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Der heimliche
Corona-Kanzler
MARKU S SÖDER
#ISCHG LGATE
Wie der Skiort zur
Virenschleuder wurde
GEGEN MITTE L

macht Hoffnung
Eine Ebola-Arznei
Leben der Armen
KAMIK AZE-DO NALD
Trump spielt mit dem
Nr. 14 / 28.3.2020
Deutschland € 5,30
In diesen Tagen
ist vieles unsicher.
Strom soll es
nicht sein.
Wir leben in dramatischen Zeiten. Vieles, was unser Leben ausgemacht hat,
ist auf unbestimmte Zeit nicht mehr verfügbar. Gerade jetzt ist Strom eine
wichtige Konstante. Wo Strom ist, sind Licht, Wärme und Kommunikation,
dabsind Produktion, medizinische Versorgung und Mobilität. Wir bei RWE
setzen alles daran, betriebliche Risiken zu minimieren und unsere Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen – um unser Produkt Strom
jederzeit und lückenlos liefern zu können. Darauf können Sie sich
verlassen. Seit über 120bJahren und insbesondere in diesen Tagen.
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Coronavirus, Ischgl, S-MAGAZIN

Liebe Leserin, lieber Leser,


seit gut zwei Wochen gibt es gefühlt nur noch ein Thema,
das die Welt bewegt, besser gesagt, zur Bewegungslosig-
keit verdammt: das Coronavirus. Wir räumen dieser Krise
allerhöchste Priorität ein, denn sie wird unsere Gesellschaft,
DER SCHUH ZUM
unsere Wirtschaft und die Art, wie wir leben, nachhaltig
WOHLFÜHLEN
MARCUS BRANDT / DPA

verändern. So viel steht heute schon fest. Je weniger Bewe-


gungsfreiheit bleibt, desto schwerer wird es auch für uns
zu recherchieren. Vieles lassen sich meine Kollegen über
das Telefon schildern, konzipiert, geschrieben und layoutet
wird der SPIEGEL aus dem »Mobile Office« heraus. MODELL
Klusmann Bei unseren Recherchen konzentrieren wir uns auf Quellen, PREZZO
die wir lange kennen und denen wir vertrauen können. Und
davon haben wir viele – dank des über Jahrzehnte gewachsenen SPIEGEL-Netzwerks.
Und natürlich wird weiterhin jede Geschichte im Heft und bei SPIEGEL PLUS von
unserer Dokumentation verifiziert, bevor sie veröffentlicht wird.
In den vergangenen Jahren wurde viel darüber diskutiert, wie notwendig klassische
Medien eigentlich noch sind. Nun stellt sich heraus, dass sie gebraucht werden. Selten
war unabhängiger, verlässlicher, unbestechlicher Journalismus so wichtig wie heute.
Und genau das können wir beim SPIEGEL besonders gut, wie die Nachfrage derzeit
zeigt: Die Website SPIEGEL.de hat Rekordzugriffe, die Zahl der Digitalabos wächst
doppelt bis dreimal so schnell wie in normalen Zeiten, in manchen Supermärkten
sind die Hefte am Erscheinungstag schon nach wenigen Stunden ausverkauft.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen bedanken. Dafür, dass Sie uns Ihr Vertrauen
schenken. Und dafür, dass Sie uns mit Ihrem Kauf oder Abo unterstützen. Das ist in
Zeiten wie diesen besonders wichtig für uns. Denn erstklassiger Journalismus, der sich
nicht abhängig von Anzeigen machen will, kostet Geld, er kann nicht umsonst sein.
Übrigens: Sollte Ihnen als Abonnent der gedruckte SPIEGEL einmal nicht pünktlich
zugestellt werden, können Sie den Service unserer kostenlosen digitalen Ersatzlieferung
nutzen (www.spiegel.de/ersatzsendung). Wir sind stolz, Sie als Leser zu haben. Bleiben
Sie uns treu! Und vor allem: Bleiben Sie gesund. Herzlich Ihr Steffen Klusmann

Wie unter einem Brennglas lässt sich die


Coronakrise an den Geschehnissen im Winter-
sportort Ischgl in Tirol beschreiben, bis vor
Kurzem Hotspot des Après-Ski, jetzt Sinnbild
für Verantwortungslosigkeit. Ein Team um
Österreichkorrespondent Walter Mayr und
MARIA FECK

SPIEGEL-Mitarbeiter Felix Hutt recherchierte,


wie aus Ischgl eine Virusbrutstätte werden konn-
te. Die Reporter sichteten vertrauliche Doku- Hutt Mayr
mente und sprachen mit Touristen, die das Virus
aus Ischgl über Europa verstreuten. Bei ihren Recherchen waren sie selbst von der Pan-
demie betroffen. Mayr wollte nach Tirol reisen, hätte aber nach seiner Rückkehr in
Quarantäne gemusst. Er arbeitete von zu Hause aus. Hutt telefonierte mit Menschen in
Irland und Island, während neben ihm im Kinderzimmer seine acht Monate alte Tochter
gewickelt wurde. »In Ischgl wurde fahrlässig versäumt, die Verbreitung des Virus zu
verhindern«, sagt Hutt, »das Motto lautete: Geschäft vor Gesundheit.« Seite 58
• AUSGEZEICHNETE PASSFORM
• SUPERBEQUEM-FUSSBETT
Als die neue Ausgabe des S-MAGAZIN geplant wurde, war noch nicht • OPTIMALE AUFTRITTSDÄMPFUNG
abzusehen, dass dieses Frühjahr so ganz anders werden würde als alle • GEEIGNET FÜR INDIVIDUELLE EINLAGEN
anderen. Unsere Sehnsucht nach Natur und Natürlichkeit feiert das
Stiljournal des SPIEGEL, das diesem Heft beiliegt – und ganz unver-
hofft bietet es mit seiner Ode ans Draußen, an Grün, Licht und Luft
eine kleine Verschnaufpause von den aktuellen Zwängen der sozialen
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Distanz, des »Mobile Office« und der Schutzmasken. 97433 Haßfurt/Main
Katalog/Händler:
DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 3
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Versorgung Stefan Dräger,

Inhalt
Titel
Chef der Medizintechnikfirma,
Seuchen Wie lange halten wir über fehlende Schutzmasken
das durch? Worauf Politiker und Beatmungsgeräte . . . . . . . 48
ihre Entscheidungen
74. Jahrgang | Heft 14 | 28. März 2020
stützen und wie teuer der Schule Warum das Corona-
Shutdown werden könnte . . . . 8 Abitur nicht fair sein wird . . . 50

Epidemiologie Die Virokratie Hochschulen Tausende


legt Deutschland lahm – zu Medizinstudenten wollen
Recht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 jetzt in den Krankenhäusern
helfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

Deutschland Kirchen Katholiken und


Protestanten verlagern
Leitartikel Die Regierung darf Gottesdienste erfolgreich
keine Menschenleben ins Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
opfern – die Wirtschaftskraft
aber auch nicht . . . . . . . . . . . . . . . 6 Zeitgeschichte Der geheime
Dienstkalender Heinrich
Polizei im Offline-Modus / Himmlers zeigt, wie der
Israelin kontra Hohenzollern / SS-Chef tickte . . . . . . . . . . . . . . . 54
Pension für misshandelte Frau-

THOMS KOEHLER / PHOTOTHEK.DE


en / Der gesunde Menschen-
verstand / So gesehen: Merkel Reporter
daheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Familienalbum / Warum
Krisenpolitik Der Bundestag Gesundheitsminister Jens Spahn mit dem Leiter brauchen wir den Aal? . . . . . . 56
beschließt ein historisches des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler
Hilfspaket, obwohl das Eine Meldung und ihre
Parlament selbst nur einge- Geschichte Eine Berlinerin
schränkt arbeiten kann . . . . . 26 findet nach 25 Jahren ihre
Regieren auf Sicht verlorene Kassette wieder . . . 57
CSU SPIEGEL-Gespräch mit
dem bayerischen Ministerpräsi-
Wie funktioniert Politik im Krisenmodus, wie Seuchenherde Der Winter-
denten Markus Söder über arbeitet der Bundestag? Welche Szenarien sportort Ischgl hat
Macherqualitäten und sein Ver- werden diskutiert, wer berät die Minister, und halb Europa infiziert ........ 58
hältnis zu Armin Laschet . . . 34 wann kommt das Ende des Shutdowns?
Ohne dich Wie es ist, in Zeiten
Dazu: Im SPIEGEL-Gepräch erklärt Bayerns
Parteien Der rechtsextreme von Corona seine Mutter
»Flügel« wird aufgelöst, Ministerpräsident Markus Söder, warum er nicht an nicht sehen zu dürfen . . . . . . . 63
sein Einfluss in der AfD eine schnelle Entwarnung glaubt. Seiten 8, 18, 26, 34
bleibt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Wirtschaft
Essay Medienwissenschaftler
Bernhard Pörksen erklärt, Finanzexperte Niels Nauhauser
warum wir so rasant aus der über Geldanlagen in diesen
Krise lernen . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Zeiten / Ökostromanbieter
Lichtblick übernimmt Kunden
Labors Werden bald nur von E.on . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
noch Patienten mit starken
Covid-19-Symptomen Staatsschulden Die
LOIS HECHENBLAIKNER

getestet? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Coronakrise entfacht eine


neue Debatte über
Sozialpolitik Der Ausnahme- finanzielle Hilfen für
zustand trifft die Ärmsten, schwache EU-Länder . . . . . . . . 66
weil Wohlfahrtsverbände nicht
arbeiten können – die Politik Airlines Lufthansa-Chef
hat keine Antworten auf die
Misere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Hotspot im Schnee Carsten Spohr über
die Existenznöte seiner
Der Tiroler Wintersportort war bekannt für Branche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
Kliniken Die Hospitäler seine Pisten und Partys. Doch dann wurden
erwarten die Welle von Landwirtschaft Für die Ernte
Covid-19-Patienten – und Hinweise auf Corona-Fälle ignoriert – und Ischgl fehlen Hunderttausende
rüsten sich für existenzielle zur Drehscheibe des Virus in Europa. Saisonarbeiter, nun sollen
Entscheidungen . . . . . . . . . . . . . 44 Eine Chronologie des Versagens. Seite 58 Hilfskräfte auf die Felder . . . 72

4 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Kapitalismus Führt das Wissen
Milliardenprogramm der
Regierung in die Gefährliche Backpfeifen /
schleichende Verstaatlichung Wie Heerführer im Mittelalter
der Wirtschaft? . . . . . . . . . . . . . . 74 die Burgen ihrer Feinde
zerstörten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Siemens Joe Kaeser versucht,
sein Lebenswerk zu retten 75 Biologie Feldzug des Virus-
killers – wie ein deutscher
Skandale Die Kanzlei Clifford Biochemiker Sars-CoV-2 den
Chance gerät ins Visier der Garaus machen will . . . . . . . . 100
Cum-Ex-Ermittler . . . . . . . . . . . 76

SERGIO RAMAZZOTTI / PARALLELOZERO


Lebenshilfe Der Psychiater
Jan Kalbitzer erklärt,
Ausland wie Familien den Lockdown
überstehen, ohne sich an
Im Jemen eskaliert der die Gurgel zu gehen . . . . . . . 102
Bürgerkrieg / Mali entwickelt
sich trotz Bundeswehreinsatz Medizin Schützt ein neuartiger
zum gescheiterten Staat . . . . 79 Tuberkulose-Impfstoff
vor einer Infektion mit dem
USA Die Epidemie bringt Coronavirus? . . . . . . . . . . . . . . . 104
das Gesundheitssystem
an seine Grenzen, Millionen
Mitten im Albtraum Medikamente In München
Amerikaner könnten ihren Tausende Menschen sind bereits beginnt die erste Studie
Job verlieren . . . . . . . . . . . . . . . . 80 gestorben: Der Corona-Schock traumatisiert an Covid-19-Patienten mit
einer hoffnungsvollen Arznei
Italien Premier Giuseppe Conte Italiener und Spanier. Doch andere gegen Ebola . . . . . . . . . . . . . . . . 106
steuert sein Land durch die Länder, die in Not kommen, können
schwerste Krise seit Jahrzehn- daraus vieles lernen. Seiten 84, 87
ten – und plötzlich entdecken Kultur
die Italiener die Vorzüge ihres
Staates wieder . . . . . . . . . . . . . . . 84 Warum die Deutschen jetzt
Lutz Seilers Roman »Stern 111«
Analyse In Spanien zeigt sich,
wie gefährlich es ist,
Die Ethik der Krise lesen / Gucci-Chef muss
auf Pariser Museumseröffnung
wenn Politiker zu spät auf In der Pandemie tun alle Staaten, was sie für warten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
die Seuche reagieren . . . . . . . . 87 richtig halten – aber nicht unbedingt das Vernünftige,
IntellektuelleSPIEGEL-
China Hubei war das Epi- sagt der Philosoph Roger Crisp. Ein Gespräch Gespräch mit dem
zentrum der Pandemie – nun über größere und kleinere Übel und den britischen Soziologen Armin Nassehi
öffnet sich die Provinz . . . . . . 88 Sonderweg, der keiner mehr ist. Seite 90 über die Gesellschaft
in Zeiten der Pandemie . . . . 108
Großbritannien SPIEGEL-
Gespräch mit dem Appell Glaubt bloß nicht,
Moralphilosophen Roger dass das Virus euch nicht
Crisp über das Handeln erwischt! Ein Brief der
von Regierungen italienischen Schriftstellerin
im Ausnahmezustand . . . . . . . 90 Francesca Melandri . . . . . . . . 112

Memoiren Woody Allen


ERIC GAILLARD / REUTERS

Sport schildert seine Sicht des


Skandals um einen
Was die Krise den Fußball angeblichen Missbrauch . . . 114
kostet / Gut zu wissen: Können
Profis zu einem Gehalts-
verzicht gezwungen werden? 93

Olympia Das Debakel für


IOC-Präsident Thomas
Seine Sicht der Dinge SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . 111
Bach und Japans Premier Zu den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
Shinzo Abe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 hat er sich lange kaum geäußert, jetzt Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Impressum, Leserservice . . . 118
Wie Ruderer Oliver Zeidler veröffentlicht Woody Allen seine Autobiografie Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
vom Olympia-Aus überrascht »Ganz nebenbei«: Er sieht sich als Opfer eines Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
wurde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Rachefeldzugs seiner Ex-Frau Mia Farrow. Seite 114 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 122

Titelfoto [M]: Getty Images 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Der Preis des Lebens


Leitartikel Die Pandemie zwingt der Welt eine Tabudebatte auf.

o vieles ist in diesen Zeiten gefordert: Geduld ein Dilemma, sondern ein Trilemma, drei Güter stehen

S und Mitgefühl, Disziplin und Gemeinsinn, Mut


zu Entscheidungen und kühler Verstand. Am
meisten dürfte es in den kommenden Wochen
aber auf den moralischen Kompass von Gesellschaft und
gegeneinander: zum einen Wohlstand und soziale Sicher-
heit, zum anderen die Freiheitsrechte der Demokratie,
Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, die mit Kontakt-
beschränkungen beschnitten werden. Und als drittes
Politik ankommen. Je länger das künstliche Koma der unsere Mitmenschlichkeit und die Pflicht des Staates,
Wirtschaft andauert, desto lauter wird die Frage, ob es Gesundheit und Menschenleben zu schützen.
das eigentlich wert ist. Es ist eine Frage, die in weniger Auch schon vor der Coronakrise stellte sich die Frage
existenziellen Zeiten mit einem Tabu belegt ist, die Frage, nach dem Preis des Lebens. Jeder Beschluss, Kranken-
welchen Preis eine Gesellschaft hauspersonal abzubauen oder
zu zahlen bereit ist, um Menschen- eine Notaufnahme schlechter
leben zu retten. auszustatten, entscheidet indirekt
Wir schrecken zu Recht vor ihr über Leben und Tod, in jeder
zurück, denn sie berührt die Men- Diskussion über teure Krebsmedi-
schenwürde, die im Grundgesetz an kamente am Ende des Lebens
erster Stelle steht. Andrew Cuomo, geht es um dieselbe Frage. Aber
Gouverneur des Staates New York, nie stellte sie sich so drängend
brachte das Dilemma auf den Punkt: für so viele.
»Wir werden menschliches Leben Als erste Reaktion auf den Aus-
nicht in Dollar beziffern.« bruch der Pandemie war es richtig,
Also: Darf man das eigentlich? dem Rat der Virologen zu folgen
Ist es moralisch zu verantworten, und das Land stillzulegen, um die
eine solche Rechnung aufzuma- unkontrollierte Ausbreitung des
chen? Darf man den wirtschaft- Virus einzudämmen. Humanität
lichen Schaden des Lockdowns ab- und Solidarität sind die Grundlagen
wägen gegen die Menschenleben, der Demokratie, ohne die sie nicht
die eine Ausbreitung des Corona- bestehen kann. Aber in den kom-
virus kosten würde? menden Wochen und Monaten wer-
Ja, man darf. Man muss sogar. den wir immer wieder neu abwägen
FELIX VON DER OSTEN / DER SPIEGEL

Die freiheitliche Demokratie lebt müssen. Dann stehen schwere Ent-


von der offenen Debatte, von scheidungen an, es wird darum
der Abwägung von Gütern, und gehen, welche Risiken wir eingehen,
gerade in einer existenziellen Krise um die Wirtschaft wieder in Gang
darf sie das nicht aufgeben. Ge- zu bringen. Oder ob es eine Lösung
rade die schwierigsten Entschei- sein kann, die besonders Gefährde-
dungen dürfen nicht getroffen ten zu isolieren.
werden, ohne dass klar ist, was Die Politik muss diese Abwä-
auf dem Spiel steht. Es ist weder gung offener als bisher debattieren
unmoralisch noch zynisch, zu benennen, was gegeneinan- und kommunizieren. Sonst bestünde die Gefahr, dass
der abgewogen werden muss. sich das Muster des Flüchtlingsjahres 2015 wiederholt,
Das ist: die kurzfristige Katastrophe einer Ausbreitung als auf den ersten solidarischen Impuls eine Welle der
des Virus gegen die langfristige einer Rezession und der Ablehnung folgte, ein regelrechter Hass auf »die da oben«.
politischen Verwerfungen, die mit ihr verbunden sein könn- Wie damals wird viel davon abhängen, ob die Deutschen
ten. Menschenleben heute gegen das soziale Elend von die Coronakrise als eine Zeit des Staatsversagens erleben
morgen. Denn es steht ja zu befürchten, dass die Folgen oder ob sie sehen, dass die Politik angemessen reagiert.
eines wirtschaftlichen Niedergangs die Bedürftigsten beson- Bisher hat die Regierung mit ihrer Rede von der Bazoo-
ders hart treffen werden. Abzuwägen ist auch das Risiko ka und prall gefüllten Staatskassen den Eindruck erweckt,
für viele Ältere gegen die Belastung der jungen Generation Deutschland könne sich einen monatelangen Lockdown
durch Wirtschaftseinbruch und Schulden. Und wenn ohne gravierende Folgen leisten. Das ist gefährlich. Richti-
Europa in eine schwere Rezession geriete, könnte das die ger wäre es, die Menschen auf kommende Härten vor-
Populisten und die Autoritären stärken, vielleicht sogar die zubereiten. Es wird noch viel mehr Solidarität brauchen:
Demokratie gefährden, nicht in Deutschland, aber anders- Wenn wir jetzt die gesundheitlich Schwächsten schützen,
wo in Europa. müssen wir sicherstellen, dass den Preis dafür langfristig
Covid-19 zwingt uns zu Entscheidungen, an denen eine nicht die wirtschaftlich Schwächsten zahlen.
Gesellschaft zerbrechen kann. Eigentlich ist es nicht nur Christiane Hoffmann

6 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Am Anfang der
Skyline von Frankfurt am Main: Reicht es, die verschärften Maßnahmen bis Ostern in Kraft zu lassen?

8
Coronakrise

Seuchen Der Kampf gegen


das Virus lähmt Wirtschaft
und Gesellschaft. Dieser
Ausnahmezustand mag ein
paar Wochen lang auszuhalten
sein, danach droht ein
Zusammenbruch der
bestehenden Ordnung. Dürfen
Virologen und andere
Experten das Sagen haben?

D
Die Welt fährt »auf Sicht«, kein Land ist
ausgespart, und es kommen noch härtere
Tage. Die Menschheit ist, bei allen Diffe-
renzen und von wenigen Narren abgese-
hen, vereint in der Furcht vor einer Seuche,
die schlimmstenfalls Verheerungen anrich-
ten wird, wie man sie nur aus illustrierten
Geschichtsbüchern kannte.
Jetzt türmen sich die Särge in Bergamo,
Wuhan zählt seine Gräber, in Madrid, Pa-
ris, Teheran erschöpfen sich die Kapazitä-
ten der Krankenhäuser, in New York ste-
cken sich in rasendem Takt die Menschen
an. In Indien appelliert die Regierung an
ihr Milliardenvolk, eine 21-tägige Quaran-
täne einzuhalten, weil das Land sonst um
21 Jahre zurückfallen werde. In Afrika
macht sich das Virus breit. In Amerika.
Es ist eine Binsenweisheit, dass die Zu-
kunft nicht vorhersehbar ist, und doch rich-
ten sich in Zeiten existenzieller Bedrohung
alle Fragen jäh an sie. Werde ich mich an-

Welle
stecken? Wird meine Mutter überleben?
Wie lange bleibt dieses Virus? Wie viele
Tote wird es geben? Wie viel Schaden wird
es anrichten? Und: Habe ich noch Arbeit
morgen? Ist mein Betrieb in sechs Wochen
MICHAEL PROBST / AP

noch da? Wie lange halten es die Kinder


in der Wohnung noch aus? Wie lange dau-
ern die Ausgangsbeschränkungen?
Es sind bedrückende Fragen, weil Ant-
worten auf sie nicht zu haben sind. Und

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 9


weil das Leben, das Planen, das Voraus- alle auf die Wissenschaft (lesen Sie zu Sze-
schauen trotzdem irgendwie weitergehen narien der Epidemiologen Seite 18), aber
müssen. Koreanisches Wunder das klingt besser, als es ist. Forscher wider-
Wenn Gewissheiten enden und sich Infektionskurven ausgewählter Länder sprechen sich auf der Suche nach Lösun-
Wirklichkeit schlagartig umformt, wenn gen, sie bewerten Zahlen anders, sie inter-
unsichtbare Gefahren grassieren, schlägt Italien pretieren Kurven unterschiedlich. Wissen-
in aufgeklärten Gesellschaften die Stunde Stand: 26. März schaft handelt auch davon, dass der
der Forscher und Gelehrten, der Virologen 74 386 Infizierte Mensch über viele Dinge wenig weiß.
und Mathematiker, der Epidemiologen tausend Deshalb bewegt sich die Politik in
und Stochastiker. Ökonomen werden ge- Infizierte Deutschland gerade zwischen zwei Polen.
hört, Psychologen, Soziologen, Therapeu- Am einen Pol versammeln sich die Predi-
70
ten. Auch sie können nicht in die Zukunft ger der Härte. Sie berufen sich auf die
schauen, aber sie kennen Regeln und Ge- Zahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI)
setzmäßigkeiten, die auf Aspekte des ak- 7503 und die Johns-Hopkins-Universität in Bal-
tuellen Durcheinanders vielleicht anwend- Covid-19-Tote timore täglich verkünden. Solange sich die
bar sind oder die wenigstens helfen, das Steigerung der Infizierten- und Opferzah-
Dunkel aufzuhellen. len nicht abschwächt, argumentieren sie,
Regierungen in aller Welt stützen sich müssen rigorose Maßnahmen gelten; Aus-
jetzt auf den Rat der Experten und lassen 60 gangsbeschränkungen, Laden- und Schul-
sich Modelle und Szenarien erklären, um schließungen. Bayerns Ministerpräsident
ihren Entscheidungen eine rational be- Markus Söder agiert am Pol der Harten,
gründbare Basis zu geben, trotz aller Un- bestätigte, kumulierte Fallzahlen, Winfried Kretschmann in Baden-Württem-
sicherheit. Die Entscheidungen zur Schlie- Quelle: Johns Hopkins CSSE berg, auch Tobias Hans im Saarland. Sie
ßung von Grenzen, zum Hausarrest für preschen vor, Männer mit klarer Ansage
ganze Bevölkerungen fallen im Angesicht und steigender Beliebtheit. Den anderen
exponentieller Kurven, die den Krisen- Pol bilden die Abwägenden.
kabinetten für den Fall des Nichtstuns un- 50 Auch sie blicken auf die Zahlen und
begreifliche Zahlen an Todesfällen vorher- unterstützen harte Maßnahmen, aber sie
sagten, bei gleichzeitigem Zusammen- kalkulieren weitere Faktoren mit ein: Wie
bruch der Gesundheitsversorgung. wirkt eine lange Isolation auf die Men-
Aber schon taucht die Frage auf: Wie schen? Wie lange kann man Kontaktver-
lange halten wir das aus? Wie lange hält bote durchhalten? Die Abwägenden sind
die Wirtschaft durch? Wie lösen wir den dafür, nach Appellen oder Maßnahmen
Konflikt zwischen Wohlstand und Gesund- erst mal einige Tage abzuwarten, um zu
heit? Es ist eine ethische Unmöglichkeit,
40 Deutschland sehen, ob sie wirken. Um erst dann über
Wirtschaftswachstum gegen körperliche 37 323 Infizierte härtere Schritte nachzudenken. Zu den Ab-
Unversehrtheit aufzurechnen. Unwirklich wägenden gehören die Kanzlerin und ihr
kann es einem aber auch vorkommen, Amtschef Helge Braun, zu den Abwägen-
wenn eine gesunde Wirtschaft ruiniert den gehört auch Armin Laschet, der nord-
wird, um die Idealvorstellungen von Viro- rhein-westfälische Ministerpräsident. Sie
logen und anderen Medizinern ins Werk 206 konnten sich in den vergangenen Wochen
zu setzen. Covid-19-Tote nicht immer durchsetzen und gaben oft
30
Schließlich stellt sich auch die Frage, wie dem Druck der Harten nach.
lange Demokratien den Menschen die Frei- Horst Seehofer, der Bundesinnenminis-
heit derart beschneiden dürfen, wie es jetzt ter, gehört zu den bekennenden Harten.
überall geschieht. Deutschland ist noch Er sei für rigorose Maßnahmen, sagt er, ri-
nicht im vollen Shutdown; Italiener, Spa- goros heiße übersetzt: streng. Ja, sagt See-
nier, Franzosen aber schon. Wie lange las- hofer, auch für seine Entscheidungen seien
sen sie sich den Ausgang verbieten? derzeit die Erkenntnisse der Wissenschaft
In Deutschland sind seit Montag Be- 20 und der Medizin der erste Bezugspunkt.
schränkungen der Grundrechte in Kraft, Vor zwei Wochen hatte er Lothar Wie-
wie sie in Friedenszeiten bislang undenk- ler zur bayerischen Brotzeit ins Ministeri-
bar waren. Vorerst befristet auf zwei Wo- um eingeladen, den Präsidenten des Ro-
chen legt die von Bund und Ländern ver- Südkorea bert Koch-Instituts, gemeinsam mit Chris-
ordnete Kontaktsperre das öffentliche Le- 9241 Infizierte tian Drosten, dem Virologen der Berliner
ben praktisch still. Die Republik läuft auf Charité. Es ging auch um die Frage, ob in-
Reserve, gesteuert wird sehr vieles, die nereuropäische Einreisesperren sinnvoll
10
Wirtschaft, die Gesellschaft, die Regierung, seien. Einer der Wissenschaftler habe ge-
aus dem Homeoffice. Wie kommen derart 131 raten, die Polizisten statt an die Grenzen
schwerwiegende Beschlüsse zustande? Covid-19-Tote lieber zum Einkaufen für Ältere und Kran-
Die deutsche Kontaktsperre folgte auf ke zu schicken, um die Risikogruppen zu
Beratungen mit Virologen und Seuchen- schützen, das bringe mehr.
forschern. Nur mit sozialer Distanzierung Seehofer hat sich später dennoch für die
lasse sich die Pandemie noch eindämmen, Grenzkontrollen entschieden. Als Politiker
andernfalls drohe der Kollaps des Gesund- 0 dürfe man sich nie allein auf die Erkennt-
heitssystems. Die Schreckensbilder aus Ita- nisse von Forschern verlassen, sagt er,
lien und Spanien vor Augen, hören jetzt Januar Februar März denn auch die Wissenschaft schwanke.

10
Coronakrise

Man habe das bei der Frage der Schul-


schließungen gesehen. Bei der Brotzeit
habe Virologe Drosten noch davon abge-
raten. Weil dann viele Pfleger und Ärzte
ihre Kinder betreuen müssten, sei das ein
zu großer Schaden. Als Drosten am Abend
darauf die Runde der Ministerpräsidenten
und der Kanzlerin besuchte, hatte er seine
Meinung geändert. Neue Erkenntnisse hät-
ten ihn überzeugt, dass die Schließung der
Schulen doch sinnvoll sei.
Seehofer nennt drei weitere Kriterien,
die ihn leiten. Erstens das Gesetz. In dem

LUKAS BARTH-TUTTAS / EPA-EFE / SHUTTERSTOCK


einschlägigen zum Infektionsschutz steht
auch, wie Seuchen zu bekämpfen seien:
vorbeugen, identifizieren, Übertragungs-
wege unterbinden. Letzteres sei für ihn
eine Handlungspflicht, sagt Seehofer: un-
terbinden. Zweitens der politische Erfah-
rungsschatz, den langjährige Amtsträger
angesammelt haben. Bei Seehofer waren
es viele Krisen, die er in diversen Ämtern
durchzustehen hatte: verunreinigte Blut-
konserven, Vogelgrippe, Schweinegrippe,
Gammelfleisch. Jede Krise sei unterschied-
lich, und trotzdem ergebe sich aus der Ge- Mitarbeiter eines Paketdienstes auf dem leeren Odeonsplatz in München
samtschau: Rigoroses Handeln sei am bes- Der Hausarrest hat einen hohen Preis: Angst, Isolation, Depression, häusliche Gewalt
ten, sagt Seehofer, deshalb hatte er die
Grundsatzabteilung des Ministeriums
schon am 10. Februar angewiesen, »Coro- wird aus einer Gesundheitskrise eine er der Krise. Reicht es, die verschärften
na« im Auge zu behalten. Staats- und Systemkrise? Mehrere Wissen- Maßnahmen bis Ostern in Kraft zu lassen,
Drittens führt Seehofer die private Er- schaftler haben mitgearbeitet und mehrere um sie danach lockern zu können? Ist dann
fahrung als Basis für Entscheidungen an. Szenarien entworfen. der Ausnahmezustand vorbei? »Irgend-
»Ich weiß, wie furchtbar machtlos man sich Der »worst case«: Der Staat unter- wann kommt der Zeitpunkt, an dem man
nach einer viralen Erkrankung fühlen nimmt nur wenig, bald wären 70 Prozent zur Umkehrisolation übergeht«, sagt
kann«, sagt er. 2002 hätte ihn eine ver- der Bevölkerung infiziert, mehr als 80 Pro- Kanzleramtsminister Helge Braun. Die
schleppte Grippe fast das Leben gekostet. zent der Intensivpatienten müssten von jüngere, gesunde Bevölkerung könne dann
Knapp ein Jahr lang laborierte er an einer den Krankenhäusern abgewiesen werden, wieder ein einigermaßen normales Leben
Herzmuskelentzündung. »Sie werden ver- die Todeszahlen in Deutschland überstie- führen. Nur die älteren und vorerkrankten
stehen, dass ich das Retten menschlichen gen die Millionengrenze. Ein weiteres Sze- Patienten müssten weiter mit größeren
Lebens als höchste Priorität ansetze.« nario beschreibt die strikte Unterdrückung Einschränkungen leben. Es wäre ein Stra-
Und dennoch sind es immer wieder die der Neuansteckungen, mit umfangreichen tegiewechsel, den der Corona-Koordinator
Zahlen und Szenarien der Wissenschaft, Tests und einer strengen Isolierung von In- der Bundesregierung da beschreibt. Die
die der Politik wesentliche Impulse geben. fizierten. harten Beschränkungen würden nur noch
Bei Seehofer war es die Studie des Londo- Die Anzahl der Tests müsste in den für Ältere gelten. Es wäre das Austarieren,
ner Imperial College zu Interventionsmaß- nächsten Wochen gesteigert werden (lesen das Seehofer ablehnt.
nahmen gegen Corona. Hier werden zwei Sie zu den Tests Seite 42). Dazu müssten In Berlin legen nun viele politisch Ver-
Wege aufgezeigt, mit Pandemien umzuge- mobile Teststationen aufgebaut werden. antwortliche Wert darauf, die Gefahr sehr
hen. Bei der »Suppression« versucht man, »Um das Testen schneller und effizienter früh zumindest erahnt zu haben. De facto
mit strikten Maßnahmen die weitere Aus- zu machen«, heißt es in dem Papier, »ist wurde das Coronavirus zu lange als eine
breitung des Virus zu verhindern, es sozu- längerfristig der Einsatz von Big Data und ferne Krise betrachtet, mit der China
sagen auszuhungern. Als »Mitigation« Location Tracking unumgänglich.« schon irgendwie fertigwerden würde. Seit
wird die Eindämmung bezeichnet, der Ver- Folgt man diesem Modell, würde sich Januar, seit Februar sind Wochen vergan-
such, die Fallzahlen lediglich langsamer rund eine Million Menschen in Deutsch- gen, die vielerorts mit Abwarten vergeu-
ansteigen zu lassen, sodass das Gesund- land infizieren, nur 12 000 würden sterben, det wurden. In Deutschland dauerte diese
heitssystem genügend Zeit für die Vorbe- ein in dieser Zeit optimistisches Szenario. Phase bis tief in den März, erst am 16. des
reitungen hat. »Ich bin ein entschiedener Das strenge Vorgehen müsste zwei Mona- Monats führte die Regierung Kontrollen
Anhänger der Suppression, auch wenn die- te durchgehalten werden. Da aber danach an den Grenzen ein. Der Vorschlag war
ser Weg deutlich teurer ist«, sagt Seehofer. nur ein geringer Teil der Bevölkerung ge- aus den Reihen der Bundespolizei schon
»Aber er rettet am meisten Leben.« gen das Virus immunisiert wäre, »müsste um den 22. Februar gemacht worden, bis
Kürzlich hat er in seinem eigenen Mi- weiterhin kontinuierlich hohe Wachsam- zur Umsetzung vergingen mehr als drei
nisterium eine Studie in Auftrag gegeben, keit bestehen bleiben«, heißt es in der Stu- Wochen.
sein Staatssekretär Markus Kerber hat sie die. Seehofer hält sie für eine Bestätigung Seit wieder Polizisten an Flughäfen und
organisiert. Der Titel der als vertraulich seiner Haltung. Von einem »Austarieren« Grenzübergängen kontrollieren, sind in
eingestuften Untersuchung: »Wie wir Co- der Maßnahmen hält er nichts. Deutschland die Passagierzahlen im Flug-
vid-19 unter Kontrolle bekommen.« Die Trotzdem stellt man sich in der Bundes- verkehr um 80 bis 90 Prozent gesunken,
Fragestellung dahinter: Wann und wie regierung ständig die Frage nach der Dau- ähnlich wie die Einreise über Land. »Wir

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Coronakrise

BECKER & BREDEL / IMAGO IMAGES


Drive-in-Test auf dem ehemaligen Messegelände in Saarbrücken
Nach dem Vorbild Südkoreas

haben den Reiseverkehr niedergerungen«, betten von derzeit 28 000 auf mindestens zu lernen, dass die Politik sich sehr beeilen
sagt ein Bundespolizist, das gilt auch für 56 000 zu verdoppeln – so steht es auch sollte, um genügend Intensivbetten und
die illegalen Einreisen: Nur noch zehn Fäl- im »Notfallplan« von Bund und Ländern, Beatmungsgeräte vorzuhalten. In China
le zählte die Bundespolizei am Montag. der vergangene Woche beschlossen wurde. hat sich gezeigt, dass sich die Ausbreitung
Und die Verschärfungen gehen weiter, wie Ob die Ausgangsbeschränkungen wir- von Infektionen zwar stoppen lässt, wenn
es aus Kreisen der Bundespolizei heißt. In ken, wird schwer zu erheben sein. Einfa- man Millionenstädte abriegelt, dass dieser
Kürze sollen alle deutschen Landgrenzen cher ist die Prüfung, ob die Kontaktsperre Hausarrest aber einen hohen Preis hat:
überwacht werden und Flüge aus noch überhaupt eingehalten wird. Das RKI ver- Angst. Isolation. Depression. Häusliche
mehr Staaten. wendet dafür die anonymisierten Bewe- Gewalt.
Es ist eine Ausnahmesituation, alle wis- gungsdaten von 46 Millionen Kunden der In diesem Spannungsfeld bewegt sich
sen es, Bundesgesundheitsminister Jens Telekom. Minister Spahn wäre gern – nach Politik ständig. Es gibt die abstrakten Da-
Spahn sagte es, als er sich am Dienstag in dem Vorbild Südkoreas – weiter gegangen. ten, und es gibt die reale Alltagswelt, die
einem Video mit einem Durchhalteappell In das überarbeitete Infektionsschutz- sie nur unvollständig erfassen. Wie wägt
an die Mitarbeiter seines Hauses wandte. gesetz, das der Bundestag am Mittwoch man ab zwischen Infektionsraten und
Auch Spahn stellt sich die Frage, wie und verabschiedet hat, wollte er einen Passus Grundrechten? Zwischen Krankheitsfällen
wann sich dieser Zustand wieder beenden aufnehmen lassen, der die Erfassung der und politischen Werten? Zwischen einer
lässt. Geht es allein um die Fakten, ver- Bewegungsdaten von Coronavirus-Infi- neuen Bedrohung und einer alten demo-
traut der Gesundheitsminister auf den Rat zierten ermöglicht hätte – ohne Anonymi- kratischen Tradition? Auch Spahn treiben
von RKI-Präsident Wieler, von dem er sich sierung. Gesundheitsbehörden hätten solche Fragen um. Er griff in dieser Lage
täglich unterrichten lässt. Für Spahn ist dann leichter mögliche Kontaktpersonen zum Telefon und wählte die Nummer von
Wieler so etwas wie das Orakel der Krise. identifizieren und über Ansteckungsrisi- Peter Dabrock, dem Vorsitzenden des
Als Wieler am Mittwoch gefragt wurde, ken informieren können. Der Passus wur- Deutschen Ethikrates. Ihn hat Spahn ver-
wann er eine Aussetzung der rigiden Vor- de nach Protesten von Datenschützern ge- gangene Woche gebeten, eine Stellungnah-
gaben empfehlen könne, antwortete er: strichen. Spahn bedauert das, weil sich mit me zu den aktuellen Optionen vorzulegen,
»Das ist ein Geschehen, für das es keine solchen Daten die Aufhebung von Aus- die schon am Donnerstagnachmittag bei
Blaupause gibt.« gangssperren leichter hätte organisieren ihm eintraf. Das Papier ist mit den Worten
Klar ist allein das Ziel aller Mühen: Die lassen, argumentiert er, er verweist dabei überschrieben: »Solidarität und Verant-
Ausbreitung des Virus muss so verlang- auf das Beispiel Südkorea. wortung in der Corona-Krise«. Die Exper-
samt werden, dass die Kliniken die Zahl Auf der Suche nach guten Verfahren im ten sprechen von einem »ethischen Kern-
der gleichzeitig schwer Erkrankenden Umgang mit der Krise, nach »best prac- konflikt«: auf der einen Seite ein leistungs-
ohne Engpässe bewältigen können. RKI- tice«-Beispielen, schaut sich der Gesund- fähiges Gesundheitssystem zu sichern und
Chef Wieler hat empfohlen, die Intensiv- heitsminister weltweit um. Von Italien sei auf der anderen Seite Folgen für die Ge-

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sellschaft abzumildern. Es handele sich um tin-Luther-Universität gleich mit. Halle viel von den Expertenfragen, um die es
»konkurrierende moralische Güter«. war die erste deutsche Großstadt, die solch jetzt in der Coronakrise geht.
Die Folgen eines dauerhaften Lock- drastische Schritte vollzog. Tschentscher tauscht sich auch mit ehe-
downs ohne Begrenzung und ohne Aus- Wiegands Aktion ist in der Rückschau maligen Studienkollegen aus, er wolle »ein
weg zeichnet das Gremium in düsteren umso bemerkenswerter, weil es in Halle Gefühl dafür bekommen, ob unsere Ent-
Farben: Die Beschränkungen des öffent- am Tag der Verkündung erst sieben Infek- scheidungen zu den Erfahrungen im medi-
lichen Lebens führten zu »Systemgefähr- tionsfälle gab und das Land Sachsen-An- zinischen Betrieb passen«. Das helfe ihm,
dungen« in nahezu allen Teilen der Gesell- halt nicht zu den besonders betroffenen sich zu vergewissern, »ob wir auf einem
schaft, von Wissenschaft und Bildung über Gebieten zählt. Der Bürgermeister begrün- guten Weg sind«, sagt er in einem Telefonat
Kultur bis Sport. Vor allem bedrohten die dete sein Vorgehen damit, dass Gefahr im am Mittwoch. Er sei aber Labormediziner,
Nebenwirkungen der Maßnahmen die Verzug sei. Er habe nicht schnell, sondern kein Virologe oder Epidemiologe.
Gesundheit und »sogar das Leben« von »verantwortungsbewusst« gehandelt, sagt Deshalb ist Tschentscher vorsichtig mit
Personen, die schutzbedürftigen Gruppen er. Einen Stab in Sachen Virus hatte er Prognosen, vor allem, wenn es um die ban-
angehören. schon am 28. Februar einberufen, noch ge Frage geht, wie lange das alles dauern
Dazu zählten Patienten, deren Behand- ehe überhaupt ein Corona-Fall in Halle soll, das öffentliche Leben im Isolations-
lung zugunsten von Corona-Patienten festgestellt worden war. betrieb, die Wirtschaft gedrosselt, die
ausgesetzt werde, Menschen, die auf Kin- Der Bürgermeister nutzte die Fachkom- Rechtspflege eingeschränkt, die Parlamen-
der- und Jugendhilfe oder Behinderten- petenz vor Ort und suchte unter anderem te in Notbesetzung. Während sein Kollege
einrichtungen angewiesen seien, oder die den Rat des in Halle lehrenden Virologen Stephan Weil aus Niedersachsen Mitte der
Bewohner von Pflegeheimen. Ebenso wie Alexander Kekulé, der mittlerweile bun- Woche schon vorsichtig Hoffnung ge-
Menschen, »denen Vereinsamung droht«, desweit bekannt geworden ist. Hat es ge- macht hatte auf eine schrittweise Rückkehr
und Frauen und Kinder, die von häuslicher holfen in Halle? Am Donnerstagmittag zum Alltag nach Ostern, sagt Tschentscher,
Gewalt bedroht sind. Außerdem fürchtet gab es 104 Coronafälle in der Stadt, Ten- »ob wir das können, wird sehr stark von
der Ethikrat »Wohlstandsverluste für jeder- denz steigend. 16 Infizierte waren in Kran- den Einschätzungen der Experten abhän-
mann« und einen »Zusammenbruch des kenhäusern, 3 wurden künstlich beatmet. gen«. Könne man die Verbote wirklich lo-
marktwirtschaftlichen Gesamtsystems«. Ob Halle den Kampf gegen das Virus ge- ckern, so müsse man das sehr vorsichtig
Er empfiehlt der Politik deshalb, fort- winnt, ist offen. »Die Zahlen lassen bisher tun. »Wir dürfen nicht riskieren, dass wir
laufend zu kontrollieren, ob die Maßnah- keine klaren Prognosen zu«, sagt Bürger- dann erneut in eine problematische Dyna-
men erforderlich und angemessen sind – meister Wiegand. mik der Epidemie kommen.«
und wann sie beendet werden können. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Ostern ist der Termin, an den sich der-
»Damit eng verknüpft ist das Postulat, der Tschentscher telefoniert in diesen Tagen zeit alle klammern. Bis mindestens dahin
Öffentlichkeit zu erläutern, wie und unter häufiger mit ehemaligen Kollegen, vor al- sind fast alle Schulen und Kitas im Land
welchen Voraussetzungen Wege zurück in lem vom Universitätsklinikum Hamburg- geschlossen. Auch Manuela Schwesig, Mi-
einen Zustand der Normalität beschritten Eppendorf (UKE), wo er zuletzt als Ober- nisterpräsidentin von Mecklenburg-Vor-
werden« können. arzt gearbeitet hat. Tschentscher ist der pommern, plant so. Was passiert nach
In seiner Stellungnahme warnt der einzige Landeschef mit Medizinstudium, Ostern? Sie habe »die Hoffnung, wie alle,
Ethikrat davor, die Entscheidung über das er hat über die »Immunchemische Unter- dass wir danach schrittweise wieder
weitere Vorgehen den Virologen und scheidung hochhomologer Proteinstruktu- lockern können, aber in Aussicht stellen
Epidemiologen allein zu überlassen. »Die ren« promoviert und versteht mutmaßlich kann ich das nicht, niemand kann das
aktuell zu klärenden Fragen berühren derzeit«. Kann man mit Hoffnung Politik
die gesamte Gesellschaft; sie dürfen nicht machen? Ja, sagt Schwesig, denn »Kämp-
an einzelne Personen oder Institutionen Beziffertes Risiko fen und Durchhalten kann man nur, wenn
delegiert werden«, heißt es. »Gerade Letalität bei Covid-19-Infizierten in man Hoffnung hat«.
schmerzhafte Entscheidungen« müssten Spanien nach Lebensalter Bayern greift in der Krise auf bewährte
von gewählten Volksvertretern getroffen Es sterben von allen Infizierten der Altersgruppe Mechanismen zurück: Man pocht auf die
werden. »Die Corona-Krise ist die Stunde eigenen Befugnisse im föderalen System
der demokratisch legitimierten Politik.« 0% 0 bis 9 Jahre und vertraut auf die Kompetenz der eige-
Die Welt fährt auf Sicht, das gilt jetzt nen Verwaltung. Das Land war früh betrof-
auf allen Ebenen. Die Weltgesundheits- 0,5 10 bis 19 Jahre fen, die Regierung von Ministerpräsident
organisation ist in der Pflicht, das globale Söder hatte schon im Januar mit den ersten
Große und Ganze im Blick zu behalten. In 0,3 20 bis 29 Jahre deutschen Corona-Fällen zu tun. Seither
Deutschland mühen sich Bundesministe- profiliert sich Söder als Macher, der dieser
rien und nachgeordnete Behörden um na- 0,1 30 bis 39 Jahre Tage gern betont, dass er in der Schule Ma-
tionale Antworten, und auch Landes- the-Leistungskurs gewählt hatte. Schul-
regierungen, Landräte, Bürgermeister fra- schließungen, Ausrufung des Katastrophen-
gen sich nach ihren Möglichkeiten im
0,3 40 bis 49 Jahre
falls, Ausgangsbeschränkungen, jedes Mal
Kampf gegen die Pandemie. Und derer gibt ging Bayern als Land voran. Dabei beruft
es viele im föderalen System Deutschlands. 0,6 50 bis 59 Jahre sich auch Söder auf die Empfehlungen von
Bernd Wiegand ist der parteilose Ober- Experten, auf das Robert Koch-Institut, das
bürgermeister von Halle an der Saale, den 2,2 60 bis 69 Jahre momentane Machtzentrum Deutschlands.
es wenig kümmerte, dass sich die Bundes- Ständig finden nun Telefonschalten
politik Mitte März noch gegen generelle 5,2 70 bis 79 Jahre statt, in denen sich Bundes- und Landes-
Schulschließungen aussprach. Er ließ per politiker austauschen. Thüringens Minis-
Allgemeinverfügung nicht nur die Schulen 17,9 80 Jahre und älter terpräsident Bodo Ramelow, der den
seiner Stadt schließen, sondern auch die Amtssitz in sein Ferienhaus am See verlegt
Kindertagesstätten, Horte, Theater, Oper, Basis: 18 959 Infizierte (davon 805 verstorben), Stand:
22. März, bestätigte Fälle; Quelle: Spanisches Gesundheits-
hat, erzählt von acht Telefonkonferenzen
Orchester und den Lehrbetrieb der Mar- ministerium allein am vergangenen Sonntag, zwei da-

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Schlag ins Kontor
Schätzung volkswirtschaftlicher Kosten durch den Shutdown in Deutschland für das Jahr 2020

optimistisches Szenario Steigende Arbeitslosigkeit ...


geringer Einbruch der Wert- Zunahme Arbeitslose ohne geringfügig Beschäftigte, 1810
schöpfung, schnelle Erholung in Tausend
Shut-
910 950
down 570
Wertschöpfung 340
190
Zeit 1 Monat
2 Monate 3 Monate
Shutdown-Dauer
pessimistisches Szenario
starker Einbruch der Wert- – 5,1
schöpfung, langsame Erholung – 7,5 – 8,4
– 11,8
– 14,0

... schrumpfende Wirtschaft


Quelle: ifo-Institut Rückgang des BIP-Wachstums in Prozentpunkten – 20,6

von mit seinen Landesministern, eine mit wir es geschafft haben, die Infektionskurve Philipp Steinberg hat schon in normalen
dem Bundeskanzleramt. Ramelow hört zu verlangsamen, indem wir die Glocke Zeiten eine der wohl schwersten Aufgaben
auch die Ratschläge des in Sonneberg über uns stülpen, wäre das ein Teilerfolg.« im Bundeswirtschaftsministerium: Er soll
beheimateten Krankenhaushygienikers Danach müssten die Maßnahmen immer die Zukunft erraten. Der Chefökonom im
Klaus-Dieter Zastrow, aber, sagt Ramelow, wieder angepasst werden. Es müsse ein Bundeswirtschaftsministerium ist verant-
nicht jede Expertenempfehlung sei mach- kontrolliertes Auf und Ab der Infektionen wortlich für die Prognose, wie sich das
bar. Zastrow habe etwa empfohlen, dass geben, um die Bevölkerung zu immuni- Bruttoinlandsprodukt entwickelt. Die
am besten alle Menschen Masken tragen sieren und die Welle abzuflachen. Brock- klügsten Wirtschaftswissenschaftler des
sollten. Was soll Ramelow damit anfan- mann hat nicht den Eindruck, dass die Landes helfen ihm dabei, die sogenannten
gen? »Es gibt nicht mal genug Masken für Politik das Szenario bereits verstanden hat. Wirtschaftsweisen füttern ihn mit Zahlen.
das Klinikpersonal.« Es herrsche die falsche Idee vor, man kön- Auch für diesen April war er dabei, die
Ein Blick in den täglichen Lagebericht ne dieses Virus aussitzen wie einen Sturm, Zahlen zusammenzutragen, Zahlen, die
des Thüringer Krisenstabs zeigt das Di- der vorüberziehe. eigentlich ganz gut für das Land aussahen,
lemma. Die »Durchhaltefähigkeit« des Die Welt fährt auf Sicht, und die Sicht ein leichter Aufschwung war zu erwarten.
Rettungsdienstes und der notärztlichen ist schlecht. Dass am Ende des Tunnels ein Seit der Coronakrise reden die Fachleute
Versorgung betrage nur noch wenige Tage, Land liegt, das so aussieht wie vorher, glau- nicht mehr in Zahlen. Die wirtschaftliche
stand dort am Dienstag. Es fehle an per- ben viele schon heute nicht mehr. Gnaden- Zukunft wird jetzt mithilfe von Buch-
sönlicher Schutzausrüstung für die Helfer. los legt die Pandemie Schwächen offen, staben beschrieben, von denen jeder für
Im Saale-Holzland-Kreis könne es sein, die unbemerkt im Alltag vieler Länder ein anderes Szenario steht: V, U und L.
dass schon in zwei Tagen ein Ende der Ret- schlummerten. Im Englischen gibt es den Gemeint ist die Form von Kurven in ei-
tung drohe. Ausdruck vom »perfect storm«, dem per- nem Koordinatensystem, ein mathemati-
Ramelow hat Glück im Unglück. Am fekten Sturm, als Bild für eine Situation, sches Bild der Wirtschaftsentwicklung. L,
Flughafen Erfurt kamen Mitte der Woche in der sich alle Probleme auf einmal ballen. das wäre die Katastrophe: ein steiler Ab-
100 Tonnen Masken aus Russland an. Es Das Coronavirus hat einen solchen Sturm sturz und eine lang gezogene Flaute. Auch
gab Schwierigkeiten mit dem Zoll wegen entfacht. Zur Seuche kommt die Krise, die U bedeutete schlechte Aussichten. Der
der CE-Kennzeichnung, die die EU für be- aus der Reaktion auf sie erwächst. Umschwung am unteren Ende des Buch-
stimmte Produkte fordert. Ramelow fuhr Die Welt steht still, in diesem Bild liegt stabens ist zu übersetzen mit einer langen,
deshalb selbst zum Zoll, die Ladung wurde der reine Horror, der alle Akteure der Wirt- schmerzhaften Trendwende, ehe es wieder
am Ende freigegeben. Die Welt improvi- schaft gerade erfasst, die großen wie die nach oben geht mit der Wirtschaft.
siert. Alle fahren auf Sicht. kleinen. Fluggesellschaften, Hotelkonzer- Womöglich tritt das Best-Case-Szenario
Auch in Baden-Württemberg, wo Stefan ne, Restaurantketten kämpfen von heute ein, das V. Steiler Absturz, sofortiger Auf-
Brockmann so etwas wie der oberste Seu- auf morgen um ihr Überleben, der Welt- schwung. Mitglieder des Sachverständi-
chenarzt ist, Leiter des »Referats für Ge- Tourismusverband sprach diese Woche da- genrats haben Steinberg mitgeteilt, dass
sundheitsschutz und Epidemiologie« im von, dass 75 Millionen Jobs allein in dieser sie diese Möglichkeit für die wahrschein-
Stuttgarter Landesgesundheitsamt, gab es Branche bedroht seien. Autofabriken lie- liche halten. Aber das sehen nicht alle so.
bis Donnerstag mehr als 8000 Infizierte gen brach, in der Textilindustrie brechen Noch viel mehr als in normalen Zeiten gilt
und 76 Todesfälle, und Brockmann sagt: Lieferketten, es erwischt Taxifahrer, Kell- gerade der Spruch: Fragst du drei Ökono-
»Wir sind noch ganz am Anfang der Welle.« ner, Friseure, Kioskbesitzer. Bald werden men, bekommst du vier Antworten.
Frühestens an diesem Wochenende wer- ganze Volkswirtschaften in Schulden- Ihre Einschätzungen schwanken noch
de man sehen, ob die Maßnahmen der löcher blicken tiefer denn je. Wer behält extremer als sonst: Der Sachverständi-
Landesregierung erfolgreich seien: »Wenn den Überblick in diesem Sturm? Und wie? genrat der Bundesregierung rechnet mit

14 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

einem Minus von 5 Prozent beim Brutto- perten nur noch mit halbem Ohr zu hören. So sieht die Rechnung von Finanzminis-
inlandsprodukt, das Institut für Weltwirt- Die Stützungs- und Kreditprogramme ter Olaf Scholz und seinem Stab aus: Fal-
schaft in Kiel von minus 9 Prozent. Das mussten kommen, auch wenn keiner weiß, len mit dem Shutdown drei Monate lang
Ifo-Institut hat vor einem Wirtschafts- ob die Wirtschaft um 5 oder um 15 Prozent 20 Prozent der deutschen Wirtschaftsleis-
einbruch von bis zu 20 Prozent gewarnt. einbricht. Heißt das, die Regierung ent- tung aus, schrumpft das Sozialprodukt
Das käme einer ökonomischen Kern- scheidet eigentlich ins Blaue? »Nicht ins übers Jahr gerechnet um etwa fünf Prozent.
schmelze gleich, vergleichbar mit den Blaue«, sagt Wirtschaftsminister Altmaier. Gleicht der Staat zwei Drittel dieser Sum-
Krisen, die Ost- und Mitteleuropa nach »Die Kanzlerin würde sagen: Wir müssen me aus, muss er dafür rund 125 Milliarden
dem Zusammenbruch der Sowjetunion ins Offene entscheiden.« Euro einsetzen. Im Nachtragshaushalt, den
erlebt haben. Im Ministerium geht man davon aus, Finanzminister Olaf Scholz diese Woche
40 bis 50 Milliarden Euro koste der Still- dass die Wirtschaft die Schließungen eini- vorgelegt hat, ist vorsorglich ein Wirt-
stand von Industrie, Handel und Dienst- germaßen übersteht, wenn sie Ende April schaftsminus von sechs Prozent unterstellt.
leistungen jede Woche, rechnet das Ifo- wieder gelockert würden. Alles, was über Dadurch steigt der staatliche Finanzbedarf
Institut vor. Steigen diese Kosten noch, den April hinausginge, würde heftig, vor auf rund 156 Milliarden Euro.
wenn die Krise anhält? Schießen sie gar, allem wäre es unkalkulierbar, weil dafür Das klingt nach einer gewaltigen Sum-
wie die Zahlen der Corona-Infizierten, die Modelle der Ökonomen nichts taugen. me, ist aber im Maßstab einer großen
irgendwann exponentiell durch die Decke? »Man müsste wissen, wie weit das Virus Volkswirtschaft ein überschaubarer Betrag.
Könnte die Wirtschaft an einen Punkt in der Bevölkerung herum ist«, sagt Alt- Im Zuge der Finanzkrise wendete der deut-
kommen, wo sie derart gelähmt ist, dass maier. »Auch müsste man das regional wis- sche Staat ab 2009 mehr als 200 Mil-
sie gar nicht mehr hochkommt? Und was sen, um dann die Ausgangsbeschränkun- liarden Euro auf, um die Folgen der globa-
sagt es aus, dass die monatliche Umfrage gen wieder gezielt aufzuheben.« len Rezession abzufedern. Die Staatsver-
unter den Chefeinkäufern von 5000 euro- Im Bundesfinanzministerium haben die schuldung kletterte damals sprunghaft von
päischen Unternehmen am Dienstag den Beamten längst alles ausgewertet, was sie 65 Prozent auf 82 Prozent der Wirtschafts-
größten Absturz seit Bestehen des Index zur Ökonomie des Shutdowns finden leistung. Es war eine gewaltige Last, die
ausgewiesen hat? konnten, sprich: eines unerwarteten Ereig- sich dennoch als tragbar erwies. Sieben
Steinberg und seine Beamten bekom- nisses, das dazu zwingt, Teile der Wirt- Jahre später hatte der Staat den Schulden-
men auch andere Theorien präsentiert, schaft zeitweise lahmzulegen. Die Ergeb- berg aus der Finanzkrise bereits vollstän-
darunter eine, die man als Szenario der nisse sind, wenn die Krise länger als ein dig abgetragen.
»Gewöhnung« bezeichnen könnte: Dem- paar Wochen dauert, ernüchternd: Müs- Ob die Rechnung aufgeht, hängt von
nach lernen die Unternehmen, mit dem sen größere Teile der Wirtschaft für zwei einer Reihe von Fragen ab, auf die derzeit
Shutdown zu leben. Autounternehmen oder drei Monate abgeschaltet werden, niemand eine verlässliche Antwort geben
könnten ihre Produktion so organisieren, können viele Unternehmen die Verluste kann. Sind die Corona-Schäden größer als
dass die Arbeiter genügend Abstand zum nicht mehr wegstecken. Dann müsste der unterstellt? Weil die Pandemie mehr Lie-
anderen halten. Auch die Lieferketten Staat für einen Teil der laufenden Kosten ferungen und Transporte unterbricht als
könnten trotz aller Widrigkeiten organi- geradestehen, um möglichst viele Betriebe bislang gedacht? Muss der Shutdown zum
siert werden. Aber wer glaubt daran? vor der Pleite zu bewahren. Sonst nämlich Schutz der Schwerkranken in den Kliniken
Im Wirtschaftsministerium ist man dazu kann die Wirtschaft nach dem Ende der wiederholt werden, vielleicht sogar mehr-
übergegangen, auf die Kakofonie der Ex- Pandemie nicht wieder durchstarten. fach? Und was ist, wenn der Produktions-
ausfall zu einer Finanz- und Bankenkrise
führt, die Eurostaaten wie Italien oder Spa-
nien in den Abgrund reißt? Muss Deutsch-
land dann zusätzlich für die Währungs-
union haften?
Der Mann, der Antworten auf solche
Fragen haben müsste, steht am Dienstag
in einer Einkaufsstraße am Prenzlauer
Berg in Berlin. Es ist früher Abend, es ist
das erste Mal seit Tagen, dass Wolfgang
Schmidt nicht bis Mitternacht im Büro
sitzt, sondern ein paar Stunden mit seiner
Familie verbringen kann. Wo sonst das
bunte Leben eines gut situierten Szene-
viertels spielt, sieht es nun genauso tot aus
wie im Rest der Republik. Die Geschäfte:
geschlossen, die Straßen: leer gefegt.
Schmidt ist Staatssekretär im Finanz-
BERND VON JUTRCZENKA / DPA

ministerium, seit vielen Jahren der engste


Vertraute von Olaf Scholz. Er hofft wohl,
dass die stillgelegte Republik bald wieder
in Bewegung kommt, sicher ist er sich
nicht. Fest steht für ihn nur: »Diese Krise
wird die Republik verändern.« Schmidt
hat die großen Einschnitte der vergange-
nen Jahre an Scholz’ Seite miterlebt. Die
Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts
Finanzkrise 2009, als sich der damalige
»Wir müssen ins Offene entscheiden«
Sozialminister Scholz plötzlich um Hun-
derttausende Kurzarbeiter zu kümmern

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des Bundes aus Krediten und Garantien
erleichterte Bewilligung erweiterte summiert sich auf bis zu 1,8 Billionen Euro.
eines Kinderzuschlags Regelungen Es hat ein solches Programm in Deutsch-
Teure Aktion für Kurzarbeit land noch nie gegeben. Der Staat hat die
Hartz-IV: Entfall der Geplante
in Unternehmen Wirtschaft praktisch auf die Intensivstation
Prüfung von Vermögen Rettungsmaßnahmen verlegt. In Tausenden Betrieben werden die
und Miethöhe für ein der Bundesregierung gelockertes Löhne künftig teilweise vom Staat über-
halbes Jahr in Höhe von Insolvenzrecht
nommen. Branchen wie der Tourismus oder
rund 750 Mrd. € der Flugverkehr werden mit öffentlichen
Kündigungs- Krediten über Wasser gehalten. Und in Be-
schutz für trieben, die besonders hart getroffen sind,
Mieter soll der Staat zumindest vorübergehend als
Eigentümer einsteigen. Die Frage ist nur, ob
die Maßnahmen ausreichen und wie lange
mindestens Großunternehmen die Wirtschaft – und der Staat – das durch-
3 Mrd. € halten können. Wochen? Monate?
Liquiditätshilfen durch
An Scholz’ Programm wird sich dann
Unterstützung für Sonderkreditprogramm 100 entscheiden, wie das Land auf Corona zu-
Krankenhäuser der Förderbank KfW Mrd. € rückblickt. Hat der Staat gut und gerecht
und großzügig agiert? Waren die 1,8 Bil-
mögliche lionen gut angelegt oder hinausgeworfenes
Kleine Firmen und Unternehmens- 100 400 Mrd. € Geld? Haben wirklich auch die kleinen
Soloselbstständige beteiligungen Mrd. € Kredit- Betriebe profitiert? Wurde, was in der
50 direkte Zuschüsse durch den Staat garantien Makroökonomie zu Kurven und Modellen
Mrd. € von bis zu 15 000 Euro und Billionen gerinnt, die millionenfache
für Firmen
über drei Monate existenzielle Krise realer normaler Leute
verhindert?
Julian Müller wird dereinst bezeugen
hatte. Die Flüchtlingskrise 2015, bei der runter die Institutschefs Clemens Fuest, können, ob es geklappt hat. Oder ob es
Scholz als Hamburger Bürgermeister die Gabriel Felbermayr und Marcel Fratzscher. scheiterte. »Vier bis sechs Wochen«, sagt
Interessen der SPD-Länder vertrat. Die Runde war sich schnell einig. Die Maß- Müller, er ist Geschäftsführer der eBuch-Ge-
Nun ist er als zuständiger Spitzenbeam- nahmen der Regierung gingen zwar in die nossenschaft, länger halte sein Unterneh-
ter des Scholz-Ministeriums einer der richtige Richtung, so argumentierten die men den Shutdown nicht durch. Er klingt
wichtigsten Krisenmanager der Regierung. Professoren, aber sie reichten bei Weitem dabei, als könne er das selbst nicht glauben.
Er steuert die Arbeit an den milliarden- nicht aus. Die geplanten Liquiditätshilfen Mit jedem Tag fehle mehr Geld in der Kasse.
schweren Staatshilfen, die sein Chef in die- könnten sich als »unzureichend erweisen«, Seit Mittwoch voriger Woche ist es schon
ser Woche auf den Weg gebracht hat. Und hieß es auch in einem Papier der Professo- ein niedriger siebenstelliger Betrag.
er hält den Kontakt zu Kanzleramtschef ren. Sie müssten durch Steuersenkungen Müllers Buchhandelsdienstleister in
Helge Braun, der die Krisenprogramme und als Ultima Ratio einen Rettungsfonds Heidelberg hat 25 Mitarbeiter. Sie belie-
mit den Ministerpräsidenten der Länder für Unternehmen ergänzt werden. Kurz fern 800 inhabergeführte Buchhandlun-
koordiniert. darauf entschieden Kanzlerin Merkel und gen im ganzen Land, zudem betreibt er
Schmidt hat schon viele hektische Re- die Ministerpräsidenten, die Republik in mit zwei Partnern einige Buchläden. Er ist
gierungsphasen erlebt, doch die Corona- Quarantäne zu schicken. Da wurde auch ein Buchenthusiast. Seit den Anfängen vor
krise ist auch für ihn eine neue Erfahrung. den Fachleuten in Schmidts Ministerium 20 Jahren ist das Unternehmen organisch
Er spricht von »unzähligen Brandherden«, klar, dass die Regierung ihr Paket noch ein- gewachsen. »Noch vor drei Wochen hätte
weil »viele Sektoren gleichzeitig betroffen« mal aufstocken musste, und zwar kräftig. ich mir nicht vorstellen können, dass wir
seien. Und obendrein müsse Berlin »im- Kleinunternehmen und Selbstständige sol- jemals um unsere Existenz kämpfen müs-
mer an Europa denken«. Vom Vorwurf, len nun direkte Zuschüsse und nicht nur sen«, sagt Müller. Im Gegenteil: eBuch
die Regierung habe das Virus unterschätzt, Kredite erhalten. plante eine Party mit 800 Gästen zum 20-
will Schmidt nichts wissen. Das wahre Pro- Die Regierung legt einen Fonds auf, um jährigen Bestehen rund um die Hauptver-
blem sei ein anderes. »Die Pandemie ent- sich zur Not an coronageschädigten Groß- sammlung im Mai.
wickelt sich exponentiell, aber alle denken unternehmen zu beteiligen. Und sie macht Der erste Einschlag kam Anfang März
linear.« den Weg für Minijobber und Freiberufler mit der Absage der Leipziger Buchmesse.
Anfang März brachte die Bundesregie- frei, ohne große Vermögensprüfung So- Der Stand war gebucht, die Broschüren
rung ihr erstes Hilfspaket für die Wirt- zialhilfe zu beantragen. Man könnte es gedruckt, der Standbauer schon engagiert.
schaft auf den Weg. Um mögliche Coro- auch so ausdrücken: Auf einen Schlag hat Der Ausfall war für die gesamte Buchbran-
na-Schäden auszugleichen, sollten betrof- die Regierung ein bedingungsloses Grund- che ein schmerzlicher Dämpfer, aber noch
fene Firmen leichter Kurzarbeitergeld be- einkommen eingeführt, zeitlich befristet keine Katastrophe. Die Krise verschärfte
kommen und in großem Stil Kredithilfen zumindest. sich dramatisch, als am Montag voriger
beantragen können. Von einem starken Noch ein zweiter Gedanke leitete die Woche die Einschränkungen für Geschäfte
Paket war die Rede, doch nur wenige Tage Regierung: Um die Bürger und die Finanz- bekannt gegeben wurden. Und kurz da-
später war klar, dass die eilig zusammen- märkte zu beruhigen, musste das Pro- nach die Aufforderung der Kanzlerin, mög-
getragenen Programmpunkte bestenfalls gramm die nötige Wucht entfalten. »Wäh- lichst zu Hause zu bleiben.
ein Anfang waren. rend der Eurokrise haben wir erlebt, wie Den Hunderten Buchhändlern der Ge-
Schmidt lud eine Runde prominenter es ist, wenn man sich als Regierung per- nossenschaft seien seit jenem schwarzen
Ökonomen ins Ministerium ein, um über manent hinter der Welle befindet«, sagt Mittwoch vor zehn Tagen 95 Prozent des
die zugespitzte Krisenlage zu beraten, da- Schmidt. Das jetzt verabschiedete Paket Umsatzes weggebrochen. Im eBuch-Zen-

16 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Das Leben in
der Großstadt
ist aufregend,
vielseitig und inspirierend
und kostet
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bewerten.

29.760 Euro pro Jahr – das geben wir Deutschen laut Berechnungen des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2016 im Schnitt für unsere
Lebenshaltungskosten aus. In der Großstadt kann das schnell auch mal
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Coronakrise

trallager in Bad Hersfeld stapeln sich nun


1,5 Millionen Bücher, darunter die Neuhei-
ten des Frühjahrs. Eine Kettenreaktion set-
ze ein: Händler, deren Umsatz wegbricht,
bitten bei eBuch um Zahlungsaufschub.
Man unterstütze sie, wo es gehe, sagt Mül-
ler, aber er müsse jetzt selbst die Rechnun-
gen für die letzte Weihnachtsware bei den
Verlagen begleichen. Er verhandelt um Zah-
lungsaufschub. Die Krise der Buchhändler
wird zur Krise der Autoren. Sie leben häufig
nicht zuletzt von ihren Lesungen in Buch-
läden, Theatern, Hallen. Alles weg.
Die erste Krisensitzung gab es bei
eBuch am Sonntag vor zwei Wochen, das
Kernteam traf sich im Büro. »Die Situation
war surreal«, sagt Müller. Eben noch ein
gesundes Unternehmen, über Nacht geht
es plötzlich um Anträge auf Kurzarbeit,
Staatshilfe, Existenzsorgen. Unverschul-
det, unvorhersehbar. Für alle bleibe das
»ein Riesenschock«.
Fürs Erste haben Müller und ein Mit-
gründer Hypotheken auf private Immobi-
lien aufgenommen und den Jahresab-
schluss durchgepeitscht, um sich für die
Notfallkredite der KfW bewerben zu kön-
nen. Auch die Corona-Liquiditätshilfen
der Landesregierung haben sie beantragt.
Doch nach den Gesprächen mit der
Hausbank und den Kreditanträgen erhielt
Müller am Dienstag die Konditionen der
KfW-Kredite: zwei Prozent Zinsen bei fünf
Jahren Laufzeit. »Das ist ein Witz«, sagt
er. »Schon in guten Geschäftsjahren würde
das bei uns tief ins Fleisch schneiden.« Erst
recht gelte das für ein »völlig verhageltes
Jahr« wie dieses, für das er in jedem Fall
»mit einem Fiasko rechnet, einem Riesen-
verlust«. Er sagt: »Jeder Unternehmer wird
sich, je länger der verordnete Lockdown
dauert, die Frage stellen, wie hoch der Preis
fürs reine Überleben sein kann und wie es
danach eigentlich weitergehen soll.«
Zum ersten April werden die Mieten fäl-
lig, für einen Großteil seiner Leute hat er
zum Monatsbeginn Kurzarbeit angemeldet,
darunter Mitarbeiter der ersten Stunde. Er
Die Mathematik
habe »Sorge und Angst« bei ihnen gespürt,
aber auch den Willen, sich in der Notsitua-
tion voll fürs gemeinsame Unternehmen
einzubringen – trotz eines um ein Drittel
der Pandemie
gekürztes Gehalt. Er selbst sei »voller Ener- Epidemiologie Wie tödlich ist das Virus? Wer ist infiziert, wer
gie« sagt Müller. Er hoffe nur, dass dieser
»Schwebezustand ohne greifbaren Halt« schon immun? Von den Modellrechnungen der Wissenschaft
noch rechtzeitig ende, sodass seine Firma hängt alles ab – nur sind die nicht immer verlässlich.
die entstandenen Löcher schließen könne.
Solange wird er, wie die ganze Welt, auf

E
Sicht fahren müssen. s ist ein Großversuch, wie es noch gonnen. Alles hört jetzt auf die Wissen-
Benjamin Bidder, Felix Bohr, Anna Clauß, keinen gegeben hat: Ganz Deutsch- schaft, auf Virologen und Seuchenforscher.
Jürgen Dahlkamp, Ullrich Fichtner, land wehrt sich gegen ein Virus. Ihre Maxime: die Kurve der Ansteckungen
Jan Friedmann, Annette Großbongardt, Beteiligt sind 80 Millionen Pro- flach halten. Nur wenn nicht allzu viele
Martin Knobbe, Marcel Rosenbach, banden, einige Zehntausend haben sich Menschen gleichzeitig krank werden, rei-
Michael Sauga, Cornelia Schmergal, angesteckt, die Zahl der Toten stieg auf chen die verfügbaren Intensivbetten für
Thomas Schulz, Gerald Traufetter,
mehr als 200. die schweren Fälle aus.
Steffen Winter
Mit dem Herunterfahren des öffent- Aber wie viele Infektionen werden ver-
lichen Lebens hat die nächste Runde be- hindert, wenn man die Schulen zusperrt?

18 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Behelfskrankenhaus in Madrid fälle wieder zunehmen – quasi eine Stra-
Vorbereitung auf den schlimmsten Verlauf tegie der Stotterbremse, damit die Gesell-
schaft nicht ins Schleudern kommt.
Die Studie des Imperial College fand
Andere Forscher rechnen eher mit lang- international große Beachtung. In Groß-
wierigen Kämpfen; sie befürchten, dass britannien gilt sie als Auslöser des Kurs-
die Pandemie allen Maßnahmen zum wechsels hin zu einer radikalen Eindäm-
Trotz immer wieder aufflammen wird. mungspolitik. Fergusons Leute zählen zur
Aber sämtliche Prognosen beruhen auf Weltspitze in ihrem Fach. Aber selbst ihre
Modellrechnungen, in denen unbekannte imposante Simulation bietet nur eine sehr
Größen verborgen sind. Wie ansteckend grobe Annäherung an die Realität. Zudem
ist jemand, der das Virus in sich trägt? Wie bemängelten Kritiker seltsame Widersprü-
viele infizierte Menschen erkranken über- che in den Zahlen.
haupt daran? Wie viele Erkrankte sterben? Der gewichtigste Einwand kam von For-
Die Wissenschaft behilft sich mit plau- schern des New England Complex Sys-
siblen Schätzwerten. Normalerweise gibt tems Institute in Cambridge. Sie bestreiten
sie dann immer an, wie wahrscheinlich es den Befund, dass das Virus sich immer wie-
ist, dass sie sich irrt. Aber mit den Vorbe- der von Neuem ausbreiten werde. Fer-
halten der Experten kann die Politik jetzt guson habe in seinen Planspielen eine
nichts anfangen, sie muss Entscheidungen wichtige Gegenmaßnahme nicht berück-
treffen. Und im Moment, so scheint es, be- sichtigt: das Aufspüren der Kontaktperso-
reitet sie sich am besten auf den schlimmst- nen von Infizierten. Wer diese Menschen
möglichen Verlauf vor. ebenfalls frühzeitig unter Quarantäne
Eine viel zitierte Studie stützt den Pes- stellt, kann in der Tat unterbinden, dass
simismus; der Epidemiologe Neil Ferguson es zu Infektionsketten kommt.
vom Imperial College in London hat sie Dafür müsste es vorher aber gelingen,
geleitet. Nach seinen Berechnungen dürfte die Zahl der Virusträger unter eine gewisse
der Kampf gegen das Virus sich in aufrei- Grenze zu drücken – vielleicht einige Tau-
benden Etappen über Jahre hinziehen. Ein send. Erst dann wäre es machbar, jedem
Ende ist demnach erst in Sicht, wenn der Einzelfall mit seuchenmedizinischer De-
erlösende Impfstoff gefunden ist. tektivarbeit nachzugehen.
Dieser Blick in die Zukunft beruht auf Zum Glück bietet das Virus dafür einen
diffiziler Rechenarbeit. Fergusons Team Angriffspunkt. Es verbreitet sich allem An-
schuf im Computer eine künstliche Welt schein nach bevorzugt in kleinen Kreisen:
aus Mathematik. Die Forscher verteilten Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskol-
darin Haushalte, Schulen und Betriebe ver- legen stecken sich häufig untereinander
XINHUA / EYEVINE / LAIF

schiedener Größe, orientiert an den Daten an. Das bedeutet, dass bereits eine Suche,
der letzten Volkszählung in Großbritan- die sich aufs engere Umfeld beschränkt,
nien. Auch die Bewohner entsprechen in viel bewirken könnte.
ihrer Altersstruktur in etwa dem Zensus. In Südkorea klappern Helfer systema-
So eine Modellwelt erlaubt es, die Aus- tisch die Kontakte der Erkrankten ab, ge-
breitung einer Epidemie zu studieren. Vor stützt auch auf Daten der Handyortung.
allem aber lassen sich diverse Mittel des Zugleich testet das Land so hartnäckig auf
Was hilft es, die Grenzen zu schließen? Nie- Eindämmens durchspielen: Genügt es, nur Viren wie kein zweites. So gelang es ohne
mand kann das sagen. Vollends ungewiss die besonders anfälligen Menschen älter Shutdown, die Zahl der Todesopfer nied-
ist der Zusatznutzen harter Ausgangssper- als 70 Jahre zu isolieren? Und was bringt rig zu halten – jedenfalls vorläufig.
ren mit Hausarrest, wie sie etwa Italien es, zusätzlich die Schulen zu schließen? Der amerikanische Epidemiologe Tre-
oder Spanien in der Not erlassen haben. Das Ergebnis war ernüchternd. Halb- vor Bedford glaubt, dass sich die Pandemie
Da es an Wissen über den Gegenspieler herzigkeit nützt offenbar wenig, Erfolg ver- nach dem Vorbild von Südkorea auch an-
fehlt, bleibt der Politik in der Eile nur das spricht nur das komplette Arsenal der Ge- derswo unter Kontrolle bringen ließe.
Experimentieren. In den nächsten Wochen genwehr – einschließlich eines Abstands- Zusätzlich rät er, so viele Menschen wie
gilt es, die Folgen zu beobachten und, gebots für die ganze Gesellschaft. Andern- möglich auf Antikörper gegen Sars-CoV-2
wenn nötig, nachzusteuern. Aber eher frü- falls würde das Virus sich immer noch so im Blut zu testen. Diese Methode schlägt
her als später wird die Frage laut werden, stark vermehren, dass ein Großteil der zwar erst mehrere Tage nach der Infektion
wie lange so ein Ausnahmezustand andau- Schwerkranken kaum versorgt werden an, zum frühen Aufspüren des Virus ist sie
ern kann. Und vor allem: Wie geht es dann könnte. In Großbritannien wären dann also nicht geeignet. Aber mit ihrer Hilfe
weiter? über 250 000 Tote zu befürchten, in den können Menschen gefunden werden, die
Immerhin, in China wird das strenge USA mehr als eine Million. eine Ansteckung bereits überstanden ha-
Seuchenregime inzwischen vorsichtig ge- Mit Deutschland haben die Forscher ben, ohne es zu bemerken. Sie dürfen
lockert – in der Hoffnung, dass die Zahl sich nicht beschäftigt. Aber auch hierzu- dann als immun gelten.
der Infektionen nicht gleich wieder steigt. lande, wo es vergleichsweise viele Inten- Das hat zwei Vorteile: Die Forscher fän-
Optimisten glauben, es könne tatsäch- sivbetten gibt, wären nach dieser Kalkula- den heraus, wie weit das Virus bisher un-
lich im ersten Anlauf schon gelingen, die tion die Kapazitäten wohl rasch erschöpft. erkannt herumgekommen ist; der Grad
Ausbreitung von Covid-19 beinahe zu Ein radikaler Shutdown ist allerdings der Durchseuchung ist eine der wichtigs-
stoppen; bei einer niedrigen Zahl von Infi- nicht unbegrenzt durchzuhalten. Ferguson ten offenen Fragen. Und man bekäme eine
zierten lasse sich das Virus womöglich auf rät deshalb, die Abwehr zwischendurch wachsende Schar von Menschen mit Su-
Dauer unter Kontrolle halten. kurzzeitig zu lockern, bis die Ansteckungs- perkräften gegen das Virus. Sie werden

19
Coronakrise

nicht mehr krank, und sie stecken nieman- niert das Projekt. Noch ist es nicht end- ist der Unterschied verblüffend. Wie kann
den an – ideal für den freiwilligen Einsatz gültig bewilligt, aber Krause hofft, dass ab das sein?
in Kliniken oder bei Menschen, die mit April das Blut von mehr als 100 000 Pro- Hendrik Streeck, Direktor des Instituts
einem erhöhten Risiko leben müssen. banden untersucht werden kann. Auch der für Virologie an der Uni Bonn, äußerte
Bedford leugnet nicht, dass sein Plan Berliner Virologe Christian Drosten ist mit schon früh den Verdacht, dass die tatsäch-
viel Arbeit erfordert, während der Erfolg von der Partie. liche Rate in Italien viel niedriger ausfällt.
keineswegs gewiss ist. »Das ist das ›Apol- Der Test soll in regelmäßigen Abstän- »Ich vermute, dass es dort eine immense
lo‹-Programm unserer Tage«, schreibt er. den wiederholt werden, um das Fortschrei- Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen
Eines bleibt, bei allen Kontroversen, ten der Pandemie zu überwachen. Die For- gibt«, sagt er. »Es werden ja nur Patienten
unter Fachleuten so gut wie unbestritten: scher wollen so herausfinden, wie weit sich getestet, die mit schwerem Verlauf in die
Es gilt jetzt, das Virus möglichst deutlich Sars-CoV-2 schon ausgebreitet hat und wie Klinik kommen. Von denen sterben dann
abzubremsen, die Zahl neuer Ansteckun- viele infizierte Menschen es tatsächlich auch überproportional viele.« Wenn das
gen gegen null zu bringen, allein schon um tötet. Das erleichtert die Entscheidung, stimmt, hätte Italien den Gipfel des Elends
Zeit zu gewinnen. Umso fraglicher ist je- wann man wieder Schulen öffnen und in absehbarer Zeit überschritten.
doch, wie es danach weitergehen soll. Großveranstaltungen erlauben kann. Läuft Ist es nun angemessen, bei so unsicherer
Es gibt, stark vereinfacht, zwei Szena- alles nach Plan, können erste Ergebnisse Datenlage das öffentliche Leben vollstän-
rien. Nummer eins: Man lässt die Abwehr Ende April vorliegen. dig herunterzufahren? Der Epidemiologe
etwas schleifen, solange die Intensivbetten Die derzeit verfügbaren Tests schlagen John Ioannidis von der Stanford Univer-
einigermaßen hinreichen. Viele Menschen allerdings manchmal auch bei harmlosen sity sieht in den rigorosen Maßnahmen
»eine blinde Gegenwehr, wie sie eher für
die Medizin des Mittelalters typisch ist«.
angenommener Zeitraum für Mit Geduld zum Sieg Freilich wüsste auch er für den Anfang
Seuchenschutzmaßnahmen Mögliche Szenarien keine Alternative. Seiner Ansicht nach
zum Verlauf der Pandemie muss aber dringend geklärt werden, wie
extrem Verlauf bei
schematische Darstellung
gefährlich Covid-19 überhaupt ist. Am
hoch Verzicht auf besten ginge das, indem man eine reprä-
Maßnahmen sentative Zufallsauswahl der Bevölkerung
über längere Zeit beobachtet. Denkbar
bei Anwendung sei sogar immer noch, dass das Virus am
strenger Ende nicht viel verheerender auftritt als
Maßnahmen eine schlimme Grippe. Aber erst wenn es
Isolation von Infizierten, Einer Prognose des darüber Gewissheit gebe, lasse sich die
Zahl der häusliche Quarantäne, Londoner Imperial Gegenwehr angemessen dosieren – bis
Infizierten strenge Kontakt- und College zufolge kann dann endlich ein Impfstoff bereitsteht.
Abstandsregeln u. a. die Pandemie jedoch Die Wissenschaft verausgabt sich jetzt
nach Aufhebung von an vielen Fronten gleichzeitig. Sie betreibt
Seuche klingt Beschränkungen gerade erst Grundlagenforschung am
Kapazitätsgrenze des bei Aufspüren zurückkehren. Virus, soll aber möglichst übermorgen
Gesundheitssystems der restlichen schon einen anwendungsreifen Impfstoff
Infizierten liefern. Das ist, keine Frage, eine enorme
ab. Aufgabe. Holden Thorp, der Chefredak-
niedrig teur des Fachmagazins »Science«, hält es
keineswegs für ausgemacht, dass sie in
2021 absehbarer Zeit zu bewältigen ist. Er ver-
März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. Jan. Febr. März gleicht die Herausforderung mit der Repa-
ratur eines Flugzeugs während des Flugs.
»Oder vielmehr mit der Reparatur eines
werden krank, aber nach überstandener In- Coronaviren an, gegen die 90 Prozent Flugzeugs, das bereits fliegt, während noch
fektion sind auch immer mehr immun. Sze- der Erwachsenen Antikörper in sich sein Bauplan gezeichnet wird.«
nario zwei: Man hindert das Virus mit allen tragen. Auf ein genaueres Testverfahren Das große Experiment gegen die Pan-
Mitteln an der Verbreitung. Kaum jemand hoffen die Forscher in zwei bis drei demie dürfte jedenfalls nur dann glimpf-
wird mehr krank, aber mit der Immunität Monaten. Dann ließe sich verlässlicher lich ausgehen, wenn bei Bedarf jederzeit
geht es ebenfalls nicht voran. Bei erster ermitteln, ob jemand noch durch Sars- der Kurs korrigiert werden kann. Aus Sicht
Gelegenheit fände das Virus wieder reiche CoV-2 gefährdet ist und andere anstecken der Wissenschaft sollte es also möglichst
Beute, man dürfte mit dem Verfolgungseifer kann – oder nicht. »Den Immunen könn- kontrolliert und übersichtlich ablaufen,
nicht nachlassen. Das ist ein Dilemma, aus te man eine Art Impfpass ausstellen, der sonst wird niemand klug daraus.
dem es vorläufig keinen Ausweg gibt. Um es ihnen zum Beispiel erlaubt, von Ein- Der Bonner Virologe Streeck war von
die Lage abzuschätzen, müsste man wissen, schränkungen ihrer Tätigkeit ausgenom- dem Durcheinander der Verordnungen
wie viele Menschen unbemerkt bereits men zu werden«, sagt der Epidemiologe zuletzt nicht begeistert. Er hätte es auch
immun sind. Fachleute glauben: ein Mehr- Krause. vorgezogen abzuwarten, wie weit man
faches der registrierten Fälle. Solche Bluttests könnten auch das Rät- ohne Shutdown gekommen wäre. »Wenn
Gewissheit kann nur ein Massentest auf sel der vielen Todesopfer in Italien klären. jeden Tag neue Maßnahmen beschlossen
Antikörper im Blut bringen – in Deutsch- Von den bestätigten Coronafällen sterben werden«, sagt der Forscher, »dann sehen
land ist ein solcher in Vorbereitung. Gérard dort rund zehn Prozent, in Deutschland wir nie, was nützlich ist und was nicht.«
Krause, Leiter der Abteilung für Epidemio- bislang weniger als ein Prozent. Selbst Manfred Dworschak, Veronika
logie am Helmholtz-Zentrum für Infekti- wenn man die Überlastung der Kranken- Hackenbroch, René Pfister
onsforschung in Braunschweig, koordi- häuser in Norditalien in Rechnung stellt,

20 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Deutschland

AHMAD FALLAHA / REDUX / LAIF


Ein Graffito für die Kanzlerin Die Künstler Anis Hamdoun und Aziz al-Asmar malen ihre Freude darüber, dass
Angela Merkel vom Coronavirus verschont geblieben ist, auf eine Hauswand nahe dem kriegszerstörten Idlib. Sie
möchten sich bei der deutschen Bundeskanzlerin bedanken, sagen sie. Für ihr Mitgefühl mit dem syrischen Volk.

Polizei im Offline-Modus
Sicherheit Ermittler sind nur mangelhaft für Telearbeit ausgerüstet.
G Die deutsche Polizei ist auf die ein Drittel der LKA-Beamten diese Gerä- selt wird alle 14 Tage. »Die Polizei muss
Coronakrise schlecht vorbereitet. Eine te nutzen, in Baden-Württemberg gibt es unbedingt handlungsfähig bleiben«, sagt
Umfrage des SPIEGEL ergab, dass 228 LKA-Notebooks für 800 Polizisten. Nordrhein-Westfalens Landesvorsitzen-
kaum ein Landeskriminalamt Vorsorge »Die jahrelangen Versäumnisse bei der der der Deutschen Polizeigewerkschaft,
getroffen hat, seine Beamten in großer IT-Infrastruktur werden uns in der Krise Erich Rettinghaus. »Homeoffice kann für
Zahl von zu Hause aus arbeiten zu lassen. zum Verhängnis«, sagt Jan Reinecke vom viele von uns, die auf der Straße arbeiten,
Sogenannte Telearbeitsplätze sind dort Bund Deutscher Kriminalbeamter. Auch keine Lösung sein.«
noch immer selten. In Bremen haben im Bundesinnenministerium brach zeit- Womöglich bleibt die Lage auch nicht
18 LKA-Mitarbeiter diese Möglichkeit, in weise das Telefonnetz zusammen, Daten- so ruhig wie bisher. In einer vertraulichen
Niedersachsen sind es 45 und in Baden- server waren überlastet. Analyse heißt es: Je länger die Pandemie
Württemberg 42. In den Behörden arbei- In Köln etwa arbeiten die Beamten in dauere, desto größer werde die »psy-
ten jedoch Hunderte Ermittler. Selbst Schichten: Die eine Hälfte schiebt Dienst, chische Belastung« der Bevölkerung. Die-
Laptops sind in den meisten Behörden die andere bleibt zu Hause in Bereit- ser Stress könne sich in Gewalt entladen –
Mangelware. In Niedersachsen kann nur schaft – und hoffentlich gesund. Gewech- auch gegen Einsatzkräfte. AUL, JDL, JPZ, SMS

22 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Frauenhäuser Doch Hamburg rüstet sich für Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
zwei Szenarien: einerseits für
Bereit für das
Virus
einen Infektionsfall in einem
der fünf bestehenden Frauen-
häuser, die stark ausgelastet
Luxusphänomen AfD
G Hamburg bereitet sich sind und deshalb nur schwer Es ist Ihnen sicher aufgefallen: Nichts beschäftigt
darauf vor, dass in der Coro- Betroffene isolieren könn- die Menschen dieser Tage mehr als die Frage,
nakrise mehr Platz in Frauen- ten. Andererseits will die ob der Nationalsozialismus nun eine singuläre
häusern benötigt wird. Die Senatorin gewappnet sein, Schreckensherrschaft in der Weltgeschichte war
Stadt sucht in allen Bezirken falls die Gewalt daheim oder doch nur ein Vogelschiss in der deutschen
nach Unterkünften und hat wirklich zunimmt. Das fürch- Geschichte. Heiß diskutiert wird auch die Idee
bereits eine derzeit geschlos- tet nämlich die Polizei. In einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur. Das
sene kleine Pension gebucht. einem internen Papier der »Denkmal der Schande«, also das Holocaust-Mahnmal gleich
»Wir schaffen durch Siche- Bund-Länder-AG Kripo heißt neben dem Brandenburger Tor, ist den Deutschen derzeit
rung zusätzlicher Räumlich- es, die Maßnahmen gegen bekanntlich der größte Dorn im Auge. Kurz: Erinnerungs-
keiten Kapazitäten«, bestätigt Covid-19 führten zu einer und Identitätspolitik sind die Megathemen unserer Zeit.
Familiensenatorin Melanie »deutlichen Zunahme negati- Okay, lassen wir den Mumpitz, es sind ja harte Zeiten. Die
Leonhard (SPD). Zwar gibt es ver Stressfaktoren« wie Wahrheit ist: Zu den wenigen erfreulichen Nebenwirkungen
in der Hansestadt bisher kei- etwa drohende Arbeitslosig- der Corona-Epidemie zählen die Umfragewerte der AfD. Bei
ne Hinweise darauf, dass keit. Darunter leide die Forsa rutschte sie in der Sonntagsfrage jetzt sogar unter zehn
häusliche Gewalt wegen der »Selbstkontrolle«. Kurz- Prozent – zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren. Gäbe es
Ausgangsbeschränkungen wie mittelfristig müsse »mit einen Rettungsschirm für Parteien, deren Existenz von Corona
zugenommen hat. Auch das einer Zunahme von (sexuel- bedroht wäre, die AfD würde sich locker qualifizieren.
bundesweite Hilfetelefon ler) Gewalt in Familien Ich glaube, dass sich die Partei in dieser Krisenzeit endgültig
»Gewalt gegen Frauen« regis- und Beziehungen gerechnet als Luxusphänomen entpuppt, als ein Ableger der Wohlstands-
triert kein Plus an Anrufen. werden«. AMP, JDL, GLA gesellschaft. Man muss es sich einfach leisten können, Neben-
sächlichkeiten zur Schicksalsfrage der Nation aufzuplustern. In
einer existenziellen Krise interessiert jedenfalls wenig, was ein
ehemaliger Geschichtslehrer über die
Hohenzollern an ein Bankenkonsortium ver- Vergangenheitsbewältigung faselt.
kaufen. Edelman schreibt in Ein paar völkische Wenn nicht alles täuscht, gibt es
Israelin kontra der kommenden Ausgabe der Flitzpiepen kön- gerade eine Rückbesinnung auf
Prinz US-Zeitschrift »The New York nen ihren Reflex Tugenden, die der AfD eher wesens-
Review of Books«, die Hohen- fremd sind: Solidarität, Verlässlich-
G Die israelische Verlegerin zollern hätten anschließend auch in Corona- keit, Besonnenheit, das Vertrauen in
Racheli Edelman wirft den mehr als die Hälfte der Aktien Zeiten nicht die Kraft der Wissenschaft und den
Hohenzollern vor, sich in der »vermutlich zu einem sehr unterdrücken. Geist der Aufklärung. Auch der
Nazizeit am Vermögen ihres günstigen Preis« erworben – Umgangston verändert sich. Man
deutschen Großvaters Salman eine plausible Annahme. Die sorgt sich umeinander. Empathie,
Schocken bereichert zu haben. Hohenzollern beteiligten sich eine lange atavistisch wirkende Eigenschaft, ist wieder gefragt.
Versuche der ehemals kaiser- in ähnlicher Weise an einer Und jenes politische System, das die AfD so verächtlich mach-
lichen Familie, sich vom Vor- anderen Arisierung (SPIEGEL te, funktioniert ebenfalls recht gut. Die meisten Bürger sind
wurf der NS-Verbrechen rein- 5/2020). 1949 erhielt Scho- ganz froh darüber, dass in Deutschland gerade kein populisti-
zuwaschen, seien daher »ohne cken von den Hohenzollern scher Krawallbruder wie Donald Trump an der Macht ist.
Grundlage«. Schocken besaß die Mehrheit der Unterneh- Natürlich ist das eine Momentaufnahme. Sollte die Wirtschaft
eine der bedeutendsten Kauf- mensanteile zurück, die er in den kommenden Monaten einbrechen, die Zahl der Arbeits-
hausketten Europas. 1934 emi- dann verkaufte. Der Arisie- losen steigen, der soziale Friede erodieren, bieten sich Popu-
grierte er nach Palästina, spä- rungsvorwurf schwächt die listen neue Möglichkeiten. Aber vielleicht begreift die AfD die-
ter in die USA. 1938 musste er Hohenzollern im Rechtsstreit se Krise ja selbst als Gelegenheit zur Besinnung. Vielleicht
seine Anteile weit unter Wert mit der öffentlichen Hand. entwickelt sie sich doch noch zu einer verantwortungsvollen
Georg Friedrich Prinz von konservativen Partei. Gewiss, ein paar völkische Flitzpiepen
Preußen, Chef der Familie, können den neurechten Reflex auch in Corona-Zeiten nicht
verlangt eine Entschädigung unterdrücken. Der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete
für enteignete Immobilien Andreas Winhart twitterte: »Merkel in Quarantäne! Gut, hin-
sowie die Herausgabe einiger ter Gitter wäre besser, aber is ja schon mal ein Anfang.« Hand-
Tausend Kunstwerke. Nach werk ist Handwerk, und gelernt ist gelernt. Nicht jeder chro-
Rechtslage wären die Ansprü- nische Hetzer lässt sich zum seriösen Politiker umschulen.
MARLENE GAWRISCH / ULLSTEIN BILD

che jedoch teilweise verwirkt, Aber es gab auch andere Töne. Was jetzt zähle, sei der ge-
sollten die Hohenzollern einst sellschaftliche Zusammenhalt, sagte Alexander Gauland im
dem Nationalsozialismus Deutschen Bundestag. Das klang fast putzig aus dem Munde
»erheblich Vorschub« geleistet eines Mannes, dessen Partei bislang alles dafür getan hat, den
haben, was Prinz von Preu- Zusammenhalt zu sprengen. Aber vielleicht war es auch ein
ßen bestreitet. Sein Anwalt erster Anflug von Einsicht. Man wird ja noch träumen dürfen.
hat auf eine Anfrage zu
den Vorwürfen Edelmans An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander
Prinz von Preußen nicht reagiert. KLW Neubacher im Wechsel.

23
So gesehen Chappattes Welt

Merkel daheim
Die ferngesteuerte Regierung
G So, wo muss ich da jetzt, ah ja (klick),
nein, was hab ich denn jetzt gemacht …
Joachim? Joachim?! Wo ist denn der
Zettel, den mir der Seibert … der mit
der Anleitung für die Videokonferenz …
ah, da … also … öffnen (klick), neue
Konferenz starten (klick), Teilnehmer
hinzufügen … (klick, klick, klick).
Moment, den nicht … Was macht
denn der Söder da? Du, Markus, war
ein Versehen, hab mich verklickt …
Nein, warte bitte, bis wir das gemein-
sam … Ach, hast du schon. Aha. Aha.
Find ich ehrlich gesagt nicht so … Aha.
Na gut. Ja, später … See you … (es
klingelt). Joachim?! Die Tü-hür! Was?
Ach so. Aber nicht alles verbrauchen,
wir haben nur noch drei Rollen, und
der Seibert kommt erst wieder am
Dienstag … Ja, ich mach auf … Ah,
guten Tag, stellen Sie es ab. Ich möchte Migration hatte der türkische Präsident Recep Tayyip
mich bedanken, dass Sie den Laden Türkische Provokateure Erdoğan verkündet, die Grenzen in die
am … Ach so, gar nicht für mich. Für EU stünden offen. Tausende Migranten
Krause. Ja, kann ich annehmen. Für G Der Bundesnachrichtendienst (BND) versuchten, nach Griechenland zu gelan-
Kasupke auch noch? Aber der ist doch hat Hinweise, dass die Türkei die Aus- gen. Einige warfen Steine auf Grenzbeam-
zu Hause, ich höre schreitungen an der griechischen Grenze te und versuchten, Zäune zu überwinden.
»Du, Markus, den den ganzen
Tag herumstamp-
vor vier Wochen absichtlich angefacht
haben könnte. Demnach hätten türkische
Die griechische Polizei setzte Tränengas
ein. Wegen der Corona-Epidemie hat
war ein fen … Die müssten Behörden Flüchtlinge in Busse gezwun- Erdoğan die Grenze inzwischen wieder
Versehen, eigentlich alle da gen und sie ins Grenzgebiet gefahren. geschlossen. In der griechischen Regie-
hab mich sein, hab denen Unter die Menschenmenge sollen sich rung bestand früh der Verdacht, dass tür-
doch ausdrücklich auch staatliche Kräfte gemischt haben, kische Kräfte den Konflikt befeuert hat-
verklickt …« gesagt … Na gut, die die Krawalle an den Zäunen befeuert ten. Sicherheitsbeamte, die an der Gren-
ja, machen Sie’s hätten, so die Erkenntnisse des Auslands- ze im Einsatz waren, berichteten dem
gut … So, jetzt aber … Also … Joachim? geheimdienstes. Von deutschen Behörden SPIEGEL, dass sich unter den Flüchtlin-
Hast du hier was verstellt? Ich versuche mit den Vorgängen konfrontiert, bestrit- gen Türken befunden hätten. Manche der
zu arbeiten, da kannst du nicht deine ten Vertreter des türkischen Sicherheits- Männer hätten selbst Steine geworfen
Baumarktbestellung … (ein Videoanruf apparats eine Beteiligung. Der BND äu- oder den Migranten geholfen, Grenzzäu-
bimmelt). Oh Gott, jetzt auch noch der ßerte sich auf Anfrage nicht. Ende Februar ne durchzuschneiden. FIS, GEC, MBA, WOW
Trump … Wie ging das gleich … Kamera
deaktivieren … (klick, klick) … (mit ver-
stellter Stimme) You have reached the
bureau of Angela Merkel. Please leave Infrastruktur halten sich an den digitalen Waffenstill-
a message after the beep … Piiiep! … stand: In Frankreich und Tschechien
(klick) … hehe … So, jetzt aber … (klick,
Warnung vor Hackern gab es bereits Attacken auf Kliniken, auch
klick). Hallo? Pizzeria Primavera? Gut. G In den Sicherheitsbehörden herrscht die Weltgesundheitsorganisation WHO
Hier Merkel. Sie kennen mich. Wir hät- Sorge vor Cyberattacken auf Kranken- geriet ins Visier von Hackern. In Deutsch-
ten gerne eine Tonno und eine Margheri- häuser und andere wichtige Einrichtun- land soll es zumindest einen Versuch ge-
ta mit extra Käse … Was? 50 Minuten? gen wie Energieversorger. Die Auswirkun- geben haben, eine Gesundheitseinrich-
Also, das sage ich Ihnen: Lange kann das gen solcher Angriffe wären derzeit »noch tung mit der Androhung eines Angriffs zu
so nicht weitergehen. Stefan Kuzmany gravierender« als sonst, warnen Krimina- erpressen. Das Bundesamt für Sicherheit
listen von Bund und Ländern in einem in der Informationstechnik drängt system-
vertraulichen Bericht. In der Vergangen- relevante Unternehmen, ihre IT-Schutz-
heit haben Hacker bereits mehrfach die maßnahmen zu verschärfen. Für Her-
IT von Kliniken lahmgelegt, um Lösegeld steller von Medizinprodukten, Pharma-
zu erpressen. Laut dem Behördenpapier firmen und Forschungseinrichtungen
hätten einzelne Cyberkriminelle zwar bestehe »ein erhöhtes Bedrohungsrisiko«.
öffentlich behauptet, ihre Angriffe auf Auch die Netze des Robert Koch-Instituts
medizinische Einrichtungen während der sollen besser gegen Angriffe abgesichert
Epidemie auszusetzen. Doch nicht alle werden. JDL, WOW

24 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Coronakrise

Mit heißer Nadel


Krisenpolitik Im Eiltempo haben Bundesregierung und Parlament das größte Hilfspaket
in der Geschichte der Bundesrepublik geschnürt. Alles war anders als üblich,
vor allem das Verhältnis von Regierung und Opposition. Fünf historische Tage – ein Protokoll.

M
anche werden freier in diesen sich aus Gesprächen mit vielen Beteiligten Sonntag, 22. März
Zeiten der begrenzten Frei- ergibt. In einer Telefonschalte von Altmaier,
heit. Zum Beispiel Bundes- Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und
wirtschaftsminister Peter Alt- Samstag, 21. März Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus
maier (CDU). Am Mittwoch fährt er mit 20.30 Uhr. Altmaier eröffnet eine Telefon- wird heftig diskutiert. Brinkhaus kritisiert
seinem Audi A8 durch das Regierungsvier- konferenz mit den Wirtschaftspolitikern Scholz, und damit auch Altmaier, für den
tel, aber nicht wie sonst auf dem Rücksitz, der Großen Koalition und der Opposition. Stabilisierungsfonds, über den sich der
sondern am Steuer. »Das mache ich aus »Ist die AfD auch da?«, dröhnt er in die Staat an taumelnden Unternehmen betei-
Gründen des Infektionsschutzes«, sagt er Leitung. ligen kann. Ein schwerer Eingriff in die
und hat sichtlich Freude am Fahren, hat lan- Das Hilfspaket ist weitgehend fertig, der Marktwirtschaft, zu schwer, finden Teile
ge darauf verzichten müssen. Ein Minister Entwurf wurde an die Parlamentarier ver- der Union. Der Kompromiss: Ein intermi-
soll die schwere Dienstlimousine aus Sicher- schickt. Finanz- und Wirtschaftsministe- nisterielles Gremium müsse darüber wa-
heitsgründen normalerweise nicht lenken. rium haben seit Tagen intensiv daran ge- chen, dass der Staat nicht auf breiter Front
Doch nun geht es um einen anderen arbeitet, zuletzt noch »in einer praktisch bei den Unternehmen einsteigen kann.
Sicherheitsbegriff, eine andere Bedrohung. endlosen Abfolge von Telefonkonferen- 20 Uhr, Bundeskanzlerin Angela Mer-
Ein Chauffeur könnte ansteckend sein zen«, wie Altmaier sagt. Milliardenhilfen kel berät mit den wichtigsten Ministern
oder angesteckt werden. Das wirkt offen- für Unternehmen, für Künstler, auch für und allen Fraktionsvorsitzenden im Bun-
bar derzeit bedrohlicher als Terror. Eltern, die wegen fehlender Kinderbetreu- destag die geplanten Gesetze. Sie ist seit
Neue Zeiten, auch und gerade für die ung zu Hause bleiben müssen. All das sum- heute in Quarantäne zu Hause, weil sie
Politik. Das Coronavirus zwingt zu gro- miert sich auf unvorstellbare 1,8 Billionen Kontakt zu einem infizierten Arzt hatte.
ßem Denken, großem Handeln und vor al- Euro. Die Schuldenbremse ist passé. Zu- Das Lagezentrum des Kanzleramts schal-
lem zu Tempo. Es verbreitet sich rasend dem wird der seuchenrechtliche Notfall tet die Runde zusammen – ganz altmo-
schnell, also muss auch die Politik schnell gesetzlich geregelt, mit tief greifenden Ein- disch über Telefon.
sein, um die Gesundheit der Bürger zu schnitten für das Leben aller Bürger. Merkel sagt Danke, dass alle so kurz-
schützen und den Absturz der Wirtschaft fristig bereit gewesen seien, dann stellen
aufzuhalten. Scholz und Gesundheitsminister Jens
Aber Demokratie ist in normalen Zeiten
eher langsam. Viele Interessen sind zu bün-
Das geht zu weit, Spahn (CDU) ihre Gesetzentwürfe vor.
Anschließend kommen die Vorsitzenden
deln, gegeneinander abzuwägen und in
einem langen Verfahren auf Mehrheits-
findet die Opposition, der Fraktionen zu Wort.
Alexander Gauland und Alice Weidel
fähigkeit zu trimmen. Und es ist geradezu
ein Daseinszweck der Oppositionsfraktio-
zu viel Macht sind für die AfD in der Leitung, bedanken
sich bei Merkel und haben keine Fragen.
nen, Sand ins Getriebe zu werfen, Beden- für die Exekutive. FDP-Chef Christian Lindner trägt, auch
ken anzumelden, Durchregieren zu ver- im Namen von Grünen und Linken, große
hindern, damit die Minderheiten, die sie Bedenken gegen Spahns Infektionsschutz-
vertreten, nicht unter die Räder kommen. Altmaier hatte sich dafür eingesetzt, die gesetz vor. Allein die Bundesregierung kann
Langsamkeit schützt die Demokratie. AfD einzubeziehen. Nun meldet sich nie- nach dem neuen Gesetz eine »seuchen-
In normalen Zeiten. Jetzt muss die De- mand in der Telefonkonferenz. »Wir fan- rechtliche Notlage« ausrufen. Das gehe zu
mokratie beweisen, dass sie auch schnell gen dennoch an«, sagt der Minister. Es ist weit, finden diese drei Fraktionen der Op-
sein kann, und genau das ist in dieser Wo- nicht viel Zeit. Bis Mittwoch sollen die Ge- position, zu viel Macht für die Exekutive.
che passiert. Bundesregierung und Bun- setze verabschiedet sein. Das sei Sache des Parlaments: ausrufen
destag haben in einem Eilverfahren Geset- In Duisburg liest Bärbel Bas, Gesund- und beenden.
ze für den Kampf gegen Corona und die heitspolitikerin und stellvertretende Frak- Falls sich die Regierung hier nicht be-
wirtschaftlichen Folgen beschlossen. tionsvorsitzende der SPD, die Entwürfe. wege, könne er nicht die neuen Pairing-
Es waren Tage, in denen kaum etwas so Ihre Gedanken, erzählt sie später, begin- regeln zusichern, warnt Lindner. Diese Ab-
ablief wie üblich. Während sich die Politi- nen um diese Fragen zu kreisen: »Wir sprache sieht vor, dass für jeden Abgeord-
ker selbst vor dem Coronavirus schützen müssen innerhalb von ein paar Tagen ein neten der Koalition, der wegen Quarantä-
mussten, peitschten sie ein gigantisches Ge- riesiges Paket schnüren. In einer Ge- ne fehlt, auch ein Abgeordneter der Op-
setzespaket durch das Parlament. Vor al- schwindigkeit, in der man nicht mehr viel position der Abstimmung fernbleibt.
lem der Antagonismus von Regierungs- Rücksprache halten kann. Man hat Angst, Einigt euch mit Spahn, sagt Merkel.
mehrheit und Opposition, der Wesenskern Fehler zu machen. Die werden wahr-
der Demokratie, war infrage gestellt. scheinlich auch passieren. Der Vorteil Montag, 23. März
Wie haben Beteiligte das erlebt? Was ist: Als Gesetzgeber kann man das immer Katrin Göring-Eckardt, die Fraktions-
haben sie empfunden, gedacht, gemacht? wieder korrigieren. Aber der Druck chefin der Grünen im Bundestag, sitzt in
Das Protokoll historischer Tage, wie es ist enorm.« ihrem Haus in Brandenburg, Sonne flutet

26 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Regierungsbank am Mittwoch, Abgeordnete bei der Abstimmung, Bundestagspräsident Schäuble: »Man hat
Angst, Fehler zu machen. Die werden wahrscheinlich auch passieren. Der Vorteil ist: Als Gesetzgeber kann man
sich immer wieder korrigieren. Aber der Druck ist enorm.« (Bärbel Bas, SPD)

Fotos: Hans-Christian Plambeck für den SPIEGEL 27


Coronakrise

den Raum. Ihr iPad hat sie auf eine Staffe- mer mal wieder, die wichtigste Rede seines Mitgehangen, mitgefangen – darum geht
lei gesteckt, tägliche Videokonferenz mit Lebens. Am Mittwoch soll er sie halten, es jetzt: Trägt die Opposition mehr mit,
ihrem Team, zugeschaltet aus Erfurt, aus als Ersatzmann sozusagen, als Vizekanzler. verteilt sich die Verantwortung breit. Die
Berlin. Zwei Wochen lang war sie hier in Denn die Bundeskanzlerin kann nicht ins Regierung steht nicht allein am Pranger,
Brandenburg in häuslicher Quarantäne, Parlament kommen, soll auch nicht zuge- sollte sie sich verkalkulieren. Zudem
ein Infiziertenfall in der Fraktion, nun ist schaltet werden. Scholz hat das mit ihr be- braucht die Große Koalition ab und an die
es vorbei. Sie darf wieder raus. sprochen, er wird reden. anderen Parteien, weil ihr sonst die Mehr-
In diesen zwei Wochen hat sie sich eine Die dunkelste Zeit der Bundesrepublik, heit fehlt. Ferschl drückt es so aus: »Wir
neue Routine geschaffen zwischen den Te- und er muss die Hauptrede halten. Die sind etwas weniger Stachel im Fleisch der
lefonaten, zwischen den Videokonferen- Dimension sei ihm bewusst, so erzählt er Regierung. Die Leute hätten kein Verständ-
zen. Sie geht joggen, wenn sie den Bild- es später, nun sucht er die Worte dafür. nis, wenn wir uns jetzt im Klein-Klein ver-
schirm nicht mehr erträgt, manchmal geht Leere Hallen in seinem monumentalen hackstückten.«
sie auch, aber nur ganz kurz, »ins Wasser«. Finanzministerium, leere Gänge. Das Trotzdem dürfe eine Partei ihre Kern-
Die Temperatur kenne sie nicht, sagt sie. macht die Situation noch pathetischer, die überzeugungen nicht aufgeben, sagt sie.
»Ich trage kein Thermometer am Fuß.« meisten Beamten sind im Homeoffice. In Ein schmaler Grat. Obwohl sie Gewerk-
Sie und ihr Lebensgefährte versuchen, den vergangenen Tagen haben sie ver- schaftsfunktionärin ist, ist sie bereit, die
zweimal am Tag gemeinsam zu essen, sucht, den Hilfsbedarf zu ermessen, haben verlängerten Arbeitszeiten in der Pflege
»ohne Geräte«. Sie sagt, das klappe noch Instrumente geprüft und erörtert, Zahlen mitzutragen, für den Moment jedenfalls.
nicht so gut. Die Frage, die sie umtreibt, geliefert. Die landeten bei Scholz auf dem Andererseits läuft jetzt vieles so, wie sie
ist die nach dem richtigen Maß, nach der Schreibtisch, und der hat sie dann im en- es sich immer gewünscht hat. Zum Bei-
Verhältnismäßigkeit. Vielleicht auch die geren Kreis addiert. Wie hoch soll der spiel: Der Staat übernimmt mehr Verant-
nach Macht und Mittel. Sie sei da »viel- Nachtragshaushalt sein? Die Summe wuchs wortung.
leicht noch sehr Ossi«, sagt sie vorsichtig. und wuchs. Scholz wollte eine »punktge-
Aber sie empfinde die Einschränkungen naue« Landung hinbekommen, auf keinen Dienstag, 24. März
der Persönlichkeits- und Freiheitsrechte Fall zu wenig, aber auch nicht zu viel. Die Fraktionsspitzen von Union und SPD
als krass. »Wie kommen wir da wieder Dann hatte er eine große Zahl, und dann telefonieren am Vormittag. Es gibt noch
raus?«, fragt sie sich, sagt aber auch: »An- hat er noch einige Milliarden draufgepackt. Streit über die Entlastung der Mieter. Sie
scheinend ist es richtig.« Sicher ist sicher. sollen ihre Zahlungen vorläufig einstellen
Sie liest dann wieder über Südkorea, Nun ist die Zeit der Worte. »Schicksal« können, wenn sie durch die Coronakrise
wie sie Corona dort in den Griff bekom- geht ihm durch den Kopf, auch »Mensch- keine oder deutlich geringere Einkommen
men haben. Es geht um Politik, klar, aber heit«. Dass es die Welt so unvermutet ge- haben. Dagegen sträuben sich Teile der
eben auch um Ethik. Und wie sich beides Union. Mützenich vermutet »eine starke
manchmal in die Quere kommt. Lobbytätigkeit«.
SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich
wirbt und wirbt. Er will möglichst viele
Currywurst und Für Lobbyisten ist das Schnellverfahren
ein Albtraum. Keine schönen Empfänge
Abgeordnete nach Berlin locken. Die
Angst sei groß, erzählt er. Stecke ich mich
Pommes gibt es für die Politiker, keine Mittagessen im Res-
taurant Borchardt. Nur SMS und Telefon.
an? Wie soll ich Abstand halten, wenn so
viele Menschen im Bundestag zusammen-
nur noch einmal Mützenich beharrt auf der Entlastung
für Mieter. Sie bleibt im Gesetz.
kommen? Mützenichs Ziel: Selbst wenn pro Woche. Es ist ein sonniger Morgen, ein Spazier-
die Koalition allein die Kanzlermehrheit gang mit der SPD-Abgeordneten Bärbel
nicht erreicht, will er zumindest ein Signal Bas am Paul-Löbe-Haus. Herrliches Licht,
senden, dass die SPD-Fraktion in großer packt hat, dass es alle betrifft, dass einem wie schön die Welt gerade ist. Das macht
Zahl erscheint. Dass sie ihre Pflicht erfüllt. die Verwundbarkeit des Einzelnen und alles noch unwirklicher. Bas schaut sich
Wolfgang Kubicki ist am frühen Nach- der Gesellschaften so bewusst wird. Er um und sagt: »Hier läuft keiner mehr
mittag regelrecht aufgekratzt. Er freut sich spricht mit seinen Leuten, speist seine rum. Es fehlt nur noch, dass Grasbündel
über die Segnungen der Technik. Kubicki, Ideen ein für den Text. Es gilt, der Situa- durch die Gegend wehen wie in einem
stellvertretender Vorsitzender der FDP tion gerecht zu werden, ohne dick aufzu- Western.«
und Vizepräsident des Bundestags, sitzt tragen. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Wie Sie kommt gerade aus dem Bundes-
in seinem Büro, er hat sich per Videoanruf bei den Zahlen. gesundheitsministerium. Da liefen die letz-
gemeldet und schwärmt, dass heute Mor- Am Abend gibt es die »Einigt euch mit ten Verhandlungen. Noch sind nicht alle
gen schon das FDP-Präsidium per Video- Spahn«-Schalte, die von Merkel angeregt Berufe im Gesundheitswesen mit dem
konferenz getagt habe. »Ich frage mich, worden ist. In der Leitung: Spahn, Linken- Hilfspaket geschützt. Bas und ihre Kolle-
warum wir nicht schon früher auf die Idee fraktionschef Dietmar Bartsch, Lindner, gen arbeiten an Ideen für das nächste Pa-
gekommen sind«, sagt er. Göring-Eckardt. Man diskutiert. Wer soll ket. Neue Zahlen für Scholz.
Ob er es problematisch finde, dass in den seuchenrechtlichen Notfall erklären Sie erzählt, was ihr durch den Kopf geht,
dieser Woche derart weitreichende Vorha- dürfen, die Regierung, der Bundestag? Der Krisengedanken: »Es knabbert an den Ner-
ben im Eilverfahren durchs Parlament ge- Bundestag, Spahn lässt sich überzeugen. ven. In meiner Stadt haben alle Gastrono-
peitscht werden sollen? »Das ist jetzt die Opposition wirkt, auch in Krisenzeiten. men zu, da hängen Existenzen dran. Na-
Stunde der Exekutive«, sagt Kubicki, der Susanne Ferschl von der Linken sieht türlich versuchen wir, einen großen Teil
Vollblutparlamentarier. Dann schiebt er das ebenso und hat eine Erklärung dafür: aufzufangen. Ob uns das umfänglich mit
hinterher: »Die Regierung ist ja nur hand- »Ich habe das Gefühl, als Opposition hat allen gelingt, das ist die Sorge. Was passiert
lungsfähig, weil der Bundestag bereit ist, man gerade etwas mehr Einfluss als sonst«, mit den Menschen, mit der Wirtschaft, mit
schnell Beschlüsse zu fassen.« Klingt nach sagt sie. Die Bereitschaft der Regierung, dem Land? Wie lange dauert das?«
Exekutive mit Stützrädern. Kritik anzunehmen, sei höher. Wird man das Schlimmste verhindern
Bundesfinanzminister Scholz denkt Das vermeintliche Entgegenkommen können? »Das ist eine andere Situation als
über eine Rede nach, zwischendurch, im- der Regierung ist kein Freundschaftsdienst. die Bankenkrise, wo man wusste, wie man

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Bundestagsvizepräsident Kubicki, Abgeordnete Bas, Saaldienerin bei Desinfektion: »Das ist eine andere Situation
als in der Bankenkrise, wo man wusste, wie man handeln kann. Jetzt ist alles offen, wir wissen nicht, wie
das aufgeht. Da ist nichts, was man steuern kann, wo wir als Politiker doch immer so gerne steuern.« (Bärbel Bas)

handeln kann. Jetzt ist alles offen, wir wis- des Parlaments, den Epidemiefall auszu- sie lange kennt. »Konzentriert, sehr sor-
sen nicht, wie das aufgeht. Da ist nichts, rufen und aufzuheben. tiert.«
was man steuern kann, wo wir als Politiker Die Grünen haben weitere Maßnahmen Kurz vor 14 Uhr, die Cafeteria im
doch immer so gerne steuern.« gefordert, die, wie die Fraktionschefin sagt, Jakob-Kaiser-Haus, Casino genannt. Lee-
Um elf Uhr geht Bas zur Arbeitsgrup- bisher »leider nicht erreicht« wurden. re, als wäre die Mittagspause an diesem
pensitzung, wo sie die anderen Gesund- Dazu gehören Boni für Beschäftigte im Ge- Tag entfallen. Currywurst und Pommes,
heitspolitiker der SPD informiert. Abstand, sundheitswesen und eine Erhöhung der ein gefragter Standardposten auf dem
manche tragen Handschuhe, Bas nicht. Sie Regelsätze für sozial schwache Familien. Menü, gibt es nur noch einmal pro Wo-
will sich nicht ins Gesicht fassen, auf keinen Noch mehr neue Zahlen für Scholz. che. Am Eingang der Kantine hängen
Fall. Das soll ja helfen. Aber es ist ein Re- Kurz bevor sie in Richtung Aufzug ver- zwei Desinfektionsmittelspender. Sie sind
flex. Es dauert, ihn zu kontrollieren. schwindet, im Abstand von zwei Metern leer.
Um kurz vor zwölf fährt Katrin Göring- zu den Umstehenden, sagt sie: »Es ist eine Hinten, an der Fensterfront, packt eine
Eckardt von den Grünen mit dem Aufzug Zeit, in der wir damit rechnen müssen, Frau in Kittelschürze benutztes Geschirr
in den dritten Stock des Reichstags, auf Fehler zu machen.« aufs Band, schiebt Speisereste von Tellern
die Fraktionsebene. Dort warten einige 13 Uhr, die sogenannte Brinkhaus-Run- in den Abfall, stapelt Tablette. Es sind
Journalisten und vier Kameras. Göring- de der Union tagt, als Telefonschalte. nicht viele. »Wenn dit so weiterjeht, müs-
Eckardt sieht ausgeschlafen aus, erholt Ralph Brinkhaus ist Vorsitzender der sen wer alle in Kurzarbeit«, sagt sie. Das
fast. Unionsfraktion. Nur das Führungsperso- sei dann eben so.
Sie zählt auf, welche Punkte ihr und ih- nal diskutiert, die Fraktionssitzung wurde SPD-Fraktionschef Mützenich sitzt vor
rer Partei besonders wichtig sind, wo sie abgesagt. Merkel meldet sich aus der Qua- einem Teller Lasagne, sein Sprecher zwei
sich durchgesetzt haben: der Rettungs- rantäne, beschreibt die Lage und erläutert Meter weiter.
fonds für Soloselbstständige und Kultur- das Hilfspaket. Sie hofft, dass man sich in- Kurz darauf steht Mützenich im Reichs-
schaffende, die Entschädigungen für El- ternational wieder mehr abstimme. tag, hinter ihm die rote SPD-Wand, vor
tern, die wegen fehlender Kinderbetreu- Teilnehmer erleben Merkel wie immer, ihm Kameras, er sagt: »Es werden jetzt so
ung zu Hause bleiben müssen, das Recht »wie früher«, sagt eine Politikerin, die große Summen bewegt, da müssen wir

29
tion und Kontrolle« zu garantieren. »Es
muss klar sein, dass die Grundregeln der
parlamentarischen Demokratie auch in die-
ser Krise nicht außer Kraft gesetzt werden.«
Scholz sagt einen Abendtermin ab. Die
Rede, er muss noch feilen. Solidarität, die-
ses Wort darf nicht fehlen, ein Wort der
SPD, das wieder Gewicht hat.
Die Fraktion der FDP tagt fünf Stunden
lang. Danach ist Christian Lindner zu ei-
nem Videochat bereit.
»Als FDP sehe ich unsere Aufgabe darin,
die Regierung jeden Tag zu fragen, was sie
unternimmt, um diesen Zustand zu been-
den.« Gerade für die Liberalen ist die Co-
ronakrise ein Balanceakt. Die Skepsis ge-
genüber dem Staat gehört zur DNA der Par-
tei. »Wir sind für eine größtmögliche Eigen-
verantwortung der Bürgerinnen und Bürger,
aber eine solche Krise übersteigt das, was
individuell verantwortet werden kann. Des-
halb gelten jetzt andere Abwägungen als in
normalen Zeiten«, sagt Lindner.
Und wenn schon, denn schon. »Wenn
der Staat in Wirtschaft und Gesellschaft
eingreifen muss, dann sollte er das mit aller
Macht tun«, sagt Lindner und erinnert an
die Euro-Schuldenkrise 2010. »Damals ha-
ben wir uns bis an die Hutkrempe ver-
schuldet, weil es notwendig war.«
SPD-Politikerin Bas hat am Abend eine
Telefonschalte. Die Technik spielt nicht
immer mit. Die Abgeordneten sind in
Deutschland verstreut, manche sind kaum
zu verstehen, weil sie am Bahnsteig stehen.
Manchmal können sie sich nicht einwäh-
len, weil die Netze und Kommunikations-
dienste überlastet sind. Zur vollen Stunde
Mit Schutzhandschuhen im Bundestag, SPD-Fraktionschef Mützenich, ist es schwerer, weil dann ganz Deutsch-
Grünenpolitikerin Göring-Eckardt: »Wenn sich Jens Spahn jetzt land konferiert.
sagt, er kommt in vier Wochen mit neuen Forderungen wieder, zum Außerdem sieht man sich nicht, kann
Beispiel nach Handyortung, dann kann er sich das abschminken.« keine Mimik, kein Kopfnicken wahrneh-
men. Bas fehlt das.
(Wolfgang Kubicki, FDP)
Auch das Tempo fordert seinen Preis.
Die Abgeordneten müssen in kürzester
Zeit die dicken Gesetzesanträge durch-
auch körperlich anwesend sein.« Er trom- In der Sitzung wird überlegt, wer mit arbeiten, Änderungsanträge prüfen. Dabei
melt immer noch. dem Hilfspaket noch nicht berücksichtigt passieren Übertragungsfehler. Plötzlich ist
Am Nachmittag tagt die Fraktion. Ein ist. Was ist mit dem Müttergenesungswerk, ein Satz im Infektionsschutzgesetz ver-
Teil der Genossen ist wie immer im Frak- fragt jemand. Ob das auch unter den Ret- schwunden: »Eine Heilbehandlung darf
tionssaal, der aber so bestuhlt ist, dass man tungsschirm falle? Bas sagt, dass Schutz nicht angeordnet werden.« Das würde be-
Abstand halten kann. Der Rest sitzt in für die Müttergenesungswerke im Moment deuten, dass die Behörden in Krisenzeiten
einem anderen Raum und ist per Video nicht drin sei. Auch für die Physiothera- Zwangsbehandlungen anordnen dürften.
zugeschaltet. Abstand, Abstand. Bärbel peuten nicht, denen die Patienten ebenso Wildes Telefonieren, bis der Satz wieder
Bas versucht, sich nicht ins Gesicht zu wegbleiben. Später könnten auch das neue im Gesetz steht.
fassen. Zahlen für Scholz werden.
Plötzlich kommt eine vermummte Frau Wolfgang Schäuble hat eigentlich schon Mittwoch, 25. März
in den Fraktionssaal: dicke Jacke, Mütze, alles gesehen. Er ist seit fast 50 Jahren Ab- Der Wirtschaftsminister hat endlich wie-
Fahrradhelm, Schutzhandschuhe, Mund- geordneter des Deutschen Bundestags, es der besser schlafen können nach vielen
schutz. Wer ist das? ist nicht leicht, ihn zu beeindrucken. Diese vergrübelten Nächten. »Heute Morgen
Mützenich denkt: »Ist das jetzt ver- Krise aber, sagt er, sei außergewöhnlich: halb sieben fiel mir das Aufstehen richtig
steckte Kamera hier?« Die Frau nimmt »Die Bedrohung ist enorm groß, keiner schwer«, sagt Altmaier. »Ich war in einem
Helm und Mütze ab, und Mützenich er- weiß, wo das hinführt.« beruhigten Schlaf, wo doch erst mal die
kennt eine Abgeordnete der SPD. Alle la- Seine Aufgabe als Parlamentspräsident größten und wichtigsten Dinge abge-
chen, die Anspannung fällt ab. Die Abge- sieht Schäuble jetzt darin, »eine vernünftige stimmt waren.«
ordnete ist Kinderärztin, sie will sich auf Balance zwischen Handlungsfähigkeit der Bundestag, neun Uhr. 128 der 152 SPD-
keinen Fall anstecken. Regierung und parlamentarischer Legitima- Abgeordneten sind gekommen. »Mehr als

30 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


vr.de

u n f t k a nn
Die Z uk n, ab er
o rh e r se he
keine r v e n .
n si e w ag
jed er k an
Wir finden, die Welt braucht mehr Zuversicht.
Deshalb unterstützen wir alle, die den Mut haben,
ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.
Ideenhaber und Anpacker, die Familien oder
Start-ups gründen, Pläneschmieder, Mitbestimmer,
Hausbauer und Unternehmer.
Gemeinsam schauen wir nach vorn und sagen:
Morgen kann kommen. Wir machen den Weg frei.
Coronakrise
Das erwartet«, sagt Mützenich. Scholz tritt Scholz bleibt auch bei diesem Hinter-

BESTE ans desinfizierte Rednerpult, spricht von


einer »schicksalhaften Herausforderung
für die ganze Menschheit«. Er liest ab,
grundgespräch nahe am Papier, am inne-
ren Papier sozusagen. Besonnenheit ist
sein Programm. Aber ein emotionales
aus der beliebten »bleibt nahe am Papier«, wie später je-
mand aus seinem Umfeld sagen wird.
Wort fällt doch: stolz. Er sei stolz auf die
Leistung seiner Beamten, auf die Leistung
Scholz hat sich genau das vorgenommen, der Bundesregierung, des Parlaments.
SPIEGEL- nicht mit Gesten wirken, sondern nur sa-
gen, was man sagen will.
Dass man das hingekriegt habe!
Das Wort Expertendemokratie, das
KOLUMNE Zurückhaltung prägt die gesamte De-
batte, als hätte Scholz einen Ton vorgege-
Scholz jetzt häufig hört und liest, gefällt
ihm nicht. Klar, man höre den Virologen
ben. Milde Kritik von der Opposition, und den anderen Fachleuten zu, aber die
aber vor allem Zustimmung. Irgendwie Entscheidungen fällten die Politiker. »Wir
bleiben alle nahe am Papier in diesem his- regieren«, sagt er.
torischen Moment. Keine Höhenflüge. Er weiß, dass ihn eine Flut neuer Zahlen
Nach der Debatte geht Altmaier in die erwartet. Aber zunächst kommt Europa.
Cafeteria und wird enttäuscht. Kein Curry- Er hat schon in den vergangenen Tagen
wursttag. Gemüseauflauf, klingt gesund, mit seinen Amtskollegen aus der Eurozone
und gesund ist ja wichtig in diesen Zeiten, telefoniert. Der ESM, der Europäische Sta-
aber es ist nicht ganz das, was Altmaier bilitätsmechanismus, geschaffen für die
jetzt brauchen könnte. Dann stürmt auch Eurokrise, soll auch diesmal helfen.
noch Kulturstaatsministerin Monika Grüt- Ob er seine Dienstlimousine inzwischen
ters auf ihn zu. Er müsse unbedingt was selbst fährt? Scholz versteht die Frage
für die Konzertveranstalter tun. nicht. Was? Also, Altmaier chauffiert sich
Altmaier bleibt standhaft. Heute werde selbst, wegen Corona. Nein, er sei ewig
man »die Mutter aller Gesetze« beschlie- nicht mehr gefahren, sein Auto »vergamm-
ßen, sagt er: »Aber die Mutter kriegt noch le« daheim in Hamburg.
19 Uhr, ein Telefonat mit Schäuble, der
müde ist, aber zufrieden. Die Präsenz war
Eine Tagesordnung gut, die Disziplin hoch, sogar bei der AfD.
»Die AfD hat es uns heute nicht schwer ge-
für die nächste macht«, sagt er. »In dieser Lage konnte sie
auch nur zeigen, dass sie eine um das Wohl
Sitzung? »Das wäre des Landes besorgte Partei sein will.«
Auch Schäuble denkt an den nächsten
ja Quatsch.« Schritt. Sollten mehr Abgeordnete ausfal-
len, müsste das Grundgesetz geändert wer-
240 Seiten, gebunden · € 18,00 ( D ) den, weil die Notstandsverfassung bisher
Auch als E-Book erhältlich viele Kinder.« Grütters zieht halbwegs zu- für den Verteidigungsfall vorgesehen ist.
frieden ab. Die Parlamentarier und Lob- Schäuble hat angestoßen, sich mit dieser
byisten, sagt Altmaier, kämen jetzt aus Frage zu befassen, »um uns auf Situatio-
Seit Samer Tannous mit seiner allen Ecken. Die einen wollten noch was nen vorzubereiten, die wir bisher nicht für
Familie aus Damaskus ins für die Start-ups raushandeln, die ande- möglich halten, so wie wir diese Pandemie
ren für die Energieunternehmen, weil nicht für möglich gehalten haben«.
beschauliche Städtchen Rotenburg an nicht mehr alle die Stromrechnung zahl- Für den Moment habe das Parlament
der Wümme zog, versucht er, die ten. Er wundert sich nicht darüber. Das getan, was es tun könne und gemusst
ist das übliche Treiben, nachdem er Ge- habe. Die nächste Sitzung steht nach den
Deutschen zu verstehen. Doch sei es setze vorlegt. Nur dass diesmal alles so Osterferien an. Eine Tagesordnung gibt es
beim Arbeiten, Essen oder Feiern schnell geht. noch nicht. »Das wäre ja Quatsch«, sagt
Susanne Ferschl, die Gewerkschafterin Schäuble.
– die Missverständnisse scheinen von der Linken, verlässt während einer Wolfgang Kubicki meldet sich noch ein-
grenzenlos. Gemeinsam mit seinem Abstimmung das Plenum. Anders als ihre mal per Videoanruf, diesmal trägt er eine
Freund Gerd Hachmöller hat er sich Fraktion will sie die verlängerten Arbeits- Krawatte. Das alles, sagt er, habe gut funk-
zeiten nicht mittragen. Symbolische Op- tioniert. »Aber es ist eben kein Dauer-
deswegen daran gemacht, deutsche position, wenigstens das. zustand.« Das könne man einmal in der
Schrullen und arabische Eigenarten zu Drei Lesungen an einem Tag, dazwi- Legislaturperiode machen. »Wenn sich
schen beraten die Ausschüsse. Kleine Än- Jens Spahn jetzt sagt, er kommt in vier
erklären und zu zeigen, wie das derungen, zum Beispiel bei den Studieren- Wochen mit neuen Forderungen wieder,
Zusammenleben über Kulturgrenzen den, mit heißer Nadel gestrickt. Ein Höl- zum Beispiel nach Handyortung, dann
lentempo. Das Gesetzespaket geht glatt kann er sich das abschminken.« Kubicki
hinweg gelingen kann. durch. Erleichterung. Mit einer Zustim- sagt: »Das wird’s nicht geben.«
mung des Bundesrats ist zu rechnen. Julia Amalia Heyer, Christoph Hickmann,
Bundesfinanzministerium, 18 Uhr. Olaf Christiane Hoffmann, Dirk Kurbjuweit,
Scholz hustet. Er sitzt an seinem Konfe- Veit Medick, Ann-Katrin Müller, Lydia
renztisch und hustet ziemlich schlimm. Rosenfelder, Jonas Schaible, Christoph
Kein Corona. Er grinst. Er habe sich testen Schult, Christian Teevs, Gerald Traufetter
lassen, sagt er.

32 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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»Natürlich braucht es
irgendwann eine Exitstrategie –
der Zeitpunkt ist entscheidend«
SPIEGEL-Gespräch Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder, 53,
über sein Leben in der Epidemie, das Versagen
der EU-Kommission und Eifersüchteleien unter den Bundesländern

SPIEGEL: Herr Söder, was hat sich durch aber das kann ja nicht ewig so gehen. Söder: Ja, natürlich. Allerdings gibt es
das Coronavirus in Ihrer Familie verän- Wann kann wieder ein Ansatz von Nor- noch große Defizite bei Schutzmasken und
dert? malität einkehren? Atemgeräten. Da hoffen wir täglich darauf,
Söder: Alle passen sorgsam auf. Die größte Söder: Das kann leider keiner vorher- dass die Lieferungen des Bundes eintref-
Umstellung ist natürlich, dass keine Schule sehen. Es gibt aktuell noch keine Therapie fen. Es sind ja Millionen von Masken ver-
stattfindet. und keinen Impfstoff. Daher bleibt einzig sprochen worden. Die Meldung des
SPIEGEL: Haben Sie einen Garten? der Weg, das öffentliche Leben runter- SPIEGEL, dass mehrere Millionen Masken
Söder: Ja. Aber in Bayern dürfen die Men- zufahren und gleichzeitig das Gesundheits- in Kenia gestohlen wurden, verunsichert
schen ohnehin raus an die frische Luft. system maximal hochzufahren. Unsere natürlich viele. In der Zwischenzeit haben
Sport und Spazierengehen sind ausdrück- Philosophie war von Anfang an, konse- wir in Bayern sogar mit der Eigenproduk-
lich erlaubt. quent zu handeln, um schneller aus der tion von Schutzmasken begonnen.
SPIEGEL: Wie beschäftigen sich Ihre Kin- Krise zu kommen. Halbherzige Maßnah- SPIEGEL: Wie lange kann man Schulen
der tagsüber? men verschleppen die Situation nur. Wir und Kitas geschlossen halten?
Söder: Es sind ja keine Ferien, daher müs- müssen täglich überlegen, wie es weiter- Söder: Natürlich nicht ewig. Aber es war
sen sie viel für die Schule tun. Neben dem geht. Aber wann und in welcher Form wir notwendig, und wir waren davon von An-
aktuellen Stoff ist das eine gute Gelegen- wieder zur Normalität zurückkehren, fang an überzeugt. Deswegen haben wir
heit, lateinische oder englische Vokabeln hängt davon ab, wie sich die Zahlen der Bayern in der Ministerpräsidentenkonfe-
zu wiederholen … Infektionen und Todesfälle entwickeln. renz von vor zwei Wochen mit als Erste
SPIEGEL: … was wahrscheinlich große Be- Aus heutiger Sicht kann es keine vorschnel- die Schulschließungen angemahnt. Als die
geisterung auslöst … le Entwarnung geben. Die Lage bleibt sehr Debatte losging, hatten wir nicht viele Mit-
Söder: Na ja. Das ist wie in vielen Fami- ernst. Im Moment steigen die Zahlen noch streiter. Als Bayern, Baden-Württemberg
lien – fast alle ziehen verständnisvoll mit. steil an. und das Saarland es am nächsten Tag an-
Es ist eine Zeit, in der Eltern und Kinder SPIEGEL: Aber irgendwann werden die gekündigt haben, sind dem fast alle in kur-
sich näherkommen und Familien vielleicht Menschen eine Perspektive wollen, we- zer Zeit gefolgt.
sogar wieder enger zusammenwachsen. nigstens einen ungefähren Zeitpunkt. SPIEGEL: Waren Ihnen die anderen Län-
SPIEGEL: Wann haben Sie realisiert, dass Söder: Natürlich braucht es irgendwann der zu zögerlich?
die Coronakrise richtig schlimm wird? eine Exitstrategie. Die müssen wir sorg- Söder: Jeder muss nach der Rechtslage in
Söder: Wir waren von Anfang an besorgt. sam überlegen. Der richtige Zeitpunkt seinem Land entscheiden. Und jedes Land
Als die ersten Fälle aus China bei uns auf- ist deswegen entscheidend, damit wir ist in einer anderen Situation. Die Grenz-
traten, haben wir auch sofort gehandelt. Da nicht eine neue Welle an Infektionen aus- länder haben andere Sorgen als Länder in
konnten wir alle Infektionsketten verfolgen lösen. Auch die Wirtschaft braucht einen der Mitte Deutschlands. Das konnte man
und die Verbreitung verhindern. Aber nach Pfad, um die Schäden so gering wie spüren – wie beispielsweise das Saarland
der unkontrollierten Ausbreitung in Italien möglich zu halten. Im Moment zählt al- und Baden-Württemberg vorgegangen
hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. lein, das Gesundheitssystem bestmöglich sind. Aufgrund der Nähe zu Frankreich,
Spätestens da war klar, dass wir grund- darauf vorzubereiten. Wir sind da in der Schweiz und Österreich ist die Betrof-
legend handeln müssen. Nicht jeder hat das Deutschland besser aufgestellt als viele fenheit einfach höher als in Mecklenburg-
sofort verstanden. Die Absage des Stark- andere Länder. Vorpommern oder in Brandenburg.
bieranstichs am Nockherberg war im ersten SPIEGEL: Wirklich? SPIEGEL: Nordrhein-Westfalen, wo Armin
Moment umstritten, allerdings war allen Laschet regiert, ist auch ein Grenzland.
nach wenigen Tagen klar, dass die Entschei- Söder: Ja. Mittlerweile gelten aber überall
dung richtig war. Durch unsere Nähe zu
Österreich und Italien haben wir vielleicht
»Jeder Tag bedeutet fast die gleichen Maßnahmen. Aus meiner
Sicht war es nicht entscheidend, ob alle
eine größere Sensibilität und Betroffenheit
als andere Bundesländer. Daher haben wir
eine erhöhte zum gleichen Zeitpunkt in Kraft gesetzt
werden. Entscheidend ist, dass die Betrof-
auch manchmal früher handeln müssen. Infektionsgefahr, die fenen vorangehen mussten.
SPIEGEL: Sie haben Ihr Bundesland früher SPIEGEL: Warum haben Sie dann einen so
runtergefahren als andere Regierungschefs, Leben kosten kann.« großen Druck gemacht?

34
Söder: Der Münchner Oberbürgermeister
hat gesagt, im Juni soll entschieden wer-
den.
SPIEGEL: Wir befinden uns in einer extre-
men Krisensituation, aber bei Ihnen hat
man das Gefühl, Sie blühen richtig auf.
Macht es Ihnen Freude, sich in einer sol-
chen Lage beweisen zu können?
Söder: Wenn Sie mir das erlauben: Ich fin-
de Ihre Frage etwas gewagt. Das ist doch
die schlimmste Herausforderung, der un-
ser Land ausgesetzt ist. Da schläft man
nicht besonders gut, weil man jeden Tag
schwerwiegende Entscheidungen treffen
muss. Da ringe ich auch mit mir selbst, zu-
mal ich ein sehr freiheitsliebender Mensch
bin. Aber letztlich muss entschieden wer-
den. Das erwarten die Menschen von uns.
In dieser Situation fragen viele nach einem
starken Staat. Das Vertrauen in den Staat
darf jetzt nicht enttäuscht werden. Das ist
wie in der Familie. Normalerweise heißt
es von den Kindern: Ach, komm nicht stän-
dig mit den Daddysprüchen. Aber in der
Krise wird oft nach dem Vater gefragt.
SPIEGEL: Einige Ihrer Amtskollegen als
Ministerpräsidenten haben trotzdem den
Verdacht, es gehe Ihnen manchmal weni-
ger um die Sache als um Ihr Bild des ent-
schlossenen Machers.
Söder: Das finde ich eine unangemessene
Beurteilung. Ich bin bayerischer Minister-
präsident und habe eine Verpflichtung ge-
genüber den Menschen in unserem Land.
Und es geht hier wirklich um Leben und
Tod.
SPIEGEL: Sie betonen bei fast jedem Auf-
tritt die bayerische Führungsrolle. Sie
scheinen schon sehr stolz darauf zu sein,
vorneweg zu marschieren.
Söder: Wir tun nur unseren Job. Übrigens
sind wir immer in enger Abstimmung mit
den Freunden aus dem Saarland, Baden-
Württemberg, Sachsen oder Sachsen-An-
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

halt. Auch mit Schleswig-Holstein haben


wir viele Gemeinsamkeiten entwickelt.
Und diejenigen, die skeptisch waren, ma-
chen am Ende doch mit, zum Beispiel Ar-
min Laschet. Er war zu Beginn zurückhal-
tend bei Schulschließungen. Zwei Tage
Unions-Mann Söder: »In der Krise wird oft nach dem Vater gefragt« später hat mich Armin wissen lassen: »Du
hast recht.« Das hat Größe.
SPIEGEL: Aber der persönliche Ehrgeiz
Söder: Weil zu spüren war, dass Appelle Bürgern bekommen, die mich gebeten ha- spielt doch bei Machtmenschen immer
allein nicht reichen. Viele haben sich vor- ben: Machen Sie bitte eine Ausgangsbe- eine Rolle, gerade in solchen Situationen.
bildlich verhalten, andere haben es igno- schränkung. Und im Bayerischen Landtag Warum sollte das bei Ihnen anders sein?
riert oder nicht ernst genommen. Ich kann hat sich sogar die ganze Opposition hinter Söder: Wir würden einen Fehler machen,
auch verstehen, dass man sein gewohntes diesen Weg gestellt. wenn wir anfangen, Haltungsnoten zu ver-
Leben gerne weiterführt. Alle Experten SPIEGEL: Sie haben mehrfach betont, dass teilen. Ich lese derzeit fast nichts an Kom-
haben uns aber zu zügigem Handeln gera- Sie in Bayern keinen Fall wollen wie in mentaren über mich. Dafür habe ich leider
ten. Wenn Sie dann zum Ergebnis kom- Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Was keine Zeit. Besprechungen und Video-
men, dass bestimmte Maßnahmen ohne- wurde dort falsch gemacht? konferenzen mit Krankenhäusern, Unikli-
hin sein müssen, stellt sich die Frage, Söder: Jeder tut sein Bestes. Ich will nie- niken, Banken, Lebensmittelhändlern und
warum man dann noch drei bis fünf Tage mandem einen Vorwurf machen. Es gibt Gewerkschaften erfordern meine ganze
warten soll. Jeder Tag bedeutet eine er- keine Blaupause und kein Patentrezept in Aufmerksamkeit. Dazu kommen Besuche
höhte Infektionsgefahr, die Leben kosten so einer Situation. beim THW in Materiallagern und unzäh-
kann. Wir haben unzählige Mails von SPIEGEL: Was wird mit dem Oktoberfest? lige Telefonate mit Landräten und Ober-

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 35


ländische Investoren zu schützen, braucht
es für ganz Europa einheitliche Regeln.
Ich will nicht, dass wir uns am Ende so
fühlen wie in der Schlussszene des Films
»2012«: Man blickt auf den Planeten, und
die Welt ist eine andere. Die Kontinente
haben sich verschoben, und Europa ist
kleiner geworden.
SPIEGEL: Sie sehen in der aktuellen Krise
auch einen Charaktertest für unsere Ge-
sellschaft. Bestehen wir den Test gerade?
Söder: Im Moment: eindeutig ja. Die vor-
bildlichen Verhaltensweisen der Bürge-
rinnen und Bürger überwiegen. Viele ma-
chen mit, viele leisten Großes, zum Bei-
spiel Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen
und Ärzte oder Kassiererinnen und Kas-

DIETER MAYR / DER SPIEGEL


sierer im Supermarkt. Bei ihnen sollten
wir uns besonders bedanken. Wir haben
in Bayern entschieden, allen Kranken-
hausmitarbeitern Essen und Getränke
komplett freizustellen. Dies gilt auch für
Bedienstete in Pflegeeinrichtungen, in
Söder beim SPIEGEL-Gespräch*: »Es ist merkwürdig still in Brüssel« Behinderteneinrichtungen oder in Alten-
heimen. Und wenn diese Krise bewältigt
ist, müssen wir endlich auch über eine
bürgermeistern, Staatschefs benachbarter Söder: Es wäre das Wichtigste, dafür zu bessere Bezahlung reden. Das ist für mich
Länder wie Österreich und Tschechien – sorgen, dass die Grenzverkehre möglich klar.
und natürlich der Bundeskanzlerin. Die bleiben. Wir müssen derzeit alles bilateral SPIEGEL: Manche haben noch bis zuletzt
Zusammenarbeit mit Angela Merkel, Olaf lösen. Ohne die Bundeskanzlerin hätten Corona-Partys gefeiert.
Scholz und Jens Spahn ist wirklich gut. wir echte Probleme. Wir erleben gerade Söder: Klar gibt es auch Negativbeispiele.
Deswegen bitte ich um Verständnis, dass eine Entsolidarisierung in Europa, die den Es gibt verrückte Sachen und richtige
es manchmal nicht gelingt, jedes Detail im- Geist der europäischen Idee massiv gefähr- Dummheiten. Aber insgesamt läuft es
mer zu 100 Prozent abzustimmen. det. Wir dürfen nicht nur nationalstaatlich jetzt besser. Mit den neuen Regeln schüt-
SPIEGEL: Hat der Bund zu spät reagiert, denken, sondern müssen zum Beispiel die zen wir die Unvernünftigen vor anderen
zu spät den Ernst der Lage realisiert? Hilfstransporte nach Italien und Spanien und sich selbst. Und wir müssen uns im-
Söder: Nein. Wir sollten jetzt alle Kräfte europäisch organisieren. Das gehört ganz mer auch fragen, ob wir das richtige Maß
darauf richten, dass wir gut durch diese Kri- oben auf die europäische Agenda, und da halten. Wir dürfen das Land nicht weg-
se kommen. Im Moment glaube ich, dass wäre die Kommission gefragt. sperren. Wir brauchen Luft zum Atmen.
die deutsche Politik im Vergleich zu vielen SPIEGEL: Europäische Volkswirtschaften Wenn jemand an den Tegernsee fährt und
anderen Ländern besser aufgestellt ist. könnten durch die Krise an den Rand des da spazieren geht und entsprechend Ab-
SPIEGEL: Jens Spahn, der Bundesgesund- Zusammenbruchs geraten. Können Sie stand hält, dann ist das okay. Wir müssen
heitsminister, hat noch im Februar gesagt, sich gemeinsame Euro-Staatsanleihen vor- auch auf die psychische Stabilität unseres
die Gefahr des Virus sei für Deutschland stellen, wie sie die Kommissionschefin Ur- Landes achten.
»gering«. Hätten wir jetzt mehr Masken, sula von der Leyen ins Spiel gebracht hat – SPIEGEL: Angela Merkel ist in dieser Krise
wenn er damals anders reagiert hätte? also Corona-Bonds? populär wie selten. Sollte sie sich mög-
Söder: Jens Spahn zerreißt sich gerade. Söder: Ich mache mir größte Sorgen, wie licherweise noch mal überlegen, ob sie
Aber es geht nicht nur um Deutschland. es wirtschaftlich in Deutschland und ganz nicht doch noch etwas länger bleibt?
Ich will den Blick noch einmal auf Italien Europa weitergeht – und wie stabil unsere Söder: Das hat sie bereits selbst entschie-
richten. Das ist ein unglaubliches Drama, gemeinsame Währung bleibt. Natürlich ist den.
was dort passiert. Italien ist ein Nachbar, es sinnvoll, die Schuldenregeln jetzt neu SPIEGEL: Wer kommt nach Merkel?
für den wir gerade in Bayern eine beson- zu interpretieren. Aber Europa darf am Söder: Das wird nächstes Jahr entschie-
dere Empathie haben. Deshalb haben wir Ende kein Übernahmekandidat werden. den.
auch entschieden zu helfen. Wir liefern Wir müssen unsere technologische und SPIEGEL: Erst mal geht es um einen Kanz-
wie andere Bundesländer medizinisches wirtschaftliche Kompetenz in Deutschland lerkandidaten. Das haben Sie ja für sich
Gerät und nehmen Intensivpatienten auf und Europa halten. So wie der Bund und kategorisch ausgeschlossen, richtig?
im Rahmen unserer Möglichkeiten. Aber Bayern jeweils Fonds einrichten, um wich- Söder: Ich bin und bleibe in Bayern, da
das kann nicht genügen. Das sind Einzel- tige Firmen vor der Übernahme durch aus- können andere beruhigt sein. Vergessen
initiativen der Bundesländer. Eigentlich Sie nicht: Wir sind erst am Anfang der Kri-
wäre diese Krise jetzt die Stunde Europas se. Leider werden noch viele sterben. Auf
und die Stunde der EU-Kommission. Aber
es ist merkwürdig still in Brüssel.
»Ich bin und bleibe dem Rücken einer solchen Entwicklung
verbieten sich jedwede Karrierespekula-
SPIEGEL: Was vermissen Sie konkret von
der EU-Kommission?
in Bayern, tionen. Wer das jetzt tut, disqualifiziert
sich moralisch selbst.
da können andere SPIEGEL: Herr Söder, wir danken Ihnen
* Mit den Redakteuren Anna Clauß, Christoph Hick- für dieses Gespräch.
mann und Veit Medick in einer Videoschalte. beruhigt sein.«
36 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020
Deutschland

4. Akt, Samstag Abend: »Flügel«-Strip- in Partei und Bundesvorstand, »die auf

Ein rechtes penzieher Andreas Kalbitz, AfD-Chef in


Brandenburg, behauptet gegenüber Me-
dien, dass es keine Auflösung gebe. Der
Kosten ihrer Parteifreunde allzu gute Kon-
takte zum Establishment suchen«.
Den Völkischen kommt außerdem zu-

Drama Facebook-Post wird gelöscht. Ratlosigkeit


bei den Kritikern.
5. Akt, Dienstag: Höcke und Kalbitz
gute, dass der Bundesvorstand sich nicht
einig ist, was genau eine Auflösung bedeu-
tet. Offiziell hat der »Flügel« keine Mit-
Parteien Der völkische »Flügel« verkünden, dem »Wunsch« des Bundes- gliedslisten, keine klaren Strukturen, die
löst sich auf, seine Mitglieder vorstands nachzukommen. nun zu beseitigen wären. Inoffiziell rei-
In der AfD ist so viel Drama wie lange chen die Netzwerke aber aus Thüringen
prägen aber die ganze AfD. nicht mehr. Nach der Entscheidung des und Brandenburg tief in die westdeutschen
Treffen werden auch künftig statt- Verfassungsschutzes hatte es viel Druck Länder hinein.
finden – unter anderem Logo. auf den Bundesvorstand gegeben. Wenn Sicher ist bislang nur: Das Logo der Völ-
nicht jetzt, wann dann, fragten die »Flü- kischen, ein blau-roter Flügel, soll einge-
gel«-Kritiker und forderten dessen Ende. mottet werden. Internetauftritte oder Ver-
m Wochenende führten die AfD Die Selbstauflösung passt aber auch ins anstaltungen damit soll es ab Mai nicht
A und ihr »Flügel« ein Theaterstück
auf, ein Drama in fünf Akten.
1. Akt, Freitag: Der Bundesvorstand der
Kalkül der »Flügel«-Führung: Die Beob-
achtung durch den Verfassungsschutz wird
öffentlich zwar immer kleingeredet, sorgt
mehr geben. Stattdessen soll all das dann
mit AfD-Logo stattfinden. Im »Flügel«
rechnet man hingegen damit, dass gemein-
AfD fordert den nationalistischen »Flügel« hinter den Kulissen aber für Unruhe. Vor same Chatgruppen und Mailverteiler wei-
auf, sich selbst aufzulösen, nachdem der allem: Die Völkischen sind inzwischen ter genutzt werden. Aus dem Bundesvor-
Verfassungsschutz die Truppe als rechts- stark genug, um ihre Inhalte auch so durch- stand heißt es: »Das lässt sich gar nicht
extrem eingestuft hat. zubekommen. Dazu haben sie sich in den verhindern.« Selbst das berüchtigte Kyff-
2. Akt, Samstag Morgen: Die Führung vergangenen Monaten viel zu tief in die häusertreffen, das der »Flügel« für seine
des »Flügels« sagt ein für Samstag ge- Partei hineingegraben. Getreuen alljährlich veranstaltet hat, kön-
plantes Treffen ab, auf dem es um die Der Machtkampf zwischen Radikalen ne es natürlich noch geben. Als Veran-
Selbstauflösung gehen sollte. Die Kritiker und Gemäßigteren ist also auch nach dem stalter müsse nur Höckes AfD-Landes-
haben Sorge, dass die Völkischen sich dem fünften Akt noch nicht ausgestanden. verband fungieren. Alles nur eine Mogel-
Beschluss nicht beugen. Der »Flügel« be- Kein bedeutender »Flügel«-Mann hat packung?
spricht sich jedoch, im kleinen Kreis. sein Parteibuch abgegeben, der Führungs- Es verwundert also kaum, wenn der Par-
3. Akt, Samstag Nachmittag: »Flügel«- anspruch der Rechtsextremen ist unge- teiehrenvorsitzende Alexander Gauland,
Anführer Björn Höcke, AfD-Chef in Thü- brochen. In ihrem Statement zur Auflö- der schon immer seine schützende Hand
ringen, ruft seine Obleute und Spitzenfunk- sung nennen Höcke und Kalbitz ihre über den »Flügel« gehalten hat, diese
tionäre der Partei an und verkündet, dass Plattform ein »unvergleichliches Erfolgs- Woche im Interview mit der »Welt« sagt:
der Verbund »aufgelöst« werde. Die Infor- projekt«. Und ergänzen: »Die Arbeit geht »Die Doppelstruktur von Partei und Flügel
mation sickert an die Öffentlichkeit, auch weiter.« hat sich überholt.« In der heutigen AfD
ein Interview mit Höcke erscheint. Auf der In einem Interview mit dem neurechten gebe es keine großen inhaltlichen Konflikt-
Facebook-Seite des »Flügels« heißt es, man Verleger Götz Kubitschek, einem Freund lagen mehr. »Es ist falsch zu behaupten,
habe »schweren Herzens« entschieden, Höckes, hatte der »Flügel«-Chef erklärt, dass der Flügel völkisch wäre und es die
sich aufzulösen. Die Gemäßigteren in der dass er seinen Kurs inhaltlich weiterführen anderen nicht wären.«
AfD sprechen von einem Sieg. wolle. Höcke drohte zugleich denjenigen Tatsächlich sind die Unterschiede zwi-
schen den Lagern hauptsächlich stilis-
tischer Natur. Das militärische, fahnen-
schwenkende Auftreten des »Flügels« ge-
fällt einigen in der Partei nicht. Streit in
der Sache gibt es dagegen fast nur noch in
Fragen der Sozial- und Finanzpolitik.
An der Parteispitze gewannen zuletzt
die »versöhnlich Professionellen« an Ein-
fluss, wie Höcke-Freund Kubitschek sie
einmal nannte. Tino Chrupalla, seit No-
vember Parteichef, gehört dazu. Er sagt
über sich, er habe »kein Problem mit dem
›Flügel‹« und auch »keine inhaltlichen
Unterschiede zu Kalbitz«. Seine Priorität
sei, die AfD und den »Flügel« zu einen.
»Wir müssen alle an einem Strang ziehen«,
FELIPE TRUEBA / EPA-EFE / SHUTTERSTOCK

sagt er.
Doch schon bilden sich aus dem ehema-
ligen »Flügel« neue Gruppen und Verbün-
de, bislang ohne Ordnung oder Struktur.
Ein »Flügelianer« sagt: »Die, die unsere
Auflösung forderten, werden noch sehen,
was sie davon hatten.«
Es klingt wie der Prolog zum nächsten
Drama. Ann-Katrin Müller
»Flügel«-Anführer Höcke, Kalbitz: »Die Arbeit geht weiter«

37
Orbán endgültig als Autokrat entpuppt? Die Antwort lau-
Bernhard Pörksen
tet, dass sich die Zukunftsgewissheit ganzer Gesellschaf-
ten über Nacht aufgelöst hat.

Die verletzliche Wir erleben im Großen wie im Kleinen in der Corona-


krise ein existenzielles Sozialexperiment und einen
Systemwettkampf, ein Ringen um Menschenbilder, Mün-
digkeitsideale und Weltanschauungen im Spannungsfeld

Zivilisation von nationalem Egoismus und globaler Solidarität,


von Freiheit und Sicherheit, von humaner Orientierung,
ökonomischer Vernunft und kalt kalkulierendem
Nützlichkeitsdenken. Dieser Systemwettkampf der Natio-
Essay Die Pandemie liefert Antworten auf die nen wird eines Tages, wenn die Pandemie eingedämmt
Zukunftsfrage der Menschheit. Wie lernen Kulturen? ist, aber Teile der Weltwirtschaft womöglich in Trümmern
liegen, empirisch entscheidbar sein. Es ist ein Zivilisa-
tionstest, der liberale Demokratien im Innersten erschüt-
tert. Und der die vielen Einzelnen, aus denen eine Gesell-

W
as geschieht eigentlich jetzt, im Moment einer schaft besteht, herausfordert.
vor sich hin rasenden Gegenwart? Wie ist das Wessen Geschichte zählt, welche wird bleiben? Die des
Lebensgefühl? Vor einigen Jahren schrieb die Hausbesitzers aus dem Saarland, der anbietet, im Falle
Journalistin Iris Radisch über den Schriftstel- von Einkommensverlusten auf ein paar Monatsmieten zu
ler Walter Kempowski einen bemerkenswerten Essay, der verzichten und der die Briefe mit diesem Angebot unter
geeignet ist, die aktuelle Situation schlagartig zu erhellen. den Türen seiner Mieter hindurchschiebt? Oder der
»Walter Kempowski saß 1948 hungrig und beschmutzt in Bericht über den Diebstahl von Desinfektionsmitteln und
einem Güterwaggon, der ihn, von einem sowjetischen Atemschutzmasken aus einer Kinderkrebsstation in
Militärgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nach Berlin? Was ist repräsentativ von all dem, was sich an
Bautzen bringen sollte«, so ist dort zu lesen. »Bei einem Schönheit und Schrecken offenbart?
Halt beobachtet er durch eine Ritze im Bretterverschlag Es ist die allgegenwärtige Sichtbarkeit solcher Unter-
ein spazierendes Ehepaar, sie im Blümchenkleid, er in schiede und die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren, die
Knickerbockern, sorglos im Sonnenschein. Das hat ihm jede vorschnelle Bilanz der aktuellen Krise als Wunsch-
den Schock von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren denken entlarvt. Und doch: Wir erleben im Augenblick
versetzt. Wie viel Glück und Unglück, Harmloses und auch, wie atemberaubend beweglich, wie reaktionsschnell
Tragisches, Lebensbedrohendes und Idyllisches stapeln und transformationsbereit Menschen sein können.
sich in jeder Weltsekunde aufeinander!« Wann hat es das je gegeben? Neue Begrüßungsrituale
Diesen Schock von der Gleichzeitigkeit des Unverein- werden blitzschnell gelernt, Arbeitsformen in Schulen,
baren erleben wir heute. Alles ist gleichzeitig sichtbar, Unternehmen und Universitäten in Hochgeschwindigkeit
rivalisiert auf ein und demselben Kommunikationskanal. revidiert und modernisiert, nötige Formen des Verzichts
Die seriöse Information in Form der täglichen Drosten- in der Breite der Gesellschaft akzeptiert. Und im Netz
Dosis. Die irrwitzige Verschwörungstheorie. Die bemühte explodiert die künstlerische Kreativität zu einem Fest live
Positivmeldung. Die Horrorgeschichte von den reichen gestreamter Gratiskonzerte, die die Musik als ein
Russen, die ihren Landsleuten prophylaktisch und ohne Medium der Völkerverständigung erfahrbar machen. Alle
Not die Beatmungsgeräte wegkaufen. Bilder ignoranter lernen im Moment dazu. Journalisten brechen mit den
Sorglosigkeit von einer Corona-Party mit herumalbern- überkommenen Routinen des Negativismus, liefern Tipps
den Schülern. Die Drohkurve der aktuellen Infektions- und Hinweise zur Alltagsorganisation. Sie tarieren
raten. Der 1000. Infizierte hier, der das Verhältnis von Kritik und Ermutigung neu aus und
erste Todesfall dort. hören auf, schrille Provokateure und Bullshitter
Und man hört, kaum ist man für zu feiern, die nur gute Talkshowquoten versprechen.
einen Moment offline und das Fens-
PETER-ANDREAS HASSIEPEN

ter geöffnet, die Vögel, die vor sich

S
hin zwitschern, als wäre nichts uchmaschinen- und Plattformbetreiber haben
geschehen. Wir sind, weltweit ver- von einem Moment auf den anderen ihre Neutra-
netzt und verbunden, in ein Univer- litätsideologie aufgegeben, die ohnehin immer
sum greller Kontraste hineingestürzt. eine Farce war. Sie wollen nun Menschenleben
Alles könnte jetzt passieren, so retten und verstecken sich nicht mehr hinter einem
scheint es. Regiert nicht längst eine falsch verstandenen Ideal von Meinungsfreiheit. Noch
Pörksen, 51, ist Professor Expertokratie von Virologen? Drif- nie in ihrer noch kurzen Geschichte haben Google,
für Medienwissenschaft ten wir in einen Ausnahmezustand Twitter und Facebook mit dieser Entschiedenheit und
an der Universität Tübingen. ohne klar fixierbaren Endpunkt? Ist dieser Energie gegen Desinformation gekämpft, Fake
Kürzlich ist sein gemein- die Zeit der westlichen Arroganz vor- News gelöscht und Schwachsinn algorithmisch unter-
sam mit dem Kommu- bei, weil asiatische Diktaturen wie drückt. Und in Teilen der Gesellschaft, die gerade
nikationspsychologen China und Demokratien wie Taiwan noch offen waren für die Versuchungen des Populismus,
Friedemann Schulz von und Südkorea vorführen, wie effek- kehrt das Realitäts- und Rationalitätsprinzip des
Thun verfasstes Buch tiv sich mithilfe des Einsatzes moder- Diskurses mit Macht zurück. Auch eine fahrlässige
»Die Kunst des Miteinander- ner Tracking- und Test-Technologien Politik- und Staatsverachtung scheint Vergangenheit –
Redens. Über den Dialog eine Pandemie bekämpfen lässt? Ist wer wollte jetzt noch behaupten, dass das freie
in Gesellschaft und Politik« Europa gescheitert, weil die Grenzen Spiel der Marktkräfte doch alles viel besser regeln
erschienen. längst dicht sind und sich ein Viktor könnte?

38 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

Superreiche, die sich beispielswei-


se ihr Weltuntergangsversteck in
Neuseeland gebaut haben.
Die Corona-Katastrophe wirkt
demgegenüber wie eine idealtypi-
sche Gefahrenkombination mit
maximaler Mobilisierungskraft.
Sie ist von dramatischer Unmittel-
barkeit und egalisierender Radika-
lität, erfasst sie doch den Präsiden-
ten einer Weltmacht genauso wie
die Putzfrau von nebenan. Das
Virus ist demokratisch, nicht
hierarchisch, alle sind betroffen,
unabhängig von persönlicher
Macht und gesellschaftlichem Sta-
tus. Es gibt die aufwühlenden
Videos sterbender Opfer in
Wuhan. Es gibt die eine Ursache,
den Akt der Infektion, und es
gibt das Versprechen einer Rück-

BRITTA PEDERSEN / DPA


kehr zur Normalität. Und es
gibt – trotz der globalen Größe
des Geschehens – die persön-
lich-private Handlungsmöglich-
keit mit klarem Wirksamkeits-
Schriftzug am Haus der Kulturen der Welt in Berlin versprechen vom Händewaschen
bis zur selbst verordneten
Quarantäne.
Die Frage ist jedoch, ob solche Lerneffekte nachhaltig Die Coronakrise wirkt derart transformativ, weil sie zu
sind. Und auch, was diesen Krisenfall derart resonanzfähig den menschlichen Angstreflexen und Wahrnehmungsmus-
macht. Welche Elemente mobilisieren derartig die Vor- tern passt. Sie handelt ganz direkt von der Gefahr für das
stellungs- und Handlungskraft? Was hat die Corona-Kata- eigene Leben und das der Nächsten, nicht primär vom
strophe, was – sagen wir – die Flüchtlingskrise, der Skan- Überleben der anderen oder der menschlichen Spezies
dal der Massenüberwachung durch die USA und Groß- insgesamt.
britannien oder aber der Klimawandel nicht besitzen?
Die Flüchtlingskrise handelte und handelt von »den
anderen«, den Fremden, deren Leid man entweder as heißt aber auch, dass kognitiv weniger leicht zu
lindern möchte oder aber deren Siechtum und Sterben
man lieber vor die Tore Europas verbannen will. Hier
fehlt das Element der persönlichen Betroffenheit. Der
Überwachungsskandal war zu abstrakt für das Fassungs-
D verarbeitende Krisen mit noch größeren Risiken
wie der menschengemachte Klimawandel der
eigentliche Testfall moderner Gesellschaften sind.
Werden Menschen ihr Vorstellungsvermögen so radikal
vermögen des Menschen. Hier bildete sich keine emotio- erweitern und ihre prognostische und systemische Intelli-
nal aufwühlende Ikonografie heraus, die den Schrecken genz derart schulen, dass sie irgendwann unabhängig von
des Ausgespähtwerdens eingängig verdichtete. Man sah der kurzfristigen persönlichen Gefährdung agieren? Kön-
blinkende Server, grünlich flackernde Chatprotokolle auf nen sich Kulturen von der Katastrophendidaktik des un-
schwarzen Monitoren und bekam immer neue, seltsam mittelbar erfahrbaren Schreckens lösen? Der Kybernetiker
klingende Namen von Überwachungs- und Spähprogram- Heinz von Foerster, ein früher Protagonist des systemi-
men präsentiert, aber kein unmittelbar wirksames oder schen Denkens, hätte gesagt: Das ist der klassische Fall
gar erschütterndes Bild eines Opfers. einer unentscheidbaren Frage; hier gibt es kein System von
Die Zukunfts- und Menschheitsfrage des Klimawandels allgemein anerkannten Regeln, nach denen wir vorgehen
ist gleich aus verschiedenen Gründen zu komplex, um können, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Kommen wir
vergleichbare Erkenntniseffekte und ein kollektives Ler- in guter, solidarischer Weise durch diese Krise und durch
nen auszulösen. Eben in dieser kognitiven Überforderung jene zukünftigen Krisen, die unser Vorstellungsvermögen
liegt die existenzgefährdende Dramatik. Der Klima- so radikal überschreiten? Und wie wollen wir künftig
wandel ist erstens multikausal, es gibt nicht die eine Ur- leben? Darüber müssen wir jetzt reden und streiten, denn
sache, die sich mit ein paar Verhaltensänderungen die Antworten sind in keinem Regelbuch fixiert.
auf der Mikroebene des Individuums behandeln ließe. Er Die Pointe des Gedankenspiels von Heinz von Foerster
schleicht zweitens über lange Zeit in dröger, medial besteht in der Einsicht, die da heißt: Unentscheidbare
schwer verwertbarer Allmählichkeit voran. Ihm fehlt das Fragen müssen wir entscheiden. Und es ist an uns, diese
Momentum der Plötzlichkeit, das aufschreckt und die Entscheidung zu treffen, verdammt zur Freiheit und zur
unmittelbare Reaktion erzwingt. Und wir sind drittens Verantwortung, die uns niemand abnehmen kann. Der
durch den Klimawandel zwar alle gegenwärtig und persönliche und politische Zivilisationstest in einer Atmo-
zukünftig betroffen, aber eben nicht gleichermaßen sphäre der totalen Gleichzeitigkeit und in einer Welt
gefährdet. Während manche Inseln und Städte im Meer radikal unterschiedlicher Handlungsalternativen hat be-
verschwinden werden, existieren Schutzoasen für gonnen, jetzt, in diesem Moment. ■

39
Coronakrise

Test beim Tierarzt


Labors Jeden Tag wollen sich Zehntausende Menschen in Deutschland auf das Virus untersuchen
lassen, doch es fehlen Kapazitäten. Und das wird womöglich noch schlimmer.

A
ls Sascha Stoltenow Anfang gar nichts. Das Gesundheitsamt nahm lich sind. Hunderte private Labors sind im
März eine Fortbildung in Ham- unsere Daten auf, danach hat es sich nicht Land verteilt, dazu kommen Universitäts-
burg moderierte, war das neue mehr gemeldet«, sagt der 39-jährige Fami- kliniken und Krankenhäuser, die unter
Coronavirus Sars-CoV-2 in sei- lienvater. Aufsicht der Bundesländer stehen.
nem Leben angekommen. Nur wusste Stol- Am Ende ergatterte die Familie durch Spahn nannte am Montag die Zahl
tenow davon noch nichts. dauerndes Nachfragen bei einer Testein- 200 000 Tests pro Woche, interne Statis-
Vier Tage später, zurück im heimischen richtung einen Test für die Tochter. Immer- tiken seines Ministeriums kommen auf
Wiesbaden, erfuhr der Kommunikations- hin: Er fiel negativ aus. 300 000. Der Virologe und Regierungs-
berater, dass die Hamburger Akademie In Hamburg erzählen Erzieherinnen, sie berater Christian Drosten von der Berliner
wegen eines Corona-Falls vorübergehend hätten sich vergebens bei ihren Hausärz- Charité sprach am Donnerstag sogar von
geschlossen werden musste. Nach einem ten um Corona-Tests bemüht, nachdem Schätzungen »im Bereich einer halben Mil-
Anruf war ihm klar: »Ich hatte mit der eines der Kinder in ihrer Kita-Notbetreu- lion«. Doch selbst bei dieser Zahl brauchte
infizierten Person direkten Kontakt.« ung positiv getestet worden war. Im Saar- man etwa drei Jahre, um alle Bewohner
Am Tag danach spürte Stoltenow, 50, land holte der Innenminister des Landes Deutschlands einmal zu testen.
ein »leichtes Kratzen« auf der Zunge und die Bundeswehr zu Hilfe, nachdem sich Im internationalen Vergleich stehe die
am Gaumen. Eine Mitarbeiterin der Ärzte- vor Testzentren rund hundert Meter lange Bundesrepublik mit der Ausstattung an
hotline 116 117 schickte ihn zu einem Co- Schlangen gebildet hatten. Manche der Laboren gut da, sagen Experten. Dennoch
rona-Test nach Frankfurt am Main. Die Wartenden wurden nach stundenlangem reiche die Testkapazität bei Weitem nicht
Ärztin dort habe ihn zunächst abgewiesen, Anstehen im Freien nach Hause geschickt. aus, um die hohe Nachfrage zu decken,
erinnert sich Stoltenow. »Sie hielt die Die Kapazität der Einrichtung sei erschöpft. räumt der Laborbetreiberverband ALM
Symptome für zu schwach.« In Oberschwaben verfielen in einem La- ein.
Stoltenow konnte sie überzeugen, den bor bis zu 2000 abgegebene Proben, weil »Am besten wäre es, in ganz Deutsch-
Test trotzdem vorzunehmen, »zum Glück«, wichtige Inhaltstoffe für das Testverfahren land aggressiv zu testen«, sagt Hendrik
wie er sagt. Das Ergebnis sollte am nächsten fehlten. Zur Wiederholung des Tests rief Streeck, Direktor der Virologie an der
Tag vorliegen, doch Stoltenow hörte nichts. das Stuttgarter Gesundheitsministerium Universität Bonn. »Wir sehen in Südkorea,
Nach einem weiteren Tag rief er beim Ge- nur diejenigen auf, die »jetzt noch grippe- dass das die beste Strategie ist.« Dort sei
sundheitsamt an. »Man sagte mir, man ähnliche Symptome und Fieber von min- es mit umfassenden Tests gelungen,
habe keinerlei Akten zu mir.« Stoltenow destens 38 Grad haben«. Infizierte und ihre Kontaktpersonen fast
vermutete, dass der Test noch nicht ausge- Wer sich in diesen Tagen vergebens um lückenlos aufzuspüren und von Gesunden
wertet war, und blieb zu Hause, zur Sicher- einen Corona-Test bemüht, kann mit zu trennen. »Dadurch konnte man die
heit. Dann erfuhr er von zwei weiteren Teil- kaum mehr als dem Mitgefühl des Bun- Infektionsketten sehr schnell minimieren«,
nehmern der Hamburger Konferenz, deren desgesundheitsministers rechnen. Es sei sagt Streeck: »Die Epidemie wurde dort
Test negativ ausgefallen war. »Da habe ich ein »zutiefst nachvollziehbares Empfin- eingedämmt, bevor sie ausgebrochen ist.«
die Quarantäne aufgehoben.« den«, so Jens Spahn, dass man wissen wol- Allerdings stoße eine solche Strategie
Erst acht Tage nach dem Test erhielt er le, ob man infiziert sei. Angesichts »be- in Deutschland an technische und organi-
die Nachricht: Stoltenow war Corona- grenzter Kapazitäten« müsse man aller- satorische Grenzen. In vielen Labors ste-
positiv. Das Gesundheitsamt hatte das dings »miteinander schauen«, wer getestet hen automatisierte Hochleistungsgeräte,
Ergebnis offenbar falsch einsortiert. Sofort werden dürfe und wer nicht. die mehr als 1400, teilweise sogar mehr
ging der 50-Jährige mit seiner ganzen Nicht einmal der Minister weiß ganz als 4000 Proben in 24 Stunden auswerten
Familie in Quarantäne. Das Problem: Be- genau, wie groß diese Kapazitäten wirk- könnten. Doch die Analyse ist ein mehr-
vor er vom Testergebnis erfuhr, war er stufiger Prozess, für den spezielle Substan-
als Lehrbeauftragter bei einer Hochschul- zen, Chemikalien und andere Hilfsmittel
veranstaltung und hatte dort Kontakt mit gebraucht werden.
rund 150 Menschen – die sich theoretisch »Das sind nicht irgendwelche Chemika-
alle bei ihm angesteckt haben könnten. lien, die man mal eben zusammenmischen
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

Berichte wie diese gibt es zurzeit in kann«, sagt Streeck, »wir brauchen En-
unzähligen Varianten. Sie handeln von zyme, die in biologischen Prozessen von
Endlosschleifen in Telefonhotlines, verwei- Zellen oder Hefen produziert werden.«
gerten oder verschobenen Probeentnah- Solche komplexen Verfahren »lassen sich
men, vom tagelangen oder auch vergeb- nicht kurzfristig nach Belieben hochfah-
lichen Warten auf Testergebnisse. ren«. Bei den Herstellern, die zum Teil in
Eine Familie aus München erzählt, wie den USA sitzen, gehen gerade Anfragen
sie von den Behörden ignoriert wurde, aus der ganzen Welt ein.
nachdem sie aus dem Skiurlaub in Südtirol Der größte Engpass entstehe im Mo-
zurückgekommen war und die Kinder im ment nicht einmal durch den Mangel an
Alter von vier und sieben Jahren Sympto- Patient Stoltenow Reagenzien, mit denen sich gezielt das Erb-
me entwickelt hatten. »Unter 116 117 ging Kontakt mit 150 Menschen material des Coronavirus nachweisen lässt,

40
FABRIZIO BENSCH / REUTERS
Mobiles Testcenter in Berlin: »Wir hatten keine Beschwerden, aber wir hatten Angst«

sagt Hendrik Borucki vom Laborverbund Wieler diese Woche. Gleichzeitig lockerte Streeck. Eine Studie aus Hongkong lege
Bioscientia. Knapp werde es schon bei den das Institut seine bisherige Empfehlung, nahe, dass sogar 40 Prozent der Infek-
Substanzen, mit denen sich die Virushülle Patienten mit Symptomen nur dann zu tes- tionen in der symptomfreien Phase statt-
zuvor aufspalten und das Erbgut für den ten, wenn sie mit Infizierten Kontakt hat- fänden, so Streeck. Diese symptomfreien
eigentlichen Test isolieren lässt. Andere ten oder in einem Risikogebiet waren. Da Virusträger könnten den Erreger weiter-
Labors klagen, dass selbst Plastikpipetten der Erreger inzwischen praktisch überall verbreiten und ungewollt andere Men-
oder Trägerplatten, die für die Analyse- auftrete, mache die Beschränkung auf Ri- schen gefährden.
geräte kalibriert sind, immer schwerer zu sikogebiete keinen Sinn mehr, sagte eine Auch für viele Betroffene ist die Regel
bekommen seien. Sprecherin des Instituts. schwer nachvollziehbar. »Wir hatten keine
Es bestehe die Gefahr, dass durch den Unter Experten ist die Begrenzung auf Beschwerden, aber wir hatten Angst«, sagt
Reagenzienmangel bald weniger Tests zur Menschen mit Symptomen umstritten. eine 45-Jährige getrennt lebende Mutter
Verfügung stünden als heute, warnt Bo- »Wir kennen Fälle, bei denen der Test posi- aus Hessen. Der Vater ihrer beiden Söhne
rucki – während die Zahl der Infizierten tiv war, obwohl die Probanden keinerlei war mit Freunden zum Skifahren in Ischgl,
wohl noch deutlich steigen wird. Symptome zeigten«, sagt der Virologe nach dem Urlaub verbrachten die Jungs
Um den drohenden Mangel zu ver- das Wochenende beim Vater. Nachdem
walten, haben die Laborbetreiber dazu der Skiort zum Risikogebiet erklärt wor-
aufgerufen, noch rigider zu entscheiden, den war, wurden der Vater und fünf seiner
wer einen Test bekommt und wer nicht.
Etwa Kumpel positiv getestet.

500 000
Nur wer zu einer Risikogruppe gehöre Die Mutter kontaktierte ihren Hausarzt,
oder Symptome aufweise, solle getestet der verwies sie ans Gesundheitsamt. Dort
werden. »Im Moment testen wir noch wurde ihr erklärt: Tests gebe es nur, wenn
viel zu viele gesunde Menschen«, sagt sie oder ihre Kinder Symptome aufwiesen.
Borucki. Weit mehr als 90 Prozent der »Wir wollten Gewissheit, also haben wir
bei Bioscientia ausgewerteten Tests seien Corona-Tests würden der- geschwindelt«, gibt die Frau zu. Gemein-
ohne Corona-Befund. »Damit verschwen- zeit pro Woche in Deutsch- sam mit ihren Kindern fuhr sie zum Test-
den wir große Mengen kostbarer Rea- center vor dem Klinikum Worms und
genzien.« land durchgeführt, schätzt erklärte, sie hätten leichtes Fieber.
Das Robert Koch-Institut ist auf diese Christian Drosten, Virologe Mancher, der über das offizielle Gesund-
Linie eingeschwenkt. »Wir haben nicht ge- heitssystem keinen Test bekommt, weicht
nug Tests, um sie einfach sinnlos einsetzen
an der Berliner Charité und auf den freien Markt aus. In Teilen der
zu können«, mahnte Institutschef Lothar Regierungsberater. Branche herrsche »Goldgräberstimmung«,

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 41


Coronakrise

sagt ein leitender Laborarzt aus Baden- bis zu tausend Proben am Tag auf das neue
Württemberg.
Ein Hamburger Privatlabor bietet Co-
rona-Tests an, bei denen der Patient sich
Coronavirus untersuchen«, sagt Behr, »sie-
ben Tage die Woche.« Das hat der Firmen-
chef auch den Kassenärztlichen Vereini-
Mit leerem
zu Hause selbst den Rachenabstrich ma-
chen kann. Dazu, so wird auf der Website
des Labors mit Zeichnungen erklärt, führt
gungen mitgeteilt. Er könne drei bis vier
Stunden nach dem Test Ergebnisse liefern.
Doch die KV Niedersachsen lehnte ab,
Magen
man einen Tupfer direkt in den Rachen ihre Oldenburger Zweigstelle schrieb: Sozialpolitik Fast drei Millionen
bis hinter das Zäpfchen. Der Tupfer wird »Eine Zusammenarbeit setzt eine Zulas- Kinder in Deutschland leben in
dann in ein Teströhrchen gesteckt und an sung mit einem Facharzt für Labormedizin
das Labor geschickt oder dort direkt in (Humanmediziner) voraus.« Behr bietet Armut. Durch die Seuche fallen
den Briefkasten geworfen. die Tests jetzt Privatkunden und Apothe- nun auch noch die Gratis-Mahl-
Täglich gingen bei ihnen bis zu 300 sol- ken an. Zudem stellt er Testkits für andere zeiten in Kitas und Schulen weg.
cher Tests ein, sagt Laborchef Jens Heidrich. Labors her.
24 Stunden später liege dann meist das Er- Am Grundproblem, der weltweit explo-
gebnis vor. »Das ist für die Leute eine enor- dierenden Nachfrage nach Test-Reagen- rank Kampmann weiß nicht, was er
me Erleichterung, wenn sie so schnell Klar-
heit haben.« Der Test kostet allerdings 150
Euro und muss privat beglichen werden.
zien, können auch tiermedizinische La-
bors nichts ändern. Ebenso wenig wie
neue Kleintestgeräte, die derzeit lautstark
F tun soll. Seit zwei Jahrzehnten enga-
giert sich der Sozialarbeiter für die
bedürftigen Kinder der Stadt. Mit Ehren-
Heidrich beteuert, die Tests nach WHO- damit beworben werden, dass sie das Virus amtlern des Vereins »Zug um Zug e.V.«
Standard seien zuverlässig: Er habe sogar in einer Probe angeblich noch ein wenig sorgt er etwa dafür, dass sie ein gesundes
mehr positive Ergebnisse unter den Selbst- schneller erkennen könnten als die bishe- Frühstück bekommen. Bis zu 40 Kinder
abstrichen als bei Proben, die von Ärzten rige Gerätegeneration. kommen normalerweise vor der Schule
eingesandt wurden. Die Kassenärztliche Der Virologe Streeck rät daher zu »krea- zum »Kinder-Es-S-Bahnhof« und holen
Vereinigung (KV) Hamburg warnt dage- tiven Lösungen«: Statt zehn Menschen mit sich ein Frühstückspaket. Außerdem schickt
gen vor dem Test, »da es hoch wahrschein- geringem Corona-Risiko einzeln zu testen, der Verein Essen an zwei Schulen.
lich ist, dass der Abstrich vom Patienten könne man ihre Proben »poolen«, also Wegen der Coronakrise fallen diese Mahl-
nicht sachgemäß vorgenommen wird«. mischen und in einem Durchgang analy- zeiten nun aus. Da seien die Hygiene-
sieren. Wenn der Test negativ ausfalle, Bestimmungen, die Abstandsgebote und na-
habe man neun Tests gespart. Sei das Er- türlich der fehlende Schulalltag, klagt Kamp-
»Wir können nicht gebnis positiv, könne man immer noch Ein-
zeltests vornehmen.
mann. »Ich habe keine Möglichkeit, an die
Kids ranzukommen.« Das Angebot sei ab-
die gesamte Das Verfahren, sagt Streeck, sei in der sichtlich so niedrigschwellig wie möglich,
Transfusionsmedizin bei der Untersu- die Kinder und Jugendlichen müssen sich
Bevölkerung testen.« chung von Blutspenden auf HIV oder He- nicht ausweisen, um Essen zu bekommen.
patitis erprobt. Wenn man es klug mache, Deshalb hat Kampmann keine Kontaktda-
lasse sich so die Zahl der getesteten Perso- ten, um sich weiter zu kümmern. Nun sorgt
Die Probe müsse so weit hinten im Ra- nen bei gleichem Materialverbrauch deut- er sich, dass seine »Kids« hungern oder nicht
chen genommen werden, dass bei den lich erhöhen. gesund genug ernährt werden. Eigentlich
meisten Menschen ein heftiger Würgereiz Andere Experten schlagen vor, die ver- sei er ein optimistischer Mensch, sagt Kamp-
entstehe, sagen Experten. Das werde al- fügbaren Tests auf wichtige Berufsgruppen mann, »aber die Lage ist sehr ernst«. In Es-
lerdings nicht nur bei Selbstentnahmen oft zu konzentrieren. »Wir können langfristig sen wachsen mehr als 30 Prozent der Kinder
falsch gemacht, sondern mitunter auch nicht die gesamte Bevölkerung in Deutsch- in Familien auf, die Hartz IV bekommen.
von Hausärzten: »Die wischen da nur ein land regelmäßig testen«, sagt Michael Deutschlandweit leben rund 2,7 Millio-
bisschen hinten rum«, sagt der Laborarzt Hoelscher, Direktor der Abteilung für In- nen Kinder und Jugendliche in Armut, hat
aus Baden-Württemberg. Die Folge seien fektions- und Tropenmedizin am LMU das Deutsche Kinderhilfswerk berechnet.
vermutlich viele falsch-negative Ergebnis- Klinikum München. Sie alle sind besonders betroffen, wenn das
se bei Corona-Tests. Da die Testkapazitäten nun Grenzen er- Essen in den Kitas und Schulen momentan
Problematisch ist auch, dass zwischen reichten, müsse man »intelligent testen«, wegfällt. Hinzu kommt: Vor der Corona-
den Heimabstrichen und dem Eintreffen sagt Hoelscher: »Polizisten, Feuerwehr- krise wurden rund eine halbe Million Min-
im Labor viel Zeit verstreichen kann. Am leute, erst recht Menschen in gesundheits- derjährige von den Lebensmitteltafeln mit-
sichersten seien die Tests, wenn die Pro- medizinischen Berufen sind regelmäßig in versorgt. Doch die Tafeln mussten vielerorts
ben auch während des Transports durch- Kontakt mit Risikopatienten. Da müssen schließen oder ihr Angebot einschränken.
gehend gekühlt würden, sagen Laborärzte. wir so weit wie möglich sicher sein, dass Auch anderen Vereinen und Stiftungen, die
Der Testhersteller Roche, der viele deut- diese Menschen nicht infiziert sind.« sich um zusätzliche Essensangebote oder
sche Labors beliefert, beziffert die Halt- Die übrige Bevölkerung solle erst bei die Finanzierung von Schulessen kümmern,
barkeit der Proben bei Temperaturen von starken Symptomen getestet werden, die sind die Hände gebunden.
2 bis zu 25 Grad auf maximal 48 Stunden. eine Einweisung ins Krankenhaus naheleg- Die Bundesregierung hat noch keine Lö-
Selbst Laborbetreiber, die normaler- ten, fordert Hoelscher. »Die, die nur milde sung für das Problem gefunden. Und das,
weise keine Proben von Menschen unter- Symptome haben, sollen bitte zu Hause obwohl Kitas und Schulen seit zwei Wo-
suchen, drängen jetzt in den Testmarkt. bleiben und sich nicht testen lassen.« chen geschlossen sind.
Der Veterinärmediziner Klaus-Peter Behr, Matthias Bartsch, Jan Friedmann, Klar ist: Die massiven Einschränkungen
60, blickt von seinem Büro in Emstek bei Matthias Gebauer, Annette Großbongardt, durch die Coronakrise waren so nicht vor-
Cloppenburg auf Gemüsefelder und eine Hubert Gude, Julia Jüttner, hersehbar, und die Regierung hat mit nie
Baumschule. Miriam Olbrisch da gewesenen Maßnahmen reagiert. Erst
Behr betreibt ein Labor mit 180 Mit- Mail: matthias.bartsch@spiegel.de am Montag wurde beschlossen, dass be-
arbeitern. »Wir könnten aus dem Stand dürftigen Familien geholfen werden soll.

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generelle Anhebung von Hartz IV »in
Höhe von 20 Prozent für Alleinerziehende
und ihre Kinder und um 15 Prozent für El-
ternpaare und ihre Kinder«, sagt Pascal
Kober, der sozialpolitische Sprecher der
Fraktion. Dies soll auf die Zeit, in der Schu-
len geschlossen bleiben, befristet werden.
Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert
gar eine Erhöhung um 100 Euro pro Mo-
nat. Bei Hartz IV seien aktuell 2,92 Euro
pro Tag für das Essen von unter Sechsjäh-
rigen eingeplant, bei älteren sind es 4,09
Euro. »Das reicht nicht, wenn die Kinder
den ganzen Tag zu Hause sind«, sagt der
Geschäftsführer des Hilfswerks, Holger
Hofmann. »Und schon gar nicht, wenn
gerade vielerorts gehamstert wird und die

LEMRICH
preiswerteren Produkte nicht da sind.«
Die Essensfrage würde eine oftmals
Schüler in Kantine in Bayern: »Keine Möglichkeit, an die Kids ranzukommen« schon belastende Situation verschlimmern:
»Die Wohnungen sind klein, man darf
kaum mehr raus. Dann noch Geldproble-
So wird bei Hartz IV-Anträgen die Vermö- Heil (SPD), das für die Hartz IV-Sätze zu- me wegen etwas Essenziellem wie Essen,
gensprüfung für ein halbes Jahr ausgesetzt. ständig ist, sieht Probleme, aber keinen das kann schnell zu Lagerkoller oder
Auch der Kinderzuschlag von bis zu 185 weiteren Handlungsbedarf: »Die Bundes- Schlimmerem wie häuslicher Gewalt füh-
Euro im Monat soll zugänglicher werden. regierung tut schon jetzt alles in ihrer ren«, fürchtet Hofmann.
Klar ist aber auch: Den Kinderzuschlag Macht Stehende, um die Folgen der Coro- Der Paritätische Wohlfahrtsverband
gibt es in der Regel nur für Eltern, die ar- na-Pandemie abzumildern und zu bewäl- schlug bereits vergangene Woche Alarm –
beiten oder aufstocken. Arbeitslose profi- tigen«, sagt eine Sprecherin. Gleichzeitig vor der Verabschiedung des Maßnahmen-
tieren so gut wie gar nicht von den Regie- verspricht sie: »Wer Hilfe braucht, be- pakets. Auch er forderte »einen Zuschlag
rungsmaßnahmen, obwohl auch ihre Kin- kommt Hilfe.« Das sei und bleibe das von 100 Euro monatlich pro Person« so-
der nun den ganzen Tag zu Hause sind Kernversprechen des Sozialstaats. wie eine »einmalige Sofortzahlung von
und dort essen. Sozialverbände, Hilfsor- Die Regelsätze will das Ministerium 200 Euro für krisenbedingte Mehrbedar-
ganisationen und Oppositionspolitiker for- allerdings nicht erhöhen. Sie seien »grund- fe«. Geschäftsführer Ulrich Schneider
dern, dass auch für sie etwas getan werde. sätzlich auskömmlich«, da bei ihrer Ermitt- weist auf ein weiteres Problem hin: Die
»Gerade die Schwächsten in unserer Ge- lung »die Aufwendungen für ein häus- Hilfsaktionen seien häufig auf Ehrenamt-
sellschaft dürfen jetzt nicht durchs Netz fal- liches Mittagessen in voller Höhe einge- liche angewiesen. »Senioren sind eine
len«, sagt Grünenchefin Annalena Baer- flossen« seien. »Wenn jetzt also mittags wichtige Stütze und fallen jetzt aus, da sie
bock. Man brauche einen »befristeten Zu- nicht mehr in Kita oder Schule, sondern besonders gefährdet sind«, sagt er.
schlag« für Kinder aus Familien, die Leis- daheim gegessen wird, war das als Stan- Diese Erfahrung macht auch »brotZeit
tungen des Bildungs- und Teilhabepakets dardfall immer berücksichtigt.« e.V.«. Der 2009 von der Schauspielerin
bekommen. So könne man den Ausfall der Ausgerechnet die FDP sieht das, ähnlich Uschi Glas gegründete Verein versorgt
kostenlosen Mahlzeiten abfedern. Um min- wie die Grünen, anders. Sie fordert eine nach eigenen Angaben in normalen Zeiten
destens 60 Euro pro Monat, also etwa 3 rund 11 000 Kinder in Brennpunktschulen
Euro pro Schultag, solle der Satz erhöht wer- mit Frühstück. Seit drei Wochen nicht
den, damit die Leute mehr Lebensmittel kau- Eingeschränkte Möglichkeiten mehr. »Bereits eine Woche vor den Schul-
fen können. So hatten es die Grünen in den schließungen haben wir aus Verantwor-
Beratungen mit der Regierung vorgeschla- Hartz-IV-Regelsätze tung gegenüber unseren helfenden Senio-
gen. Doch die lehnte ab und erhöhte ledig- Monatliche Grundsicherung ab 2020 ren die Arbeit vorübergehend einstellen
lich den Kinderzuschlag. Das aber »erreicht müssen«, sagt Geschäftsführer Hans-Jür-
Kinder, 0 bis 5 Jahre
die Kinder, die es am dringendsten bräuch- gen Engler. Rund 1400 Seniorinnen und
ten, gerade nicht«, kritisiert Baerbock. 250 € Senioren bereiten sonst das Schulfrüh-
Auf die Frage, warum die Idee abgelehnt Kinder, 6 bis 13 Jahre stück in Form eines Buffets. Sie müssen
wurde, antwortet das Familienministerium jetzt zu Hause bleiben. Es ist unklar, ob
von Franziska Giffey (SPD) nicht. Eine 308 € sie arbeiten können, wenn die Schulen wie-
Sprecherin verweist lediglich auf jene Maß- Jugendliche, 14 bis 17 Jahre der öffnen.
nahmen, die beschlossen wurden, »um ge- 328 € Auch die Zeit nach Corona macht Eng-
rade auch Arbeitnehmerinnen und Arbeit- ler große Sorgen. »brotZeit« ist angewie-
nehmer sowie Selbstständige mit Kindern Junge Erwachsene, 18 bis 24 Jahre sen auf Spenden. Und auf Logistikunter-
zu unterstützen«. Wie Arbeitslose und ihre 345 € nehmen, die die Lebensmittel für den Ver-
Familien unterstützt werden können, zeigt ein zu den Schulen bringen. Ob die nach
Erwachsene in einer Partnerschaft
das Ministerium nicht auf. Außer, dass die der schweren Krise noch Kapazitäten für
Bundesfreiwilligendienstler nun bei den Ta- 389 € so etwas haben, wisse niemand.
feln tätig werden dürfen. Soweit diese über- Alleinerziehende /Alleinstehende Maik Baumgärtner, Ann-Katrin Müller
haupt noch Lebensmittel bekommen, nach- Mail: maik.baumgaertner@spiegel.de,
dem die Restaurants geschlossen haben. 432 € ann-katrin.mueller@spiegel.de
Auch das Sozialministerium von Hubertus Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 43


Coronakrise

»Gewehr bei Fuß«


Kliniken Mit massivem Einsatz bereiten sich Deutschlands Krankenhäuser auf
Tausende Covid-19-Patienten vor. Doch was tun, wenn es mehr
Schwerkranke als Beatmungsgeräte gibt? Und wer rettet die Hospitäler vor dem Ruin?

D
er Eindruck, den Deutschlands tet, ausrangierte Beatmungsgeräte instand Hotel mit 176 Zimmern in der Nähe des
größtes Krankenhaus in dieser gesetzt, Personal intensivmedizinisch ge- Klinikums gemietet, um dort Krankensta-
Woche bot, wirkte auch auf den schult, Rehaabteilungen vorübergehend tionen für leichtere Fälle einzurichten, die
Chef »etwas surreal«. Ein Drittel geschlossen. Etliche Kliniken sagten alle Gemeinde Erding plant eine leer stehende
der Berliner Charité stand leer. 538 freige- verschiebbaren Operationen ab. Aber die Flüchtlingsunterkunft in ein Hospital mit
räumte Betten, 114 davon ausgestattet wie Zahl der kranken und schwer kranken 1000 Betten umzubauen, im Eifelörtchen
auf einer Intensivstation, alle gedacht für Coronapatienten ist bislang gering. »Die Hillesheim ist eine Markthalle diese Wo-
jene kranken und schwer kranken Men- erwartete Welle blieb aus, zum Glück«, che in eine Corona-Ambulanz mit 15 Be-
schen, mit denen die Deutschen in diesen sagte Ralf Engels am Donnerstag. handlungsboxen verwandelt worden.
Wochen rechnen. Es war eine Woche, in der eher die poli- Auf dem Gelände etlicher Kliniken wer-
Doch noch am Donnerstagabend waren tischen Weichenstellungen der Krisenstäbe den Abstriche genommen, mancherorts in
nur 16 Intensivbetten mit Patienten belegt, Schlagzeilen machten als der Dienst am Pa- eilig von der Feuerwehr aufgebauten Zel-
die sich mit dem Coronavirus infiziert ha- tienten. In dieser Ruhe vor dem Ansturm ten. Krisenpläne sehen vor, dass Hubschrau-
ben. Und auch in den anderen vorgesehe- grübelten vielerorts Klinikdirektoren, Chef- ber Schwerstkranke zu einem freien Inten-
nen Betten lagen nur 11 an Covid-19 er- und Oberärzte über Fragen, die die ethi- sivbett transportieren – dorthin, wo das
krankte Männer und Frauen. Es habe ihn schen Grundsätze der Medizin berühren. Virus sich nicht so stark ausgebreitet hat.
ein wenig an die Berichte über erwartete Erstens: Wie lange lässt sich ein Kran- Realität ist aber auch: In einer Reihe
Naturkatastrophen wie einen Hurrikan er- kenhaus im Corona-Modus betreiben? Wie von Krankenhäusern kämpfen die Ärzte
innert, meint Heyo Kroemer, der Vor- wirkt es sich für das Wohlergehen anderer bereits gegen das Gefühl von Ohnmacht
standsvorsitzende der Berliner Universi- Patienten aus, wenn sich plötzlich so viel und Überforderung. Auch Hausärzte küm-
tätsklinik. »Ein riesiger Apparat steht Aufmerksamkeit nur noch auf Covid-19 mern sich bis spät in den Abend um ver-
Gewehr bei Fuß und fragt sich, ob es so richtet? Und: Wer trägt am Ende die Kos- unsicherte Patienten. In zahlreichen Pra-
kommt, wie man befürchtet hat.« ten, wenn deswegen OP-Säle leer stehen? xen mangelt es nach wie vor an Mund-
Rund 560 Kilometer westlich ein ähn- Und zweitens: Wie sollen Ärzte ent- schutz. Desinfektionsmittel scheinen wie-
liches Bild: ein leerer Stationsflur, 6 Pa- scheiden, falls es in Deutschland dem- der lieferbar zu sein, aber in vielen Kran-
tienten und 34 ungenutzte Betten. Und nächst mehr Schwerstkranke als Beat- kenhäusern fehlt immer noch Schutzklei-
keiner der bislang 11 Covid-19-Patienten mungsplätze geben sollte? Nach welchen dung für Ärzte und Pfleger.
hier im Krankenhaus Bethanien im nieder- Kriterien sollen sie bestimmen, welchem Noch bevor Covid-19 die Deutschen mit
rheinischen Moers musste bislang invasiv, Patienten die Apparatemedizin zugute- all seiner Wucht erreicht hat, sind erste
also mithilfe eines Tubus, künstlich be- kommt und wer seinem Schicksal über- medizinische Kollateralopfer zu beklagen.
atmet werden. lassen bleibt? Mancher Onkologe würde die Therapie
»Wir haben uns wie viele Krankenhäu- Es sind, in dieser Radikalität, neue Fra- seiner Krebspatienten gern mit derselben
ser in den vergangenen zwei Wochen so gen. Immerhin scheint das Land im Kampf Intensität fortsetzen, kann es aber nicht.
umorganisiert, dass manche Stationen nun gegen die Seuche bislang nicht schlecht Und eine Herzoperation um fünf, sechs
ausschließlich für Coronapatienten ge- dazustehen. Die Krankenhäuser sind im Monate zu verschieben, sagt Gerhard Hin-
nutzt werden«, sagt Ralf Engels, der Kran- europäischen Vergleich überdurchschnitt- dricks, Ärztlicher Direktor des Herzzen-
kenhausdirektor. Als spezialisiertes Lun- lich gut ausgestattet, schon vor dem großen trums Leipzig, sei für die Patienten schwer
genzentrum könne man auf eine große Er- Aufrüsten kamen auf 100 000 Einwohner zu verkraften – wenn sie und ihre Fami-
fahrung mit beatmeten Patienten zurück- rund 30 Beatmungsplätze – in Italien wa- lie bange auf den großen Tag gewartet hät-
greifen. »Wir haben die Beatmungsplätze ren es 13, in Spanien knapp 10. Zudem ver- ten. »Das sind hoch belastende Ausnahme-
nun von 20 auf 100 aufgestockt.« kündeten die Universitätskliniken am Don- situationen.«
Viele Kliniken in Deutschland steuerten nerstag, das Coronavirus nun gemeinsam Mehrere Landesregierungen forderten
radikal um, nachdem sie Mitte März ein bekämpfen zu wollen. Sie wollen gebün- Kliniken auf, ihre Kinder- und Jugend-
eindringlicher Brief des Bundesgesund- delt diagnostizieren, behandeln, forschen. psychiatrie auf Akutfälle zu beschränken.
heitsministers und die Anordnungen der Landauf, landab entstehen Behelfskran- Die jungen Patienten werden in die Selbst-
zuständigen Landesminister erreicht hat- kenhäuser, Quarantänestationen oder Am- isolation und in zuweilen schwierige Fami-
ten. Die Krankenhäuser sollten sich auf bulanzen. Die Stadt Braunschweig hat ein lienverhältnisse entlassen – so wie in Ber-
den Notstand vorbereiten, ab sofort! Mit lin oder in Nürnberg, weil Personal an der
jedem Tag, mit jeder neuen furchterregen- Corona-Front benötigt wird.
den Prognose der Virologen, mit jedem
Bild aus den überforderten Kliniken in Ita-
Die Stadt Braun- Und Rheumapatienten, die das Medika-
ment Hydroxychloroquin zur Stärkung der
lien und dann auch in Frankreich und Spa-
nien wurde das Anliegen dringlicher.
schweig mietet ein Immunabwehr benötigen, werden in ihrer
Apotheke nicht mehr fündig. Der Grund:
Überall in der Republik haben Kranken- Hotel für zusätzliche US-Präsident Donald Trump schwadro-
hauschefs Stationen freiräumen lassen. Zu- nierte vor ein paar Tagen, das Präparat
sätzliche Intensivbetten wurden eingerich- Krankenbetten. schütze vor dem Coronavirus. Wissen-

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und eine finanzielle – alles andere wäre
gelogen«.
Wie das Paket ausreichen soll, das der
Bundesgesundheitsminister den Kranken-
häusern zur Verfügung stellen will, um die
coronabedingten Kosten zu kompensieren,
ist Klinikmanagern rätselhaft. Trotz aller
Nachverhandlungen reiche der Schutz-
schirm nicht aus, so warnte der Präsident
der Deutschen Krankenhausgesellschaft in
einem Brandbrief an den Gesundheits-
minister und die Krankenkassen. Am Mitt-
woch beschloss der Bundestag die größte

AXEL HEIMKEN / POOL / REUTERS


Neuverschuldung in der Geschichte der
Bundesrepublik. 3,1 Milliarden Euro sollen
dem Gesundheitssystem nun durch die
Krise helfen.
»Im Grunde würden wir eine komplette
Refinanzierung benötigen«, sagt Klinik-
direktor Engels aus Moers. Er habe seit
Beginn der Krise zusätzliche Beatmungs-
geräte im Wert von knapp 480 000 Euro
bestellt, sein Krankenhaus habe seit An-
fang März mindestens 2,5 Millionen Euro
weniger erlöst. »Ich rechne damit, dass
es am Ende 3 bis 4 Millionen Euro sein
können.«
Charité-Chef Kroemer sagt: »Der Staat
handelt in hohem Maße verantwortlich,
indem er die Kapazitäten vorhält.« Das
dürfe bei allen Finanzdiskussionen auf kei-
nen Fall aus dem Blick geraten. Aber auch
seine Klinik bekomme Probleme, wenn
jedes Krankenhaus pauschal 560 Euro pro
Tag für ein frei gehaltenes Bett erhalte.
THILO SCHMUELGEN / REUTERS

»Die Kosten für ein Bett in der Uniklinik


liegen bei mindestens 750 Euro pro Tag,
eher noch deutlich höher.«
Klinikärzte in Deutschland, so wirkt es,
spüren am Vorabend der großen Welle
zwei widerstreitende Gefühle: die Zuver-
sicht, dass eine Katastrophe wie in Italien
Ärzte bei Schulung auf Intensivstation, Hilfskräfte beim Aufbau einer Ambulanz* verhindert werden kann. Und die Sorge,
»Welche Altersgrenze streben wir in Deutschland an?« dass ihre Krankenhäuser an den Neben-
wirkungen von Corona kollabieren.
Die Krise, das wünscht sich der Essener
schaftlich ist das nicht belegt, aber die sagt der Intensivmediziner eines katholi- Medizinprofessor Clemens Kill, könnte im-
Empfehlung führte zu Hamsterkäufen von schen Krankenhauses im Rheinland. merhin eine überfällige gesellschaftspoli-
Menschen, die sich mit Hydroxychloroquin Auf seiner Station gab es bis vorigen tische Debatte anstoßen: »Wir müssen ler-
prophylaktisch gegen Covid-19 wappnen Dienstag noch keinen Covid-19-Fall. Dass nen, dass Medizin zunächst einmal eine
wollen. unter solchen Umständen in dieser »Phase medizinisch-ethische Verpflichtung ist und
Corona, und das macht dieses Virus zu- null« weiterhin gewöhnliche Operationen nur in zweiter Reihe ein Mittel, um Geld
sätzlich bedrohlich, gefährdet auch Patien- stattfinden, wenn auch in verringerter zu verdienen.« Es gebe ja auch keine Dis-
ten, die sich nicht mit ihm infiziert haben. Zahl, hält er für vernünftig: »Wir produ- kussion darum, was Feuerwehr, Polizei
Und es gefährdet, so fürchten viele, die zieren ja sonst einen enormen Rückstau.« oder Rettungsdienste kosten dürften.
Krankenhäuser in ihrer Existenz. Kleinere Denn wann Deutschlands Krankenhäu- Noch dringlicher jedoch müssen Ärzte
Häuser hätten einfach zu wenig Substanz, ser wieder in einen Normalmodus zurück- und Ethiker sich mit einer Debatte beschäf-
sagt der Chefarzt eines Hamburger Hos- kehren, kann niemand vorhersehen. In tigen, der viele lieber ausweichen würden.
pitals, um eine finanzielle Durststrecke drei Monaten, in sechs, in neun? Wie oft »Wir können nicht ausschließen, dass Ärz-
durchhalten zu können. will man einem Herzpatienten sagen, te in den kommenden Wochen vor drama-
Während in Corona-Hochburgen wie dass seine Katheteruntersuchung noch tischen Entscheidungen stehen, weil es we-
München und Hamburg sich einige Kran- mal verschoben werden muss? Für Häuser sentlich mehr intensivpflichtige Patienten
kenhäuser der Kapazitätsgrenze nähern, in wirtschaftlich prekärer Lage, sagt gibt als Betten«, sagt Georg Marckmann,
berichten Ärzte andernorts von Langewei- der Internist, »ist das eine ethische Frage Professor für Medizinethik an der Ludwig-
le. »Irgendwann sind alle Räume einge- Maximilians-Universität in München.
richtet, alle Geräte getestet und die neuen * Oben: in Hamburg; unten: im rheinland-pfälzischen Marckmann erhielt am Dienstag einen
Ablaufpläne fünfmal durchgesprochen«, Hillesheim. Anruf aus Südtirol; am Telefon waren

45
Coronakrise

Ärzte, die nicht weiterwussten: Alle neun rien-Krankenhaus bislang vorgehalten, Ein solches Vorgehen sei in Deutschland
Plätze auf der Intensivstation seien belegt, mit viel Aufwand wurde die Zahl jetzt schon aus verfassungsrechtlichen Gründen
berichteten sie Marckmann. Wie man verdoppelt. unzulässig, weil es eine Altersdiskriminie-
denn nun entscheiden solle, falls noch je- Aber alle Hochrechnungen besagten, so rung und damit einen Verstoß gegen den
mand komme? Lemm, dass dies zu wenig sein könnte. Gleichheitsgrundsatz darstelle, urteilt Me-
»Auf solche Situationen«, sagt Marck- Das verlange einen grundlegenden Per- dizinethiker Marckmann. Er unterstützt
mann, »müssen wir uns vorbereiten.« spektivwechsel: »Unser bisher extrem libe- Empfehlungen, wie sie am Mittwoch die
Marckmann ist Präsident der Akademie raler Umgang steht dabei infrage: dass Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für
für Ethik in der Medizin, der Fachgesell- jeder Patient, sofern er es selber nicht ab- Intensiv- und Notfallmedizin veröffentlichte.
schaft seines Berufsstands. »Wir haben an- lehnt, bei Bedarf auf die Intensivstation »Handlungsleitend sollte der Grundsatz sein,
gesichts der umfassenden Vorsorge zwar kommt – egal wie alt er ist, was er hat.« dass am Ende so viele Menschen wie mög-
gute Chancen, nicht in eine derartige Kon- Im Kollegenkreis hat Lemm über die lich gerettet werden – und das setzt voraus,
fliktsituation zu geraten«, meint er, »aber Empfehlungen der italienischen Fach- Faktoren wie den Schweregrad der akuten
wir wissen am Ende eben nicht, wie sich gesellschaft für Anästhesie und Intensiv- Erkrankungen, Vorerkrankungen und den
das Virus weiter ausbreiten wird und wie medizin diskutiert. Es ist ein Positions- allgemeinen Gesundheitszustand der Patien-
viele Menschen in Deutschland lebensbe- papier, erschienen Anfang März, Ergebnis ten zu berücksichtigen«, sagt Marckmann.
drohlich erkranken werden.« bitterer Erfahrung aus drei Wochen Coro- »Im Ergebnis würde das bedeuten, dass
In der Öffentlichkeit sei die Problematik na in Italien. Je älter ein Mensch sei und diejenigen Patienten nicht auf die Inten-
noch nicht mit voller Wucht angekommen, je schwerwiegendere Vorerkrankungen er sivstationen kämen, die auch mit intensiv-
beklagt der Intensivmediziner Henning habe, desto eher scheide er für einen Platz medizinischer Behandlung kaum Über-
Lemm aus Siegen. »Wir machen uns längst auf der Intensivstation aus. »Aber welche lebenschancen haben.« Solche tragischen
Gedanken darüber, wie wir triagieren wer- Altersgrenze streben wir in Deutschland Entscheidungen belasteten das Gesund-
den – wem wir also die Intensivmedizin an?«, fragt Lemm. Die Italiener setzen die heitspersonal erheblich, so Marckmann.
zugestehen und wem nicht.« 19 Betten Grenze in der jetzigen Pandemiephase jen- Er begrüßt die neuen Empfehlungen, die
hatte Lemms Intensivabteilung im St. Ma- seits des 70. Lebensjahrs. solche Fragen regeln. »Wir brauchen aber
auch eine gesellschaftliche Diskussion
darüber – damit die Kollegen in den Kran-
Ungleiche Verteilung kenhäusern wissen, dass die Bevölkerung
Corona-Infizierte in Städten und Landkreisen je 100 000 Einwohner bei diesen schwierigen Entscheidungen
hinter ihnen steht.«
unter 10 bis 25 bis 50 bis 100 mehr als 100 Helmut Bühre, Chefarzt der Geriatrie
am Marienkrankenhaus in Hamburg, hält
Quelle: RKI die Debatte für weniger dringlich. »Es ge-
Stand: 26. März, 0 Uhr hört zu meinem Alltag, und ich entscheide
von Fall zu Fall.« Ob die Beatmung abge-
schaltet wird, ob noch einmal Antibiotika
eingesetzt werden – alles zu versuchen,
Hotspots und Prignitz etwa jedem 85-Jährigen noch eine neue
bislang am 1 Herzklappe einzusetzen, sei nicht immer
wenigsten vernünftig, medizinisch wie ethisch.
betroffene Der Essener Mediziner Kill sagt, es sei
Kreise auch ohne Corona in der Notfall- und In-
tensivmedizin etabliert, bei hochbetagten
Patienten nicht mehr alle Register zu
ziehen, wenn sie derart vorerkrankt seien,
dass sie eine normale Lungenentzündung
Heinsberg nicht überleben würden. »Das ist ein all-
402 täglicher und gleichsam ethischer Entschei-
dungsprozess, der ohne Rauschen in der
Öffentlichkeit mit dem Blick auf den Pa-
tientenwillen und in Abstimmung mit der
Familie tagtäglich geschieht.«
Tirschenreuth Was Kill sehr wohl fürchtet, ist eine Es-
288 kalation in den Altenheimen und die Über-
Hohen- forderung der Hausärzte. »Weder Ärzte
lohekreis noch Altenpfleger sind ausreichend mit
248 Schutzkleidung und Mundschutz ausgerüs-
tet«, sagt Kill, sie seien auf eine Pandemie
auch sonst nicht vorbereitet. Wenn aber die
Tübingen Freising Versorgung außerhalb der Krankenhäuser
146 167 zusammenbreche, dann belaste das die Kli-
niken noch mehr, so der Mediziner. »Dann
kommen nicht nur wirklich Kranke zu uns,
sondern auch Fußgänger mit Schnupfen.«
Kaufbeuren Miesbach Annette Bruhns, Katja Thimm,
Alfred Weinzierl
0 190

46 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Coronakrise

»Eine absolute Mission impossible«


Versorgung Stefan Dräger, 57, Chef des Medizintechnikkonzerns Drägerwerk, hat derzeit Kanzler und
Könige am Telefon, die ihn um Masken und Beatmungsgeräte bitten. Die Fertigung kommt nicht hinterher.

SPIEGEL: Herr Dräger, Ihr Unternehmen Dräger: Es bringt nichts, brachliegende Geld bekommen, mit der sie gar nicht um-
verzeichnet derzeit Rekordaufträge, Ihre Kapazitäten in der Fertigung jetzt für Be- gehen können. Zentren, die ARDS-Patien-
Aktie ist gefragt wie nie. Können Sie sich atmungshilfen einzusetzen. Am Wochen- ten, also solche mit akutem Lungenver-
darüber freuen? ende habe ich mit Daimler gesprochen, die sagen, behandeln können, müssen meiner
Dräger: Die Situation erfüllt uns mit De- möchten auch helfen. Aber so einfach ist Meinung nach bevorzugt werden. Die
mut, aber auch mit Stolz. Wir wissen um es leider nicht. Wir können ja auch keine können auch das Personal schneller an-
unsere Verantwortung. Autos bauen. Bevor wir darin zu viele Ge- leiten.
SPIEGEL: Die Bundesregierung hat Sie danken investieren, sollten wir uns fragen: SPIEGEL: Warum ist die Bedienung dieser
damit beauftragt, 10 000 Beatmungsgeräte Kann man Geräte, die irgendwo im Keller Geräte so anspruchsvoll, dass sie nicht an
herzustellen. Wie weit sind Sie damit? stehen, wieder in Betrieb nehmen? Oder einem Tag erlernt werden kann?
Dräger: Der Auftrag hat einen detaillierten andere Geräte umnutzen? Da liegt großes Dräger: Er geht nicht um das Gerät, son-
Lieferplan, der sich über das ganze Jahr er- Potenzial. dern um den Menschen, der dranhängt.
streckt. Die ersten Geräte sind jetzt fertig. SPIEGEL: Wo sollen solche Reserven her- Man muss sein Befinden beurteilen und
Als die Nachrichten aus Wuhan kamen, konn- kommen? wissen, wie man das Gerät dann genau
te man sich die Auswirkungen schon fast Dräger: Ich halte es für möglich, Geräte einstellen muss, damit er erst einmal über-
denken. Wir kennen das von der Sars-Krise. aus dem Rettungsdienst oder aus der lebt und dann schnell wieder gesund wird.
Der Auftrag der Bundesregierung ist aber Anästhesie zu verwenden. Die sind zwar Das erfordert jahrelange Erfahrung.
nur ein Teil unserer Produktion. Ein noch nicht für die Langzeitbeatmung gedacht, SPIEGEL: In welchem Land ist die Situa-
größerer Anteil geht an Kunden im Ausland. können das aber. Wir schätzen, dass man tion derzeit besonders dramatisch, was die
SPIEGEL: Wer fragt alles bei Ihnen an? allein in Deutschland 5000 Geräte aus Versorgung angeht?
Dräger: Vorhin war der österreichische dieser Reserve mobilisieren könnte. Um Dräger: In Europa ist die Zahl der Inten-
Bundeskanzler Sebastian Kurz am Tele- das möglich zu machen, braucht es natür- sivbetten im Verhältnis zur Einwohnerzahl
fon, der benötigt 1000 Beatmungsgeräte, lich Anleitung für das Klinikpersonal, wie sehr ungleich verteilt. In Italien ist sie drei-
er kann jetzt nur noch 50 bekommen. Es die Geräte verwendet werden können. mal niedriger, in England fünfmal niedri-
haben unzählige Minister aus allen mögli- Und es braucht in den verschiedenen ger als bei uns. Die Herausforderung in
chen Ländern angerufen, am Wochenende Ländern die Mitwirkung der Zulassungs- England wird größer werden als in Spa-
rief der König der Niederlande an. behörden. nien. Und die Lage in den USA ist sehr
SPIEGEL: Können Sie der Nachfrage ge- SPIEGEL: Die Maschinen sind das eine. Co- dramatisch. Dort ist das Meldesystem zu-
recht werden? vid-19-Patienten zu beatmen ist komplex. dem unterentwickelt.
Dräger: Nicht in vollem Umfang. Wir ha- Fehlt es nicht vor allem an Experten? SPIEGEL: Hat Donald Trump schon bei
ben unser Produktionsvolumen im Febru- Dräger: Ich fürchte, ja. Und es gibt eine Ihnen angerufen?
ar verdoppelt und werden es bis auf das weitere Schwierigkeit: Der Bundesgesund- Dräger: Wir warten noch darauf. Die US-
Vierfache steigern. Allein in Lübeck stellen heitsminister hat zwar frühzeitig gehan- Behörden haben eine Anfrage herausge-
wir bis zu 500 neue Mitarbeiter ein. delt. Aber die Verteilung der von ihm be- geben für 100 000 Beatmungsgeräte. Das
SPIEGEL: Sie müssen bei der Vielzahl von stellten 10 000 Geräte ist immer noch dürfte mehr als die Jahresproduktion aller
Aufträgen Prioritäten setzen. Wie gehen unklar. Viele Kliniken rufen uns deshalb Hersteller sein. Eine absolute Mission im-
Sie vor: Germany first? direkt an. Bei aller Not muss man darauf possible. Und selbst diese Menge wird
Dräger: Nein. Am Anfang sind fast alle Ge- schauen, dass die Ressourcen bestmöglich nicht reichen. Wir haben uns für einen Teil
räte nach China gegangen, wo die Not am verteilt werden und nun nicht Kranken- der Lieferung beworben, weil wir Verant-
größten war. Von einem recht simplen Ge- häuser eine Superausrüstung für wenig wortung als größter Hersteller haben.
rät, das in China besonders gefragt ist, ha- SPIEGEL: Wann werden Filter, Schläuche
ben wir pro Woche dann 400 Stück pro- und andere Verbrauchsmaterialien für Be-
duziert. Es erzeugt Atemluft aus der Raum- atmungsgeräte knapp?
luft, braucht nur eine Steckdose und gege- Dräger: Jetzt schon. Beim Zubehör haben
benenfalls eine Sauerstoffflasche und keine wir die gleichen Effekte wie beim Klopa-
zentrale Gasversorgung im Krankenhaus. pier. Es wird gehamstert, und zwar von
SPIEGEL: Wie entscheiden Sie in diesen den Krankenhäusern zum Schaden der All-
Tagen, wer bedient wird? gemeinheit. Die Teile kommen aus aller
CHRISTIAN AUGUSTIN / ACTION PRESS

Dräger: Das ist in der Tat schwierig. Der- Welt, etwa aus der Türkei. Ich hoffe sehr,
zeit bekommen wir stündlich neue Nach- dass die Wertschöpfungsketten trotz
richten zur Lage in verschiedenen Län- Protektionismus intakt bleiben. Wenn je-
dern, die wir berücksichtigen müssen. Des- mand auf die Idee kommt, diese zu zer-
halb stellen wir menschliche Entscheidun- stören, gibt es keine Beatmungsgeräte
gen an alleroberste Stelle. mehr, für niemanden.
SPIEGEL: Automobilzulieferer und andere SPIEGEL: Ihr Unternehmen stellt auch
Firmen haben angekündigt, Komponenten Atemschutzmasken her. Haben Sie die
für Beatmungsgeräte herzustellen. Ein PR- Unternehmer Dräger Produktion ähnlich stark hochgefahren
Gag, oder hilft das wirklich? »Es wird gehamstert wie beim Klopapier« wie bei den Beatmungsgeräten?

48
LUTZ ROESSLER
Arbeiter der Dräger-Fabrik in Lübeck: »Daimler möchte auch helfen«

Dräger: Ja, aber die Situation ist anders. stopp verhängt und Schutzausrüstung be- SPIEGEL: Haben Sie selbst zu Hause ein
Bei den Beatmungsgeräten ist die Nach- schlagnahmt. Deutschland zog dann nach, paar Masken gehamstert?
frage so groß, dass wir das Zehnfache pro- es gab eine Kettenreaktion. Das Problem Dräger: Nein, keine einzige. Ich bin erst
duzieren könnten. Die Masken sind so ge- ist: Deutschland hat keine großen Masken- 57 Jahre alt, ich habe also noch drei Jahre,
fragt, dass wir locker das Hundertfache produzenten. Auch bei uns machen Mas- bis ich zur Risikogruppe gehöre.
verkaufen könnten. Das ist aber utopisch. ken nur 0,3 Prozent des Umsatzes aus, wir SPIEGEL: Was sind Ihre Lehren aus der
Wir haben die Produktion verdoppelt, produzieren in Schweden und Südafrika. Krise?
mehr geht nicht. Die Masken werden an Das Ergebnis des Exportstopps ist, dass Dräger: Es zeigt sich, dass der gesunde
vollautomatischen Maschinen hergestellt, andere Länder ihre Produktion ebenfalls Menschenverstand mehr gefragt ist, als wir
die 24 Stunden pro Tag laufen, sieben Tage behalten. alle gedacht hätten. Diese Situation ist so
die Woche. SPIEGEL: Der Hausärzteverband Nieder- neu und kompliziert, dass die Probleme
SPIEGEL: Woher kommen die Anfragen sachsen hat eine Nähanleitung für Mund- nur von Menschen gelöst werden können,
nach Masken gerade? Nasen-Schutzmasken veröffentlicht. Dem- die Entscheidungen klug abwägen. Mit
Dräger: Nur ein Beispiel: Die Behörden in nach kann man sich aus Geschirrtüchern künstlicher Intelligenz, die ja zuletzt im-
den USA wollten 500 Millionen Masken selbst Masken basteln. Gute Idee? mer von allen beschworen wurde, kom-
kaufen. Das ist schlicht nicht machbar, für Dräger: Wenn es hilft, dass sich die Leute men wir derzeit nicht weit.
niemanden. auf der Straße sicherer fühlen, warum SPIEGEL: Nehmen Sie eigentlich noch alle
SPIEGEL: Warum fehlen Masken an allen nicht? Dann bleiben mehr Spezialproduk- Anrufe von Ministern und Königen ent-
Ecken und Enden? te für Ärzte und Pfleger übrig. gegen, oder lassen Sie Ihr Handy in diesen
Dräger: Als die Krise begann, sind sehr SPIEGEL: Wie lässt sich ein Versorgungs- Tagen lieber aus?
schnell Spekulanten eingestiegen. Sie ha- engpass in Zukunft vermeiden? Dräger: Jeder, der bei uns anfragt, be-
ben Masken containerweise gesichert und Dräger: Deutschland muss ein intelligentes kommt eine Rückmeldung. Ich hatte eben
bieten sie jetzt zu Wucherpreisen an. Dazu System entwickeln, um eine bestimmte einen Anruf von einem Verein, der ein
kommt, dass viele Menschen, die nicht in Menge Masken zu lagern, die bei Bedarf einziges Beatmungsgerät nach Rumänien
Krankenhäusern arbeiten, meinen, Mas- eingesetzt werden können. Der Knack- spenden möchte. Die bekommen natürlich
ken tragen zu müssen. punkt ist, dass Masken ein Verfallsdatum auch eine Antwort von mir.
SPIEGEL: Die Bundesregierung hat früh haben. Man müsste also Masken, die ab- SPIEGEL: Welche?
einen Exportstopp für Atemschutzmasken laufen, nach und nach aus dem Lagersys- Dräger: Eine, mit der sie wahrscheinlich
verhängt. Hat das nichts gebracht? tem holen und verkaufen. Ich habe Ge- nicht glücklich sein werden. Leider.
Dräger: Der französische Präsident hat sundheitsminister Spahn dazu schon ein Interview: Lukas Eberle, Martin U. Müller
vorgelegt, er hat als Erster einen Export- paar Vorschläge gemacht.

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 49


ten in einer Onlinepetition ein »Durch-
schnittsabitur« gefordert: ein Zeugnis nur
auf Basis der Vornoten, ohne Abschluss-
prüfungen. Innerhalb weniger Tage fanden
sich mehr als 100 000 Unterstützer.
Karin Prien, CDU-Bildungsministerin
in Schleswig-Holstein, kündigte an, den
Vorschlag in der Kultusministerkonferenz
(KMK) diskutieren zu wollen – blitzte dort
aber ab. In einer Telefonschalte entschied
das Gremium, dass die Prüfungen stattfin-

ARMANDO BABANI / EPA-EFE / SHUTTERSTOCK


den, »soweit dies aus Infektionsschutz-
gründen zulässig ist«. Stefanie Hubig,
SPD-Kultusministerin von Rheinland-
Pfalz und derzeit KMK-Präsidentin, be-
tonte: Keinem dürften Nachteile aus der
derzeitigen Situation entstehen. Man habe
»einstimmig entschieden, dass alle Länder
die Abiture der anderen anerkennen«.
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des
Deutschen Lehrerverbands, befürchtet,
Abiturprüfung in Frankfurt am Main: Klausuren trotz Kontaktverbots solche Aussagen könnten in einen flächen-
deckenden Niveauverlust münden: wenn
jedes Land sich eigene Regelungen schaffe,
um vermeintliche Nachteile auszugleichen.

»Wir schotten uns ab« »Am Ende wollen es alle den eigenen
Schulabgängern leichter machen, damit
sie sich im Wettbewerb um Studienplätze
Schule Corona wirbelt die Abiturpläne der Bundesländer behaupten.« Er erinnert an die »Feilsche-
rei«, wie er es nennt, um das Matheabitur
durcheinander. Nur eines ist sicher: Fair wird es nicht zugehen. 2019. Schülerinnen und Schüler aus meh-
reren Bundesländern hatten sich be-

I m Fußball, sagt Phil Ladehof, sei das


so: »Du bereitest dich auf ein Spiel
vor, manchmal wochenlang, dann
musst du auf den Punkt abliefern.« Nun
einem Auto zur Schule«, schrieb eine Leh-
rerin dem SPIEGEL. »Sie wünschen sich
Glück, umarmen sich.«
Wie die Klausurenphase in Hessen ver-
schwert, dass die Prüfungsaufgaben zu
schwer gewesen seien. Einige Länder pass-
ten daraufhin die Bewertungsmaßstäbe an,
andere ließen den Protest vorüberziehen.
steht er vor der bislang wichtigsten Prü- läuft, könnte sich auf die Entscheidungen Dabei haben die Kultusministerinnen
fung seines Lebens. Nur: »Auf den Punkt anderer Bundesländer auswirken. Meh- und Kultusminister ein anderes Ziel, wie
abliefern« wird kaum möglich sein. rere Bundesländer halten bisher an ihren sie seit Jahren beteuern. Sie wollen das
Ladehof besucht die 13. Klasse einer Zeitplänen fest. Sie warten ab, wie sich Abitur vergleichbarer machen. Seit 2017
Gemeinschaftsschule in Flensburg. Gleich die Corona-Lage entwickelt. bedienen sich daher alle Länder aus einem
nach den Osterferien, dachte er, würde er Für Phil Ladehof wird dieses Frühjahr »Gemeinsamen Aufgabenpool«, um ihre
seine Abiturklausuren in Mathematik und zur Hängepartie. Weil die Schulen schlos- Abiturprüfungen zu konzipieren. Doch in
Deutsch schreiben, dazu eine mündliche sen, konnte Ladehof zwei Klausuren nicht der Praxis gibt es viele Ausnahmeregelun-
Prüfung in Philosophie ablegen. Doch ob mehr planmäßig schreiben. In Philosophie gen. Die Länder können etwa nach wie vor
all das stattfindet, und wenn ja, wann – das hielt er deshalb zusammen mit einem Klas- eigene Aufgaben stellen, wenn sie möchten.
weiß im Moment niemand. Etliche Bundes- senkameraden eine Präsentation – nicht Kritiker wie Mathias Brodkorb, viele
länder haben entschieden, die Reifeprü- vor Mitschülern, sondern vor einer Kame- Jahre lang Schulminister in Mecklenburg-
fungen zu verlegen. Zunächst meldeten ra. Das Video luden die beiden anschlie- Vorpommern, sprechen wegen der unglei-
Bayern und Mecklenburg-Vorpommern, ßend hoch, damit die Lehrerin es begut- chen Umstände von »Abiturbetrug«. So
die Klausuren würden nun voraussichtlich achten konnte. »Ich sitze täglich vor mei- hat er die Streitschrift genannt, die er kürz-
im Mai, nicht im April geschrieben, andere nen Lernsachen, aber es ist schwer, die lich gemeinsam mit der Pädagogikprofes-
Länder zogen nach. Spannung aufrechtzuerhalten, wenn wir sorin Katja Koch veröffentlicht hat. Dass
Hessen hingegen lässt die Prüflinge in nicht wissen, wie es weitergeht«, sagt er. das Abitur gleichwertig sei, könnte nie-
diesen Tagen antreten, trotz Kontaktver- Kurzzeitig dachte er, er könnte das Ler- mand ernsthaft behaupten, sagt Brodkorb.
bots. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) nen ganz einstellen. Zwei Abiturienten hat- »Das ist eine große Inszenierung.«
sagte in einer Videobotschaft: »Wir glau- Phil Ladehof aus Flensburg wäre vor
ben, dass bei Beachtung aller Hinweise, allem froh, wenn der Corona-Spuk bald

323 000
die uns die Gesundheitsexperten gegeben vorüber wäre und er seinen freien Sommer
haben, das Risiko, sich beim Schreiben der genießen könnte. Auf den freue er sich
Abiturklausuren zu infizieren, weitgehend schon »sein halbes Schulleben«, sagt er.
ausgeschlossen werden kann.« Es folgt Für die nächsten Wochen ist er zu seiner
eine Reihe von Ratschlägen wie »Versam- Schülerinnen und Schüler Oma aufs Land gezogen. Er leidet an
meln Sie sich nicht auf dem Schulhof«. Prü- Rheuma, gilt als Risikopatient. »Wir schot-
fer und Geprüfte berichten allerdings, dass
haben im Jahr 2019 ten uns hier gemeinsam ab, das ist sicherer
nicht alle die Hinweise befolgten. »Die das Abitur erworben. für uns beide.« Miriam Olbrisch
Jugendlichen kommen teils gemeinsam in Quelle: KMK

50 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

hotline arbeiten oder auf den Stationen ten weggeräumt und sich ein proviso-

Retter aus aushelfen. Die anderen 200 werde man


kontaktieren, wenn die Personalnot grö-
ßer werde. Je nachdem, wie weit im Stu-
risches Büro eingerichtet, um ungestört
telefonieren zu können. »Im Moment sind
wir alle Vollzeit mit der Facebook-Gruppe

dem Netz dium sie seien, würden sie als wissenschaft-


liche Hilfskräfte angestellt oder bekämen
ihren Einsatz als Famulatur angerechnet.
und der Website beschäftigt, auch am
Wochenende«, sagt er.
Die Reaktionen auf die verschiedenen
Hochschulen Das Gesundheits- Andere Studierende starten gleich Initiativen waren positiv. Die Pflegekam-
system droht an seine eigene Initiativen, damit Institutionen und mer Niedersachsen allerdings äußerte Kri-
Hilfswillige leichter zusammenfinden. tik an einem Aufruf des niedersächsischen
Grenzen zu stoßen. Amandeep Grewal, Medizinstudent im Wissenschaftsministers. Aber auch Nora
Angehende Mediziner wollen zwölften Semester, gründete eine Face- Wehrstedt, die stellvertretende Kammer-
helfen – zu Tausenden. book-Gruppe, um sich mit Kommilitonin- präsidentin, sagt: »Wir brauchen jede
nen und Kommilitonen zu vernetzen. Er helfende Hand, keine Frage.« Ihre Kritik
nannte sie »Medizinstudierende vs. Co- entzündete sich daran, dass der Minister
ie Mühlen der Bürokratie mahlen vid-19«, das Interesse ist groß. Inzwischen davon gesprochen habe, Studierende als
D schnell in diesen Tagen. Eine Stun-
de nachdem Anna Kurzeck ihre Be-
werbung per Mail abgeschickt hat, läutet
hat die Gruppe rund 20 000 Mitglieder.
Ein Kommilitone legte eine Website an,
auf der Grewal und sein Team die Job-
Pflegekräfte einzusetzen. »Pflege kann
nicht jeder«, sagt Wehrstedt, »es hat einen
Grund, dass es dafür eine dreijährige Aus-
ihr Telefon, eine Frau von der Bezirks- angebote nach Bundesländern sortiert ver- bildung gibt.« In anderen Bereichen könn-
regierung ist dran: Wann sie denn anfan-
gen könne?
Am selben Nachmittag, so erzählt die
Medizinstudentin am Telefon, habe sie
sich ins Auto gesetzt und sei von ihrem
Elternhaus im oberpfälzischen Tirschen-
reuth zum Landratsamt gefahren, um
ihren Vertrag zu unterschreiben. Gleich
am nächsten Tag habe sie mit der Arbeit
begonnen: Kontaktpersonen von Corona-
virus-Infizierten anrufen, zu Symptomen
befragen und anhand eines Leitfadens ent-
scheiden, ob sie in Quarantäne müssen
und getestet werden.
Auch an einer mobilen Teststraße habe
sie schon mitgeholfen. 400 Menschen
seien in ihren Autos auf den Parkplatz des
Tirschenreuther Gymnasiums gefahren,
ein Arzt habe am Autofenster den Ab-

FRANK MOLTER / DPA


strich vorgenommen. Kurzeck kontrollier-
te, in Schutzmontur, dass niemand auf-
tauchte, der nicht einbestellt worden war
und sich trotzdem testen lassen wollte.
Die Studentin steht kurz vor dem drit- Medizinstudentin in Kieler Krankenhaus: Organisator auf dem Dachboden
ten Staatsexamen und dürfte damit zu den
Helfern mit dem größten Fachwissen zäh-
len. »Nur wenige hier sind Ärzte«, sagt öffentlichten. Am Donnerstag stellten sie ten Studierende sehr wohl einen wichtigen
sie, »viele kommen aus dem Landratsamt in Kooperation mit der Bundesvertretung Beitrag leisten: Essen austeilen, Wäsche-
oder aus der Kreismusikschule, die jetzt der Medizinstudierenden ein neues Ange- wagen auffüllen, Blutproben ins Labor
geschlossen ist.« bot online. Auf »match4healthcare« kön- bringen.
Die Gesundheitsämter sind derzeit nen Studierende und Menschen aus ande- Auch das Robert Koch-Institut hat
stark gefordert, manche sind überlastet, ren Gesundheitsberufen sich eintragen – Helfer gesucht, sogenannte Containment
das System droht in der Coronakrise an und Kliniken können mit einem Filtersys- Scouts, die im nächsten halben Jahr in
seine Grenzen zu stoßen. Der bayerische tem nach passenden Arbeitskräften suchen. Vollzeit Covid-19-Erkrankte zu möglichen
Wissenschaftsminister und die Ärztlichen Ursprünglich habe er selbst in einer Kli- Kontaktpersonen befragen und diese kon-
Direktoren der sechs bayerischen Unikli- nik helfen wollen, sagt Grewal, doch dafür taktieren sollen. Die Ausschreibung rich-
niken haben Medizinstudierende zu frei- fehle ihm nun die Zeit. Auf dem Dach- tete sich »vor allem an Studierende, die
willigen Einsätzen aufgerufen. Andere boden seiner Eltern habe er ein paar Kis- bereit sind, ein Urlaubssemester einzu-
Krankenhäuser und Gesundheitsämter legen«. Die Ausschreibung war nach drei
veröffentlichten ähnliche Gesuche. Und Tagen offline, obwohl die Bewerbungsfrist
viele Studierende wollen helfen.
Allein im Klinikum der Ludwig-Maxi-
Wir sind alle noch längst nicht abgelaufen war.
Ȇber das Wochenende haben uns
milians-Universität in München hätten
sich bereits 300 Medizinstudierende ge-
mit der Facebook- knapp 10 000 Bewerbungen erreicht«,
heißt es nun auf der Website. Leider könne
meldet, sagt der Ärztliche Direktor Karl-
Walter Jauch. Die ersten 100 würden ge-
Gruppe und der man einfach keine weiteren annehmen.
Ruth Eisenreich
rade geschult, sie sollen an der Telefon- Website beschäftigt.
51
Coronakrise

hen Bischöfe neuerdings vor leeren Kir-


chenbänken und predigen in eine Webcam.
Die Messe im Trierer Dom am vergan-
genen Sonntag sahen allein bei YouTube
bislang über 2000 Menschen, weit mehr,
als normalerweise am Gottesdienst teil-
nehmen.
Selbst kleine Gemeinden übertragen
ihre Gottesdienste jetzt im Netz. Pfarre-
rinnen und Pfarrer chatten mit den Gläu-
bigen. »Es ist gut, dass viele die Initiative
ergreifen und die Gottesdienste streamen«,
sagt die Landesbischöfin der Nordkirche
Kristina Kühnbaum-Schmidt. Es helfe
den Gläubigen, wenn sie ihre Vertrauens-
personen aus der Heimatgemeinde regel-
mäßig sähen, sei es die Pfarrerin oder auch

SEBASTIAN GOLLNOW / DPA


den Organisten.
»Die Digitalisierung der Kirchen hat
durch Corona an Dynamik gewonnen«,
sagt Kühnbaum-Schmidt. Im Netz ergäben
sich neue Formen der Kommunikation
mit den Gläubigen: »Unsere Kirche wird
Onlinegottesdienst im baden-württembergischen Winterbach: Jede Menge Livestreams sich durch die Krise verändern und wei-
terentwickeln.«
Viele ältere Gläubige bleiben jedoch auf
der Strecke. Sie sind häufig nicht so inter-

Gebete im netaffin, dass sie sich in den sozialen Me-


dien einen Gottesdienst anschauen. Gut
ein Viertel der Christen in Deutschland ist

Kämmerlein älter als 65 Jahre, für Zigtausende Senio-


ren zählt der Gottesdienstbesuch zu den
wenigen sozialen Events, an denen sie teil-
nehmen. »Es ist grotesk«, sagt Kalle Lenz.
Kirchen Das Gemeindeleben in Deutschland liegt lahm – dafür »Du sollst alte Menschen wegen der An-
sind die Seelsorger im Internet so erfolgreich, steckungsgefahr nicht besuchen, aber die
dass sich ihre Arbeitsweise wohl dauerhaft verändern wird. haben es gerade besonders nötig.«
Lenz ruft betagte Mitglieder aus seiner
Pfarrei regelmäßig an und fragt, wie es
er Weg zu Gott führt nun über treffs sind geschlossen, von der Krabbel- ihnen geht oder ob sie etwas brauchen.
D den Hinterhof. Die Haupttür ist ver-
schlossen, durch einen Seitenein-
gang gelangt man in die katholische Kirche
gruppe bis zum Seniorenkaffee. Auch Mo-
scheen und Synagogen haben Gebete und
Gottesdienste abgesagt.
Überall in Deutschland versuchen Pfarre-
rinnen und Pfarrer, nicht den Kontakt zu
den Senioren zu verlieren. Im bayerischen
St. Christophorus in Berlin-Neukölln. Der Der Besuch einer Kirche ist in der Haupt- Prien am Chiemsee senden die Seelsorger
Innenraum ist mit Laminatfußboden aus- stadt zurzeit nur noch zur »individuellen den Bewohnern des Altenheims in ihrem
gelegt, an der Seite stehen Yuccapalmen. stillen Einkehr« erlaubt, so steht es in der Pfarrbezirk die sonntägliche Predigt mit
Täglich besuchen vereinzelte Gläubige die Berliner Verordnung zur Eindämmung des beigefügtem Gebet und Segen per Post.
Kirche, um zu beten. Eine Schülerin übt Coronavirus. »Das ist eine schizophrene Konfirmanden besorgen die Einkäufe für
Trompete auf der Empore. Situation«, sagt Lenz. »Eigentlich müssten die Älteren.
»Es kommen auch Anwohner aus dem wir gerade jetzt zusammenkommen und Der evangelische Kirchenkreis Nord-
Kiez, die sonst nichts mit der Kirche zu beten.« Die Maßnahmen seien notwendig, friesland lud vor Kurzem zu einem Tele-
tun haben«, sagt Kalle Lenz. Der 61-jähri- und eine Zeit lang könne man das aushal- fongottesdienst ein, in den sich jene Gläu-
ge Pater in Jeans und Fleecepulli wirkt seit ten: »Aber der Mensch lebt doch von ana- bigen einwählen konnten, die in techni-
1993 in der Gemeinde. »Ich bin schon lan- logen Kontakten.« scher Hinsicht über die Benutzung des
ge hier, aber so etwas habe ich noch nicht Wem das einsame Gebet nicht ausreicht, Telefons nicht hinausgekommen sind. Das
erlebt.« Alles sei so schnell gegangen. »Es der ist in Corona-Zeiten auf das Internet funktionierte gut, berichten die Organisa-
fühlt sich an wie ein Albtraum.« angewiesen. Das digitale Angebot der toren. Das Atmen und Husten der Teilneh-
Die Coronakrise hat das kirchliche Le- Kirchen wächst rasant. Sie bieten Online- menden schaffe ein Gefühl des »tatsäch-
ben in Deutschland nahezu lahmgelegt. Chats, E-Mail-Seelsorge und jede Menge lichen Dabeiseins«. Nur beim Singen der
Wenige Wochen vor Ostern sind Zusam- Livestreams. In deutschen Kathedralen ste- Lieder gebe es Probleme wegen der zeit-
menkünfte zu katholischen und evangeli- versetzten Tonübertragung.
schen Gottesdiensten verboten. Rund 2,9 Bischöfin Kühnbaum-Schmidt sagt:
Millionen Christen nehmen sonst jeden
Sonntag daran teil. Überall in der Bundes-
»Analoges und »Analoges und Digitales ergänzen sich
gut.« Ihre Landeskirche hat kürzlich eine
republik wurden Erstkommunion, Konfir- Digitales ergänzen kostenlose Telefonhotline für Menschen
mation und Hochzeiten abgesagt. Tausen- eingerichtet, die in der Coronakrise unter
de kirchliche Tagesstätten und Freizeit- sich gut.« psychischen Belastungen leiden oder so-

52
zial isoliert sind. In Baden-Württemberg
klingeln speziell für diese Menschen seit
Kurzem allabendlich landesweit die Kir-
chenglocken. Damit sollen die Mitglieder
aller katholischen und evangelischen Ge-
meinden zum Gebet aufgerufen werden.
Auf einer digitalen Karte können die Be-
tenden ihren Standort eintragen und se-
hen, wo andere Gläubige beten.
Das gemeinsame Gebet soll in Zeiten
der Pandemie Kraft geben, auch wenn
keine physische Nähe möglich ist. Wäh-
rend viele Christen auf die Hilfe des Herrn
hoffen, sehen katholische Fundamenta-
listen in dem Virus die gerechte Strafe Got-
tes, eine Art biblische Plage. Ein Schwei-
zer Weihbischof behauptete jüngst, es ge-
be »einen Zusammenhang zwischen der
spirituellen Befindlichkeit und Treue des
Volkes Israels und den historischen Er-
eignissen«, darunter auch Seuchen und
Krankheiten.
Zahlreichen erzkonservativen Katholi-
ken gehen die Einschränkungen in der
Coronakrise zu weit. Im Netz führen sie
das Gottesdienstverbot auf das »fehlende
Standing der Kirche« in der heutigen Ge-
sellschaft zurück. Ein US-Kardinal wetter-
te, es gebe in »unserer völlig säkularisierten
Kultur die Tendenz, Gebet, Andacht und
Messen als gewöhnliche Freizeitaktivitäten
wie Kino oder Fußball zu betrachten«.
Der evangelische Theologe Reiner An-
selm von der Universität München sagt:
Wechseln und gewinnen –
»Bei globalen Epidemien ist mancher
Konservative schnell mit Kritik an der mit den ContiGewinnEtappen!
Moderne zur Stelle.« Die auch von hohen
Würdenträgern verbreiteten Verschwö- So einfach geht‘s: Continental Reifen
rungstheorien hält er für gefährlich, weil
sie bei vielen verfingen. ab 17 Zoll* kaufen, registrieren und
Pater Lenz aus Berlin hat alle Veranstal- gewinnen!
tungen in St. Christophorus abgesagt. Nur
das »Café Platte« findet noch statt, eine
Armenspeisung. Statt eines warmen Essens Aktionszeitraum:
bekommen Obdachlose nun ein Lunch-
paket zum Abholen. Auf der Homepage
16.03. bis 31.05.2020 VIP-
nde
der Gemeinde hat Lenz geschrieben, die Wochene
Pandemie zwinge die Gläubigen zu einer in Paris!
»echten Fastenzeit«.
Der Generalvikar des Erzbistums Berlin
hat angekündigt, dass der kirchliche Lock-
down in der Diözese bis zum 30. April
andauern wird, mindestens. Die Priester
sind angehalten, die Gläubigen »zum Ge-
bet zu Hause« zu ermutigen.
Ein passendes Bibelwort hat der Ver-
fasser des Matthäusevangeliums schon
vor 2000 Jahren formuliert. In Kapitel 6
seiner Schrift ermahnt Jesus die Gläubi-
gen, das Vaterunser nicht in aller Öffent-
lichkeit zu beten, um sich vor anderen als
besonders fromm zu gebärden. Sie sollten
stattdessen zu Hause das Zwiegespräch
mit Gott suchen: »Wenn du aber betest, HAUPTPARTNER
so geh in dein Kämmerlein und schließ
die Tür zu.« Felix Bohr
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www.contigewinnetappen.de *gilt für Pkw-, SUV- und Van-Reifen
DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 53
Deutschland

wortlichen zu reden. In diesem paternalis-

Mädchen für den tischen Verständnis von Menschenführung


kümmerte sich Himmler selbst um persön-
liche Angelegenheiten von SS-Angehöri-
gen. Er sei »sehr hart«, so schilderte ihn
Massenmörder ein SS-Führer 1944 in britischer Kriegs-
gefangenschaft. »Man kann sehr schnell
etwas werden, man kann aber auch sehr
Zeitgeschichte Jahrzehntelang wurden die Dienstkalender des schnell fallen.«
SS-Chefs Heinrich Himmler geheim gehalten – Anfang 1943 war der Großteil der euro-
päischen Juden bereits ermordet. Himmler
die jetzt erscheinende Edition der Einträge zeigt, wie der hatte im Sommer des Vorjahrs die Führung
Topmanager des Holocaust tickte. Von Michael Wildt des Reichssicherheitshauptamts übernom-
men und den Massenmord forciert. Das
Warschauer Getto ließ er im Frühjahr 1943

A m 12. Februar 1943 schrieb Heinrich


Himmler in seinen Tischkalender:
»8.00 Uhr aufgestanden, 9.00 Uhr
gearbeitet, 10.00 Uhr Abfahrt Hochwald«.
mehr das Ergebnis einer immensen wissen-
schaftlichen Leistung. Wie das Beispiel des
12. Februar 1943 zeigt, können die nüch-
ternen Terminangaben, die Himmlers Ad-
restlos zerstören. Als die Wehrmacht nach
dem Sturz Benito Mussolinis im Septem-
ber 1943 weite Teile Italiens besetzte, de-
portierte die SS die italienischen Juden
An diesem Tag flog er von seinem Haupt- jutant jeden Tag auf einem DIN-A4-Blatt nach Auschwitz. Im Frühjahr 1944 sorgten
quartier in Ostpreußen nach Lublin im be- zusammenstellte, nur durch historische SS-Kommandos unter der Leitung Adolf
setzten Polen. Der Dienstkalender hielt Forschung zum Sprechen gebracht werden. Eichmanns für die Deportation von
fest: »12.00 Uhr Landung Lublin; Abho- Die Geschichte des Holocaust muss 437 000 ungarischen Juden. Himmler
lung durch SS-Obergruppenführer Krüger nicht neu geschrieben werden. Doch kümmerte sich persönlich über einen Son-
und SS-Gruppenführer Globocnik; Essen ist nun – nach den Editionen von Himm- deremissär – dessen zahlreiche Treffen mit
im Flughafenhotel. 12.30 Uhr Start mit lers Kalendern für die Jahre 1940 und Himmler der Dienstkalender dokumen-
Wagen nach Cholm. 14.00 Uhr Start von 1941/42 – die Tätigkeit eines der wichtigs- tiert – um die räuberische Übernahme von
Cholm mit Sonderzug zum SS-Sonder- ten Akteure des NS-Regimes im Krieg Metallfabriken in jüdischem Besitz.
kommando. 15–16.00 Uhr Besichtigung so vollständig und detailliert dokumen- Da zeichnete sich Deutschlands Nieder-
des SS-Sonderkommandos.« tiert wie kaum eines anderen. In den bü- lage bereits ab, 1943 war das Jahr der
Hinter diesen kargen Eintragungen ver- rokratischen Eintragungen wird auf ge- Kriegswende. Nach der Kapitulation der
barg sich Himmlers Besuch des Vernich- spenstische Art die Arbeitsweise eines 6. Armee in Stalingrad lebte überall in
tungslagers Sobibór, das war eine der Mas- Topmanagers des NS-Regimes erkennbar. Europa der Widerstand gegen die Besat-
senmordstätten der »Aktion Reinhardt«. zung auf. Hitler übertrug die »Bandenbe-
Von April 1942 bis Oktober 1943 wurden kämpfung« Himmlers SS, deren Einheiten
hier bis zu eine Viertelmillion Menschen Beim Filmabend mit Hitler zusammen mit der Wehrmacht in Ost-
mit Gas ermordet. Da an diesem 12. Febru- in der »Wolfsschanze« europa die Zivilbevölkerung ganzer Land-
ar kein Deportationszug zu erwarten war, striche ausrotteten und »tote Zonen« schu-
schleppte die SS 200 jüdische Mädchen wurde die »Feuerzangen- fen. Ebenfalls fielen in West- und Nord-
und Frauen aus der Umgebung herbei, um bowle« gezeigt. europa zahlreiche Zivilisten »Strafak-
dem Reichsführer SS die Effizienz des tionen« zum Opfer.
Mordens vorzuführen. Im August 1943 avancierte Himmler
Tags darauf war Himmler in Hitlers Himmler leitete als Reichsführer SS zum Reichsinnenminister, um mit Terror
Hauptquartier »Wolfsschanze«: »16.00 nicht nur ein weitverzweigtes SS-Imperi- die deutsche Kriegsgesellschaft unter Kon-
Uhr Termin beim Führer«. Obwohl sich um, sondern war seit 1936 auch Chef der trolle zu halten. Das KZ-System weitete
die Unterredung in erster Linie um die gesamten deutschen Polizei und seit 1939 sich enorm aus. Waren Anfang 1943 etwa
Aufstellung neuer Waffen-SS-Divisionen oberster Siedlungskommissar. In den Jah- 123 000 Menschen inhaftiert, so stieg deren
drehte, dürfen wir annehmen, dass Himm- ren 1943/44 erreichte er den Zenit seiner Zahl bis zur Jahreswende 1944/45 auf
ler auch über seine Beobachtungen aus Macht: Er wurde Reichsminister des In- 718 000 an. Die meisten waren ausländi-
Sobibór berichtet hat. nern, Befehlshaber des Ersatzheeres und sche Häftlinge, die zur Zwangsarbeit in der
Erst vor knapp vier Jahren wurde das Chef des Kriegsgefangenenwesens. 1945 Rüstungsproduktion wie der Herstellung
Original des Dienstkalenders in Moskau übernahm er sogar als militärischer Ober- der V2 verschleppt worden waren. Himm-
gefunden. In einem Archiv hatten, über befehlshaber die Heeresgruppe Weichsel. ler genehmigte persönlich medizinische
Jahrzehnte geheim gehalten, von der Diese vielfältigen Kompetenzen spie- Menschenversuche an Häftlingen.
Roten Armee beschlagnahmte NS-Unter- geln sich in den zahlreichen Besprechungs- Vor allem aber bedeutete die Kriegswen-
lagen gelagert. Jetzt erscheint die Edition terminen mit unterschiedlichen Funktions- de 1943, dass nun dringend neue Soldaten
des Kalenders für die Jahre 1943 bis trägern der SS und des NS-Regimes wider. benötigt wurden, um den Krieg fortführen
1945*. Sie umfasst mehr als 1100 Seiten, Die Herausgeber erläutern in Fußnoten zu können. 168 Treffen zwischen Hitler
auch Himmlers persönliche Aufzeichnun- und Kommentaren für jeden Tag den Kon- und Himmler führt der Dienstkalender für
gen aus seinem Tischkalender und die text der Gesprächsinhalte. Himmler, das die Zeit von Januar 1943 bis März 1945
Notizen über seine Telefongespräche zeigt der Dienstkalender deutlich, hielt sei- auf, das heißt, dass sich beide durchschnitt-
wurden aufgenommen. Kein Buch, das nen Machtapparat weniger durch Akten- lich etwa sechsmal im Monat trafen. Da-
als Urlaubslektüre dienen könnte, viel- studium zusammen, für das der Eintrag bei ging es in erster Linie um die Aufstel-
»gearbeitet« steht. Wichtiger waren per- lung neuer Waffen-SS-Divisionen. Ende
* Matthias Uhl, Thomas Pruschwitz, Martin Holler, Jean-
Luc Leleu, Dieter Pohl (Hg.): »Die Organisation des Ter-
sönliche Kontakte. Neben den täglichen 1942 umfasste die Waffen-SS annähernd
rors: Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943–1945«. Besprechungen unternahm er etliche In- 250 000 Mann, ein Jahr später hatte sich
Piper; 1147 Seiten; 48 Euro. Erscheint am 6. April. spektionsreisen, um vor Ort mit Verant- deren Stärke verdoppelt, Mitte 1944 stieg

54 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


WALTER FRENTZ / ULLSTEIN BILD
Terminnotizen, SS-Führer Himmler um 1943: »15–16.00 Uhr Besichtigung des SS-Sonderkommandos«

sie auf etwa 600 000 Soldaten. Dazu zähl- Chef des Oberkommandos der Wehr- könnte von den Alliierten als Verhandlungs-
ten sogar muslimische Einheiten wie die macht, und Karl Dönitz, Oberbefehls- führer eines Nach-Hitler-Deutschlands für
13. SS-Division »Handschar« aus Bosnien. haber der Kriegsmarine. Gezeigt wurde einen Separatfrieden akzeptiert werden.
Dank Himmlers geschickter Propaganda die »Feuerzangenbowle«. Doch solche Geheim aufgenommene Kontakte wie zum
galt die Waffen-SS als besonders kampf- Abende blieben Ausnahmen. Häufiger gab schwedischen Roten Kreuz, die selbstre-
entschlossene und ideologisch zuverlässige es »Doppelkopf«-Runden mit Angehöri- dend nicht im Dienstkalender notiert sind,
Truppe – alles Eigenschaften, die Hitler als gen seines Stabes. nutzten die ausländischen Verhandler aus:
entscheidend für den Krieg ansah. Oft telefonierte er mit seiner Tochter Mit Himmlers »Angebot«, KZ-Häftlinge
Zwar konnten auch die Waffen-SS-Ein- Gudrun, die zusammen mit ihrer Mutter freizulassen, brachten sie möglichst viele
heiten den Zusammenbruch der Heeres- in Gmund am Tegernsee lebte. An dem Menschen in Sicherheit. Als Hitler von
gruppe Mitte an der Ostfront im Sommer Bild einer intakten Familie hielt er unbeirrt Himmlers Aktivitäten erfuhr, entließ er ihn
1944 nicht verhindern, aber Himmlers fest, obwohl er seit 1938 ein Verhältnis mit wutentbrannt als Reichsführer SS und stieß
Nimbus strahlte bei seinem Oberbefehls- seiner damaligen Privatsekretärin Hedwig ihn aus der NSDAP aus.
haber dennoch hell genug, dass Hitler ihn Potthast hatte. Die beiden hatten zwei Kin- Auch Admiral Dönitz als Hitlers Nach-
nach dem Attentat vom 20. Juli zum Be- der. Die Besuche bei seiner Geliebten, deut- folger mochte mit Himmler nichts mehr
fehlshaber des Ersatzheeres ernannte und lich öfter als bei seiner Familie, erscheinen zu tun haben und entließ ihn am 6. Mai
ihm damit die Gesamtrekrutierung neuer im Dienstkalender nur mit kryptisch-ver- 1945 aus allen Ämtern. Der einst zweit-
Soldaten übertrug. drucksten Vermerken wie »unterwegs«. mächtigste Mann des NS-Regimes und
Tatsächlich war Himmlers militärische Die Herausgeber schildern Himmler als einer der größten Massenverbrecher des
Kompetenz gering. Seine Berufung als einen »intriganten, kleinlichen, pedanti- 20. Jahrhunderts hielt es noch ein paar
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weich- schen, nachtragenden, schulmeisterhaften, Tage in Flensburg aus. Dann versuchte er,
sel Ende Januar 1945 endete im Desaster. verbissenen und mitunter skurrilen Büro- mit gefälschten Ausweispapieren nach
Hitler beschuldigte ihn, für die schwere Nie- kraten«. Aber er war auch ein erfolgrei- Süddeutschland zu fliehen. Im Raum Lü-
derlage der deutschen Truppen in Pommern cher Organisator der SS, der im NS-Herr- neburg fiel er dem britischen Militär in die
verantwortlich zu sein, und berief ihn Mitte schaftssystem geschickt agierte und seinen Hände; am 23. Mai 1945 nahm sich Himm-
März von seinem Posten ab. Machtbereich stetig vergrößerte. Sein Fix- ler mit einer Giftkapsel das Leben.
Privates taucht im Dienstkalender nur punkt war Adolf Hitler, dem er seine Kar-
schemenhaft auf. Gelegentlich schaute sich riere verdankte und dessen rassistische Michael Wildt, 65, zählt zu den führenden
Himmler Spielfilme an. Der Dienstkalen- und antisemitische Weltanschauung er deutschen Holocaust-Experten. Er ist Pro-
der vermerkt am 16. Oktober 1943 einen bedingungslos teilte. fessor am Institut für Geschichtswissenschaf-
gemeinsamen Filmabend in der »Wolfs- Himmlers Fall ging mit seinem Irrglau- ten der Berliner Humboldt-Universität.
schanze« mit Hitler sowie Wilhelm Keitel, ben in den letzten Kriegswochen einher, er

55
Reporter
Geheimnisse
Kann ein Gespräch über
Aale, Herr Svensson ...
SPIEGEL: … in diesen Krisenzeiten fast
ein Verbrechen sein?
Svensson: »Weil es ein Schweigen über
so viele Untaten einschließt«, wie
Brecht schrieb? Nein, im Gegenteil:
Wissenschaftler glauben, dass die Zahl
der in Europa ankommenden Glasaale
seit den Siebzigern um mehr als 90 Pro-
zent zurückgegangen sei. Es wäre ein
Verbrechen, nicht über Aale zu reden.
SPIEGEL: Zumal wir dem Aal viel
verdanken, die Psychoanalyse beispiels-
weise.
Svensson: Tatsächlich beschäftigte sich
Sigmund Freud für seine erste wissen-
schaftliche Arbeit mit der Frage, wie
Aale sich fortpflanzen. So suchte er in
Triest nach den Geschlechtsorganen
des Aals. Und fand keine. 400 sezierte
Aale und keine Spur eines Penis.
SPIEGEL: Eine traumatisierende Erfah-
rung vermutlich?
Svensson: Jedenfalls ein reizvoller
Gedanke: Freud, der unser Denken
über die Sexualität des Menschen defi-
nieren sollte, begann seine Laufbahn
mit dem Studium der Sexualität eines
Familienalbum Eigentlich wollten die Japaner bei Fisches.
unserer ersten Tournee in ihrem Land SPIEGEL: Die Geschichte des Penisneids
Schuld, kein christliches Werk sehen. Etwa ein müsste also umgeschrieben werden?
halbes Jahr zuvor war ich durch Japan Svensson: Ebenso wie die des Kastra-
1986 gereist, um mir die Bühnen anzusehen. tionskomplexes.
In Hiroshima besuchte ich das Frie- SPIEGEL: Woher rührt das windige
John Neumeier, 81: densmuseum und muss dabei einen Image des Aals?
Das Foto ist am 16. Februar 1986 ent- ähnlich ergriffenen Gesichtsausdruck Svensson: Viele finden ihn unan-
standen, an diesem Tag gab ich die gehabt haben, denn Frau Eto, die mich genehm, ja »unheimlich« im freudschen
wichtigste Vorstellung meines Lebens. nach Japan eingeladen hatte, sagte: Sinne. Schlangenartig, schleimig, im
»Matthäus-Passion« in Hiroshima: ein Führen Sie doch die »Matthäus-Pas- Dunklen und Trüben zu Hause. Sie ken-
Ballett über Schuld, erlösende Liebe sion« auf, wenn Sie wollen. Als ich am nen die Szene aus Günter Grass’ Roman
und Vergebung, zur Musik von 16. Februar dann in dieser Stadt Jesus »Die Blechtrommel«, die mit dem
Johann Sebastian Bach. Dieses Foto tanzte, verspürte ich zwar keine Er- Pferdekopf? Der Aal erinnert uns an das
erzählt, wie es dazu kam. Wir sind im lösung, aber das Gefühl, der Tanz Verborgene und an das Unerwünschte.
T. BUNNEY / CORBIS / GETTY IMAGES

Friedenspark von Hiroshima, das könnte auch etwas Politisches, etwas SPIEGEL: Hat Ihr Buch über Aale Sie
gesamte Ensemble des Hamburg Bal- Humanes kommunizieren. Das Publi- therapiert?
letts hat einen Kranz niedergelegt zum kum verstand alles. Ich war 46 Jahre Svensson: Das Faszinosum ist immer
Gedenken an die Opfer des Atombom- alt, ein Wendejahr in meinem Leben. noch da. Es gibt noch so viele Geheimnis-
benangriffs vom 6. August 1945. Es Wenige Wochen nach unserer se um den Aal, so viele offene Fra-
hat geregnet, man sieht Tropfen an Rückkehr aus Japan explodierte der gen. Und wir brauchen das Mys-
meinem Mantel. Ich weiß noch, was Atomreaktor in Tschernobyl. terium, es treibt uns an. Wir
mir durch den Kopf ging: Ich, als Ame- Aufgezeichnet von Timofey Neshitov brauchen den Aal. SMO
rikaner, trage Schuld, eine Kollektiv-
STIFTUNG JOHN NEUMEIER

schuld, die ich nie loswerden kann, ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie
Der schwedische
mit der ich mich aber auseinanderset- uns Ihre Geschichte erzählen möchten? Schriftsteller Patrik
zen kann, ja: muss. Ich bin Künstler, Schreiben Sie an: Svensson, 47, hat den
meine Auseinandersetzung ist Tanz. familienalbum@spiegel.de Bestseller »Das Evangelium
der Aale« veröffentlicht.

56 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Auch die CD »Best of 93«, die Stella Wedell zu Weihnach-
Eine Meldung und ihre Geschichte
ten bekommen hatte, sollte auf eine Kassette übertragen
werden. Die ersten beiden Songs gefielen ihr nicht, sie ließ

Sound der Neunziger sie weg.


Die erste Nummer auf dem Tape wurde »Somebody Dance
With Me (Radio Mix)« von DJ BoBo.
Nummer zwei: »Would I Lie to You?« von Charles & Eddie.
Wie eine Berlinerin nach 25 Jahren ihre Nummer acht: »Oh Carolina« von Shaggy.
verlorene Kassette wiederfand Das letzte Lied, auf der B-Seite: »Mr. Vain« von Culture
Beat.
In jenem Sommer flogen die Wedells mit Stellas Freundin
ie Fotografiska in Stockholm ist eigentlich ein Ort, an Julia und deren Mutter nach Mallorca. Stella Wedell erinnert
D dem man Neues entdecken soll. Für Stella Wedell
wurde das Museum für zeitgenössische Fotografie zu
einem Ort, an dem sie etwas lang Vergessenes wiederfand.
sich an Zitronenkuchen, an nasse Haare, an das kleine Dorf
Valldemossa, an den Weg runter zum Strand. Sie habe ständig
ihren Walkman bei sich getragen, um Musik zu hören, sagt
Das Museum liegt, wie vieles in der schwedischen Hauptstadt, sie. Ein Foto aus dem Urlaub zeigt sie und Julia in der Fe-
direkt am Wasser. Als Wedell im vergangenen Sommer auf rienwohnung: Julia, die sich unter einer Decke verkriecht,
der Durchreise war, schaute sie sich mit ihrer Freundin eine Stella, die mit grimmiger Miene ein Buch liest. Neben ihr, auf
Ausstellung an: »Sea of Artifacts« von Mandy Barker, einer dem Nachttisch, liegen zwei Kassettenhüllen. Eine ist leer.
Künstlerin, die auf die Vermüllung der Ozeane aufmerksam Es habe damals einen Streit gegeben, sagt Stella Wedell,
machen will. Barker zeigt Objekte, die sie im Meer und an weil Julia ihr Mixtape am Strand verloren hatte.
Stränden gefunden hatte. Jahre vergingen. Stella wurde erwachsen, machte erst Abi-
In einer Vitrine entdeckte Wedell eine Musikkassette; die tur und später den Bachelor und den Master, sie vergaß das
Schrauben, die das Plastik zusammenhielten, waren rostig. Mixtape und irgendwann den Mallorca-Urlaub.
Sie las, was die Künstlerin zu dem Die Kassette lag möglicherweise
Ausstellungsstück geschrieben hat- noch eine Weile am Strand herum,
te. Barker habe den Gegenstand vielleicht trieben die Wellen sie
im Jahr 2017 am Strand von Lan- aber auch gleich aufs Meer hinaus,
zarote gefunden, stand dort. Ein von wo sie sich gen Süden bewegte,
Restaurateur habe die Kassette so- niemand weiß das. Denkbar, dass
gar zum Abspielen gebracht. In der das Tape seinen Weg entlang der
Vitrine lag eine Playlist aus, zwei- Mittelmeerküste nahm, sich Ma-
mal zehn Tracks, auf einer A- und rokko näherte, ehe es die Straße
einer B-Seite. Als sie die Playlist von Gibraltar passierte und weiter-
gesehen habe, sagt Wedell, habe getragen wurde, Kurs Südwest, bis
ihr Herz zu rasen begonnen. der Sound der Neunziger irgend-
Wenn man Stella Wedell, 38 Jah- wann an der Küste Lanzarotes
re alt, in einem Berliner Café trifft, strandete.
erzählt sie die Geschichte dieser Plastik verrottet nicht, soweit
MANDY BARKER

Kassette leise, zurückhaltend. Nach man weiß, verändert es sich nur.


dem Besuch im Museum, sagt sie, Welleneinschlag, Sonneneinstrah-
habe sie das Tape zunächst verges- lung und Abrieb am Strand trügen
sen. Irgendwann aber habe sie zu Ausstellungsstück Mixtape dazu bei, dass das Plastik bricht,
Hause in den Schubladen gekramt. Farbe verliert und sich irgendwann
Sie stieß auf eine Original-CD und zu Mikroplastik zersetzt, sagt Me-
auf ein Urlaubsfoto aus dem Jahr lanie Bergmann vom Alfred-Wege-
1994; Erinnerungen an den Som- ner-Institut für Polar- und Meeres-
mer 1994 stiegen auf. Sie schrieb forschung. Möglicherweise könne
der Künstlerin Mandy Barker eine Von der Website Theguardian.com das Jahrhunderte dauern.
Mail. Sie teilte ihr mit, dass die aus- Gut 25 Jahre später wohnt Stella
gestellte Kassette ihre sein könnte. Wedell in einer Mietwohnung in
Über Barker geriet es an die britische Presse. Der »Guardian« Berlin, nahe dem Schlesischen Tor. Natürlich könne sie nicht
berichtete, selbst eine chinesische Internetseite erzählte zu 100 Prozent sicher sein, sagt sie in dem Café, dass Mandy
Stellas Geschichte. Barker genau ihr Mixtape gefunden habe und nun ausstelle.
Alles, sagt Stella Wedell, habe im Sommer 1994 begonnen. Doch die Liste der Lieder ist identisch mit der Abfolge der
Sie war zwölf Jahre alt damals. Im Garten ihrer Eltern wuchs Original-CD, Track eins und zwei fehlen, »Mr. Vain« ist das
ein Apfelbaum, seine Äste trugen Stella, wenn es für sie letzte Lied auf der B-Seite.
gerade nichts zu tun gab. Sie wollte Zahnärztin werden oder Stella Wedell ist dann doch nicht Zahnärztin oder Innen-
Innenausstatterin, sagt sie heute, aber die Zukunft war in je- ausstatterin geworden, sondern Sozialarbeiterin an einer Ber-
nem Sommer noch weit weg. Auf dem Apfelbaum las sie das liner Grundschule. Mit den Schülern und Schülerinnen nimmt
»Lustige Taschenbuch« und rief »Hol mich doch«, wenn ihre sie Rapsongs auf, die »Chillsong« oder »Chill Club Rap«
Mutter sie zum Essen bat. Drinnen, im Haus, saß sie manch- heißen. Manchmal, sagt sie, bekomme sie Lust auf die Lieder
mal stundenlang vor der Stereoanlage, um Musik auf Kas- von damals. Dann höre sie »Would I Lie to You?« von
setten für ihren Walkman zu überspielen. Kam die Musik Charles & Eddie, noch immer auf der Original-CD.
von der CD, war es wie eine Matheübung: Die Kassetten Die Künstlerin solle das Tape behalten, sagt sie, sie brauche
reichten für 90 Minuten, 45 Minuten auf jeder Seite. Welche es nicht zurück. Ihren Walkman benutzt sie schon lange nicht
Songs musste man zusammenstellen, um das Mixtape opti- mehr. Und Julia hat sie längst aus den Augen verloren.
mal zu nutzen? Yannick Ramsel

57
»Home of
Wahnsinn«

MIS / IMAGO

Seuchenherde Der Wintersportort Ischgl in Tirol war bis vor Kurzem ein Hotspot
der Partygesellschaft. Seitdem Urlauber das Virus von dort aus über Europa verteilten,
steht Ischgl für Unvermögen, Skrupellosigkeit und Gier.

58 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

schgl in Tirol ist ein Bergdorf im Paz- Sieg der Bayern in Hoffenheim diskutie- Meldungen aus China kamen, ist es seine

I nauntal auf 1377 Meter Höhe. Es


gibt hier eine Pfarrkirche und eine
Totenkapelle, rund 1600 Einwohner
und 11 800 Gästebetten, 239 Kilometer
ren, weil einige Bayern-Fans Hoffenheims
Mäzen Dietmar Hopp als »Hurensohn«
beschimpft haben und die Begegnung vor
dem Abbruch gestanden hatte.
Aufgabe, die Ausbreitung der Seuche zu
verhindern. Jeden Tag hält Gudnason in
Reykjavík eine Pressekonferenz ab. Sie
wird live im Fernsehen übertragen.
Skipisten, 1000 Schneekanonen, 45 Lift- Es ist eng und laut. Der DJ spielt »Hey, Damit alle EU-Länder so früh wie mög-
anlagen. Es gibt die Disco »Kuhstall« und wir woll’n die Eisbärn sehn« von den lich auf die Verbreitung von ansteckenden
die Après-Ski-Bar »Kitzloch«. In Ischgl Puhdys. Cormack hat das Lied inzwischen Krankheiten hingewiesen werden, wurde
kann man Ski fahren und bei Jägermeis- so oft gehört, dass er es mitsingen kann. 1998 das Frühwarnsystem EWRS (Early
ter-Red Bull die Nacht durchfeiern. Ischgl Ischgl sei ein »ehrlicher Deal«, sagt er, man Warning and Response System) eingerich-
ist eine Marke wie Ibiza, Sylt oder das Ok- wisse, was man hier bekomme. tet. Gudnason leitet die isländischen Co-
toberfest. Millionen Touristen treffen sich An diesem Samstag landet auf dem is- rona-Fälle an seine europäischen Kollegen
hier jedes Jahr. Sie kommen aus Dublin, ländischen Flughafen Keflavík eine Ma- weiter.
Reykjavík, Kopenhagen und Helsinki, aus schine der Icelandair. Flug FI533 ist in Der Fernsehsender CNN meldet den
Bayern, Hamburg und Neuss. Die Touris- München gestartet, unter den Passagieren ersten Corona-Toten der USA. Irland
musindustrie im Tal setzt im Jahr 250 Mil- sind auch isländische Touristen, die in hat den ersten Infizierten, Österreich 14,
lionen Euro um. Ischgl waren. Seit bekannt wurde, dass Deutschland 130.
Dass die halbe Welt nach Ischgl reist, sich der Italienrückkehrer mit dem neu-
hat den Ort verändert. Doch in den ver- artigen Coronavirus infiziert hat, gilt in Is- Montag, 2. März
gangenen Wochen hat vor allem Ischgl die land der nationale Notstand. Eine unkon- Die Weltgesundheitsorganisation WHO
Welt verändert. In nur 14 Tagen hat sich trollierte Epidemie hätte auf der kleinen gibt bekannt, dass weltweit schon mehr
der Ort in Österreich zu einer europäi- Atlantikinsel katastrophale Folgen. als 3000 Menschen durch Corona gestor-
schen Drehscheibe des Coronavirus ent- ben sind. In Ischgl geht der Betrieb weiter.
wickelt. Die Männer, die aus einem Bergbauern-
Wie das geschehen konnte, zeigen die dorf das »Ibiza der Alpen« machten, wa-
Einsicht in vertrauliche Dokumente, Ge- ren Wirte, Skilehrer oder Volksschuldirek-
spräche mit Verantwortlichen von Ischgl toren – bodenständig, gläubig und aus-
bis Island und die Geschichten von Tou- gestattet mit bäuerlichem Erwerbssinn.
risten, die hier von ihren Tagen in Ischgl Die Nachfahren der Gründerfamilien
erzählen. Parth, Kurz, Zangerl und Aloys entschei-
den heute über die Zukunft des Ortes.
LOIS HECHENBLAIKNER
Samstag, 29. Februar Günther Aloys, der Sohn des Lift-Pioniers
Am Dubliner Flughafen wartet Ryanair- Erwin Aloys, besitzt das luxuriöse De-
Flug FR2412 nach Memmingen auf die signhotel »Madlein« und das »Elizabeth
Starterlaubnis. An Bord der Maschine sitzt Arthotel«. Er holte Bob Dylan für ein Kon-
John Cormack mit vier Freunden, sie freu- zert und gewann Paris Hilton als Werbe-
en sich auf ihren jährlichen Männerurlaub. Partyszene aus Ischgl trägerin für seinen Dosenprosecco. Vor ein
Cormack kommt aus Cork, seine Freunde »Super Après-Ski« paar Jahren ließ er 400 Kühe mit Motiven
aus Nachbarstädten im Südwesten Irlands. von Warhol und Picasso bemalen – ein
Mit dem Mietwagen wollen sie von Mem- Projekt, das am Ende nicht am Geld, son-
mingen aus weiter nach Ischgl fahren. Nach der Ankunft meldet sich einer der dern am Fell der Tiere scheiterte.
Cormack ist 56 Jahre alt, er hat vier er- Ischgl-Rückkehrer mit Symptomen. Er Am Silvrettaplatz, im Zentrum Ischgls,
wachsene Söhne. Skifahren hat er Anfang wird getestet und gebeten, sich in Quaran- steht in diesen Tagen eine meterhohe Ski-
der Neunzigerjahre gelernt. Es ist sein täne zu begeben. Über die Passagierliste brille, auf deren Glasvisier vier Worte ge-
sechster Besuch in Ischgl. Was er an dem werden die Reisenden ermittelt, die in sei- klebt worden sind: »Relax. If you can ...«
Tiroler Ferienort schätzt? »Schneesicher- ner Nähe saßen, man testet sie und fordert
heit, eine tolle Pistenauswahl und super auch sie auf, zu Hause zu bleiben. Dienstag, 3. März
Après-Ski.« Die Deutsche Presse-Agentur dpa mel- Der amerikanische Sender CNBC berich-
Als Ryanair-Flug FR2412 abhebt, ist in det an diesem Tag: »Behörden rüsten sich tet, dass die Sterberate des neuen Virus
Irland kein einziger Corona-Fall bekannt. weltweit«, die österreichische »Kronenzei- laut WHO weltweit 3,4 Prozent betrage.
Österreich meldet 5 Infizierte, 2 aus Ti- tung« hat die Schlagzeile »Corona-Alarm: Sie sei höher als bisher angenommen.
rol, Deutschland 57. Dänemark weiß von Vier Kindergartenkinder infiziert«. John Cormack und seine vier Freunde
2 Infizierten, Schweden von 12, Norwegen kämpfen sich in Ischgl durch die Bars
von 6. In Island wurde am Vortag der erste Sonntag, 1. März und singen Schlager mit, deren Texte sie
Corona-Fall bestätigt, ein Urlauber, der Erneut landet ein Flugzeug aus München nicht verstehen. Torolfur Gudnason mel-
aus Italien zurückgekehrt war. in Island, wieder sind Ischgl-Urlauber un- det über das Frühwarnsystem EWRS,
Als Cormack und seine Freunde Ischgl ter den Passagieren. Wieder werden einige dass es in Island inzwischen 16 Corona-
erreichen, checken sie ein, ziehen sich um getestet. Island hat inzwischen drei Infi- Fälle gibt. Alle 16 haben sich in Skigebie-
und gehen in »Nikis Stadl«, eine der Bars zierte, alle waren in Skigebieten in den ita- ten infiziert: im italienischen Trentino,
an der Dorfstraße, Ischgls Feiermeile. lienischen Alpen. aber auch in Österreich.
Um 15 Uhr beginnt hier jeden Tag der Torolfur Gudnason, Islands Chef-Epide-
Après-Spaß, viele Gäste kommen direkt miologe, vermutet inzwischen, dass auch Mittwoch, 4. März
von der Piste, die meisten haben oben auf Österreich ein Hotspot sein könnte. Italien ordnet die Schließung aller Schulen
den Hütten schon getrunken. Gudnason ist 66 Jahre alt, studierter und Universitäten an. Deutschland meldet
Cormack und seine Freunde kämpfen Kinderarzt und Infektiologe, der Fußball den 262. Corona-Kranken. In Reykjavík
sich durch die Menge an die Bar. Vorbei liebt und Bass in einer Band spielt. Seit- bekommt Gudnason die Testergebnisse
an deutschen Urlaubern, die über den 6:0- dem Anfang Januar die ersten Corona- der Touristen aus der München-Maschine.

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Gudnason schreibt zwei Nachrichten ins den Hotels kontaktieren, in denen die Is-
EWRS-System, in denen er das sogenannte länder übernachtet haben, bereitet man
Cluster Ischgl benennt. Die eine Nachricht sich dort wie im restlichen Paznauntal an
geht an alle Mitglieder, die zweite direkt diesem Morgen auf ein weiteres Party-
an die österreichischen Behörden. In Is- wochenende vor.
land, schreibt er um 23.55 Uhr, gebe es mitt- Die Gesundheitsexperten regen an,
lerweile 26 Corona-Fälle, von denen 8 auf beim Servicepersonal der Hotels mit
Ischgl zurückzuführen seien. Schon einen Corona-Tests zu beginnen, ebenso bei
Tag später wird ihre Zahl auf 14 steigen, den Angestellten der Après-Ski-Lokale.
am Ende werden es 21 isländische Urlauber Der Tiroler Infektionsmediziner Robert
sein, die sich in Ischgl angesteckt haben. Zangerle sagt: »Après-Ski ist eine Viren-
In seiner Pressekonferenz erklärt Gud- schleuder.«
nason Ischgl zum Hochrisikogebiet. Auch Südtirol, auf der italienischen Al-
Mit der Nachricht an das europäische Irischer Tourist Cormack (r.) penseite gelegen, wird vom Gesundheits-
Frühwarnsystem ist auch das Robert Koch- »Ein ehrlicher Deal« ministerium nun als »potenziell gesund-
Institut (RKI) in Berlin informiert. Die heitsgefährdend« eingestuft. Nachdem der
Deutschen stellen unter den Urlaubsgästen Tiroler Landeshauptmann Günther Platter
in Tirol die größte Gruppe. Betrieb eingrenzen. Ischgl ist eine Brut- für seine Skigebiete einen Rufschaden be-
Auf der Website des RKI findet sich kein stätte, das Geschäft einer ganzen Saison fürchtet und Zweifel äußert, korrigiert die
Hinweis, keine Warnung, nichts. in Gefahr. Abreisende Touristen – wie die Bundesregierung ihre Einschätzung – und
21 Isländer – bringen das Virus von Ischgl hebt die Risikowarnung auf.
Donnerstag, 5. März aus in ihre Heimatländer.
Um 0.32 Uhr setzt das Sozialministerium Die Tragweite der Nachrichten aus Is- Samstag, 7. März
in Wien die Tiroler Gesundheitsbehörde land wird in Österreich offenbar nicht ver- Am Samstag ist Bettenwechsel in Ischgl.
über die Mail aus Reykjavík in Kenntnis. standen. In Innsbruck erklärt Landessani- Tausende Urlauber reisen ab, Tausende
Bernhard Benka, Allgemeinmediziner tätsdirektor Franz Katzgraber an diesem Urlauber reisen an.
und im Sozialministerium Leiter der Ab- Donnerstag, die isländischen Touristen An diesem Morgen fährt die erste Gon-
teilung Übertragbare Erkrankungen, Kri- hätten sich vermutlich bei einem mitrei- del um 8.30 Uhr bergwärts. 3440 Passa-
senmanagement und Seuchenbekämp- senden, in Italien infizierten Passagier an- giere pro Stunde kann die Seilbahn hinauf
fung, ist derzeit der wichtigste Mitarbeiter gesteckt. Es erscheine »aus medizinischer in die Silvretta Arena transportieren. Das
des grünen Gesundheitsministers Rudolf Sicht wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol Liftgeschäft ist mit einem Jahresumsatz
Anschober. Er reagiert sofort. zu Ansteckungen gekommen ist«. von gut 80 Millionen Euro das größte
Von Benkas Einschätzung hängt viel ab. John Cormack bekommt eine Whats- Schwungrad für den Tourismus im Paz-
Pro Gästebett werden in Ischgl mindestens App-Nachricht von seiner Frau. Sie habe nauntal. Vertreter der alteingesessenen
11 000 Euro im Jahr umgesetzt, 83 Prozent gelesen, dass Ischgl als Hochrisikogebiet Ischgler Familien sitzen im Aufsichtsrat
des Geschäfts entfallen auf die Wintersai- gelte, zumindest in Island. der Silvrettaseilbahn AG, darunter Werner
son. Der März ist traditionell der stärkste Cormack und seine vier Freunde schal- Kurz, der Bürgermeister von Ischgl.
Monat. Im gesamten Winter 2018/19 hatte ten BBC World News ein. Es geht um fal- Viele der Verantwortlichen im Tiroler
Ischgl 1,41 Millionen Übernachtungen ge- lende Aktienkurse und um Italien. Von ei- Tourismus sind Mitglieder der konservati-
meldet, allein von November 2019 bis Ja- ner Gefahr für Tirol ist nicht die Rede. ven ÖVP, der Partei von Bundeskanzler
nuar 2020 waren die Zahlen noch einmal Weil auch im Dorf kaum jemand über Kurz. Die »Tiroler Adler Runde«, ein Zu-
um 3,4 Prozent gestiegen. die Einschätzung der Isländer redet, gehen sammenschluss von 49 Unternehmern,
Benkas Leute telefonieren herum und sie am Abend ins »Kitzloch«. Eine Gruppe spendet an die ÖVP und verbindet diese
melden sich in Reykjavík per Mail: »Liebe Norweger ordert Kurze, ein Trupp däni- Unterstützung mit politischen Forderun-
Kollegen, gibt es weiterführende Informa- scher Touristen macht es ihnen nach, Kell- gen. Noch am 18. Februar traf sich Kurz
tionen betreffend die Patienten aus Ischgl? ner bahnen sich mit Trillerpfeifen einen mit Vertretern dieser Runde im Innsbru-
Wann setzten die Symptome ein, von Weg durch die Menge. cker Grandhotel »Europa« zu einer dis-
wann bis wann haben sie wo gewohnt? Bundeskanzler Sebastian Kurz wird kreten Besprechung.
Gab es besondere Kontakte mit jeman- sich später in einem Fernsehinterview er- John Cormack und seine Freunde rei-
dem?« innern, dass er bereits Anfang März »von sen an diesem Samstag nach Irland zu-
Noch am selben Tag übermitteln die einigen ausländischen Regierungschefs au- rück. Am Sonntag besucht Cormack mit
Isländer die Namen der Hotels an das So- ßerhalb Europas gewarnt wurde«. Er habe seinen Söhnen ein Hurling-Spiel, ein
zialministerium in Wien. daraufhin in Österreich »viel Druck darauf Sport, der dem Hockey nicht unähnlich
Um 16.51 Uhr bekommt Dietmar Wal- gemacht«, dass man »harte Maßnahmen« ist. Einer seiner Freunde fühlt sich
ser, Geschäftsführer des Tourismusver- setze. schlecht und wird getestet. Auch die an-
bands Paznaun-Ischgl, eine Mail von einer Infizierte in Österreich: 41. Infizierte in deren aus der Ischgl-Gruppe lassen sich
leitenden Mitarbeiterin aus dem Team von Deutschland: 482. Das »Handelsblatt« daraufhin testen. Nach einer knappen
Gudnason in Reykjavík. »14 Fälle in Island schreibt: »Drohende Rezession: Große Ko- Woche haben sie das Ergebnis: Alle fünf
mit erst kurz zurückliegenden Reisen nach alition arbeitet an einem Krisenpapier«. haben sich in Ischgl mit dem neuartigen
Ischgl sind bestätigt.« Und sie macht eine Coronavirus angesteckt.
wichtige Ergänzung: Die Betroffenen »wa- Freitag, 6. März Nicola Giesen reist an diesem 7. März
ren nicht Teil einer einzigen Gruppe, sie Auf ihrer Website vermeldet die Boulevard- mit ihrem Mann Thomas in Ischgl an. Sie
wohnten in fünf verschiedenen Hotels und zeitung »Österreich«, die Spur der erkrank- kommen aus Neuss, 50 Kilometer von
hatten unseres Wissens keinen Kontakt ten Isländer führe nach Ischgl. Die Über- Heinsberg entfernt, seit ein paar Tagen der
untereinander«. schrift des Artikels: »Geheim gehalten«. Corona-Hotspot Deutschlands. Sie haben
Das Virus ist in Ischgl – und es lässt sich Die Meldung bleibt weitgehend unbe- sich 30 Jahre zuvor im Skiurlaub kennen-
nicht auf eine Bar, auf ein Hotel, auf einen achtet. Während die Gesundheitsbehör- gelernt, ihre beiden Kinder sind inzwi-

60 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

schen aus dem Haus. Die Giesens wollen ßen Wellnessbereich, die Gäste können im Zangerl eine SMS ein. Ihr Text lautet, un-
raus aus der Corona-Panik. »Kitzloch« Austern bestellen oder eine korrigiert, so: »Sperr Dein Kitz Bar zu –
Nicola Giesen hat im Internet recher- Mischung aus Jägermeister und Red Bull, oder willst Du schuld am Ende der Saison
chiert, auf welchen Hütten man gut essen »Hirsch« genannt. in Ischgl u eventuell Tirol sein«?
kann. Von einer Corona-Gefahr in Ischgl Nachdem bekannt geworden ist, dass der Abgeschickt wurde sie von Franz Hörl.
hat sie nichts gelesen. Barkeeper mit dem Virus infiziert ist, lässt Hörl sitzt für die ÖVP im Nationalrat, in
Außer den Giesens treffen zahlreiche man das Lokal desinfizieren. In Deutsch- Tirol ist er Chef des Wirtschaftsbundes,
weitere Deutsche in Ischgl ein, darunter land gibt es an diesem Sonntag 1000 Co- Vize der Wirtschaftskammer und außer-
200 Kurzurlauber, die sich in sechs Bussen rona-Infizierte. Bundesgesundheitsminis- dem Sprecher der Seilbahnbetreiber.
aus der Gegend um Aalen in Schwaben ter Jens Spahn fordert dazu auf, Groß- Offenbar fürchtet Hörl, dass die Nach-
Richtung Tirol auf den Weg gemacht haben. veranstaltungen mit mehr als tausend richten aus dem »Kitzloch« das Geschäft
Elf Tage später werden allein im schwäbi- Teilnehmern abzusagen. Das »Kitzloch« ruinieren könnten.
schen Ostalbkreis rund um Aalen 109 In- ist an diesem Abend voll wie immer. »Som Wenig später schickt er eine zweite SMS
fizierte registriert. sild i en tØnde«, habe man im »Kitzloch« an Zangerl: »Das ganze Land schaut auf
Während die Touristen feiern, im »Kuh- gestanden, sagen dänische Besucher, »wie Euer Lokal – wenn eine Kamera den be-
stall«, in der »Champagnerhütte«, in der Heringe im Fass«. trieb sieht stehen wir Tiroler da wie ein
»Schatzi-Bar«, meldet die Austria Presse Die Lombardei meldet 103 Tote, allein Hottentotten Staat.«
Agentur (Apa) um 22.31 Uhr unter Beru- für diesen Sonntag. Hörl besitzt ebenfalls ein Hotel. Was er
fung auf die Tiroler Sanitätsdirektion, ein nicht weiß: Auch sein Personal ist infiziert.
36 Jahre alter Norweger, der in Ischgl ge- Montag, 9. März Peter Zangerl, der Besitzer des »Kitz-
arbeitet hat, sei positiv auf das Virus ge- Österreich meldet 131 Infizierte, Deutsch- lochs«, verfasst eine Antwort. Sämtliche
testet und »umgehend isoliert« worden. land die ersten beiden Corona-Toten. Der Entscheidungen habe er mit »Gesundheits-
Virologe Christian Drosten sagt auf der behörde, Amtsarzt, Exekutive etc.« abge-
Sonntag, 8. März Bundespressekonferenz: »Das ist eine ab- stimmt.
Norwegen gibt an, dass von 1198 Infektio- solut ernste Situation.« Um 18.59 Uhr meldet Apa, dass Zan-
nen mit dem Coronavirus fast 500 auf Bei der Landessanitätsdirektion Tirol gerls »Kitzloch« vom Land Tirol behörd-
Österreich zurückzuführen seien. Die geht am Morgen eine dringende Warnung lich gesperrt worden sei, »im Einverneh-
meisten Patienten waren im Paznauntal aus Norwegen vor dem Gefahrenherd men mit dem Betreiber«.
gewesen. Auch die norwegische Gesund- Ischgl ein. Auch in Finnland und in Schwe-
heitsbehörde FHI übermittelt nun eine den gilt Tirol jetzt als Hochrisikogebiet. Dienstag, 10. März
Warnung ans Europäische Zentrum für die Fünf Tage nach den Meldungen aus In Rom wird der Petersplatz gesperrt. In
Prävention und die Kontrolle von Krank- Island sieht sich die Tiroler Landesregie- einem Videoappell fordert der Papst die
heiten (ECDC) mit Sitz im schwedischen rung zu einem Eingeständnis genötigt. Auf- Gläubigen in aller Welt auf, für die Pries-
Solna. In Dänemark überlegt man noch. grund der Erkrankung des »Kitzloch«-Bar- ter zu bitten, die den Erkrankten Kraft
Drei Tage dauert es, dann wissen auch die keepers könne es »nicht ausgeschlossen und das Wort Gottes brächten.
Dänen, dass Ischgl direkt oder auf Um- werden, dass es eine Verbindung zu einem In Kopenhagen verkündet die dänische
wegen verantwortlich ist für mehr als die Teil der in Island positiv getesteten Perso- Ministerpräsidentin Mette Frederiksen,
Hälfte der 262 dänischen Infizierten. nen gibt«. die österreichische Skiregion Ischgl werde
Nicola Giesen und ihr Mann fahren an Nicola Giesen und ihr Mann sitzen beim auf die Rote Liste gesetzt, zusammen
diesem Sonntag die große Schmugglerrun- Mittagessen auf einer Hütte, als sich unter mit der chinesischen Provinz Hubei, Iran
de, essen Schlutzkrapfen und Kässpätzle, den Gästen herumspricht, dass das »Kitz- und der Provinz Gyeongsangbuk-do in
von halb fünf bis halb neun machen sie loch« geschlossen werden soll. Südkorea.
Après-Ski, sie trinken Grauburgunder und Um 15.53 Uhr wird gemeldet, der infi- In Innsbruck sagt Landeshauptmann
Grünen Veltliner. zierte Barmann habe mindestens 15 Per- Günther Platter am späten Nachmittag:
Um 18.03 Uhr meldet Apa, bei dem am sonen angesteckt. »Man sieht also ganz eindeutig, wenn
Vortag positiv getesteten Mann handele Um 16.04 Uhr wünscht die »Schatzi- man sich die Verdachtsfälle, aber auch
es sich um einen Barkeeper aus dem »Kitz- Bar« ihren Gästen auf Facebook »a sexy, die Infizierungen anschaut, Hotspot ist
loch«. Eine Übertragung des Coronavirus new week«. hier Ischgl.«
auf Gäste der Bar sei »aus medizinischer Um 16.32 Uhr geht auf dem Smart- Fast eine Woche ist seit den ersten War-
Sicht eher unwahrscheinlich«, teilt darauf- phone des »Kitzloch«-Betreibers Peter nungen aus Reykjavík vergangen. Der Be-
hin die Landessanitätsdirektion mit: »Für zirkshauptmann in Landeck, sagt Platter,
alle BesucherInnen, die im besagten Zeit- werde »Verordnungen erlassen, dass alle
raum in der Bar waren und keine Sympto- Après-Ski-Lokale in Ischgl gesperrt wer-
me aufweisen, ist keine weitere medizini- den«. Und Sanitätsdirektor Katzgraber,
sche Abklärung nötig.« der es noch am Donnerstag aus medizini-
Das »Kitzloch« liegt unweit der Talsta- scher Sicht als »wenig wahrscheinlich«
tion der Pardatschgratbahn. Die Fenster- bezeichnet hatte, dass sich die isländi-
läden sind rot-weiß gestrichen, das Inte- schen Urlauber in Ischgl infiziert haben
rieur ist rustikal. Das Tomahawk-Steak für sollen, sagt: Wer den Abend in dicht
zwei Personen kostet 89 Euro. gedrängtem Milieu verbringe, »mehr oder
Das »Kitzloch« gehört, wie die Disko- weniger alkoholmäßig angeheitert«, der
thek »Kuhstall« (Eigenwerbung: »Home lebe halt gefährlich.
of Wahnsinn«), zum Imperium der Hote- In der Nachbargemeinde St. Christoph
lierfamilie Zangerl. Peter Zangerl führt das sitzen unterdessen 130 Sportärzte bei ei-
1930 eröffnete Hotel »Silvretta« in dritter Urlauberin Giesen nem Kongress zusammen. Nach dem Ab-
Generation. Es gibt dort ein Gourmetres- Von einer Gefahr nichts gelesen bruch der Veranstaltung entscheidet eine
taurant und einen 1200 Quadratmeter gro- Mehrheit, noch zum Skifahren und Feiern

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zu bleiben. Tage später sind mindestens hörden, sechs Tage nach den Norwegern,
neun Ärzte mit dem Virus infiziert. drei Tage später als die Dänen. Auf Nach-
frage des SPIEGEL, warum das RKI bis
Mittwoch, 11. März zum 13. März gewartet habe, antwortet
Die WHO gibt bekannt, dass es sich bei die Sprecherin: »Wir haben wegen der ak-
Corona um eine Pandemie handele. Prä- tuellen Situation derzeit keine Ressourcen
sident Donald Trump verkündet einen Ein- für historische Recherchen.«
reisestopp für Europäer. Deutschland hat Durch den Saisonabbruch werde man

LOIS HECHENBLAIKNER
jetzt 1900 Infizierte, Österreich 246. In Ir- 380 000 Übernachtungen weniger haben
land gibt es den ersten Corona-Toten. als geplant, heißt es beim Ischgler Touris-
In Ischgl hört Nicola Giesen am Nachmit- musverband. Alexander von der Thannen,
tag, dass weitere Après-Ski-Bars geschlos- der Obmann, schätzt die Gewinneinbußen
sen werden sollen. Die Giesens beschließen, auf 20 bis 25 Prozent.
den Urlaub trotzdem nicht abzubrechen. Seilbahnbetreiber-Sprecher Hörl Donald Trump ruft für die USA den na-
Sie macht mit ihrem Smartphone ein Foto »Sperr Dein Kitz Bar zu« tionalen Notstand aus.
von der Dorfstraße. Die Menschen drän- Die Seilbahnen und Lifte in Ischgl fahren
gen sich dort. nicht mehr. Die Bars und Restaurants sind
Auch an diesem Mittwoch läuft der Be- dass am nächsten Tag 150 000 neue Gäste geschlossen. Das Ischgl Closing mit Eros
trieb weiter. Am Nachmittag verkündet nach Tirol strömten. Ramazotti auf der Idalpe ist abgesagt.
Landeshauptmann Platter in Innsbruck, Neben Platter steht Franz Hörl. Er erle- Ischgl liegt wie ein stillgelegter Erlebnis-
dass der Skibetrieb in Ischgl vom kommen- be »den gravierendsten Eingriff überhaupt park im Tiroler Paznauntal.
den Samstag an für zwei Wochen untersagt für die Wirtschaft und für den Tourismus Elf Tage später, am 24. März, erstattet
werde. Stolz sagt er: »Wir sind hier etwas seit dem Zweiten Weltkrieg«, sagt er. Und der österreichische Verein zum Schutz von
früher dran wie andere Bundesländer.« fügt hinzu, dass der gerade verkündete Verbraucherinteressen Strafanzeige, unter
Und Sanitätsdirektor Katzgraber? Aus- Schritt natürlich für viele »derzeit noch anderem gegen das Land Tirol, Landes-
länder, die keine Symptome aufwiesen und unverständlich« sei. »Wir schließen immer- hauptmann Günther Platter, Sanitätslan-
erst nach der Inkubationszeit erkrankten, hin das Land bei vollen Häusern und vol- desrat Franz Katzgraber, die Silvrettaseil-
sagt er, würden das Virus »dann leider Got- len Pisten.« Und das, obwohl zwei Drittel bahn AG sowie gegen weitere Geschäfts-
tes mitbringen – nach Hause«. des Landes »derzeit in keiner Weise« vom führer und Hoteliers. Und gegen Franz
An diesem Mittwoch geht der Skitag in Virus berührt seien. Hörl, den Sprecher der Seilbahnbetreiber.
Ischgl zum ersten Mal ohne Après-Ski zu Als der Bundeskanzler um 14 Uhr in Der Vorwurf: vorsätzliche Herbeiführung
Ende. Restaurants und Lokale haben wei- Wien vor die Presse tritt, sitzt Nicola Giesen einer Gemeingefahr.
terhin geöffnet, auch abends. mit ihrem Mann beim Mittagessen. Die bei- Und noch einen Tag später, am 25. März,
den hören im Radio, wie Kurz die »lieben berichtet der britische »Telegraph«, der IT-
Donnerstag, 12. März Österreicherinnen und Österreicher« über Berater Daren Bland aus Maresfield in East
Der Deutsche Aktienindex Dax verliert verschärfte Maßnahmen in Kenntnis setzt. Sussex habe sich bereits im Januar in Tirol
fast 1300 Punkte. Der Nachrichtensender Für das Tiroler Paznauntal und für die Ge- infiziert. Vom 15. bis zum 19. Januar sei er
n-tv schreibt auf seiner Website: »Es meinde St. Anton am Arlberg hat er eine mit drei Freunden in Ischgl gewesen, zum
herrscht Panik.« Fünf Tote sind es in besondere Nachricht. »Diese Gebiete wer- Skilaufen: Zwei kamen aus Dänemark, der
Deutschland bis zu diesem Donnerstag, den ab sofort isoliert«, sagt Kurz. dritte aus Minnesota, USA. Alle drei zeig-
auf Twitter schreibt der Virologe Drosten: Die Giesens fahren ins Tal. Der Vater ten nach ihrer Rückkehr Corona-Symptome.
»Wir werden uns sehr bald auf den Schutz, ihrer Wirtin rät ihnen, sofort abzureisen, Zu Hause steckte Bland seine Frau und
die Testung und die bevorzugte Kranken- man wisse nicht, wie lange die Grenzen seine Tochter an. Es sei denkbar, so die
hausbehandlung von besonders gefährde- noch offen seien. Er stempelt ihnen ihre Zeitung, dass Bland der erste britische Co-
ten Gruppen fokussieren müssen.« Gästekarte ab, die Giesens müssen sie vor- rona-Fall überhaupt gewesen sei.
In Ischgl wird um eine Entscheidung ge- zeigen, als sie Ischgl verlassen. Auch sie Für Ischgl und den Rest des Tals bedeu-
rungen. Die Seilbahnen laufen. Während werden in Deutschland positiv getestet. tet das vorzeitige Saisonende: 111 Millio-
Andreas Steibl, der Chef des Tourismus- Ganze Reisegruppen irren durch Tirol. nen Euro weniger Umsatz in diesem Win-
verbands, das vorzeitige Ende der Saison Offenbar wird keiner, der Tirol verlässt, ter. Der Schaden für die restliche Welt
zum 15. März ankündigt, sagt der Ischgler auf das Virus getestet. Auf den Straßen he- kann noch nicht beziffert werden. Auf
Hotelier Günther Aloys: »Das ist ja nichts raus aus den Tiroler Skigebieten stauen Twitter gibt es den Hashtag #Ischglgate,
anderes als eine Grippe, die für die aller- sich die Autos, obwohl viele ihre Flüge erst der Ort wird in einer Reihe genannt mit
meisten nicht tödlich ist.« für den nächsten oder übernächsten Tag Wuhan, Heinsberg und Bergamo.
Am Abend trifft sich Landeshauptmann gebucht haben. Bei Wiesberg am Ausgang Stand Infizierte / Tote am 26. März,
Platter mit Vertretern der Tourismusindus- des Paznauntals angekommen, zerstreuen 17.30 Uhr:
trie. Im Tiroler Landhaus, heißt es hinter- sich die Urlauber an diesem Freitagabend Österreich 6398 / 49
her, sollen Platter und der Liftbetreiber- über Europa. Island 802 / 2
Sprecher Hörl sich angeschrien haben – Die Schlagzeilen des Tages: Irland 1564 / 9
was allein Hörl bestreitet. »Quarantänezone Ischgl: ›Es herrscht Dänemark 1997 / 41
totales Chaos‹« Norwegen 3279 / 14
Freitag, 13. März »Ischgl und St. Anton – Bundesheer Italien 74 386 / 7503
In der Säulenhalle des Innsbrucker Land- kommt in Tirol zum Einsatz« Deutschland 41 519 / 239
hauses teilt Landeshauptmann Platter mit, »Über 100 Dänen haben sich in Ischgl Jürgen Dahlkamp, Hauke Goos,
dass er, nach einer Videokonferenz mit angesteckt« Roman Höfner, Felix Hutt, Gunther Latsch,
Bundeskanzler Kurz, »weitreichende Fol- Am Abend stuft auch das Robert Koch- Timo Lehmann, Walter Mayr, Max Polonyi,
gen« für Tirol verkünden müsse: Die Sai- Institut Tirol als Risikogebiet ein – mehr Jonathan Stock
son sei zu Ende, es gelte zu verhindern, als eine Woche nach den isländischen Be-

62 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

Mama, Jones und ich


Ohne dich Sie ist bettlägerig, darf keinen Besuch empfangen und kann Anrufe nicht entgegennehmen:
Deniz Gülpen über ihre Mutter Fatma, die sie im Altersheim nicht mehr besuchen darf.

ls meine Mutter und ich noch zusammenwohnten, Realschule. Mama, Jones und ich, die Zeit verging wie im

A hatten wir einen Hund, sein Name war Indiana


Jones, aber wir riefen ihn einfach Jones. Jones war
ein Collie mit langem Fell, wie Lassie aus der
Flug. Ich zog erst aus, als ich einen Freund hatte, er und
ich fanden Arbeit in Heinsberg, meine Mutter kam nach.
Mein Freund fragte mich um Punkt zwölf der Silvester-
Fernsehserie. Er war schlau, er konnte sogar Türen öffnen. nacht 2004, ob ich seine Frau werden wollte. Wir zogen in
Wenn ich in der Schule war, setzte meine Mutter ihm ein großes Haus. Wir bekamen unsere Tochter Kiana. Mei-
manchmal einen Hut auf, so wie ihn Michael Jackson in ne Mutter lebte fast nebenan. Sie kannte jeden in Heins-
dem Video von »Smooth Criminal« trägt. Dann fotogra- berg. Eine richtige Kaffeetante.
fierte sie ihn und zeigte mir später die Fotos. Sie sagte: Mein Mann starb am 27. Dezember 2015, mit 49 Jahren,
»Schau mal, Deniz, Jones ist aber eine feine Dame.« Wir Bauchspeicheldrüsenkrebs. Drei Jahre lang saß ich auf dem
waren unzertrennlich, meine Mutter und ich. Sofa und trug nur noch Schwarz. Meine Mutter rief mich
In letzter Zeit muss ich an, ich ging nicht ran. Sie
ständig an sie und Jones den- klingelte, aber ich öffnete
ken. Ich sitze beim Frühstück, nicht die Tür. Seit dem Tag,
und dieses Gefühl überfällt als ich vor ihrer Wohnung
mich, es lähmt mich. Es frisst in Aachen stand, waren mei-
mich auf. Ich habe meine ne Mutter und ich immer
Mutter seit Wochen nicht füreinander da gewesen.
mehr gesehen. Draußen ist Aber damals wollte ich nie-
der Himmel blau, und ich manden, der für mich da
sitze da und habe Angst, sein würde.
dass sie stirbt und ich nicht Meine Mutter ist eine
bei ihr sein kann. wunderschöne Frau, früher
Sie ist 71 Jahre alt und lebt sah sie aus wie die amerika-
in einem Pflegeheim hier bei nische Schauspielerin Far-
uns um die Ecke, in Heins- rah Fawcett, nur in Dunkel.
berg. Wir sind der erste Ich erinnere mich, wie
Kreis Deutschlands, in dem die Männer sich nach ihr
Hunderte Menschen unter umdrehten. Während ich
Quarantäne gestellt wurden. um meinen Mann trauerte,
MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL

Ich kann nicht mehr zu ihr merkte ich nicht, wie sie
fahren, es herrscht Besuchs- alterte. Ich war mit mir
verbot. Ich kann sie nicht selbst beschäftigt. Dann
anrufen, sie kann kein Tele- lernte ich meinen neuen
fon bedienen. Die Pfleger Freund kennen, Sascha, er
im Heim leisten fantastische unterstützte mich.
Arbeit, ich will ihnen nicht Es war vorvergangenes
zur Last fallen und ständig Jahr, kurz vor Silvester, ich
anrufen. Gülpen, 50, in ihrer Wohnung in Heinsberg, Nordrhein-Westfalen. hatte sie tagelang nicht
Meine Mutter ist bett- Die Region ist besonders stark von Corona betroffen. erreicht, schließlich fuhren
lägerig. Sie darf nicht in ein wir zu ihr. Sie öffnete nicht.
Krankenhaus, die Betten Die Polizei musste die Tür
sind reserviert für die schlimmen Corona-Fälle. Ich weiß einschlagen. Da lag sie. Hirnblutung. Seitdem wohnt sie
derzeit nicht mal, ob sie Corona hat. Zwei ihrer Heim- im Heim. Anfangs konnte sie nicht sprechen. Sie erkannte
nachbarn sind daran gestorben. Zwei Pfleger sind infiziert. mich nicht mehr. Wir besuchten sie dennoch jeden Tag.
Einmal bin ich hingefahren, ich wollte ihr nahe sein. Doch Dann kam das Virus.
je näher ich kam, desto schlimmer fühlte ich mich. Ich Wir haben jetzt ein Lied über Solidarität in Zeiten von
konnte nicht rein, ich blieb vor dem Haus einfach stehen. Corona geschrieben, so wollen wir helfen. Und uns auch
Meine Eltern sind 1971 aus der Türkei nach Fulda gekom- ablenken, das klappt meist nicht. Als ich meine Mutter das
men. Mein Vater arbeitete in den Gummiwerken, meine letzte Mal sah, habe ich ihr ein Foto von sich gezeigt, als
Mutter trennte sich von ihm und zog allein nach Aachen, junger Frau. Ich fragte: »Mama, wer ist das auf dem Foto?«
da war ich noch ein Kind. Ich blieb bei meinem Vater, ohne Sie, die eigentlich nicht mehr weiß, wer sie ist, sagte »Fat-
Kontakt zu meiner Mutter, viele Jahre lang. Mit 16 Jahren ma«, ihren Namen. Das machte mich glücklich. Es war das
stieg ich in einen Zug und klingelte einfach an ihrer Tür. Letzte, was wir von ihr hörten. Aufgezeichnet von Max Polonyi
Sie erkannte mich erst nicht. Dann sagte sie: »Deniz. So
eine wunderschöne Tochter habe ich.«
Deniz heißt auf Türkisch »das Meer«. ‣ An dieser Stelle berichten Menschen über das Vermissen
Ich zog wenige Monte später zu ihr. 45 Quadratmeter, in Zeiten der Pandemie. Wenn Sie uns Ihre Geschichte
Kochnische, sie arbeitete im Einzelhandel, ich ging zur erzählen möchten, schreiben Sie an: ohnedich@spiegel.de

63
Ihr Plus: alles zu
den relevanten
Fragen der Zeit

In SPIEGEL+ finden Sie exklusive Hintergründe zu den aktuellen Ereignissen, um


die Zusammenhänge schneller einordnen und verstehen zu können. Sie erhalten
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VICTOR LLORENTE / NYT / REDUX / LAIF


Reinigungskraft an New Yorker Börse

»Börsencrashs gehören nun mal dazu«


Geldanlage Finanzexperte Niels Nauhauser über die Vorsorge mit Aktien in Zeiten der Pandemie

Nauhauser, 44, ist seit 2004 bei der SPIEGEL: Was raten Sie jemandem, dessen Ak- SPIEGEL: Haben Sie keine Sorge, dass die
Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. tien unter heftigen Kurseinbrüchen leiden? Krise Dimensionen erreicht, in der alte
Nauhauser: Die Coronakrise sollte kein Aktienweisheiten nicht mehr gelten?
SPIEGEL: Die Coronakrise bringt Wirt- Grund sein, sich komplett aus Aktien zu- Nauhauser: Die Aktienmärkte haben in
schaft und Börsen ins Wanken. Inwiefern rückzuziehen. Zwischenzeitliche Börsen- über hundert Jahren schon einige Krisen
sind deutsche Sparer davon betroffen? crashs gehören bei der Aktienanlage nun erlebt, die menschlich und wirtschaftlich
Nauhauser: Die meisten dürften davon mal dazu. Gerade weil Anleger dieses Risi- wohl noch schlimmer waren als das,
wenig spüren, weil sie kaum Vermögen ko tragen, können sie auf lange Sicht auch was uns durch das Virus bevorsteht. Man
besitzen, und wenn doch, dann liegt das weitaus höhere Erträge erwarten als mit denke nur an die Hyperinflation. Auch
meiste auf Sparbüchern oder Tagesgeld- sicheren Anlagen. Wichtig dabei sind eine diesmal wird sich die Aussage bewähren,
konten – die sind renditeschwach, aber breite Risikostreuung und geringe Kosten. wonach auf lange Sicht nur eine breite
kurzfristig sicher. Auch eine Lebens- oder SPIEGEL: Man sollte also jetzt einsteigen? Risikostreuung über verschiedene Anlage-
Rentenversicherung bietet normalerweise Nauhauser: Es hat handfeste Gründe, wa- klassen die beste Sicherheit bietet. Ob es
eine Zins- oder Beitragsgarantie. Hier rum die Aktien an Wert verloren haben. 5 oder 15 Jahre dauert, bis Aktien wieder
bekommen die Sparer meist mindestens Einige Gesellschaften werden Verluste ma- alte Höchststände erreichen, kann heute
so viel heraus, wie sie eingezahlt haben. chen, andere werden ganz verschwinden. niemand wissen. HEJ

Energie auf Platz fünf der deutschen sparte Innogy samt ihrer stellen auch seine lukrative Heiz-
Stromanbieter katapultiert. Stromkunden und -netze zu stromsparte mit rund 260 000
Kunden vom Möglich wurde das, weil das übernehmen. Dagegen waren Kunden veräußern. In einer
Erzrivalen Bundeskartellamt in dieser diverse Stadtwerke und auch Ausschreibung erhielt Licht-
Woche die Übernahme von Lichtblick Sturm gelaufen. Sie blick den Zuschlag und nun
G Der Hamburger Ökostrom- 260 000 Neukunden geneh- befürchteten eine Beeinträch- auch grünes Licht von den Kar-
anbieter Lichtblick hat die migt hat. Sie stammen aus- tigung des Wettbewerbs und tellbehörden. Der Abschluss
Grenze von einer Million Kun- gerechnet vom Erzrivalen legten Beschwerde ein – mit ist auch ein Erfolg für E.on-Chef
den erreicht und sich damit E.on. Dessen Chef, Johannes Erfolg. Die EU-Wettbewerbs- Teyssen. Er kann nun die seit
hinter Konzernen wie E.on, Teyssen, hatte vor zwei Jahren hüter verhängten Auflagen. So Monaten stockende Integration
EnBW, Vattenfall und EWE versucht, die RWE-Zukunfts- musste E.on neben Stromtank- von Innogy vorantreiben. FDO

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 65


Nord gegen Süd
Staatsschulden Die Gefahr einer neuen Eurokrise wächst, schwache Mitgliedsländer wie
Italien brauchen dringend Hilfe, um den Lockdown finanziell zu überleben. Doch
die Forderung nach Eurobonds stößt auf harten Widerstand – vor allem bei den Deutschen.

66 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

m Montag dieser Woche wollte Belieben neue Kredite besorgen können. nannt werden: Corona-Bonds. Gemeint

A Adrio Pierantoni wissen, was der


Staat für ihn tun kann. Wie fast
alle italienischen Unternehmen,
die nicht gerade Medikamente oder Le-
Doch das funktioniert nur, solange Anle-
ger bereit sind, den betroffenen Ländern
zu vertretbaren Kosten Geld zu leihen.
Italien, aber auch Frankreich, Spanien
ist dasselbe, gemeinsame Anleihen aller
Eurostaaten. Sie haben den Vorteil, dass
sie als sichere Anlagen gelten, weil Staaten
mit gutem Leumund wie Deutschland, die
bensmittel herstellen, musste er seine klei- und Portugal könnten da bald an Grenzen Niederlande oder Österreich für Verpflich-
ne Ladenbaufirma in Fano an der Adria- stoßen. Angesichts der hohen Belastungen, tungen von nicht ganz so soliden Schuld-
küste schließen. Es war die jüngste einer die auf die Länder zukommen, dürften an nern wie Italien oder Griechenland haften.
Reihe von Maßnahmen, die das Corona- den Märkten die Zweifel wachsen, ob sie Genau aus diesem Grund waren die Nord-
virus eindämmen sollen und die Wirtschaft jemals ihre Schulden werden zurückzah- länder immer gegen solche Anleihen. Sie
Italiens endgültig zum Erliegen brachten. len können. Diese Angst gärte an den Fi- wollen nicht geradestehen für Verpflich-
Pierantoni kalkulierte seine fehlenden nanzmärkten schon einmal, nach der Plei- tungen, die andere womöglich leichtfertig
Umsätze, seine ausstehenden Kredite, die te der Bank Lehman Brothers, sie hätte eingehen.
schwierige Lage seiner Mitarbeiter und die Währungsunion fast gesprengt.
Lieferanten – und wählte die Nummer sei- Damals spekulierten die Investoren Die Bundesregierung hat eine Vergemein-
nes Steuerberaters. »Wir wollten einfach gegen hoch verschuldete Staaten wie Grie- schaftung von Staatsschulden selbst auf
mal fragen, mit wie viel Unterstützung wir chenland, was deren Finanzierungskosten dem Höhepunkt der Eurokrise abgelehnt.
rechnen können«, sagt er. Die Antwort in untragbare Höhen trieb. Erst das massi- In der deutschen Öffentlichkeit – und in
kam sofort: Für ihn persönlich könne er ve Eingreifen der Europäischen Zentral- der Koalition – waren schon die Hilfspro-
theoretisch 600 Euro bekommen, wenn bank (EZB) brachte Ruhe. Bis heute. gramme für das kleine Griechenland hoch
die Formulare irgendwann einträfen. Für Der Corona-Schock hat das Potenzial, umstritten. Eurobonds werde es nicht ge-
die Firma gebe es nichts. diese Ruhe zu beenden. Und er trifft auf ben, versicherte Kanzlerin Angela Merkel
Zeppelin, das Unternehmen des 59-Jäh- Volkswirtschaften, die so geschwächt sind (CDU) ihrem damaligen Regierungspart-
rigen, gibt es seit mehr als 20 Jahren. Es wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. ner FDP – »solange ich lebe«.
stattet Mailänder Modeläden mit Möbeln Um die Finanzmärkte zu beruhigen, hat Doch Corona ist nicht Lehman. Dieses
nach Maß aus. Die Firma ist gesund, in die EZB bereits beschlossen, Anleihen al- Mal geht es nicht um Staaten, die über ihre
normalen Zeiten wäre sie auf den Staat ler Art in Höhe von 750 Milliarden Euro Verhältnisse leben, sondern um einen exo-
nicht angewiesen. Aber geschlossene Lä- anzukaufen. Aber das wird nach Ansicht genen Schock, der alle trifft. Es geht um
den brauchen keine Möbel, deshalb von EZB-Präsidentin Christine Lagarde Tausende Tote und kollabierende Gesund-
braucht Adrio Pierantoni dringend Geld. nicht reichen. Die Mitgliedstaaten stünden heitssysteme, um ganze Volkswirtschaften,
»600 Euro reichen jetzt nicht mal für die ebenfalls in der Pflicht zu helfen, mahnt die stillstehen. Finanzminister Olaf Scholz
Stromrechnung«, sagt er. sie, nicht bloß jeder für sich allein, sondern (SPD) spricht von einer »schicksalhaften
Der Unternehmer blickt in diesen Tagen gemeinsam. Herausforderung für die ganze Mensch-
oft nach Deutschland. Seine Frau Gabi, Lagarde wirbt deshalb bei Regierungs- heit«.
mit der er das Unternehmen führt, stammt chefs und Finanzministern per Videoschal- Für Italien gilt das ganz besonders. Mit
aus dem badischen Rastatt, sie haben sich te für ein Instrument, das schon in der brutaler Härte hat die Regierung von Mi-
durch eine Städtepartnerschaft kennenge- Eurokrise diskutiert wurde: Eurobonds. nisterpräsident Giuseppe Conte die Wirt-
lernt. In der Bundesrepublik sitzen außer- Oder, wie sie in der aktuellen Krise ge- schaft des Landes lahmgelegt. Seit mehr
dem wichtige Kunden und Geschäftspart- als zwei Wochen sind Einzelhandel und
ner – und eine Politik, die das beschließt, Gastronomie geschlossen, nur Supermärk-
was sich Pierantoni für Italien wünscht: te und Apotheken bleiben offen. Rom ver-
Schutzschilde, Hilfsfonds, milliarden- Gefährliche 2391 2421 ordnete vor ein paar Tagen gar eine Voll-
schwere Pakete. Was die Infizierten ange- Schieflage bremsung für die gesamte Volkswirtschaft:
he, sei Deutschland Italien zwei Wochen 2027 Die Produktion von Turin bis Palermo
hinterher, glaubt der Italiener. Aber was Staats- steht bis zum 3. April still, nur Betriebe,
die Förderungen für die Wirtschaft betref- verschuldung die für die Versorgung essenziell sind, wie
fe, »ist es uns Monate voraus«. in Mrd. Euro der Pastahersteller Barilla, dürfen weiter-
Pierantoni erlebt am eigenen Leib, wie 2019 machen.
unterschiedlich die beiden Staaten mit Und die Lage spitzt sich zu. Arbeiter
den Folgen der Corona-Pandemie für ihre 1201 und Angestellte in diesen »essenziellen«
Wirtschaft umgehen. Besser gesagt: um- Branchen haben Angst um ihre Gesund-
gehen können. Quelle: heit, die Gewerkschaften drohen mit
In Deutschland scheint Geld keine Rol- Ameco;
Schätzung
Streiks, um Schließungen zu erzwingen.
le zu spielen. Der Bundestag hat am Mitt- Inzwischen ist nicht einmal sicher, wie lan-
woch einen Nachtragshaushalt in Höhe ge das Tankstellennetz im Land noch funk-
von 156 Milliarden Euro beschlossen, um 332 tioniert. Für 100 000 Mitarbeiter fehlen
252
die dramatischen Folgen des Schocks für Schutzmasken und Handschuhe, viele Be-
die Wirtschaft abzumildern, die gesamten treiber wollen dichtmachen, weil sie kaum
Griechenland

Deutschland

Hilfen des Bundes für die Wirtschaft sum- noch Umsatz erzielen – aber wie sollen
Frankreich

mieren sich auf 1,8 Billionen Euro. ohne Spritversorgung notwendige Trans-
Portugal

Spanien

Italien hat diese Möglichkeiten nicht. porte stattfinden?


Italien

Das Land ist mit über 130 Prozent seines Niemand solle wegen Corona seinen
Bruttoinlandsprodukts verschuldet, sein Job verlieren, hat die Regierung verspro-
finanzieller Spielraum ist eng begrenzt. 120 175 97 59 99 136 chen. 25 Milliarden Euro stellte Rom in
Die EU-Kommission hat zwar sämtli- einem ersten Hilfspaket (»Cura Italia«)
che Vorgaben für die Staatsverschuldung Staatsverschuldung am 17. März dafür bereit; das Geld soll
aufgehoben, sodass sich die Staaten nach in Prozent des BIP 2019 vor allem das Gesundheitswesen stabili-

Illustration: Sébastien Thibault für den SPIEGEL 67


Coronakrise

sieren sowie kleine und mittlere Unterneh- ben EU-Ländern einen Brief an Ratspräsi- Die Bundesregierung favorisiert eine
men stützen. dent Charles Michel. Darin heißt es: »Im andere Lösung: Viel entscheidender als
Im April soll ein zweites Rettungspaket Geiste der Effizienz und der Solidarität verbilligte Kredite sei der ungehinderte
von noch einmal mindestens 25 Milliarden sollten wir andere Instrumente untersu- und ungeschmälerte Zugang zu Mitteln
Euro folgen. Die Epidemie dürfe das Land chen, wie etwa eine spezielle Finanzierung der EZB, heißt es im Finanzministerium.
nicht in ein »soziales Schlachthaus« ver- im EU-Budget, für Ausgaben, die mit Co-
wandeln, sagt Finanzminister Roberto rona zusammenhängen.« Dafür bietet sich ein Instrument des
Gualtieri. Er will das hohe Defizit weiter Ein solches Werkzeug hatte auch die europäischen Rettungsschirms ESM an,
erhöhen. Dann sei die zu erwartende Re- EU-Kommission in der vergangenen Wo- der noch über 410 Milliarden Euro an un-
zession »schwer, aber handhabbar«, so der che ins Spiel gebracht: Sie will eigene Kre- verbrauchten Hilfen verfügt: die sogenann-
Ressortchef. dite aufnehmen, vorerst nur in Höhe von te vorbeugende Kreditlinie. Die gibt es in
Ohne die Hilfe der EZB und der übrigen 18 bis 25 Milliarden Euro, um damit die zwei Varianten, eine ohne Auflagen, eine
Euroländer wird das Manöver indes kaum nationalen Arbeitslosenversicherungen zu mit lediglich sehr schwachen.
gelingen. unterstützen. Die Anleihen dafür wären Im Gespräch ist nun vor allem die zwei-
eine Art Eurobonds. te. Länder, die im Zuge der Krise klamm
Viele Ökonomen halten Eurobonds für Die Kommission würde gern viel mehr werden, sollen sich in Höhe von zwei Pro-
das beste Mittel, um die Lasten der Krise davon platzieren, sie darf aber nur in sehr zent ihres Bruttoinlandsprodukts beim
solidarisch zu teilen. »Die Starken müssen begrenztem Umfang Schulden aufnehmen ESM Geld leihen dürfen.
den Schwachen helfen«, heißt es in einem Die Variante birgt einen weiteren Vor-
Appell namhafter deutscher Wirtschafts- teil: Die EZB dürfte unbegrenzt Staatsan-
wissenschaftler. Sie schlagen, als einmalige leihen dieser Länder aufkaufen. So sieht
Maßnahme, Gemeinschaftsanleihen in Droht eine neue Eurokrise? es das sogenannte OMT-Programm vor,
Höhe von 1000 Milliarden Euro vor, aus Risikoaufschläge zehnjähriger das nach der legendären »Whatever it
diesem Pool könnten »Mitgliedstaaten un- Staatsanleihen gegenüber der takes«-Rede des damaligen EZB-Präsiden-
terstützt werden, wenn sie den Zugang deutschen Bundesanleihe ten Mario Draghi aufgelegt wurde. Bislang
zum Kapitalmarkt zu verlieren drohen«. in Prozentpunkten kam es nie zum Einsatz, weil allein seine
Auch im Zentralbankrat, dem obersten Existenz die Spekulanten einschüchterte.
Entscheidungsgremium der EZB, herrscht EZB-Ankündigung Noch sind die Niederländer dagegen,
in dieser Frage ungewohnte Einigkeit. Notkaufprogramm den ESM bereits jetzt zu aktivieren. Der
Sogar Bundesbank-Präsident Jens Weid- 2,0 für Anleihen Rettungsschirm sei für bestimmte Aufga-
mann hat seine skeptische Meinung ge- ben geschaffen worden, argumentieren sie.
Italien
genüber Gemeinschaftsanleihen abgelegt. Er solle Ländern helfen, die sich in Kri-
Er rät, wie Lagarde, der Bundesregierung, 1,59 senzeiten auf dem Anleihemarkt nicht
ihren Widerstand aufzugeben. Die Noten- mehr selbst finanzieren könnten. In dieser
banker halten die Lage für sehr viel erns- Situation sei derzeit kein EU-Land. »Das
1,0
ter als 2008, als die Finanzkrise ausbrach, ist Geld, das wir nur einmal ausgeben kön-
Spanien
oder 2012, als die Eurokrise ihren Höhe- 0,93 nen«, warnt der niederländische Finanz-
punkt erreichte. Und sie wollen nicht die minister Wopke Hoekstra. »Wir fahren
Einzigen sein, die auf europäischer Ebene Frankreich auf Sicht.« Was aber auch heißt: Auf lange
die Krise bekämpfen. 0,45 Sicht ist nichts ausgeschlossen.
Trotzdem will die Bundesregierung 0,0 Christian Kastrop, Direktor des Pro-
eine Neuauflage der alten Diskussion über Juli Sept. Nov. Jan März gramms »Europas Zukunft« bei der Ber-
2019 2020
eine Vergemeinschaftung von Schulden telsmann-Stiftung, glaubt, dass auf Dauer
Quelle: Refinitiv Datastream; Stand: 26. März
unter allen Umständen vermeiden. »Das an einer Vergemeinschaftung von Schul-
ist eine Totgeburt«, heißt es im Finanzmi- den kein Weg vorbeiführt – auf die eine
nisterium; Niederländer, Österreicher und oder andere Art. Er hält das für richtig:
Finnen lehnten das Instrument ebenfalls – es sei denn, die Mitgliedstaaten würden »Diese Krise ist einfach zu gewaltig, als
ab. Eurobonds seien überflüssig, es gebe bürgen. Das wäre der Einstieg in Euro- dass die Europäer sie mit den herkömmli-
genügend andere Maßnahmen, um Italien bonds in großem Stil. Das Problem: Die chen Instrumenten bewältigen könnten.«
und andere schwache Länder zu retten. nationalen Parlamente müssten die Ge- Kastrop sieht zwei Möglichkeiten, aller-
Wie schon in der Eurokrise droht wie- meinschaftsschulden einzeln genehmigen. dings begrenzt auf diese Krise. »Entweder
der ein Konflikt Nord gegen Süd. Bei der Die Niederlande und Deutschland die Mitgliedsländer legen tatsächlich Ge-
Videokonferenz der Euro-Gruppe am lehnen solche Vorschläge ab. Doch Frank- meinschaftsanleihen auf, bei denen sie sich
Dienstagabend trat er offen zutage. Eigent- reich wird in der Frage von Corona-Bonds Aufkommen und Risiko teilen. Oder die
lich wollten die Finanzminister vor dem oder anderen gemeinsamen Schuldtiteln EZB wird zu einem echten Käufer der letz-
(ebenfalls virtuellen) EU-Gipfel am Don- nicht lockerlassen. »Wir wollen an einem ten Instanz.«
nerstagnachmittag ein starkes Signal der gemeinsamen Schuldeninstrument auf der Dafür müsse die Zentralbank frei ent-
Einigkeit senden. Am Ende kam nicht ein- europäischen Ebene arbeiten«, sagt der scheiden dürfen, jederzeit und ohne Vor-
mal eine gemeinsame Abschlusserklärung französische Finanzminister Bruno Le behalt, sämtliche Anleihen ihrer Mitglied-
zustande. Maire. »Dieses neue Mittel würde uns ge- staaten zu kaufen, gleichgültig, wie deren
Italien, Frankreich und andere südeuro- meinsame langfristige Investitionen zum Finanzlage ist. »Dann wäre jede nationale
päische Länder fordern, Corona-Bonds Nutzen aller Mitgliedstaaten ermöglichen, Anleihe ein Eurobond«, erklärt Kastrop,
oder ähnliche europäische Schuldentitel die notwendig sind, um aus der Krise zu »weil alle Mitgliedsländer über die EZB
einzurichten, um damit Kredite für Euro- kommen. Europa muss in einheitlicher haften.«
länder zu finanzieren. Am Mittwoch Form antworten, um die schnellstmögliche Frank Hornig, Armin Mahler, Peter Müller,
schickten die Staats- und Regierungschefs Erholung all unserer Volkswirtschaften zu Anton Rainer, Christian Reiermann
von Frankreich, Spanien und weiteren sie- gewährleisten.«

68 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Coronakrise

»Wir können die Leute ja


nicht stehen lassen«
Airlines Lufthansa-Chef Carsten Spohr, 53, sagt voraus, dass die Pandemie seine Branche nachhaltig
beschädigen wird – sein Konzern werde ohne staatliche Hilfe nicht zurechtkommen.

Streichung der Flüge


nach China und Iran
weitere Reduzierung
Gestutzter Kranich des Flugplans
90%
Anteil der tatsächlich geflogenen US-Einreiseverbote
wöchentlichen Flüge* bei der 66 Aussetzung des Flugbetriebs bei
Lufthansa Group, in Prozent Austrian Airlines und Air Dolomiti
Aussetzung des Flugbetriebs
bei Brussels Airlines
33
Rückkehrer-
10–20 flüge
*Ursprünglich waren für den gezeigten Zeitraum 5
etwa 22 000 Flüge pro Woche geplant.
3.2. 14.3. 19.3. 21.3. 25.3.

JOERG HALISCH / IMAGO IMAGES


Geparkte Lufthansa-Jets am Frankfurter Flughafen: »Wir blockieren ab sofort den Mittelsitz, um Abstand zu schaffen«

SPIEGEL: Herr Spohr, was geht Ihnen delt. Ja, es ist eine Krise mit bislang unge- päischen Hauptstädte und an die anderen
durch den Kopf, wenn Sie die vielen Jets kanntem Ausmaß, aber es geht vor allem Kontinente anbinden. Wir wollen auch in
sehen, die Lufthansa wegen des Corona- um Geld und um Jobs. Damals ging es um der Krise ein Minimum an Konnektivität
virus am Frankfurter Flughafen parkt? Menschenleben. Dieser Dienstag vor fünf sicherstellen. Auch im Interesse der deut-
Spohr: Das macht mich besorgt und trau- Jahren, der 24. März 2015, wird der schwär- schen Wirtschaft, denn wir waren ja mal
rig. Es ist ein Symbolbild für die einzig- zeste Tag in unserer Lufthansa-Geschichte Exportweltmeister und werden das nach
artige Krise, die wir alle durchleben, nicht bleiben. der Krise hoffentlich auch wieder sein.
nur Fluggesellschaften. Wir haben in den SPIEGEL: Wettbewerber wie Emirates ha- SPIEGEL: In Ihrem Haus kursieren auch an-
vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, ben bereits angekündigt, ihre komplette dere Szenarien. Ihre Tochter für Triebwerks-
keine unserer Maschinen auch nur eine Passagierflotte stilllegen zu wollen. Wann wartung im irischen Shannon schrieb Ende
Minute länger als nötig am Boden zu ha- ist es bei Ihnen so weit? vergangener Woche in einer Mitarbeiterinfo,
ben. Jetzt müssen wir in der Lufthansa- Spohr: Wenn ich den unglaublichen Be- dass die Lufthansa ab April keine Passagier-
Gruppe 700 von 763 Flugzeugen parken. darf an Rückkehrerflügen sehe – es wer- flüge mehr durchführen und erst ab Septem-
SPIEGEL: Vor fünf Jahren stürzte eine den fast jeden Tag mehr – werden wir so ber wieder aufnehmen will. Stimmt das?
Maschine der Lufthansa-Tochter German- lange weiterfliegen, wie es irgendwie geht, Spohr: Das Szenario entspricht nicht der
wings in den französischen Alpen ab. Ist um Menschen nach Deutschland, in die aktuellen Planung. Wir fliegen bis auf Wei-
das, was jetzt gerade passiert, noch schlim- Schweiz, nach Österreich oder Belgien teres in der Gruppe drei internationale Ver-
mer für Ihren Konzern? zurückzuholen. Danach wollen wir dau- bindungen am Tag und 40 innereuropäi-
Spohr: Sie haben von mir in den vergan- erhaft einen Minimalflugplan aufrecht- sche. Das sind weniger als fünf Prozent
genen Wochen nie den Satz gehört, dass erhalten. Nicht so sehr aus betriebswirt- unseres bisherigen Angebots.
es sich bei der Coronakrise um die schlimms- schaftlichen Gründen, wir wollen unsere SPIEGEL: Was kostet es, diesen Rumpf-
te vorstellbare Krise der Lufthansa han- Heimatländer weiter an die großen euro- flugplan aufrechtzuerhalten?

70 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Spohr: Für die Rückkehrerflüge, die das aber so gut wie keine Einnahmen mehr. Kunden gab es noch nie. Das muss koor-
Auswärtige Amt chartert, erhalten wir Deshalb sind wir mit der Bundesregierung diniert werden, deshalb haben wir den ge-
Kompensationen. Sollten wir mit dem im Gespräch. wohnten Prozess vorerst ausgesetzt, zu-
Rest Verluste machen, tragen wir die SPIEGEL: Um welche Hilfen haben Sie ge- mal wir auch schon an Gutschein-Lösun-
selbst. Aber im Vergleich zu dem, was wir beten? gen arbeiten. Die Guthaben der Kunden
ohnehin verlieren, weil wir kaum mehr Spohr: Kurzfristig geht es um Liquidität, sind bei uns sicher, und sie werden auch
Einnahmen erzielen, ist das zu vernach- mittel- und langfristig um die Wettbe- wieder bei ihnen landen.
lässigen. werbsfähigkeit der europäischen Airline- SPIEGEL: Alle Airlines führen zurzeit Ge-
SPIEGEL: In den wenigen Maschinen, die branche. Wir spüren eine große Entschlos- spräche mit den beiden großen Herstellern
noch unterwegs sind, saßen die Passagiere senheit in Berlin und in unseren Heimat- Boeing und Airbus. Drängen Sie nur auf
zuletzt oft dicht gedrängt. Auch im Bus märkten, dass die Lufthansa im globalen eine verzögerte Auslieferung, oder bestel-
zum Terminal nach der Landung war der Wettbewerb bestehen soll und muss. Die- len Sie Jets ganz ab?
empfohlene Abstand von anderthalb Me- sen Gesprächen kann ich öffentlich nicht Spohr: Diese Krise wird so groß, dass alle
tern häufig nicht einzuhalten. vorgreifen, aber ich bin optimistisch, dass globalen Airlines ihre Flotten neu planen
Spohr: Wir haben deshalb entschieden, wir Lösungen finden werden. müssen. Wir werden innerhalb der nächs-
dass wir ab sofort bei allen Flügen, die aus SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, dass ten Jahre nicht zu den 763 Flugzeugen zu-
Deutschland abfliegen, den Mittelsitz blo- der deutsche Staat bei Ihnen einsteigt, die rückkehren, die wir bis zum Ausbruch der
cken, um Abstand zu schaffen. Und wir Lufthansa also teilverstaatlicht wird? Krise in Betrieb hatten. Wir rechnen mit
haben den Flughäfen mitgeteilt, dass wir deutlich weniger Fluggästen. Das heißt:
keine Busse mehr akzeptieren. Bei Rück- Wir benötigen auch weniger Flugzeuge.
kehrerflügen werden wir weiterhin jeden »Dass Millionen Ältere Jets, die weniger umweltfreundlich
Platz besetzen. Wir können die Leute ja sind, werden wir früher als bislang geplant
nicht im Ausland stehen lassen. Und bis
heute gab es aufgrund der Funktionsweise
Kunden gleichzeitig aus der Flotte nehmen. Über all das spre-
chen wir mit Airbus und Boeing.
der Klimaanlagen auch keine Ansteckung
in der Kabine eines Lufthansa-Jets.
ihr Geld zurückwollen, SPIEGEL: Wenn die Fluglinien nicht mehr
bestellen, brechen auch bei den Herstel-
SPIEGEL: Einige asiatische Fluglinien ver- gab es noch nie.« lern Jobs weg.
teilen Desinfektionsmittel beim Einstieg, Spohr: Um die Frage, wie wir die Zukunft
die Lufthansa nicht. Warum? der europäischen Luftfahrtbranche inklu-
Spohr: Alle Experten sagen, dass das nicht Spohr: Eine Verstaatlichung hat die Bun- sive Zulieferern, Herstellern und Airlines
notwendig ist. Wir haben deshalb sogar desregierung ja schon öffentlich verneint. sichern können, werden wir nicht herum-
Desinfektionsmittel und Schutzmasken in Es geht darum, Wege für die Zukunfts- kommen. Hoffentlich klären wir das ge-
großen Mengen an das deutsche Gesund- fähigkeit zu finden. Über die Maßnahmen, meinsam mit der EU-Kommission. Wenn
heitssystem abgegeben. Die Ärzte und das die dafür nötig sind, reden wir mit der Bun- wir als Europäer jetzt nicht klug handeln,
Pflegepersonal der Krankenhäuser brau- desregierung. Ich möchte das öffentlich werden wir im globalen Wettbewerb zwi-
chen es dringender. nicht kommentieren, bevor wir konkrete schen China und den USA durch die Co-
SPIEGEL: Der Weltluftfahrtverband IATA Ergebnisse haben. Wir sind ein nachweis- ronakrise zurückfallen. Das müssen wir
prognostiziert, dass über die Hälfte der lich profitables und wettbewerbsfähiges verhindern, das gilt für Airbus, für Luft-
Fluglinien in den nächsten Wochen insol- Unternehmen. Da ist staatliche Hilfe in so hansa und die gesamte Luftverkehrswirt-
vent wird, wenn der Staat nicht einspringt. einem Ausnahmefall legitim. Am Ende schaft in Europa – und vermutlich nicht
Trifft das auch auf die Lufthansa zu? kommt es darauf an, dass unsere unterneh- nur für unsere Branche.
Spohr: Als Aufsichtsratsvorsitzender der merische Entscheidungs- und Handlungs- SPIEGEL: Die US-Regierung will ihre Air-
IATA kann ich die Brisanz für die Branche fähigkeit erhalten bleibt. lines mit Milliarden auffangen, selbst die
bestätigen. Die Lufthansa-Gruppe hat SPIEGEL: Sie haben in dieser Woche die strauchelnde Alitalia bekommt noch mal
aber deutlich mehr liquide Mittel und sta- automatische Online-Erstattungsfunktion 500 Millionen Euro Steuergeld. Verzerrt
bilere Finanzen als die meisten unserer für Tickets abgestellt. Heißt das, es wird das Virus gerade den Wettbewerb, weil es
Wettbewerber. Deswegen werden wir län- finanziell bereits eng? Pleitekandidaten am Leben erhält?
ger durchhalten. Eines ist aber klar: Wenn Spohr: Nein. Andere Airlines haben das Spohr: Es wird sicher Fluglinien geben,
diese Krise so lange dauert, wie die meis- schon deutlich früher als wir getan. Eine die von der Krise profitieren, weil sie mit
ten Experten inzwischen annehmen, wird gleichzeitige Rückerstattung an Millionen Staatshilfe gerettet werden, obwohl sie
es keine globale Airline geben, die sich auch ohne Coronakrise kaum eine Lebens-
nicht an ihren Heimatstaat oder ihre Hei- chance gehabt hätten. Da kommen Finanz-
matstaaten wenden muss. spritzen natürlich gelegen. Aber die Erfah-
SPIEGEL: Ihnen stehen derzeit rund fünf rung der letzten Jahrzehnte lehrt: Wer
Milliarden Euro Liquidität zur Verfügung. nicht wettbewerbsfähig ist, schafft es auf
Wie lange reicht das Geld? Dauer auch mit staatlicher Hilfe nicht. Die
Spohr: Dieser Liquidität stehen auch For- Coronakrise unterbricht die Konsolidie-
derungen gegenüber. Wir arbeiten aktuell rung also nur.
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO

daran, die Rückabwicklung von gebuch- SPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt, der
ten Tickets für unsere Kunden zu gestal- globale Luftverkehr werde nach der Krise
ten, deren Flüge abgesagt werden muss- anders aussehen als zuvor. Wie?
ten. Außerdem stocken wir für unsere Mit- Spohr: Wir gehen davon aus, dass sich
arbeiter das Kurzarbeitergeld auf, damit das Wachstum im Luftverkehr noch dy-
auch Menschen mit geringen Einkommen namischer von Geschäftsreisenden hin
in der Krise über die Runden kommen zu Privatkunden verlagert. Ich bin sicher:
können. Wir haben also einen kontinuier- Manager Spohr Nach der Krise werden Privatreisende
lichen Abfluss unserer liquiden Mittel, »Wir werden länger durchhalten« noch viel mehr den Wunsch haben, die

71
Coronakrise

Welt wiederzusehen und die Freiheit zu


genießen.
SPIEGEL: Geschäftsreisende haben bisher
für den Großteil Ihrer Gewinne gesorgt.
Auf die Knie!
Spohr: Die modernen Kommunikations-
mittel, die wir im Zuge der Corona-Pan- Landwirtschaft Wegen der Einreisesperre für Saisonarbeiter
demie nun verstärkt nutzen, werden künf- müssen nun unerfahrene deutsche Helfer
tig sicher die eine oder andere Geschäfts-
reise obsolet machen. Und ich glaube, dass die Lücke füllen. Die Bauern sind wenig begeistert.
die Weltwirtschaft nach dieser Krise nicht
nur insgesamt kleiner sein wird, sondern
auch die Globalisierung ein Stück zurück-
gedreht wird. Das wird die Luftverkehrs-
branche überproportional treffen. Deshalb
A us dem Festzelt, in dem der Kirch-
dorfer Landwirt Heinrich Thier-
mann den Beginn der Spargelzeit
feiern wollte, wummern einsam die Bässe.
Hände schmutzig machen?«, wurden sie
von Hilfsbereiten überrannt. Bei der
Datenbank, die das Landwirtschaftsminis-
terium mit dem Bundesverband der Ma-
spielen wir derzeit verschiedene Szenarien »Das können wir vergessen«, sagt der Nie- schinenringe eingerichtet hat, waren bis
für eine kleinere Lufthansa durch. Dabei dersachse. Die Hofparty fällt aus. Donnerstag mehr als 20 000 Inserate ein-
setzen wir alles daran, möglichst alle un- Doch das ist seine geringste Sorge. gegangen. Kurzarbeitende, Geflüchtete,
sere Mitarbeiter an Bord zu halten. Das Thiermann baut auf tausend Hektar Spar- Studierende: Alle wollen auf die Knie.
wird allerdings nur mit innovativen Ideen gel an, er gehört zu den größten Produ- Um das zu ermöglichen, plant die Re-
wie etwa einer übergreifenden Teilzeit für zenten in Deutschland. Unter acht Hektar gierung Erleichterungen. Saisonarbeiter
alle Beschäftigtengruppen gelingen. Acker hat er zudem eine biogasbetriebene sollen kurzfristig bis zu 115 Tage lang so-
SPIEGEL: Wann rechnen Sie damit, den Nor- Bodenheizung bauen lassen, um das Edel- zialversicherungsfrei schaffen dürfen. Zu-
malbetrieb wieder aufnehmen zu können? gemüse früher ernten zu können, als es verdienstgrenzen werden gelockert. Liqui-
Spohr: Wir wissen es nicht. Die Situation die Natur eigentlich erlaubt. ditätshilfen erleichtert.
könnte drei Monate anhalten, sechs Mo- Normalerweise ist das ein Wettbewerbs- Ob das die Ernten retten kann? Die Bau-
nate oder noch länger. Aber selbst wenn vorteil, momentan verschärft es sein Pro- ern sind wenig begeistert von der Aussicht,
es dann wieder losgeht, kann der Luftver- blem eher noch. Kurz bevor der Spargel ungeübte Helfer beschäftigen zu müssen.
kehr nicht von einem Tag auf den anderen den Kopf aus der Erde streckt, muss er ge- Pflanzen und Ernten ist ein Knochenjob
wieder die ganze Welt anbinden. Wir wer- stochen werden. Auf dem Höhepunkt der für Profis, sechs Tage die Woche, von Son-
den Jahre brauchen, bis die Branche wie- Saison produziert Thiermann allein in nenaufgang bis in die Dunkelheit.
der das Vorkrisenniveau erreicht. Kirchdorf 80000 Kilogramm pro Tag. Über Die bisherigen Erfahrungen sind ernüch-
SPIEGEL: Einige Politiker und Ökonomen tausend Erntehelfer braucht er dafür, die ternd. Enno Glantz, der Erdbeerkönig aus
raten der Bundesregierung, die Kontakt- meisten von ihnen kommen aus Osteuropa. dem Hamburger Umland, bekannt für sei-
und Ausgangssperren so schnell wie mög- Kaum 200 sind erst da. ne Verkaufsbuden in Form einer Erdbeere,
lich aufzuheben, um die Schäden für die Und dabei wird es voraussichtlich blei- erinnert sich an seinen letzten Versuch,
Wirtschaft zu begrenzen. Würden Sie sich ben. Am Mittwochmittag verfügte das deutsche Arbeitslose einzusetzen. 400 wa-
der Empfehlung anschließen? Innenministerium einen Einreisestopp für ren es am ersten Tag. Am nächsten Morgen
Spohr: Wir haben in diesem Land leider ausländische Erntehelfer. Das Verbot gilt kamen noch 16, am dritten noch 3. Zu hart
einen Hang, auf Politiker zu schimpfen. für die Einreise aus Drittländern sowie war die Arbeit, zu ungewohnt. »Das ist da-
Da setze ich gern mal einen Kontrapunkt. manche EU-Staaten, beispielsweise Rumä- mals total gescheitert«, sagt Glantz. Auch
Ich bin beeindruckt, wie die Politik derzeit nien. Aus Polen, Tschechien und der Slowa- wenn er sich freut, dass so viele bereit sind
agiert. Und ich bin sehr froh, dass ich die kei dürfen vorerst noch alle kommen. Die einzuspringen, ahnt er doch: »Ohne meine
schwierige Abwägung zwischen Menschen- Vorschrift gilt erst einmal für zwei Monate. eingearbeiteten Leute wird das nicht funk-
leben und der Frage, was eine Volkswirt- Für die deutschen Landwirte sind das tionieren, das führt ins Chaos.«
schaft verkraftet, nicht treffen muss. Aber schlechte Nachrichten. Zwar läuft momen- Fachfremde, sagt auch Thiermann, sei-
ich bin überzeugt: Wir müssen uns darauf tan noch alles weitgehend nach Plan. Der en meist nach zwei Stunden Arbeit voll-
einstellen, dass die Rückkehr zur Norma- Großteil der 300 000 Erntehelfer pro Jahr kommen erledigt. Dabei kümmert er sich
lität sehr, sehr lange dauern wird. wird erst im Sommer benötigt. Bis Mai sogar um Verpflegung und gute Unter-
SPIEGEL: Was raten Sie Urlaubern, die im werden 85 000 gebraucht. Dann kann es bringung.
Sommer mit Lufthansa in den Urlaub flie- eng werden. Die Arbeiter – etwa zwei Drit-
gen wollen? tel aus Rumänien, ein Drittel aus Polen –
Spohr: Die Kunden können risikolos bei werden punktgenau zum Pflanzen, Jäten,
uns buchen. Wir haben Flugpläne für den Ernten eingesetzt, meist wenn die Früchte, Rumänien 65 %
Sommer im Angebot. Wenn wir nicht in das Gemüse, das Getreide reif sind. Da
der Lage sein sollten, die Flüge durchzufüh- darf nichts verschoben, nichts verlang-
ren, bekommen die Gäste ihr Geld zurück. samt werden. Steht die Armada helfender
SPIEGEL: Vielflieger bangen um ihren Hände nicht bereit, könnte die Ernte auf Ausländische
Miles&More-Status. Andere Airlines haben den Feldern verderben – und mit ihr die Saisonarbeiter
bereits Erleichterungen angekündigt, Luft- Haupteinkünfte des Jahres. in der deutschen Land-
Polen
hansa bisher nicht. Kommt da noch was? Für landwirtschaftliche Betriebe, denen wirtschaft, Anteil nach
30 %
Spohr: Absolut. Wir werden dafür sorgen, es oft an Liquidität mangelt, kann das exis- Herkunftsländern
dass die Krise nicht zulasten unserer loyals- tenzbedrohend werden. In Zeiten von Co- Quelle:
ten Kunden geht. Schon weil wir sie nach rona rächt sich, wie abhängig die Agrar- GLFA, Schätzung

der Krise noch viel mehr brauchen werden branche von Helfern aus dem Ausland ist.
als vorher. Immerhin, die ersten Hilferufe wurden
erhört. Als die Bodensee-Bauern vor ein Sonstige 5 %
Interview: Dinah Deckstein, Martin U. Müller
paar Tagen fragten: »Wer will sich die

72
freut das: »Wir sind nicht mehr die Knech-
te in Deutschland«, sagte Familienminis-
terin Elżbieta Rafalska damals. In der Co-
ronakrise scheint der Strom der polnischen
Wanderarbeiter endgültig zu versiegen.
So werden dieses Jahr wohl viele Deut-
sche auf den Äckern schuften. Der organi-
satorische Aufwand könnte grausig wer-
den. Weil Kurzarbeiter nur bis zu ihrem
Nettolohn kürzungsfrei hinzuverdienen
dürfen, braucht man theoretisch vier
Ersatzleute, um eine Erntehelferstelle zu
füllen. Auf den Höfen entstünde ein gigan-
tisches Gedränge. Zudem werden Arbeits-
lose aufgrund gesetzlicher Hürden tempo-

JAN RICHARD HEINICKE / DER SPIEGEL


rär nicht zum Einsatz kommen, fürchtet
der Bundesverband der Ökologischen
Lebensmittelwirtschaft. Die geplanten
Schritte zur Erleichterung der Arbeitskräf-
tesituation »reichen leider nicht aus, um
die Versorgung sicherzustellen«.
Versorgungssicherheit: Das Wort macht
derzeit Karriere als Allzweckwaffe. Fast
Bauer Thiermann auf Spargelfeld: »Die sind dann auch ganz schnell wieder weg« beschwörend wiederholt Bundeslandwirt-
schaftsministerin Julia Klöckner (CDU),
dass die Versorgung mit Grundnahrungs-
Er hat vorgesorgt: Für 43 000 Euro char- Bockhop hat seine Wohncontainer nur mitteln gesichert sei. Bei Getreide, Fleisch
terte er ein Flugzeug und ließ Arbeiter ein- noch mit zwei Personen besetzt. Sein und Milch würden sogar Überschüsse er-
fliegen. Am Montag trafen die ersten Ru- Hauptjob ist nun Quarantänemanage- wirtschaftet. Eine Hungersnot steht also
mänen ein. Thiermann zahlt Mindestlohn ment: das Aufteilen der Arbeiter in Grup- nicht direkt an.
plus Leistungszuschlag. Richtige Akkord- pen, die sich möglichst nicht begegnen. Mancher scheint das Argument »Versor-
stecher kommen auf 3000 Euro netto, Un- Auch Bockhop hätte lieber Profis, doch in gungssicherheit« als Schwert in einem an-
geübte hingegen schaffen kaum die Menge, der Not nimmt er, was er kriegt: »Un- deren Kampf zu benutzen, dem um die
die für den Mindestlohn nötig ist. »Die geübte Kräfte sind besser als gar keine.« Neuausrichtung der europäischen Land-
sind dann auch ganz schnell wieder weg.« Das eigentliche Problem mit den Ernte- wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit.
Der 77-jährige Großbauer wirkt nicht helfern liegt indes tiefer als die aktuelle Das zeigt der Streit um die Umsetzung
so, als ob ihn ein Virus einschüchtern kann. Coronakrise. Das System, das sich in der Nitratrichtlinie. Die entsprechende Vor-
Beherzt drückt er manchem Besucher die 30 Jahren herausgebildet hat, funktioniert gabe der EU existiert seit 1991. Die Bun-
Hand und zieht sein Stofftaschentuch zum nicht mehr so glatt wir früher. desrepublik hat sie seither trotz Ermahnun-
Schnäuzen aus der Hosentasche. Er fürch- Die Polen etwa haben diese Art Wan- gen der Kommission nicht ausreichend um-
tet nur eins – die Banken wegen Corona derproletariat schlichtweg nicht mehr nö- gesetzt. Es drohen hohe Strafen. Nun
um Kredit bitten zu müssen. Von den tig. Das Land hat wie kein anderes von ziehen der Bauernverband und die Protest-
6000 Tonnen Spargel, die er sonst in einer der Mitgliedschaft in der EU profitiert. bewegung »Land schafft Verbindung«
Saison herausholt, wird er in diesem Jahr Heute herrscht Arbeitskräftemangel, die (LsV) die Krise als letztes Argument heran:
nur 1200 Tonnen ernten, glaubt er. polnische Landwirtschaft, einst das Sor- Die Verordnung soll verschoben werden,
»Es gibt jetzt schon Betriebe, die neh- genkind Brüssels, hat sich berappelt. Polen aus Gründen der Versorgungssicherheit.
men die Folien ab, geben das Gemüse auf ist jetzt Europas größter Apfelproduzent. Der Druck zeigt Wirkung. Klöckner
und machen einen Haken hinter die Sai- Vorbei die Zeiten, in denen die Ernte- und Umweltministerin Svenja Schulze
son«, sagt Fred Eickhorst von der Vereini- arbeit in Deutschland zwar hart, aber für (SPD) haben sich erfolgreich bei der EU-
gung der Spargel- und Beerenanbauer. polnische Verhältnisse unglaublich gut be- Kommission dafür eingesetzt, Teile ihrer
Nicht so Randolf Bockhop. Der Land- zahlt war. Einmal drei Monate Akkord in Düngeverordnung erst Anfang 2021 an-
wirt aus dem schleswig-holsteinischen der Ernte, und die Rückkehrer konnten wenden zu müssen.
Schmilau ist froh, dass 54 seiner Arbeiter sich ein Auto leisten, ein Haus anzahlen Wie es auch ausgeht: Die In-der-Krise-
bereits da sind. Er baut auf 80 Hektar vor oder in ihr eigenes Geschäft investieren. ist-kein-Platz-für-Nachhaltigkeitsrhetorik
allem Erdbeeren und Himbeeren an. Heute können polnische Arbeitgeber in hat sich erst einmal bewährt. Wenn die
»Angst ist derzeit das größte Problem«, vielen Branchen mit dem deutschen Min- Politik mitspielt, wird dies zu einem enor-
sagt er. Viele Helfer aus Polen und Rumä- destlohn von 9,35 Euro mithalten. Die Ex- men Backlash führen. Was als Argument
nien, die vor der Krise eingetroffen waren, Erntehelfer können zu Hause bleiben und für die Düngeverordnung zulässig ist, kann
sorgen sich um ihre Familien. Einer hat sich ihre Kinder sehen, müssen nicht wie in auch auf Tierhaltung, Pestizideinsatz, Nut-
derart hineingesteigert, dass er ihn heim- Deutschland sieben Tage die Woche zehn zung von Antibiotika in der Zucht ange-
schickte, bevor er mehr Mitarbeiter hätte Stunden lang schuften, um dann in einem wandt werden – erst mal nur an heute und
mitziehen können. »Natürlich wollen die alten Baucontainer ins Etagenbett zu sin- bitte nicht an morgen denken. Derlei Kurz-
Arbeiter Geld verdienen, damit Weihnach- ken. Die rund 110 Euro Kindergeld, die sichtigkeit in der Krise legt zumeist schon
ten eine Gans auf den Tisch kommt. Aber seit 2015 vom zweiten Kind an gezahlt die Saat für die nächste.
sie wollen Weihnachten auch noch erleben.« werden, mindern den Anreiz, über die Jürgen Dahlkamp, Nils Klawitter,
Angst macht vor allem die beengte Grenze zu gehen, noch weiter. Die natio- Jan Puhl, Michaela Schießl
Wohnsituation in Gruppenunterkünften. nalkonservative Regierung in Warschau

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 73


Coronakrise

ren fordern, der Bund müsse bei seinen Schieflage geraten und in Wahrheit nicht

Systemfrage Corona-Beteiligungen eine aktive unter-


nehmerische Rolle spielen. Ist das Coro-
navirus der Anfang vom Ende der Markt-
zu retten seien.
Um aussichtslose Millionenengagements
zu verhindern, stellten die Unionspolitiker
Kapitalismus Die Regierung wirtschaft? vergangene Woche eine Reihe von Forde-
Für Gerhard Schick ist das die falsche rungen auf. Die Zugangskriterien für den
darf sich in großem Stil an Frage. Der Vorsitzende der Bürgerbewe- Fonds müssten enger gefasst, die Dauer
gebeutelten Firmen beteiligen. gung Finanzwende, der während der Ban- der Regelung beschränkt und der Staats-
Wird die Wirtschaft schleichend kenrettung für die Grünen im Bundestag einfluss verringert werden. In der Regel
saß, hat andere Lehren aus der Finanzkrise müsse sich der Bund mit stillen Beteiligun-
verstaatlicht? gezogen. »Damals haben HSH Nordbank gen begnügen, heißt es in ihrem Papier.
und Commerzbank Milliardenhilfen be- Nur im Ausnahmefall dürfe er Anteile mit

E s sei jetzt »keine Zeit für ideologi-


sche Debatten«, befand Peter Alt-
maier diese Woche, kurz nachdem
sich die Koalition auf einen milliarden-
kommen, aber den Fiskus mit Cum-Ex-
und Cum-Cum-Geschäften hintergangen«,
sagt er. Deshalb müsse der Staat seine Hil-
fen diesmal »klar am Steuerzahlerinteres-
Stimmrecht erwerben.
Carsten Linnemann, Chef der Unions-
Mittelständler im Parlament, hält den
Vergleich mit der Finanzkrise zudem für
schweren Beteiligungsfonds für coronage- se ausrichten« und für unternehmerische verfehlt: »Während die Banken für ihre
schädigte Firmen geeinigt hatte. In Probleme zum Großteil selbst ver-
einer Telefonkonferenz am Samstag antwortlich gewesen sind, geht
mit Finanzminister Olaf Scholz wa- es diesmal um kerngesunde Wirt-
ren letzte Bedenken, etwa von Uni- schaftsbetriebe, die nur wegen
onsfraktionschef Ralph Brinkhaus, Corona ins Schleudern geraten
ausgeräumt worden. sind«, sagt Linnemann. »Der Staat
Und so kann der Staat nun nicht sollte sich nicht anmaßen, besser
bloß Kredite oder Garantien ver- zu wissen, wie diese Firmen zu füh-
geben, sondern auch als Miteigen- ren sind.«
tümer Firmen vor der Pleite retten. Solche Einwände werden in der
»Wir gehen von einer Reihe von Koalition allerdings nicht gern ge-
Unternehmen aus, denen wir helfen hört. Die Regierung will Stärke de-
müssen«, sagt Altmaiers Staats- monstrieren. Und so sehen es viele
sekretär Ulrich Nußbaum. Rund Unionspolitiker schon als Erfolg,
hundert Milliarden Euro stehen im dass der neue Staatsfonds nicht nur
sogenannten Wirtschaftsstabilisie- von Scholz (SPD), sondern auch
rungsfonds dafür bereit. von ihrem Parteifreund Altmaier ge-
Deutschland steht damit vor dem führt werden soll.
weitreichendsten Staatseingriff in Im Gegenzug haben die Sozial-
die Wirtschaft seit der Finanzkrise. demokraten erreicht, dass die
DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL

Damals stieg der Bund bei schlin- Fondsmittel größer ausfallen als ur-
gernden Kreditinstituten wie der sprünglich vorgesehen und Dividen-
Commerzbank mit milliardenschwe- den sowie Vorstandsvergütungen
ren Kapitalspritzen ein. Nun kann gedeckelt werden können. Zudem
er sich an Großunternehmen aller können die Bundesländer vergleich-
Branchen beteiligen, wenn sie min- bare Fonds für Kleinunternehmen
destens 250 Beschäftigte zählen und Minister Altmaier mit weniger als 250 Beschäftigten
besondere Bedeutung für »die Wirt- auflegen, beschlossen die Koalitio-
schaft«, die »technologische Souve- näre. Die Maßnahmen müssten sich
ränität«, die »kritische Infrastruk- »optimal ergänzen«, sagt der CDU-
tur« oder »den Arbeitsmarkt« ha- Deutschland steht vor dem Abgeordnete Andreas Jung.
ben, so steht es im Gesetz. Die Geschichte der Commerz-
Infrage kommen Fluglinien, de- weitreichendsten Staats- bank-Beteiligung freilich zeigt, wie
ren Maschinen wegen der Pandemie schnell kurzfristige Stützungsaktio-
am Boden bleiben müssen; Reisever- eingriff seit der Finanzkrise. nen zu ungewollten Dauerengage-
anstalter, die keine Geschäfte mehr ments werden können. Jörg Asmus-
machen, oder wichtige Zulieferer, sen, der als Staatssekretär des frü-
denen die Umsätze wegbrechen. So will »Weichenstellungen nutzen«. Schick denkt heren Finanzministers Peer Steinbrück
die Regierung verhindern, dass auslän- zum Beispiel an die Autoindustrie. »Falls (SPD) die Bankenrettung konzipierte,
dische Investoren die Krise zur Schnäpp- der Bund einspringen sollte, muss er blickt deshalb »auch selbstkritisch« auf
chenjagd auf deutsche Unternehmen darauf dringen, dass die Hersteller klima- die damaligen Entscheidungen zurück. Sie
nutzen. neutrale Autos fertigen.« hätten »das System stabilisiert«, seien
Dass sich der Staat an in Not geratenen Von solchen Vorgaben hält die organi- aber »nicht fehlerfrei« gewesen. Zu oft
Firmen beteiligen muss, steht für Experten sierte Unternehmerschaft des Landes we- habe sich der Staat ohne klare Exitstrate-
außer Zweifel. Umstritten ist, unter wel- nig. Der Wirtschaftsflügel der Union gie beteiligt, warnt er. Seine Lehre: »Wer
chen Bedingungen er einsteigen, welche warnt, dass der Staat bei zu vielen und zu- reingeht, muss auch wissen, wie er wieder
Ziele er damit verfolgen und wann er seine dem bei den falschen Unternehmen ein- aussteigt.«
Anteile wieder abgeben sollte. steigen könnte. Die laxen Gesetzesvor- Tim Bartz, Michael Sauga,
Die einen warnen bereits vor einer gaben machten auch Beteiligungen an Be- Gerald Traufetter
schleichenden Verstaatlichung. Die ande- trieben möglich, die lange vor Corona in

74 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Wirtschaft

unbekannten Linde-Manager Christian


Bruch gefunden. Der stand schon vor der
Berufung Sens im Herbst 2019 einmal
auf einer Liste potenzieller Kandidaten.
»Es war eine Fünf-vor-zwölf-Aktion«, be-
schreibt es ein Aufsichtsrat.
Von Siemens und der Energiesparte hat
Bruch wenig Ahnung. Aber dafür gibt es
ja jetzt Kaeser, der schwebt über Bruch
und macht die Ansagen. »Wir haben Klar-
heit geschaffen«, lobte Siemens-Chefauf-
seher Snabe sich selbst, die Verantwortung

NIKOLAI SCHMIDT / D-FOTO


sei nun klar geregelt.
Zunächst ist das ein Sieg für Kaeser. Al-
lerdings ist es auch seine letzte Chance.
Zumindest vorerst scheint ausgeschlossen,
Konzernlenker Kaeser dass er bei Energy bloß jene zwei Jahre
überbrückt, die er braucht, um in den
Siemens-Aufsichtsrat zu wechseln. »Wir
erwarten, dass Kaeser bei Siemens Energy

Joe, der Brutale eine volle Amtsperiode absolviert«, sagt


ein Aufsichtsrat. »Wenn er will«, meint ein
anderer sarkastisch, »kann er ja die Um-
Siemens Joe Kaeser muss um sein Lebenswerk bangen. weltaktivistin Luisa Neubauer doch noch
Deshalb hat er sich eines alten Vertrauten in das Gremium holen.«
entledigt und gibt sogar vorzeitig seinen Chefposten ab. Die Aufsichtsratsmitglieder der Arbeit-
nehmerseite waren erst unschlüssig, ob sie
Kaeser als Chefkontrolleur überhaupt ak-
iemens-Chef Joe Kaeser ist ein Mann, stand und kurzzeitige E.on-Manager Mi- zeptieren sollten. Sie hatten ihn zu oft als
S der sich gern ein paar Türen offen
hält. Monatelang hatte er seine Vor-
standskollegen und den Aufsichtsrat im Un-
chael Sen. Der polyglotte Manager war im
Konzern zuvor schon für vieles gehandelt
worden, manch einer hielt ihn sogar für
harten Gegenspieler der Gewerkschaften
erlebt. Doch in Einzelgesprächen in seinem
Büro – immer mit dem einzuhaltenden Si-
klaren darüber gelassen, wie er sich seine den geeigneten Nachfolger Kaesers. cherheitsabstand von zwei Metern – über-
Zukunft vorstellt. Er hatte damit gelieb- Noch im vergangenen September hatte zeugte er die Skeptiker. Auf ihn und den
äugelt, seinen Vertrag als Vorstandschef Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hagemann neuen Energy-Chef Bruch wartet nun eine
noch über Februar 2021 zu verlängern – Snabe in Sen den idealen Kandidaten für wahre Herkulesaufgabe. Schon vor der
trotz des ihm an die Seite gestellten Stell- den neuen Energy-Chefposten gesehen. Sen Coronakrise war es schwierig, Anleger für
vertreters. Oder nach einer Abkühlungs- kennt die Branche, kann gut auftreten und das in Misskredit geratene Geschäft mit
phase von zwei Jahren an die Spitze des Politikern auf Augenhöhe be- Kohlekraftwerken, Gasturbi-
Siemens-Aufsichtsrats zu wechseln. Kaeser gegnen. Er entsprach damit Siemens-Konzern nen oder US-Frackingfirmen
sondierte. Kaeser taktierte. Kaeser wog ab. den Kriterien, die Snabe fest- Umsatz im Geschäftsjahr zu gewinnen. Ex-Chef Sen
Es ging dabei nicht nur um die Frage, ob gelegt hatte. 2018/19, in Mrd. € versuchte deshalb, sein Unter-
er seinen Ruhestand um einige Jahre ver- Doch Sen und Kaeser ver- nehmen als Spezialisten für
künftiges rechtlich
schieben würde. Es ging um sein Lebenswerk. hakten sich mehr und mehr Kern- selbstständige die Begleitung in die CO2-
Denn Kaeser – der sich gern mit dem Nim- in einen erbitterten Macht- geschäft Bereiche freie Zukunft zu verkaufen –
bus des kreativen Zerstörers umgibt, der kampf. Sen wollte möglichst Digital auch wenn diese Sparte bis-
Altes abwirft, um Neues zu schaffen – hat viel Abstand zum Mutter- Industries, lang nur ein Drittel zum Um-
Smart
Siemens in eine riskante Lage manövriert. konzern. »Die Unabhängig- Infrastructure 30,0 Energy satz beiträgt.
Alles hängt an dem für Ende September keit muss auch nach außen Seit dem Ausbruch der Pan-
geplanten Börsengang der Energiesparte. hin sichtbar werden«, forder- demie ist der Energiemarkt
Scheitert das Vorhaben, ist auch Kaesers te er im Dezember 2019 im 14,5 aber völlig aus den Fugen
31,3
Strategie gescheitert, die darauf beruht, kleinen Kreis. Er und seine Healthineers geraten. Niemand weiß, ob
dass die einzelnen Teile von Siemens mehr Kollegen fürchteten, dass die 8,9 Mobility die Wirtschaft nach der Kri-
wert sind als das Ganze. Energy erlangte Energiesparte an der Börse se wieder auf einen Kurs in
traurige Berühmtheit, als Kaeser der Klima- sonst mit einem Siemens- eine CO2-freie Zukunft ein-
aktivistin Luisa Neubauer einen Aufsichts- Malus belegt werden würde. Kaeser dage- schwenkt – oder ob in der erwarteten tiefen
ratsposten anbot, den sie ausschlug. gen wollte die Kontrolle über das Energie- Rezession Investitionen in energiesparende
Vergangene Woche hat sich der Kon- geschäft behalten und es noch möglichst neue Technologien erst einmal aufgescho-
zernboss entschieden. Er räumt den Chef- lang an die Mutter binden, unter anderem ben werden. Auch der billige Ölpreis könn-
posten bei Siemens, um an die Spitze des durch kostenpflichtige Serviceleistungen te viele Firmen dazu bewegen, zunächst
Aufsichtsrats des neuen Energieablegers und die Zahlung von Lizenzgebühren. weiter auf fossile Energieträger zu setzen.
Siemens Energy zu wechseln. Er muss dort Bis zur Hauptversammlung Anfang Wie es weitergeht, entscheidet sich Ende
retten, was noch zu retten ist. Denn um Februar wahrte man mühsam den Schein. Mai. Dann bekommt der Aufsichtsrat die
sein Vermächtnis steht es nicht gut. Für Danach kam es zum Showdown. Weil der Unterlagen für ein weiteres Aktionärstref-
Kaesers Wechsel musste erst einmal der selbstbewusste Sen sich nicht fügte, musste fen zur Energiesparte Anfang Juli – wenn
Chef der künftigen Energiesparte beisei- er gehen, ebenso der Finanzchef. In aller es nicht abgeblasen wird. Dinah Deckstein
tegeschoben werden: der Siemens-Vor- Eile wurde Ersatz gesucht und in dem eher

75
Wirtschaft

Clifford Chance ist die zweite Groß- Aus der Luft gegriffen ist das nicht:

Dumm oder kanzlei, die in den Strudel der Affäre gerät.


Bereits im November hatte die Staats-
anwaltschaft Köln die Räume der ABN
Einige der Kanzleien, die jetzt Cum-Ex-
Fälle aufarbeiten, haben die Banken zuvor
steuerrechtlich dabei beraten, die umstrit-

dreist Amro durchsucht – so gut es eben ging.


Schon damals sei die Aktion durch »die
vor Ort anwesenden Rechtsvertreter« von
tenen Geschäfte zu organisieren.
Clifford Chance etwa berät heute neben
ABN Amro unter anderem auch die fran-
Skandale Nach Freshfields gerät Clifford Chance »in einem Maße er- zösische Société Générale und die HSH
nun auch die Nobelkanzlei schwert« worden, dass die Inspektion weit- Nordbank bei der Aufarbeitung der Cum-
gehend »ergebnislos verlief«. So steht es Ex-Vergangenheit. Die eigene Rolle bei
Clifford Chance in den Strudel im Durchsuchungsbeschluss für die neuer- diesen Deals zulasten der Staatskasse stellt
der Cum-Ex-Ermittlungen. liche Razzia bei der Bank Ende Februar. die Kanzlei als unproblematisch dar: »Clif-
Gegen zwei Anwälte der Kanzlei hat ford Chance selbst hat in der Vergangen-
die Staatsanwaltschaft Köln deshalb ein heit keine Gutachten erstellt, in denen wir

W irtschaftsanwälte sind normaler-


weise eine höfliche Spezies. Doch
als Ermittler Ende Februar die
Frankfurter Niederlassung der niederlän-
Ermittlungsverfahren wegen Strafvereite-
lung eingeleitet. Bei Clifford hält man das
Vorgehen der Fahnder für maßlos, heißt
es im Umfeld der Sozietät.
Cum-Ex-Modelle befürworteten.« Auch
habe zu keiner Zeit die Staatsanwaltschaft
wegen der Förderung von Cum-Ex-Model-
len gegen Clifford Chance ermittelt.
dischen Bank ABN Amro und Büros der Clifford, Freshfields und andere An- Doch so einfach ist es wohl nicht. Zu-
Großkanzlei Clifford Chance durchsuch- waltsfirmen nehmen in der Cum-Ex-Af- mindest einen der Hauptakteure in dem
ten, ging es ungewöhnlich hart zur Sache. färe eine fragwürdige Doppelrolle ein. Sie Steuerskandal hat die Kanzlei beraten:
Die Clifford-Anwälte, so erzählen Augen- beraten Banken, wie diese sich am besten den Broker Icap. 2008 schrieben Clifford-
zeugen, versuchten, die Ermittler Anwälte ein Gutachten für den
vehement daran zu hindern, Be- Broker zu seiner Teilnahme an
weismaterial zu beschlagnahmen, Cum-Ex-Geschäften. Clifford, so
das Aufschluss über eine Beteili- heißt es in einem internen Icap-Do-
gung der Bank am Steuerbetrugs- kument, komme unter anderem zu
system Cum-Ex geben könnte. Ein dem Schluss, dass Icaps Rolle als
Anwalt der Kanzlei habe sich sogar sogenannter Leerverkäufer steuer-
mit dem Hauptbeschuldigten ABN- lich unproblematisch und man von

ARMANDO BABANI / EPA-EFE


Amro-Banker in seinem Büro ver- den deutschen Missbrauchsvor-
schanzt, was die Bank zurückweist. schriften gegen Steuerhinterzie-
Gegen den Geldmanager wird we- hung »nicht gefährdet« sei. Clifford
gen des Verdachts der Steuerhin- knüpfte diese Aussage allerdings
terziehung in besonders schwerem an Bedingungen. Ob Icap diese bei
Fall ermittelt. Clifford berät ABN den Cum-Ex-Deals einhielt und ob
Amro in der Sache. die Anwälte darüber informiert wa-
Die jüngsten Durchsuchungen ren, ist offen.
sind eine wichtige Etappe in der Ein paar Jahre später jedenfalls
mühsamen Aufarbeitung des Cum- begann der Staat, sich das Steuer-
Ex-Skandals. Dutzende Banken, geld zurückzuholen, dass er durch
ALEXANDER EILENDER / METROPOL IMAGES

Investoren und Broker sollen dem Cum-Ex-Geschäfte verloren hatte.


Staat über Jahre einen zweistelligen Als Ende 2011 der erste große Cum-
Milliardenbetrag aus der Tasche ge- Ex-Fall bei der HypoVereinsbank
zogen haben, indem sie sich über (HVB) aufflog, kooperierte die
ein System raffinierter Aktienge- Bank mit den Ermittlern, zahlte
schäfte mehrfach Kapitalertragsteu- Steuern zurück und ging juristisch
er hatten erstatten lassen, die zuvor gegen ehemalige Geschäftspartner
nur einmal abgeführt worden war. vor, unter anderem gegen Icap.
ABN Amro verweist darauf, man Vertreten wurde die HVB dabei
führe wegen der Cum-Ex-Geschäfte Polizeieinsatz bei ABN Amro 2019, Clifford-Chance-Büro von Clifford Chance. Ausgerechnet.
derzeit keine Auseinandersetzung Aufklärung erschwert Ob dieser Seitenwechsel nur
mit deutschen Steuerbehörden. dumm oder auch dreist war, bleibt
Vergangene Woche verurteilte das Land- wehren und mit den Steuerbehörden über Cliffords Geheimnis. Jedenfalls legten die
gericht Bonn erstmals zwei an Cum-Ex- Rückforderungen einigen. Ermittler berich- Juristen das HVB-Mandat wegen des mög-
Geschäften beteiligte Wertpapierhändler. ten jedoch, die Anwälte würden die Auf- lichen Interessenkonflikts bald nieder. Die
Weil sie auspackten, kamen sie mit Bewäh- klärung zum Teil enorm erschweren. Mal Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen
rungsstrafen davon. würden Daten in die Cloud verschoben, Icap, sie hält den Broker offenbar für einen
Doch nicht nur Banker und Händler auf Server, die für die Fahnder nicht zu- wichtigen Spieler im Cum-Ex-System.
sollen zur Rechenschaft gezogen werden. gänglich sind; mal werde aus Datenschutz- Icap äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.
Im Januar erhob die Generalstaatsanwalt- gründen die Herausgabe von Informatio- Gegen Clifford gehen die Ermittler in die-
schaft Frankfurt Anklage gegen zwei nen verweigert; mal würden – wie im Fall ser Sache nicht vor.
Steueranwälte der Kanzlei Freshfields. ABN Amro – Räume verschlossen. »Wir Sobald es die Coronakrise wieder er-
Die weisen die Vorwürfe zwar zurück, haben den Verdacht, dass Rechtsberater laubt, wollen sie den Kampf gegen das Sys-
klar ist damit aber: Die Ermittler sehen mitunter auch aus Eigeninteresse eher ver- tem Cum-Ex fortsetzen.
die Kanzleien als Teil des Betrugssys- schleiern als aufklären«, heißt es in Ermitt- Tim Bartz, Martin Hesse, Jörg Schmitt
tems. lerkreisen.

76 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


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Ausland

ED JONES / AFP
Ein junges Paar in Seoul sitzt im Auto und schaut auf das Handy. Die beiden Bewohner der südkoreanischen
Hauptstadt haben sich in die Wagenschlange eines Drive-in-Kinos eingereiht, um so einen Film zu sehen. Wegen
der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus sind im ganzen Land die Kinobesuche stark zurückgegangen.
Die Behörden raten auch hier, Menschenansammlungen zu meiden. Autokinos werden deshalb immer beliebter.

Jemen konnten nicht beigelegt wer- Mali etwa Bewaffnete vom Stamm
den. Eine drohende Covid-19- der Dogon Dörfer der Fulani.
Kämpfe und Pandemie war der Exilre-
Auf dem Weg 2019 kamen 456 Zivilisten
Krankheiten gierung des Jemen in Riad in zum »failed state« ums Leben. Es war das töd-
ihrem letzten Bulletin nur lichste Jahr, seit Mali 2012 ins
G Der Krieg eskaliert – trotz eine Erwähnung wert: Ihr G Diese Woche verlängerte Chaos abrutschte. Damals
der Corona-Gefahr. Die Premier habe ein Gespräch die EU ihre Ausbildungsmissi- hatten Islamisten die Auf-
Huthi-Rebellen greifen seit mit dem Chef der WHO on im Bürgerkriegsland Mali. standsbewegung der Tuareg
Wochen die von Saudi-Ara- geführt. Die Weltbank hat Zudem sind gerade im Camp im Norden gekapert, in der
bien geführte Koalition ver- nun 26,7 Millionen US-Dollar Castor bei der nordmalischen Hauptstadt putschte das Mili-
mehrt an, denn die ist nach Hilfe für das desolate Gesund- Stadt Gao 983 Bundeswehr- tär. Ein französischer Militär-
dem weitgehenden Abzug heitssystem zugesagt, das soldaten im Rahmen der Uno- einsatz konnte verhindern,
der Vereinigten Arabischen bislang keinen Infektionsfall Friedensmission Minusma sta- dass Bamako fiel. Paris schick-
Emirate geschwächt. Die im Land gemeldet hat. Mit tioniert. Das Land entwickelt te Elitesoldaten, die radikale
Huthis attackieren Marib, Beginn der Regenzeit im sich nach anfänglichen Erfol- Milizen bekämpfen. Im Janu-
die einzige halbwegs funktio- April droht dem dicht besie- gen zum »failed state«. Fast ar ließ Macron die Truppe
nierende Großstadt im Land, delten Hochland zudem eine wöchentlich gibt es Anschläge aufstocken. Für die internatio-
sowie die Nordprovinz bereits bekannte, nicht min- auf internationale Truppen nalen Helfer ist das Land fast
Dschauf. Auch die 2019 ausge- der fatale Gesundheitsgefahr: oder Malis Armee und die so gefährlich wie Afghanistan,
brochenen Kämpfe zwischen Cholera. Die im Jemen tätige Zivilbevölkerung. Im Norden es liegt zudem dichter an
den nominell verbündeten internationale Hilfsorganisa- treiben islamistische Kampf- Europa. Eine der wichtigsten
jemenitischen Bodentruppen tion Oxfam rechnet für 2020 gruppen ihr Unwesen, in Schmuggelrouten für Waffen,
Saudi-Arabiens und den Mili- abermals mit etwa einer Mil- Zentralmali eskalieren ethni- Drogen und Menschen führt
zen der Emirate im Süden lion Infizierten. CRE sche Konflikte, überfallen durch das Saharaland. JPU

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 79


Coronakrise

Die verdrängte Katastrophe


USA Präsident Donald Trump will sein Land in gut zwei Wochen wieder für das Geschäftsleben
öffnen. Dabei stößt das Gesundheitssystem schon jetzt an
seine Grenzen. Viele Amerikaner sind geradezu gezwungen, ihr Leben zu riskieren.

M
iquesha Willis aus Daly City Allmächtige habe eine Plage geschickt, so Handy und die Autoversicherung bezah-
bei San Francisco hat vor ein wie es in der Offenbarung des Johannes len soll. »Ich bete dafür, dass wir nicht
paar Tagen ihren Job bei angekündigt sei. »Der Herr ist wütend auf krank werden.«
einer Trockenbaufirma verlo- die Welt«, glaubt Willis. Wenn das so ist, Denn kaum ein Gesundheitssystem der
ren: wegen Corona. »Damit ist auch meine trifft die Wut Gottes nun auch sie. westlichen Welt ist so schlecht auf die Co-
Krankenversicherung weg«, sagt die allein- Sie sitzt in einer Sozialberatungsstelle, ronakrise vorbereitet wie das der USA.
erziehende Mutter. Ihr Sohn Tobias, zwei um sich für die spärliche staatliche Arbeits- Die Krankheit, die sich in rasendem Tem-
Jahre alt, kritzelt mit Buntstiften auf einem losenhilfe zu bewerben. Ihr ganzes Leben po in dem Land verbreitet, wird vor allem
Blatt Papier herum. »Alle halten ihn für lang hangelte sie sich von einem Gehalts- die Schwachen treffen, Frauen wie Mi-
ein Mädchen«, sagt die Mutter und fährt scheck zum nächsten, Ersparnisse, sagt sie, quesha Willis, die schon vor dem Ausbruch
dem Jungen über das lange, zum Dutt ge- habe sie keine. Ihr Glück ist, dass sie erst der Epidemie mehr schlecht als recht über
bändigte Haar. einmal bei ihrer Mutter Unterschlupf ge- die Runden gekommen sind. Für mehr als
Willis ist 32, glaubt an Gott und sieht in funden hat. Und doch macht sich Willis die Hälfte der Amerikaner hängt die Kran-
dem Coronavirus einen tieferen Sinn. Der Sorgen, wie sie die Rechnungen für das kenversicherung direkt am Job; wenn in

MARCUS SANTOS / DPA

Wartende vor Testzentrum am Metropolitan Hospital Center in New York: Gravierendes Behördenversagen

80 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


den kommenden Monaten Millionen US- »Renne ich in die Notaufnahme und rette
Bürger ihre Arbeit verlieren, werden sich ihn, aber gefährde mich selbst? Oder warte
viele den Gang zum Arzt nicht mehr leisten ich, bis der Schrank aufgeschlossen wird?
können. Dazu kommen 27,5 Millionen Dann könnte es für den Patienten zu spät
Menschen, die schon jetzt keinerlei Versi- sein.« Wenige Tage nach dem Gespräch
cherungsschutz besitzen und für die es den mit dem SPIEGEL meldet sich der Arzt
Ruin bedeuten könnte, wenn sie mit einer mit Fieber krank und geht in freiwillige
Infektion ins Krankenhaus müssten. Quarantäne.
Schon in dieser Woche haben drei Mil- Die knappen Ressourcen offenbaren ein
lionen Menschen Antrag auf Arbeitslosen- grundsätzlicheres Problem: Kein Gesund-
hilfe gestellt, so viele wie noch nie in einem heitssystem der entwickelten Welt ist so
so kurzen Zeitraum. Insofern ist es nicht teuer und produziert doch so klägliche
verwunderlich, dass die Botschaft Donald Ergebnisse wie das der USA. Rund 10 000
Trumps, das Land nach Ostern wieder für Euro kostet im Durchschnitt die medizini-
das Geschäftsleben zu öffnen, so populär sche Versorgung eines US-Bürgers pro

GUIDO MINGELS / DER SPIEGEL


ist. 60 Prozent der Amerikaner sind im Jahr, in Deutschland und Frankreich ist es
Moment mit seinem Krisenmanagement zu- etwa die Hälfte. Aber das Geld fließt zum
frieden, und das liegt auch daran, dass sich Großteil in die Kassen der Versicherungs-
viele US-Bürger wirtschaftlichen Stillstand konzerne und der Pharmaindustrie.
schlicht nicht leisten können. 40 Prozent sa- »Das Gesundheitssystem kümmert sich
gen laut einer Untersuchung der amerika- nur um die Shareholder der Unternehmen.
nischen Zentralbank, dass sie schon Schwie- Das wird sich ändern müssen«, sagt der
rigkeiten hätten, eine unerwartete Rech- Arbeitslose Willis New Yorker Arzt. Die Coronakrise sei die
nung in Höhe von 400 Dollar zu bezahlen. »Der Herr ist wütend auf die Welt« »große Abrechnung« mit den Fehlentwick-
»Die USA sind nicht dafür gemacht, dass lungen der vergangenen Jahre.
wir einfach den Laden schließen«, sagte Diese Rechnung, so viel lässt sich jetzt
Trump an diesem Montag und sprach damit »Nichts in deinem Leben oder in deiner schon sagen, wird sehr hoch sein. Und sie
vielen seiner Mitbürger aus dem Herzen. Ausbildung kann dich auf so etwas vor- wird nicht nur in Dollar und Cent be-
Der Präsident steht jetzt praktisch täglich bereiten«, sagt ein Notarzt, der im New glichen, sondern auch mit dem Leben vie-
im Presseraum des Weißen Hauses. Es ist York-Presbyterian Hospital auf der Upper ler Menschen. Wer es sich leisten kann,
seine Bühne in dieser Krise, und wer ein East Side arbeitet und schon seit Tagen hat New York verlassen und sich in Ge-
bisschen Trost und Zuspruch braucht, der fast ohne Unterbrechung Zwölf-Stunden- genden abgesetzt, die nicht so stark von
kann auf ihn zählen. Trump berichtet von Schichten schiebt. Er will seinen Namen der Epidemie betroffen sind. Der Gouver-
einem Malariamedikament, das angeblich nicht nennen, weil er offiziell nicht mit der neur von Florida hat deshalb schon ein
Anlass zur Hoffnung gebe; er spricht von Presse sprechen darf. Als er beschreibt, Dekret herausgegeben, das all jenen New
den Todesraten, die viel geringer seien als was in seiner Notaufnahme los ist, bricht Yorkern, die ein Haus im Süden gemietet
von den Experten behauptet. Und er sagt: der kräftige Mann in Tränen aus. haben, eine 14-tägige Quarantäne vor-
»Die Therapie darf nicht schlimmer sein Fast hundert Prozent aller Patienten auf schreibt.
als die Krankheit selbst«, ein Spruch, den den Intensivstationen seines Krankenhau- Wer in der Stadt bleibt, muss sich auf
er sich offenkundig von dem Fox-News- ses seien inzwischen Covid-19-Patienten, harte Zeiten einstellen. »Wir stehen vor
Moderator Steve Hilton abgeschaut hat. erzählt er. Selbst die Operationssäle wür- dem Kollaps«, sagt der Brooklyner Be-
Das Problem ist nur, dass sich das Virus den nun mit Intensivbetten belegt. Für die zirkspräsident Eric Adams. Der New Yor-
weder um die Spielregeln des amerikani- Ärzte sei es enorm schwer, sich selbst vor ker Gouverneur Andrew Cuomo nennt
schen Kapitalismus schert noch von dem einer Infektion zu bewahren. Es fehle an das Virus einen »Hochgeschwindigkeits-
Zweckoptimismus des Präsidenten beein- einfachster Schutzkleidung: Kittel, Hand- zug«, der alles überrollen werde. 53 000
drucken lässt. Amerika besteht im Mo- schuhe, Atemmasken, Brillen. Das Mate- Krankenhausbetten gibt es in dem Staat,
ment aus zwei Welten: Die eine wird von rial sei so knapp, dass es in einem Schrank den Bedarf schätzt Cuomo auf 140 000.
Trump kreiert, der so tut, als gäbe es schon unter Verschluss sei. Werde ein Corona- Noch schlimmer sieht es bei den Beat-
in rund zwei Wochen eine Rückkehr zur Patient eingeliefert, stehe er selbst vor mungsgeräten aus. Als die US-Katastro-
Normalität. Die Gelassenheit überträgt einer schwierigen Wahl, sagt der Arzt: phenschutzbehörde Fema Cuomo in die-
sich auf viele Anhängerinnen und Anhän- ser Woche 400 zusätzliche Apparate zu-

27,5
ger, die davon überzeugt sind, dass die Pan- sagte, erklärte der Gouverneur: »Was soll
demie schon nicht so schlimm werde. Er ich mit 400 Beatmungsgeräten, wenn ich
hoffe darauf, sagte Trump, dass am Oster- 30 000 brauche?«
sonntag die Kirchen wieder voll seien. Schon jetzt seien viele Krankenhäuser
Die andere Welt ist in der Metropole von dem Ansturm der Patienten überwäl-
New York zu begutachten, die sich zum tigt, sagt Lawrence Gostin, der den ehe-
Epizentrum der Pandemie entwickelt. Bis maligen Präsidenten Barack Obama bera-
zum Donnerstagabend wurden dort mehr ten hat und nun öffentliche Gesundheit an
als 20 000 Menschen positiv getestet. Nir- Millionen US-Bürger der Georgetown Universität lehrt. »Die
gendwo in den Vereinigten Staaten zeigt Hospitäler beginnen damit, geplante Ope-
die Kurve der bestätigten Infektionsfälle
waren 2018 ohne Kranken- rationen abzusagen. Und wenn die Zahlen
so steil nach oben. Es ist wahrscheinlich versicherung. Das weiter ansteigen, werden sie zur Triage
nur eine Frage von Tagen, dass es in der waren 8,5 Prozent der übergehen«, jener Strategie der Kriegs-
Stadt mehr Infizierte geben wird als im medizin, die schon in Italien angewendet
chinesischen Wuhan, von wo die Krank- US-Bevölkerung. wurde. Danach entscheiden Ärzte wegen
heit im Dezember ihren Ausgang nahm. Quelle: United States Census Bureau Ressourcenknappheit nach bestimmten

81
eher die Ausnahme. Obdachlose haben
ein erhöhtes Risiko für chronische Lungen-
erkrankungen. Wenn sie sich infizieren, so
warnen Mediziner, ist die Wahrscheinlich-
keit deutlich höher, dass die Krankheit
einen schweren Verlauf nimmt. »Viele Äl-
tere hier sind ziemlich nervös«, sagt Roth.
»Die meisten wissen nicht, wohin sie gehen
könnten, wenn sie krank werden. Und ob
sie dann Hilfe erhalten.«
Diese Unsicherheit, sagt Adrian Agui-
lera, werde viele Menschen davon abhal-
ten, sich testen zu lassen, selbst wenn sie
Fieber und Husten haben. Aguilera forscht

DREW ANGERER / GETTY IMAGES


an der School of Social Welfare der Uni-
versität Berkeley zu Fragen der Ungleich-
heit im amerikanischen Gesundheits-
system. Für ihn ist klar: Die Pandemie
werde diese Ungleichheiten noch verstär-
ken. Und sie werden, umgekehrt, die Krise
verschärfen und die Ausbreitung von
Politiker Trump*: »Die USA sind nicht dazu gemacht, dass wir einfach den Laden schließen« Covid-19 begünstigen.
Laut einer Studie der Universität Har-
vard aus dem Jahr 2009 sterben jedes Jahr
Kriterien darüber, welcher Patient noch in rige lebt in einer Obdachlosenherberge 45 000 Amerikaner als direkte Folge einer
den Genuss einer Behandlung kommt – in einen Hafengebiet von San Francisco. fehlenden Krankenversicherung. Millio-
und wer seinem Schicksal überlassen wird. 75 Menschen schlafen dort auf engem nen Menschen haben keinen Hausarzt, sie
Bereits in der Vorbereitung auf die Krise Raum. »Sechs Fuß Abstand werden jetzt vermeiden medizinische Kosten, bis es
habe die Regierung Trump gravierende empfohlen, aber unsere Betten sind einen nicht mehr geht und sie schwer erkrankt
Fehler begangen, sagt Lawrence. Die Seu- Fuß voneinander entfernt«, sagt Roth – in die Notfallaufnahme fahren. Sie sind
chenbehörde CDC entwickelte ihr eigenes ein Fuß, das sind rund 30 Zentimeter. für das Gesundheitssystem oft unsichtbar.
Corona-Testkit, statt auf ein funktionieren- Roth musste im Dezember ins Kranken- »Was nicht bedeutet«, sagt Aguilera, »dass
des der Weltgesundheitsorganisation zu- haus, weil er bei einem Überfall verletzt sie sich nicht anstecken und das Virus un-
zugreifen. Das CDC-Verfahren lieferte wurde. Er verlor seinen Job, geriet aus bemerkt weiterverbreiten können.«
aber keine verlässlichen Ergebnisse und dem Tritt, landete auf der Straße. Die durchschnittliche Lebenserwartung
musste wieder zurückgezogen werden. Bis Roth, der zu besseren Zeiten mehrere in den USA lag 2015 bei 78,7 Jahren, ein
weit in den März hinein wurden in den Start-ups gründete, ist froh, dass er relativ für ein westliches Land ohnehin schon
USA nur ein paar Hundert Tests pro Tag jung und bei guter Gesundheit ist. Damit niedriger Wert. In den vergangenen Jahren
vorgenommen, was bis heute dafür sorgt, ist er in seiner Notunterkunft vermutlich ging sie aber noch einmal zurück auf
dass die US-Regierung nur ahnen kann, 78,5 Jahre, was auf dem Niveau von Alba-
wie viele Bürger sich tatsächlich mit dem nien liegt. Einen solchen Rückgang hat es
Virus angesteckt haben. Krankes System in der jüngeren Vergangenheit in keinem
»Es ist sehr bedauerlich, dass es so lange anderen entwickelten Land gegeben. Ein
Anteil der Gesundheits- Ärzte
gedauert hat, bis wir das Testregime in Grund für die niedrige Lebenserwartung
Gang bekommen haben«, sagt der Epide-
ausgaben am BIP je 1000
ist das Übergewicht vieler Amerikaner.
2018, in Prozent Einwohner
miologe John Ioannidis, der an der Uni- Die Fettleibigkeit ist auch ein Grund dafür,
versität Stanford lehrt. »Das beraubt uns USA 16,9 dass rund elf Prozent der Bevölkerung an
nun der Fähigkeit, möglichen Infektions- Diabetes leiden – einer Krankheit, die das
herden nachzuspüren sowie den Personen, 2,6 Risiko für einen schweren Verlauf einer
die mit ihnen in Kontakt standen.« Schweiz 12,2 Covid-19-Infektion zu erhöhen scheint.
Es könne keinen Zweifel daran geben,
4,3
Aber nicht nur behördliches Versagen dass das privatwirtschaftlich organisierte
macht es dem Virus leicht. Der Erreger Deutschland 11,2 Gesundheitssystem die Bekämpfung des
profitiert auch von der extremen sozialen 4,3
Virus erschwere, sagt Jonathan Gruber,
Ungleichheit in den USA, wo es rund eine Wirtschaftswissenschaftler am MIT in
halbe Million Obdachlose gibt. Auf der Frankreich 11,2 Cambridge und einer der Architekten der
Straße und in den Notunterkünften ist das 3,2 Gesundheitsreform, die Trumps Vorgän-
Ansteckungsrisiko immens. Und es ist ger Barack Obama auf den Weg brachte.
schwer, einen Menschen zu isolieren, der Großbritannien 9,8 Wie schnell die Krankenversicherung
kein Dach über dem Kopf hat. 2,8 weg sein kann, bekommen gerade Tausen-
Es wäre eine Katastrophe, wenn in de ehemalige Kampagnen-Mitarbeiter von
Spanien 8,9
seiner Notunterkunft das Virus um sich Michael Bloomberg zu spüren, die vor die
greifen würde, sagt Marc Roth. Der 45-Jäh- 3,9 Tür gesetzt worden sind, nachdem der
Italien 8,8 ehemalige New Yorker Bürgermeister von
* Mit Vizepräsident Mike Pence (links) und Finanzmi- einem Tag auf den anderen seine Präsi-
nister Steven Mnuchin im Weißen Haus. Quelle: OECD 4,0 dentschaftskandidatur zurückgezogen hat.

82
Coronakrise

Die Entlassung nehme den Mitarbeitern Joseph Renice, 71, aus dem kaliforni- don Breed als »essenzielle« medizinische
nicht nur das versprochene Einkommen, schen Mill Valley, ist Uber-Fahrer mit Dia- Dienstleister eingestuft wurden.
sondern es beraube »sie und ihre Familien mantenstatus, der Höchstbewertung in sei- Wer sich mit Menschen wie Renice un-
in einer Pandemie auch des Schutzes nem Beruf. Er fährt seinen Lexus derzeit terhält, der versteht, warum so viele Ame-
durch eine Krankenversicherung«, heißt mit Atemschutzmaske und Handschuhen. rikaner mit Trump einverstanden sind.
es in einer Sammelklage, die ehemalige »Den Diamanten kriegt man«, erklärt Re- Amerika kennt kein Kurzarbeitergeld und
Bloomberg-Angestellte vor einem Bundes- nice, »wenn man keine Fahrten ablehnt, keine Arbeitslosenversicherung europäi-
bezirksgericht in New York eingereicht ha- egal in welche Gegend sie führen und egal scher Prägung. Viele Senioren finanzieren
ben. Bloomberg erklärte sich darauf im- wer der Fahrgast ist.« Nachrichten von Ta- sich den Lebensabend mit Aktienfonds,
merhin bereit, die Krankenversicherung xifahrern, die in San Francisco oder New und die Digitalisierung hat in den USA ein
bis Ende April zu zahlen. York nicht mehr nach Chinatown fahren Millionenheer vor Freiberuflern geschaf-
Die US-Regierung hat zwar zugesagt, wollten oder keine asiatisch aussehenden fen, das sich von einem Auftrag zum nächs-
dass sich jeder Amerikaner kostenlos tes- Fahrgäste aufnahmen, haben in den USA ten hangelt und sofort von einer Wirt-
ten lassen kann. Auch ein Arztbesuch we- Schlagzeilen gemacht. schaftskrise erfasst wird. Leute wie Renice.
gen einer Infektion wird noch aus der Renice zählt nicht zu ihnen. Neulich hät- Renice ist ein Anhänger des Präsiden-
Staatskasse bezahlt, das hat vergangene ten sich drei Chinesen zu ihm in den Lexus ten, von denen es in Kalifornien nicht
Woche der US-Kongress beschlossen. Aber gesetzt, erzählt er. Sie hätten 20 Tüten mit so viele gibt. Ihm gefällt es, dass Trump
sobald ein Corona-Patient im Hospital lan- Lebensmitteln in seinem Kofferraum ver- darüber nachdenkt, das Land nach Ostern
det, springt der Staat in der Regel nicht staut. »Wenn einer von denen Corona hat- wieder für Geschäfte zu öffnen. »Viel
mehr ein. Und eine Krankenhausbehand- te, hab ich’s jetzt auch«, sagt er. Er ist über länger würde ich das eh nicht aushalten.«
lung kann selbst jene Amerikaner in die 70 und gehört damit zweifellos zur Risi- Die Frage ist nur, ob das Land eine so
Schulden treiben, die im Prinzip über eine kogruppe. »Klar hab ich Angst«, sagt Re- schnelle Rückkehr zur Normalität aushal-
Police verfügen. Viele amerikanische Kran- nice. »Ich kenne keinen Fahrer, der derzeit ten wird.
kenversicherte haben einen Vertrag abge- keine Angst hat.« »Nach dem Höhepunkt der Infektions-
schlossen, der im Schadensfall eine Zuzah- Aber Renice fährt weiter. Er braucht das welle müssen wir mindestens drei Wochen
lung von mehr als tausend Dollar vorsieht. Geld. Normalerweise verdient er an guten warten, bis das Business wieder losgeht«,
Zynischerweise sind es gerade die Be- Tagen 300 Dollar, derzeit sind es weniger sagt Jonathan Gruber vom MIT. »Ansons-
schäftigten mit schlecht bezahlten Jobs, die als 100, und das, obwohl er sein Business ten sorgen wir nur dafür, dass die Epide-
in der Coronakrise unverzichtbare Aufga- schon ausgebaut hat und nun auch Haus- mie noch schlimmer wird.«
ben leisten: die Kassiererinnen in den Su- lieferungen übernimmt, »vor allem von Gouverneur Andrew Cuomo schätzt,
permärkten, die Fahrer von Lieferdiensten, Marihuanahändlern, die haben derzeit Be- dass die Infektionskurve in New York City
Polizistinnen und Müllmänner. Viele Ame- stellungen wie verrückt«. im April ihre Spitze erreichen wird – just
rikaner können es sich aber auch ganz ein- Die Cannabisläden in San Francisco wa- dann, wenn Trump die USA auf Hoch-
fach nicht leisten, sich über Wochen aufs ren zunächst wie die meisten anderen Ge- touren laufen lassen will.
Sofa zu setzen. Und Homeoffice ist nur eine schäfte geschlossen worden, bis sie nur Guido Mingels, René Pfister, Marc Pitzke
Alternative, wenn man einen Bürojob hat. einen Tag später von Bürgermeisterin Lon-

WINNI WINTERMEYER / DER SPIEGEL

Uber-Fahrer Renice in San Francisco: »Klar hab ich Angst«

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 83


A
m 8. März gab Giuseppe Conte
ein bemerkenswertes Interview.
In der Nacht zuvor hatte er die
Lombardei und benachbarte Re-
gionen absperren lassen, eine rote Zone
mit mehr als 16 Millionen Einwohnern.
Nun sprach er davon, welche Lektüre ihn
gerade inspiriere. »In diesen Tagen habe
ich an Churchill gedacht«, sagte er, »dies
ist unsere dunkelste Stunde.«
Seit bald zwei Jahren ist Conte, partei-

CHIGI PALACE / HANDOUT / EPA-EFE / SHUTTERSTOCK


los, Ministerpräsident von Italien. Seine
Karriere ist eine der erstaunlichsten, die
es zurzeit in der europäischen Politik zu
betrachten gibt. Es ist noch nicht lange her,
da war der 55-Jährige so gut wie un-
bekannt. Er war Anwalt für Zivilrecht in
Rom, Juraprofessor und schrieb Bücher
über das Vertragsrecht, für die sich nur
Fachleute interessierten.
In der Politik ist er, wie Angela Merkel,
Seiteneinsteiger. Und wie die Kanzlerin
wurde Conte anfangs unterschätzt und be-
lächelt. Manchmal wirkte es, als wäre er
bei ihr in die Schule gegangen, so unge-
rührt steckte er die Seitenhiebe, den Spott,
die verdeckten Attacken seiner politischen
Freunde und Gegner weg. Dass er sich
überhaupt so lange an der Macht halten
könnte, hätten im Land der permanenten
Regierungswechsel nur wenige erwartet.
Aber kann Conte auch Churchill? In
seinen Kriegsreden hatte der britische
Premier 1940 »Blut, Schweiß und Tränen«
versprochen: »Wenn wir scheitern, ver-
sinkt die ganze Welt, einschließlich der
Vereinigten Staaten, und alles, was wir ken-
nen und schätzen, im Abgrund.« 80 Jahre
nach der Churchill-Rede hat Conte einen
anderen berühmten Satz hinzugefügt:
SERGIO RAMAZZOTTI / PARALLELOZERO

»Wir schaffen das«, sagte er – wie einst


Merkel in der Flüchtlingskrise.
Die italienische Politik ist nicht mehr
wiederzuerkennen. Noch Mitte Februar
wäre Contes Regierung fast über eine Jus-
tizreform gestürzt, deren Details kaum je-
mand verstand. Jetzt ist sie im Kampf ge-
gen Covid-19 zum Modell für die halbe
Krisenmanager Conte, Särge im Krankenhaus Papa Giovanni XXIII. in Bergamo Welt geworden. Selbst Corona-Relativie-
Weltweit die meisten Toten rer wie Donald Trump in den USA und
der britische Premier Boris Johnson sahen
sich gezwungen, Roms drastische Maßnah-
men zu kopieren.
Und vielleicht kann Italien, das so früh

»Wir schaffen und so hart vom Virus getroffen wurde,


auch in den nächsten Tagen und Wochen
als Blaupause dienen – wenn es als erstes

das«
westliches Land eine Trendwende errei-
chen und vor Franzosen, Spaniern und
Deutschen womöglich die nächste Phase
avisieren kann: eine behutsame Rückkehr
des öffentlichen Lebens.
Italien Premier Giuseppe Conte steuert seine Nation seit Für die Menschen zwischen Südtirol
Wochen durch einen Albtraum. Jetzt hofft er und Sizilien ist es seit Wochen ein vertrau-
tes Ritual. Jeden Abend um 18 Uhr tritt
auf eine Trendwende, erste Anzeichen dafür gibt es. Italiens oberster Katastrophenmanager,
Taugt das Land gar als Blaupause? Zivilschutzchef Angelo Borrelli, vor die

84 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Coronakrise

Kameras und verkündet die neuesten Co- men mehr als hundert weitere Covid-19- Die Belastungsprobe für das politische
rona-Zahlen. Dass er am Mittwoch fehlte, Patienten in die Notaufnahme, sie brau- System ist nicht minder hart. Und sie wird
war ein schlechtes Zeichen. Ausgerechnet chen Sauerstoff und landen in sogenannten härter, je länger die Krise dauert.
er, der immer wieder die Bedeutung des subintensiven Bereichen oder auf der In- Seit fast drei Wochen steht das komplet-
Händewaschens und Abstandhaltens be- tensivstation, die zu den größten Europas te Land unter Quarantäne, die freiwillige
tonte, hat nun ebenfalls Fieber. gehört. »Seit dem 21. Februar kamen Isolation hinterlässt Spuren. Auch Politi-
Aber die Statistiken seiner Behörde 1600 Patienten zu uns«, sagt Roberto Co- ker verlieren die Geduld. Eigentlich sollten
machen Mut. Seit vergangenem Sonntag sentini, der Leiter der Notaufnahme. Am sie abwarten, bis die Maßnahmen greifen
flacht die Kurve der Neuinfektionen ab. schlimmsten ist es am frühen Abend, wenn und sich die Trendwende bestätigt. Doch
Weniger Corona-Patienten sterben, mehr bei Infizierten draußen das Fieber steigt Bürgermeister und Regionalpräsidenten
genesen, der Andrang auf die völlig über- und Angehörige den Krankenwagen rufen. überbieten sich mit Vorschriften, die den
lasteten Krankenhäuser Norditaliens lässt Covid-19 sei für ihn wie ein nicht enden Bürgern das Leben weiter erschweren.
ein wenig nach. Falls sich der Trend bestä- wollendes Erdbeben, sagt Cosentini: »Je- In Bozen wird bestraft, wer sich auf eine
tigt, falls die Kurve nicht nur flacher wird, den Tag gibt es eine neue Erschütterung.« Bank im Freien setzt, während die apuli-
sondern demnächst sinkt, dann hat der Aus der ganzen Welt hat das Ospedale sche Stadt Barletta ihre Bänke zur Sicher-
harte Kurs gewirkt. Papa Giovanni XXIII. Hilfe bekommen, heit gleich ganz abmontierte. Die Stadt
Die Italiener zahlen dafür einen hohen demnächst soll ein Feldlazarett Entlastung Vicenza hat alle Fahrradwege gesperrt, ein
Preis. Auch, aber nicht nur, weil sie welt- schaffen. In dieser Woche haben 13 Ärzte Bürgermeister in Kalabrien verhängte ein
weit die meisten Toten zu beklagen haben. der Klinik in einem offenen Brief Alarm nächtliches Ausgehverbot. Joggen ist man-
Die Produktion im ganzen Land steht weit- geschlagen: »Unser Krankenhaus ist hoch- cherorts komplett verboten, anderswo
gehend still, nur überlebenswichtige Be- gradig kontaminiert«, schreiben sie, »die darf man sich mit dem Hund nicht weiter
triebe bleiben offen, niemand weiß, wie Situation ist düster, wir arbeiten weit unter als 200 Meter vom Haus entfernen.
sich die Volkswirtschaft von dem Jahrhun- unseren üblichen Standards.« In Angri, einer Gemeinde in Kampa-
dertschock erholen soll. Die Mediziner warnen in ihrem Brief, nien, dürfen Bürger nur noch einmal pro
Die Ausgangssperren sind streng, die dass die »humanitäre Krise« noch nicht Woche einkaufen, Sizilianer können das
Sanktionen drakonisch. Wer gegen die überstanden sei. Wenn die strengen Maß- Haus nur noch einmal am Tag verlassen.
Auflagen verstößt, riskiert im schlimmsten nahmen gelockert würden, um weitere Venetien schließt am Sonntag alle Lebens-
Fall Strafen von mehreren Tausend Euro wirtschaftliche Folgen zu verhindern, sei mittelläden, andere Regionen halten die
und bis zu fünf Jahre Haft. Passierscheine, bei den Ansteckungen wahrscheinlich ein Geschäfte möglichst immer offen, damit
massive Polizeikontrollen, Drohnen, die weiterer Höhepunkt zu erwarten. sich der Andrang entzerrt.
Einwohner aus der Luft verfolgen: Italien Große Ketten verbieten ihren Kunden,
gleicht einem Überwachungsstaat. In Rom Schreibwaren oder Unterwäsche zu kau-
regiert die Koalition per Dekret, nur zwei- Italien im Ausnahmezustand fen, obwohl beides in ihren Regalen zu fin-
mal in diesem Monat traf der Ministerprä- Bestätigte Corona-Infizierte in den den ist. Lampen hingegen sind erlaubt.
sident die Parteichefs der Opposition, dem Provinzen je 100 000 Einwohner Und in der Lombardei sollen Supermärkte
Parlament stellte er sich am Mittwoch zum die Temperatur ihrer Kunden messen, so
ersten Mal seit dem Ausbruch der Krise. unter 15 bis 50 bis 200 wie es an Flughäfen üblich war, als man
Giuseppe Conte steuert ein Land in per- noch verreiste.
bis 400 mehr als 400
manentem Alarmzustand. Unter seiner »Während das Coronavirus die Italiener
Führung wird Italien zu einem warnenden Bergamo Quelle:
befällt, steckt eine andere Plage unsere In-
Beispiel für den politischen Schaden, den 634 italienisches stitutionen an«, urteilte angesichts zahllo-
Brescia
ein Gemeinwesen, vielleicht sogar zwangs- Gesundheits-
ministerium;
ser Dekrete die Zeitung »La Repubblica«:
läufig, erfahren kann, wenn ein Virus au- 521 Stand: eine Seuche von Dekreten.
ßer Kontrolle gerät. 25. März, 17 Uhr
Fast täglich wenden sich Conte, seine
Minister und die vielen Regionalpräsiden-
Wie dramatisch die Lage trotz ten und Bürgermeister mit Videobotschaf-
langsamer Trendwende weiterhin Cremona ten ans Volk. Die meisten von ihnen rufen
ist, zeigt womöglich kein Ort besser 879 in ruhigen Worten die Italiener dazu auf,
als das Krankenhaus Papa Giovanni die Regeln zu beachten und bitte weiter
XXIII. in Bergamo. Die 120000-Ein- zu Hause zu bleiben, gerade jetzt, da Licht
wohner-Stadt bei Mailand gehört in Lodi am Ende des Tunnels zu erblicken sei.
Italien zum Epizentrum der Krise, und 818 Andere fallen wütend über ihre Bürger
die hochmoderne Klinik ist ein Schauplatz her. »Ihr wollt euer Examen feiern? Wir
von Dramen. Als der Fotograf Sergio Ra- Piacenza schicken euch die Polizei. Mit Flammen-
mazzotti für den SPIEGEL das Gebäude be- 739 werfern«, drohte der Regionalpräsident
suchte, musste er schon in der Notaufnah- Rom von Kampanien. »Wo geht ihr nur immer
me eine Schutzkleidung tragen, wie er sie 33 mit euren Hunden hin? Die müssen ja eine
von Einsätzen in Ebola-Gebieten kannte. entzündete Prostata haben!«, zürnte
In Fluren stapelten sich Särge, Abstell- ein Bürgermeister in Umbrien.
räume dienten als Patientenzimmer. Ra- »Friseure auf Hausbesuch? Was
mazzotti traf von 20-Stunden-Schichten Oristano soll dieser Scheiß?!«, schimpfte ein
erschöpfte Ärzte und sah, wie Kranke am 4 weiterer.
Beatmungsgerät verzweifelt um Luft ran-
gen. »Ich fühlte mich, als müsste ich SARDINIEN Für Giuseppe Conte ist es ein Drahtseilakt.
selbst ersticken«, sagt Ramazzotti. Er und seine Koalitionspartner genossen
Von einer Entspannung ist in Bergamo SIZILIEN vor der Coronakrise nur wenig Autorität.
im Moment wenig zu spüren. Täglich kom- In Umfragen lag häufig die von dem rech-

85
Coronakrise

miologen das Wort. Salvini, sonst dauer-


präsent, wurde seltener eingeladen.
Das konnte nicht lange gut gehen. Um
endlich wieder aufzufallen, verschärfte Sal-
vini den Ton. »Wir können uns nicht vor
dem Virus retten und dann vor Hunger
sterben«, sagte er. Mit anderen Worten:
Die Schonfrist für Conte ist vorbei. Wenn
alles überstanden ist, will sich niemand
vorwerfen lassen, er habe in einer histori-
schen Krise versagt.
Genüsslich werden bereits einschlägige
Zitate hervorgesucht. Zum Beispiel das
»prontissimi«-Versprechen des Minister-
präsidenten vom 27. Januar. »Wir sind
bestens vorbereitet«, hatte Conte gesagt.

SERGIO RAMAZZOTTI / PARALLELOZERO


Oder ein legendäres Video, das Salvini
vergebens auf seiner Facebook-Seite
löschte – Gegner hatten es längst ge-
sichert. Italien solle alles wieder »öffnen,
öffnen, öffnen«, hatte er Ende Februar
gefordert, auch Einkaufszentren und
Diskotheken.
Möglicherweise ist der jüngste politi-
Patienten in Bergamo: »Dies ist unsere dunkelste Stunde« sche Streit ein gutes Zeichen. Er zeigt, dass
Italien langsam wieder zur Normalität zu-
rückkehrt. In den Zeitungen kursieren ers-
ten Giftmischer Matteo Salvini angeführte Konkret: In Kalabrien, wo bis Donners- te Ausstiegsszenarien. Am 6. April könn-
Opposition vorn. tagabend lediglich 372 Infizierte registriert ten die ersten Unternehmen öffnen, eine
Nach wochenlangem Krisenmanage- wurden, wirken komplette Produktions- Woche später, nach Ostern, dann die meis-
ment haben sich die Gewichte verschoben. und Ausgehverbote weniger angemessen ten anderen. Bars und Restaurants würden
Viele Italiener sind offenkundig erleichtert, als in der Lombardei mit aktuell mehr als eine weitere Woche später folgen. Und
dass in dieser Situation nicht Lega-Chef 22 000 Infizierten. Trotzdem verschreibt Anfang Mai Schulen und Universitäten.
Salvini die Entscheidungen trifft. Conte ist Conte dem ganzen Land dieselbe bittere Außerdem sei denkbar, die Bevölkerung
jetzt der beliebteste Politiker im Land, mit Medizin. in drei Altersklassen zu unterteilen. Als
großem Abstand vor dem ehemaligen In- Seine harsche Politik ist aber auch durch Erstes dürften die unter 55-Jährigen wie-
nenminister. 71 Prozent der Italiener spre- eine andere Dynamik zu erklären. Bis vor der das Haus verlassen, in einer zweiten
chen seinem Kabinett ihr Vertrauen aus, Kurzem hielten sich Salvini und die ande- Phase die unter 65-Jährigen. Und am
ein Spitzenwert, den seit Jahren keine ren Oppositionsführer zurück. Sie wuss- Schluss alle anderen. Conte will sich bis-
Regierung in Rom erreicht hat. Und doch ten: Während immer mehr Italiener ster- lang nicht festlegen. Er wies nur Meldun-
wackelt die Balance im Land. Die Präsi- ben und der Staat mit aller Wucht die Pan- gen zurück, die aktuellen Verbote könnten
denten der 20 Regionen setzen den Pre- demie bekämpft, gewinnen sie mit Kritik noch bis Ende Juli gelten.
mier ständig mit neuen Forderungen unter an der Regierung keine Sympathien. In Der Premier ist während der Krise ge-
Druck. den Nachrichtensendungen und Talk- wachsen. Anfangs hat er Corona unter-
Im wohlhabenden Norden mit seinem shows führten lange Virologen und Epide- schätzt. Dann griff er mit aller Härte durch
eigentlich gut funktionierenden Gesund- und sperrte 50 000 Menschen in eine rote
heitssystem verlangen die rechten Regie- Zone ein – obwohl es damals im Land erst
rungschefs etwa der Lombardei, Venetiens
und des Piemont immer schärfere Maß-
Denkbar ist, das 132 Infizierte gab. Seine oft viel erfahre-
neren europäischen Kollegen durften stau-
nahmen. Sie sind Hauptbetroffene der Epi- Volk in Altersklassen nen. Trotzdem hat Conte seine DNA als
demie und haben Angst, dass ihr System Anwalt behalten. Selbst auf nächtlichen
zusammenbricht. zu unterteilen. Pressekonferenzen doziert er über die
Im Süden wurde ein signifikanter Coro- Angemessenheit seiner Maßnahmen, als
na-Ausbruch zwar bisher verhindert. Aber müsse er ein Gericht überzeugen. Viel-
die Präsidenten von Apulien bis Sizilien leicht kommt er als nüchterner Jurist und
wissen, dass ihr marodes Krankenhaus- Professore bei seinen Bürgern deshalb
wesen Zustände wie in Bergamo nicht lan- jetzt besser an als ein Spalter wie Salvini.
ge würde bewältigen können. Deshalb wol- Und nun? Einen ungewohnt positiven
len auch sie strengere Restriktionen. Vorstoß machte in diesen Tagen der Rek-
Conte hat deshalb kaum eine Wahl. Ei- tor der Universität Perugia. »Wenn das
gentlich könnte er maßgeschneiderte Lö- alles überstanden ist, machen wir eine gro-
LUCA BRUNO / DPA

sungen entwickeln. Im Norden, wo weit ße Party«, sagte Maurizio Oliviero in einer


über drei Viertel der Infizierten leben, Videobotschaft an seine Studenten, »und
müssten die harten Regeln weiter gelten. dann will ich, dass ihr euch besauft, tanzt
Im wirtschaftlich ohnehin angeschlagenen und auf den Wiesen knutscht.«
Süden könnten sie, um den Unternehmen Polizeistreife in Mailand Frank Hornig
zu helfen, vorsichtig gelockert werden. Kontrollen wie in einem Überwachungsstaat

86 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Der Preis der Lässigkeit
Analyse Die furchtbare Situation in Spanien zeigt, wie schlimm es werden kann,
wenn Regierungen zu spät und zu schwach handeln.

ie drückten sich Küsschen auf die Wangen, hüpften, rung in Madrid nicht dazu, zu isolieren und Ausgangssperren

S skandierten und sangen. Arm in Arm standen spani-


sche Ministerinnen am 8. März im Zentrum von
Madrid. Auch Begoña Gómez, die Ehefrau des spa-
nischen Premierministers Pedro Sánchez, war gekommen.
zu verhängen, was wohl sinnvoll gewesen wäre.
Stattdessen schloss sie zunächst Schulen und Universitä-
ten – während das Leben in Madrid weiterging. »Ich weiß
gar nicht, wie man Madrid abriegelt«, sagte Regionalpräsi-
Zusammen mit anderen Frauen wollte sie am Weltfrauentag dentin Isabel Díaz Ayuso im Fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt
demonstrieren, 120 000 Menschen waren auf den Straßen. hatten regionale Behörden anderswo längst harte Maßnah-
Keine drei Wochen später wurde Begoña Gómez positiv auf men gegen kleinere Ausbrüche ergriffen. Die Einwohner
das Coronavirus getestet und mit ihr drei Ministerinnen, die Madrids aber taten, was der Rest Europas in normalen Zeiten
an dem Frauenmarsch teilgenommen hatten. als mediterrane Lässigkeit bewundert: Sie umarmten und
Innerhalb kürzester Zeit hat sich Madrid mit mehr als 2000 küssten sich, tranken eng beisammen Wein und genossen
Verstorbenen in eines der Epizentren der Corona-Pandemie den milden Frühlingsbeginn. Am Wochenende fuhren Tau-
verwandelt. Landesweit tötete das Virus bis Donnerstag über sende Madrilenen an die Küste oder ins Heimatdorf. Der
4000 Menschen, mehr als in China Rest des Landes war entsetzt. Erst
und Iran. Die Zahl der Toten steigt als der Notstand in Kraft trat, stand
ähnlich schnell wie in der chinesischen das Land weitgehend still.
Provinz Hubei zum Höhepunkt der Sánchez’ Ausgangssperre ist fast
dortigen Krise. Spanien erlebt gerade so strikt wie die seines italienischen
einen medizinischen und politischen Kollegen Giuseppe Conte. Allerdings
Albtraum, das Gesundheitssystem hatte Conte die besonders stark be-
kollabiert, die Intensivstationen sind troffenen Gebiete in der Lombardei
überfüllt. Corona-Kranke werden in bereits früh unter Quarantäne ge-
Madrid in einer großen Messehalle stellt. Sánchez vermied das. Madrid,
untergebracht, weil die Schutzklei- das wirtschaftliche und politische
CARLOS ALVAREZ / GETTY IMAGES

dung fehlt. Die Leichen lagern in ei- Zentrum des Landes, wollten die Ver-
ner Eislaufarena. Wie konnte es so antwortlichen lange nicht opfern.
weit kommen? Anders als in Italien ist deshalb
Die einfachste Antwort lautet: Die nicht ausgemacht, dass Spanien ver-
Regierung hat das Virus unterschätzt hindern kann, dass das gesamte Land
und zu spät reagiert. Die Frauenmär- zum Katastrophenfall wird. In Kata-
sche des 8. März haben die Krise zwar lonien stieg die Zahl der registrierten
nicht ausgelöst, heute weiß man aber: Eisstadion in Madrid Fälle in den vergangenen Tagen noch
Die Demos hätten nie stattfinden dür- schneller als in Madrid. Das anfängli-
fen, genauso wenig wie Fußballspiele, che Zögern muss die Regierung nun
Parteitage und andere Großveranstaltungen an demselben Wo- mit längeren, noch härteren Maßnahmen ausgleichen. Der
chenende. Erst am 14. März verkündete Pedro Sánchez offiziell Notstand ist inzwischen bis zum 12. April verlängert worden.
den Notstand und verhängte eine strikte Ausgangssperre. Seit- Spanien trifft der Ausbruch besonders hart, weil sich das
dem dürfen Spanier praktisch nur noch zur Arbeit und zum Virus stärker unter älteren Menschen ausgebreitet hat als
Einkaufen das Haus verlassen. Zu jenem Zeitpunkt hatten die anderswo. Zwei Drittel der Todesopfer sind 80 Jahre alt oder
Behörden bereits mehr als 200 Tote und etwa 6000 Infek- älter. Mehr als ein Fünftel der Altersheime in der Hauptstadt
tionen registriert. Die wahre Zahl lag wohl viel höher. sind betroffen. Am Mittwoch fanden die Behörden 25 Tote
Außer Kontrolle war die Situation bereits deutlich früher in einer einzigen Seniorenresidenz.
geraten. Die wichtigste Infektionsphase sei Ende Februar Das marode Gesundheitssystem verschärft die Krise. Am
gewesen, vermutet der spanische Gesundheitsminister. Am Donnerstag sprach die Regierung von einem »Krieg«, der
19. Februar flogen 2500 Fans des FC Valencia nach Mailand um die Beschaffung von Atemmasken, Respiratoren und
zu einem Champions-League-Spiel ihres Vereins gegen Ata- Schnelltests ausgebrochen sei. In den kommenden Tagen
lanta Bergamo, wo sich das Virus vermutlich schon weit werden sich die Probleme in den Krankenhäusern weiter
verbreitet hatte. Als sie zurückkehrten, testeten die spanischen zuspitzen. Besonders in Madrid haben konservative Regie-
Behörden die Fans lange Zeit nicht. Die Gesundheitsministe- rungen die Budgets nach der Finanz- und Wirtschaftskrise
rin wusste nicht einmal von dem Spiel, sie interessiere sich zusammengestrichen und die Mehrheit der Krankenhäuser
nicht für Fußball, gab sie zu Protokoll. privatisiert. Mancherorts werden ältere Menschen nicht beat-
Bereits am 1. März war klar, dass das Virus in der Madrider met, weil sie geringere Überlebenschancen haben als jüngere.
Vorstadt Torrejón de Ardoz ausgebrochen war, keine 20 Ki- Die Krankenschwestern und Ärzte arbeiten fast rund um die
lometer vom Zentrum der spanischen Hauptstadt entfernt. Uhr, sie beklagen »eine Situation der totalen Unsicherheit
Eine Woche später registrierten die Behörden knapp 600 In- und Schutzlosigkeit«. Sie alle haben nur eine Hoffnung: dass
fizierte und 17 Tote in der Region, Virologen sprechen von die Ausgangssperre endlich wirkt und in ein paar Tagen der
einem Cluster. Und doch entschloss sich die Regionalregie- Höhepunkt der Infektionswelle erreicht ist. Steffen Lüdke

87
Coronakrise

Es ist noch nicht vorbei


China Zwölf Wochen nach Ausbruch der Seuche will die Führung das Land langsam
wieder öffnen. Woher nimmt sie die Zuversicht, dass es keine Katastrophe gibt?

P
eking bietet zurzeit ein verwirren- wurden die im Januar verhängten Reise- stimmte internationale Flüge auf andere
des Bild. Auf den fünf Ringauto- beschränkungen in der Provinz Hubei auf- Städte umgeleitet.
bahnen kommt es morgens und gehoben, offiziell gibt es dort seit Tagen Aus dem Ausland Einreisende müssen
abends zu ersten Staus, aber tags- fast keine neuen Krankheitsfälle mehr. Am sich einem Corona-Test unterziehen und
über sind viele Straßen so leer, dass sich 8. April soll die Provinzhauptstadt Wuhan sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben.
Motorrad- und Sportwagenfahrer Wett- folgen, der Ground Zero der Krise. Ab Samstag dürfen fast alle Ausländer mit
rennen liefern. Die Jubelbilder aus Hubei werden seit gültigem Visum bis auf Weiteres gar nicht
In den Vergnügungs- und Einkaufsvier- Tagen von Warnungen vor einer zweiten mehr einreisen. Mehr als 500 »importier-
teln flanieren elegante Paare, aber in den Ausbruchswelle begleitet. Die Corona- te« Krankheitsfälle hat China in den ver-
Restaurants und Cafés sitzen die Men- Führungsgruppe unter Leitung von Pre- gangenen Tagen registriert, die meisten
schen in großem Abstand zueinander, oft mier Li Keqiang beschreibt die Lage als davon in der Hauptstadt. »Peking ist zum
nur ein Gast pro Tisch. Am Fuß der Vor- »weiterhin komplex« und mahnt die Partei- Hauptschlachtfeld zur Vorbeugung und
stadtberge sitzen Familien beim Picknick, kader zur Vorsicht. Mitunter scheint es, Kontrolle des neuen Coronavirus gewor-
aber bevor sie ihre Kinder herumlaufen als traute die Führung ihren eigenen Zah- den«, sagt der stellvertretende Leiter des
lassen, ziehen die Eltern ihnen die Gummi- len selbst noch nicht so recht. Überwachungszentrums der Zivilluftfahrt-
bänder ihrer Atemschutzmasken fest. Am Mittwochabend trafen am Pekinger behörde.
Die Stadt fühlt sich an, als erwache sie Westbahnhof zwei erste Schnellzüge mit Trotzdem dürfen Touristen jetzt wieder
aus einem Winterschlaf, könne sich aber knapp 900 Arbeitern aus Hubei ein. Jeder auf die Große Mauer, trotzdem macht
nicht entscheiden, ob sie wirklich will. von ihnen hat ein strenges Testverfahren in Peking eine Fabrik nach der anderen
Drei Monate nach Ausbruch der Coro- durchlaufen. Jeder muss nachweisen, dass auf – und seit Tagen verdichtet sich das
nakrise drängt in China alles auf eine Rück- er in Peking Arbeitsplatz und Wohnrecht Gerücht, Ende April solle die im Februar
kehr zur Normalität: die Bevölkerung, die hat, jeder muss zwei Wochen in Qua- abgesagte jährliche Tagung des Nationalen
Wirtschaft, die Partei. Mitte der Woche rantäne. Zugleich werden für Peking be- Volkskongresses nachgeholt werden.

GETTY IMAGES

Angestellte in einer Fabrik in Wuhan beim


Mittagessen mit Sicherheitsabstand

88
Worauf baut die Führung die Zuversicht, men neue hinzu. Anfang dieser Woche be- Mittelbetriebe betroffen – Geschäfte, Res-
das Land langsam wieder zu öffnen, die richtete das Pekinger Magazin »Caixin«, taurants, Cafés, deren Betreiber kaum
Wirtschaft anzukurbeln und damit auch dass allein in Wuhan täglich mehrere Dut- mehr Geld zurücklegen, als sie für zwei,
international ein Signal der Hoffnung zu zend Personen positiv getestet würden, drei Monate brauchen. Diese Betriebe stel-
setzen – an all die Staaten, die jetzt von aufgrund fehlender Symptome aber nicht len auch in China einen großen Teil der
der Coronakrise erfasst werden? Wie nach- in die Statistik eingingen. Arbeitsplätze. Das Land steht vor einem
haltig sind die Erfolge, die China in seinem Die »South China Morning Post« sah Problem, das es im Gegensatz zu vielen
»Volkskrieg« gegen das Virus erzielt hat? Regierungsdokumente ein, denen zufolge westlichen Volkswirtschaften praktisch
»Anfang Januar ist das System kolla- in ganz China bis Ende Februar gut 43 000 nicht kennt: Arbeitslosigkeit.
biert«, sagt der Politologe Victor Gao, der Patienten positiv getestet, aber als »asymp- Zugleich sind die Exporte eingebro-
als Englisch-Übersetzer für den 1997 ver- tomatisch« eingestuft und ebenfalls nicht chen – und zwar bereits bevor die Virus-
storbenen Reformpolitiker Deng Xiaoping in die Statistik aufgenommen wurden. welle Chinas wichtigste Handelspartner
gearbeitet hat und heute Vizepräsident Die Regierung hält dagegen, dass diese traf, zuerst in Europa und jetzt in den USA.
einer regierungsnahen Pekinger Denk- Patienten in den Gesundheitsdatenbanken Unternehmer, deren Fabriken in den ver-
fabrik ist. »Die Krankenhäuser, Ärztinnen erfasst seien, in Quarantäne ge- gangenen Wochen langsam ihre
und Ärzte, Pfleger und Pflegerinnen in schickt wurden und deshalb im- Produktion hochgefahren ha-

8
Wuhan waren überwältigt. Vieles hätten mer auf dem Radar seien. Fra- ben, treibt die Sorge um, dass
wir damals besser machen müssen.« gen bleiben also, aber Chinas sie auf ihren Produkten sitzen
Nach der Katastrophe von Wuhan aber Erfolge sind unbestreitbar. bleiben. In der Wirtschaft zeich-
sei es der Führung gelungen, den riesigen »Wir sind inzwischen so weit«, net sich die »zweite Welle« be-
Verwaltungsapparat, »die ganze Pyramide sagt Victor Gao, »dass wir Bet- reits deutlich ab.
von der Zentralregierung über die Provin- ten haben, die auf Patienten war- Noch zögert Peking mit billio-
zen, Distrikte, Städte und Dörfer bis in die ten – nicht umgekehrt wie vor nenschweren Stützmaßnahmen,
letzte Gasse des Landes hinunter gegen zwei Monaten.« Die Kombina- wie sie Washington diese Woche
das Virus zu mobilisieren«. Als besonders tion aus analoger und digitaler beschloss. Über die Gründe die-
effektiv hätten sich dabei die sogenannten Kontrolle, vielen Tests und der ser Zurückhaltung lässt sich bis-
Nachbarschaftskomitees erwiesen, die von massiven Aufrüstung der Kran- Wochen dau- lang nur spekulieren. Vielleicht
der Partei einst »zur ideologischen Kon- kenhäuser, so das Kalkül, werde ert der Lock- will die Führung einen unkon-
trolle« eingesetzt wurden, nun aber eine Infektionsketten früh unterbre- trollierten Ansturm auf die Ban-
ganz andere Rolle spielten. chen und das Anrollen einer
down in der ken verhindern, vielleicht setzt
»Da stehen heute Großmütter und Groß- »zweiten Welle« verhindern. Provinz Hubei sie auch auf ein international ab-
väter vor dem Osttor meiner Wohnanlage, Einen Beweis dafür gibt es insgesamt. gestimmtes Vorgehen.
die plötzlich die ganze Autorität der Re- nicht – allerdings ein starkes poli- Umso entschiedener tritt die
gierung verkörpern«, berichtet Gao. Mit tisches Indiz, dass die Führung 10 Wochen Führung außenpolitisch auf.
diesen zuletzt oft belächelten Partei- an diese Logik glaubt. Am 10. sollen es in Staatschef Xi Jinping hat in den
kadern, die jetzt penibel Buch darüber füh- März hatte Staatschef Xi Jinping vergangenen Tagen mit mehre-
ren, wer kommt und geht, sei nicht zu Wuhan besucht und mit diesem der Stadt ren westlichen Regierungschefs
scherzen. »Denn die stehen selbst unter Schritt sein Schicksal mit der Wuhan sein. gesprochen, auch mit Bundes-
großem Druck. Wenn sich in ihrem Zustän- Überwindung der Coronakrise kanzlerin Angela Merkel und
digkeitsbereich ein neuer Ansteckungs- verknüpft. Es ist nicht ausge- mit seinem Amtskollegen Do-
herd entzündet, dann wird man sie befra- schlossen, im chinesischen System aber nald Trump. Fast allen hat Xi Hilfe zuge-
gen, und sie wissen: Es werden Köpfe rol- unwahrscheinlich, dass er diese Reise an- sagt. Das Land, vor acht Wochen selbst
len. Ich fürchte, dieses System wird uns getreten hätte, ohne die Krise für grund- noch am Tiefpunkt, produziert inzwischen
noch mindestens bis Ende dieses Jahres sätzlich lösbar zu halten. Seine Worte mehr als hundert Millionen Atemschutz-
erhalten bleiben.« waren vorsichtig genug: »Wir haben wich- masken pro Tag. Zehnmal mehr als vor
Die Partei verlässt sich nicht nur auf ihre tige Zwischenergebnisse erzielt«, sagte er. der Krise.
Kader. Sie hat auch das Netz der digitalen Was dem Land jetzt noch bevorstehe, wer- Getragen wird die Führung von einer
Überwachung noch dichter geknüpft als de »mühsam und schwer« sein. Woge des Chauvinismus, in der sich in die-
zuvor. Fast alle Chinesen bezahlen im All- Die Macht der Kommunistischen Partei sen Tagen wohl die Angst und Frustration
tag nur noch mit dem Handy. Auf den Be- ruhe auf vier Säulen, hat der in den USA der vergangenen Wochen entlädt. Schrille
zahlplattformen sind nun Programme in- lebende Chinakritiker Minxin Pei einmal Töne in Richtung Westen kommen aus den
stalliert, die dem Nutzer aufgrund seiner geschrieben: robustes Wachstum, raffi- sozialen Netzwerken, aber auch aus den
Gesundheitsdaten und seines Bewegungs- nierte Unterdrückung, staatlich geförder- höchsten Rängen des Außenministeriums.
profils einen Code zuweisen, grün, gelb ter Nationalismus und die ökonomische Der Tweet des stellvertretenden Außen-
oder rot, je nach Gefährdungsstatus. Einbindung der gesellschaftlichen Eliten. amtssprechers Zhao Lijian, wonach wo-
Millionen haben sich auf diesen Apps Zwei dieser vier Machtsäulen sind unmit- möglich US-Militärsportler das Corona-
registriert – viele, weil sie dazu verpflich- telbar mit Chinas Wirtschaftsleistung ver- virus nach Wuhan eingeschleppt hätten,
tet wurden, wie die aus Hubei in die gro- knüpft – der Druck auf die Führung, die überschritt offenbar selbst für chinesische
ßen Ostküstenstädte zurückkehrenden Unternehmen wieder zum Laufen zu brin- Diplomaten die Grenzen des Erträglichen.
Arbeiter. Viele tun es aber auch freiwillig, gen, ist enorm. Zuerst wies ihn Pekings Botschafter in
weil man an Polizeikontrollen, in Super- Die jüngsten Wirtschaftsdaten aber sind Washington in seine Grenzen, doch die
märkten und Bahnhöfen inzwischen rou- katastrophal. Fast alle Experten erwarten, Empörung scheint tiefer zu gehen. Victor
tinemäßig einen grünen Code vorzeigen dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Gao, der den Konsens des gemäßigten
muss, um durchgelassen zu werden. Welt im ersten Quartal 2020 schrumpfen Pekinger Establishments vertritt, sagt: »So
Reichen diese Maßnahmen, um die Ent- wird – zum ersten Mal nach mehr als etwas gehört sich nicht für einen Sprecher
stehung neuer Ansteckungscluster zu un- 40 Jahren ununterbrochenem Wachstum. des Außenministeriums.« Bernhard Zand
terdrücken? Es bleiben Zweifel, ja es kom- Besonders hart sind Millionen Klein- und

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 89


Coronakrise

»Die Jüngeren sollten den


Vorzug erhalten«
SPIEGEL-Gespräch Der britische Philosoph Roger Crisp rät Regierungen zu einer kühlen Ethik
der Vernunft in der Krise – was viele Menschen entsetzen dürfte.

Crisp, 59, ist Professor für Moralphilosophie Crisp: Auf einer theoretischen Ebene SPIEGEL: Und der zweite Grundgedanke?
am St. Anne’s College in Oxford. Der Autor könnten Philosophen darüber jahrelang Crisp: Man sollte stets so handeln, dass
mehrerer Bücher zählt zu den führenden diskutieren. Aus meiner Sicht ist es leicht man für die größtmögliche Zahl an Men-
Utilitaristen, einer in Großbritannien ein- erklärbar, warum Menschen so handeln: schen das größtmögliche Glück erzielt.
flussreichen Denkschule. Diese Lehre von Es ist eine Folge dessen, dass sich unsere Und zweifellos sind manche Entscheidun-
der zweckorientierten Ethik besagt, dass Moralvorstellungen über die Zeit entwi- gen britischer Regierungen bis zu einem
Entscheidungen daran gemessen werden ckelt haben. Wir haben eine Art Angesicht- gewissen Grad von diesem Grundgedan-
sollten, ob sie der größtmöglichen Zahl von zu-Angesicht-Moral ausgeprägt, eine, für ken geprägt worden.
Menschen das größtmögliche Wohlbefin- die eine persönliche Bindung entscheidend SPIEGEL: In der Coronakrise könnte man
den garantieren. ist. Uns bewegt daher sehr viel stärker die den anfänglichen britischen Ansatz als uti-
Not eines einzelnen Menschen, von dem litaristisch bezeichnen. Bevor er die Briten
SPIEGEL: Herr Professor Crisp, die briti- wir ein Bild vor Augen haben, als die Not unter Hausarrest stellte, war Boris John-
sche Regierung wollte in der Bewältigung vieler, die von unserer Vorstellung weit sons Ursprungsidee ja offenbar: Statt im
der Coronakrise zunächst offenbar einen weg sind. Die Frage ist, ob die persönliche ganzen Land sofort strikte Maßnahmen
anderen Weg gehen als die meisten europä- Identifizierbarkeit von Elend bei ethischen zu ergreifen – mit dem Risiko von Massen-
ischen Staaten. Boris Johnsons Ansatz war, Abwägungen eine Rolle spielen sollte. Ich arbeitslosigkeit, Familientragödien, zivilen
grob gesagt: Es werden ohnehin Menschen bin geneigt zu sagen: Nein, das sollte sie Unruhen und vielen Virustoten in einer
sterben, also lasst es uns schnell hinter uns nicht. zweiten Welle –, akzeptiert die Regierung,
bringen und für den Großteil der Briten SPIEGEL: Kann es sein, dass Ihre Sicht- dass sofort eine bestimmte Zahl von Men-
eine Art »Herdenimmunität« erzeugen. Ist weise im Vereinigten Königreich stärker schen stirbt.
das, aus moralischer Sicht, verwerflich? ausgeprägt ist als anderswo? Crisp: Das kann man so sehen. Ich be-
Crisp: Philosophen bezeichnen Fragen die- Crisp: Das ist sicher so. Der Utilitarismus zweifle allerdings, dass es der Regierung
ser Art oft als Problem der statistischen ist wahrscheinlich in unserem Land erfun- dabei zuvörderst darum ging, maximale
Leben. Viele Regierungen würden zum Bei- den worden. Es gibt zwei Grundgedanken, Zufriedenheit unter den Menschen im Ver-
spiel sehr viel Geld dafür aufwenden, ein die ihn tragen. Der erste: Alles, was im Le- einigten Königreich zu erreichen. Sie woll-
Kind zu retten, das in einen Brunnen gefal- ben zählt, ist die Frage, wie gut es einem te wohl eher die Zahl der Toten in den
len ist. Oder nehmen Sie, als konkretes Bei- Individuum geht. kommenden Monaten minimieren.
spiel aus jüngerer Zeit, diese Jungen, die in SPIEGEL: Klingt reichlich hedonistisch. SPIEGEL: Weil, so die Theorie, das Virus
Thailand in einer Höhle eingesperrt waren. Crisp: Die meisten Utilitaristen denken noch verheerender wüten könnte, wenn
SPIEGEL: Das war im Sommer 2018. Da- tatsächlich, der Sinn des Lebens bestehe seine Ausbreitung erst massiv unterdrückt
mals waren etwa tausend Rettungskräfte im Wesentlichen aus Vergnügen. Man wird und es dann womöglich umso stärker
aus mehr als zehn verschiedenen Ländern kann der Denkschule aber auch ange- zurückkommt.
daran beteiligt, eine Gruppe junger Fuß- hören, wenn man der Ansicht ist, dass Crisp: Und da die Wahrscheinlichkeit, an
ballspieler aus einer überfluteten Höhle noch andere Dinge zählen. Mit Individu- Corona zu sterben, unter betagten Men-
zu befreien. um müssen übrigens nicht unbedingt nur schen am größten ist, haben einige sich ge-
Crisp: In Fällen wie diesen werden enorme Menschen gemeint sein, viele Utilitaristen dacht: Wir können das Leben von älteren
Geldbeträge und andere Mittel bereitge- sind und waren der Auffassung, dass Tiere Patienten opfern, denn aufs Ganze be-
stellt, um jemanden zu retten, den wir genauso zählen. trachtet wird es der Gesellschaft womög-
identifizieren können. Und das, obwohl lich nutzen.
wir wissen, dass es andere Möglichkeiten SPIEGEL: Das Problem war in diesem Fall
gäbe, dieses viele Geld auszugeben, und nur, dass Forscher des Imperial College
dass wir damit in Zukunft wahrscheinlich London in einer Modellrechnung für Groß-
noch mehr Leben retten könnten. Aber britannien mehr als 250 000 Tote prognos-
weil wir nicht wissen, wer diese künftig tizierten, sollte die Regierung ihren Her-
Geretteten sein werden, geben wir das denimmunität-Ansatz durchziehen. Das
Geld nicht aus. Für mich als Utilitarist ist eine erschreckend große Zahl identifi-
wirkt das irrational, aber sehr viele andere zierbarer Opfer.
Menschen halten es für vernünftig. Crisp: Nun, sie wären nicht wirklich alle
SPIEGEL: Ist es nicht einfach nur richtig, identifizierbar gewesen. Aber zu Ihrem
so zu handeln? eigentlichen Punkt: Ältere und bereits
kranke Menschen wären dem Virus wahr-
Das Gespräch führte der Redakteur Jörg Schindler Utilitarist Crisp scheinlich weit überdurchschnittlich zum
telefonisch. »Für mich wirkt das irrational« Opfer gefallen. Diese große Zahl an Toten

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BACKGRID / ACTION PRESS
Skateboarder mit Schutzkleidung in London: »Größtmögliches Glück«

verglich die Regierung mit der mutmaßlich Beispiel. Manche würden sagen: Wir soll- chill habe gewusst, dass deutsche Kampf-
noch größeren Zahl an Menschen, die ohne ten auslosen, wer davon profitieren darf, flugzeuge kommen würden, um die Indus-
die sogenannte Herdenimmunität sterben so hat jeder dieselbe Chance. Andere den- triestadt Coventry zu zerstören. Er ent-
würde. Natürlich hätte es Überschneidun- ken: Nein, junge Leute sollten auf jeden schied sich allerdings dafür, nichts zu tun,
gen zwischen beiden Gruppen gegeben – Fall den Vorzug vor älteren genießen. damit die Nationalsozialisten nicht Wind
Menschen wären gestorben, egal welche SPIEGEL: Was denken Sie? davon bekommen, dass die Briten ihre ver-
Strategie die Regierung verfolgt. Aber es Crisp: Meiner Ansicht nach hat niemand schlüsselten Nachrichten mittels der Enig-
hätte eben keine vollständige Überschnei- wirklich das Recht zu sagen: Ich allein bin ma-Maschine geknackt hatten. Das ist ein
dung gegeben. Anders gesagt: Die Hoff- im Besitz der Wahrheit, alle anderen lie- Beispiel für ein ethisches Dilemma.
nung war, so die Gesamtzahl der Toten gen falsch. Aber mir scheint, dass bei sonst SPIEGEL: Historiker sagen, Churchills Vor-
geringer halten zu können. gleichen Bedingungen die Jüngeren den gänger Neville Chamberlain habe es als
SPIEGEL: Hätte die Regierung bei dieser Vorzug erhalten sollten. unnötig betrachtet, flächendeckend Luft-
Strategie bleiben sollen? SPIEGEL: Gibt es in der Geschichte Bei- schutzbunker zu bauen. Es sei sinnlos, so
Crisp: Ich bin kein Epidemiologe, aber es spiele dafür, dass eine Regierung willens sein Argument, Millionen Briten vor Bom-
scheint inzwischen Konsens unter Epide- war, eine bestimmte Zahl von Bürgern zu ben zu retten, nur damit sie anschließend
miologen zu sein, dass dieser Ansatz nicht opfern, um damit dem Wohl aller anderen an Hunger und Krankheiten sterben.
funktioniert hätte. zu dienen? Crisp: Aber diese Art zu denken und zu
SPIEGEL: Das ist das klassische ethische Crisp: Nun, einen klassischen Fall soll es handeln ist nicht exklusiv britisch.
Dilemma, oder? Wenn eine führerlose während des Zweiten Weltkriegs in Groß- SPIEGEL: Sondern?
Straßenbahn den Hügel herunterrollen britannien gegeben haben. Es heißt, Chur- Crisp: Nehmen Sie Autos, die im Straßen-
und fünf Menschen töten würde: Würde verkehr viele Menschen verstümmeln und
man sie, wenn man es könnte, so umleiten, töten. Wir wissen um das Risiko, aber wir
dass nur einer stirbt? nehmen es in Kauf, weil wir denken, der
Crisp: In der Coronakrise kann man das
recht gut an der Versorgungslage in Kran-
»Wir wissen um das Schaden wird durch den Gesamtnutzen
für die Gesellschaft mehr als ausgeglichen.
kenhäusern durchspielen. Nehmen wir Risiko, aber wir Wenn man so will, opfern wir also für die-
medizinische Apparaturen, bei denen es se Art der Fortbewegung Menschen, von
einen Engpass gibt, Beatmungsgeräte zum nehmen es in Kauf.« denen viele womöglich nicht mal ein Auto

91
Coronakrise
Jetzt im Handel
haben oder den Autoverkehr ablehnen.

Unsterbliches
Aber sie spielen keine Rolle.
SPIEGEL: Das Problem an Corona ist, dass
es die Gesellschaft nicht zu abstrakten,
sondern zu überaus konkreten Entschei-

Ägypten
dungen zwingt. Denken Sie an die Ärzte
in Italien und anderswo, die längst ent-
scheiden müssen, welche Patienten an
Beatmungsgeräte angeschlossen werden
und welche nicht. Gibt es in dieser Situa-
tion überhaupt ein Richtig oder Falsch?
Crisp: Es kommt darauf an, wie genau die-
Bauern, Mumien, Pharaoninnen. se Entscheidungen gefällt werden. Wenn
Die Forschung zeichnet ein neues, man die Patienten unterteilt in jene, denen
noch geholfen werden kann, und jene, für
faszinierendes Bild vom alten die jede Hilfe wahrscheinlich zu spät
kommt, klingt das vernünftig. Utilitaristen
Reich am Nil. würden allerdings sagen, das ist das Einzi-
Online ge, das man tun sollte, wenn dabei unterm
Strich am meisten Gutes herauskommt.
bestellen Andere Leute würden widersprechen, dass
meine-zeitschrift.de jeder dieselben Rechte hat. Wieder andere
oder könnten argumentieren, wir müssen das
amazon.de/spiegel
Leiden derer, denen es jetzt am schlech-
testen geht, lindern und dürfen nicht die
bevorzugen, denen es erst später noch
schlechter gehen wird.
SPIEGEL: In der Krise sind praktisch alle
Staaten mit rigiden Maßnahmen dazu
übergegangen, ihre eigenen Bürger zu
schützen. Fast alle europäischen Staaten
haben die Außengrenzen geschlossen. Ist
das gerechtfertigt?
Crisp: Aus einer objektiv utilitaristischen
Sicht ist ein nationalistischer Ansatz nicht
zu rechtfertigen. Nach dieser Lesart müss-
te es darum gehen, das Wohlbefinden aller
Menschen zu mehren, unabhängig davon,
woher sie kommen. Wir müssen jedoch
akzeptieren, dass die wenigsten Menschen
Utilitaristen sind. Es ist nun einmal so, dass
die meisten eine größere Verbundenheit
mit ihren Landsleuten empfinden.
SPIEGEL: Betreiben die Regierungen auch
deswegen enormen Aufwand, um ihre
über die Welt verstreuten Staatsbürger
nach Hause zu holen, unabhängig davon,
ob das Infektionsrisiko steigen könnte?
Crisp: Auch hier würden Utilitaristen ar-
gumentieren, dass das für sich genommen
unvernünftig ist. Aber stellen Sie sich vor,
welche Konsequenzen es hätte, wenn ein
Land seinen eigenen Bürgern die Einreise
verweigern würde.
SPIEGEL: Ist es aus Ihrer Sicht vertretbar,
dass für Flüchtlinge aus Syrien und ande-
ren Staaten nun praktisch alle Grenzen
geschlossen sind?
Crisp: Ich denke, jeder Mensch, der noch
über Anstand und Moralvorstellungen ver-
fügt, wird sehen, dass Flüchtlinge in den
vergangenen 20 Jahren absolut entsetzlich
behandelt wurden. Das sollten nicht nur
Utilitaristen feststellen – sondern wir alle.
SPIEGEL: Herr Professor Crisp, wir dan-
ken Ihnen für dieses Gespräch.

92
5940

Sport 3720 3790


Auswirkungen der Coronakrise auf den Umsatz der europäischen Topligen in Millionen Euro
Maximal zu 2570
erwartende
1930 Mio. € Umsatzverluste
Prognostizierter durch die
Gesamtumsatz* Pandemie 1280
vor der 970
Pandemie 700 790
400
Ligue 1 Serie A Bundesliga La Liga Premier League
Frankreich Italien Deutschland Spanien England
*ohne Transfererlöse
Umsatzverluste nach Bereichen in Prozent TV-Rechte Vermarktung Spieltag

15 14 18 17 14
35 % 50 22 64 51 21 62 23 63
31

Quellen: KPMG, Deloitte


Tabellenführer bei Unterbrechung der Saison
Paris Saint-Germain Juventus Turin Bayern München FC Barcelona FC Liverpool

Diese Pandemie bedroht die Existenz vieler Sportvereine. Das meiste Geld in Europa werden wohl die englischen
Fußballklubs verlieren, wenn in dieser Saison keine Spiele mehr stattfinden. Bis zu 1,28 Milliarden Euro könnten
den Erstligisten entgehen, der Bundesliga drohen bis zu 790 Millionen Euro Verlust. Die Manager der deutschen
Topligen im Eishockey, Handball und Basketball gehen davon aus, dass ihren Vereinen in dieser Spielzeit insgesamt
15 bis 25 Millionen Euro weniger zur Verfügung stehen, einige Klubs dürften das nicht überleben.

»Die Klubs und die Sportler sitzen in einem Boot«


Gut zu wissen Können Profifußballer zu einem Gehaltsverzicht gezwungen werden?
G Durch das Coronavirus pausiert die der Klubs können nur sichere und sofort Sportler sitzen gerade in einem Boot.
Bundesliga. Keine Ticketeinnahmen, wirksame Verzichte entlasten, über Was nützt es dem Spieler, wenn er noch
kaum Merchandising, womöglich weniger die nicht erst noch Arbeitsgerichte ent- dreimal sein volles Gehalt bekommt,
TV- und Sponsorengelder. Um den finan- scheiden müssen«, erklärt Schickhardt. aber es danach seinen Arbeitgeber nicht
ziellen Schaden für ihre Klubs abzumil- Statt Paragrafen zu zitieren oder mehr gibt?« Gleiches gelte auf der ande-
dern, haben einige Profis etwa von Borus- Zwangsmaßnahmen anzuwenden, setzt er ren Seite im Grundsatz auch für die Ge-
sia Dortmund oder Bayern München deshalb auf einvernehmliche Lösungen, spräche mit Sponsoren und TV-Sendern.
angekündigt, freiwillig auf Gehalt verzich- darauf, die Spieler in dieser schwierigen Auch sie müssten den Klubs entgegen-
ten zu wollen. Lage abzuholen: »Die Klubs und die kommen. »Entscheidend sind jetzt stabile
Aber könnten sie zu einem Gehaltsver- und vertrauensvolle Partnerschaften,
zicht auch gezwungen werden? Laut damit keiner auf der Strecke bleibt«, sagt
Christoph Schickhardt, Sportrechtler aus Schickhardt.
Ludwigsburg, könnten Vereine, die Im Hinblick auf die wirtschaftliche
Arbeitgeber, durchaus fordern, dass Spie- Schieflage vieler Vereine rät er dringend
ler auf Geld verzichten. »Es gibt arbeits- dazu, zukünftig die finanziellen Anfor-
rechtliche Ansätze, dass vertragliche derungen an diese drastisch zu erhöhen.
ELMAR KREMSER / SVEN SIMON

Gegebenheiten neu gestaltet und ange- »Der deutsche Fußball sollte aus der
passt werden können, etwa wenn Coronakrise lernen, mehr Wert auf die
Geschäftsgrundlagen sich ändern«, sagt Bildung von Eigenkapital zu setzen.
Schickhardt. Auch das vereinbarte Es kann nicht sein, dass die Vereine
Gehalt sei davon nicht ausgenommen. 100 Millionen Euro und mehr erlösen
Der Jurist berät seit Jahrzehnten und jeden Euro direkt an Spieler und
Bundesligisten, in der aktuellen Lage deren Berater weitergeben. Dieses Ge-
besonders intensiv. »Die Bilanzen Spieler von Borussia Dortmund schäftsmodell ist endgültig überholt.« WIN

DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020 93


Coronakrise

CARL COURT / GETTY IMAGES


Touristen in Tokio auf einer Aussichtsplattform mit Blick zum Nationalstadion: Gigantischer Superspreader

Die Vollbremsung
Olympia Nach langem Zaudern verschieben Japan und das IOC die Spiele von Tokio. Damit
beugen sich Premierminister Shinzo Abe und IOC-Präsident Thomas Bach dem
Druck der Athleten – und dem gesunden Menschenverstand. Der Schaden für beide ist immens.

A
m Tag, an dem die Entscheidung ihre Teilnahme an den Sommerspielen we- als eine Viertelmillion Menschen in ver-
fiel, die Olympischen Spiele in gen der Covid-19-Pandemie abgesagt oder schiedensten Funktionen gebraucht wer-
Tokio ins Jahr 2021 zu verschie- auf eine Verlegung gedrängt. den und bei dem Millionen Zuschauer die
ben, hatten sich weltweit bereits Eigentlich war der IOC-Chef nicht ge- Hallen und Stadien füllen – Olympia als
mehr als 400 000 Menschen mit dem Co- willt gewesen, auf die Spiele in diesem gigantischer Superspreader in mehr als
vid-19-Erreger infiziert. Es war der vergan- Sommer zu verzichten – ebenso wie der 200 Nationen. Das musste sich Bach letzt-
gene Dienstag. Thomas Bach, 66, befand japanische Gastgeber. Wochenlang hatte lich eingestehen, so wie auch sein japani-
sich am Sitz des Internationalen Olym- Bach im Doppelpass mit Tokio die steigen- scher Schicksalsgenosse und Geschäfts-
pischen Komitees in Lausanne in der den Infektions- und Todeszahlen ignoriert, partner im olympischen Joint Venture:
Schweiz. Der IOC-Präsident arbeitete zeit- die tödliche Gefahr mit Kommuniqués und Premierminister Shinzo Abe, 65.
weise von seiner Wohnung im Hotel Palace Durchhalteparolen beiseitegeschoben, in In einem Telefonat am Dienstag verstän-
aus, das für den Publikumsverkehr eben- denen sogar das Wort Pandemie vermie- digten sich die beiden Männer auf die Ver-
falls geschlossen ist. den wurde. Alles getreu dem Motto: The legung der Spiele. Die Verkündung der
Bach hatte sich weitgehend verbarrika- Games must go on! Entscheidung überließ der Sportfunktio-
diert, weil draußen vor der Tür nicht nur Doch dann kam die Verschiebung. när dem Politiker.
das Virus lauerte, sondern auch ein ande- Denn ein Weltsportfest ohne die weltbes- Es war nicht die Entscheidung der bei-
rer Sturm tobte: Weltweit verweigerten ten Sportler ergibt keinen Sinn. Ein Fest den Herren, die weltweit für Kopfschüt-
ihm Sportler die Gefolgschaft. Leichtath- wohlgemerkt, für dessen reibungslosen teln, Wut und Enttäuschung sorgte (siehe
leten, Schwimmer, Turner, Fechter hatten Ablauf neben den Hauptdarstellern mehr Interview Seite 95), sondern das wochen-

94 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


lange Zaudern, Hinhalten und Abbügeln. Athleten Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler über das Olympia-Aus
Immer mehr hatte sich in den vergangenen
Wochen das Bild verfestigt, dem IOC und
seinem Gastgeber seien die Gesundheit
der Sportler, Betreuer und Zuschauer
gleichgültig – Hauptsache, das milliarden-
»Ein Schlag ins Gesicht«
schwere Geschäft Olympia könne wie ge- Der Ruderer Zeidler, 23, galt als eine der Zeidler: Ja, beide. Da war erst mal Stille,
plant stattfinden. größten deutschen Olympia-Hoffnungen. keiner hat mehr etwas gesagt. Wir
Erst als jedem klar war, dass die Spiele In einem ersten Telefoninterview am ver- mussten uns alle zunächst sammeln. Ich
im Sommer nicht zu halten sind, blieb gangenen Montag mit dem SPIEGEL bin regelrecht erschlagen von dem Berg,
Bach und Abe in dieser Woche nur eines hatte er sich noch zuversichtlich gezeigt, was nun alles zu regeln und umzuplanen
übrig: die Vollbremsung. dass die Spiele stattfinden werden und er ist. Ich habe mein Studium für die
Die Countdown-Uhren, die auf einigen sich trotz erschwerter Trainingsbedingun- Spiele ein Jahr lang nicht fortgesetzt,
Plätzen in Tokio stehen und die Zeit bis gen weiter unbeirrt auf Tokio 2020 vor- wollte in England anschließend meinen
zum Start der Sommerspiele herunterzäh- bereiten kann. Master machen. Die Bewerbung muss
len, müssen jetzt umgestellt werden. Doch ich jetzt zurückziehen. Ich muss mit
noch weiß niemand, wie lange dieser neue SPIEGEL: Wie haben Sie von der meinem Arbeitgeber sprechen, ob ich
Countdown dauern wird. Verschiebung der Spiele am Dienstag ein weiteres Jahr mit reduzierten Stun-
Beim IOC herrscht weiter Hochbetrieb. erfahren? den arbeiten kann.
Bach ist damit beschäftigt, intern die Rei- Zeidler: Ich saß gerade mit meiner Fami- SPIEGEL: Was zeigt, dass Olympia kein
hen wieder zu schließen, die sein Schlin- lie zu Hause beim Mittagessen. Es gab gewöhnlicher Wettbewerb ist.
gerkurs durcheinandergebracht hat. Und Fisch und Kartoffeln. Auf einmal hat Zeidler: Es ist tatsächlich so, wie Herr
er kommt voran. Auf Schaltkonferenzen mein Handy nicht mehr aufgehört zu Bach das gesagt hat: Es ist nicht wie ein
am vergangenen Donnerstag versicherten vibrieren. Auf dem Display waren dann Fußballspiel. Da hängen Lebensträume
ihm die IOC-Mitglieder und die 33 Som- viele Nachrichten: »Hast Du es schon dran, das ganze Leben ist darauf ausge-
mersportverbände im Tokio-Programm gesehen? Olympia auf 2021 verschoben.« legt, bei Olympia dabei zu sein.
kollektiven Rückhalt. Da ist mir das Essen erst mal im Hals SPIEGEL: Mit welchen anderen Athleten
Nach außen versucht der Anwalt aus stecken geblieben. haben Sie sich bereits ausgetauscht?
Tauberbischofsheim, der historischen Ent- SPIEGEL: Was waren Ihre ersten Zeidler: Ich habe gestern Abend eine
scheidung, erstmals in der über 120-jähri- Gedanken? Videokonferenz gemacht mit meiner
gen neuzeitlichen Geschichte Olympias Zeidler: Das war wie ein Schlag ins Freundin und einem Kumpel, um ein
die Spiele zu verschieben, einen positiven Gesicht. Ich war völlig darauf eingestellt, bisschen Luft rauszulassen und zu reden.
Spin zu verpassen. Sportler berichten da- dass sich das IOC Zeit nimmt mit der Aber darüber hinaus habe ich mich bis-
von, dass die IOC-Führung die Spiele von Entscheidung, weil das so kommuniziert her mit niemandem ausgetauscht.
Tokio nun als Freudenfest der Menschheit worden war. SPIEGEL: Was ist das vorherrschende
nach dem Sieg gegen das Virus verkaufen SPIEGEL: Viele sagen, die Entscheidung Gefühl, Wut oder Enttäuschung?
wolle. Tatsächlich erzählt Bach auf allen kam jetzt auch, weil Athleten öffentlich Zeidler: Enttäuschung, eben weil man
Kanälen davon, die olympische Flamme diese Hängepartie kritisiert hatten. sich so hat täuschen lassen von der Situa-
leuchte der Weltgemeinschaft den Weg Zeidler: Ich bin immer noch der Mei- tion. Zwischen der Aussage, dass die
durch »den dunklen Tunnel«. nung, dass man Alleingänge hätte Spiele stattfinden, und der Verschiebung
Das olympische Feuer war im März in vermeiden sollen. Ich hätte die Spiele lag eine Woche – das ist mir zu impulsiv.
Griechenland entzündet und nach Japan niemals boykottiert. Am Ende war es Das hätte man definitiv eleganter und
transportiert worden. Nun soll es dort blei- wohl der Todesstoß, dass sich Nationen schonender lösen können.
ben, bis die Spiele eröffnet werden. wie Australien und Kanada dazu ent- SPIEGEL: Konnte Sie jemand aufbauen?
Dass Bach überhaupt so lange auf Zeit schieden haben, in diesem Jahr keine Zeidler: Mein Vater. Wir haben uns hin-
spielen konnte, hat mit der besonderen Athleten nach Tokio zu schicken. gesetzt und kleinere Ziele gesteckt. Wir
politischen und gesellschaftlichen Lage SPIEGEL: Sie leben in einem Mehr- müssen jetzt dranbleiben, aber gleichzei-
Japans zu tun. Auch Shinzo Abe wollte, generationenhaus. Ihr Großvater ist tig das Training komplett umplanen.
dass Olympia ihn in einem hellen Licht er- Olympiasieger, Ihr Vater, der Sie SPIEGEL: Wie soll es mit Olympia
strahlen lässt. auch trainiert, war ebenfalls Weltklasse- jetzt weitergehen, welche Erwartungen
Über Jahre diente das große Ziel dem ruderer. Saßen die beiden mit am haben Sie?
nationalistischen Premierminister als Mittagstisch? Zeidler: Von mir aus bekommen die
Fluchtpunkt seiner Regentschaft. Mit den IOC-Funktionäre jetzt vier Wochen Zeit,
Spielen, so versprach er seinem Land, wer- die sie wollten, um einen neuen fixen
de eine »neue Ära« eingeläutet. Es würden Termin festzulegen. Und dann sollten
nicht nur die »Spiele des Wiederaufbaus« wir zusehen, dass die Dopingkontrollen
ALEXANDRA WEY / PICTURE ALLIANCE / DPA

nach dem Atomdesaster 2011 in Fuku- wieder weltweit stattfinden können.


shima sein, sondern Olympia würde auch Und dann sollten wir dieses Virus end-
einen Wirtschaftsboom im ganzen Land lich hinter uns lassen können. Ich wün-
entfachen. sche mir natürlich, dass der wirtschaft-
Für seine »Abenomics« genannte Wirt- liche Schaden nicht zu schlimm ausfällt
schaftspolitik, die mit lockerer Ausgaben- auf der ganzen Welt. Und dass wir
und Geldpolitik sowie Strukturreformen uns hoffentlich alle bald wieder frei be-
neues Wachstum auslösen sollte, war wegen können.
Olympia als Kernstück gedacht. »Weil die Interview: Antje Windmann
Wachstumsraten der Wirtschaft in den letz-
ten Jahren aber nichts von einem Boom

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Kostspieliger Kraftakt haben keine Wahl: Ohne die IOC-Tantie-
Ausgaben für Olympische Sommerspiele seit 1996, in Milliarden Dollar
men aus dem olympischen Vermarktungs-
Quelle: Council on Foreign Relations
programm könnte mindestens ein Dut-
zend der Verbände nicht existieren. Kleine
Föderationen aus weniger attraktiven
Schätzung:
3,6 6,9 16,0 45,0 18,0 20,0 Sportarten müssten Konkurs anmelden,
26,0
einige konnten sich nicht einmal die Ver-
sicherungspolice leisten, die von der
Rio de Sommersport-Dachorganisation ASOIF
Atlanta Sydney Athen Peking London Janeiro Tokio
1996 2000 2004 2008 2012 2016 2020
angeboten wurde.
Das IOC leitet einen gewaltigen Teil sei-
ner TV-Einnahmen an die Olympiaver-
bände weiter. Für Tokio sind 590 Millio-
erkennen ließen, hielt Abe umso länger bei den Spielen 1980 in Moskau. Bach, da- nen Dollar budgetiert, die gestaffelt unter
an seinen Olympiaplänen fest«, sagt mals Athletensprecher, war gegen ein den 28 permanenten olympischen Som-
Koichi Nakano, Politikprofessor an der Fernbleiben, konnte den Entschluss aber mersportarten verteilt werden. Da dieses
Sophia-Universität in Tokio und einer der nicht verhindern. Nun wurde ausgerech- Geld aber erst nach den Spielen fließt, ist
bekanntesten Regierungskritiker. »Der net er von Sportlern dazu gezwungen, der finanzielle Druck auf viele Verbände
Wendepunkt kam erst, als Abe die Athle- seine Tokio-Pläne umzuwerfen. Das muss groß. Das IOC, das auf ein riesiges Fest-
ten mehrerer Länder gegen sich hatte.« schmerzen. geldkonto zurückgreifen kann, könnte ihre
Das gilt auch für Thomas Bach. Noch Doch das IOC ist nicht nur die wichtigs- Schmerzen lindern und Vorauszahlungen
zwei Tage vor der Verschiebung mahnte te Sportorganisation der Welt, es ist auch leisten. Es ist ein sehr langer Hebel, um
er in einem offenen Brief die Sportler, dass eine Propagandamaschine, die wie ge- Kritiker in den eigenen Reihen ruhigzu-
man »in dieser beispiellosen Krise« zu- schmiert läuft. Bereits kurz nach Abes Auf- stellen.
sammenstehe. Doch das Vertrauen vieler tritt am Dienstag ließ das Komitee mit- Noch völlig unübersichtlich ist derzeit,
olympischer Sportler hatte er zu diesem teilen, dass man sich auf die Verschiebung wie hoch die Kosten sind, die dem Gast-
Zeitpunkt längst verloren. Beispiellos war der Spiele verständigt habe, um »die Ge- geber durch die Verschiebung entstehen.
in dieser Krise, dass sich Athleten in einer sundheit der Athleten, aller an den Olym- Insgesamt hat das Megaprojekt das Land
bisher einmaligen Form von ihren obers- pischen Spielen Beteiligten und der inter- bisher weit über 20, vielleicht sogar 30
ten Amtsträgern emanzipierten. nationalen Gemeinschaft zu schützen«. Milliarden Dollar gekostet. Eine Olympia-
Einer von ihnen ist Andreas Toba, 29, Dreispringer Taylor macht die rhetori- Verschiebung auf 2021 dürfte weitere Mil-
Kunstturner aus Hannover. In sozialen sche Volte fassungslos, »sich jetzt hinzu- liarden bedeuten.
Medien äußerte er seinen Wunsch, von stellen und zu sagen, wir haben das für die Arenen müssen für 2021 bereitgehalten
dem Druck des sinnlosen Trainierens be- Athleten getan. Nein, habt ihr nicht«, sagt werden; im olympischen Dorf, das nach
freit zu werden, »alles für den Traum zu er, »ihr habt die Spiele verschoben, weil den Spielen zu einer Wohnsiedlung wer-
geben, auch wenn es in der aktuellen Si- die Athleten und Komitees abgesagt ha- den soll, ist offenbar bereits ein Viertel der
tuation unmöglich ist«. ben. Ihr habt die Spiele verschoben, weil 5600 Wohnungen verkauft. Gut möglich,
Haley Wickenheiser, 41, viermalige ihr keine andere Wahl hattet«. dass »Tokyo 2020«, so sollen die Spiele
Olympiasiegerin im Eishockey aus Kanada Auch innerhalb der 33 Sommersport- auch im kommenden Jahr heißen, zum
und als Athletenvertreterin selbst im verbände ist die Wut groß. Exakt eine Wo- größten Versicherungsfall der Sportge-
IOC, bewertete das Verhalten ihrer Funk- che vor der Verlegung der Spiele hatte schichte wird.
tionärskollegen als »unverantwortlich und Bach die Verbände noch hinter sich ge- Die größte finanzielle Gefahr für das
gefühllos«. bracht und erklärt, es sei zu früh für vor- IOC ist allerdings gebannt: Die Sponsoren
Der US-Amerikaner Christian Taylor, eilige Entscheidungen. des Organisationskomitees und des IOC
29, zweimaliger Olympiasieger im Drei- Viele Funktionäre hatten Schwierigkei- zahlen weiter. Auch die Milliarden von
sprung und Mitbegründer der Athleten- ten, dies ihren Sportlern zu Hause zu er- den TV-Anstalten werden fließen, aller-
gewerkschaft »The Athletics Association«, klären. Und dann wurden viele Verbands- dings erst nach den Spielen.
startete im Internet eine Umfrage in vertreter nur wenige Tage später von der Bleibt die Frage, wann Olympia nun tat-
13 Sprachen. In zwei Tagen nahmen mehr jüngsten Entscheidung kalt erwischt. Sie sächlich stattfinden wird. Im Kommuniqué
als 4000 Leichtathleten daran teil. Ergeb- werden und müssen den Kurs stützen, sie der Verlegung hieß es: »spätestens im Som-
nis: Knapp 80 Prozent sprachen sich für mer 2021«. Inzwischen hat Bach erklärt,
eine Verschiebung der Spiele aus. der Termin sei »nicht auf den Sommer be-
Am Sonntag verkündete das Nationale grenzt«, in Japan kursieren die Monate
Olympische Komitee Kanadas, keine März bis Mai.
Sportler nach Tokio zu entsenden, sollte Zunächst gibt es aber Wichtigeres als
am ursprünglichen Eröffnungstermin fest- die Spiele, selbst in Tokio. Am Mittwoch,
gehalten werden. Wenig später schloss sich einen Tag nach der Olympia-Entschei-
Australien an. Die USA plädierten für eine dung, gab es dort den bisher höchsten
Verschiebung, wie auch Alfons Hörmann, Zuwachs an Neuinfektionen. Noch am
Präsident des Deutschen Olympischen Abend verkündete Tokios Gouverneurin
Sportbunds und sonst fast immer stramm Yuriko Koike, dass die Bewohner zu Hause
auf Bach-Linie. bleiben sollten.
TOM WELLER

Für den Adressaten waren das Ohrfei- Das Schlimmste hat wohl auch Japan
gen. Bach inszeniert sich gern als Präsident erst noch vor sich.
der Athleten; häufig verweist der Goldme- Matthias Fiedler, Felix Lill, Thilo Neumann,
daillengewinner im Florettfechten im Jahr Kunstturner Toba Jens Weinreich
1976 auf den Olympiaboykott des Westens »In der aktuellen Situation unmöglich«

96 DER SPIEGEL Nr. 14 / 28. 3. 2020


Wie hieß Nofretete
wirklich?
Neues aus der SPIEGEL-Welt: Die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE
entführt die Leserinnen und Leser ins alte Ägypten.

SCHERL / SZ PHOTO (R); MICHAEL SOHN / PICTURE ALLIANCE / DPA


Nofretete-Büste in Berlin Schriftexperte beim Abzeichnen von Hieroglyphen 1931

s war ein Durchbruch in der Ägyptologie, als der Archäologenteam 1912 bei Ausgrabungen und brachte diese

E französische Forscher Jean-François Champollion


1822 das System der altägyptischen Schrift, der
Hieroglyphen, durchschaute. Seit dem Untergang
des Pharaonenreichs um die Zeitenwende hatte niemand
nach Berlin. Statt am Nil steht der steinerne Kopf der einst
mächtigen Hoheit nun an der Spree. Und muss sich gefallen
lassen, ständig falsch angesprochen zu werden. Ihr eigent-
licher Name passte viel besser zu dem kühl-eleganten Abbild
mehr die Inschriften auf Tempeln, im Inneren von Pyrami- der Herrscherin: Er lautete Nafteta.
den oder in Überresten von Papyrusrollen lesen können.
Nun aber begannen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft-
ler, die jahrtausendealten Texte zu entschlüsseln. Weitere Themen aus der
Ein Problem allerdings gab es dabei: Die Ägypter notier- aktuellen Ausgabe
ten fast ausschließlich Konsonanten und ließen die Vokale – G Alltag: hartes Bauernleben am Nil
a, e, i, o, u – weg. Da auch die altägyptische Sprache unter- G Wissenschaft: wie sich die Ägypter
gegangen ist, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen, wie die Welt erklärten
die in Hieroglyphen festgehaltenen Wörter ursprünglich lau- G Raubgräber: die Suche nach dem
teten – und erst recht nicht, wie sie ausgesprochen wurden. Pharaonengold
Ägyptologen behelfen sich heute damit, dass sie zwischen G Pyramiden: geniale Baukunst für
viele Konsonanten eines Wortes den Buchstaben »e« ein- machtbewusste Herrscher
fügen, so lassen sich die Worte wenigstens aussprechen. Nur
in wenigen Fällen sind die ursprünglichen Namen tatsächlich SPIEGEL GESCHICHTE erscheint sechsmal im Jahr und fächert
bekannt. So wurde der Pharao Tutanchamun von seinen jeweils ein historisches Thema unterhaltsam und analytisch
Zeitgenossen Tauet-anchu-Amanu genannt. auf. Erhältlich im Abonnement (abo.spiegel-geschichte.de),
Und Nofretete, die Ehefrau des mächtigen Pharao Echna- im Zeitschriftenhandel, auf amazon.de/spiegel und
ton, die im 14. Jahrhundert vor Christus lebte? Eine fast meine-zeitschrift.de (148 Seiten; 8,50 Euro). Außerdem
vollständig erhaltene Büste der Königin fand ein deutsches als digitaler Download in der SPIEGEL-App (7,99 Euro).

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Wissen

JUAN OLIPHANT / ONE OCEAN DIVING


Zwei Meter Abstand sind der Gesundheit zuträglich, das zeigt sich derzeit an Land, und die Distanz sollte auch
unter Wasser gewahrt werden. Ansonsten hat Ocean Ramsey (so heißt sie wirklich) wenig Berührungsängste gegen-
über großen Fischen. Insbesondere Weiße Haie haben es der Umweltaktivistin angetan. Die Raubfische werden
von Ramsey elegant umtaucht, um den friedlichen Charakter der Beißer zu belegen. Bisher ist das gut gegangen.

Forensik sind die Ergebnisse der Studie Archäologie liche Kriegsführung gründlich
Massive von strafrechtlicher Bedeu- Kunstvoll zerlegt missverstanden. So sei es
tung. Die Aussagen von »Zeu- den Belagerern einst nicht un-
Stoßeinwirkung gen oder Beteiligten über den G Der Archäologe Richard bedingt darum gegangen, die
Erhalt ›nur‹ einer Ohrfeige« Nevell von der University steinernen Festungen der Geg-
G Sie wird oft als »Schelle«, schließe nicht eine »schwere of Exeter in England kommt ner zu zertrümmern, meint
»Watschn« oder »Backpfeife« Verletzung, bis hin zu Fraktu- nach Auswertung von Gra- der Forscher im »Archaeologi-
bagatellisiert – für ein Team ren«, aus, warnen die Rechts- bungsfunden rund um Hun- cal Journal«. Vielmehr setzten
von Rechtsmedizinern aus mediziner. So könnten Schlä- derte alte Ritterburgen in die Sieger nach der Erobe-
München und Salzburg kann ge mit der flachen Hand gar Großbritannien zu einem rung, etwa durch gezieltes
die Ohrfeige jedoch durch zur »temporären Beeinträchti- überraschenden Urteil. Dem- Aushungern, auf kunstvolle
»massive Stoßeinwirkungen gung der Bewusstseinslage« nach werde die mittelalter- Demontage. Statt der Total-
mit entsprechend hohem Ver- führen. Eine rechtsmedizini- zerstörung nahmen sie meist
letzungspotenzial« gekenn- sche Beurteilung vor Gericht nur symbolische, den Gegner
zeichnet sein, wie die For- halten die Experten in ent- demütigende Eingriffe vor.
scher in der jüngsten Ausgabe sprechenden Fällen für gebo- Dazu war handwerkliches
des Fachjournals »Rechtsme- ten. Die Resultate der Unter- Können gefragt. Als Hein-
dizin« berichten. Mithilfe suchung geben auch deshalb rich II. (1133 bis 1189) nach
weiblicher und männlicher Anlass zur Sorge, da »ein einer Rebellion das Wider-
Probanden untersuchten die nicht unbeträchtlicher Teil