäre Fal-
pitalistischen« Gesellschaften der Gegen- le« identifiziert. Die Sozialdemokratie sei
wart zu schreiben. Ein besonderes Augen- im Grunde Opfer ihres eigenen bildungs-
merk gilt dabei der Ideologie, denn, wie politischen Erfolgs geworden, indem sie
es bei Piketty immer wieder heißt, »jede sich schleichend von einer Arbeiterpar-
Gesellschaft muss ihren Ungleichheiten tei in eine Akademikerpartei v­ erwandelt
einen Sinn geben«, damit diese gerecht- habe. Die ehemalige Klientel empfinde
fertigt und folgerichtig akzeptiert werden sich heute als Globalisierungsverlierer
können. und drohe, zwischen einer »Kulturlinken«
Der erste Teil des Buchs bietet einen (gauche brahmane) und einer »Business-
ökonometrisch fundierten Aufriss der eu- rechten« (droite marchande) politisch hei-
ropäischen Geschichte der Ungleichheit matlos geworden, sich auf die nationale
vom Mittelalter bis zu den modernen Ge- Identität zurückzuziehen.
sellschaften. Im zweiten Teil geht ­Piketty In der Regierung Macrons, de facto aber
auf Kolonial- und Sklavenhaltergesell- auch bei den britischen remainers, sieht
schaften ein, wobei insbesondere auch Piketty eine Koalition dieser zwei Lager
von Globalisierungsgewinnern, die sich
1 Thomas Piketty, Kapital und Ideologie. Aus
dem Französischen v. André Hansen, Enrico
selbst als progressiv betrachten und einen
Heinemann, Stefan Lorenzer, Ursel Schäfer verächtlichen Blick auf die Abgehängten
u. Nastasja Dresler. München: Beck 2020. werfen. Die Rechte verstehe, an die aufkei-

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menden Ressentiments dieser Schicht zu Frage muss man auch beantworten, um zu


appellieren, ohne dabei von einer neolibe- wissen, an welchen Maßstäben das Werk
ralen Wirtschaftspolitik abrücken zu müs- zu messen ist. Aber genau diese Frage ist
sen. Die Sozialdemokratie hingegen stehe alles andere als leicht zu beantworten. Pi-
mit leeren Händen da, da sie es schon vor ketty selbst präsentiert sein Buch als eine
Jahrzehnten verpasst habe, ein postnatio- Fortsetzung des Vorgängerwerks Das Ka-
nales Programm zu entwickeln, mit dem pital im 21. Jahrhundert (2013/2014). In
einzig noch einem postnationalen Kapita- diesem Buch – das Piketty ungeachtet des
lismus beizukommen sei. auch schon beeindruckenden Umfangs
Piketty antwortet seinerseits auf die- von 800 Seiten im Untertitel als Essay aus-
se politische Herausforderung mit dem wies – präsentierte der Autor die Früchte
Programm eines »partizipativen und de- einer minutiösen, auf dem Studium von
zentralen Sozialismus«. Dieser stützt sich umfassendem Archivmaterial und Steuer-
im Wesentlichen auf die stark progressive statistiken basierten historischen Rekon-
Besteuerung von Einkommen, Besitz und struktion der Vermögensverteilung in Eu-
Erbe, beinhaltet aber auch neuartige Ele- ropa und Nordamerika über drei Jahr-
mente wie eine radikalisierte Mitbestim- hunderte.
mung in Betrieben und eine Art »Grund- Das Hauptergebnis dieses Buchs war
erbe« von 120 000 Euro, das im Alter von ein doppeltes: Piketty konnte zum einen
fünfundzwanzig Jahren an jeden Bürger zeigen, dass sich über das 19.  Jahrhun-
ausbezahlt werden soll. dert hinweg – entgegen der Versprechen
Das neue Buch fällt insgesamt durch der bürgerlichen Revolutionen – das Ei-
eine radikalere und explizitere politi- gentum immer weiter konzentrierte. Die-
sche Positionierung auf. Piketty formu- ser Trend wurde erst durch die »politi-
liert nicht bloß abstrakt, sondern ergreift schen Schocks« der Weltkriege beendet,
konkret Partei, stellt sich auf die Seite der bevor die Eigentumskonzentration ab
»Abgehängten«, die er gegen den Klas- den 1970er Jahren wieder einsetzte und
senhass der Eliten und Globalisierungsge- inzwischen fast das Vorkriegsniveau er-
winner in Schutz nimmt. Er solidarisiert klommen hat. Zum anderen benannte
sich der Sache nach mit den gilets jaunes ­Piketty einen konkreten ökonomischen
und greift das neoliberale Europa an. Mechanismus, der hinter dieser Dynamik
am Werk ist: Wenn das Wirtschaftswachs-
tum hinter die Kapitalrendite zurückfällt,
Das Kapital im 21. Jahrhundert
wächst das bestehende und durch Erb-
Damit der Leser entscheiden kann, ob er schaft weitergegebene Vermögen »von
sich auf die gleichwohl beachtliche Lek- ­alleine« schneller als die Einkommen aus
türe einlassen soll, will er vermutlich wis- Arbeit, womit auch die Ungleichheit im-
sen, um welche Art von Buch es sich bei mer weiter zunimmt.
Kapital und Ideologie überhaupt handelt. Piketty war mit Das Kapital im
Spricht hier ein Ökonom, Historiker oder 21. Jahrhundert, das laut Verlag in vier-
Soziologe, überhaupt noch ein Wissen- zig Sprachen übersetzt rund 2,5 Millionen
schaftler, oder doch ein Politiker? Dieselbe Mal verkauft wurde, ein echter Coup ge-

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lungen, und zwar gerade weil er sich zwi- nen ebenso wie Luxusgütern, womit un-
schen alle Stühle setzte: Ein gestandener klar wurde, welche Rolle das Kapital in
Schulökonom (mit den prestigeträchti- der Produktion spielt.2 Piketty saß also
gen Stationen LSE, MIT, Paris School of zwischen den Stühlen, aber zugleich kam
Economics) wies mit empirischen Daten keiner um ihn herum, womit der Erfolg
akribisch nach, dass der Kapitalismus des Buchs perfekt war.
an seinem moralischen Versprechen, die
Schranken der Ständegesellschaften zu
Kapital und Ideologie
überwinden und zu einer gerechteren Ge-
sellschaft zu führen, gescheitert ist – und Mit Kapital und Ideologie folgt nun die
sogar scheitern musste. Fortsetzung. Hauptunterschied ist laut
Denn den Kapitalismus hinderten Piketty der in zweifacher Weise erweiter-
ja nicht widrige Umstände daran, sei- te Fokus: Zum einen finden nun auch au-
ne wohltuende Wirkung zu entfalten. Er ßereuropäische Länder Berücksichtigung
bringt die wachsende Ungleichheit viel- (deren Daten Pikettys Forschungsgruppe
mehr nach seinen eigensten Gesetzen her- auch dank des Erfolgs des ersten Buchs
vor. Piketty stellte sich damit offen gegen erst zugänglich wurden), zum anderen
den Mainstream seines Fachs, das tradi- wagt sich Piketty nun daran, die Black-
tionell mit der Verklärung des Kapitalis- box der »Ideologie« zu öffnen. Ideologie
mus befasst ist. Die Empörung unter den sei tatsächlich so etwas wie der Schlüssel
liberalen Kollegen war groß. Manche be- zum Verständnis der globalen Geschichte
gingen den Fehler, Piketty just dort anzu- der Ungleichheit. Die Geschichte, so sucht
greifen, wo er am stärksten ist: an seiner sich Piketty von Marx abzusetzen, sei kei-
empirischen Grundlage. »Piketty’s fin- ne Geschichte von Klassenkämpfen, son-
dings undercut by errors«, meldete die dern von Ideologien.
Financial Times in ihrer Ausgabe vom Der deutsche Leser sei an dieser ­Stelle
23. Mai 2014 – ein Angriff, den Piketty mit übrigens gewarnt, dass die Übersetzung
Leichtigkeit parierte. von Pikettys Begriff der »idéologie« mit
Aber auch auf der anderen Seite des »Ideologie« zwar wohl unvermeidlich,
Spektrums war die Verwirrung beträcht- aber durchaus problematisch ist. Zum
lich. Der reiche Datenregen war den tra- ­einen ist das französische »idéologie« wei-
ditionell kapitalismuskritischen hetero- ter gefasst und wird nicht nur pejorativ ge-
doxen Ökonomen hochwillkommen, aber braucht. Ideologie bezeichnet hier einfach
die orthodoxen ökonomischen Model- die normative Grundlage einer jeden Ge-
le und Begriffe hinter den Zahlen waren sellschaft. Dazu kommt, dass Piketty das
bei näherer Betrachtung nicht zu überse- Wort auf eigentümliche Weise verwendet.
hen. Überhaupt bemerkte man bei Piketty »Idéologie« umfasst bei ihm zum einen so
eine gefährliche Nonchalance im Umgang etwas wie das geteilte intellektuelle und
mit theoretischen Begriffen wie »Kapi-
tal« oder »Kapitalismus«. Insbesondere 2 Vgl. beispielsweise die Kritik von Mary
den Kapitalbegriff fasste Piketty als blo- O’Sullivan in der American Historical
ße Summe jeglichen Besitzes, von Maschi- ­Review vom April 2015.

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moralische Koordinatensystem einer Ge- genwartsanalyse Pikettys ist stark. Als


sellschaft, wie es sich zum Beispiel in der Historiker vermag Piketty zunächst weni-
politischen Rede, durchaus aber auch in ger zu beeindrucken. Die Kapitel über die
Roman und Kino ausdrückt, auf die sich außereuropäischen sowie die kommunis-
der Autor immer wieder bezieht. Vor al- tischen und postkommunistischen Gesell-
lem aber meint Piketty mit Ideologie deren schaften wirken streckenweise angelesen
kristallisierte Gestalt in Form der Institu- und sind bei weitem nicht so informa-
tionen, nämlich der Rechts-, Steuer-, und tiv, wie es der enorme Umfang gestatten
Bildungssysteme. Niemals aber versteht würde. Das Bild ändert sich freilich, wenn
Piketty unter Ideologie philosophische man zum Herzstück des Buchs vordringt:
und politische Theorien. Wer bei ihm eine der Geschichte des Eigentums. Wenn ­diese
Ideengeschichte der Ungleichheit und ih- Geschichte in ihrem globalen Verlauf auch
rer Rechtfertigung sucht, wird enttäuscht. wenige Überraschungen a­ ufweisen mag,
Was aber findet man in Kapital und besticht sie gleichwohl dadurch, wie der
Ideologie? Piketty selbst spricht in der Autor es versteht, die Kategorie des Eigen-
Originalausgabe von einer »histoire rai- tums gründlich zu historisieren. P ­ iketty
sonnée« der inegalitären Gesellschaften. zeichnet hier nicht mehr bloß die Vertei-
Diese Bezeichnung lässt an das Diction- lung des Besitzes nach, sondern erzählt,
naire Raisonné der französischen Enzy- wie die Kategorie des Eigentums über-
klopädisten denken, und dieser Vergleich haupt entstanden ist.
ist hilfreich. Zunächst teilt Piketty mit
den französischen Aufklärern den Em-
Die Geschichte des Eigentums
pirismus. Seine Geschichte beginnt mit
den Quellen in Gestalt von ausführlichem Die Erzählung verläuft in fünf Akten. Sie
Zahlenmaterial. Auf dieser Grundlage beginnt mit der Französischen Revolution,
entfaltet Piketty seine Geschichte der Un- in der sich die Aufgabe stellte, die Privile-
gleichheit und die soziologische Bestands- gien des Adels und die mannig­fachen Fa-
aufnahme der gegenwärtigen Situation. cetten der feudalen Eigentumsbeziehung
Als Soziologe ist Piketty überraschend in zwei Klassen zu sortieren: hoheitliche
stark. Nach allen Regeln der Kunst ent- Rechte einerseits, die nunmehr dem Staat
larvt er die gängigen Narrative einer Eli- zufallen sollten, und Eigentumsrechte an-
te, die die erfolglosere Mehrheit der Ge- dererseits, die aufgrund einer quasi ver-
sellschaft als rückständig abstempelt und traglichen Natur als legitim anerkannt
alle Kritik, die sie selbst treffen könnte, als und dem Adel belassen werden konnten.
»populistisch« abtut. Diese Analysen sind Diese Trennung ist für uns heute banal,
umso beeindruckender, als Piketty einen stellte in der historischen Situation aber
Standpunkt angreift, den er nach Soziali- eine Herausforderung dar. Im Einzelfall
sierung und Status eigentlich teilt. war eine Entscheidung häufig schwer zu
Es ist alles andere als selbstverständ- begründen.
lich, dass der Gründungsdirektor der Paris Die detaillierte Rekonstruktion dieser
School of Economics die Sache der ­gilets Trennung ist eines der Glanzstücke von Pi-
jaunes verteidigt. Auch die politische Ge- kettys Buch. Die Französische Revolution

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erscheint hier nicht als Erringung von De- machen, die der Entschädigung der Skla-
mokratie und Menschenrechten, sondern venhalter analog sind. Man denke etwa
als Triumph von Eigentum und Geldstabi- an den Investorenschutz, dem eine Art
lität in Europa. Es folgt das 19. Jahrhun- Recht auf Profit eingeschrieben ist. Joseph
dert als eine Epoche der »Sakralisierung« E. Stiglitz illustriert dies an einem dras-
des Eigentums und der Ungleichheit. Das tischen Beispiel: »Heute müssen Asbest-
Eigentum wird zum Naturrecht mit ver- hersteller die Leute entschädigen, deren
fassungsrechtlicher Absicherung. Als Leben sie zerstört haben. Der Logik des
schockierendes Sinnbild dieser Epoche Investitionsschutzes in TTIP nach sollen
wählt Piketty ein ökonomisches Kapitel wir nun Asbesthersteller dafür entschädi-
aus der Geschichte der Abschaffung der gen, dass sie niemanden mehr töten. Wir
Sklaverei: Es waren damals die Sklaven- sollen ihnen zu Profiten verhelfen, die sie
halter, die für das verlorene Eigentum ent- erzielt hätten, wäre es weiter erlaubt ge-
schädigt wurden, nicht aber die Sklaven wesen, Menschen umzubringen.«3
für das erlittene Leid und die unentgelt- Wenn Piketty diese neue Verabsolutie-
lich geleistete Arbeit. rung des Eigentums in unserer Zeit als
Die Ungleichheit steigert sich bis zu einen »Archaismus« bezeichnet, enthält
dem großen Crash in den beiden Welt- dies eine subtile Spitze. Als »archaisch« –
kriegen, die schon im Buch von 2013 nämlich provinziell, rückständig, natio-
eine Hauptrolle spielten. Sie eröffnen nalistisch, ressentimentgeladen – nehmen,
den dritten Akt, in dem sozialdemokra- wie Piketty später erläutert, die heutigen
tische Gesellschaftsentwürfe das Eigen- Eliten die Globalisierungsverlierer wahr.
tum einzuhegen helfen. Das betriebliche Piketty wirft den verächtlichen Blick der
Mitbestimmungsrecht in Deutschland be- Eliten auf diese selbst zurück: Sie sind die
trachtet Piketty auch für seine Zukunfts- wahren Rückständigen. Der fünfte Akt
visionen als maßgeblich, wie er sich über- schließlich ist der Zukunft vorbehalten.
haupt durchweg positiv auf die »soziale In der Finanzkrise von 2008 sieht ­Piketty
Marktwirtschaft« bezieht. Mit der »kon- eine Bewusstwerdung, einen Wendepunkt
servativen Revolution« der 1980er Jahre zu einem Klima, in dem vielleicht auch
und dem Zusammenbruch des Ostblocks seine Pläne eines partizipativen Sozialis-
wird der vierte Akt der »neoproprietaris- mus gedeihen können.
tischen« Gegenwartsepoche eingeläutet,
die wieder von hohen Eigentumskonzen-
Wetterkarte der Ungleichheit
trationen, einer erneuten Sakralisierung
des Eigentums und einer quasifeudalen Wie die Enzyklopädisten des 18. Jahrhun-
Elitenstruktur gekennzeichnet ist. derts begibt sich Piketty in die Vogelper-
Sinnbildlich ist für Piketty hier vor al- spektive, um, wie es d’Alembert damals
lem das neoliberale Europa, das seine ausdrückte, »une espèce de mappemon-
politische Einheit allein auf freien Kapi- de«, eine Art Weltkarte der Ungleichheit
talfluss zu gründen trachtet. Die Verab-
solutierung des Eigentums lässt sich in 3 Joseph E. Stiglitz im Interview mit Der Frei-
der Gegenwart durchaus an Fällen fest- tag vom 22. September 2015.

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zu liefern. William James benutzte in sei- will, sondern diese großteils als »endo-
ner Pragmatismus-Vorlesung 1907 eine gen«, nämlich als Resultat der Ungleich-
ähnliche Metapher: die Wetterkarte. Für heit, betrachtet werden können.4 In sei-
die Bewohner von Boston stellt sich das nem neuen Buch bestätigt er diese Lesart:
Wetter schlicht als kapriziös dar, aber das »Offensichtlich war der Erste Weltkrieg
meteorologische Büro in Washington ver- kein von außen kommendes Ereignis, das
arbeitet die scheinbare Unordnung, indem der Planet Mars auf die Welt geschleudert
es die einzelnen Ereignisse in kontinuier- hatte.«
liche, großräumige Prozesse einordnet. Überraschenderweise führt diese »En-
Dies lässt sich auf Kapital und Ideologie dogenisierung« der politischen Schocks
übertragen. Wer die Zeitung liest, verhält nun aber nicht zu einer rein ökonomi-
sich wie der Bostoner, der einen prüfen- schen Geschichtskonstruktion, die die
den Blick in den Himmel wirft. Pikettys Politik nur mehr als abhängige Variable
Buch hingegen gleicht der Wetterkarte, zulässt. Das Gegenteil ist der Fall, es tritt
auf der zufällige und chaotische Wechsel im neuen Buch ein geradezu umgestülp-
vor dem Fenster in das atemberaubende tes Geschichtsmodell zutage. Zwar unter-
Panorama über die Kontinente und Hemi- scheidet Piketty wieder zwischen langfris-
sphären ziehender Wetterphänomene ein- tig wirkenden »tieferliegenden Ursachen«
geordnet wird. einerseits und einer kurzfristigen »Ereig-
Genau wie bei der Wetterkarte bleibt nislogik« andererseits. Als Erstere nennt
allerdings eine Frage noch unbeantwor- er aber nun in genauer Umkehrung »län-
tet: Welche Kräfte treiben das globale at- gerfristige politisch-ideologische Ent-
mosphärische Geschehen an? Taucht man wicklungen«. Erreichen diese einen kriti-
tiefer in die Geschichte ein, die ­Piketty zu schen Punkt der Instabilität, entscheiden
erzählen hat, begreift man allmählich, die lokalen Verhältnisse – zirkulierende
dass Kapital und Ideologie mitnichten Ideen, das Mobilisierungspotential poli­
einfach eine Fortsetzung von Das Kapi- tischer Gruppen, aber eben auch öko-
tal im 21. Jahrhundert mit erweitertem nomische Schocks (wie zum Beispiel die
Fokus darstellt, sondern ihm eine funda- Inflation der Immobilienpreise in den
mental veränderte Geschichtskonstruk- 1970er Jahren, die laut Piketty zu Ronald
tion zugrunde liegt. In seinem Buch von Reagans Erfolg beitrug)  –, welcher Ab-
2013 ging er davon aus, dass im Grun- zweigung die Geschichte folgt (»Abzwei-
de ökonomische Gesetzmäßigkeiten die gung« oder »Weichenstellung«, wie es in
Langzeittendenzen regeln. Diese können der deutschen Übersetzung uneinheitlich
durch externe, politische Schocks gestört heißt – richtiger wäre »Bifurkation« –, ist
werden, woraufhin das System allmählich ein Schlüsselbegriff, den Piketty der Welt-
wieder in die ökonomisch definierten Bah- systemtheorie Wallersteins entlehnt hat).
nen zurückkehrt.
Bereits 2015 hatte Piketty freilich an-
gemerkt, dass er die politischen Schocks 4 Thomas Piketty, About »Capital in
eigentlich nicht als »exogene«, also wirt- the Twenty-First Century«. In: American
schaftsfremde Größen verstanden wissen Economic Review, Nr. 5, Mai 2015.

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Ideologie – also die institutionelle In- mäßige Reform einer gesellschaft­lichen


frastruktur – wird in Pikettys Geschichts- Institution.
modell zum wichtigsten erklärenden Fak- Dies steckt also hinter Pikettys Bestre-
tor. Dies ist der Sinn des eingangs zitierten ben, die Ideologie »ernst zu nehmen«, wie
Satzes, Ungleichheit sei kein ökonomi- es programmatisch heißt. Die Spitze ge-
scher, sondern ein ideologischer Sach- gen Marx ist dabei übrigens schlecht plat-
verhalt. Damit steht das neue Buch dia- ziert, denn wenn dieser auch den »Schein«
metral gegen den Vorgängerband. Rein kritisierte, »als ob die Herrschaft einer be-
ökonomischen Erklärungen fehle gerade stimmten Klasse nur die Herrschaft gewis-
das »Wesentliche«, stellt Piketty nun fest. ser Gedanken sei«,5 so wusste doch kaum
Man mag es für einen perspektivischen jemand so gut wie er um die Wirkmäch-
Effekt halten, welche Faktoren als Lang- tigkeit von Ideen. Dieser Ansatz P ­ ikettys
zeittrends erscheinen und welche als exo- mag auch naiv erscheinen, insofern die
gene Schocks. Der Ökonom sieht es auf herrschende Klasse ihre Ideologie oft
die eine Weise, dem Politikwissenschaftler selbst nicht ernst nimmt. Piketty nennt in
stellt es sich anders dar. Aber bei ­Piketty der Tat immer wieder Beispiele, die ganz
hat es eine tiefere Bewandtnis damit. offenkundig einen guten Schuss Heuche-
lei, Verlogenheit und Zynismus enthal-
ten: England rechtfertigt seine Kolonial-
Die Ideologie des absoluten Eigentums
herrschaft in Indien mit dem Schutz des
Die Annahme von ökonomischen Geset- Landes vor seiner brutalen Oberschicht,
zen als einer fundamentalen Schicht der empfindet den Versuch Chinas, sich vor
historischen Wirklichkeit im Buch von der Opiumflut zu schützen, als unerträgli-
2013 war noch der Vorstellung verpflich- che Verletzung der Prinzipien des Freihan-
tet, dass ökonomische Prozesse wie die dels, setzt sich aber der indischen Konkur-
Kapitalakkumulation und insbesondere renz auf dem Textilmarkt erst dann aus,
die Rekonsolidierung des Kapitals in den als die heimische Industrie bereits einen
vergangenen Jahrzehnten gleichsam »aus klaren Vorteil errungen hat. Auch das auf
sich selbst heraus« geschehen, also Natur- »Chancengleichheit« ausgelegte französi-
prozessen gleichen. Nun hält Piketty da- sche Bildungssystem brandmarkt Piketty
gegen, dass sich solche Prozesse der öf- ausdrücklich als heuchlerisch.
fentlichen institutionellen Infrastruktur Viel wertvoller als diese Anklagen ist
verdanken, die sie ermöglicht und trägt. indes die Einsicht, dass die Ideologie
Diese Einsicht ist auch politisch entschei- des Eigentums die Heuchelei im G ­ runde
dend. In diesem Bild verliert das Privat- überflüssig macht und den Besitzenden
eigentum den Anschein des Naturrechts erlaubt, einfach auf ihr natürliches Recht
und wird als soziales Verhältnis sichtbar. zu p­ ochen. So können die »absentee land-
Hat man dies einmal begriffen, verlieren lords« von der britischen Hauptinsel aus
auch Regulierungen des Eigentums ihren das benachbarte Irland in eine Hungers-
Schrecken. Sie stellen keinen künst­lichen not stürzen, so können sich Sklavenhal-
Eingriff in einen gleichsam natürlichen
Sachverhalt dar, sondern bloß die zweck- 5 MEW, Bd. 3, S. 48.

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ter bei der Durchsetzung der Menschen- ­ iketty raffiniert, indem er ihn dem Ver-
P
rechte entschädigen lassen, so kann der dacht ­einer politischen Unaufrichtigkeit
Kapitalist einen Teil des kargen Lohns aussetzt: Er vergleiche nicht Unvergleich-
sogleich als Miete der Wohnung, die er bares, sondern gerade Gesellschaften,
ebenfalls besitzt, zurückfordern, so kön- die »lieber nicht miteinander verglichen
nen Deutschland und Frankreich noch mit würden«. Die Intransparenz macht laut
den Zinsen der Notkredite, die sie Grie- ­Piketty ­einen charakteristischen Zug des
chenland gewährten, Geld verdienen, so heutigen Eigentumsregimes aus, und in
können die Superreichen dank staatlicher dem »Gefühl, etwas Besonderes zu sein«,
Steuernachlässe auch gleich noch das ver- welches den Vergleich verbietet, geht die-
äußerte Eigentum der geschwächten Staa- se Intransparenz eine ungute Koalition
ten aufkaufen. All dies funktioniert dank mit neoliberaler Identitätspolitik und na-
der Ideologie des absoluten Eigentums tionalem Ressentiment ein.
auch ohne Heuchelei. Genau dagegen wendet sich Piketty,
wenn er unterstreicht, dass die Ungleich-
heit immer nur als historisches Produkt
Auf Messers Schneide
der jeweiligen Kräfteverhältnisse verstan-
Man mag sich nun allerdings fragen, wo- den werden dürfe, nicht aber als Ausdruck
rin dieses Projekt überhaupt noch ein des »Wesens« einer Kultur oder Zivilisa­
ökonomisches ist. Wo Piketty vormals als tion. Auch das Argument, wir könnten
Ökonom beeindrucken konnte, indem er traditionelle Ungleichheiten in fremden
in der politischen Geschichte das Wirken Kulturen nicht kritisieren, ohne sie gleich-
eines verborgenen ökonomischen Mecha- sam ein zweites Mal, und nun auf mora-
nismus aufdeckte, scheint er nun auf der lischer Ebene, zu kolonisieren, pariert Pi-
Oberfläche dieser Geschichte zu bleiben. ketty geschickt, indem er die Erfahrungen
Hat Piketty die Ökonomie, die er histo- zum Beispiel Indiens mit Programmen
risch und sozialwissenschaftlich einhe- positiver Diskriminierung diskutiert, sich
gen wollte, versehentlich an den Nagel also vielmehr durch Indien belehren lässt,
gehängt? Dem ist nicht so, die Ökono- als dieses zu belehren.
mie steckt in der Methode des Vergleichs. Ungeachtet dieser geschickten Verteidi-
Die Vergleichbarkeit stellt Piketty gerade gung steht Pikettys Projekt zu jedem Zeit-
durch die ökonometrischen Beschreibun- punkt auf Messers Schneide. Der tiefere
gen her, die das gesamte Buch prägen. Dies Grund dafür ist, dass die Ökonomie nicht
ist wissenschaftlich wie politisch durch- über allgemeine, überhistorische Katego-
aus ein universalistisches Projekt, inso- rien verfügt, sondern in ihren Begriffen an
fern es eben von universellen Maßstäben die je spezifische, im vorliegenden Fall ka-
des Vergleichs ausgeht. Auch darin steht pitalistische Wirtschaftsform rückgebun-
Piketty in der Tradition der Aufklärung. den bleibt. Konkret bedeutet dies, dass
Den zu erwartenden Einwand, dass ­Piketty in der Messung der Ungleichheit
sich die historischen und kulturellen mit Größen arbeitet, die in Geldmengen,
­Fälle aufgrund ihrer jeweiligen Einzigar- mithin der Sprache des Marktes ausge-
tigkeit nicht vergleichen ließen, pariert drückt werden. Dieser Ansatz steht na-

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türlich in einem Spannungsverhältnis zu deutschen Übersetzung noch weiter ver-


­ ikettys übergeordnetem Ziel, die Kate- schwimmen).
P
gorie des Eigentums zu historisieren. Auf der einen Seite trifft man u
­ nentwegt
Just in dem Maß, in dem das Projekt Begriffe aus der orthodoxen ökonomi-
gelingt, muss die Sprache problematisch schen Theoriebildung: »Humankapital«,
werden, in der es nur gelingen kann. Wie »Naturkapital«, »Externalitäten«. Und
ist zum Beispiel in der Eigentumsvertei- daneben stehen unvermittelt (und oft ohne
lung ein Sklave abzubilden, der sich nicht Herkunftsangaben) sozialwissenschaft-
einmal selbst besitzt, wie die nichtmone- liche Begriffe wie »säkulare Trends« und
täre Ungleichheit in einer Planwirtschaft, »Bifurkation« (Wallerstein), »Dispositive«
wie das durch die Naziokkupationen ver- (Foucault), »symbolisches Kapital« (Bour-
ursachte Leid, wie der Wertverlust geschä- dieu), »Schocktherapie« (Naomi Klein)
digter Ökosysteme? Piketty hat über das usw. Dies wird zu einem echten Problem,
gesamte Buch hinweg den Balanceakt zu insofern diese beiden Stränge von Be-
bewältigen, sich einerseits auf ökonome- griffsbildungen inkompatibel, nämlich in-
trische Daten zu stützen und andererseits kommensurablen Perspektiven verpflich-
deren Aussagekraft immer wieder zu hin- tet sind.
terfragen und zu relativieren. Die ökonomischen Begriffe spiegeln
die Perspektive des individuellen, nutzen-
maximierenden Akteurs wider, während
Problematische Begriffsbildung
die sozialwissenschaftlichen Begriffe ge-
Zu dieser prinzipiellen Schwierigkeit des sellschaftliche und strukturelle Mecha-
Projekts gesellen sich noch einige weitere nismen benennen. Piketty scheint für die-
Probleme, die vermeidbar gewesen wären, se Dimension nicht sensibel zu sein, was
daher aber auch umso ärgerlicher sind. eine dramatische Diagnose darstellt, da
Wie dies bereits an dem Vorgängerband Begriffsbildung zum Kerngeschäft wis-
bemängelt wurde, werden auch im neu- senschaftlichen und kritischen Denkens
en Buch die Grundbegriffe  – Ideologie, gehört. Begriffe sind nicht bloß Wör-
Kapital, Kapitalismus – nicht mit der ge- ter, sondern analytische Werkzeuge, die ­
botenen Sorgfalt definiert. Auch darüber einem erlauben zu sehen, was vorher un-
hinaus legt Piketty durchweg eine verblüf- sichtbar war, und zu benennen, was sich
fende Nonchalance im Umgang mit Be- zuvor nicht sagen ließ. Dies trägt zum Ver-
griffen an den Tag. Da er sich von seinem druss des Lesers bei, vor allem dann, wenn
Ausgangspunkt in der orthodoxen Öko- Piketty notorisch in der Überschrift einen
nomie inzwischen sowohl theoretisch als Begriff lanciert, den der folgende Text so-
auch politisch erheblich entfernt hat, sich dann geflissentlich umschifft.
aber dem entgegengesetzten Lager nur zö- Zu dieser theoretischen Unschärfe ge-
gerlich nähert, wird der Leser mit einem sellen sich einige inhaltliche Leerstellen.
Neben- und Durcheinander heterogener Die wichtigste: Gleich ob er die Ungleich-
Begrifflichkeiten konfrontiert (welche in heit als Hemmschuh der Entwicklung gei-
der im Umgang mit dem Fachvokabular ßelt, dem Kapitalismus einen kurzsichti-
bisweilen so sorg- wie rücksichtslosen gen Egoismus vorwirft oder aber in seiner

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58 Oliver Schlaudt

vergleichend-experimentellen Geschichts- tisch aus. Er betont zwar mehrfach, dass


schreibung nach vermeintlich besseren die ökologische Frage nur bewältigt wer-
Lösungen sucht – überall schwingt eine den kann, wenn dies auf eine sozial ver-
Vorstellung von Fortschritt und Prosperi- trägliche Weise geschieht. Die komple-
tät mit, die heute angesichts der ökologi- mentäre Einsicht allerdings, dass auch
schen Krise problematisch geworden ist. Sozialpolitik ökologisch verträglich sein
Worin besteht der Fortschritt? Letz- muss, fehlt. Piketty verrät zum Bedauern
ten Endes doch nur in mehr materiellem des Lesers nicht, was er etwa zur Idee eines
Wohlstand, abgesichert durch weiteres New Green Deal oder den Vorschlägen der
Wachstum, wie es im deutschen Modell Modern Monetary Theory zu sagen hat.
der sozialen Marktwirtschaft vorgesehen Einen echten politischen Großentwurf lie-
war? Piketty weicht dieser Frage systema- fert er in seinem neuen Buch somit nicht.

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