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Israelische Apartheid

im Blickwinkel | Seite 2

BDS in Palästina | Seite 5

Das Jordantal –
Vertreibung und
Schikanen | Seite 7

Olivenölprojekt ‚Qualität
plus’ | Seite 9

Rückblick auf den Gaza


Freedom March | Seite 12
Israelische Apartheid im Wertung zu verstehen, sondern als
völkerrechtlich definiertes Verbre-
chen der institutionalisierten Dis-
Blickwinkel kriminierung und Dominanz einer
Bevölkerungsgruppe über andere
Israeli Apartheid Week heisst eine Veranstaltungsreihe, die jährlich und der damit einhergehenden Prak-
im März zu Diskussionen rund um die Themen der palästinensischen tiken. Auf Israel gemünzt, meint er
Boykottkampagne einlädt und sich wachsender Unterstützung erfreut. das gesamte politische, rechtliche
und militärische System der Beherr-
schung und Unterdrückung der Pa-
lästinenserInnen. Es gilt für alle drei
Teile des palästinensischen Volks:
die PalästinenserInnen unter Besat-
zung (rund 5 Millionen), die Palästi-
nenserInnen in Israel (rund 1,3 Milli-
onen) und die PalästinenserInnen im
Exil (rund 7 Millionen). In den besetz-
ten Gebieten sind die Apartheidstruk-
turen neben anderen Völkerrechts-
verletzungen durch das anhaltende
militärische Besatzungsregime und
die Blockade des Gazastreifens all-
gegenwärtig. Subtiler und oft über-
sehen ist die umfassende Diskrimi-
nierung der palästinensischen, d.h.
nichtjüdischen Bevölkerung in Israel
in rechtlicher, sozialer, politischer
und kultureller Hinsicht. Für die pa-
Grosses Medienecho erntete in Mittel- und Südamerikas, Südafrikas lästinensischen Flüchtlinge und in-
mehreren Ländern die diesjährige und Europas. Mit Beirut war dieses tern Vertriebenen kommt Apartheid
Ausgabe der Israeli Apartheid Week, Jahr erstmals auch eine arabische in der Verweigerung des Rückkehr-
die 2010 zum sechsten Mal über die Stadt ausserhalb der besetzten Ge- rechts im Kontext der systema-
Bühne ging. Den Höhepunkt bildete biete mit dabei. tischen Unterdrückung zum Tragen.
eine halbstündige Diskussion auf Inhaltlich geht es darum, die BDS- Allen genannten Aspekten gemein-
dem englischsprachigen Sender von Kampagne und ihre Forderungen ei- sam ist die Absicht des zionistischen
Al Jazeera, in der Ziele und inhalt- ner breiteren Öffentlichkeit bekannt Staates, sich palästinensisches Land
liche Grundlage der Apartheidwoche zu machen. Ein Schlüsselbegriff zur und Ressourcen anzueignen und die
dargelegt wurden. Charakterisierung der israelischen palästinensische Bevölkerung zu ver-
Die Initiative zur Apartheidwoche Politik gegenüber den Palästinen- treiben oder, wo dies nicht möglich
ging von einer Gruppe von Studie- serInnen, der auch namensgebend ist, durch ein subtiles System aus
renden in Toronto (Kanada) aus, die war, ist „Apartheid“. Der Begriff ist Gesetzen, Erlässen, Verboten und
wenige Monate nach Lancierung des hier nicht im Sinn einer moralischen sozialen Praktiken auf immer en-
Aufrufs der palästinensischen Zivil- gerem Raum einzugrenzen.
gesellschaft zu Boykott, Desinvesti- Im Rahmen der Israeli Apartheid
tion und Sanktionen (BDS) gegen Is- Week soll der Blickwinkel auf die-
rael im Sommer 2005 beschloss, die sen strukturellen Charakter der is-
Diskussion über die Kampagne auf raelischen Dominanz über die Palä-
den Campus zu tragen. Seither hat stinenserInnen gelenkt und das Ver-
die Idee zahlreiche Nachahmer ge- ständnis dafür vertieft werden. Die-
funden. Bislang wurden Apartheid- se israelische Politik und Praxis gilt
wochen in über 50 Städten weltweit es zu delegitimieren. Auf denselben
durchgeführt, darunter in Gaza, Beth- Ideen baut die BDS-Kampagne auf,
lehem, Nablus, Jerusalem und Jenin die nichts anders fordert als die Um-
sowie in zahlreichen Städten Nord-, setzung elementarer Grundrechte

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Universitäten, in Quartiertreffs, Kul-
turzentren, Flüchtlingslagern oder auf
der Strasse vielfältige Aktivitäten auf
dem Programm – von Vorträgen, Dis-
kussionsveranstaltungen und Video-
konferenzen über Filmvorführungen,
Konzerte und Ausstellungen bis hin
zu Demonstrationen, der Verteilung
von Informationsmaterial und Unter-
schriftensammlungen. Viele Refe-
rate werden auf Video aufgezeichnet
und stehen so anderen Interessier-
ten und Städten zur Verfügung.
Nächstes Jahr wollen wir auch
in der Schweiz mit dabei sein und
wenn möglich an mehreren Orten
ein Programm auf die Beine stellen.
Dafür suchen wir noch AktivistInnen,
die von der BDS-Kampagne über-
zeugt sind und bei der Vorbereitung
der Israeli Apartheid Week mithelfen
wollen.

Interessierte schreiben an:


kontakt@bds-info.ch
Website der Israeli Apartheid Week:
> www.apartheidweek.org
Diskussion auf Al Jazeera:
Warten am Checkpoint > http://english.aljazeera.net/pro-
grammes/insidestory/2010/03/
201033134534575881.html
der palästinensischen Bevölkerung, hindert, und in Kanada steht ein An-
unabhängig von der konkreten staat- trag zur Diskussion, die Verwendung
lichen Form, die dafür gewählt wird. des Begriffs „israelische Apartheid“
Das Verbrechen der Apartheid
unter Strafe zu stellen. Dessen un-
Völkerrechtliche Grundlagen: In-
geachtet haben die Apartheidwoche
Berührungspunkte zu ternationales Übereinkommen zur
und die BDS-Kampagne in den letz-
Beseitigung jeder Form von Ras-
sozialen Bewegungen ten Jahren rasanten Zulauf erhalten.
sendiskriminierung (1965); Inter-
Organisiert werden die Veranstal-
nationale Konvention über die Be-
Gerade diese auf das Völkerrecht tungen dezentral, aber im Austausch
kämpfung und Bestrafung des Ver-
gestützte, am Vorbild des Kampfs zwischen einzelnen Ländern und
brechens der Apartheid (1976),
gegen die südafrikanische Apart- Städten, insbesondere was die Einla-
Römer Statut des Internationalen
heid orientierte Kampagne wird von dung von ReferentInnen betrifft. Eine
Strafgerichtshofs (1998)
zionistischen Kreisen als Bedrohung kleine Koordinationsgruppe kümmert
Das Römer Statut definiert das
wahrgenommen. So gab es bei der sich um die Website und legt jeweils
„Verbrechen der Apartheid“ als
ersten Ausgabe der Israeli Apartheid im Herbst den Termin der nächsten
„unmenschliche Handlungen …,
Week in Toronto massiven Druck Woche fest.
die von einer rassischen Gruppe
auf die Universitätsleitung, den Ver- Die Israeli Apartheid Week stellt
im Zusammenhang mit einem ins-
anstaltern die Räumlichkeiten zu eine ausgezeichnete Möglichkeit
titutionalisierten Regime der sys-
entziehen. Er konnte jedoch durch dar, die BDS-Kampagne über den
tematischen Unterdrückung und
eine gute Mobilisierung abgewehrt engeren Kreis der Solidaritätsbewe-
Beherrschung einer oder mehrerer
werden, und der Medienrummel hat- gung hinaus in politische, soziale und
anderer rassischer Gruppen in der
te gefüllte Hörsäle zur Folge. Auch kulturelle Bewegungen zu tragen
Absicht begangen werden, dieses
in anderen Städten wurden Plakate und Berührungspunkte mit diesen zu
Regime aufrechtzuerhalten“.
verboten oder Veranstaltungen be- suchen. Eine Woche lang stehen an

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Diskussion: Besatzung, Apartheid den, weitgehend der Definition von
Apartheid entsprechen.

und die BDS-Kampagne Dennoch wollen die von nach-


vollziehbaren Schuldgefühlen wegen
des Völkermords an den Juden be-
Die Bedeutung und Entwicklung der BDS-Bewegung, Israel als herrschten Westmächte den grund-
Apartheidstaat, allgemeiner Boykott gegen Israel oder Beschränkung auf legenden Unterschied nicht wahrha-
die Besatzung – das sind Fragen, die in der Solidaritätsbewegung immer ben, der zwischen dem Widerstand
wieder diskutiert werden. Dazu Auszüge aus einem Beitrag von Omar gegen die israelischen Völkerrechts-
Barghouti von der palästinensischen Leitung der BDS-Kampagne (BNC). verletzungen und der Diskriminierung
von Juden/Jüdinnen besteht …
Die ganze Welt ist aufgerufen, alle
israelischen Einrichtungen und Unter-
nehmen zu boykottieren und Kapital
aus Unternehmen abzuziehen, die von
der israelischen Apartheid, Besatzung
oder Negierung der Flüchtlingsrechte
profitieren. Was aber, wenn eine Grup-
pe sich einzig auf die Besatzung, nicht
aber auf die Apartheid in Israel oder
die Rechte der Flüchtlinge konzentrie-
ren will? Die unveräusserlichen Rech-
te des palästinensischen Volkes sind
weder teilbar noch verhandelbar. Nur
wir PalästinenserInnen selbst können
entscheiden, welche Ziele wir an-
streben und wie wir unser Recht auf
Der jüngste israelische Angriffskrieg veräusserliches Recht auf Selbstbe- Selbstbestimmung ausüben können.
gegen den besetzten Gazastreifen stimmung auszuüben … Die Solidaritätsbewegungen können
und die seit zwei Jahren dauernde Der BNC hat dieses Jahr eine fun- nur entscheiden, welche Taktik ihrer
illegale, unmoralische Belagerung dierte Studie des israelischen Sys- Meinung nach am wirksamsten und
dieses Gebietes haben zu einem tems der Unterdrückung der Palästi- nachhaltigsten ist, um uns in ihrem
weltweiten Umdenken der Öffent- nenserInnen veröffentlicht, die zum spezifischen Kontext bei der Durchset-
lichkeit gegenüber der israelischen Schluss kommt, dass Israel Besat- zung unserer Rechte zu unterstützen.
Politik geführt. zung, Kolonisation und Apartheid be- Während der Boykottkampagne ge-
Die im Juli 2005 lancierte BDS- treibt. Eine von der südafrikanischen gen die Apartheid in Südafrika wurden
Kampagne unter palästinensischer Regierung in Auftrag gegebene Studie sämtliche kulturellen, sportlichen, uni-
Führung wird von einer überwälti- unter Leitung des renommierten Völ- versitären, wirtschaftlichen u.a. Apart-
genden Mehrheit der palästinen- kerrechtlers Prof. John Dugard ist zu heidinstitutionen boykottiert. In jeder
sischen Organisationen weltweit den gleichen Schlussfolgerungen ge- Boykottbewegung werden Massnah-
unterstützt. Verwurzelt in einer kommen, auch wenn sie sich auf die men gegen den Staat ergriffen, der
langen Tradition des gewaltlosen 1967 besetzten Gebiete beschränkt. Völkerrechtsverletzungen begeht
Widerstandes von unten in Palästi- Die Kennzeichnung von Israel als und die Menschenrechte missachtet.
na, verfolgt die Kampagne einen Apartheidstaat bedeutet nicht, dass Auch wer nur die Besatzung und die
auf Menschenrechte gestützten das Diskriminierungssystem iden- Siedlungen ablehnt, muss Israel boy-
Ansatz. Jede Form von Rassismus tisch ist mit der Apartheid in Südafri- kottieren. Immerhin ist Israel gemäss
einschliesslich Antisemitismus und ka. Es bedeutet lediglich, dass die Völkerrecht jene staatliche Entität, die
Islamophobie lehnt die Kampagne israelischen Gesetze und die israe- für die Verbrechen der Besatzung und
strikt ab. Der BDS-Aufruf definiert lische Politik gegenüber den Palästi- des Siedlungsbaus verantwortlich ist.
eindeutig die drei fundamentalen nenserInnen, die sogar in einem Be- Übersetzung eines Beitrags von Omar
Rechte der PalästinenserInnen, die richt des US-State Department 2008 Barghouti für die französische Coalition
Minimalforderungen für einen ge- als System der „institutionellen, gegen Agrexco: Cornelia Hanke
rechten Frieden darstellen und den rechtlichen und gesellschaftlichen Der gesamte Beitrag findet sich unter
PalästinenserInnen erlauben, ihr un- Diskriminierung“ beschrieben wur- > www.bds-info.ch

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BDS in Palästina ternationalen Solidaritätsbewegung
nieder, die Fragen wie das Rück-
kehrrecht und die strukturelle Dis-
Boykott ist in der internationalen Solidaritätsbewegung ein zentrales Mittel kriminierung der PalästinenserInnen
des Drucks auf Israel, um fundamentale Rechte der PalästinenserInnen in Israel ausklammerte. Eine Wende
durchzusetzen. In Palästina ist Boykott eine der seit Langem praktizierten brachte die seit 2001 erstarkende
Formen des Widerstands, die heute zu neuer Aktualität gelangt. Bewegung für das Recht auf Rück-
kehr, die eine systematische Analyse
der israelischen Politik gegenüber
den PalästinenserInnen leistete. Sie
mündete 2005 in den BDS-Aufruf.
Eine wichtige Etappe war im No-
vember 2007 die Gründung des nati-
onalen Ausschusses der BDS-Kam-
pagne (BNC), die der Kampagne auf
palästinensischer Seite eine klare
Struktur gibt.

Die politische Führung


gewinnen

Indem die BDS-Bewegung das Völ-


kerrecht und Menschenrechte ins
Zentrum stellt, die Rechte der pa-
lästinensischen Flüchtlinge und der
PalästinenserInnen in Israel inte-
griert und die Zusammenarbeit mit
israelischen Institutionen ablehnt,
vertritt sie eine wesentlich radika-
lere Haltung als die Palästinenser-
Apartheidwoche an der Uni Bethlehem behörde (PA), die eng mit dem isra-
elischen Besatzungs- und Kolonial-
regime zusammenarbeitet. So hat
Neben anderen Aktivitäten wie den oft wenig reflektierte panarabische die PA mit Israel Verträge über Son-
wöchentlichen Demonstrationen Haltung dominierte drei Jahrzehnte derwirtschaftszonen entlang der
gegen den Mauerbau in Bil’in und lang. 1978 scherte Ägypten aus dem Mauer in den besetzten Gebieten
weiteren Orten ist die Bewegung für Konsens aus und normalisierte seine abgeschlossen, die von israelischen
Boykott, Desinvestition und Sank- Beziehungen mit Israel. Sicherheitsdiensten kontrolliert und
tionen gegen Israel, bis dieses das Während der ersten Intifada gab von israelischen Unternehmen be-
Völkerrecht respektiert (BDS), eine die vereinte palästinensische Füh- trieben werden. Palästinensische
zentrale Form des gewaltfreien Wi- rung die Weisung aus, israelische Arbeitskräfte sollen dort zu Billigst-
derstands gegen das israelische Produkte zu boykottieren, um die Ab- löhnen ohne gewerkschaftliche
Besatzungs-, Kolonial- und Apart- lehnung der Zusammenarbeit mit der Rechte beschäftigt werden. Der
heidregime. Lokale Boykottaufrufe, Besatzungsmacht zu signalisieren. BNC hat sich daher zum Ziel ge-
die sich ursprünglich gegen die Ähnliche Aufrufe gab es vereinzelt setzt, die PA zu einer klaren Haltung
Briten richteten, gab es in Palästina während der zweiten Intifada, dort im Bezug auf Boykott zu gewinnen
schon in den 1930er-Jahren. Nach allerdings ohne Rückhalt der paläs- und gleichzeitig den Rückhalt in den
der Staatsgründung Israels 1948 er- tinensischen Führung, die seit dem unterstützenden Organisationen
hielt die Forderung eine internatio- Oslo-Abkommen 1993 grundlegende und der Bevölkerung zu vertiefen.
nale Dimension: Der Boykott Israels Rechte und Forderungen zugunsten Da Israel den Markt in den be-
und die Solidarität mit den Palästi- einer vermeintlichen Normalisierung setzten Gebieten gerade bei stra-
nenserInnen gehörten zum Konsens und Eigenstaatlichkeit aufgeben hat- tegischen Produkten wie Wasser,
unter den arabischen Staaten. Diese te. Das schlug sich auch in der in- Salz oder Getreide weitgehend

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kontrolliert, kann unter den Bedin- Art von Mentalität der Kolonisierten einzelner palästinensischer Firmen
gungen der Besatzung der lücken- ausgebreitet, wonach israelische einspannen zu lassen. Dafür wird
lose Boykott kein Ziel sein. Die Produkte als besser gelten. Unter versucht, Jugendliche in lokale Ak-
palästinensische Wirtschaft steht diesen Bedingungen geht es darum, tivitäten einzubeziehen. Vom Rück-
unter dem doppelten Druck des mit einer lokalen Boykottstrategie halt in der Bevölkerung wird auch
Freihandels und der Besatzung, in das Bewusstsein zu stärken, nicht abhängen, welche Haltung die PA
vielen Bereichen des traditionellen mit dem Besatzungs- und Apartheid- einnehmen wird, wenn Israel ver-
Handwerks und der verarbeitenden regime zusammenzuarbeiten und, suchen sollte, Druck auszuüben,
Industrie verdrängen israelische wo Alternativen vorhanden sind, damit sie die BDS-Bewegung zu-
und asiatische Produkte die paläs- israelische Produkte zu vermeiden, rückbindet.
tinensischen. Zudem hat sich eine ohne sich für Marketingstrategien

Flüchtlinge und intern Vertriebene – die aktuelle Statistik

Ende 2008 gab es 6,6 Millionen und jüngsten Vergangenheit zu do-


palästinensische Flüchtlinge und kumentieren. Allein während der
rund 427 000 intern Vertriebene. israelischen Militäroperation „Cast
Das entspricht 67 Prozent der ge- Lead“ im Gazastreifen 2008/2009
samten palästinensischen Bevöl- wurden rund 100 000 Palästinen-
kerung – die grösste und älteste serInnen vertrieben. Zu den aktuell
Flüchtlingsgruppe der Welt. Diese am stärksten von Vertreibung be-
Zahlen sind dem neusten Flücht- drohten palästinensischen Grup-
lingsbericht der palästinensischen pen in Israel und den besetzten
NGO Badil zu entnehmen. Gebieten zählen BewohnerInnen
Seit 2002 publiziert Badil regel- entlang der Mauer (498 000 Bew.
mässig eine Studie zur aktuellen in 92 Gemeinden), palästinensische
Situation der palästinensischen BeduinInnen, die BewohnerInnen
Flüchtlinge und Vertriebenen in Is- des Jordantals, Ostjerusalems, He-
rael, in den besetzten Gebieten und brons, des südlichen Teils und der
weltweit. Die Publikation versteht Pufferzone im Gazastreifen. Unter Zentrum steht dabei die Forderung
sich unter anderem als Gegenge- den PalästinenserInnen in Israel auf Rückkehr. Am Schluss wird auf
wicht zur falschen oder oft nicht sind insbesondere die Beduinen im die internationale Wahrnehmung
vorhandenen Information über die Naqab (Negev) und palästinensische des Flüchtlingsproblems sowie die
Lage der palästinensischen Flücht- Gemeinschaften in sogenannt „ge- Verantwortung der internationalen
linge in den internationalen Medien. mischten Städten“ Galiläas von Gemeinschaft eingegangen, sich
In fünf Kapitel zeigt die Publikation Vertreibung bedroht. Einen beson- für eine Lösung einzusetzen und
die unterschiedlichen Lebensreali- deren Status nehmen generell die die Flüchtlingsproblematik in inter-
täten der Flüchtlinge und die wich- vertriebenen PalästinenserInnen nationalen Verhandlungen aufzu-
tigsten Aspekte der Flüchtlingspro- innerhalb Israels und der besetzten nehmen. Zuletzt folgt ein Überblick
blematik. Sie liefert Hintergrund- palästinensischen Gebiete („Inter- über Kampagnen zur Durchsetzung
wissen und Daten zur Nakba und nally Displaced Persons“) ein, deren der Rechte der palästinensischen
dem Verlauf der systematischen Schicksal international noch immer Flüchtlinge und der Vertriebenen
Vertreibung der palästinensischen zu wenig Beachtung findet. in Israel und den besetzten palästi-
Bevölkerung durch Israel. Am Anfang der Studie werden nensischen Gebieten.
Im Vergleich zu früheren Pu- Forderungen aufgeführt, die Vo-
Die Studie kann bei Badil als PDF auf
blikationen setzt sich die aktuelle raussetzungen für eine dauerhafte,
der Homepage bezogen oder als Druck-
Studie zusätzlich zum Ziel, die von den palästinensischen Flücht- exemplar bestellt werden.
Vertreibung der palästinensischen lingen mitbestimmte Lösung des > www.badil.org
Bevölkerung in der Gegenwart Israel-Palästina-Konflikts bilden. Im

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Das Jordantal – Vertreibung gebauten Häusern und Zelten, dass
die palästinensische Bevölkerung

und Schikanierung der über genügend Wohnraum und öf-


fentliche Gebäude verfügt.

palästinensischen Bevölkerung
Wasser
Im Jordantal eignet sich Israel systematisch Land, Wasser und
landwirtschaftliche Ressourcen an. Die palästinensische Bevölkerung ist
Israel beansprucht einen Grossteil
in ihrer Existenz zunehmend bedroht.
der Wasserreserven des Jordans
für sich, Bohrungen und Instandhal-
tungen von Brunnen werden von der
staatlichen israelischen Wasserge-
sellschaft Mekarot monopolisiert,
PalästinenserInnen ist es verboten,
selbst Brunnen zu bohren oder be-
stehende instand zu halten. Israel
errichtet neue Brunnen, die nur Is-
raelis vorbehalten sind. Diese befin-
den sich oft in unmittelbarer Nähe
zu palästinensischen Brunnen, die
durch die tieferen Bohrungen aus-
trocknen. Durch das Überschreiten
der Maximaltiefe gefährdet Israel
das Ökosystem des Jordans und des
Toten Meeres. Zudem deklariert die
Besatzungsmacht Gebiete mit stra-
tegischen Wasserressourcen als mi-
litärisches Sperrgebiet. Die Wasser-
politik Israels hat zur Folge, dass die
Die israelische Armee bei der Zerstörung palästinensischer Wohnhäuser und landwirtschaftliche
Einrichtungen von 4 Familien in Hadidiya im Jordantal 2008. Die Zerstörungen waren Teil einer palästinensischen BewohnerInnen
grösseren Aktion der israelischen Armee zur Vertreibung von PalästinenserInnen aus dem Gebiet. in ständiger Wasserknappheit leben
und es sowohl an Trinkwasser als
Ein Youtube-Video mit dem Namen wird. Weitere 46 % des Landes hat auch an Wasser für die Bewirtschaf-
„The Jordan Valley“ zeigt die frucht- Israel zu militärischem Sperrgebiet tung der Felder fehlt.
bare, wunderschöne Landschaft des erklärt. Lediglich 4 % des Jordantals
Jordantals. Sie sei von Anfang an stehen heute der palästinensischen
von der Schönheit der unberührten Bevölkerung zur Verfügung, 70 % Bewegungsfreiheit
Landschaft überwältigt gewesen, der rund 52 000 palästinensischen
erzählt eine israelische Siedlerin. BewohnerInnen leben in Jericho. Das Jordantal ist von fünf festen
Für sie sei sofort klar gewesen, dass Die meisten der im Jordantal Checkpoints umgeben. Palästi-
dies der Ort sei, an dem ihre Kinder lebenden PalästinenserInnen sind nenserInnen ist das Passieren nur
aufwachsen sollten. Bauern, viele von ihnen Beduinen, erlaubt, wenn sie ihren Wohnsitz
Das Jordantal ist wegen der Was- die durch die israelische Besatzungs- im Jordantal haben und älter als
serressourcen des Jordans und sei- macht und die SiedlerInnen in ihrer 30 Jahre sind. Die Checkpoints sind
nem Reichtum an natürlichen Roh- landwirtschaftlichen Tätigkeit behin- jeweils von 6.00 bis 21.00 Uhr geöff-
stoffen ein äusserst attraktiver Land- dert werden. Mit einer gezielten Ver- net. Viele PalästinenserInnen können
strich. Er bildet gleichzeitig die Gren- treibungspolitik bedroht Israel ihre nicht nachweisen, dass sie Bewoh-
ze zwischen den besetzten Gebieten Existenz – allein zwischen Januar und nerInnen des Jordantals sind, weil
und Jordanien. Immer mehr jüdische März 2006 wurden rund 3000 Palä- sie keine entsprechenden Papiere
SiedlerInnen lassen sich hier nieder. stinenserInnen vertrieben. Die israe- besitzen. Die vielen Bedingungen,
Das Tal erstreckt sich über lischen Besatzer verhindern mit der die zum Passieren der Checkpoints
2400 m2, wovon die Hälfte von is- Verweigerung von Baubewilligungen erfüllt werden müssen, bedeuten,
raelischen SiedlerInnen kontrolliert und mit dem Zerstören von „illegal“ dass viele faktisch in ihren Dörfern

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gefangen sind. Überdies kommt es
an den Checkpoints immer wieder zu Agrexco – Symbol für Land- und Wasserraub
willkürlichen Festnahmen oder zum
Entzug von Ausweispapieren. Agrexco ist der Name des führen-
den israelischen Unternehmens für
den Export von Früchten, Gemüse,
Wirtschaft Kräutern und Blumen. Die Firma
ist zur Hälfte in staatlichem Besitz
Die palästinensischen Bauern wer- und vertreibt bekannte Marken wie
den schikaniert und als landwirt- Carmel, Carmel Bio Top, Ecofresh,
schaftliche Arbeitskräfte massiv aus- Jaffa, Jordan River, Alesia u.a. In
gebeutet. Die palästinensischen Pro- den besetzten Gebieten kontrol-
dukte werden durch subventionierte liert Agrexco auch den Grossteil der
Siedlerprodukte konkurriert, die zu Exporte palästinensischer Agrar-
Dumpingpreisen auf palästinen- produkte. Die palästinensischen Blockadeaktion gegen Agrexco-Verteilzentrale
sischen Märkten verkauft werden. Bauern in der Westbank sind ge- in England.
Israel blockiert die Einfuhr passender zwungen, Exporte über israelische
Düngemittel und Pestizide, Saatgut Firmen abzuwickeln. erkennbar und damit ein wichtiges
wird während längerer Zeit an den Der Name Agrexco ist direkt ver- Ziel der internationalen Boykott-
Checkpoints zurückgehalten. Palästi- bunden mit der kolonialen Politik kampagne gegen Unternehmen,
nensische Bauern werden gezwun- des Landraubs, der Aneignung von die von der israelischen Apartheid
gen, jüdische Siedler für das Packen lebenswichtigen Ressourcen wie und Besatzung profitieren. In Euro-
und Abfertigen der Landwirtschafts- Wasser und der Ausbreitung der pa haben sich zahlreiche Organisa-
produkte zu bezahlen, damit sie die israelischen Wirtschaft auf dem Rü- tionen zur Coalition contre Agrexco
Checkpoints passieren können. cken der palästinensischen Gesell- zusammengeschlossen, die das
Israel exportiert die Produkte aus schaft. Dies gilt für traditionsreiche Unternehmen im Rahmen der BDS-
dem Jordantal nach Europa und de- Produkte wie die Jaffa-Orangen, Kampagne ins Visier nehmen. Insbe-
klariert sie zum Teil als Made in Is- eine ursprünglich palästinensische sondere in Frankreich, wo Agrexco
rael. Firma, aber auch für Kräuter, Obst mit neuen Hafenterminals den Han-
und Gemüse aus Israel, die auf ent- del weiter ausbauen will, gibt es ein
Systematische Vertreibung eignetem Land angebaut werden. breites Bündnis von Komitees, Ge-
Ein aktuelles Beispiel ist der Negev, werkschaften, Parteien, Bauernor-
Das Vorgehen der Besatzungsmacht wo insbesondere die BeduinInnen ganisationen und andern. In England
im Jordantal zeigt beispielhaft die von einer Politik der Zwangsumsied- haben BDS-AktivistInnen Agrexco-
systematische Vertreibungspolitik Is- lungen betroffen sind. Ein Schwer- Verteilzentren blockiert. Unterdes-
raels auf, die hier schon weit fortge- punkt von Agrexco liegt auf dem sen finden in ganz Europa Aktionen
schritten ist. Gegenüber dem Elend Export landwirtschaftlicher Pro- vor Lebensmittelläden, darunter
der palästinensischen Bewohne- dukte aus dem Jordantal (besetz- Flashmobs, statt.
rInnen des Jordantals werden die Kin- te Gebiete). Agrexco verfügt dort Achten Sie beim Kauf von Obst
der der israelischen Siedlerin im You- über mehrere Verpackungszentren. und Gemüse auf die Herkunft der
tube-Video in einer atemberaubend Agrexco setzt sich über das Völker- Produkte! Vermeiden Sie israelische
schönen Landschaft aufwachsen und recht, aber auch bestehende Han- Kräuter, Früchte, Kartoffel, Datteln
von den Privilegien profitieren, die es delsverträge hinweg, indem es in (Exporteur: Hadiklaim) und protestie-
mit sich bringt, unter dem Schutz des den Siedlungen in den besetzten ren Sie gegen Falschdeklarationen.
israelischen Staates zu stehen. Gebieten produziert und Herkunfts-
Weitere Informationen
bezeichnungen falsch deklariert, um
> www.coalitioncontreagrexco.com
Weitere Informationen Zollvergünstigungen zu erhalten. (Frankreich)
> www.bds-info.ch/kampagnen/dos- Die israelischen Agrarprodukte, > www.corporateoccupation.word-
sier-jordantal die zum Grossteil über europäische press.com/tag/agrexco/
> www.savethechildren.org.uk/en/ Märkte vertrieben werden, symboli- > www.bds-info.ch/kampagnen
docs/Jorand_Valley_6_pages_low.pdf sieren besonders gut die Zerstörung
> www.jordanvalleysolidarity.org
der palästinensischen Gesellschaft.
Video „The Jordan Valley“,
> www.youtube.com/
Für KonsumentInnen sind sie leicht
watch?v=cYqHImt8xM4

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„Wir haben mit ‚Qualität plus’ Man könnte sagen, in der Oliven-
ölproduktion wird eine neue Kultur

Pionierarbeit geleistet“ eingeführt. Eine Veränderung, wel-


che die Bereitschaft der Bauern,
ihre intensive Begleitung durch
Das Palästina-Info sprach mit dem Projektleiter Kozeed Abo Safiah über Fachstellen und -personen sowie
das Projekt „Qualität plus“, das von den beiden Schweizer Organisationen einen grossen finanziellen Aufwand
Olivenölkampagne und Schweizer Arbeiterhilfswerk gefördert wird. Das voraussetzt.
Projekt will palästinensische Bauern unterstützen, die Qualität ihres Wir helfen den Bauern daher, zu-
Olivenöls zu verbessern. erst Kooperativen aufzubauen und
sich zu organisieren. Sie können so
ihre Interessen besser formulieren
und vertreten und ihre Teilnahme am
Veränderungsprozess optimieren.
Zudem stellen gut funktionierende
Kooperativen eine Garantie für die
Nachhaltigkeit des Projektes dar.
Mit der Palestinian Agricultural
Development Association (PARC)
als verantwortlicher Organisation
für die Implementierung des Pro-
jektes haben die Bauern einen kom-
petenten Partner.
Ein grosser Teil der Projektkosten
wird durch unterstützende Organi-
sationen in der Schweiz abgedeckt.
Die Bauern werden aber auch ver-
pflichtet, einen Teil der Kosten selbst
Olivenernte
zu übernehmen.

Wie hat sich das Projekt


Was sind die Ziele des Projektes Für den Verkauf in die Schweiz entwickelt?
„Qualität plus“? zahlen wir 10–15 Prozent mehr als Ich komme aus einem der drei Dörfer,
Das Projekt soll die palästinen- den durchschnittlichen Marktpreis wo wir das Projekt gestartet haben.
sischen Bäuerinnen und Bauern da- vor Ort, denn wir wollen, dass die Ich wollte da anfangen, wo ich Leu-
rin unterstützen, die Qualität ihres Bauern einen fairen Preis für ihr te kenne und von diesen Ideen über-
Olivenöls zu gewährleisten, und da- Produkt erzielen. Die Kooperativen zeugen kann. Sonst wäre es schwie-
mit den Verkauf fördern. Wenn wir erhalten zudem einen Shekel (rund rig gewesen, weil die Umstellungen
das Öl in der Schweiz oder in Euro- 30 Rappen) pro Liter. ein Umdenken erfordern. Dass mich
pa verkaufen wollen, muss es auch die Leute im Dorf gekannt haben,
gewisse hier übliche Qualitätsmerk- Was bedeutet das Projekt genau hat sehr geholfen. Jetzt sehen sie
male (Säuregehalt, Biozertifizierung für die Bauern? konkret, was sich verbessert hat,
etc.) erfüllen. Das Olivenöl in Paläs- Um den Qualitätsansprüchen ge- sie sehen, dass es gut läuft. Vorher
tina ist von Haus aus biologisch, recht zu werden, müssen die Oli- gab es in der ganzen Westbank kein
muss aber offiziell zertifiziert und mit venbauern Umstellungen in Kauf vergleichbares Projekt. Wir haben
der Bio-Knospe ausgezeichnet sein. nehmen, die fast alle Stationen in der Pionierarbeit geleistet, unterdessen
Darum heisst das Projekt auch „Qua- Olivenöl-Produktionskette betreffen. gibt es mehrere solche Projekte.
lität plus“. Qualitativ gutes Olivenöl Es fängt damit an, welche Metho- Ende 2008 haben wir beschlos-
zu produzieren ist mittlerweile eine den sie in der Hain- und Baumpflege sen, das Projekt auf zwei weitere
Voraussetzung dafür, dass die Leute verwenden, geht über das Wie und Gebiete auszuweiten, auf Tulkarem
einen besseren Preis für ihr Produkt Wann der Ernte und der Behandlung und Jenin. Das sind Gebiete, die vom
erzielen. Die Bauern sind so weniger der Früchte bis hin zur Frage, wie Ausland vernachlässigt werden.
den stark schwankenden Preisen und das Olivenöl als Endprodukt gelagert
den Zwischenhändlern ausgeliefert. werden muss.

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Wie ist Landwirtschaft unter Besat-
zung möglich? Bei der Fahrt nach
Jayyous sind wir an vielen Sied-
lungen, abgeriegelten Gebieten und
der Mauer vorbeigekommen?
Die Bauern haben keine Sicherheit.
Da ist als Erstes die massive Ein-
schränkung der Bewegungsfreiheit.
Sie wissen nie, ob sie morgen auf
ihre Felder oder in die nächste Stadt
fahren können – je nach Lust und
Laune der Soldaten an den Check-
points oder der Sicherheitsorder men. Die Tore in der Mauer werden Behörde und die infolge andauernder
des israelischen Militärs werden z.B. nur zweimal täglich für eine hal- Besatzung und wirtschaftlichem
sie daran gehindert. Zeitweise ist be Stunde geöffnet, wenn sie am Druck chronisch gewordene Armut.
bis zur letzten Minute unsicher, ob jeweiligen Tag überhaupt geöffnet Für palästinensische Bauern ist es
BeraterInnen oder HelferInnen an- werden. In den Sicherheitszonen um eine Sache der Unmöglichkeit, mit-
reisen können. die Siedlungen herum bekommen tel- oder langfristig zu planen – sie
Das andere ist die Enteignung die Bauern und ihre HelferInnen oft sind gezwungen, immer von heute
des Landes. Jayyous ist ein kras- auch in der Erntezeit keinen Zugang auf morgen zu denken.
ses Beispiel, weil der Grossteil des zur ihren Bäumen. Bauern werden Trotz all dieser Schikanen und Ein-
Landes durch den Bau der Mauer/ von Siedlern angegriffen, Bäume an- schränkungen konnten wir eine gute
des Zauns abgetrennt wurde. Die gezündet oder zersägt. Qualität erreichen.
Bauern brauchen eine spezielle Dazu kommt die fehlende Unter-
Erlaubnis, um auf ihr Land zu kom- stützung durch die palästinensische

Besuch bei Olivenbauern Etwas später wissen wir dann,


dass sich die Mitglieder einer Ko-
in Jayyous operative gegenseitig bei der Ern-
te unterstützen, Werkzeuge teilen
Drei AktivistInnen aus Basel besuchten palästinensische Bauern, die und somit die Infrastrukturkosten
sich am Projekt „Qualität plus“ beteiligen. Wir wollten einen besseren der Produktion von biologischem
Eindruck von der Herstellung des Olivenöls erhalten, das wir unter dem Öl gemeinsam tragen. Gemeinsam
neuen Label „Sumoud“ bei uns verkaufen werden. genutzt werden z.B. Traktoren, aber
auch die grossen, für die Lagerung
Begrüsst werden wir von Landwir- ritätsbewegung, sind wohl die ein- wichtigen Stahltänke. Als Kooperati-
ten, Gemeindevorsteher und Mit- zigen Olivenölabnehmer aus dem ve ist es zudem einfacher, die Oliven-
gliedern verschiedener landwirt- Ausland, welche die Bauern kennen- presse nach der Ernte für die biolo-
schaftlicher Komitees. Da Samstag lernen; so geben wir unser Bestes gische Verarbeitung herzurichten.
ist, findet unser Treffen in einem und stellen uns vor. Die Bauern bilden sich auch wei-
der Schulzimmer statt, ein grosser Aus vier Dörfern – Jayyous, Az- ter und streichen hervor, dass sie
Kreis mit Stühlen ist schon herge- zoun, Kafr Tulth und Kirbeth Se’ir – fin- als Mitglied einer Kooperative vom
richtet und auch die für die paläs- den sich Bauern im Raum, die alle ei- Wissen der anderen profitieren. Un-
tinensische Gastfreundschaft so ner von vier Kooperativen angehören. terstützt werden sie von der Arab
typischen Süssgetränke und Süssig- Diese verpflichten sich, biologisches Agronomists Association (AAA) in
keiten fehlen nicht. Öl zu produzieren. Auf unsere Frage Ramallah. Diese führt Schulungen
Die Männer und eine Frau schau- hin, was die Kooperative denn sonst durch, berät die Bauern und ist für die
en uns erwartungsvoll an. Zuoberst, noch ausmache, wird so lebhaft Abfüllung des Öls und den weiteren
am Tisch in der Mitte, müssen wir durcheinander diskutiert, dass un- Vertrieb zuständig. Eine in Ägypten
Platz nehmen, und uns wird plötzlich ser Übersetzer mit Übersetzen nicht ansässige Organisation überprüft
bewusst, wie wichtig dieses Treffen mehr nachkommt, zumal auch er den ganzen Ablauf und stellt das
für die Anwesenden sein muss. Wir, sich nun aktiv in die Gespräche ein- Biolabel aus, genehmigt von den
die drei SchweizerInnen der Solida- mischt. schweizerischen Behörden.

10
Selbstbewusst tritt auch die ein- möchten sie noch mehr Mitglieder
zige anwesende Palästinenserin auf. aus den Dörfern integrieren, falls „Sumoud“ – Neues Label für
Sie ist Mitglied der Frauen-Kooperati- sich der Absatz steigern lässt. palästinensische Produkte
ve in Se’ir. Mehr noch als die Männer Neben der israelischen Besat-
sind die Frauen auf Unterstützung zung, die viele Bauern/Bäuerinnen Ab Januar 2010 kann in der
angewiesen, um sich in Landwirt- von ihren Bäumen trennt und Was- Schweiz das biologische Olivenöl
schaft auszubilden und sie dann ums serzugänge versperrt, werden auch Sumoud gekauft werden. Das Öl
Haus herum betreiben zu können. andere Schwierigkeiten genannt. wird von den Kooperativen in der
Als karitative Organisation hilft die Vorab technische Hilfsmittel wie Westbank hergestellt, die sich
Kooperative hauptsächlich armen Motorsägen, Mulchgeräte und wei- auch am Projekt „Qualität plus“
Familien und verschenkt Schafe für tere Stahltanks fehlen. 2009 war ein beteiligen.
die Heimtierhaltung. Damit ist ein schlechtes Erntejahr, der Zweijah- Mit den Produkten unter dem
Teil der Nahrung für eine Familie si- resrhythmus der Olivenbäume ver- neuen Label (vorerst Bio-Olivenöl,
chergestellt. spricht dafür dieses Jahr eine reiche Zaatar und Maftul) möchten wir
Die Anwesenden sind froh, bio- Ernte. Mit dem Verkauf des Öls auch nicht nur das Einkommen der Bau-
logisches Olivenöl herstellen zu kön- in der Schweiz können die Koopera- ern und Bäuerinnen fördern, son-
nen, auch wenn die Auflagen schwer tiven die fehlenden Hilfsmittel hof- dern auch den palästinensischen
und arbeitsintensiv sind. In Zukunft fentlich bald beschaffen. Kampf für das Recht auf Selbst-
bestimmung, Gleichberechtigung
und Rückkehr der Flüchtlinge un-
terstützen. Ein kleiner Betrag aus
dem Erlös geht deshalb an die
BDS-Kampagne (Boykott, Desin-
vestition und Sanktionen gegen
Israel).
Wer sich genauer für das neue
Label interessiert und bei Verkauf
und Organisation des Vertriebes
mithelfen möchte, melde sich bei
olivenoel@palaestina-info.ch.
* Sumoud/ bedeutet Stand-
festigkeit, Beharrlichkeit

11
Rückblick auf den Tatsache, dass wir nicht nach Gaza
einreisen durften und somit in Kairo

Gaza Freedom March blockiert waren, begannen wir Ak-


tionen. Die französische Delegation
blockierte umgehend für mehrere
Vera und Mikael koordinierten die Schweizer Delegation in Ägypten. Sie
Stunden eine Hauptverkehrsachse in
halten Rückschau auf die Aktivitäten anlässlich des ersten Jahrestages der
Kairo und campierte anschliessend
israelischen Militäraggression gegen den abgeriegelten Gazastreifen.
für den Rest der Woche vor der fran-
zösischen Botschaft. Die anderen De-
legationen engagierten sich in über
Kairo verteilten Aktionen. Proteste
fanden auch vor dem UN-Sitz in Kairo
statt. Ebenso eine Kerzenmahnwa-
che in der Altstadt und eine grosse,
laute Demonstration vor der israe-
lischen Botschaft. Weitere kleinere
Aktionen, wie zum Beispiel das Aus-
breiten einer riesigen Palästina-Fahne
auf den Pyramiden, erhielten grosse
Aufmerksamkeit. Vereinzelt nahmen
auch ägyptische AktivistInnen an Ak-
tionen teil, wie zum Beispiel vor dem
Gebäude des Journalistenverbands,
wo ein grosser Protest gegen den Be-
Der Gaza Freedom March (GFM) be- danken zu machen, wie auch in der such des israelischen Premiers in Kai-
gann für uns als Mitkoordinatoren Schweiz eine Delegation für den ro stattfand. Bei fast allen Aktionen
mit einem E-Mail aus Spanien. Eine GFM auf die Beine gestellt werden war die ägyptische Polizei präsent,
Freundin schrieb uns ein paar Zeilen kann und welche Solidaritätsakti- vor allem mit dem Ziel, die ägyptische
über die Idee für ein globales So- onen stattfinden könnten. Bevölkerung von uns fernzuhalten
lidaritätsprojekt mit dem Ziel, das Die dreimonatigen Vorberei- und uns von dieser abzuschotten.
sofortige Ende der Blockade des tungen beinhalteten neben Sit- Am 31.12.2009 fand ein symbo-
Gazastreifens zu erwirken. Dazu zungen, Infoveranstaltungen und lischer Gaza Freedom March in Rich-
sollten aus möglichst vielen Ländern Spendensammlungen auch das Er-
rund um den Globus Menschen aus stellen von Flyern und einer Web-
einem breiten Spektrum der Zivilge- site (www.gazafreedommarch.ch).
sellschaft am 27.12.2009, dem Jah- All dies kam durch Zusammenarbeit
restag des Beginns der israelischen und Unterstützung verschiedener
Militäroffensive, von Kairo in den Ga- Palästinasolidaritätsgruppen und
zastreifen reisen. das grosse Engagement einzelner
Der Gaza Freedom March sollte Personen zustande. Am 26.12.2009
auch von Solidaritätsaktionen in den war es so weit und die Schweizer
jeweiligen Herkunftsländern der Teil- Delegation traf sich zum ersten Mal
nehmerInnen begleitet werden, um fast komplett in Kairo.
die Bevölkerung auf die Blockade Die ägyptische Regierung hat am
des Gazastreifens aufmerksam zu 22. Dezember ihr Veto gegen das
machen. Und vor allem auch, um den Gesuch für die Einreise nach Gaza
eigenen Regierungen zu zeigen, dass eingelegt und jegliche Aktivitäten im
es auch in ihren Ländern BürgerInnen Zusammenhang mit dem GFM auf
gibt, die ihre israelfreundliche Politik ägyptischem Boden für illegal erklärt.
nicht akzeptieren. Diese Idee für eine Trotzdem trafen um den 26. Dezem-
solche globale Solidaritätsaktion für ber nicht nur wir in Kairo ein, sondern
Palästina und insbesondere für den auch die überragende Mehrheit der
Gazastreifen hat uns sofort fasziniert 1400 angemeldeten AktivistInnen
und wir begannen uns konkrete Ge- aus über 40 Ländern. Angesichts der

12
tung Gaza statt. Da dieser Plan dem Lesen und zur Unterzeichnung zu- Dass wir nicht nach Gaza einrei-
ägyptischen Geheimdienst nicht gänglich: http://cairodeclaration.org/ sen konnten, war eine grosse Enttäu-
entgangen war, wurden am frühen Der GFM war die bislang grösste schung. Die Standhaftigkeit und die
Morgen die Ausgänge mehrerer Un- internationale Mobilisierung gegen andauernden Proteste in Kairo wur-
terkünfte von AktivistInnen durch die Blockade des Gazastreifens. Es den jedoch von den NGOs in Gaza
die Polizei abgeriegelt. So schafften war eine einmalige Erfahrung, Teil geschätzt und respektiert, da auf
es nur einige Hundert, an den Tahrir dieser Bewegung zu sein, die nicht ihre missliche Lage aufmerksam ge-
Square zu kommen, wo wir vor dem hauptsächlich auf materielle Hilfe ab- macht wurde. Unsere Aktionen und
ägyptischen Museum einige Meter zielte, sondern wichtige soziale Kom- Proteste erfreuten sich in Ägypten
marschieren konnten, bevor wir mit ponenten einbezog und den Men- grosser Medienaufmerksamkeit.
massiver Polizeigewalt von der Stras- schen in Gaza, dem zurzeit grössten
se gezerrt und auf dem Bürgersteig Freiluftgefängnis der Welt, mit un- Vera Hug und Mikael Eriksson (Koor-
eingekesselt wurden. serer physischen Anwesenheit Soli- dinatorInnen der CH-Delegation Gaza
Weitere Tage mit Protesten und darität und Beistand bringen sollte. Freedom March)
Aktionen folgten. Die südafrikanische
Delegation erstellte ein wichtiges Do-
kument, das eine Grundlage für die Gaza: Die Schweiz muss jetzt handeln
koordinierte Planung von Aktionen für
das Ende der israelischen Apartheid „Ein gutes Jahr nach der israelischen Operation ,Cast Lead’ in Gaza droht
und Besatzung liefert. Dieses Doku- alles beim Alten zu bleiben: erstens bei der völkerrechtlich illegalen totalen
ment nennt sich „Erklärung von Kai- Blockade des Gazastreifens und zweitens beim offenkundigen Unwillen der
ro” und beinhaltet den Aufruf zu Boy- israelischen (und auch der palästinensischen) Behörden, der im Goldstone-
kott, Desinvestition und Sanktionen Report erhobenen und von der UNO-Generalversammlung gestützten For-
gegen Israel. Die Erklärung wurde derung nachzukommen, die möglichen Kriegsverbrechen und Verbrechen
symbolisch von allen Delegationen gegen die Menschlichkeit von unabhängiger Seite und gemäss internationa-
unterzeichnet und ist im Internet in len Standards untersuchen zu lassen.
verschiedenen Sprachen für alle zum Worauf will die Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen, als
Hüterin des Humanitären Völkerrechts, noch warten, bis sie endlich als Anwäl-
tin der betroffenen Zivilbevölkerung handelt und in der Weltöffentlichkeit ihre
zwar nicht schwergewichtige, in dieser Frage aber sehr respektierte Stimme
7500 Unterschriften an die vernehmen lässt: Genug der schweren Menschenrechtsverletzungen!
Schweizer Regierung Die UN-Generalversammlung hat der Schweiz im Zusammenhang mit
dem Goldstone-Report empfohlen bzw. sie beauftragt, eine Konferenz der
In Vorbereitung zum GFM entstand Vertragsparteien der IV. Genfer Konvention durchzuführen, um die Frage zu
eine Presseerklärung, die von klären, wie die Einhaltung der IV. Genfer Konvention in den besetzten Gebie-
40 Schweizer Organisationen un- ten durchgesetzt werden kann. (…)
terstützt wurde. Daraus entstand Unsere Partnerorganisationen und alle israelischen und palästinen-
im Anschluss eine Petition mit fol- sischen Menschenrechtsorganisationen hegen grosse Erwartungen an un-
genden Forderungen: – Schweizer ser Land. Wir sind verpflichtet, diesen Stimmen Gehör zu verschaffen und
Nachdruck bei der Durchsetzung vom Bundesrat zu fordern, alles daran zu setzen, eine professionell vorberei-
der Vierten Genfer Konvention – tete und wirkungsvolle Konferenz durchzuführen. An einer solchen muss die
Umsetzung der Empfehlungen des Umsetzung der IV. Genfer Konvention im Zentrum stehen und damit müssen
Goldstone-Berichts – Ende der Blo- auch die Verpflichtungen von Drittstaaten zur Sprache kommen. (...)“
ckade des Gazastreifens. Der voll- Matthias Hui, Forum für Menschenrechte in Israel/Palästina
ständige Petitionstext befindet sich
auf: www.gazafreedommarch.ch An der Pressekonferenz anlässlich der Petitionsübergabe sprachen neben
Die Petition wurde innerhalb von Matthias Hui auch die Nationalräte Andreas Hämmerli und Carlo Somma-
drei Monaten von 7500 Personen ruga (beide SP), Daniel Vischer und Geri Müller (beide Grüne) sowie Mikael
unterzeichnet und am 19.3.2010 Eriksson als Sprecher des GFM. In der Frühlingssession des Nationalrates
zuhanden des Bundsrates an die (1.–19. März 2010) reichte G. Müller eine dringende Interpellation zum Bei-
Bundeskanzlei übergeben. tritt Israels in die OECD und D. Vischer zum Import von Siedlungsprodukten
ein. C. Sommaruga forderte im März 2009 eine Schadenserhebung an von
Weitere Informationen und Bilder der Schweiz mitfinanzierten Projekten im Gazastreifen nach der israelischen
> www.gazafreedommarch.ch Bombardierung des Gebiets.

13
Soda-Club: ten palästinensischen Gebiet wird in
der Schweiz deshalb keine Zollpräfe-

Es sprudelt die Apartheid renz gewährt.


Dennoch werden die Trinkwasser-
sprudler von Soda-Club mit der fal-
In vielen Haushalten in der Schweiz steht ein Sprudler von Soda-Club,
schen Herkunftsbezeichnung „Made
der Leitungswasser mit Kohlensäure anreichert. Der Europäische
in Israel“ in die Schweiz eingeführt
Gerichtshof hat kürzlich bestätigt, dass der Sprudler in einer illegalen
und auch so in Grossverteilern wie
Siedlung in der besetzten Westbank hergestellt wird. In der Schweiz
Mirgos und Coop verkauft. Trinkwas-
regt sich Widerstand gegen die Apartheidsprudler.
sersprudler der Firma Soda-Club
werden seit 1993 in die Schweiz ein-
geführt. Seither hat die Firma sämt-
liche Konkurrenten (Soda Stream
1998, Wassermaxx 2009 usw.) über-
nommen oder sie mit millionenteu-
ren Gerichtsverfahren zur Aufgabe zu
zwingen versucht. Übrig bleibt heute
lediglich die kleine schweizerische
Firma Soda Fresh mit Sitz in Seon
(Kanton Aargau), deren Geräte noch
in rund 600 Detailgeschäften in der
ganzen Schweiz verkauft werden.

Am 25. Februar 2010 entschied der päischen Handelsgerichts auch poli-


Facts zu Soda-Club
Europäische Gerichtshof in Luxem- tische Signalwirkung. Ein EU-Gerichts-
Die Trinkwassersprudler von Soda-
burg, dass israelische Waren aus den hof unterstreicht, dass Siedlungen
Club werden seit 1996 in der In-
besetzten palästinensischen Gebieten und auch die Aussenquartiere von
dustriezone der nach Völkerrecht
nicht zollfrei in die Europäische Union Ostjerusalem nicht zu Israel gehören.
illegalen israelischen Siedlung
eingeführt werden dürfen. Damit wur-
Ma’ale Adumim östlich von Jerusa-
de den Hamburger Zollbehörden recht Kampagne gegen Soda-Club in der
lem im besetzten Westjordanland
gegeben, die auf die in den illegalen Schweiz
hergestellt. Sie wurde 1970 unter
israelischen Siedlungen in der West- Israel profitiert seit 1992 auch von
Premierminister Rabin gebaut und
bank produzierten Produkte der Firma einem Freihandelsabkommen mit der
seither von allen israelischen Re-
Soda-Club Zölle erhoben hatten. Im EFTA, das die Einfuhr in die Schweiz
gierungen gefördert.
Jahr 2000 schlossen die EU und Israel regelt.
Ma’ale Adumim wurde auf dem
ein Abkommen, wonach alle Waren, Der Bundesrat hat am 18. Febru-
Boden der palästinensischen Dör-
die „aus dem Gebiet des Staates Is- ar 2009 (Antwort auf Interpellation
fer Abu Dis, El Izriyh, El Issawiyeh,
rael“ stammen, zollfrei in die Europä- 08.4000 D. Vischer) festgehalten, er
El Tour und Anata errichtet. Zahl-
ische Union exportiert werden dürfen. treffe „alle nötigen Vorkehrungen, da-
reiche BeduinInnen wurden vertrie-
Die Firma Britta, die in Deutschland mit die Importe aus den von Israel be-
ben. Heute gehört die Entwicklung
die Sprudler von Soda-Club impor- setzten palästinensischen Gebieten
der Siedlung zur prioritären Ent-
tiert und vertreibt, rekurrierte mit zolltechnisch korrekt erfasst werden“.
wicklungszone A, die Israel zum
dem Hinweis auf dieses Abkommen Am 18. November 2009 (Antwort auf
Grossraum Jerusalem zählt. Mit
gegen den Entscheid der Hamburger Motion 09.3932) hat der Bundesrat
massiven Vergünstigungen werden
Behörden, die 19 000 Euro Zoll für die präzisiert, dass „für Erzeugnisse, die
SiedlerInnen und Industriebetriebe
Sprudler verlangt hatten. Der Europä- im besetzten palästinensischen Gebiet
in die Siedlung gelockt. Mit dem
ische Gerichtshof gab aber jetzt den hergestellt wurden ..., kein Anspruch
Bau der Apartheidmauer rund um
Hamburgern recht. auf präferenzielle Zollbehandlung im
die Siedlung und die Industriezone
Angesichts der aktuellen Ausei- Sinne des Freihandelsabkommens
werden weitere palästinensische
nandersetzung zwischen den USA EFTA–Israel“ besteht. Für Sendungen
Gebiete annektiert.
und Israel hat der Entscheid des euro- der Firma Soda-Club aus dem besetz-

14
Anfang März 2010 hat die schwei- rung mitfinanziert wird. Zudem kann
zerische BDS-Bewegung nun eine die Falschdeklaration von Produkten Ausschnitte aus dem Antwort-
Boykott-Kampagne gegen Soda-Club aus den besetzten Gebieten nicht schreiben eines kritischen
beschlossen. Sie richtet sich gegen hingenommen werden. Konsumenten an die Migros
Unternehmen und Produkte, die von
der israelischen Besatzung profi- … Ich zweifle nicht daran, dass in
tieren. Unter schweizerischen Kon- Ihrer Mishor-Adumim-Anlage ein
sumentInnen soll das Bewusstsein gutes Arbeitsklima herrscht und
geschaffen werden, dass durch den auch Palästinenser aus der West-
Kauf solcher Produkte die Annexion bank beschäftigt werden. Nur,
von palästinensischem Land und die welches sind die Gesetzte, die Sie
Vertreibung und Unterdrückung der Imageaufbesserung: Soda-Club nennt sich „lückenlos befolgen“? … Ich wage
einheimischen arabischen Bevölke- neu Sodastream zu bezweifeln, ob ein Migros-Ver-
antwortlicher die „facts on the
ground“ jenseits der Sperrmauern
Von der Besatzung profitieren die hohe Arbeitslosigkeit und Ein- kennt. Begleiten Sie einmal einen
schränkungen ihrer Bewegungsfrei- Arbeiter von Ostjerusalem, Eizari-
Soda-Club beschäftigt in der zur heit den schlechten Arbeitsbedin- ya, Abu Dis, oder Sawahira von sei-
Siedlung Ma’ale Adumim gehö- gungen in den Siedlungen ausge- nem Zuhause an den Arbeitsplatz in
renden Industriezone Mishor Adu- liefert. Mishor Adumim.
mim, wo die Sprudlergeräte her- Salwa Alenat von der israe- Ich traf dort während meinem
stellt werden, ca. 300 Angestellte. lischen Organisation Kav la Oved Einsatz als Beobachter verschie-
Mishor Adumim ist die zweitgrösste („Hotline“) hat lange mit Soda-Club dentlich Leute, welche in Mishor
von 20 israelischen Industriezonen gerungen. Noch 2008 seien die Pa- Adumim einen Job hatten. Der
im besetzten Westjordanland. lästinenserInnen im Werk bei Sub- „Glücklichste”, der bei uns Hilfe
Die Ansiedlung von Betrieben unternehmern angestellt gewesen, suchte, war jener Ingenieur, der
in diesen Industriezonen wird vom die den Arbeitern bei Arbeitstagen schon zu seiner Studienzeit in Jor-
israelischen Staat durch Steuerver- von zwölf Stunden 2200 israelische danien bei jedem Grenzübertritt
günstigungen gefördert. Die Be- Schekel (rund 700 Franken) Mo- gedrängt wurde, als Kollaborateur
triebe profitieren zudem von den natslohn zahlten. Proteste waren für den israelischen Geheimdienst
Vorteilen der militärischen Besat- vergeblich, einige ArbeiterInnen zu wirken. Jahre später, als sich der
zung und Diskriminierung palästi- wurden sogar gefeuert. Dann aber Familienvater ein Haus gebaut hat-
nensischer Arbeitskräfte. Dazu ge- fand Alenat Verbündete, und zwar te, wurde dieses mit Bulldozern zer-
hört die Nichteinhaltung des gesetz- in Europa. Im schwedischen Ra- stört (ich habe den Trümmerhaufen
lichen israelischen Mindestlohnes, dio klagte sie über die Zustände in fotografiert). Nach einem weiteren
der Ausschluss von Lohnfortzah- Mishor Adumim; daraufhin emp- Jahr, als er immer noch nicht bereit
lungen bei Krankheit und Unfall, das fing sie Soda-Club-Chef Daniel war, Informationen zu liefern, ent-
Nichteinhalten von Sicherheitsbe- Birnbaum. Das Gespräch wirkte zog man ihm die Bewilligung zum
stimmungen bei gefährlichen und Wunder: Nicht nur durften einige „Grenzübertritt”, um an seinen Ar-
gesundheitsschädlichen Arbeiten entlassene Arbeiter zurückkehren, beitsplatz im Industriepark Mishor
etc. Eine verbreitete Möglichkeit, sie erhalten neuerdings auch den Adumim zu gelangen.
Arbeitsgesetze zu umgehen, ist die israelischen Mindestlohn von 3850 … Weiter schreiben Sie: „Unser
Anstellung über palästinensische Schekel – beinahe eine Verdoppe- Unternehmen verhält sich unpoli-
Arbeitsvermittler, die Löhne unter lung ihres Gehalts. Kav la Oved hat tisch und verfolgt keine politische
dem Mindestlohn zahlen und die auch durchgesetzt, dass jüdische Agenda.“ Allein die Tatsache, in
ArbeiterInnen bei Krankheit einfach und palästinensische Mitarbeiter in einem nach internationalem Recht
feuern. einer gemeinsamen Kantine essen. illegal besetzten Gebiet zu produ-
Siedlungen und ihre Industriezo- „Immerhin“, fügt sie hinzu, „ist es zieren, ist ein politischer Akt. Sie
nen sind für die PalästinenserInnen ein bisschen besser geworden.“ helfen damit, das israelische Apart-
faktisch ein rechtsfreier Raum. Bei heidregime zu zementieren. Süd-
Arbeitskonflikten werden schnell Informationen zu den Arbeitsbedin-
afrika lässt grüssen, schon damals
Militär und Sicherheitsfirmen ein- gungen von palästinensischen Arbeite-
haben alle Schweizer Investoren
gesetzt. Die palästinensischen rInnen in der Westbank
behauptet, ihre Aktivitäten seien
Arbeitskräfte sind zudem durch > www.kavlaoved.org.il
unpolitisch.

15
Impressum
Palästina-Info Frühling 2010, Auflage 1500, erscheint halbjährlich.
Herausgeberin: Palästina-Solidarität Region Basel, Postfach 4070, 4002 Basel
www.palaestina-info.ch
Gestaltung: G. Iliev
MitarbeiterInnen an dieser Nummer: Birgit Althaler, Jenny Bolliger, Urs
Diethelm, Mikael Eriksson, Vera Hug, Ueli Litscher, Claudia Mani, Valérie Meyer,
Martina Stähli, Cornelia Hanke (Übersetzung)

So hilft Ihre Spende konkret Datteln aus dem Jordantal bei Coop und Migros
In einer Kassensturzsendung am 22.12.2009 berichtete das Schweizer Fern-
Die Palästina-Solidarität Region
sehen, dass die Grossverteiler Migros und Coop Datteln aus dem Jordantal
Basel erhält zahlreiche kleinere verkaufen. In dem ausführlichen Bericht interviewte der Sender auch palästi-
und grössere Spenden. Diese nensische Arbeiter über die prekären Arbeitsbedingungen, unter denen sie für
Spenden ermöglichen unsere Ar- ihre Besatzer arbeiten müssen. In die Schweiz werden jährlich zwei Tonnen
beit. Wir zählen einige Beispiele Datteln aus Palästina/Israel importiert und verkauft. 50–80 Prozent dieser Dat-
auf, wie wir dieses Geld einge- teln stammen aus dem besetzten Jordantal, werden oft aber gesetzeswidrig
setzt haben. als „Made in Israel” deklariert. Die Schweizer Boykottkampagne weist schon
seit 2003 auf diese Falschdeklarationen hin und hatte erfolglos bei Coop und
50 Franken für Flugblätter Migros interveniert. Auch die für die Überprüfung solcher Falschdeklarationen
zuständigen Kantonschemiker in verschiedenen Kantonen hatten uns vertrös-
Mit 50 Franken ermöglichen Sie tet. In der Sendung haben die Vertreter der Grossverteiler nun aber verspro-
den Druck und das Verteilen chen, auf keinen Fall falsch deklarierte Produkte aus Siedlungen verkaufen
(durch Freiwillige) von 450 dop- zu wollen. Mit Flugblattaktionen haben BDS-AktivistInnen im Februar für den
pelseitigen, schwarz-weissen Boykott israelischer Produkte geworben.
A5-Informationsblättern, wie z.B.
das Flugblatt zum Fussballmatch Erfolgreiche Kampagne gegen Aktionen gegen den Beitritt von
Schweiz–Israel letzten Oktober. belgische Bank Dexia Israel in die OECD
In bemerkenswert kurzer Zeit haben Im Mai entscheidet die OECD, ob Is-
100 Franken für die Zeitung belgische AktivistInnen eine starke rael als Mitglied aufgenommen wird.
Basis für die Kampagne „Israel kolo- In verschiedenen Mitgliedsländern
Mit 100 Franken ermöglichen Sie nisiert – Dexia finanziert“ geschaffen. appellierten Palästinasolidarische an
den Druck und Versand dieser Sie fordern die Dexia-Bank auf, sich die OECD, sich an ihre Statuten zu
Zeitung an 65 Interessierte. Wir von ihrer Tochtergesellschaft Dexia- halten und nur Mitglieder aufzuneh-
versenden die Zeitung an ca. 1300 Israel zurückzuziehen. Die franzö- men, die sich an die Menschenrechte
Personen. sisch-belgische Bank Dexia kaufte die und das Völkerrecht halten. Mit einer
Israeli Municipality Treasure Bank im Aufnahme würde die OECD Isra-
250 Franken für eine Jahre 2001 und gründete Dexia-Isra- el von seinen Kriegsverbrechen im
Veranstaltung el. Sieben belgische Organisationen Gazakrieg vor einem Jahr und syste-
entschieden sich 2008, ihre Kräfte im matischen Verletzungen des Völker-
Mit 250 Franken haben wir die Dexia-Komitee zu bündeln. Das Komi- rechts reinwaschen. In der Schweiz
Miete für den Veranstaltungs- tee versicherte sich der Hilfe der is- unterzeichneten über 200 Personen
raum in der Mission 21 bezahlt. raelischen Organisation „Who Profits und Organisationen (darunter auch
Dies war unser Beitrag an die Ver- from the Occupation”, um die Bezie- die Grünen und die SP Schweiz) ei-
anstaltungstournee von Abukarim hungen zwischen Dexia und der isra- nen Aufruf an den Bundesrat: “NEIN
Sadi, der in Basel, Zürich, Sirnach elischen Besatzung zu untersuchen. zur bedingungslosen Aufnahme Isra-
und St. Gallen über die Situation Ende Oktober 2008 informierte “Who els in die OECD”. Die Unterzeichne-
Profits” das Dexia-Komitee, dass die rInnen finanzierten auch ein ganzsei-
und die diskriminierenden Rechts-
Dexia Israel Public Finance Ltd. in il- tiges Inserat mit dem Aufruf in der
systeme in der Westbank sprach.
legale Siedlungsaktivitäten verwickelt NZZ. Die Tagesschau des Schweizer
Die Veranstaltungen wurden zu-
ist. Seit 2005 wurden Langzeitkredite Fernsehens berichtete darüber in der
sammen mit Peacewatch und Abendsendung. Geri Müller (Grüne)
und andere Finanzleistungen an min-
anderen Organisationen durchge- destens sieben israelische Gemein- doppelte mit einer dringenden Inter-
führt. den in verschiedenen Regionen des pellation im Nationalrat nach.
besetzten Westjordanlandes verge-
Besten Dank für Ihren Beitrag! ben. Die Bank versicherte letztes Jahr
aufgrund des öffentlichen Drucks, sie
werde sich von der Kreditvergabe an
die illegalen Siedlungen zurückzie-
hen.